Salvation's Sacrifice [Asuna & Codren]

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    • Zoras setzte sich wieder an den letzten, ungestörtesten Tisch und hob einen Finger, als der Wirt zu ihm herüber sah. Mehr war schon nicht nötig. Es wurde die Tage kaum etwas anderes getrunken als Met, das nicht viel teurer als Wasser war. Eine Silbermünze reichte da als Bezahlung aus.
      Einen einzigen Blick ließ er durch den Raum schweifen, hauptsache nur, um seine eigene Paranoia zu besänftigen. Wie schon beim letzten Mal schenkte ihm keiner Beachtung und diesmal konnte er auch keinen bekannten Haarschopf erkennen, der dort in der Menge sitzen mochte. Nochmal wollte er Tevia nicht begegnen, aber sie hatte wohl seine Drohung vom letzten Mal ernst genommen. Außerdem war die Stadt so groß, es war fast unmöglich, dass sie sich jetzt wieder begegnen würden.
      Als er nichts sah, entspannte er sich wieder ein bisschen. Dann tat er das, wofür er eigentlich hergekommen war, und saß einfach nur, während er die Menschen dabei beobachtete, wie sie Menschen waren.
      Das Met kam schnell. Und dazu...
      ... Tevia. Wie aus dem Nichts tauchte die Frau auf und ließ sich ungefragt an Zoras' Tisch nieder.
      Mit voller Absicht. Ihr Blick fraß ihn dabei geradezu auf.
      Zoras starrte sie voller Unglauben an, dann seufzte er in seine Verkleidung hinein und rieb sich mit zwei Fingern die Kapuze an seiner Stirn. Es war ja "zum Glück nur" Tevia, aber trotzdem: Da ging der Frieden seines Abends hin. Dabei hatte er das letzte Mal doch sicher klar gemacht, dass er alleine hier sein wollte. Oder? Hatte er das in der Hitze des Gefechts irgendwie vernachlässigt?
      Wie kam sie überhaupt dazu, sich wieder einfach so zu ihm setzen zu wollen? Hatte sie keinen Anstand, keine Manieren? Dachte sie wirklich, sie könnte einfach mit dem Eviad an einem Tisch trinken? Die einzigen, die das bisher gemacht hatten, waren der Rat und einzelne Ausgewählte gewesen. Ganz sicher keine Waschfrau.
      Nur war er ja jetzt nicht der Eviad. Wenn das so wäre, hätte man schon die ganze Taverne geräumt, bis nur noch er und seine Gardisten übrig geblieben wären.
      Das wäre zwar besser gewesen als diese Situation, aber dann hätte er hier in Schweigen sitzen müssen. Oder noch viel schlimmer, er hätte sich das Geschmeichel des Wirts anhören müssen.
      Dann also doch lieber Tevia? Beides nicht sehr angenehm. Nur wusste er eines: Dieses Mal wollte er nicht auf sein Met verzichten.
      „Ich dachte mir schon, dass Ihr dem Nervenkitzel nicht widerstehen könnt.“
      "Es ist nicht wegen dem Nervenkitzel", korrigierte er sie brummend, wobei er gar nicht wusste, wieso. Vielleicht, weil sie letztes Mal schon gewissermaßen das Eis gebrochen hatten. Es redete sich eben leichter, wenn man das Blut eines anderen von der Wange wischte.
      „Ich hätte als Dank gerne Euer Met bezahlt, aber da kamt Ihr mir ja leider schon zuvor.“
      Jetzt musste er doch ein wenig schmunzeln. Sie wollte ihm das Met bezahlen? Seine Kleidung war sicher mehr wert als ihr gesamtes Zuhause und sie wollte es ihm bezahlen?
      ... Aber darum ging es gar nicht, oder? Sie hätte sich vermutlich bei jedem Mann bedankt, der sie nachts von der Straße aufgelesen und bis vor die Haustür gebracht hätte. Sie hätte jedem das Met bezahlt, weil sich das einfach so gehörte.
      Sie behandelte Zoras nicht wie den Eviad, so wie er es wollte - so, wie sie selbst erkannt hatte. Deswegen hatte sie sich auch an seinen Tisch gesetzt. Wenn er schon kein Eviad war, dann war sie wohl auch seine Gesellschaft würdig, oder?
      Mit dieser Erkenntnis fühlte es sich irgendwie leichter an, mit ihr an einem Tisch zu sitzen. Es bereitete ihm noch immer Sorgen, welches Risiko er trotz allem damit auf sich nahm, aber für den Augenblick war es doch ganz okay. Und wirklich, wollte er wirklich so alleine in der Taverne sitzen wie all die Monate, bis er Tysion dort angetroffen hatte? Irgendwann würde ihm auch das zu einsam werden.
      Vielleicht war Tevia in dieser Hinsicht ja sowas wie ein Tysion-Ersatz. Die Erinnerung an seinen alten Freund bereitete ihm noch immer Schmerzen.
      Da nahm er seinen Krug auf.
      "Leiste mir Gesellschaft für einen Krug und das soll mir Dank genug sein."
      Er lüftete seine Maskierung ein wenig, um einen Schluck zu trinken, dann stellte er den Krug wieder ab. Einen Moment lang betrachtete er Tevia dabei, wie sie vor Aufregung regelrecht zu vibrieren schien, dann befand er die Situation als gefahrlos genug und schweifte stattdessen mit dem Blick wieder in den Raum ab. Es genügte ihm, wieder einfach nur zu sitzen und die Menschen zu beobachten.
    • „Es ist nicht wegen dem Nervenkitzel.“
      Dass Zoras überhaupt antwortete und Tevia dadurch direkt den Beweis hatte, dass es auch wirklich der Eviad ist, ließ ihr Herz nur noch mehr flattern. Sie hatte es gewagt, sich ganz einfach zu ihm zu setzen. Ihn ganz einfach anzusprechen und dann auch noch zu sagen, dass sie sein Met hätte zahlen wollen. Alles Dinge, die dafür gesorgt hätten, dass sie eine Hand und ihren Platz oder gar mehr im Palast verloren hätte, wäre ihr dies mit dem Eviad in der Öffentlichkeit widerfahren. Aber hier waren sie wie unter einem Deckmantel und Tevia liebte es.
      „Leiste mir Gesellschaft für einen Krug und das soll mir Dank genug sein“, sagte er schließlich, nachdem er lange in der Stille seiner Gedanken gehangen hatte.
      Sofort hellte sich Tevias Gesicht merklich auf. Ihr Lächeln war nun besser sichtbar, Grübchen zeigten sich an ihren Mundwinkeln. „Welch Großzügigkeit.“
      Dann nahm sie selbst ihren Krug zur Hand und übte sich in Zurückhaltung. So gern sie es wollte, konnte sie nicht ganz übersehen, dass hier immer noch der Eviad ihr gegenübersaß. Die respektvolle Zurückhaltung, ob er vielleicht als erster ein Gespräch beginnen wollte, konnte sie aus ihrem Verhalten nicht einfach wegstreichen. Als jedoch auch nach ein paar Minuten nichts gesagt hatte und dafür lieber die Leute in Tevias Rücken beobachtete, beschloss sie, die Initiative zu ergreifen.
      „Woher habt Ihr eigentlich Kassadra? Man sagt, Ihr seid mit ihr hier eingereist, aber woher stammt sie?“ Das hatte sie schließlich schon immer interessiert. Die Stute war ihr wegen ihres Baus und der Farbe als Erstes im Stall aufgefallen, anschließend erst durch ihren bestechenden Charakter. „Sie hat keine der erlesenen Blutlinien in sich, würde ich schätzen. Rotbraune kommen in den Linien nicht vor. Es sind immer Schimmel und Rappen. Außerdem…“
      Sie nestelte an dem Griff ihres Kruges herum. Wie formulierte man das, ohne dass es als Angriff zu werten war?
      „Ich habe Kassadra täglich besucht und ihr ein bisschen Gesellschaft geleistet. Ihre Hufe sehen sehr gut aus, aber wenn man sie striegelt, dann fallen hier und da alte Narben und kleine Stellen mit fehlendem Fell auf… Sind die während Eurer Reise entstanden oder schon davor?“
      Das zeugte davon, dass sie gemeinsam in brenzligen Situationen geraten sein mussten. Man erzählte sich schließlich nur Geschichten darüber, woher Zoras eigentlich stammte und wie seine Laufbahn war. Der Mann war älter als sie und hatte zweifellos mehr erlebt, als er zugeben mochte.
      „Oh, stimmt ja…“, fiel ihr plötzlich ein und sie biss sich schüchtern auf die Unterlippe und drehte an ihrem Krug noch herum. „Ihr… Ihr habt damals… meinen Namen gesagt.“ Welch ein grandioser Moment es doch gewesen war. „Wie… also… nun… wieso wusstet Ihr ihn? Ich verstehe es, wenn Ihr von den… hm… Männern die Namen wisst, aber ich bin doch nur… Ihr wisst schon.“
      Sie druckste ein wenig herum, damit sie möglichst wenig Anhaltspunkte aussprach, wer ihr gerade gegenübersaß. Man wusste schließlich nie, wer zuhörte und wo aufmerksame Ohren hinhörten.
    • „Woher habt Ihr eigentlich Kassadra?"
      Zoras richtete seinen Blick zurück auf sein Gegenüber. Sie hatte in den vergangenen Minuten den Blick kaum von ihm abgewandt, auch, wenn sie es wohl versucht hatte. Zoras hatte sie einfach zu ignorieren versucht, aber das war jetzt nicht mehr möglich.
      "Man sagt, Ihr seid mit ihr hier eingereist, aber woher stammt sie? Sie hat keine der erlesenen Blutlinien in sich, würde ich schätzen. Aklah kommen in den Linien nicht vor. Es sind immer Mewen und Findik. Außerdem…"
      Sie hielt inne, schien nervös zu werden. Nun, zumindest mehr nervös als schon wie bisher. Zoras konnte ihr nur zur Hälfte folgen.
      "Ihre Hufe sehen sehr gut aus, aber wenn man sie striegelt, dann fallen hier und da alte Narben und kleine Stellen mit fehlendem Fell auf… Sind die während Eurer Reise entstanden oder schon davor?"
      Zoras hob endgültig die Augenbrauen. Da war diese Frau schon bei ihm, saß direkt an seinem Tisch, trank mit ihm Met und das erste, was sie sagte - oder was sie interessierte - war Kassadra. Nichts von Zoras, nichts von Kassandra. Nur Kassadra.
      Das war höchst unterhaltsam, wie er fand. Und eine aufrichtige Abwechslung. Bisher hatte er noch niemanden im Palast getroffen, der sich mehr über Pferde interessierte, als wie sie stanken oder ob sie sich als Kutschentiere eigneten. Sogar Kassandra hegte für diese Tiere mildes Interesse, wobei das womöglich daran liegen konnte, dass die Tiere instinktiv ausbrachen, wenn sie ihre Göttlichkeit spürten. Da würde er auch keinen besonderen Gefallen an ihnen finden.
      Aber Tevia zeigte aufrichtiges Interesse. Er hatte schließlich auch den Hufkranz an ihrer Tür gesehen.
      "Sie sind während der Reise entstanden. Kassadra ist kein ausgebildetes... hm..."
      Er wusste das Wort nicht. So oft hatte er noch nicht Fachwörter des Militärs benutzt, dass es ihm eingefallen wäre.
      "... Sie wurde nicht für den Krieg ausgebildet. Sie war eine Zuchtstute, als ich sie gekauft habe. Sie kam von einem Bauernhof im Süden, aber der Name ist mir entfallen."
      War er nicht, Zoras konnte sich noch genau an den Ort erinnern, an dem es ihm zum ersten Mal besser gegangen war. Durch Kassadra. An dem er seine Fassung wiedergewonnen und schließlich mit ihr ausgebüchst war.
      "Ich habe sie richtig eingeritten, bevor ich auf ihrem Rücken einen Kampf bestritten habe, aber das waren nur ein paar Monate. Sie hat immer ein bisschen... Sie ist immer ein bisschen gesprungen, wenn es zu laut wurde. Das musste sie manchmal eigenhändig bezahlen."
      Er schämte sich nicht für Kassadras Verletzungen. Narben gehörten zum Leben dazu und für jedes Blut, das Kassadras Fell bedeckt hatte, war er umso glücklicher gewesen, dass die Stute noch durchgehalten hatte. Außerdem hatte er sich immer gleich um sie gekümmert, so gut es ihm eben möglich gewesen war. Obwohl er kaum jemals genug Geld für ihre Verpflegung übrig gehabt hatte.
      Dadurch unterschied sie sich aber vermutlich noch mehr von all den anderen Reinblütern, die im palästlichen Stall noch keinem einzigen Kampf beigewohnt hatten.
      "Aber von ihrer Abstammung weiß ich wenig. Ihre Ohren lassen auf... auf..."
      Bei den Göttern, er kannte ja noch nicht einmal die Rassen auf kuluarisch. Wie sollte er da der Frau erklären, welche Eltern Kassadra haben mochte?
      Er winkte ab.
      "Lassen wir das Thema. Ich bin nicht bewandert in den Rassen von Pferden."
      „Oh, stimmt ja…“, sagte sie da und biss sich auf die Lippe. Wer hätte schon gedacht, dass ein Mensch in der kurzen Zeit drei verschiedene Arten von Nervosität durchlaufen konnte?
      „Ihr… Ihr habt damals… meinen Namen gesagt. Wie… also… nun… "
      Sie druckste ein bisschen herum. Zoras sah sie nur schweigend dabei an und trank von seinem Met.
      "Wieso wusstet Ihr ihn? Ich verstehe es, wenn Ihr von den… hm… Männern die Namen wisst, aber ich bin doch nur… Ihr wisst schon.“
      "Von den Männern?"
      Er blinzelte.
      "Meinst du von den Soldaten?"
      Er vermied es, von Gardisten zu sprechen. Auch wenn er nicht der Eviad war, musste doch nicht die unmittelbare Umgebung erfahren, dass er adelig genug wäre, um Gardisten bei sich zu haben.
      Abgesehen davon kannte er kaum einen Namen, denn er musste sich mit genügend anderen Dingen rumschlagen. Das konnte Tevia aber natürlich nicht wissen.
      "Ich möchte gerne erfahren, wen Kassadra nicht gleich wegschubst, wenn es mal soweit ist. Sowas passiert nicht häufig."
      Das war ein wesentlich besserer Grund als ihr zu erzählen, dass ihre Stiefel Paranoia in ihm ausgelöst hatten. Das würde er nicht einmal Kassandra erzählen.
      "Außerdem habe ich sie vernachlässigt, seitdem wir angekommen sind. Vorher war ich täglich bei ihr und habe mich selbst um sie gekümmert, jetzt muss ich mir extra Zeit nehmen, um auch nur in den Stall zu gehen. Es war schön zu sehen, dass sich jemand mehr um sie kümmert, als ihr das Essen zu bringen und ihre Box zu säubern."
      Und damit hatte Tevia sich eine ganze Wahrheit von ihm verdient, bei der er nicht erst überlegen musste, wie viel er davon preisgeben konnte. Es war nichts unverfängliches daran, über Pferde, und besonders über Kassadra zu sprechen.
