The Hero and the Thief [Nao & Stiftchen]

    Aufgrund einer größeren Serverwartung kann es aktuell zu vereinzelten Fehlern kommen. Meldet diese gerne unter: https://www.anime-rpg-city.de/index.php?board/7-fragen-ideen-und-probleme/

    • Ezra

      Niko sah etwas entsetzt darüber aus, dass er für ein Telefonat sitzen gelassen wurde, ohne, dass Andrew den Fernseher für ihn angemacht hatte. Das Kleinkind blinzelte Andrew ungläubig nach, bevor es zu Ezra sah und auf die Fernbedienung deutete. Ezra musste beinahe lachen, als er den Fernseher anschaltete und das Kinderprogramm suchte. Ein bisschen englisch konnte nicht schaden und er wollte sie ungerne irgendeine stundenlange Doku schauen lassen, wenn sie gleich vielleicht doch etwas unternehmen wollten, was den Kinder eindeutig besser tun würde, als zu sitzen und zu gucken. Niko schien damit zumindest zufrieden zu sein, während er ein paar Früchte stahl, die Elli liegen gelassen hatte.
      Max war derweil furchtbar still. Gut, er war immer still und mit den paar Sätzen, die er eben gesagt hatte, war sein Kommunikationskontingent wahrscheinlich für den Rest der Woche aufgebraucht, aber er verzog nichtmal eine Mine, als Niko kurz an seinem Arm zog, um ihn anschließend auf seinem mittlerweile furchtbar süßen Mix aus Englisch und Russisch zuzuquatschen. Wahrscheinlich arbeitete er immer noch durch, was gerade passiert war. Es war viel, das konnte Ezra nicht abstreiten. Er selbst hatte damals wenigstens die Chance gehabt, sich selbst auszusuchen, wo er hinging, nachdem er seine Familie verlassen hatte und er war deutlich älter gewesen.
      "Max?" Der kleine Junge sah zu ihm hoch. "Wir sind nicht wütend, wenn du nicht bleiben möchtest und wir würden alles tun, damit du auch so mit deinen Geschwistern zusammen sein kannst. Das weißt du, richtig?", fragte er, während er sich wieder auf den Sessel sinken ließ. Max schien kurz zu überlegen, dann nickte er schwach, während er sich an Niko klammerte.

      Das Ergebnis des Gespräches mit der Sozialarbeiterin war nicht weiter überraschend. Es war klar, dass eine Adoption lange dauern würde, Ezra hoffte nur, dass die Kinder in dem Zeitraum bei ihnen bleiben konnten. Er wollte sie ungerne hin und her schicken.
      Den restlichen Tag bekamen sie tatsächlich ganz gut mit Alltagserledigungen rum, was überraschend entspannend war, nachdem sie den Kindern bisher irgendwie immer Programm geboten hatten. Einkaufen war ein bisschen wuseliger, als sonst, weil sie ständig darauf achten mussten, dass Niko nicht irgendwo verloren ging und Max nicht unterging. Der Junge war immer noch furchtbar still, griff aber freiwillig nach Andrews Hand, als sie an einer Ampel warteten, was Ezra zumindest als kleinen Gewinn verbuchte.
      Ansonsten tat Ezra sein Bestes, um die Kinder irgendwie zu beschäftigen, während Andrew seine Arbeit zuende brachte. Zum Glück zerrte Liz Max und Niko gegen Nachmittag mit sich in den kleinen Garten, um irgendeines ihrer selbstausgedachten Spiele zu spielen, was für einen kleinen Moment zum Durchatmen reichte. Ezra blieb eine Weile bei ihnen stehen, die Aufmerksamkeit geteilt zwischen den Kindern und seinem Handy, auf dem er schon mal nach Häusern suchte, bis Ada ihm versprach, die drei im Blick zu behalten und er wieder hoch zu Andrew ging.
      "Ich weiß, dass du über einen Makler gehen wolltest, aber es gibt tatsächlich ein paar nette Häuser, gar nicht so weit von hier", setzte er an, während er sich neben Andrew auf das Sofa fallen ließ. Elli schlief in ihrem Gitterbettchen in der Ecke des Raumes. "Wir könnten ja schon mal ein paar raussuchen, falls du mit der Arbeit durch bist?"
    • Andrew

      Andrew brauchte ein Arbeitszimmer. Er hatte zwar nicht vor, für immer im Home Office zu sitzen, schließlich mochte er die Trennung von Arbeitsplatz und Zuhause mittlerweile, auch wenn er seine alte Wohnung damals mehr als Mittel zum Zweck betrachtet hatte. Es lag auch nicht daran, dass er sich nicht konzentrieren könnte, und selbst da schien Ezra es ihm erleichtern zu wollen, indem er mit den Kindern in den Garten ging. Das Problem war, dass er nicht arbeiten wollte. Er saß am Tisch in der Küche und sah alle paar Sekunden hoch, entdeckte irgendetwas, das er wegräumen oder nachkaufen oder googlen oder kochen wollte und seine Gedanken drifteten ständig völlig zu Ezra und den Kindern ab. Er wollte auch rausgehen. Er wollte mit den Kindern im Garten spielen. Was war nur aus ihm geworden? Andrew versuchte, den Raum zu wechseln, bezweifelte aber, dass es helfen würde, im Wohnzimmer Ellis Spielzeug am Boden liegen zu sehen.
      Er bekam nicht außerordentlich viel auf die Reihe bevor Ezra wieder vor ihm stand und ihm bereits das nächste Thema präsentierte, das ihn hervorragend von der Arbeit ablenken konnte. Er klappte den Laptop binnen einer Sekunde zu, war aber alles andere als mit der Arbeit durch. „Wenn wir etwas finden, ohne uns großartig zu stressen, dann wäre es noch besser. Geld gespart“, sagte er darauf nur. „Zeig mir, was du so gefunden hast“, sagte er dann, gab Ezra einen Kuss auf die Wange und lehnte den Kopf an seine Schulter, um gemeinsam die Anzeigen auf seinem Handy durchzuklicken.

      Die Tage vergingen eigenartig schnell. Sie hatten bereits vier ganze Tage als Familie zuhause verbracht, abgesehen von den kleinen Stopps, die Andrew im Büro machen hatte müssen, und er fragte sich, ob die kommenden Jahre auch so blitzartig an ihnen vorbeiziehen würden. Irgendwie mochte er das nicht. Er wollte das alles ein bisschen mehr auskosten. Aber dadurch, dass sie so viel zu erledigen und zu überdenken hatten, war es kein Wunder, dass die Tage sich wie Stunden anfühlten.
      Trotzdem hatte Andrew nichts einzuwenden, dass Ezras Arzttermin endlich greifbar war. Er konnte es kaum erwarten, seinen zukünftigen Arzt kennenlernen und ihn über Ezras Zustand und Möglichkeiten für den weiteren Verlauf auszufragen. Ob er auch Kinder behandelte? Es war sicherlich angenehmer, die volle Aufmerksamkeit von einem mehr oder weniger privaten Arzt zu bekommen, als sich diese mit einem Haufen anderer Patienten teilen zu müssen. Und Andrew war immerhin bald der Chef der Firma. Wenn jemand die volle Aufmerksamkeit bekommen sollte, dann wohl seine Familie, oder?
      Andrew zog Elli gerade noch kleine Fäustlinge an, weil es über Nacht einen Temperaturabsturz gegeben hatte, und setzte sie dann in ihre Babyschale, um zum Auto zu gehen. „Hast du alles?“, fragte er Ezra.
      ✦ . ⁺   . ✦ .  ⁺   . ✦⁺   . ✦ .  ⁺   . ✦⁺   . ✦ .  ⁺   . ✦
    • Ezra

      Irgendwie war es ein bisschen schräg, mit Andrew auf der Couch zu sitzen und Häuser zu suchen. Natürlich wohnten sie jetzt schon ein paar Monate zusammen und in der Hinsicht würde sich wohl nicht viel zwischen ihnen ändern, aber Andrew war eben in seine Wohnung gezogen. Sie hatten nicht zusammen irgendwo neu angefangen und das machte es irgendwie deutlich spannender, als gedacht. Fast wie etwas, was man aus Ezras Teenager-Fantasien gezogen hatte.
      Natürlich wurden sie nicht fündig. Das war wohl der einzige Unterschied zu seinen alten Tagträumen. Aber immerhin wurde ihre kleine Liste an Voraussetzungen um ein paar Punkte ergänzt. Am liebsten hätte Ezra einfach einzelne Teile der Häuser, die sie sich anschauten, genommen und sie irgendwie neu zusammengesetzt, aber das würde ihr Budget wohl deutlich sprengen. Wenigstens hatte er jetzt im Hinterkopf, dass er dringend ein Bad mit Fenster wollte. Auch wenn er das Gefühl hatte, dass jedes Haus perfekt sein könnte, solange er Andrew und die Kinder bei sich hatte.

