Salvation's Sacrifice [Asuna & Codren]

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    • Vorsichtig, fast unschlüssig legte Kassandra ihre zarte Hand in Zoras' raue Handfläche. Die Wärme, die von ihr ausging, ergriff ihn sofort; ein Prickeln, das sich über seine Finger hinweg zu seinem Arm ausbreitete. Er musste dem Drang widerstehen, sie ganz zu sich zu ziehen und mehr von dieser tröstlichen Wärme aufzusaugen, endlich das Loch zu füllen, das in seinem Inneren ihren Namen trug. Plötzlich wurde es fast unerträglich, sie nicht bei sich zu wissen. Zwei Wochen lang hatte er sich an die vermeintliche Kälte gewöhnt, aber so schnell konnte er auch wieder ihre Hitze herbei sehnen.
      Ihr Blick lag auf seinen Händen, als sie aus dem Nichts heraus sagte:
      "Santras hat mich geküsst. Deine Küsse haben sich anders angefühlt."
      Er musste noch immer an die Wärme in seiner Hand denken, als er bei den Worten unweigerlich den anderen Mann vor Augen sah. Er hatte sie geküsst? Nicht andersherum? Und was sollte anders bedeuten, etwa gut anders? Schlecht anders?
      Er strich mit dem Daumen über ihren Handrücken.
      "Wolltest du es?"
      Aber seine Frage blieb unbeantwortet und damit auch die Frage von seiner eigenen Meinung dazu. Er hätte vermutlich damit rechnen können, dass Santras in all der Zeit etwas versuchen könnte und vielleicht hätte er auch vorhersehen können, dass Kassandra darauf eingehen würde. Er hatte es selbst schließlich nicht anders gemacht, auch wenn sein Grund dafür gewesen war, um das Loch in seinem Inneren zu füllen. Aber vielleicht hatte Kassandras auch ein Loch gehabt, als sie gegangen war? Zwar hatte Zoras ihr nie Wärme gespendet, die sie hätte missen können, aber er war doch immer da gewesen, eine ständige Präsenz um sie herum, die ihr - hoffentlich - den Alltag versüßte. Vielleicht hatte es die Phönixin auch nicht kalt gelassen, dass sie gegangen war, und sogesehen war es fast schon verständlich.
      Was nicht heißen sollte, dass Zoras die Vorstellung besonders mochte.
      Was genauso wenig heißen sollte, dass er von Verständnis ausging, sollte er ihr von Tevias Kuss erzählen. Vielleicht würde sie es nicht verstehen. Vielleicht war es auch ein Fehler gewesen.
      Sie drehte seine Hand, um ihre Hände miteinander zu verschränken. Eine fast ungewohnte Geste, wo er doch sonst ihre Hand mit seiner hielt.
      "Aber du hast recht mit deiner Beobachtung, dass es zu einer Normalität geworden ist, die ich nicht… wünsche. Eine Ehefrau oder Mätresse wird zur Normalität. Aber ich bin eine Göttin und stehe niemals auf einer Stufe mit ihnen."
      Er lächelte ein wenig. Es war einer der wenigen Male, dass Kassandra als Göttin behandelt werden wollte. Zoras wollte ja selbst nichts anderes als genau das zu tun.
      "Das sollst du auch nicht, niemals", pflichtete er ihr bei.
      Sein Lächeln wurde sanft erwidert.
      "Manchmal denke ich an jene Zeit zurück, als du noch meine Essenz getragen hast. Ganz am Anfang, weißt du?"
      Das Feuer in ihren Augen flackerte zart.
      "Da hat ein Blick von mir ausgereicht, damit dein Herzschlag sich überschlug. Eine Berührung, damit du in Schweißausbrüche gerätst. Ich weiß, dass du älter geworden bist, gewisse… Probleme dazugekommen sind. Aber ich wünschte, ich könnte diesen Zoras manchmal noch bei dir sehen."
      So schön der Anfang ihrer Erinnerung auch gewesen war, umso härter traf Zoras die Wahrheit, die niemals unbekannt gewesen war. Er hatte sich verändert und auch, wenn er es nicht akzeptieren wollte, hatte er sich auch in Hinblick auf Kassandra geändert. Er konnte sich noch gut an ihre beschriebenen Tage auf seinem Anwesen erinnern und genauso gut wusste er, dass es niemals wieder dazu kommen würde. Der Zoras von damals war gestorben, in jeglicher Hinsicht, und ihn wieder auferstehen zu lassen war unmöglich. Sich wieder wie damals zu fühlen war unmöglich.
      Sein Blick glitt zu ihren Händen herab. Ja, es hatte einmal eine Zeit gegeben, da hatte sich sein Herz bei der schieren Aussicht, ihre Hand in seiner zu tragen, selbst überschlagen. Jetzt war es ihm zwar längst nicht gleichgültig, aber... es erregte ihn nicht mehr so sehr. Er hatte sich an solche Kleinigkeiten gewöhnt, so wie er sich daran gewöhnt hatte, ständig ihre Wärme zu spüren.
      "Das wünschte ich auch", flüsterte er zurück.
      Da zog sie, ganz leicht nur, bis er einen Schritt näher getreten war. Ganz fern spürte er die Hitze von ihrem Körper und wenn er ehrlich war, so wollte er nicht nur das, was Kassandra wollte. Tevia hatte ihren Wunsch egoistisch genannt, als sie ihn küssen wollte, und Zoras verstand sie in diesem Augenblick dabei ein wenig besser. Er fühlte sich sehr egoistisch dabei, einen Arm um Kassandra legen zu wollen und sie an sich zu ziehen. Für die Nähe, für die Wärme, für die Sehnsucht, die er endlich stillen könnte. Für den Ausdruck an Liebe, die er ihr zubringen könnte.
      "Irgendwann habe ich mich gefragt, ob ich meinen Zauber verloren haben könnte."
      Die Worte kamen so unvermittelt, dass Zoras wieder ihren Blick suchte. Mit so etwas hatte er nicht gerechnet, denn es schien eine so menschliche Sache. Fast schon trivial. Kassandra und ihren Zauber verlieren?
      "Niemals."
      Das war nun die erste Antwort, die er mit großem Nachdruck gab.
      "Du solltest so etwas nicht einmal in Betracht ziehen. Ich preise jeden Tag, den ich an deiner Seite verbringen darf. Ich sehne mich jedem Morgen entgegen, weil du das erste Antlitz bist, das ich erblicken darf, und jedem Abend, weil es das letzte ist, das ich vor dem Schlaf betrachten darf. Ich habe keine Frau so sehr geliebt wie dich und ich werde niemals jemanden so lieben wie dich."
      Da hob er die freie Hand und führte sie an ihr Gesicht. Zärtlich strich er ihr mit den Knöcheln über die Wange, über die unfassbar zarte Haut, deren ausgehende Wärme über seine Finger prickelte. Er zog eine Spur nach unten bis unter ihr Kinn, ohne es anzuheben.
      "Du hast deinen Zauber schon vor langer Zeit gewirkt und seitdem stehe ich völlig in deinem Bann. Du bist die schönste Frau, die ich in meinem ganzen Leben getroffen habe. Ich bewundere dein Geschick und deine Gerissenheit, ich ehre dein Antlitz und vergöttere dein Bild. Dich zu lieben fühlt sich an, als würde das Glück der Welt sich für mich sammeln und mich auf Händen tragen. Dein Zauber ist noch lange nicht verloren. Ich wünschte, du könntest dich aus meinen Augen sehen, meine hübsche, wundervollste Göttin."
      Sanft strich er mit den Fingern über eine Haarsträhne. Nachdem Kassandra nicht vor seiner Berührung wich, nahm er sie auch nicht zurück.
      "Du würdest sehen, wie sehr du für mich strahlst."
    • Zoras‘ dunkle Augen versuchten, Kassandras Blick zu binden. Auf dieses Spiel ließ sie sich ein, als er ihr mit Nachdruck antwortete: „Niemals.“
      Wie hätte ein Gott denn auch seinen Zauber verlieren können? Er kam mit dem Augenblick ihrer Wahrwerdung und war ein beträchtlicher Teil ihrer Existenz. So wie jeder Mensch nach etwas Bestimmten duftete, sein ganz eigener Duft, so war dieser Zauber vergleichbar damit für die Götter. Ihre Anziehungskraft und Macht waren ungebrochen, egal aus welcher Epoche oder Abschnitt der Existenz sie kamen. Trotzdem hatte irgendetwas die Phönixin dazu verleitet, an ihrer persönlichen Macht zu zweifeln. Das lag mit nicht geringem Anteil an dem Fakt, dass dieser Mann vor ihr sie zu lieben gedachte, und doch Dinge tat, die dem nicht zuspielten.
      Kassandra hielt Zoras‘ Hand noch immer fest, als er ihr genau bestätigte, wie sehr er sie liebte. Er liebte mehr als ein Menschenmaß, das hatte sie in dem Augenblick schon begriffen, als er in Asvoß vor der Feste stand, ihren Sohn in Form eines Schwertes und mit dem Willen, nicht ohne sie zu gehen.
      „Wenn ich mir dein zermürbtes Gesicht so anschaue und daraus schließe, dass du mehr als schlecht geschlafen hast seit meinem Verschwinden, dann scheinen deine Worte Tragweite zu besitzen“, konstatierte Kassandra, ehe Zoras seine freie Hand hob und die Knöchel an ihre Wange legte. Für einen Moment war sie drauf und dran gewesen, beleidigt zu sein, warum er sie nicht mit seinen Fingern anfassen wolle. Ob sie es ihm nicht wert sei. Doch sie schwieg, als er sie sanft streichelte und die Knöchel an ihr Kinn wandern ließ. Noch immer hielt sie den Blickkontakt aufrecht, während sie auch hier feststellte, dass sich die Berührungen von ihm und Santras ähnelten, zeitgleich aber grundverschieden waren. Auch Santras hegte eine Anbetung für sie, aber unter seinen Berührungen lag etwas, das viel älter war. Es hatte eine Weile gedauert ehe sie begriffen hatte, dass er in ihr noch immer die Phönixin von damals sah und fühlte, obwohl sie mittlerweile jemand völlig anderes war. Zoras auf der anderen Seite hatte einen entscheidenden Teil ihrer Entwicklung nicht nur beobachtet, sondern sogar ausgelöst. Ursprünglich wollte Kassandra es vermeiden, sofort den Körperkontakt zu Zoras zu genehmigen. Doch ihr Körper schickte ganz uneigennützig die Signale, dass selbst nur seine Knöchel auf ihrer Haut genau das waren, was sie vermisst hatte, ohne es zu wissen.
      „Du hast deinen Zauber schon vor langer Zeit gewirkt und seitdem stehe ich völlig in deinem Bann.“
      „Sehr wohl. Und das seit dem Augenblick auf dem Marktplatz“, sagte sie selbstzufrieden.
      „Du bist die schönste Frau, die ich in meinem ganzen Leben getroffen habe. Ich bewundere dein Geschick und deine Gerissenheit, ich ehre dein Antlitz und vergöttere dein Bild.“
      „Du bist einfach ein Mensch, den die Gefahr, die hinter einer kampfeslustigen Gottheit steckt, nur noch weiter anlockt.“
      „Dich zu lieben fühlt sich an, als würde das Glück der Welt sich für mich sammeln und mich auf Händen tragen. Dein Zauber ist noch lange nicht verloren. Ich wünschte, du könntest dich aus meinen Augen sehen, meine hübsche, wundervollste Göttin.“
      Da blinzelte sie ihn an. Sie zu lieben bedeutete für ihn Glück? Er war nicht nur glücklich oder hatte Glück gehabt. Es war ein anderes Glück, das Zoras damit meinte und damit einen weiteren Punkt traf, den Kassandra nicht so wahrnahm. Für sie war die Zuneigung zu Zoras kein Glück. Für sie war es ein schöner Umstand, ein wichtiger, zweifellos. Nur wusste sie schon, dass ihr Leben praktisch kein Ende hatte. Niemand oder Nichts war für ihr Ende zuständig und das bedeutete, dass die nächste Zuneigung kommen würde. Der nächste Mensch, der wie Zoras sein würde. Die Frage war lediglich, wie lange es dauern würde. Aber Glück… Konnte sie das überhaupt verspüren?
      Als Kassandra zwischen den Büschen gesessen hatte, hatte es sich für die angefühlt, als fehle ihr ein Teil. Zeitweise dachte sie, es wäre ihre Ruchlosigkeit und die göttliche Ignoranz gewesen, die Dionysus auch so gern predigte. Die meiste Zeit über war sie allein in der Natur gewesen, so wie früher, viel, viel früher zuvor, auch schon. Irgendwann hatte sie realisiert, dass sie gern zurückgegangen wäre. Dass sie sich noch immer darum sorgte, was Zoras widerfahren mochte, wenn sie nicht da war. Aber sie war diejenige gewesen, die den Schwur aufgehoben hatte und verschwunden war. Die Blöße, wie ein geschlagenes Tier zurück zu kriechen, konnte sie sich nicht geben. Nur hatte er sie jetzt von sich auf aufgesucht und ihr all das versichert, was sie hören musste. Sie war wieder bei ihm. Warum hielt sie dann weiter diese Distanz aufrecht?
      „Du würdest sehen, wie sehr du für mich strahlst“, schloss er schließlich und strich nun über eine ihrer Haarsträhnen.
      Aber Zoras strahlte nicht für Kassandra. Was er in ihr sah, konnte sie nicht für ihn erwidern. Sie verstand, was er damit meinte, aber sie konnte es auf ihm nicht replizieren. Es gab Grenzen, Unterschiede zwischen Sterblichen und Gottheiten, und hier hatte Kassandra eine gefunden. Shukran hatte nicht lang genug gelebt, damit sie es bei ihm bemerken konnte.
      Kassandras Mundpartie verspannte sich bei dieser Erkenntnis zunehmend. Ihr lieben und das lieben von Sterblichen war unterschiedlich, das hatte sie unlängst vermutet. Es jetzt zu realisieren, schmerzte sie. Noch mehr, als die Gedanken an die letzten Wochen, an das letzte Abbild im Saal, als all die Sticheleien und Herabwürdigungen zusammen. Selbst, wenn sie nicht wie eine Sterbliche lieben konnte, tat sie es noch immer auf ihre Art und Weise. Hier direkt vor Zoras, der zögerlich ihre Nähe suchte, erkannte sie, dass sie nicht länger ihre Front aufrechthalten wollte. Er hatte den weiteren Weg ihrer Beziehung in ihre Hände gelegt und das würde sie nicht mit Füßen treten. Dann war sie in diesem Punkt eben keine Göttin, denn Götter suchten nicht die Nähe der Menschen. Dann hatte Dionysus eben recht und sie war teilweise zu einem Menschen verkommen. Das war eine der zwei Seiten in Kassandras Seele, die sie unlängst bemerkt hatte.
      Kassandras Kinn sackte ab, als sie ihre Hand aus seiner hastig befreite und sich dann nahezu an seine Brust warf. Sie drückte ihr Gesicht an ihn, schlang ihre Arme um ihn und ignorierte, dass er gleich wieder reagieren würde. Dass er steif wie ein Brett wurde, Panik bei ihrer festen Umarmung bekam und sein Nervensystem wieder über reagierte. Sie scherte sich nicht darum, als sie sich einfach nahm, was sich gut anfühlte. Was den Schmerz betäubte und mit Wärme und dem Duft nach Parfum und Mann und entfernt sogar noch etwas Pferd dafür sorgen konnte, dass sie sich doch nicht so verlassen fühlte. In ihrer Zeit in den Gärten Paspateras hatte sie lange Zeit allein in der Natur gesessen. Die Zeit war an ihr vorbeigestrichen, Santras kam ihr immer wieder näher und das ein oder andere Mal hatte sie sich auch auf ihn eingelassen. Aber berühren, so richtig innig, dass sie die Wärme auch von Innen heraus spürte, hatte er sie nicht können. Nicht so, wie Zoras es mit seinen Worten und seinen Taten jetzt und auch schon so viele andere Male zuvor tat. Sie hatte sich abgeklärt ihm gegenüber zeigen wollen, konnte nicht von sich weisen, was sie an dem Abend gesehen hatte. Und doch wusste Kassandra es besser. Sie wusste, dass Zoras, bis auf den Punkt der Nachlässigkeit, keine Schuld traf. Es gab nichts, was sie ihm vorhalten konnte. Alles, was die Zeit allein im Garten ihr bewiesen hatte, war der Punkt, dass sie dort allein gewesen war. Und allein wollte Kassandra nicht mehr sein. Nicht, nachdem ein Sterblicher ihr mit all seinen Mitteln gezeigt hatte, dass sie es nicht sein musste, solange er lebte.
      „… Ich habe dich vermisst, Zoras…“

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    • Nahezu hektisch entriss Kassandra sich Zoras' Hand, der sie überrascht losließ - da warf sie sich an seine Brust. Die Geste kam so unvermittelt, so untypisch für die Phönixin, dass er für einen Moment strauchelte. Dann hatte er sich gefangen und sah überwältigt auf den dunklen Haarschopf hinab und auf die Göttin, die sich mit beiden Armen an ihn klammerte, als wolle sie sich an ihm festhalten. Der Anblick kam so unerwartet, als hätte sie für ihn mit einem Mal sämtliche Mauern eingebrochen.
      Telandirs Narbe beschwerte sich, das Phantom eines tödlichen Schmerzes, das sich mit Druck und feinen Stichschmerzen zu Wort meldete. Sein Körper schloss sich dem gleich an, das Phantom eines weniger tödlichen, aber dafür nicht weniger quälenden Schmerzes, der seine Glieder lähmte. Zoras versteifte sich.
