Salvation's Sacrifice [Asuna & Codren]

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    • Noch am selben Tag brachten sie Dionysus' Essenz an sich. Esho hatte am Vortag noch von Sagen gesprochen, aber es war wenig sagenhaftes daran, wie Asterios den Weingott bedrängte, während die beiden Männer dasselbe mit Quentin taten. Zwar war der Träger mit allen Wassern geschlagen und gerissen wie ein Fuchs, aber Gerissenheit fand ihre Grenzen dort, wo Gewalt einsetzte. Und bezüglich Kraft waren die beiden kampferprobten Männer ihrem dünnen Gegner haushoch überlegen.
      Die Essenz wechselte den Besitzer. Dionysus' Gesicht wechselte den Ausdruck. Und dann war es auch schon geschehen, der gröbste Teil erledigt.
      Zoras blieb zurück, während Esho sich der Trägersache annahm. Wie vorhergesagt blieb Dionysus tatsächlich einfach auf seinem Platz sitzen, als der Saal sich leerte und auch Zoras sich zurückzog. Als dann wenige Stunden später Esho mit Feyra wiederkehrte, war Zoras zum ersten Mal so etwas wie glücklich, die Frau zu sehen.
      Es mochten nur drei Tage gewesen sein, aber während ihrer Abwesenheit hatte Feyra etwas von ihrer Selbstverständlichkeit verloren. Sie schien jetzt wacher, lebendiger, ernster. Quentin hätte eigentlich ihr Untergebener sein sollen, der Meisterspion der Stadt, aber ganz eindeutig hatte sich das Machtgefüge so schnell und so stark geändert, dass es Feyra regelrecht aufgeweckt hatte. Als sie jetzt die Essenz zurücknahm - nicht ohne eine Spur Erleichterung in den Augen - nickte sie ernst und erklärte, dass sie aus ihren Fehlern gelernt hätte. Zoras glaubte ihr das. Er kannte diesen Blick, wenn man etwas erlebt hatte, das einen auf lange Zeit prägen würde und Feyra war definitiv geprägt worden.
      Und damit war es plötzlich erledigt, von jetzt auf gleich. Zoras hatte einen spurenden Rat unter sich. Natürlich würde es nicht von Dauer sein, denn Ristaer würde irgendwann Herr der Lage werden, Kalea könnte irgendwann begreifen, dass es nicht Zoras gewesen war, der Mirdole so übel zugerichtet hatte, und Dionysus könnte letzten Endes doch jederzeit wieder an seine Essenz gelangen. Aber für den Moment funktionierte es. Für den Moment funktionierte es wirklich.
      Zoras schlief eine Nacht lang in seinen eigenen Gemächern, wobei er seine Gardisten diesmal nicht nur vor der Tür, sondern auch im Zimmer platziert hatte. Sicher war sicher.
      Am nächsten Tag ließ er eine Kutsche vorbereiten und seine Sachen packen. Ihm stand eine Reise bevor.

      Der Eviad reiste mit einem Gespann von 70 Soldaten, 30 Bediensteten und insgesamt acht Wagen, die Kutsche, in der er selbst saß, mit eingeschlossen. Die ganze Kolonne erstreckte sich bei ihrer Wanderung über mehrere dutzend Meter und war damit auch entsprechend langsam. Vier Tage sollte es dauern. Es waren die langweiligsten vier Tage, die Zoras je erlebt hatte.
      Er konnte nicht viel mehr tun als in seiner Kutsche zu sitzen, sich durchschütteln zu lassen und zu den Pausen auszusteigen und die Beine zu strecken. Er konnte nicht reiten - oder, er könnte es schon, aber dann hätte er sich Rüstung anziehen müssen, denn letzten Endes war Zoras immernoch ein sterblicher Mann, der seine Sterblichkeit sehr leicht durch einen Pfeil im Hals finden konnte. Außerdem wäre er dann nicht viel schneller als Schrittgeschwindigkeit gewesen und da konnte er es sich genauso gut sparen.
      Er konnte auch nicht dabei helfen, die dutzenden Zelte abends aufzubauen, ohne einen Skandal auszulösen und seine Bediensteten zu beleidigen. Er konnte nicht beim Lagerfeuer helfen. Er konnte nicht beim Kochen helfen. Er konnte nicht bei den Wachen helfen. Er konnte nicht einmal die verdammten Pferde versorgen, auch wenn ihn niemand daran hindern konnte, die Arbeiten zu überprüfen. Er konnte rein gar nichts tun außer zu sitzen und sich umschwärmen zu lassen. Es war fast anstrengender als die zwei schlaflosen Wochen harter Arbeit, die hinter ihm lagen.
      Und letzten Endes half es ihm natürlich nicht, die Gedanken auszusperren, die sich bei ihm einschlichen; Gedanken an Kassandra und daran, was vor ihm lag. Was ihn erwarten könnte und wie sie reagieren könnte. Ob sie ihn überhaupt zurücknehmen würde oder einfach verschwinden würde, wie sie es bereits getan hatte, und diesmal ganz weg wäre. Wie er ihren endgültigen Verlust vertragen könnte.
      Es war eine einzige Tortur. Er hasste die Untätigkeit. Und doch konnte er nichts anderes tun als abzuwarten.

      Santras ließ er nichts von seiner Reise wissen, bis Zavion ihn darauf hinwies, dass sie nur noch einen Tagesritt entfernt waren. Er hatte Zavion mitgenommen als Belohnung dafür, dass er ihm so treu zur Seite gestanden hatte. Der Mann hätte sonst kaum eine Gelegenheit gehabt, zurück in seine Heimatstadt zu finden.
      Da ließ er einen Boten vorausreiten, um Santras über seine Ankunft zu informieren, und saß am selben Abend in ihrem Lager auf einem mitgebrachten Stuhl. Einer seiner Bediensteten - ein Mann Mitte 20 mit freundlich blassen Augen - stand vor ihm und beugte sich zu ihm herab. Er hatte ein Puderkästchen in der Hand und tupfte mit dem entsprechenden Pinsel auf seinem Gesicht herum.
      Zoras war keiner von jenen Herrschern, die sich Puder ins Gesicht schmierten, um ihre Schönheit oder Jugend oder Macht zu unterstreichen. Er hielt nichts von dem Zeug, außer dass es bei Frauen großen Anklang fand und sehr in der Mode zu sein schien. Aber für diesen speziellen Ausflug musste er wohl eine Ausnahme machen.
      Zoras hatte sich schon bei etlichen Gelegenheiten im Spiegel betrachtet und eigentlich an sein mittlerweile ausgezehrtes Gesicht gewöhnt. Seine Augenringe waren tief und dunkel, seine Lippen aufgekratzt, seine Augen gerötet. Er war der Inbegriff von Schlaflosigkeit und Stress, aber das war ja nichts neues.
      Nur hatte er sich diesmal mit den Augen einer Phönixin betrachtet und... er sah schlimm aus. Wirklich schlimm. Es mochte in Ordnung sein, wenn er innerhalb seiner eigenen Mauern so herumlief, aber wenn er Kassandra zurück haben wollte, dann musste er sich mehr ins Zeug legen als das. Sie sollte keine ausgemergelte Gestalt sehen und als erstes darum fürchten müssen, dass er kurz vor dem Aus stand. Er war wegen ihr hier und nicht deswegen, sich von ihr retten zu lassen. Nicht dieses mal.
      Daher hatte er nach jemandem geschickt und nun ließ er sich mit all seiner verbliebenen Geduld das Gesicht pudern. Der Mann arbeitete lange, aber sehr gründlich an ihm. Er hatte verschiedene Farben bei sich, die für Zoras alle keinen Sinn ergaben, mit denen er aber sein ganzes Gesicht bemalte. Zum Schluss tupfte er ihm noch Honig auf die Lippen und als Zoras sich dann im Spiegel betrachtete, war er schon fast zufrieden. Fast. Seine Augenringe waren verschwunden, seine Haut wirkte gesünder, sogar ein paar seiner Falten waren nicht mehr zu sehen. Er wirkte schon fast wie 10 Jahre jünger. Fast.
      Kassandra würde das Puder sicher mit ihren scharfen Augen bemerken, aber das war ihm ganz egal. Er sah aus wie ein Mann, der sein Leben und damit auch sein ganzes Land im Griff hatte und das war genau sein Ziel gewesen. Neben Kassandra gab es schließlich noch einen Stadtherren, dem er unter die Augen treten musste. Ich bin nicht gewillt, sie zu teilen. Zoras schnaubte verächtlich. Er wollte mal sehen, ob der Mann sich traute, ihm das auch direkt ins Gesicht zu sagen.

      So fuhr die Kolonne am Tag darauf auf Paspateras große Tore zu. Auch jetzt gab es eine lange Schlange, die sich davor scharrte, aber sie wich ausnahmslos beiseite, um den hohen Besuch passieren zu lassen. Das Tor wurde geöffnet, Soldaten brüllten seine Ankunft heraus und Zoras beobachtete aus seiner Kutsche heraus, wie sich die Straßen mit Schaulustigen füllten. Sollten sie ruhig. Er trug seine besten Gewänder mit goldenen Stickereien, die den türkisen Farbton voll und ganz unterstrichen und ihm einen edlen Glanz verliehen. Er sah sich durchaus für würdig, einer Göttin entgegen zu treten, und das sollten die versammelten Menschen hier bei seinem Anblick ruhig auch denken.
      Schließlich war er der Eviad.
    • Santras hätte Paspatera bei Weitem nicht so gut unter Kontrolle, wenn seine Vorsichtsmaßnahmen nicht entsprechend aufgestellt wären. So erhielt er schon drei Tage zuvor die Kunde, dass sich eine Karawane aus der Hauptstadt abgesetzt hatte. Seine Späher berichteten ihm, dass es die Gesellschaft des Eviads sein musste, mit eben jenem genau in der Mitte. Santras trug seinen Spähern auf, den Trupp weiter im Blick zu halten und sich nicht erkenntlich zu zeigen. Schließlich war nicht klar, ob er sich wirklich traute, in Paspatera zu erscheinen.
      Zwei Tage später erreichte ein Bote die Tore der Handelsstadt und erbat ein Gespräch mit dem Stadtherren. Santras zeigte sich und empfing den Boten ganz ungeniert in einem der Gasthäuser der Stadt, wo er erfuhr, dass Paspatera in der Tat das Ziel der Kolonne war. Nachdem sich der Bote gestärkt und wieder verabschiedet hatte, grübelte Santras darüber, wie er am schlausten mit dieser Situation umgehen sollte.
      Schließlich entschied er sich dafür, Kassandra in Kenntnis zu setzen.
      Die Phönixin saß wie immer in den Gärten, wenn sie sich nicht in Santras‘ Gemach aufhielt. Inmitten der blühenden Sträucher wirkte sie beinahe wie eine lebensechte Statue, die man mit den bunten Blüten ringsherum geschmückt hatte. Völlig regungslos verharrte sie dort in der Natur, geküsst von Sonnenstrahlen und kleinen Schmetterlingen, die sich auf ihrem Haar und ihrer Kleidung niederließen.
      Als Santras sich näherte, stoben einige der Schmetterlinge auseinander. „Kassandra, ich fürchte, du bekommst Besuch.“
      Die Phönixin rührte sich noch immer nicht. Sie blinzelte nicht einmal. „Wieso sollte man Besuch fürchten? War Besuch nicht meist etwas, das zur Freude ruft?“
      Darauf antwortete Santra mit Verzögerung. „Gewiss, aber zählt das auch dazu, wenn es Zoras ist?“
      Die letzten Schmetterlinge stoben auf, als Kassandra gemächlich ihren Kopf zu Santras drehte und ihn mit ihren roten Augen bedachte. Ihr Blick kam von unten herauf, aber nichts davon sprach von einer Unterwürfigkeit. Auch von dieser Position aus kannte Kassandra nur das Herrschen. „Darüber sollten wir uns vielleicht noch einmal unterhalten.“

      Einen Tag später ließen Hörner verkünden, dass sich die Kolonne des Eviads genähert hatte. Entgegen seiner üblichen Handlung verblieb Santras in seinem Anwesen. Es ziemte sich nicht, mit dem Eviad ein Gasthaus aufzusuchen, außer, es kam von ihm aus. Und da jeder der Fronten bekannt sein dürfte, weshalb sich der Mann aus seiner Hauptstadt getraut hatte, zog der Stadtherr diese Behandlung der anderen vor.
      Die gesamte Stadt war in Aufruhr. Noch nie hatte sich der Eviad seit seinem Amtsantritt außerhalb der Hauptstadt blicken lassen und dass nun ausgerechnet diese Handelsstadt das Privileg des ersten Besuches bekam, ließ die Bürger förmlich übersprudeln. Sie verstopften die Straßen, um einen Blick auf den Mann zu bekommen, der einst Schwierigkeiten gehabt hatte, diese Stadttore zu passieren.
      Die Kolonne hatte ein paar ihrer Glieder verloren, um den Weg zu Santras Stadthaus zu sichern. Vor dem Anwesen hielt die Kutsche und entließ den Eviad aus seinem Wagen, der umgehend von etlichen Soldaten umschwirrt wurde. Santras selbst war aus der geöffneten Tür seines Sitzes getreten und wartete auf dem vorderen Absatz darauf, dass man zu ihm aufschloss. Aus der Traube an Menschen und Soldaten löste sich eine gerüstete Gestalt und kam mit schnellen Schritten auf Santras zu. Noch während des Weges nahm er seinen Helm ab und offenbarte sein kupfernes Haar.
      Santras schmunzelte, als Zavion die Stufen hinaufstieg und vor seinem ehemaligen Herren Haltung annahm. „Wie ich sehe, tut dein Dienst deiner Haltung gut.“
      Zavion nickte und klemmte sich seinen Helm unter den Arm. „Mir wurde untersagt, vorher Bescheid zu geben“, sagte er und das Lispeln fiel Santras sofort auf.
      „Was ist passiert?“, fragte er gedämpfter nach und Misstrauen erschien in den grauen Augen.
      „Nichts“, wehrte er umgehend ab, „außer einem kleinen Zwischenfall mit einem Weingott.“
      Santras runzelte die Stirn, erwiderte jedoch nichts mehr, sondern legte seinen Arm um den jungen Hauptmann und klopfte ihm wohlwollend auf die Schulter. „Dann bring den Eviad doch mal heran. Aber ohne 20 Soldaten, wenn möglich.“

      Zoras ließ sich auf fünf Soldaten plus Zavion herunterhandeln. Die Cortege umhüllte den Mann, der in prunkvollen Gewändern aus Gold und Türkis gehüllt war. Dass Zoras diese Farbe in Absprache mit Kassandra gewählt hatte, war Santras unlängst klar gewesen. Dennoch war diese Farbe an dem Mann wie ein rotes Tuch für seine Augen.
      Santras kniete nicht vor dem Eviad – er hatte noch vor keinem Menschen das Knie gebeugt – aber senkte entsprechend den Blick, bis sie sich hinter verschlossener Tür des Anwesens befanden. Der Stadtherr wies den Weg in jenes Zimmer, welches Zoras bereits damals mit ihm aufgesucht hatte, doch sehr zu seiner Enttäuschung war der Raum bis auf zwei Bedienstete vollkommen leer. Keine Kassandra weit und breit zu sehen.
      Santras deutete auf einen Stuhl und wartete, bis sich der Eviad gesetzt hatte, ehe er sich selbst setzte. Zavion verfiel in einen leisen Plausch mit den beiden Bediensteten, die er noch von seiner Zeit in Paspatera kannte und wirkte mächtig stolz auf sich selbst. Santras winkte den Tee heran, den er sich und dem Eviad ausschenken ließ.
      „Einen Tag vorher erst bekannt zu geben, dass Ihr vorhabt, Paspatera mit Eurer Anwesenheit zu beehren ist recht kurzfristig. Verzeiht mir, wenn wir innerhalb der kurzen Zeit keinen angemessenen Empfang einrichten konnten“, sagte Santras und gab etwas goldgelben Honig in seinen Tee. „Demnach hatte auch Kassandra nicht unbedingt viel Zeit, sich auf ein Wiedersehen mit Euch vorzubereiten. Ich hoffe, Ihr seht es ihr nicht nach, dass sie nicht zu uns gestoßen ist.“
      Mit einem leisen Klicken legte er den Teelöffel ab und faltete seine Hände auf der Tischplatte. Sein Blick begegnete unverhohlen dem des Eviads, der unter seiner Fassade müde wirkte. Die Augen waren rot und passten nicht zu dem ebenmäßigen Teint seiner Haut. Beim letzten Mal hatte sich Zoras keine Mühe gemacht, sein Äußeres zu verändern, nun allerdings schon. Ein Zeichen der Reue?
      „Ich muss zugeben, ich war sehr überrascht über Kassandras Erscheinen. Noch überraschter war ich über das, was sie mir erzählt hat. Ich bin sehr gespannt, Eure Variante der Geschichte zu hören. Schließlich dürften den Worten des Akteurs mehr Wahrheiten innewohnen, findet ihr nicht?“
      Es klang nach außen hin einfach nur interessiert, aber findigen Ohren hörten eine gewisse Schärfe aus Santras‘ Worten heraus. Es war keine Drohung, aber eine Brisanz ließ sich da schwer überhören.
