Salvation's Sacrifice [Asuna & Codren]

    • Zoras antwortete mit missbilligenden Brummern. Ihm gefiel die Tragweite nicht, die Ausmaße, die diese ganze Angelegenheit annehmen könnte, das schiere Zusammentreffen von Kassandra und einem Mann, der nichts weiter sein mochte als ein Stadtherr. Es war nur ein Gespräch, nur Worte die ausgetauscht wurden, aber Kassandra schien sich dennoch dagegen zu sträuben und Santras würde wohl nicht eher Ruhe geben, als er mit ihr gesprochen hatte. Und obwohl sie jetzt Zoras darin einweihte, dass etwas zwischen ihr und Santras existierte, das wohl mächtig genug war um sein Leben auf den Kopf zu stellen - an diesem Punkt hätte Zoras ihm gut und gerne ins Gesicht gesagt, dass er bloß darauf aufpassen sollte, dass ihm dieses Gefühl nicht zu Kopf steigen würde - war er noch immer nicht schlauer als vorher. Wie sollte er einschätzen können, ob die beiden reden sollten oder nicht? Er vertraute Kassandra. Er vertraute darauf, dass sie die Lage einzuschätzen wusste. Er vertraute auch darauf, dass sie wusste, wie zu priorisieren wäre. Ihm fehlte sowohl die Erfahrung, als auch das nötige Wissen zu dieser Situation, um sich eine Meinung zu bilden.
      Alles, was er wusste, war, dass Köpfe rollen könnten, wenn Santras mehr von Kassandra haben wollte als ihre bloßen Worte.
      "Zwischen können und wollen liegt der Unterschied, nicht wahr? Ich will dabei sein, allein weil er keinen Grund hat, ungestört mit dir sein zu wollen."
      Zoras sprach das Wort aus, als würde es ihn ekeln. Was er damit nicht aussprach, war die Tatsache, dass er ganz sicher verhindern würde, dass irgendjemand ungestört noch mehr von Kassandra verlangte. Die Phönixin brauchte zwar sicher keinen Geleitschutz, aber das hielt Zoras nicht davon ab, der Welt klarzumachen, dass sie sein war.
      "Ich verspreche dir, dass ich mich nicht einmischen werde. Aber was auch immer er zu dir zu sagen hat, kann er auch in meiner Gegenwart tun. Wir sind ein Team, das sollte auch ihm klar sein."
      Er neigte sich für einen abschließenden, endgültigen Kuss zu ihr nach vorne und löste sich dann von seiner Umarmung, um ihr stattdessen die Hand zu reichen.
    • Weil er keinen Grund hat, ungestört mit dir sein zu wollen.
      Innerlich stellten sich Kassandras Nackenhaare auf. Santras hatte mehr als nur einen Grund, mit ihr ungestört sein zu wollen. Nur wusste er es selbst noch nicht und sie selbst war die Einzige in der Runde, die das genaue Bild umreißen konnte. Sie hatten Schlüssel zur Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Und wollte nichts lieber als ihn im Erdkern einzuschmelzen.
      Die Art, wie er ein ganz bestimmtes Wort betont hatte, ließ Kassandras Kopf zu Zoras wenden. Sie blickte zu ihm hinauf, mit großen, tiefen, roten Augen, in denen zu lesen war, dass sie sich ihrer Sache alles andere als sicher war. Sie erhielt einen bestätigenden Kuss, von dem sie sich sicher war, dass er von einer Spur Besitzergreifen begleitet worden war. Dann hielt er ihr seine Hand, die sie ohne Umschweife ergriff und sich auf die Beine schwang.
      „Gut. Dann holen wir uns Paspateras Unterstützung. Mit mir zu sprechen bedeutet nicht, auch alles zu erfahren.“
      Damit machte sich das Paar auf den klassischen Weg hinunter von den Mauern, die Treppen hinab und an den Wachen vorbei, wo nun auch ein dritter Mann Stellung bezogen hatte. Unter dem Helm, der scheinbar nicht recht aufgezogen worden war, blitzte es Kupfern und ihnen wurde ein etwas zu rauer Blick zugeworfen.
      Zavion nickte ihnen nur zu, so als wäre von vornherein klar gewesen, wie Kassandras Antwort lauten würde.

      Der Sitz des Stadtherren war klassisch inmitten Paspateras angesiedelt. Das Gebäude erdreistete sich nicht, einem Schloss nachzuahmen sondern war lediglich ein größer angelegtes Anwesen mit ausladendem Garten ringsherum. Eine niedrige Mauer säumte das Grundstück, das es scheinbar nicht nötig hatte, zusätzlichen Schutz um das Gebäude anzulegen. Ein geschotterter Weg führte durch ein kleines Tor zur Doppelflügeltür, sämtliche Fenster des Gebäudes waren erleuchtet. Vorhänge verhingen jedoch die Fenster, sodass man keine Einsicht bekam.
      „Er hält es nicht einmal für nötig, seinen Sitz zu sichern....“, bemerkte Kassandra beinahe unnötigerweise, nachdem Zavion ihnen das Tor aufhielt, sodass sie eintreten konnten und das üppige Grün bewundern durften. „Wieso soll es ausgerechnet hier eine so niedrige Kriminalität geben?“
      Unter dem Visier konnte man sehen, wie Zavion eine Augenbraue hob. „Ich hätte gedacht, dass Ihr mit Eurer schier unendlichen Lebenserwartung so etwas schon einmal erlebt habt und es nachvollziehen könnt. Wenn nicht, dann fragt Santras einfach selbst?“
      Eine Spur Häme lag in seinen Worten und die Phönixin fühlte sich seltsam angegriffen davon. Sie beschloss, den jungen Kommandanten einfach zu ignorieren und schritt an ihm vorbei, mit Zoras im Schlepptau. Vor der Tür stoppte sie. Ein bisschen Etikette konnte schließlich nicht schaden, und so bedeutete sie Zoras, als Erstes einzutreten, danach würde sie folgen.
      Zavion blieb sichtlich ungehalten vor dem Gebäude zurück. Aus seiner Aura las Kassandra Sorge, die in seiner Haltung nicht zu erkennen war. Woher diese Sorge jedoch rührte, wusste sie nicht.
      Stattdessen wäre sie beinahe erneut auf dem Absatz umgekehrt und dieses Mal vollständig aus der Stadt geflohen. Sie waren gerade einmal einen Schritt in die Empfangshalle eingetreten, da befanden sich ihre Füße unlängst auf einem dicken, schweren Läufer, der quer durch die Halle verlief. Er wirkte so unglaublich fremd in dieser Kultur, dass man Kassandras Innehalten leicht als Irritation missinterpretieren konnte. Doch Kassandra kannte die Muster, mit denen diese Teppiche verziert waren. Sie erkannte die Farben, die so untypisch für diese Gegend waren. Die Rahmen der Bilder, die mit abstrakten Malereien die Wände zierten, waren aus einer Baumart geschnitzt, die hier nicht heimisch war. Immer mehr festigte sich das Bild und Kassandra hatte das Gefühl, als würde sie in eine gänzliche andere Zeit versetzt werden.