      "Es geht ihr doch gut, oder? Manchmal fürchte ich, sie könnte nicht genug Auslauf bekommen."
    • Tevia schmunzelte noch weiter, als Zoras auf ihre ersten Fragen hin nicht direkt antwortete, und als er es tat, nach Worten rang. Jeder hatte mitbekommen, dass der Eviad die Sprache in Kuluar erst noch recht zu lernen hatte und dass er ausgerechnet in diesem Bereich nach Worten rang, war alles andere als verwunderlich.
      „Streitross?“, fragte sie nach und betonte das Wort dabei ganz langsam. „Pferde, die extra dafür ausgebildet werden, in Schlachten eingesetzt zu werden und ihre Reiter über die Fußsoldaten zu tragen?“ Sie wiederholte das Wort ein weiteres Mal und malte die Zeichen dafür parallel auf den rauen Holztisch zwischen ihnen.
      Eine Zuchtstute also. Dann hatte Kassadra womöglich daher ihr Temperament. Zuchtstuten bekamen oftmals keine Ausbildung, weil sie nur dazu dienten, jedes Jahr ein Fohlen von prestigeträchtigen Hengsten zu gebären. So gesehen sprach ihr Körperbau genau dafür. Die korrekte Hinterhand, die stabilen Schultern, eine nicht zu flach abfallende Kruppe.
      „Wieso habt Ihr euch genau für sie entschieden? Der Hof musste doch bestimmt noch viele andere Stuten gehabt haben. Habt Ihr ihren Charakter direkt gesehen und Euch gedacht; dieses eigensinnige Pferd wähle ich?“
      Sie kicherte leise. Es gab nun mal die Menschen, die Herausforderungen suchten. Und Kassadra war garantiert eine gewesen. Aber das war nicht der einzige Punkt, der Tevia aufgefallen war. Sie fragte sich, ob sonst niemand diesen speziellen Punkt hinterfragt hatte, oder es sich schlichtweg nicht getraut hatte.
      Am Ende bekam die Waschfrau aber tatsächlich eine Antwort auf ihre schüchtern gestellte Frage. „Ich möchte gerne erfahren, wen Kassadra nicht gleich wegschubst, wenn es mal soweit ist. Sowas passiert nicht häufig.“
      Bedächtig nickte Tevia. „Das stimmt. Aber es gibt da noch zwei andere Stallburschen, die sich sonst um sie kümmern und auch nicht sofort verbissen werden. Dann wisst Ihr deren Namen bestimmt auch.“
      Das jedoch bezweifelte Tevia irgendwie. Es hätte die Runde gemacht, wenn ein Bursche mit dem Eviad über dessen Pferd gesprochen hätte. Sämtliche Gespräche, die er mit Bediensteten führte und die sich über den Dienst hinaus erstreckten, wurden durch den kompletten Palast getratscht. Da dies nicht bis zu ihren Ohren gedrungen ist, bildete sie selbst hoffentlich die einzige Ausnahme.
      „Außerdem habe ich sie vernachlässigt, seitdem wir angekommen sind.“
      Das hatte Tevia auch schnell bemerkt. Sie war schon immer durch die Ställe gewandert, wenn sie Freizeit hatte, aber richtig täglich kam sie erst, seitdem Kassadra da war. Dabei war ihr aufgefallen, dass sich niemand um die Stute gekümmert hatte, wenn sie auftauchte. Egal zu welcher Uhrzeit. Immer war ihr Feld nicht gestriegelt oder sie war unruhig, weil ihr Bewegung fehlte. Das band sie dem Eviad natürlich nicht auf die Nase.
      „Es war schön zu sehen, dass sich jemand mehr um sie kümmert, als ihr das Essen zu bringen und ihre Box zu säubern.“
      Da wuchs Tevia geradezu ein paar Zentimeter in die Höhe. Ihr Gesicht hellte sich auf, als sie das Lob von Zoras immer wieder in ihrem Kopf wiederholte. „Der Waschdienst im Palast währt lang. Aber ich versuche, täglich bei ihr vorbeizuschauen und wenn es ganz spät ist, dann streichel ich sie einfach nur ein bisschen bevor ich gehe… Es freut mich, wenn es Euch freut.“
      Ihr Griff um den Krug wurde fester. Ihr Herz flatterte noch immer und sie verschluckte sie beinahe bei dem nächsten Schluck, weil sie den Krug zu elanvoll angesetzt hatte. Sie wandte sich ab, damit Zoras nicht sah, wie sie sich den Mund abtupfte.
      „Es geht ihr doch gut, oder? Manchmal fürchte ich, sie könnte nicht genug Auslauf bekommen“, fügte Zoras hinzu und Tevia hörte aufrichte Sorge um sein Pferd heraus. Ihr wurde warm dabei.
      „Sie kommt jeden Tag mit anderen Pferden auf die Weide, habe ich mir sagen lassen. Aber da niemand die Erlaubnis hat, sie zu reiten, wird sie es auch nicht. Die meisten Stallburschen kümmern sich eher um die Bewegung der Ritterpferde und nicht… nun… der Stute.“ Sie warf ihm einen entschuldigenden Blick zu, obwohl sie dafür rein gar nichts konnte. „Manchmal, wenn ich früher anfange und dann eher gehen kann, dann darf ich sie mit auf den Abreitplatz nehmen und longieren. Das hat aber sehr lange gedauert, bis ich den Stallmeister soweit hatte, dass er mir das gewährte. Er hat selbst gemerkt, dass ich mit ihr gut klarkomme und er ist kein Unmensch, als dass er einem Pferd das verwehrt, was es braucht.“
      Tevias Blick fiel auf Zoras‘ Krug. Sie fragte sich, wie viel Met wohl noch darin war. Er hatte gesagt, sie durfte einen Krug lang bei ihm bleiben. Bis jetzt war es der schönste Abend, an den sie sich je erinnern konnte, und sie wollte nicht, dass er schon so bald vorüber war. Wenn sie es richtig gesehen hatte, trank er nicht allzu oft von seinem Met. Das würde ihr hoffentlich noch mehr Zeit verschaffen.
      „Wieso habt Ihr sie eigentlich nach der Phönixin benannt?“, stellte sie schließlich doch die Frage, die ihr schon geraume Zeit im Kopf herum lungerte. „Sicher, die Farbe liegt dem ein wenig näher, aber wäre da nicht ein Fuchs noch näherliegender gewesen? Ich glaube nicht, dass das ihr Name bei dem Hof gewesen war, oder?“
    • Streitross?“, fragte Tevia ganz langsam nach, als würde sie mit einem Idioten sprechen. Nur, dass Zoras dabei versuchte, die einzelnen Silben gut rauszuhören.
      „Pferde, die extra dafür ausgebildet werden, in Schlachten eingesetzt zu werden und ihre Reiter über die Fußsoldaten zu tragen?“
      "Ja - genau das."
      Sie wiederholte es sogar noch einmal für ihn und zeichnete es auf alt-kuluarisch auf den Tisch, aber Zoras wagte es nicht, das Wort einmal nachzusprechen. Er würde sich dabei vermutlich nur blamieren.
      Trotzdem, es war eine nette Geste.
      „Wieso habt Ihr euch genau für sie entschieden? Der Hof musste doch bestimmt noch viele andere Stuten gehabt haben. Habt Ihr ihren Charakter direkt gesehen und Euch gedacht; dieses eigensinnige Pferd wähle ich?“
      Darüber musste Zoras schmunzeln, denn ja, das hatte er tatsächlich. Damals hatte Kassadra noch einen leicht anderen Charakter gehabt, so wie Menschen sich eben auch veränderten. Sie war zu stolz für jeden gewesen und hatte sich viel über ihn lustig gemacht. Zur gleichen Zeit hatte sie sich seine Streicheleinheiten gefallen lassen und war immer ganz ruhig gewesen, als er nachts bei ihr gelegen hatte.
      In dieser Hinsicht hatte sie sich wohl kaum geändert. Und auch heute würde er sie wieder wählen.
      "So kann man es sagen. Ich hatte sie als ehrgeizige, würdevolle Stute betrachtet, als ich sie gesehen habe. Aus der Sicht eines Reiters wäre es eine Schande gewesen, wenn sie für die Zucht weiter vorgesehen gewesen war. Aus der Sicht eines Züchters wäre es gerade deswegen unerlässlich gewesen. Also habe ich mich entschieden, egoistisch zu sein und sie zu kaufen."
      Oder eher in einer Sommernacht mit ihr reißaus zu nehmen, aber ganz offensichtlich reichten die Gerüchte, die über ihn rankten, nicht bis zu dieser Zeit zurück. Es wäre auch unmöglich gewesen, die Wahrheit herauszufinden; ein einzelner Pferdediebstahl kam jeden Tag vor. Und jeden Tag flüchteten auch Sklaven von ihren Höfen und Betrieben.
      Darauf kicherte Tevia leise. Sie schien das zu amüsieren und Zoras amüsierte sich wiederum darüber, wie einfach die Frau zu unterhalten war. Gut, wer wäre das schon nicht in ihrer Lage.
      Das Gespräch wechselte wieder zum Stall hinüber und Tevia berichtete etwas ausführlicher darüber, wie sie sich um Kassadra kümmerte. Das wunderte Zoras dann schon, denn ein Tier zu striegeln war eine Sache, aber es zu longieren (dabei bekam er von Tevia erklärt, was sie gemeint hatte) eine ganz andere. Ein Angestellter, der sonst nichts mit Pferden am Hut hatte, wusste doch sicher nicht, dass man die Tiere longieren musste. Oder wie.
      „Wieso habt Ihr sie eigentlich nach der Phönixin benannt?“
      Zum Glück war das die einfachste und gleichzeitig schwierigste Frage von allen.
      "Nun, Kassandra ist doch ein schöner Name, nicht? Aber Kassandra selbst ist schon vergeben, da habe ich es ein wenig abgewandelt. An anderen Orten benennen Eltern ihre Kinder nach olympischen Göttern, da finde ich es nicht abwegig, dasselbe mit einer Phönixin und einer Stute zu tun."
      Natürlich war das nicht der Grund. Natürlich nicht. Aber Tevia hatte ja auch nicht wissen können, dass eine so einfache Frage so persönlich sein konnte.
      Daher wechselte Zoras auch lieber das Thema.
      "Wieso kennst du dich überhaupt mit Pferden aus? Dort, wo du wohnst, lassen sich sicher keine Pferde halten und als Waschfrau bist du sowieso die ganze Woche beschäftigt. Woher kommt deine Erfahrung? Wieso arbeitest du nicht in den Ställen, wenn du schon das Wissen dazu hast?"
    • Tevias Blick driftete ein wenig in unbekannte Weiten ab. Wie schön wäre es wohl gewesen, wenn sie auch an diesem Hof gearbeitet hätte und Zoras nicht nur das Pferd, sondern auch sie gleich mitentdeckt hätte? Dann wäre vielleicht sie an seiner Seite in Kuluar eingereist, statt der Phönixin, und…
      Schnell vertrieb sie diesen Gedanken wieder aus ihrem Kopf. Das war ja völlig lachhaft. Er war schließlich der Eviad, der prophezeite, der, der mit den Göttern wandelte. Sie war nur ein Waschweib, eine einfache Frau und keine Göttin. Diesen Platz hätte sie niemals einnehmen können. Allerdings… gab es dort einen anderen, gegen den sie ganz und gar nichts einzuwenden hatte.
      „Durchaus! Kassandra lässt sich selbst bei uns gut aussprechen, das stimmt schon. Aber ich wusste gar nicht, dass man in anderen Ländern seine Kinder so benennt. Also, nach anderen Göttern.“ Sie machte eine winkende Geste mit ihrer Hand. „Hier käme niemand auf die Idee, das zu tun. Aus… offensichtlichen Gründen, würde ich meinen.“
      Wer kam denn auf die Idee, sein Kind nach einem Gott zu benennen? Das war ja schrecklich. Was, wenn man dem Gott nachher nicht mehr huldigte? Dann war das eigene Kind ja für den Rest des Lebens mit seinem Namen gestraft. Warum also nicht bei Tieren? Kassadra war ja schließlich nur ein Pferd.
      „Wieso kennst du dich überhaupt mit Pferden aus?“
      Tevia zuckte schuldbewusst zusammen.
      „Dort, wo du wohnst, lassen sich sicher keine Pferde halten und als Waschfrau bist du sowieso die ganze Woche beschäftigt. Woher kommt deine Erfahrung?“, bohrte er weiter nach und die Frau begann, unruhig auf ihrem Platz herum zu rutschen. Sie erkaufte sich Zeit, senkte den Blick und druckste weiter. Hätte Zoras seine Verkleidung nicht gehabt und sie mit diesen wunderbaren dunklen Augen angesehen, dann wäre ihr die Antwort deutlich schneller aus dem Mund gefallen.
      „Hm… Hat nicht… jeder eine gewisse Leidenschaft? ...“, stellte sie zögerlich die Gegenfrage und seufzte dann ein wenig geschlagen. „Meine Eltern sind ebenfalls Bedienstete, aber bei einem Adeligen. Mein Vater ist dort der Stallmeister und als ich noch klein war, hat er mich oft mitgenommen. Wir hatten nie das Land oder das Geld für eigene Pferde. Aber ich empfand sie schon immer als sehr schöne Tiere.“
      „Wieso arbeitest du nicht in den Ställen, wenn du schon das Wissen dazu hast?“
      Tevia sah Zoras verdutzt an. Offen verdutzt. Nahezu sprachlos. Es vergingen einige Moment, bis sie Worte wieder fand und lächelte, aber bitter lächelte. „Man merkt, dass Ihr nicht hier geboren seid. Habt Ihr die Bediensteten mal genau betrachtet?“ Sie wartete ab, ob Zoras direkt antwortete, doch er blieb still. „In den Ställen sind euch ausschließlich Männer entgegengekommen. Bei der Wäscherei sind nur Frauen vertreten. Es gibt eine strikte Geschlechtertrennung. Die Arbeit im Stall sei körperlich viel anstrengender als zum Beispiel der Waschdienst. Das wird Frauen nicht zugemutet, zumal sie irgendwann Kinder austragen und dadurch eine gewisse Zeit ausfallen. Waschen kann jeder, auch zur Not mit Kind auf dem Rücken, aber in den Ställen oder Handwerken unmöglich.“
      Tevia warf einen Blick in ihren eigenen Krug, der mittlerweile nur noch zu gut einem Viertel gefüllt war.
      „Das ist nun mal so. Vieles wird durch die Geburt bestimmt. Das ist bestimmt nicht nur in Kuluar so. Deswegen war ich ja so erstaunt und glücklich, dass Ihr mich in den Ställen angesprochen habt. Normalerweise würde jemand in meinem Stand niemals in Kontakt mit Euch treten. Ganz davon zu schweigen mit Euch reden. Außerdem habe ich weder Mann noch Kind – da wird man schnell als seltsames Weib ausgegrenzt.“
      Nur Ghanda tat es nicht. Die gute Ghanda, die selbst schon vier Kinder durchgebracht hatte und sich den Platz hart erkämpft hatte, den sie nun innehatte. Nur Ghanda sah Tevia als die Frau an, die sie war. Ohne Kinder und ohne Mann. Die immer wieder mal nach Pferd und Stall roch und nicht nach Waschmittel oder Essen. Die stundenlang von Pferden schwärmen konnte, während sie sich die Hornhaut von den Fingern schrubbte.