      Aber über all dem drang eine so tröstliche, vertraute Wärme zu ihm durch, wie ein Schwall aus hellstem Sonnenlicht, der ihm durch die Kleiderschichten hinweg über die Haut fuhr. Wie sehr hatte er sich hiernach gesehnt, nach dem Gefühl von Kassandras Präsenz, nach dem Wissen, dass sie ganz in seiner Nähe war und ihm jederzeit ihre Aufmerksamkeit schenken konnte. Wie sehr er das vermisst hatte. Wie sehr er sie vermisst hatte, in all ihrer Pracht und ihrer Göttlichkeit. Wie sehr es ihn nach ihr verzehrt hatte.
      "... Ich habe dich vermisst, Zoras..."
      Ihr kleines, fast unauffälliges Geständnis ging fast unter an seiner Brust und doch hörte er es laut und deutlich, nicht nur mit seinen Ohren, sondern mit seinem ganzen Geist. Sie hatte ihn vermisst. Sie hatte ihn vermisst. Dieser kleine Satz war mächtig genug, dass er den Bann zu brechen vermochte, der sich auf seinen Körper gelegt hatte. Der Schmerz seiner Erinnerung rückte in den Hintergrund, als er sofort beide Arme um den zierlichen Körper schloss und sie fester an sich drückte, sie voller Inbrunst hielt und in dem ganzen Glück ihrer Anwesenheit versank. Sie hatte ihn vermisst! Der ganze Rausch dieser Erkenntnis drängte sämtliche anderen Empfindungen in den Hintergrund.
      "Ich dich auch. Oh, meine Liebste, meine Hübsche..."
      Er beugte sich zu ihr hinab und küsste ihren Scheitel, schob die Hand in ihre dichten Haare und den Arm um ihre schlanke Taille. Der Geruch von Bergluft umhüllte ihn, begleitet von dem Eindruck nach weiten Feldern, windigen Lüften und grenzenloser Freiheit, gänzlich alles, was sein Körper stets mit ihrer Präsenz in Verbindung bringen würde. Unter seinen Armen war sie warm, aber niemals heiß, niemals intensiv genug, um ihn zu verbrennen, stets die Quelle einer angenehmen Wärme, die er mit Sicherheit, Trost und Liebe verband. Und auch jetzt verspürte er nichts als Glückseligkeit, sie so halten zu dürfen, auch über den Schmerz seines Körpers hinweg. Er würde sie immer über den Schmerz hinweg lieben.
      Zärtlich fuhr er mit der Hand aus ihren Haaren und diesmal lag ein gewisser Druck dahinter, als er sie an ihre Wange legte. Er brachte sie dazu, den Kopf zu heben, bis sich die glühenden, tiefroten Augen auf ihn legten, das Feuer dahinter heiß, aber niemals heiß genug, um ihn zu verbrennen.
      "Bitte, bleib. Wir müssen das Bett nicht teilen, wenn du es nicht möchtest, aber bitte bleib bei mir. Nichts auf der Welt würde mich je glücklicher machen als das. Meine wundervolle, hübsche Phönixin."
    • Kassandra drückte sich noch enger als Zoras, als er seine Arme um sie legte und die Starre, die ihn überfallen hatte, damit bekämpfte. Seine Arme waren nicht steif, als er sie hielt. Sie waren kräftig, aber weich, und trugen kein Anzeichen davon, dass er es nicht genau so auch wollte.
      „Ich dich auch. Oh, meine Liebste, meine Hübsche…“, sagte er, bevor er sich bewegte und sich warme Lippen auf Kassandras Scheitel drückten. Es war, als würde er seine Worte über ihren Kopf gießen, begleitet von einer Welle aus Wärme. Das war menschliche Zuneigung, die so tief ging, dass sie schon selbstverletzend sein würde. Seine Hand in ihrem Haar ging dabei nahezu unter. Alles, was sie von Zoras‘ Aura zu spüren bekam, war eine pure Glückseligkeit. Ja, er hatte sie vermisst. Mehr als das sogar.
      Die Hand löste sich aus ihren Haaren und wanderte zu ihrem Gesicht. Er strich dabei knapp über ihre Ohrmuschel, dann die Wange entlang und legte sich schließlich gänzlich auf ihr ab. Kassandra sah sich genötigt, von Zoras abzulassen, damit sie ihren Kopf heben und ihn sehen konnte. Was sie dann sah, waren dunkle, intensive Augen. Von Nahem fiel ihr wieder auf, dass sie ganz dunkelbraun waren, aber feinste Sprenkler von Grün aufwiesen. Sie waren zwar nicht rot wie ihre eigenen, konnten aber mit einem vergleichbaren Feuer in ihnen brennen. Und jetzt gerade lag dieses Feuer einzig und allein auf ihr. Sämtliche Zuneigung, die er für sie aufbewahrt hatte, schien sich in diesem Augenblick zu entladen.
      „Bitte, bleib. Wir müssen das Bett nicht teilen, wenn du es nicht möchtest, aber bitte bleib bei mir“, sagte er.
      „Einfach nur hier in dem Zelt in deiner Nähe? Das sollte sich einrichten lassen…“, lenkte sie ein.
      Zoras lächelte sanft. „Nichts auf der Welt würde mich je glücklicher machen als das. Meine wundervolle, hübsche Phönixin.“
      Kassandra hob ihre Hand und bedeckte damit seine an ihrer Wange. Sanft, aber bestimmt, löste sie ihn von ihrer Wange und senkte seine Hand. Mit einem nicht recht deutbaren Blick führte sie ihn zum Bett hinüber, wo sie ihm bedeutete, sich zu setzen. Dann holte sie sich einen der Stühle heran und setzte sich nah an das Bett. An sich gab es kein Problem, sich mit ihm einfach in das Bett zu legen. Aber wo er sich nach ihrer Nähe sehnte, genügte ihr schon seit Anblick, um zu wissen, dass es ihm gut ging. Die Sorge, dass sie seine Berührungen noch nicht wertschätzen konnte wie vor der verhängnisvollen Nacht war einfach viel zu groß.
      „Mach dich fertig. Ich bleibe hier bei dir…“, versicherte sie ihm sanft und bedeutete ihm, sich von seinen zig Kleidungsschichten zu verabschieden. „Du fragtest vorhin, ob ich von Santras geküsst werden wollte. Mir war es gleichgültig. Ich habe ihm keine Signale dafür oder dagegen gegeben, da ich wie in Trance war. Aber es stimmt als ich sagte, sie haben sich anders angefühlt als deine. Ich konnte seine Hingebung fühlen, aber ihnen fehlte die Wärme, die du immer mit ihnen bringst.“
      Zoras haderte mit einer Schnürung am hinteren Teil seiner Robe, sodass Kassandra sich gezwungen sah, aufzustehen und ihm mit einem amüsierten Lächeln die Knoten zu öffnen. Mit findigen Fingern löste sie eine Schnürung nach der anderen und arbeitete sich so vorwärts. „Ich habe ein wenig die Sorge, dass ich deine Berührungen vielleicht noch nicht als so intensiv wie zuvor wahrnehme. Das möchte ich einfach nicht.“
      Dass es dabei einzig und allein um Angst ging, offenbarte sie Zoras nicht. Eine Gottheit fühlte schließlich keine Angst, das war das ultimative Zeichen der Schwäche. Wenn es um Leben und Tod ging war das eine Sache, aber wenn es nur um solch Kleinkram ging, war es definitiv eine Schwäche. Zoras sollte Kassandra niemals als schwach wahrnehmen, das hatte sie sich von Anfang an fest vorgenommen.
    • Kassandra ließ von ihm ab, aber auf sanfte, bestimmte Weise. Zoras ließ es zu, dass sie sich aus seinen Armen schälte und die Wärme mit sich nahm. Er fühlte sich jetzt schon wesentlich besser, ruhiger. Noch immer voller Glück, seine Göttin wieder bei sich zu haben, sie lieben zu können. Alles andere konnte später kommen.
      Ohne ein weiteres Wort, aber mit sanfter Geste, führte sie ihn zum Bett hinüber und zog sich selbst einen Stuhl heran. Zoras setzte sich, den Blick keine Sekunde von Kassandra abgewandt. Jetzt, wo ihr neutraler Gesichtsausdruck etwas aufgeweicht war - und sei es noch so wenig - verging er regelrecht an ihrem Anblick. Selbst ein Vorfall wie der mit Oronia konnte sie nicht auseinanderreißen und das zu wissen machte ihn unermesslich glücklich. Es schien all die anderen Probleme, die noch überall auf sie warteten, umso lösbarer zu machen.
      "Mach dich fertig. Ich bleibe hier bei dir…"
      Mit einem Lächeln begann er an seinen Ärmeln zu ziehen. Er hatte sich noch nicht recht überlegt, ob es klug war, Kassandra nachts bei sich zu wissen, aber auf der anderen Seite waren seine Albträume für sie nichts neues. Bevor sie gegangen war, hatte sie regelmäßig dafür gesorgt, dass sie ihn in Frieden ließen und er gut schlafen konnte. Würde sie es auch jetzt tun, würde es ihn erleichtern, und wenn nicht hoffte er wohl, dass es nicht allzu schlimm werden würde. Sicherlich hatte sich sein Unterbewusstsein mit ihrer Anwesenheit wieder entspannen können.
      "Du fragtest vorhin, ob ich von Santras geküsst werden wollte. Mir war es gleichgültig. Ich habe ihm keine Signale dafür oder dagegen gegeben, da ich wie in Trance war."
      Zoras verzog dabei ein bisschen das Gesicht, versteckte es aber. Wenn Kassandra so darüber redete, musste er unweigerlich an ihre Zeit in Asvoß denken und das gefiel ihm überhaupt nicht. Er wollte nicht verantwortlich sein für einen derartigen Horror, den sie verspüren musste.
      "Aber es stimmt als ich sagte, sie haben sich anders angefühlt als deine. Ich konnte seine Hingebung fühlen, aber ihnen fehlte die Wärme, die du immer mit ihnen bringst."
      Da lächelte er wieder und das ließ er sie auch sehen. Dabei war es ihm ganz egal, dass Santras' Küsse nun anders waren, aber nicht egal war es, dass Kassandra seine Liebe spüren konnte. Das war es schließlich, was er ständig zu übermitteln versuchte.
      "Das ist gut; besser, als ich es mir vorgestellt habe. Santras hat es ein wenig... zweifelhaft klingen lassen."
      Er musste ja nur an "Ich bin nicht gewillt, sie zu teilen" denken, um das zu beweisen. Aber es war gut zu hören, dass Santras die Situation nicht auf Kassandras Kosten genutzt hatte.
      Zoras hatte es derweil aus den obersten Lagen geschafft, aber mit den untersten hatte er noch zu kämpfen. Die Gewänder waren definitiv nicht dafür geschaffen worden, von einer einzelnen Person angezogen zu werden, daher musste Kassandra einschreiten. Sie tat es mit schnellen, kundigen Bewegungen.
      "Ich habe ein wenig die Sorge, dass ich deine Berührungen vielleicht noch nicht als so intensiv wie zuvor wahrnehme. Das möchte ich einfach nicht", gestand sie derweil und Zoras hätte um ein Haar wieder ihre Hand ergriffen. Stattdessen beschränkte er sich darauf, sich ihr wieder zuzudrehen.
      "Dann tu es auch nicht. Ich werde bei dir bleiben, ob ich dich nun halten darf oder nicht. Wir werden einen Weg finden, den Vorfall zu verarbeiten. Nicht heute, auch nicht morgen, aber in nächster Zeit. Es besteht kein Grund zur Eile oder zur Überstürzung. Du sollst nichts tun, was du nicht selbst möchtest."
      Das waren einfache Worte, die auch hoffentlich genauso einfach zu verkraften waren. Denn Zoras wusste, dass ihn die Sehnsucht irgendwann wieder übermannen würde und er hoffte diesmal darauf, dass er die Nacht heil überstehen würde. Albträume zu haben war eine Sache, aber unter Albträumen zu leiden und zu wissen, dass Kassandras Wärme zwar hier, aber außer seiner Reichtweite war, eine ganz andere. Er hoffte, dass sein Wille stark genug war, um sich selbst daran zu halten.
      Damit legte er sich unter die Decke, während Kassandra auf ihrem Stuhl sitzen blieb. Er wusste es besser als sie zu fragen, ob sie einen gemütlicheren Platz haben wollte oder ihr gar das Bett für sich anzubieten. Alles nötige war bereits abgesprochen. Damit versuchte er zu schlafen.

      Er benötigte Stunden, bis er sich an Kassandras reglose Anwesenheit gewöhnt hatte und die fernen Lagergeräusche ihn endlich in den Schlaf lullten. Als er es endlich tat, träumte er von einem Aufstand, von Kuluars Palast, in dem Santras ihn höchstpersönlich begrüßte und natürlich von Dionysus. Dionysus war fester Bestandteil in den meisten seiner aktuellen Träume gewesen und auch jetzt tauchte er auf, ein Grinsen im Gesicht und Amartius in der Hand. Zoras zuckte im Schlaf und murmelte unvollständige Wort, bis sich irgendwann - so wie in den meisten Nächten - Kassandras Name heraus kristallisierte. Er hatte ihn gerade zweimal unruhig gestöhnt, da wurden seine Träume von einer Welle fortgespült, die ihn in Wärme und Sicherheit versinken ließ. Zoras atmete auf und zum ersten Mal seit zweieinhalb Wochen entspannten sich im Schlaf alle seine Glieder und seine Gesichtszüge glätteten sich. Er schlief tief und fest und als er es einmal tat, rührte er sich gar nicht mehr. Nichts störte ihn mehr, nichts konnte ihn aufwecken. Zoras schlief und dabei verschlief er das Frühstück und musste aufgeweckt werden, damit sie das Lager zusammenbauen konnten.
      Und zum ersten Mal in zweieinhalb Wochen fühlte er sich halbwegs ausgeschlafen.
    • Kassandra runzelte ein wenig die Stirn. „Was hat er zweifelhaft klingen lassen?“
      Niemand hatte ihr mitgeteilt, dass ein Brief von Zavion gekommen war und dass Santras eine Antwort verfasst hatte. Wie auch? Immerhin waren es sterbliche Belange, die sie zu dem Zeitpunkt nicht interessiert hatten. Hätte Kassandra jedoch den Wortlaut erfahren, würde die Sache vermutlich anders aussehen. Zoras zitierte nur einen Teil aus dem Schreiben, den wirklich entscheidenden Teil.
      „Er sei nicht gewillt, mich zu teilen?“, wiederholte sie mit einem ungläubigen Tonfall. „Das ist anmaßend. Ich verstehe seinen Gedanken dahinter, aber gewagt ist es dennoch. Auf mehreren Ebenen.“ Sie schüttelte nur den Kopf und ging nicht weiter darauf ein. Es war grob fahrlässig, dem Herrscher des Landes so etwas vor den Kopf zu werfen. Das allein brachte ihn schon in Schwierigkeiten. Allerdings war Kassandra zwiegespalten von diesem Satz. Santras wollte sie nicht teilen. Hätte sie sich also entschieden, bei ihm zu bleiben, hätte er alles draufgesetzt, dass Zoras sie nie wieder auch nur sehen würde. Das war selbstlos. Zu selbstlos, wenn sie bedachte, dass sie den Mann eigentlich hatte freigeben wollen. Dennoch konnte sie nicht abstreiten, dass sie sich durch diesen Gedanken wertgeschätzt fühlte. Es gab andere Themen, die sie noch ansprechen musste.
      Kaum hatte Kassandra ihre Gedanken geteilt, drehte sich Zoras ihr zu. Ihr fiel auf, wie seine Hand zuckte, aber nicht mehr als das. Er versicherte ihr abermals, dass nichts überstürzt werden müsse. Dass er einzig und allein schon glücklich darüber sei, dass sie in seiner Nähe war. Damit konnte sich auch die Phönixin abfinden, selbst wenn das einen faden Beigeschmack mit sich brachte.
      Sie ließ sich wieder auf den Stuhl sinken, während sich Zoras unter die Decke begab. Anders, als sie vermutet hätte, suchte er kein weiteres Gespräch, sondern schloss einfach die Augen, sodass sie ihn in aller Ruhe betrachten konnte. Nachdem er sich das Puder abgewaschen hatte, sah er plötzlich viel zerfahrener aus als zuvor. Nun waren die vergangenen Tage und Nächte deutlich sichtbar und sie fragte sich, wie lange es wohl dauern würde, ehe er diese Spuren verwischen konnte. Wie viel Zeit von ihr dazu wohl nötig war.

      Während der Nacht verfiel Kassandra ihrer neugewonnenen Gewohnheit, einfach nur da zu sitzen und nichts zu tun. Einer Statue gleich saß sie auf ihrem Stuhl und beobachtete Zoras dabei, wie er endlich den Schlaf willkommen hieß und wegdämmerte. Es verging Zeit, die sich für die Phönixin nicht wie solche anfühlte. Um sie herum spürte sie all die Lebenslichter, die Zoras auf seiner Reise hierher begleitet hatten. Sie spürte, wie Zavion selbst mitten in der Nacht seine Runden um das Lager drehte, obwohl es völlig unnötig war. Sie spürte schließlich, wie sich Zoras‘ Herzschlag beschleunigte und er damit begann, seinen Schlaf in einen Alptraum zu entwickeln.