      Erst Zoras' Berührung an ihrem Arm löste sie aus ihrer Starre und brachte sie dazu, weiterzugehen. Den Teppich unter ihren Füßen zu ignorieren, die Farben zu vergessen und die Muster zu übersehen. Sie bedeutete ihm, in die zweite Tür von rechts zu gehen, denn dort verspürte sie Santras' Aura. Zu ihrem Erstaunen war die Tür gar nicht verschlossen; es gab gar keine. Man hatte sie ausgehängt und nur den Rahmen dort gelassen, der teilweise mit dünnen Tüchern abgehängt worden war. Erneut wurde ihr schwer ums Herz als sie zwischen den Seidentüchern hindurch gingen und sich in einem etwas kleineren Zimmer wiederfanden, das ebenfalls diese andersartigen Züge aufwies, den kuluarischen Baustil aber nicht entsagen konnte. Der Kamin war in Betrieb und ein runder, massiver Tisch stand im Zentrum des Raumen. Ringsherum waren Stühle angeordnet mit Kissen, deren Ecken mit Quasten versehen worden waren. Räucherwerk lag in der Luft und wäre Kassandra menschlich gewesen, wäre sie nun in Schweiß ausgebrochen.
      Santras saß ihnen zugewandt am Tisch. Vor ihm stand ein Teeset mit den gleichen Mustern, wie sie in der Eingangshalle gesehen hatten. Das Porzellan wies eine ungewöhnliche Farbe auf, die auf Ton schloss, den es hier nicht zu finden gab. Sofort fingen hellgraue Augen die Gestalt der Phönixin ein und sehr sorgsam stellte Santras die Kanne wieder ab, mit der er sich gerade Tee hatte eingießen wollen. Schweigend betrachtete er Kassandra, sie bewegte sich kein Stück. Seine Augen folgten ihrer Gestalt, setzten sie in die Szene, die er eigenmächtig für sie geschaffen hatte. Bewunderung zeigte sich in seinen scharfen Augen bevor er gemächlich zu dein Stühlen ihm gegenüber deutete.
      „Ich fühle mich geehrt, Euch in meinem Sitz begrüßen zu dürfen.“ Seine Worte, seine ganze Aufmerksamkeit, waren ausschließlich der Phönixin vorbehalten, die nur nickte und dann Zoras am Arm berührte, damit er mit ihr mitkam. Irgendetwas machte diese kleine Berührung mit dem Stadtherren, denn er bewegte sich nur marginal, aber unbestimmter als üblich.
      Während Zoras Platz nahm, setzte sich Kassandra nicht. Sie blieb hinter ihrem Stuhl stehen und hatte ihren Blick auf das Teeservice gerichtet. „Das ist ein außerordentlich schönes Stück. Wenn ich mich recht entsinne, sind das keine Künste von kuluarischen Töpfern.“
      Santras nickte. „Das stimmt. Ich habe es bei einem der Händler entdeckt und fand es wunderschön.“ Er machte eine Pause, zog regelrecht jeden Eindruck von Kassandra auf, sodass das Wort nicht nur dem Teeservice hätte gelten können. „Ich habe nicht lang gezögert und es gekauft. So wie viele Dinge in diesem Haus. Ich finde diese Muster und die Materialien, die verwendet werden, unglaublich schön und-“
      „Seltsam vertraut?“ Kassandras Stimme war nicht so scharf, wie sie sie sonst gerne auslegte, sondern eher sanft. Auch sie hatte ihre Augen nicht von diesem Mann nehmen können und nur Zoras wusste, dass sie nun gerade keine entspannte Haltung an den Tag legte.
      „Seltsam vertraut“, bestätigte er ihr und löste endlich seinen Blick von ihr, um sich Tee einzugießen. „Auch für Euch?“
      Das Nicken der Phönixin war ebenfalls ungewöhnlich starrer Natur. Dann sah sie dabei zu, wie er erst ihr und anschließend seine Tasse befüllte. Er machte es langsam, bedacht, so als wäre das allein schon eine ganze Zeremonie. „Gut, ich hatte nicht spezifiziert, dass ich mit Euch allein sprechen möchte. Aber ich bin mir sicher, dass Ihr nicht wünscht, dass jedes Wort an seine Ohren dringt?“ Er warf einen beiläufigen Blick zu Zoras, dem er ungefragt doch auch eine Tasse fertig machte.
      „Er ist mein Partner, mein Begleiter und mein Schwurpartner. Ein jedes Wort, das meine Lippen verlässt, ist auch für seine Ohren bestimmt“, korrigierte sie Santras bestimmt, obzwar sie innerlich wusste, worauf er bereits anspielte.
    • Kassandra legte ihre Hand in Zoras’ und gemeinsam, wie eine unbestreitbare Einheit, gingen sie zurück über die Brüstung und die Treppe hinab. Wenn die Soldaten davon irritiert waren, dass eine Frau hinabstieg, die niemals nach oben gegangen war, ließen sie es sich nicht anmerken. Nur Zavion, der ja wohl doch seinen Weg hergefunden hatte, musterte sie beide mürrisch.
      Santras’ Anwesen war weniger ein Anwesen und vielmehr ein Teil von Paspatera, der vielleicht ein bisschen größer war. Zoras wäre wohl daran vorbeigelaufen, Ausschau haltend nach etwas, das mehr Reichtum und Wohlhaben versprach, aber der Stadtherr schien recht bescheiden zu sein. Zumindest was die Außenverkleidung betraf.
      Kassandra sprach schließlich aus, was Zoras nur unterbewusst wahrgenommen hatte: Der Grund, weshalb das Gebäude vermutlich so sehr zwischen den anderen versank, war nichts anderes als die Abwesenheit von Wachen. Es war ihnen schon aufgefallen, als sie Santras alleine im Gasthaus treffen sollten, doch sein Zuhause war nochmal etwas anderes. Gab es keine Kriminelle in Paspatera? Niemand, der es darauf absehen könnte, dem Stadtherrn Schaden zuzufügen?
      Oder hatte er eine andere Art, mit solchen Leuten zu verfahren?
      Zavion lieferte ihnen dazu auch keine Antwort, zumindest keine hilfreiche.
      Die Innenausstattung sprach dafür ganz andere Bände. Die Eingangshalle wurde dominiert von einem dicken Läufer, der komplexe, merkwürdige Muster aufwies. Sie schienen ganz genau durchdacht zu sein, aber welche Bedeutung auch immer dahinter liegen mochte, sie lag Zoras vollkommen fremd. Das einzige, das er sich fragte, war, woher Kuluar solche merkwürdigen Symbole hernahm.
      Kassandras Zögern fiel ihm dafür sehr wohl auf, die Verzögerung, mit der sie stehengeblieben, aber nicht mehr wieder losgegangen war. Ihr Blick war starr auf den Raum gerichtet, als er den Kopf zu ihr umwandte, und schien kaum etwas anderes als die Ausstattung wahrzunehmen. Sie schien wie festgewurzelt und wenn Zoras es nicht besser gewusst hätte, hätte er gesagt, dass sie schockiert war. Vielleicht sogar, dass sie unsicher war.
