Salvation's Sacrifice [Asuna & Codren]

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    • Selbst mit der Schwellung konnte Zoras deutlich das rapide Wechseln von Gefühlen beobachten, das sich in Tevias Gesicht abspielte. Fast tat die Frau ihm schon leid; was dachte er sich hier schließlich schon, ihre Dienste annehmen zu wollen? Sie würde noch einen Herzinfarkt bekommen, ganz einfach deswegen, weil der Eviad von ihr persönlich bedient worden war.
      Aber zu seiner Überraschung fing sie sich - so gut es eben in dieser Situation auch möglich war.
      „Dann… müsstet Ihr aber hereinkommen.“
      "Das wäre wohl besser", stimmte er ihr zu. Auf der offenen Straße wollte er nicht riskieren, gesehen zu werden.
      „Das sollte kein Problem sein“, sagte sie prompt, die Augen riesig. Dann wirbelte sie herum - wobei sie ein quietschiges Geräusch von sich gab - um die Tür aufzuschließen. Zoras musste bei dem deutlichen Eifer, der ihre Hände ganz hektisch machte, lächeln.
      „Bindet Kassadra einfach an dem Wasserfass da vorn fest.“
      Er tat wie geheißen, murmelte seiner Stute zu, dass sie auch ja brav sein sollte, und folgte Tevia dann ins Innere ihrer Behausung.
      Die Einrichtung hätte Zoras vor zwei Jahren noch, als er als heimatloser Söldner durch Kuluar gereist war, als luxuriös empfinden können. Vor einem Jahr, als er als Anwerber auf den Titel bei den Leuten, denen er Gefallen erwiesen hatte, als Gast geschlafen hatte, hätte er es als beschaulich, aber gemütlich aufgefasst. Jetzt, nach einem halben Jahr in einem Palast, kam ihm die Hütte beengend und erdrückend vor. Nichts, wo er sich dauerhaft wohlgefühlt hätte.
      Für ihn war der Eintritt in die Behausung eine Offenbarung dessen, was er mittlerweile geworden war. Seine Gedanken galten hauptsächlich den Kleinigkeiten, die vermutlich niemandem auffielen und ganz sicher niemanden interessierten: In der Eingangstür war ein winziger Spalt, durch den man sicher Geräusche nach draußen hören konnte; der Holzboden machte Geräusche beim Drübergehen; es fehlten Farben, Glanz und Prestige; die kleinen Fenster schienen schmutzig - dabei waren sie einfach nur vom Wetter mitgenommen; unter dem Tisch lag ein Teppich, der als Brennmaterial sicher mehr Nutzen finden würde; die Decke war niedrig genug, dass man sie mit der Hand berühren konnte; die Farbe an den Wänden schien verblasst und ordentliche Lichtquellen waren hier auch nirgends angebracht. Tevia benutzte Kerzen als Licht.
      Zoras' erster Gedanke war, dass das hier seiner nicht würdig war. Er hatte das Gefühl, sich schmutzig zu machen, alleine davon, dass er hier stand.
      Als zweiten Gedanken schalt er sich selbst. Das war woher er gekommen war, sogar noch niedriger als das. Als Söldner - geschweige denn als Sklave - hatte er davon träumen können, ein festes Zuhause innerhalb von Stadtmauern zu besitzen.
      Beide Seiten in ihm rangen miteinander, als er langsam eintrat. Tevia bereitete dabei emsig und höchst fleißig alles vor.
      „Legt mir den Mantel einfach auf den Tisch. Ich mach‘ den Rest.“
      "Vielen Dank."
      Er warf einen Blick durch das Fenster, aber es ging nicht auf die Straße hinaus. Außerdem würde ihn bei dem fahlen Licht wohl sowieso niemand erkennen.
      Er zog ohne weitere Umschweife den Mantel ab und legte ihn gefaltet auf den hässlichen - auf den stabilen - auf den Holztisch. Wenn er gedacht hatte, dass Tevia sich gleich vergewissern würde, dass nach den beiden Malen wirklich der Eviad hinter der Verkleidung steckte, hatte er sich getäuscht. Die Frau sah unentwegt den Boden an, schnappte sich ihren kleinen Zuber und rannte förmlich davon.
      Zoras blieb für einen Moment zurück in der kleinen Wohnung. Er hatte sich eine Halterung um die Flanke geschnallt, die sowohl seine darunter liegenden Gewänder zusammenhielt, als auch den Dolch trug, den er extra für seinen Ausritt eingesteckt hatte. Tevia schien seine Waffe noch nicht bemerkt zu haben und er hoffte auch inständig, dass sie sie nicht als Bedrohung ansah. Oder es etwa als Zeichen wertete, dass selbst der Eviad sich nicht unbewaffnet auf die Straße traute. Gut, nach ihrem Vorfall würde sie ihm das wohl kaum vorhalten.
      Sein Blick schweifte durch das kleine Zimmer, als sie schließlich wiederkam und ihr Waschbrett aufstellte. Sie kippte das Wasser um und als Zoras sie da wieder ansah, begegneten sich zum ersten Mal ihre Blicke unverhüllt. Da sah Tevia so schnell wieder weg, dass ihre Haare geradezu flogen. Zoras glaubte, ihre gesunde Gesichtshälfte knallrot anlaufen zu sehen.
      Er schmunzelte ein wenig. Ob sie ihn vor zwei Jahren genauso angesehen hätte oder ob es an seinem Titel lag? Irgendwie wollte er gar keine Antwort auf diese Frage haben.
      „Bitte, setzt Euch doch."
      Sie zeigte auf einen der Stühle. Zoras folgte ihrem Blick und setzte sich gehorsam. Das Holz ächzte unter seinem Gewicht.
      Schnell redete Tevia weiter, als wolle sie von dem Geräusch ablenken.
      "Der Stoff muss erst einmal ein wenig einweichen… Habt Ihr es mit warmen Wasser versucht?"
      "Selbstverständlich. Mit heißem Wasser."
      "Bei Blut müsst ihr kaltes nehmen, sonst gerinnt es noch im Stoff.“
      Er blinzelte. Das hatte er nicht gewusst.
      "Ah."
      Dabei war das nicht das erste Mal, dass er Blut von seiner Kleidung waschen musste. Nur hatte er als Söldner natürlich immer mit kaltem Wasser gewaschen - und natürlich hatte er auch einfachen Zugang zu Waschmittel gehabt. Wer hätte schon denken können, dass Luxus einem solch simple Arbeiten zunichte machen konnte? Zoras fühlte sich gänzlich wie ein Adeliger, der noch nie in der freien Welt dort draußen unterwegs gewesen war und auf sich selbst hatte aufpassen müssen.
      Ob Tevia auch so von ihm dachte? Ob andere das vom Eviad dachten?
      Ob das schlimm war?
      Tevia warf ihm einen kurzen Blick zu, wie um sich abzusichern, dass er noch da war. Oder sie nicht anfallen würde. Ihr eines Auge war dabei ganz groß, ihr anderes bemühte sich, genauso groß zu werden.
      „Ihr kennt bestimmt keine Schrubberbretter. Das ist auch gar nicht schlimm, aber es erleichtert die Arbeit sehr. Ihr müsst die Kleidung dann so auflegen und dann die Rillen für Euch arbeiten lassen. Immer hin und her bewegen bis alles später eingeschäumt ist. Den Fleck nur sehr gezielt mit der Seife behandeln, manche Stoffe sind zu fein für die Bretter, aber das gilt nur für sehr hochwertige Kleider.“
      Zoras ließ sie reden, er ließ sie auch machen. Es war ihm irgendwie eine willkommene Abwechslung, einer so einfachen Arbeit zuzusehen. Dabei musste man nicht daran denken, ob der Ärmel irgendetwas im Schilde führte oder ob er sich gleich aufrichten und an seine Kehle gehen würde; es war einfach nur ein Mantelärmel, den man über das Brett schob, um den Fleck sozusagen rauszupressen. Dabei gab es keine Taktik und auch nichts, was man falsch machen konnte. Zumindest nicht bei dem groben Stoff des Mantels.
      Zoras antwortete darauf nichts, sondern sah ihr einfach nur zu. Sie schien seinen Blick am ganzen Körper zu spüren.
      „Ich würde einen Sud aufsetzen, aber ich fürchte, ich strapaziere dann Euren Zeitplan gehörig. Haltet nur einen Augenblick aus, bis ich den Fleck aus dem Mantel habe.“
      "Nein, lieber keinen Sud. Aber keine allzu große Eile, ich bin mir sicher, dass du bereits dein bestes gibst."
      Davon schien sie wieder einem Aufwallen von Gefühlen zu unterliegen und Zoras erkannte, dass sein Blick auf ihr sie vermutlich nur noch nervöser machte als es gut war. Also wandte er den Blick ab und sah stattdessen die Wand empor auf das alte Halfter, das dort hing.
      "Ist das dein Halfter? Hattest du auch mal ein Pferd?"
      Da musste er gleich wieder an die hübsche Schale in seiner Tasche denken. Er mochte den Fuchs einfach so sehr.
      "Hast du den Kranz an deiner Tür auch selbst gemacht? Den Hufkranz?"
    • Tevia begann damit, den Fleck mit Gallseife zu bearbeiten. Durch das ganze misslungene Auswaschen von Zoras hatte sich der Fleck nur noch mehr in die Fasern gesetzt und bedurften nun ehrlicher Handarbeit.
      Das winzige Lob, was eigentlich gar keines war, beflügelte die Waschfrau dennoch ungemein. Das Lächeln schien sich in ihrem Gesicht regelrecht festgefressen zu haben, ebenso wie das warme Gefühl in ihrem Bauch.
      „Ist das dein Halfter? Hattest du auch mal ein Pferd?“, fragte er schließlich, um die aufkeimende Stille in der Hütte zu unterbinden.
      Noch immer lächelte Tevia. „Ja und nein. Wie Ihr sehen könnt, gehört das Halfter dort zu einem Pony. Als mein Vater mich damals zu den Ställen mitnahm, konnte er mich nicht ständig beaufsichtigen. Also hat er irgendwann damit begonnen, mir sein Handwerk beizubringen und da gab es dieses kleine Pony. Es war ein Tigerschecke…“ Sie sah kurz auf und sah das erste Mal, wie Zoras fragend eine Augenbraue hob. Dieser Gesichtsausdruck war ihr neu und sie hätte sich wohl nie daran sattsehen können. Also senkte sie wieder den Blick, bevor sie das Starren anfing und erklärte ihm das Wort für diese Farbe. „Solange ich da war, durfte ich mich mit Nimsi beschäftigen. Sie war zu klein, nur ein Beisteller. Aber ich habe sie geliebt. Als ich älter wurde und nicht mehr mitkommen musste, durfte ich das Halfter behalten. Als Andenken sozusagen. Ich schätze, es war Eshos Vater, der es meinem Vater überlassen hatte.“
      Daher mochte Tevia von den Ratsmitgliedern auch Esho am meisten. Egal, ob er kampfwütig war oder sehr verschrobene Ansichten teilte. Im Kern dachte sie zu wissen, wer er war und woher er kam und sympathisierte mit ihm.
      „Wir hatten nie das Land oder das Geld für eigene Tiere. Die Haltung ist aufwendig und wenn man den ganzen Tag arbeiten muss, vernachlässigt man sie nur. Daher gab es für uns weder Pferd noch Schwein noch Hund.“
      Damit hatte sie sich abgefunden. Solange sie im Palast arbeitete und hin und wieder in die Ställe verschwinden konnte, um die prächtigen Tiere dort zu sehen, war es ihr genug. Dass sie nun sogar das Pferd des Eviads hin und wieder bewegen durfte, war der reinste Glücksfall für sie gewesen.
      „Hast du den Kranz an deiner Tür auch selbst gemacht? Den Hufkranz?“
      Tevia drückte den Stoff wieder ins Wasser und sah dann zu Zoras auf. In diesem Moment war die Scheu verschwunden und auch die Scham über ihr eigenes Äußeres. Ihre funkelnden Augen trösteten über ihr geschwollenes Gesicht hinweg und schienen mehr Licht in die Hütte zu bringen, als es die Kerzen vermochten. „Ja! Er ist nicht geschweißt, sondern mit Drähten verwoben. Das sind alles Eisen aus den Ställen, die der Schmied eigentlich entsorgen wollte. Ich fand sie noch sehr schön und habe sie über Wochen gesammelt, bis ich genug hatte. Ich empfand es als etwas Besonderes, wenn man sich all diese ähnlich aussehenden Hütten ansieht.“
      Dann senkte sie wieder den Blick und schrubbte weiter an dem Ärmel. Immer wieder hielt sie den Stoff gegen das Licht der Kerze und überprüfte, ob sich der Fleck schon aufgelöst hatte. Schließlich befand sie, dass sich der Fleck in diesem Licht nicht mehr abzeichnete. Ob es gereicht hat, würde sich erst zeigen, wenn der Mantel trocken war. Zufrieden wusch und wrang sie ihn aus, um ihn anschließend über eine Stuhllehne zu hängen.
      „Ich würde empfehlen, ein bisschen zu warten bis er nicht mehr triefnass ist. Wenn das genehm ist“, sagte sie zu Zoras und setzte sich endlich auch einmal. Seit sie die Taverne verlassen hatten, war sie unentwegt auf den Beinen gewesen. Sie schwieg, aber schloss kurz die Augen, als sie ihre Beine ausstrecken konnte und sich das Gewicht von ihren Füßen löste. Dann sah sie verstohlen zu Zoras hinüber.
      „Da Ihr mit der Gallseife nicht erfolgreich gewesen wart, schätze ich, das Päckchen ist gut bei Euch angekommen? Wie findet Ihr die Mitgift?“
    • Tevia begann ihre kleine Geschichte über das Halfter und das damit verbundene Pony und Zoras erwischte sich dabei, wie er aufmerksam zuhörte. Es war so simpel, so eine leichte Geschichte, fast wie eine Kindergeschichte. Nichts, wobei man viel nachdenken musste - mal abgesehen von dem neuen Wort, das er dabei lernte. Tigerschecke. Es war sogar nichtmal so schwierig auszusprechen und so wiederholte er es gleich, nachdem sie es ihm erklärt hatte.
      Überraschend war, dass es gerade Eshos Vater gewesen war, der das Halfter dem Stallmeister überlassen hatte. Zoras hatte den Mann an einem der Feste kennengelernt und hielt ihn für einen strengen, disziplinierten Mann. Er hätte sich kaum vorstellen können, dass so jemand viel mit seinen Bediensteten zu tun hatte.
      Umso besser daher für Tevia und auch ihren Vater. Vielleicht sollte Zoras auch damit anfangen, den Ratsmitgliedern etwas Freundlichkeit entgegen zu bringen. Das, was er selbst ständig bei allen vermisste.
      Als er den Hufkranz ansprach, konnte er beobachten, wie ihr Gesicht regelrecht aufleuchtete. Das konnte selbst die Schwellung nicht übertönen. Hier fand sich ihre Leidenschaft wieder.
      "Es ist etwas besonderes. Mir gefällt er. Er erinnert mich ein wenig an eine Figur, die mein Neffe -"
      Er stutzte, brach ab. Stimmt ja, er hatte Tevia erzählt, dass er keine Geschwister hatte.
      Auch egal. Das war sowieso nicht die erste Lüge, die zwischen ihnen ausgetauscht worden war.
      "Die mein Neffe einmal aus Hufeisen gebaut hat. Sein Kreis war aber mehr verzerrt als dein Kranz."
      Der Hauch eines Lächelns glitt über sein Gesicht. Dann dachte er daran, dass Teal damals vielleicht 6 gewesen war, während er jetzt, wie alt genau war? 20 Jahre alt? Da war das Lächeln auch schon wieder fort.
      Tevia schrubbte derweil fleißig am Ärmel herum, bevor sie ihn endgültig vom Bett nahm. Bis zum Ellbogen und ein wenig hinaus war der Ärmel dunkel, sehr viel mehr, als Zoras es versucht hatte.
      „Ich würde empfehlen, ein bisschen zu warten bis er nicht mehr triefnass ist. Wenn das genehm ist.“
      Zoras hatte zwar nichts dagegen, mit nassem Ärmel durch die Nacht zu reiten, aber es sträubte ihm auch, sofort aufzubrechen. Er mochte die Idylle, die die Behausung ihm bot. Belanglose Gespräche neben belanglosen Arbeiten, das war eigentlich genau das, wonach er gesucht hatte.
      "Es wird schon in Ordnung sein. Wie viel Uhr ist es?"
      Tevia fand es für ihn heraus. Er war schon anderthalb Stunden vom Palast fort. So sehr in Ordnung war es dann doch nicht mehr, denn er hatte noch den gesamten Rückweg vor sich. Die Wachen wurden sicher jetzt schon unruhig, nachdem sie nicht wussten, ob es richtig war, an ihren Posten zu bleiben oder anzufangen, sich nach dem Aufenthaltsort des Eviads zu erkundigen. Vielleicht würde er irgendjemanden mal in seine nächtlichen Ausritte einweihen müssen, damit er nicht doch einen Alarm riskierte. Zavion zum Beispiel. Guter, tüchtiger Zavion, der sicher diskret darüber bleiben würde.
      Er seufzte.
      "Einen Moment geht noch. Dann werde ich gehen müssen."
      „Da Ihr mit der Gallseife nicht erfolgreich gewesen wart, schätze ich, das Päckchen ist gut bei Euch angekommen? Wie findet Ihr die Mitgift?“
      Da hellte sich seine Miene gleich auf.
      "Oh, sehr schön. Die Pferde sind wundervoll."
      Er griff in seine Tasche und holte die Hälfte der Schale hervor. Der Fuchs hatte das Bein angewinkelt und den halben Körper in die andere Richtung gedreht, als würde er gleich dorthin galoppieren wollen. Geschmeidig und lebendig wirkte das kleine Bildchen, auch wenn es natürlich nicht mehr als nur ein Bild war. Roran war auch geschmeidig und lebendig gewesen.
