Hidden Twin [Alea x Yumia]

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    • Zephyrine konnte sich nicht mehr an ihren Traum erinnern, doch als sie sanft geweckt wurde, verspürte sie ein wohltuendes Gefühl der Ausgeruhtheit. Der gestrige Tag war weitaus weniger anstrengend gewesen als der davor, weshalb sie sich heute deutlich fitter fühlte. Während sie sich ankleidete, gingen ihr bereits die Aufgaben durch den Kopf, die sie heute erwarteten. Sie entschied sich bewusst für ein schlichteres Gewand – zurückhaltender als die prachtvollen Roben, die sie bisher getragen hatte.
      Mode war für sie ohnehin ein Mysterium, in dem sie sich kaum auskannte. Doch eines wusste sie genau: Vor einfachen Bürgern sollte sie nicht zu prunkvoll auftreten. Sie war ihr Leben lang selbst eine von ihnen gewesen und erinnerte sich gut an die geflüsterten Worte und spöttischen Blicke, wenn ein hochmütiger Adliger in schillernder Kleidung durch die Straßen schritt, als gehöre ihm die Welt. Dennoch legte sie eine zierliche Kette um ihren Hals und steckte eine feine Haarverzierung in ihr blondes Haar. Der Schein musste gewahrt bleiben – die Leute sollten nicht auf die Idee kommen, dass der König seine neue Königin vernachlässigte oder gar schlecht behandelte.
      Zephyrine vertraute darauf, dass Caleb sie darauf hinweisen würde, falls sie sich unangemessen kleidete. Bisher hatte er ihr gegenüber stets ein feines Gespür bewiesen.
      Das Bad am Morgen war für sie mittlerweile zu einem ihrer liebsten Rituale geworden. Das warme Wasser umhüllte sie wie eine sanfte Umarmung, der aufsteigende Dampf vernebelte ihre Sinne, und die duftenden Essenzen, die das Wasser durchzogen, ließen jeglichen Stress von ihr abfallen. Ob sie sich jemals an diesen Luxus gewöhnen würde? Das war eine Frage, die nur die Zukunft beantworten konnte.
      Nachdem sie sich vorbereitet hatte, wurde sie zum Speisesaal begleitet. Noch kannte sie die vielen Gänge und Flure des Palastes nicht auswendig, und um nicht zu spät zum Frühstück zu erscheinen, nahm sie lieber den sichersten, schnellsten Weg. Mit der Zeit würde sie sich hier sicher besser zurechtfinden. Dennoch hatte sie bereits bemerkt, dass Adlige selten alleine gingen – stets war jemand an ihrer Seite. Ob sie sich daran gewöhnen konnte? Sie bezweifelte es. Das ständige Fehlen von Privatsphäre würde ihr mit Sicherheit irgendwann zusetzen.
      Seit ihrer Ankunft hier durfte sie länger schlafen als je zuvor, und auch wenn sie es gewohnt war, früh aufzustehen, hatte sie diesen kleinen Vorteil bereits zu schätzen gelernt.
      Als sie den Speisesaal betrat, fiel ihr Blick sofort auf Caleb. Er hatte sie entdeckt und fand innerhalb weniger Momente seinen Weg zu ihr. Seine prompte Reaktion überraschte sie zwar, doch es entsprach genau dem, was sie von ihm erwartete. Mit einem sanften Lächeln nahm sie seinen Arm und ließ sich von ihm zum bereits gedeckten Tisch führen.
      Es war jedes Mal ein kleiner Stich in ihrem Herzen, wenn sie ihn den Namen ihrer Zwillingsschwester aussprechen hörte. Doch er wusste es nicht besser – woher sollte er auch ahnen, dass sie eine Zwillingsschwester hatte? Niemand würde eine solche Verwechslung erwarten.
      „Guten Morgen“, erwiderte sie sein Lächeln sanft.
      Ihr Blick wanderte über das üppige Frühstück, das bereits verführerisch auf den Tellern lag, als Caleb sich plötzlich für sein Verhalten am gestrigen Abend entschuldigte. Ein wenig überrascht sah sie ihn an, schüttelte dann jedoch sanft den Kopf.
      „Das ist nichts, wofür Ihr Euch entschuldigen müsst“, erwiderte sie ehrlich. „Ihr hattet einen anstrengenden Tag, es ist nur verständlich, dass Ihr Euch zurückziehen wolltet. Viel mehr war es eine positive Überraschung, dass Ihr Euer Versprechen gehalten habt.“ Sie nickte ihm zur Bestätigung zu.
      Sie nahm an dem Platz neben ihm Platz und lauschte seinen Worten. Der König hatte ihr nahegelegt, sich gut zu stärken, da der Tag womöglich lang und anstrengend werden würde. Nun, anders als die feinen Adelsdamen hatte sie sich noch nie sonderlich um ihre Figur geschert. Ihr früherer Alltag war fordernd genug gewesen, um sich keine Sorgen um ihre Linie machen zu müssen. Heute würde sie besonders darauf achten, genug zu essen – wer wusste schon, wie lange diese Besprechungen dauern würden? Ein knurrender Magen wäre in einer solchen Runde wohl kaum angemessen.
      Als Caleb ihr anbot, ihm Fragen zu stellen, nickte sie dankbar und nahm sich etwas von dem Essen: Brot, Wurst, Eier und Salat landeten auf ihrem Teller. Sie wollte vorbereitet sein, auch wenn das politische Leben für sie bisher kaum von Bedeutung gewesen war.
      „Ich kenne mich weder mit Eurem Reich aus noch mit seinen Konflikten oder der Agrikultur“, begann sie mit ehrlicher Zurückhaltung. „Verzeiht mir also bitte, wenn ich Fragen stelle, die für alle anderen womöglich offensichtlich erscheinen.“
      Politik war eine Welt, mit der sie sich nie hatte beschäftigen müssen – ein kompliziertes Geflecht aus Machtspielen und strategischen Entscheidungen, das ihr fremd war. Nun von ihr zu verlangen, sich darin zurechtzufinden und ihren Platz mitten in diesem Wirrwarr einzunehmen, erschien ihr beinahe unmöglich.
      Doch sie wusste, dass sie nicht ewig davor fliehen konnte. Wenn sie schon in dieser Rolle war, dann wollte sie zumindest versuchen, sich mit den Anliegen der einfachen Bürger auseinanderzusetzen. Vielleicht würde es ihr gelingen, zumindest den Eindruck zu erwecken, dass sie in gewisser Weise kompetent war.
      Und vielleicht – nur vielleicht – würde sie ihren eigenen Weg in dieser neuen Welt finden.
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    • "Ich bin erleichter, dass ich mit meinem plötzlichen Verschwinden und dem eher kurzen Abschied, euch nicht gekränkt habe." war Caleb doch erleichtert, dass Maria hier nicht nachtragend ist. Denn das kannte er von anderen Adelsdamen anders, die manchmal sogar eine ganz große Szene daraus machten. Ganz im Gegenteil, konnte die Prinzessin verstehen, wieso der König doch so abrupt sein Gemach aufgesucht hatte. Zwar entsprach es nicht ganz der Wahrheit, dass Caleb nur müde war, doch von seinem Bruder durfte niemand erfahren. Keiner wusste von ihm, nicht mal Talon, der wirklich viel Vertrauen vom König genoss.
      "Ich verspreche nur etwas, dass ich auch halten kann. Ich will, dass auf mein Wort Verlass ist." gab Caleb ernst von sich. Was wäre sein Versprechen wert, wenn er es nicht halten würde? Daher würde er dieses nicht ein einziges Mal brechen, da es dann an Wert verlieren würde und am Ende ihm kein Glauben mehr geschenkt wird.
      Während sie gemeinsam zum Frühstück aßen, entschuldigte sich Maria jetzt schon dafür, dass sie ja nicht viel über sein Königreich wusste. Somit kannte sie auch nicht die Konflikte oder der gleichen und daher würde sie wohl ein paar Fragen früher oder später an ihn stellen. "Niemand verlangt von euch, Maria, dass ihr die Probleme hier kennt, weder in der Politik noch sonst wo." beschwichtigen der König die Blonde, dass sie sich da keine Sorgen machen musste. "Außerdem sehe ich schon, dass ihr euch Gedanken wegen der Anhörung gemacht habt. Ihr habt extra ein Gewandt ausgesucht, dass nicht so pompös erscheint und ihr tragt heute auch weniger Schmuck als sonst. Ihr scheint ein gutes Gespür dafür zu haben, wie man sich dem Volk zeigen sollte. Nahbar und bescheiden. Das ist sehr lobenswert." fiel Caleb natürlich auf, dass auch Maria nicht ihre prunkvollste Robe trug, so wie er es auch nicht tat. Nur seine Krone, die nur aus Gold und etwas Silber bestand, ohne wertvolle Schmucksteine wie Rubine oder Smaragde oder dergleichen, ließ einen wissen, dass er der König ist.
      Sobald die beiden sich satt gegessen hatten, erhob sich Caleb und bot wieder seinen Arm der Prinzessin an. Es war nun an der Zeit, sich in den Thronsaal zu begeben. In diesem stand nicht nur der eher spartanische Thron des Königs, sondern daneben auch ein weiterer für die zukünftige Königin. Beider Sitze waren aus dunklem Holz, mit filigranen Schnitzereien und einem weinroten Polster für den Rücken und auch zum Sitzen. Es führten wenige Stufen zum Thron hoch und der Saal selber war mit vielen Wandteppichen geschmückt. Die große Doppeltüre stand weit offen und mindestens ein Dutzend Ritter hatten sich positioniert, um Caleb und auch die Prinzessin zu beschützen. Auch Talon war anwesend, was den jungen König beruhigte, da er oft sich auf seine Expertise verließ, wenn das Problem etwas komplizierter war. Man erkannte schon jetzt eine kleine Schlange, die es noch nicht gewagt hatte, den Saal zu betreten, so als würde eine unsichtbare Barriere sie am Eintreten hindern. Doch die Bevölkerung war einfach nur geduldig und kannten den Ablauf. Erst wenn Caleb auf seinem Thron saß und der Bürgert mit Name aufgerufen wurde, durfte er vortreten und sein Belangen kundtun.
      "Ihr braucht nicht nervös zu sein. Sieht und hört einfach zu und wenn ich gerade beschäftigt bin, könnt ihr auch meinen Berater Talon fragen." ließ Caleb Maria im leisen Flüsterton wissen, ehe er dem Herold zunichte, dass er nun die Bürger ankündigen konnte.
      "Joseph Agnar, Müllermeister." wurde vom Herold die erste Person aufgerufen und sofort trat ein Mann mittleren Alters hervor. Man sah, dass er seine Sonntagskleidung trug und in seiner Hand hielt er seine Mütze, die immer wieder nervöse zusammengedrückt wurde.