      Von Teppichen?
      Sicher musste er etwas wesentlich wichtigeres übersehen haben, aber sie lieferte ihm keine Erklärung, als er sie vorsichtig berührte, sondern marschierte weiter, jetzt etwas zielstrebiger. Nun gut, wenn es doch nichts wichtiges gab, musste er sich wohl keine Sorgen machen.
      Ähnlich wie schon die Eingangshalle bestand auch Santras’ Zimmer aus eigenartigen Möbelstücken, die zwar zum Vorraum, nicht aber zum Rest der Stadt zu gehören schienen. Die ruhige Atmosphäre war genauso eigenartig, so als hätten sie beim Hereinkommen irgendeine unsichtbare Grenze überquert und wären längst nicht mehr in Kuluar, sondern in irgendeinem abgeschotteten, eigenen Reich, das Santras sein eigenes nennen mochte. Santras war auch der einzige, der wirklich hereinzupassen schien.
      Zoras wurde vollkommen ignoriert, scherte sich aber nicht darum, während er mit seiner Göttin zu dem runden Tisch marschierte. Sein Versuch, Kassandra zuerst einen Platz anzubieten, scheiterte daran, dass sie sich gar nicht zu setzen gedachte. Auch das fand er irgendwie untypisch für die Phönixin, aber er schätzte, dass sich wohl mittlerweile genug verändert hatte, um solchen Kleinigkeiten nichts zuzuschreiben.
      Das Gespräch hatte keinen gewöhnlichen Anfang, eigentlich gar nichts, was in irgendeiner Weise normal gewesen wäre. Zoras merkte gleich, dass hier etwas zwischen den beiden vor sich ging, dass sich seinem Verständnis entzog. Er bemühte sich um eine neutrale Haltung, aber sein Blick lag ununterbrochen auf Santras.
      Tee wurde ausgeschenkt. Zoras’ Anwesenheit wurde mit skeptischen Worten akzeptiert. Mit jeder weiteren verstreichenden Sekunde stieg seine eigene Skepsis ungemein an.
      Kassandras Angelegenheiten betreffen uns beide gleichermaßen. Ihr könnt mir das gleiche Vertrauen zukommen lassen wie ihr.
    • „Ich habe damit nicht unweigerlich gemeint, dass ich Euch misstraue.“
      Santras' Stimme war wie Samt, als er Zoras' Annahme korrigiert ohne ihn auch nur eines Blickes zu würdigen. Er war damit beschäftigt, die Tassen fertig zu machen und dann eine nach links und die andere nach rechts zu sortieren. Von ihren Standpunkten aus konnten weder Kassandra noch Zoras in die Tassen sehen, um vorab bestimmen zu können, ob noch andere Zugaben den Weg in das Porzellan gefunden hatten.
      „Wäret Ihr an seiner Stelle, so würdet Ihr mit Sicherheit auch darauf pochen zu erfahren, was hier gesprochen wird, oder nicht?“, stellte Kassandra daraufhin die Gegenfrage und sehr zum Erstaunen der Anwesenden war sie es, die sich in Bewegung setzte, kaum machte Santras Anstalten, aufzustehen. Die Steifheit in ihren Bewegungen war verschwunden als sie der Tischkante im Bogen folgte, um anschließend die beiden Tassen zu nehmen und wieder zurück auf ihre Seite zu gehen. Noch nie seit ihrer Freisetzung hatte die Phönixin auch nur Anstalten gemacht, sich selbst die Getränke zu holen, sofern es Personal gab, das es für sie erledigen konnte.
      Umso unwirklicher war es, als die Tasse vor Zoras ankam und sie ihre eigene knapp daneben stellte. Ein stummes Statement, zu wem sie gehörte, ohne dass auch nur ein Mann hier im Raum wörtlich Anspruch auf sie erhoben hatte.
      Dass Santras sie bei keiner ihrer Bewegungen aus den Augen gelassen hatte, stand außer Frage. Zwischenzeitlich hatte er die Stirn kraus gezogen, so als versuche er sich an etwas zu erinnern. Exakt zweimal glitt sein Blick dabei zu dem zweiten Mann im Raume, dessen Skepsis auf seinem Gesicht niedergeschrieben war.
      „Gut, wie Ihr wünscht“, gab er schlussendlich nach und lehnte sich auf seinem Stuhl zurück. In diesen grauen Augen stand keine Berechnung und mittlerweile auch keine Neugierde mehr. Es war etwas viel urtümlicheres als das. „Vorhin im Gasthaus wart Ihr überrascht. Wieso?“
      Kassandra schnaubte kurz. Noch immer hatte sie sich nicht gesetzt, als einzige Person im Raum, und richtete erst jetzt wieder ihren Blick auf den Stadtherren. „Ihr seid wortgewandt. Müsst Ihr wirklich diese Frage stellen oder wollt Ihr die Antwort nur aus meinem Mund hören?“
      Seine Mundwinkel zuckten leicht nach oben. „Ist es so verwerflich, dass ich Euch gerne reden höre? Ich nehme an, dass ich Euch keine Angst eingejagt haben kann. Demnach seid Ihr wegen etwas Anderem geflohen. Wegen dem, was wir spüren?“
      „Was spürt Ihr denn?“ Nun gesellte sich doch etwas Schärfe in ihre Stimme.
      „Ich weiß, dass ich Euch noch nie zuvor im Leben begegnet bin.“ Er schien Zoras mittlerweile völlig vergessen zu haben und auch Kassandra strömte eine Aura aus, die ungewohnt intim wirkte. „Trotzdem seid Ihr mir so vertraut wie diese Teppiche. Wie das Geschirr, wie die Farben. Ihr seid nur kurz an meiner Seite gerade gewesen und ich werde den Geruch von Sandalholz nicht los. Das hier übrigens nicht wächst.“
      Da nahm Kassandra einen tiefen, langsamen Atemzug. Es folgte keine direkte Antwort, sondern sie ließ sich Zeit, um abzuwägen, was sie sagte. Dann verschränkte sie die Arme vor der Brust. „Das hier übersteigt den menschlichen Geist. Wenn ich Euch darüber aufkläre, was Ihr spürt und wieso, wird das Euer Leben maßgeblich beeinflussen. Ihr werdet nicht verstehen, aber Eure Seele tut es. Deswegen bin ich vorhin geflohen weil ich nicht erwartet habe, dass dies hier geschieht.“ Sie zeigte kurz zwischen Santras und sich selbst hin und her.