      "Der... hm. Wie heißt er hier?"
      Er zeigte ihr die Schale und den Fuchs. Tevia sagte es ihm.
      "Wie? Fuis? Nein, nochmal."
      Sie wiederholte es noch zweimal für ihn, ganz langsam, als spräche sie mit einem Kind, bis Zoras es einigermaßen gegriffen hatte. Er hasste diese manchmal so verschlungenen, kuluarischen Wörter.
      "Fu-chs. Fuchs. Der Fuichs gefällt mir besonders. Die Bewegung, die er gerade macht."
      Er sah die Schale noch einmal an, dann zeigte er sie wieder Tevia.
      "Wie heißen die anderen beiden?"
    • Hätte der Eviad es auch nur gewagt, ihren Kranz als nicht besonders zu beschreiben, so hätte Tevia dem Mann wohl eine Lehre erteilen müssen. Zum Glück tat er es nicht, sondern sagte ihr sogar, dass er ihm gefalle. Dann fuhr er fort, sprach etwas an, dass die Waschfrau kurz aufhorchen ließ. Sie erinnerte sich, dass Zoras ihr gesagt hatte, keine Geschwister zu besitzen. Dass er jetzt wie selbstverständlich von einem Neffen zu reden begann und dann abbrach, bedeutete, dass er sie angelogen hatte. Aber das nahm Tevia ihm nicht übel. Schließlich bedeutete das lediglich, dass er ihr misstraut hatte und es womöglich noch immer tat. Es gab keinen Grund, es nicht zu tun. Nach dem Anschlag, der selbst unter den Reihen der Bediensteten für Angst und Bange gesorgt hatte, war das nicht mal zu verübeln.
      „Wenn der Junge noch nicht alt war, dann ist selbst ein Oval ein Anfang. Erst einmal auf die Idee zu kommen, etwas aus Eisen oder Abfall zu erschaffen, ist schon in jungen Jahren eine Leistung“, bemerkte Tevia, der man eine Güte in der Stimme anhören konnte. Je länger sie sich über solch triviale Sachen unterhielten, umso mehr verlor sie von ihrer Nervosität.
      Sie wrang den Ärmel ein weiteres Mal aus, um den Vorgang zu beschleunigen. Vielleicht hätte sie vorher ja ein Feuer entzünden sollen… Nun, das konnte sie ja immer noch machen. Jedenfalls, wenn Zoras ihre Frage nach der Mitgift gut auffassen würde.
      „Oh, sehr schön. Die Pferde sind wundervoll.“
      Das allein machte die Frau schon glücklich. Zwar war sie nicht diejenige gewesen, die die Malerei vollbracht hatte, aber die Idee dahinter war die ihre gewesen. Als sie jedoch sah, dass Zoras den Unterteil der Schale sogar bei sich trug, erschien Erstaunen auf ihrem Gesicht. Die höchste ihrer Hoffnungen war es gewesen, dass es die Schale bis irgendwo in das persönliche Gemach des Eviads geschafft hätte. Dass er es aber sogar bei sich trug, war wesentlich verblüffender. Wieso trug er Töpferware mit sich herum? Hatte er Angst, dass es entdeckt und nachgefragt werden würde? Wollte er nicht preisgeben, woher er diese Gabe hatte?
      „Der… hm. Wie heißt er hier?“
      Tevia beugte sich ein wenig zu Zoras herüber. „Der Fuchs? Der rote?“
      „Wie? Fuis? Nein, nochmal.“
      Tevia schmunzelte und tat wie geheißen. Sie sprach es langsam aus, zeichnete es auf dem Tisch parallel nach und wies den Mann an, an entsprechender Stelle einen Vokal länger zu ziehen als die anderen. Zu wissen, dass sie ihm gerade ein Wort beibrachte, ließ ihr wieder warm und wohlig zumute werden.
      „Fu-chs. Fuchs. Der Fuichs gefällt mir besonders. Die Bewegung, die er gerade macht.“ Er betrachtete die Schale, während Tevia leise kicherte. Er zeigte ihr die Schale. „Wie heißen die anderen beiden?“
      Sie kratzte sich ein wenig an der Nase. „Der Schwarze ist ein Rappe. Rappe, nicht Rahlpe. Ra-ppe. Ihr müsst die Silben in der Mitte fast zusammenfließen lassen. Probiert es nochmal… Ja, das klingt schon besser.“ Da stand sie auf und ging zu der Feuerstelle, wo sie sich hinhockte und Scheite aus dem Fach daneben in die Stelle schichtete. Den Zunder verteilte sie in der Mitte und nahm sich eine Kerze von oben, um ihn anzufeuern. „Der Weiße ist ein Schimmel. Ja, ich weiß, das ist ein furchtbares Wort. Da müsste Ihr die Zunge so halb einrollen und gegen die Zähne von ihnen drücken, damit der Laut passt. Den müsst Ihr vermutlich öfter üben als den Fuichs.“
      Jetzt, wo er es nicht sah, grinste sie wirklich über beide Ohren, während das Feuer langsam das Holz zu fressen begann. Ein bisschen Luft pustete sie dem wachsenden Feuerquell zu, damit er schneller an Stärke gewann und den Stein über sich erhitzte.
      „Kassadra ist eine Rotbraune. Deswegen dürfte Brauner auch leichter für Euch zu sagen sein“, fügte Tevia hinzu und holte den Mantel vom Stuhl, um den Ärmel auf dem Stein über dem Feuer auszubreiten. „Ich hatte mir das alles auch ein bisschen anderes vorgestellt. Ich hatte gedacht, ich habe schnell eigene Kinder, die sich auch so sehr für Pferde interessieren. Jetzt kann ich nur einer guten Frau ihre Ohren vollsülzen und die interessiert sich nun wirklich nicht für Pferde. Sie ist der Meinung, die würden nur stinken und wenn ich versuche ihr zu erklären, dass Stallgeruch und Pferde etwas gänzlich anderes sind, schaut sie mich immer so skeptisch an.“
      Tevia lachte leise auf. Sie konnte sich sehr gut an die Grimassen erinnern, die Ghanda jedes Mal schnitt, wenn sie von Pferden begann zu reden. Es änderte aber nichts an ihrer Art, dass sie trotz des Desinteresses ihrer Freundin immer ein Ohr schenkte. Eine gute Frau in schweren Zeiten eben.
    • „Der Schwarze ist ein Rappe."
      "Rahlpe."
      "Rappe, nicht Rahlpe."
      "Rallpe?"
      "Ra-ppe."
      "Ra-appe."
      "Ihr müsst die Silben in der Mitte fast zusammenfließen lassen."
      Zusammenfließen? Zoras' Zunge beschwerte sich schon bei dem Wort.
      "Probiert es nochmal…"
      "Ra-ppe."
      "Ja, das klingt schon besser.“
      Das hörte sich schon fast an wie die sanften Zurechtweisungen seiner Lehrer, wenn er das Wort völlig falsch aussprach. "Es wird schon besser" und "Ihr habt den richtigen Willen" stand dabei auf der Tagesordnung, womit sie eigentlich nur ausdrückten, was Kassandra in ein einziges Wort packen konnte: "Falsch". Dafür schien Tevia aber aufrichtig erheitert über seine Fehlschläge zu sein.
      „Der Weiße ist ein Schimmel."
      Zoras konnte das Stöhnen bei dem Wort einfach nicht unterdrücken. Er wollte es nach dem einen Mal hören schon gar nicht lernen.
      "Ja, ich weiß, das ist ein furchtbares Wort. Da müsste Ihr die Zunge so halb einrollen und gegen die Zähne von ihnen drücken, damit der Laut passt. Den müsst Ihr vermutlich öfter üben als den Fuichs.“
      Bitte wie? Zoras versuchte sich ganz pragmatisch daran, genau das zu tun, was sie ihm beschrieben hatte.
      "... Skill. ... Das war nicht richtig, oder? Auch egal, ich werde es schon ein andermal lernen."
      Tevia hockte sich gerade vor ihrem Feuer hin, um es in die Höhe zu treiben. Eigentlich war es hier drinnen warm genug, aber Zoras wollte nichts dagegen einwenden.
      „Kassadra ist eine Rotbraune. Deswegen dürfte Brauner auch leichter für Euch zu sagen sein.“
      "Brauner, ja. Das kann ich. Immerhin."
      Er schmunzelte selbst, dann breitete Tevia den Ärmel über dem Feuer aus. Ah, dafür hatte sie es angedacht. Er wäre selbst gar nicht darauf gekommen.
      „Ich hatte mir das alles auch ein bisschen anderes vorgestellt. Ich hatte gedacht, ich habe schnell eigene Kinder, die sich auch so sehr für Pferde interessieren. Jetzt kann ich nur einer guten Frau ihre Ohren vollsülzen und die interessiert sich nun wirklich nicht für Pferde. Sie ist der Meinung, die würden nur stinken und wenn ich versuche ihr zu erklären, dass Stallgeruch und Pferde etwas gänzlich anderes sind, schaut sie mich immer so skeptisch an.“
      Tevia lachte leise und Zoras lächelte zurück. Wie unglaublich stark er es doch nachvollziehen konnte, der Wunsch nach Kindern und auch noch nach jemandem, mit dem er seine Leidenschaft teilen konnte. Zwar war Zoras' Vorstellung etwas spezifischer, nämlich Kinder, die in die Kavallerie einstiegen, so wie er auch, aber im Grunde war es dasselbe. Und im Grunde teilten sie auch dieselbe Meinung über den Stallgeruch. Kalea hatte ihn immer geschimpft, wenn er den Geruch bis in den Audienzsaal getragen hatte. Das würde sie auch wieder, wenn er Zeit dazu fände, Kassadra öfter zu besuchen.
      "Gibt es denn wirklich keinen Stallburschen? Ich meine das nicht abwertend", setzte er schnell hinzu und hob abwehrend eine Hand, "sondern ganz in deinem Interesse. Wenn du dich mehr mit Pferden auseinandersetzen möchtest, ist das deine Gelegenheit dazu. Ansonsten..."
      Er zuckte mit den Schultern.
      "In dieser Stadt gibt es nicht viele Möglichkeiten, alle Pferde sind irgendwie in Ställen untergebracht. Du müsstest schon auf einem Gestüt arbeiten wie dein Vater. Möchtest du das nicht? Muss es wirklich der Palast sein?"
    • Sorgsam strich Tevia den Ärmel über den Stein glatt, damit sich keine Falten einnisteten.
      „Vielleicht werde ich irgendwann ja genötigt sein, einen der Burschen fragen zu müssen, wenn ich im hohen Alter nicht allein sein möchte. Dies aber nur zu tun, weil sie in den Ställen arbeiten… Ich weiß nicht. Es mag verträumt sein, aber ich habe mir immer etwas… mehr erhofft, wisst Ihr? Nicht was die Arbeit belangt oder die Abstammung. Einfach das Gefühl.“
      „In dieser Stadt gibt es nicht viele Möglichkeiten, alle Pferde sind irgendwie in Ställen untergebracht. Du müsstest schon auf einem Gestüt arbeiten wie dein Vater. Möchtest du das nicht? Muss es wirklich der Palast sein?“, fragte Zoras völlig verständlich nach.
      Tevia drehte sich um und lehnte sich an die Kochstelle an. Ihre Hände hatte sie wieder vor ihrer Schürze gefaltet in einer völlig harmlosen Geste. Nun wagte sie es doch, den Mann anzusehen, der an ihrem Tisch saß und die Schale noch immer vor sich ausliegen hatte. Es stimmte… wann immer sie ihn ansah, fühlte sie sich leichter. Wann immer sie ihn ansah, schien der Abend mit den Soldaten in weite Ferne zu rücken.
      „Es muss der Palast sein“, bestätigte sie mit einer Entschlossenheit, die unter Wissenden wohl verraten hätte, wieso. Doch für Zoras gab sie eine andere Erklärung ab. Einfach, weil alles andere eine viel zu große Grenzüberschreitung wäre. „Nur dort sind diese prächtigen Linien vertreten. Jedes Pferd hat seinen Charm und seinen Wert, seinen Charakter und sein Wesen, aber unbedeutende Leute wie ich würden anders nie auch nur in ihre Nähe kommen. Ich müsste bei anderen Gestüten vermutlich in den gleichen Bereichen arbeiten wie hier, aber dadurch, dass sie weniger Tiere halten als der Palast und dazu noch meist mehr mit ihnen tun, kann ich im Palast wenigstens die Chance erhaschen, mit einem Pferd zu arbeiten. Wie eben mit Kassadra.“
      Tatsächlich war dies wirklich der Grund gewesen, warum Tevia im Palast angefangen hatte. Vor sieben Jahren war die Chance, im Palast zu arbeiten, eine sichere Arbeitsstelle ohne die Sorge, in zwielichtige Bereiche abzufallen. Nur hier konnte sie vor oder nach der Arbeit in die Ställe und ein wenig Zeit mit den Tieren verbringen, ohne für großes Aufsehen zu sorgen. Außerdem hätte sie sonst nie die gute Ghanda getroffen, die war ihre Vorgesetzte, aber zeitgleich auf Freundin war.
      Doch seit kurzem gab es da noch etwas anderes. Es traf sie wie ein Blitz, als plötzlich dieser Mann aufgetaucht war und sein Recht als Eviad verkündet hatte. Jeder war damals interessiert zu erfahren, wer dieser Mann war und ob es stimmen könnte. Vielen waren skeptisch, weil er mit einer Göttin hereinmarschiert kam. Aber Tevia hatte bei den Kundgebungen in der Stadt lediglich einen Mann um die vierzig gesehen. Ein Mann, der wusste, wohin er wollte, der vom Leben gezeichnet war und Dinge erlebt hatte, die sich Adelige niemals vorstellen konnten. Sie hatte die Narben auf seinem Körper gesehen und scharf die Luft eingesogen, als sie sich vorstellte, wie es dazu wohl gekommen war. Sie hatte seine Reden gehört, anfangs noch abgehackt und undeutlich, doch mit der Zeit wurde seine Sprache immer besser und sie bemerkte, dass sie einfach nur stundenlang seiner Stimme lauschen konnte. Ghanda war es am Ende gewesen, die Tevia die Augen geöffnet hatte und ihr zeitgleich eingebläut hatte, ihren Gefühlen niemals und unter keinen Umständen nachzukommen. Es könnte sie sonst den Kopf kosten.
      Trotzdem stand sie jetzt hier in der Hütte und trocknete gerade den Mantel, an dessen Ärmel ihr Blut geklebt hatte. Vor ihr saß genau der Mann, von dem sie nie gedacht hätte, auch nur ein Wort mit ihm wechseln zu können. In genau diesem Augenblick lagen seine dunklen Augen auf ihr und sie konnte sich den Gedanken nicht erwehren, wie es wohl sein mochte, wenn er sie nicht nur als Bedienstete ansah, sondern als Frau, die sie war.
      „Darf ich eine andere Frage stellen?“, sagte sie dann leise und in ihrem Gesicht sah man, dass ihr sehr wohl bewusst war, dass es wieder eine Frage war, die persönlicher Natur war. „Ihr habt in den Ställen in einer anderen Sprache mit Kassadra gesprochen. Ich habe so eine Sprache noch nie gehört und es hätte mich einfach interessiert, woher die stammt. Ich muss gar nicht das Land erfahren, Die Himmelsrichtung würde mir schon genügen. Ich bin seit meiner Lebzeit hier in Kuluar und… ach, es klingt einfach so spannend. Der Gedanke, viel gereist zu sein. Was auch immer Ihr da gesprochen habt, klingt so viel härter als kuluarisch…“ Sie nestelte an ihrer Schürze herum in der Hoffnung, dass Zoras ihr diese Frage nicht übelnahm. Aber das gewöhnliche Volk wusste nicht, woher der Eviad eigentlich genau gekommen war. Nur, dass er eine lange Reise unternommen hatte. Alles andere verschwand im Nebel der Verschwiegenheit.
    • „Es muss der Palast sein“, entgegnete Tevia mit einem Ehrgeiz, der den Ratsmitgliedern alle Ehre gemacht hätte. Zoras konnte es ja verstehen, der Drang, den Mächtigen nahe zu sein, darauf zu hoffen, etwas von ihrer Gunst abzubekommen; aber mit einem solchen Eifer hatte auch er nicht gerechnet. War die Arbeit im Palast besonders angenehm? Wurde genug gezahlt? Wollte man den Göttern nahe sein?
      Tevia gab ihm dafür die simple Erklärung ab, dass es die reinrassigen Pferde waren und die große Auswahl, die sie in den Ställen dort erwartete. Das war ein guter Grund, wie Zoras sich vorstellen konnte, wenn man wirklich so vernarrt auf die Tiere war. Dabei wurde im königlichen Stall nicht gezüchtet und nicht ausgebildet, dort warteten die Tiere nur ab, bis sie einen Reiter tragen oder eine Kutsche ziehen durften. Für Tevia war es damit auch so einfach, sich ihnen anzunähern und mit ihnen zu interagieren.
      Das konnte Zoras verstehen, auch wenn es die Sache mit der Familie hintenan stellte. Er wusste nicht, ob er es genauso gehandhabt hätte. Vielleicht wäre ihm eine Frau, die nichts mit Pferden zu tun hatte, lieber als gar keine Frau. Zumindest eine, die ihm Kinder gebären konnte.
      "Das verstehe ich. Die Tiere im Stall sind einzigartig."
      Zumindest da konnten sie sich einig sein.
      "Darf ich eine andere Frage stellen?", kam es da etwas verhalten, wobei Zoras schon mit dem schlimmsten rechnete. Er würde keine verfänglichen Fragen beantworten oder welche, die sich um den Palast drehten. Er war sich ganz allgemein nicht sicher, ob er nicht schon viel zu viel gesagt hatte.