      Langsam aber sicher hatte Ezra das Gefühl, dass Andrew sich mehr auf seinen Arzttermin freute, als er selbst. Und er wollte wirklich dringend irgendetwas Positives hören. Weniger Schmerzmittel, spontane Wunderheilung, oder sowas. Irgendwas, was dabei helfen würde, dass er Andrew möglichst schnell wieder vollkommen unterstützen konnte. Es war unfassbar frustrierend, nur einen Arm zu arbeiten zu haben.
      "Ich habe alles", versicherte er, während er Niko in die Schuhe half. Max war weiterhin furchtbar still und hatte die letzte Nacht das erste mal komplett auf dem Sofa verbracht, aber so euphorisch wie Niko darüber war, bei ihnen zu bleiben, machte sich Ezra keine großen Sorgen, dass der Ältere seine Meinung nochmal ändern würde. Max brauchte wohl einfach ein bisschen Abstand. Weshalb es ihm irgendwie leid tat, dass sie die Kinder mit zum Arzt nehmen mussten. Aber er wollte Ada nicht zumuten, auf vier Kinder aufzupassen, Thomas und Steve arbeiteten und Caleb...wollte er immer noch nicht anrufen, bevor er sich nicht einen ungefähren Plan gemacht hatte, was er sagen wollte. Also würde es wohl wieder ein Familienausflug werden. Wenigstens konnten sich die Kinder so vielleicht darauf vorbereiten, wie es sein würde, langfristig bei ihm zu bleiben. Jede Menge Arztbesuche.
      Die Praxis selbst war relativ unscheinbar. Sie lag in der untersten Etage eines Reihenhauses mit einer freundlich gelben Fassade und hob sich nur durch ein kleines Schild von ihren Nachbarn ab. "Gemeinschaftspraxis Dr. Hawk & Dr. Brooks", stand in geschwungenen schwarzen Buchstaben auf einem milchig weißen Grund geschrieben, darunter eine Telefonnummer, Öffnungszeiten und ein kleiner Regenbogensticker, der - aus welchen Gründen auch immer - über einen anderen Regenbogensticker geklebt worden zu sein schien. Irgendwie war es fast charmant.
      Von innen sah die Praxis moderner aus, als sie von außen anmuten ließ. Eine freundliche junge Arzthelferin bat sie, noch kurz im Wartezimmer Platz zu nehmen, bevor Ezra kurz später aufgerufen wurde. Für eine Sekunde spielte er mit dem Gedanken, Andrew einfach mit den Kindern sitzen zu lassen und alleine zu gehen, dann verwarf er die Idee. Er würde Andrew eh alles sagen, was der Arzt ihm sagte und da war es wahrscheinlich deutlich einfacher, ihn direkt mitzunehmen. Die Kinder würden sich schon irgendwie beschäftigt bekommen.
      Der Untersuchungsraum war relativ groß. Neben der typischen Liege standen ein paar Gerätschaften an der Wand, die Ezra nicht kannte. An der Seite des Raumes stand ein Schreibtisch mit einem Stuhl hinter und zwei Stühlen vor dem Computer darauf. Ein weiterer Stuhl stand neben der Türe. Sie hatten keine Chance, sich zu setzen, bevor der Arzt rein kam.
      Dr. Brooks war deutlich jünger, als Ezra gedacht hatte. Mit seiner dunklen Haut, den braunen Augen und Haaren stach er in dem sterilen Raum hervor, als er sie mit einem kleinen "Hallo zusammen" begrüßte.
      "Hallo", grüßte Ezra zurück, bevor er kurz zu den Kindern nickte. "Es tut uns leid, wir haben so schnell keinen Babysitter gefunden."
      Dr. Brooks zuckte kurz mit den Armen, bevor er im Vorbeigehen den Stuhl neben der Tür griff und ihn zu den beiden am Computer stellte. "Kein Problem. Das kenne ich selbst nur zu gut", erklärte er. Max nahm den neuen Stuhl sofort in Beschlag und zog Niko zu sich auf den Schoß, während Andrew immer noch Elli hielt, was Ezra...seltsam frei zurückließ.
      "Ich habe mir Ihre Akte durchgelesen, Mr. Fitzsimmons. Dann habe ich nach der versteckten Kamera gesucht und mir schlussendlich doch eine kleine To-Do Liste angelegt." Brooks rückte kurz seine Brille zurecht, bevor er den Blick vom Computer auf Ezra richtete und kurz lächelte.
      "Geben Sie mir bitte Bescheid, wenn Sie sie finden. Ich suche seit zwei Wochen nach der Kamera", antwortete Ezra mit einem kleinen Lachen. "Ist es eine lange To-Do Liste?"
      Der Arzt schüttelte kurz mit dem Kopf. "Nein. Da Sie offensichtlich im Stande sind, selbstständig zu laufen, sind ein paar Punkte schon weggefallen."

      Die Liste war trotzdem relativ umfassend. Nachdem Ezra auf Rückfrage versichert hatte, dass Andrew alles mithören durfte, sah sich der Arzt zunächst seine Narben an, testete anschließend Reflexe und Bewegungsabläufe und fragte ihn über seine Medikamente und Dosierung aus, während er zwischendrin zwei Lutscher für Max und Niko aus einer seiner Schubladen kramte.
      "Okay. Dann wären wir fast durch", verkündete Brooks schließlich. "Die Narben sind nicht auffällig, Sie bewegen sich so gut, wie Sie es aktuell können sollten..." Er sah erneut zum Computer, wohl um sicher zu gehen, dass er nichts vergessen hatte. "Gibt es schon irgendwelche Rückfragen?"
    • Andrew

      Andrew war gerade verdammt dankbar, dass die drei Kinder ganz genau wussten, wann es Zeit war, still zu sitzen und nicht zu stören. Sein ganzer Fokus konnte auf den Untersuchungen liegen und den Worten ihres neuen Arztes. Dr. Brooks wirkte kompetent, höflich aber ernst, und Andrew war ein Fan von ihm, sobald er den Kindern die Lutscher in die Hand drückte, weil ihm das den Hoffnungsschimmer gab, dass er auch ein Kinderarzt sein konnte.
      "Ich hab eine Frage", meinte Andrew sofort. "Sie haben einen Zugang zu MLO, also gehe ich davon aus, dass Sie auch die Steine benutzen dürfen, wenn es notwendig ist und ich finde, es ist notwendig" Er hatte nicht vor, sanft nachzufragen. Andrew hatte seit Ezras Ankündigung von diesem Termin an nichts anderes gedacht. "Wir wollen den Heilungsprozess beschleunigen, damit wir sobald es geht beide wieder arbeitsfähig sind. Also, wenn Ihnen irgendetwas einfällt, wäre ich sehr dankbar" Andrew lächelte, was aber nicht den Nachdruck in seiner Stimme überdecken konnte. Es ging ihm natürlich nicht ausschließlich um den Job, aber er musste an seine Position denken und daran, wieviel Zeit ihm noch blieb, um alles zu lernen, ebenso wie Ezras Hilfe mit den Kindern. Sie hätten beide weniger Stress, wenn Ezra seinen Körper wieder voll nutzen konnte und die Energielevel beim Alten waren. Ihre To-Do Liste war schließlich unendlich lang.
      "Und wenn Sie dabei sind, würde ich gerne fragen, ob Sie auch Psychologen oder Psychiater oder was auch immer empfehlen können, für die Kinder", endete er. Er sah zu Ezra und überlegte, ob er etwas vergessen hatte. Dann fiel ihm noch etwas ein. "Und weil geplant gewesen war, die Kinder bei unserer Ankunft gleich an ein Waisenhaus zu übergeben, habe ich nicht viel Information zu Nachkontrollen bekommen. Können Sie sich die Kinder ansehen oder müssen wir uns einen anderen Arzt suchen? Es wäre natürlich sehr praktisch, wenn wir alles hier erledigen könnten, vor allem wegen Ihrem… hilfreichen Zugang zum MLO Bestand. Alle drei Kinder sind mit Sauerstoff behandelt worden, keine Rauchgasvergiftung, aber ich denke, man könnte trotzdem nochmal kontrollieren, ob die Lungen okay sind" Andrew sah neben sich zu Max herunter, dessen Blick er schon eine Weile auf sich spürte. Er sah ziemlich skeptisch aus, ein wenig schockiert sogar. Okay, Andrew hatte sich mit seinen Worten auch absolut nicht zurückgehalten. Im Nachhinein betrachtet wäre es vielleicht doch besser gewesen, jemanden für eine Stunde zu zwingen, Babysitter zu spielen.
      Sein Blick wurde weicher und er drehte sich zu dem Jungen und strich ihm die Haare aus dem Gesicht. Yup, ein Friseurtermin stand als nächstes an. "Das ist alles nur, damit es euch gut geht", versuchte Andrew seine Worte zu entschärfen. Die Worte Waisenhaus, Psychiater und Rauchgasvergiftung so nah aneinander zu reihen, war vielleicht etwas verstörend gewesen. "Regelmäßig zum Arzt gehen ist wichtig, damit man gesund bleibt" Hoffentlich blieb es auch bei Kontrollterminen und die Kinder machten es Ezra nicht nach und verletzten sich alle fünf Minuten.
      ✦ . ⁺   . ✦ .  ⁺   . ✦⁺   . ✦ .  ⁺   . ✦⁺   . ✦ .  ⁺   . ✦
    • Milo

      Die Fälle von MLO waren etwas, was Milo übergangslos von seinem Ausbilder übernommen hatte. Als er sein Medizinstudium begonnen hatte, hatte er nie damit gerechnet, irgendwann in irgendeine Art von Geheimorganisation verstrickt zu sein, aber...er konnte sich nicht beschweren. Die Fälle, die MLO Charles oder ihm zuschob, waren meistens die interessantesten. Jeder konnte einen Schnupfen diagnostizieren, aber wie oft hatte man jemanden vor sich sitzen, der ein einstürzendes Haus überlebt hatte? Obwohl es Mr. Fitzsimmons vor ihm mit der Geschichte wahrscheinlich nicht mal unter die Top 5 der außergewöhnlichsten Fälle schaffte.
      "Ich...habe einen Stein, der weiterhelfen würde. Ich empfehle ihn nur nicht oft", antwortete Milo langsam, als Mr. Morgan ihn darauf ansprach. "Der menschliche Körper ist nicht für eine Blitzheilung ausgelegt. Der Stein heilt Wunden, aber es ist verdammt schmerzhaft."
      "Ich habe eine wirklich hohe Toleranzgrenze für Schmerz." Fitzsimmons erinnerte ihn ab und an ein wenig an Aaron. Vielleicht lag es an den blonden Haaren und der lockeren Art. Vielleicht lag es auch daran, dass Milo in letzter Zeit an niemand anderen denken konnte und er schon viel zu lange verzweifelt nach einem Termin für ein richtiges Date suchte. "Außerdem", fuhr der Blonde fort, "würde ich wirklich alles tun, um diesen Gips los zu werden. Dann lieber viel Schmerz und schnelle Heilung, als wenig Schmerz und langsame Heilung."
      "Okay." Milo verharrte kurz, bevor er sich einen Ruck gab und aufstand, um den Stein aus einer der abgeschlossenen Schränke an der Seite des Raumes zu holen. "Ich würde allerdings empfehlen mit den Kindern raus zu gehen. Es ist nichts traumatisierendes, oder so, aber ich kenne keine einzige Person, die während des Heilungsprozesses nicht angefangen hat zu fluchen. Nicht, dass ich mich in Ihren Erziehungsstil einmischen wollen würde." Obwohl er selbst da wahrscheinlich sowieso am wenigsten zu sagen konnte. Er versagte bei Wyatt ja selbst auf voller Linie.
      "Das klingt nach einem sehr guten Einwand", stimmte Fitzsimmons zu, während Milo den Stein aus dem Schrank zog und zurück zum Schreibtisch ging. Der Stein war blassrosa, hing an einer einfachen Kette und lag flach in der Hand. Das letzte mal, als er ihn benutzt hatte, hatte ihm der Patient im Effekt die Brille von der Nase geschlagen. Er konnte nur hoffen, dass Fitzsimmons nicht untertrieb, wenn er von einer hohen Schmerzgrenze sprach.
      "Ich würde vorschlagen, dass wir uns aufteilen", schlug Milo vor, bevor er sich wieder an Morgan wandte. "Wie wäre es, wenn Sie schon mal mit den Kindern zurück zum Empfang gehen. Unsere Sprechstundenhilfe Ms. Edwards kann Ihnen eine Liste mit Kinderpsychologen andrucken, von denen wir gute Berichte gehört haben. Oh, und eine Liste mit Kinderarztpraxen. Ich denke einen kleinen Check-Up bekommen wir hin, aber wir sind strenggenommen nicht auf Kinder ausgelegt und langfristig wäre ein Kinderarzt wahrscheinlich besser. Mit ein bisschen Glück hat mein Kollege vielleicht sogar gerade etwas Zeit und würde mal einen Blick auf die drei werfen." Er sah kurz zu den beiden Jungs, die sich den Stuhl teilten. Wie konnten Kinder so ruhig sein? "Wenn ihr schlau seid, sagt ihr ihm nicht, dass ihr bei mir schon Lutscher bekommen habt", fügte er mit einem kleinen Zwinkern hinzu, das mit relativer Gleichgültigkeit aufgenommen wurde.