    • Die meisten Wagen blieben zurück, aber nur ein Drittel der Eskorte blieb bei ihnen, während der Rest den letzten, prunkvollsten Wagen begleitete. Der wurde in einer Allee aus gesäumten Soldaten bis zu Santras' Anwesen gelotst, wo der Kutscher augenblicklich absprang, nach hinten eilte und die Tür öffnete. Zoras trat heraus, stattlich und würdevoll, den Rücken durchgestreckt, die Haltung tadellos. Seine Miene war neutral, als er sich zu dem Anwesen umdrehte und darauf wartete, dass seine Garde ihn umringt hatte. Seine Stimmung war alles andere als neutral.
      Zavion war bereits nach vorne zu Santras gelaufen, drehte sich aber um und salutierte, als Zoras heran geschritten kam. Der hatte nur Augen für den Stadtherrn.
      Santras hatte sich seit dem Jahr ihrer Bekanntschaft kaum verändert. Er hatte noch immer scharfe Augen und ein ruhiges Gemüt, das ihm auch jetzt zu gute kam. Neben Santras war Zoras quasi wie neugeboren.
      Er sank vor Zoras nicht auf die Knie, wie der es fest erwartet hatte. Ob nun Santras an die Prophezeiung glaubte oder nicht war gänzlich irrelevant, wenn er den mächtigsten Mann des Landes vor sich stehen hatte. Umso dreister war es, nur den Blick zu senken, als wären sie fast ebenbürtig. Normalerweise hätte Zoras sich niemals an Kleinigkeiten wie diesen aufgehalten, aber jetzt störte es ihn. Massiv. Nur weil Kassandra hier war, hieß das nicht, dass Santras sich derartige Vergehen erlauben durfte.
      Er schürzte die Lippen, sprach es aber nicht an. Er war wegen Kassandra gekommen, nicht um seinen Frust an Santras auszulassen.
      "Seid gegrüßt."
      Der Mann führte ihn nach innen und von dort in dasselbe Zimmer, das er auch schon vor einem Jahr besucht hatte. Unwillkürlich ließ Zoras den Blick durch den Gang und auch durch das Zimmer werfen, aber von Kassandra war keine Spur. Seiner aufkeimenden Nervosität schloss sich eine erste, bittere Enttäuschung an.
      Seine Gardisten verteilten sich durch den Raum und Zoras ließ sich auf demselben Stuhl nieder, auf dem er auch vor einem Jahr schon gesessen hatte, allerdings ohne die ganzen Gewänder, die er jetzt unter seinen Beinen faltete. Santras hatte draußen bereits den Blick über den frischen Eviad schweifen gelassen, sah ihn aber jetzt nicht noch einmal so gründlich an. Das Türkis seiner Tracht biss sich fast mit den sonst so sanften Farben der Einrichtung.
      "Einen Tag vorher erst bekannt zu geben, dass Ihr vorhabt, Paspatera mit Eurer Anwesenheit zu beehren ist recht kurzfristig. Verzeiht mir, wenn wir innerhalb der kurzen Zeit keinen angemessenen Empfang einrichten konnten."
      Ganz der pflichtbewusste, treue Würdenträger. Zoras las natürlich den eigentlichen Vorwurf heraus, seinen Reiseplan verschwiegen zu haben. Sie beide wussten aber, wieso.
      "Demnach hatte auch Kassandra nicht unbedingt viel Zeit, sich auf ein Wiedersehen mit Euch vorzubereiten. Ich hoffe, Ihr seht es ihr nicht nach, dass sie nicht zu uns gestoßen ist."
      Nein. Nein, das tat er nicht.
      "Hat sie Euch das mitgeteilt? Oder entspricht das eher Eurer Einschätzung?"
      Zoras' Worte waren kühl und Santras' Blick änderte sich entsprechend. Vielleicht hatte er gedacht, Zoras würde sich mit seinem Auftreten hinter Höflichkeiten zu verstecken versuchen. Aber Zoras hatte schon mehrfach mitbekommen, dass ein Mann sich über Kassandras Willen hinwegzusetzen versucht hatte und brachte keinerlei Verständnis dafür auf, wenn Santras es versuchen sollte. Kassandra war eine freie Göttin und sogar nicht gebunden, sie war wohl selbst in der Lage, ihre Meinung kundzutun.
      Santras nahm die veränderte Stimmung auf und gab sie sogleich zurück. Sein Blick legte sich direkt auf Zoras, der ihm offen begegnete.
      "Ich muss zugeben, ich war sehr überrascht über Kassandras Erscheinen. Noch überraschter war ich über das, was sie mir erzählt hat. Ich bin sehr gespannt, Eure Variante der Geschichte zu hören. Schließlich dürften den Worten des Akteurs mehr Wahrheiten innewohnen, findet ihr nicht?"
      Des Akteurs. Zoras hätte ihm bei diesen Worten am liebsten befohlen zu schweigen. Er hatte schon vermutet, dass Kassandra Santras in das Geschehen eingeweiht hatte, aber jetzt zu spüren, was der andere Mann davon hielt, das machte die Sache nicht einfacher. Er hatte nicht das Bedürfnis, sich vor dem Mann zu rechtfertigen, wenn er doch gar nicht wegen ihm gekommen war.
      "Mit Verlaub, Santras."
      Er schob die unangerührte Teetasse von sich.
      "Ich bin nicht gekommen für einen, sicher sehr netten, Plausch mit Euch. Wenn Ihr Interesse an der Wahrheit habt, so muss ich Euch enttäuschen. Meine Worte sind für Kassandras Ohren bestimmt und für niemandes sonst. Wenn sie sie nicht hören möchte, so bitte ich sie darum, es mir persönlich zu sagen. Nichtsdestotrotz bedanke ich mich für die großzügige Gastfreundschaft, die ihr der Göttin entgegen gebracht habt und bin mir sicher, dass sie bei Euch in guten Händen war. Wärt Ihr jetzt so freundlich mir zu sagen, ob sie sich auf dem Gelände befindet, damit ich sie aufsuchen kann?"
    • „Hat sie Euch das mitgeteilt? Oder entsprich das eher Eurer Einschätzung?“
      Der Ausdruck in Satras‘ Augen wandelte sich, wurde eine Nuance schärfer, berechnender. „Ich besitze nicht das Recht, Anmaßungen über eine Göttin kundzutun. Genauso wenig wie Ihr. Ihr mögt den Titel des Eviads halten, auf eine Stufe mit den Göttern stellt es Euch dennoch nicht.“
      Zu jeder Sekunde war sich Santras bewusst, dass Kassandra diese Unterhaltung mitanhören konnte. Er spürte ihre Anwesenheit wie einen warmen Windzug auf seiner Haut, selbst durch Wände und Kleider hindurch. Er konnte zwar nicht sagen, in welchem Gemütszustand sie sich befand, aber er würde ihr keinen Grund geben, in Missgunst zu verfallen. Das war der Grund, warum er Zoras auf das Geschehen ansprach, welches erst dazu geführt hatte, dass Kassandra in Paspatera erschienen war.
      Auch hier war die Wortwahl Santras‘ Schwert gewesen. Und wie erwartet verfehlte es sein Ziel nicht und schnitt durch die Rüstung, als sei sie Papier. In Zoras‘ Zügen mischte sich eine Spannung, die äußeren Winkel seiner Augen warfen ein paar mehr Falten und ihm fiel auf, dass der Mann langsam ungehalten wurde. Zoras schätzte die Bezeichnung nicht und hielt es nicht besonders gut versteckt.
      „Mit Verlaub, Santras.“
      Zoras schob die Tasse von sich, unangerührt. Ein Anzeichen dafür, dass er sich von dieser Situation und Santras selbst längst abgekapselt hatte. Die grauen Augen verfolgten, wie das Geschirr fortgeschoben wurde, ehe sie sich wieder auf die dunklen Augen des Eviads fixierten. Santras selbst blieb regungslos und gab keinen Hinweis mittels seiner Körpersprache darauf, was er dachte. Ihm wurde jetzt bewusst, dass Zoras damals nur so reserviert ihm gegenüber war, weil Kassandra es gewünscht hatte und er keine Macht hielt. Nun spürte der Stadtherr, wie sehr der Eviad darum kämpfte, eben jene Macht nicht einfach einzusetzen und den anderen Mann dazu zu zwingen, ihm seinen Willen zu geben. Genau das war der Grund, warum Santras nie nach mehr gestrebt hatte. Er wollte nie auch nur in die Versuchung kommen, Macht zu besitzen, um andere maßgeblich damit zu manipulieren.
      Folglich war Santras Stimme merklich unterkühlt, als er antwortete: „Ihr seid anmaßend gegenüber der Göttin. Ihr erwartet, dass sie Euch gegenübertritt, damit sie Euch sagen kann, Euch nicht anhören zu wollen? Wisst Ihr eigentlich, wie das mit den Göttern überhaupt funktioniert? Sie zeigen sich nicht, wenn sie nicht gesehen werden wollen. Sie schweigen, wenn sie nicht gehört werden wollen. Und dennoch lauschen sie zu jederzeit den Worten der Sterblichen, die für sie wie ein leises Flüstern im großen Ganzen sind.“ Subtil zogen sich nun seine Augenbrauen zusammen, stimmten ihn eindringlicher. „Sie ist bei mir aus freiem Willen erschienen und hat sich den Platz hier zu Eigen gemacht. Ich habe ihr diesen Ort nicht angeboten, sie hat ihn sich genommen. Was auch immer sie in der Nacht gesehen hat, bevor sie hier erschien, hat sie tiefergehend verändert. Sie hat die ersten Tage nicht einmal mit mir gesprochen, Zoras. Könnt Ihr Euch das vorstellen?“
      Betont gelassen stellte er seine eigene Tasse auf den dazugehörigen Unterteller und lehnte sich zurück. „Würde Kassandra wirklich so sehr darauf brennen, Eure Worte zu hören, wäre sie dann nicht längst hier? Was glaubt Ihr? Ihr denkt, Ihr besitzt Rechte bei ihr wegen eurer gemeinsamen Geschichte. Aber wie kann es sein, dass Ihr fragen müsst, wo sie ist, wenn ich sie jederzeit spüren kann? Ich fühle ihre Anwesenheit, ganz offensichtlich im Gegensatz zu Euch. Haltet Ihr das auch für eine ausgeklügelte Taktik? Sie ist eine Göttin, Zoras. Niemand von uns kann ihr Handeln und ihren Willen mehr beeinflussen. Ich kann sie Euch deswegen auch nicht vorenthalten, aber vielleicht solltet Ihr doch einmal erzählen, was dort vorgefallen war. Sie wird es hören, selbst wenn Ihr sie nicht seht.“
      Das war das höchste der Gefühle, was Santras für Zoras erübrigen konnte.
    • "Ihr seid anmaßend gegenüber der Göttin. Ihr erwartet, dass sie Euch gegenübertritt, damit sie Euch sagen kann, Euch nicht anhören zu wollen? Wisst Ihr eigentlich, wie das mit den Göttern überhaupt funktioniert?"
      Zoras hatte bei dieser Provokation kaum die Willenskraft, sich am Rahmen zu halten. Santras fragte ihn, ob er wisse, wie das mit den Göttern funktionierte? Wusste der Mann, wen er dort vor sich sitzen hatte?
      "Sie zeigen sich nicht, wenn sie nicht gesehen werden wollen. Sie schweigen, wenn sie nicht gehört werden wollen. Und dennoch lauschen sie zu jederzeit den Worten der Sterblichen, die für sie wie ein leises Flüstern im großen Ganzen sind."
      "Ihr missversteht mich. Es ist nicht das Verlangen nach Kassandras Antwort, sondern mein Misstrauen gegenüber Euch. Die Götter mögen schweigen, wenn sie nicht gehört werden wollen, aber die Menschen reden umso lauter, wenn sie eigentlich schweigen sollten. Ich kenne Menschen, die das Schweigen nutzen wollten", er musste dabei nur an den Jäger Caphalor denken, "und es fällt mir ausgesprochen schwer, Euch nicht als einen jenen zu sehen. Deswegen: Ja. Ich möchte den Willen der Göttin auch aus dem Mund eines Gottes hören und nicht aus dem eines Menschen."
      Santras' Blick verdunkelte sich nur noch und Zoras' ebenfalls. Er würde nicht klein beigeben, nicht jetzt. Nicht, wenn er so kurz davor stand, endlich vor Kassandra treten zu können.
      "Sie ist bei mir aus freiem Willen erschienen und hat sich den Platz hier zu Eigen gemacht. Ich habe ihr diesen Ort nicht angeboten, sie hat ihn sich genommen. Was auch immer sie in der Nacht gesehen hat, bevor sie hier erschien, hat sie tiefergehend verändert."
      Moment - was? Es hatte sie verändert? Etwas derart... fast schon belangloses?
      Oder waren das nur die Worte von Santras?
      "Sie hat die ersten Tage nicht einmal mit mir gesprochen, Zoras. Könnt Ihr Euch das vorstellen?"
      Das konnte er tatsächlich und es bereitete ihm einen kalten Schauer, der ihm über den Rücken lief. Sofort dachte er an die Vision, die Areti ihm damals in Asvoß gezeigt hatte; Kassandra unbewegt vor dem Fenster, den ganzen Tag, jeden Tag. Damals war sie von ihrer Essenz noch gehalten worden, aber jetzt war sie vollständig frei. Und doch zog sie sich zurück, so wie damals, und legte ein Verhalten an den Tag - so wie damals. Vielleicht nicht gar so ausgeprägt, aber immerhin ging es hier auch nicht um Kassandras Entführung, sondern um Zoras' Vergewaltigung.
      Oder was auch immer sie darin gesehen hatte. Es musste doch trotzdem Welten voneinander entfernt sein. Oder?
      "Ja. Das kann ich."
      Santras musterte ihn für einen Augenblick, dann lehnte er sich zurück, ganz so, als würden sie immernoch ein angenehmes Gespräch führen.
      "Würde Kassandra wirklich so sehr darauf brennen, Eure Worte zu hören, wäre sie dann nicht längst hier?"
      Leider war das eine Frage, die Zoras bisher zu verdrängen versucht hatte, denn er kannte die Antwort darauf. Kassandra musste wissen, dass er hier war - wenn sie selbst noch hier war - und es wäre ihr ein leichtes gewesen, einfach in diesem Zimmer auf ihn zu warten. Oder sich zumindest zu zeigen. Oder... irgendetwas zu machen.
      Stattdessen blieb sie weg, Minuten, vielleicht auch Stunden. Vielleicht würde sie sich gar nicht zeigen. Und dann? Würde das ihre Antwort an ihn sein? Ihr endgültiges Urteil?
      Zoras versuchte, die Kälte in seinem Inneren von diesem Gedanken zu ignorieren.
      "Ihr denkt, Ihr besitzt Rechte bei ihr wegen eurer gemeinsamen Geschichte. Aber wie kann es sein, dass Ihr fragen müsst, wo sie ist, wenn ich sie jederzeit spüren kann?"
      Was? Das konnte nicht sein. Zoras musste sich verhört haben. Er musste.
      "Ich fühle ihre Anwesenheit, ganz offensichtlich im Gegensatz zu Euch."
      Zoras erstarrte.
      Das war sicher eine Lüge, nur eine Lüge. Santras wusste aus der Erinnerung von Shukran, wie sich Kassandras Gegenwart anfühlte, und nutzte das jetzt, um Zoras aus dem Gleichgewicht zu sein. Es musste eine Lüge sein.
      Und wenn es das nicht war? Wenn Santras ihre Präsenz fühlen konnte, aber sie Zoras aktiv ausgeschlossen hatte? Wenn sie ihm verwährte, auch nur an dem Wissen teilzuhaben, dass sie in der Nähe war?
      Kassandra.
      Natürlich antwortete sie nicht, es war auch nur ein dummer Gedanke. Aber wenn das jetzt die neue Realität sein sollte? Eine Welt für Zoras, ganz ohne Kassandra? Nichtmal mit dem Wissen um ihre Anwesenheit?
      Zoras schluckte. Seine Verzweiflung überragte jetzt den Zorn auf Santras und er konnte sich nur mit Mühe und Not davor bewahren, lautstark nach der Phönixin zu verlangen. Sie würde nicht kommen, wenn er sie rief. Nie wieder?
      "Haltet Ihr das auch für eine ausgeklügelte Taktik? Sie ist eine Göttin, Zoras. Niemand von uns kann ihr Handeln und ihren Willen mehr beeinflussen. Ich kann sie Euch deswegen auch nicht vorenthalten, aber vielleicht solltet Ihr doch einmal erzählen, was dort vorgefallen war. Sie wird es hören, selbst wenn Ihr sie nicht seht."