      Kassandra griff nicht sofort ein. Vielleicht erhoffte sie sich ja, ein bisschen mehr des Traumes zu erhaschen. Nur, damit sie nachfühlen konnte, weshalb er so schlecht schlief. Aber so sehr sie sich auch auf ihn konzentrieren mochte: der Traum und Zoras sprachen nicht zu ihr. Jedenfalls bis zu dem Moment, in dem er ihren Namen stöhnte und sie entschied, dass der Alptraum genug Zeit hatte, um sich zu zeigen. Es war nur eine kleine Handbewegung, die aussah, als würde sie nur ihre andere Hand befühlen, damit ihre Aura über den Eviad hinweg wusch. Sie nahm dem Alptraum die Macht und schenkte Zoras‘ Körper dafür die Ruhe, die er seit Nächten nicht mehr bekommen hatte.
      Da musterte Kassandra Zoras ein weiteres Mal ausgiebig. Wenigstens dafür waren ihre Fähigkeiten als Gottheit zu gebrauchen.

      Am nächsten Morgen war der Stuhl leer neben Zoras Bett.
      Draußen herrschte schon geschäftiges Treiben, als sich die Gesellschaft ans Einpacken machte, während der Eviad noch ruhte. Die Zeit drängte nun nicht wahnsinnig, aber viel trödeln wollte niemand. Den Herrscher außerhalb seiner sicheren Mauern zu wissen, barg immer ein Risiko, selbst wenn die Phönixin irgendwo unter ihnen sein sollte.
      Zavion hatte veranlasst, die Zelte am äußeren Rand schon abzubauen und die Habseligkeiten zu verstauen. Sein Weg hatte ihn von den Zelten zu den Pferden geführt, wo er sich nach Ausfällen oder anderen Auffälligkeiten erkundigte. Danach pilgerte er zu der Kutsche, in der Kassandra und Zoras gereist waren, um sie selbst zu überprüfen, bevor der Eviad seinen Fuß auch nur auf die Stufe an der Seite setzen konnte. Erst dann setzt er sich auf eben jene und bekam von einem Bediensteten sofort einen Becher mit einer dampfenden Flüssigkeit darin.
      „Du schläfst nicht.“
      Zavion zuckte zusammen und verschüttete einen Teil seines Heißgetränkes neben sich auf den Boden. Er fuhr herum und entdeckte Kassandra, die mit verschränkten Armen an der Kutsche lehnte. „Ihr doch auch nicht“, war seine überrumpelte Antwort.
      „Ich bin auch keine Sterbliche.“
      „Aber Ihr könntet, wenn Ihr es wolltet.“ Er wischte sich die Hand an seinem Umhang ab. Wie schon am Tage zuvor trug er noch immer seine Rüstung, ungeachtet des Morgens.
      Beiläufig musterte die Phönixin den jungen Mann. „Es bringt niemanden etwas, wenn du dich aufgrund von Schuldgefühlen selbst erschöpfst.“
      Zavion warf Kassandra einen missmutigen Blick zu. Er wusste, dass sie seine Aura berühren und dadurch lesen konnte, was er fühlte. Eins und eins zusammenzuzählen sollte für eine Göttin kein Problem darstellen. „Seht Euch den Eviad an. Ihr habt ihn gesehen. Wie er aussieht. Wenn sich der Eviad so verausgabt, dann sollte es für seine Untergebenen gang und gäbe sein. Außerdem obliegt es doch mir, welche Konsequenzen ich aus den Geschehnissen ziehe, oder etwa nicht?“
      Mit so einer Antwort hatte Kassandra nicht gerechnet. Eine Spur Erstaunen lag in ihrer Miene, als sie antwortete: „Meinst du, er sorgt absichtlich dafür, dass er so gerädert aussieht? Ich glaube, ihr habt alle sehr gut mitbekommen, wie er sich des Nachts verhält, wenn ich nicht da bin.“
      Betroffenes Schweigen des Hauptmannes.
      „Du hast als Einziger einen Verdacht gehabt, wo ich sein könnte und eigenmächtig Nachforschungen angestellt. Dabei hast du für Zoras entschieden und gegen Santras. Darf ich das als Bruch deiner Loyalität auffassen?“, fragte Kassandra in schmerzhaft leichtem Tonfall nach.
      Zavion setzte betont langsam seinen Becher auf seinem Oberschenkel ab. „Natürlich nicht. Aber ich hatte die Wahl zwischen der Loyalität zu Santras und dem Fortbestehen der Ära des Eviads. Genau das ist nämlich –„ Er brach ab, als er Kassandras intensiven Blick auf sich spürte.
      „Dem Fortbestehen? Was meinst du?“
      „Ist Euch noch nicht aufgefallen, wie seltsam ich rede?“ Doch, das war ihr aufgefallen. Lediglich den Grund kannte sie dafür nicht. „Als Dionysus seinen Träger gewechselt hat, ist Zoras aus dem Palast verschwunden. Immerhin konnte Dionysus jederzeit seine Essenz zurückholen und das war ihm zu gefährlich. Ich wusste als Einziger, dass er sich in der Stadt versteckte und habe Dionysus die Aussage verweigert.“ Er streckte den Stumpen Zunge heraus und Kassandras Miene wurde leer. „Er hat ihm dann eigenmächtig nachgestellt. Ohne Euch war die Gefahr einfach viel zu hoch, dass er einen weiteren Angriff nicht mehr überleben wird. Deswegen –„
      „Einen weiteren Angriff?“ Kassandras Stimme war dunkel und leise, aber alles andere als zahm und vertrauensselig. „Es gab einen Angriff von Dionysus auf Zoras? Wann?“
      Zavion stutzte und merkte, dass er etwas ausgeplaudert hatte, was Zoras ihr verschwiegen hatte. Er griff seinen Becher fester und wollte aufspringen, aber Kassandras Aura hielt ihn an Ort und Stelle fest. „D… deswegen hat er Schutz bei Esho ersucht…“
      Ah. Die ganzen kleinen Rädchen begannen langsam in sich zu greifen. Da lag also der Hase im Pfeffer. Esho war Zoras letzte Bastion gewesen und nur deswegen hatte er das Ratsmitglied in den Himmelsbruch eingeweiht. Er hatte auf seine Unterstützung gehofft und sie wie durch Fügung bekommen. Manch einer mochte den Moiren dafür danken. Kassandra tat es nicht.
      „Was hat er getan?“, forderte die Phönixin zu wissen und Zavion wurde bleich. Er biss die Zähne aufeinander, ganz der Meinung, dass er nach Dionysus auch Kassandra überstehen würde. Oh, wie falsch der Junge doch lag…
      Kassandra stieß sich vom Wagen ab und machte Anstalten, auf den jungen Hauptmann zu zukommen, da hielt sie plötzlich inne und verschmälerte die Augen. Zoras war schon etwas länger wach gewesen, jetzt aber bewegte sich seine Aura und damit auch er. Er suchte nach ihr, höchstwahrscheinlich.
      Mit gerecktem Kinn entließ sie Zavion aus ihrem Bann und machte auf dem Absatz kehrt. Sie würde Zoras entgegenkommen, damit er sah, dass sie noch da war und nicht verschwunden war. Allerdings tat sie es mit gemischten Gefühlen. Langsam aber sicher wurde Zoras besser in dem Spiel, ihr Wahrheiten vorzuenthalten und statt Lügen geschickt Lücken einzusetzen. Darauf würde sie von nun an wohl besser achten müssen.
    • Zoras war überrascht, als ihn ein Wachmann an diesem Morgen weckte. Er hatte ihn nicht hereinkommen gehört und dabei hatte er einen bekanntlich sehr leichten Schlaf. Jetzt brachte ihn der uniformierte Mann mit all seiner aufzubringenden Würde dazu, sich über den Aufbruch informieren zu lassen und ihn dann zu entlassen. Als er weg war, blinzelte Zoras mit schweren Augenlidern und gähnte so ausgiebig, dass Telandirs Narbe unter der Bewegung dumpf pochte.
      Der Schlaf saß ihm tief in seinen Knochen, sehr tief. Es fühlte sich an diesem Morgen gar nicht leicht an, aus dem Bett zu steigen, sich aufzurichten und die Muskeln zu strecken. Zoras wusste nicht warum; er hatte in letzter Zeit keine Mühe damit gehabt, sich sofort wieder in seine Arbeit zu stürzen. Schließlich sorgte der Gedanke daran, was ihn erwartete, sehr schnell dafür, dass er auch gleich wieder einsatzfähig war. Aber heute war es anders. Am liebsten hätte er sich wieder ins Bett gelegt und hätte Kuluar den Rücken zugekehrt.
      Woran das lag fiel ihm erst ein, als er den leeren Stuhl neben dem Bett entdeckte und sein träges Gehirn aufholte. Kassandra war hier gewesen und hatte ihn von seinen Träumen erlöst; er konnte sich schon gar nicht daran erinnern, überhaupt welche gehabt zu haben. Jetzt war sie aber nicht mehr da und die Erkenntnis legte sich schwer in seinem Magen ab.
      Sie war doch nicht wieder gegangen, oder? Sie hatte sich doch nicht dazu entschieden, doch noch zu Santras zurückzukehren? Nach nur einem Tag?
      Die Sorge darüber ließ nun endlich seine Glieder erwachen und er rief nach seinen Bediensteten, um ihm beim Ankleiden zu helfen. Nach einem provisorischen Blick in den Spiegel ließ er sich auch wieder das Gesicht pudern. Er hatte es zuerst für Kassandra getan, aber langsam fiel ihm selbst immer mehr auf, wie schlimm er aussah mit seinen dunklen Augenringen und dem ausgezehrten Blick. Es war wohl besser, der Rolle des Eviads mehr entgegen zu kommen und nicht zu wirken, als hätte er sich für den Titel versklavt. Was wohl eine gewisse Ironie in sich barg.
      Er verließ das Zelt von seinen Gardisten umringt. Dabei musste er den Drang unterdrücken zu fragen, ob jemand diesen Morgen oder noch in der Nacht Kassandra gesehen hatte und ob sie das Lager verlassen hätte. Stattdessen ließ er sich sagen wo er den einzigen Mann finden konnte, den er sowas fragen konnte: Zavion. Seine Gardisten eskortierten ihn dorthin.
      Auf halbem Weg sah er allerdings schon einen dunklen Haarschopf in dem Gewühl des morgendlichen Lagers auftauchen, dessen kurzer Anblick ihn bereits mit Erleichterung erfüllte. Kassandra war doch nicht gegangen, stattdessen hielt sie zielgerichtet auf ihn zu, ihr Schritt stramm und zielgerichtet, ihre Miene unlesbar. Er blieb stehen als mehr als deutlich war, dass sie zu ihm wollte. Seine Wachen teilten sich vor ihr, um sie ungehindert passieren zu lassen.
      Zoras lächelte sie warm an.
      "Guten Morgen. Hattest du eine angenehme Nacht? Möchtest du mir beim Frühstück Gesellschaft leisten?"
    • Zoras begegnete Kassandra mit einem warmen Lächeln, das die Angst und Kälte aus seinem Inneren mit Wärme ablöste. Natürlich hatte er befürchtet, dass sie einfach wieder verschwunden war, aber es störte sie, dass er annahm, wie schnell sie sich seiner überdrüssig wurde. Hatte sie ihm denn jemals auch nur den Anstoß dafür gegeben, so etwas von ihr zu denken?
      „Sie war den Umständen entsprechend angenehm ereignislos“, antwortete die Phönixin und beäugte die Wachen mit scharfen Seitenblicken. Zoras war umgeben von seinen Leuten und kaum verließ er sein Zelt, ließ er sich von Wachen umringen? Es musste Eindruck bei ihm hinterlassen haben, als Dionysus ihn angegriffen hatte. Sonst würde sich nicht so paranoid von seinen Wachen umschwirren lassen. „Gerne leiste ich dir Gesellschaft. Aber können wir es kurzhalten und vielleicht auf die Kutsche ausweichen? Es gibt bestimmt etwas, dass du auch während der Fahrt essen kannst.“
      Von diesem Vorhaben ließ sich Kassandra nicht abbringen. Sie wollte so schnell es ging zurück zur Hauptstadt, um die Abwesenheit des Eviads so kurz wie nur möglich zu gestalten. Außerdem musste sie ihren Dank bei Mirdole aussprechen und hatte noch mehrere Rechnungen mit Dionysus offen. Es gab viel zu tun und wenig Zeit, wenn man das kurze Leben eines Sterblichen als Maßstab nahm.

      Zavion hatte sie beide gemieden, kümmerte sich aber darum, dass die Bediensteten einen Korb mit Backwaren und Obst bereitstellten. Es steckten noch ein paar getrocknete Räucherwürste mit dabei, aber mehr war ohne entsprechendes Geschirr und Kochmaterial nicht umsetzbar gewesen. Die Körbe wurden in den Innenraum der Kutsche platziert, wo Kassandra Zoras gegenüber Platz genommen und ihre Beine überschlagen hatte. Ihre Hände lagen wie üblich entspannt in ihrem Schoß und maskierten ihre eigentliche Aufwühlung. Sie ließ die Kutsche anfahren und Zoras eine Wurst aus dem Korb ziehen, dann hielt sie es für genug Zeit.
      „Wann hattest du gedacht mir zu sagen, dass Dionysus dich tatsächlich angegriffen hat?“
      Zoras, der gerade dabei war, von der Wurst abzubeißen, hielt inne und sah die Phönixin an. Ihr Blick bohrte sich in seinen mit einer Unnachgiebigkeit, die ein Ausweichen nicht gestatten würde.
      „Zavion nahm an, du hast es mir bereits erzählt. Sobald er merkte, dass dem nicht so war, ist er dem Schweigen verfallen. Als ich in den Gärten saß, habe ich das Aufwallen von Dionysus‘ Aura in der Hauptstadt gespürt. Mehrere Male. Anfänglich dachte ich, es galt dir, aber da es sich wiederholt hatte in relativ kurzen Zeitabständen bin ich davon ausgegangen, dass es vielleicht doch nicht dir gegolten hat. Dann hast du mir gesagt, es gab Auseinandersetzungen mit Mirdole, also rührte es wohl da her. Da habe ich mich wohl zur falschen Annahme verleiten lassen.“
      Wegen der Kutsche und dem unebenen Weg wackelte alles in dem Gefährt, ebenso wie die Insassen. Aber es war Kassandras Zeigefinger, der immer wieder auf ihren Handrücken der anderen Hand trommelte, was wahrlich Brisanz beinhielt.
      „Was hat er getan? Er wird sich nicht die Hände an dir schmutzig machen und physische Gewalt anwenden. Was war es also? Erzähl mir, was dich dazu gedrängt hat, bei Esho Schutz zu suchen.“ Es gab zwei Möglichkeiten. Entweder waren es Esho und Asterios gewesen, die ihn da schon gerettet hatten oder es war Mirdole gewesen, die eingeschritten war und einen hohen Preis bezahlen musste. Im ersten Moment gab es keinen Grund, warum auch nur eine der beiden Parteien einschreiten sollte. Außer, es war nicht in unüberschaubaren Plätzen geschehen. Zavion hatte ihr gesagt, dass Zoras in der Stadt Zuflucht gesucht hatte. Dionysus hätte ihn also durchaus in einer Gasse abfangen können… „Ich habe sowieso noch ein Gespräch mit ihm offen. Ob ich nun weiß, dass er versucht hat dich zu töten oder nicht hat darauf keinen Einfluss.“
      Es würde es für den Weingott nur wesentlich schlimmer machen. So gern Kassandra einfach ein für alle Mal den Gott vom Antlitz der Erde gefegt hätte, er war doch ein wichtiger Bestandteil Zoras‘ neuer Streitmacht. Er besaß Fähigkeiten, die Kassandra und sonst niemand des Rates aufbringen konnte und nachdem sie Oronia aufgelöst hatte, war ein empfindlicher Posten geschwächt worden.
      „Wieso hast du mir das verschwiegen, Zoras? Bin ich so schwierig für dich einzuschätzen und so rachsüchtig, dass du fürchtest, ich lege sofort alles in Schutt und Asche?“
    • "Gerne leiste ich dir Gesellschaft. Aber können wir es kurzhalten und vielleicht auf die Kutsche ausweichen? Es gibt bestimmt etwas, dass du auch während der Fahrt essen kannst."
      "Natürlich. Gerne."
      Das war sogar eine Lüge, wie Zoras einen Moment später auffiel, als er die Worte schon längst ausgesprochen hatte. Wenn er ehrlich war, hätte er lieber mit der Bequemlichkeit eines Tisches und einer ganzen Mahlzeit gefrühstückt und nicht im fahrenden, ruckelnden Wagen. Aber er hatte schon seine Antwort gegeben und Kasssandra schien erpicht darauf, die Reise fortzusetzen. Sie hatte ja auch recht, er sollte nicht länger von der Hauptstadt fern bleiben als nötig.
      Er gab seine Anweisungen auf kuluarisch weiter, dann ging er mit Kassandra und seinen Gardisten voran, um in die Kutsche zu steigen. Wenige Minuten später wurden ihnen schon Essenskörbe gebracht, die sich gut zwischen den Sitzen platzieren ließen. Die Küche hatte sich die größte Mühe gegeben, ihnen eine anständige Auswahl zukommen zu lassen, aber mit einem richtigen Frühstück war es natürlich nicht zu vergleichen. Zoras versteckte seinen Unmut damit, dass zumindest Kassandra bei ihm war.
