Lorae / Leon
Obwohl Oliver sich Sorgen um Theo machte, wagte er es nicht irgendjemanden nach ihm zu fragen. Nicht einmal Harald, von dem er wusste, dass er zu Theo gehörte.
Ich widmete mich mit Laib und Seele meinem Training. Jeder blaue Fleck war mir eine Lehre, dass ich noch nicht an meinem Ziel war. Damit würden sie mich aber nicht davon abhalten. Marius hingegen war ziemlich am Schnaufen, obwohl er sich große Mühe gegeben hatte, keine Schwäche zu zeigen. Vermutlich weil er nicht schlechter dastehen wollte, als jemand der gut einen Kopf kürzer war als er.
Als Levi plötzlich hereinplatzte, sah ich mit großen Augen zu ihm rüber. Ich war sehr erleichtert ihn zu sehen. Gleichzeitig fragte ich mich allerdings, ob meine Haare noch richtig lagen. Die Zähne hatte ich mir geputzt, frische Kleidung hatte ich auch vor dem Training angezogen. Wenn er wollte, würde er aber bestimmt irgendetwas finden.
Doch er forderte ein Gespräch mit dem General und Basim. Sobald sie die Trainingshalle verlassen hatten, ging das Training für uns weiter.
Was im Glockenturm vor ging, entzog sich meinem Wissen. Auch von den beiden Gefangenen hatte ich keine Ahnung.
____
Ruven Avenor
"Haaach, wie dumm seid ihr eigentlich?" Isabelle war über irgendetwas erzürnt und drückte die Hacke ihres Schuhs in die Schulter des auf den Knien und auf Händen gebeugten Mannes.
"Isabelle. Geh." Mehr sagte der grauhaarige Mann mit dem Vollbart nicht, der hinter ihr an seinem Schreibtisch saß.
"Ja, Vater." Ohne wenn und aber, verließ sie das Büro ihres Vaters im obersten Stockwerk ihres Anwesens. Es missfiel ihr zwar, aber Auflehnen brachte hier nichts. Er hätte sie vermutlich gar nicht erst eingeweiht, wenn sie sich nicht als nützlich erwiesen hätte. Immerhin war sie bereit ihren weiblichen Charme für seine Zwecke einzusetzen und er konnte ihr wohl mehr vertrauen, als jemand anderem.
Eine halbe Stunde später verließ sie das Anwesen in einfacher Kleidung, um nicht als Adlige erkannt zu werden. Sogar das Make-Up hatte sie entfernt, doch war sie deshalb nicht weniger schön. Ihre Lippen hatten anstelle des saftigen Rots nun ein zartes Rosa und ihre blassen Sommersprossen kamen zum Vorschein. Das Haar hatte sie zu einem Zopf nach vorn geflochten und so setzte sie als einfache Frau ihren Weg durch die Stadt vor. Zu Fuß, denn welches Fußvolk hatte schon eine Kutsche? Ein Nachteil an ihrem Job.
Irgendetwas ging doch in dieser Akademie vor sich. Ein Ausflug von Schülern in die Hauptstadt? Wozu? Das sich hier ein paar Grüppchen von Rekruten herumtrieb, blieb ihrem Vater natürlich nicht unbekannt.
Isabelle hatte das einfache Volk schon oft beobachtet, um ihre Gangart, ihren Gesichtsausdruck und ihre Sprechweise zu kopieren. So bahnte sie sich ihren Weg durch die Passanten und erreichte schließlich den Park, wo sie ein paar unaufällige Bürger am Straßenrand hinlotsten. Es war kein Zeichen, dass sie verriet. Sie musste sich alle Gesichter des Gefolges ihres Vaters merken und wusste nur dadurch, dass sie dort standen, dass dies die richtige Richtung war. Sie kauften, verkauften, unterhielten sich mit anderen. Das ganz normale Leben.
Im Park angekommen, streckte sie sich ein wenig und ging spazieren. Mit einem Lächeln auf den Lippen ging sie an der Gruppe von Schülern vorbei und setzte sich auf eine Bank.