      Zoras fixierte Santras starr. Es könnte natürlich auch alles ein ausgehecktes Kalkül des Mannes sein, um dem Eviad ein Geständnis zu entlocken. Aber er sprach die Wahrheit: Wenn Kassandra wirklich nicht mit ihm reden wollte, würde sie auch nicht kommen. Und solange Santras ihre Anwesenheit spürte - was hoffentlich keine Lüge war, nachdem das implizierte, dass die Phönixin nicht weit entfernt war - war Zoras' beste Hoffnung, dass sie ihn hören würde. Und seine noch bessere, dass sie ihm glauben würde.
      Natürlich hatte er sich im Vorhinein schon hunderte Male überlegt, was er zu ihr sagen wollte, aber kein einziges Mal hatte er gedacht, dass er vor Santras eine Art Geständnis abliefern würde. Das machte die ganze Sache wesentlich komplizierter, denn Kassandra kannte ihn und sein Wesen, seine Schatten, alles, was ihn ausmachte; Santras hingegen gehörte zu jenen, die nur den Eviad vor sich hatten. Eine falsche Information an dem falschen Ort und es könnte Zoras die Position kosten, die er sich mit so viel Blut und Schweiß erst erkämpft hatte. Santras war niemand, der zu viel wissen durfte.
      Aber Zoras musste es wagen. Wenn er wählen müsste zwischen seiner Herrschaft und Kassandra, war es wohl keine Frage, welche Entscheidung er treffen würde.
      "Raus."
      Er sah Santras weiter an, aber die anwesenden Gardisten gehorchten seinem scharfen Tonfall aufs Wort. Zehn Sekunden, dann schloss sich die Tür hinter dem letzten und ließ die beiden Männer alleine in einem Raum zurück.
      "Ich wurde vergiftet."
      Zoras sah den Mann direkt an. Er versuchte jetzt, die aufquellende Verzweiflung hinter einer harten Maske zu verstecken.
      "Ich war unwissend über göttlichen Wein und den Effekt - den direkten Effekt - den er auf Menschen ausüben kann, aber Unwissenheit schützt nicht vor Fehlern. Der Wein, den ich an dem Abend getrunken habe, hat drei verschiedene... hat drei Dinge angenommen: Rauchig, zitronig, dann bitter. Ich war unter dem Irrglauben, dass Dionysus seinen Wein nicht einzeln zu manipulieren weiß. Es erschien mir unmöglich.
      Kassandra hatte den Raum verlassen, kurz bevor es geschah. Ich hatte Dionysus darauf hingewiesen, dass mir sein Wein nicht schmeckte, als mir... komisch wurde. Ich kann es nur beschreiben als..."
      Verflucht seien seine Sprachlücken! Aber Zoras hatte jetzt nicht die Muße, sich Umschreibungen auszudenken. Kassandra war es, für die seine Erklärung gelten sollte und sie verstand sehr wohl therissisch.
      "Trunkenheit. Dabei habe ich in Maßen getrunken, Kassandra weiß es zu bezeugen. Es kam zu schnell, alsdass ich wirklich betrunken hätte sein können.
      Ich habe nicht sehr viel von meiner Umgebung mitbekommen. Ich erinnere mich an einen Körper auf mir, der sich später als die Nymphe herausstellen sollte. Ich erinnere mich, an Kassandra gedacht zu haben, weil sie sagte, ich solle sie jederzeit rufen, wenn etwas passiert. Ich habe sie gerufen. Ich habe auch gegen die Göttin angedrückt, aber Ihr könnt Euch vorstellen, dass das vergeudete Mühe ist. Ich habe mich gewehrt, bis Kassandra mich mit ihrer Ankunft vom Stuhl geworfen hat. Oronia ebenfalls."
      Zoras sah Santras mit versteinerter Miene an.
      "Ich habe nichts davon gewollt. Ich würde nicht im Traum an eine andere Frau denken, wenn Kassandra mein Herz gehört. Ich war ein Spielstein für Dionysus' Unterhaltung und er hat das Finale bekommen, das er sich ausgemalt hat. Alles andere war Sorglosigkeit und Nachlässigkeit, für die ich nicht verziehen werden will. Ich lerne aus meinen Fehlern und ich habe gelernt. Was auch immer Kassandra bei ihrem Eintreten gedacht haben muss - es stimmt nicht. Es war so konstruiert worden und ich war machtlos dagegen."
    • „Raus.“
      Es war ein kleines, mächtiges Wort, das der Eviad nutzte, um seine Kooperation zu zeigen. Sofort setzten sich seine Soldaten in Bewegung, selbst Zavion wich aus dem Raum, und nur Santras saß eisern an seiner Position und hielt dem Blick stand, der sich in seinen bohrte.
      „Ich wurde vergiftet.“
      Aha. Das war also die Ausrede, die der Eviad wählte. Die einfachste und plausibelste Lösung für ein Malheur, das ihm angehaftet wurde. Santras war sich nicht sicher, ob er es damit schon abgetan haben sollte. Alles in ihm sträubte sich dagegen, diese Erklärung zu akzeptieren. Kein Gift der Welt hätte schließlich dafür sorgen können, dass er etwas tat, was seine Phönixin so verletzen konnte. So wie auch Zavion hätte er seine Tribute gezahlt, um dem Druck entgegenwirken zu können.
      Dann führte Zoras seine Erklärung weiter aus und Santras konnte nicht anders, als eine Spur Verachtung in seine grauen Augen zu legen. Mit Sicherheit hatte Kassandra ihn gewarnt, welche Gefahren den Weingott umgaben. Mit Sicherheit hatte sie alle Sicherheitsnetze gesponnen, um Unheil zu vermeiden. Dass es am Ende alles nichts gebracht hatte, lag einzig und allein an dem Menschen ihm gegenüber. Verzweiflung mischte sich in Zoras‘ Worte, aber das schien daran zu liegen, dass ihm noch immer Worte fehlten, um sie ordentlich auf kuluarisch zu übersetzen. Er nannte sie auf therissisch, was Santras logischerweise nicht verstand, aber er konnte sich den Zusammenhang in etwa erklären. Kein einziges Mal unterbrach Santras den Eviad, denn er fürchtete, vielleicht doch Kassandras Zorn auf sich zu ziehen, wenn er es tat. Schließlich war das hier das erste Statement von ihm selbst und nicht in Worte verfasst und auf Papier verschickt.
      Als Zoras endete, verlagerte Santras sein Gewicht und hob die Stimme an: „Was glaubt Ihr eigentlich, wieso das alles so –„
      Santras‘ Mund bewegte sich weiter, doch kein Laut kam heraus. Überraschung flutete sein Gesicht und wich dann offener Bestürzung, als er mit den Fingern seine Lippen und seinen Hals berührte. Unverständnis seinerseits lag in der Luft, ehe sich seine Miene erst aufhellte, und dann in bodenlose Finsternis abfiel. Der Mann sackte in seinen Stuhl zurück und betrachtete Zoras das erste Mal ganz offen mit einem Blick, der mehr als nur klar machte, dass er die Anwesenheit des Mannes ganz und gar nicht wertschätzte. Sein Mund klappte zu und er überließ seinen Augen die Kommunikation.
      Die Kälte in Zoras‘ Körper schwand. Ganz langsam, so als würde sie zu seinen Füßen aus ihm herausfließen, schwand die Kälte. Abgelöst wurde sie von einer dezenten Wärme, nichts Allumfassendes, aber sie war da, sie war bekannt. Sie legte sich nicht wie ein Mantel um seine Schultern, sondern umspülte ihn eher wie eine Welle. Das war ohne Zweifel Kassandras Einfluss, und als er das realisierte, schnappte der Eviad nach Luft. Die Wärme schien sich in eine Richtung zu ballen, vorn an seiner Brust, und wies ihm einen Weg direkt an Santras vorbei nach hinten. Dort, wo die großen Fenster waren und sich dahinter ein Garten zu erstrecken schien.
      Resignation lag in Santras‘ Gesicht, als er eine wegwerfende Bewegung machte und in den Garten hinter sich zeigte. Schon ab diesem Augenblick hielt es den Eviad nicht mehr auf seinem Platz. Kassandra hatte ihm nicht nur bewiesen, dass sie anwesend war, sondern bedeutete ihm auch, wo sie war. Zavion begleitete ihn heraus und führte ihn in die Gärten, wobei sie einen sichtlich erregten Santras zurückließen. Ungehalten ballte der Mann seine Hände zu Fäusten. Der Frust war deutlich in seinem Gesicht abzulesen.

      Zoras kam in den üppigen Garten, verfolgt von Zavion und seinen Männern. Der junge Hauptmann hielt die Soldaten eigenhändig zurück und pochte auf ein gewisses Maß an Privatsphäre. Außerdem wollten sie auch wohl keine Göttin verärgern, und so bezogen sie in der angemessenen Entfernung ihre Stellung.
      Zoras entdeckte Kassandra in den blühenden Büschen. Sie trug nur ein leichtes Gewand, das sich wie ein großes, seidenes Tuch um ihren Körper wand und am Nacken zusammengehalten wurde. Ihre schwarzen Haare hingen nicht herab, sondern waren hochgesteckt und mit einer hübschen Spange dort gehalten. Sie saß auf dem Boden, übersät mit Schmetterlingen und völlig reglos, so als hätte sie nicht realisiert, dass Zoras sie gefunden hatte. Sie atmete nicht, noch blinzelte sie. Eine lebensechte Statue.
      Als er einen weiteren Schritt auf sie zu machte, änderte sich etwas an ihr. Sie neigte den Kopf ein wenig und ihre roten Augen richteten sich auf den Mann, der sofort wie angewurzelt stehen blieb. Sie drückte ihn weder nieder, noch warnte sie ihn mittels ihrer Präsenz. Alles, was sie tat, war den Mann ungewöhnlich belanglos anzusehen. Ohne ein einziges Wort zu reden.
    • Während Zoras' Erzählung zeigte Santras keinen Augenblick Verständnis. Wie könnte er auch Verständnis haben? Was auch immer Kassandra ihm erzählt hatte, sie hatte ihm wohl kaum von den letzten Monaten berichtet und sie konnte ihm noch weniger das Bild vermitteln, wie es war, als Eviad im Palast zu leben. Sie hatte ihm nicht zeigen können, mit welcher Schadenfreude Dionysus seine Umgebung manipulierte und mit welch göttlichem Geschick er dabei vorging. Santras hatte keine Ahnung wie es war, mit dem Weingott unter einem Dach zu leben. Entsprechend konnte er nicht verstehen, dass es sich nicht rein um Nachlässigkeit handelte.
      Zoras erzählte trotzdem. Auch wenn Kassandra womöglich nicht zuhörte, lag doch trotzdem keine Lüge in seinen Worten. Es entsprach völlig der Wahrheit, auch wenn er sie für den Mann abzudämpfen versuchte.
      Als er endete, lag schon nichts mehr anderes als Verachtung in den Augen seines Gegenüber. Santras hatte sich wohl dazu entschieden, seine Zurückhaltung fallen zu lassen.
      "Was glaubt Ihr eigentlich, wieso das alles so –"
      Zoras hatte sich ganz darauf eingestellt, auf den Konflikt, der folgen würde, auf die Rechtfertigung, die er leisten würde müssen. Aber es kam gar nicht soweit. Santras sprach zwar weiter, aber... er sagte nichts?
      Dieselbe Verwirrung, die Zoras empfand, spiegelte sich jetzt auf dem Gesicht des Mannes wieder, als er sich an den Hals griff. Ein Moment folgte, dann lehnte Santras sich zurück und bedachte Zoras mit offenkundiger Abscheu. Der hatte noch nicht einmal recht begriffen, was nun vor sich ging, erwiderte den Blick aber mit derselben Schärfe. Was auch immer nun von dem anderen kommen würde, Zoras würde ihn ganz genau daran erinnern, wen er trotz allem hier vor sich sitzen hatte. Er mochte wegen Kassandra hier sein, aber das hieß nicht, dass Santras einfach so Grenzen überschreiten konnte.
      Aber dann fühlte er es, eine Wärme, so seicht, so dezent, dass sie kaum größer war als ein fernes Kaminfeuer. Ein leichter Hauch, der ihm durch den Körper schwappte.
      Doch er erkannte es sofort: Es war ihre Wärme. Kassandras Wärme. Bei tausend Feuern hätte er sie noch immer herausfiltern können, dieselbe tröstliche, leichte Berührung, dessen Geist er nun spürte. Es war kaum genug, um zu halten, geschweige denn an die Intensität zu kommen, die er sonst immer von ihr gespürt hatte, aber sie war da, füllte die Lücke, die Zoras in den vergangenen Wochen durch alles andere zu füllen versucht hatte. Sie war hier und nahm ihn wahr. Seine Augen weiteten sich und er holte einen tiefen Atemzug.
      Santras sah gar nicht glücklich darüber aus, aber Zoras hätte in diesem Augenblick nichts anderes interessieren können. Kassandra gestattete es ihm, ihre Anwesenheit zu fühlen.
      Mehr sogar, sein Kopf wanderte automatisch in die Richtung, aus der der Wärme zu dringen schien. Telandirs Narbe pochte dabei dumpf, aber das ignorierte er. Zoras war vermutlich noch niemals so schnell und ungestüm aufgesprungen.

      Er fand sie im Garten.
      Sie saß dort inmitten der Natur mit einer solchen Reglosigkeit, dass man sie gut für eine Statue hätte halten können. Nicht einmal ihre Haare rührten sich in der sanften Brise, die durch das Gebüsch streichelte. Sie saß so still, dass sich bereits Schmetterlinge auf ihr niedergelassen hatten.
      Sein Herz schlug ihm so schnell gegen die Brust, dass er es im ganzen Körper fühlen konnte. Hier war sie endlich, hier hatte er sie endlich gefunden. Kassandra. Alles in ihm schrie danach, sofort zu ihr zu gehen und sie in die Arme zu schließen, ihre Wärme zu spüren und über ihr dichtes Haar zu streichen. Er sehnte sich so sehr danach, nach ihr, dass es ihn zu zerreißen drohte.
      Aber als er noch einen Schritt auf sie zukam, als hätte sie seine Gedanken erraten, sah sie plötzlich auf. Ihr Blick - seltsam hohl, seltsam abweisend - richtete sich auf ihn und besann Zoras augenblicklich zur Vernunft.
      Das hier war nicht vorbei. Sie hatte sich ihm offenbart, sie hatte ihm ein wenig ihrer Wärme geschenkt, aber es war trotzdem nicht vorbei. Sie war es, bei der er sich entschuldigen musste, nicht Santras. Sie war es, die die Geschichte eigentlich interessierte.
      Zoras schluckte seinen aufkommenden Drang nach ihr hinab. Das hier hatte er sich auch anders vorgestellt, als er sich überlegt hatte, was er ihr sagen sollte. Es änderte aber nichts daran.
      "Darf ich mich setzen?"
      Ihre roten Augen lagen teilnahmslos auf ihm. Sie rührte sich nicht, antwortete nicht. Wäre sie keine Göttin, würde er sich nicht einmal sicher sein, ob sie ihn zur Kenntnis nahm.
      Er wollte noch einen Schritt auf sie zugehen, besann sich dann von neuem. Holte Luft. Wollte sich über das Gesicht fahren und tat es doch nicht. Zum Glück für sein Puder.
      "Es tut mir leid, Kassandra. Es tut mir so, so leid. Ich bereue jede einzelne Sekunde dieses abends und das zu jeder wachen Stunde. Ich war nachlässig und naiv, ich habe Wein getrunken, obwohl ich nach dem letzten Mal darauf hätte verzichten müssen, ich habe dem Frieden vertraut, wo ich es doch eigentlich besser hätte wissen müssen. Hast du gehört, was ich zu Santras gesagt habe? Es war der Wein, ich weiß es, wusste es von dem Moment an, als ich wieder nüchtern war. Es hätte alles nicht passieren dürfen."
      Er blinzelte.
      "Ich wollte es nicht, das musst du mir glauben. Keinen Moment davon. Es hat sich alles gedreht und war alles so verschwommen und verzerrt, es hat so lange gedauert, bis ich überhaupt wusste, was vor sich ging. Bis ich sie gespürt habe. Sie hat mich angefasst, meine nackte Haut, und ich habe gleich nach dir gerufen. Hast du es denn nicht gehört? Du sagtest, ich solle dich rufen, und das habe ich getan, ich habe es wirklich. Aber dann hat sie mich geküsst und..."
      Er schüttelte den Kopf.
      "Ich hätte sie auch mit tausend Mann nicht bewegen können. Sie hat mich festgehalten. Was hätte ich tun sollen? Was hätte ich tun können? Sie war überall und... ich wollte, dass es aufhört. Und das hat es auch, aber erst, als du gekommen bist."
      Jetzt rieb er sich doch zumindest über den Kopf. Die Erinnerung war mehr als nur unangenehm und zum ersten Mal war er sogar soetwas wie froh, sich nicht an die Details erinnern zu können. Es war schlimm genug an dem Gefühl festzuhalten, Kassandra gerufen zu haben, ohne dass sie darauf geantwortet zu hatte. Und dann war es sogar noch viel schlimmer, sie genau deswegen verloren zu haben.
      Er senkte den Kopf. Wollte sich setzen, blieb aber doch lieber stehen.