      "Nur zu."
      „Ihr habt in den Ställen in einer anderen Sprache mit Kassadra gesprochen. Ich habe so eine Sprache noch nie gehört und es hätte mich einfach interessiert, woher die stammt. Ich muss gar nicht das Land erfahren, Die Himmelsrichtung würde mir schon genügen. Ich bin seit meiner Lebzeit hier in Kuluar und… ach, es klingt einfach so spannend. Der Gedanke, viel gereist zu sein. Was auch immer Ihr da gesprochen habt, klingt so viel härter als kuluarisch…“
      Sie wusste nicht, woher er kam? Das verwunderte Zoras, denn er hatte gedacht, dass sein ganzes Leben bereits in einer einzigen Geschichte durch das Land gefegt war. Immerhin hatte Dionysus sich immer so große Mühe gegeben, ihn genau darauf hinzuweisen, dass nichts von seiner dunklen Vergangenheit unerkannt blieb. Der letzte Beweis dafür war an verstopften Blutvenen gestorben.
      Ganz anscheinend schien aber das gewöhnliche Volk nichts zu wissen - und das war vielleicht auch gut so. Trotzdem, welchen Nachteil hätte es schon, Tevia zu erzählen, woher er kam? Es war ja nicht so, dass die einfache Frau eines Tages bis nach Theriss reisen und dort Unheil anstellen könnte. Nicht so wie Dionysus.
      "Weiß man das nicht? Ich hatte gedacht, alles über mein Leben sei schon reichlich verbreitet worden."
      Das sagte er ohne jeden Vorwurf oder schlechten Willens. Er hatte es einfach wirklich gedacht.
      "Ich komme aus Theriss. Das ist ein Land sehr weit im Westen. Ich habe viele Monate gebraucht, bis ich hierhergekommen bin."
      Eigentlich sogar ein ganzes Jahr, das er aber über die Umwege seiner Sklaverei durchquert hatte. Gemessen daran, dass Dionysus Velius binnen sechs Monaten - oder sogar weniger - aufgetrieben hatte, konnte der Weg auch sehr viel schneller gemeistert werden.
      "Es haben bislang nur wenige davon gehört, es würde mich nicht wundern, wenn es auch dir nichts sagt. Ich hatte dafür auch noch nie etwas von Kuluar gehört, bis ich mein Land verlassen habe."
      Eine Frage darüber, ob er wieder zurück in seine Heimat wollte, würde er nicht beantworten. Das sah Zoras als verfänglich an, denn sie brachte viele Implikationen mit sich.
      Tevia kam aber gar nicht dazu, danach zu fragen, denn in diesem Moment klopfte es an der Tür. Laut. Und Zoras fror ein.
    • „Weiß man das nicht? Ich hatte gedacht, alles über mein Leben sei schon reichlich verbreitet worden.“
      Da nickte Tevia. „Das stimmt. Es ist in der Tat ALLES verbreitet worden. So viel, dass jeder mittlerweile etwas anderes behauptet und niemand wirklich weiß, was nun die Wahrheit ist. Oder aber, man interessiert sich einfach weniger für das Geschwätz anderer.“
      Sie selbst hatte die hanebüchenen Erklärungen gehört, was mit Zoras wohl passiert sei und wie er an die Phönixin gelangt sei. Es gab immerhin schon das Gerücht, er habe mit der Phönixin gar ein Kind gezeugt. Aber darüber verlor sonst niemand weiter einen Kommentar und so wie es bislang wirkte, war das gar kein Kind, das Zoras oder die Phönixin zu missen schienen.
      Dann gab Zoras ihr eine Antwort auf die Frage und sie war gewillt, es als Wahrheit anzunehmen. Es stimmte, dass Tevia selbst nie das Land verlassen hatte oder auch nur große Kunde darüber besaß, welche Länder weiter als die angrenzenden entfernt lagen. Aber wenn er schon sagte, er sei Monate gereist, dann musste es sehr, sehr weit weg sein. Hatte ihm jemand denn gesagt, dass er hier in Kuluar eine Prophezeiung erfüllen würde? Irgendwie musste er ja an das Wissen dazu gelangt sein und sie schätzte diese Phönixin nicht so ein, als würde sie wegen einer einfachen Prophezeiung einen Menschen gesondert behandeln.
      Sie nahm es ihm auch gar nicht übel, nichts von Kuluar gehört zu haben. Da hatte er schon recht: es galt das Gleiche andersherum. Man konnte nicht alle Länder der Welt kennen, außer, man war ein Gott. Dessen war sie sich sehr bewusst und es stiegen ihr schon weitere Fragen in den Sinn, als es plötzlich an der Tür klopfte und Tevia zusammenzuckte, wohingegen Zoras jegliche Bewegung einstellte. Etliche Sekunden lang wurden sie in Stille getaucht, in der sie sich gegenseitig anstarrten. Tevia mit großen Augen, Zoras mit… sie konnte es nicht deuten.
      Hatte man ihnen doch nachgestellt? Hatte man Kassadra erkannt?!
      „Tevia?“, kam es von draußen in einem schroffen, aber nachfragenden Ton.
      Die Wäschefrau entspannte sich nicht, selbst wenn sie die Stimme sehr gut kannte. Immerhin saß hier gerade in ihrer Hütte der Eviad. Ohne Verkleidung oder sonst irgendwas. Es war ein Skandal, wenn Ghanda ihn hier bei ihr fand. Ein so großer Skandal, den vermutlich nicht mal die ergraute Frau zurückhalten konnte. „Es brennt Licht, das seh ich durch die Schlitze. Ich hab dir doch gesagt, dass du warten sollst.“
      Tevia biss sich auf die Unterlippe. Ihr Blick schoss zur Tür, dann zurück zu Zoras. Sie musste sich etwas einfallen lassen. „Ah…. Mh… Moment!“, rief sie dann, wobei die ersten beiden Laute eher an eine etwas… prekäre Lage erinnerten. Sie schoss Zoras einen entschuldigenden Blick zu, dann löste sie eilig ihren Zopf und schüttelte die blonden Haare aus. Die Schürze riss sie von sich und warf sie zu Boden. Noch während sie zur Tür eilte, schob sie sich einen Teil ihres Kleides über die Schulter und entblößte so einen Hauch Ansatz ihrer Brust. Gott bewahre, die Farce musste eben reichen.
      Vor reiner Nervosität ganz kurzatmig zog Tevia die Tür einen Spalt breit auf. Sie wusste, dass man den Tisch nicht sehen können würde, sondern nur die Kochstelle mit dem Mantel darüber zum Trocknen. Und natürlich ihre Schürze auf dem Boden.
      Ghada stand wie erwartet vor der Tür. Ihr Gesicht war für einen Moment sorgenvoll verzogen, doch als sie Tevia sah, mischte sich Wut mit hinein. „Also wirklich. Ich sagte dir noch, ich hole dich wieder ab, damit du nicht…“
      Ghanda brach ab, als die Tevia genauer musterte. Die ältere Frau sah die offenen, verwuschelten Haare. Dann das errötete Gesicht und schließlich hinab auf die entblößte Schulter. Dann schnappte ihr Blick wieder zurück zum Gesicht der jüngeren Frau. „Du…“
      Tevia biss sich wieder auf die Lippe und nickte zum Wasserfass herüber. Dort, wo Kassadra brav wartete und Gras um das Fass herum zupfte. „Ich habe… nun… Besuch.“
      Ghandas Blick wechselte abermals, aber Tevia konnte ihn nicht deuten. „Aus der Taverne?“
      „Aus der Taverne.“
      „Aha.“ War das Skepsis? „Dann… scheint er ja keine allzu großen Ansprüche zu haben.“
      „Oh, Ghanda, scher dich“, fuhr Tevia Ghanda scharf an, lachte kurz darauf jedoch kurz auf und winkte ihr dann. „Es ist alles gut, ich bin einfach nur ein bisschen… beschäftigt.“
      Das sehe ich“, erwiderte Ghanda grinsend und warf dann die Hände in die Luft. „Dass ich das noch während meiner Lebzeit erleben darf…“
      Tevia machte einen frustrierten Laut und warf die Tür dann wieder zu. Mit den Händen an der Tür wartete sie ab, bis sie sicher war, dass Ghanda wirklich gegangen war. Dann stieß sie einen lang angehaltenen Atemzug aus und fuhr sich mit der Hand durch die Haare, ehe sie ihr Kleid wieder richtete. Das war wirklich knapp gewesen. Wenigstens kam es ihr jetzt Ghandas mangelndes Interesse an Pferden zugute.
    • Tevias Augen weiteten sich vor Schreck und Zoras' Muskeln spannten sich an. Er war sich mit einem Mal des Messers bewusst, das in seiner Schlaufe hing und nur auf seinen Einsatz wartete. War das ein solcher Einsatz? Zoras konnte nicht einschätzen, wie hoch die Kriminalität in dieser Gegend war. Er wollte noch viel weniger einschätzen, wie wahrscheinlich es war, dass er erkannt worden war.
      Da ertönte eine Stimme von draußen:
      "Tevia?"
      Zoras beobachtete Tevia genau, als ihre Schultern etwas einsackten und sie sich etwas entspannte. Im Gegenzug starrte die Frau ihn an und versteifte sich unweigerlich wieder. In diesem Moment drückten ihre gemeinsamen Gedanken wohl mehr aus, als Worte es je geschafft hätten.
      „Es brennt Licht, das seh ich durch die Schlitze. Ich hab dir doch gesagt, dass du warten sollst.“
      Zoras rührte sich nicht, dafür waren aber seine Muskeln zum Reißen angespannt, um sofort aufzuspringen und seinen Mantel zu ergriffen, wenn er auch nur den Hauch einer Klinke vernehmen würde. Aber das gefürchtete Geräusch kam nicht.
      „Ah…. Mh… Moment!“
      Tevia biss sich auf die Unterlippe, eine Geste, die Zoras mittlerweile als Nervosität erkannte, und er kniff dafür die Augen zusammen. Vor einem Moment hatten sie noch dieselben Gedanken gehabt, jetzt wusste er wieder nicht, was in ihrem Kopf vorging. Das machte ihn selbst nervös.
      Für einen Moment glitt ein entschuldigender Ausdruck über ihr Gesicht, dann löste sie ihre Haare. Zoras saß noch immer unbewegt auf seinem Stuhl, unfähig eine Lösung zu finden, die keine drastischen Konsequenzen mit sich zog. Wenn, wer auch immer dort an der Tür klopfte, ihn hier entdeckte, dann war es Aus. Vorbei. Dann würde er wieder die Entscheidung fällen müssen, ob das Opfer eines Menschenlebens gerechtfertigt war, um das größere Übel abzuwenden.
      Tevia hatte derweil ihre eigene Entscheidung getroffen, warf die Schürze ab und rauschte an ihm vorbei zur Tür. Zoras traf seine eigene Entscheidung. Er sprang auf, der Stuhl kratzte hinter ihm forsch über den Boden, und Zoras schnappte sich seinen Mantel. Er warf ihn sich über im selben Moment, als Tevia die Tür öffnete.
      Eine Frauenstimme ertönte.
      „Also wirklich. Ich sagte dir noch, ich hole dich wieder ab, damit du nicht…“
      Zoras verschwand wieder im toten Winkel des Zimmers, der von der Tür aus nicht einsehbar war - keine Sekunde zu früh, wie er bemerkte. Noch knöpfte er sich den Mantel zu, während Tevia schon antwortete.
      „Ich habe… nun… Besuch.“
      Besuch. So, wie sie es aussprach, klang es schon fast...
      Zoras schnitt eine Grimasse. Bei den olympischen Göttern, wenn jetzt jemand herausbekam, dass er hier war, dann würden die Gerüchte explodieren. Sonst würden sie ihn vermutlich nicht so hart treffen, wenn Kassandra nicht wegen einer ganz ähnlichen Sache verschwunden war.
      Diesmal durfte er es nicht wegen den Gerüchten nicht riskieren, diesmal wegen Kassandra selbst. Wenn sie doch irgendwann, hoffentlich, zurückkommen würde.
      An dem kurzen, folgenden Gespräch ließ sich entnehmen, dass die Frau an der Tür Tevia die kleine Implikation abkaufte. Solange sie nur wieder verschwand, sollte Zoras es recht sein, und so wie aussah, tat sie es auch. Keine Minute später warf Tevia die Tür wieder zu.
      Zoras atmete aus. Sein Herz raste, als wäre er kurz davor gewesen, in den Kampf zu schreiten, und seine Hände prickelten. Der Ärmel war noch nass, aber auch warm. Darauf konnte er sich konzentrieren, während er sich wieder beruhigte.
      Tevia kam wieder zurück in den Raum. Sie sah schuldbewusst drein, als wäre es ihre Schuld gewesen, dass die Frau gekommen wäre. Zoras nahm ihr das nicht übel, sie hätte es schlichtweg nicht wissen können.
      "Das war zu knapp", stellte er überflüssigerweise fest. "Ich gehe besser gleich. Wir sollten die Götter kein zweites Mal herausfordern."
      Dagegen hatte Tevia rein gar nichts einzuwenden. Schließlich war auch sie in beträchtlicher Gefahr, wenn herauskommen würde, dass der Eviad bei ihr gewesen war.
      Da lächelte Zoras, auch wenn sie es unter der Kapuze nicht mehr sehen konnte.
      "Vielen Dank für den Mantel und auch für das nette Gespräch. Ich habe es sehr genossen."
      Er ging zur Tür, wo er selbst auch noch einmal einen Moment lauschte, ob die Besucherin noch davor stand. Er glaubte es nicht.
      "Halte dich von Soldaten fern, wenn möglich. Ich werde der Sache auf den Grund gehen."
      Er drehte den Kopf noch einmal in ihre Richtung, obwohl sie sein Gesicht natürlich nicht mehr sehen konnte, und schlüpfte dann in die Nacht hinaus. Dort wandte er sich ruhig und ohne Hast in Kassadras Richtung, darauf bedacht, in der Bewegung die Straße abzusuchen. Er sah niemanden, aber auf die Schnelle hätte er eine Schattengestalt auch leicht übersehen können. Trotzdem ging er zu seiner Stute, band sie los und schwang sich in den Sattel. Er zog in einem gemächlichen Trab ab und beschleunigte ein wenig, als er um eine Ecke gebogen war.
      Sein nächster Weg würde erstmal geradewegs zu der Gasse führen.

      Die beiden Soldaten waren wieder da und genau so, wie er sie schon beim Ankommen gesehen hatte, beide lässig gegen die Hauswand gelehnt. Zoras hatte abgebremst, als er sich der Gasse genähert hatte, und verfiel jetzt in einen langsamen, ruhigen Schritt, als er geradewegs auf die Männer zukam.
      Sie hatten ihn schon von weitem gesehen, rührten sich jetzt aber nicht, während sie ihn weiter beobachteten. Sie standen aus seiner Richtung am Anfang der Gasse, aber noch immer weit genug in ihr, um auf den ersten Blick übersehen werden zu können. Zoras ritt an die Gasse heran und zügelte Kassadra.
      Er hätte nicht hindurchreiten können - von der Breite her schon, allerdings wären die beiden Soldaten der Stute so nahe gewesen, dass es ihnen ein leichtes gewesen wäre, sie durchdrehen zu lassen oder gar zu verletzen. Das wollte Zoras nicht riskieren, auch wenn er nicht wusste, ob die Männer es riskieren würden. Sie mochten ihn nicht erkennen, aber in dieser Gegend ein Pferd zu besitzen, war eine Seltenheit. Sie mussten vorsichtig sein, ob er nicht doch einer der hohen Adeligen war. Wie recht sie damit nur haben würden.
      Aus der Entfernung versuchte er, ihre Farben zu erkennen, aber es war unmöglich. Es hätte alles sein können, selbst sein eigenes Türkis, was wohl am schlimmsten gewesen wäre. Aber abzusteigen und sich ihnen zu Fuß zu nähern, wollte er auch nicht - sie hatten Rüstungen und waren bewaffnet. Zoras war trotz allem immer noch ein einzelner Mann, mit nicht mehr als einem Messer ausgestattet.
      Der eine von ihnen regte sich und richtete sich aus. Zoras versuchte sich daran, sich die Gesichter zu merken, aber das war zwecklos.
      "Gibt's ein Problem?", rief der Soldat und auch der andere nahm ein bisschen mehr Haltung an. Es war nicht die Frage, die man stellte, um seine Hilfsbereitschaft zu zeigen, sondern zu implizieren, dass man besser darum tat, die Frage zu verneinen.
      Zoras gab ihnen gar keine Antwort. Er musterte sie einen Moment länger, dann wandte er Kassadra weiter. Er trieb sie wieder an und als sie wegtrabte, rief der eine ihm noch etwas hinterher, was er über den Lärm der Hufe nicht hören konnte. Vielleicht war das auch gut so.

      Zoras nahm sich fest vor, sich Esho deswegen vorzuknöpfen, aber die Realität war, dass das nur ein weiterer Punkt auf seiner Liste war, den er ganz hintenan stellen müssen würde. Vorher kam alles andere, dem er sich tagtäglich widmen musste und was doch nicht weniger zu werden schien. Überhaupt konnte er eh nichts machen, solange er den Mann nicht bei sich hatte. Es brachte ihn nichts, ihn wegen einer derartigen Lappalie aufzusuchen. Das lohnte sich zeitmäßig nicht, der ganze Weg, den er dabei zurücklegen müsste.
      Also ging er seinem normalen Tagesgeschäft nach, als es an seiner Tür klopfte und Zavion nach seinem Herein erschien. Er salutierte schnittig vor ihm und erbat Zoras' Aufmerksamkeit. Der war eigentlich mitten in einen Bericht vertieft und konnte einfach nicht anders, als genervt zu reagieren. Er hatte schlecht geschlafen in der Nacht, was keine sonderliche Überraschung war, und das viele alt-kuluarisch bereitete ihm schon Kopfschmerzen.
