Lorae
Schon als ich den Raum betreten hatte, war da so eine eigenartige Atmosphäre. Sie hatten über irgendetwas gesprochen, doch bekam ich nicht genau mit, um was es ging. Egal was es war; ich hätte mich auf Baldr's Seite gestellt.
Bei dem Kartenspiel war ich mich nicht so sicher, ob es mir gefiel oder nicht. Besonders gut war ich darin jedenfalls nicht. Aber ich war bisher auch nicht wirklich eine gesellige Person. Jetzt, wo ich nichts verheimlichen musste - jedenfalls mein Geschlecht - würde sich das vermutlich ändern. Ich war gern mit Baldr allein - jetzt noch viel lieber als sonst - aber ich genoss auch die Zeit mit den anderen. Es gefiel mir, mehr als nur einen Freund zu haben. Natürlich würde niemand Baldr vom ersten Platz stoßen können.
Dann sank die Stimmung in meinen Augen jedoch sehr rasch, als Ruven beiläufig erwähnte, worum man noch spielen könnte, abgesehen vom Geld. Meinte er das ernst? Es sah eigentlich nicht so aus, aber Baldr hatte irgendwie zugestimmt. Oder doch nicht? Ich war mir nicht sicher. Nur wenig später, rutschte Baldr etwas gemeines gegenüber Ruven und etwas peinliches über mich heraus, weshalb ich versucht hatte es zu schlichten.
Ob das wirklich funktioniert hatte, konnte ich nicht behaupten. Jedenfalls verließ Ruven uns. Baldr entschuldigte sich und dann wandte er sich mir zu. Ich hatte nicht vor, mich jedem nackt zu präsentieren, auch wenn es mich so eigentlich gar nicht groß kümmerte. Baldr kannte mein Geheimnis und vor ihm hatte ich mich nie geziert. Jetzt wussten es alle, aber ich sollte mich wohl lieber nicht in jeder Hinsicht so benehmen, als wären Baldr und ich allein.
Ich lächelte ihm zu, was meine Zustimmung ausdrücken sollte, ehe ich ihm in unser Zimmer folgte und mir dort das Nachthemd von Lisbeth anzog, um mich mit Baldr ins Bett zu legen. Es war ein unglaublich schönes Gefühl so in seinen Armen zu liegen und die Wärme seines Körpers zu spüren. Ich fühlte mich sicher, obwohl doch ich diejenige sein wollte, die Baldr vor allem Übel beschützen wollte.
Allerdings schlief ich viel zu schnell ein, sodass ich mich nicht lange an diesem Gefühl erfreuen konnte.
So gut hatte ich noch nie geschlafen.. Es war im Nachhinein doch etwas beunruhigend, dass ich so lang - und so fest - geschlafen hatte, dass die anderen bereits aufgestanden waren. Einer der beiden hatte wohl das Fenster geöffnet, weshalb eine frische Brise hereinwehte. Ich.. wollte noch nicht aufstehen.. Was für mich ungewöhnlich war, denn ich konnte nie lange still sitzen oder liegen. Aber in diesem Augenblick wollte ich einfach nicht von Baldr's Seite weichen. Leider war er mir nicht mehr so nah wie vor dem Einschlafen, weshalb ich an ihn schmiegte und meinen Kopf auf seine Brust legte. Ich ließ meine Augen geschlossen und lauschte seinem Herzschlag, was mich zum Lächeln brachte.
____
Ruven Avenor
Baldr hatte sich zwar entschuldigt, aber ich bezweifelte, dass wir so schnell wieder spielen würden. Zumindest hatte er nicht die Absicht mich zu verletzen, wobei er sich vermutlich gar nicht bewusst war, dass es mich verletzen könnte.
Allerdings war ich noch nie nachtragend gewesen. David hatte Theo und mich in jüngeren Jahren oft schikaniert. Ich wusste nicht wieso und er hatte damit auch aufgehört, als er so langsam erwachsen wurde, aber dadurch war ich wohl niemandem gegenüber sehr nachtragend. David war schließlich mein Bruder und wir hatten auch damals ein paar schöne Momente. Deshalb verzieh ich anderen ihre Fehler immer recht schnell und galt deswegen wohl als viel zu gutgläubig, denn ich glaubte immerhin wirklich daran, dass es nicht böse gemeint war. Objektiv betrachtet konnte ich Baldr's Aussage vollkommen verstehen.
Am nächsten Morgen aß ich mit Marius zum Frühstück und beobachtete die Jüngeren ein wenig. Sie wussten noch immer nichts von dem, was an der Akademie passiert war. Wie lange sie die Geschichte wohl glauben würden?