      Nun zeigte sich das erste Mal ungetrübte Verwirrung in seinem bartlosen Gesicht. Er schüttelte kaum merklich den Kopf, da auch er genauso wenig wie Zoras schlau aus Kassandras kryptischen Worten wurde. „Verzeiht, aber ich verstehe nicht. Alle Götter beeinflussen das Leben der Menschen maßgeblich, ob nun im direkten Kontakt oder nicht.“
      „Ich sprach nicht vom Leben, sondern von Eurer Seele“, erwiderte Kassandra leise, die noch immer nicht seinen Namen ausgesprochen hatte. Sie wollte nach ihrem Tee greifen, fand aber nicht die Kraft dafür. Ihr war klar, was sie tun müsste, aber ihre Gegenwehr war noch immer vorhanden. Das Rätsel ließ sich einfach aufklären und alles, was es dazu brauchte, war eine einzige Berührung oder auch nur ein Wort. Dessen war sie sich sicher. Noch nie hatte sie eine Verbindung gehabt, die so stark war wie diese hier. Eine Verbindung, die über ganze Jahrtausende intakt geblieben war, ohne dass sie es gewusst hatte.
      „Berührt mich.“
      Kassandras Worte klangen seltsam feierlich, völlig konträr zu ihrer Haltung, die nicht so passend zu ihrer Stimme war. Wie eine Statue stand sie da, gerade einmal zwei Armlängen von Zoras entfernt und doch nur Augen für den dunkelhäutigen Mann ihr gegenüber.
      Der, kaum hatte sie die Worte ausgesprochen, schon auf seinen Füßen stand. Als hätte er nur auf dieses Kommando gewartet, setzte er sich in Bewegung, wobei es eher danach aussah, als pirsche er sich vorsichtig heran. „Ihr erweckt in mir dieses unheimliche Gefühl der Wonne, wisst Ihr? Als käme man aus einem Krieg wieder zurück in die Arme seiner Liebsten.“ Langsam kam er zu ihr und blieb auf einer Armlänge Abstand stehen.
      Regelrecht widerwillig streckte Kassandra ihre Hand aus. Während der gesamten Zeit, nachdem Zoras sie befreit hatte, hatte sich Kassandra von niemanden sonst außer ihm anfassen lassen. Weder Faia noch Tysion durften sie berühren und auch die Soldaten, deren Wege sie gekreuzt hatten, wagten es nicht, ihr zu nahe zu kommen. Doch dieser Mann hier griff nahezu versonnen nach Kassandras Hand, als sei es sein von Gott gegebenes Recht.
      Kaum hatten sein warmen Finger sich um Kassandras kleinere Hand geschlossen, erstarrten beide Parteien. Santras' Augen driftete ins Nichts und verloren den Fokus, wohingegen Kassandra ihre lediglich schloss. Ungesehen von Zoras rollte eine einzgie Träne über ihre Wange, das einzige Anzeichen, das sie nicht verhindern konnte. Einige Herzschläge lang standen sie einfach so da, dann war es Kassandra, die ihre Hand aus seinem Griff sanft wandte und ihn eingehend musterte.
      Der Fokus kehrte in die hellgrauen Augen zurück. Als er nun Kassandra anblickte, weiteten sich seine Augen als ihn eine Erkenntnis überkam. Er begann immer schneller zu atmen, Schweiß brach auf seiner Stirn aus, und er brauchte mehrere Anläufe bis er Worte zustande bekam. „M... Mein Name...“
      „War Shukran“, vervollständigte Kassandra Santras' Satz und eine ungeahnte Traurigkeit, Sehnsucht und Qual schwangen in ihrer wunderschönen Stimme mit.
    • Trotz Santras' beschwichtenden Worten fühlte Zoras noch immer eine gewisse Skepsis, die sich mit dem Haus, dem Gastgeber und dem ganzen Umstand ihres Besuchs eingestellt hatte. Auch wenn er nicht gemeint haben sollte, Zoras explizit ausschließen zu wollen, schien doch genau das sein Wunsch gewesen zu sein. Und wofür? Dass er mit Kassandra ungestört sein könnte?
      Allerdings war es Kassandra, die Zoras' Gedanken laut aussprach und sich damit auch unweigerlich dazu bekannte, ihn hier anwesend haben zu wollen. Das war eine Erleichterung, wenngleich es auch nicht die Situation besserte. Es verdeutlichte lediglich, dass Santras sie hier zu Kassandras Konditionen empfangen durfte und nicht andersrum.
      Wäre da nicht der Aspekt gewesen, dass die Phönixin sich mit einem Mal in Bewegung setzte, um die Tassen abzuholen. Wie irgendein Hausmädchen. Als wäre sie es, die die beiden Männer unterhielt.
      Verblüfft starrte Zoras sie an, als wieder zurück an seine Seite kam, aber Kassandras Augen verließen den direkten Bereich vor ihr nur, um sich Santras zuzuwenden, und seine fragenden Blicke gingen damit ins Leere. Er musste sich damit begnügen, dass die Göttin ihm seine Tasse gebracht hatte und das war nun wirklich nichts, worauf er in jeglicher Hinsicht vorbereitet gewesen wäre. Wäre Santras nicht gewesen und hätten sie sich nicht eindeutig für etwas wesentlich wichtigeres eingefunden, hätte er sich vielleicht bedankt. Viel eher hätte er aber auch nachgehakt, ob alles in Ordnung mit ihr sei.
      Die Tasse blieb unbenutzt, eine ledigliche Darstellung von Höflichkeit, während Zoras dem Gespräch mit ungeteilter Aufmerksamkeit folgte. Ganz anscheinend mussten sie von der Verbindung reden, von der Kassandra bereits gesprochen hatte, auch wenn er sich herzlich wenig darunter vorstellen konnte, wie die Phönixin vertraut sein konnte, ohne, dass sie sich jemals begegnet wären. Er hätte es auf eine schlichte Verwechslung schieben können, wäre da nicht auch die Tatsache gewesen, dass die Göttin davon wissen musste, ohne, dass Santras es vorher ausgesprochen hätte. Also gab es etwas zwischen beiden. Aber was? Zoras hatte gedacht, auch Kassandra wäre dem Stadtherren zum ersten Mal begegnet.
      Er betrachtete beide gleichermaßen. Er sah dabei zu, wie Santras Züge sich mehr und mehr ins Verwirrte verloren und wie Kassandra dafür mehr und mehr an Härte zuzunehmen schienen. Ein Fremder mochte es bei der Phönixin kaum bemerken, die ihre Miene stets in einer stolzen Gleichgültigkeit behielt, aber Zoras hatte sie sich lange genug eingeprägt, um die feinen Züge unterscheiden zu können, die sich jetzt in ihrem Gesicht wanden. Kassandra gefiel es nicht, hier zu sein. Sie wehrte sich gegen was auch immer hier vonstatten ging.
      Dann sprach sie von seiner Seele und forderte, dass der Mann sie berühren würde, der es nicht zweimal hinterfragte. Er war schon aufgesprungen, kaum hatte sie das Wort ausgesprochen und Zoras zog die Stirn in Falten. Der Mann wäre sicherlich nicht dumm genug, um sich gegenüber einer Phönixin aufzubegehren, aber wenn er etwas tun würde... wenn er Kassandras Gegenwehr in regelrechte Abneigung umschlagen lassen würde, würde Zoras sein Gelübte zum schweigsamen beobachten über den Haufen werfen und die Grenzen deutlicher klarmachen. Egal, was auch immer hier stattfinden würde, Kassandra wäre mit dem einer Göttin gebürtigen Respekt zu behandeln.