      Ezra

      "Das klingt doch nach einem Plan!" Ezra lächelte, auch, wenn er nicht halb so begeistert war, wie er tat. Er hatte nicht gelogen - es war ihm wirklich lieber, den Schmerz der nächsten Wochen in ein paar Minuten zu quetschen, statt ewig mit dem Gips durch die Gegend zu laufen - aber das machte die ganze Sache insgesamt nicht besser. Am liebsten wäre ihm gar kein Schmerz mehr. Trotzdem drückte er kurz Andrews Hand und warf ihm einen aufmunternden Blick zu. "Du solltest dich auch nochmal durchchecken lassen, wenn ihr eh dabei seid", merkte er an, bevor er ihm einen Kuss auf die Wange hauchte. "Bis gleich."
      "Haben Sie Kinder?", fragte Ezra, als sie einen Moment später alleine waren. "Sie erwähnten eben einen Babysitter."
      "Oh. Nein. Ich habe die Vormundschaft über meinen Bruder. Teenager." Dr. Brooks verzog kurz ein wenig das Gesicht. Offenbar lief die Sache mit der Vormundschaft nicht sonderlich gut. Der Arzt legte den Stein auf seine flache Hand und hielt sie Ezra entgegen. "Okay, Mr. Fitzsimmons-"
      "Ezra", korrigierte selbiger und erntete damit einen irritierten Blick. "Ich finde Nachnamen immer furchtbar steif."
      "Milo", antwortete der Arzt, immer noch sichtlich irritiert. "Ähm. Ach ja. Also, Sie müssen einfach nur ihre Hand auf den Stein legen, den Rest mache ich. Sollte der Schmerz zu groß werden, ziehen Sie die Hand weg."
      "Mehr nicht?", fragte Ezra, während er seine Hand auf Milos legte, der Stein zwischen ihren Handflächen. Der Arzt schüttelte kurz mit dem Kopf, während ein seltsames Kribbeln Ezras Arm hochschoss. "Wie oft haben Sie das schon gemacht, Milo?"
      "Fünf mal, glaube ich."
      "Wie viele Leute haben die Hand weggezogen?"
      "Vier."
      Das Kribbeln breitet sich über seine Schultern in seine Brust aus. Es war warm und lag irgendwo zwischen unangenehm und ertragbar, aber wirklich schmerzhaft war es nicht. Es zog ein wenig, wenn es eine von Ezras frischen Narben erreichte und sich das Fleisch schloss. Ein unbeschreiblich seltsames Gefühl, so, als würde man einen Klettverschluss schließen, nur ekliger.
      "Ich finde es eigentlich gar nicht so- Oh fuck!" Ezra zuckte zusammen, als das Kribbeln seinen gebrochenen Arm erreichte und ihn gefühlt direkt in Flammen setzte. Er wusste selbst nicht, warum er überrascht war, wie widerlich es war zu fühlen, wie sein eigener Knochen sich wieder zusammensetzte und seine Muskeln dazu zuckten, während Milo ihm über den Tisch hinweg ein 'ich habe es dir ja gesagt' Lächeln zuwarf. Ezra fasste die Hand fester, während sein Arm sich anfühlte, als ob er nochmal brechen würde. Es wurde schlimmer, als das Kribbeln die tiefe Narbe an seinem Oberschenkel erreichte. Ezra biss die Zähne zusammen und beschränkte sich unter dem wachsamen Blick seines Arztes tatsächlich darauf, ein paar Fluchwörter los zu werden. Er hatte keine Ahnung, wie lange sie so dasaßen. Irgendwie kam ihm das ganze zeitgleich endlos lang und furchtbar kurz vor. Der Schmerz hallte auch dann noch nach, als das Kribbeln langsam abebbte. Als er Milos Hand los ließ, hatte Ezra Tränen in den Augen.
      Milo stieß selbst ein kleines "Ach verdammt" aus, bevor er Ezra ein Taschentuch entgegen hielt und sich anschließend selbst eines nahm, um das Blut wegzutupfen, das aus seiner Nase lief. "Tut mir leid. Ich habe den Einsatz von Steinen irgendwie noch nie so gut vertragen", kommentierte er. "Bei Ihnen alles okay?"
      Ezra nickte schwach. "Ich glaube, ich mache die nächsten paar Jahre einen großen Bogen um brennende Häuser. Aber wenn Sie mir jetzt noch den Gips abmachen, überzeuge ich Andrew, Sie auf die Einweihungsparty unseres Hauses einzuladen."
      Milo warf ihm erneut einen irritierten Blick zu, bevor er anfing zu lachen. "Okay. Das bekomme ich hin, denke ich."
    • Andrew

      Jetzt, wo Dr. Brooks es sagte, klang das durchaus logisch. Andrew runzelte die Stirn und sah Ezra an, der bereits freudig zustimmte. Er selbst war sich gerade nicht so sicher, ob sein Freund sich nicht selbst überschätzte. Er wollte bereits etwas einwenden, Ezra deutlich machen, dass es nicht notwendig war, den Stein zu benutzen, wenn er diesen Schmerz nicht aushalten wollte, und dass er ihm in den nächsten Wochen einfach weiter beistehen würde wie bisher, aber er kam nicht dazu. Er wurde bereits aus dem Raum gescheucht, und der kleine Kuss machte den Gedanken auch nicht besser, dass er nichtmal Ezras Hand halten konnte. Aber er sollte seine Sorge vielleicht nicht auf die Kinder übertragen, denn Max und Niko sahen plötzlich zu ihm auf, als würde Ezra gleich sterben. Andrew bemühte sich, seine Miene aufzulockern, da sie etwas alarmierend gewesen sein musste.
      „Okay, dann gehen wir gleich auch zum Arzt, und ich lasse mich auch nochmal untersuchen. Bis wir fertig sind, ist Ezra es auch, und dann holen wir uns am Heimweg irgendwo unser Mittagessen ab“, sagte er und nahm Max Hand, der Nikos Hand hielt, und ging mit den Kindern zurück zum Schalter.
      „Dr. Brooks meinte, Sie können mir eine Liste mit Kinderärzten und Psychologen schreiben“, sagte er zur freundlichen Sprechstundenhilfe, die von Niko zwei Sekunden später angequatscht wurde. Der Junge hörte nicht auf, in einer Mischung aus Englisch, Russisch und Fantasiewörten auf die Frau einzureden, bis sie ihre Liste hatten und Sie ins Zimmer gegenüber zu Dr. Hawk geschickt wurden.
      Max war von der Untersuchung nicht besonders begeistert. Er mochte es allgemein nicht, ständig angefasst zu werden, und nun war es auch noch ein Fremder, der das kalte Stethoskop auf seinen Oberkörper drückte und seinen Mund nochmal auf Verbrennung kontrollierte. Nachdem er das alles im Krankenhaus bereits einmal mitgemacht hatte, war es zumindest nichts Neues. Niko war es wie immer ziemlich egal, solange Andrew daneben stand und seine Hand festhielt. Bei Elli bekamen sie dann eine kleine Schrei-Situation. Vielleicht hatte Andrew sie zu sehr an den Körperkontakt gewöhnt, indem er sie ständig in der Babytrage herumtrug, aber sie war nun wirklich nicht begeistert davon, für die Untersuchung abgesetzt zu werden. Als sie fertig war, setzte Andrew Elli auf Max Schoß, weil das immernoch etwas besser half, und er selbst ebenfalls seine Lungen abgehört bekam.
      Sie waren alle… einigermaßen okay. Dr. Hawk bestand auf ein schnelles Röntgen bei Andrew, für das er praktischerweise einen Stein dabei hatte, weil er ein leichtes Geräusch in seiner Lunge gehört hatte. Er nannte ihm trotzdem nur ein paar Warnsignale, auf die er achten sollte, und dass sie es einfach beobachten sollten, aber nichts tun mussten. Gut, das war für Andrew so, als wäre sowieso nichts. Damit ging es ihnen offiziell allen gut.
      Er zog sich wieder an, trug Elli für die paar Minuten nur am Arm und kam wieder raus, um Ezra abzuholen.
      ✦ . ⁺   . ✦ .  ⁺   . ✦⁺   . ✦ .  ⁺   . ✦⁺   . ✦ .  ⁺   . ✦
    • Ezra