      Zavion informierte ihn darüber, dass es einen ungewöhnlichen Auflauf im Hof gab. Eine Menge Soldaten wären dort nach und nach eingetroffen und würden jetzt eine Art Aufruhr veranstalten, die sogar in die Räume hinein zu hören war. Er hätte schon versucht, das Chaos zu schlichten, aber es sei nicht zu bändigen gewesen. Jemand höherrangiges sollte sich dem vermutlich annehmen und nachdem der Rat nicht mehr im Palast war, blieb nur noch Zoras übrig.
      Zoras rieb sich die Schläfen. Er hatte keinen Nerv übrig für solche Kinderspielchen; er war froh gewesen, dass die Spielchen mit dem Rat weniger geworden waren.
      "Wenn ich in fünf Minuten nicht wieder hier sein kann, wird jemand verantwortlich gemacht und gefeuert."
      Damit stand er auf und marschierte energisch nach draußen.
      Zavions Beschreibung von dem Tumult im Hof war ein wenig untertrieben gewesen. Es war ein ganzes Chaos, das ihn dort erwartete; laut, überfüllt und völlig fehl am Platz. Es war ein Wunder, dass er es selbst noch nicht mitbekommen hatte.
      Seine sechs Gardisten bildeten einen Kreis um ihn, mit dem sie jetzt ganz selbstverständlich ihre eigenen Männer aus dem Weg zu schieben begannen. Es waren hauptsächlich uniformierte Soldaten, die hier standen und grölten, als gäbe es kein Morgen mehr. Es war keine Uniform der Palastwache, sondern die Rüstung der Straßenpatrouillen.
      Zoras wurde mit jeder Sekunde, die der Lärm anhielt, ungehaltener und zorniger. Als ein Gardist vor ihm seinen Ellbogen einsetzen musste, um sich Platz zu verschaffen, und der gestoßene Mann trotzdem nicht zur Seite wich, riss ihm endgültig der Faden.
      "AUS DEM WEG! SOFORT!"
      Köpfe drehten sich nach ihm um und augenblicklich wurde ein wenig enthusiastischer Platz geschaffen. Es war noch immer nicht viel, aber zumindest genug, dass seine Gardisten sich besser durchkämpfen konnten.
      Zoras ließ sich von ihnen den Weg hindurch bis zum Mittelpunkt freimachen.
      "Was ist hier los?!"

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    • Der Tumult auf dem Trainingsplatz war schon früh losgegangen. Kaum hatten die ersten Soldaten mitbekommen, dass es eine Vorführung gab, hatte es sich wie ein Lauffeuer verbreitet. Schon bald war der Großteil der Stadtwache anwesend und hatte einen Kreis um die zwei Männer in Frage gebildet.
      Als Zoras sich der Masse an Leibern näherte, regierte zunächst niemand von ihnen. Zu sehr gebannt waren sie von dem Spektakel im Zentrum des Kreises. Als der Eviad jedoch seine Stimme erhob, wurde ihm Platz geschaffen, als Männer zur Seite wichen und auch ihr Geschrei einstellten. Zoras konnte sich dadurch mit seinen Gardisten bis zum Zentrum kämpfen und bekam einen vollen Ausblick auf das Geschehen, das sich nicht durch Zoras‘ Bemerkbar machen aufhalten ließ.
      Am Boden lag bereits ein Soldat. Er trug eine Rüstung, die der der Soldaten von letzter Nacht sehr ähnelte. Die Farben, die die Rüstung dominierte, war braun und deswegen im Licht auch so schwer zu sehen gewesen. Der Mann, der am Boden lag, rührte sich schon nicht mehr. Er hatte sein Visier heruntergeklappt gehabt, durch dessen Schlitze nun Blut auf den sandigen Boden rann. Die gesamte Rüstung war mit Dellen übersät.
      Der zweite Mann stand noch auf seinen Beinen. Auch seine Rüstung wies schon Dellen auf, sein Visier war aber hochgeklappt und entblößte einen Mann Anfang dreißig. Er stand seinem Gegner gegenüber, den vermutlich niemand von ihnen als Gegner hätte haben wollen.
      Esho trug keine Rüstung. Er hatte ein einfaches Stoffgewand an und ließ keinen Zweifel daran zu, dass er mehr als sauer war. Breitbeinig und mit der Faust gegen seine flache Hand gedrückt stand er da und schüttelte nur den Kopf. Wut und Verachtung lag in seinem Gesicht.
      „Es war doch nur irgendein Weib, Herr! Sie hat doch nichts abbekommen!“, schrie ihn der Soldat an, der sich offensichtlich keines Fehlers bewusst war.
      Esho sah das anders. „Nichts abbekommen? Ihr zwei habt einen Ruf zu ehren und ich habe euch niemals eingetrichtert, euch an Schwächere zu vergreifen! Schlagt euch gern die Köpfe mit Gleichstarken ein, aber dazu zählt ganz bestimmt keine Frau.“
      Er kam mit ausladenden Schritten auf den Soldaten zu. Der machte sich bereit und wich dem ersten Faustschlag des Ratsmitglieds aus. Doch der packte den Mann am Kragen und verpasste ihm eine Kopfnuss, dass die umstehenden Männer mitfühlend aufkeuchten. Ein lautes Uhhh ging durch die Reihen.
      Der Soldat ging zu Boden, rollte sich aber sofort herum und stand wieder auf. Pfiffe ertönten, aber Esho ließ sich davon nicht stören. „Und sowas wie euch steht in meiner Stadtwache. Ich fass es nicht.“ Er setzte dem anderen Mann schon wieder nach.
      „Ihr ist doch nichts passiert!“, versuchte der Soldat es noch einmal und bekam dafür einen Faustschlag direkt ins Gesicht. Als er mit Schwung zu Boden ging, dauerte es, ehe er sich auf den Rücken drehte.
      Esho stand direkt vor ihm. „Ihr ist nichts passiert? Ihr habt die Frau vergewaltigt. Das war die Tochter von Deuben, ihr Volltrottel. Nur weil die Steuer aufgehoben worden ist und auch die Frauen es mal wagen, davon Gebrauch zu machen, heißt das nicht, dass ihr euch einfach an ihnen vergreifen könnt. Ihr seid für die verdammte Sicherheit da verantwortlich. Mein verlängerter Arm. Und was macht ihr?“ Er holte mit dem Fuß aus und trat den Soldaten am Boden so heftig, dass sich die Rüstung verbog und der Mann bis zum Rand der Menge flog, die wieder raunten und von dem armen Kerl wichen.
      Esho folgte dem Mann unerbittlich. „Ihr zwei werdet jetzt den Anwesenden zeigen, was passiert, wenn man sich nicht an die Anweisungen hält und seine Position ausnutzt.“ Wieder packte er den Mann beim Kragen, hob ihn einhändig vom Boden auf und schlug ihm in den Solar Plexus, dass er wieder quer über den Platz flog. Als er dieses Mal am Boden aufkam, regte er sich nicht mehr.
      Esho schlenderte wieder in die Mitte zurück. „Jeder, der seine Befugnis missbraucht oder sich anderweitig einen Fehltritt leistet, landet genau hier. Habt ihr das verstanden?“
      Er ließ den Blick schweifen und bekam als Bestätigung entsprechend Zurufe. Erst da entdeckte er den Eviad und seine rigorose und harsche Haltung verwandelte sich umgehend in eine etwas leger wirkende. Er seufzte und kratzte sich am Kopf, als er die Versammlung auflöste und zu Zoras herüberkam. Dabei warf er Zavion einen vielsagenden Blick zu, der allerdings so tat, als sei er sich keines Fehlers bewusst.
      „Tja, manchmal muss man seinen Leuten ein bisschen Konsequenz vorführen. Ich bin nicht so der Freund von Predigten hinter verschlossenen Türen. Für die gesamte Moral ist es besser, wenn alle direkt wissen, was sie bei einem Fehltritt erwartet“, sagte Esho und rieb sich seine Knöchel, die überhaupt keinen Schaden davongetragen hatten. „Das sollte sich eigentlich nicht wiederholen und Ihr habt Eure Ruhe beim Unterzeichnen von… Anträgen? Gesetzen? Ich hab ehrlich gesagt keine Ahnung, was Ihr da jetzt allein im Palast eigentlich alles treibt.“
    • Drei Männer hatten sich in der Mitte des ausgesteckten Platzes versammelt, um die herum sich alle anderen Soldaten tummelten. Der erste war das, was der zweite noch werden sollte und der dritte war der Verursacher dieses Zustands.
      Esho. Der in nicht viel mehr gekleidet war als ein einfaches Gewand, als hätte er gerade seine Teestunde unterbrochen und würde sich nicht im Kampf mit zwei gerüsteten Soldaten befinden.
      Naja, mit einem, aber Zoras ging stark davon aus, dass es zu einem früheren Zeitpunkt zwei auf einmal gewesen waren.
      Als er gerade ankam, versuchte sich der zweite, der lädierte Soldat, gerade um Kopf und Kragen zu reden.
      „Es war doch nur irgendein Weib, Herr! Sie hat doch nichts abbekommen!“
      Ein Weib? Da wurde er sofort hellhörig. Ging es hier etwa um Tevia?
      „Nichts abbekommen? Ihr zwei habt einen Ruf zu ehren und ich habe euch niemals eingetrichtert, euch an Schwächere zu vergreifen!"
      Esho war stinkwütend. Zoras war sich nicht einmal sicher, ob er ihn jemals so rasend erlebt hatte. Der Anblick war für seinen Kontrahenten sicher absolut furchteinflößend, aber ein bisschen konnte er da verstehen, weshalb all die umstehenden Soldaten so jubelten. Esho hatte einfach die Ausstrahlung dafür, in einer Arena zu stehen.
      Jetzt gerade ging er gezielt auf den anderen Mann zu und verpasste ihm eine Kopfnuss, vor der nicht einmal ein Helm hätte schützen können. Asterios' Kraft strömte ihm auch jetzt aus allen Poren. Da öffnete Zoras bereits den Mund, um den Kampf zu unterbinden.
      Und schloss ihn kurz darauf wieder. Irgendwie hatte er das Gefühl, dass er sich einmal nicht einmischen sollte. Das hier war nicht sein Kampf - wenn er Esho als Herzog ansehen wollte, war das seine Verantwortung alleine und Zoras musste ihm dabei vertrauen.
      „Ihr ist doch nichts passiert!“, versuchte der Soldat sich jetzt zu verteidigen.
      „Ihr ist nichts passiert? Ihr habt die Frau vergewaltigt."
      Da stutzte Zoras. Es war wohl doch nicht Tevia gewesen.
      "Das war die Tochter von Deuben, ihr Volltrottel. Nur weil die Steuer aufgehoben worden ist und auch die Frauen es mal wagen, davon Gebrauch zu machen, heißt das nicht, dass ihr euch einfach an ihnen vergreifen könnt. Ihr seid für die verdammte Sicherheit da verantwortlich. Mein verlängerter Arm. Und was macht ihr?“
      Innerlich stöhnte er jetzt dafür auf. Gerade die Tochter von Deuben. Zugegeben, es hätte ihn gewundert, wenn dieser ganze Aufstand wegen einer Waschfrau veranstaltet worden wäre, aber Deubens Tochter war schlimmer, wesentlich schlimmer. Das war ein Vergehen, das einen irreparablen Schaden hinterlassen könnte.
      Mit nicht wenig Erleichterung erkannte er aber jetzt, dass Esho seine Position mit Herz und Blut durchsetzte. Hier ging es nicht um Nachlässigkeit oder gar um irgendwelche Intrigen, Esho wollte seine Männer ehrlich unter Schach halten. Das war gut, sehr gut. Es förderte Zoras' Vertrauen in ihn.
      „Ihr zwei werdet jetzt den Anwesenden zeigen, was passiert, wenn man sich nicht an die Anweisungen hält und seine Position ausnutzt.“
      Ihnen wurde dabei nicht sehr viel Wahl gelassen. Der eine präsentierte es wohl eh schon allzu deutlich, der andere schloss sich ihm kurz darauf an. Beide rührten sich danach nicht mehr.
      Esho kam zurück in die Mitte, die Haltung aufrecht, stramm, der Blick schneidend. Er machte es sich zu einem Ziel, die Anwesenden so persönlich wie nur möglich zu traktieren.
      „Jeder, der seine Befugnis missbraucht oder sich anderweitig einen Fehltritt leistet, landet genau hier. Habt ihr das verstanden?“
      Seine Frage erhielt mehrstimmige Antworten. Jeder hier schien völlig begeistert davon zu sein, was Esho ihnen gerade präsentiert hatte. Auch, wenn es eine Strafe gewesen war.
      Da landete sein Blick auf Zoras und als würde sich ein Schalter umlegen, schien er sofort wieder das desinteressierte Ratsmitglied, das gerne provozierte, wenn es die Gelegenheit dazu bekam.
      Der Moment war interessant und auch irgendwie enttäuschend. Zoras fragte sich, ob er es irgendwie schaffen könnte, dass der Mann sich auch sonst wie ein richtiger Anführer verhielt.
      "Tja", seufzte er, als er zu Zoras herüberkam, "manchmal muss man seinen Leuten ein bisschen Konsequenz vorführen. Ich bin nicht so der Freund von Predigten hinter verschlossenen Türen. Für die gesamte Moral ist es besser, wenn alle direkt wissen, was sie bei einem Fehltritt erwartet.“
      "Du hast recht, das war gut. Sie werden es sich auf jeden Fall merken."
      Sein Blick fiel auf die beiden Unglücklichen, die jetzt von Kumpanen weggetragen wurden. Vereinzelte Blutflecke verblieben auf dem Boden, aber es standen bereits Bedienstete am äußersten Rand, um sich sofort darum zu kümmern.
      Zoras sah zurück auf Esho.
      "Begleite mich für einen Augenblick, ja? Wenn du die Zeit dazu hast."
      Die hatte Esho, auch wenn er nicht allzu begeistert darüber aussah. Dennoch trat er neben Zoras und seine Gardisten schlossen sich um sie beide.
      Sie verließen das größte Getümmel, das sich sowieso nach und nach auflöste, und Zoras lenkte ihn zu einem überdachten Bereich des Innenhofs. Die wenigen Soldaten, die sich hierher zurückgezogen hatten, verschwanden beim Anblick der beiden Männer sofort.
      Zoras drehte sich zu Esho um. Er hatte eine beträchtliche Zeit der Nacht damit verbracht, sich zu überlegen, wie er den Mann am besten auf das Problem ansprechen sollte, ohne dabei mehr Schaden zu hinterlassen, als er eigentlich beheben wollte. Er hatte sich überlegt, ob er Esho vor den anderen vorführen sollte, ob er das Problem öffentlich bekannt machen sollte, ob er ihn bloßstellen sollte. Er hatte überlegt, ob er versuchen sollte, ihm Rechte zu entziehen.
      Jetzt schien ihm alles davon nicht angemessen zu sein. Vielleicht war es eher an der Zeit, den ewig dunklen Kreislauf des einander Provozierens zu durchbrechen.
      "Wie ich sehe, hast du deine Männer im Griff. Weißt du von mehr Vorfällen dieser Art?"
      Er stellte seine Frage ohne einen Anflug von Vorwurf dabei. Das versuchte er Esho auch so gut es ging zu übermitteln.
      Seine Antwort hörte er sich nickend an.
      "Das ist eine schwierige Aufgabe, die ich in deine Verantwortung gestellt habe. Es freut mich zu sehen, dass du sie im Griff hast."
      Er sah den jungen Mann ernst an.
      "Ich vertraue dir, Esho. Das tue ich wirklich. Wenn du jemals Unterstützung benötigst, in welcher Form auch immer, dann komm zu mir. Wir sitzen alle im selben Boot."
      Er senkte ein wenig die Stimme und erlaubte sich ein kleines, feines Lächeln.
      "Und im Gegensatz erzählst du Kalea nicht, was ich aus dem Innenhof gemacht habe. Sie würde sonst unsere beide Köpfe aufspießen wollen."

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    • „Begleite mich für einen Augenblick, ja? Wenn du die Zeit dazu hast.“
      „Wer bin ich denn, dem hohen Eviad seinen Wunsch abzuschlagen?“, kokettierte Esho die Frage und schlenderte nebst Zoras und seiner Garde her. Er würde sich nicht die Blöße geben und die Aufforderung ausschlagen. Dafür mochte er sein bisheriges Spiel viel zu sehr. Was auch immer er getan, oder eben nicht getan hatte, brachte ihm eine außerordentlich gute Stellung ein. Nicht wie Ristaer, der sich Haare raufend in seinem neuen Domizil verschanzte und nicht wusste, wie er mit den ganzen fehlenden Einnahmen umgehen sollte.
      „Wie ich sehe, hast du deine Männer im Griff. Weißt du von mehr Vorfällen dieser Art?“, erkundigte sich Zoras und Esho hätte fast eine Grimasse geschnitten.
      „Was heißt, ich hab meine Leute im Griff? Wenn dem so wäre, hätte diese Vorführung gerade eben nicht sein müssen.“ Er verschränkte die Arme vor der Brust und wirkte alles andere als zufrieden mit seiner Vorstellung. „Nicht alle von ihnen tragen seit Anfang an braun. Die zwei vorhin zum Beispiel sind jüngst erst dazu gekommen und entsprechen scharf muss man mit ihnen umgehen. Es gab ein paar Vorfälle, ja. Aber es werden bei Weitem nicht alle gemeldet. Dass mit Deubens Tochter war Glück gewesen, nur werden sich viele Angefallene nicht melden, wenn sie nicht die Stimme dazu haben.“
      Eshos Blick driftete zu den Mägden ab, die im Gang auf und ab gingen, um Tabletts, Körbe oder andere Waren zu verbringen. Man sah dem jungen Mann an, dass er kein wirkliches Mitgefühl für die Frauen zu gehen schien, sondern etwas anderes hinter ihnen sah. Nichts desto trotz hatte sich seine Haltung gegenüber solchen Aktivitäten nicht geändert.