      Santras kam zu ihr und wo ansonsten tunlichst vermieden wurde, der Phönixin zu nahe zu kommen, geschweige denn sie wahrhaftig zu berühren, streckte er seine Hand nun aus, als wäre sie die eine Sache, nach der er sich sein ganzes Leben schon gesehnt hatte. Er schien förmlich angezogen von ihr und das ganze gefiel Zoras so wenig, dass er seine Hand auf Amartius legte. Eine kleine Bewegung, kaum der Rede wert, nicht dazu gedacht, seine Waffe gleich ziehen zu können. Er wollte etwas zum Zupacken haben, sollte er beobachten müssen, wie Santras sich bei Kassandra noch verlor.
      Beide berührten sich und fielen dann in eine Art Starre, ein Moment, der in seiner Unwirklichkeit gut zu dem ganzen Rest passte. Kassandra hatte die Augen geschlossen, Santras Blick hing irgendwo in einem Nichts, in dem er gar nichts wahrzunehmen schien. Beide rührten sich für mehrere Sekunden nicht.
      Dann löste Kassandra sich von ihm und Santras sah aus, als würde er in einem Herzschlag mehrere Gefühle gleichzeitig durchmachen. Seine Augen wurden groß, seine Pupillen noch viel größer und er starrte die Phönixin an, als hätte er gerade eine Erleuchtung erlebt. Nur was für eine Erleuchtung? Und was hatte sie ihm gezeigt, das ihn so plötzlich sprachlos machte?
      Zoras wartete mit unbefriedigter Ungeduld, bis endlich ein Wort fiel, das er nicht nur gut zuordnen konnte, sondern das ihn mindestens genauso schnell in ähnliche Symptome ausbrechen ließ. Seine Augen wurden weit und er spürte, wie eine starre, eisige Welle aus Panik, Unglauben und Verblüffung durch seine Adern floss. Er stand auf, schnell genug, um dem plötzlichen Adrenalinstoß zu folgen, noch langsam genug, um hier kein Aufsehen zu erregen. Jetzt fixierte er selbst Santras auf der Suche nach etwas, dass dieses plötzliche Resultat erklärt hätte.
      Shukran? Der Shukran? Für den Kassandra vor mehreren tausend Jahren den Himmel verlassen hatte?
      Was ging hier vor?
      "Shukran? Etwa aus Nuliubda?"
      Er wusste nicht, an wen er die Frage gestellt hatte und er wusste auch nicht, von wem er die Antwort erhalten wollte. Sollte Santras ihm das bestätigen, hätte es etwas unausweichliches endgültiges. Sollte Kassandra es ihm bestätigen...
      Allerdings wusste er noch immer nicht, was das zu bedeuten hatte. War das Shukran? Konnte das überhaupt möglich sein?
      Sein Blick legte sich auf Kassandra. Sein Drang, den Arm um sie zu legen, wurde davon unterdrückt, dass er sich noch nicht sicher war, wie sie überhaupt dazu stand.
      "Ist das Shukran?"
    • Es war genau dieser Moment, vor dem sich Kassandra nun gefürchtet hatte. Unbeweglich wie ein Berg im Lande stand sie zwischen Zoras und Santras, nun hielt es keinen der Männer mehr auf ihren Plätzen. Santras hatte seine Atmung noch immer nicht unter Kontrolle, doch wahrlich beachtlich war seine Aura. Was vor Zoras' Augen verborgen blieb, war für die Phönixin ein offenes Buch. Sie sah, wie diese fahlblaue Aura aufwallte, sich in völlig chaotisch wirkenden Rhythmen bewegte und versuchte, das aktuelle Leben und das Seelengedächtnis in Einklang zu bringen. Aber ohne eine helfende Hand würde das nicht gelingen. Der kurze Augenblick, in dem ihrer beider Auren in Kontakt gestanden hatten, hatte ausgereicht, um das Seelengedächtnis zu aktivieren, das in Santras geschlummert hatte.
      „Was ist Nuliubda?“, presste Santras hervor, der die Augen plötzlich leicht zusammen kniff, als habe er Kopfschmerzen.
      „Nuliubda ist das Vorgängerland von Isythuma. Die dortige Kultur ist vor gut einer halben Million Jahren untergegangen. Alles, was du hier gesammelt hast, sind Erinnerungsstücke aus Isythuma, die an Nuliubda erinnern“, erklärte Kassandra nicht nur für Santras sondern auch für Zoras. Und damit hatte er das erste Mal eine Ziffer, wie lange Kassandra schon auf Erden wandelte. „Damals lebtest du als einer von ihnen unter diesem Namen.“
      Noch immer stritten sich Erkenntnis und Verwirrung um die Vorherrschaft in dem Stadtherren. Er hatte damit die Erklärung, warum ihm all diese Dinge so zu sagten. Aber woher diese Grundmotivation stammte, war noch immer ein Rätsel. Es war nicht genug, das erkannte auch Kassandra, die einen flüchtigen Blick in Zoras' Richtung warf.
      „Lass mich dich noch einmal berühren“, sagte Santras, der plötzlich ebenfalls die Formalitäten fallen ließ. Er streckte bereits die Hand nach der Phönixin aus, in ihren Augenwinkeln bewegte sich Zoras' Gestalt ganz kurz während Kassandra keine Anstalten machte, zu weichen. Stattdessen band sie Santras mit ihren roten Augen, der inmitten seiner Bewegung innehielt.
      „Ich habe dir Verständnis für deinen Drang gewährt. Dir mehr Kontakt zugestanden, als es gut ist. Wenn du weiter darauf bestehst, dein Seelengedächtnis zu ergründen, dann kann ich nicht für die Konsequenzen bürgen.“ Ihre Worte waren jene der Absolution, doch nur Santras konnte sehen, dass in ihren Augen alles andere als Ablehnung lag. Sie hatte Äonen nach ihm gesucht und nun hatte sie ihn endlich, endlich vor sich stehen. Es gab kaum ein anderes Wesen, das sich so gut verstand mit der Reinkarnation von Seelen wie ein Phönix. Sie waren der Zyklus der Wiedergeburt, und normalerweise erinnerten sich Seelen nicht daran, was in ihrem vorherigen Leben geschehen war. „Wenn es du es weiter ergründest läufst du Gefahr, dein jetziges Leben zu vergessen. Du wirst die Grenze zwischen Santras und Shukran verlieren, wenn du-“
      „Es ist mein Leben, und über das verfüge nur ich“, unterbrach er sie entschlossen und legte seine Hand an ihre Wange. Gegen diese Worte konnte Kassandra nichts einwenden.