      Die Kutsche fuhr an und nachdem Kassandra sich in Schweigen hüllte, griff Zoras nach einer halben Wurst, um daran zu nagen. Er hatte sie kaum bis zu seinem Mund geführt, da sagte die Phönixin unvermittelt:
      "Wann hattest du gedacht mir zu sagen, dass Dionysus dich tatsächlich angegriffen hat?"
      Und Zoras fror in seiner Bewegung ein.
      Er beäugte Kassandra, die ihm unbeweglich gegenüber saß, die Hände auf ihrem Schoß abgelegt, die langen Beine überschlagen. Sie trug ein einfaches Gewand, das zwar nicht sehr auffällig war, aber dafür ihre Augen nur umso deutlicher unterstrich. Und ihre Augen brannten.
      Ganz langsam senkte er die Wurst wieder. Mit einem Mal hatte er keinen Hunger mehr; seine ganze Aufmerksamkeit lag auf der Phönixin und auf ihr alleine. Woher hatte sie das herausgefunden? Nach nur einem Tag?
      "Zavion nahm an, du hast es mir bereits erzählt. Sobald er merkte, dass dem nicht so war, ist er dem Schweigen verfallen. Als ich in den Gärten saß, habe ich das Aufwallen von Dionysus‘ Aura in der Hauptstadt gespürt. Mehrere Male. Anfänglich dachte ich, es galt dir, aber da es sich wiederholt hatte in relativ kurzen Zeitabständen bin ich davon ausgegangen, dass es vielleicht doch nicht dir gegolten hat. Dann hast du mir gesagt, es gab Auseinandersetzungen mit Mirdole, also rührte es wohl da her. Da habe ich mich wohl zur falschen Annahme verleiten lassen."
      Zavion - natürlich. Oder eher nicht natürlich. Der arme Hauptmann hatte sich lediglich verplappert, dabei wusste Zoras schon, dass er ein Geheimnis durchaus gut wahren konnte. Es musste ein unglücklicher Zufall gewesen sein, dass Kassandra darauf gestoßen war.
      Er ließ die Hand langsam in seinen Schoß zurücksinken. Die Wurst lag vergessen zwischen seinen Fingern.
      "Wenn es relevant wird", sagte er schließlich tonlos. Kassandras Blick bohrte sich dabei so scharf in seinen, dass sie ihn damit alleine hätte aufspießen können. Plötzlich begriff er erst, warum sie auf die Kutsche bestanden hatte. Nicht, dass er ihr sonst hätte ausweichen können, aber hier konnte er es noch weniger.
      Zoras versteifte er sich. So hatte er sich dieses Thema ganz sicher nicht vorgestellt.
      "Was hat er getan? Er wird sich nicht die Hände an dir schmutzig machen und physische Gewalt anwenden. Was war es also? Erzähl mir, was dich dazu gedrängt hat, bei Esho Schutz zu suchen."
      Zoras starrte in ihre tiefroten Augen. Auch ohne Informationen hatte sie sich bereits den Großteil selbst zusammenreimen können - immerhin war sie eine Göttin und dazu auch noch eine, die sehr lange unter den Menschen gelebt hatte. Hatte Zoras sich wirklich ausgemalt, ihr die Wahrheit enthalten zu können? Hatte er wirklich gedacht, schlauer zu sein als eine Phönixin?
      Nein. Aber es war ein Versuch wert gewesen.
      Er seufzte.
      "Er hat mich in der Stadt gefunden. Er hat sich nicht die Hände schmutzig gemacht und auch nicht Gewalt verwendet, er hat mich mit seiner Aura... wie nennt man das?"
      Es war ihm unangenehm, darüber zu reden. Die ganzen letzten Wochen waren mehr als unangenehm gewesen.
      "Er wollte meine Aura wegbrennen. Er hat es nur nicht zu Ende gebracht, weil Mirdole aufgetaucht ist."
      Ihm wurde klar, dass diese Erklärung mehr als dürftig war; das konnte er an den Flammen sehen, die in Kassandras Augen zum Leben erwachten. Dabei wollte er gar nicht ihren Zorn erwecken. Er hatte selbst in diesen Tagen viele verzweifelte Dummheiten begangen und Dionysus' Angriff war nur eine Konsequenz davon gewesen. Eine von vielen.
      "Dionysus hatte den Träger gewechselt - Quentin, der Mann, von dem Feyra hätte lernen sollen. Ich habe an diesem Abend meine Taschen gepackt und wollte ungesehen nach Paspatera reisen. Zavion hatte mir nur kurz zuvor gesagt, dass du dort bist; er hatte mir Santras' Briefverlauf gezeigt. Ich wusste keinen anderen Ausweg. Dionysus würde nicht länger warten und ich wollte mich ihm nicht auf dem Silbertablett präsentieren. Ich hatte mit meinen Beschlüssen Zeit geschunden, aber auch nicht mehr. Ich war... verzweifelt.
      Ich bin ungesehen bis zu den Toren gekommen, bevor mir einfallen konnte, dass ich die Stadt niemals verlassen könnte. Dionysus würde meine Aura auf dem offenen Feld sofort ausfindig machen und dann wäre es ihm ein leichtes, mich einfach verschwinden zu lassen. Er müsste nicht einmal Zeugen aus dem Weg schaffen, er hätte mich verschwinden lassen können und dann wäre es mit dem Eviad eben vorbei gewesen. Also bin ich geblieben.
      Er hat mich eine Nacht später aufgespürt, als ich den Ort wechseln wollte. Ich hatte mich extra an belebten Orten gehalten, damit meine Aura untergehen würde, aber in dieser Nacht bin ich durch abgelegene Gassen gereist. Er ist hinter mir aus dem Nichts erschienen."
      Er sah Kassandra noch einen Moment an, dann wandte er den Blick nach draußen. Es war nicht das erste Mal, dass Kassandra von einem Attentat erfuhr, aber dieses spezielle Mal störte ihn trotzdem mehr als das letzte. Es hätte so... vermeidbar sein können. Die ganzen letzten Wochen hätten so vermeidbar sein können.
      "Ich hatte Amartius dabei, aber ich bin nicht einmal so weit gekommen, ihn zu ziehen, da hatte er mich schon auf die Knie gezwungen. Er hat mich gefragt, ob du wohl kommen würdest, wenn er sich genug Zeit lässt, und das hat er auch getan. Er hätte mich gleich töten können, aber er hat es langsam gemacht, langsam genug, dass ich es spüren konnte."
      Er erinnerte sich auch noch gut daran, das Gefühl, wie ihm die Kälte aus den Fingern strömte. Als würde sein Körper seinen Geist verlieren.
      Es fröstelte ihn. Ein weiterer Grund, weshalb er nicht davon erzählen musste.
      "Er hat aufgehört, als Mirdole gekommen ist. Sie hat nach meinem Kopf verlangt und ihm gesagt, dass er ihr dabei besser nicht im Weg stehen sollte. Sie haben sich gegenseitig provoziert, glaube ich, aber sehr viel habe ich davon nicht mitbekommen. Ich bin geflohen, habe mir Kassadra genommen und habe Esho aufgesucht. Etwas besseres ist mir nicht eingefallen. Ich kann von Glück reden, dass Esho großzügig genug war, mir Asterios zu Seite zu stellen, und nicht das Attentat zu Ende zu führen. Dionysus ist nur eine kurze Zeit später nachgekommen, hat sich aber abwimmeln lassen. Am Tag darauf haben wir Quentin die Essenz abgenommen und sie Feyra wieder übertragen. Ich glaube, sie hat genug davon gelernt, um es nicht wieder geschehen zu lassen."
      Er sah Kassandra wieder an. Auf ihrem ausdruckslosen Gesicht lag etwas, das er gut für eine leichte Emotion halten konnte.
      "Wieso hast du mir das verschwiegen, Zoras? Bin ich so schwierig für dich einzuschätzen und so rachsüchtig, dass du fürchtest, ich lege sofort alles in Schutt und Asche?"
      "Nein - nein, natürlich nicht."
      Dessen war er sich zumindest sicher, auch wenn die Wahrheit viel komplizierter war als das.
      "Es ist nicht das. Ich hätte dir davon erzählt... irgendwann. Es ist nur..."
      Er holte Luft.
      "Ich war verzweifelt, Kassandra. Ich habe an diesen Tagen viele Dummheiten gemacht, die mich genauso sehr ins Grab hätten befördern können. Dionysus war da nur..."
      Er zuckte mit den Schultern.
      "Direkter. Offensiver. Zumindest konnte ich mit ihm rechnen, als er seinen Träger gewechselt hat. Dass ich überlebt habe war reiner Zufall, weil Mirdole aufgetaucht ist - mehr gibt es dazu nicht zu sagen. Ich hätte genauso gut tot sein können und es wäre genauso wenig überraschend gewesen."
      Dass Kassandra selbst dann nicht gekommen war, als sie Dionysus' Aura bemerkt hatte, ließ er unangesprochen. Sie war jetzt hier und das war was zählte. Alles andere gehörte der Vergangenheit an und so wie Zoras gelernt hatte, beließ man solche Dinge lieber dort, wo sie hin gehörten. Nämlich in der Vergangenheit.
      "Ich wollte es dir nicht für immer verschweigen. Aber hätte es so einen großen Unterschied gemacht, wenn ich es erzählt hätte?"
    • Nach außen hin regungslos sah Kassandra Zoras an, als er mit der Sprache rausrückte. Er erzählte ihr, wie Dionysus ihn mittels seiner Aura berührt und etwas entzogen hatte, was er als seine eigene Aura erklärte. Gut, dass er von ihr keine näherliegende Erklärung dafür haben wollte, denn das wäre nur schwer möglich gewesen. So wie die Seele nicht greifbar und erklärbar war, verhielt es sich auch mit dem, womit Dionysus ihn getötet hätte. Der Punkt, dass der Gott sich dabei Zeit gelassen hatte, stieß ihr dabei Übel auf. Es war der letzte Versuch, sie zur Heimkehr zu bewegen und wäre es kein glücklicher Zufall gewesen, dann gäbe es Zoras nicht mehr. Kassandras Annahme, sie wäre sowieso zu spät gekommen, bewahrheitete sich also teilweise.
      „Ich wusste nicht, dass Santras dir einen Brief geschickt hat“, sagte die Phönixin und man hörte ihr an, dass sie ihre Stimme bemüht ruhig und gleichgültig hielt. Die Sehnen auf ihrem Handrücken trat jedoch leicht hervor. „Generell habe ich das Gefühl, dass sehr viel ohne mein Wissen in meinem Rücken passiert ist.“
      Nicht, dass sie sich sonderlich darum bemüht hatte, involviert zu sein. Aber sowohl Santras als auch Zoras verschwiegen ihr Dinge, die sie nur allzu gern erfahren hätte. Was stand in dem Brief, den Zavion Santras geschickt hatte? Wie war der Wortlaut des Stadtherren gewesen? Einen Satz hatte sie immerhin erfahren können und der allein gefiel ihr nicht sonderlich.
      Am Ende seines Berichts musste sie einfach nach dem Grund fragen, wieso all diese Lücken absichtlich in den Gesprächen gelassen wurden. Ganz genau behielt sie den Mann ihr gegenüber im Blick, bereit, jede Unstimmigkeit herauszulesen. Wenn sie jetzt doch einen Funken Furcht ihr gegenüber erfahren sollte… Dann wusste sie wahrlich nicht, wie sie darauf reagieren sollte. Auf schlechte Menschen, Kriege, Schmach und all dies hatte sie eine Antwort parat. Nur auf diesen Umstand nicht.
      „Nein – nein, natürlich nicht.“
      Ah… Wie sehr liebte Kassandra ihre Fähigkeiten, Lügen zu identifizieren. Zoras sprach die Wahrheit, nicht nur von seiner Aura aus, sondern auch von der Unmittelbarkeit, mit der er ihr geantwortet hatte. Seine Worte waren fest gewesen, ohne Zweifel und ohne die Furcht, um die sie sich gesorgt hatte. Die Sehen auf ihrem Handrücken verschwanden allmählich zusammen mit ihrer Anspannung. Jedoch war sein Erklärungsversuch anfangs nur sehr bruchstückhaft. Wenn es nicht die Sorge war, die ihn davon abgehalten hatte ihr alles zu erzählen, was dann?
      „Ich war verzweifelt, Kassandra. Ich habe an diesen Tagen viele Dummheiten gemacht, die mich genauso sehr ins Grab hätten befördern können. Dionysus war da nur…“
      „Die offensichtliche Auswirkung dessen“, bemerkte sie.
      Zoras zuckte mit den Schultern. „Direkter. Offensiver. Zumindest konnte ich mit ihm rechnen, als er seinen Träger gewechselt hat.“
      Sie nickte leicht. „Wir wussten ja, dass er sich seine Essenz wiederbeschaffen kann, wenn nötig.“
      „Dass ich überlebt habe war reiner Zufall, weil Mirdole aufgetaucht ist – mehr gibt es dazu nicht zu sagen. Ich hätte genauso gut tot sein können und es wäre genauso wenig überraschend gewesen.“
      Eine Pause zwischen ihnen entstand. Damit hatte Zoras einen ganz entscheidenden Punkt sehr deutlich herausgestellt. Kassandra hatte mit ihrem Verschwinden willentlich in Kauf genommen, dass er während ihrer Abwesenheit fiel. Sie hatte es verdrängt, weil sie nicht egoistisch gewesen war, sondern weil ihr das Leben eines einzelnen Sterblichen nicht so dringlich erschien. In den Gärten hatte sie bemerkt, dass etwas geschehen war und sich bewusst dagegen entschieden, dem auf den Grund zu gehen. In diesem Augenblick war Zoras in ihrer Wahrnehmung gestorben und es hatte sie nicht einmal eine Träne gekostet.
      Kassandras Hände wurden ganz still und ihr Blick senkte sich, driftete in andere Sphären ab. Ihr wurde ganz anders zumute und ein Gefühl drängte sich langsam an die Oberfläche. Eines, dass sie seit Asvoß nicht mehr gespürt hatte.
      „Ich wollte es dir nicht für immer verschweigen. Aber hätte es so einen großen Unterschied gemacht, wenn ich es erzählt hätte?“, fragte er.
      Sie schluckte. „Es hätte dafür gesorgt, dass ich mich nicht außenvor fühle.“
      Wie konnte sie ihn auf der einen Seite vermissen und LIEBEN, zeitgleich aber willentlich in Kauf nehmen, dass er starb? Wieso hatte sie nicht reagiert? Zu jedem anderen Zeitpunkt wäre sie mit den Lichtstrahlen gesprungen, um zur Stelle zu sein. Immerhin konnte sie das, schließlich war sie eine Göttin.
      Eine Göttin, die sich nicht für das Leben der Sterblichen interessierte. Es rangierte immerhin nicht in ihren Riegen.
      Mittlerweile war Kassandras Gesicht blass geworden. Sie saß auch nicht mehr so aufrecht wie üblich, nicht so erhaben, sondern neigte sich leicht zu einer Seite. Was sie als Übelkeit identifiziert hätte, war in Wahrheit etwas ganz anderes. Als sie aus der Hauptstadt geflohen war, ließ sie ihren menschlichen Anteil zurück. Einen Teil von sich, den sie nicht abspalten konnte und der sie am Ende, als Zoras sie aufgesucht hatte, zurückgekehrt war. Dionysus mochte vielleicht an seinem Götterdasein festhalten, aber Kassandra hatte für sich beschlossen, dass sie die menschliche Seite, die über die Zeit in ihr gewachsen war, nicht wieder abgeben wollte. Dass sie diesen Teil so leicht einfach beiseitegeschoben hatte, widerte sie an. Sie war von sich selbst angewidert und das war eine Empfindung, die im Gebrauch der Götter völlig ungebräuchlich war. Kein einziger Gott zweifelte an sich oder widerte sich selbst an. Nicht ein einziger. Dazu waren Götter nicht fähig.
      „Wir waren immer eins in dieser Angelegenheit. Alles, was ich in Erfahrungen bringen konnte, teilte ich dir mit und umgekehrt. Ich nahm an, es bliebe dabei. Ein Paar sollte sich doch alles erzählen und nichts verschweigen, egal, wie beiläufig es sein mag“, fügte sie hinzu, als sich ihre Stirn in tiefe Falten legte.
    • Jetzt war es Kassandra, die ihren Blick abwandte. Zoras' Frage hing für einen Augenblick schwer in der Luft.
      "Es hätte dafür gesorgt, dass ich mich nicht außenvor fühle."
      Überrascht blinzelte Zoras. Eine derartige Antwort hatte er nicht erwartet, nicht, nachdem die Phönixin seiner Erzählung so aufmerksam gelauscht hatte. Dabei hatte er darüber noch gar nicht nachgedacht; Kassandra und sich außenvor fühlen? Sie war doch eine Göttin, sie wusste doch alles oder konnte sich zumindest dazu entscheiden, alles herauszufinden. Sie hatte ihre Abwesenheit selbst gewählt und wenn sie an Informationen hätte herankommen wollen, hätte sie es ohne weiteres tun können. Dafür brauchte sie doch sicher nicht Zoras, um sie ihr zukommen zu lassen.
      Aber... ging es ihr überhaupt darum? Nur, wenn nicht, worum dann?
      "Fühlst du dich außenvor gelassen? Wirklich?"