Als ich diese junge Frau erblickte, war ich ein wenig verwirrt, denn sie sah Lady Isabelle zum Verwechseln ähnlich, aber ich hatte sie noch nie zuvor in einem so farblosen, schlichtem Kleid gesehen. Selbst bei ihrem Besuch in der Bäckerei trug sie nur die edelsten Stoffe. Womöglich war sie es gar nicht. Das Mädchen auf der Bank hatte Sommersprossen, ich wüsste nicht, dass Isabelle welche gehabt hätte. Doch als sich unsere Blicke trafen, hatte ich das Gefühl, als würde sie mich - und nur mich - ansehen. Als hätte sie.. nach mir gesucht? Wollte sie mit mir sprechen?
Da gerade eh jeder tat, wonach ihm war, ging ich zu ihr rüber. Es waren die gleichen smaragdgründen Augen, wie Isabelle.
"Isabelle? Ich mein L-"
"Spar dir das bitte, Ruven. Setz dich doch. Es ist nicht nötig, mich so förmlich anzusprechen."
Okay.. wenn sie das sagte.. Etwas verdutzt nahm ich neben ihr Platz und wusste gar nicht, was ich sagen sollte.
Sie schwieg ebenfalls und erhob erst ihre Stimme, als ich sie ansah und den Mund öffnen wollte.
"Schön dich zu sehen.." Ihr Lächeln war wunderschön, aber das konnte ich nur objektiv behaupten, denn es löste rein gar nichts in mir aus.
"Was.. machst du hier?" Am meisten verwirrte mich ihre Kleidung.
Sie wollte etwas sagen, hielt jedoch inne, sah mich nur an und wandte dann verlegen ihren Blick ab.
"Ach weißt du.." Nun sah sie mich wieder an. Sie war ja nicht so schüchtern wie ich, weshalb mir ihr Blick ein wenig unangenehm war. "Ich hab' gehört, dass du wieder in Praha bist. Da hab ich dich doch glatt verpasst. Ich war kürzlich erst in der Bäckerei. Schade." Sie lächelte noch immer und so wie sie mir in die Augen sah, wären die meisten Männer wohl dahingeschmolzen. Ich behielt meinen verwirrten Blick bei.
Nun biss sie sich auch noch leicht auf die Unterlippe und diese Stille fühlte sich für mich fast unerträglich an. Versuchte sie etwa mich zu verführen?! Wieso? Ich war doch jünger als sie. Das.. war eigenartig.. Natürlich war sie hübsch und nett, aber..
Gerade als ich den Mut aufgebracht hatte - vielleicht irrte ich mich ja, was äußerst peinlich wäre - mich zu entschuldigen - immerhin zog das bei mir nicht - sah es ganz so aus, als wolle sie etwas sagen, weshalb ich schwieg.
"Was machst du denn hier? Seht ihr euch die Stadt an? Hat euer Ausbilder auch von den faszinierenden Geschichten der anderen Völker erzählt? Sie machen Praha schließlich zu dem, was es heute ist." Ja, das stimmte.
"Ja. Alle Rekruten durften an diesem Ausflug teilnehmen."
"Ah. Nun, als Ritter sollte man ja auch was im Kopf haben, nicht?" Sie kicherte leise, was schon ziemlich niedlich war, aber ich konnte dem wirklich nichts abgewinnen.
"Manchmal wird mir dieses Leben als Adlige ein wenig zu viel.. Man erwartet immer Perfektion von uns. Wir müssen doch den guten Ruf der Familie wahren. Deshalb.. verkleide ich mich manchmal und seh mir gern die anderen Menschen an. Es ist faszinierend, dass manche von ihnen so.. unbeschwert sind.." Sie wandte ihren Blick ab und sah zu einem Baum hinter mir. "Da."
Ich drehte meinen Kopf und entdeckte das junge Paar unter dem Baum. Sie schienen sehr glücklich zu sein und sahen einander verliebt an. Das war ein schöner Anblick, wenn sich zwei Menschen so liebten.
"Ich beneide sie... Sie dürfen sich frei entscheiden, wen sie heiraten wollen. Für mich entscheidet mein Vater.." Sie seufzte leise. Als Frau, besonders als Adlige, hatte man es wohl nicht leicht.. Ich sah es ja an meiner kleinen Schwester. Meiner Mutter war es sehr wichtig, dass sie einen Mann finden würde.
Obwohl Oliver sich Sorgen um Theo machte, wagte er es nicht irgendjemanden nach ihm zu fragen. Nicht einmal Harald, von dem er wusste, dass er zu Theo gehörte.