      Genauso wenig konnte sie etwas dagegen unternehmen, als sich ihre Auren wieder berührten und sie unweigerlich erschauderte. Doch sie war nicht diejenige, die mit fremdartigen Erinnerungen konfrontiert wurde. Das war Santras, der die Augen schloss und leicht zitterte, während er vergrabene Erinnerungen ans Licht beförderte.
      „Wenn Lebewesen entsprechend ihrer Zeit sterben gehen sie in den Zyklus der Wiedergeburt ein. Ihre Seelen werden in neuen Körpern wiedergeboren und eigentlich sollten sie ihre Verbindung zu ihrem vorherigen Leben verlieren. Ich hatte angenommen, da Shukran entgegen seiner Zeit starb, dass er nicht in den Zyklus eingegangen ist, und erst recht nicht, dass sein Seelengedächtnis so ausgeprägt ist.“ Sie schwieg, als sie die unmissverständliche Regung und Wärme in seiner Aura spürte, die von Liebe herrührte. „Ich sagte ja schon einmal, dass die mächtigste Waffe der Menschheit die Fähigkeit zu Lieben ist. Er erinnert sich durch den Kontakt zu meiner Aura. Also ja, erist der Shukran von damals. Jedenfalls seine Seele. Die Person in diesem Leben ist allerdings eine andere.“
    • Der einen erschütternden Offenbarung folgte gleich die nächste, der Zoras noch weniger gewachsen war, denn bisher hatte er sich schlicht mit falschen Dimensionen beschäftigt. Nach seinem Verständnis war Kassandra mehrere tausend Jahre auf der Erde, ja, lange genug, dass ein ganzes Volk ausgelöscht und in Vergessenheit geraten konnte, sogar lange genug für ein paar dutzend tausend Jahre. Aber hier ging es nicht um ein paar tausend Jahre und auch nicht um ein paar dutzend, hier ging es um 500.000 Jahre. Kassandra war mehr als 500.000 Jahre auf der Erde.
      Entgeistert starrte er jetzt Kassandra an, Santras - oder Shukran, was auch immer vor sich ging - jetzt in den Hintergrund gerückt. Er hatte es nicht gewusst. Er hatte Kassandra niemals danach gefragt, wie lange sie tatsächlich auf der Erde verbracht hatte, denn er hielt das für eine nicht gerade taktvolle Frage. Sie hatte ihm mehr als deutlich gemacht, dass sie länger hier war, als jemals für sie gut gewesen war, und das war ihm Antwort genug gewesen. Aber zwischen "länger" und einer halben Million Jahren war für Zoras ein ganz gewaltiger Unterschied.
      Es würde nichts ändern, das wusste er. Die Erkenntnis hatte nur ganz brachial seine Perspektive auf den Kopf gestellt.
      Santras fragte - nein, verlangte, dass er sie noch einmal berührte, jetzt nicht einmal darauf achtend, die Phönixin noch richtig zu titulieren, ganz eindeutig selbst von dem eben erlebten aus der Bahn geworfen. Zoras sah wieder zu ihm zurück, widerwillig, denn eigentlich versuchte er gedanklich noch damit klarzukommen, dass Kassandra mit Völkern gelebt hatte, an die sich heutzutage schon keiner mehr erinnern konnte und dass sie Landschaften gesehen haben musste, die überhaupt nicht mehr existierten. Wie vielen Trägern hatte sie tatsächlich gedient? Wie viele Generationen an Familien hatte sie beobachten können? Wie viele Kriege hatte sie geführt, erlebt, mitverfolgt? Bei einer halben Million Jahren?
      Zoras bewegte sich eher instinktiv, als dass er lange darüber nachgedacht hätte, ob er sich wirklich einmischen dürfte. Dem Bedürfnis seines Körpers nach zu schließen, hätte er sich einfach zwischen Kassandra und Santras geschoben, ein großer, breitschultriger Mann, der ganz unmissverständlich Stellung bezog. Vielleicht wäre das klug gewesen, um ihren Bund noch einmal zu verdeutlichen. Vielleicht wäre es dumm gewesen, weil es Santras Misstrauen angeschürt hätte.
      Letzten Endes wurde er, wie auch der andere, von Kassandras Blick alleine davon abgehalten. Sie setzte ihrem Gegenüber eine unmissverständliche Grenze, die der andere dann trotzdem brach. Da trat Zoras doch heran und war durchaus gewillt, Santras dafür selbst etwas zu brechen.
      Allerdings zögerte er bei der Ruhe, die Kassandras Stimme noch immer ausstrahlte. Wenn sie gewollt hätte, hätte sie vor der Hand gut zurückweichen können, aber sie tat es nicht. Sie ließ es geschehen und Zoras stand dicht genug, um sie auch eigenhändig wegreißen zu können.
      Aber er wusste nichts damit anzufangen, dass Santras nun Santras sein sollte aber seine Seele Shukrans. War es nicht dasselbe? War Santras' Seele nicht auch Santras und Shukrans Seele war... hätte sie nicht vergessen müssen? Wenn seine Seele in den Zyklus der Wiedergeburt zurückgegangen war, hätte sie dann all der Zeit nicht vergessen müssen?
      Oder hatte er Kassandra nicht vergessen, so wie auch Zoras sie nicht vergessen konnte? Hatte die Phönixin sich auf seiner Seele verewigt, so wie sie unweigerlich sich auch auf Zoras verewigt hatte?
      Dem Schock und Argwohn folgte eine kühle Nüchternheit, die sich jetzt in Zoras breit machte. Das hier war Shukran, in seelischer Form, derjenige, für den die Phönixin eigens aus dem Himmel gestiegen war. Natürlich würde er sie nicht vergessen. Natürlich würde er sie ansehen, als wäre sie die Luft zum Atmen und als wäre sie alles, wonach er sich jemals gesehnt hatte.
      Zoras sah sie schließlich genauso an. Nur auf seine Art.
      Jetzt begriff er auch, dass er durchaus auf dieses Gespräch hätte verzichten können. Er hätte draußen warten und von Kassandra erfahren können, was auch immer sie ihm darüber hätte mitteilen wollen, und im besten Fall hätte er niemals gewusst, dass Shukran in Santras lebte. Vielleicht hätte er sich weiter gewundert, dass Kassandra ihm noch immer nicht unter die Augen treten wollen würde. Aber es wäre erträglicher gewesen als zu wissen, dass dieser Mann Erinnerungen an eine Göttin hatte, die so vor tausenden - über einer halben Million - Jahren existiert hatte und ihrem wahren Ich um so viele Welten näher gewesen war als jetzt. Dass er Aspekte von Kassandra kannte, für die Zoras' Vorstellungskraft nicht ausreichten.
      Sie hatte sich versklaven lassen, nur für ihn.
      "... Ich kann draußen warten", murmelte er schließlich.

      Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von Codren ()

    • Kassandras Lippen zuckten, nachdem sie aufgehört hatte zu sprechen und sich dafür mit dem konfrontiert sah, was direkt vor ihr stand. Santras war so tief in sein Seelengedächtnis eingetaucht, dass er fast nichts mehr von der Außenwelt mitbekam. Die Kernfarben seiner Aura wallten auf und begegneten dem Regenbogenschein der Phönixin mit einer ganz eigenen Art und Weise. So als würden sie sich liebkosen.
      „... Ich kann draußen warten.“
      Das Murmeln war es schließlich, das Kassandra aus ihrer eigenen kleinen Erinnerungsschlaufe riss. Bestimmt packte sie Santras' Hand – ja, sie ergriff eigenmächtig einen anderen Menschen – und löste sie von ihrer Wange. Der Mann wankte leicht, seine Lider flatterten, und Kassandra musste ihn vorsichtig zum nächsten Stuhl geleiten, damit er nicht einfach auf der Stelle zusammenbrach. Erst danach drahte sie sich zu Zoras um, das Murmeln immer noch in den Ohren.
      „Ich habe dir gesagt, dass es nicht schön wird“, erwiderte sie beinahe genauso leise und Reue färbte ihre roten Augen eine Nuance dunkler. Ihre Iren zuckten über seine Gestalt und lasen die subtilen Hinweise, die seine Aura ihr gaben, ohne dass er es überhaupt wollte. Sie hatte mit einer enormen Spur von Eifersucht gerechnet, doch davon waren nur noch Fragmente vorhanden. Erdrückend schwer war eher das Gefühl der Resignation, das er ausstrahlte. Hatte er sich zu irgendeinem Zeitpunkt mit einer wiedergeborenen Seele verglichen? „Aber du wolltest mich begleiten.“
      Hinter ihr stöhnte Santras leise auf, als endlich wieder etwas mehr Leben in seine Glieder kam. Kassandras Körper reagierte eigenmächtig darauf und wandte sich dem dunkelhäutigen Mann leicht zu, während ihr Geist noch bei Zoras hing. Die Phönixin stand gerade buchstäblich zwischen den Stühlen. Sie spürte den Zog, der von Santras ausging. Alt, unheimlich vertraut, vermisst. Doch vor ihr stand Zoras, der Mann, der vier Jahre nach ihr gesucht hatte und alles, inklusive sich selbst, über den Haufen geworfen hatte. Derjenige, der ihr die Freiheit garantieren wollte und es am Ende auch getan hatte. Derjenige, mit dem sie ein Kind bekommen hatte.Amartius. Derjenige, mit dem sie einen Schwur geleistet hatte.
      „Ich will nicht, dass du gehst und mich hier allein lässt. Ich bin nur wegen dir hier. Vergiss nicht, dass ich deinem Wunsch nachkomme.“ Unfaire Worte. Doch im Inneren fürchtete sich Kassandra davor allein, wahrlich allein mit diesem Schatten der Vergangenheit zu sein. Zoras war wie ein Leuchtfeuer, das ihre Dunkelheit erhellt hatte und auf das sie stetig weiter zu ging. Hinter ihr lauerte nur das Alte, das Dunkle, das, was einst gewesen war. Es graute sie davor, die dunklen Armen zu zulassen, die sich immer wieder um ihren Leib schließen und zu sich ziehen wollten. Denn wenn sie sich umdrehte, dann würde sie in das Gesicht der Person blicken, deren Verlust sie Jahrtausende der Verarbeitung gekostet hatte. Angst war etwas, das Götter nicht kannten. Es widersprach ihrer Natur und machte ihr Handeln völlig irrational. Es gab rein gar nicht, womit Kassandra Zoras hätte halten können. Bei den Pforten, sie wollte ihm ja eigentlich nicht einmal das zeigen, was sich zwischen Santras und ihr entfalten konnte. Es würde ihr ein Stück Herz entreißen und es zeitgleich wieder zurückgeben. Einer gab, einer nahm.
      Kassandras ganzer Körper spannte sich an, bereit, ihm weitere Worte um die Ohren zu jagen, sollte er sich doch anschicken, zu gehen. Er durfte sie hier nicht allein lassen, das wäre alles andere als gut für ihre mentale Gesundheit. Sie konnte sich bei Santras nicht fallen, und Zoras half ihr dabei, dagegen anzukämpfen. „Ich weiß nicht, wie ich dir das beschreiben soll, wie er auf mich wirkt, Zoras... Es ist wie etwas, das zu einem gehört, das man verloren hat und...“
      Ein unstetes Summen machte sich bemerkbar und ließ Kassandras Worte verstummen. Mit bloßen Auge sah man, wie sich eine Gänsehaut über ihre Haut ausbreitete und sie schließlich doch den Blick mit Zoras brach. Als sie ihre Augen auf Santras richtete, saß er nicht mehr vornüber gebeugt am Tisch, sondern hatte sich aufgerichtet. Er sah bei Weitem noch nicht wieder so entspannt aus wie zuvor, noch immer glitzerte sein Haupt und die Anstrengung zeichnete sich in harten Linien auf seinem Gesicht ab. Doch seine satte, tiefe Stimme hatte eine Melodie angestimmt, die wohl niemand mehr kennen konnte außer Kassandra und Shukran. Ihre Augen weiteten sich, als das stockende Summen immer flüssiger wurde, so als erinnere er sich immer weiter an den Verlauf der Melodie. Sie hörte vollkommen auf zu atmen, musste es als Gott schließlich auch gar nicht, und starrte den Mann an, dessen grauen Augen sich langsam zu ihren roten Gegenstücken empor kämpfte.
      Seit dem Tag, an dem Kassandra Shukrans Leiche in den Armen hielt, hatte sie dieses Lied nie mehr angestimmt. Santras brauchte nicht die Worte, die Melodie allein reichte aus, um die Phönixin zu sich zu rufen. So stark war der Sog, die Sehnsucht, das Verlangen nach dem, was einst eine unbeschwerte Zeit bedeutet hatte. Als die Welt noch keine Champions kannte und sie die Abgründe der Menschen noch nicht kennenlernen durfte. Wo es einst nur zwei Geliebte waren, die das Schicksal und die Machtgier auseinander riss.
      Der Raum bestand nur noch aus Kassandra und Shukran. Vor sich war ein anderer Mann, aber seine Seele war unbestreitbar jene von Shukran und der Disput hätte nicht größer sein können. Dieser Mann kannte die Phönixin nicht, seine wiedergeborene Seele hingegen schon. Das bezeugte das Lied, das Wiegenlied Shukrans Mutter, dass er gerade summte und Kassandra vor ihm auf die Knie sinken ließ. Unendlich langsam streckte sie ihre Hände nach Santras' Gesicht aus während sie in die Melodie mit einstimmte. Ihre Hände fanden die warme Haut und baten sein Gesicht näher zu ihrem. Er folgte ihrer wortlosen Aufforderung. Ihre Gesichter näherten sich an, sie auf dem Boden zu ihm gestreckt während er von seinem Stuhl aus sich zu ihr beugte, die Gesichter auf eindeutigem Kurs.
