Noch am selben Tag brachten sie Dionysus' Essenz an sich. Esho hatte am Vortag noch von Sagen gesprochen, aber es war wenig sagenhaftes daran, wie Asterios den Weingott bedrängte, während die beiden Männer dasselbe mit Quentin taten. Zwar war der Träger mit allen Wassern geschlagen und gerissen wie ein Fuchs, aber Gerissenheit fand ihre Grenzen dort, wo Gewalt einsetzte. Und bezüglich Kraft waren die beiden kampferprobten Männer ihrem dünnen Gegner haushoch überlegen.
Die Essenz wechselte den Besitzer. Dionysus' Gesicht wechselte den Ausdruck. Und dann war es auch schon geschehen, der gröbste Teil erledigt.
Zoras blieb zurück, während Esho sich der Trägersache annahm. Wie vorhergesagt blieb Dionysus tatsächlich einfach auf seinem Platz sitzen, als der Saal sich leerte und auch Zoras sich zurückzog. Als dann wenige Stunden später Esho mit Feyra wiederkehrte, war Zoras zum ersten Mal so etwas wie glücklich, die Frau zu sehen.
Es mochten nur drei Tage gewesen sein, aber während ihrer Abwesenheit hatte Feyra etwas von ihrer Selbstverständlichkeit verloren. Sie schien jetzt wacher, lebendiger, ernster. Quentin hätte eigentlich ihr Untergebener sein sollen, der Meisterspion der Stadt, aber ganz eindeutig hatte sich das Machtgefüge so schnell und so stark geändert, dass es Feyra regelrecht aufgeweckt hatte. Als sie jetzt die Essenz zurücknahm - nicht ohne eine Spur Erleichterung in den Augen - nickte sie ernst und erklärte, dass sie aus ihren Fehlern gelernt hätte. Zoras glaubte ihr das. Er kannte diesen Blick, wenn man etwas erlebt hatte, das einen auf lange Zeit prägen würde und Feyra war definitiv geprägt worden.
Und damit war es plötzlich erledigt, von jetzt auf gleich. Zoras hatte einen spurenden Rat unter sich. Natürlich würde es nicht von Dauer sein, denn Ristaer würde irgendwann Herr der Lage werden, Kalea könnte irgendwann begreifen, dass es nicht Zoras gewesen war, der Mirdole so übel zugerichtet hatte, und Dionysus könnte letzten Endes doch jederzeit wieder an seine Essenz gelangen. Aber für den Moment funktionierte es. Für den Moment funktionierte es wirklich.
Zoras schlief eine Nacht lang in seinen eigenen Gemächern, wobei er seine Gardisten diesmal nicht nur vor der Tür, sondern auch im Zimmer platziert hatte. Sicher war sicher.
Am nächsten Tag ließ er eine Kutsche vorbereiten und seine Sachen packen. Ihm stand eine Reise bevor.
Der Eviad reiste mit einem Gespann von 70 Soldaten, 30 Bediensteten und insgesamt acht Wagen, die Kutsche, in der er selbst saß, mit eingeschlossen. Die ganze Kolonne erstreckte sich bei ihrer Wanderung über mehrere dutzend Meter und war damit auch entsprechend langsam. Vier Tage sollte es dauern. Es waren die langweiligsten vier Tage, die Zoras je erlebt hatte.
Er konnte nicht viel mehr tun als in seiner Kutsche zu sitzen, sich durchschütteln zu lassen und zu den Pausen auszusteigen und die Beine zu strecken. Er konnte nicht reiten - oder, er könnte es schon, aber dann hätte er sich Rüstung anziehen müssen, denn letzten Endes war Zoras immernoch ein sterblicher Mann, der seine Sterblichkeit sehr leicht durch einen Pfeil im Hals finden konnte. Außerdem wäre er dann nicht viel schneller als Schrittgeschwindigkeit gewesen und da konnte er es sich genauso gut sparen.
Er konnte auch nicht dabei helfen, die dutzenden Zelte abends aufzubauen, ohne einen Skandal auszulösen und seine Bediensteten zu beleidigen. Er konnte nicht beim Lagerfeuer helfen. Er konnte nicht beim Kochen helfen. Er konnte nicht bei den Wachen helfen. Er konnte nicht einmal die verdammten Pferde versorgen, auch wenn ihn niemand daran hindern konnte, die Arbeiten zu überprüfen. Er konnte rein gar nichts tun außer zu sitzen und sich umschwärmen zu lassen. Es war fast anstrengender als die zwei schlaflosen Wochen harter Arbeit, die hinter ihm lagen.