      "Eure Hoheit. Wir können uns glücklich schätzen, dass Eure Ritter unser Volk so aufmerksam und gut beschützen. Erst letztens haben sie eine Bande Diebe gejagt und vertrieben. Leider geschah dies in einem Weizenfeld, dass zu meinem Hof gehört und jetzt habe ich finanzielle Einbußen, da mir das Korn zum Mahlen fehlt." sprach der Müller mit gesenktem Haupt. Ihm rannen auch schon ein paar Schweißperlen über die Stirn. "Herr Agnar, ich werde das prüfen und dementsprechend Euch eine Entschädigung zukommen lassen." antwortete Caleb nach kurzer Überlegung, worauf sich der Müller bedankte und auch gleich ging. Man konnte die Erleichterung in seinem Gesicht dabei gut erkennen.
      "Hans und Marion Bogor, Obstbauern." erklang die Stimme des Herolds laut, dass sie durch den Saal widerhallte. Sofort trat ein paar hervor und trugen dabei einen großen Korb bei sich, gefüllt mit verschiedensten Früchten. "Eure Majestät. Unser Anliegen ist sehr kurz. Wir wollten Euch nur mitteilen, dass die Ernte dieses Jahr sehr gut ausfällt. Außerdem wollen wir unterere zukünftige Königin mit einem bescheidenen Geschenk willkommen heißen." übernahm Marion das Wort und sah mit leuchtenden Augen zu Maria. Sie und ihr Mann verneigen sich dann sehr tief und präsentieren ihr den gut befüllten Obstkorb. "Habt Dank, Familie Bogor. Die Prinzessin freut sich sicher über Euer Geschenk." bedankte sich Caleb bei dem Paar und sah dann zu Maria, die auch ein Wort dazu sagen durfte, wenn sie wollte.
      Und so verging der Tag. Ein Bürger nach dem anderen konnte sein Belangen schildern, mal gab es Streit zwischen zwei Parteien, sodass Caleb als Streitschlichter gefragt wurde. Mal wurde nach einem gerechten Urteil für ein Verbrechen verlangt, wobei der junge König hier immer darauf bestand, alle Aussagen zu hören, damit er im ganze Bilde war. Und hier und da gab es auch Bürger, oft auch Mütter oder Väter mit ihren Kindern, die einfach nur ein mal die Prinzessin sehen wollten und ihr ein Geschenk mitbrachten. Caleb hatte nicht damit gerechnet, dass die Neugier seines Volkes so groß war, daher überlegte er, ob sie nicht einen Festzug veranstalten sollten, um Prinzessin Maria gebührend den Bürgern seines Landes vorzustellen. Er würde sie später dazu fragen, da er sie zu nichts zwingen wollte. Es wäre aber eine sehr schöne Geste.
      "Vergessen ist wie eine Wunde. Es mag zwar verheilen, aber dabei wird es eine Narbe hinterlassen."
      Monkey D. Ruffy


      Quelle
    • Zephyrine kannte Caleb noch nicht lange, doch sie glaubte ihm, als er versprach, sein Wort zu halten. Prinzipiell hatte sie keinen Grund, an einer solchen Aussage zu zweifeln, doch Caleb hatte es ihr bewiesen – und das festigte ihren Glauben an ihn nur noch mehr. Besonders als König war es eine seltene, aber umso bewundernswertere Eigenschaft, dass seine Worte Bestand hatten.
      Obwohl Calebs beruhigende Worte ihr einen Teil der Sorge nahmen, setzte sie sich selbst unter Druck. Denn sie wusste genau, was alle anderen von ihr erwarteten. Nicht Caleb – aber diejenigen, die sie mit argwöhnischen Blicken verfolgten. Sie war eine Außenseiterin, eine Fremde aus dem Land des Feindes. Zephyrine wusste, dass man nur auf eine Gelegenheit wartete, um sie zu kritisieren – sei sie auch noch so geringfügig. Das gestrige Treffen mit den einflussreichsten Adelsfamilien hatte ihr bereits ein mulmiges Gefühl bereitet.
      Als Caleb ihr ein Kompliment machte, lächelte sie leicht und nickte dankend. Doch sie wusste selbst, dass es wohl eher daran lag, dass sie ihr Leben lang unter gewöhnlichen Bürgern gelebt hatte. Sie kannte ihre Sorgen, wusste, wie sie die Adeligen sahen. Es war also nichts, wofür sie sich besonders rühmen konnte. Wäre sie von Geburt an eine verwöhnte Prinzessin gewesen, die im Luxus aufgewachsen war, wäre es vielleicht bemerkenswerter gewesen, dass sie sich um das einfache Volk kümmerte. Aber das verschwieg sie ihm. Trotz der Süße seines Kompliments hinterließ es einen bitteren Nachgeschmack.
      Um nicht zu spät zu den Anhörungen zu erscheinen, konzentrierte sich Zephyrine auf ihr Essen. Sie versuchte, so viel wie möglich zu sich zu nehmen, ohne sich dabei unwohl zu fühlen. Gleichzeitig ordnete sie ihre Gedanken, bereitete sich mental auf die bevorstehende Aufgabe vor.
      Nach dem Mahl nahm sie erneut Calebs Arm und ließ sich von ihm in den Thronsaal führen. Sie hatte diesen Ort bereits gesehen, doch nun, da sie Zeit hatte, jedes Detail bewusst wahrzunehmen, war sie erneut beeindruckt. Die Vorstellung, selbst auf einem Thron Platz zu nehmen, erschien ihr surreal. Dennoch folgte sie ihrer Pflicht und setzte sich mit einem leichten Zögern.
      Von hier aus bot sich ihr ein völlig neuer Blickwinkel. Die lange Schlange der Wartenden erschien ihr endlos, und ein mulmiges Gefühl breitete sich in ihrer Magengegend aus. Caleb musste ihre Anspannung bemerkt haben, denn er versuchte, sie mit einem beruhigenden Blick aufzumuntern. Verstehend nickte sie ihm zu und setzte ein sanftes Lächeln auf – eines, das die Bürger willkommen heißen sollte.
      Wenn der König beschäftigt war, würde sie sich also an Talon wenden müssen.
      Die erste Angelegenheit erwies sich als unkompliziert. Caleb fand rasch eine Lösung – eine großzügige noch dazu. Er hätte sich genauso gut auf den Standpunkt stellen können, dass den Müllermeister keine Entschädigung zustand und er seinen Verlust selbst ausgleichen müsse. Doch Caleb zeigte Mitgefühl, bot ihm eine Wiedergutmachung an, falls seine Geschichte der Wahrheit entsprach.
      Kaum hatte die Arbeit richtig begonnen, erlebte Zephyrine jedoch eine Überraschung – ein Geschenk. Überrascht sah sie auf die Gaben, die man ihr darbrachte. Sie waren prächtig. Vielleicht nicht für eine gewöhnliche Prinzessin, doch Zephyrine wusste die Mühen zu schätzen, die hinter solchen Arbeiten steckten.
      Nach Caleb richtete auch sie ihre Worte an die Männer.
      „Euer Geschenk erfreut mein Herz und ehrt eure Treue. Ich nehme es mit Dank an und wünsche euch Wohlstand und Segen.“
      Sie wusste nicht, wie sie es hätte besser ausdrücken können. Eine perfekte, königliche Floskel war es vielleicht nicht – doch sie hatte auch nicht genügend Zeit gehabt, eine zu formulieren. Sie hatte nie zuvor in dieser Position gestanden.
      Im Laufe der Anhörungen begegnete ihnen eine Vielzahl von Themen, jedes mit seiner eigenen Geschichte, seiner eigenen Bedeutung. Zephyrine fand es faszinierend, wie abwechslungsreich die Anliegen waren – und ebenso bewunderte sie, wie Caleb seine Aufgaben als König meisterte.
      Manche Bürger waren lediglich gekommen, um sie zu sehen. Diese neugierige Freundlichkeit, die bereitwilligen Geschenke, berührten sie jedes Mal aufs Neue. Es wärmte ihr Herz – und zugleich fühlte sie sich unwohl. All das hätte eigentlich ihrer Zwillingsschwester gehört. Doch die aufrichtigen Gesten beruhigten sie, und sie konnte nicht anders, als ehrlich zu lächeln und sich zu bedanken.
      Wenn es um Territorien oder alte Streitigkeiten ging, wandte sie sich leise an Talon. Sie kannte die politischen Hintergründe nicht und wollte keine vorschnellen Urteile fällen. In wenigen, aber prägnanten Sätzen erklärte er ihr die Lage. Zephyrine behielt sich weitere Fragen vor – sie wollte seine Zeit nicht übermäßig in Anspruch nehmen. Dennoch lernte sie mit jedem Gespräch etwas Neues.
      Dann trat Meister Alrik, der Vertreter der Händlergilde, vor.
      „Eure Hoheiten“, begann er mit einer Stimme, die Respekt, aber auch Bestimmtheit ausstrahlte. „Das Rechtssystem Eures Heimatlandes erlaubt das, was hier verboten ist. Ich komme aus einer Kaufmannsfamilie und habe Handel mit Eurem alten Reich betrieben – doch nun soll ich Strafe zahlen für Dinge, die dort erlaubt waren! Wird die Heirat der beiden Königreiche solche Widersprüche klären, oder bleibt unser Schicksal dem Chaos überlassen?“
      Zephyrine wusste sofort, dass dies eine Frage war, die sie nicht beantworten konnte. Und sie wollte nichts sagen, das Calebs Position untergraben könnte. Also hielt sie sich zurück. Ein falsches Wort, eine unbedachte Aussage – und man würde es ihr nicht vergessen.
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    • Caleb hatte gelernt das große und ganze zusehen, was man beim Müllermeister gut sehen konnte. Dieser mahlte nicht nur für sich das Mehl, sondern auch für die Bewohner der Stadt und nicht zuletzt auch für ihn selbst. Bestimmt war sein Mehl in einigen Gerichten, die er und auch die anderen Adligen täglich aßen. Er würde also nur sich selbst bestrafen, wenn er dem Müller hier nicht finanziell beistand. Das hatte der junge König unter anderem von Talon gelernt, dass man eben immer über seinen Tellerrand hinausschauen sollte.
      Und Maria zeigte auch, dass sie eine gütige und freundliche Prinzessin ist. Sein Volk wird sie bestimmt bald lieben, wenn sie weiter so aufrichtig und liebenswürdig mit ihnen umging, was Caleb sehr freute. Er hatte sich zunächst Sorgen gemacht, dass die Gerüchte, die er über die Prinzessin aus Maglia gehört hatte, bewahrheiteten. Doch die angeblich verwöhnte und herrische Maria, entpuppt sich als eine zurückhaltenden und fast schon genügsame junge Frau. Caleb selber weiß um die Halbwahrheiten, die auch über ihn im Ausland kursieren. Doch er stellte sie nicht richtig, in der Hoffnung, dass die anderen Königreiche, wegen dieser Gerüchte, sich nicht trauten sein Land anzugreifen oder einen Handelskrieg einzugehen. Auch wenn dies eine politische Hochzeit ist, bei der Gefühle eine untergeordnete Rolle spielten, war der junge König guter Dinge, dass Maria und er sich zumindest gut verstehen würden und vielleicht eine freundschaftliche Beziehung aufbauen können.