    • Man benannte Kinder nicht nach den Göttern aus offensichtlichen Gründen? Was waren denn solche offensichtlichen Gründe? Zoras fielen auf die schnelle keine ein und er fragte auch nicht danach. Wenn die Gründe so offensichtlich waren, dann bitteschön.
      Was ihn aber aufmerksam werden ließ, war, wie unruhig Tevia mit einem Mal zu werden schien, als er sie auf das offensichtliche ansprach. Die Frau hatte keinen erkennbaren Hintergrund mit Tieren und doch zeigte sie großes Wissen von ihnen. Daran gab es doch nichts, um sie so nervös werden zu lassen?
      „Hm… Hat nicht… jeder eine gewisse Leidenschaft? ...“
      Zoras hob ungesehen eine Augenbraue an. Dann entschloss er sich, dass er diese Frage unbeantwortet ließ, damit die Frau von alleine weiterreden würde.
      Es funktionierte.
      „Meine Eltern sind ebenfalls Bedienstete, aber bei einem Adeligen. Mein Vater ist dort der Stallmeister und als ich noch klein war, hat er mich oft mitgenommen. Wir hatten nie das Land oder das Geld für eigene Pferde. Aber ich empfand sie schon immer als sehr schöne Tiere.“
      "Ah. Bei welchem Adeligen? Vielleicht durfte ich ihn schon kennenlernen."
      Zoras konnte sich zwar nicht vorstellen, dass Tevia dadurch Reiterfahrung erhalten hatte, aber für theoretisches Wissen reichte es wohl aus. Außerdem konnte sie von einem Stallmeister als Vater sicherlich so einiges lernen.
      Dann schien er allerdings etwas falsches gesagt zu haben, denn die Frau hörte mit ihrer Herum-Druckserei auf und starrte ihn völlig offen und völlig verblüfft an. Es war ein so direkter Blick, dass Zoras sich darunter fast schuldbewusst fühlte, obwohl er keinerlei Pflichtgefühle gegenüber dieser Frau haben sollte. Trotzdem, irgendwas hatte er falsch gemacht.
      „Man merkt, dass Ihr nicht hier geboren seid. Habt Ihr die Bediensteten mal genau betrachtet?“
      Oh-oh. Eine Fangfrage? Natürlich hatte er das nicht. Wann hätte er schon Zeit dazu, sich mit Bediensteten auseinander zu setzen?
      Wieder blieb er still, um sie zum Weiterreden zu bringen, und wieder funktionierte es.
      „In den Ställen sind euch ausschließlich Männer entgegengekommen. Bei der Wäscherei sind nur Frauen vertreten. Es gibt eine strikte Geschlechtertrennung. Die Arbeit im Stall sei körperlich viel anstrengender als zum Beispiel der Waschdienst. Das wird Frauen nicht zugemutet, zumal sie irgendwann Kinder austragen und dadurch eine gewisse Zeit ausfallen. Waschen kann jeder, auch zur Not mit Kind auf dem Rücken, aber in den Ställen oder Handwerken unmöglich.“
      Ah - das meinte sie. Wenn Zoras ehrlich war, dann hatte er diese Eigenart der kuluarischen Kultur als Unsinn abgetan, ohne es jemals jemandem gegenüber offen ausgesprochen zu haben. Was brachte es schon, Männer und Frauen bei ihren Arbeiten zu trennen, außer, dass man nur noch die Hälfte an potentiellen Arbeitern hatte? Und was kümmerte es einen, wenn die Arbeit hart war? Auch Frauen konnten Muskeln aufbauen und wenn sie Kinder gebaren, konnten sie übergangsweise woanders eingesetzt werden.
      Mit solchen Gedanken unterstrich er aber nur seine eigene andere Herkunft und damit versuchte Zoras, sie so gut es ging zu verschleiern. Er nickte verstehend und nahm einen Schluck Met.
      „Das ist nun mal so. Vieles wird durch die Geburt bestimmt. Das ist bestimmt nicht nur in Kuluar so. Deswegen war ich ja so erstaunt und glücklich, dass Ihr mich in den Ställen angesprochen habt. Normalerweise würde jemand in meinem Stand niemals in Kontakt mit Euch treten. Ganz davon zu schweigen mit Euch reden. Außerdem habe ich weder Mann noch Kind – da wird man schnell als seltsames Weib ausgegrenzt.“
      Wieder ein Stirnrunzeln, das sie nicht sehen konnte.
      "Eigentlich hast du mich angesprochen. Du hast mich gefragt, ob ich ihr auch einen Apfel geben möchte."
      Was jetzt, im nachhinein betrachtet, nur umso amüsanter war, nachdem Tevia als einzige Frau im Stall gestanden war und es dann auch noch gewagt hatte, den Eviad anzuquatschen. Das konnte erklären, weshalb seine Gardisten so finster dreingeblickt hatten und weshalb er noch eine Stunde später eine so schnelle Antwort auf seine Nachfrage erhalten hatte.
      "Ich würde dir empfehlen, das bei keinem der Ratsmitglieder zu tun, wenn du deine Stelle behalten möchtest."
      Und vielleicht auch ihr Leben, aber mit sowas musste Zoras jetzt nicht schon wieder anfangen.
      "Und ich möchte auch vorschlagen, das nicht noch einmal zu tun. Du bringst mich in eine schwierige Lage, wenn lauter Zeugen da sind, die das beobachten können."
      An Tevias schuldbewusstem Gesichtsausdruck konnte er erkennen, dass es Zeit für einen Themenwechsel war.
      "Wieso kein Mann oder ein Kind? Wenn die Frage nicht zu persönlich ist. Es gibt sicher genügend freie Stallburschen, um einen von ihnen auszuwählen."
      War es in Kuluar verpöhnt, keine Kinder zu haben? Zoras war noch nicht so lange hier, damit es ihn hätte betreffen können, aber wenn das so wäre, hätte er bald ein Problem. Wenn seine bisherigen Versuche, ein Kind zu zeugen, allesamt gescheitert waren, konnte er nicht wirklich jetzt darauf hoffen.
      Nun, alle Versuche bis auf einer, der nichtmal einer gewesen war.
    • „Ah. Bei welchem Adeligen? Vielleicht durfte ich ihn schon kennenlernen.“
      Tevia zog die Oberlippe ein und überlegte. Auf der einen Seite war es verpönt damit anzugeben, in welchem Haushalt man diente. Unter den Bediensteten artete das manchmal in regelrechten Streitigkeiten aus, wessen Haus nun besser war. Auf der anderen Seite hielt man diese Information gelegentlich unter Verschluss, damit man keinen Nutzen aus dem Wissen des Dieners ziehen konnte. Aber was dachte sie da schon? Es war der Eviad, mit dem sie gerade redete.
      „Wusstet Ihr, dass Esho aus einem recht betagten Haus stammt? Sicherlich wisst Ihr das… Seine Eltern besitzen eines der besten Gestüte hier und er ist eigentlich auch ein begnadeter Reiter, wenn er sich einmal auf vier Beine verlassen sollte. Aber er scheint zu denken, dass das seine eigene Kraft mildern könnte…“
      Diese Information hatte sie lediglich von ihrem Vater. Sie war älter als das Ratsmitglied, aber ihr Vater hatte Eshos Jugend praktisch miterlebt. Nur war das schon alles, was die Frau von dem Gut hatte mitnehmen können; theoretisch Wissen und einfaches Handling von Pferden. Man hatte ihr nie Reitunterricht gegeben oder sie auf den Rücken eines Pferdes gesetzt. Dafür waren die Tiere schlichtweg zu wertvoll gewesen.
      Ihr Blick heftete sich auf den Krug, den Zoras zu seinem Mund und wieder zurück führte. Er hatte ihn recht weit neigen müssen. Viel Inhalt war es demnach doch nicht mehr. Sofort meldete sich die Entmutigung darüber, dass dieses Treffen bald schon vorüber sein würde.
      „Eigentlich hast du mich angesprochen. Du hast mich gefragt, ob ich ihr auch einen Apfel geben möchte.“
      Hatte sie da gerade Belustigung gehört? Nein… Da musste sie sich getäuscht haben. Beim Gedanken daran legte sie ihre Unterarme auf den Tisch und beugte sich zu Zoras hinüber. „Das war im Affekt! Ich war so überrascht und habe mich erschrocken, da kam es einfach über mich! Oh, hättet Ihr nur gesehen, wie die gute Ghanda mich angeschnauzt hat, als ich ihr das erzählt habe…
      Sie schüttelte den Kopf, als sie sich wieder zurücklehnte und ein bisschen gedankenverloren über Ghanda lächelte. Die gute Seele hinter einer kratzbürstigen Gestalt. „In der Regel begegne ich bei meinen Diensten keinem Ratsmitglied. Erst recht jetzt wohl nicht mehr.“
      Unter den Bedienstete hielt sich hartnäckig das Gerücht, dass Zoras viel gütiger sei als viele andere Herrscher oder Ratsmitglieder, die bisher in Kuluar an der Spitze gewesen waren. Das war mitunter ein Punkt gewesen, weshalb Tevia es überhaupt in Betracht zog, ihm in den Ställen begegnen zu wollen. Sie war sich sicher, dass er sie nicht richten würden, nur weil sie ohne Erlaubnis in der Box seiner Stute gewesen war. Allerdings hatte er mit seinem Einwand natürlich recht. Ein weiteres Mal einen solchen Fauxpas zu generieren war nicht ratsam.
      „Wieso kein Mann oder ein Kind? Wenn die Frage nicht zu persönlich ist.“
      Tevia hob beschwichtigend die Hände und wedelte mit ihnen herum. „Ach nein, das ist nicht zu persönlich!“ Nicht, wenn Ihr das fragt…
      „Es gibt sicher genügend feie Stallburschen, um einen von ihnen auszuwählen.“
      Da zog Tevia doch eine Schnute. Das klang so, als könnte man sich einfach irgendeinen Mann aussuchen und mit ihm eine Familie gründen. Das klang so, als würde es gar keine Rolle spielen, was man dabei fühlte. Das klang so, als ob… Zoras auch genau dieser Meinung war. Reiste er deswegen mit der Phönixin? Weil eine Verbindung mit einer Göttin ihm einfach mehr Nutzen bescherte?
      „Ich möchte aber nicht irgendeinen dahergelaufenen Kerl. Es muss schon… der Richtige sein, versteht ihr? Ich möchte nicht schwanger werden und Kinder gebären, nur weil sich das so gehört. Weil man so die Gesellschaft unterstützt und sich einen besseren Stand damit verleiht.“ Sie stützte einen Ellbogen auf dem Tisch auf und legte ihr Kinn darauf ab. „Lieber lasse ich mich als eine nicht ehrbare und verantwortungsvolle Frau hinstellen, als meinen Lebensabend mit einem Mann zu verbringen, den ich nicht liebe. Ich weiß, das klingt unglaublich kitschig und wie man sieht, hat es mich auch nicht unbedingt weit gebracht. Aber das möchte ich wenigstens gern selbst entscheiden.“
      Sie betrachtete Zoras in seiner Verkleidung. Sicher, es war schön, so mit ihm sprechen zu können und sich der Farce hinzugeben, dass er nicht der Eviad war. Aber sie hätte nichts dagegen einzuwenden gehabt, sein Gesicht sehen zu können. Nach dem Angriff hatte er eine beträchtliche Menge seines schönen, dunklen Haares einbüßen müssen, aber das hatte ihn in ihrer Wahrnehmung nicht gemindert. Dafür hatte sie andere Merkmale seines Gesichts entdecken können, die ihr ansonsten vielleicht nie aufgefallen wären. Tevia betrachtete den Mann gern, und öfter als ihr lieb war fragte sie sich, wie es wohl sein würde, wenn diese dunklen Augen sie nicht mit Argwohn oder gar Herablassung ansehen würden.
      „Wo ist eigentlich Eure Familie?“, fragte sie dann plötzlich wie aus dem Nichts und Neugier funkelte in ihren Augen. „Habt Ihr sie zurückgelassen aus Sicherheitsgründen? Habt Ihr Geschwister? Wäre es nicht angebracht, Eure Familie nachzuholen, nachdem Ihr Euren Platz hier eingenommen habt?“
    • Esho besaß eines der besten Gestüte in der Umgebung? Nein, das hatte Zoras nicht gewusst. Mit so einem Wissen wäre es ihm womöglich von Anfang an ein leichtes gewesen, eine Beziehung zu dem Mann aufzubauen.
      Gut, um fair zu sein, ihr Anfang hatte so ausgesehen, dass Esho Zoras in der Arena gegenüber getreten war und dabei mit der Hilfe seines Minotauren alles gegeben hatte, um Zoras nicht nur zu schlagen, sondern gleich umzubringen. Das war so schon ein recht holpriger Anfang gewesen und danach war Zoras vollständig damit beschäftigt gewesen, Kuluars Kultur zu erlernen, seine Sprache zu festigen und seine Position zu sichern. Da hatte er wenig Zeit oder gar Aufmerksamkeit dafür übrig gehabt, auf die Interessen der anderen Ratsmitglieder einzugehen.
      Es hätte auch nicht anders bewerkstelligt werden können. Das Wissen über Eshos Gestüt hätte ihm allenfalls Sorge bereitet, dass der Mann es auf Kassadra hätte absehen können.
      Natürlich ahnte Tevia aber seine Unwissenheit nicht. Er hatte auch nicht vor, sie dahingehend zu korrigieren.
      Es erstaunte ihn dafür noch immer, wie selbstsicher die Frau in seiner Gegenwart war, so, wie sie sich zu ihm nach vorne lehnte. Fast erwartete er schon, aus dem Augenwinkel die Bewegung seiner Gardisten zu sehen, wie sie die Hände auf ihre Schwerter legten, bereit dazu, sofort einzugreifen. Natürlich waren sie nicht da.
      "Oh, hättet Ihr nur gesehen, wie die gute Ghanda mich angeschnauzt hat, als ich ihr das erzählt habe…"
      Er lächelte, still und heimlich. Irgendwie konnte er sich vorstellen, dass die Standpauke nicht sonderlich gefruchtet hatte.
      Seine darauffolgende Frage nach Mann und Kind war zwar nicht zu persönlich, aber trotzdem schien er irgendwo daneben gegriffen zu haben. Tevia verzog nämlich das Gesicht.
      „Ich möchte aber nicht irgendeinen dahergelaufenen Kerl. Es muss schon… der Richtige sein, versteht ihr? Ich möchte nicht schwanger werden und Kinder gebären, nur weil sich das so gehört. Weil man so die Gesellschaft unterstützt und sich einen besseren Stand damit verleiht.“
      Zoras blinzelte. So hatte er das doch gar nicht gemeint. Er hatte nur gedacht, dass ihr, durch das Hobby mit den Pferden, ein Stallbursche am ehesten in Frage käme. Er hatte doch nicht verlangt, dass sie sich einfach irgendjemandem in die Arme warf.