Und letzten Endes half es ihm natürlich nicht, die Gedanken auszusperren, die sich bei ihm einschlichen; Gedanken an Kassandra und daran, was vor ihm lag. Was ihn erwarten könnte und wie sie reagieren könnte. Ob sie ihn überhaupt zurücknehmen würde oder einfach verschwinden würde, wie sie es bereits getan hatte, und diesmal ganz weg wäre. Wie er ihren endgültigen Verlust vertragen könnte.
Es war eine einzige Tortur. Er hasste die Untätigkeit. Und doch konnte er nichts anderes tun als abzuwarten.
Santras ließ er nichts von seiner Reise wissen, bis Zavion ihn darauf hinwies, dass sie nur noch einen Tagesritt entfernt waren. Er hatte Zavion mitgenommen als Belohnung dafür, dass er ihm so treu zur Seite gestanden hatte. Der Mann hätte sonst kaum eine Gelegenheit gehabt, zurück in seine Heimatstadt zu finden.
Da ließ er einen Boten vorausreiten, um Santras über seine Ankunft zu informieren, und saß am selben Abend in ihrem Lager auf einem mitgebrachten Stuhl. Einer seiner Bediensteten - ein Mann Mitte 20 mit freundlich blassen Augen - stand vor ihm und beugte sich zu ihm herab. Er hatte ein Puderkästchen in der Hand und tupfte mit dem entsprechenden Pinsel auf seinem Gesicht herum.
Zoras war keiner von jenen Herrschern, die sich Puder ins Gesicht schmierten, um ihre Schönheit oder Jugend oder Macht zu unterstreichen. Er hielt nichts von dem Zeug, außer dass es bei Frauen großen Anklang fand und sehr in der Mode zu sein schien. Aber für diesen speziellen Ausflug musste er wohl eine Ausnahme machen.
Zoras hatte sich schon bei etlichen Gelegenheiten im Spiegel betrachtet und eigentlich an sein mittlerweile ausgezehrtes Gesicht gewöhnt. Seine Augenringe waren tief und dunkel, seine Lippen aufgekratzt, seine Augen gerötet. Er war der Inbegriff von Schlaflosigkeit und Stress, aber das war ja nichts neues.
Nur hatte er sich diesmal mit den Augen einer Phönixin betrachtet und... er sah schlimm aus. Wirklich schlimm. Es mochte in Ordnung sein, wenn er innerhalb seiner eigenen Mauern so herumlief, aber wenn er Kassandra zurück haben wollte, dann musste er sich mehr ins Zeug legen als das. Sie sollte keine ausgemergelte Gestalt sehen und als erstes darum fürchten müssen, dass er kurz vor dem Aus stand. Er war wegen ihr hier und nicht deswegen, sich von ihr retten zu lassen. Nicht dieses mal.
Daher hatte er nach jemandem geschickt und nun ließ er sich mit all seiner verbliebenen Geduld das Gesicht pudern. Der Mann arbeitete lange, aber sehr gründlich an ihm. Er hatte verschiedene Farben bei sich, die für Zoras alle keinen Sinn ergaben, mit denen er aber sein ganzes Gesicht bemalte. Zum Schluss tupfte er ihm noch Honig auf die Lippen und als Zoras sich dann im Spiegel betrachtete, war er schon fast zufrieden. Fast. Seine Augenringe waren verschwunden, seine Haut wirkte gesünder, sogar ein paar seiner Falten waren nicht mehr zu sehen. Er wirkte schon fast wie 10 Jahre jünger. Fast.
Kassandra würde das Puder sicher mit ihren scharfen Augen bemerken, aber das war ihm ganz egal. Er sah aus wie ein Mann, der sein Leben und damit auch sein ganzes Land im Griff hatte und das war genau sein Ziel gewesen. Neben Kassandra gab es schließlich noch einen Stadtherren, dem er unter die Augen treten musste. Ich bin nicht gewillt, sie zu teilen. Zoras schnaubte verächtlich. Er wollte mal sehen, ob der Mann sich traute, ihm das auch direkt ins Gesicht zu sagen.
So fuhr die Kolonne am Tag darauf auf Paspateras große Tore zu. Auch jetzt gab es eine lange Schlange, die sich davor scharrte, aber sie wich ausnahmslos beiseite, um den hohen Besuch passieren zu lassen. Das Tor wurde geöffnet, Soldaten brüllten seine Ankunft heraus und Zoras beobachtete aus seiner Kutsche heraus, wie sich die Straßen mit Schaulustigen füllten. Sollten sie ruhig. Er trug seine besten Gewänder mit goldenen Stickereien, die den türkisen Farbton voll und ganz unterstrichen und ihm einen edlen Glanz verliehen. Er sah sich durchaus für würdig, einer Göttin entgegen zu treten, und das sollten die versammelten Menschen hier bei seinem Anblick ruhig auch denken.