      "Ich bin hier, um für Verzeihung zu bitten für meine Schuld. Dionysus und Oronia können kaum für meine Nachlässigkeit verantwortlich gemacht werden. Ich hätte es gar nicht soweit kommen lassen und habe es dennoch getan. Was auch immer du denken musstest, als du uns gesehen hast: Es war das falsche Bild. Bitte glaube mir."
    • Augenscheinlich reagierte Kassandra auf rein gar nichts von dem, was Zoras ihr erzählte. So wie es Santras vorhin angedeutet hatte, konnte die Phönixin jedem Wort lauschen, welche sich in dem Anwesen zugetragen hatten. Sie musste den Tathergang nicht einmal hören, denn es gab nur die logische Schlussfolgerung, dass es wieder einmal Dionysus gewesen war. Wieder einmal war es seine perfide Art gewesen und wieder hatte Zoras diese Macht unterschätzt.
      Seine Entschuldigung war lebhaft und aufrecht. Kassandra müsste nicht einmal ihre Aura einsetzen, um sich zu vergewissern, dass er die Wahrheit sprach. Wieso sollte sie ihm das auch unterstellen? Immerhin wusste sie es ja besser. Sie wusste, dass nichts an diesem Abend in seinem Sinn gestanden hatte. Deswegen hatte sie auch die Nymphe pulverisiert und nicht ihn. Er sah sogar ein, wo der eigentliche Fehler gelegen hatte. Seine nicht vorhandene Vorsicht war der Fehler gewesen.
      Dann jedoch sagte Zoras einen einzigen Satz, der Kassandra wenigstens ein Augenblinzeln abrang.
      Hast du es denn nicht gehört?
      Das war der Punkt gewesen, weshalb sie am Ende spurlos verschwunden war. Sie hatte ihn nicht gehört. Erst, wo es fast schon zu spät war, hatte sie ihn ganz vage nur vernommen. Auch das war dem Wein zu verschulden, das wusste Kassandra, aber wäre Mirdole nicht gewesen, hätte sie vielleicht nicht so sehr die Ohren gespitzt. Hätte diesen Windzug, der sein Ruf gewesen war, überhört. Sie hatte ihm versichert, dass sie kommen würde, und war am Ende fast zu spät gewesen. Er hatte nach ihr gerufen, so wie damals im Kerker, und sie hatte seinen Ruf nicht erhört. Nicht schnell genug.
      Zoras rieb sich über den Kopf – eine Geste, die Kassandra von ihm nicht kannte. Üblicherweise fasste er sich an sein Kinn, aber niemals so über seinen Kopf. Da blinzelte sie ein weiteres Mal und musterte nun erstmals Zoras‘ Gesicht eingehend. Sofort fiel ihr auf, dass er Schminke benutzt hatte. Fein säuberlich war sie aufgetragen worden und das Puder hinterließ winzige Staubwölkchen in der Luft, die nur für Götteraugen sichtbar waren. Darunter musste sich ein gar grausiges Bild verstecken, wenn er es in Betracht zog, sein Äußeres so zu verändern. Immerhin hatte sie ihn doch in wesentlich schlimmeren Umständen gesehen. Wieso machte er sich dann jetzt die Mühe?
      „Was auch immer du denken musstest, als du uns gesehen hast: Es war das falsche Bild. Bitte glaub mir.“
      Es vergingen quälend lange Augenblicke der Stille, in der sich beide Parteien einfach nur ansahen. Dann öffneten sich Kassandras Lippen: „Setz dich.“
      Die Worte klangen nach einem Angebot, aber plötzlich lag ein tonnenschweres Gewicht auf Zoras‘ Schultern und drückte ihn umgehend in die Knie. Wie ein Streichholz klappte er zusammen, versank in dem Haufen an Stoff um ihn herum, bis er schließlich auf Augenhöhe mit der Phönixin war.
      „Ich nahm an, Dionysus hätte dich längst getötet, aber wie ich sehe, hast du dir einen neuen Schutzschild herangeholt“, sagte sie und spielte damit auf die Fetzen von Asterios‘ Aura an, nachdem Zoras ihm recht lang recht nah gewesen war. „Kluger Schachzug, wenn du dich weiter am Leben halten willst. Du hast die Hauptstadt verlassen; also hast du Dionysus unter Kontrolle bekommen?“
      Zoras umriss es ihr kurz, wie er den Weingott an die Leine gelegt bekommen hatte. Kassandra fühlte eine bittere Bestätigung bei dem Gedanken, dass es alles erst in rechte Bahnen lief, nachdem sie die Stadt verlassen hatte. Als wäre sie der Keil gewesen, der den Wagen davon abgehalten hatte, weiterzurollen.
      Kassandra wandte wieder den Blick von Zoras ab und den Büschen zu. Kleine Schmetterlinge in weiß, gelb und rot flatterten um die Büsche herum auf der Suche nach Nektar. Keiner von ihnen reichte an die Farbenpracht heran, mit der Kassandra zwischen dem Grün der Sträucher saß. „Ich glaube dir“, verkündete sie schließlich, doch es klang nachdenklich. „Ich habe die Nymphe ausgelöscht und nicht dich, weil sie die Schuld trug. Du warst fahrlässig und ich taub. Es gab keine andere Erklärung für das Geschehen als jene, die du soeben geliefert hast. Daher glaube ich dir. Ich wertschätze es, dass du mich dafür extra aufgesucht hast und entlasse dich wieder. Du hast sicherlich genug als Eviad zu erledigen, nicht wahr?“

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    • Kassandra ließ ihn warten und das so lange, dass Zoras beinahe der Versuchung heimfiel, sie doch noch anzuflehen. Dann aber öffnete sie den Mund und:
      "Setz dich."
      Zuerst war es ihre Stimme, die ein wenig zu neutral für seinen Geschmack klang, doch dann war es plötzlich ihre Präsenz, die ihn mit Leichtigkeit niederdrückte. Zoras riss die Augen vor Überraschung auf, doch weniger von der Plötzlichkeit der Situation, als vielmehr von der Tatsache, dass Kassandra überhaupt ihre Präsenz nutzte. Es schien so untypisch für sie. Es schien so untypisch, dass sie dachte, Zoras hätte ihren Worten nicht so oder so gleich Folge geleistet.
      Dann saß er auf dem Boden und richtete sich etwas zurecht, während sie schon weitersprach.
      „Ich nahm an, Dionysus hätte dich längst getötet, aber wie ich sehe, hast du dir einen neuen Schutzschild herangeholt."
      Das war richtig, aber - einen neuen Schutzschild? Ist das, was Kassandra sich für Zoras hielt? Für einen Schutzschild?
      "Esho hat mir geholfen. Es war ein... günstiger Zeitpunkt, als er und Asterios Dionysus zurückgeschlagen haben."
      Er verzichtete auf den Hinweis darauf, dass Dionysus es davor beinahe geschafft hätte. Kassandra musste immerhin selbst einige Informationen davon haben, wenn sie glaubte, Zoras sei durch ihn gestorben.
      ... Und trotzdem war sie noch hier? Sie hörte, dass Zoras umgebracht wurde und kam nicht einmal in die Hauptstadt, um sich dessen zu vergewissern?
      Telandirs Narbe fing an zu schmerzen und Zoras' Herz gleich mit dazu.
      "Kluger Schachzug, wenn du dich weiter am Leben halten willst. Du hast die Hauptstadt verlassen; also hast du Dionysus unter Kontrolle bekommen?"
      "Esho wird auf ihn acht geben, während ich weg bin. Aber es ist keine langfristige Lösung, fürchte ich. Dionysus wird sich kaum damit zufrieden geben, ein echter Champion zu sein und zu bleiben."
      Wieso fühlte sich diese Unterhaltung so... geschäftlich an? Wieso fühlte Zoras sich, als würde er Kassandra Bericht erstatten, als dass es darum ging, sie um Verzeihung zu bitten? Wieso war sie so... emotionslos?
      Kurz darauf wandte sie den Blick von ihm ab und gestattete ihm nur die Hälfte ihres Gesichts zu betrachten, als sie wieder sprach.
      "Ich glaube dir. Ich habe die Nymphe ausgelöscht und nicht dich, weil sie die Schuld trug. Du warst fahrlässig und ich taub. Es gab keine andere Erklärung für das Geschehen als jene, die du soeben geliefert hast. Daher glaube ich dir. Ich wertschätze es, dass du mich dafür extra aufgesucht hast und entlasse dich wieder. Du hast sicherlich genug als Eviad zu erledigen, nicht wahr?“
      Doch das war nicht, was er sich erhofft hatte. Nichtmal annähernd.
      Zoras spürte seine Hände kalt werden. Es war ein sonniger Tag, der langsam in den Abend überging, aber trotzdem war ihm so kalt wie nie. Kassandra sah ihn nicht noch einmal an. War das ihr letztes Wort? Ihre Antwort? Ihr Urteil? Ihn einfach wieder entlassen? Als wäre es nichts weiter als eine Audienz gewesen?
      "Ja, aber... ich hatte gehofft, dass du... ich dachte..."
      Er schluckte. Kassandra sagte nichts und seine Worte verklangen, als seien sie nie gehört worden.
      Er versuchte es noch einmal.
      "Ich liebe dich, Kassandra. Daran wird nichts ändern. Ich wünsche mir nichts sehnlicher, als dich wieder an meiner Seite zu haben; nicht, weil du etwa mein Schutzschild bist oder derartiges, sondern weil ich dich als Göttin bei mir wissen möchte. Als Person. Jeder Tag ohne dich ist ein vergeudeter Tag und jeden Augenblick verwende ich darauf, an dich zu denken. Ich liebe dich. Aber... aber wenn du hierbleiben möchtest..."
      Er schluckte wieder. Dabei ging es ihm noch nicht einmal um Santras.
      "Wisse, dass du mein Herz bei dir trägst, wo auch immer du hingehst. Darf... ich dir etwas schenken? Du musst es nicht annehmen."
      Sie sagte nichts dazu, als er in eine seiner Taschen griff und einen handgroßen Beutel hervorholte. Sie sagte auch nichts, als er den Inhalt heraus holte und ihr zwischen den Fingern haltend präsentierte.
      Einen kleinen, kunstvoll geschliffenen Kolibri aus Obsidian. Er war gerade groß genug um in die Handfläche zu passen, aber auch nicht viel mehr. Der schwarze Vogel hatte feine, gefiederte Flügel nach oben abstehen, als wäre er gerade dabei, sich in die Lüfte zu schwingen. Sein kleiner Kopf war nach oben gerichtet, seine Brust ganz aufgeplustert. In seinen Augen steckten winzige, schillernde Steinchen.
      Zoras hielt ihn unsicher vor, nicht ganz sicher, ob Kassandra ihn überhaupt wahrnehmen würde.
      "Du hattest deinen damals in Theriss verloren. Wenn ich könnte, würde ich dir meine Essenz zu Füßen legen, aber das liegt nicht in meiner Macht. Ich möchte aber, dass du weißt, dass du mein Herz trägst, wohin der Kolibri auch immer geht. Er ist dein, so wie ich es bin."
      In seiner Vorstellung hatte Zoras den kleinen Vogel leicht feierlich übergeben, jetzt traute er sich nicht, noch näher zu Kassandra zu rutschen, geschweige denn ihn in ihre Handfläche zu legen. Stattdessen setzte er ihn vor sich im Gras ab, wo er wirkte wie in der Bewegung erstarrt.
      "Ich werde noch eine Nacht bleiben, wenn du deine Meinung ändern solltest. Es würde mich nichts glücklicher machen, als dich zurück zu wissen..."
    • Völlig unbeeindruckt beobachtete Kassandra weiterhin die zahllosen Schmetterlinge, die sich ihres kurzen Lebens erfreuten und dem straffen Zeitplan eben jenem nachkamen. Zoras stotterte und war offensichtlich überrascht über die Art, wie die Phönixin ihn beinahe abfrühstückte. Er benötigte einen zweiten Anlauf, um seinen Punkt rüberzubringen.
      Zoras liebte sie. Daran führte kein Weg vorbei und dessen war sie sich im vollsten bewusst. Er sagte es mit solch einem Nachdruck, dass sie ihm glaubte, wie er täglich an sie gedacht haben mochte und ihre Anwesenheit herbeigewünscht hatte. Dass sie endlich wieder bei ihm war, ihm Halt gab und seine Einsamkeit linderte, denn unter der litt er zweifellos. Seitdem er aus Theriss abgeführt wurde, war Einsamkeit ein ständiger Begleiter, der nur durch die Phönixin endgültig besiegt worden war.
      „Aber wenn du hierbleiben möchtest…“
      Wollte Kassandra denn hierbleiben? Sie hätte auch weiter in der Luft verbleiben können, losgelöst von der Erde als unsichtbares Nichts. Nur hätte das niemals die Ewigkeit füllen können. Deswegen kam sie hierher, weil Santras die letzte Verbindung war, die sie ansonsten zur Erde und den Menschen gehabt hatte. Sie wusste, dass er sie auf Händen tragen würde und hatte gehofft, dass er auch ihre Einsamkeit lindern könnte. Denn das machte die Göttlichkeit mit einem: einsam werden.
      Das war alles, weshalb sie hier in Paspatera blieb. Das Echo einer Erinnerung hatte sie hierhergetragen, aber nicht der Wunsch, ihre Zeit mit Santras zu verbringen. Sie hatte ihn ziehen lassen, sich von ihm freigesagt und eigentlich war das, was sie jetzt gerade hier betrieb, nur Folter für den Mann.
      „Wisse, dass du mein Herz bei dir trägst, wo auch immer du hingest.“ Zoras sagte das mit solch einer Endgültigkeit, dass sich etwas in Kassandra zusammenzog. „Darf… ich dir etwas schenken? Du musst es nicht annehmen.“
      Er wollte ihr etwas darbieten? Welcher Gott sagte einem Opfer denn schon ab? Kassandra ließ die Schmetterlinge Schmetterlinge sein und drehte ihren Körper halb dem Mann zu, der in seine Tasche griff und einen Beutel ans Licht beförderte. Der kleine Beutel war aus Samt genäht worden und war an den Nähten schon etwas abgerieben. Er musste den Beutel nicht erst seit Kurzem mit sich führen. Was er sich dann allerdings mit den Fingern heraus fischte und dem Licht er Sonne präsentierte, gewann schließlich ihre vollständige Aufmerksamkeit.
      Zoras hielt einen pechschwarzen Kolibri in den Händen. Er schluckte das Licht und brach es an anderer Stelle wieder, wodurch Kassandra bemerkte, dass es kein regulärer Stein sein konnte. Die Facetten waren kunstvoll geschliffen und er wirkte beinahe ein wenig transparent. Das war kein Turmalin oder Onyx, dafür war er nicht satt genug. Grüne und graue Schlieren zogen sich durch das Stück und Kassandra erkannte, dass es Obsidian sein musste. Vulkanglas, geschmolzen und befeuert von der größten und innigsten Hitze, die dieser Planet zur Verfügung hatte. In den Augenhöhlen glänzten etliche kleine, rote Steine, aber eine Kette oder ähnliches fand sich nicht.
      Zoras hätte ihr alles angeboten. Sein Selbst, sein Leben, buchstäbliches alles. In seiner Hilflosigkeit wählte er das einzige Sinnbild, das bei Kassandra jemals einen so tiefgreifenden Eindruck hinterlassen hatte, dass sie nicht anders konnte, als die Gleichgültigkeit aus ihrem Gesicht bröckeln zu lassen. Unsicher, wie er nun verfahren sollte, legte er den Vogel im Gras ab und sah dann unschlüssig zu der Göttin.
      „Ich werde noch eine Nacht bleiben, wenn du deine Meinung ändern solltest. Es würde mich nichts glücklicher machen, als dich zurück zu wissen…“
      Schlagartig fühlte sich Kassandra an Dionysus erinnert. Seine Worte hallten in ihrem Geist wieder, als sie spürte, wie sich ein Teil ihrer Selbst emporkämpfte und das zu durchbrechen suchte, was Dionysus als wahre Göttlichkeit bezeichnet hatte. Ihr fiel auf, dass sie durch das Ereignis mit Oronia von jetzt auf gleich in ihre Göttlichkeit geworfen wurde, fernab von Emotionen der Menschen und Güte. Sie war nicht resigniert gewesen, sie war lediglich das geworden, was sie vor ihrer Verbannung auf die Erde einst gewesen war. Ein augenscheinlich emotionsloses Wesen, das sich nicht für die Welt und ihre Bewohner interessierte.
      Dagegen rebellierte der Teil, der sich über Jahrtausende hier auf Erden gebildet hatte. Kassandra wollte nicht alleine sein, sie war verletzt, als sie Zoras und Oronia gesehen hatte. Wütend, weil er so nachlässig gewesen war. Erschüttert, dass sie seine Rufe nicht vernommen hatte. Traurig, dass er alles erreicht hatte, sobald sie nicht mehr in der Stadt gewesen war. Gerührt, weil sie den Kolibri als ultimatives Zeichen ansah und sie sich in ihm erkannte. Bestürzt, dass der Mann, der ihr alles opfern würde, so unsicher vor ihr saß und aus allen Poren die Angst ausströmte, sie würde ihn wortlos ziehen lassen. Auf ewig.