      „Es freut mich, dass du sie im Griff hast.“
      Das bescherte dem Eviad einen skeptischen Blick seines Ratsmitgliedes. „Ich nehme an, da kommt noch was?“
      Zoras‘ Ausdruck änderte sich und Esho wurde hellhörig. „Ich vertraue dir, Esho. Das tue ich wirklich. Wenn du jemals Unterstützung benötigst, in welcher Form auch immer, dann komm zu mir. Wir sitzen alle im selben Boot.“
      Skepsis verwandelte sich zu offenem Erstaunen. Mit hochgezogenen Augenbrauen musterte Esho den Eviad, als wäre er sich nicht sicher, den richtigen Mann vor sich zu haben. Das wurde immer seltsamer. Kaum hatte Dionysus seinen seltsamen Plan halbwegs durchgezogen und damit Kassandra verscheucht, schien sich Zoras vollkommen zu ändern. Weich würde Esho ihn nicht beschreiben, jedoch… anders. Deutlich anders. „Ist dem so?“
      „Und im Gegenzug erzählst du Kalea nicht, was ich aus dem Innenhof gemacht habe. Sie würde sonst unsere beide Köpfe aufspießen wollen“, fügte Zoras mit einem dezenten Lächeln hinzu und Esho Verblüffung war komplett.
      "Lasst diese Art bloß keinen Anderen mitansehen. Sonst macht sich noch die Meinung breit, die Phönixin habe Euch verhext und Ihr kehrt erst jetzt zu Eurem wahren Ich zurück“, legte der Kriegsherr dem Evias ans Herz und sah anschließend zu Zavion herüber, der ausnahmsweise mal nicht wegzuckte, sondern dem Blick aufrecht standhielt. „Und du, mein Freund, wirst in Zukunft keine Petze mehr spielen, verstanden? Ich fass es nicht… Dem Eviad nur zu sagen, es sei ein Tumult und keine gesittete Bestrafung.“
      Übertrieben beleidigt schüttelte Esho den Kopf und richtete wieder das Wort an Zoras. „Was den Innenhof betrifft: Ich bin ein wenig… angesäuert darüber, dass ich außen vor gelassen wurde. Was nehmt Ihr Euch irgendeinen Kindskopf von der Garde, wenn Ihr einen ordentlichen Partner haben könntet. Wisst Ihr…“ Jetzt setzte selbst Esho ein fuchsisches Lächeln auf. „Ihr könnt ja sogar versuchen, Euren Frust über das Fehlen Eurer werten Göttin an mir auszulassen. Wer wäre denn nicht erzürnt darüber, verlassen zu werden?“
      Esho konnte einfach nicht anders als herausfinden zu wollen, wo der Eviad seine Grenzen hatte. Er nahm das Angebot von ihm dankbar an und würde auch nicht weiter drauf rumhacken, aber diese kleine Spitze konnte er sich doch nicht nehmen lassen.
    • Dem anderen Mann war förmlich anzusehen, wie es gerade in seinem Gehirn ratterte, wie er daran zweifelte, ob der Eviad noch alle Tassen im Schrank hatte. Wenn Zoras ehrlich war, war das etwas, was er auch selbst nicht klar bestimmen konnte. An Eshos Stelle wäre er wohl ähnlich skeptisch gewesen.
      "Lasst diese Art bloß keinen Anderen mitansehen. Sonst macht sich noch die Meinung breit, die Phönixin habe Euch verhext und Ihr kehrt erst jetzt zu Eurem wahren Ich zurück.“
      Sah es wirklich so aus? Zoras fühlte sich viel eher, als wäre er schon so verzweifelt, um geradezu hanebüchene Entscheidungen zu treffen, wie etwa regelmäßig den Palast im Schutz der Dunkelheit zu verlassen. Oder einem Mann, der ihn vor knapp über einem halben Jahr versucht hatte umzubringen, sein vollstes Vertrauen zu schenken.
      So gesehen hatte Kassandra ihn mit ihrer Abwesenheit wirklich verhext, aber ganz anders, als die Menschen wohl glauben mochten. Zoras würde sie dahingehend wohl nicht korrigieren.
      "Ich denke gar nicht daran, mir auch noch in dieser Weise die Blöße zu geben."
      Immerhin hatten die Ratsmitglieder schon viel zu viel von ihm gesehen.
      „Was den Innenhof betrifft: Ich bin ein wenig… angesäuert darüber, dass ich außen vor gelassen wurde."
      Jetzt war es an Zoras, überrascht die Augenbrauen zu heben. Esho war angesäuert darüber?
      "Was nehmt Ihr Euch irgendeinen Kindskopf von der Garde, wenn Ihr einen ordentlichen Partner haben könntet."
      Und das war sogar viel überraschender. Hatte Esho ihm wirklich gerade angeboten, sein Trainingspartner zu werden? Esho? Der Mann, der soeben mit blanken Händen zwei gerüstete Soldaten verprügelt hatte?
      "Wisst Ihr… Ihr könnt ja sogar versuchen, Euren Frust über das Fehlen Eurer werten Göttin an mir auszulassen. Wer wäre denn nicht erzürnt darüber, verlassen zu werden?“
      Da verhärteten sich Zoras' Kiefermuskeln. Er war noch immer in der Defensive, was Kassandra betraf. Es hatte zwar keinen Sinn beim Rat zu leugnen, dass Kassandra ihn verlassen hatte - der Gedanke alleine schmerzte schon genug - aber er war noch weit davon entfernt, in irgendeiner Weise dazu zu stehen.
      "Ich bin nicht frustriert. Sie wird zurückkommen und in der Zwischenzeit bereite ich alles für ihre Ankunft vor."
      Dabei versuchte er sich auch selbst mit den Worten zu überzeugen. Natürlich erfolglos.
      "Esho..."
      Er versuchte, die richtigen Worte zu finden. Nicht wegen einer Sprachbarriere.
      "Ich weiß das Angebot zu schätzen. Wenn ich mir den Kopf von einem Holzschwert spalten lassen möchte, würde ich sofort auf dich zukommen. Aber was das Training betrifft..."
      Er betrachtete den jungen, aufstrebenden Mann ernsthaft.
      "Wir wissen beide, dass ich damals in der Arena nicht hätte überleben sollen. Ich habe nur so lange durchgehalten durch Amartius und danach, weil ich Kassandra an meiner Seite hatte. Wenn ich ohne Amartius - und ohne Kassandra - gegen dich antrete, dann gebe ich mir 10, vielleicht auch 15 Sekunden, bis es vorbei ist. Das ist kein Training, das ist", er zuckte mit den Schultern, "frustrierend. Wie stellst du dir das vor? Dass wir sowas ständig wiederholen, bis wir beide müde sind?"
    • Esho mochte bei Weitem nicht mit solch einem Kalkül vorgehen wie so manch anderer des Rates. Trotzdem setzte auch er hier und da Fragen ein, um Hintergründe zu erlangen, die sonst gern versteckt geblieben wären. So zum Beispiel beobachtete er, wie sich Zoras‘ Kiefer anspannte, kaum hatte er das Wort beiläufig über Kassandra gerichtet.
      „Ich bin nicht frustriert.“
      Das sah Esho allerdings ganz anders.
      „Sie wird zurückkommen und in der Zwischenzeit bereite ich alles für ihre Ankunft vor.“
      Darauf erwiderte der junge Mann vorerst nichts. Er war sich nicht sicher, ob Zoras die Brisanz dahinter verstand, wenn die Phönixin auch nur einen einzigen Tag an seiner Seite fehlte. Der ultimative Schutz, den er durch ihr genoss, war damit nichtig. Es waren nun schon Tage ihrer Abwesenheit und Esho bezweifelte, dass die Göttin sich nach diesem Bild, was sich ihr geboten hatte, allzu schnell zurückkehren würde. Wenn überhaupt.
      Als Zoras ihn deshalb mit seinem Namen ansprach, vermutete er schon eine entsprechende Reaktion darauf. Doch der Gesichtsausdruck passte nicht, sodass Esho dem Eviad unvoreingenommen sein Gehör schenkte.
      „Wieso klingt das so, als denkt Ihr, ich hätte Schwierigkeiten meine Kraft zu kontrollieren?“, stellte er die Gegenfrage, ohne Hohn und ohne dabei amüsiert zu wirken. „Wenn dem so wäre, dann hätten die Zwei von vorhin den nächsten Tag nicht mehr zu erleben.“
      Er steuerte die nächste Sitzgelegenheit an und zog die Traube der Gardisten und den Eviad gleich mit sich. Ungefragt setzte er sich auf die Bank und bedeutete Zoras auch nicht, sich zu setzen. Das konnte er schließlich selbst entscheiden.
      „Ja, der ursprüngliche Plan war, dass Ihr in der Arena Euer Ende findet. Keine wusste zu dem Zeitpunkt von Eurem Relikt und ich hatte ehrlich erwartet, dass Ihr mehr aus Eurem Bund mit der Phönixin ziehen würdet. Aber wie wir sehen, sind viele Dinge anders gelaufen. Was ist denn, wenn Kassandra nicht zurückkehren sollte? Oder Ihr in der Zwischenzeit angegriffen werdet? All die Männer hier haben gegen mich beispielsweise nicht den Hauch einer Chance.“ Er machte eine ausladende Geste und bekam finstere Blicke der türkisen Gardisten. „Ich trainiere manchmal mit Mirdole. Und die schlägt mich auch mit Leichtigkeit klein. Trotzdem gewinne ich daraus Erkenntnisse, die mir kein Mensch liefern kann. Wäre es bei uns nicht dasselbe? Meint Ihr nicht, Ihr hättet Euch besser geschlagen, wenn Ihr nicht schon vorher gewusst hättet, wie ein göttlich verstärkter Mensch kämpft?“
      Er legte den Kopf ein wenig schief und musterte Zoras. Es wirkte so, als überlege Esho gerade, ob er eine wichtige Information nun preisgeben solle oder nicht. Schließlich entschied er sich, dafür.
      „Ich weiß nicht, ob man es Euch schon gesagt hat, aber Eure Präsenz schwindet. Als Ihr hier aufgetaucht wart, konnte jeder von uns die Präsenz spüren, die Kassandra auf Euch übertragen hatte. Nicht ihre Aura, sondern die Macht, die Ihr durch sie bezieht. Ich bin der Einzige unter den Ratsmitgliedern, der ebenfalls einen Schwur mit seinem Champion eingegangen ist und deswegen kann ich Euch sagen, dass Kassandra Euren Schwur scheinbar aufgelöst hat. Ihr tragt doch das Mal auf dem Rücken. Ist es noch da? Vollständig? Intakt?“
    • Die Gegenfrage kam ohne eine Spur von Hohn oder Amüsement, eine ganz ernst gemeinte Frage, wie sie in diesem Rat wohl weniger vorkam. Himmel, Zoras hatte wahrscheinlich noch keine fünf Sätze mit irgendjemandem getauscht, ohne dass er gleich auf seine Kosten gekommen wäre.
      Daher gab er sich die Mühe, Esho mit der gleichen Nahbarkeit zu begegnen.
      "Fairerweise hatte ich nicht damit gerechnet, dass sie wieder aufstehen werden. Dem einen ist Blut aus dem Visier gelaufen. Also ja, ich habe dadurch gewissermaßen meine eigenen Schlüsse gezogen."
      Esho wandte sich zur Seite und ließ sich auf einer nahen Bank nieder. Zoras betrachtete ihn für einen Augenblick und setzte sich dann ebenfalls. Er hatte eigentlich nicht die Zeit für einen derart belanglosen Plausch, aber eine Intuition verriet ihm, dass dieses Gespräch wichtig war. Wichtig für die Beziehung, die sich hoffentlich erfolgreich unter ihnen aufbauen würde.
      "Ja, der ursprüngliche Plan war, dass Ihr in der Arena Euer Ende findet. Keine wusste zu dem Zeitpunkt von Eurem Relikt und ich hatte ehrlich erwartet, dass Ihr mehr aus Eurem Bund mit der Phönixin ziehen würdet."
      Mehr? Esho sprach es so aus, als wäre es eine Selbstverständlichkeit, dass Zoras von dem Bund mit Kassandra etwas haben sollte. Er hatte ja auch etwas davon, aber was sollte denn da mehr sein?
      "Was ist denn, wenn Kassandra nicht zurückkehren sollte? Oder Ihr in der Zwischenzeit angegriffen werdet?"
      Das war ein wunder und offensichtlicher Punkt, der allen hier bewusst war. Die Antwort darauf war einfach: Dann würde Zoras sich selbst verteidigen müssen. Und wenn es sich bei dem Angreifer um einen Gott handelte, nun, dann war die Antwort sogar noch einfacher.
      Aber genau deswegen hatte er den Rat aus dem Palast geschickt und jedem einen eigenen, ungeheuer großen Verantwortungsbereich überlassen. Von allen Champions war Dionysus der einzige, der sich seiner Essenz bemächtigen und in Zoras' Gemach auftauchen könnte, um ihm den Garaus zu machen. Daher überhäufte Zoras Feyra mit Pflichtgefühlen und Verantwortung, um sie daran zu hindern, dem Gott seine Essenz wiederzugeben und - so makaber es sich anhören mochte - sie zu einer richtigen Trägerin zu machen. Eigentlich lag es in Feyras Macht, Zoras zu stürzen, aber er nutzte ihre Naivität, um sie von dieser einfachen Tatsache abzulenken. So lange hatte er Dionysus einigermaßen im Griff.
      Und was die anderen Champions betraf, so mussten sie körperlich in den Palast marschieren, um ihn umzubringen. Das hieß, dass Zoras rechtzeitig über ihr Auftauchen informiert werden würde und sich rechtzeitig mit einer Traube von Menschen umgeben konnte, damit der Champion - und damit auch sein Träger - die Konsequenz zu tragen hatten, den Ruf zu verlieren. Das war ein sehr dünnes Drahtseil, auf dem er da balancierte, und das ihm zu jeder Zeit zu reißen drohte. Einfach nur, weil Kassandra nicht da war.
      Aber Esho dachte vielleicht nicht so weit. Esho sah nicht das gesamte Bild, sondern nur die offensichtlichsten Punkte.
      "All die Männer hier haben gegen mich beispielsweise nicht den Hauch einer Chance", setzte Esho hinzu und wenn das eine angedeutete Drohung war, dann nahm Zoras sie nicht ernst. Darin lag der Clou: Esho könnte alle der hier Anwesenden binnen Minuten überwältigen. Aber es würde großes Aufsehen erregen und die Bevölkerung in Aufruhr gegen ihn bringen. Zoras setzte mit allen Karten darauf, dass kein Ratsmitglied ein derartiges Risiko eingehen wollte.
      "Damit hast du recht. Ich hoffe, es bleibt bei dem Gedankenspiel, das es ist."
      "Ich trainiere manchmal mit Mirdole. Und die schlägt mich auch mit Leichtigkeit klein. Trotzdem gewinne ich daraus Erkenntnisse, die mir kein Mensch liefern kann. Wäre es bei uns nicht dasselbe? Meint Ihr nicht, Ihr hättet Euch besser geschlagen, wenn Ihr nicht schon vorher gewusst hättet, wie ein göttlich verstärkter Mensch kämpft?“
      "Natürlich hätte ich das, daran besteht gar kein Zweifel. Aber ich denke auch, dass du genauso einen Vorteil daraus gezogen hättest. Und zum Schluss wäre es vielleicht wieder aufs gleiche rausgekommen."
      Er streckte die Beine aus.
      "In meinem Heimatsland, in Theriss, haben wir Regeln für den Krieg. Wir haben für fast alles Regeln, deswegen auch für den Krieg. Die erste und wichtigste Regel lautet: Kenne deinen Feind. In der Schule wird einem beigebracht, dass diese Regel existiert, weil die meisten Kriege auf dem Papier gewonnen werden, bevor sie ausgefochten werden. Aber ein strategischer Sieg ist noch kein... hm... Sieg vom Militär.
      Ich will ehrlich sein: Wenn wir vorher schon gekämpft hätten, dann hätte mir der bevorstehende Kampf Sorgen bereitet. Ich hätte genau gewusst, dass du nur einen einzigen Treffer bräuchtest und alles entschieden wäre. Es hätte mich nervös gemacht. Ich hätte keinen kühlen Kopf bewahren können und selbst einen Fehler gemacht.
      Manchmal müssen diese Regeln gebrochen werden. Ich denke, das wäre einer dieser Momente gewesen. Es ist gut, dass wir nicht vorher gekämpft haben, denn dann hättest du nicht den Fehler begangen, meine Waffe zu unterschätzen. Und ich hätte mich vorher nicht wahnsinniger gemacht als sowieso schon."
      Esho betrachtete ihn, dunkle, aufmerksame Augen, die Zoras abschätzten. Er begegnete dem Blick offen und ganz unverhohlen, denn was auch immer Esho zu sehen erhoffte, war vermutlich nichts, vor dem Zoras sich hätte schämen müssen. Im Gegenzug betrachtete er ihn, den jungen, eifrigen Soldaten mit der Leidenschaft der Jugend. Zoras wäre auch gerne wieder in seinem Alter, in seinen jüngeren Jahren, als er auf Schlachtfeldern gestanden und von Ruhm und Macht geträumt hatte. Jetzt hatte er beides und das einzige, was er wirklich haben wollte, blieb ihm verwehrt.
      Nach einem Moment sprach Esho weiter.
      „Ich weiß nicht, ob man es Euch schon gesagt hat, aber Eure Präsenz schwindet."
      Zoras wusste, was er meinte: Er war längst nicht mehr so häufig draußen, zeigte sich nicht mehr so regelmäßig in der Öffentlichkeit und vermied den Kontakt mit Adeligen, so gut es nur ging. Sowas musste man ihm nicht sagen, das hatte er in seinem Plan mit einkalkuliert.