      "Ich verstehe Euer Anliegen, Meister Alrik, doch dies ist eine Entscheidung, die mit einer Heirat nicht so einfach bestimmt werden kann. Es ist aber ein Anfang Dromos und Maglia politisch und auch wirtschaftlich sich mehr annähern zu lassen. Ich werde dieses Problem angehen, sobald die Zeit dafür gekommen ist." antwortete Caleb direkt. Dies ist ein höchst brisantes Thema, das nicht so einfach beantwortet werden kann und selbst die Lösungsfindung würde sich noch sehr schwer gestalten. Jedes Land hatte nun mal seine eigenen Gesetze und Standards und die ließen sich nicht so einfach ändern. "So lange müsst ihr Euch in Geduld üben." beendete Caleb seine Antwort, worauf Alrik zwar nicht sehr zufrieden drein blickte, aber sich dennoch vor den Hoheiten verneigte und Platz für den nächsten Anwärter machte.
      Der König bemühte sich, wirklich jeden Besucher zu Wort kommen zu lassen, auch wenn seine Konzentration etwas nachließ und gen Nachmittag, verabschiedete er und auch Maria den letzten Untertanen, ehe die Tore zum Saal geschlossen wurden. "Talon, bitte kümmert euch um die verschiedenen Anliegen, die noch geklärt werden müssen." bat Caleb seinen engsten Berater, der darauf nickte und sich an seine Arbeit machte. Langsam leerte sich der Saal und die Diener versorgten die Geschenke, die man König und Prinzessin mitgebraucht hatte.
      "Ich hoffe, es war Euch nicht zu viel." erkundigte sich Caleb dann bei Maria und seufzte, leise erleichter auf. "Möchtet Ihr mich vielleicht zu einem Spaziergang im königlichen Garten begleiten? Wenn man so lange gesessen hat, empfinde ich es als äußerst wohltuend, sich ein bisschen die Beine zu vertreten." fragte er die Blonde, ob sie ihm weiterhin Gesellschaft leisten wollte. Nach so einem intensiven Tag rauchte der Kopf des jungen Königs doch etwas und dann musste er einfach an die frische Luft, um seine Gedanken zu ordnen. Vielleicht erging es Maria ja auch so.
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    • Zephyrine beobachtete mit stiller Bewunderung, wie der König die Sorgen des Bürgers aufgriff. Die Art und Weise, wie er ihm Raum für sein Anliegen ließ, ohne eine endlose Diskussion aufkommen zu lassen, war beeindruckend. Sie selbst hätte nicht gewusst, wie sie so geschickt hätte antworten sollen – klar, bestimmt, aber dennoch respektvoll. Worte waren nicht ihre stärkste Waffe, und sie war sich dessen bewusst. Lieber überließ sie solche Gespräche anderen, als das Risiko einzugehen, sich zu verhaspeln oder ungewollt ein Chaos auszulösen. Noch war sie nicht bereit für eine Verantwortung dieser Größenordnung – erst recht nicht mit dem Wissen, dass diese Position eigentlich nicht ihr zustand.
      Die Zeit zog sich in die Länge, und Zephyrine spürte langsam, wie ihre Konzentration nachließ. Ihr Gesäß begann unangenehm zu schmerzen, und sie musste sich zusammenreißen, um nicht unruhig auf ihrem Platz hin und her zu rutschen. Mitfühlend warf sie einen kurzen Blick zu Caleb. Während sie nur stumm lächelte und nickte, war er derjenige, der mit den Untertanen sprach, Streitigkeiten schlichtete und Lösungen fand. Niemals hätte sie gedacht, dass selbst das bloße Zuhören so kräftezehrend sein konnte.
      Umso mehr freute sie sich, als schließlich die Tore geschlossen wurden. Kaum merklich atmete sie tief aus und spürte eine Welle der Erleichterung durch sich strömen. Ihr Respekt für den König war gewachsen. Als Bürgerin hatte sie nie geahnt, welche Last auf den Schultern eines Herrschers lag. Gewiss handhabte jeder Monarch seine Pflichten anders, doch es erfüllte sie mit einem unerwarteten Gefühl der Zufriedenheit zu wissen, dass der Mann, den sie heiraten würde, seinen Untertanen mit solcher Hingabe begegnete.
      Ihr Blick blieb an den Geschenken hängen, die fortgetragen wurden. Sie hatte nicht erwartet, dass ihnen Präsente überreicht werden würden, und eine leise Neugier keimte in ihr auf. Was sich wohl darin befand?
      Sie riss sich aus ihren Gedanken, als Caleb sie ansprach. Sanft erwiderte sie sein Lächeln und nickte.
      „Nein, alles in Ordnung“, versicherte sie ihm.
      Er musste genauso müde sein wie sie, doch er ließ es sich nicht anmerken.
      „Etwas Sonnenschein und frische Luft werden uns sicher guttun“, stimmte sie ihm zu und erhob sich. Sie wartete, bis er ebenfalls aufstand, dann verließen sie gemeinsam den Raum und traten hinaus in den Garten.
      Die Sonne stand hoch am Himmel und tauchte die Welt in ein warmes, goldenes Licht. Zephyrine schloss für einen Moment die Augen und ließ die angenehme Wärme auf ihrer Haut wirken. Instinktiv hob sie die Arme, um sich zu strecken, doch auf Brusthöhe hielt sie inne und ließ sie wieder sinken. Stattdessen holte sie einmal tief Luft, ließ die Ruhe des Gartens auf sich wirken.
      In der Vergangenheit hatte sie kaum Gelegenheit gehabt, solche Momente zu genießen. Ihre Tage waren ausgefüllt gewesen mit harter Arbeit, ihre Abende oft von langen Gesprächen mit ihrer Mutter am Kamin begleitet. Doch tagsüber hatte sie selten die Zeit gefunden, innezuhalten. Und jetzt, hier, unter der strahlenden Sonne, ohne eine drückende Verantwortung auf ihren Schultern, fühlte sich alles… anders an.
      „Es war eine lehrreiche Erfahrung“, sagte sie schließlich mit einem sanften Lächeln und warf Caleb einen kurzen Blick zu. „Ich danke Euch, dass ich daran teilhaben durfte.“
      Obwohl ich nichts dazu beitragen konnte, fügte sie in Gedanken hinzu.
      Die Audienz war mental anstrengender gewesen, als sie erwartet hatte, doch sie hatte ihr geholfen, ein tieferes Verständnis für dieses Land und seine Menschen zu entwickeln. Ob der König ihrer Heimat – ihr biologischer Vater – sich ebenso um seine Untertanen bemühte? Er hatte ihr nie den Eindruck vermittelt, als läge ihm das Wohl des Volkes besonders am Herzen. Aber vielleicht irrte sie sich.
      „Es muss für Euch sehr anstrengend gewesen sein“, fuhr sie fort, während ihr Blick zu einem nahegelegenen Blumenbeet wanderte. „Dennoch finde ich es bemerkenswert, wie viel Zeit Ihr Euch für Eure Bürger nehmt. Müsst Ihr heute noch weitere Aufgaben erledigen? Ich hoffe Ihr findet heute genügend Zeit Euch zu erholen", sprach sie ihr Besorgnis aus, sah ihn kurz mit zusammengezogenen Augenbrauen an.
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    • Zusammen mit der Prinzessin suchte Caleb den königlichen Garten auf, wo es ruhig ist und die beiden auch ungestört. Die Sonnenstrahlen streichelten angenehm warm über sein Gesicht und so fing der junge König auch an sich zu strecken und dabei tief ein und auszuatmen. Das tat wirklich gut und seine Gliedmaßen dankten es ihm, dass er sie jetzt ein bisschen dehnte. "Ihr könnt euch ruhig auch strecken." hatte er Marias Bewegung bemerkt, die sie aber wieder abgebrochen hatte. "Wir sind hier unter uns und wenn ich das schon tue, dürft ihr das natürlich auch. Das lange dasitzen machte einen doch recht steift." ermutigte er die Blonde mit einem sanften Lächeln. Caleb fiel es schon früh auf, wie sehr sich die Prinzessin darum bemühte, hier nicht negativ aufzufallen, aber dabei schränkte sie sich doch sehr ein. "Ihr müsst nur mir gefallen." fügte er daher leise an, wobei ein leichter Rotschimmer in diesem Moment über seine Wangen huschte. Bisher war Caleb mehr als positiv von Maria überrascht und er wollte, dass sie sich wenigstens bei ihm wohlfühlte und sich nicht bei ihm zu verstellen brauchte.
      "Ihr müsst mir nicht danken. In meiner Vorstellung, ist das eine Aufgabe, die wir in Zukunft immer zusammen meistern werden. Und falls ich mal nicht am Schloss bin, seid ihr diejenige, mich beim Volk vertritt." klärte er Maria auf, dass dies nicht das letzte Mal sein würde, wie sie gemeinsam die Bürger seines Landes empfingen. "Aber habt keine Sorge. So bald wird das nicht sein und Ihr müsst dabei auch nicht alleine sein. So wie ich Talon als meinen Berater habe, werdet ihr in Zukunft auch eine Vertraute haben, die euch immer zur Seite stehen soll. Diese Person dürft Ihr auch selbst ernennen, sollt ihr dieser ja auch vertrauen können." sprach er weiter.
      "Nach solch einem Tag erlaube ich es mir, dass ich den Rest der Zeit für mich habe. Talon und meine anderen Berater werden sich derweil um die Aufgaben kümmern, die noch erledigt werden müssen. Schließlich bin ich der König und darf mir doch mal meine Freiheiten nehmen." meinte er mit einem frechen Zwinkern und trat etwas näher an Maria heran. Wieder zeigte sie ihre Führsorge ihm gegenüber, obwohl sie sich nur wenige Tage kannten. Wer sich so um andere sorgt, muss einfach ein gutes Herz haben und das wiederum imponierte Caleb doch sehr.
      "Aber was ist mit Euch? Das war bestimmt das erste Mal, dass Ihr bei so etwas beigewohnt habt. Seid Ihr nicht auch erschöpft?" erkundigte sich der König bei Maria und trat etwas näher an sie heran. Das Sonnenlicht ließ ihr Haar wie leuchtendes Gold erstrahlen und an sich, sah die Prinzessin in diesem sanften Licht sehr hübsch aus. "Prinzessin Maria, ich möchte den Rest des Tages Zeit mit Euch verbringen und Euch besser kennenlernen. Verratet mir doch bitte, was Ihr heute gerne noch tun würdet und scheut Euch nicht, mir Eure wahren Gedanken zu verraten. Ich möchte Euch sehen, wie Ihr wirklich seid." wandte sich Caleb mit seiner sanften tiefen Stimme an die Blonde und sah ihr dabei direkt in die Augen, was dafür sorgte, dass sein Herz ein klein wenig schneller schlug.
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    • Zephyrine fühlte sich ertappt, als Caleb ihr Strecken ansprach. Sie hatte gehofft, dass er es nicht bemerkt hatte, doch offenbar hatte sie sich geirrt. Selbst wenn er ihr versicherte, dass er darin nichts Verwerfliches sah, konnte sie die Angst nicht ganz abschütteln, dass jemand anderes es missverstehen und Gerüchte über ihre angeblich mangelnden Manieren in Umlauf bringen könnte. Dennoch überraschte es sie – oder vielleicht auch nicht –, wie locker und nachsichtig Caleb in dieser Hinsicht war.