      „Lieber lasse ich mich als eine nicht ehrbare und verantwortungsvolle Frau hinstellen, als meinen Lebensabend mit einem Mann zu verbringen, den ich nicht liebe. Ich weiß, das klingt unglaublich kitschig und wie man sieht, hat es mich auch nicht unbedingt weit gebracht. Aber das möchte ich wenigstens gern selbst entscheiden.“
      Woher kam das denn nun her? Zoras hatte doch niemals gesagt -
      Oh. Moment. Zoras fiel es auf wie das offensichtlichste der Welt.
      Tevia war eine Waschfrau. Zoras war ein Herrscher und vor der Zeit mit Kassandra war er ein Herzog gewesen. Tevia könnte sich glücklich schätzen, wenn überhaupt ein Gardist einen freundlichen Blick in ihre Richtung werfen würde, während Zoras noch nicht einmal darüber hatte nachdenken müssen, ob er eine Frau bekommen könnte. Erst war er Hauserbe gewesen und dann selbst Herzog, keine therissische Frau wäre jemals auf die Idee gekommen, seine Hand auszuschlagen. Dafür hatte er auch oft genug die Partnerin gewechselt. Tevia genoss bei weitem nicht dasselbe Privileg wie er.
      Nur die Kinder, das war natürlich eine andere Sache. Er hatte auch nie darüber nachdenken müssen, ob er die Frau auch wirklich liebte, um mit ihr Kinder zu gebären, weil es sowieso nie funktioniert hatte. Es war niemals eine möchte ich Frage gewesen, sondern stets eine kann es funktionieren.
      Da kam ihm gleich auch der nächste Gedanke, der ihn ehrlich verblüffte und der ihm noch nie zuvor gekommen war. Hatte sich die Königin deshalb all die Jahre lang mit ihm eingelassen? Weil er ihr keine Kinder gebären konnte, weil sie damit nicht riskiert hatte, einen Skandal auszulösen? Oder ihn gar zum König ernennen zu müssen?
      Er blinzelte. Das war ja... Nun, sie war schon lange tot und er nicht mehr in Theriss, aber ein bisschen schmerzte der Gedanke trotzdem. Er fühlte sich auf einer ganz persönlichen Ebene betrogen.
      "Ich wollte nicht damit andeuten, dass du jemanden wählen musst. Es liegt in deinem eigenen Ermessen. Wenn es dich glücklich macht, unabhängig zu sein, dann belasse es dabei. Das kann dir niemand vorwerfen."
      Tevia war nicht unansehnlich, sie konnte sicher die Aufmerksamkeit von einigen Gefreiern erregen. Allerdings konnte er sich vorstellen, dass es an ihrem starken Charakter scheitern könnte. Sowas schlug die Männer gerne mal in die Flucht.
      Zoras persönlich fand sie nicht sonderlich anziehend. Das wäre vielleicht anders gewesen, wenn er Kassandra nicht gehabt hätte, aber so war sie nicht ansatzweise mit der Phönixin zu vergleichen.
      Ihre hinterlassene Kälte schmerzte ihm noch immer. Nicht einmal das Brennen von Alkohol konnte die Wärme zurückbringen.
      „Wo ist eigentlich Eure Familie? Habt Ihr sie zurückgelassen aus Sicherheitsgründen?"
      Damit stieß sie einen ganz falschen Punkt an. Leider konnte sie nicht sehen, wie Zoras' Gesichtszüge sich verhärteten.
      "So kann man das nennen."
      "Habt Ihr Geschwister?"
      "Nein."
      "Wäre es nicht angebracht, Eure Familie nachzuholen, nachdem Ihr Euren Platz hier eingenommen habt?“
      Eine gute Frage - eine wichtige Frage. Wäre es das nicht? Wenn die Lage sich hier einigermaßen gebessert hätte, könnte Zoras nach Theriss reisen, seinen Bruder aufsuchen und all die Unklarheiten aufklären. Er könnte ihm erzählen, was zugestoßen war, und ihn nach Kuluar bringen, wo er ihm in seinem Amt helfen konnte. Wo er Teal sicher irgendeine Führungsposition zuschreiben könnte. Anders taten es die anderen Ratsmitglieder schließlich auch nicht.
      Wo sein Bruder aber genauso ins Zielfeld von Dionysus geraten würde. Wo die ganze Familie - vielleicht ausgenommen Elive - eine komplett neue Sprache lernen müsste, dazu eine neue Kultur und sogar eine neue Schrift. Wo sie in direkter Schusslinie der Machtspiele standen, die hier unweigerlich fortgeführt werden würde, solange Zoras keine einheitliche Lösung gefunden hatte. Wo er jeden Tag darum fürchten müsste, dass ein Vorfall mit Tysion zu einem Vorfall mit Ryoran werden könnte.
      Nein, das war ausgeschlossen. Zoras wusste zwar noch nicht, was er genau mit seiner Familie anfangen sollte, aber das hier war keine Option.
      "Das sind sehr persönliche Fragen, die du da stellst. Manche Personen würden sicher ein Vermögen dafür zahlen, an ihre Antworten zu kommen."
      Da half es auch nichts, dass er seinen Titel zu verstecken versuchte.
      Sie konnte den strafenden Blick nicht sehen, mit dem er sie bedachte, daher setzte er noch eins drauf.
      "Ich werde nicht über meine Familie reden, ganz gleich, ob im Öffentlichen oder Privaten. Merk dir das."
      Er nahm noch einen Schluck und weil er schon den Boden gut sehen konnte, trank er auch gleich mit einem Zug aus. Es wäre nicht schlecht, jetzt zu gehen, bevor er sich noch in etwas verfangen würde.
      "Es ist Zeit zu gehen."
    • Nach einem Moment gab Tevia einen nachdenklichen Summlaut von sich. Dann war der Eviad also ein Einzelkind. Dann hatte er nie die Wonne erfahren, die man mit Geschwistern erleben konnte. Das war selten heutzutage, so fand sie. Aber vielleicht war auch einfach etwas passiert, dass man nicht gerne offenbaren wollte. Das wiederum verstand die Frau. Allein die Tatsache, dass Zoras plötzlich anfing, nur noch kurzangebunden zu antworten machte ihr deutlich, dass sie gerade ein unglückliches Thema angeschnitten hatte. Deswegen fügte sie nichts mehr hinzu, nachdem sie gefragt hatte, ob er seine Familie nicht nachholen wolle.
      „Das sind sehr persönliche Fragen, die du da stellst. Manche Personen würden sicher ein Vermögen dafür zahlen, an ihre Antworten zu kommen“, ließ er sie wissen und da schrumpfte Tevia in sich zusammen.
      Da hatte er vollkommen recht. Sie hatte sich komplett von seiner Verkleidung verführen lassen, den Mann ihr gegenüber wirklich nur als das zu sehen; einem Gast in einer Taverne. Sie hatte im Laufe verdrängt, dass es der Herrscher über Kuluar war, der Prophezeite, der, der neben den Göttern wandelte. Die Neugierde und Leichtigkeit fiel schlagartig aus ihrem Gesicht ab, als sie betreten den Blick senkte und sich ihrer Rolle besann.
      „Ich vergaß“, murmelte sie schließlich kleinlaut. „Verzeiht.“
      „Ich werde nicht über meine Familie reden, ganz gleich, ob im Öffentlichen oder Privaten. Merk dir das.“
      „Jawohl.“ Da war sie wieder; die Förmlichkeit, die sie so ziemlich jedem anderen im Palast entgegenbrachte. Ganz die niedere Dienerin, die sie war, hielt sie den Blick gesenkt und starrte Löcher in den Tisch, der Dellen und Risse aufwies. Ihr war die Lust nach trinken vergangen und der Appetit gleich mit.
      „Es ist Zeit, zu gehen“, beschloss der Eviad schließlich, nachdem er seinen Met geleert hatte und offensichtlich auch Tevias Gesellschaft leid war.
      Sie erwiderte nichts darauf, hielt weiterhin den Blick starr auf den Tisch gerichtet. Nicht nur hatte sie ihren Stand vergessen, sie hatte auch ernsthaft gewagt, solch private Details vom Herrscher des Landes zu erfragen. Es würde sie nicht wundern, wenn sie morgen am Palast vor versperrten Toren stand, weil man sie nicht mehr im Inneren wünschte. Auf ausdrücklichen Befehl hin. Aber das wäre immer noch die bessere Option, bedachte man den Punkt, dass er ihr bereits einmal mit dem Tod gedroht hatte. Vielleicht hatte sie ja jetzt das Maß überschritten.
      Vielleicht war die Frage nach seiner Familie nicht die Beste gewesen.
      Vielleicht hätte sie ihm besser gar nicht nachgestellt.
      Vielleicht hätte sie niemals ihren Blick auf diesen Mann gerichtet.
    • Tevia behielt jetzt demütig den Blick gesenkt, nachdem Zoras sie zurechtgewiesen hatte - ganz die Bedienstete, die sie eigentlich war. Da unterdrückte er ein Seufzen. Es war nicht in seinem Interesse, die Frau auf die offensichtlichen Umstände hinzuweisen, mit der sie jetzt wieder in die Rolle aller anderen verfiel. Aber ganz anscheinend hatte er genau das erreicht.
      Als er aufstand, rührte sie sich auch nicht, noch hob sie den Blick an. An ihrem verhärteten Kiefer konnte er die Enttäuschung geradezu herauslesen.
      Als Eviad wäre er einfach gegangen. Als Zoras blieb er stehen und sah auf sie herab.
      "Kommst du? Oder wirst du noch länger bleiben?"
      Da erst hob sie den Kopf wieder an und dieses Mal konnte er es in ihrem Hirn arbeiten sehen. Sie sah ihn mit großen Augen an und als er schließlich zur Tür nickte, beeilte auch sie sich, von ihrem Platz zu kommen. Zoras ging voraus und nach draußen.
      Tevia stand unbewegt dabei, während er Kassadra losband. Wenn sie den Mut besaß, eine Einladung wie beim letzten Mal auszusprechen - oder gar um eine Eskorte nachhause zu bitten - dann brachte sie ihn nicht zum Ausdruck. Zoras war sich nicht einmal sicher, ob sie sich ordentlich von ihm verabschieden würde.
      ... Was hieß ordentlich in dem Kontext? Naja, eben ein Tschüss, das nicht von ihm ausgehen würde.
      Er ging an Kassadras Seite, als ihm noch etwas einfiel.
      "Achja."
      Er drehte sich zu ihr um und präsentierte den Ärmel mit dem dunklen Fleck. Wo er ihr Blut abgewischt hatte.
      "[b]Wie bekomme ich Blut aus dem Mantel? Ohne Waschmittel und ohne dabei den Weg über die Wäscherei zu gehen. Du kannst dir denken, dass das keine gute Idee wäre. Ich habe Wasser versucht, aber offensichtlich ohne Erfolg. Ich bräuchte Mittel, an die selbst jemand wie... ich kommen kann. Ohne, dass es einen Verdacht erregen würde."[/b]
    • „Kommst du? Oder wirst du noch länger bleiben?“
      Tevias Augen weiteten sich. Alles klar, das war es. Er wollte, dass sie mit ihm nach draußen ging in eine der dunklen Gassen, um das zu vollenden, was er ihr vor einigen Abenden bereits angedroht hatte. Wieder beschleunigte sich ihr Herzschlag, wieder war es aus Nervosität, doch dieses Mal rührte sie nicht von schönen Gefühlen her.
      Ganz langsam hob sie ihren Blick und sah die Gestalt des Mannes an, der bereits aufgestanden war. Sich so schnell mit dem eigenen Ende befassen zu müssen war etwas, was Tevias Gehirn nicht verarbeiten konnte. Sie schwieg, als sie es dem Eviad gleichtat und sich in gebührenden Abstand an seine Fersen heftete, nachdem sie ihr zu dreiviertel geleertes Met zurückließ.
      Draußen angekommen stand sie einer Statue gleich neben dem Anbindebalken, während Zoras Kassadra losmachte. Wie viele Menschen hatte er wohl auf ihrem Rücken schon niedergestreckt? Er hatte ihr immerhin offenbart, dass er mit ihr Kämpfe bestritten hatte. Wie viele letzte Atemzüge hatte diese Stute wohl mitangehört? Vielleicht war sie ja gar kein Pferd, sondern eine Wiedergeburt, die es nach Blut und Tod dürstete. Vielleicht hatte er sie ja deswegen ausgewählt und würde damit Tevias Ende einläuten.
      „Achja.“
      Zoras riss die Frau aus ihren Gedanken. Über Kassadras Rücken hinweg starrte sie den Eviad an, der seinen Ärmel hob und ihn über den Sattel der Stute warf. Sofort fanden Tevias geschulte Augen die dunklen Flecken, die fälschlicherweise mit Wasser behandelt worden waren und deswegen sich in den Stoff gefressen hatten. Das musste das Blut von ihren Händen sein, wie ihr siedeheiß einfiel.
      „Wie bekomme ich Blut aus dem Mantel? Ohne Waschmittel und ohne dabei den Weg über die Wäscherei zu gehen.“
      Ah. Natürlich. Er als Hochgeborener wusste natürlich nicht, wie man seine Kleider richtig reinigte. Das war ja nicht seine Aufgabe. Und wenn es bekannt wurde, dass er Blut von wo auch immer an seinen Sachen hatte, würde es den Tratsch nicht nur befeuern, sondern gleich explodieren lassen. Diesen Gedanken bestätigte er ihr direkt im nächsten Satz.
      „Was habt Ihr versucht?“, fragte sie zögerlich.
      „Ich habe Wasser versucht, aber offensichtlich ohne Erfolg. Ich bräuchte Mittel, an die selbst jemand wie… ich kommen kann. Ohne, dass es einen Verdacht erregen würde.“
      Tevia blinzelte. „… Gallseife. Ihr bekommt nicht nur Blut, sondern auch Wein und Farbe mit Gallseife aus den Kleidern gewaschen. Das ist eine Mischung aus gewöhnlicher Kernseife und Rindergalle.“
      Tevia legte die Hände zusammen und biss sich unentschlossen auf die Unterlippe. Dann nahm sie sich doch ein Herz. „In meiner… hm… Ich habe Gallseife in meiner Hütte, falls Ihr… also…“ Am liebsten hätte sie ihm direkt angeboten, sich um den Fleck zu kümmern, aber sie befürchtete, dass er es als eine weitere Grenzüberschreitung werten würde. „Ich kann Euch ein Stück mitgeben…“
    • Gallseife. Zoras konnte froh sein, das Wort überhaupt zu kennen. Aber Tevia schien nicht wirklich zu verstehen - wie sollte er denn an Gallseife kommen? Wenn er nach Seife fragte, würde sich doch jeder darauf stürzen, für ihn zu unternehmen, was auch immer er mit der Seife waschen wollte. In die Wäscherei zu gehen war undenkbar ohne richtigen Grund und der würde sich spätestens bei dieser Ghanda verlieren, die ihm alle Wünsche von den Lippen zu lesen versuchen würde. Und sie irgendwo zu kaufen... nun, das wäre denkbar, allerdings müsste er dafür den Palast im Tageslicht verlassen und sich unter Menschen mischen. Diese ganze Aktion hier war ihm noch viel zu frisch, als dass er sich für sowas bereit fühlte.
      Eigentlich könnte er den Mantel auch einfach wegwerfen, niemand würde sich darum scheren, wenn er nicht mehr da wäre. Aber das war die Denkweise eines richtigen Eviads, oder nicht? Ein ganzes Kleidungsstück wegwerfen, weil nur ein kleiner Teil schmutzig geworden war?