      "Als Ihr hier aufgetaucht wart, konnte jeder von uns die Präsenz spüren, die Kassandra auf Euch übertragen hatte. Nicht ihre Aura, sondern die Macht, die Ihr durch sie bezieht."
      Da stutzte er aber doch. War seine Präsenz in der Öffentlichkeit gar nicht, was Esho gemeint hatte? Bezog er sich etwa auf den Schwur? Inwiefern?
      "Ich bin der Einzige unter den Ratsmitgliedern, der ebenfalls einen Schwur mit seinem Champion eingegangen ist und deswegen kann ich Euch sagen, dass Kassandra Euren Schwur scheinbar aufgelöst hat. Ihr tragt doch das Mal auf dem Rücken. Ist es noch da? Vollständig? Intakt?"
      Zoras war mit einem Mal zu perplex, um richtig zu antworten, geschweige denn überhaupt etwas zu tun. Er konnte Esho nur mit einem milden Ausdruck von Schock anstarren.
      Sowas war nicht möglich, das konnte nicht sein. Kassandra konnte ihren Schwur nicht auflösen. Das würde sie nicht tun. Das war doch völlig unmöglich! Wieso sollte sie ihn auflösen? Wieso sollte sie -
      Was war der Schwur denn wenn nicht der Bund zwischen ihnen beiden? Ein Geben und Nehmen, das sich auf Zweiseitigkeit berief? Zoras konnte sich noch genau an die Worte erinnern, die Kassandra damals gesprochen hatte: Wir schwören einander den Flammenbund. Du wirst gestärkt durch meine Macht für die Dauer deiner Lebzeit hier auf Erden. Dafür wirst du mein Vasall, meine Feder und mein Auge.
      Er war davon ausgegangen, dass der Schwur bis an sein Lebensende hielt. Aber wenn Kassandra ihm ihre Gunst entnommen hatte? Wenn sie davon ausging, dass sein Teil des Schwurs gebrochen war? Wenn er ihn wirklich gebrochen hatte?
      Zoras' Augen wurden erst größer, bevor er die Kontrolle zurück über seinen Körper zwang. Jetzt waren seine Mauern hochgefahren; der fast losgelöste Plausch hatte ein jähes Ende gefunden.
      "Selbstverständlich ist es das. Kassandra wird wiederkommen, das ist keine Vermutung, sondern eine Tatsache."
      Er stand auf.
      "Wenn du mich jetzt entschuldigst, ich habe keine Zeit für ein Gespräch oder gar einen Kampf. Ich werde über das Angebot nachdenken."
      Das war alles, was er Esho zukommen ließ, bevor er davon rauschte.

      Die Flügel waren an ihren Rändern schon verblasst. Das ganze Muster wirkte bereits ausgebleicht und unscharf, als wäre es Farbe, die mit dem nächsten Wasserguss weggewaschen werden würde.
      Zoras starrte auf seinen eigenen Rücken im Spiegel, während ihm von Sekunde zu Sekunde kälter wurde. Daher kam die Kälte, die ihm seit Tagen bereits in den Knochen steckte: Kassandra hatte ihn verlassen. Kassandra hatte ihn wirklich verlassen.
      Ein paar Sekunden lang starrte er die Flügel noch an, dann wurde ihm schwummrig zumute. Er wandte sich ab, gerade noch rechtzeitig, um sich mit den Händen am Waschbecken aufzustützen. Sein Herz raste in seiner Brust und Telandirs Narbe schmerzte so heftig, dass er glaubte, sie würde sich durch seinen Brustkorb bis zu seinem Herzen hindurch fressen. In seinen Augenwinkeln zog sich alles zusammen.
      Kassandra war wirklich weg. Sie war gegangen, hatte ihn verlassen und den Schwur gelöst. Sie war jetzt sonst wo auf der Welt und vermutlich wieder eine freie Göttin, losgebunden von allem. Oronias Tod hatte vielleicht genug Freiraum geschaffen, dass Kassandra ihre Göttlichkeit zurückhaben könnte.
      Vielleicht war sie auch gar nicht mehr auf der Welt. Vielleicht war sie schon längst auf dem Weg zu den Pforten. Vielleicht kontaktierte sie jetzt gerade ihre Brüder und Schwester, um neu über ihre Verdammung zu verhandeln.
      Zoras keuchte. Das Atmen fiel ihm schwer. Er starrte das Becken an und spritzte sich kurz darauf Wasser ins Gesicht. Er wischte sich mit beiden Händen drüber und krallte sich dabei in seine eigene Haut.
      "Scheiße."
      Sie würde nicht wiederkommen. Und wenn sie nun wirklich nie wieder kam? War dann alles vorbei? Wegen... wegen einer Lappalie? Wegen einer Dummheit, einer Unachtsamkeit, einer Unaufmerksamkeit, wegen einem dummen Fehler, wegen einem Moment der Nachlässigkeit? Wegen Dionysus? Wegen einem Gott?
      Zoras versuchte sich mit allen Mitteln an einen Zorn zu klammern, der ihm schon in den vergangenen Monaten geholfen hatte, aber alles, was in seinem Inneren lag, war pure Verzweiflung und ein immer größer werdendes Loch, das ihn jeden Augenblick zu verschlingen drohte. Er schwitzte. Sein Herz raste so wild, dass es seinen Kopf zum Pochen brachte.
      Er würde sterben, das war klar. Alleine würde er die Kontrolle über den Rat verlieren und irgendjemand würde ihn in einem Attentat erwischen. Das war aber nur zweitrangig; Zoras hatte schon einmal dem Tod direkt ins Gesicht geblickt. Erstrangig war, dass er sein gesamtes, restliches Leben ohne Kassandra verbringen würde. Nicht nur ohne Kassandra, sondern auch noch ohne ihr je noch einmal ins Gesicht geblickt zu haben. Ohne je wieder ein Wort mit ihr gewechselt zu haben. Ohne je die Möglichkeit bekommen zu haben, sich zu erklären und die Situation aufzulösen. Ohne... ohne eine Chance.
      "Scheiße."
      Er stieß sich vom Waschbecken ab, schwankte vom Türrahmen und von dort zum Bett. Er ließ sich darauf fallen und hielt seinen Kopf in den Händen, wartete darauf, dass das Dröhnen und Pochen ihn bald zum Platzen bringen würde. Wartete darauf, dass Tränen kommen würden. Oder dass ihn die Panik vollkommen überwältigte.
      Es kamen keine Tränen und sein Kopf platzte auch nicht, aber je länger er dort saß, desto verzweifelter wurde er, desto schlimmer kam ihm die ganze Situation vor. Er konnte nicht ohne Kassandra.
      "Kassandra, bitte... bitte komm zurück. Lass uns doch ein einziges Mal -"
      Sie konnte ihn vielleicht nicht hören. Sie konnte ihn vielleicht gar nicht mehr hören.
      Da kamen die Tränen doch noch und Zoras versuchte, sie so still zu ertragen, wie es nur möglich war. Er versuchte, den Schmerz in seiner Brust zu verstauen, bis sie ihm schmerzte, bis ihm alles schmerzte, bis ihn jede einzelne Narbe daran erinnerte, wer er war und wer nicht bei ihm war.
      Jede Narbe, außer Kassandras Narbe. Denn Kassandras Narbe hatte ihm noch nie Schmerzen zugefügt.

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    • Da sich Kuluar nie im echten Krieg befunden hat, besaß der junge Esho keinerlei Kriegsphilisophien. Das Land hat sich eher noch mi sich selbst im Krieg befunden, als wirkliche Aufmerksamkeit der Nachbarländer zu beziehen. Mit Asvoß bestand lange Zeit nur ein Handelsabkommen, die restliche Nachbarn wirkten ebenso uninteressiert. Deswegen lauschte Esho der Ausführung des Eviads lediglich schweigend und stimmte ihm im Geheimen zu.
      Hätte er damals schon gewusst, dass Zoras über Amartius verfügt, hätte er den Kampf wesentlich schneller zu Ende gebracht. Er hätte sich nicht die Zeit genommen und mit dem Mann gespielt, sondern ihn niedergestreckt und seinetwegen den Zorn einer Göttin auf sich gezogen. Das wäre allerdings ein Ende gewesen, wo er sich gesehen hätte: Verbrannt durch eine Göttin.
      Doch als Esho am Ende auf das Thema mit dem Schwur kam, lag seine unverdeckte Aufmerksamkeit auf Zoras, der dem jungen Mann einen nur leicht geschockten Ausdruck entgegenbrachte. Genau das hatte Esho bereits vermutet. Der ach so schöne Eviad hatte keine Ahnung gehabt, dass seine Göttin nicht nur physisch, sondern auf viel tieferen Ebenen verschwunden war. Außerdem wusste er nun, dass Zoras über fast kein Wissen verfügte, was so ein Bund mit sich brachte. Er hatte ein Geschenk der Götter erhalten ohne zu wissen, was dies eigentlich bedeutete. Genau diesen Augenblick, in dem sich Zoras‘ Augen weiteten und sich schnell wieder eine gefasste Miene darüber legte, entging dem Ratsmitglied nicht. Es hatten sich Zahnräder im Kopf des Eviads in Gang gesetzt, die sich nun nicht mehr stoppen ließen.
      „Selbstverständlich ist es das. Kassandra wird wiederkommen, das ist keine Vermutung, sondern eine Tatsache.“
      Darauf zuckte Esho lediglich mit den Schultern und richtete seinen Blick in den Innenhof.
      Zoras stand schon auf. „Wenn du mich jetzt entschuldigst, ich habe keine zeit für ein Gespräch oder gar einen Kampf. Ich werde über das Angebot nachdenken.“ Damit rauschte der Mann fort und nahm seine Garde gleich mit.
      Zurück blieb Esho – allein auf der Bank und ohne Männer. Er summte leise vor sich, kaum war Zoras außer Hörweite, und verschränkte die Arme hinter seinem Nacken. Seine Worte waren keine Schikane gewesen, ganz und gar nicht. Er wollte den Therisser nur darauf aufmerksam machen, dass ihm ein wichtiges Detail über sich selbst entglitt, welches seine Gegner durchaus bemerkten. Es war ein liebgemeinter Hinweis, damit sich Zoras rüsten konnte, falls man doch tätlich ihm gegenüber werden sollte. Denn dieses Mal gab es keinen Schild, der ihn schützte. Dieses Mal gab es keine verstärkte Regeneration mehr. Deswegen hatte Zoras auch keine Zeit für einen Kampf, denn in diesem Zustand würde er binnen Sekunden fallen.

      „Jetzt erzähl doch mal. Mach einer alten Frau die Freude und erzähl mir von deinem Besuch.“
      Ghanda versuchte seit geschlagenen zwei Stunden ein Wort aus Tevia zu bekommen, die mittlerweile wieder im Waschdienst eingetroffen war. Ihre Hände waren verheilt und ihr Gesicht abgeschwollen, doch die Farben lagen noch immer wie ein Schimmer in ihrem Gesicht und erzeugten Augenringe, die eigentlich gar nicht so schlimm waren. „Du bist gar nicht so alt.“
      „Siehst du dieses graue Haar? Das zeugt von Alter!“, fuhr sie die jüngere Frau an und warf ihr ein Stück Seife in den Zuber, nachdem Tevia sie darum bat. „Ich bin schon neugierig. In all den Jahren hast du nie von einem Mann erzählt, oder dass du Liebschaften pflegst. Sieh es mir nach, dass ich ein wenig teilhaben möchte.“
      Tevia seufzte theatralisch. „Er wird ein Mysterium bleiben, liebste Ghanda. Es könnte ein einmaliges Erlebnis gewesen sein und dann mach ich dir keine Hoffnungen.“
      Ghandas Blick bekam etwas verruchtes, als sie die junge Frau nun musterte, und Tevia wurde blass. „Beim Himmel, Tevia, ein einmaliges Erlebnis? So hätte ich dich nie eingeschätzt…“
      Tevia winkte hastig darauf ab. „Aber nicht doch! Nicht so ein einmaliges Erlebnis!“
      „Tevia hatte einen Mann?“, kam es von ein paar Plätzen weiter, wo sich andere Frauen an der Wäsche gut taten. „Wie ist das denn passiert?“
      Die Nächste kicherte sarkastisch. „Das muss aber viel Mann für viel Frau gewesen sein…“
      „Esra, schäm dich und zieh zu, dass du was auch immer da aus der Decke bekommst!“, fuhr Ghanda die andere Frau energisch an, die sofort ihren Kopf einzog und emsig weiter wusch. Das spöttische Grinsen verschwand jedoch nicht.
      Tevias Schulter fielen ein. „Deswegen breiten wir solche Themen hier nicht aus, ja?“
      „… Dann ein andermal. Vielleicht sollte ich dich einfach nach der Arbeit begleiten auf einen Sud.“
      „Schaffen das deine alten Beine nach dem langen Tag denn noch?“, fragte Tevia verschmitzt und erntete sich einen Klaps auf ihre Schulter.

      Santras wusste nicht, ob seine Handlung richtig gewesen war. Er zweifelte sie noch immer an, doch der Schritt war nun getan. Dieses Bisschen war er dem Eviad schuldig gewesen und dem Fakt, dass er derjenige gewesen war, der Kassandra ihre Essenz zurückgegeben hatte. Nur änderte das nichts daran, dass der Stadtherr von Paspatera nun die Phönixin schon seit einiger Zeit beheimatete und sie nur schleppend aus ihrer Trance wieder erwachte. Was auch immer der Eviad bei ihr mit diesem Ausrutscher verursacht hatte, musste tiefergehende Wunden gerissen haben.
      Auch an diesem Tag verweilte Kassandra auf den Granitsteinen. Manchmal war sie nicht viel mehr als eine hübsche Statue, die man lebensecht nachgebildet hatte und die immerzu in den Garten hinaus blickte. Sie aß nichts, sie trank nur, wenn Santras ihr etwas brachte und schlafen tat sie auch nicht. Ganz selten hörte er sie, wie sie etwas Leises summte, so als sei sie gar nicht mehr körperlich anwesend. Das alles besorgte den Mann, der sich schließlich wieder neben der Göttin wiederfand und sich zu ihr auf die Steine gesetzt hatte.
      „Kassandra… Möchtest du nicht vielleicht mit mir nach draußen gehen? Immerzu nur durch das Fenster zu sehen ist doch nicht vergleichbar“, schlug er sanft vor und fing mit seinen Fingern einige der schwarzen Haarsträhnen ein, die wie Kohlefasern über seine gebräunte Haut flossen.
      „Wenn ich lang genug hier sitze, wird irgendwann der Stein um mich verfallen, Santras. Dann bricht alles um mich herum ein, während ich bestehen bleibe. Es ist nur eine Frage der Zeit und davon habe ich genug“, war ihre Antwort, doch sie sah nur weiter in den Garten.
      „Kassandra, sieh mich an“, verlangte er von ihr, doch sie reagierte nicht. Vorsichtig ließ er von ihrem Haar ab und legte ihr die Finger an ihr Kinn. Jederzeit war er darauf bedacht, sich zurückzuziehen, denn so sehr er sie auch zu kennen gedachte, war sie noch immer wankelmütig. Sie ließ ihn gewähren und ihren Kopf zu ihm drehen, wodurch sich ihre roten, wunderschönen Augen auf sein Gesicht richteten. „Du magst vielleicht unendlich Zeit besitzen, aber das gilt für keinen von uns. Wir sind vergänglich und ehe du sich versiehst, sind all die Sterblichen fort, die du kanntest und die dir etwas bedeuteten. Ich möchte nicht, dass du mich vergisst.“
      Kassandra blinzelte nicht, sondern sah Santras unverwandt an. Sie verstand die Worte, das sah er ihr an, und schien darüber nachzudenken. Nun legte er auch seine zweite Hand an Kassandras Wange und rahmte ihr Gesicht ein. Wo sie recht starr wirkte, zeigte sich auf seinem Gesicht ein Wunsch, die Qual, ein Zwiespalt. „Aber du kannst Zoras vergessen und dich an mich erinnern.“
      Etwas zuckte in ihrem Gesicht. Es war ganz klein, kaum sichtbar, aber es war da. Und das sorgte dafür, dass Santras seine Vorsicht fahren ließ. Er lehnte sich zu Kassandra herüber, hielt ihr Gesicht noch immer in seinen Händen wie etwas unglaublich Wertvolles, und küsste sie sanft. Es war eine leichte Berührung seiner Lippen, so als fürchtete er, umgehend verbrannt zu werden. Trotzdem war es etwas, was seine Wünsche befeuerte und ihm ein Glück bescherte, welches nur trügerischer Natur sein konnte.
      Kassandra erwiderte den Kuss kaum merklich. Ihr Körper reagierte nicht, denn sie schob Santras nicht weg. Auch hier ließ sie ihn gewähren, ließ ihn den Kuss zu Ende führen und ihr Gesicht wieder freigeben, nachdem er sich wieder entfernt hatte. Ganz langsam wechselte der Ausdruck auf Kassandras Gesicht zur Nachdenklichkeit, als sie ihre Finger zu ihren Lippen führte und murmelte: „Seine Küsse haben sich anders angefühlt.“

      Zavion zitterte.
      Was er in den letzten Tagen veranstaltet hatte, glich einem Verrat. Er war einem Verdacht nachgegangen, den er seit Anfang an gehegt hatte, und hatte nun eine Antwort auf eben jenen bekommen. In seinen Händen hielt er einen Brief mit einem Siegel. Der Bote hatte ihn persönlich an den Hauptmann überbracht, der sich damit umgehend in eine ungesehene Ecke zurückzog und das Siegel so schnell brach, wie er nur konnte. Er entfaltete das Papier und erkannte die feinsäuberliche Handschrift sofort. Es gab schließlich nur einen Menschen, der seine Briefe mit einer ganz bestimmten Farbe schrieb, die aus Lehm gewonnen wurde.