      Von ihrer anfänglichen, so typischen Erhabenheit war nun erstaunlich viel vergangen. Es wirkte fast so, als würde die Kutsche mit ihrem Schaukeln und Ruckeln einen Tribut von der Phönixin verlangen, den sie nicht mehr zu zahlen gewillt war. Zoras spürte das unbändigende Bedürfnis, sie in die Arme zu nehmen und ihre Verletzlichkeit abzuschirmen, die sie so plötzlich so offen zeigte. Nie zuvor war ihm Kassandra so... menschlich vorgekommen. Ganz besonders nicht nach Asvoß.
      "Wir waren immer eins in dieser Angelegenheit. Alles, was ich in Erfahrungen bringen konnte, teilte ich dir mit und umgekehrt. Ich nahm an, es bliebe dabei. Ein Paar sollte sich doch alles erzählen und nichts verschweigen, egal, wie beiläufig es sein mag."
      Ein Paar - sah Kassandra sie noch als solches? Als Partner? Zoras war sich dessen gar nicht so sicher, aber dass sie sie nun so betitelte ließ ihn hoffen.
      Dennoch hatte sie recht. Zoras hatte ihr Dionysus - und viele andere Sachen - verschwiegen und das nicht aus Sorge, wie sie reagieren könnte. Seine Beweggründe waren ganz anderer Natur.
      Er ließ die unangetastete Wurst zurück in ihren Korb fallen.
      "Du hast recht", sagte er dann. Sein Blick suchte den ihren.
      "Aber dich einzuweihen bedeutet, mir selbst die Schwäche einzugestehen, und das ist nicht einfach; besonders nicht, wenn es wieder und wieder geschieht. Besonders dann, wenn das eigene Schicksal in den Händen von Göttern liegt."
      Er schenkte ihr ein kleines Lächeln, ein Zeichen für seinen Gutwillen. Schließlich trug sie einen maßgeblichen Beitrag dazu bei, sein Schicksal in den Händen zu halten.
      "Ich denke, es ist mir erst in den letzten zwei Wochen aufgefallen, als du weg warst und ich von Göttern nur so umringt war. Das ist nicht mein Schlachtfeld, Kassandra, und das wissen wir beide. Worte sind nicht meine Waffen, sondern das Schwert. Meine Versagen auszusprechen wäre einzugestehen, was ich schon mein ganzes Leben lang befürchtet habe: Dass ich auf einem Thron nicht mehr kämpfen kann. Doch es fühlt sich an, als wäre es genau so gekommen."
      Er ließ die Worte für einen Moment so stehen. Vielleicht erhoffte er sich ja Veränderung. Vielleicht dachte er auch, Kassandra könnte seine Gefühle verstehen.
      "Hast du mir denn alles erzählt? So beiläufig es auch sein mag?"
    • „Du hast recht“, eröffnete Zoras und Kassandras Blick hob sich. „Aber dich einzuweihen bedeutet, mir selbst die Schwäche einzugestehen, und das ist nicht einfach; besonders nicht, wenn es wieder und wieder geschieht. Besonders dann, wenn das eigene Schicksal in den Händen von Göttern liegt.“
      Das war es also gewesen. Es war wieder dieses leidige Thema der Schwäche, weshalb er ihr einiges vorenthalten hatte. Das war ein Thema, welches es bei den Göttern nicht gab. Götter waren fehlerlos, sie hatten keine Schwäche an sich. Und doch hatte Kassandra im Laufe der Zeit herausgefunden, dass das nicht stimmte. Götter wollten ihre Schwächen lediglich weder sehen noch eingestehen und dass sie selbst ihre eigenen offenlegte, war ein Zugeständnis an sich.
      „Das sollte eigentlich kein Thema sein. Immerhin sollten Götter nicht auf der Erde wandeln und das Schicksal eines Menschen beeinflussen“, sagte sie. „Früher war es immer so gewesen, dass sich Götter nicht für das Schicksal eines Sterblichen unter Millionen interessierten, aber nun…“
      Er lächelte, aber das Gefühl der Spannung in ihrer Brust ließ nicht nach.
      „Ich denke, es ist mir erst in den letzten zwei Wochen aufgefallen, als du weg warst und ich von Göttern nur so umringt war.“
      „Natürlich. Ohne mich befundest du dich nicht mehr auf einer Ebene mit den anderen Trägern und warst verwundbarer. Du warst… ein gewöhnlicher Mensch ohne die göttlichen Vorteile.“
      „Das ist nicht mein Schlachtfeld, Kassandra, und das wissen wir beide. Worte sind nicht meine Waffen, sondern das Schwert.“
      Kassandras Lippen zuckten aufgrund des Widerspruchs, der auf ihnen lastete. Zoras mochte von sich selbst zwar behaupten, er wäre besser mit dem Schwert als mit den Worten, aber Kassandra hatte ihn primär als genau das erlebt: ein Herr, der die Massen mit Worten führte und seine Schlachten damit schlug. Sie hatte ihn nie auf dem Feld erlebt, außer an dem schicksalhaften Tag, an dem sich ihre Wege vorerst trennen sollten. Sonst war sie es gewesen, die sich vor ihn gestellt hatte. Sie hatte sich die Hände schmutzig gemacht und dafür gesorgt, dass er nicht kämpfen musste. Was auch immer in seiner Zeit als Söldner vor sich gegangen war – sie kannte diesen Mann nicht.
      „Mein Versagen anzusprechen wäre einzugestehen, was ich schon mein ganzes Leben lang befürchtet habe: Dass ich auf einem Thron nicht mehr kämpfen kann. Doch es fühlt sich an, als wäre es genau so gekommen.“
      Da begann sich ein kleines bisschen von dem Licht, in dem sie Zoras schon immer gesehen hatte, zu wandeln. Sicher, sie wusste, dass er Schlachten alles andere als abgeneigt war und auch ihre eher gewaltverherrlichende Seite durchaus mochte, aber jetzt klang es beinahe so, als wäre es etwas, das die Grundfeste seiner Person ausmachte. So, wie es bei ihr auch war. Nur hatte er es nie so deutlich kommuniziert. Er fühlte sich nicht wohl in seiner Rolle, musste diese jedoch erfüllen, um die Macht zu besitzen, Schlachten anzuführen.
      „Hast du mir denn alles erzählt?“ Sie blinzelte. Nein, natürlich nicht. „So beiläufig es auch sein mag?“
      Darauf hatte Kassandra dieses Mal keine schlagfertige Antwort. Die Kutsche rüttelte sie beide weiterhin durch, während sie Zoras schweigsam ansah. Ihre Miene war betrübt und die Farbe war noch immer nicht ganz zurückgekehrt. In ihren Augen lag etwas, dass sie unbestimmt und sogar nervös wirken ließ.
      „…Alles, was dir bei deinem Vorhaben nützlich sein konnte, habe ich dir erzählt“, sagte sie schließlich mit leiser Stimme. Dass sie dabei indirekt implizierte, ihm ebenfalls nicht alles erzählt zu haben, wusste sie. Das sah sie an der Art, wie er sie nun ansah. Ein bisschen Genugtuung lag da tief vergraben, nur ein ganz kleines bisschen, denn somit hatte Kassandra eigentlich ihr Recht auf Mitwissen verwirkt. Kassandra holte Luft. „Ich habe mich hin und wieder mit Esho auf dem Palastdach getroffen und belanglose Unterhaltungen mit ihm geführt. Deswegen bin ich zu dem Entschluss gekommen, dass du ihn nicht so beachten und angehen brauchst wie die anderen Ratsmitglieder.“
      Dann sah sie zum Fenster heraus. Die Fahrt würde lange sein und immerhin war sie es gewesen, die darauf bestanden hatte, mit ihm zu fahren. Wenn sie nun einfach verschwinden würde, gliche das einer erneuten Flucht und würde die Kluft zwischen ihnen nur wieder vertiefen. Das war etwas, was Kassandra nicht wollte, ihre göttliche Seite aber durchaus begrüßte. Sich mit Sterblichen aufzuhalten barg immer Ärgernisse. Das hatte Dionysus ihr ebenso gut unter die Nase gerieben. Unruhig verlagerte sie ihr Gewicht, während die Kutsche unaufhaltsam weiterfuhr.
      „… Nach den ganzen… Verhöhnungen seitens Dionysus und den anderen bin ich abends, wenn du schlafen gingst, aus dem Palast geflogen. Nach dem ersten Attentat war ich permanent so geladen, dass ich es nicht mehr ertragen haben. Ich musste mich abreagieren“, erzählte sie widerwillig. „Fast täglich bin ich dazu in die Steppen geflogen und habe dort… Meine Wut ausgelassen.“
      Jedenfalls teilweise. Allzu viel konnte sie nicht tun, denn dann wäre es schnell bekannt geworden, dass dort eine gewisse Phönixin wohl gewütet haben musste. Es grenzte sowieso an ein Wunder, dass kein Wort bis in den Palast gedrungen war. Die Erde dort würde jedenfalls erst einmal eine Weile brauchen, bis sie sich erholt hatte. Aber dann würde neues, fruchtbares Leben aus ihr sprießen.
      Und dann gab es ja noch eine andere, vielleicht nicht weniger wichtige Sache. Kassandras Blick zuckte kurz zu Zoras und dann wieder zurück zum Fenster. Ihre Schultern sackten ab, es wirkte so, als wäre die Kraft aus ihr geflossen. „Ich war in Theriss.“ Als auf ihre Pause hin nur Schweigen die Kutsche erfüllte, fuhr sie fort. „Nachdem du Velius getötet hast, wurde er nicht verbrannt. Ich habe den Leichnam entwendet und habe ihn zurück nach Theriss gebracht. Zu seiner Frau und seinen Kindern. Sie haben mich nicht erkannt. Niemand hat es.“
      In ihren Augen war das kein Fehler gewesen und sie würde es sich niemals als solchen einreden lassen. Die Göttlichkeit in ihr verhöhnte sie für dieses Verhalten. Immerhin hatte sie sich dazu herabgelassen, den Leichnam eines Sterblichen durch die Welt zu fliegen, nur damit er bei seiner Familie sein konnte. Aber ihre Menschlichkeit hatte es so von ihr verlangt. Sie hatte sich gut gefühlt, es hatte sich richtig angefühlt, auch wenn sie es nicht hätte tun sollen.

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    • Das Schweigen, das sich nach Zoras' Frage ausbreitete, hielt für seinen Geschmack etwas zu lange an. War das ein gutes Zeichen oder ein schlechtes? Musste Kassandra erst überlegen, ob es überhaupt etwas gab, oder musste sie überlegen, was genau sie ihm nicht erzählt hatte? Gemessen an ihrer verhaltenen Miene musste Zoras auf letzteres tippen und das gab ihm ein eigenartiges Gefühl im Magen.
      „…Alles, was dir bei deinem Vorhaben nützlich sein konnte, habe ich dir erzählt.“
      Er verengte seine Augen ein wenig. Es schien wie eine ganz harmlose Aussage, aber vermutlich war genau das das Problem dahinter. Wäre Zoras an ihrer Stelle gewesen und hätte er etwas vorenthalten wollen, hätte er vermutlich eine ähnliche Wortwahl benutzt. Keine Lüge, aber so viel von der Wahrheit, um zu besänftigen.
      Dann holte sie Luft.
      „Ich habe mich hin und wieder mit Esho auf dem Palastdach getroffen und belanglose Unterhaltungen mit ihm geführt. Deswegen bin ich zu dem Entschluss gekommen, dass du ihn nicht so beachten und angehen brauchst wie die anderen Ratsmitglieder.“
      Zoras hatte mit etwas anderem gerechnet, etwas gänzlich schlimmerem. Dass sie sich nur mit Esho getroffen hatte, befand er als nicht sehr relevant. Das hätte sie ihm auch gut verschweigen können und er hätte wohl nichts verpasst.
      "Du kannst dich treffen mit wem du willst. Ich muss auch nicht darüber Bescheid wissen, was du mit den Bediensteten zu bereden hast."
      Ein Teil von ihm hoffte, dass das Thema damit schon erledigt war. Der andere Teil fühlte sich versichert, als Kassandra den Blick nun abwandte, um die vorbeiziehende Landschaft zu betrachten. Auch das war etwas, was Zoras selbst getan hatte, wodurch er die Geste nun nachempfinden konnte. Natürlich war Esho nicht die einzige Neuigkeit, die sie ihm vorenthielt.
      „… Nach den ganzen… Verhöhnungen seitens Dionysus und den anderen bin ich abends, wenn du schlafen gingst, aus dem Palast geflogen."
      Jetzt hob Zoras eine Augenbraue. Das war nun tatsächlich etwas, was er hätte erfahren wollen. Kassandra hatte nachts den Palast verlassen - und das gleich mehrfach? Und dabei hatte sie ihn gänzlich schutzlos zurückgelassen? Was, wenn etwas passiert wäre; wäre sie nahe genug gewesen um einzuschreiten?
      „Fast täglich bin ich dazu in die Steppen geflogen und habe dort… Meine Wut ausgelassen.“
      Ihre Wut ausgelassen - was sollte das heißen? Sie hatte das Land verbrannt? Es anderweitig gestört? Und niemand hatte davon etwas mitbekommen? Oder war es nur Zoras, der davon außenvor gelassen worden war?
      Aber hinter dieser Beichte lag etwas ganz anderes, das ihm viel mehr zusetzte als Kassandras Abreise. Was sie ihm hiermit indirekt gestanden hatte.
      "Ich wusste nicht, dass dich das Attentat so sehr mitgenommen hat."
      In seiner Auffassung war Kassandra in der Zeit danach aufmerksam gewesen, ja. Ständig alarmiert, ständig an seiner Seite. Das war ja auch verständlich - aber dass sie sich abreagieren musste? Dass es überhaupt soweit kommen konnte, dass die Phönixin ihre Wut auslassen wollte?
      Das war eine neue Seite an ihr, die Zoras bisher nicht wirklich kennengelernt hatte.
      "Du hättest mit mir reden können. Wir hätten sicher eine Lösung finden können."
      Aber das war doch auch sein Problem gewesen, oder etwa nicht? Er hatte es Kassandra nicht erzählen wollen, weil er die Schwäche nicht ertragen wollte. Genau das gleiche ließ sich wohl auch auf sie übertragen.
      Und dann setzte sie noch einmal zu reden an.
      „Ich war in Theriss.“
      Zoras versteifte sich unweigerlich. Das Gefühl in seinem Magen begann sich auszubreiten und in seine Venen zu fließen. Es kribbelte unangenehm mit erwartender Anspannung. Damit hatte er nicht gerechnet; Kassandra war in Theriss gewesen? Wann?
      „Nachdem du Velius getötet hast, wurde er nicht verbrannt. Ich habe den Leichnam entwendet und habe ihn zurück nach Theriss gebracht."
      Es war jetzt ein regelrechter Stein, der sich in Zoras' Innerem absetzte. Er konnte seinen eigenen Worten nicht trauen. Sie hatte was getan? Ohne sein Wissen, ohne sein Zutun? Hinter seinem Rücken?
      "Zu seiner Frau und seinen Kindern. Sie haben mich nicht erkannt. Niemand hat es.“
      Zoras konnte sie nur entgeistert anschauen. Kassandra zog es immer noch vor, aus dem Fenster zu sehen, anstatt ihm in die Augen zu blicken.
      "Du hast... Velius zurückgebracht?"
      Seine Stimme war leise in der knatternden Kutsche, aber durchsetzt von allen Emotionen, die sich jetzt auch in ihm einen Weg an die Oberfläche bahnten. Wut, Enttäuschung. Entsetzen. Abneigung. Dass Kassandra ihm nicht von allen Gesprächen erzählte war noch in Ordnung. Dass sie ihm ihre Ausflüge vorenthalten hatte - okay. Es war nicht gut, aber okay. Dass sie ihm ihren Weg nach Theriss vorenthalten hatte? Dass sie gegen seine Anweisung gehandelt hatte? Dass sie den Mann, den Zoras über alles hasste, ein Begräbnis zukommen gelassen hatte? Ohne ihm etwas davon zu sagen?
      Zoras fühlte sich verraten. Er fühlte viele Dinge und nichts davon war gut; alles davon stimmte ihn erleichtert darüber, dass er seinem vorherigen Drang nicht nachgegeben hatte und nun nicht unmittelbar neben Kassandra saß. So konnte er sie anstarren, die Göttin, die er über alles andere zumindest als loyal angesehen hatte. Mehr noch als Zavion. Aber Zavion wäre nicht im Traum darauf gekommen, Velius zurück zu seiner Familie bringen zu lassen. Und dabei war es Kassandra, die Zoras viel besser kannte als sein Hauptmann. Sie hatte es wissen müssen, was er davon hielt, und hatte es trotzdem getan. Das wog viel mehr als alles andere.
      "Warum?"
      Zoras stellte die einzige Frage, die er stellen konnte, ohne dass gleich irgendwas aus ihm herausbrechen würde. Er fixierte Kassandra, hätte sie am liebsten mit seinem Blick alleine dazu gezwungen, ihn anzusehen. Zumindest das, wenn sie ihm schon ein derartiges Geständnis lieferte.
      "Warum hast du das getan? Du wusstest, was ich von ihm halte. Du wusstest, was ich davon fühlen würde."
    • Kassandra war schon immer sehr schlau gewesen. Deshalb hatte sie mit einer Kleinigkeit angefangen und sich dann immer weiter gesteigert mit dem, was sie Zoras nun offenbarte. Dass sie sich treffen konnte mit wem sie wollte, war ihr klar gewesen. Ebenfalls, dass sie ihn nicht darüber informieren brauchte, um was es sich in den Gesprächen gedreht hatte.