      Auch undenkbar. Tevia hatte ihm damit nicht weitergeholfen.
      Das wollte er ihr sagen, als sie plötzlich sichtbar nervös wurde und noch etwas hinzusetzte.
      „In meiner… hm… Ich habe Gallseife in meiner Hütte, falls Ihr… also…“
      Er hob die Augenbrauen. War das eine Einladung?
      „Ich kann Euch ein Stück mitgeben…“
      Ah - nunja, fast eine Einladung. Ein guter Vorschlag war es allemal, aber Zoras wollte seine Freiheit nicht wieder aufs Spiel setzen. Das letzte Mal hatte ein solcher Ausflug wesentlich zu lange gedauert.
      "Ich bin schon eine ganze Stunde fort, ich sollte es nicht ausschöpfen. Meine Wachen werden unruhig, wenn sie nicht wissen, wo ich bin. Ich möchte lieber nicht riskieren, dass jemand es für nötig hält, einen Alarm zu schlagen."
      Damit steckte er einen Fuß in den Steigbügel und schwang sich in den Sattel. Kassadra wollte mit derselben Bewegung gleich lostraben, so wie sie es immer taten, wodurch er sie extra zurückhalten musste.
      "Aber danke für den Vorschlag. Du kannst... hm... du könntest es mir zukommen lassen. Leg es in die hinterste Ecke von Kassadras Box und verpack es gut, damit sie es nicht auffrisst. Ich werde es die Tage abholen."
      Damit lenkte er seine Stute auf die Straße.
      "Gehab dich wohl. Halt dich fern von dunklen Straßen, es sind viele Betrunkene unterwegs."
      Dann ritt er ab.
    • „Ich bin schon eine ganze Stunde fort, ich sollte es nicht ausschöpfen. Meine Wachen werden unruhig, wenn sie nicht wissen, wo ich bin. Ich möchte lieber nicht riskieren, dass jemand es für nötig hält, Alarm zu schlagen.“
      Dem stimmte Tevia vollkommen zu. Zoras bestritt jetzt schon einen gefährlich schmalen Weg und es war nur eine Frage der Zeit ehe den Wachen auffiel, dass der Eviad auf magische Art und Weise verschwunden war. Der Alarm wäre fatal und wenn Zoras dann wieder auftauchen würde, wäre nicht nur dem Personal bekannt, dass sich der Eviad aus dem Palast schlich. Dann würden mehr Leute Ausschau nach ihm halten.
      „Das ist wahr… Dann solltet Ihr besser schneller zurück sein“, stimmte sie ihm zu, als er aufstieg, Kassadra jedoch zurückhielt, wodurch die Stute angesäuert herum tänzelte. Hieß das, er wolle ihr doch nicht ihr verfrühtes Ende zukommen lassen?
      „Aber danke für den Vorschlag.“
      Er DANKTE ihr? Das war viel zu weit vom verfrühten Ende weg. Tevia starrte Zoras an und faltete die Hände vor ihrem Umhang.
      „Du kannst… hm… du könntest es mir zukommen lassen. Leg es in die hinterste Ecke von Kassadras Box und verpack es gut, damit sie es nicht auffrisst. Ich werde es die Tage abholen.“
      Tevias Augen wurden noch größer. Er nahm tatsächlich ihr Angebot an. Etwas über Umwege, aber er nahm tatsächlich das Angebot an. Sie würde ihm ein sehr schönes Stück fertig packen und da lassen. Einfach nur als Dank dafür, dass er ihr doch nicht den Hals umgedreht hatte. Wortwörtlich.
      „Das schaffe ich!“, bekräftigte sie mit einem Ausdruck im Gesicht, der schon eher an Dankbarkeit und Freunde erinnerte.
      Dann zog der Vermummte seines Weges.

      Tevia hatte sich etwas einfallen lassen, wie man Gallseife am Besten vor neugierigen Pferdenüstern verbergen konnte. Sie hatte sich extra von einer Töpferei zwei Hälften brennen lassen, die man zu einer Schale zusammensetzen konnte. Das Äußere hatte sie weiß lackieren lassen, die untere Hälfte war zu einer Wiese bemalt worden, auf der sich ein Fuchs, ein Rappe und ein Schimmel in verschiedenen Posen zeigten. Der extra Aufwand hatte natürlich seinen Preis, aber das war es Tevia wert. Immerhin war der Mantel, den Zoras getragen hatte, vermutlich mehr wert als ihre gesamte Garderobe.
      In der Schale verbarg sie das neue Stück Gallseife, schlug Pergamentpapier herum und schnürte es mit Bastseilen fest. Das Papier traf nicht ganz den Farbton des Strohs, aber es dürfte genügen, damit das Päckchen nicht weiter auffiel. Wie abgesprochen versteckte Tevia es in Kassadras Box. In der Ecke, in die sie nicht äppelte.
      Als Tevia den Tag darauf wieder in die Ställe kam und Kassadra besuchte, war das Päckchen verschwunden. Da die Stute keine Anzeichen einer Kolik oder Schaum mal Maul zeigte, ging Tevia davon aus, dass das Tier das Paket zumindest unversehrt gelassen hatte. Hoffentlich hatte es den rechten Empfänger gefunden. Schließlich hatte die aufmerksame Frau extra den Misttag abgewartet, damit nicht aus Versehen die wertvolle Ware auf dem Mistfall landete.

      In den nächsten Tagen wartete Tevia mehrfach in den Tavernen der Stadt. Immer zur gleichen Uhrzeit, immer relativ zu später Stunde. Aber egal, wann sie wo wartete; der vermummte Mann blieb aus. Auch bei ihren Exkursen in die Ställe war ihr der Eviad nicht mehr über den Weg gelaufen. So als wolle er sie schließlich meiden. Womöglich nahm er seine Worte einfach ernster als sie es besser tun sollte.
      An einem weiteren, ereignislosen Abend ging sie gegen Mitternacht den Weg zu ihrer Hütte wieder zurück. Sie hatte nur ein einziges Met getrunken – mittlerweile ging ihr der Geschmack auch nicht mehr gut von der Zunge und sie wich auf andere Getränke aus – und fand sich demnach sehr gut zurecht. Sie trug ihren Umhang wie auch sonst, die Haare wieder im Zopf zusammengebunden. Es kamen ihr allerlei Menschen entgegen. Bettler, Betrunkene, Tagelöhner, Arbeiter, Straßenkinder. Als sie um eine Ecke bog, sah sie am Ende der Gasse zwei Männer stehen. Sie trugen Rüstungen, wenn auch nur leichte, und offensichtlich eine gedeckte Farbe der Ratsmitglieder. Welche es war konnte sie in der Dunkelheit nicht sagen, aber Gardisten oder Soldaten hier zu sehen war nicht ungewöhnlich. Auch sie genossen das günstige Gebräu.
      Tevia erhaschte kurze Blicke der zwei Männer, die sie schon von Weitem bemerkten. Sie hielt den Kopf leicht geduckt, den Blick gesenkt. So wie man es eben machte, wenn man auf keinen Ärger aus war. Die Männer sprachen leise miteinander und verstummte, als sie näher kam. Tevia zögerte nicht, ging festen Schrittes einfach weiter und ging zwischen den Männern hindurch, die sich mit dem Rücken zur Wand auf jeder Seite postiert hatten.
      Dann wurde Tevia plötzlich an den Haaren zurückgerissen. Sie jaulte auf, als sie mit dem Rücken an eine Rüstung stieß. Ihre Hände schossen zu ihrem Haar und bekamen behandschuhte Finger zu greifen, die ihren Zopf fest in die Höhe hielten. Der Mann hielt sie unbarmherzig fest und Angst flutete sofort ihre Blutbahn.
      „Da scheint wohl keiner auf dich zu warten, wenn du täglich in der Taverne einsitzt“, sagte der eine Soldat und Tevia versuchte krampfhaft, die Finger von ihrem Haar zu lösen. „Ganz schön frivol. So viel Freizeit…“
      Der andere Mann beugte sich zu ihr herunter und fing ihr Gesicht mit seiner Hand ein. Er zwang sie, ihn anzusehen, nachdem er sein Visier hochgeklappt hatte und die Waschfrau musterte. Der Kerl sah sie nicht wie einen Menschen an, sondern wie irgendein dahergelaufenes Weib. Sie sah, dass er seinen Blick über ihr Gesicht, ihren Mund und darüber hinaus wandern ließ. Ihre Oberweite war sehr üppig, und das sah man durch den Ausschnitt der Uniform sehr deutlich. Plötzlich fühlte sie sich nackt und die Angst fraß sich noch tiefer.
      „Hab gehört, der Palast baut aktuellen eh Stellen bei der Wäscherei ab“, sagte der Soldat ihr gegenüber, nachdem er ihren Umhang mit der freien Hand zur Seite gehoben und die Tracht entdeckt hatte. „Meinst du, man bemerkt dein Fehlen?“
      „Ich habe Euch… aahh… doch nichts getan! Lasst mich!“, flehte sie und kämpfte gegen die erbarmungslose Hand an. Ohne Erfolg.
      Der Mann in ihrem Rücken lachte leise und machte irgendwas mit seiner anderen Hand, was Tevia nicht sah. Der Kerl ihr gegenüber beugte sich vor, nahm von dem anderen etwas entgegen und präsentierte Tevia dann etwas metallisch Glänzendes.
      Einen Dolch.
      Die Farbe wich aus ihrem Gesicht. Ihre Augen weiteten sich. „Was…?“
      Der Soldat durchtrennte mit dem Dolch das Band, mit dem der Umhang um Tevias Schultern lag. Er fiel zu Boden und offenbarte ihre Tracht. Sofort legte der Soldat nach und schob die Klinge unter den Träger ihres Kleides.
      Da verstand Tevia die Absicht der Soldaten und das Grauen wuchs ins Unermessliche. Sie gefror und bewegte sich nicht mehr, als der Dolch den Träger durchschnitt und ein Viertel ihres Oberkörpers freilegte. Kalte Nachtluft strich über ihre Haut, bescherte ihr eine Gänsehaut und die Gewissheit, dass wenn sie jetzt nichts unternahm, sie hier gegen ihren Willen genommen werden würde. Oder noch schlimmer.
      Also drehte Tevia ihren Kopf und kämpfte gegen den Zug an ihren Haaren an. Wie ein Krokodil schnappte sie nach der Hand des Soldaten, ihre Zähne trafen auf Metall und Leder. Ein modriger Geschmack kroch ihre Zunge hinab und sie würgte, doch sie biss so fest zu wie es nur ging. Es knirschte, sie hörte ihre Zähne rebellieren, doch sie ließ nicht nach. Der Soldat riss seine Hand mit einem Fluch zurück, dann sah Tevia auf einmal Sterne. Der andere Kerl hatte sie losgelassen, als sie zu Boden ging und ihr Gesicht auf dem Stein aufschlug. Der Geschmack von Eisen machte sich in ihrem Mund breit. Ihr Gesicht stach und brannte, Tränen stiegen ihr in die Augen. Sie ächzte, als man ihr gegen den Bauch trat und sie sich einrollte.
      „Du dreckiges Miststück“, fluchte der mit dem Dolch und stellte sich breitbeinig über die Waschfrau. Seine Absicht, den Dolch funkelnd in der Hand, war klar.
      Der andere Soldat packte ihn am Arm. „Lass es. Wir suchen uns eine andere. Die umzubringen kommt nur bis zum Kommandanten und dann darfst du dich rechtfertigen. Willst du das?“
      „Als ob jemand nachweisen kann, dass ich das Weib abgestochen hab.“
      „Mann, irgendwie kriegen die das schon raus. Komm einfach. Die ist dir eh zu fett“, setzte der Soldat nach und zog seinen Kumpanen mit dem Dolch von Tevia fort.
      Noch Minuten lag Tevia weinend am Boden, ehe sie sich aufrappelte und die Arme vor der Brust verschränkte. Mit geduckter Haltung schleppte sich die Waschfrau zurück zu ihrer Hütte, wo sie die Tür verbarrikadierte und sicher ging, dass ihr hier niemand mehr auflauern konnte.
      Am nächsten Tag erschien Tevia nicht zum Dienst.

      Nach zwei weiteren Fehltagen wurde Ghanda mulmig zumute. Tevia gehörte zu den Frauen, die ihren Dienst niemals sausen ließen, erst recht nicht, seitdem Ghanda alles dafür tat, ihren Namen von der List der zu streichenden Kräfte zu nehmen.
      Also beschloss die ergraute Frau, nach der Arbeit Tevia bei ihrer Hütte aufzusuchen. Sie hatte sich ebenfalls in einen Umhang gehüllt und klopfte vehement gegen Tevias Tür, sodass die Eisen nur so klingelten. Doch Tevia öffnete nicht. Ghanda wurde immer eindringlicher bis sie schließlich damit drohte, Tevias Namen doch nicht mehr von der Liste zu nehmen. Erst da öffnete sich die Tür einen Spalt breit und Ghanda erblickte Tevia.

      Auf den Schock hin nahm Ghanda Tevia in eine Taverne mit. Keine von denen, die unmittelbar auf dem Weg des Palastes oder gut erreichbar waren. Sie schleppte die Waschfrau zu einer kleineren Taverne, die nur von einem Ehepaar bewirtschaftet wurde. Dort gab es weniger Trunkenbolde und weitaus besseres Essen. Auch die Getränke waren hier nicht verdünnt worden.
      Ghanda hatte sich mit Tevia möglichst weit in den Schatten gesetzt und ihr einen Kräutersud bestellt. Die Waschfrau hob ihren Kopf nicht an und behielt ihre geduckte Haltung bei. Im Haus hatte Tevia Ghanda schweren Herzens erzählt, was geschehen war und als Ghanda in ihr Gesicht geblickt hatte, glaubte sie ihr diese Geschichte sofort.
      Tevias Gesicht wies alle Farben des Regenbogens auf. Ihre rechte Gesichtshälfte war angeschwollen, das Auge dunkel unterlaufen. Die Lippe war durch den Schlag angeschwollen. Die schönen Sommersprossen gingen in dem Farbspiel komplett unter, ihr Gesicht war entstellt.
      „Hätte ich das nur früher gewusst…“, murmelte Ghanda und schüttelte betreten den Kopf. „Mädchen, ich habe dir doch immer wieder gesagt, dass du nicht allein umherziehen sollst. Insbesondere nicht seitdem die Steuern aufgehoben wurden.“
      Tevia sagte nichts, hielt den Kopf über ihren dampfenden Sud.
      „Wie oft warst du denn draußen? Ein schrecklich schöner Zufall war das sonst…“
      „..War kein Zufall“, flüsterte Tevia schließlich. „War täglich draußen.“
      Ghanda schlug hart auf den Tisch. „Täglich?! Mädchen, die konnten dich ganz einfach abpassen! Kein Weib geht täglich und ohne Begleitung in eine Taverne! Das weißt du doch besser!“
      Tevia wurde noch kleiner. „Mhm“, machte sie nur, völlig eingeschüchtert von allem und jedem.