      Seine Augen überflogen die Worte mehrfach, die dort geschrieben standen. Es war nur ein kurzes Schreiben, so unverfänglich geschrieben wie nur irgendwie möglich. Und doch hielt er gerade eine Waffe in der Hand, so mächtig, dass er damit den Eviad zu lenken vermochte. Zavions Vermutungen oder gar Befürchtungen waren eingetreten. Als Einziger hatte er erraten, wo sich die Phönixin als Nächstes wohl zeigen mochte, und jetzt befand er sich in einem Zwiespalt. Entweder, er hielt seinem Herrn die Treue oder er trug das Wort zum Eviad, dem Herrscher des Landes. Für den einen lag es offen auf der Hand, welche Wahl er treffen müsste, doch in einem Land, das ursprünglich ungeeint war, wog die Wahl schwerer. Nun lag es plötzlich in der Hand eines einfachen Soldaten, über Dinge zu entscheiden, die das Land beeinflussen konnten. In diesem Augenblick wurde Zavion erst richtig bewusst, welche Last auf den Schultern aller Herrscher lastete. Er fühlte, wie es ihn niederzustrecken drohte, wie seine eigenen Schultern immer schwerer wurden und sich sein Kopf hitzig anfühlte. Immer wieder schlug er den gefalteten Zettel in seine geöffnete Handfläche und sah sich dabei um. Schließlich riss er sich zusammen und traf die Entscheidung. Ein guter Hauptmann wog die Vor- und Nachteile ab, um sich dann zu entschließen. Zavion fackelte nicht länger. Er steckte den Brief ein und trat zurück auf den Palastgang mit durchgedrücktem Rücken, ganz der Hauptmann, der er war.
      Zavion klopfte an der Tür zu Zoras‘ Privatgemach. Er hatte mitbekommen, dass sich der Eviad öfter zurück in sein Gemach zog, seitdem es zu dem Tumult auf dem Innenhof gekommen war. Der Hauptmann wusste nicht, woran das lag oder ob Esho es gewagt hatte, dem Eviad etwas vorzuwerfen, aber seitdem wirkte Zoras verändert. Er trug noch immer sein ehrwürdiges Auftreten zur Schau, aber es machten sich kleine Risse bemerkbar, die selbst dem Hauptmann aufgefallen waren. Irgendetwas war vorgefallen und Zavion würde nun eine entscheidende Rolle dabei spielen, wie es weiter voran ging.
      Der junge Hauptmann trat ein, nachdem er die Erlaubnis erteilt bekommen hatte. Draußen vor der Tür bleiben die anderen beiden Gardisten stehen, während Zavion allein das Gemach betrat und die Tür sanft hinter sich schloss. Er versuchte, die Fassung zu wahren, aber der Angstschweiß stand ihm ins Gesicht geschrieben.
      Zoras stand vor seinem Schreibtisch mit einem Kelch in der Hand. Auf dem Tisch waren zahllose Unterlagen und Schriften verteilt, die er scheinbar gerade zu bearbeiten suchte. Dabei wirkte der Mann alles andere als ruhig und zufrieden – die Unruhe und Spannung erreichte selbst den Hauptmann. „Hoheit, ich bringe Kunde.“
      Zoras sah zu Zavion herüber, der zaghaft den Brief hervorholte. Mit wenigen Schritten trat er an den Tisch heran und überreichte den Brief an den Eviad. „Ich rate, dass Ihr Euch setzen mögt…“
      Das tat Zoras auch, als er sah, von dem der Brief stammte. Zavion nahm Haltung an, da er nicht entlassen wurde, und verfiel in Schweigen, als Zoras das Schreiben öffnete und zu lesen begann.

      Du hast Recht mit deiner Annahme, Zavion.
      Kassandra ist hier. Sie ist vor einigen Tagen mitten in der Nacht erschienen und hält sich bislang bei mir auf.
      Sie wirkt entrückt und ich gehe dem Ganzen noch ein wenig weiter auf den Grund. Allerdings sehe ich nicht ein, Zoras über ihren Aufenthalt zu unterrichten. Kassandra verlor nur wenig Worte, weshalb sie bei mir erschienen ist, aber das Wenige reicht, damit ich ernsthaft hinterfragen, ob er sie wahrlich ehrt.
      Ich bin nicht gewillt, sie zu teilen.


      Zavion, der das Unglück damals nur am Ende miterlebt hatte, wusste um die Brisanz. Er wusste, dass Zoras nicht willentlich mit der Nymphe Sex gehabt hatte. Das war für jeden sichtbar gewesen, der sich die Szene auch nur kurz angesehen hatte. Damals hatte er versucht zu retten, was zu retten war, aber er war zu spät gewesen. Dank seiner Zeit mit dem Eviad wusste Zavion, dass Zoras Kassandra sehr wohl ehrte, wenn auch anders wie Santras. Dennoch fühlte der Hauptmann das Leid, dem sich Zoras aussetzen musste, kaum war Kassandra verschwunden. Er war besorgt, dass dieses Ereignis dazu führen könnte, dass der Eviad womöglich wirklich brach und der Umschwung in Kuluar sein Ende fand.
      Und wenn das Überbringen dieser Nachricht dazu diente, eben jenen Zusammenbruch aufzuhalten, dann war Zavion auch gewillt, seinem Herren in den Rücken zu fallen und den Eviad zu unterstützen.
    • Weitere Tage zogen ins Land, lange Tage. Düstere Tage. Tage, an denen Zoras schweißgebadet in der Nacht erwachte und von der Kälte in seinem Inneren so sehr zitterte, dass er glaubte, sich nie wieder beruhigen zu können. Tage, an denen er glaubte, sein Ende gefunden zu haben. Menschen waren nicht unfehlbar und sie waren bei weitem nicht unsterblich. Zoras glaubte, dass er die Grenzen seiner Sterblichkeit gerade auskostete.
      Er ging noch immer seinem Tagesgeschäft nach, aber jeder Schritt war ein Kampf, jede Bewegung ein Gefecht, jedes Wort eine einzige Anstrengung. Er spürte den Druck der Erde, wie sie auf ihm lastete und ihn zu sich zu ziehen versuchte, spürte es an der Art, wie es leichter war, sich hinzulegen und sich dem Druck zu ergeben, als zu kämpfen und immer weiterzukämpfen. Spürte es in seinen Gliedmaßen, die nach einer Ruhe verlangten, die er ihnen gar nicht geben konnte. Spürte es in seinem Verstand, der sich drehte und drehte, ohne jemals anzuhalten.
      Vielleicht wäre er ein guter Eviad geworden, wenn er nur die Kraft dazu gehabt hätte. Die Probleme waren schließlich nicht außergewöhnlicher Natur und Zoras hatte sich schon immer leicht getan, sich einen Schlachtplan zu überlegen. Das hier war nichts anderes, nur in anderen Dimensionen. Vielleicht hätte er die Aufgabe schaukeln können.
      Aber Zoras war weit entfernt von irgendeiner Kraft. Monate des Kämpfens hatte ihn bereits zermürbt und jetzt gab ihm Kassandras Verlust den Rest. Er schlief nicht. Er aß wenig. Er blieb zu lange im Bett oder saß nachts stundenlang vor dem Feuer im Kamin, um darauf zu warten, ob seine Wärme zurückkehren würde, um zu sehen, ob er noch heil war, oder Kassandra ein Stück von ihm mitgenommen hatte, als sie gegangen war. Die Wärme kam nicht. Er betastete ihre Brandwunde, kratzte sich dort und irritierte sich absichtlich, aber das Stechen von Telandirs Narbe übertönte in diesen Tagen alles. Der Phönix lachte ihn aus, selbst noch aus dem Tod heraus. Zoras hatte keine Möglichkeit ihn irgendwie davon abzuhalten.
      Er wusste nicht weiter. Er war verloren.
      Und dann kam Zavion eines Tages in sein Gemach.
      Er kam alleine herein, nachdem Zoras ihm die Erlaubnis erteilt hatte. Er stand für einen Moment unschlüssig bei der Tür, sah Zoras an, sah seinen Kelch an, sah seinen Schreibtisch hinter ihm an. Dann hob er wieder den Blick.
      „Hoheit, ich bringe Kunde.“
      Zoras bedeutete ihm nur mit einem Wink, näherzukommen. Egal was es war, er wollte es nichtmal lesen.
      „Ich rate, dass Ihr Euch setzen mögt…“
      Zoras sah jetzt erst den Brief an, dann Zavion. Er nahm ihn entgegen, umrundete seinen Tisch, setzte sich. Faltete das Stück Papier auseinander.
      Las.
      Kassandra ist hier.
      Sie wirkt entrückt...
      ...sehe ich nicht ein, Zoras über ihren Aufenthalt zu unterrichten...
      Ich bin nicht gewillt, sie zu teilen.
      Hier. Kassandra war hier. Zoras wusste schon, was dieses "hier" bedeutete, noch bevor er den Blick wieder hob, bevor er Zavion ansah, dem der Schweiß auf dem Gesicht stand, der steif und unbeweglich stand, als wolle er sämtliche Bewegungen vertuschen. Wusste es, als er schon die erste Zeile gelesen hatte.
      Du hast recht mit deiner Annahme, Zavion.
      Recht.
      Annahme.
      Und hier saß Zoras, tagelang, und dachte daran, dass Kassandra über alle Berge verschwunden wäre, dass es für die Göttin hunderte, tausende, millionen Orte gab, an die sie sich zurückziehen könnte, damit sie nur allzu weit weg von Zoras wäre. Dabei war sie in Paspatera, schon seit Anbeginn.
      Du hast recht mit deiner Annahme, Zavion.
      Zoras starrte seinem Hauptmann ins Gesicht, sah ihm direkt in die Augen. Dann flüsterte er:
      "Ich sollte dich auspeitschen lassen."
      Die Gesichtsfarbe wich aus Zavions Gesicht, als er begriff. Er schluckte und diesmal wurde ein leichtes Zittern sichtbar, ein Beben, das seine Hände unstet machte. Zoras entging es nicht.
      Ich bin nicht gewillt, sie zu teilen.
      Kassandra ist hier.
      Kassandra war in Paspatera. Natürlich.
      Zoras legte den Brief auf den Tisch vor sich, dann stützte er sich mit den Ellbogen auf und fuhr sich mit beiden Händen über das Gesicht. Sie war in Paspatera - das war gut. Es war nicht das Ende der Welt, sondern in wenigen Wochen erreichbar. Was Santras betraf, so machte Zoras sich keine allzu großen Sorgen. Der Mann mochte vielleicht die Gunst der Phönixin genießen, aber er war noch immer ein Stadtherr, während Zoras bereits das ganze Land beherrschte. Ein einziges Schreiben und er könnte den Mann zerstören, ihn vernichten, ihn vollständig seines Amtes und seiner Würde entheben. Das war die Macht eines Königs.
      So stellte er es sich zumindest vor. Es war ein schöner Gedanke, weil er ihn vom Offensichtlichsten ablenkte: Es machte keinen Unterschied, ob Kassandra in Kuluar oder am anderen Ende der Welt saß. Wenn sie Zoras nicht sehen wollte - was ganz offensichtlich der Fall war - dann würde er sie nicht zu sehen bekommen, so einfach war das. Santras würde schon dafür sorgen, ob er nun ein Stadtherr war oder ein armer Bettler auf der Straße.
      Er nahm einen langen Atemzug und stieß ihn geräuschvoll wieder aus. Dann legte er die Fassade des Eviads wie ein Schutzschild über sich.
      "Ich danke dir, Zavion. Für das hier, für deine Loyalität. Für alles, was du bisher für mich getan hast."
      Er merkte selbst, wie diese Worte klingen mochten, noch eher er das Entsetzen in Zavions Augen entdeckte. Er wollte den Mann nicht entlassen.
      "Es gibt keine Konsequenzen. Du kannst gehen."
      Mit sichtbarer Erleichterung im Gesicht salutierte der Mann und zog dann ab. Zoras verblieb mit einem weiteren Problem, das ihn wachhalten würde, und einem weiteren Punkt auf der Liste. Mittlerweile wusste er schon gar nicht mehr, wie lange die Liste überhaupt schon geworden war.

      Das prophezeite Chaos, das Zoras mit dem Erlass verursacht hatte, fand so langsam seinen Höhepunkt. Ristaer hatte offensichtlich eine schwierige Zeit, den Steuerausfall zu beheben, denn er musste die Steuern an anderen Stellen dafür heben und musste Zahlungen kürzen und Subventionen aufheben. Kleine Betriebe gingen bankrott, größere Betriebe mussten Angestellte entlassen. Das gewaltige Lager vor der Stadt wurde größer und größer, als Menschen ihre Häuser verloren und obdachlos wurden. Rebellen gingen auf die Straße und forderten Gerechtigkeit. Ausgleich. Balance. Wie auch immer sie es dieser Tage betitelten.
      Händler wurden überfallen. Auf den Straßen wurde randaliert. Met wurde wie Wasser ausgegossen.
      Esho hatte alle Hände damit zu tun, an allen Ecken Ordnung zu schaffen. Kalea nutzte ihren Aufgabenbereich dazu, Betrieben zu sagen, wie sie handeln sollten. Zoras versuchte dabei zu helfen, eine Katastrophe zu verhindern. Dabei war ihm Kassandras Abwesenheit eine stetige Erinnerung an sein Versagen und jetzt auch noch, dass sie sich von ihm ab und Santras zu gewandt hatte. Eine andere Katastrophe, die in seinem Inneren ähnlich schlimm war wie das Kollabieren einer ganzen Wirtschaft. Eine Katastrophe, um die er sich dafür ein anderes mal kümmern konnte.
      Dann kam er eines Tages zu einer weiteren Versammlung des Rates in den Audienzsaal und auf Feyras Platz saß nicht Feyra. Auf ihrem Platz saß ein dünner, drahtiger Mann mit Hakennase und Falkenaugen. Ein Mann, der als erster aufstand, kaum als Zoras den Raum betrat.
      Der oberste Spion, mit dem Feyra sich hätte treffen sollen. Ein Mann namens Quentin.
      Zoras sah ihm entgegen, als er zu seinem Platz ging. Die Tage stand jedes Ratsmitglied auf und er hatte es auch geschafft, dass sie stehen blieben, bis er sich selbst gesetzt hatte. Erst dann ließen sie sich auf ihre Plätze fallen.
      "Wo ist Feyra?"
      Sein Blick sprang dabei zuerst zu Kalea, die ihm nur die kalte Schulter zeigte. Dann ging er weiter zu Ristaer, der einen ganzen Papierstapel dabei hatte und dazu noch zwei Schreiber und sogar jetzt noch leise mit ihnen flüsterte. Dann weiter zu Esho, der Quentin auch schon eine Weile lang angesehen hatte und jetzt Zoras' Blick gleichgültig begegnete.
      Dann erst zu Quentin, der lächelte und erneut aufstand.
      "Feyra hat mir das Geschenk ihrer Essenz gemacht. Es ist mir eine besondere Ehre, in Euren Diensten sein zu dürfen, großer Eviad."
      Da wusste Zoras, dass seine Tage gezählt waren, wusste es von der Art, wie Dionysus ihn angrinste und ihm mit seinem Kelch zuprostete. Wusste es daran, dass der Gott - natürlich - einen Weg gefunden hatte, seine Leine wieder abzustreifen.
      Er war nicht unglücklich darüber. Eigentlich war es nur ein Punkt weniger auf seiner Liste, um den er sich kümmern musste. Wenn man es genau nahm, könnten bald sogar sehr viele Punkte von seiner Lichte gestrichen werden.
      Die Sitzung verlief ansonsten so wie sonst auch. Quentin überreichte ihm die Informationen, nach denen er verlangt hatte und die richtig waren, weil Zoras nebenher seine eigenen Spione beschäftigte, die ihm genau die gleichen Informationen überbrachten. Kalea berichtete über ihre Maßnahmen, Esho über seine Festnahmen, Ristaer über Zahlen. Die Sitzung lief wie sonst auch.
      Der ganze Tag verlief wie sonst auch.
      Als es dunkel wurde, packte Zoras in seinem Gemach einen Beutel mit Kleidung. Er ließ nach Zavion rufen und der Hauptmann kam alleine herein.
      "Ich muss für ein paar Tage gehen."
      Er sagte ihm nicht wohin und doch sagte er genug damit. Genug, dass Zavion im Zweifel wissen würde, wo er war.
      "Ich weihe dich darin ein, Zavion, dich alleine. Sag ihm nicht, dass ich komme, er wird es früh genug erfahren. Während meiner Abwesenheit musst du mir aber einen Gefallen tun, einen großen Gefallen."
      Er richtete sich auf. Zavion sah bereits so aus, als wolle er widersprechen, und Zoras konnte sich genau vorstellen, was er sagen würde. Aber er ließ ihn nicht zu Wort kommen.
      "Verheimliche so lange es geht, dass ich nicht da bin. Ich habe dir diverse Schreiben vorbereitet", er zeigte auf seinen Schreibtisch mit einem kleinen Haufen. "Niemand soll wissen, dass ich weg bin. Das ist wirklich wichtig; niemand darf es erfahren. Ich vertraue dir."
      Der Mann hatte keine Wahl, als sich ihm zu fügen. Vielleicht würde er Santras doch Bescheid sagen, aber Zoras hoffte einfach darauf, dass er schneller sein würde. Er hatte Kassadra ein halbes Jahr schon nicht mehr so weit geritten, aber sie war die langen Reisen noch immer gewohnt. Er könnte sicher schneller sein als ein Bote.
      "Ich versuche so schnell es geht wieder da zu sein. Halte bis dahin für mich aus. Bitte tu das für mich."
      Er gehorchte. Dann ließ er sich von Zoras seine genauen Instruktionen geben.