      Es war nicht das erste Mal, dass er ihr diese Seite von sich zeigte, und doch erwischte es sie immer wieder unvorbereitet. Gerade bei einem König, um den sich so viele grausame Gerüchte rankten, hätte sie eine solche Gelassenheit nicht erwartet. Ob sie sich jemals daran gewöhnen würde? Sie wusste es nicht. Doch seine Worte hatten eine Wirkung: Die Anspannung in ihr löste sich allmählich. Nach so langem Sitzen fühlte sich ihr Körper tatsächlich etwas steif an, und sein Zuspruch, sich in seiner Gegenwart entspannen zu können, ließ sie innerlich ein wenig aufatmen. Sein sanftes Lächeln – ein starker Kontrast zu seiner zuvor abwesenden Art – wirkte beinahe ansteckend, und unbewusst erwiderte sie es leicht.
      Sein plötzlicher, unerwarteter Kommentar ließ sie fast in ihren Schritten stocken. Sie spürte, wie sich ihre Augen überrascht weiteten, während ihr die Worte im Hals stecken blieben. Was sollte sie darauf antworten? Es waren intime Worte – nicht unbedingt unpassend, aber doch ungewohnt für sie. Natürlich hatte sie in der Vergangenheit schon anzügliche Bemerkungen von betrunkenen Männern gehört, als sie noch gearbeitet hatte, doch diese hatte sie mit einem Augenverdrehen abgetan und nicht ernst genommen. Caleb hingegen sprach aus voller Überzeugung, mit klarem Verstand.
      Zephyrine merkte, wie ihre Wangen augenblicklich heiß wurden. Hastig wandte sie den Blick ab, in der Hoffnung, dass er die Röte nicht bemerkte.
      Obwohl sie keinerlei Kenntnisse über die Führung eines Königreichs oder politische Angelegenheiten besaß, bezog er sie dennoch in die Geschehnisse ein und sprach von ihr, als wäre es selbstverständlich, dass sie ein Teil davon war. Vielleicht fiel es ihr deshalb so schwer, sich selbst in dieser Rolle zu sehen. Ein Teil von ihr fühlte sich immer noch zu ihrem alten Leben hingezogen, als wäre sie nur eine Fremde in dieser neuen Welt. Eine Rolle, die ihr aufgetragen wurde – etwas, das nicht wirklich zu ihr gehörte.
      Gleichzeitig setzte sie sich selbst unter Druck. Auch wenn Caleb ihr versicherte, dass sie noch Zeit hatte, bis solche Aufgaben auf sie zukämen, reichte allein die Vorstellung aus, um eine gewisse Schwere auf ihren Schultern zu spüren. Ob sie jemals jemanden finden würde, den sie als Verbündeten betrachten konnte? Sie bezweifelte es. Niemand durfte erfahren, dass sie nicht die wahre Prinzessin war. Wie ihre leiblichen Eltern es vertuschen wollten, während ihre Zwillingsschwester weiterhin im Schloss lebte, war ihr nicht klar – doch das lag nicht in ihrer Hand. Ihre eigene Aufgabe war ihr längst auferlegt worden, und sie hatte sich geschworen, sie mit allem, was sie hatte, zu erfüllen.
      Als Caleb fragte, ob sie erschöpft war, nickte sie ehrlich.
      „Ich hätte nicht gedacht, dass es so anstrengend sein kann, wenn man bedenkt, dass man die meiste Zeit nur sitzt“, überlegte sie laut.
      Sie war harte körperliche Arbeit gewohnt und war mit der Einstellung in diesen Tag gegangen, dass es nicht viel ermüdender sein konnte. Doch es war eine andere Art der Erschöpfung – eine, die sie bisher nicht kannte. Es gab ihr einen neuen Blickwinkel und zeigte ihr, dass sie ihre Ausdauer nicht nur körperlich, sondern auch mental erweitern musste.
      Während sie sprach, ließ sie ihren Blick in die Ferne schweifen, ohne einen bestimmten Punkt zu fixieren. Doch als Caleb direkt sagte, dass er sie näher kennenlernen wollte, schnellte ihr Blick zu ihm.
      Seine Offenheit warf sie aus der Bahn. Sie sah ihn überrascht an, unsicher, was sie darauf antworten sollte. Was würde sie tun? Was tat sie überhaupt in ihrer Freizeit?
      Ihre Tage begannen mit der Morgendämmerung und endeten erst spät abends. Selbst wenn ihre Schicht als Kellnerin am Nachmittag vorbei war, blieb genug Arbeit: Sie half in der Gaststätte bei den Vorbereitungen für die Nacht, spülte Geschirr, kümmerte sich um den kleinen Garten hinter ihrem Haus oder erledigte Besorgungen für ihre Mutter.
      Freizeit im eigentlichen Sinne hatte sie nie wirklich gehabt. Sie liebte es, durch die Natur zu streifen, neue Orte zu entdecken oder einfach im Garten zu sitzen und vor sich hinzuträumen. Essen gehörte definitiv auch dazu. Doch das alles konnte sie Caleb wohl kaum so sagen.
      Stattdessen suchte sie nach einer Antwort, die nicht zu viel über ihre Vergangenheit verriet.
      „Hmm… Vielleicht abgelegene oder interessante Orte finden?“
      Ob es solche Orte hier gab, wusste sie nicht, doch sie hätte nichts dagegen, ihrer Neugier nachzugehen und ihre abenteuerlustige Seite auszuleben – zumindest so weit, wie es ihr möglich war. Die Stadt zu erkunden wäre sicherlich spannend, aber nach dem heutigen Tag wohl eher eine zusätzliche Belastung als eine echte Erholung.
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    • "Man unterschätzt solch eine Arbeit, wenn man sie nicht selber schon durchlebt hat." stimmte er Maria zu. Über einen längeren Zeitraum konzentriert und hellwach zu sein, war nicht einfach, wenn man es nicht gewohnt ist. Doch Caleb hatte keine Zweifel daran, dass die Prinzessin das auch noch meistern würde. Vielleicht sollte er ihr ein paar Strategiespiele Schach oder Dame zeigen, die eine gute Übung für den Geist sind und auch den Intellekt.
      Neugierig sah der junge König der Blonden entgegen, als diese ihn lange ansah, nachdem er sie gefragt hatte, was sie heute noch unternehmen wollte.
      Ihre Antwort hatte er so nicht erwartet, doch war das eine überraschende Abwechslung. "Nun, der Wald hinterm Schloss ist sehr schön, wenn Ihr den erkunden wollt und es gibt hier in der Nähre noch Ruinen von den Überresten des Schlosses, das zuvor hier stand. Ihr müsst wissen, dieses Schloss wurde auf den Überresten eines anderen errichtet." erklärte Caleb der Prinzessin. "Was möchtet Ihr zuerst machen? Für den Wald sollten wir aber die Pferde nehmen. Könnt ihr reiten? Oder ist Euch eine Kutsche lieber? Wenn Ihr wollt, kann Euch aber auch das Reiten beibringen." fragte der König weiter. Er selber genoss es sehr einfach nur auszureiten. In diesen Momenten fühlte er sich wahrlich frei. Er war unbeobachtet, musste nicht darauf achten, wie er sich gab und was er sagte. Und Talon mochte diese Ausflüge nicht. Am liebsten würde er ihm immer einen Soldaten zur Begleitung mitgeben, doch Caleb konnte das bis heute immer erfolgreich ablehnen. Denn wirklich alleine ist er bei diesen Ausritten nie, war Viego stets mit dabei und gab den beiden Brüdern Zeit, füreinander da zu sein und zu reden und auch etwas Spaß zu haben.
      Jetzt mit Maria könnte es aber sein, dass Talon darauf bestehen würde und Caleb konnte das einsehen. Zwar ist er selber kein schlechter Kämpfer, doch noch lange nicht so erfahren wie sein militärischer Berater. Außerdem würde sich der König es sich nicht verzeihen können, wenn wegen seiner Sturheit Maria zuschauen kommen würde.
      "Vergessen ist wie eine Wunde. Es mag zwar verheilen, aber dabei wird es eine Narbe hinterlassen."
      Monkey D. Ruffy


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    • Zephyrine hörte zum ersten Mal von einer nahegelegenen Ruine. Sowohl der Vorschlag, durch den Wald zu reiten, als auch die Aussicht, eine alte Ruine zu erkunden, klangen aufregend. Fast schon zu verlockend, um sich sofort entscheiden zu können. Doch dann fiel das Wort Pferd, und mit einem Schlag war ihr klar, welches Ziel sie zuerst ansteuern würde.
      Sie konnte nicht reiten. Noch nicht. Und so blieb ihr keine andere Wahl, als sich für die Ruinen zu entscheiden. Früher oder später, das wusste sie, würde sie es lernen müssen , am besten, bevor er[i][/i] sie zu einem gemeinsamen Ausritt einlud. Doch wie sollte sie es heimlich lernen, ohne jemanden einzuweihen? Diese Frage wanderte direkt auf ihre gedankliche Liste, die in letzter Zeit ohnehin länger und länger wurde.
      Vielleicht, überlegte sie, wäre es klüger, sich eine Ausrede zurechtzulegen. Etwas Glaubwürdiges, um der Situation zu entgehen, ohne unzuverlässig oder unvorbereitet zu wirken. Doch so sehr sie sich auch anstrengte, spontan fiel ihr nichts Passendes ein. Also blieb sie bei ihrem ursprünglichen Plan.
      „Vielleicht die Ruinen“, sagte sie schließlich mit einem bedachten Lächeln. „Ich fürchte, ein Ausritt könnte im Nachhinein anstrengender werden und der Weg durch den Wald würde wohl auch mehr Zeit in Anspruch nehmen. Damit wir nicht in Eile geraten, scheinen die Ruinen heute besser zu passen.“
      Mit diesen Worten ließ sie den König an ihren Gedanken teilhaben, ohne dabei einzugehen, dass sie nicht reiten konnte.
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    • Caleb ging nicht davon aus, dass Maria reiten kann. Daher bot er ihr ja die Kutsche als Alternative an, wie sie auch hätten in den Wald gelangen konnten. Die meisten Frauen aus dem Adel sind sich zu fein fürs Reiten und finden es viel zu gefährlich. Er weiß nur von sehr wenigen Frauen, die wirklich in einem Sattel sitzen könne, unter anderem gehört Sara dazu, was wohl nicht verwunderlich ist, wenn der Mann der militärische Berater ist.