Danach begleitete ich Marius wieder bei seinem inzwischen täglichen Besuch bei Lisbeth, nachdem er kurz bei der Klinik vorbeigeschaut hatte. Es war viertel nach Neun, als wir das Waisenhaus erreichten. Die Kinder hatten gegessen, beim Aufräumen geholfen und wollten nun in den Hof zum Spielen. Ich beschäftigte mich ebenfalls mit einigen von ihnen und las denen, die interessiert waren, aus einem Märchenbuch vor. Dabei bemerkte ich die Blicke der beiden, die sie immer wieder austauschten. Es war ähnlich wie bei Baldr und Lorae, was zweifelsohne denselben Grund hatte.
_____
Meredith Ravel
Obwohl ich die Schmiede heute nicht vorheizte, war ich früh auf den Beinen. Ich hatte mich einfach so sehr daran gewöhnt, dass es zu einem selbstverständlichen Rhythmus geworden war.
Gerade als ich den Bogen noch einmal begutachtete und alles nötige zusammenpackte, um ihn später zu präsentieren, klopfte es an der Tür. Mein Blick ging zur Uhr: Kurz nach sieben.. Wer würde mich so früh besuchen?
Glücklicherweise stellte der Besucher sich als Valerius heraus, der wohl wieder meinen Hinterhof nutzen wollte. Hatte er denn keinen anderen Ort zum Trainieren? Allerdings hatte er einen Korb dabei, aus dem der Geruch von frischen Brot stieg.
"Ich war einkaufen..", teilte er mir das offensichtliche mit und ging schnurstracks in die Küche, als würde er hier wohnen. Klar.. nur hereinspaziert. Er war zwar nicht so der gesprächigste, aber sehr nett und ziemlich zuvorkommend. Er hätte auch ganz allein in der Taverne frühstücken können, doch stattdessen besorgte er etwas für uns und das scheinbar von seinem eigenen Geld.
"Danke. Das wär nicht nötig gewesen."
"Doch, finde ich schon. Du wirkst wie jemand, der alles um sich herum vergisst, wenn er sich erstmal auf etwas fokussiert hat. Du hast auch nicht besonders viel getrunken."
Das war bisher der längste Satz, den er zu mir gesagt hatte und dann klang er auch noch so unnötig fürsorglich. Er war doch nicht meine Mutter..
Wenig später saß ich dann also da. Mit ihm am Esstisch und ließ es mir schmecken. Ich fragte mich, was er für ein Typ war. Es wirkte nicht so, als täte er das, um mich damit irgendwie zu umgarnen. Er war auch viel zu distanziert dafür und hatte bisher noch kein einziges Mal gelächelt, was einem beim Süßholzsraspeln helfen würde. Also hatte er nicht vor mich zu belästigen. Fein.
Anschließend zeigte ich ihm den Bogen, den er sehr genau prüfte. Sein Gewicht, die Spannung.
"Man muss ihn nicht abspannen, wenn man ihn für eine längere Zeit nicht nutzt." Das war ein großer Vorteil, denn er war zum einen immer griffbereit und zum anderen nahm die Sehne durch die Kabel keinen Schaden.
"Allerdings ist er dafür ein wenig umständlicher zu transportieren." Einen Haken gab es leider immer, aber das sollte kein schwerwiegender Kritikpunkt sein.
"Interessant...", meinte er nur, ehe ich ihm den Aufbau erklärte und kein Detail ausließ, da er wirklich interessiert aussah.
Doch nur 2 Stunden, nachdem Valerius an meine Tür geklopft hatte, klopfte es erneut.
Ich öffnete die Tür und erblickte überraschenderweise den General. Dabei war ich davon ausgegangen, dass ich zu ihm kommen müsste, da ich ja schließlich auch etwas von ihm wollte. Natürlich ließ ich ihn eintreten und ging zurück an den Tisch, auf dem der Bogen lag. Die Konstruktion war kein Hexenwerk, doch enorm effektiv. Außerdem hatte ich dazu auch ein Dutzend spezieller Pfeile gemacht. Man könnte damit natürlich auch die gewöhnlichen Pfeile aus Holz verwenden, aber diese bestanden zum Großteil aus Carbon und waren dadurch nicht nur durchschlagskräftiger, sondern auch wesentlich schneller als Holzpfeile.
Zum Vergleich hatte Valerius seinen eigenen Bogen und einen Köcher voller Pfeile mitgebracht. Immerhin bräuchte man einen Vergleich, wenn wir die Unterschiede verdeutlichen wollten. Ich war zwar fest von meinem Werk überzeugt, aber auch ein wenig nervös. Aber ob sie davon ebenso überzeugt sein würden, wie ich? Manchmal waren Männer zu stolz, um eine Frau zu loben. Ihr Pech, wenn sie ihren Horizont nicht erweitern wollten.