      Kassandra streckte ihre Finger nach dem Kolibri aus. Sie berührte den kalten Stein ehrfürchtig, ehe sie ihn aufnahm und ihn auf beiden Händen der Sonne und ihrem Blick präsentierte. Er war so unglaublich schön gearbeitet, wie auch damals der kleine Bruder, den sie gegen ihren Willen hatte ziehen lassen müssen. Kassandra wusste, dass Menschen sich in manchen Kulturen Ringe schenkten, um ihren Bund zu feiern. Das hier musste ein Äquivalent dazu sein.
      Sie schloss die Hände um den Vogel und sperrte ihn zwischen ihren Fingern ein. Dann führte sie die geschlossenen Hände an ihre Brust, legte das Kinn auf ihnen ab und schloss die Augen. Es war nur ein Stein, ein kalter, lebloser Stein, doch in ihren Händen fühlte er sich warm und wohlig an.
      Als sie ihre Augen wieder öffnete und sie gezielt auf Zoras richtete, war da endlich nicht mehr diese kalte Abgeklärtheit in ihrem Blick, sondern das bisschen Menschlichkeit in ihren Augen zurückgekehrt, für die Dionysus sie so aufzog. „Ich begleite dich wieder zurück. Mehr Zeit zum Nachdenken brauche ich nicht. Nur sieh es mir bitte nach, wenn ich ein wenig unterkühlt reagiere. Dir gegenüber. Ich weiß, es war nicht dein Wille, aber das Waschweib hat dich in meinen Augen etwas beschmutzt und das… muss erst wieder reingewaschen werden.“
      Kassandra öffnete ihre Hand und als der Kolibri wieder zum Vorschein kam, war er an der Rückseite mit einer silbernen Klammer ausgestattet. Sichtlich zufrieden befestigte sie den Vogel an der Vorderseite ihres Gewandes an ihrer Brust, auf jeder Seite, wo das Herz war.
      „Außerdem muss ich verarbeiten, dass ich mein Versprechen verletzt habe. Ich sagte, ich käme auf deine Rufe hin, aber ich war taub“, sagte sie und streckte Zoras ihre linke Hand wie zu dem altbekannten Handkuss hin. „Das ist ein Punkt, den du mir verzeihen musst.“
    • Kassandras Augen hatten sich ohne zu blinzeln auf den kleinen Kolibri geheftet, der so im Kontrast zu der farbenfrohen Umgebung war, in der sie saßen. Sie starrte ihn an, als wäre er plötzlich das Zentrum ihrer Welt geworden und da sah Zoras mit einem Mal, wie etwas von der eisernen Teilnahmslosigkeit von ihrem Gesicht wich. Es war etwas ganz subtiles, das ihm sicher entgangen wäre, hätte er sie nicht schon so lange gekannt, aber so konnte er es beobachten. Und wagte zu hoffen.
      Ihr Blick verfolgte den feingearbeiteten Vogel, wie Zoras ihn im Gras absetzte und als Zoras in einem letzten Versuch wagte, sie zu überzeugen, beugte sie sich nach vorne, um das kleine Modell aufzunehmen. Mit eigenartiger Vorsicht nahm sie ihn sich auf die Hände und betrachtete ihn auf Augenhöhe. Zoras wagte es kaum zu atmen, besorgt darüber, dass der Moment sonst flüchtig wie ein Schmetterling entschwirren könnte, wenn er sich auch nur falsch bewegte. Seine Worte alleine hatten nur wenig an der Phönixin gerüttelt, aber der Kolibri, er schien etwas mehr zu ihr durchzudringen. Nun wartete er in der verzweifelten Hoffnung, dass er sie damit wieder für sich gewinnen würde.
      Behutsam schloss sie die Finger um den kleinen Vogel, dann legte sie ihn sich an die Brust, als wäre das Tier zum Leben erwacht und sie würde ihn dort in Sicherheit wahren. Sekunden verstrichen, während Kassandra in einer derart andächtigen Position verharrte, den Kolibri direkt unter ihrem Kinn. Dann blickte sie auf.
      Das Feuer in ihren Augen hatte sich etwas erweicht, wegen Zoras. Für Zoras. Es wirkte noch immer mehr abweisend als alles andere, aber die Änderung war so deutlich sichtbar, dass Zoras leise die angehaltene Luft ausstieß. Er wagte es, seine Hoffnung weiter anzufachen.
      "Ich begleite dich wieder zurück."
      Und da fühlte er, wie ihm endlich ein Stein von der Seele rutschte. Er atmete auf, dabei versuchte er, seine Erleichterung noch zu verstecken. Zu grausam waren seine Vorstellungen gewesen, sein restliches Leben ohne Kassandra zu verbringen - ohne überhaupt ihr Antlitz - dass es ihn regelrecht befreite, diese Worte zu hören. Natürlich waren sie nicht das, was er sich wirklich erhofft hatte, aber sie waren doch schön genug.
      "Nur sieh es mir bitte nach, wenn ich ein wenig unterkühlt reagiere. Dir gegenüber. Ich weiß, es war nicht dein Wille, aber das Waschweib hat dich in meinen Augen etwas beschmutzt und das… muss erst wieder reingewaschen werden."
      "Natürlich", setzte er ohne zu zögern nach. "Alles was du wünschst."
      Ihr Argument war einleuchtend und wer war schon Zoras, sie dafür zu beurteilen? So gleichgültig er sich darüber geben mochte, dass Kassandra hier bleiben könnte, gefiel es ihm doch genauso wenig, sie bei einem anderen Mann zu wissen. Das war zwar unabhängig von Santras, aber es schloss ihn doch auch ein.
      Jetzt nahm Kassandra den kleinen Kolibri wieder hervor und steckte ihn sich mithilfe einer Klammer an ihr helles Gewand. Das schwarze Obsidian stand in direktem Kontrast zu seinem Untergrund, aber nicht zu Kassandras Haaren. Es schien die dunkle Pracht aufzufangen und zu verstärken, ein Schmuckstück, das eigens für die Phönixin geschaffen zu sein schien. Zoras fühlte sein Herz bei diesem Anblick aufgehen.
      „Außerdem muss ich verarbeiten, dass ich mein Versprechen verletzt habe. Ich sagte, ich käme auf deine Rufe hin, aber ich war taub. Das ist ein Punkt, den du mir verzeihen musst.“
      Doch trotz ihrer Worte streckte sie Zoras ihren Handrücken hin und er konnte sich nicht schnell genug nach vorne beugen, um ihre Hand mit seiner aufzufangen. Ihre Worte kamen überraschend - eine Göttin, die bei ihm um Verzeihung bat? Er hätte allen im Raum die Schuld zugewiesen, aber nicht Kassandra.
      "Du trägst keine Schuld, Kassandra. Du kannst mich nicht immer schützen. Ich verzeihe dir."
      Er beugte sich hinab und platzierte seine Lippen in einem feinen, sauberen Kuss auf Kassandras Handrücken. Ihre Haut war warm und so vertraut unter seinen Lippen, weich und vollkommen ebenmäßig. Er ließ sich Zeit mit dem Kuss, ließ all seine Ängste in diesem einen Erfolg schwinden, dass sie mit zurück in die Stadt kommen würde. Es war nicht vorbei, aber es war ein Anfang. Es war so viel besser, als ihr den Rücken zuzudrehen.
      Nach dem Kuss entließ er sie wieder. Ein vorsichtiges, erleichtertes Lächeln umspielte seinen Mund.
      "Es freut mich so sehr, dich bald wieder im Palast willkommen heißen zu dürfen. Möchtest du die letzte Nacht bei Santras verbringen? Sicher wird er sich von dir verabschieden wollen."
      Zoras nahm selbstverständlich an, dass Kassandra mit der Kolonne am morgigen Tag mit zurückreisen würde.
    • Kassandra spürte, wie sich Freude in Zoras zu ballen begann. Diese wenigen Worte, die sie an ihn gerichtet hatte, genügten, um jegliche Last von seinen Schultern zu waschen. So wenig genügte, damit der Stein von seinem Herzen fiel und er das Gefühl bekam, alles wieder in die rechte Bahn zu rücken.
      Ihre Hand schwebte nur kurz einsam und allein in der Luft. Zoras schnellte nahezu vor, um sie endlich wieder berühren zu können. „Du trägst keine Schuld, Kassandra. Du kannst mich nicht immer schützen. Ich verzeihe dir.“
      Doch, das konnte sie eigentlich. Wenn einmal der Moment käme, in dem sie sich nicht an fragwürdige und von Menschen gemachte Spielregeln halten musste, dann konnte sie ihn beschützen, egal wo sie war. Aber bis hierhin unterlag sie eben jenen Regeln, denn ohne sie hätte Zoras sich nicht etablieren können. Irgendwann, so wusste sie jedoch, wäre es soweit und dann gab es nichts, was sie auf dieser Erde zügeln vermochte.
      Mit etwas erweichter Mimik beobachte die Phönixin den Mann dabei, wie er ihren Handrücken küsste. Allein schon die Art, wie er ihre Hand ergriff, war so anders, wie die Berührungen von Santras. Beide Männer verehrten sie auf ihre ganz eigene Art und Weise und doch war es nicht zu vergleichen. Seine Lippen auf ihrer Haut besaßen eine größere Intensität, als der Kuss von Santras und sie erinnerte sich an ihre eigenen Worte, dass sich seine Küsse anders angefühlt hatten. Ja, das taten sie freilich. Nach dem Kuss nahm sie ihre Hand wieder in ihren Schoß, die Schmetterlinge hatten sich aus ihrer Nähe wie magisch völlig verzogen.
      „Möchtest du die letzte Nacht bei Santras verbingen? Sicher wird er sich von dir verabschieden wollen.“
      Ein winziges Stirnrunzeln erschien auf Kassandras makelloser Stirn. Sie wusste, dass die beiden Männer in Hinsicht auf die Phönixin eindeutig im Zwist standen, aber dass er ihr einfach von sich aus vorschlug, noch länger hier zu bleiben, verwunderte Kassandra dann doch. Das war ein ungewöhnliches Zugeständnis, zumal es eines für Santras und nicht sie selbst war.
      „Dann soll er den Tag und die Nacht dafür nutzen, aber ich bleibe nicht bei Santras, sondern hier im Garten. Das ist ein Unterschied, Zoras“, wies sie ihn mit dem Anflug ihrer schnippischen Art zurecht, ehe sie sich wieder den Büschen zuwandte und mit ihrer rechten Hand gedankenverloren über den schwarzen Kolibri streichelte.
      Selbstredend würde sie keinen Fuß mehr in das Anwesen setzen. Wenn Santras etwas von ihr wollte, sollte er selbst um eine Audienz erbitten. Am nächsten Morgen würde sie dann zu Zoras und seiner Karawane stoßen, um mit ihm gemeinsam wieder zurück zur Hauptstadt zu fahren. Sie hätte ihn auch fliegen können, aber ohne die Karawane fehlten ihm Männer zu seinem Schutze und die vier Tage konnten sie auch so erübrigen.

      Santras fing Zoras im Aufgang seines Anwesens ein. Er hatte den Anstand besessen, die Unterhaltung nicht zu belauschen, aber seine sonst so entspannte Art war ein kleines bisschen angefressen. Jedenfalls war seine Haltung mit den verschränkten Armen nicht mehr so entspannt wie üblich.
      „Ich ahnte, dass sie bei Euch weich wird, sobald Ihr erscheint. Sie hat ein viel zu gutes, weiches Herz. Gegen ihre Wahl kann ich nichts ausrichten, aber solltet Ihr sie ein weiteres Mal so entehren und sie kommt erneut zu mir, so werde ich alles daransetzen, dass sie Euch nicht mehr sehen will“, sagte Santras und senkte sein Kinn, ehe er seinen Arm zur Seite ausstreckte und den Gang hinunter deutete. „Ich hoffe, Ihr seht mir mein Verhalten nach, Hoheit.“
      Jeder hätte damit gerechnet, dass in dem Titel eine Aggression mitschwang, doch Santras war wieder perfekt in seine Rolle des reservierten Stadtherren zurückgekehrt. Jener, der hinter Fassaden und Masken blicken konnte, um seinen eigenen Nutzen daraus ziehen zu können.
      „Ich hörte um den Erlass der Steuern und das Chaos, das dahingehend in der Hauptstadt entstanden sein muss. Solltet Ihr noch zusätzliche Kräfte benötigen, würden wir uns freuen, Euch noch Männer mit auf den Rückweg zu geben. Immerhin seid Ihr dabei, den ach so uneins seienden Rat endlich zu einen. Das hat vor Euch noch keiner geschafft.“
    • Jetzt zeigte sich auch ein kleines Stirnrunzeln auf Kassandras Gesicht und ließ damit die Teilnahmslosigkeit noch weiter aus ihrer Miene weichen. Dafür war ihre folgende Aussage nur umso neutraler.
      "Dann soll er den Tag und die Nacht dafür nutzen, aber ich bleibe nicht bei Santras, sondern hier im Garten. Das ist ein Unterschied, Zoras."
      "Ich meinte das nicht... wortwörtlich", gab er zurück. Wo genau Kassandra letzten Endes war, sollte ihn nicht kümmern, außer sie hatte vor, wieder einfach so zu verschwinden. Nur schien sie es für unheimlich wichtig zu halten, diese Tatsache aufzuklären.
      Ihr Blick entließ ihn wieder und als sie die Büsche neben sich betrachtete, schien ihre Hand wie von selbst zu dem kleinen Kolibri zu wandern. Es beglückte Zoras ungemein, dass diese kleine Geste gänzlich akzeptiert worden war. Ganz andächtig strich sie über den dunklen Stein und Zoras beobachtete sie dafür noch einen Moment. Als klar wurde, dass sie ihm nichts weiter zu sagen hatte, zwang er sich dazu, aufzustehen. Es wäre einfach gewesen, an sie heran zu rutschen, sie in die Arme zu nehmen und vielleicht sogar zu fragen, ob sie die Nacht mit ihm verbringen wollte, aber Kassandra hatte es recht deutlich gemacht, dass sie trotz allem noch Zeit benötigen würde und das würde er respektieren. Er hatte einen Schritt auf sie zu gemacht, jetzt musste er warten, dass sie bereit dafür war, auch einen Schritt für ihn zu machen.
      "Ich wünsche eine angenehme Nacht."
      Sie sah ihn nicht noch einmal an und so zog Zoras ab, erleichtert, fast glücklich. Das hier war wesentlich besser, als nie wieder ein Wort von Kassandra zu hören zu bekommen.
      Santras erwartete ihn an der Tür. Seine Miene war neutral, aber er hatte die Arme verschränkt und stand beinahe so, als wolle er Zoras den Weg versperren. Selbstredend würde er es nicht wagen, dem Eviad und seiner Garde den Zugang zu verweigern.
      Zoras verspürte seine Erleichterung beim Anblick des Mannes wieder etwas verfliegen.
      "Ich ahnte, dass sie bei Euch weich wird, sobald Ihr erscheint. Sie hat ein viel zu gutes, weiches Herz. Gegen ihre Wahl kann ich nichts ausrichten, aber solltet Ihr sie ein weiteres Mal so entehren und sie kommt erneut zu mir, so werde ich alles daransetzen, dass sie Euch nicht mehr sehen will."
      Es hätte eine Drohung sein können, die der Mann dort aussprach, was, gemäß Zoras' Standes, eine höchst gewagte Aussage gewesen wäre. Nur war der Mann gerissen genug, seine Worte schnell in Höflichkeiten zu verpacken und runterzuspielen.
      "Ich hoffe, Ihr seht mir mein Verhalten nach, Hoheit."
      Aber das tat Zoras nicht. Bisher hatte er eine neutrale Meinung gegenüber Santras gehabt - zugegeben, die beiden Männer hätten wohl nie so etwas wie eine Freundschaft aufbauen können - aber jetzt verschwand seine hohe Meinung von ihm nach und nach. Und das einzig und allein von der Dreistigkeit, die der Mann gerade an den Tag legte. Als ob er sich anmaßen könnte, sich in ihre Beziehung einzumischen!
      Zoras kniff die Augen zusammen.
      "Weich, sagt Ihr? Weich ist das Wort, mit dem man nasses Essen beschreibt oder schwache Muskeln, aber keine Göttin. Ihr würdet gut daran tun, ihre Wahl zu akzeptieren und sie nicht zurechtbiegen zu wollen, damit sie Eurer Meinung passt. Kassandra ist eine freie Göttin, in ihrem Handeln und in ihrem Denken."
      Zoras wusste noch nicht einmal, wie Santras es fertigbringen sollte, Kassandra von Zoras abzubringen, aber wenn er weiter darüber nachdachte, machte ihn das nur zornig. Santras' Verbindung zu ihr gestattete es ihm nicht, sie zu manipulieren. Das war niemandem gestattet.
      "Ich hörte um den Erlass der Steuern und das Chaos, das dahingehend in der Hauptstadt entstanden sein muss. Solltet Ihr noch zusätzliche Kräfte benötigen, würden wir uns freuen, Euch noch Männer mit auf den Rückweg zu geben. Immerhin seid Ihr dabei, den ach so uneins seienden Rat endlich zu einen. Das hat vor Euch noch keiner geschafft."