      Ghanda betrachtete das Häufchen Elend eine Weile und seufzte schließlich. In einem sanfteren Tonfall fügte sie hinzu: „Gut, mit den Blessuren wäre keine zur Arbeit gekommen. Pass auf, ich schau, dass man dich die nächsten Tage auch nicht streicht. Aber in fünf Tagen musst du spätestens wieder da sein. Länger kann ich dich nicht in Schutz nehmen, verstanden?“
      Tevia nickte kaum merklich. „Danke, Ghanda.“
      Die ältere Frau seufzte abermals und lehnte sich zurück. Sie nickte zu dem Sud. „Dank nicht mir, dank lieber dem Himmel, dass dir nichts Schlimmeres widerfahren ist.“
      Oh ja.
      Das tat Tevia in der Tat.
    • Tevia hielt sich an seine Bitte. Zoras wusste zwar nicht, wann genau sie die Seife platziert hatte, aber als er sich zwei Tage später eine halbe Stunde Zeit nahm - eigentlich verkraftete sein enorm strenger Zeitplan selbst das nicht - und in die Ställe ging, hatte sie ihm die Seife hinterlassen.
      In einer kleinen Schale, die mit einer Wiese bemalt worden war, auf der sich drei Pferde tummelten. Die kleine Landschaft sah vollkommen idyllisch aus.
      Zoras starrte die Schale verdutzt an und steckte sie dann ein. Er sah sie den ganzen restlichen Tag hinweg an, wenn er mal alleine war oder sie verdeckt in seinem Ärmel halten konnte. Es waren schöne Pferdchen, ziemlich malerisch. Er mochte ganz besonders den Fuchs, weil er ihn so sehr an Roran erinnerte.
      Das Bild machte ihn sentimental, aber trennen wollte er sich doch nicht davon. Es war eine so liebenswürdige Geste gewesen, dass ihm dabei gleich warm ums Herz wurde. Die eine Hälfte der Schale warf er weg, aber die andere behielt er sich auf. Sie ließ sich leicht in seiner Tasche verstecken und genauso leicht auch wieder herausholen.
      Die Seife versuchte Zoras noch am selben Abend zu benutzen, einfach, um die Sache endlich aus seinem Kopf zu kriegen. Aber der Elan, mit dem er das Blut noch vor einigen Tagen zu entfernen versucht hatte, war bereits vorüber. Eigentlich ging er sogar nur sehr halbherzig an die ganze Sache ran. Vor zwei Tagen war er zur selben Zeit noch der Überzeugung gewesen, dass er sich nicht zu schade war, diesen Mantel mit eigenen Mitteln retten zu wollen, heute hätte er das Ding genauso gut in Fetzen reißen und in den nächsten Abfall werfen können. So wichtig konnte ihm es dann doch auch nicht sein.
      Aber natürlich wusste er, dass das nur von seiner schlechten Stimmung herrührte. Er war müde und erschöpft; sein Muskelkater hielt noch an, weil er fast jeden Abend mit Eldon trainierte, um sich irgendwie abzulenken. Das konnte aber nicht davon ablenken, wie schlecht er schlief - auch nicht die unregelmäßigen Ausritte. Wenn er nicht gerade einen Albtraum litt, die jeden Abend kreativer zu werden schienen, starrte er in das fahle Kerzenlicht am Fensterbrett, mit dem er die Dunkelheit zu vertreiben versuchte. Es war ihm erst vor zwei Nächten passiert, dass er in völliger Dunkelheit aufgewacht war, gedacht hatte, dass er noch im Kerker war, und einen Anfall bekommen hatte. Natürlich hatte er nach Kassandra gerufen. Natürlich waren die Wachen reingekommen und alle Welt hatte sich sicherlich gedacht, dass der Eviad völlig übergeschnappt geworden war.
      Vielleicht war er das auch, das wusste er selbst nicht. Es würde ihn mittlerweile schon gar nicht mehr verwundern.
      Und dann war da natürlich die Arbeit mit dem Rat, die ihn tagsüber beschäftigte. Der ganze Plan hatte einen ganz großen Makel, der Zoras vollständig bewusst gewesen war und ihn jetzt trotzdem einholte: Er hatte noch nicht gänzlich genug Vertrauen in die Ratsmitglieder, um ihnen eigenständiges Arbeiten zuzutrauen. Jeden ihrer Schritte musste er überprüfen, denn wenn sie ihre Unabhängigkeit dazu nutzen wollten, ihm in irgendeiner Weise zu schaden, musste er ihnen einen Schritt voraus sein. Das war die einzige Möglichkeit, um die Abwesenheit der Phönixin irgendwie auszugleichen.
      Das bedeutete, dass er sich durch endlose Berichte lesen musste, dass er sich mit seinen eigenen Beratern über Themen beraten musste, die die Ratsmitglieder schon längst abgehandelt hatten, dass er Informationen sammeln musste, wo sie ihm fehlten, dass er eigenständig planen musste, was die optimale Strategie bei den verschiedenen Problemen waren, um dann zu prüfen, weshalb ein Ratsmitglied mit seiner eigenen Strategie davon abweichen sollte. Alles in allem bedeutete es, dass Zoras die Arbeit von 8 Personen alleine zu stemmen versuchte und nebenher noch immer Audienzen abhielt und all die Leute empfing, die nur zu ihm, den Eviad, wollten.
      Kassandra hätte ihm helfen können. Sie hätte Informationen beschaffen können, die man nicht noch einmal absegnen musste, sie hätte Lücken schließen können, für die Zoras jetzt erstmal recherchieren musste, sie hätte die Intentionen der Träger und Champions lesen können, wenn sie sich im Palast einfanden, und sie hätte natürlich mit ihrem eigenen, unschätzbarem Wissen helfen können. Kassandra alleine wäre wertvoller gewesen als die manchmal 20 Personen, die sich mit dem Eviad in einem der Säle tummelten, um die Berichte durchzugehen. Sie hätte durchaus dafür sorgen können, dass Zoras eine halbe Stunde Stall und eine halbe Stunde Training am Tag erübrigen konnte, ohne dass dabei gleich drei Sachen vernachlässigt wurden. Ihre Anwesenheit hätte dafür gesorgt, dass er wenigstens ausgeschlafen für diese ganze Arbeit gewesen wäre.
      Aber sie war nicht hier, jetzt schon seit über einer Woche nicht. Und Zoras schwankte zwischen abgrundtiefer Verzweiflung, Zorn und Resignation ständig hin und her. Sie hatte ihn verlassen, er hatte sie verletzt, er musste das Amt weiterführen - das waren die drei Gedanken, die dabei je mit einhergingen. Jedes Mal wünschte er sich dabei, dass sie aber trotz allem doch wiederkommen würde.
      Also nein, es war wohl nicht gerade verwunderlich, dass er sich genau zwei Minuten Zeit nahm, um mit der verfluchten Seife seinen Ärmel zu reinigen zu versuchen und es dann schon gleich wieder aufgab. Vielleicht würde er sich auch einfach nie wieder nachts mit Kassadra rausschleichen und schon bräuchte er den Mantel nicht mehr - Problem gelöst.
      Einige Tage später ritt er doch mit demselben Mantel wieder im Schutze der Dunkelheit aus dem Tor heraus.

      Er hatte seit dem Fund der Seife ständig an Tevia gedacht, weil er immer wieder die kleinen Pferdchen betrachtet hatte. Jetzt war er sich zwar nicht sicher, ob er der Frau wieder begegnen wollte - denn schließlich suchte er bei seinen Ausritten noch immer Ruhe und Frieden - aber diesmal wollte er sie nicht gleich abweisen, sollte sie wieder da sein. Diesmal wollte er sie sogar an seinen Tisch einladen, als angemessenen Dank für ihre große Mühe.
      Nur kam sie ihm dabei zuvor. Als er dieselbe Taverne wie beim letzten Mal anstrebte und hineinging, ließ er gleich den Blick über die Köpfe schweifen, und das mehrmals, bis ihm schließlich ein bekannter Haarschopf auffiel. Da bahnte er sich den Weg zu ihr durch.
      "Hallo Tevia. Ich dachte mir schon fast, dass du -"
      Er verstummte schlagartig, als er sich bereits an ihren Tisch setzte und Tevia sich vor ihm wegzuducken schien. Ihr Verhalten war schon auffällig genug, aber noch viel auffälliger war der gewaltige Bluterguss auf ihrem Gesicht. Ihre Wange war geschwollen und die Schwellung ging sogar auf ihr Auge über. Über ihr Kinn erstreckten sich noch mehr Blutergüsse.
      Zoras starrte sie voller Fassungslosigkeit an. Was war passiert? Wann war das passiert? Er hatte nicht einmal einen Hauch von irgendwas mitbekommen und dabei arbeitete sie unter seinem Dach.
      "Was ist passiert? Wer hat dir das angetan?"
    • „Herr, ich habe ein Schreiben für Euch.“
      Santras nahm das Schreiben an, das ihm sein Bote brachte. Es besaß kein hohes Wachssiegel, es besaß eigentlich gar kein Siegel, und sah so unscheinbar aus, wie jedes andere Schreiben auch. Dennoch bekam er den Hinweis, dass das Schreiben aus der Hauptstadt kam. Da es ohne Siegel verfasst worden war, konnte es nicht von Zoras sein. Also ging es nicht um Kassandra, was Santras Argwohn schon wieder dämpfte.
      Er kehrte mit dem Schreiben zurück in sein Anwesen. Seitdem Kassandra eingetroffen war, hatte weder sie noch er das Anwesen verlassen. Viel zu instabil wirkte die Phönixin, die sich erst im Laufe der Zeit von ihrer absoluten Unnahbarkeit wieder in kleinen Schritten nahbar machte. Trotzdem saß sie noch immer oft auf dem Granit vor den großen Fenstern und sah hinaus.
      Da war sie auch jetzt gerade, doch Santras kam nicht zu ihr. Er steuerte das gegenüberliegende Zimmer an, wo er sich an die Tafel setzte und den Brief mit einem Öffner aufbrach. Er faltete ihn auseinander und erkannte die Schriftart binnen Sekunden. Diese krakelige Schrift gehörte nur einem.
      In völliger Ruhe las Santras den Brief zu Ende, der nur wenige Zeilen fasste. Dann faltete er ihn wieder zusammen und warf ihn beim Herausgehen in die Feuerstelle. Er wollte nicht, dass Kassandra ihn fand. Er wollte noch weniger, dass Kassandra auf die Idee kam, dem Schreiben zu antworten. Oder noch schlimmer: direkt wieder in die Hauptstadt flog.
      Nachdenklich darüber, wie er mit dem Schreiben umzugehen hatte, kam er langsam zu der Phönixin hinüber, die sich bei seinen Schritten halb umdrehte und ihn betrachtete. Ohne ein Wort stellte er sich an ihre Seite und folgte dem Blick nach draußen. „Ich hoffe du weißt, dass du so lange hierbleiben kannst, wie du möchtest.“
      Kassandra wandte den Blick wieder aus den Fenstern. „Ich weiß. Ich werde sehen, wie lange es mich hier hält“, sagte sie und lehnte ihren Kopf seitlich an Santras‘ großen Körper.
      Er lächelte, ganz wenig nur, und legte ihr den Arm um die Schulter und ließ seine Hand auf ihr ruhen. Ihm kam es nur gelegen, wenn sie so lange bleiben konnte wie sie wollte. Denn für Götter konnten kurze Zeiten schon Jahrzehnte bedeuten.

      Ghanda hatte sich mit Händen und Füßen gesträubt, Tevia wieder allein zu lassen. Aber sie musste es schließlich doch. Für ihr eigenes Gewissen setzte sie die Frau nach dem Tavernenbesuch wieder bei ihrer Hütte ab, nur um sie am Folgetag direkt wieder zu besuchen. Jetzt war es die Waschfrau, die sich akribisch weigerte, die Hütte nochmal zu verlassen. Jedenfalls, bis ihre Blessuren halbwegs verheilt waren.
      Doch Ghanda blieb hartnäckig und bestand darauf, dass Tevia jetzt nicht in ihrer Hütte versauern durfte. Sie musste rausgehen, sich der Angst stellen. Immerhin war sie nicht allein, Ghanda begleitete sie ja. Am Ende ließ sich die Waschfrau überzeugen und gemeinsam gingen sie zu einer der größeren Tavernen, wo sie als geschundene Frau weniger Aufmerksamkeit erregen würde. Ghanda setzte Tevia lediglich dort ab und versprach, sie zu gegebener Stunde wieder abzuholen. Damit sie nicht allein nach Hause gehen müssen. Dieses Angebot nahm Tevia dankbar an und zog sich in eine der hintersten Ecken der Taverne zurück, ausgestattet mit einem Sud statt einem Met.
      Ihr Gefühl sagte ihr, dass Zoras dieses Mal auch nicht auftauchen würde. Er war es die letzten Tage schon nicht und so langsam hatte sie die Hoffnung aufgegeben.
      „Hallo Tevia.“
      Sie erschrak fürchterlich und verschüttete beinahe ihren Sud. Sie zog alles ein, was einziehbar war und machte sich so klein sie nur konnte. Wieso zur Hölle war Zoras ausgerechnet heute wieder hier?! Er hatte doch aufgehört mit seinen Ausflügen! Warum ausgerechnet jetzt?!
      „Ich dachte mir schon fast, dass du-„
      Sie hatte versucht, ihren neuen Umhang weiter in ihr Gesicht zu ziehen. Ohne Erfolg, denn Zoras hatte es längst gesehen. Das zeugte davon, wie er seinen Satz in der Mitte unterbrach und sie konnte seinen Blick auf ihr spüren. Ihr wurde heiß und kalt zugleich. Sie wollte nicht sehen, wie er sie ansah.
      „Was ist passiert? Wer hat dir das angetan?“
      Tevia schwieg eisern. Es brachte nichts, ihm irgendwas davon zu berichten. Sie wollte es auch gar nicht. Sie würde keine weiteren Lasten bei ihm auslösen, nur weil Teile seiner Soldaten sich nicht beherrschten. Es gab bestimmt viele Soldaten, die aus der Reihe tanzten. Das war ganz normal. Schließlich hatte sie einen Fehler begangen und nicht die Männer.
      Sie warf einen flüchtigen Blick zu Zoras. Er ließ nicht locker.
      „Es… gab eine Auseinandersetzung“, sagte sie zögerlich, mied jedoch noch immer seinen Blick. „Ihr sagtet, ich solle mich auf der Straße von Trunkenbolden fernhalten. Ich kam einem leider zu nahe.“ Sie hob ihre Schultern kurz an und ließ sie wieder sinken. „Er wollte meinen Umhang haben, ich habe mich gewehrt, er hat gewonnen.“
      Das war besser als ihm zu sagen, dass es Soldaten gewesen waren. Das war besser, als sich daran zu erinnern, dass sie sie fett genannt hatten. Und es war besser, dem Eviad so unbedeutende Probleme des Pöbels nicht näher zu bringen. Er hatte viel wichtigere Angelegenheiten zu erledigen.
      Da legte sie die Hände auf den Tisch und machte Anstalten, aufzustehen. „Ihr solltet nicht mit einer geschlagenen Frau gesehen werden. Außerdem ist mein Anblick zur Zeit alles andere als erheiternd…“
    • Tevia schwieg vehement, schien versucht zu sein, Zoras einfach gar keine Antwort zu liefern. Nur würde der das nicht dulden. Es lag vielleicht an seiner Gewohnheit, dass die Leute auf sein Wort gehorchten, dass er auch jetzt nicht nachgab.