Schon als ich den Raum betreten hatte, war da so eine eigenartige Atmosphäre. Sie hatten über irgendetwas gesprochen, doch bekam ich nicht genau mit, um was es ging. Egal was es war; ich hätte mich auf Baldr's Seite gestellt.
Bei dem Kartenspiel war ich mich nicht so sicher, ob es mir gefiel oder nicht. Besonders gut war ich darin jedenfalls nicht. Aber ich war bisher auch nicht wirklich eine gesellige Person. Jetzt, wo ich nichts verheimlichen musste - jedenfalls mein Geschlecht - würde sich das vermutlich ändern. Ich war gern mit Baldr allein - jetzt noch viel lieber als sonst - aber ich genoss auch die Zeit mit den anderen. Es gefiel mir, mehr als nur einen Freund zu haben. Natürlich würde niemand Baldr vom ersten Platz stoßen können.
Dann sank die Stimmung in meinen Augen jedoch sehr rasch, als Ruven beiläufig erwähnte, worum man noch spielen könnte, abgesehen vom Geld. Meinte er das ernst? Es sah eigentlich nicht so aus, aber Baldr hatte irgendwie zugestimmt. Oder doch nicht? Ich war mir nicht sicher. Nur wenig später, rutschte Baldr etwas gemeines gegenüber Ruven und etwas peinliches über mich heraus, weshalb ich versucht hatte es zu schlichten.
Ob das wirklich funktioniert hatte, konnte ich nicht behaupten. Jedenfalls verließ Ruven uns. Baldr entschuldigte sich und dann wandte er sich mir zu. Ich hatte nicht vor, mich jedem nackt zu präsentieren, auch wenn es mich so eigentlich gar nicht groß kümmerte. Baldr kannte mein Geheimnis und vor ihm hatte ich mich nie geziert. Jetzt wussten es alle, aber ich sollte mich wohl lieber nicht in jeder Hinsicht so benehmen, als wären Baldr und ich allein.
Ich lächelte ihm zu, was meine Zustimmung ausdrücken sollte, ehe ich ihm in unser Zimmer folgte und mir dort das Nachthemd von Lisbeth anzog, um mich mit Baldr ins Bett zu legen. Es war ein unglaublich schönes Gefühl so in seinen Armen zu liegen und die Wärme seines Körpers zu spüren. Ich fühlte mich sicher, obwohl doch ich diejenige sein wollte, die Baldr vor allem Übel beschützen wollte.
Allerdings schlief ich viel zu schnell ein, sodass ich mich nicht lange an diesem Gefühl erfreuen konnte.
So gut hatte ich noch nie geschlafen.. Es war im Nachhinein doch etwas beunruhigend, dass ich so lang - und so fest - geschlafen hatte, dass die anderen bereits aufgestanden waren. Einer der beiden hatte wohl das Fenster geöffnet, weshalb eine frische Brise hereinwehte. Ich.. wollte noch nicht aufstehen.. Was für mich ungewöhnlich war, denn ich konnte nie lange still sitzen oder liegen. Aber in diesem Augenblick wollte ich einfach nicht von Baldr's Seite weichen. Leider war er mir nicht mehr so nah wie vor dem Einschlafen, weshalb ich an ihn schmiegte und meinen Kopf auf seine Brust legte. Ich ließ meine Augen geschlossen und lauschte seinem Herzschlag, was mich zum Lächeln brachte.
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Ruven Avenor
Baldr hatte sich zwar entschuldigt, aber ich bezweifelte, dass wir so schnell wieder spielen würden. Zumindest hatte er nicht die Absicht mich zu verletzen, wobei er sich vermutlich gar nicht bewusst war, dass es mich verletzen könnte.
Allerdings war ich noch nie nachtragend gewesen. David hatte Theo und mich in jüngeren Jahren oft schikaniert. Ich wusste nicht wieso und er hatte damit auch aufgehört, als er so langsam erwachsen wurde, aber dadurch war ich wohl niemandem gegenüber sehr nachtragend. David war schließlich mein Bruder und wir hatten auch damals ein paar schöne Momente. Deshalb verzieh ich anderen ihre Fehler immer recht schnell und galt deswegen wohl als viel zu gutgläubig, denn ich glaubte immerhin wirklich daran, dass es nicht böse gemeint war. Objektiv betrachtet konnte ich Baldr's Aussage vollkommen verstehen.
Am nächsten Morgen aß ich mit Marius zum Frühstück und beobachtete die Jüngeren ein wenig. Sie wussten noch immer nichts von dem, was an der Akademie passiert war. Wie lange sie die Geschichte wohl glauben würden?