      Und damit waren sie wieder ganz zurück bei den Formalitäten, zurückgezogen hinter den Schleier aus Höflichkeiten, um den eigentlichen Zwist vor der Öffentlichkeit zu verstecken. Zoras konnte das akzeptieren. Er hatte sieben verdammte Monate hinter sich, um sich mit den schlimmsten solch höflicher Streitigkeiten auseinanderzusetzen. Dem Rat sei gedankt.
      "Mich ehrt Euer Angebot, doch das ist nicht vonnöten. Es wurde bereits für alles vorgesorgt."
      Damit machte er Anstalten, an Santras vorbeizugehen. Der Mann musste ihm weichen, wenn er ihn nicht berühren wollte, was ihm bei fünf Gardisten - und mehr, die noch immer vor dem Haus warteten - sicher nicht gut bekommen würde. Zwar hatte Zoras Zavion mitgenommen, der leicht parteiisch sein könnte, aber er war nicht unvorsichtig gewesen. Von den anderen Gardisten war niemand dabei, der aus Paspatera stammte. Es waren seine eigenen Leute aus der Hauptstadt.
      Damit wich Santras und ließ Zoras passieren. Er hatte sowieso nicht vor zu bleiben, auch wenn er darauf hätte bestehen können, im Quartier des Stadtherren zu übernachten und eben jenen stattdessen in ein Gasthaus zu verfrachten. Nur hätte das Kassandra sicher nicht gefallen und so zog er selbst ab.
      An der Eingangstür drehte er sich noch einmal zu Santras um. Der Mann war kleiner als Zoras, aber gefühlt waren sie auf Augenhöhe.
      "Ich danke für die kurzfristige Gastfreundschaft. Morgen werden wir abreisen. Es war mir eine Freude, wieder in Paspatera zu sein."
      Damit drehte er sich um, oder machte zumindest Anstalten dazu. Dann wandte er sich aber doch noch Santras zu.
      "Ich würde Euch raten, einen Arzt aufzusuchen."
      Die Tür stand bereits offen, aufgehalten von seinen Soldaten. Draußen wartete bereits eine ganze Allee von Soldaten, um von ihm durchschritten zu werden. Die meisten davon waren in Hörweite, als er hinzufügte:
      "Wegen Euren Knien."
      Zu Santras' Verteidigung musste man sagen, dass er nicht einmal mit der Wimper zuckte, als er Zoras verabschiedete. Daraufhin drehte sich auch Zoras um und ließ sich von seinen Männern in Empfang nehmen. Er sah nicht noch einmal zurück, als er zu seiner Kutsche ging, einstieg und die ganze Kolonne sich wieder in Bewegung setzte.

      Sie beschlagnahmten ein Gasthaus, das fürstlich dafür belohnt wurde, Zoras und seine Schar an Soldaten aufzunehmen, und verbrachten ihre Nacht dort. Wenn Zoras darauf gehofft hatte, dass Kassandra doch noch kommen und ihm Gesellschaft leisten würde, hatte er sich getäuscht. Wenn er gedacht hatte, dass der Hauch ihrer geistigen Berührung und die Wärme, die damit einherging, ihm durch die Nacht helfen könnte, hatte er sich ebenso getäuscht. Er träumte von dunklen Gassen und von mehreren Dionysus, die ihn verfolgten. Als sie ihn fassten und er mit einem Mal die Szene von außen betrachten konnte, sah er, dass es nicht er gewesen war, den sie erwischt hatten, sondern Amartius. Seinem jungen Sohn war die Angst aufs Gesicht geschrieben, als ihm ein Finger auf die Stirn gelegt wurde.
      Zoras erwachte mit einem Keuchen. Das Puder hatte er sich vom Gesicht geschwitzt. An diesem Morgen musste er sich noch einmal der Kunst des blassäugigen Dieners übergeben, der seinem Gesicht wieder Neutralität verlieh. Eine Stunde später stand die ganze Kolonne aufbruchbereit vor Santras' Anwesen und Zoras wartete vor der offenen Tür seiner Kutsche darauf, dass Kassandra sich zu ihnen gesellen würde.
    • Wohl oder übel musste Santras einen Schritt beiseite machen, um nicht aus Versehen den Eviad zu berühren und somit einen tätlichen Übergriff provoziert zu haben. Ihm war unlängst aufgefallen, dass Zoras‘ Garde fast ausschließlich aus der Hauptstadt stammte – bis auf Zavion war also niemand aus Paspatera dabei gewesen. So viel Argwohn hegte also der Mann, der Kassandras Gunst erwirkt hatte, gegen ihn. Dass das ebenfalls als nicht sonderlich gutes Zeichen gewertet werden konnte, war dem Herrscher hoffentlich ebenfalls klar.
      An der Tür seines Anwesens senkte Santras noch einmal kurz den Kopf. Er deutete mit dem Arm vor seiner Brust an, dass dem mehr folgen KÖNNTE, tat es jedoch nicht.
      „Ich danke für die kurzfristige Gastfreundschaft. Morgen werden wir abreisen. Es war mir eine Freude, wieder in Paspatera zu sein“, sagte der Eviad und hätte nicht mehr Säure in Santras‘ Wein spucken können.
      Eine kurzfristige Gastfreundschaft hatte es nicht wirklich gegeben. Als Eviad war es Santras schlichtweg nicht möglich gewesen, seine Tore vor dem Mann zu verschließen. Er hätte auf offizieller Seite nichts tun können, um Zoras davon abhalten zu können, Paspatera zu betreten. Hier in dieser Stadt gab es nichts außer der Phönixin, die dem Mann auch nur einen einzigen Besuch abringen würde. Das war jedem klar, der die Beweggründe des Eviads bis hierher verfolgt hatte. Zoras hatte seine Hauptstadt nicht einmal verlassen und als er es tat, dann nur, um Kassandra wieder zu holen. Wie etwas, das man verloren hatte und wiederbeschaffen wollte.
      Zoras wandte sich halb ab, nur um dann doch noch einmal kehrt zu machen und etwas hinzuzufügen. „Ich würde Euch raten, einen Arzt aufzusuchen.“
      Santras runzelte kaum merklich die Stirn.
      „Wegen Euren Knien.“
      „Aber gewiss. Gehabt Euch wohl, wir freuen uns jederzeit über den Besuch des großen Eviads“, erwiderte Santras, der die Falten auf seinem Gesicht geglättet hatte und Zoras mit einem sehr freundlichen Lächeln verabschiedete.
      Zavion sah missmutig zwischen den beiden Männern hin und her, schloss sie schließlich aber der Garde um den Eviad an. Immerhin war sein Befehl klar gewesen und Santras ließ den jungen Mann ziehen. Immerhin hatte er ihn nicht ganz uneigennützig in die Hauptstadt geschickt.
      Dennoch ließ Santras die Fassade fallen, als er die Tür hinter sich schloss und die Worte rekapitulierte. Am Ende schüttelte er mit einem süffisanten Lächeln den Kopf und machte sich auf den Weg in den Garten. Allen Anschein nach war dem Kerl sein Ruhm doch schon zu Kopf gestiegen.

      Am nächsten Morgen stand die Karawane unverschämt früh vor Santras‘ Anwesen. Da niemand sich die Mühe machte, bei dem Haus anzuklopfen oder einen Soldaten schickte, blieb die Tür ordnungsgemäß geschlossen. Einfach so würde Santras die Tür nicht öffnen und den Eviad freudig begrüßen. Immerhin nahm er ihm etwas wieder weg, von dem er langsam gehofft hatte, es länger bei sich halten zu können.
      Sichtlich enttäuscht stand Santras dann auch im Gang, die Arme verschränkt und mit einem Seufzen begleitet. Kassandra hatte sich aus dem Garten gelöst, als sie gespürt hatte, dass Zoras wieder näherkam, und trug noch immer dasselbe Gewand wie am Tag zuvor. Der Kolibri war Santras am Vorabend bereits aufgefallen und seinen Kommentar dazu nicht hinter dem Rücken gehalten.
      Kassandra beäugte ihn scharf von der Seite. „Du solltest dein Unmut über mein Verlassen nicht so zur Schau stellen. Nachher kommt noch ein findiger Mensch auf die Idee und bezichtigt dich eines Komplotts.“
      „Ihr kennt mich. Meine Kriegsführung, sofern ich denn eine führte, wäre nicht offen. Dennoch bin ich ein wenig überrascht, wie schnell Ihr Euch von seinen Worten beeinflussen lassen habt“, verlieh er seinen Gedanken Worte und ging vor der Göttin zur Tür. „Wenigstens war es mir vergönnt, noch eine Nacht mit Euch zu verbringen.“
      „Ich kann deine Geschichte nicht ungeschehen machen, Santras. Das wäre deinem Vermächtnis nicht fair gegenüber. Allerdings habe ich dir beim letzten Mal auch schon gesagt, dass du frei bist. Lass mich los, so wie ich dich gehen lasse. Das war keine Floskel.“
      Darauf schwieg Santras und schlug den Blick nieder. „Ihr kommt aber noch einmal zurück? Ohne den Hintergrund eines Vorfalles?“
      Kassandra stoppte neben ihm und schenkte ihm ein warmes Lächeln. „Sicher. Mich hält weder Wind noch Wetter, noch die Zeit.“
      „Danke.“ Damit öffnete er die Tür, wobei er darauf achtete, nicht ins Blickfeld der Karawane zu geraten, und entließ Kassandra. Hinter ihr schloss er die Tür ohne einen weiteren Kommentar.
      Mit hoch erhobenem Haupt schritt Kassandra über den Kiesweg zum Tor. Man hatte es für den Eviad schon geöffnet, der vor seiner Kutsche Stellung bezogen hatte und offensichtlich auf sie wartete.
      „Konntest du es nicht länger abwarten?“, fragte Kassandra Zoras kokett und schaute ihn auffordernd an, damit er ihr eine Hand reichte und sie in die Kutsche einsteigen konnte. „Mir muss eine Menge entgangen sein, wenn du unterdessen täglich jemanden beschäftigst, der sich um dein Äußeres kümmert, hm?“
      Damit setzte sie sich in die Kutsche und Zoras ihr gegenüber. Die Tür wurde geschlossen und schon setzte sich die Karawane in Bewegung. Im Nachhinein betrachtet wirkte die Zeit bei Santras wie eine komplette Auszeit. Ohne den nervenaufreibenden Dionysus. Ohne die Sticheleien, ohne die Fesseln der Gesellschaft. Ein bisschen misste sie es jetzt schon, aber sie hatte unlängst gewusst, dass dies hier nicht ihr finaler Ort sein würde. Nicht in dieser Geschichte, jedenfalls.
      „Also, dann unterrichte mich doch bitte. Was ist alles in der Zeit geschehen, seitdem ich mich zurückgezogen habe?“
    • Kassandra kam an diesem Morgen ohne Santras heraus. Wie von Geisterhand öffnete sich die Tür, entließ die Phönixin in die Freiheit und schloss sich hinter ihr wieder.
      Zoras verspürte eine ungemeine Freude, die Göttin auf sich zukommen zu sehen. Sie trug die Haare wieder offen, ganz ihres typischen Selbst, und ihre Gewänder streichelten ihr beim Gehen um die Beine. Sie ging stolz, hochaufragend und majestätisch, ein Anblick, den wahrlich jeden Menschen in den Bann ziehen konnte. So war Zoras nach all ihrer gemeinsamen Zeit natürlich auch keine Ausnahme.
      Sie kam auf ihn zu und blieb dann vor der geöffneten Tür stehen, den Blick auf Zoras gerichtet. Der lächelte sie warm an, entzückt über ihre reine Anwesenheit. Die Wärme war noch nicht wieder in seinen Körper zurückgekehrt, aber ein Schritt nach dem anderen. Zoras würde mit ihr Geduld haben, allein durch die unbändigende Liebe, die er für sie empfand.
      "Konntest du es nicht länger abwarten?"
      Er streckte ihr die Hand entgegen und verbeugte sich auf ehrfurchtsgebietende Art. Über solche Stadien waren sie eigentlich lange hinaus, aber er wollte es sich manchmal einfach nicht nehmen, sie als die Göttin, die sie auch war, anzuhimmeln.
      "Was dich betrifft, könnte ich niemals abwarten."
      Ihre Miene verzog sich bei den dick aufgetragenen Worten nicht, aber er konnte das Feuer in ihren Augen flackern sehen, als er sich wieder aufrichtete. Ihre Hand legte sich auf seine, hauchzart und dabei noch viel weicher als Seide. Hatte er wirklich in den paar Wochen vergessen können, wie zart sich Kassandra anfühlte? Was für eine unausgesprochene Wohltat es für ihn war, sie überhaupt berühren zu dürfen? Irgendwie schien es in den letzten Jahren so sehr zu seiner Realität geworden zu sein, dass er es gar nicht mehr richtig wertgeschätzt hatte.
      Umso mehr tat er es jetzt, als er ihr in die Kutsche half.
      "Mir muss eine Menge entgangen sein, wenn du unterdessen täglich jemanden beschäftigst, der sich um dein Äußeres kümmert, hm?"
      Natürlich war ihr das Puder aufgefallen. Diese Bemerkung war Zoras aber lieber, anstatt eine Bemerkung für seine sonst so ausgezehrte Miene zu bekommen.
      "Ich sollte mir nicht zu schade sein, mein Äußeres herauszuputzen. Immerhin soll man in mir keinen Mann, sondern einen Eviad sehen. Ich möchte behaupten, dass es in vielen Ländern ähnlich ist."
      Er kletterte ihr nach, als sie innen war, und einer der Soldaten schloss die Tür. Die Kutsche wäre groß genug gewesen um nebeneinander zu sitzen, aber Zoras war schlau genug, den Sitz Kassandra gegenüber zu wählen. Er sollte dankbar genug sein, dass sie die langsame Kutsche mit ihm wählte und nicht den für sie schnellen Weg nahm.
      "Also, dann unterrichte mich doch bitte. Was ist alles in der Zeit geschehen, seitdem ich mich zurückgezogen habe?"
      Zoras holte Luft für seine Erzählung. Er würde ihr einen umfassenden Bericht erstatten und dabei womöglich strategische Wahrheiten umspielen. Kassandra musste zum Beispiel nichts von Tevia wissen oder davon, dass Zoras sich mehrfach schutzlos in die Nacht hinaus geschlichen hatte. Außerdem war er sich auch nach all den Tagen nicht sicher, ob er sie über Dionysus' Überfall informieren sollte. Schließlich war die Sache erledigt.
      "Ich habe unseren Plan in die Tat umgesetzt. Ich musste ihn an einigen Stellen ändern, aber es war nicht ganz erfolglos.
      Den Erlass habe ich auf die ganze Met-Steuer gesetzt und nicht auf die halbe, denn es musste schnell gehen. Ich habe Ristaer alleine mit der Abwicklung beauftragt und im gleichen Zug auch die anderen aus dem Palast verwiesen. Es war unsicher und hat mich viele Tage Zeit gekostet, um unsere Leute in Position zu setzen, aber ich konnte nicht riskieren, dass auch nur einer von ihnen im Palast verbleibt. Ich hätte ihnen allen zugetraut, dass sie in der Nacht in meinem Gemach erscheinen.
      Kalea habe ich gleich auf die Verwaltung angesetzt. Ich weiß, dass Mirdole ihr da nicht viel helfen kann, aber wie gesagt, es musste schnell gehen. Dafür, dass ich bei Kalea zwei Schritte übersprungen habe, ist es aber glimpflich ausgegangen. Du hattest recht mit deiner Annahme, dass Kalea jemand ist, der Macht über andere Menschen zu schätzen weiß. Ich habe sie beobachten lassen und mir die Ergebnisse durchgesehen, bevor ich die ihrigen überprüft habe. Es war alles deckungsgleich.
      Esho habe ich ganz auf die Zivilordnung der Stadt gesetzt. Ich hatte die Befürchtung, dass es zu wenig für ihn sein könnte, aber die gute - und schlechte - Nachricht ist, dass der Erlass die Stadt in Chaos gestürzt hatte. Esho hatte alle Hände voll zu tun und war wirklich damit beschäftigt. Ich habe ganz darauf aufgebaut, dass er und Asterios beim Kampf Freude finden. Hätte ich mich getäuscht... nun, habe ich nunmal nicht.
      Feyra habe ich sogleich - ohne Unterweisung - zur Staatsspionin gemacht. Wie gesagt, es musste alles sehr schnell gehen und besonders bei Dionysus wollte ich kein unnötiges Risiko eingehen. Ich habe ihr Quentin unterstellt und darauf aufgebaut, dass er sie leiten würde. Es hat nur zu Teilen funktioniert. Es war schwierig für mich, loyale Spione zu halten, die andere Spione aushorchen, und noch schwieriger, ihre Informationen zu überprüfen. Sie hätte eigentlich langsam an die Sache herangeführt werden sollen und damit nicht gleich die ganze Verantwortung übernehmen, aber - ich würde mich hier wiederholen. Es war knifflig. Vielleicht war ich nicht gründlich genug mit meiner Arbeit.