      "Dann werde ich Euch die Ruinen zeigen." stimmte Caleb der Entscheidung der Prinzessin zu und bot ihr seinen Arm zum Einhaken an. Gemeinsam schritten sie durch den Garten und näherten sich dabei dem Schloss. Ein gewundener Weg führte dann an dem großen Gebäude vorbei und senkte sich sanft bergab. Hier konnte man schon die ersten Ausläufe der Ruinen erkennen und dass man das Schloss eben genau auf diesen erbaut hatte. Die Steine waren von Efeu und anderen Schlingpflanzen überwuchert und hier und da erblühten darauf Wildblumen. Sie passierten dann einen alten Torbogen und gelangten in das Herzstück der Ruine. Ein Teich hatte sich gebildet, sodass ein Teil der alten Fassaden und Mauern sich unter Wasser befanden und hier und da Treppen in das Gewässer führten. Verschiedenste Wasserpflanzen haben sich hier verbreitet und man hört hier unten den Widerhall des Vogelgezwitschers.
      "Diese Überreste sind die Grundmauern eines alten Klosters. Laut der Geschichte soll mein Ur-ur-ur-Großvater die Geistlichen vertrieben haben, da sie einer bösen Sekte angehörten und gar Menschenopfer ihrem Götzen darboten. Er wollte aber dieses Land weiter nutzen, da es eine ideale Lage hat und ließ so das Schloss, in dem wir heute Leben darauf erbauen." erzählte Caleb ihr die Geschichte, wie das Schloss entstand. "Angeblich kann man sogar von den Ruinen aus in das Schloss gelangen, doch wir haben nie die Eingänge gefunden." meint er dann weiter, was aber gelogen ist. Viego und er haben als Kinder diese geheimen Wege gefunden und auch Xanther hat diese genutzt. Womöglich wollte er so seinen Vater ermorden lassen, doch dann kam ja alles ganz anders.
      Der junge König führte Maria auch nur zu den Stellen, wo er wusste, dass es keinen Zugang zum Schloss gab. Außerdem musste man dafür tief in die Ruinen und deren Höhlen steigen und ohne eine Fackel würde es viel zu dunkel sein. Darüber hinaus sind die Gänge und Tunnel wie ein Labyrinth und wenn man sich nicht auskennt, kann man sich darin sogar verlaufen.
      "Sagt, Prinzessin Maria, könnt Ihr denn reiten?" fragte er sie dann ganz offen und sprach auch gleich weiter. "Wenn nicht, ist das überhaupt nicht schlimm. Hier am Hof kann kaum eine Dame von Adel reiten. Sie nutzen alle lieber die Kutsche. Wenn Ihr es aber gerne lernen möchtet, würde ich es Euch gerne beibringen." bot er der Blonden an und schenkte ihr ein ermutigendes Lächeln.
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      "Vergessen ist wie eine Wunde. Es mag zwar verheilen, aber dabei wird es eine Narbe hinterlassen."
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    • Nickend nahm die falsche Prinzessin den Arm des Königs an. Auch wenn man sie nicht dazu gezwungen hatte, hohe Absätze zu tragen, fühlten sich die Schuhe dennoch ungewohnt an. Unter normalen Umständen hätten sie ihr keine Probleme bereitet, doch hier, auf fremdem Terrain, war jeder Schritt mit Vorsicht zu setzen. Der Boden unter ihren Füßen war nicht so eben und zuverlässig wie der sorgfältig angelegte Weg im Garten. Sie musste aufmerksam gehen, um nicht umzuknicken und dabei versehentlich den König mit in die Tiefe zu reißen. Auch wenn sie sich selbst nicht als allzu schwer einschätzte, wollte sie kein Risiko eingehen. Der unebene Grund forderte ihr Gleichgewicht heraus.
      Trotz der Konzentration auf ihre Schritte vergaß Zephyrine nicht, sich ihre Umgebung einzuprägen. Sie war sich bewusst, dass sich ihr nicht oft die Gelegenheit bieten würde, diesen Ort zu betreten. Noch hatten sie das Herz der Ruinen nicht erreicht, und doch empfand sie bereits jetzt eine besondere Faszination. Ihre Augen wanderten neugierig über die Szenerie, und tief in ihrer Brust regte sich eine leise, fast kindliche Abenteuerlust. Die vergangenen Ereignisse, die sie so sehr beschäftigt hatten, rückten langsam in den Hintergrund, verdrängt von der Schönheit und Magie dieses Augenblicks.
      Ihr Blick blieb an dem Wasser hängen, das sich in den Vertiefungen der alten Steine gesammelt hatte. Die Szenerie erinnerte sie an ein Märchen, und für einen Moment fühlte sie sich wie hineingetaucht in eine Welt, die aus alten Geschichten entsprungen war. Obwohl sie in ihrer Kindheit oft in der Natur gewesen war, hatte sie niemals einen Anblick wie diesen erlebt. Wer hätte gedacht, dass solche Ruinen überhaupt noch existierten? Es wunderte sie, dass man diesen Ort nicht längst renoviert oder zumindest offiziell gesichert hatte. Er besaß einen eigentümlichen Charme, zweifellos, aber Zephyrine hatte bisher angenommen, dass der Adel großen Wert auf Repräsentation legte und derartige Ruinen eher als Makel denn als Zierde betrachtete.
      Caleb begann ihr von der Geschichte der Ruinen zu erzählen, und Zephyrine lauschte aufmerksam. Die Erzählung faszinierte sie; es war eine unerwartete Mischung aus Tragik, Geschichte und Legende. Sie zeigte sich wenig überrascht, als er erwähnte, dass die Ruinen möglicherweise versteckte Zugänge zum Schloss boten. Die Nähe zum königlichen Anwesen machte diese Möglichkeit nur plausibel. Ein Teil von ihr war versucht, auf eigene Faust nach solchen Eingängen zu suchen. Wer wusste schon, was sich in den Schatten verbarg? Doch ihre Kleidung, ihre Rolle und nicht zuletzt die Anwesenheit des Königs machten eine freie Erkundung unmöglich. Dennoch konnte sie es sich nicht verkneifen, ab und zu um eine Ecke zu spähen, mit angespannter Neugier in dunkle Nischen zu blicken – immer in der Hoffnung, etwas Geheimnisvolles zu entdecken. Auch wenn sie letztlich nichts fand, erfüllte allein das Gefühl der Entdeckung sie mit stiller Freude.
      Während sie sich weiter von Caleb durch das Gelände führen ließ, sah sie ihn überrascht an, als er jene Frage stellte, vor der sie sich am meisten gefürchtet hatte. Bevor sie auch nur einen Gedanken daran verschwenden konnte, wie sie ihm antworten sollte, nahm er ihr die Sorge bereits ab. Es war offenbar nicht unüblich, dass eine Adelige nicht reiten konnte. Erleichtert atmete sie auf, ohne dass es ihm auffiel. Sie hatte befürchtet, dass Reitkunst eine selbstverständliche Fähigkeit einer jeden Adelsdame war.
      Zu ihrer Überraschung bot er ihr sogar an, ihr das Reiten beizubringen. Der Gedanke daran ließ sie stocken. Sicherlich wäre es von Vorteil, diese Fähigkeit zu erlernen.
      „Mein Vater hatte sich Sorgen gemacht, dass mir beim Reiten etwas zustoßen könnte. Deshalb durfte ich es nie lernen“, log sie mit ruhiger Stimme. Sie verstand selbst nicht ganz, warum sie die Wahrheit nicht aussprach. Vielleicht wollte sie einfach glaubwürdig erscheinen, wollte in den Augen des Königs bestehen.
      „Dennoch habe ich Interesse daran, es zu lernen“, fügte sie leicht zögernd hinzu.
      „Aber Ihr habt sicher genug Verpflichtungen. Ich kann Euch nicht darum bitten, zusätzliche Zeit für mich zu opfern, nur um mir etwas beizubringen“, sprach sie rasch weiter und hob dabei leicht abwehrend die Hände.
      Nach einem Moment der Stille wandte sie sich schließlich mit aufrichtiger Neugier an ihn.
      „Habt Ihr Pläne, etwas aus dieser Ruine zu machen?“
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    • Caleb war darauf bedacht, dass er die Prinzessin an seinem Arm gut stützte, war das Gelände hier nicht gerade leicht zu begehen und er hatte bemerkt, dass Maria Schuhe mit Absätzen trug, was es nicht einfacher machte. So stützte er sie immer, wenn er meinte, sie strauchelte leicht und lief auch eher langsam und suchte mit den Augen den unbeschwerlichen Weg für sie heraus.
      Auf seine Frage bekam er von der Prinzessin auch eine recht plausible Antwort. "Das ist nur verständlich. Es gibt viele Adelsdamen, die sich vor der Gefahr sich zu verletzten fürchten. Und dass man seine Tochter, die auch noch Prinzessin lieber schützen möchte, ist nur nachvollziehbar." zeigte er Verständnis, für diese Entscheidung. "Ich muss aber zugeben, dass ich, wenn ich mal Vater werde, das meinen Kindern nicht verbreiten würde. Egal ob Junge oder Mädchen. Als Kind hatte ich zu viel Freude daran, auf meinem Ross durch die Wälder und Felder zu reiten. Das ist oft die einzige Zuflucht, die man hat, um seinen Verpflichtungen für einen Moment lang zu entfliehen." schwelgte der junge König ein bisschen in Erinnerung. Es freute ihn dann auch, dass Maria Interesse am Reiten zeigte und schüttelte sofort sanft seinen Kopf, als sie meinte, sie wolle ihm nicht seine Zeit stehlen. "Macht euch darum keine Sorgen, schließlich habe ich es euch angeboten." versicherte er ihr, dass ihm das nichts ausmachte. "Ich denke, es wäre eine gute Gelegenheit, uns so weiter kennenzulernen. Meint ihr nicht?" fügte er an und sah dabei Maria in ihre Augen.
      "Ich habe keine konkreten Pläne für die Ruinen. Ich finde sie sogar sehr schön und haben etwas Mythisches. Vorerst soll hier einfach alles so bleiben, wie es ist." erklärte der König, dass er die Ruinen erst ein mal so belassen wollte, wie sie sind. "Außerdem ist das ein guter Rückzugsort." zwinkerte Calbe der Prinzessin verschwörerisch zu. Vom Hofe verirrt sich so gut wie niemand hier her, daher konnte man so sicher vor den Augen des kritischen Adels flüchten und sich auch ein mal eine Pause gönnen.
      "Wie wäre es, wenn ich euch in den nächsten Tagen das Reiten beibringe? Gerne auch an einem Ort, wo wir nur für uns sind." schlug Caleb dann der jungen Frau vor. Um ehrlich zu sein, machte er das nicht nur für die Prinzessin, denn so konnte er auch mal seinen Verpflichtungen als König für einen Moment entkommen. Talon würde die wenigen Stunden bestimmt klarkommen. "Überlegt es euch, Prinzessin Maria. Fühlt euch aber nicht gezwungen, dem nur meinetwegen zuzustimmen. Es soll einzig eure Entscheidung sein." machte der König der jungen Frau klar, dass sie sich auch dagegen entscheiden konnte. Er wollte, dass Maria sich aus freien Stücken dafür entschied.
      "Ich würde dann vorschlagen, dass wir langsam wieder zurück zum Schloss kehren. Nicht, dass sich noch jemand um uns sorgt." schlug Caleb dann vor, dass sie wieder an den Hof zurückkehren sollten. Außerdem wurde es auch langsam Zeit für das Abendessen, denn ihm war nicht entgangen, wie tief die Sonne schon am Horizont stand.