      Ezra hatte das Gefühl, dass sein Herz nach der kleinen Schmerz-Kur immer noch ein bisschen zu schnell schlug, aber Milo sah nicht sonderlich besorgt aus, also schon er sämtliche Bedenken ebenfalls von sich. Der Schmerz war zu einem dumpfen Pochen abgeklungen, während Milo nach einer Gipssäge suchte. Wenigstens kam ihm die jetzt nur noch halb so schlimm vor, auch, wenn es abenteuerlich aussah, wie der Arzt schlicht im den Gips hinein sägte, nachdem er versichert hatte, dass das Sägeblatt der Haut nichts anhaben könnte, was...nach schwarzer Magie klang, oder so, aber Ezra hatte nicht mehr die nötige Energie, um zu sehr darüber nach zu denken. Und keine Zeit. Die Sozialarbeiterin würde heute Nachmittag noch auf der Matte stehen und nach den umfassenden Formularen, die Andrew und er ausfüllen mussten, rechnete Ezra damit, dass ihn dieser Termin heute vollkommen fertig machen würde.
      "Überschätzen Sie sich bitte nicht", merkte Milo an, als er die Säge zur Seite legte und den aufgeschnittenen Verband auseinander drückte. "Ich weiß, dass es verlockend ist, sich sofort wieder in die Arbeit zu stürzen, wenn man körperlich wieder fit ist, aber der Stein hat keine Auswirkungen auf die Psyche und die ist genau so wichtig." Der Verband gab ein paar knackende Geräusche von sich und einen Moment später konnte Ezra seinen Arm heraus heben, was den Schmerz von eben fast wieder ausglich.
      "Ich weiß", antwortete Ezra, während Milo den Arm kurz mit seinen Fingern entlang fuhr, um den Knochen abzutasten und ihn anschließend von links nach rechts und wieder zurück drehte.
      "Schmerzen?", fragte der Arzt. Ezra schüttelte den Kopf. "Sehr gut. Dann...hoffe ich, dass wir uns nie mehr wieder sehen." Milo grinste ihm entgegen, während er seinen Hocker etwas zurück schob, damit Ezra Platz zum aufstehen hatte.
      "War ich so ein furchtbarer Patient?", fragte Ezra, während er gespielt entsetzt seine nun wieder funktionstüchtige Hand an seine Brust legte.
      "Das nicht, aber ich hoffe, dass Sie Ihre Lektion gelernt haben und gut genug auf sich aufpassen, um nicht nochmal bei mir zu landen." Milo schob seine Brille zurecht, bevor er zurück zum Computer ging. "Ein paar der Schmerzmedikamente müssen langsam abgesetzt werden. Ich gebe ihnen aber eine kleine Liste mit Anweisungen mit."
      "Danke." Ezra sah ein bisschen fasziniert auf seinen Arm, bevor er den Ärmel seines Pullovers runterzog, was sich deutlich besser anfühlte, als der Gips. "Ich kann nur nicht versprechen, dass wir uns nicht mehr sehen. Ich bin furchtbar Unfall-anfällig und Andrew ist etwas übervorsichtig. Mit etwas Glück kann ich ihn aber davon abhalten, Sie an den Wochenenden aus dem Bett zu klingeln, weil ich mich irgendwo gestoßen habe."
      Milo stieß ein kleines Lachen aus, zog den Zettel mit den Anweisungen zu seinen Medikamenten aus seinem Drucker und hielt ihn Ezra entgegen. "Das klingt nach einem ziemlich guten Freund."
      "Der Allerbeste." Ezra lächelte, während er den Zettel nahm. "Danke. Wir sehen uns."
      "Hoffentlich nicht."
      Ezra lachte kurz, bevor er die Tür zum Gang öffnete und fast in Andrew herein lief. "Hey!", grüßte er euphorisch, bevor er beide Arme hob. "Schau mal! Beide Arme! Hätte nie gedacht, dass ich mich darüber mal freuen würde!" Er lehnte sich kurz runter, um Niko hoch zu heben, der ein freudiges Quietschen ausstieß. "Du weißt ja gar nicht, was auf dich zukommt, Nicky. Ich bin weitaus besser im Klettern, als du. Das nächste mal auf dem Spielplatz bin ich vor die auf der Rutsche." Er lachte kurz, bevor er zu Andrew sah. "Bei euch alles okay?"
    • Andrew

      Oh, Andrew hatte Ezra ja noch kein einziges Mal mit einem der Kinder am Arm gesehen. Es wärmte sein Herz ein wenig und half villeicht, die Falten in seiner Stirn nicht dauerhaft zu machen. Er lächelte.
      „Pass nur auf, dass ihr nicht beide von der nächsten Sprossenwand fällt“, kommentierte Andrew. Hoffentlich hatte dieser Unfall Ezra ein wenig robuster gemacht, oder so, obwohl er ja ohnehin unsterblich zu sein schien. Die Schmerzen von dem Stein schien er jedenfalls gut weggesteckt zu haben. Er nahm Max wieder an Hand und sie gingen zusammen zum Auto.
      „Ich hab in drei Wochen noch einen Kontrolltermin, weil man ein Lungengeräusch gehört hat, aber das soll ich einfach nur beobachten, sonst nichts“, antwortete er. „Ich mochte die beiden Ärzte. Hoffentlich finden wir auch einen guten Kinderarzt. Wie war die Sache mit dem Stein?“, fragte er schließlich.
      Andrew schnallte die Kinder in ihre Kindersitze und überlegte währenddessen mal wieder, ob sie sich einen dieser hässlichen 8-Sitzer kaufen sollten, weil es wirklich ziemlich lästig war, dass die Babyschale kaum Platz hatte, immer ein Kind am Mittelsitz saß und das Anschnallen platztechnisch ebenfalls fast unmöglich war. Aber dann müsste ein Kind alleine in der dritten Reihe sitzen, was auch irgendwie- Naja, okay, Max würde es ihnen vermutlich danken. Abseits davon passte der Kinderwagen kaum in den Kofferraum.
      „Soll ich mir ein größeres Auto kaufen?“, fragte Andrew also nebensächlich, während er Niko anschnallte. Sein jetziges Auto war ein zehn Jahre alter schwarzer Toyota Yaris, der sowieso langsam mal getauscht werden sollte, bevor er anfing, größere Probleme zu machen und ihnen das Geld aus der Tasche zu ziehen. „Wenn es kein 8-Sitzer ist, dann vielleicht wenigstens was mit großem Kofferraum“ Er verzog etwas das Gesicht, während er sich aus der Tür kämpfte, die sich viel zu wenig öffnen ließ, dann stieg er selbst ins Auto. Es schien nicht der optimale Moment für noch mehr große Ausgaben zu sein, wenn sie auch umziehen wollen und allgemein plötzlich viel mehr Geld für Lebensmittel, Kleidung und Schulsachen brauchten, aber es war eben ein weiterer Punkt auf der Liste.
      ✦ . ⁺   . ✦ .  ⁺   . ✦⁺   . ✦ .  ⁺   . ✦⁺   . ✦ .  ⁺   . ✦
    • Ezra

      "Schmerzhaft", antwortete Ezra mit einem kleinen, etwas verzweifelten Lächeln. Wenigstens schien der Rest seiner Familie einigermaßen gesund und munter zu sein. "Aber einmal kann man das aushalten. Ich werde jetzt auf jeden Fall alles tun, um nicht nochmal mit einem gebrochenen Knochen zu enden." Auch, wenn er da bisher irgendwie ziemlich wenig für gekonnt hatte. Es war ja nicht seine Schuld gewesen, dass Nadia gerne Häuser in Brand steckte. Außerdem war der Schmerz die drei Kinder definitiv wert.
      "Oh. Ähm." Ezra sah kurz durch den Rückspiegel in auch die Rückbank, in der sich ihre drei Kinder - er mochte den Klang davon immer mehr - ein wenig aneinander drückten. Gut, mit zwei Kindersitzen und einer Babyschale war tatsächlich nicht mehr viel Platz über. "Das wäre vielleicht eine Überlegung wert", stimmte er zu. Auch, wenn ein neues Auto wahrscheinlich nicht sonderlich weit oben auf ihrer Prioritätenliste sitzen würde. Haus, Psychiater und Adoptionsprozess hatten da definitiv Vorrang. Zuerst mussten sie sowieso die Sozialarbeiterin hinter sich bringen.

      Dank des neu gefundenen Vorteils, beide Arme nutzen zu können, half Ezra Andrew die Kinder aus dem Auto zu bekommen, als sie wieder zuhause waren. Sie hatten zwischendurch kurz angehalten, um ein paar Burger und Pommes to go zu bestellen, mussten jetzt nur noch essen und kurz schauen, ob im Haus alles sauber und ordentlich war, dann konnte ihnen eigentlich nichts mehr passieren. Ezra gab Max die Haustürschlüssel, während er selbst nach den Tüten mit dem Essen griff. Der Junge zischte fröhlich - so fröhlich, wie es bei Max eben ging - an ihnen vorbei, um die Haustür auf zu schließen und hielt sie für den Rest von ihnen auf. Ezra strich ihm im Vorbeigehen durch die rausgewachsenen Haare und sah ihm hinterher, als er die Treppen hochging, um die Wohnungstür aufzuschließen. Irgendwie mochte er den Gedanken, dass sie ihm in ihrem neuen Haus einen eigenen Haustürschlüssel machen lassen sollten.
      "Also", begann er, als sie Minuten später den Tisch gedeckt und die kleinen Fast-Food Schachteln verteilt hatten, "gleich kommt eine Frau vorbei, die sehen will, ob es euch gut geht und ob ihr hier bleiben wollt." Was hoffentlich kindgerecht genug formuliert war. "Seid bitte ehrlich zu ihr, okay?" Ezra sah kurz zu Max, der seine Geschwister immer noch nicht aus den Augen lassen wollte, aber nickte. "Und gib bitte Bescheid, wenn sie dich überfordert, oder dir zu viel wird, Max. Okay? Du musst mit niemanden reden, wenn du es nicht willst." Max' Blick schnellte zu Ezra hoch. Er zögerte kurz, dann nickte er erneut, beinahe ein bisschen erleichtert. Ezra lächelte ihm leicht entgegen. Dann konnte ja wirklich nicht mehr viel schief gehen, oder?
    • Andrew

