Selbst mit der Schwellung konnte Zoras deutlich das rapide Wechseln von Gefühlen beobachten, das sich in Tevias Gesicht abspielte. Fast tat die Frau ihm schon leid; was dachte er sich hier schließlich schon, ihre Dienste annehmen zu wollen? Sie würde noch einen Herzinfarkt bekommen, ganz einfach deswegen, weil der Eviad von ihr persönlich bedient worden war.
Aber zu seiner Überraschung fing sie sich - so gut es eben in dieser Situation auch möglich war.
„Dann… müsstet Ihr aber hereinkommen.“
"Das wäre wohl besser", stimmte er ihr zu. Auf der offenen Straße wollte er nicht riskieren, gesehen zu werden.
„Das sollte kein Problem sein“, sagte sie prompt, die Augen riesig. Dann wirbelte sie herum - wobei sie ein quietschiges Geräusch von sich gab - um die Tür aufzuschließen. Zoras musste bei dem deutlichen Eifer, der ihre Hände ganz hektisch machte, lächeln.
„Bindet Kassadra einfach an dem Wasserfass da vorn fest.“
Er tat wie geheißen, murmelte seiner Stute zu, dass sie auch ja brav sein sollte, und folgte Tevia dann ins Innere ihrer Behausung.
Die Einrichtung hätte Zoras vor zwei Jahren noch, als er als heimatloser Söldner durch Kuluar gereist war, als luxuriös empfinden können. Vor einem Jahr, als er als Anwerber auf den Titel bei den Leuten, denen er Gefallen erwiesen hatte, als Gast geschlafen hatte, hätte er es als beschaulich, aber gemütlich aufgefasst. Jetzt, nach einem halben Jahr in einem Palast, kam ihm die Hütte beengend und erdrückend vor. Nichts, wo er sich dauerhaft wohlgefühlt hätte.
Für ihn war der Eintritt in die Behausung eine Offenbarung dessen, was er mittlerweile geworden war. Seine Gedanken galten hauptsächlich den Kleinigkeiten, die vermutlich niemandem auffielen und ganz sicher niemanden interessierten: In der Eingangstür war ein winziger Spalt, durch den man sicher Geräusche nach draußen hören konnte; der Holzboden machte Geräusche beim Drübergehen; es fehlten Farben, Glanz und Prestige; die kleinen Fenster schienen schmutzig - dabei waren sie einfach nur vom Wetter mitgenommen; unter dem Tisch lag ein Teppich, der als Brennmaterial sicher mehr Nutzen finden würde; die Decke war niedrig genug, dass man sie mit der Hand berühren konnte; die Farbe an den Wänden schien verblasst und ordentliche Lichtquellen waren hier auch nirgends angebracht. Tevia benutzte Kerzen als Licht.
Zoras' erster Gedanke war, dass das hier seiner nicht würdig war. Er hatte das Gefühl, sich schmutzig zu machen, alleine davon, dass er hier stand.
Als zweiten Gedanken schalt er sich selbst. Das war woher er gekommen war, sogar noch niedriger als das. Als Söldner - geschweige denn als Sklave - hatte er davon träumen können, ein festes Zuhause innerhalb von Stadtmauern zu besitzen.
Beide Seiten in ihm rangen miteinander, als er langsam eintrat. Tevia bereitete dabei emsig und höchst fleißig alles vor.
„Legt mir den Mantel einfach auf den Tisch. Ich mach‘ den Rest.“
"Vielen Dank."
Er warf einen Blick durch das Fenster, aber es ging nicht auf die Straße hinaus. Außerdem würde ihn bei dem fahlen Licht wohl sowieso niemand erkennen.
Er zog ohne weitere Umschweife den Mantel ab und legte ihn gefaltet auf den hässlichen - auf den stabilen - auf den Holztisch. Wenn er gedacht hatte, dass Tevia sich gleich vergewissern würde, dass nach den beiden Malen wirklich der Eviad hinter der Verkleidung steckte, hatte er sich getäuscht. Die Frau sah unentwegt den Boden an, schnappte sich ihren kleinen Zuber und rannte förmlich davon.
Zoras blieb für einen Moment zurück in der kleinen Wohnung. Er hatte sich eine Halterung um die Flanke geschnallt, die sowohl seine darunter liegenden Gewänder zusammenhielt, als auch den Dolch trug, den er extra für seinen Ausritt eingesteckt hatte. Tevia schien seine Waffe noch nicht bemerkt zu haben und er hoffte auch inständig, dass sie sie nicht als Bedrohung ansah. Oder es etwa als Zeichen wertete, dass selbst der Eviad sich nicht unbewaffnet auf die Straße traute. Gut, nach ihrem Vorfall würde sie ihm das wohl kaum vorhalten.