Schließlich war er der Eviad.
Die Essenz wechselte den Besitzer. Dionysus' Gesicht wechselte den Ausdruck. Und dann war es auch schon geschehen, der gröbste Teil erledigt.
Zoras blieb zurück, während Esho sich der Trägersache annahm. Wie vorhergesagt blieb Dionysus tatsächlich einfach auf seinem Platz sitzen, als der Saal sich leerte und auch Zoras sich zurückzog. Als dann wenige Stunden später Esho mit Feyra wiederkehrte, war Zoras zum ersten Mal so etwas wie glücklich, die Frau zu sehen.
Es mochten nur drei Tage gewesen sein, aber während ihrer Abwesenheit hatte Feyra etwas von ihrer Selbstverständlichkeit verloren. Sie schien jetzt wacher, lebendiger, ernster. Quentin hätte eigentlich ihr Untergebener sein sollen, der Meisterspion der Stadt, aber ganz eindeutig hatte sich das Machtgefüge so schnell und so stark geändert, dass es Feyra regelrecht aufgeweckt hatte. Als sie jetzt die Essenz zurücknahm - nicht ohne eine Spur Erleichterung in den Augen - nickte sie ernst und erklärte, dass sie aus ihren Fehlern gelernt hätte. Zoras glaubte ihr das. Er kannte diesen Blick, wenn man etwas erlebt hatte, das einen auf lange Zeit prägen würde und Feyra war definitiv geprägt worden.
Und damit war es plötzlich erledigt, von jetzt auf gleich. Zoras hatte einen spurenden Rat unter sich. Natürlich würde es nicht von Dauer sein, denn Ristaer würde irgendwann Herr der Lage werden, Kalea könnte irgendwann begreifen, dass es nicht Zoras gewesen war, der Mirdole so übel zugerichtet hatte, und Dionysus könnte letzten Endes doch jederzeit wieder an seine Essenz gelangen. Aber für den Moment funktionierte es. Für den Moment funktionierte es wirklich.
Zoras schlief eine Nacht lang in seinen eigenen Gemächern, wobei er seine Gardisten diesmal nicht nur vor der Tür, sondern auch im Zimmer platziert hatte. Sicher war sicher.
Am nächsten Tag ließ er eine Kutsche vorbereiten und seine Sachen packen. Ihm stand eine Reise bevor.
Der Eviad reiste mit einem Gespann von 70 Soldaten, 30 Bediensteten und insgesamt acht Wagen, die Kutsche, in der er selbst saß, mit eingeschlossen. Die ganze Kolonne erstreckte sich bei ihrer Wanderung über mehrere dutzend Meter und war damit auch entsprechend langsam. Vier Tage sollte es dauern. Es waren die langweiligsten vier Tage, die Zoras je erlebt hatte.
Er konnte nicht viel mehr tun als in seiner Kutsche zu sitzen, sich durchschütteln zu lassen und zu den Pausen auszusteigen und die Beine zu strecken. Er konnte nicht reiten - oder, er könnte es schon, aber dann hätte er sich Rüstung anziehen müssen, denn letzten Endes war Zoras immernoch ein sterblicher Mann, der seine Sterblichkeit sehr leicht durch einen Pfeil im Hals finden konnte. Außerdem wäre er dann nicht viel schneller als Schrittgeschwindigkeit gewesen und da konnte er es sich genauso gut sparen.
Er konnte auch nicht dabei helfen, die dutzenden Zelte abends aufzubauen, ohne einen Skandal auszulösen und seine Bediensteten zu beleidigen. Er konnte nicht beim Lagerfeuer helfen. Er konnte nicht beim Kochen helfen. Er konnte nicht bei den Wachen helfen. Er konnte nicht einmal die verdammten Pferde versorgen, auch wenn ihn niemand daran hindern konnte, die Arbeiten zu überprüfen. Er konnte rein gar nichts tun außer zu sitzen und sich umschwärmen zu lassen. Es war fast anstrengender als die zwei schlaflosen Wochen harter Arbeit, die hinter ihm lagen.
Und letzten Endes half es ihm natürlich nicht, die Gedanken auszusperren, die sich bei ihm einschlichen; Gedanken an Kassandra und daran, was vor ihm lag. Was ihn erwarten könnte und wie sie reagieren könnte. Ob sie ihn überhaupt zurücknehmen würde oder einfach verschwinden würde, wie sie es bereits getan hatte, und diesmal ganz weg wäre. Wie er ihren endgültigen Verlust vertragen könnte.