      Andrew wusste sich nicht zu anders zu helfen, als Ezras Nachgiebigkeit mit Max in diesen Fällen skeptisch zu beäugen. Es fiel ihm grundsätzlich nicht ganz leicht, seine Direktheit runterzuschrauben, wenn er mit den Kindern sprach, aber er schaffte es irgendwie. Nur… wenn es darum ging, viel Verantwortung in die Hand eines Kindes zu legen und es wichtige Dinge entscheiden zu lassen, wusste er nicht, was er davon hielt. Natürlich sollten die Kinder nicht das Gefühl haben, ständig übergangen zu werden, immerhin sollten sie sich bei ihnen wohl fühlen, glücklich sein und tatsächlich bei ihnen leben wollen. Und… sie konnten das auch nicht erzwingen. Vielleicht griff Andrews dezente Kontrollsucht hier durch, aber es machte ihn fertig, dass er Max Gefühle nicht einfach mit einem Fingerschnippen beeinflussen konnte und dass die Chance bestand, dass er der Sozialarbeiterin sagte, dass er nicht hier sein wollte. Und dass er das vielleicht nichtmal wirklich so meinte, sondern überfordert war, und es vielleicht später bereuen würde, aber Andrew konnte dagegen nichts tun, weil er ein unberechenbares kleines Kind war. Urgh. Glücklicherweise händelte Ezra diese Gespräche bisher.
      Er konnte nichts tun, als zu spüren, wie die Nervosität in ihm aufwallte, während sie auf die Sozialarbeiterin warteten, und der Gedanke, dass Max vielleicht etwas tun oder sagen würde, was die Kinder auf die Stelle ins Waisenhaus verfrachten würde, machte ihn verrückt. Er war sich außerdem sicher, dass er das nicht gut versteckte, weil Niko unheimlich an ihm klebte. Er begann sogar zu jammern, als Andrew ihn von seinem Schoß heben wollte, damit sie essen konnten, also ließ er ihn im Endeffekt sitzen und nutzte eine Hand, um sich Pommes in den Mund zu schieben, während er wartete, dass Niko seine Pommes aufgegessen hatte, doch auch dann wollte er sich keinen Millimeter mehr entfernen. Es erinnerte Andrew an die ersten zwei Tage im Krankenhaus, in denen Niko an ihm geklebt hatte. Und irgendwie war es auch genau das, was er brauchte, also beschwerte er nicht. Wenn sie sich bald nie wieder sehen würden, wollte er sich wenigstens genau einprägen, wie schwer Niko war, wenn er sich gegen ihn lehnte, und wie seine Fersen ab und zu unabsichtlich gegen Andrews Schienbeine hämmerten, wenn er die Beine baumeln ließ.
      Sie warteten nach dem Essen noch eine Weile, bis es an der Tür klingelte, und dann legte ihre Sozialarbeiterin direkt los.
      „Hallo, Frau Tolstaja. Sie können die Schuhe ruhig anlassen“, begrüßen er sie während sie ihre Jacke auszog.
      „Danke“, sagte sie, hörbar außer Atem. „Entschuldigen Sie bitte, ich hatte einen Termin, der länger gedauert hat als gedacht. Oh, hallo Niko“ Ein Lächeln legte sich auf ihre Lippen und Niko schenkte ihr ein kleines „Hallo“ zurück. „Habt ihr mit den Kindern Englisch gelernt?“
      Andrew nickte. „So gut es geht. Max spricht sowieso gut Englisch, aber, äh, wir haben vor, ein bisschen Russisch zu lernen, damit sie die Sprache nicht verlernen“
      Die Sozialarbeiterin lächelte, zögerte aber kurz, dann sagte sie mit wechselndem Blick zu Ezra: „Sie müssen keine Angst haben, dass heute irgendetwas wichtiges entschieden wird. Ich bin nur hier, um mir die Wohnsituation mal anzusehen, Ihnen ein paar Fragen zu stellen und zu sehen, wie die Kinder mit Ihnen interagieren. Dass in der ersten gemeinsamen Woche nicht alles perfekt läuft, ist klar, und ich bin auch hier, um Sie zu unterstützen, nicht nur um zu dokumentieren. Also, könnten wir uns setzen?“
      Andrew nickte schnell und ließ die Frau vorbei, dann setzten sie sich alle um den Tisch in der Küche, wo sie ihre ausgefüllten Formulare ausgedruckt auflegte.
      „Also, ich schreibe nach meinen Besuchen immer einen Bericht, der dem Jugendamt vorgelegt wird. Wenn ich sehe, dass sie sich Mühe geben und die Kinder zufrieden und gesund sind, fließt das positiv in die Entscheidung des Gerichts ein. Genau das wollen wir erreichen. Also seien Sie bitte ehrlich und erzählen Sie mir, wie es die letzten Tage gelaufen ist, und vor allem, wieso Sie adoptieren wollen. Ich nehme auch an, Sie suchen bereits nach einem Haus? Das Jugendamt legt wert darauf, dass sich Kinder im Jugendalter keine im Zimmer teilen müssen. Wenn Sie in ein Haus ziehen, sollten Sie das beachten. Und dann würde ich gerne wissen, ob Sie noch familiäre oder freundschaftliche Unterstützung von Außen bekommen“
      Frau Tolstaja hatte eine… ziemlich beruhigende Stimmung zur Tür reingebracht. Kein Wunder, für sie war das bestimmt keine große Sache, schließlich war es ihr Job, aber trotzdem fühlte Andrew sich etwas besser. „Momentan schlafen Max und Nico bei uns im Bett, auch wenn die Couch immer bettfertig ist. Wir waren heute beim Arzt für eine Nachkontrolle, es ist alles in Ordnung, und wir haben eine Liste für Kinderärzte bekommen…“, fing Andrew etwas unorganisiert an. „Max ist ein bisschen… skeptisch, was Menschen allgemein angeht, aber man merkt, dass er ein bisschen auftaut“
      Frau Tolstaja nickte. „Das ist normal, es ist eine neue Situation und es ist gut, wenn Sie den Kindern nichts aufdrängen und Ihnen ihr eigenes Tempo zur Eingewöhnung lassen“
      ✦ . ⁺   . ✦ .  ⁺   . ✦⁺   . ✦ .  ⁺   . ✦⁺   . ✦ .  ⁺   . ✦
    • Ezra

      Die Sozialarbeiterin konnte noch so oft betonen, dass heute keine Entscheidung fallen würde - Ezra war trotzdem ein bisschen nervös. Seltsamerweise beruhigte es ihn fast ein wenig, dass Andrew neben ihm genauso unorganisiert anfing, wie er sich fühlte. Er griff unter dem Tisch nach seiner Hand und drückte sie kurz mit einem aufmunterndem Lächeln auf den Lippen.
      "Wir wollten uns auch schon mal nach einem Psychologen für die beiden älteren Kinder umsehen", übernahm er. "Sie haben furchtbar viel durchgemacht, also erschien uns das logisch. Wir, ähm, haben eine kleine Liste mit Dingen, die wir unbedingt in unserem neuen Haus haben wollen. Ein Zimmer pro Kind ist definitiv dabei, aber wir können den Kinderteil auch gerne nochmal gemeinsam durchgehen, wenn Sie wollen." Er ließ Andrews Hand los, um die Wassergläser, die er auf den Tisch gestellt hatte, nachdem sie abgeräumt hatten, kurz mit Wasser zu füllen. Er schob eines in Frau Tolstajas Richtung.
      "Freundschaftliche Unterstützung von außen ist auf jeden Fall vorhanden. Familiäre auch, allerdings mit ein wenig Zeitaufwand, weil niemand in direkter Nähe wohnt." Außerdem hatte er erst noch etwas warten wollen, bevor er Niamh und Caleb erzählte, dass sie die Kinder adoptieren wollten. Je länger er darüber nachdachte, desto unsicherer wurde er bei dem Gedanken daran, sie irgendwie zu involvieren. Er konnte nur schwer abschätzen, ob sie sich für ihn freuen, oder ihn für vollkommen verrückt halten würden. Eigentlich war er immer davon ausgegangen, dass keiner von beiden einen Finger rühren würde, um ihm irgendwie zu helfen, aber seit Russland war er sich da nicht mehr so sicher. Was ein gutes Gefühl sein sollte, ihn allerdings irgendwie mehr verwirrt zurückließ. Nicht, dass Frau Tolstaja auch nur irgendwas davon wissen müsste. Aber zumindest ließ das nur noch die Antwort auf die größte Frage über, die sie zu haben schien.
      "Ich wollte immer schon Kinder", begann er zu erklären, warum sie adoptieren wollten. "Ich fürchte, ich habe Andrew irgendwann damit angesteckt. Ich...habe zugegebenermaßen nicht daran gedacht, dass wir so schnell welche adoptieren würden, und dann direkt drei auf einmal, aber sie sind uns einfach furchtbar ans Herz gewachsen. Elli hat ein unfassbar ansteckendes Lachen, Niko liebt es, morgens zu kuscheln und Max ist immer so unfassbar konzentriert, wenn es um Dinos geht, dass er wirklich niedlich aussieht." Er sah kurz zu Max, der neben ihm saß. Elli lag in ihrem Gitterbettchen und schlief, Niko hatte lieber spielen wollen, während sie alle technischen Details durch gingen, aber Max wollte wohl bei jedem Schritt dabei sein. Wenig überraschend, wahrscheinlich. Deutlich überraschender war, dass Max nach kurzem Zögern nach dem Ärmel von Ezras Pullover griff und sich einfach nur fest hielt.
      "Alles okay?" Der Junge nickte kurz, was Ezra zum lächeln brachte. Wahrscheinlich mussten sie sich doch keine Sorgen machen, dass Max sich spontan umentschied. Er sah wieder zur Sozialarbeiterin hoch. "Waren das alle Fragen, oder haben wir eine vergessen?"
    • Andrew