Sein Blick schweifte durch das kleine Zimmer, als sie schließlich wiederkam und ihr Waschbrett aufstellte. Sie kippte das Wasser um und als Zoras sie da wieder ansah, begegneten sich zum ersten Mal ihre Blicke unverhüllt. Da sah Tevia so schnell wieder weg, dass ihre Haare geradezu flogen. Zoras glaubte, ihre gesunde Gesichtshälfte knallrot anlaufen zu sehen.
Er schmunzelte ein wenig. Ob sie ihn vor zwei Jahren genauso angesehen hätte oder ob es an seinem Titel lag? Irgendwie wollte er gar keine Antwort auf diese Frage haben.
„Bitte, setzt Euch doch."
Sie zeigte auf einen der Stühle. Zoras folgte ihrem Blick und setzte sich gehorsam. Das Holz ächzte unter seinem Gewicht.
Schnell redete Tevia weiter, als wolle sie von dem Geräusch ablenken.
"Der Stoff muss erst einmal ein wenig einweichen… Habt Ihr es mit warmen Wasser versucht?"
"Selbstverständlich. Mit heißem Wasser."
"Bei Blut müsst ihr kaltes nehmen, sonst gerinnt es noch im Stoff.“
Er blinzelte. Das hatte er nicht gewusst.
"Ah."
Dabei war das nicht das erste Mal, dass er Blut von seiner Kleidung waschen musste. Nur hatte er als Söldner natürlich immer mit kaltem Wasser gewaschen - und natürlich hatte er auch einfachen Zugang zu Waschmittel gehabt. Wer hätte schon denken können, dass Luxus einem solch simple Arbeiten zunichte machen konnte? Zoras fühlte sich gänzlich wie ein Adeliger, der noch nie in der freien Welt dort draußen unterwegs gewesen war und auf sich selbst hatte aufpassen müssen.
Ob Tevia auch so von ihm dachte? Ob andere das vom Eviad dachten?
Ob das schlimm war?
Tevia warf ihm einen kurzen Blick zu, wie um sich abzusichern, dass er noch da war. Oder sie nicht anfallen würde. Ihr eines Auge war dabei ganz groß, ihr anderes bemühte sich, genauso groß zu werden.
„Ihr kennt bestimmt keine Schrubberbretter. Das ist auch gar nicht schlimm, aber es erleichtert die Arbeit sehr. Ihr müsst die Kleidung dann so auflegen und dann die Rillen für Euch arbeiten lassen. Immer hin und her bewegen bis alles später eingeschäumt ist. Den Fleck nur sehr gezielt mit der Seife behandeln, manche Stoffe sind zu fein für die Bretter, aber das gilt nur für sehr hochwertige Kleider.“
Zoras ließ sie reden, er ließ sie auch machen. Es war ihm irgendwie eine willkommene Abwechslung, einer so einfachen Arbeit zuzusehen. Dabei musste man nicht daran denken, ob der Ärmel irgendetwas im Schilde führte oder ob er sich gleich aufrichten und an seine Kehle gehen würde; es war einfach nur ein Mantelärmel, den man über das Brett schob, um den Fleck sozusagen rauszupressen. Dabei gab es keine Taktik und auch nichts, was man falsch machen konnte. Zumindest nicht bei dem groben Stoff des Mantels.
Zoras antwortete darauf nichts, sondern sah ihr einfach nur zu. Sie schien seinen Blick am ganzen Körper zu spüren.
„Ich würde einen Sud aufsetzen, aber ich fürchte, ich strapaziere dann Euren Zeitplan gehörig. Haltet nur einen Augenblick aus, bis ich den Fleck aus dem Mantel habe.“
"Nein, lieber keinen Sud. Aber keine allzu große Eile, ich bin mir sicher, dass du bereits dein bestes gibst."
Davon schien sie wieder einem Aufwallen von Gefühlen zu unterliegen und Zoras erkannte, dass sein Blick auf ihr sie vermutlich nur noch nervöser machte als es gut war. Also wandte er den Blick ab und sah stattdessen die Wand empor auf das alte Halfter, das dort hing.
"Ist das dein Halfter? Hattest du auch mal ein Pferd?"