      "Du musst mir keine Details erzählen. Aber ich würde gerne wissen, was passiert ist. Jetzt."
      Sie schenkte ihm einen flüchtigen Blick - vielleicht, um sich abzusichern, dass er ihr die Auskunft nicht befehlte. Zoras war sich da nicht sicher, ob er es nicht doch tun würde, wenn sie es ihm noch immer verweigerte.
      Dann rang sie sich aber durch.
      „Es… gab eine Auseinandersetzung.“
      Ja, das hatte er befürchtet. Eine andere Antwort hätte er auch gar nicht akzeptiert.
      „Ihr sagtet, ich solle mich auf der Straße von Trunkenbolden fernhalten."
      Richtig.
      "Ich kam einem leider zu nahe.“
      Da hätte Zoras beinahe geseufzt. Als hätte er es schon kommen gesehen.
      „Er wollte meinen Umhang haben, ich habe mich gewehrt, er hat gewonnen.“
      Der Umhang - gut, was wusste er schon, was in manchen Köpfen solcher Leute schon vor sich ging. Tevia konnte wohl von Glück sagen, dass es nur der Umhang gewesen war, was der Kerl in der Nacht von einer Frau haben wollte.
      "Sonst hat er dir nichts getan? Bist du dir sicher?"
      Nicht, dass Zoras daran etwas hätte ändern können; dieser Tage einen Trunkenbold zu finden war vermutlich so, wie die Nadel im Heuhaufen zu suchen. Aber wenn Tevia Hilfe brauchte, war er ja wohl mehr als geeignet dazu, ihr diese Hilfe zu bieten.
      ... Wann war er denn so fürsorglich gegenüber einer Fremden geworden? Als ob es einen Unterschied machen würde, wenn er einer einzelnen Bediensteten aushalf?
      Aber irgendwie schien es ihm, als habe sie seine Hilfe verdient. Er musste nur an die Schale in seiner Tasche denken - an das erste und einzige Geschenk, das er von und in Kuluar je erhalten hatte.
      Und das gerade von einer Wäschefrau, die jetzt zudem auch noch Anstalten machte, aufzustehen.
      „Ihr solltet nicht mit einer geschlagenen Frau gesehen werden. Außerdem ist mein Anblick zur Zeit alles andere als erheiternd…“
      "Ich werde hoffentlich gar nicht gesehen. Außerdem bin ich auch nicht hergekommen, um mich aufheitern zu lassen."
      Da stand er selbst auf. Tevia wirkte dadurch nur noch viel verunsicherter.
      "Wir werden gehen. Ich lasse dich nach so etwas ganz bestimmt nicht alleine nachhause gehen. Du solltest gar nicht mehr draußen sein, wenn es dunkel wird."
      Vielleicht sollte er eine Ausgangssperre einführen, um dieses Chaos endlich einzudämmen, aber das war auch nicht sehr vielversprechend. Er würde sich nur selbst dabei schaden, während Ristaer noch mehr gefeiert würde. Aber Esho könnte damit endlich die Ordnung wiederherstellen, die hier allem Anschein nach so dringend benötigt würde.
      Aber darüber dachte er lieber nach, wenn es soweit wäre. Es war ja nicht so, als würden ihm sonst die Aufgaben ausgehen.
      Tevia wirkte noch immer höchst verunsichert, als er sie nach draußen führte und dann Kassadra wieder losmachte. Beim letzten Mal war er neben ihr hergeritten, weil ihn seine Paranoia getrieben hatte, dieses Mal wickelte er sich die Zügel nur lose um die Hand und blieb zu Boden. Damit könnte er auch besser eingreifen, wenn wieder etwas geschehen sollte.
      Was er diesmal bezweifelte. Nur ein Idiot würde sich mit einem vermummten Mann mitsamt seines Pferdes anlegen.
      "Nun komm, ich kenne den Weg nicht gut genug."
      Dabei ließ er keinen Verhandlungsspielraum zu.
    • Ein ganz, ganz großer Teil in Tevia atmete erleichtert auf, als Zoras ihre Lüge einfach glaubte. Er war vielmehr darauf versessen zu erfahren, ob ihr sonst noch etwas widerfahren war, aber das hatte sie ja abwenden können. Zum Glück fragte er nicht weiter nach den Details. Die hätte sie sich nicht so schnell aus dem Hut zaubern können.
      Tevia war mittlerweile aufgestanden. Natürlich war Zoras nicht hier, um sich aufheitern zu lassen. Seine Suche galt der Ablenkung, und die hatte er hier ja offensichtlich gefunden. So sehr, dass er plötzlich ebenfalls von seinem Sitzplatz aufstand und Tevia ihn noch unsicherer musterte. Was war seine Agenda?
      „Wir werden gehen.“
      Die Verunsicherung wandelte sich in offenkundige Sprachlosigkeit. Zoras hatte gerade wir gesagt. Nicht er oder du. Wir. Was sie vielleicht noch als gut versteckte Fehlleitung hätte interpretieren können, stellte der Eviad schon in seinem nächsten Satz eindeutig richtig: „Ich lasse dich nach so etwas ganz bestimmt nicht alleine nachhause gehen. Du solltest gar nicht mehr draußen sein, wenn es dunkel wird.“
      Tevia war sprachlos. Nicht nur, dass sie ihm gerade die Fülle ihres regenbogenfarbenen Gesichts zeigte, sondern mit dem Ausdruck in ihrem Gesicht wohl ein unvergessliches Bild abgeben musste. Sie hatte ihn gerade angelogen. Das alles war nur passiert, weil sie wie eine Manische versucht hatte, ihn abzupassen. Er hatte einen kleinen, aber immerhin einen Teil an dem Geschehen und dennoch wollte er sie, irgendein Waschweib, sicher heimbringen.
      Ghanda für Tevia eigenhändig enthaupten.
      Sie war dermaßen verblüfft, dass sie dem Eviad wortlos ohne Widerstand folgte. Ihren Sud hatte Tevia längst bezahlt und auch Zoras sein Met, weshalb keiner sie stoppte, als sie nach draußen in die junge Nacht gingen. Wieder fand sich Tevia neben dem Anbindebalken wieder, wieder stand dort Kassadra und wartete entspannt darauf, wieder losgemacht zu werden.
      „Ihr müsst nicht… Ich warte einfach ab bis…“, stammelte sie, brachte jedoch keinen zusammenhängen Satz zusammen. Gott, wenn Ghanda wiederkäme und merkte, dass sie nicht mehr in der Taverne war, würde sie vor Wut platzen. Noch schlimmer; vermutlich käme sie direkt zu Tevias Hütte, um sich zu vergewissern, dass sie wenigstens heil angekommen war.
      Indes hatte sich Zoras bereits die Zügel um die Hand gewickelt und bedeutete Tevia, loszugehen. „Nun komm, ich kenne den Weg nicht gut genug.“
      „Ah…“ Tevia hob die Hand in einer stoppenden Geste und sah auf Zoras‘ Hände. „Ihr… solltet die Zügel nicht so wickeln. Wenn Kassadra durchgehen sollte, reißt sie Euch direkt mit sich.“ Das lernte man schon in jungen Jahren. Das gleiche galt auf für die Steigbügel, bei denen man sichergehen musste, sich bei einem Sturz nicht in ihnen zu verfangen. Auf der anderen Seite war Zoras kampferprobt, weshalb sie umgehend ein bestürztes Gesicht zeigte und sich korrigierte. „Verzeiht. Das war anmaßend.“
      Dann senkte sie wieder den Kopf und ging schnellen Schrittes voran. Nicht, weil sie vor Zoras auf der Flucht war, sondern weil ihr einfach der gesamte Umstand peinlich war. Schließlich war das nicht irgendein Mann an ihrer Seite mit irgendeinem Pferd. Dann war da noch ihr entstelltes Gesicht, was manch einen denken lassen konnte, sie sei das Mündel des Vermummten. Und dann war da noch Ghanda, der Tevia versprochen hatte, auf sie in der Taverne zu warten.
      Aber jetzt war sie schon losgegangen und ihre Füße ließen sich keinen Einhalt gebieten. Zoras mit seiner Größe hielt problemlos mit ihr Schritt und das gleichmäßige Klappern von Kassadras Hufen wirkte mit der Zeit beruhigend auf die Waschfrau.
      Bis sie gedankenverloren in die Gasse einbiegen wollte, in die sie immer auf ihrem Weg nach Hause lang ging. Tevia stoppte so abrupt, dass Zoras fast in sie gerannt wäre. Aber da hinten, am Ende der Gasse, standen zwei Männer. Einer links, einer rechts an die Wand der Gasse gelehnt. Das wenige Licht wurde von der Rüstung reflektiert, die die Männer trugen. Sie schauten zu ihnen herüber.
      Tevias Herz setzte aus. Sie konnte auf die Distanz nicht bestimmen, ob es die gleichen Männer waren, aber nach einem Augenblick stießen sie sich von der jeweiligen Wand ab und verschwanden um die Ecke am Ende der Gasse. Sofort wandte sich die Waschfrau ab und wählte einen Umweg. Ihre Schritte waren noch schneller als zuvor, fast schon überstürzt. Auf Nachfrage von Zoras sagte sie nichts. Sie konnte es nicht.
      Gemeinsam schafften sie es ohne Zwischenfall zu Tevias Hütte. Erst da schien sich die Frau wieder ein bisschen zu fangen und nicht mehr so schreckhaft alle paar Meter über ihre Schulter zu gucken. Aber nach dem Zwischenfall musste sie sich dem fragenden Tonfall des Eviads beugen. Er ließ schon wieder nicht locker.
      „…Es war kein Trunkenbold“, gab sie schließlich kleinlaut zu und knetete die Hände unter dem Umhang. „Es waren Soldaten, solche, wie die zwei in der Gasse vorhin. Sie haben mich abgefangen, weil ich täglich in den Tavernen und allein war. Ich hab den einen in die Hand gebissen und dann hat er mich geschlagen.“
      Sie wollte nicht noch genauer erzählen, was dort passiert war. Es war ja nicht so, als wäre sie die einzige, der solche Dinge widerfuhren. Es gab Dutzende Verbrechen in der Stadt und nur die wenigsten wurden gerügt. Eshalb warf sie dem Eviad auch nur einen flüchtigen Blick zu und verneigte sich kurz vor ihm.
      „Danke für die Begleitung. Denkt an Euer Zeitlimit, damit niemand Verdacht schöpft…“
    • „Ah…“
      Zoras blieb stehen ohne nachzudenken, als Tevia ihm das Handzeichen dafür gab.
      „Ihr… solltet die Zügel nicht so wickeln. Wenn Kassadra durchgehen sollte, reißt sie Euch direkt mit sich.“
      Er blinzelte. Was sie natürlich nicht sehen konnte.
      "Richtig. Zum Glück tut sie sowas nicht."
      Es gab einen Grund, weshalb Zoras so viel Zeit mit seinen Pferden verbrachte: Er lernte sie in all der Zeit richtig kennen. Sie waren nicht nur Reittiere für ihn, sie waren Freunde mit einem eigenen Charakter, den er erst entschlüsseln musste. Kassadra war da keine Ausnahme, er kannte sie in und auswendig, er kannte all ihre Macken und ihre Probleme, ihre Ängste und natürlich auch ihre Stärken. Richtig, mit einem anderen Pferd hätte Zoras das nicht tun sollen - aber es war nunmal kein anderes Pferd. Dafür wusste er aber auch, dass er Kassadra nicht - wie etwa Roran - zügellos hinter sich her laufen lassen konnte, weil die Stute gern eine andere Meinung darüber vertrat, welchen Weg sie einschlagen sollten.
      „Verzeiht. Das war anmaßend.“
      War es. Irgendwie hatte er aber das Gefühl, dass der Einwurf nur eine Ablenkung gewesen war - für sich selbst. Tevia war ganz offensichtlich im Konflikt mit sich selbst.
      Das zeigte sich auch, als sie mit schnellen Schritten voranging; viel schneller noch als das erste Mal. Da hatte sie Zoras noch mit großen Augen voller Wunder angesehen, als er sie nachhause gebracht hatte, jetzt mied sie seinen Blick vollständig. Sicher stand sie noch unter Schock von dem Überfall, den sie erlitten hatte. Vermutlich war es nicht Zoras' Anwesenheit, die sie meiden wollte, sondern die Dunkelheit, die sie schnell durchqueren wollte.
      Sie gingen schnell durch die Straßen ohne anzuhalten, bis Tevia es mit einem Mal so abrupt tat, dass Zoras beinahe in ihren Rücken gelaufen wäre. So viel Körpernähe war ihm dann doch zu viel und er ging schnell wieder auf Abstand. Dabei fragte er sich, warum die Frau so starrte.
      Die Gasse war leer bis auf zwei Soldaten, die an ihrem Ende positioniert waren. Er konnte ihre Farben nicht erkennen, da das Licht nicht zu hell war, aber es war offensichtlich, dass sie dort Wache standen. Wenn auch etwas nachlässig, wie man aus ihren Haltungen lesen mochte, aber immerhin. Zoras fand es besser, dass überhaupt jemand einen Blick auf diese Gasse hatte, die abgeschieden genug für Anonymität war, um sich über ihre lose Aufmerksamkeit zu echauffieren. Sie mussten ja nur Trunkenbolde - so wie denjenigen, der Tevia überfallen hatte - mit ihren Rüstungen und ihren Farben genug einschüchtern, um keinen Unsinn anzustellen. Wo auch immer Tevia überfallen worden war, dort sollte man vermutlich auch ein solches Paar hinsetzen.
      Sonst gab es aber in der Gasse nichts, was die Aufmerksamkeit der Frau so lang hätte auf sich ziehen können. Sie starrte für einige Sekunden und da zogen die beiden Männer ab. Sicher, um sich der weiteren Patrouille zu widmen.
      Auch Tevia wirbelte jetzt rasch herum und marschierte in die andere Richtung davon. Zoras blieb einen Moment zurück, bis er sich ihr anschloss und wieder zu ihr aufholte.
      "Müssen wir nicht da lang?"
      Er hatte ein schlechtes Gedächtnis was den Weg anbelangte, aber er hatte noch die Himmelsrichtung von Tevias Hütte im Kopf und die war auf direktem Weg durch die Gasse hindurch. Er hatte keine Ahnung, wieso sie in die andere Richtung gingen.
      Aber Tevia antwortete nicht, sondern ging nur noch schneller. Das beunruhigte ihn etwas, nachdem der Frau sonst immer so viel lag, sich mit dem Eviad in seiner Verkleidung zu beschäftigen. Ihm schien es nicht gerade typisch, dass sie ihn jetzt regelrecht ignorierte.
      Dann erreichten sie die Hütte und Tevia atmete sichtlich erleichtert auf. Dass sie so angespannt gewesen war, fiel Zoras erst jetzt auf, als er beobachtete, wie ihre Schultern etwas herab sackten. Ob das immernoch vom Überfall kam? Sowas musste für jemanden, der Gewalt nicht gewohnt war, sicher traumatisierend sein.