      Dionysus hat sich zurückgehalten, bis er letzte Woche den Träger gewechselt hat. Es wurde Quentin. Ich habe in der gleichen Nacht noch den Palast verlassen."
      Zoras traf in dieser Sekunde seine Entscheidung.
      "Esho hat mich bei sich aufgenommen, nicht zu spät, möchte ich erwähnen. Dionysus muss noch am Abend seine Essenz zurückgenommen haben und sich auf den Weg gemacht haben, um mich zu finden. Er hat auch Zavion in die Mangel genommen, der ihm aber nichts verraten hat. Esho und Asterios ist es erst gelungen, ihn zurückzuhalten. Es wird der Erlass gewesen sein; der wenige Wein hat ihn genug geschwächt, dass er sich nicht an dem Champion und seinem Träger probieren wollte. Du hättest sie sehen müssen, sie kämpfen sehr gut miteinander. Und Dionysus ist schließlich keine Kämpfernatur.
      Im Gegenzug habe ich Esho in unseren Plan eingeweiht, Kassandra. In den Himmelsbruch. Es war nicht optimal, aber es musste einfach sein, ich hätte mir sonst nicht sicher sein können, ob er mich nicht doch hintergeht. Aber das hat er nicht, sondern er war ehrlich und zuverlässig. Auf Esho können wir uns verlassen.
      Wir haben Quentin die Essenz entrissen und sie Feyra zurückgegeben. Ich weiß noch nicht, was Dionysus mit ihr getan hat, um seine Essenz zu bekommen, aber es muss seine Spuren hinterlassen hatten. Feyra war bisher ernst und hat sich ganz dem Wein entsagt. Ich würde ihr noch nicht so trauen wie Esho, aber sie kann sich noch als zuverlässig erweisen.
      Mirdole und Dionysus haben sich ebenfalls in die Haare gekriegt, aber ich habe es nur am Rande mitbekommen. Es scheint zu einem Kampf gekommen zu sein, aber sie leben beide noch. Kalea fürchtet seitdem den Tod ihres Champions - vermutlich besonders nach Oronia - und ist vorsichtiger geworden. Das könnte gut sein. Wir brauchen alles, was sie von uns ablenkt."
      Er überlegte noch einen Moment, dann nickte er.
      "Das ist alles im Moment. Ich habe versucht, sie alle in Schach zu halten, aber ich will ehrlich mit dir sein: Es wird nicht ewig währen. Der Erlass ist auf einen Monat Minimum ausgelegt, Feyra scheint mir wie eine Uhr, die rückwärts läuft, nur um dann doch wieder auszufallen, und Kalea wird nicht auf ewig um Mirdole fürchten. Esho ist der einzige, dem ich momentan wahrlich vertraue, weil er mit unserem Plan einverstanden ist. Er sieht die Notwendigkeit, die ewige Zankerei des Rates aufzulösen, um einen höheren Zweck zu erreichen. Aber sonst..."
      Sein Blick nahm einen bittenden Ausdruck an.
      "Ich schaffe das nicht alleine, Kassandra. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis einer von ihnen wieder etwas versucht und gegen einen Champion hilft auch nicht die beste Garde der Welt. So schnell kann alles wieder in die Brüche gehen und irgendwann werde ich auch nicht mehr den Rückhalt des Volkes haben. Ristaers Name wird durch den Erlass gefeiert, Esho genießt großes Ansehen bei sämtlichen Soldaten, Kalea reiht die Menschen unter sich und Dionysus wird nunmal immer Dionysus bleiben. Meine letzte Rede ist Wochen her und langsam verfliegt der Zauber unserer Krönung. Die Menschen erwarten Wandel und Fortschritt von unserem Amtsantritt, aber alles, was sie bisher zu sehen bekommen haben, war ein Eviad, der sich im Palast verkriecht und scheins durchfüttern lässt. Wir können kein weiteres Jahr damit vergeuden, beim Rat durchzubrechen. Wir müssen auf dem kleinen Vorsprung aufbauen, den ich uns ergattern konnte, und ihn nicht verstreichen lassen. Sonst war alles umsonst."
    • Die Kutsche schaffte eine beträchtliche Strecke ehe das Ende von Zoras‘ Ausführung in Hörweite kam. Kassandra saß dem Eviad gegenüber, die Hände im Schoß ehrvoll gefalten. In aller Ruhe hörte sie sich die Ausführung an und machte sich ihr eigenes Bild von den Erzählungen her, mit was sie zu rechnen hatten, sobald sie wieder im Palast angekommen war. Punkt 1: Die Feindseligkeit gegenüber den Ratsmitgliedern war nicht mehr so stark angeraten. Scheinbar hatte Zoras mit allen einen gewissen Patt geschaffen und den wollte die Phönixin ungern sabotieren. Außerdem schien Esho in seiner Gunst wesentlich gestiegen zu sein. Seine Hilfe in der Nacht der Flucht war nicht zu verkennen. Das musste sie ebenfalls eingestehen.
      Außerdem stand da sowieso noch eine Aussprache mit dem Gott des Weines an. Dieses Mal würde sie von Anfang an klarmachen, dass sie einen weiteren Fehltritt nicht dulden würde und dann ihn auch aus seiner Existenz brennen würde. Das käme dem Thema mit dem Himmelsbruch sowieso nur zu Gute.
      Dass Kalea soweit ging und fürchtete, ihr Champion wäre letal verwundbar, bedeutete nichts Gutes. Das hieß, dass die Auseinandersetzung zwischen ihr und Dionysus entsprechend heftig gewesen sein musste und den Grund dahinter würde sie von der Gorgone selbst erfragen müssen. Nach der Nacht, in der Kassandra durch sie gewarnt wurde, hatte die Gorgone sowieso gewisse Pluspunkte gesammelt. Ihr dafür die Gegenleistung zu erbringen und ihre Heilung vielleicht etwas zu beschleunigen, klang nach keiner schlechten Idee.
      Im Endeffekt hatte Zoras lediglich einen Waffenstillstand geschaffen. Dieser konnte jederzeit wieder gebrochen werden, und so war es nicht verwunderlich, dass er Kassandra offenlegte, es ohne sie nicht schaffen zu können. Sie hatten ihre Wurzeln erfolgreich im Rat geschlagen, jetzt mussten sie weiter wachsen und ihre Blätter über das Unkraut unter ihnen ausbreiten und ihnen das Licht zum Wachsen nehmen.
      Während ihrer Fahrt vermittelte Kassandra Zoras kurz und knapp auch ihren Standpunkt zu der Angelegenheit. Sie war der Meinung, sich jetzt langsam wirklich auf das Thema der Götterjagd auszurichten. Wenn es Beweise für den Bruch gab, dann könnten vielleicht auch die anderen Ratsmitglieder überzeugt werden. Bei Esho brauchten sie es ja scheinbar nicht mehr. Nur konnte Kassandra nicht anders, als es ihm noch einmal betont ans Herz zu legen. Hier in der Kutsche hatte sie den Augenblick genutzt und Zoras‘ Aura und seine Lebensenergie eingehend betrachtet. Er war mittlerweile aus der Blüte seiner Zeit heraus, so gern er es leugnen würde, und der letzte Tag rückte unaufhörlich näher. Das erzählte sie ihm natürlich nicht. Niemand erfuhr von ihr seinen letzten, natürlichen Lebenstag. Das entzog sich ihrem Aufgabenbereich, ebenso wie die eigentliche Manipulation daran.
      Bis zum Abend hin beratschlagten Kassandra und Zoras, wie sie weiter vorgehen würden, sobald sie wieder in der Hauptstadt eingetroffen waren. Während Zoras seinen Pflichten als Eviad nachkam und Papierkram erledigte, der in den letzten zwei Wochen liegen geblieben war, würde Kassandra zuerst Dionysus aufsuchen und ihren Standpunkt klarmachen. Dass sie dabei aber noch andere Dinge aus ihm herausquetschen wollte, musste Zoras schließlich nicht erfahren. Danach würde sie Mirdole einen Besuch abstatten, und dann wäre der Tag womöglich schon wieder vorüber.
      Als die Karawane anhielt und man sich bereitmachte, das Nachtlager aufzuschlagen, wurden Kassandra und Zoras freundlich ermahnt, einfach in der Kutsche zu warten. Kassandra hatte das lediglich mit hochgezogenen Augenbrauen quittiert und auch Zoras wirkte alles andere als erfreut. Doch als sich Kassandra einfach zurücklehnte und vorschlug, die guten Leute ihre Arbeit machen zu lassen, schloss er sich ihr an und sie warteten, bis ihnen verkündet wurde, dass das Zelt aufgeschlagen worden war.
      Sie hatten das Lager nicht im Schutze eines Waldes aufgeschlagen, sondern praktisch mitten auf einem Feld. Somit sah man früher, falls sich Feinde näherten, und das Hauptzelt war in der Mitte errichtet worden, um ringsherum die Zelte der Begleiter und Soldaten zu setzen. Amüsiert über diesen Schichtbau traten Kassandra und Zoras in ihr persönliches Maxizelt, in dem man entspannt stehen konnte und das zu den Seiten zwei Erker aufwies. Sofort fühlte sich Kassandra an das Zelt erinnert, als sie damals in Theriss gereist waren.
      „Man muss ihnen zugutehalten, dass dem Eviad nur das Beste gereicht wird“, schmunzelte die Phönixin und deutete auf das Bett, das man mit einem Gestell aus Leichtholz aufgebaut hatte und sogar eine echte Matratze besaß. Zum Transport hatte man sie zusammengerollt und in einem Wagen verstaut. „Ich wusste nicht, dass du neuerdings nur noch mit solch einem Luxus reist.“
    • Kassandra ergänzte die Punkte, die Zoras anbrachte, mit gewohnter Leichtigkeit. So schnell konnten zwei Wochen vorbei und alles wieder beim alten sein, sie beide zusammen und mit der Planung beschäftigt. In dem Fall ging es ganz konkret um den Himmelsbruch und darum, dass sie nun endlich mit den Vorbereitungen starten sollten. All die Zeit in Kuluar war schließlich nur darauf ausgelegt gewesen, an Ressourcen zu kommen. Zwar wusste Zoras jetzt, dass er das auch in Theriss geschafft hätte, aber natürlich hatte er vor zwei Jahren davon nichts wissen können.
      Die einzige Sache, die ihn noch störte, war natürlich die Distanz zwischen ihnen. Normalerweise hätten sie auch so neutral über ihre Zukunft gesprochen, aber jetzt war er sich bewusst, dass er Kassandra nicht einfach auf die Hand küssen oder den Arm um sie legen konnte, wenn er das wünschte. Und eigentlich wünschte er das nach den zwei Wochen und dem ganzen Chaos, das sie ausgelöst hatten, sogar ziemlich stark. Es war eine Sache, die Phönixin wieder als göttliche Kraft an seiner Seite zu wissen, aber eine ganz andere, ihr auch emotional nahe zu sein. Wenn er sich entscheiden müsste, welches von beiden er momentan stärker benötigte, dann würde es wohl letzteres sein. Zu sehr hatte ihm die Abwesenheit ihrer Wärme zugesetzt, um es einfach ignorieren zu können.
      Aber er übte sich in Geduld. Kassandra nicht nahe sein zu können war noch nichts, was ihn umbringen könnte - ungezügelte Champions könnten das dafür durchaus. Daher eines nach dem anderen.
      Sie legten den ganzen Tag über eine ordentliche Distanz hinter sich, bis sie zum Nachtlager anhielten. Zoras hatte jetzt schon vier Tage diese quälende Reise über sich ergehen lassen und war daher gar nicht überrascht, als sie beide sitzen bleiben sollten. Ganz im Gegensatz zu Kassandra, die die Aufforderung mit einem Stirnrunzeln begrüßte.
      "Das machen sie schon die ganze Zeit", murrte er. "Ich darf nichtmal einen Holzscheit bewegen, ohne dass es mir abgenommen wird. Zumindest die Pferde habe ich gefüttert, aber ich glaube, dass das eher grenzwertig für alle ist."
      Aber nun, er war nunmal ein Herrscher. Es gab wohl schlimmere Dinge, mit denen er sich abfinden müsste.
      Sie stiegen erst aus, als das Zelt stand, und gingen auch ohne weitere Umschweife dorthin. Zwar war es nur eine kleine Reise, die sie hier veranstalteten, aber trotzdem hatte man sich die größte Mühe gegeben. Das Hauptzelt war geräumig, mit Holzbrettern ausgelegt, doppelt und dreifach gestützt und besaß richtige Möbelstücke. Soweit Zoras wusste, hatten die restlichen Soldaten nicht mehr als ein Feldbett zur Hand.
      Vor ein paar Jahren war er selbst noch auf ihrer Stufe gewesen. Jetzt ließ er die Schultern kreisen und setzte sich schwer auf einen der Stühle. Es gab sogar einen richtigen Tisch und in einer Stunde würde ihnen Essen aus richtigem Geschirr serviert werden. Sämtliche Unannehmlichkeiten einer Reise waren vollständig vernichtet worden.
      "Man muss ihnen zugutehalten, dass dem Eviad nur das Beste gereicht wird."
      "Etwas anderes wäre doch schlimm, nicht?", entgegnete er, aber Kassandras Schmunzeln nahm ihren Worten bereits die Härte.
      "Ich wusste nicht, dass du neuerdings nur noch mit solch einem Luxus reist."
      Er sah sich um. Es war Luxus, der ihn dort umgab. Das war nicht einmal nur die Qualität seines Zeltes sondern die schiere Tatsache, dass 30 Diener aus seinem Hausstab dabei waren, um genau dieses Zelt aufzustellen, um eine Küche aufzubauen, mit dem sie ihn ausführlich bekochen konnten, um seine Kleidung zu waschen und ihm seit gestern auch das Gesicht zu pudern. Das war der Luxus, der auch Zoras jetzt auffiel und den Kassandra sicherlich gemeint hatte.
      "Es ist angenehm. Ich weiß nicht, ob ich vier Tage überstanden hätte, wenn ich auf dem harten Boden geschlafen und mich von Wurst und Brot ernährt hatte. Nur mit dem Essen vielleicht, aber nicht ohne ein halbwegs weiches Bett."
      Kassandra verzog das Gesicht zwar nicht, aber Zoras konnte den Vorwurf in ihrem Blick geradezu spüren. Sie waren beinahe ein ganzes Jahr durch das Land gereist, wobei sie regelmäßig in der freien Natur kampiert hatten, ohne irgendwelchen Luxus. Sie musste ihn für einen Heuchler halten, dass gerade er solche Worte aussprach.
      Er seufzte.
      "Sieben Monate ununterbrochener Kampf ziehen nicht ohne Spuren an mir vorbei, auch wenn es kein körperliches Gefecht war. In der letzten Zeit", er sprach extra nicht die letzten zwei Wochen an, "ist essen und schlafen das einzige, was mir zur Erholung geblieben ist. Ich werde mir das nicht unnötig schwer machen, wenn es nicht unbedingt sein muss."
      Seine Miene lockerte sich daraufhin ein wenig auf.
      "Möchtest du mir diese Nacht Gesellschaft leisten? Es wäre mir eine Freude; ich könnte es aber auch verstehen, wenn du einen anderen Ort bevorzugst."

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    • Mit entsprechender Miene befühlte Kassandra den Tisch, der mit zwei Stühlen ausgestattet in einem Erker stand. Er war sogar mit feinen Deckchen belegt worden, sodass man, wenn man einmal die flatternden Wände ignorierte, durchaus denken konnte, man sei hier in einem ordentlichen Zimmer untergekommen.
      „Es ist angenehm“, gestand Zoras am Ende doch.
      „Ja, das sehe ich“, gab Kassandra nachdenklich zurück.
      „Ich weiß nur nicht, ob ich vier Tage überstanden hätte, wenn ich auf dem harten Boden geschlagen und mich von Wurst und brit ernährt hatte. Nur mit dem Essen vielleicht, aber nicht ohne ein halbwegs weiches bett.“
      Damit erntete er sich von der Göttin einen vielsagenden Blick. Kassandra erinnerte sich gut daran, wie sie vor kurzer Zeit – ja, ein Jahr war für sie nur ein Wimpernschlag – noch in den schlimmsten Verhältnissen gereist waren. Wie mager Zoras teilweise gewesen war, und dass er sich über warme Mahlzeiten hatte freuen können. Sehr gut erinnerte sie sich noch daran, wie sein Gesichtsausdruck gewesen war, als sie einen Wirt bezaubert und sich damit ein kostenfreies Zimmer in einem Gasthaus beschafft hatte. Und jetzt saß er da und behauptete, er könne nicht mehr ohne ein Bett?