      Die Sozialarbeiterin nickte, lächelte und schien allgemein gut auf ihre Antworten zu reagieren. Sie stellte noch ein paar Fragen, aber sie wirkte zufrieden mit der Situation, zumindest zufriedener als bei ihrem kurzen Telefonat gestern. Die Überrumpelung hatten sie hoffentlich wett gemacht, indem sie sah, dass die Kinder tatsächlich bestmöglich versorgt waren und Ezra und Andrew sich alle Mühe gaben, damit sie sich wohl fühlten. Dass Max bei ihnen blieb, nachdem er auch bei Frau Tolstaja von Beginn an einen sehr schüchternen, unruhigen Eindruck gemacht hatte, beruhigte Andrew unglaublich. Er hatte ja nicht erwartet, dass Max sofort anfing, um Hilfe zu schreien, weil er nicht bei ihnen sein wollte, aber eher kleine Signale, die die Sozialarbeiterin alarmieren könnten, auch wenn sie garnicht so gemeint waren. Aber er blieb bloß brav und ruhig in der Nähe und saugte jedes Wort auf wie ein Schwamm. Die aufmerksamen Augen flitzten zwischen der Sozialarbeiterin und Andrew und Ezra hin und her, auch wenn er sicherlich nicht alles verstand, worüber sie redeten.
      Nachdem Frau Tolstaja sich in der Wohnung ein wenig umgesehen hatte und noch kurz spielerisch mit Niko und Elli sprach, vermutlich um herauszufinden, ob sie irgendwie komisch gestimmt waren, verabschiedete sie sich auch schon. Glücklicherweise gab es kaum ein besseres Kind für so eine Situation als Niko.
      „Okay, das lief gut“, sagte Andrew schließlich, nachdem die Tür zufiel. Er war vielleicht selbst ein wenig überrascht. Die ganzen Szenarios, die er sich ausgemalt hatte, waren nichtmal ansatzweise wahr geworden. Im Gegenteil, Niko und Max hatten sich beide verabschiedet und waren insgesamt sozialer gewesen, als Andrew es sich gedacht hätte.
      Die Kinder waren bereits wieder mit sich selbst beschäftigt, vermutlich waren sie auch deshalb weniger alarmiert, weil Ezra und Andrew es nicht mehr so sehr waren, und Andrew ließ sich auf die Couch sinken. Das Gespräch sickerte noch. Da fiel ihm noch etwas ein.
      „Ezra, du hast Cal und Niamh noch nicht gesagt, dass wir planen, die Kinder zu adoptieren, oder?“, fragte er vorsichtig. Er lehnte sich zurück und wartete kurz, bevor er zögerlich nochmal das Thema ansprach, das vielleicht wirklich etwas Nachdruck verdiente. „Denkst du nicht, du solltest Caleb mal anrufen? Ich meine, dass die Sozialarbeiterin fragt, ob wir Unterstützung bekommen, macht Sinn. Ada hilft uns, Thomas und Steve haben auch schon gebabysittet, aber ich kann Amy beispielsweise nichts zumuten, weil sie wirklich zu weit weg wohnt und naja… keinen Privatjet hat, wie deine Familie“
      Andrew verstand, wieso Ezra es herauszögerte, sich mit Cal auszusprechen, aber es wäre sicher nicht schlecht, mehr Unterstützung zu haben als sie brauchten, als unabsichtlich mal zu wenig. Sie hatten bereits so viel zu bedenken und zu tun, dass sie jede Hilfe wie einen Bissen Brot gebrauchen konnten. Andrew war sich zwar sicher, dass er auch alles selbst irgendwie stemmen konnte, wenn er musste, aber es wäre ihm doch lieber, nicht in einen Extremzustand zu geraten.
      „Cal verbringt doch in letzter Zeit sowieso eigenartig viel Zeit in London, oder? Vielleicht wäre es ja besser, ihr trefft euch mal“, schlug er vor. Gut, nachdem Andrew nun wusste, dass zwischen Richard und ihm etwas gelaufen war, war es vielleicht kein großes Wunder mehr, dass er auf einmal so oft in London gewesen war, aber sie konnten sich ja noch immer einreden, dass es daran lag, dass er näher bei seinem lange verschollenen Bruder sein wollte, der eine Tendenz zum unabsichtlichen Selbstmord hatte.
      ✦ . ⁺   . ✦ .  ⁺   . ✦⁺   . ✦ .  ⁺   . ✦⁺   . ✦ .  ⁺   . ✦
    • Ezra

      Damit...war der erste Schritt wohl getan. Es war kein großer Schritt, immerhin war das hier nur so eine Art generelles Vorgespräch gewesen und keine klare Zu- oder Absage, dass die Kinder bei ihnen bleiben durften, aber wenigstens lief jetzt alles irgendwie. Irgendwo musste man schließlich anfangen und Ezra war auf jeden Fall absolut erleichtert darüber, dass alles so gut gelaufen war. Max war still gewesen, wie immer, aber wenigstens auf seine übliche Art und nicht überfordert, oder panisch. Niko war sowieso ein kleiner Sonnenschein und selbst Elli schien sich mit dem Heulen zurückgehalten zu haben. Es würde noch dauern, bis sie auf dem Papier als Familie zählten, aber Ezra hatte ein wirklich gutes Gefühl, als er Andrew zum Sofa folgte.
      "Ich habe ihnen noch nichts erzählt", bestätigte er, während er sich - aus Gewohnheit der letzten Tage viel zu vorsichtig - neben Andrew setzte. "Ich wollte erst wissen, ob die Kinder bleiben wollen und was die Sozialarbeiterin sagt und so. Und ich glaube, jetzt muss ich mir irgendwie überlegen, wie man sowas überhaupt seinen Geschwistern erzählt." Würde es sie überhaupt interessieren? Und wollte er überhaupt, dass sie etwas mit seinen Kindern zu tun hatten? Sie waren seine Geschwister, ja, aber...sie hingen beide immer noch an ihren Eltern und waren in höchst illegale Machenschaften verstrickt. Konnte man das auf Dauer trennen? Ezra wartete ja jetzt schon dauernd auf den großen Knall, der alles wieder durcheinander bringen würde.
      "Du...hast wahrscheinlich recht. Ich sollte ihn anrufen." Er schob das nur gerade viel zu gerne vor sich her, während er zu Max und Niko sah, die zusammen spielten und sich vornahm, dass ihre Familie nie so seltsam kaputt werden würde, wie seine eigene. "Oder vielleicht schreibe ich ihm auch einfach und lade ihn ein, vorbei zu kommen. Ich will dich nicht mit den Kindern alleine lassen, vor allem, wenn ich dir endlich richtig helfen kann", merkte er an, weil das...irgendwie weniger verkrampft wirkte, als sich mit ihm in irgendeinem Café zu treffen, oder so. Was definitiv kein gutes geschwisterliches Verhältnis war.
      "Vielleicht hilft er uns sogar ein bisschen bei der Budgetierung. Offensichtlich ist er gut in sowas, behauptet er selbst zumindest, was seltsam ist, weil ich mich lebhaft daran erinnern kann, wie jedes Jahr zum Ende seines Schuljahres seine Mathehefte verbrannt hat." Offensichtlich hatten sie sich alle in den letzten Jahren ein gutes Stück weiterentwickelt. "Weißt du was? ich schreibe ihm jetzt einfach. Direkt, nachdem mir eine gute Formulierung einfällt." Ezra zückte sein Handy und starrte kurz auf den dunklen Bildschirm. Offensichtlich war heute irgendwie ein guter Tag für erste Schritte, hm?
    • Richard

      "Nein, ich komme heute nicht zur Arbeit. Hör auf mich anzurufen", murrte Richard in sein Handy hinein, während er sich doch aus dem Bett quälte und den Vorhang zur seinem Balkon zur Seite zog, um Licht ins Schlafzimmer zu lassen.
      "Okay, ich will dich nicht hinterfragen, aber du klingst echt nicht krank, Richy, und hier geht es absolut chaotisch zu. Du kannst froh sein, dass du keine Azubis hast, um die du dich kümmern musst, aber ich mache seit zwei Wochen deine Arbeit zusätzlich und ich dreh langsam durch-"
      "Mir ist noch nie etwas so sehr am Arsch vorbei gegangen, Ted", murmelte Richard. Er klemmte sein Handy zwischen Ohr und Schulter und schraubte das Tetrapack Orangensaft auf, das er eben aus dem Kühlschrank genommen hatte.
      "Du- Ich- Ich wünsche dir eine richtig, richtig schlimme Mandelentzündung. Ciao"
      Damit war das Gespräch beendet und Richard legte unbeeindruckt sein Handy auf den Küchentisch. Eine Mandelentzündung, huh? Wär vielleicht gar nicht so übel, mal Schmerzen zu haben, die ihn ablenkten, aber dann würde sein Kollege erst recht seine Arbeit machen müssen. Nachdem er aus Russland zurück gekommen war, hatte er sich gefühlt, als bräuchte er einen Monat Schlaf. MLO hatte ihn in den paar Tagen wirklich versklavt. Manchmal war Kompetenz ein Fluch. Richard war jedenfalls niemand, der sich zwingen würde, zu arbeiten, wenn er genauso gut mal von einer Krankschreibung Gebrauch machen konnte. Was interessierte es ihn denn schon, wenn bei beiden seiner Jobs alles den Bach runter ging? Dann mussten sie eben alle mal Fortbildungen machen, oder so. Er hatte nicht die Motivation, den Laden am Laufen zu halten. Vor allem nicht, nachdem das Gerücht durchgedrungen war, dass Harald Godwin seine Stelle demnächst abgeben wollte, und noch wusste niemand, an wen. Richard war es jedenfalls nicht, denn er hatte mit dem Alten seit seiner Krankschreibung kein Wort gewechselt. So viel dazu, dass Fleiß belohnt wurde. Den Fleiß konnten sie sich alle in den Arsch schieben.
      Fairerweise war das nicht das einzige, das seine Stimmung in ein tiefes, dunkles Loch gekickt hatte, aus dem sie nicht mehr hoch kam. Tag und Nacht hallten die Worte in seinem Kopf wider, die Caleb ihm zu Abschied an den Kopf geworfen hatte.
      Klar hatte er es irgendwie verdient. Das machte es nur nicht leichter. Er war sich nicht sicher, welcher Dämon von ihm Besitz ergriff, wenn er Andrew vor den Augen hatte, aber es war klar, dass er auf diversen Leveln verkackt hatte. Das Gute war, die blauen Flecken um seine Nase herum waren endlich verblasst, nachdem Andrew den fast erfolgreichen Versuch gestartet hatte, ihm ein Loch durch das Gesicht zu schlagen. Das Blöde war, dass er sich eingeredet hatte, er konnte keinesfalls bei Caleb aufkreuzen, solange sein Gesicht ihn daran erinnern konnte, wie dämlich er gewesen war. Dann würde keine Entschuldigung der Welt durchgehen. Und, naja, es gab begründete Zweifel daran, dass auch jetzt keine Entschuldigung durchgehen würde. Caleb hatte recht gehabt, Richard hätte mal ausnahmsweise wissen können, wann er die Klappe halten sollte, und ja, vermutlich hatte er mehr als den Schlag ins Gesicht verdient. Aber als Beweis, dass er aus der ganzen Sache kaum was gelernt hatte, verabschiedete jegliche Logik sich aus seinem Kopf, wenn er daran dachte, dass Caleb wütend darüber gewesen war, dass Richard nicht über Andrew hinweg war. Darüber war er wütend gewesen. Sicher nicht nur das, aber… das war das einzige, das für Richard wirklich von Belang war. Schließlich war für sie beide von Anfang an ziemlich klar gewesen, dass er eine jahrelange Obsession mit Andrew gehabt hatte, von der er nicht sagen konnte, dass sie weg war. Also hatte Caleb wohl einfach gehofft, dass es so war. Weil er ihn mochte. Warum auch immer.
      Das gute Gefühl, das sich in Richard bei dem Gedanken ausbreitete, ekelte ihn aus mehreren Gründen selbst an, aber was sollte er schon tun? Er konnte es ja doch nicht ignorieren. Er wollte es nicht, aber es war so. Er stand auf Caleb, mehr als er sollte, mehr als er geplant hatte, und die Tatsache, dass Caleb eifersüchtig gewesen war (zumindest interpretierte Richard es voller Zuversicht so), ließ ihn hoffen, dass er es doch noch irgendwie gerade biegen konnte. Er war nur… echt schlecht in Entschuldigungen. Und verstörenderweise hatte er Angst davor, dass Caleb ihn nicht mehr wollte. Mit jedem Tag, an dem Caleb nicht vor Richards Tür gestanden hatte, hatte die Angst sich verdoppelt und mittlerweile war er mit seinem Selbstbewusstsein an einem… unheimlichen Ort, den er seit seiner Schulzeit nicht besucht hatte. Er fragte sich, was er Caleb überhaupt zu bieten hatte. Eine ebenso unheimliche Frage. Eigentlich sollte er sich eher fragen, was Caleb ihm bieten konnte. Aber darüber war er lang hinaus. Jetzt überlegte er nur noch, was er sagen könnte, um ihn zurück zu bekommen, und wie er sein Ego je wieder aufbauen sollte, wenn es nicht klappte.
      ✦ . ⁺   . ✦ .  ⁺   . ✦⁺   . ✦ .  ⁺   . ✦⁺   . ✦ .  ⁺   . ✦
    • Caleb