      "Es wird schon schiefgehen."
      Zavion verstand die Übersetzung falsch, aber Zoras erklärte sie ihm auch nicht. Er stopfte sich den Sack unter seine ausladenden Gewänder und seinen Mantel gleich mit dazu. Dann wies er Zavion an zu gehen und verließ seinen Raum einige Minuten darauf.

      Eine Stunde später saß er auf Kassadra und wartete auf dem Vorplatz des Tores darauf, dass sich die Menge voranschieben würde. Es war schon dunkel, aber das hinderte die Leute nicht, auch jetzt nach draußen und nach drinnen zu drängen. Das Chaos war groß und wirkte eins zu eins wie das Chaos, das das ganze Land im Moment beherrschte. Esho musste damit alle Hände voll zu tun haben.
      Aber noch während Zoras dort stand und wartete, überkamen ihn die Zweifel; mehr Zweifel, als er gedacht hatte. Da war nicht nur die Tatsache, dass Kassandra ihn einfach abweisen würde, wenn sie ihn nicht sehen wollte, oder dass Santras ihn gar nicht erst passieren lassen könnte, sondern auch grundsätzliche Dinge. Er ließ seinen Herrschaftssitz zurück, seine ganze Arbeit, die er jetzt nicht mehr kontrollieren konnte. Er überließ den Rat seiner eigenen Führung und riskierte dabei den völligen Zusammensturz. Er verließ die Stadt wie ein Flüchtling, wobei es doch nichts gab, wovor er flüchten wollte. Wenn Dionysus es auf ihn abgesehen hätte, würde er ihn auch auf dem Weg zu Paspatera finden. Wie lange Zavion wohl durchhalten würde, bis er bekannt machen würde, dass Kassandra dort war? Wie viel Druck er von einem Weingott standhalten könnte, bis er offenbarte, dass Zoras dorthin gegangen war?
      Es war ein schlechter, fehlerhafter, närrischer Plan. Er war nicht durchdacht. Zoras konnte die Stadt nicht verlassen, denn er hatte eine Pflicht eingegangen, die er jetzt nicht einfach abschälen konnte wie eine zweite Haut. Er war nicht mehr frei und darin lag das Problem: Der Titel hatte ihn gebunden und das an diese Stadt. Wenn er jetzt ging, dann musste er niemals zurückkommen, dann wäre es wirklich ein für allemal vorbei.
      Er konnte nicht gehen. Und doch wusste er, dass er nicht zurück in den Palast konnte, wusste mit einer unbestreitbaren Sicherheit, dass Dionysus in diesem Moment in seinem Gemach auftauchte und nach ihm zu suchen begann. Dass er ihn jagen und fassen würde, mit welcher Idee er es auch diesmal versuchte. Zoras wollte die Idee gar nicht herausfinden. Er hatte genug von dem Arsenal des Weingottes.
      Also ritt er wieder vom Tor fort. Er überlegte, wo er unterkommen konnte, was er tun sollte. Der Gott würde nach seiner Aura Ausschau halten, aber gleichzeitig wusste er noch von Kassandra, dass eine einzige Menschenaura schwierig zu finden war, wenn sie sich unter lauter anderen Auren versteckte. Dafür war diese Stadt ideal, auch wenn sie seine Todesfalle darstellte. Er musste einfach nur innerhalb der Mauer bleiben.
      Er hatte Geld dabei, sehr viel sogar, aber ein Gasthaus wollte er nicht nehmen. Er wollte auch nicht in der Gasse schlafen oder Kassadra in einem Stall unterbringen und sich dann in ihre Box schleichen.
      Zoras wusste nicht, was er wollte oder tun sollte, bis er das Haus schon von ganz alleine erreicht hatte, diese kleine Hütte mit dem hübschen Hufkranz an der Tür. Diese Hütte, von der er noch immer nicht wusste, ob sie sein Verderben oder seine Erlösung sein würde.
      Aber diese Nacht war wohl eine Nacht der waghalsigen, irren, überzogenen Pläne und so band er Kassadra an dem Wasserfass fest, schulterte seine beiden Säcke und ging zur Tür, um zu klopfen.
    • Den gesamten Tag über hatte sich Tevia schon auf diesen Eintopf gefreut. Während sie im Palast arbeiten war, hatte sie den Eisenkessel über dem Feuer hängen lassen und die Glut noch stehen lassen, damit der Inhalt weiter zog. Kaum war sie heimgekommen, hatte sie das Feuer wieder entfacht und den Eintopf länger köcheln lassen.
      Sie steckte gerade mit dem Kochlöffel im Topf, als es klopfte und sie vor Schreck beinahe den Löffel mit Eintopf umhergeworfen hatte. Sie fuhr zur Tür zurück und verengte die Augen. Ein Treffen mit Ghanda stand nicht aus. Also war es kein geladener Gast, erst recht nicht um diese Stunde. Also ging sie argwöhnisch und mit einer Pfanne bewaffnet zu ihrer Tür und rief durch: „Wer da?“
      Es dauerte einen Augenblick, dann hörte sie eine ganz unverfängliche Antwort und ihre Augen wurden groß. Diese Stimme kannte sie. Diese Stimme würde Tevia unter hunderte heraushören können. Deswegen riss sie die Tür umgehend auf und starrte zu dem vermummten Mann empor, dessen Pferd am Wasserfass ruhte. Tevias Augen wurden groß. „Wieso?...“
      Zoras scheuchte Tevia beinahe schon in ihr eigenes Haus zurück, aber sie wich mit Freunden. Hinter ihm schloss sie die Tür und schob den Riegel vor, ehe sie sich umdrehte und Zoras anstarrte, der sich immerhin die Verkleidung vom Kopf zog. Als der Eviad zum Vorschein kam, starrte Tevia beinahe noch mehr.
      „S… Setzt Euch doch“, bot sie schließlich perplex an und deutete auf einen Stuhl nebst dem Tisch. Sie hatte dort für sich allein gedeckt und das Strickzeug mit dem angefangenen Spucklappen achtlos liegen gelassen. Das korrigierte sie eiligst, indem sie heranstürzte und alles in ihre Arme und fort vom Tisch räumte.
      „Ich… ich habe Eintopf da, falls Ihr etwas mögt?“, fragte sie weiter, noch immer völlig verdutzt. Sie hatte ihn doch gar nicht belagert wie sonst üblich? Hatte er es vielleicht doch richtig verstanden? Dass es einen Grund gab, warum sie ihm so nachstellte? Sie war gerade dabei, ihm ungefragt auch einen Teller hinzustellen, da verharrte sie einfach am Tisch und betrachtete Zoras eingehend. „Vergesst den Eintopf. Was macht Ihr hier? Ich habe nichts gegen Euren Besuch, natürlich nicht, aber wir hatten doch eigentlich Beide eingesehen, dass es zu gefährlich sei?“
      Sie begann wieder damit, die Schürze, die Flecken vom Kochen hatte, mit ihren Fingern zu kneten. Sie hatte ihre Haare leicht gelöst und wirkte allgemein nicht so herausgeputzt wie üblich zur Arbeit. Es war eben ihr Feierabend.
      „Ist etwas vorgefallen? Im Palast? Wir bekommen kaum etwas mit, außer, es betrifft uns direkt und… Oh, nein, ich war die letzten Abende nicht mehr in den Tavernen unterwegs. Die Lage auf den Straßen ist dermaßen harsch, dass man sich am Besten noch vor Anbruch der Dämmerung in sein Haus zurückzieht.“ Sie lächelte Zoras zaghaft zu. „Nochmal möchte ich diese Erfahrung nicht wiederholen… Also… Mögt ihr Gemüseeintopf?“
      Denn Fleisch war aktuell etwas teuer.
    • Eine mittlerweile recht bekannte Stimme kam aus der Tür heraus:
      „Wer da?“
      Zoras wusste nicht recht, wie er darauf antworten sollte. Eviad? Zoras? Das waren beide Dinge, die man lieber nicht durch die Nacht rief, um von aufmerksamen Ohren gehört zu werden. Daher beschränkte er es auf ein nichtssagendes:
      "Ich bin's."
      Es dauerte keinen Atemzug, dann hatte Tevia die Tür aufgerissen.
      Die Frau sah geschockt aus, wenn man es gelinde ausdrücken wollte. Mit großen Augen sah sie zu ihm auf.
      "Wieso?..."
      Aber Zoras hatte nicht die Muße, weitere verfängliche Fragen auf der Straße zu beantworten. Dieses eine Mal nur gestattete er sich das Privileg seines hohen Standes und drängte sich einfach an ihr vorbei hinein. Tevia wich vor ihm und schloss eilig hinter ihr die Tür, als hätte seine schiere Anwesenheit sie zur Eile getrieben. Vielleicht war es auch so, aber logischer schien, dass sie einfach völlig überfordert damit war, dass er gerade bei ihr auftauchte.
      Das konnte er ihr im Moment auch nicht nehmen. Tevias Überforderung war kaum verglichen mit dem, was Zoras dort draußen erwartete.
      Als er erstmal in der Stube war, warf er einen präventiven Blick aus dem Fenster, dann lichtete er seine Verhüllung. Der Frau fielen fast die Augen aus dem Kopf, dabei war das nicht das erste Mal, dass sie ihn unverkleidet sehen konnte.
      "Bitte verzeih die nächtliche Störung."
      "S... Setzt Euch doch."
      Sie deutete auf denselben Stuhl, auf dem er schon letztes Mal gesessen hatte. Die ganze Hütte war von dem seichten Geruch von Gemüse erfüllt und auf dem Tisch selbst lag auch noch Strickzeug, das Tevia sofort beiseite schaffte, kaum als er sich in Bewegung gesetzt hatte. Die ganze Szenerie wirkte heimisch, idyllisch. Zoras hätte es irgendwie lieber gehabt, wenn das Strickzeug geblieben wäre.
      "Ich... Ich habe Eintopf da, falls Ihr etwas mögt?"
      Zoras schüttelte den Kopf. Das letzte, was er tun würde, war sich an dem spärlichen Einkommen der Frau zu bereichern.
      "Nein, vielen Dank."
      „Vergesst den Eintopf. Was macht Ihr hier? Ich habe nichts gegen Euren Besuch, natürlich nicht, aber wir hatten doch eigentlich Beide eingesehen, dass es zu gefährlich sei?“
      Da waren die Gedanken wohl endlich raus, die sie geplagt hatten. Zoras holte einmal tief Luft.
      "Das ist eine komplizierte Sache, fürchte ich. Zu kompliziert, um sie erklären zu können. Ich muss ehrlich gestehen, dass ich nicht ohne Hintergedanken gekommen bin."
      „Ist etwas vorgefallen? Im Palast? Wir bekommen kaum etwas mit, außer, es betrifft uns direkt und… Oh, nein, ich war die letzten Abende nicht mehr in den Tavernen unterwegs. Die Lage auf den Straßen ist dermaßen harsch, dass man sich am Besten noch vor Anbruch der Dämmerung in sein Haus zurückzieht. Nochmal möchte ich diese Erfahrung nicht wiederholen… Also… Mögt ihr Gemüseeintopf?“
      "Nein, wirklich nicht. Bitte, iss nur."
      Er versuchte das Lächeln zu erwidern, das sie ihm zeigte.
      "Es ist... etwas vorgefallen, aber sei unbesorgt, niemand ist in Gefahr. Ich habe mich dazu entschieden, den Palast für eine kurze Weile zu meiden. Nur vorübergehend und in Begleitung meiner Gardisten. Ich habe sie dazu angesetzt, ein Auge auf das Haus zu haben."
      Es gefiel ihm nicht, Tevia so anzulügen, weil er einfach ungerne log. Aber das hier zu erklären, das traute er sich selbst nicht einmal zu.
      "Darf ich dich um einen sehr großen Gefallen bitten? Kann ich eine Nacht hier bleiben? Ich gehe so ungerne in Gasthäuser und etwas anderes lässt mein Hauptmann nicht zu. Es wäre ein zu großes Risiko."
      Er versuchte sich an einem zuversichtlichen Lächeln.
      "Du sollst selbstverständlich ordentlich dafür entlohnt werden. Ich möchte deine Obhut nicht ohne Vergütung in Anspruch nehmen."
    • Dass Zoras ihren Eintopf verschmähte, verstimmte Tevia überraschend stark. Immerhin war das einer der wenigen Punkte, womit die Damen die Männer bezirzen konnten und wenn er ihre Kunst so einfach abschlug… Tevia gebot sich Einhalt. Was erwartete sie eigentlich? Dass der Herrscher von Kuluar allen Ernstes eine dünne Gemüsesuppe essen wollte, wenn er sonst opulente Mahlzeiten gewohnt war? Wem machte sie hier denn etwas vor?
      Aber an Essen war nicht zu denken. Stattdessen setzte sie sich recht steif auf den Platz Zoras gegenüber und faltete die Hände auf dem Tisch. Es waren noch leichte Dreckspuren von Kartoffelschalen an ihnen, aber darauf achtete nun niemand. Als er ihr offenbarte, dass etwas vorgefallen sei, wurde ihr ganz schnell ganz anders zumute. Sie konnte sich nur ausmalen, was geschehen war, sodass der Eviad den Palast meiden musste.
      „Hat man Euch angegriffen?“, hauchte sie mit großen, ängstlichen Augen.
      Zoras winkte beschwichtigend ab, doch die Information, dass da draußen wohl noch Gardisten lauerten, gefiel ihr ganz und gar nicht. Noch schlimmer wurde es, als er ihr sagte, dass er ihr Haus überwachen ließ. Sofort wurde die Frau ein wenig kleiner in ihrem Stuhl und strich sich nervös über ihre Finger, während der Blick umher wanderte, als könne sie durch die Wände blicken.
      „Wieso ist es denn nötig, meine Hütte beschatten zu lassen?... Ihr könnt Eure Soldaten doch bestimmt für bessere Dinge einsetzen als für die Überwachung von…“ Sie rang um die richtigen Worte. „… Bedienstete.“
      Sie bemerkte nicht, dass Zoras sie anlog. Sie glaubte dem Wort des Eviads, der über das gesamte Land regierte, und es doch nicht nötig hatte, dem einfachen Volk Lügen aufzutischen.
      „Darf ich dich um einen sehr großen Gefallen bitten?“, fragte er die Waschfrau.
      „Selbstredend!“, bekräftigte sie umgehend, aber das mulmige Gefühl von etlichen Augenpaaren da draußen ließ sich nicht abschütteln.
      „Kann ich eine Nacht hierbleiben?“
      Tevias enthusiastische Antwort bleib ihr im Halse stecken.
      „Ich gehe so ungerne in Gasthäuser und etwas anderes lässt mein Hauptmann nicht zu. Es wäre ein zu großes Risiko.“
      „Aber…“
      „Du sollst selbstverständlich ordentlich dafür entlohnt werden. Ich möchte deine Obhut nicht ohne Vergütung in Anspruch nehmen.“
      Jetzt wechselte Tevias Gesichtsausdruck vollkommen zur Bestürzung. Es wäre etwas anderes gewesen, wenn Zoras irgendein Mann gewesen wäre. Es wäre auch noch etwas anderes gewesen, wenn er von der oberen Schicht der Stadt stammen möge. Aber ab dem Zeitpunkt eines Adeligen und in diesem speziellen Falle sogar dem Herrscher höchstpersönlich, änderte sich die Wahrnehmung maßgeblich. So sehr, dass sich diese schönen, flüchtigen Gedanken, eine Nacht nicht allein im Bett zu verbringen, sofort in Luft auflösten.
      „Gut, dann…“, sagte sie zögerlich und stand auf, um das Feuer unter dem Kessel zu löschen, „lasst mich das Feuer löschen. Ihr könnt Euch gerne bedienen, ich packe dann noch meine Habseligkeiten und gehe dann.“
      Hinter sich hörte Tevia einen verdutzten Ton und sie warf einen scheuen Blick über die Schulter zurück. „Wieso schaut Ihr so? Ihr habt um Obhut in meiner Hütte gebeten. Das bedeutet, dass ich für die Dauer Eures Aufenthaltes woanders unterkommen muss. Schließlich seid Ihr der Eviad und ich-„
      Sie kam nicht weiter, da Zoras vehement verneinte. Jetzt sah sie ihn verdutzt an. Es war normal, dass die Unterschicht ihren Ort räumte, wenn ein Ranghöherer ihn verlangte. Das bezog sich nun mal auch auf ihre Hütte, und wenn draußen Soldaten auf sie warteten, dann brauchte sie schließlich auch nichts zu befürchten.
      Doch auch dies lehnte Zoras ab und ließ Tevia in einem Zwiespalt zurück, der sich darin äußerte, dass sie nicht wusste, ob sie stehen oder sitzen sollte. „Ich fürchte, Ihr missversteht. Ich besitze nur ein Bett und das steht nebenan. Ich habe kein Sofa und ich werde Euch mitnichten auf dem Boden schlafen lassen. Wenn Ihr unbedingt darauf besteht, dass ich hier bleibe, dann habt Ihr Euch in meinem Bett zurechtzufinden und nicht auf den Boden.“ Da wurde sie langsam vehement und stellte heraus, dass sie sich nicht in ihrem Entschluss umstimmen lassen würde. „Entweder so oder gar nicht. Ach, und übrigens, eine Entlohnung dafür brauche ich auch nicht. Es ist Lohn genug, dass Ihr generell auf mich zurückgreift. Sollte eine gute Bürgerin sich nicht darüber freuen, dem Eviad einen Gefallen zu erweisen? Gefallen setzen übrigens keine Entlohnung voraus…“
      Tevia rümpfte ein wenig die Nase. Das Klarstellen dieser Tatsache hatte ein wenig von ihrer Nervosität gelockert und die sonst so souveräne Frau ans Licht gelockt. Jetzt konnte sie auch mit dem Gedanken spielen, doch noch einen Teller Eintopf zu schöpfen.