      Da seufzte Zoras, dem es wohl oder übel auch aufgefallen war. „Sieben Monate ununterbrochener Kampf ziehen nicht ohne Spuren an mir vorbei, auch wenn es kein körperliches Gefecht war. In der letzten Zeit ist essen und schlafen das Einzige, was mir zur Erholung geblieben ist.“
      Da blickte Kassandra von dem Tisch auf und Zoras an. Selbstredend wusste sie, welche anderen Methoden es gab, um einen völlig auszulaugen. Es gab viele Formen der Folter und der Schwächungen, weshalb sie seinen Punkt gar nicht abstritt. Doch zugegebenermaßen hatte sie erwartet, ihre Aufgabe gut erledigt zu haben und ihm wenigstens geruhsame Nächte und ordentliches Essen einbringen zu können. Auch nach ihrem Verschwinden. „Das klingt beinahe so, als hättest du praktisch kaum noch gegessen und geschlafen seit dem einen Abend.“
      Darauf ging Zoras nicht ein und eine Konversation lief allein nur unter ihren Blicken ab. Aha. Dann hatte ihr Verschwinden einen gewaltigen Einfluss darauf gehabt, dass er es für nötig hielt, sein Gesicht abdecken zu lassen. Wie lange war es her gewesen? Knapp anderthalb Wochen? Das hatte ausgereicht, um ihn dermaßen an seine Grenzen zu bringen? Dieser Gedanke war beinahe erschreckend. Wäre es jemals dazu gekommen, dass sie doch irgendwie aus ihrer Existenz geschieden wäre… Wie hätte Zoras ihren unwiederbringlichen Tod überstehen sollen?
      Scheinbar wollte sich Zoras auf diesem Thema auch nicht festnageln lassen, weshalb er ein neues Anschnitt und er seine Mimik passend dazu etwas aufhellte. „Möchtest du mir diese Nacht Gesellschaft leisten?“
      Kassandra erstarrte kurz. Ein blitzschnelles Abbild eines vergangenen Abends flackerte in ihren Erinnerungen auf. Genau dasselbe hatte auch Santras an einem Abend gesagt, als er zu ihr in die Gärten kam und sie hinein ins Anwesen und sein Zimmer gebeten hatte.
      „Es wäre mir eine Freude; ich könnte aber auch verstehen, wenn du einen anderen Ort bevorzugst“, beendete er seinen Versuch und Kassandra stieg einen Tick zu schnell darauf ein: „Soll ich mich nach draußen ins Feld setzen, nachdem du extra gekommen bist, um mich zu holen?“
      Ihre Hand fiel von dem Tisch herunter, als sie weiter durch das Zelt schritt und den Blick schweifen ließ. Es gab nur ein Bett – offensichtlich waren sie so überstürzt losgereist, dass keiner daran gedacht hatte, ob Kassandra nun folgte oder ob sie es erwog, mit dem Eviad in einem Bett zu schlafen. Sie warf es niemanden vor.
      „Ich bleibe hier. Immerhin gibt es keinen besseren Schutz als eine Göttin“, sagte sie und stutzte, als sie einen stechenden Blick in ihrem Rücken bemerkte. Sie drehte sich halb um, der Kolibri funkelte Zoras spöttisch an. „Du bist behütet in Paspatera eingetroffen, also halte ich meinen Schutz erstmal als nicht nötig. Immerhin kann ich mich hier auf einfach gut auf den Boden setzen. Willst du jedoch mehr“, ihre Stimme fiel ein paar Nuancen ab, als sie weitersprach, „solltest du mich vielleicht ein wenig überzeugen, meinst du nicht?“
    • Zoras blinzelte bei Kassandras plötzlicher Antwort. Er hätte ja mit viel rechnen können, aber nicht damit, wie schnippisch sie darauf reagierte, ohne die Miene zu verziehen. Dabei gefiel es ihm ganz und gar nicht, dass sie die Aktion als holen bezeichnete. Hätte er einen solchen Wortlaut von Santras vernommen, hätte er ihn entsprechend verwiesen.
      "Du sollst das tun, was dir beliebt, Kassandra. Wenn du die Nacht über auf dem Feld verbringen willst, dann tu das. Wenn du sie in der Luft verbringen willst, dann tu das. Ich persönlich würde mich am meisten darüber freuen, wenn du sie bei mir verbringen willst, aber ich werde dich nicht lenken. Du bist eine freie Göttin. Ich schätze mich glücklich für jeden Tag, den du damit entscheidest, ihn an meiner Seite zu verbringen."
      Kassandra sah ihn nun nicht mehr an, während sie durch das Zelt schritt und das Bett betrachtete. Zoras log auch nicht; natürlich konnte sie tun und lassen, was immer sie wollte und er würde sie kaum davon abbringen. Aber das war auch nicht die ganze Seite der Wahrheit. Zwar würde er sie nicht aufhalten, aber zeitgleich sehnte er sich doch nach ihrer Nähe und ihrer Berührung. Zwar würde er sie nicht zu lenken versuchen, aber er wusste schon jetzt, dass ihn eine unruhige Nacht erwarten würde, wenn sie es vorziehen sollte, sie draußen zu verbringen. Zu sehr vermisste er sie, um ihre Anwesenheit einfach vorbeistreichen zu lassen. Er brauchte sie. Aber es war wichtiger, ans Große und Ganze zu denken, anstatt sich von momentanen Gefühlen ablenken zu lassen.
      Trotzdem war seine Erleichterung groß, als sie zumindest einwilligte zu bleiben.
      "Immerhin gibt es keinen besseren Schutz als eine Göttin."
      Ja - eine Göttin, die auch anwesend war, sicher. Aber Zoras hatte sich bereits entschieden, ihr nichts von Dionysus zu erzählen, und so war seine Miene unbewegt, als sie sich unvermittelt zu ihm umdrehte. Der kleine, schmuckvolle Kolibri sah ihn vorwurfsvoll an.
      "Du bist behütet in Paspatera eingetroffen, also halte ich meinen Schutz erstmal als nicht nötig. Immerhin kann ich mich hier auf einfach gut auf den Boden setzen. Willst du jedoch mehr, solltest du mich vielleicht ein wenig überzeugen, meinst du nicht?"
      Wollte er denn mehr? Was wollte er denn, etwa das Bett mit ihr zu teilen? Mehr als das?
      Zoras begehrte sie, hatte es schon immer getan, seit er sie in seinem Zuhause an einem sonnigen Morgen auf einem Zaun sitzend betrachtet hatte. Seine Gefühle für sie waren nicht schwächer geworden, selbst nach all den Jahren nicht. Er hätte wohl niemals etwas dagegen einzuwenden gehabt, ihre Nähe zu genießen. Vielleicht sogar fleischliche Gelüste zu befriedigen. Aber wenn sie ihn schon so fragte, was er denn wollte, wusste er keine direkte Antwort.
      Was er wollte, war komplizierter, als ihre schlichte Anwesenheit in seinem Bett.
      So stand er auf und trat auf sie zu. Ihre Augen folgten ihm, rot und von einem flackernden Feuer durchtränkt.
      Direkt vor ihr blieb er stehen.
      "Kassandra, wenn du dich hier die ganze Nacht lang auf den Boden setzen möchtest, dann genügt mir das. Aber auch nur, wenn es das ist, was du möchtest."
      Sie sah ihn unbewegt an, während er sprach. In der Stille, die danach auftrat, schien sie ihm wortlos zu vermitteln, dass er ruhig weitersprechen sollte.
      Er holte Luft.
      "In den Wochen, die du weg warst, ist mir klar geworden, wie sehr ich mich an deine Anwesenheit gewöhnt habe. Es war nichts aufregendes mehr, aufzuwachen und dich am Fenster stehen zu sehen, oder die Mahlzeiten mit dir zu teilen und mich mit dir zu beraten. Es wurde unser Alltag und dabei sollte ich der glücklichste Mann der Welt sein, dass du diese Tage gerade an meiner Seite verbringst."
      Er blickte auf den Kolibri an ihrer Brust hinab, klein und schön und ein Ersatz für die Essenz, die Zoras nicht besaß.
      "Aber mir ist auch klar geworden, dass ich mich nicht damit zufrieden geben will, dich aus Notwendigkeit an meiner Seite zu haben. Wir sind einen Schwur eingegangen und wir haben uns vorgenommen, die Welt vor dem Zusammenbruch zu bewahren, aber das heißt nicht, dass deine Anwesenheit eine Selbstverständlichkeit sein soll. Nicht einmal für den göttlichen Schutz, den du mir bietest. Was ich also will..."
      Er dachte nach, sah ihr dabei in die unendlich tiefen Augen.
      "Ich will, dass du aus freien Stücken wählst. Ich will, dass du hier sein willst. Möchtest du in diesem Zelt bleiben? Und wenn es so ist, möchtest du, dass ich auch hier bin? Dass wir uns unterhalten? Möchtest du mit mir das Bett teilen? Nur dann will ich es auch. Ich will, was du willst."
      Er sah Kassandra eine lange Zeit lang an. Hier lag eine unsichtbare Grenze zwischen wollen und nicht wollen, denn wenn es eine Sache gab, die Zoras trotzdem nicht glücklich stimmen würde, dann wäre es, dass Kassandra lieber Santras wählte. Aber wenn sie es wollte, würde er sie lassen. Das war sein Punkt.
      "Ich will dich lieben, wenn du geliebt werden willst."
      Und er streckte ihr die geöffnete Hand entgegen.
    • Im Laufe ihrer gemeinsamen Zeit hatte Kassandra diese oder eine ähnliche Frage Zoras schon öfter gestellt und beinahe jedes Mal eine andere Antwort von ihm bekommen. Im Großen und Ganzen drehten sie sich alle um das gleiche Thema und die große, dahinterliegende Antwort. Als Kassandra dieses Mal die Frage stellte, war es ein gut getarnter Versuch, Zoras‘ Grenzen auszuloten. Hätte er ihr überschwänglich versichert, sie im Bett, nackt an seiner Seite haben zu wollen, so hätte sie ihr Vorhaben noch einmal überdacht. So kurz nach dem Zwischenfall mit Oronia konnte sie darauf nicht eingehen. Zumindest dachte sie es.
      Wie erwartet verfiel Zoras in einen kurzen Moment des Schweigens, während er seine Worte wohl wählte. Kassandra auf der anderen Seite verharrte ebenfalls in ihrer Position, dann bewegte er sich als Erster und stand von seinem Stuhl auf. Sofort fiel ihr auf, wie langsam er es tat. Wie lange er brauchte, um seine Knie und seinen Rücken durchzudrücken. Anzeichen von Schwäche und Stress, Anzeichen von Alter. Vor ihr, etwa eine Armeslänge entfernt, blieb er stehen und antwortete auf ihre Frage hin mit einer für ihn typischen Umschreibungen. Wie immer wollte er ihr ihre Freiheit lassen. Noch nie hatte er sie wahrlich in dem, was sie tun wollte, eingeschränkt. Außer, wenn es um ihren großen Plan ging, aber sobald es nur sie Beide waren, dann trat er für sie vollkommen in den Schatten. Die Phönixin blinzelte einmal, als sie bemerkte, dass ihr das auf der einen Seite gefiel und dann wiederum auch nicht. Eine Seite hielt es für selbstverständlich – immerhin war sie eine Göttin. Doch die andere, die über Jahrtausende geformte Seite von ihr, fand es schade. Diese Seite wollte hören und sehen, dass er sie brauchte und wollte. So sehr, dass er dafür kurzfristig ihre Freiheit sogar einschränken würde.
      Damit Zoras fortfuhr hob Kassandra erwartungsvoll ihre Brauen. Mit diesem kleinen Satz würde sie sich gewiss nicht abspeisen lassen. Tatsächlich sprach er dann in seinen folgenden Sätzen genau den einen Knackpunkt an, der ihr immer und immer wieder bitter aufgestoßen war. Seitdem sie in der Hauptstadt eingetroffen waren, hatte sich der Fokus seiner Wertschätzung stets weiter verschoben. Auf ihrer Reise hierher geriet die Phönixin auch schon langsam in die Gefahr, eine Selbstverständlichkeit zu werden, aber den Höhepunkt hatten sie hier erreicht. Ihr konstanter Schutz war für ihn ein Dauerzustand geworden. Ihre Anwesenheit war keine göttliche Entscheidung, sondern die Belohnung seiner Anwerbung gewesen. Die Wärme, die sie ihm des Nachts und immerzu geschenkt hatte, war zur Normalität geworden. Scheinbar hatte ihr Verschwinden gereicht, damit ihm dies alles selbst klar wurde.
      „Das ist mir auch alles aufgefallen, je länger wir reisten und schließlich in der Hauptstadt eintrafen. Meine Anwesenheit ist für dich zur Normalität geworden und das ist nun mal der Werdegang der Menschheit. Ihr gewöhnt euch schnell an anhaltende Zustände, seien sie nun guter oder schlechter Natur“, sagte sie und bestätigte damit seine vorangegangene Annahme.
      Zoras schlug die Lider nieder und besah sich des Kolibris, der stolz und gut sichtbar an ihrem Gewand befestigt war. In früheren Zeiten wurde Kassandra auch schon mit Schmuck behängt oder beschenkt, aber kaum eines dieser Geschenke besaß die Bedeutung und Symbolik dahinter wie dieser kleine Vogel.
      „Was ich also will…“, schlug er den Bogen und fing den Blick der Phönixin ein. Dann stellte er ganz viele Fragen und Kassandra fühlte sich wieder an den Anfang ihrer Gedanken zurückversetzt. „Ich will dich lieben, wenn du geliebt werden willst.“
      Das allerdings war so in dieser Formulierung neu.
      So neu, dass Kassandra sogar für einen Augenblick sichtlich stutzte. So hatte sie das ganze Thema noch nie gesehen. Für sie war es unabdingbar, dass Zoras sie liebte. Sie brachte ihm schließlich auch ganz ähnliche Empfindungen entgegen. Aber zu keinem Zeitpunkt hatte sie das Alles so gedreht, dass sie sich fragte, ob sie überhaupt geliebt werden wollte. Vergöttert und verehrt ja, sicher, das war schließlich ihre Natur. Aber geliebt werden…
      Kassandra sah auf Zoras‘ geöffnete Hand hinab. Hatte sie es gewollt, von Santras berührt zu werden? Er sollte sie auf eine ganze spezielle Art verehren, aber wollte sie, dass er sie genauso liebte, wie Zoras es wohl tat?
      Nun senkte die Phönixin den Blick und legte langsam, gar zögerlich, ihre Hand in seine. Er schloss seine Finger um ihre Hand, die erste, wahre Berührung seit der fatalen Nacht vor Wochen. Die Wärme, die sie an seiner Hand spürte, war die Gleiche wie jene von Santras. Das erkannte sie sofort.
      „Santras hat mich geküsst“, sagte sie schließlich unvermittelt, während sie noch immer die Hände betrachtete. „Deine Küsse haben sich anders angefühlt.“
      Sie schob seine Finger mit ihren gespreizten auseinander, um ihre Hand zu drehen und ihre Finger zwischen seine gleiten zu lassen. Dann schloss sie ihre verschränkten Hände. „Ich möchte geliebt werden, Zoras. Wenn man es einmal erfahren hat, ist es schwierig, es zu replizieren. Deswegen habe ich damals Shukrans Tod auch so betrauert. Deswegen werde ich auch deinen Tod irgendwann so betrauern. Aber du hast recht mit deiner Beobachtung, dass es zu einer Normalität geworden ist, die ich nicht… wünsche. Eine Ehefrau oder Mätresse wird zur Normalität. Aber ich bin eine Göttin und stehe niemals auf einer Stufe mit ihnen.“
      Sie sagte das völlig ohne Arroganz in ihrer Stimme. Es war vielmehr eine Tatsache, deren Aussprache eigentlich nicht von Nöten gewesen wäre. Während der Zeit auf Erden hatte Kassandra viel über Menschlichkeit und ihre Motivation gelernt. Manchmal ertappte sie sich dann dabei, dass sie es für selbstverständlich hielt, dass Menschen längst wussten, wie Götter dachten. Aber Zoras brachte ihr hierbei auch neue Dinge bei. Im Gegensatz zu Göttern waren Menschen nicht so weitsichtig. Sie konnten die Götter nicht einschätzen, immerhin hatten sie für gewöhnlich keinen Umgang mit eben jenen.
      „Manchmal denke ich an jene Zeit zurück, als du noch meine Essenz getragen hast. Ganz am Anfang, weißt du?“, begann sie und ein dezentes Lächeln umspielte ihre Lippen. „Da hat ein Blick von mir ausgereicht, damit dein Herzschlag sich überschlug. Eine Berührung, damit du in Schweißausbrüche gerätst. Ich weiß, dass du älter geworden bist, gewisse… Probleme dazugekommen sind. Aber ich wünschte, ich könnte diesen Zoras manchmal noch bei dir sehen."
      Bei den Gedanken daran wurde ihr tatsächlich ganz warm. Ja, das war etwas, was sie gern gewollt hätte und vermutlich nie wieder bekommen würde. Einfach, weil sie nicht Herrin der Zeit war. Sanft zog sie ihre Hand zu sich heran und nötigte Zoras dazu, einen Schritt näherzutreten. Noch immer berührten sie einander nur an ihren Händen, doch jetzt sah Kassandra zu Zoras auf, ihre Augen immer noch nicht mit dem gleichen Feuer wie vor ihrem Verschwinden, aber deutlich lebendiger als in den Gärten Paspateras.
      „Irgendwann habe ich mich gefragt, ob ich meinen Zauber verloren haben könnte.“