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    • Er schien ihrer Lüge Glauben zu schenken. Ihre Erklärung war schließlich plausibel gewesen, fast schon zu gut, um angezweifelt zu werden. Es überraschte sie daher nicht, dass er ihr vertraute. Dennoch blieb ein unangenehmes Gefühl in ihr zurück. Auch wenn er es nie erfahren würde, nagte die Tatsache, ihn getäuscht zu haben, leise an ihrem Gewissen.
      Als er kurz darauf in Erinnerungen schwelgte, betrachtete sie ihn verstohlen von der Seite. Die Worte „Wenn ich mal Vater werde“ hallten in ihrem Kopf wider. Sie trafen einen wunden Punkt und ließen ihr plötzlich den Magen flau werden. An diesen Aspekt hatte sie nicht gedacht. Nach der Hochzeit würde man von ihnen erwarten, Kinder zu bekommen. Zephyrine mochte Kinder, sehr sogar, doch sie wollte ihnen keine Mutter sein, deren Leben auf einer Lüge beruhte. Wie sollte sie einem Kind aufrichtig begegnen, wenn sie selbst nicht ehrlich lebte? Noch fühlte sie sich dieser Rolle nicht gewachsen, denn das Gewicht ihres Geheimnisses drückte schwer auf ihre Schultern. Allerdings lag eine solche Entscheidung noch in weiter Ferne, also schob sie den Gedanken fürs Erste zur Seite.
      Trotz seiner zahlreichen Verpflichtungen als König nahm er sich die Zeit, ihr etwas beizubringen. Das beeindruckte sie. Vielleicht hätte er es nur aus Höflichkeit angeboten, doch sein Blick und seine Stimme verrieten, dass er es ernst meinte. Sie erkannte darin die Möglichkeit, einander wirklich kennenzulernen. Etwas, das für ihre Beziehung von großer Bedeutung war, schließlich hatten sie noch nicht viel gemeinsame Zeit verbracht. Caleb war ihr gegenüber bisher stets aufmerksam, fürsorglich und freundlich gewesen. Sie hatte Glück, dass der König sich so sehr von den Gerüchten unterschied, die sie in ihrer Heimat über ihn gehört hatte. Und es war nur von Vorteil, wenn er ihr vertraute, denn dann war die Gefahr geringer, dass ihr Geheimnis je ans Licht kam. Ihn auf ihrer Seite zu wissen, war von unschätzbarem Wert.
      Als er sie bei seiner Aussage direkt ansah, spürte sie, wie ihr Herz einen kleinen Sprung machte. Es lag wohl daran, dass sie kaum Erfahrung im Umgang mit Männern hatte. Verlegen nickte sie und wandte den Blick ab, ehe sich die Wärme, die bereits in ihren Wangen aufstieg, deutlich zeigen konnte.
      Caleb sprach weiter über seine Sicht auf die Ruinen. Er hatte recht. Der Ort hatte einen ganz eigenen Charme, eine stille Schönheit, die sich nicht jedem sofort offenbarte. Auf dem Weg dorthin waren ihr keine anderen Adligen begegnet, was darauf hindeutete, dass es keine Beschwerden über diesen Ort gegeben hatte. Daher sah sie keinen Grund, ihn zu verändern. Verständig nickte sie, während sie seinen Worten lauschte.
      "Wenn es Euch wirklich keine Umstände macht, dann würde ich gerne Euer Angebot annehmen," entschied sie schließlich. Sie glaubte ihm, dass es ihm ernst war.
      Die gemeinsame Zeit fand langsam ihr Ende, und sie machten sich auf den Rückweg. Zephyrine wusste nicht genau, woran es lag, aber seit ihrer Ankunft im Schloss hatte sie das Gefühl, weniger gegessen zu haben als in ihrer Heimat, und doch vergingen die Tage hier ebenso rasch. Sie durchquerten erneut den Garten und betraten schließlich das Innere des Schlosses. Mit jedem Schritt spürte sie mehr, wie ihre Füße zu schmerzen begannen.

      "Wenn es Euch nichts ausmacht, würde ich gerne vor dem Abendmahl einen Moment in mein Zimmer zurückkehren," sagte sie höflich. Sie wollte ihre Schuhe wechseln und sich so gut es ging frisch machen. Vielleicht würde sie direkt ein Bad nehmen und ein bequemeres Kleid anziehen, damit sie später nur noch das Gewand für das Abendessen wechseln musste. Sie vermutete, dass das Mahl nicht lange auf sich warten ließ und vielleicht nutzte der König die Zwischenzeit, um sich seinen Aufgaben zu widmen. Da wollte sie ihm nicht im Weg stehen.
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    • Es freute Caleb, dass die Prinzessin sein Angebot annahm, ihr das Reiten näherzubringen. Das ist auch eine gute Gelegenheit, sich einander besser kennenzulernen, ohne die kritischen Blicke des Adels, die dafür sorgten, etwas vorzuspielen. Das würde ihnen beiden bestimmt guttun, da war sich der junge König sicher.
      Für das abendliche Mahl kehrten sie dann gemeinsam wieder zurück, dabei den malerischen Garten durch querend, wo die Zikaden und andere Insekten gerade summten und brummten. Das Innere des Schlosses erreicht, wollte Maria noch ein Mal ihr Gemach aufsuchen. "Es macht mir nichts aus. Ihr müsst mich auch nicht um Erlaubnis bitten. Ihr könnt hier frei entscheiden." nickte Caleb ihr zu, dass er natürlich nichts dagegen hatte. "Eine Zofe wird dann bei euch vorbeikommen und Bescheid geben, sobald das Mahl gerichtet ist." ließ er sie.
      "Dann kann ich ja noch etwas meinen königlichen Pflichten nachkommen." seufzte Caleb leicht theatralisch, da er dazu gerade nicht gerade die größte Lust verspürte. Damit verbeugte er sich vor der Prinzessin leicht zum Abschied und machte sich dann auf den Weg zu seiner Arbeitskammer, wo er sehr oft mit Talon die vielen verschiedenen Berichte der Truppen an den königlichen Grenzen durchging. Als er dort ankam, war sein Berater auch schon vor Ort und legte gerade ein Dokument bei Seite.
      "Talon, ich danke dir, für die Unterstützung." sprach der König seinen Berater an und ließ sich dann auf einen Sessel fallen. "Gibt es denn etwas Neues von den Grenzen?" fragte er ihn so gleich und richtete sich wieder auf. "Es meine Aufgabe, euch zu unterstützen, daher ist ein Dank von euch nicht erforderlich." entgegnete Talon, der leider einer der wenigen Berater ist, der sein Amt so betrachtet. "Momentan nicht, aber bei dem Grenzgebiet des Nebelwaldes wurden immer wieder mal Tiere von den Bauern gerissen. Anscheinend treibt sich dort gerade ein Wolfsrudel herum." berichte der Berater, der schon alle Berichte durchgelesen hatte. "Hmmm." überlegte Caleb und legte dabei die Hand an sein Kinn. "Stellt fest, wie viele Bauern davon betroffen sind und wie große der Schaden ist. Man soll diese finanziell ausgleichen. Dieser Ausgleich ist aber gekoppelt mit Sicherheitsmaßnahmen. Macht den Bauern klar, dass sie mehr Wachhunde einsetzen sollen und ihn nahe legen, ihre Tiere durch ein Gatter oder ähnliches besser zu schützen. Wenn dann die Wölfe immer noch das Vieh reißen sollten, ist es ihnen erlaubt, Jagd auf diese zu machen. Es sollen dabei aber nur ein bis zwei Tiere erlegt werden, als Abschreckung." teilte er Talon seine Entscheidung dazu mit. "Sehr wohl, eure Majestät." nickte Talon und machte sich dazu gleich ein paar Notizen. "Kann ich sonst noch etwas für euch tun?" fragte der Berater seinen König, der doch so wirkte, als liebe ihm noch etwas auf dem Herzen. Caleb musste bei der Frage verlegen lächeln und nickte seinem Freund zu. "Da gibt es wirklich noch etwas. Ich habe Prinzessin Maria angeboten, ihr das Reiten beizubringen. Es soll auch dazu dienen, dass wir uns besser kennenlernen, ganz ohne die Aufmerksamkeit des Adels hier am Hofe. Die gieren doch nur für Klatsch und Tratsch." erklärte der König sein Vorhaben. "Könnt ihr mich in diesen Stunden vertreten? Bei Notfällen schickt aber sofort einen Boten zu uns." bat er Talon um diesen Gefallen. "Hm, das sollte kein Problem sein. Aber wollt ihr denn keine Wachen dabei haben?" fragte der Berater nach. "Nein, das ist nicht vonnöten. Wir sind gleich hier in den Wäldern. Ich dachte an die Silberseelichtung. Sie ist nah genug und bietet den Platz, den wir brauchen." lehnte Caleb zusätzliche Wachen ab. Mit diesen würde sich Maria bestimmt nur wieder beobachtet fühlen und er selber auch.
      Talon grummelte etwas, gefiel ihm es nicht, dass der König so ganz ohne Leibgarde sein wollte, doch er gab nach und stimmte seiner Entscheidung zu. "Nun gut, eure Hoheit, aber ich möchte zumindest einen Falken bei euch haben, damit ihr mitteilen könnt, falls ihr Hilfe braucht." bestand der Berater darauf, dem Caleb auch sofort zustimmte. Ein Falke ist ihm hundertmal lieber als Leibwächter.
      Da klopfte es auch schon an der Türe und Page trat herein. "Eure Königliche Hoheit, das Abendmahl wird gleich gerichtet sein." verkündete dieser und zog sich dann auch wieder zurück. "Damit ist für heute Schluss mit den Berichten und Pflichten." verkündete Caleb bester Laune und wünschte Talon noch einen schönen Abend, ehe er auf sein Gemach ging. Dort legte er die Stiefel und das königliche Gewand ab und nahm es sich heraus, in eher einfachen Pantoffeln und einem Leinenhemd beim Speisesaal zu erscheinen. Sie sind ja wieder unter sich und langsam wollte Caleb diese Förmlichkeiten ablegen, um mehr die Vertrautheit zwischen ihnen zu fördern.
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    • Es blieb für Zephyrine weiterhin ungewohnt, solche Worte aus dem Mund eines Königs zu hören. Es war, als würde er sie tatsächlich auf Augenhöhe betrachten. Und dennoch fühlte sie sich fremd in diesem Reich, beinahe überheblich bei dem Gedanken, eigene Entscheidungen zu treffen, ohne zuvor Rücksprache mit ihm zu halten. Sie brauchte Zeit, Zeit, um sich an die neuen Umstände zu gewöhnen, an das Leben, das sie nun führte. Noch war es sein Reich allein, denn eine richtige Hochzeit hatte bisher nicht stattgefunden.