Da musste er gleich wieder an die hübsche Schale in seiner Tasche denken. Er mochte den Fuchs einfach so sehr.
"Hast du den Kranz an deiner Tür auch selbst gemacht? Den Hufkranz?"
Aber zu seiner Überraschung fing sie sich - so gut es eben in dieser Situation auch möglich war.
„Dann… müsstet Ihr aber hereinkommen.“
"Das wäre wohl besser", stimmte er ihr zu. Auf der offenen Straße wollte er nicht riskieren, gesehen zu werden.
„Das sollte kein Problem sein“, sagte sie prompt, die Augen riesig. Dann wirbelte sie herum - wobei sie ein quietschiges Geräusch von sich gab - um die Tür aufzuschließen. Zoras musste bei dem deutlichen Eifer, der ihre Hände ganz hektisch machte, lächeln.
„Bindet Kassadra einfach an dem Wasserfass da vorn fest.“
Er tat wie geheißen, murmelte seiner Stute zu, dass sie auch ja brav sein sollte, und folgte Tevia dann ins Innere ihrer Behausung.
Die Einrichtung hätte Zoras vor zwei Jahren noch, als er als heimatloser Söldner durch Kuluar gereist war, als luxuriös empfinden können. Vor einem Jahr, als er als Anwerber auf den Titel bei den Leuten, denen er Gefallen erwiesen hatte, als Gast geschlafen hatte, hätte er es als beschaulich, aber gemütlich aufgefasst. Jetzt, nach einem halben Jahr in einem Palast, kam ihm die Hütte beengend und erdrückend vor. Nichts, wo er sich dauerhaft wohlgefühlt hätte.
Für ihn war der Eintritt in die Behausung eine Offenbarung dessen, was er mittlerweile geworden war. Seine Gedanken galten hauptsächlich den Kleinigkeiten, die vermutlich niemandem auffielen und ganz sicher niemanden interessierten: In der Eingangstür war ein winziger Spalt, durch den man sicher Geräusche nach draußen hören konnte; der Holzboden machte Geräusche beim Drübergehen; es fehlten Farben, Glanz und Prestige; die kleinen Fenster schienen schmutzig - dabei waren sie einfach nur vom Wetter mitgenommen; unter dem Tisch lag ein Teppich, der als Brennmaterial sicher mehr Nutzen finden würde; die Decke war niedrig genug, dass man sie mit der Hand berühren konnte; die Farbe an den Wänden schien verblasst und ordentliche Lichtquellen waren hier auch nirgends angebracht. Tevia benutzte Kerzen als Licht.
Zoras' erster Gedanke war, dass das hier seiner nicht würdig war. Er hatte das Gefühl, sich schmutzig zu machen, alleine davon, dass er hier stand.
Als zweiten Gedanken schalt er sich selbst. Das war woher er gekommen war, sogar noch niedriger als das. Als Söldner - geschweige denn als Sklave - hatte er davon träumen können, ein festes Zuhause innerhalb von Stadtmauern zu besitzen.
Beide Seiten in ihm rangen miteinander, als er langsam eintrat. Tevia bereitete dabei emsig und höchst fleißig alles vor.
„Legt mir den Mantel einfach auf den Tisch. Ich mach‘ den Rest.“
"Vielen Dank."
Er warf einen Blick durch das Fenster, aber es ging nicht auf die Straße hinaus. Außerdem würde ihn bei dem fahlen Licht wohl sowieso niemand erkennen.
Er zog ohne weitere Umschweife den Mantel ab und legte ihn gefaltet auf den hässlichen - auf den stabilen - auf den Holztisch. Wenn er gedacht hatte, dass Tevia sich gleich vergewissern würde, dass nach den beiden Malen wirklich der Eviad hinter der Verkleidung steckte, hatte er sich getäuscht. Die Frau sah unentwegt den Boden an, schnappte sich ihren kleinen Zuber und rannte förmlich davon.
Zoras blieb für einen Moment zurück in der kleinen Wohnung. Er hatte sich eine Halterung um die Flanke geschnallt, die sowohl seine darunter liegenden Gewänder zusammenhielt, als auch den Dolch trug, den er extra für seinen Ausritt eingesteckt hatte. Tevia schien seine Waffe noch nicht bemerkt zu haben und er hoffte auch inständig, dass sie sie nicht als Bedrohung ansah. Oder es etwa als Zeichen wertete, dass selbst der Eviad sich nicht unbewaffnet auf die Straße traute. Gut, nach ihrem Vorfall würde sie ihm das wohl kaum vorhalten.