      Die Uhr auf Calebs Handy zeigte 4:18 an, als er aufstand. Er wusste nicht, wie lange er bis dato schon wach gelegen hatte. Sein Schlafrhythmus war ein einziges Chaos - sobald er die Augen schloss, fraßen ihn seine Selbstvorwürfe auf und wenn er vor Erschöpfung doch endlich in einen unruhigen Schlaf fiel, begannen seine Gedanken sofort wieder zu rasen, sobald er auch nur ansatzweise wach war, sodass er nicht mehr in den Schlaf zurück kam. So wie jetzt.
      Caleb zog seine Selbstzweifel mit ins Bad, mit zu seinem Kleiderschrank und mit aufs Sofa im Wohnzimmer, wo er wahllos auf irgendein Programm schaltete, um die Stimmen in seinem Kopf zu übertönen, während er an die Decke starrte. Wie hatte er so dumm sein können? Es hatte Jahre gedauert, wieder einigermaßen guten Kontakt mit Ezra herzustellen und dann setzte er alles für einen Typen aufs Spiel, der ziemlich offensichtlich nicht mehr von ihm wollte, als Sex? Je länger er darüber nachdachte, desto schlimmer wurde es. Richard hatte ihm von Anfang an gesagt, dass er nichts vom ‘altmodischen’ Dating hielt. Sie hatten nie sonderlich viel Zeit außerhalb des Bettes miteinander verbracht. War das wirklich alles gewesen, was es gebraucht hatte, damit Caleb sich mehr gewünscht hatte? Es war erbärmlich. Es war fast peinlich, dass ein paar nette Worte und ein Kuss auf die Stirn, als es Cal schlecht gegangen war, gereicht hatten, um ihm so den Kopf zu verdrehen, dass er nicht mehr klar denken konnte.
      Als Caleb es schaffte, sich auf den Fernseher zu konzentrieren, lief irgendein alter Film, den er nicht kannte. Er griff nach der Fernbedienung und schaltete um, auf der Suche nach irgendwas, was ihn effektiv ablenken konnte, vorbei an Nachrichten, anderen alten Filmen, Cartoons für Kleinkinder, Dokus und Teleshopping, bevor er aufgab und Netflix anschaltete, um sich dort genauso planlos durch das Angebot zu klicken, bis er an einem Low-Budget Horrorfilm hängen blieb. Perfekt, oder? Nichts lenkte einen so gut ab, wie ein Film, in dem Leute starben, während man sich über ein albernes Skript und schlechte Schauspieler aufregte.
      Er realisierte erst, wie lange er schon auf der Couch lag, als Niamh ihn per SMS erinnerte, dass er seine Tabletten nehmen sollte. Wenn die Nachricht nicht immer zu unterschiedlichen Zeiten zwischen 7 und 8 Uhr kommen würde, wäre er schon vor Jahren davon ausgegangen, dass sie sie irgendwie automatisch eingestellt hatte. Er antwortete mit einem Daumen hoch und setzte sich auf, um in die Küche zu gehen, während sein Blick auf seine anderen Chatverläufe fiel. April, die versuchte, ihn zu irgendeiner Party zu überreden, was wahrscheinlich für ihre grenzenlose Langeweile sprach, seine Eltern, die ihm entweder Arbeit schickten, oder wissen wollten, wann er wieder zurück nach Irland kommen würde, Ezra, von dem er seit Dienstag nichts mehr gehört hatte und darunter Richard.
      Wie oft hatte er in den letzten Tagen mit dem Finger über dem Chat geschwebt? Wie oft hatte er mit dem Gedanken gespielt, ihm einfach irgendwas zu schreiben? Aber was? Ihr letztes Gespräch im Krankenhaus war ziemlich eindeutig gewesen. Es war aus. Richard hatte selbst gesagt, dass er nicht viel zu verlieren gehabt hatte, was…immer noch Tränen in Calebs Augen trieb, wenn er zu lange darüber nachdachte. Caleb griff nach seinen Tabletten und einer Wasserflasche. Was würde es bringen, ihn anzuschreiben? Entweder würde Richard ihn dafür auslachen, dass er sich noch immer Hoffnungen machte, oder er würde ihm noch eine Chance geben - und dann? Caleb konnte sich sowieso unmöglich nochmal auf ihn einlassen. Andrew und Ezra würden ihn, vollkommen zurecht, umbringen. Es war schon schlimm genug, dass er immer noch nicht mit der ganzen Beziehung abschließen konnte. Caleb seufzte, warf sich seine Antidepressiva ein und steuerte wieder das Wohnzimmer an.
    • Richard

      Er war sich nicht ganz sicher, wie es passiert war, aber Richard saß in seinem Auto. Er stand in der Parkgarage seines Wohnkomplexes und hatte die Heizung laufen, weil es morgens deutlich zu kalt war. In der Hand hielt er eine Thermoflasche und trank geistig abwesend seinen Kaffee weiter. Sollte er den Motor anstarten? Tatsächlich hatte er genau diese Situation bereits letzte Woche gehabt, hatte dann jedoch den Rückspiegel eingestellt und die blauen Augen gesehen, und war wieder hoch in seine Wohnung gegangen. Das hielt ihn jetzt nicht mehr auf. Nur wusste er immer noch nicht, was genau er eigentlich wollte. Also, doch, er wollte es nochmal mit Caleb versuchen, würde sich Mühe geben, daraus eine halbwegs intakte Beziehung zu basteln, auch wenn sie beide definitiv zu unfähig für so etwas waren. Aber das war ihm egal. Irgendwie würden sie das schon hinbekommen. Die Chancen standen jedenfalls besser, wenn er Andrew nie wieder sah, was unmöglich war, aber wenigstens hatte der Schlag ins Gesicht Richard eingedrillt, dass er nicht nur über ihn hinwegkommen, sondern auch seine Wut loswerden musste. Er musste damit klarkommen, dass Andrew ein Vollidiot war, der nichts außer diesem Dieb sah. Eigentlich hatte der ganze Unfall in Moskau Richard ein wenig geholfen, weil ihm nochmal klar werden konnte, dass diese Idioten einander gefunden hatte, und eigentlich wollte er in diese Sache garnicht eingespannt werden. So realitätsfern wie Andrew musste man mal sein. Diese beknackte, rosarote Brille, die er trug, konnte er gern mit Ezra teilen und zusammen durch ihr perfektes, kitschiges Leben frohlocken.
      Richard stellte seine Thermoflasche in den Getränkehalter und startete den Motor. Vielleicht war dieses kleine Gedankenkarussell eben auch alles gewesen, was er gebraucht hatte.

      Bis er vor Calebs Haustüre stand und die Klingelfelder anstarrte, war ihm noch ein paar Mal durch den Kopf gegangen, dass das jetzt einfach klappen musste. Die Abneigung, die Richard gegen Menschen und Beziehungen hatte, traf auf Caleb nicht zu. Er war pessimistisch, hatte Probleme, war kriminell unterwegs und allgemein nicht der unterhaltsamste Zeitgenosse, aber das war genau das, was Richard an ihm mochte. Er war echt. Er schaffte es absolut nicht, seine Schwachstellen zu verstecken und gab Richard das Gefühl, nicht der einzige auf diesem Planeten zu sein, der sich von allem und jedem verarscht fühlte. Nur… konnte er das vermutlich nicht als Argument vor Caleb bringen, wieso sie zusammen sein sollten. Und Richard fiel so gut wie nichts ein, was in so einem Gespräch funktionieren könnte, also beschloss er letztendlich das Ganze improvisiert anzugehen. Wenn er Caleb sah, fiel ihm sicher was ein. So schwer konnte es nicht sein, sich zu entschuldigen, oder?
      Er zippte seinen Hoodie auf, nur zur Sicherheit. Dann klingelte er.
      ✦ . ⁺   . ✦ .  ⁺   . ✦⁺   . ✦ .  ⁺   . ✦⁺   . ✦ .  ⁺   . ✦
    • Caleb