Danach begleitete ich Marius wieder bei seinem inzwischen täglichen Besuch bei Lisbeth, nachdem er kurz bei der Klinik vorbeigeschaut hatte. Es war viertel nach Neun, als wir das Waisenhaus erreichten. Die Kinder hatten gegessen, beim Aufräumen geholfen und wollten nun in den Hof zum Spielen. Ich beschäftigte mich ebenfalls mit einigen von ihnen und las denen, die interessiert waren, aus einem Märchenbuch vor. Dabei bemerkte ich die Blicke der beiden, die sie immer wieder austauschten. Es war ähnlich wie bei Baldr und Lorae, was zweifelsohne denselben Grund hatte.
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Meredith Ravel
Obwohl ich die Schmiede heute nicht vorheizte, war ich früh auf den Beinen. Ich hatte mich einfach so sehr daran gewöhnt, dass es zu einem selbstverständlichen Rhythmus geworden war.
Gerade als ich den Bogen noch einmal begutachtete und alles nötige zusammenpackte, um ihn später zu präsentieren, klopfte es an der Tür. Mein Blick ging zur Uhr: Kurz nach sieben.. Wer würde mich so früh besuchen?
Glücklicherweise stellte der Besucher sich als Valerius heraus, der wohl wieder meinen Hinterhof nutzen wollte. Hatte er denn keinen anderen Ort zum Trainieren? Allerdings hatte er einen Korb dabei, aus dem der Geruch von frischen Brot stieg.
"Ich war einkaufen..", teilte er mir das offensichtliche mit und ging schnurstracks in die Küche, als würde er hier wohnen. Klar.. nur hereinspaziert. Er war zwar nicht so der gesprächigste, aber sehr nett und ziemlich zuvorkommend. Er hätte auch ganz allein in der Taverne frühstücken können, doch stattdessen besorgte er etwas für uns und das scheinbar von seinem eigenen Geld.
"Danke. Das wär nicht nötig gewesen."
"Doch, finde ich schon. Du wirkst wie jemand, der alles um sich herum vergisst, wenn er sich erstmal auf etwas fokussiert hat. Du hast auch nicht besonders viel getrunken."
Das war bisher der längste Satz, den er zu mir gesagt hatte und dann klang er auch noch so unnötig fürsorglich. Er war doch nicht meine Mutter..
Wenig später saß ich dann also da. Mit ihm am Esstisch und ließ es mir schmecken. Ich fragte mich, was er für ein Typ war. Es wirkte nicht so, als täte er das, um mich damit irgendwie zu umgarnen. Er war auch viel zu distanziert dafür und hatte bisher noch kein einziges Mal gelächelt, was einem beim Süßholzsraspeln helfen würde. Also hatte er nicht vor mich zu belästigen. Fein.
Anschließend zeigte ich ihm den Bogen, den er sehr genau prüfte. Sein Gewicht, die Spannung.
"Man muss ihn nicht abspannen, wenn man ihn für eine längere Zeit nicht nutzt." Das war ein großer Vorteil, denn er war zum einen immer griffbereit und zum anderen nahm die Sehne durch die Kabel keinen Schaden.
"Allerdings ist er dafür ein wenig umständlicher zu transportieren." Einen Haken gab es leider immer, aber das sollte kein schwerwiegender Kritikpunkt sein.
"Interessant...", meinte er nur, ehe ich ihm den Aufbau erklärte und kein Detail ausließ, da er wirklich interessiert aussah.
Doch nur 2 Stunden, nachdem Valerius an meine Tür geklopft hatte, klopfte es erneut.
Ich öffnete die Tür und erblickte überraschenderweise den General. Dabei war ich davon ausgegangen, dass ich zu ihm kommen müsste, da ich ja schließlich auch etwas von ihm wollte. Natürlich ließ ich ihn eintreten und ging zurück an den Tisch, auf dem der Bogen lag. Die Konstruktion war kein Hexenwerk, doch enorm effektiv. Außerdem hatte ich dazu auch ein Dutzend spezieller Pfeile gemacht. Man könnte damit natürlich auch die gewöhnlichen Pfeile aus Holz verwenden, aber diese bestanden zum Großteil aus Carbon und waren dadurch nicht nur durchschlagskräftiger, sondern auch wesentlich schneller als Holzpfeile.
Zum Vergleich hatte Valerius seinen eigenen Bogen und einen Köcher voller Pfeile mitgebracht. Immerhin bräuchte man einen Vergleich, wenn wir die Unterschiede verdeutlichen wollten. Ich war zwar fest von meinem Werk überzeugt, aber auch ein wenig nervös. Aber ob sie davon ebenso überzeugt sein würden, wie ich? Manchmal waren Männer zu stolz, um eine Frau zu loben. Ihr Pech, wenn sie ihren Horizont nicht erweitern wollten.
~ ♦ ~ Die Freiheit der Phantasie ist keine Flucht in das Unwirkliche; sie ist Kühnheit und Erfindung. ~ ♦ ~
- Eugene Ionesco
- Eugene Ionesco