Ich widmete mich mit Laib und Seele meinem Training. Jeder blaue Fleck war mir eine Lehre, dass ich noch nicht an meinem Ziel war. Damit würden sie mich aber nicht davon abhalten. Marius hingegen war ziemlich am Schnaufen, obwohl er sich große Mühe gegeben hatte, keine Schwäche zu zeigen. Vermutlich weil er nicht schlechter dastehen wollte, als jemand der gut einen Kopf kürzer war als er.
Als Levi plötzlich hereinplatzte, sah ich mit großen Augen zu ihm rüber. Ich war sehr erleichtert ihn zu sehen. Gleichzeitig fragte ich mich allerdings, ob meine Haare noch richtig lagen. Die Zähne hatte ich mir geputzt, frische Kleidung hatte ich auch vor dem Training angezogen. Wenn er wollte, würde er aber bestimmt irgendetwas finden.
Doch er forderte ein Gespräch mit dem General und Basim. Sobald sie die Trainingshalle verlassen hatten, ging das Training für uns weiter.
Was im Glockenturm vor ging, entzog sich meinem Wissen. Auch von den beiden Gefangenen hatte ich keine Ahnung.
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Ruven Avenor
"Haaach, wie dumm seid ihr eigentlich?" Isabelle war über irgendetwas erzürnt und drückte die Hacke ihres Schuhs in die Schulter des auf den Knien und auf Händen gebeugten Mannes.
"Isabelle. Geh." Mehr sagte der grauhaarige Mann mit dem Vollbart nicht, der hinter ihr an seinem Schreibtisch saß.
"Ja, Vater." Ohne wenn und aber, verließ sie das Büro ihres Vaters im obersten Stockwerk ihres Anwesens. Es missfiel ihr zwar, aber Auflehnen brachte hier nichts. Er hätte sie vermutlich gar nicht erst eingeweiht, wenn sie sich nicht als nützlich erwiesen hätte. Immerhin war sie bereit ihren weiblichen Charme für seine Zwecke einzusetzen und er konnte ihr wohl mehr vertrauen, als jemand anderem.
Eine halbe Stunde später verließ sie das Anwesen in einfacher Kleidung, um nicht als Adlige erkannt zu werden. Sogar das Make-Up hatte sie entfernt, doch war sie deshalb nicht weniger schön. Ihre Lippen hatten anstelle des saftigen Rots nun ein zartes Rosa und ihre blassen Sommersprossen kamen zum Vorschein. Das Haar hatte sie zu einem Zopf nach vorn geflochten und so setzte sie als einfache Frau ihren Weg durch die Stadt vor. Zu Fuß, denn welches Fußvolk hatte schon eine Kutsche? Ein Nachteil an ihrem Job.
Irgendetwas ging doch in dieser Akademie vor sich. Ein Ausflug von Schülern in die Hauptstadt? Wozu? Das sich hier ein paar Grüppchen von Rekruten herumtrieb, blieb ihrem Vater natürlich nicht unbekannt.
Isabelle hatte das einfache Volk schon oft beobachtet, um ihre Gangart, ihren Gesichtsausdruck und ihre Sprechweise zu kopieren. So bahnte sie sich ihren Weg durch die Passanten und erreichte schließlich den Park, wo sie ein paar unaufällige Bürger am Straßenrand hinlotsten. Es war kein Zeichen, dass sie verriet. Sie musste sich alle Gesichter des Gefolges ihres Vaters merken und wusste nur dadurch, dass sie dort standen, dass dies die richtige Richtung war. Sie kauften, verkauften, unterhielten sich mit anderen. Das ganz normale Leben.
Im Park angekommen, streckte sie sich ein wenig und ging spazieren. Mit einem Lächeln auf den Lippen ging sie an der Gruppe von Schülern vorbei und setzte sich auf eine Bank.
Als ich diese junge Frau erblickte, war ich ein wenig verwirrt, denn sie sah Lady Isabelle zum Verwechseln ähnlich, aber ich hatte sie noch nie zuvor in einem so farblosen, schlichtem Kleid gesehen. Selbst bei ihrem Besuch in der Bäckerei trug sie nur die edelsten Stoffe. Womöglich war sie es gar nicht. Das Mädchen auf der Bank hatte Sommersprossen, ich wüsste nicht, dass Isabelle welche gehabt hätte. Doch als sich unsere Blicke trafen, hatte ich das Gefühl, als würde sie mich - und nur mich - ansehen. Als hätte sie.. nach mir gesucht? Wollte sie mit mir sprechen?