      Ein kaum merkliches Lächeln umspielte ihre Lippen, als der König auf beinahe theatralische Weise davon sprach, sich um seine königlichen Angelegenheiten kümmern zu wollen. Zephyrine konnte sich dieses Schmunzeln nicht verkneifen. Im Gegensatz zu ihm trug sie kaum Verantwortung auf ihren Schultern. Ob der Tag kommen würde, an dem sie dieselben Bürden zu tragen hätte wie er? Der bloße Gedanke daran löste Unbehagen in ihr aus, vielleicht sogar Angst.
      Nachdem sie sich mit einer leichten Verbeugung verabschiedet hatte, machte sie sich auf den Weg zurück in ihre Gemächer. Sie wollte sich umziehen, sich frisch machen. Seit dem frühen Morgen war sie ihren Aufgaben nachgegangen und hatte sich anschließend draußen aufgehalten. In ihrer jetzigen Verfassung und Kleidung wollte sie ungern zum Abendessen erscheinen. Auch wenn der König sie als ebenbürtig behandelte, wollte sie dennoch einen positiven Eindruck hinterlassen – vor allem in einem Umfeld, in dem jedes Flüstern der Dienerschaft zu einem Gerücht werden konnte.
      In ihrem Zimmer angekommen, ließ sie sich ein angemessenes Kleid heraussuchen. Es sollte nicht zu leger wirken, jedoch ihrer Position im Schloss gerecht werden. Nach einem ausgiebigen Bad fühlte sie sich erfrischt und voller neuer Energie. Während sie sich ausruhte, wanderten ihre Gedanken zurück zu den Begegnungen des Tages. Die Zeit, die sie bisher mit dem König verbracht hatte, war nicht nur lehrreich, sondern auch überraschend angenehm gewesen. Er war ganz anders, als es die Gerüchte in ihrer Heimat vermuten ließen, und sie war insgeheim froh darüber.
      Wenn ihre Schwester nur wüsste, welche Seite der König tatsächlich zeigte, würde sie sich dann bereit erklären, seinen Antrag anzunehmen? Vielleicht sollte Zephyrine versuchen, ihr einen Brief zu schreiben, in der Hoffnung, sie zur Rückkehr zu bewegen. Dann wäre sie nicht länger in Gefahr, enttarnt zu werden, und das Leben ihrer Mutter stünde nicht länger auf dem Spiel. Heute Abend, nach dem Essen, wollte sie darüber nachdenken und es zumindest versuchen.
      Während sie noch in Gedanken versunken war, überhörte sie das erste Anklopfen an ihrer Tür. Erst beim dritten Mal reagierte sie und bat die Zofe herein. Man teilte ihr mit, dass das Abendessen bald serviert werden würde. Gewiss war auch der König bereits informiert worden. Sie wollte ihn nicht warten lassen, also verließ sie eilig ihr Zimmer.
      Wie es der Zufall wollte, trafen sie sich gleichzeitig vor dem Speisesaal. Auch er hatte sich umgezogen. Es war fast erfrischend zu sehen, dass er sich für lockere Gewänder entschieden hatte. Zephyrine selbst wagte es noch nicht, sich diese Freiheit zu nehmen, vielleicht irgendwann in der Zukunft. Mit einem sanften Lächeln verneigte sie sich leicht vor ihm.
      Während sie gemeinsam den Speisesaal betraten, sah sie zu ihm auf und sagte: „Konntet Ihr etwas euren königlichen Pflichten nachkommen?“ Ein Hauch von Schmunzeln lag in ihrem Gesicht, während sie sich an seine zuvor so dramatisch vorgetragenen Worte erinnerte.
      Sie nahm Platz an seiner Seite, und kaum hatten sie sich gesetzt, begannen bereits die Bediensteten, den Raum zu betreten und den Tisch mit einer Vielzahl an Speisen zu decken. Zephyrine fragte sich, ob sie sich je an diese Vielfalt gewöhnen würde. Früher hatte sie mit ihrer Mutter einfache, oft wiederkehrende Gerichte gegessen, ein Festmahl wie dieses war damals undenkbar gewesen.
      Der Anblick der reich gedeckten Tafel weckte in ihr den Wunsch, möglichst vieles davon zu probieren. Da sie heute kein Korsett trug und sie sich in vertrauter Runde befanden, hoffte sie, dass es ihr nicht übelgenommen wurde, wenn sie sich etwas großzügiger bediente. Dennoch wartete sie höflich, bis der König sich zuerst bediente, bevor sie selbst zum Besteck griff.
      „Müsst Ihr heute noch viel nachholen?“, fragte sie ruhig, während sie sich etwas von einem Gemüsegericht auf den Teller legte. Sie bezog sich auf seine Pflichten und erkannte an, wie fordernd sein Tag gewesen sein musste. Es tat ihr fast leid, dass er so viele Aufgaben zu tragen hatte, während sie selbst sich bisher eher an das Leben hier gewöhnte, als wirklich Verantwortung zu übernehmen.
      Sie würde ihm ihre Hilfe anbieten, doch sie beide wussten, dass sie noch nicht bereit war. Sie müsste sich zunächst mit Dame Elcyr auseinandersetzen, bevor sie sich überhaupt in der Politik behaupten konnte. Der Gedanke, dieser Frau bald gegenüberzutreten, ließ sie innerlich zusammenzucken. Und doch wusste sie, dass der Tag näher rückte, an dem sie sich dieser Herausforderung stellen musste.
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    • Auf dem Weg zum Speisesaal traf der König die Prinzessin just vor den großen Flügeltüren. Nach dem sich beide voreinander leicht verneigt hatten, bot Caleb wie immer ihr seinen Arm an und schritt durch die Türen in den Saal. "Wenn wir unter uns sind, brauch ihr nicht so förmlich gekleidet sein, Prinzessin Maria." sprach er sie ermutigend an, dass sie sich keine Sorgen machen brauchte, wegen ihrer äußerlichen Erscheinung.
      "Ja und da Talon, die gute Seele, schon einiges für mich vorsortiert hat, ging es auch recht leicht von der Hand." antwortete, er ihr auf die Frage und nahm neben der Blonden Platz. Kaum hatten sich die beiden hingesetzt, wurde auch schon die Tafel reichlich gedeckt. Die Bediensteten schwirren wie Bienen umher und so wie sie plötzlich erschienen waren, verschwanden sie auch wieder auf einen Schlag. Nur zwei Pagen blieben zurück, um die Wünsche der Hoheiten zu erfüllen, wenn diese welche haben sollten.
      Caleb hatte großen Hunger und so nahm er sich von jeder Speise etwas, dass sein Teller reich gefüllt war. Die Audienz für das Volk ist wichtig, doch man kam dabei kaum zum Essen, was jetzt nachgeholt werden musste.
      "Oh nein. Heute werde ich keine Dokumente mehr durchlesen. Mein Kopf braucht auch mal eine Pause." lachte der König leise auf und sah dann zu er Prinzessin. "Was macht ihr, um euren Kopf freizubekommen und mal zu entspannen?" fragte er sie dann, während er nebenbei aß.
      "Ich nehme manchmal ein heißes Bad, bis sich meine Finger ganz schrumpelig anfühlen." lachte er über sich selbst und aß vergnügt weiter.
      "Ich hoffe, ich habe euch nicht zu viel abverlangt. Ich weiß, wie anstrengend diese Audienzen sein können." entschuldigte sich Caleb so gleich, falls er die Prinzessin mit all dem überfordert hat. Er wollte Maria einfach an allem teilhaben und vergaß dabei manchmal, dass er doch zu überwältigend sein könnte. Daran müsste er noch arbeiten.
      "Aber ich habe mit Talon gesprochen. Er hat sein Einverständnis gegeben, dass ich euch das Reiten beibringen kann und wir uns dafür ein bisschen im Wald zurückziehen. Es kommen auch keine Wachen mit. Lediglich ein Falke und die beiden Rösser werden unsere Begleiter sein." grinste er Maria fast schon schelmisch an. "Sagt mir einfach, wann euch danach ist." ließ er der Prinzessin die Wahl des Zeitpunktes.
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    • Auf den Kommentar des Königs hin senkte die Prinzessin kurz den Blick und musterte ihr Gewand. Sie musste sich eingestehen, dass sie sich heute nicht so förmlich gekleidet hatte wie am Abend zuvor. Dennoch war ihre Kleidung eleganter, als sie es aus ihrer Vergangenheit gewohnt war. Sie konnte nicht einmal mit Gewissheit sagen, ob sie überhaupt etwas Passendes für jeden Anlass besaß. Seine Worte nahm sie sich jedoch zu Herzen. Sie wollte nicht den Eindruck erwecken, als würde sie seine Bemerkungen übergehen, und beschloss, beim nächsten Mal besser darauf zu achten.
      Es beruhigte sie, zu hören, dass der König Unterstützung erhielt und für den restlichen Abend keine dringenden Verpflichtungen mehr hatte. Andernfalls hätte sie sich unwohl gefühlt, so viel von seiner Zeit beansprucht zu haben. Auch ohne den Stapel an Dokumenten gesehen zu haben, der sich gewiss auf seinem Schreibtisch türmte, konnte sie sich nur zu gut vorstellen, welche Last der Verantwortung auf seinen Schultern ruhte. Allein der Gedanke daran ließ sie zweifeln, ob sie je fähig wäre, eine solche Bürde selbst zu tragen.
      Als er sie schließlich fragte, wie sie gewöhnlich ihren Kopf frei bekam, musste Zephyrine einen Moment innehalten. Es gab nichts Bestimmtes, das sie regelmäßig tat, kein festes Ritual. Doch wenn sie eine Antwort geben musste, war es wohl das Bedürfnis, frische Luft zu schnappen. „Ich denke, ein Spaziergang im Freien oder einfach mit meiner Mutter am Kamin zu sitzen und die gemeinsame Zeit zu genießen“, sagte sie leise, fast verträumt. Erst, als die Worte ausgesprochen waren, wurde ihr bewusst, was sie da offenbart hatte. Ihr Blick verriet für einen kurzen Moment ihre innere Bestürzung, bevor sie hastig ein Lächeln aufsetzte. Sie hatte nicht näher präzisiert, welche „Mutter“ sie meinte, und hoffte, dass er keinen Verdacht schöpfen würde.
      Sein kleiner Scherz entlockte ihr ein leises Lachen. Ein Bad, dachte sie, wäre tatsächlich etwas Wohltuendes – für ihn ebenso wie für sie. Doch in ihrem bisherigen Leben war dies kein selbstverständlicher Luxus gewesen. Es war einfacher und schneller gewesen, sich mit Wasser aus einer Schüssel abzuwaschen. Der Gedanke an ein ausgedehntes, warmes Bad fühlte sich für sie beinahe wie ein Traum an.
      „Nein, nein“, beeilte sie sich klarzustellen, „ich habe es wirklich als lehrreich und interessant empfunden. Ich glaube, so lernt man am besten, nicht allein durch trockene Lehrbücher.“ Sie meinte es ehrlich. Es berührte sie, dass er Rücksicht auf sie nahm und versuchte, ihr die neuen Pflichten nicht zu schwer zu machen. Zephyrine spürte deutlich, dass er sie nicht überfordern wollte, und diese Güte rührte sie. Gleichzeitig brannte der Stachel der Schuld in ihr, weil sie ihn mit ihrer wahren Herkunft und Identität belog.