Es war eine einzige Tortur. Er hasste die Untätigkeit. Und doch konnte er nichts anderes tun als abzuwarten.
Santras ließ er nichts von seiner Reise wissen, bis Zavion ihn darauf hinwies, dass sie nur noch einen Tagesritt entfernt waren. Er hatte Zavion mitgenommen als Belohnung dafür, dass er ihm so treu zur Seite gestanden hatte. Der Mann hätte sonst kaum eine Gelegenheit gehabt, zurück in seine Heimatstadt zu finden.
Da ließ er einen Boten vorausreiten, um Santras über seine Ankunft zu informieren, und saß am selben Abend in ihrem Lager auf einem mitgebrachten Stuhl. Einer seiner Bediensteten - ein Mann Mitte 20 mit freundlich blassen Augen - stand vor ihm und beugte sich zu ihm herab. Er hatte ein Puderkästchen in der Hand und tupfte mit dem entsprechenden Pinsel auf seinem Gesicht herum.
Zoras war keiner von jenen Herrschern, die sich Puder ins Gesicht schmierten, um ihre Schönheit oder Jugend oder Macht zu unterstreichen. Er hielt nichts von dem Zeug, außer dass es bei Frauen großen Anklang fand und sehr in der Mode zu sein schien. Aber für diesen speziellen Ausflug musste er wohl eine Ausnahme machen.
Zoras hatte sich schon bei etlichen Gelegenheiten im Spiegel betrachtet und eigentlich an sein mittlerweile ausgezehrtes Gesicht gewöhnt. Seine Augenringe waren tief und dunkel, seine Lippen aufgekratzt, seine Augen gerötet. Er war der Inbegriff von Schlaflosigkeit und Stress, aber das war ja nichts neues.
Nur hatte er sich diesmal mit den Augen einer Phönixin betrachtet und... er sah schlimm aus. Wirklich schlimm. Es mochte in Ordnung sein, wenn er innerhalb seiner eigenen Mauern so herumlief, aber wenn er Kassandra zurück haben wollte, dann musste er sich mehr ins Zeug legen als das. Sie sollte keine ausgemergelte Gestalt sehen und als erstes darum fürchten müssen, dass er kurz vor dem Aus stand. Er war wegen ihr hier und nicht deswegen, sich von ihr retten zu lassen. Nicht dieses mal.
Daher hatte er nach jemandem geschickt und nun ließ er sich mit all seiner verbliebenen Geduld das Gesicht pudern. Der Mann arbeitete lange, aber sehr gründlich an ihm. Er hatte verschiedene Farben bei sich, die für Zoras alle keinen Sinn ergaben, mit denen er aber sein ganzes Gesicht bemalte. Zum Schluss tupfte er ihm noch Honig auf die Lippen und als Zoras sich dann im Spiegel betrachtete, war er schon fast zufrieden. Fast. Seine Augenringe waren verschwunden, seine Haut wirkte gesünder, sogar ein paar seiner Falten waren nicht mehr zu sehen. Er wirkte schon fast wie 10 Jahre jünger. Fast.
Kassandra würde das Puder sicher mit ihren scharfen Augen bemerken, aber das war ihm ganz egal. Er sah aus wie ein Mann, der sein Leben und damit auch sein ganzes Land im Griff hatte und das war genau sein Ziel gewesen. Neben Kassandra gab es schließlich noch einen Stadtherren, dem er unter die Augen treten musste. Ich bin nicht gewillt, sie zu teilen. Zoras schnaubte verächtlich. Er wollte mal sehen, ob der Mann sich traute, ihm das auch direkt ins Gesicht zu sagen.
So fuhr die Kolonne am Tag darauf auf Paspateras große Tore zu. Auch jetzt gab es eine lange Schlange, die sich davor scharrte, aber sie wich ausnahmslos beiseite, um den hohen Besuch passieren zu lassen. Das Tor wurde geöffnet, Soldaten brüllten seine Ankunft heraus und Zoras beobachtete aus seiner Kutsche heraus, wie sich die Straßen mit Schaulustigen füllten. Sollten sie ruhig. Er trug seine besten Gewänder mit goldenen Stickereien, die den türkisen Farbton voll und ganz unterstrichen und ihm einen edlen Glanz verliehen. Er sah sich durchaus für würdig, einer Göttin entgegen zu treten, und das sollten die versammelten Menschen hier bei seinem Anblick ruhig auch denken.
Schließlich war er der Eviad.