      Allerdings war sie schon ein wenig irritiert darüber, dass er wirklich keine Ahnung davon gehabt hatte, wie sehr das Attentat ihr wirklich zugesetzt hatte. Absichtlich hatte sie nicht offen formuliert, wie es ihr dabei ging, sondern seiner Fantasie überlassen, was es bedeutete, wenn sie sich abreagierte.
      „Ich wusste nicht, dass dich das Attentat so sehr mitgenommen hat.“
      Darauf machte sie ein abfälliges Geräusch. „Wieso sollte es nicht? Wieso sollte der Versuch, dich umzubringen und das Ergebnis mit noch mehr Toten mich nicht tangieren? Weil ich eine Göttin bin, oder was ist es dann?“
      Wenn hier das Problem lag, dann hatte Zoras einen gewaltigen Punkt in ihrer Natur noch immer nicht verstanden. Es war der Punkt, der ihr selbst am meisten zu schaffen machte und den sie in ihrer gesamten Existenz noch nie wahrlich unter einen Hut bekommen hatte. Das eine wollte sie sein, das andere musste sie sein.
      „Du hättest mit mir reden können.“ Dafür bekam er einen weiteren Seitenblick von ihr. „Wir hätten sicher eine Lösung finden können.“
      Nein, das hätten sie nicht. Wie sollte er als Sterblicher eine Lösung für ein Problem finden, welches sie selbst nicht richtig in den Griff bekam? Wie sollte er sich anmaßen, den Zorn einer Gottheit maßregeln zu wollen? Vielleicht hätte er doch einmal sehen sollen, was die Phönixin auf der Steppe angerichtet hatte. Das hätte ihn vielleicht zum Umdenken bewegt. Es gab keine Lösung und weil sie ihm noch einen weiteren Punkt schuldig war, bezogen auf seine Frage vorhergehend, nannte sie ihm nun den größten Punkt, von dem sie wusste, dass er ihn definitiv aufwühlen würde.
      Ein einziger Satz genügte, damit sich Zoras versteifte und seine Vorstellung den Rest der Arbeit übernahm. Kassandra räumte ihm eine Pause ein, damit er es sacken lassen konnte und setzte ihre Ausführung dann fort. Mit jeder Silbe registrierte sie, wie sich die Wärme in seinem Körper in Kälte verwandelte und ein Gefühl sich in seinem Inneren breitmachte, welches er nicht bewusst als solches akzeptierte: Verrat.
      „Du hast… Velius zurückgebracht.“
      „Ja, das habe ich.“
      Ganz bewusst zog Kassandra ihre Aura wieder zu sich zurück und hielt den Blick auf die vorbeiziehende Landschaft gerichtet. Sie wollte Zoras nicht berühren und damit zweifellos erfahren, wie er fühlte. Das konnten Menschen schließlich auch nicht. Aber seine Stimme reichte dafür ohne Weiteres aus. Ungewöhnlich leise kam sie von dem Eviad, der die Zärtlichkeit aus seiner Stimme vollends verbannt hatte. Gewissheit flackerte in der Phönixin auf, dass das etwas gewesen war, was ihre Beziehung maßgeblich beeinflussen konnte. Damals hatte es keine Bitte darum gegeben, Velius‘ Leichnam nicht zu bewegen. Es war ein Befehl gewesen. Nur hatten Sterbliche kein Recht, den Göttern Befehle zu erteilen. Nicht mehr bei ihr.
      „Warum?“ Kassandra behielt ihren Blick nach draußen bei. „Warum hast du das getan? Du wusstest, was ich von ihm halte. Du wusstest, was ich davon fühlen würde.“
      Da zuckten Kassandras Augenbrauen und ihre Lippen wurden hart. Sichtlich angestrengt wartete sie darauf, ob Zoras noch etwas hinzufügen würde, doch das tat er nicht. Das Gefühl der Wut loderte in ihr wieder empor, fast so stark wie nach dem Attentat, und doch war der Quell der Wut etwas gänzlich anderes. Es rührte nicht aus der Verlustangst wie damals. Sie ballte die Fäuste, als sie sich ruckartig vom Fenster losriss und Zoras‘ Blick mit solch einer Intensität begegnete, wie sie zuvor Oronia oder auch Telandir erlebt hatten. „Weil ich eine Phönixin bin, Zoras.“
      Sie sprach es mit so einer vernichtenden Offensichtlichkeit aus, als wäre das schon Erklärung genug. Aber das war es nicht laut seinem Blick. „Es geht hier nicht darum, was du oder sonst jemand fühlt. Dieser Mann wurde zum Spielball der Götter und nicht erst, seitdem Dionysus ihn ausfindig gemacht hatte.“ Zorn troff aus ihrer Stimme. Wäre sie nie auf die Erde gekommen, wäre Zoras Velius auch niemals begegnet. So früh begann der Teufelskreislauf bereits. „Es war reiner Zufall, dass er es gewesen ist. Es war reiner Zufall, dass du unter seinen Opfern gewesen bist. Es war absolut kein Zufall, dass man ihn verschleppt und hierhergebracht hat und noch weniger Zufall, dass lebend dieses ihm fremde Land nie wieder verlassen würde. Ich hatte kein Mitleid mit ihm für seine Taten und auch nicht für die Art, wie er gestorben ist. Aber er bekommt meine Anerkennung dafür, dass er es aus freien Stücken getan hat. Und ich habe Mitleid für seine Familie, die Ehemann und Vater plötzlich verloren haben, ohne es zu wissen.“
      Kassandras Stimme vibrierte, blieb aber von den Erschütterungen der Kutsche völlig unberührt. Sie hatte ihre Atmung wieder eingestellt, doch ihre gesamte Erscheinung schien von einem unsichtbaren Feuer genährt zu werden. Zoras würde keine Wärme von ihr spüren, keine alles vernichtende Hitze. Dieses Feuer war nicht gegen ihn gerichtet.
      „Velius‘ Tod war in den Augen der Götter sinnlos gewesen, Zoras! Er hatte seine Zeit noch nicht erreicht. Er wäre erst in 19 Jahren an einem Wundstarrkrampf gestorben und nicht durch Gift und Fremdeinwirkung! Du hast mich dazu gezwungen, es zu bezeugen, wie er seine letzten Atemzüge nahm und du wusstest, wie sehr ich diese Empfindungen verabscheue!“
      Kassandra redete sich in Rage, doch in Wahrheit stritten sich gerade nur die Anteile in ihr um die Herrschaft. So viel hatte sie Zoras von sich selbst und ihrer Natur schon berichtet. So vieles müsste in seinen Augen doch klar sein und trotzdem hatte er den Blick nur auf sich und seine eigene Gefühlswelt gerichtet. Menschen waren selbstsüchtig und egoistisch – das hatte sie immer und immer wieder bezeugen dürfen. Der Grund ihrer Wut baute auf etwas auf, das Zoras dazu gebracht hatte, ihr ebenfalls Dinge zu verschweigen.
      „Auch wenn es nicht so aussieht, ist mein Kern der eines Phönix. Wir ehren das Leben und wollen es auf natürlichem Wege zum Ende führen, damit der Kreis sich schließt. Mir war klar, dass du Velius töten wirst und dagegen habe ich keinen Einspruch erhoben, was mir innerlich immense Schmerzen bereitet hat. Dafür ließ ich mir es aber nicht nehmen, wenigstens diesen kleinen Teil seines Zyklus‘ angemessen zu Ende zu führen. Eigentlich dachte ich, dir sei klar, was einen Phönix in seinem Kern ausmacht.“
      Tief in ihrer Brust spürte Kassandra den Schmerz. Sie fühlte sich zerrissen, nicht nur, weil sie selbst nicht wusste, wie sie all die Facetten ihrer Selbst unter einen Hut bekommen sollte. Jetzt gesellte sich die Gewissheit dazu, dass Zoras sie noch immer nicht verstand. Bei ihm ging es lediglich um seine Gefühle, bei Kassandra hingegen war es wie ein Zwang. Jedes Mal, wenn sie sich bewusst dagegen entschied und sperrte zu tun, was ihre Natur von ihr verlangte, war es so, als bräche ein Stück der gläsernen Säule, die sie im Grunde war. Ihre Göttlichkeit verstand nicht, wieso sie sich gegen sie entschied und ihre menschliche Seite wehrte sich mit aller Macht gegen die Göttlichkeit. Zwischen diesen Fronten lauerte aber eine dritte Fraktion, leise und dunkel in den Schatten. Götter galten als wankelmütig, aber berechenbar. Das galt nicht für eine Gottheit, die sich uneins darüber war, wer sie überhaupt war. Die Existenz von Göttern war in Stein gemeißelt worden, doch Kassandra befand sich in einem anhaltenden Wandel.
    • Jetzt erwachte Kassandra endlich wieder zum Leben, auch wenn es wohl nicht das war, was Zoras sich erhofft hätte. Als sie mit einem Mal ihren Blick auf ihn richtete, tanzte dort diesmal ein Feuer, das ihn sehr wohl zu verbrennen vermochte. Es fraß sich durch seine Augen hindurch und eine ganz primitive, instinktive Reaktion war es, sich vor dem Zorn der Göttin schützen zu wollen. Denn das war es, was dort in ihren Augen brannte: Zorn. Und diesmal hielt er vor Zoras nicht ein.
      „Weil ich eine Phönixin bin, Zoras.“
      Sie sprach es mit einer Endgültigkeit aus, die jedes Gespräch sofort beendet hätte. Es war ja auch die Antwort vieler Fragen und Probleme: Kassandra war eine Phönixin. Nur Zoras ließ sich von dieser Antwort nicht abspeisen. Selbst nicht unter dem vernichtenden Blick, der unter seiner Haut kribbelte.
      "Es geht hier nicht darum, was du oder sonst jemand fühlt. Dieser Mann wurde zum Spielball der Götter und nicht erst, seitdem Dionysus ihn ausfindig gemacht hatte. Es war reiner Zufall, dass er es gewesen ist. Es war reiner Zufall, dass du unter seinen Opfern gewesen bist. Es war absolut kein Zufall, dass man ihn verschleppt und hierhergebracht hat und noch weniger Zufall, dass lebend dieses ihm fremde Land nie wieder verlassen würde. Ich hatte kein Mitleid mit ihm für seine Taten und auch nicht für die Art, wie er gestorben ist. Aber er bekommt meine Anerkennung dafür, dass er es aus freien Stücken getan hat. Und ich habe Mitleid für seine Familie, die Ehemann und Vater plötzlich verloren haben, ohne es zu wissen."
      "Er war tot, Kassandra!"
      Es brach aus ihm hervor, bevor Zoras es hätte einhalten können. Mit jedem weiteren ihrer Worte hatte es sich mehr und mehr in ihm angestaut, bis er es nicht mehr zurückhalten konnte. Seine Gedanken überschlugen sich.
      "Du weißt, wie viel mir sein Tod bedeutet hat! Du weißt, weshalb ich ihn gerade nicht zurück nach Theriss bringen wollte!"
      "Velius‘ Tod war in den Augen der Götter sinnlos gewesen, Zoras!", gab sie sofort zurück. Ihre Stimme war stark, unterstrichen von Göttlichkeit. Sie brachte etwas in Zoras dazu zu schrumpfen.
      "Er hatte seine Zeit noch nicht erreicht. Er wäre erst in 19 Jahren an einem Wundstarrkrampf gestorben und nicht durch Gift und Fremdeinwirkung! Du hast mich dazu gezwungen, es zu bezeugen, wie er seine letzten Atemzüge nahm und du wusstest, wie sehr ich diese Empfindungen verabscheue!"
      "Gezwungen?"
      Zoras starrte Kassandra mit Entgeisterung in die brennenden Augen. Er ließ sich von ihr verbrennen, er ließ die ganze Wucht ihres Zorns auf ihn niederhageln, denn er wusste, dass er berechtigt war. Genauso wie Zoras' Zorn in diesem Moment berechtigt war.
      "Ich hätte nicht ohne dich dort unten sein können - was immerhin auch sein Verdienst ist! Du wusstest, dass er dort nicht lebend herauskommen würde! Wie hätte ich es denn sonst tun sollen? Wenn du wahrlich nichts davon hättest mitkriegen wollen, hättest du weit, weit weg sein müssen! Wie hätte das funktionieren sollen? Ich habe dich zu nichts gezwungen, es war eine Notwendigkeit, alles davon!"
      "Mir war klar, dass du Velius töten wirst und dagegen habe ich keinen Einspruch erhoben, was mir innerlich immense Schmerzen bereitet hat."
      Schmerzen?
      "Dafür ließ ich mir es aber nicht nehmen, wenigstens diesen kleinen Teil seines Zyklus‘ angemessen zu Ende zu führen. Eigentlich dachte ich, dir sei klar, was einen Phönix in seinem Kern ausmacht.“
      Zoras gab ein Schnauben von sich, mit dem er gleichzeitig etwas Dampf ablies. Kassandra und ihren Zyklus zu Ende führen. Natürlich wusste Zoras noch immer, was eine Phönixin ausmachte, aber er hatte es schlichtweg aus den Augen verloren. Seit Asvoß hatte Kassandra noch niemanden in ihren Zyklus eingeführt und so hatte er es nicht bedacht. Schließlich redeten sie hier auch von derselben Phönixin, die wutentbrannt zu einer Steppe hinaus flog, um sich abzureagieren, wo doch Phönixe eigentlich friedliebende Wesen sein sollten.
      "Natürlich weiß ich das", knurrte er zurück. Das große Aber blieb unausgesprochen.
      "Warum gerade er? So viele Leute sterben, täglich, in der ganzen Stadt. Warum er? Du hast es mir nicht gesagt, du wirst gewusst haben, wie ich reagiere. Warum also trotzdem?"
      Er sah sie an. Sein Kiefer malmte. Es war höchst gefährlich, mit einer zornigen Phönixin in einer Kutsche zu sitzen und entsprechend fühlte Zoras sich auch. Nur musste das ausgesprochen werden.
      "Es wird Krieg geben, Kassandra. Das weißt du, denn anders werden wir nicht weiterkommen. Du solltest niemals gezwungen sein zu kämpfen, aber wenn es soweit kommt, dann kannst du nicht die Menschen ihrem Zkylus zuführen und gleichzeitig kämpfen. Du wirst dich für eine Seite entscheiden müssen."
    • Kassandra gab sich alle Mühe, nicht vollkommen aus der Haut zu fahren. Der rapide Wechsel zwischen Apathie und Abgeschiedenheit zu Einsamkeit, Besänftigung und nun Wut und Unverständnis hinterließen bei ihr jedoch Spuren. Feine Risse zogen sich weiter über ihre gedankliche Glassäule, die sie mühsam zusammen und behütet hielt. Bissige Kommentare hielt sie zurück, ließ Zoras seinen Teil austragen und dann riss etwas in ihr.
      „Ja, gezwungen zum Bleiben hast du mich! Kannst du dich nicht mehr daran erinnern, wie du mich extra angewiesen hast zu bestätigen, dass er auch wirklich tot sei? Hast du das vergessen? Du warst so paranoid, dass du diese Bestätigung für dich gebraucht hast und nichts anderes!“
      Vage bewegte sich ihr Kopf, als würde sie aus reinem Unglauben immer wieder den Kopf schütteln. Sie wusste, welchen Stellenwert der Tod einer Person einnehmen konnte, aber sie hatte nicht gewollt, dass es bei Zoras eben dieser war. Er sollte sich den Tod des Mannes nicht aus reinen Rachegelüsten vorhalten, sondern zum Abschließen alter Geister und nichts anderem.
      „Wäre ich nicht an deiner Seite gegangen und hätte dir Rückhalt gegeben, wäre nicht ein Fuß von dir der Treppe zu den Kerkern auch nur nahe gekommen“, grollte sie, der Ausweg, die Wogen zu glätten, geriet immer weiter aus Griffweite.
      Noch immer taktierte Kassandra Zoras mit einer unfassbaren Eindringlichkeit. Er hatte nur zu einem ganz kleinen Zeitpunkt gezögert und das war, als sie davon sprach, Schmerzen zu erleiden. Doch dieses kleine Fenster schloss sich so schnell wieder, als wäre es gar nicht da gewesen. Überlagert wurde es von Erregtheit und Wut.
      „Natürlich weiß ich das“, gab er zurück. Kassandras Augen verschmälerten sich deutlich. Er hatte Luft für mehr geholt, sammelte sich jedoch neu und formulierte es neu. „Warum gerade er?“ Das klang beinahe so, als wäre er ein besonderer Mensch gewesen. Aber das war Velius mitnichten gewesen. „So viel Leute sterben, täglich, in der ganzen Stadt. Warum er? Du hast es mir nicht gesagt, du wirst gewusst haben, wie ich reagieren. Warum also trotzdem?“
      Zoras‘ Kiefer malmten, Kassandras Kinn zuckte in trotziger Haltung nach oben. „Es ist ein Unterschied, ob es ein natürlicher oder ein gewaltsamer Tod ist, Zoras. Ich bin nicht der Gott der Seelen, der Toten oder der Unterwelt. Ich kann und werde nicht für jeden Sterblichen den Zyklus vollenden, immerhin gibt es noch andere Phönixe. Aber Velius – Velius‘ Schicksal war direkt mit meinem verknüpft, ob es dir passt oder nicht. Und damit verdiene ich mir das Anrecht darauf, seinen Zyklus zu führen.“
      Vermutlich verstand Zoras diese Ausführung nicht. Womöglich würde er das nie tun, denn es entzog sich der Logik der Sterblichen. Für sie gab es keine Belange, die ihre Existenz bestimmte und führte, sie lebten einfach ihr Leben entlang des Stranges, den die Natur ihnen vorgegeben hatte. Sie glaubten, Einfluss darauf zu haben, wo sie landeten oder was sie taten. Wer sie waren und wie sie starben. Aber das war alles Heuchelei. Niemand wusste das besser als die Götter persönlich.