      Ein Horror-Streifen jagte den nächsten und bis auf eine überraschende Ausnahme waren sie tatsächlich alle wundervoll schlecht. Caleb war fast ein wenig erleichtert, als er sich selbst dabei erwischte, FunFacts über 'Paranormal Activity' zu suchen, statt über sein Leben nachzudenken. Was in einem anderen Kontext vielleicht etwas bedenklich wäre. Obwohl er sich nicht vormachen musste, dass er irgendwie auf dem Weg der Besserung war. Er wusste genau, dass die Selbstvorwürfe wiederkommen würden, sobald er die Augen schloss. Seine ganz eigenen Dämonen, offensichtlich, nur dass er keine Kamera brauchte um zu wissen, was ihn wach hielt.
      Er war halb durch den zweiten Paranormal Activity Film durch - die perfekte Reihe, wenn man ein bisschen gehobenen Trash haben wollte - als es klingelte. Sein erster Reflex war es nichts zu tun. Er erwartete keinen Besuch, er erwartete keine Lieferung und er hatte keine Lust, sich mit irgendwelchen Vertretern oder religiösen Spinnern auseinandersetzen zu müssen, die von Tür zu Tür liefen, als wäre es ein olympischer Sport. Dann gab er sich einen Ruck. Es konnte immer noch ein Paket für die Nachbarn sein, die...er zwar nicht kannte, aber wenn er schon zuhause hing, konnte er sich ja vielleicht nützlich machen. Oder es war Niamh, die sich dazu entschieden hatte, ihn einfach eigenhändig mit zum nächsten Flughafen zu zerren. Irgendwie wünschte er sich das fast. Vielleicht wäre er woanders auf der Welt gerade besser aufgehoben, zu weit weg von allem, um irgendwelche blöden Entscheidungen zu treffen.
      Er griff im Vorbeigehen nach seinem Handy, bevor er den Türöffner für die Haustür drückte und sich in seine Wohnungstür lehnte. April schien die Sache mit der Party wirklich wichtig zu sein. Er beantwortete ihr neustes Argument, sowie die fünf davor schon, mit einem kurzen 'Nein' und musste fast ein bisschen lächeln, als sofort die drei kleinen Punkte am unteren Rand des Chats auftauchten die signalisierten, dass April sich bereits Argument Nummer Sechs aus dem Ärmel schüttelte.
      Das Lächeln erstarb, als der Aufzug auf seiner Etage hielt und Richard ausstieg.
      Caleb blinzelte kurz, bevor er ein ziemlich unbeeindrucktes "Oh" ausstieß. Richard wiederzusehen war unfassbar seltsam. Ein Teil von ihm wollte ihn aus purer Gewohnheit wieder in die Wohnung ziehen, ihn küssen und so tun, als ob nichts passiert wäre. Seine Nase war offensichtlich wieder verheilt und Richard sah wie immer so aus, als ob er gerade von einem Fotoshooting für ein Sportmagazin komme würde. Caleb selbst kam sich im Gegensatz zu ihm in seinem Oversizepullover und der Jogginghose vor wie jemand, der...wegen Depressionen sein Haus die ganze Woche noch nicht verlassen hatte halt.
      "Du kannst dich direkt wieder umdrehen und gehen", informierte er sein Gegenüber, während er sein Handy in seine Hosentasche schob, um seine Arme vor seiner Brust zu verschränken. Er war zu müde für das alles hier und zu verzweifelt und zu wütend und...alles, irgendwie.
    • Richard

      "Dir auch guten Morgen", murmelte Richard, leicht abwesend, weil Calebs Anblick ihn eben ein bisschen von der Rolle gebracht hatte, so, als hätte er ihn seit drei Jahren nicht gesehen. Dann realisierte er, dass das kein idealer Start war, machte ein paar schnelle Schritte zur Tür und war bereit, die Tür offen zu halten, falls sie ihm gleich vor der Nase zugeschmissen wurde.
      "Ähem…" Irgendwie wollte er Caleb sagen, dass er gut aussah, das tat er auch, aber gleichzeitig dermaßen tot, dass er es vermutlich als Scherz verstehen würde, darum hielt Richard den Mund. "Du lässt mich nicht rein, hm?", scherzte er zaghaft, aber das leichte Lächeln verschwand sobald er sich nochmal Calebs irritierten Gesichtsausdruck genauer ansah. "Sorry" Verdammt, war das immer so schwer? Wie entschuldigte man sich in so einer Situation ohne dass es aufgesetzt klang?
      "Ich dachte, wir könnten kurz darüber reden, was im Krankenhaus passiert ist", sagte er nach einem Räuspern. Seine Augen huschten zwischen Calebs Gesicht, dem Türrahmen und seinen eigenen Schuhen hin und her. Das Verlangen, ganz einfach über die Türschwelle zu treten und so zu tun, als wäre alles normal, war groß. Das machte ihn ein wenig nervös. Er hatte vielleicht doch etwas mehr zu verlieren, als er dachte. "Also… es war… ziemlich unangebracht… Andrew im Krankenzimmer anzugehen. Oder… ihn allgemein anzugehen, nehme ich an. Ich wollte dich… eigentlich wirklich unterstützen" Es lag Richard auf der Zunge, sich selbst irgendwie zu verteidigen. Dass Caleb doch zugeben musste, dass Andrew einen mit seiner alleinigen Existenz aggressiv machen konnte, aber da würde er vielleicht nicht zustimmen und Richard wollte gerade kein Risiko eingehen.
      "Tut… mir… leid" Urgh. Er presste die Lippen aufeinander und wartete eine Reaktion ab. Aber das war doch ganz akzeptabel, oder?
      ✦ . ⁺   . ✦ .  ⁺   . ✦⁺   . ✦ .  ⁺   . ✦⁺   . ✦ .  ⁺   . ✦
    • Caleb

      Warum hatte er die Tür überhaupt geöffnet? Er wusste nicht mal, wie seine Nachbarn aussahen! Selbst wenn es nur um ein Paket für sie gegangen wäre, wären sie ihm bestimmt nicht böse gewesen, wenn er es ignoriert hätte. Stattdessen musste er sich jetzt mit Richard auseinandersetzen, der halbfertige Entschuldigungen vor sich herstotterte. Wundervoll.
      Caleb zog kritisch die Augenbrauen nach oben, als Richard offensichtlich fertig war und ihn ansah. "Das war's?" Er hatte zeitgleich mit mehr und weniger gerechnet, was ein ziemliches Kunststück war. Er hatte nie damit gerechnet, dass Richard überhaupt genug Selbstkritik ausüben konnte, um sich darüber bewusst zu sein, dass er im Unrecht gewesen war und sich entschuldigen würde. Er hatte allerdings auch mit deutlich mehr als einem bloßen 'Tut mir leid' gerechnet, als das Stottern angefangen hatte. Warum war er überhaupt hier? Diese Unterhaltung hätte ein wundervoller Chatverlauf sein können, den Caleb nach der ersten Nachricht blockiert hätte. Zumindest redete er sich das selbst ein, während er sämtliche alberne Hoffnung auf andere Erklärungen im Keim erstickte.
      "Gratulation zur Selbsterkenntnis, schätze ich? Kannst du jetzt mit der Sache abschließen? Hast du deinen Seelenfrieden gefunden?" Er selbst hatte das nämlich definitiv nicht. Aber er brauchte keine Aussprache. Er brauchte keine abschließende Bestätigung, dass er sich in etwas reingesteigert hatte, was nie funktioniert hätte. Er brauchte nur Ruhe und Abstand.
      "Oder muss ich diese furchtbare Entschuldigung dafür annehmen?", fuhr er fort. "Dann muss ich dich nämlich leider enttäuschen. Ich habe immer noch diese komplette, beschissene Szene aus dem Krankenhaus im Kopf, jedes mal, wenn ich die Augen schließe. Aber hey, wenn du in dem Tempo weiter machst, fällt dir Ende des Jahres vielleicht selbst auf, was für ein Arschloch du bist." Irgendwie fühlte sich die Wut, die in ihm hochkochte, fast befreiend an. Wahrscheinlich war es einfach therapeutisch wertvoll, ab und an mal andere Leute zu kritisieren und nicht immer nur sich selbst. Vielleicht hätte er das viel früher machen sollen, statt immer nur nachzugeben, um den Frieden zu wahren. Obwohl es bisher noch niemand so geschafft hatte ihm das Herz zu brechen, wie Richard es getan hatte.
    • Richard

      Okay, Caleb fand es also nicht unbedingt akzeptabel. Richard verzog erst das Gesicht etwas, während er überlegte, was er noch hätte sagen können, das Caleb vielleicht gefiel. So furchtbar hatte er die Entschuldigung selbst garnicht gefunden. Seinen Seelenfrieden hatte Richard jedenfalls nicht gefunden, bevor er wieder auf der anderen Seite dieser Türschwelle stand. Es half der Situation aber wahrscheinlich nicht, dass Richard sich irgendwie darüber freute, dass Caleb wohl ständig an ihn dachte.
      „Nein, warte“, sagte er schlussendlich. Er würde so leicht nicht aufgeben. Eigentlich würde er garnicht aufgeben. Es wäre nur schön, wenn er wüsste, was er sagen sollte. Irgendwie klang es ja, als wollte Caleb, dass Richard realisierte, wie falsch er sich verhalten hatte. Gut, okay.
      „Du hast recht, ich hätte dafür mehr verdient als eine blutige Nase. Ich war ein Arschloch. Ich wollte dir nicht… äh… das Gefühl geben, dass ich nicht über Andrew hinweg bin, die Situation war einfach sehr schräg und ich… ehrlich gesagt glaube ich, dass der Schlag ins Gesicht mich ein bisschen gerade gerückt hat, weißt du? Ich will überhaupt nichts von diesem Trottel, ich will… nur… was von dir“ Okay, sogar Richard fiel gerade auf, dass sie das sogar in kitschigen Liebesfilm besser hinbekamen. Genau deshalb hatte er ungern unrecht. Er seufzte etwas angestrengt und machte sich langsam selbst ungeduldig. Er stützte einen Arm an den Türstock.
      „Ich meine nicht, ich will etwas von dir, ich meine, ich will dich. Klar?“ Ihm kam gleich das Kotzen. „Ich weiß außerdem, dass ich ein Arschloch bin, das ist so ziemlich mein Image, aber das wusstest du ja auch, oder? Ich hab mich nicht verstellt. Ich meine, es gibt nicht viele Dinge die ich bereue, aber das im Krankenhaus ist jedenfalls eins davon“ Zumindest hätte er sich das Ganze verkneifen können, bis Caleb mal nicht anwesend war. Oder bis er über die Sache mit Ezra hinweg war oder so. Zugegeben war es wahrscheinlich etwas viel für einen Tag gewesen.
      ✦ . ⁺   . ✦ .  ⁺   . ✦⁺   . ✦ .  ⁺   . ✦⁺   . ✦ .  ⁺   . ✦