      Das erklärte aber nicht, weshalb sie ihn auf einen Umweg geleitet hatte. Denn dass es ein Umweg gewesen war, dessen war er sich ganz sicher.
      „…Es war kein Trunkenbold“, antwortete sie schließlich kleinlaut, als er sie noch einmal darauf ansprach. Zoras stutzte.
      „Es waren Soldaten."
      Das Wort, so harmlos es doch war, so vertraut für Zoras, stach ihn jetzt mitten in seine Eingeweide. Er spürte sein Blut kalt werden.
      Soldaten? Soldaten?
      "Solche, wie die zwei in der Gasse vorhin. Sie haben mich abgefangen, weil ich täglich in den Tavernen und allein war. Ich hab den einen in die Hand gebissen und dann hat er mich geschlagen.“
      Zoras' Blick verhärtete sich, bis er sich sicher war, dass sein Blick die Macht eines Phönixfeuers in sich hatte. Soldaten hatten Tevia abgefangen und sie geschlagen. Wie war es dazu gekommen? Was war dazwischen geschehen, nachdem sie sie abgefangen hatten und bevor sie ihnen in die Hand gebissen hatte? In die Hand noch dazu. Was war geschehen?
      Aber war das relevant? Zoras konnte sich nicht erinnern, dass er Gewalt angeordnet hätte, um die Unordnung in Grenzen zu halten. Er wagte es auch stark zu bezweifeln, dass Tevia, eine Waschfrau, gegenüber zwei gerüsteten Soldaten eine zu bezwingende Gefahr darstellte. Er konnte sich auch nicht vorstellen, dass sie etwas derart drastisches getan hätte, um geschlagen zu werden.
      Dass sie vermutlich nur wegen ihm täglich in den Tavernen war, um ihn wie schon beim zweiten Mal abzupassen, das war dabei nicht gerade von Belang. Zoras verspürte deswegen kein direktes Schuldgefühl, auch wenn er sich bewusst wurde, dass das ganze wohl hätte verhindert werden können, wäre er nur etwas strikter mit der Waschfrau gewesen. Gleich beim ersten Mal hätte er sie richtig in ihre Grenzen weisen müssen.
      Das war eben der Preis, den er hatte zahlen müssen, dafür, dass er ihr Leben verschont hatte. So war es immer mit dieser einen, speziellen Schwäche.
      Zoras nahm einen tiefen Atemzug. Er würde sich darum kümmern. Daran führte kein Weg vorbei.
      "Hast du ihre Farben gesehen? Das ist sehr wichtig, Tevia", sagte er bemüht ruhig. Je nachdem, welche Farbe es war, würde er eine andere Bedeutung darin sehen. Kalea hätte keine Kontrolle über ihre Männer, wenn sie in diesem Teil der Stadt auftauchten, Dionysus verfolgte sicher irgendeinen Plan, den Zoras früher oder später noch einholen würde, und Ristaer stieg vielleicht seine Verantwortung zu Kopf.
      Wenn es Esho war... nun, Zoras hoffte einfach nicht. Esho war seine letzte Hoffnung, dass nicht alles so schlimm und verloren war, wie es die letzten Tage den Anschein hatte.
      Leider hatte Tevia die Farben nicht gesehen. Aber das machte nichts, mit Esho würde er deswegen so oder so reden müssen.
      "Ist es in der Gasse passiert? In die du nicht reingehen wolltest?"
      Ja. Dann wusste Zoras ja, welchen Rückweg er nehmen würde. Ein derartiges Verbrechen würde er nicht dulden, nicht von seinen eigenen Leuten. Nicht in seiner Stadt. Was, wenn herauskäme, dass der Eviad sein Militär nicht unter Kontrolle hatte? Das würde nur die Gerüchte weiter anfeuern, dass Kassandra ihn verlassen hatte und nicht mehr wiederkommen würde. Es würde sich auf seinem Ruf niederlassen.
      „Danke für die Begleitung. Denkt an Euer Zeitlimit, damit niemand Verdacht schöpft…“
      Zoras versuchte, die Gedanken wieder zu verdrängen, als Tevia sie schon unterbrach. Hier stand er nun, mitten in der Nacht, und dachte doch wieder daran, was am nächsten Tag auf ihn warten würde. Das war genau, was er nicht hatte tun wollen.
      Er neigte den Kopf.
      "Nichts zu danken. Ich wünschte, es wären fröhlichere Umstände gewesen."
      Er wickelte sich Kassadras Zügel wieder von der Hand und drehte sich zu ihr um. Schon in der Bewegung musste er gleich zurück an die Soldaten denken und darüber, was er noch aufräumen müssen würde. Dass er noch härtere Kontrollen durchführen müssen würde, um es in den Griff zu bekommen. Dass er Esho darauf ansprechen würde. Und und und.
      Kassadra schnaubte, senkte den Kopf und knabberte mit den Lippen an seiner Hand, die noch die Zügel festhielten. Wenn Zoras jetzt zurückging, würde er die restliche Nacht nicht mehr schlafen können. Er würde von Glück reden können, wenn er einen Moment der Ruhe bekam.
      Mit einem Mal konnte Zoras das Gewicht der Schale in seiner Tasche fühlen.
      Er drehte sich zu Tevia zurück.
      "Es gibt da noch eine Sache. Ehrlicherweise hatte ich gehofft, dich heute zu treffen, wenn auch unter anderen Umständen. Ich war mit der Seife nicht sehr erfolgreich."
      Er streckte den Ärmel aus, um den Blutfleck zu zeigen. Er hatte es ja auch gar nicht lange probiert.
      "Bekommst du ihn raus? Ich würde den Mantel ungern wegwerfen. Wenn ich aber gehen soll, dann tue ich das."
    • Natürlich hatte Tevia auf die Farben in diesem Augenblick nicht so sehr geachtet. Alles, was sie wusste, war, dass die Farbe nicht sehr knallig gewesen war und nicht sonderlich gut aufgefallen war. Ansonsten trugen die Soldaten alle ähnliche Rüstungen und Ausstattungen. Es gab kaum eine Möglichkeit, wie sie die Männer auseinander hätte halten sollen. Genauso wenig gefiel es ihr, zugeben zu müssen, dass es genau in dieser Gasse gewesen war. Vielleicht waren die zwei Soldaten sogar die gleichen gewesen… Auch daran wollte die Waschfrau keinen weiteren Gedanken verschwenden.
      „Nichts zu danken. Ich wünschte, es wären fröhlichere Umstände gewesen.“
      Tevia nickte knapp. Für sie war jeder Abend, an dem sie Zoras erfolgreich aufgespürt hatte, ein guter Abend gewesen. Vielleicht hätte sie es irgendwann auch wieder in Erwägung gezogen, allein in den Tavernen nach ihm Ausschau zu halten. Doch die Angst saß noch tief – das hatte sie gerade bemerkt, als sie die Gasse hatte betreten wollen. „Ach, ich fühle mich geehrt, dass Ihr mich bis hierhergebracht habt. Das genügt mir schon.“
      Ihre Lippen wandelten sich in ein winziges Lächeln. Ja, das war in der Tat schön gewesen. Damit konnte sie sich abfinden und vielleicht sogar die nächtliche Nachstellung sein lassen. Sie hatte ja gesehen, wohin es sie brachte und außerdem hatte der Eviad ihr bereits gesteckt, dass sie es unterbinden sollte. Für sie alle. Also sah Tevia Zoras hinterher, als wäre das ihr letztes Treffen. Es war das letzte Mal, dass sie ihn mit Kassadra vor ihrer Hütte stehen sehen würde.
      Dann hielt der Vermummte plötzlich inne und drehte sich zu der Waschfrau um. Tevia hob ihren Blick und sah ihn fragend an. „Ja, bitte?“
      „Es gibt da noch eine Sache. Ehrlicherweise hatte ich gehofft, dich heute zu treffen, wenn auch unter anderen Umständen.“
      Da weiteten sich Tevias Augen nicht gerade wenig und ihr Herzchen machte einen kleinen Sprung.
      „Ich war mit der Seife nicht sehr erfolgreich.“ Er zeigte ihr demonstrativ den Ärmel.
      Tevias Herz beruhigte sich schlagartig wieder. Wie dumm…
      „Bekommst du ihn raus? Ich würde den Mantel ungern wegwerfen. Wenn ich aber gehen soll, dann tue ich das.“
      Da überschlug sich ihr Herz schon wieder. So ein häufiges Hin und Her tat doch niemanden wirklich gut. Aber wenn er sie gerade fragte, ob sie ihm dabei helfen konnte, den Fleck da loszuwerden, dann bedeutete dies, dass er den Mantel ausziehen musste. Was wiederum hieß, dass er es nicht hier draußen auf offener Straße tun konnte. Und das ließ nur den Schluss zu…
      „Dann… müsstet Ihr aber hereinkommen“, sagte Tevia und es klang fast wie eine Warnung. Eine fälschlich ausgesprochene, aber sie traute ihren Ohren einfach nicht. Doch Zoras willigte ein und die Nervosität kam mit einer Urgewalt zurück, die Tevia die Luft zum Atmen raubte. Der Eviad betrat gleich ihre Hütte. Zoras betrat gleich ihre Hütte. Ein MANN betrat gleich ihre Hütte.
      „Das sollte kein Problem sein“, verkündete sie und quietschte leise, als sie sich umdrehte und zu ihrer Hütte eilte, um sie aufzuschließen. „Bindet Kassadra einfach an dem Wasserfass da vorn fest.“
      Während Zoras tat wie geheißen, fischte Tevia etliche Kerzen in ihren Halter herbei. Im Dunkeln fand sie sich selbstverständlich gut zurecht, holte den Zündstein und entzündete die Dochte der Kerzen, mit denen sie nach und nach auch die restlichen Lichtquellen in der Hütte anzündete und sie in ein wohliges, warmes Licht tauchte.
      Zoras kam hinter ihr durch die Tür und schloss sie hinter sich. Tevia zündete gerade noch weitere Kerzen auf dem stabilen Holztisch in der Mitte des Raumes an. Gesäumt wurde er von 4 einfachen Stühlen, die schon bessere Tage gesehen hatten. Unter dem Tisch lag ein alt wirkender, aber gut gepflegter dunkelroter Webteppich. Dahinter befand sich an einer Wand eine komplette Kochzeile, mit halbgeöffneter Feuerstelle und Stellplätzen daneben. An der nächsten Seite waren weitere Unterschränke gestellt worden, auf dem ein Zuber mit Rubbelbrett stand. Darunter hatte Tevia höchstwahrscheinlich ihre Wäsche und Geschirr verstaut. Von der dritten Wang führte eine weitere Tür ab. Dort hinter versteckte sich ihre Schlafkammer.
      An den Wänden hatte sie verschiedene Dinge mit Nägeln aufgehangen; Ein altes Halfter, ein lupenreines Babygewand, ein vertrockneter Blumenkranz. Auf der Fensterbank unter einem Fenster stand eine Vase mit Blumen, die selbstgesammelt wirkten und knapp außerhalb der Hauptstadt stammen mussten.
      „Legt mir den Mantel einfach auf den Tisch. Ich mach‘ den Rest“, sagte Tevia und achtete betont darauf, nicht dem Mann dabei zu zusehen, wie er sich seines Mantels entledigte. Stattdessen holte sie den Zuber vom Schrank, stellte ihn auf den Tisch und suchte sich den Holzeimer, mit dem sie emsig nach draußen zum Wasserfass lief und Kassadra kurz am Hals streichelte, bevor sie mit dem Eimer wieder zurückkam. Mehr Wasser benötigte sie nicht. Wieder achtete sie dabei, Zoras nicht anzusehen, selbst wenn der Mantel schon auf dem Tisch lag. Einen Umweg über ihre Schränke später hatte sie auch ihr Stück Gallseife, die sichtbar oft in Benutzung sein musste.
      Ihre Beherrschung hielt noch so lange an, bis sie das Wasser aus dem Eimer in den Zuber gegossen hatte. Dann musste sie nach dem Mantel greifen, blieb dabei aber an der Gestalt dahinter mit dem Blick hängen und wanderte dann an ihr herauf. Ihre Augen verfolgten die Linie seines Halses, die markante Linie des Kinns. Hoch über die Wangenknochen, die ausgeprägte Nase hin zu den dunklen Augen, bei denen sie einmal schlucken musste
      Ja, das war in der Tat der Eviad, der gerade in ihrer Hütte stand. Ja, das war der Mann, auf den sie ihre Augen geworfen hatte.
      Prompt richtete Tevia ihren Blick auf den Mantel, dessen Ärmel sie in dem Wasser ertränkte. Ihr Gesicht war vermutlich rot, aber sie hoffte einfach, dass man es in dem Licht der Kerzen nicht recht sah.
      „Bitte“, sagte sie deshalb und deutete auf einen der Stühle, „setzt Euch doch. Der Stoff muss erst einmal ein wenig einweichen… Habt Ihr es mit warmen Wasser versucht? Bei Blut müsst ihr kaltes nehmen, sonst gerinnt es noch im Stoff.“
      Ja… reden über Wäsche war gut. Da konnte sich nicht darüber nachdenken, wer da gerade in ihrer Hütte stand und welche verdammte Ehre ihr da gerade Anheim fiel. Wer konnte denn sonst schon behaupten, den Herrscher des Landes in seiner kleinen, elendigen Hütte begrüßen zu können.
      Sie warf Zoras einen flüchtigen Blick zu. Aber darum ging es gar nicht. Er hätte jede beliebe Position haben können und sie hätte ihn trotzdem mit den gleichen großen, wundersamen Augen betrachtet. Es ging ihr nicht darum, dass er der Herrscher von Kuluar war. Es ging darum, dass er Zoras war.
      „Ihr kennt bestimmt keine Schrubberbretter. Das ist auch gar nicht schlimm, aber es erleichtert die Arbeit sehr. Ihr müsst die Kleidung dann so“, sie zeigte ihm am Ärmel, wie man den Stoff auf den Rillen des Brettes ausbreitete, „auflegen und dann die Rillen für Euch arbeiten lassen. Immer hin und her bewegen bis alles später eingeschäumt ist. Den Fleck nur sehr gezielt mit der Seife behandeln, manche Stoffe sind zu fein für die Bretter, aber das gilt nur für sehr hochwertige Kleider.“
      Bot man dem Herrscher etwas zu trinken an? Tevia besaß weder Wein noch Met noch Bier. Sie konnte höchstens einen Sud aufsetzen, aber angemessen an dem Fakt, dass Zoras wieder mit Zeitdruck unterwegs war, kostete dies vielleicht zu viel Zeit.
      Dennoch wollte sie ihn das zumindest wissen lassen. Eine schlechte Gastgeberin wollte sie auf keinen Fall sein. „Ich würde einen Sud aufsetzen, aber ich fürchte, ich strapaziere dann Euren Zeitplan gehörig. Haltet nur einen Augenblick aus, bis ich den Fleck aus dem Mantel habe.“
      Ohne aufzusehen lächelte Tevia ein bisschen, was durch die Schwellung in ihrem Gesicht allerdings ein wenig fehlgestaltet aussah. Irgendwie dankte sie dem Schicksal doch ein bisschen, dass man ihr das Leiden mit solch einem Geschenk wieder wettmachte.