      „Es wird Krieg geben, Kassandra. Das weißt du, denn anders werden wir nicht weiterkommen.“
      Ja, das wusste Kassandra. Während ein Teil in ihr es betrauerte, dass sich Menschen so kopflos in Gemetzel stürzten, brandete eine unbändige Vorfreude in ihrem anderen Teil auf, der ihr schwindelig werden ließ. Sie wollte diesen Teil nicht haben. Sie wollte sich nicht darauf freuen, wie ihre Rolle dort wohl sein würde und dass sie endlich nicht mehr hinter dem Rücken halten musste, was ihr eingeflößter Antrieb wirklich war.
      „Du sollst niemals gezwungen sein zu kämpfen, aber wenn es soweit kommt, dann kannst du nicht die Menschen ihrem Zyklus zuführen und gleichzeitig kämpfen. Du wirst dich für eine Seite entscheiden müssen.“
      „Ach, werde ich das?“, erwiderte sie trotzig und als Zoras darauf reagieren wollte, schnitt sie ihm das Wort noch im Munde ab. „Ich kann mich nicht entscheiden, weil ich dazu eben nicht die Freiheit habe!“
      Ihre Stimme war immer lauter geworden, sodass jeglicher Einwand seitens Zoras umgehend erstarb. Es hielt sie nicht mehr auf ihrem Sitz. In dem beengten Raum konnte sie nicht einmal recht stehen und es war ihrer Größe gedankt, dass sie sich nirgends stieß. Was jetzt aus ihr heraus floss, war Wut und Verzweiflung in ihrer pursten Art und Weise.
      „Ich soll nicht gezwungen sein zu kämpfen? Was weißt du schon! Ich habe dir mehr als einmal einen Hinweis gegeben, dass mich dieser Pazifismus erdrückt! Du weißt, was den Kern eines Phönix ausmacht und du weißt, dass ich eine Abart bin. Du weißt, dass es mich auf die Felder zieht und ich ohne zu zögern hunderte Menschen einfach zu Asche verbrenne! Ja, es macht mir Freude! Eine kranke, widerwärtige Freude und weißt du warum? Weil es das befriedigt, wonach ich erschaffen worden bin!“ Sie schlug sich heftig mit einer Faust gegen die Brust und sie schwor fühlen zu können, wie sie ihrer Glassäule einen weiteren Riss zufügte. „Es ist ein verdammter Zwang, Zoras. Kein Wollen. Wenn irgendwo eine Schlacht ausbrechen sollte, werde ich da sein müssen, weil es mich dahin zwingt. Jedes Mal, wenn ich dieser Seite Befriedigung verleihe, leidet die andere Seite darunter. Ich kann nicht meiner Erschaffung frönen, ohne dass mein Artteil Schmerzen erleidet! Ich kann es nicht trennen, du aber sehr wohl! Du bist ein Mensch ohne diese Zwänge, die deine Existenz bestimmen und das ist ein weiterer Punkt, der euch von uns unterscheidet!“
    • Nichts, was Kassandra von sich gab, konnte Zoras in irgendeiner Weise besänftigen; dabei hatte er genau darauf gehofft, dass die Phönixin mit ihrer Weisheit und ihrer Göttlichkeit eine vernünftige Erklärung für ihre Aktion geben würde. Immerhin war sie eine Göttin. Aber Velius' Zyklus zu vollenden, weil sein Schicksal mit ihrem verknüpft war...
      Zoras konnte nur den Kopf schütteln.
      "Sein Tod hat mir etwas bedeutet", grollte er. "Sein Tod, der Kerker, dass sein Leichnam zu Asche hätte verbrennen sollen. Ich wollte abschließen. Jetzt denke ich..."
      Er stieß ein kurzes, freudloses Lachen aus.
      "Jetzt ist er doch wieder in Theriss und außerhalb meiner Reichweite. Letzten Endes hat er sich doch meiner Kontrolle entzogen."
      Kassandra stimmte in sein Lachen nicht ein. Ihr Blick lag streng auf ihm, das Feuer in ihren Augen so groß wie ein Waldbrand.
      Es wird Krieg geben, Kassandra. Das weißt du, denn anders werden wir nicht weiterkommen. Du sollst niemals gezwungen sein zu kämpfen, aber wenn es soweit kommt, dann kannst du nicht die Menschen ihrem Zyklus zuführen und gleichzeitig kämpfen. Du wirst dich für eine Seite entscheiden müssen.
      „Ich kann mich nicht entscheiden, weil ich dazu eben nicht die Freiheit habe!“
      Ihr Ausbruch kam plötzlich und überraschend. Zoras starrte sie an, die Göttin, die sonst immer so kühl und gefasst war, und spürte seinen Einwurf auf seiner Zunge sterben. Mittlerweile hätte Kassandra sicher die Kutsche, die ganze Kolonne und letzten Endes sogar die ganze Gegend mit ihrem Zorn in Brand setzen können. Sie tat es nicht, aber Zoras spürte es an der Art und Weise wie sie weitersprach, dass dazu nicht mehr viel gefehlt hätte. Dass das Feuer selbst vor ihm nicht Halt gemacht hätte.
      „Ich soll nicht gezwungen sein zu kämpfen? Was weißt du schon! Ich habe dir mehr als einmal einen Hinweis gegeben, dass mich dieser Pazifismus erdrückt!"
      Er öffnete den Mund zu einer Antwort. Man musste ihm wohl gutschreiben, dass er selbst im Angesicht der tobenden Phönixin noch nicht den Verstand verlor. Aber auch dazu war es wohl nicht weit.
      Pazifismus? Hier ging es nicht um irgendeinen Pazifismus. Hier ging es um die Frage, welche Seite sie wählen würde.
      Aber er kam gar nicht zu einer Antwort. Sein Atem wurde von ihren nächsten Sätzen verschluckt.
      "Du weißt, was den Kern eines Phönix ausmacht und du weißt, dass ich eine Abart bin. Du weißt, dass es mich auf die Felder zieht und ich ohne zu zögern hunderte Menschen einfach zu Asche verbrenne!"
      Ja - aber genauso sehr handelte sie auch noch immer genau nach ihrer Art. Er hatte gesehen, was der Tod von Menschen mit ihr anstellte. Alleine der Drang, Velius in den Zyklus einzuführen, sprach genug dafür.
      Sollte das heißen, es würde auf dem Schlachtfeld keinen Weg darum herum geben? Dass sie schon längst gewählt hatte?
      Sein Zwischeneinwurf ging erneut unter.
      "Ja, es macht mir Freude! Eine kranke, widerwärtige Freude und weißt du warum? Weil es das befriedigt, wonach ich erschaffen worden bin!“
      Er zuckte zusammen, als sie sich mit der Faust gegen die Brust schlug. Irgendetwas an der rohen Geste unterstrich ihre Worte auf eine Weise, die Zoras sonst entgangen wäre. War es etwa nicht gut, wenn sie das tat, wofür sie geschaffen worden war?
      "Es ist ein verdammter Zwang, Zoras. Kein Wollen."
      Ein Zwang war nichts gutes. Ein Zwang dürfte bei einem Gott eigentlich gar nicht existieren.
      "Wenn irgendwo eine Schlacht ausbrechen sollte, werde ich da sein müssen, weil es mich dahin zwingt. Jedes Mal, wenn ich dieser Seite Befriedigung verleihe, leidet die andere Seite darunter."
      Also konnte sie nicht beides sein und trotzdem tat sie es. Trotzdem führte sie Velius in den Zyklus ein und trotzdem brannte sie Menschen zu Asche. Der Zwang ließ sie pendeln. Zoras konnte nun gar nichts gutes mehr daran erkennen.
      "Ich kann nicht meiner Erschaffung frönen, ohne dass mein Artteil Schmerzen erleidet! Ich kann es nicht trennen, du aber sehr wohl! Du bist ein Mensch ohne diese Zwänge, die deine Existenz bestimmen und das ist ein weiterer Punkt, der euch von uns unterscheidet!“
      "Nein."
      Diesmal ging Zoras' Einwurf nicht unter, was ihn überraschte. Kassandra traktierte ihn mit ihrem Blick, der in ihm den Wunsch erweckte, lieber still zu sein und sich aus göttlicher Reichweite zu begeben.
      "Das ist nichts anderes als auch bei Menschen. Hältst du mich etwa für einen Mann, der seine Gegner vergiftet, um sich ihrer zu entledigen? Ich trage meine Kämpfe auf dem Schlachtfeld aus, wenn beide Seiten Rüstung und Waffen besitzen, nicht etwa in der Dunkelheit eines abgeschiedenen Kerkers - und trotzdem habe ich meine Entscheidung getroffen! Leide von dem einen oder leide von dem anderen, es ist nichts anderes. Vergifte einen Mann und erhalte Frieden oder lasse ihn leben und leide unter deiner Erinnerung; du hast es zu "vergifte einen Mann und leide unter der Unvollständigkeit" werden lassen - ich werde nicht den selben Fehler begehen! Sag mir also, welcher Zwang es werden wird, denn weißt du, was passiert, wenn deine Schmerzen zu viel werden? Dann wirst du daran zerbrechen und das unterscheidet sich in keinster Weise von uns Menschen!"
    • Je mehr Kassandra von dem aussprach, was schon so lange in ihrem Verstand waberte und ihre Gedanken vergiftete, desto bewusster wurde sie sich, dass Zoras es nie verstehen würde. Zwischendurch bemerkte sie, wie er etwas erwidern wollte, aber die Worte dafür nicht fand. Vielleicht stellte er selbst fest, dass seine Antworten und Einwände völlig fehl am Platz waren. Während sie sich ausließ kam ihr immer wieder der Gedanke, ob sie so eine Auseinandersetzung wohl auch mit Santras gehabt hätte. Sie kam zu dem Schluss, dass die Antwort wohl nein gewesen wäre.
      „Nein“ kam es dann auch in der Realität und gut hörbar von Zoras, wodurch Kassandras Flut an Worten erstmals verebbte. Die Wut war noch lange nicht verpufft, aber ihre geweiteten Augen ließen einen gewissen Freiraum zu, den sich er Eviad nun nutzbar machte.
      „Das ist nichts anderes als auch bei Menschen.“
      Darauf stieß die Phönixin ein gereiztes Schnauben aus.
      „Hältst du mich etwa für einen Mann, der seine Gegner vergiftet, um such ihrer zu entledigen? Ich trage meine Kämpfe auf dem Schlachtfeld aus, wenn beide Seiten Rüstung und Waffen besitzen, nicht etwa in der Dunkelheit eines abgeschiedenen Kerkers – und trotzdem habe ich meine Entscheidung getroffen!“
      Wieso hatte er dann dieses Ende für Velius gewählt? Wieso hatte er ihm dann nicht einfach den Kopf abgeschlagen und seiner Natur den Vorzug gegeben, wo er doch so fest behauptete, dass er so seine Kämpfe austrug? „War das nicht genug Kampf für dich?“, fragte sie herausfordernd. Zoras hatte den Kampf mit sich selbst geführt und den konnte man schließlich nicht auf offener Straße führen. Aber er hatte Velius die Verkörperung seiner Angstzustände zugeschrieben und ihn symbolisch dafür getötet.
      „Leide von dem einen oder leide von dem anderen, es ist nichts anderes. Vergifte einen Mann und erhalte Frieden oder lasse ihn leben und leide unter deiner Erinnerung: DU hast es zu „vergifte einen Mann und leide unter der Unvollständigkeit“ werden lassen.“ Da schwoll Kassandras Brustkorb hingegen sehr deutlich wieder an. "Ich werde nicht denselben Fehler begehen! Sag mir also, welcher Zwang es werden wird, denn weißt du, wenn deine Schmerzen zu viel werden?“
      Ja, das wusste sie.
      „Dann wirst du daran zerbrechen und das unterscheidet sich in keinster Weise von uns Menschen!“
      Kassandras Gesichtsausdruck, der vorhin noch all ihre Wut und auch Frustration ausgedrückt hatte, wurde schlagartig kalt, aber nicht weniger bedrohlich. „Unvollständigkeit? Wo war Velius‘ Tod unvollständig? Er kommt nie wieder zurück, sein Leben ist verwirkt, durch DEINE Hand! Ob er jetzt hier in Asche und verstreut würde oder ob ich den Leichnam fortbringe ändert rein gar nichts an dem Fakt, dass sein Tod vollkommen war. Sieh ihn als Verkörperung deines Traumas an, meinetwegen. Aber es ändert sich nichts daran, wo sich seine Überreste befinden. Oder hättest du die ganze Zeit mit ansehen wollen, wie sein Körper verbrennt und seine Asche eigenmächtig über das Land verstreuen wollen? Wunderbar – dann wären Teile von ihm im Boden, in der Luft, einfach überall!“
      Der Innenraum der Kutsche schrumpfte immer weiter und die Beklommenheit in ihr wuchs exponentiell dazu an. Ein einziges Mal hatte sie Zoras begreiflich machen können, wie sich die letzten Momente ihrer Träger angefühlt hatten, aber das war aus seinem Bewusstsein längst wieder verschwunden. Er hörte nicht die stummen Schreie all jener, deren Lichter in den nächsten Sekunden erlöschen würden. Er spürte nicht die Kälte, die sich in ihre Glieder schlich und die Gewissheit, dass dies das Ende sein würde. Er konnte nicht die Gesänge in ihrem Kopf hören, die sie zu den armen Seelen führen wollten, damit sie ihnen beistand. Auch würde er nie die Befriedigung verspüren können, wenn jemand mit purem Horror vor Kassandra erbleichte und in seinen letzten Sekunden noch ihren Namen auf den Lippen trug.
      „Götter. Zerbrechen. Nie.“
      Sie sprach es mit einer Absolution aus, die für sich allein bereits in Stein gemeißelt schien. Es entstand eine Pause nach ihren Worten, in der sie Zoras von oben herab niederstarrte und das alleine wirken ließ. Besäßen seine Worte die Wahrheit, dann gab es keine Erklärung dafür, wie sie all die Jahrhunderte in ihrer Sklavenschaft hatte aushalten können, ohne zu zerbrechen. Dann hätte sie schließlich nichts anderes sein können als wahnsinnig.
      Wer versicherte ihr denn, dass dem nicht so war?
      Kassandras rechter Mundwinkel zuckte in Andeutung eines schiefen Lächelns ganz kurz nach oben, ehe sie kurz auflachte. „Irgendwann wird der Moment kommen, in dem das Ungleichgewicht überhandnimmt. Wenn du dich immer für eine Seite entscheiden musst, wirst du keiner der Seiten gerecht werden können. Du wirst ständig das Gefühl haben, unvollständig zu sein. Einen Teil von dir zur vernachlässigen. Nicht… echt zu sein.“
      Sie bewegte sich etwas nach vorn. Ihre Knie stießen gegen die von Zoras und sie drängte seine Beine auseinander, um ihm noch näher zu kommen. Vorhin noch hatte er aufbegehrt, war angegriffen und fühlte sich verletzt. Nun hatte er den richtigen Eindruck bekommen, dass er es unmöglich mit einem Menschen zu tun haben konnte. Denn so viel Velius auch an Macht über ihn gehabt hatte; dieser Sterbliche hätte Zoras nicht so sehr den Wunsch vermitteln können, möglichst weit aus der bloßen Aufmerksamkeit eines Gottes verschwinden zu wollen.
      In einer übermenschlich schnellen Bewegung schlug die Phönixin ihre flachen Hände gegen die Rückwand der Kutsche, genau neben Zoras‘ Kopf. Unweigerlich zuckte er zurück, eine reine Reflexhandlung. Sie beugte sich langsam zu ihm hinab, die Bewegung der Kutsche schienen sie gar nicht zu berühren. Vor seinem Gesicht hielt sie inne und fixierte seine dunklen Augen.
      „Meine Wahl besteht Schuldgefühlen und dem Gefühl des Verschwindens. Eins will ich nicht sein und das andere kann ich nicht sein. Meine Existenz ist ein Paradoxon, über das sich ganz viele andere Götter gerade furchtbar amüsieren, nur ich nicht. Du sagst, das Zerbrechen unterscheidet uns nicht?“ Ihre Stimme hatte sich gesenkt, doch ihre Hände ballten sich ungesehen von Zoras zu Fäusten. „Was passiert denn, wenn ein Mensch bricht? Ich kann dir sagen, was mit einem Gott passiert, wenn deine Logik stimmen sollte: Sie gestalten Länder, wenn nicht ganze Kontinente in ihrer Misere um.“
      Warum hatte sie sich ihm überhaupt wieder angeschlossen? Warum führten sie diesen sinnlosen Streit? Es gab nichts, worüber sie sich streiten sollten oder weshalb sie sich rechtfertigen sollte. In weniger als fünfzig Jahren wäre Zoras sowieso vom Antlitz der Erde verschwunden, so wie es alle Sterblichen am Ende ihres Lebens taten. Sie würden in ihren Zyklus eingehen und nur Kassandra würde zurückbleiben. Gefüllt mit Erinnerungen an Tausenden von Leben. Genauso gut hätte sie weiterhin im Nichts schweben können, anstatt sich dieser lächerlichen Unterhaltung auszusetzen.