      Umso überraschter war sie, als er erwähnte, mit seinem Berater bereits über das Reiten gesprochen zu haben. Sie hatte frühestens in den nächsten Tagen damit gerechnet, nicht schon so bald. Es freute sie, dass er ihr diesen Wunsch ernst genommen hatte. „Mir ist es wohler, wenn wir die Ausritte nach Eurer Verfügbarkeit einplanen“, erwiderte sie vorsichtig. In Wahrheit hatte sie deutlich mehr freie Zeit als er, der mit Regierungsgeschäften beschäftigt war. Daher erschien es ihr selbstverständlich, sich nach ihm zu richten.
      Während sie sprach, schlich sich unmerklich ein Gefühl von Wärme in ihre Brust. Sie war sich bewusst, dass sie auf einem Drahtseil wandelte, gefangen zwischen dem Vertrauen, das er ihr entgegenbrachte, und dem Geheimnis, das wie ein Schatten über ihr schwebte.
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      ૮ ˶ᵔ ᵕ ᵔ˶ ა
    • "Frische Luft klingt immer gut, vor allem, wenn man einige Stunden über Papiere brütet und dabei langsam einem der Kopf schwirrt." stimmte Calbe ihr mit guter Laune zu. "Ihr scheint ein gutes Verhältnis zu eurer Mutter zu haben. Vermisst Ihr sie?" fragte er dann Maria, als sie von den gemeinsamen Abenden vor dem Kamin mit ihrer Mutter sprach. "Zu unserer Hochzeit werden wir eure Eltern auf jeden Fall einladen und bestimmt ergibt sich auch vorher eine Gelegenheit, sie zu besuchen." sprach er weiter, ahnungslos, dass die vermeintliche Maria nicht diese Mutter meinte. "Ich vermisse Mutter hin und wieder immer noch sehr." gestand der König dann leise und ein Schatten der Trauer legte sich für einen kurzen Moment auf sein Antlitz, ehe er den Kopf schüttelte und diese trüben Gedanken auch schon wieder vertrieb.
      Caleb musste lächeln, als er es schaffte, der Prinzessin ein leises Lachen zu entlocken. Er mochte es, sie so zu sehen und diesen Klang zu hören, erhoffte er sich, dass sich die Blonde schon etwas wohler in seinem Schloss fühlte.
      "Da bin ich beruhigt. Bitte, scheut euch nicht mir mitzuteilen, wenn es auch zu viel wird, egal was. Ich möchte euch nicht überfordern." erinnert Caleb sie nochmals daran, auszusprechen, wenn ihr etwas nicht behagt. Er will Maria nicht unter Druck setzen, in keinerlei Hinsicht, das ist dem jungen König sehr wichtig. Sie soll nicht das Gefühl haben, dass ihre Bedürfnisse seinen unterstellt sind. Caleb strebt eine Partnerschaft an, in der beide gleichberechtigt sind, was nicht selbstverständlich. Das wusste er noch aus der Ehe seiner Eltern.
      "Nach meiner Verfügbarkeit?" wiederholte der junge Mann und musste dann doch laut lachen. "Meine liebe Prinzessin Maria, ich bin der König von Dromos. Mein Wort ist Gesetz." setzte mit einer überspitzt ernsten Stimme an und hörte sich dabei bedeutsam an, vielleicht sogar ein bisschen zu sehr, da er es ja nicht ernst meinte. "Ich denke als König darf ich es mir auch erlauben, mir hier und da ein paar freie Stunden zu nehmen und den politischen Pflichten für einen Moment zu entkommen." zwinkerte Caleb der jungen Frau verschwörerisch zu. "Ansonsten sage ich einfach, dass ich nur auf den Wunsch der zukünftigen Königin handle." grinste er Maria an und trank dann einen Schluck von seinem Wasser. "Also, schwebt euch schon ein Tag bevor, an dem ich euch das Reiten beibringen darf?" fragte er sie dann mit einem sanften Blick und traute sich auch, seine Hand auf ihre zulegen.
      "Vergessen ist wie eine Wunde. Es mag zwar verheilen, aber dabei wird es eine Narbe hinterlassen."
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    • Zephyrine musste sich ein bitteres Lächeln verkneifen. Sie hatte diese Frage selbst heraufbeschworen. „Ein bisschen, doch ich denke, das gehört einfach dazu“, gestand sie offen, auch wenn sie in Wahrheit nicht von ihrer biologischen, sondern von ihrer Adoptivmutter sprach. Ihre leibliche Mutter hatte versucht, sie töten zu lassen, geblendet von Glauben und Fanatismus. Zephyrine würde ihr das niemals verzeihen. Selbst nach dem ersten Wiedersehen hatte jene Frau sie behandelt, als wäre sie eine Krankheit, die man meiden musste.
      Die Königin, nicht ihre Mutter, würde auf der Hochzeit erscheinen. Genau das wollte Zephyrine eigentlich vermeiden. Sie wusste jedoch, dass es keine andere Möglichkeit gab. Wäre ihre Mutter anwesend, wäre das Geheimnis ihrer Herkunft aufgedeckt. Trotzdem tat es weh, diesen Weg allein gehen zu müssen. Sie war gezwungen, anstelle ihrer Schwester den König zu heiraten. So freundlich, respektvoll und verantwortungsbewusst er sich auch zeigte, änderte das nichts an der Tatsache, dass sie keine Liebe für ihn empfand. Zephyrine hatte immer geglaubt, sie würde eines Tages jemanden heiraten, den sie wirklich liebte. Nun kam alles anders.
      „Bestimmt“, sagte sie schließlich leiser und schenkte ihm ein schwaches Lächeln. Während sie sprach, fragte sie sich, wo wohl seine eigenen Eltern waren. Ob sie bei der Hochzeit anwesend sein würden?
      Zephyrine empfand es als Glück, dass der König weitaus gütiger und verständnisvoller war, als es die Gerüchte in ihrer Heimat hatten vermuten lassen. Sie hatte sich auf Schlimmeres eingestellt, auf Furcht, Einsamkeit und Kälte. Doch stattdessen war das Leben hier friedlicher, menschlicher und weniger von Grausamkeit geprägt, als sie es aus dem Thronsaal ihrer leiblichen Eltern kannte. Natürlich wusste sie, dass es auch hier korrupte Adelige gab, aber zum Glück musste sie ihnen nicht täglich begegnen.
      Als er beim Essen die Reitstunden ansprach, hielt sie kurz inne. Seine Worte ließen sie unbewusst anspannen, denn sie war sich nicht sicher, wie sie reagieren sollte. Doch als er ihr ein leichtes Zwinkern schenkte, entspannte sie sich wieder. Er hatte recht – er war der König und konnte tun, was immer er wollte. Sie wollte lediglich vermeiden, ihm zusätzliche Umstände zu bereiten, falls der Zeitpunkt ungünstig war.
      Zephyrine schmunzelte leise, als er meinte, er würde behaupten, er handle nur auf den Wunsch der zukünftigen Königin. Der Gedanke klang seltsam in ihren Ohren, fast fremd, denn sie selbst konnte sich noch nicht wirklich in dieser Rolle sehen. Dennoch brachte seine Aussage sie zum Lächeln, auch wenn es ein unsicheres war.
      Als er schließlich seine Hand auf ihre legte, schnellte ihr Blick erschrocken hinab. Sie war solch eine Geste von einem Mann nicht gewohnt. Ihre Haut kribbelte unter seiner Berührung, und ein ungewohntes Brennen breitete sich aus. Sie schluckte schwer, räusperte sich und wagte es kaum, sich zu bewegen. Diese Nähe war ihr fremd, sie wusste nicht, wie sie sich verhalten sollte.
      „Vielleicht…“, begann sie zögernd, und ihre Stimme versagte kurz. Sie zwang sich, weiterzusprechen. „Vielleicht ein oder zwei Tage, nachdem ich Alyssa Elcyr gesehen habe? Dann gäbe es noch Zeit, damit Ihr etwas einplanen könnt?“ Während sie sprach, spürte sie, wie ihr Herz schneller schlug. Es war nicht Unbehagen, das sie empfand, sondern Unsicherheit. Seine Hand war warm, sein Blick ruhig, und sie wollte ihre Hand nicht wegziehen, auch wenn die Situation sie überforderte.
      Natürlich war sie Männern in der Vergangenheit schon näher gekommen, doch das hatte immer mit Arbeit zu tun gehabt, mit Kontrolle, Disziplin oder Pflichterfüllung. Dies hier war anders. Es war persönlicher, und gerade das machte ihr Angst.
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    • Caleb freute sich innerlich doch etwas, als die Prinzessin ihre Hand nicht von seiner wegzog. Ihre Haut fühlte sich weich und zart an und zaghaft strich er mit seinem Daumen über Marias Handrücken, was den jungen Mann selbst etwas erröten ließ. Caleb hatte kaum Erfahrungen mit dem weiblichen Geschlecht. Umgeben war er nur von Zofen und Mägden und natürlich den Adelsdamen, die eh vergeben sind. Bis dahin hatte er auch kein größeres Interesse daran, einer Frau näher zu kommen. Er hatte sich damit abgefunden, dass er die Prinzessin von Maglia ehelichen würde und somit dachte er gar nicht daran, sich einer anderen Dame zu nähern.
      "Wie wäre es dann in zwei Tagen? Damit haben wir beide noch etwas Zeit." Entgegnete er Maria und bedachte sie mit einem sanften Blick. Das Essen ist auch schon zur Nebensache geworden, da Caleb satt war und sich lieber darüber Gedanken machte, wie er und die Prinzessin sich vielleicht noch etwas näher kommen könnten. Dass er sich in die junge Frau verlieben könnte, schloss der König nicht aus, doch davor war ihm wichtig, dass er und Maria sich zumindest gut verstanden und vielleicht so etwas wie Freunde werden können. Damit wären sie um einige Schritte weiter, wie manche andere Königspaare, die der Politik wegen geheiratet hatten.
      "Möchtet Ihr mir vielleicht noch ein bisschen mehr über euch erzählen? Oder habt ihr Fragen an mich?" versuchte er das Gespräch am Laufen zu halten. Caleb wollte diese Zweisamkeit nutzen, dass sie so eher offen reden konnten und nicht auf ihre Wortwahl achten mussten, weil ein anderer Adliger diese auf die Goldwaage legte.
      Ob er mit seinen Fragen vielleicht zu direkt war? Aber dann würde die Prinzessin ihn doch bestimmt zurechtweisen. Das dachte Caleb zumindest und ging davon aus, dass Maria weiß, dass sie jederzeit auch gehen könnte, falls er sich ihr zu sehr aufdrängte. Mit solchen Gepflogenheiten ist der junge König einfach noch nicht vertraut. Und da er wirklich nur mehr Zeit mit Maria verbringen wollte, um sie besser kennenzulernen, rutschten ihm auch diese Worte heraus. "Eure Haut ist wirklich sehr zart und weich."
      "Vergessen ist wie eine Wunde. Es mag zwar verheilen, aber dabei wird es eine Narbe hinterlassen."
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