Da gerade eh jeder tat, wonach ihm war, ging ich zu ihr rüber. Es waren die gleichen smaragdgründen Augen, wie Isabelle.
"Isabelle? Ich mein L-"
"Spar dir das bitte, Ruven. Setz dich doch. Es ist nicht nötig, mich so förmlich anzusprechen."
Okay.. wenn sie das sagte.. Etwas verdutzt nahm ich neben ihr Platz und wusste gar nicht, was ich sagen sollte.
Sie schwieg ebenfalls und erhob erst ihre Stimme, als ich sie ansah und den Mund öffnen wollte.
"Schön dich zu sehen.." Ihr Lächeln war wunderschön, aber das konnte ich nur objektiv behaupten, denn es löste rein gar nichts in mir aus.
"Was.. machst du hier?" Am meisten verwirrte mich ihre Kleidung.
Sie wollte etwas sagen, hielt jedoch inne, sah mich nur an und wandte dann verlegen ihren Blick ab.
"Ach weißt du.." Nun sah sie mich wieder an. Sie war ja nicht so schüchtern wie ich, weshalb mir ihr Blick ein wenig unangenehm war. "Ich hab' gehört, dass du wieder in Praha bist. Da hab ich dich doch glatt verpasst. Ich war kürzlich erst in der Bäckerei. Schade." Sie lächelte noch immer und so wie sie mir in die Augen sah, wären die meisten Männer wohl dahingeschmolzen. Ich behielt meinen verwirrten Blick bei.
Nun biss sie sich auch noch leicht auf die Unterlippe und diese Stille fühlte sich für mich fast unerträglich an. Versuchte sie etwa mich zu verführen?! Wieso? Ich war doch jünger als sie. Das.. war eigenartig.. Natürlich war sie hübsch und nett, aber..
Gerade als ich den Mut aufgebracht hatte - vielleicht irrte ich mich ja, was äußerst peinlich wäre - mich zu entschuldigen - immerhin zog das bei mir nicht - sah es ganz so aus, als wolle sie etwas sagen, weshalb ich schwieg.
"Was machst du denn hier? Seht ihr euch die Stadt an? Hat euer Ausbilder auch von den faszinierenden Geschichten der anderen Völker erzählt? Sie machen Praha schließlich zu dem, was es heute ist." Ja, das stimmte.
"Ja. Alle Rekruten durften an diesem Ausflug teilnehmen."
"Ah. Nun, als Ritter sollte man ja auch was im Kopf haben, nicht?" Sie kicherte leise, was schon ziemlich niedlich war, aber ich konnte dem wirklich nichts abgewinnen.
"Manchmal wird mir dieses Leben als Adlige ein wenig zu viel.. Man erwartet immer Perfektion von uns. Wir müssen doch den guten Ruf der Familie wahren. Deshalb.. verkleide ich mich manchmal und seh mir gern die anderen Menschen an. Es ist faszinierend, dass manche von ihnen so.. unbeschwert sind.." Sie wandte ihren Blick ab und sah zu einem Baum hinter mir. "Da."
Ich drehte meinen Kopf und entdeckte das junge Paar unter dem Baum. Sie schienen sehr glücklich zu sein und sahen einander verliebt an. Das war ein schöner Anblick, wenn sich zwei Menschen so liebten.
"Ich beneide sie... Sie dürfen sich frei entscheiden, wen sie heiraten wollen. Für mich entscheidet mein Vater.." Sie seufzte leise. Als Frau, besonders als Adlige, hatte man es wohl nicht leicht.. Ich sah es ja an meiner kleinen Schwester. Meiner Mutter war es sehr wichtig, dass sie einen Mann finden würde.
~ ♦ ~ Die Freiheit der Phantasie ist keine Flucht in das Unwirkliche; sie ist Kühnheit und Erfindung. ~ ♦ ~
- Eugene Ionesco
- Eugene Ionesco
Dieser Beitrag wurde bereits 4 mal editiert, zuletzt von Kiimesca ()