      „Unterstelle mir nie wieder, dass ich mir der Konsequenzen meiner Taten nicht bewusst wäre. Wie du eben so schön sagtest, haben wir beide Dinge vor dem anderen verschwiegen und ich bin mir sicher, dass du noch andere Dinge verschwiegen hast, von denen ich nichts weiß.“
      Zoras‘ Gesichts verzog sich keinen Millimeter.
      „Im Gegensatz zu dir bin ich allerdings nicht dem Gefühl verfallen, verraten worden zu sein. Ich ziehe da meine eigenen Schlüsse raus, weil ich das Vergangene sowieso nicht mehr beeinflussen kann“, sagte sie und stieß sich von der Rückwand ab, die die Kutsche zum wackeln brachte, ehe sie sich auf ihre Seite der Bank fallen ließ. Plötzlich kamen ihr die wenigen Zentimeter zwischen ihnen wie ein gähnender Abgrund vor. „Ich wundere mich immer wieder, wie nah das Gefühl von Verrat und Liebe bei euch doch beieinander liegt.“
    • "Unvollständigkeit? Wo war Velius‘ Tod unvollständig?"
      Kassandra war jetzt nicht mehr wütend. Zumindest zeigte ihr kühles Gesicht das an. Aber Zoras wusste es besser und wusste damit, dass sie noch wütender war als zuvor.
      "Er kommt nie wieder zurück, sein Leben ist verwirkt, durch DEINE Hand! Ob er jetzt hier in Asche und verstreut würde oder ob ich den Leichnam fortbringe ändert rein gar nichts an dem Fakt, dass sein Tod vollkommen war. Sieh ihn als Verkörperung deines Traumas an, meinetwegen. Aber es ändert sich nichts daran, wo sich seine Überreste befinden."
      "Das tut es!", knurrte Zoras schlagartig zurück. "Es ändert alles daran!"
      "Oder hättest du die ganze Zeit mit ansehen wollen, wie sein Körper verbrennt und seine Asche eigenmächtig über das Land verstreuen wollen? Wunderbar – dann wären Teile von ihm im Boden, in der Luft, einfach überall!"
      "Ja - aber nicht in Theriss! Du hast Gnade walten lassen wo er keine verdient hat!"
      Zoras war jetzt regelrecht aufgebracht. Er konnte es noch immer nicht fassen, jetzt sogar noch weniger als zuvor. Kassandra hatte Velius' Leichnam zurück nach Theriss gebracht und so, wie sie redete, würde sie es gar wieder tun. Dabei wäre sie die letzte gewesen, der er einen solchen Verrat zugetraut hätte. Gerade Kassandra!
      „Götter. Zerbrechen. Nie.“
      Ihre warnende, drohende Stimme erstickte den Widerspruch auf Zoras' Lippen. Er starrte sie an, starrte in ihre brennenden Augen und wartete darauf, dass sie ihre eigenen Worte revidieren würde. Es kam nicht dazu. Dabei hätte er denken können, dass gerade Kassandra wusste, dass Götter sehr wohl zerbrechen konnten. Und dass es nichts anderes als auch bei den Menschen war.
      In der daraufkommenden Stille starrten sie sich beide unentwegt an, ohne zu blinzeln. Dann stieß Kassandra ein plötzliches, kurzes Lachen aus.
      "Irgendwann wird der Moment kommen, in dem das Ungleichgewicht überhandnimmt. Wenn du dich immer für eine Seite entscheiden musst, wirst du keiner der Seiten gerecht werden können. Du wirst ständig das Gefühl haben, unvollständig zu sein. Einen Teil von dir zur vernachlässigen. Nicht… echt zu sein."
      Zoras starrte sie noch immer an. Was sie sagte war nichts neues für ihn; er hatte gewusst, dass sie eine Abart war und entsprechend zu leiden hatte. Oder er dachte, dass er es gewusst hatte. Aber wenn er sich jetzt vor Augen führte, dass sie Velius gerade deswegen zu seiner Familie gebracht hatte, dann wusste er nicht mehr, was er wirklich wusste. Die Phönixin hatte noch nie eine Aura der Uneinigkeit verbreitet und doch war es genau das, worauf sie hinauswollte. Unweigerlich musste er sich dabei bewusst werden, dass die Sache weiter über seine menschlichen Gefühle hinausging. Kassandra hatte aus göttlichem Verlangen gehandelt, auch wenn es dabei gegen seine Wünsche ging. Das schmerzte.
      Sie trat näher zu ihm. Ihre Gestalt schob sich so dicht zu ihm, dass er sie mit den Händen hätte berühren können. Bislang war er der Überzeugung gewesen, dass Kassandra sich niemals gegen ihn wenden würde. Im Angesicht der kalten Göttin, die aber drohend über ihm aufragte, war es schwierig, weiter an dieser Überzeugung festzuhalten.
      Unvermittelt schlug sie mit der flachen Hand gegen die Rückwand der Kutsche. Die Bewegung war zu schnell für sein menschliches Auge gewesen, aber er konnte sehr deutlich den Schlag hören, direkt neben seinem Ohr. Ganzkörperlich zuckte er davon zusammen und sein Herz machte einen Sprung, als wolle es zu allererst der übermächtigen Göttlichkeit entkommen. Der Überzeugung zu sein, vor Kassandras Wut sicher zu sein, war eine Sache; es auch zu fühlen eine gänzlich andere. Und im Moment fühlte Zoras sich eher wie ein in die Ecke gedrängtes Tier, das einer vollkommenen Übermacht gegenüber stand. Der Anblick ihres nahen Gesichtes wäre genug gewesen, um sich in seine Albträume einzugraben. Zoras schluckte.
      "Meine Wahl besteht Schuldgefühlen und dem Gefühl des Verschwindens. Eins will ich nicht sein und das andere kann ich nicht sein. Meine Existenz ist ein Paradoxon, über das sich ganz viele andere Götter gerade furchtbar amüsieren, nur ich nicht. Du sagst, das Zerbrechen unterscheidet uns nicht? Was passiert denn, wenn ein Mensch bricht? Ich kann dir sagen, was mit einem Gott passiert, wenn deine Logik stimmen sollte: Sie gestalten Länder, wenn nicht ganze Kontinente in ihrer Misere um."
      Sein Blick sprang zwischen ihren Augen umher. Trotz all seiner Wut und seiner Enttäuschung - trotz seiner Angst - musste er die Frage niederkämpfen, was dann Kassandra war. Er wusste von den schwarzen Feuern von Mynos, er wusste davon, was Kassandra im Herzogtum Veren in Theriss angerichtet hatte, er wusste jetzt, dass sie in den Steppen von Kuluar gewesen war. Zwar hatte sie mit ihren Handlungen noch nichts umgestaltet, aber Zoras wusste nicht, wie dünn diese Grenze war. Zoras wusste nicht, wie oft Kassandra jemanden in den Zyklus einführen und umbringen musste, bis diese Grenze überschritten wäre. Er wusste nicht, ob sie für sie überhaupt existierte.
      Er sprach es jedoch nicht aus. Vielleicht war es das, was ihm das Leben rettete. Jedenfalls glaubte er das, als sie leise, drohend weitersprach.
      "Unterstelle mir nie wieder, dass ich mir der Konsequenzen meiner Taten nicht bewusst wäre. Wie du eben so schön sagtest, haben wir beide Dinge vor dem anderen verschwiegen und ich bin mir sicher, dass du noch andere Dinge verschwiegen hast, von denen ich nichts weiß."
      Ihr Blick brannte sich förmlich in ihn ein. Zoras reagierte nicht. Er glaubte, dass er sich bei einer einfachen Bewegung das Leben verwirken könnte.
      „Im Gegensatz zu dir bin ich allerdings nicht dem Gefühl verfallen, verraten worden zu sein. Ich ziehe da meine eigenen Schlüsse raus, weil ich das Vergangene sowieso nicht mehr beeinflussen kann. Ich wundere mich immer wieder, wie nah das Gefühl von Verrat und Liebe bei euch doch beieinander liegt.“
      Sie setzte sich wieder. Ihre Distanz war Segen und Fluch zugleich, aber es erlaubte Zoras zumindest, Atem zu holen. Er sah ihr noch immer direkt in die Augen, auch wenn sein Herz dabei so stark raste, dass es in seiner Brust schmerzte.
      "Man kann sich ohne Liebe nicht verraten fühlen."
      Das war alles, was Zoras dazu beitragen konnte, und es war nicht genug, das wusste er. Aber mehr gab es dazu nicht zu sagen. Sie hatten beide ihre Standpunkte klar gemacht und so wie es schien, würden sie beide nicht aufeinander zukommen. Kassandra hielt an ihrer Existenz fest und Zoras an seinen Gefühlen. Es war an ihm anzuerkennen, dass die Göttlichkeit dem Menschen immer zuvorkommen würde und dass es das war, worauf er sich eingelassen hatte, als er sich in Kassandra verliebt hatte. Aber er weigerte sich dagegen. Velius' Anwesenheit war ein Disaster gewesen, ein Angriff auf seine Psyche, dem er ohne Kassandra nicht standgehalten hätte. Dass er die Sache so geregelt hatte, um halbwegs einen Abschluss damit zu bekommen, hatte er zu großen Teilen Kassandra zu verdanken, aber auch seiner eigenen Vorgehensweise. Es war ihm wichtig gewesen, dass Velius verbrannt worden wäre. Was wäre denn immerhin mit Zoras geschehen, wenn er im Kerker gestorben wäre? Er wäre als Märtyrer gestorben und hätte natürlich keine Beerdigung erhalten. Es war nur gerecht, dass Velius dieselbe Behandlung erfuhr, die auch seine vielen Opfer erfuhren - Zoras mit eingeschlossen. Das war Teil des großen Ganzen gewesen.
      Aber Zoras war nur ein Mensch und Kassandra eine Phönixin. Sie würde immer ihre Göttlichkeit vorziehen. Sie würde niemals menschlich handeln, egal wie nahe sie den Menschen dabei war. Zoras wusste das, hatte es immer gewusst, und doch...
      Und doch hatte er gedacht, für ihn würde sie eine Ausnahme machen. Vielleicht hatte er gedacht, für ihn könnte sie menschlich sein.
      Zuletzt wandte Zoras seinen Blick ab und starrte aus dem Fenster. Es kochte noch immer in ihm, aber das Feuer verlor seine Hitze und sackte nach und nach ab. Auch Kassandra sagte nichts mehr, denn es gab nichts mehr zu sagen. Alle wichtigen Worte waren ausgesprochen worden.
      Sie saßen für viele Minuten in Schweigen gehüllt, bis Zoras doch wieder das Wort erhob. Leiser, gefasster.
      "Ich vertraue dir und deiner Einschätzung. Aber ich will dir blind vertrauen können."
      Er sah sie wieder an.
      "Kann ich das?"
      Und nach einem weiteren Moment:
      "Ist es wirklich so schlimm, wie du es sagst? Deine Existenz?"
    • Zoras konnte Kassandras Ausbruch nicht mehr als die Stirn bieten. Als sie sich auf ihre Seite der Kutsche zurückgezogen hatte, entspannte er sich marginal und holte tiefer Luft als noch Sekunden zuvor. Eisern hielt die Phönixin den Blickkontakt aufrecht, als er seinen letzten Punkt zu dem ganzen Thema aussprach. Für sie lag in seinen Worten eine Anschuldigung, die das Feuer in ihren Augen nur noch höher lodern ließ. Doch sie schwieg, so wie er anschließend auch, und sah wieder aus dem Fenster der vorbeiziehenden Landschaft zu. Wenn sie sich nicht verraten fühlte, war es dann die echte Liebe in seinen Augen oder nur etwas Nachgeahmtes?
      Und dann war da noch der Punkt mit der Gnade. Kassandra ließ in rechten Momenten tatsächlich Gnade walten, sofern sie es verkraften konnte. Zeitgleich war sie aufbrausend und nachtragend, jähzornig und kompromisslos. Beides waren Extrema, zu denen sie fähig war, aber in Velius‘ Fall hatte sie weder das eine noch das andere walten lassen. In ihren Augen konnte man nur Gnade zeigen, wenn der Empfänger auch noch lebte, und das, was sie nach Theriss geflogen hatte, war davon weitentfernt. Seine Seele war unlängst ausgefahren, sodass sie nur noch seine sterblichen Überreste in den Krallen getragen hatte. Es gab nichts und niemanden, dem sie hätte Gnade zuteilwerden lassen konnte.
      Je länger sie sich in Schweigen hüllten, desto mehr verließ Kassandra die lodernde Wut und kalte Resignation warf sich wie ein schwerer Mantel über ihre Schultern. Anstatt, dass sie sich einfach freuen konnte, dass Zoras sie geholt hatte, wünschte sie sich, doch lieber in den Gärten oder sonst wo geblieben zu sein. Ihr Ziel mit ihrer Begleitung war es schließlich nicht gewesen, sich dem Streit hinzugeben. Sie hatte die Wärme und Nähe zu ihm gesucht und wurde nun gestraft.
      „Ich vertraue dir und deiner Einschätzung.“
      Die Worte kamen plötzlich und unvermittelt, sodass Kassandra Zoras dafür mit einem Seitenblick belohnte. Nun war seine Stimme nicht mehr so hitzig wie zuvor, aber frei von Emotionen war sie mitnichten. Es klangen immer noch die Echos des Zorns in ihr nach und Kassandra bemerkte es problemlos.
      „Aber ich will dir blind vertrauen können.“
      Da drehte sie ihren Kopf doch noch ein wenig weiter, damit er nicht nur ihren Seitenblick auffangen konnte. Aus diesem Satz ließ sich dermaßen viel ablesen, dass Kassandra sich ein wenig versteifte und ihren Gesichtsausdruck nicht neutral halten konnte. Er verfinsterte sich bei dem Gedanken daran, dass Zoras ihr gerade unterstellte, ihr nicht vertrauen zu können. Ausgerechnet ihr, ausgerechnet der Göttin, der er sein Leben geschworen hatte.
      „Kann ich das?“, fragte er unnützerweise noch hinterher und ihre Miene verfinsterte sich weiter. Sie wartete darauf, dass er sich die Frage selbst beantwortete, doch stattdessen kam er mit einer anderen Frage, die sie dann doch unerwartet erwischte: „Ist es wirklich so schlimm, wie du es sagst? Deine Existenz?“
      Prompt fühlte sie sich wie ein seltsames Kunstwerk, das man auf einem Platz für das Volk aufgestellt hatte. Jeder konnte das seltsame Geschöpf begaffen, dass sich wie ein ähnliches Wesen tarnte und nur mit seinem Charakter von ihnen zu unterscheiden war. Eine Mixtur, eine Kreatur, etwas wider die Natur.
      Wut fand sich dieses Mal nicht recht in Kassandras Brust wieder. Stattdessen fühlte es sich unglaublich kalt an und es schmerzte so tief, dass sie dachte, etwas durchbohrte sie von innen heraus. „Gab es jemals einen Moment, der dich dazu verleiten sollte, mir nicht zu vertrauen?“, stellte sie die Gegenfrage. Ihre Stimme ließ nur ein winziges Bisschen der Scherben durchblicken, die sich durch ihre Eingeweide bohrten.
      Kurz darauf schlug sie ihren Blick ein wenig nieder. Über diesen Aspekt zu sprechen bereitete ihr offensichtlich Unannehmlichkeiten. Sie musste ein wenig weiter dafür ausholen, damit Zoras den Wandel verstand. „Als ich geschaffen worden bin, war mir dieser Zwiespalt nicht bewusst gewesen. Ich habe nach den Wesenszügen gelebt, die man mir verliehen hatte und mich damit immer stärker von den anderen Phönixen unterschieden. Als sie merkten, dass ich anders war, verbannten sie mich auf Erden, zu den Unfähigen und Sterblichen, wo ich doch eher meinen Platz finden sollte. Lange Zeit verstand ich nicht, warum sie es getan haben und hinterfragte das, was ich laut der Definition sein sollte und was ich stattdessen auslebte. Bis zu dem Zeitpunkt, als ich Shukran begegnet war, fühlte ich mich noch sehr im Gleichgewicht mit mir selbst. Alles war in Ordnung. Aber durch die Menschen wurde zumeist diejenige Seite bedient, die für den Kampf, für die Angst und die Gewalt stand. Es dauerte wieder eine lange Zeit, ehe ich begriff, dass diese Seite es war, die mich zusammenhielt und formte. Der rechtschaffende Anteil des Phönix lag wie eine fest Schale um den Kern und hielt alles zusammen, doch sie wurde mit der Zeit immer dünner. Wenn sie brach, dann waren Ereignisse wie Mynos die Folge.“
      Und noch andere, die die Geschichte nicht oder falsch aufgezeichnet hatte, dachte sie mürbe.
      „Jetzt, wo ich meine Kräfte zurückhabe, spüre ich das Ziehen und Drücken viel stärker. Ich muss mich in die Gedächtnisse der Menschheit einbrennen, damit ich nicht… verschwinde. Aber ich bin aus den dunklen Gedanken geschaffen worden, die gegen das Licht, dass der Phönix darstellt, rebelliert. Der Teil von mir, der sich unter den Menschen geformt hat, sympathisiert mit dem Phönix, aber der göttliche Teil geht eher mit der Erschaffung.“
      Kassandra legte die Finger an ihre Brust. Sanft setzte sie ihre Spitzen auf den Stoff, als wäre darunter etwas zerbrechliches versteckt.
      „Ich war nie vollends eins, aber es hat mich nie so sehr gedroht, zu zerreißen wie jetzt.“