Sein Blick schweifte durch das kleine Zimmer, als sie schließlich wiederkam und ihr Waschbrett aufstellte. Sie kippte das Wasser um und als Zoras sie da wieder ansah, begegneten sich zum ersten Mal ihre Blicke unverhüllt. Da sah Tevia so schnell wieder weg, dass ihre Haare geradezu flogen. Zoras glaubte, ihre gesunde Gesichtshälfte knallrot anlaufen zu sehen.
Er schmunzelte ein wenig. Ob sie ihn vor zwei Jahren genauso angesehen hätte oder ob es an seinem Titel lag? Irgendwie wollte er gar keine Antwort auf diese Frage haben.
„Bitte, setzt Euch doch."
Sie zeigte auf einen der Stühle. Zoras folgte ihrem Blick und setzte sich gehorsam. Das Holz ächzte unter seinem Gewicht.
Schnell redete Tevia weiter, als wolle sie von dem Geräusch ablenken.
"Der Stoff muss erst einmal ein wenig einweichen… Habt Ihr es mit warmen Wasser versucht?"
"Selbstverständlich. Mit heißem Wasser."
"Bei Blut müsst ihr kaltes nehmen, sonst gerinnt es noch im Stoff.“
Er blinzelte. Das hatte er nicht gewusst.
"Ah."
Dabei war das nicht das erste Mal, dass er Blut von seiner Kleidung waschen musste. Nur hatte er als Söldner natürlich immer mit kaltem Wasser gewaschen - und natürlich hatte er auch einfachen Zugang zu Waschmittel gehabt. Wer hätte schon denken können, dass Luxus einem solch simple Arbeiten zunichte machen konnte? Zoras fühlte sich gänzlich wie ein Adeliger, der noch nie in der freien Welt dort draußen unterwegs gewesen war und auf sich selbst hatte aufpassen müssen.
Ob Tevia auch so von ihm dachte? Ob andere das vom Eviad dachten?
Ob das schlimm war?
Tevia warf ihm einen kurzen Blick zu, wie um sich abzusichern, dass er noch da war. Oder sie nicht anfallen würde. Ihr eines Auge war dabei ganz groß, ihr anderes bemühte sich, genauso groß zu werden.
„Ihr kennt bestimmt keine Schrubberbretter. Das ist auch gar nicht schlimm, aber es erleichtert die Arbeit sehr. Ihr müsst die Kleidung dann so auflegen und dann die Rillen für Euch arbeiten lassen. Immer hin und her bewegen bis alles später eingeschäumt ist. Den Fleck nur sehr gezielt mit der Seife behandeln, manche Stoffe sind zu fein für die Bretter, aber das gilt nur für sehr hochwertige Kleider.“
Zoras ließ sie reden, er ließ sie auch machen. Es war ihm irgendwie eine willkommene Abwechslung, einer so einfachen Arbeit zuzusehen. Dabei musste man nicht daran denken, ob der Ärmel irgendetwas im Schilde führte oder ob er sich gleich aufrichten und an seine Kehle gehen würde; es war einfach nur ein Mantelärmel, den man über das Brett schob, um den Fleck sozusagen rauszupressen. Dabei gab es keine Taktik und auch nichts, was man falsch machen konnte. Zumindest nicht bei dem groben Stoff des Mantels.
Zoras antwortete darauf nichts, sondern sah ihr einfach nur zu. Sie schien seinen Blick am ganzen Körper zu spüren.
„Ich würde einen Sud aufsetzen, aber ich fürchte, ich strapaziere dann Euren Zeitplan gehörig. Haltet nur einen Augenblick aus, bis ich den Fleck aus dem Mantel habe.“
"Nein, lieber keinen Sud. Aber keine allzu große Eile, ich bin mir sicher, dass du bereits dein bestes gibst."
Davon schien sie wieder einem Aufwallen von Gefühlen zu unterliegen und Zoras erkannte, dass sein Blick auf ihr sie vermutlich nur noch nervöser machte als es gut war. Also wandte er den Blick ab und sah stattdessen die Wand empor auf das alte Halfter, das dort hing.
"Ist das dein Halfter? Hattest du auch mal ein Pferd?"
Da musste er gleich wieder an die hübsche Schale in seiner Tasche denken. Er mochte den Fuchs einfach so sehr.
"Hast du den Kranz an deiner Tür auch selbst gemacht? Den Hufkranz?"