      Doch es kam nicht zu einem Kuss. Stattdessen legten sie die Stirn aneinander, eine alte Geste aus Nuliubda, die man engen Freunden und Familie entgegenbrachte. Es bedeutete Willkommen, ein Gruß des Zurückkommens, eine Zuneigungsbekennung. Sie beide hatten ihre Augen erneut geschlossen und sie verloren sich in alten Zeiten und gaben den Kampf einfach auf. Santras kämpfte nicht mehr um den Erhalt der Erinnerungen und Erklärungen und Kassandra stellte ihre Gegenwehr ein. Sie ließ zu, dass ihre gefasste Maske bröckelte und das zeigte, was ihre Seele bereits herausschrie. Dass sie ausgerechnet diese eine Seele wiedergefunden hatte, die sie auf ewig verloren geglaubt hatte. Sie ließ zu, dass sie den aus Respekt gegenüber Santras auferlegten Vorbehalt fallen ließ und sich wahrlich vor Augen führte, dass es der echte wiedergeborene Shukran war, der vor ihr saß.
      Mit zittrigen Fingern strich sie mit einer ungeahnten Zärtlichkeit über seine Wangen, keiner von ihnen hatte ihre Haltung aufgelöst. „Jahrhunderte hab ich nach dir gesucht und mich gegen die Ketten gesträubt. Ich habe sie gebrochen, wurde verdorben und habe gemordet, alles im Namen der Zâritza. Sie ließen mich nicht gehen, ich konnte dich nicht suchen. Ich wünschte, du wärst da draußen, aber....“ Ihre Stimme versagte als sie in einem gepressten Schluchzen endete.
      „Du konntest nichts tun, Munasqa.“ Bei dem Wort erschauderte Kassandra abermals. Santras fuhr fort: „Warum bist du geflüchtet und bist mir ausgewichen?“
      „Du ist jetzt Santras und nicht mehr Shukran. Du erinnerst dich an mich, weil ich ein Teil deiner Seele geworden bin. Aber ich wollte dein Leben nicht durcheinander bringen. Du solltest ohne mein Erscheinen einfach weiterleben. Ohne zu wissen, was dir fehlt.“
      „Wer könnte so etwas wünschen?“ Er löste ihre Stirnen von einander und betrachtete die Phönixin nun mit einem warmen Ausdruck. Er ahmte ihre Geste nach, legte eine Hand unter ihr Kinn und hob es weiter an. „Es gibt niemanden, der sich wünschen würde, deinen Anblick zu vergessen. Nicht ich, noch er.“ Er brach den Blick zu Kassandra und schaute hinüber zu Zoras, dem stummen Zeugen dieser Wiedervereinigung.
    • Zoras wusste nicht, welche Antwort er erwartet hätte. Kaum als er sein Angebot ausgesprochen hatte und Kassandra eigenmächtig Santras von sich weg schob - mit einer gewissen Bitterkeit musste er sich vorstellen, dass Santras dieser kurze Kontakt ihrer beider Hände sicher gefallen hatte - ergriff ihn ein ungeahntes Zögern vor dem Resultat. Was sollte er auch davon halten, wenn sie ihn nach draußen schickte? "Du hast recht, das war ein Fehler, warte lieber draußen und lass mich mit meinem gestorbenen, wiedergeborenen Liebhaber alleine". Würde er wie ein aufmüpfiger Rekrut direkt vor der Tür herumlungern und genau hinhören, ob er etwas lauschen konnte? Würde er überhaupt ertragen zu wissen, dass hier Dinge beredet wurden, die nicht für Zoras', aber für Kassandras Ohren bestimmt waren?
      Nein, er wollte nicht gehen, aber genauso wenig wollte er hierbleiben und Zeuge dessen werden, was sich hier anzubahnen drohte. Vielleicht war es da doch gut, dass er die Entscheidung Kassandra überließ.
      Aber Kassandra schien selbst noch nicht von der Situation überzeugt zu sein, so wie sie sich um Santras zu kümmern versuchte, als er leise aufstöhnte, noch während sie ihn vor ein paar Sekunden abgewiesen hatte. Sie wirkte selbst hin und hergerissen, ein Umstand, der sich kaum merklich auf ihrem Gesicht zeigte, während ihre Haltung so stolz wie immer war. Vielleicht hätte er sie nicht noch weiter damit verunsichern sollen, in dem er indirekt aussprach, nicht hierbleiben zu wollen.
      Doch Kassandra entschied sich und wie durch einen Zufall sagte sie genau die eine Sache, die ihm eine Stütze gab, mehr noch, als er es alleine zustande gebracht hätte. Für sich selbst wäre er nicht geblieben, aber für Kassandra konnte er es tun. Sie wollte nicht, dass er ging, also ging er nicht. Sie wollte ihn bei sich haben, also blieb er. Es war so einfach, aber gleichzeitig so erleichternd, dass er sich sogar ein Stück entspannen konnte.
      "Okay. Ich bleibe."
      Wie auch immer sich die Sache hier entwickeln würde, er konnte es ertragen. Er würde es für Kassandra ertragen. Es wäre schon alles in Ordnung.
      Sie sprach auch gleich weiter, spürend, dass die jetzige Entwicklung sich Zoras' Verständnis entzog, um ihn trotzdem an allem teilhaben zu lassen, verstummte aber mitten im Satz. Zoras betrachtete sie, als ihm erst selbst auffiel, dass dieses leise Geräusch, das er für irgendein Nebenprodukt der Straße hinter den Wänden gehalten hatte, tatsächlich Santras war, der sehr leise zu summen angesetzt hatte. Zoras hatte den Mann ignoriert, als er sich von Kassandra torkelnd auf den Stuhl geholfen lassen hatte, aber jetzt sah er zu der eingefallenen Gestalt hinab, die sich wieder ein bisschen aufgerichtet hatte. Sie hielt ihren Kopf gesenkt und könnte wohl bald in dieser Haltung einschlafen, aber hinter den Lippen kam ein stetiges Summen hervor, eine Melodie, die Zoras nicht zuordnen konnte. Wenn er es nicht besser wüsste, hätte er gesagt, dass sie zu dem eigenartigen Tisch, den musterbesetzten Teppichen und exotischen Bildern passte, die sich hier im ganzen Haus wiederzufinden schienen. Als würde die Melodie mit ihnen erst einen Kreis bilden, einen Abschluss der Atmosphäre.
      Nur Kassandra schien etwas anderes dahinter zu lesen. Ihre Augen wurden merklich groß, schreckensgeweitet sogar, und obwohl ihre Gesichtsfarbe nicht abfiel, wirkte es doch so, als würde sie vor Schreck erstarren. Zoras stand nicht unbedingt nahe, jetzt nicht mehr, nachdem sie Santras zu seinem Stuhl befördert hatte, aber selbst aus dieser Distanz konnte er sehr deutlich erkennen, wie sich eine Gänsehaut im Nacken der Phönixin ausbreitete. Ein rein menschliches Symptom. Binnen weniger Sekunden machte die Göttin eine ganze Reihe von höchst menschlichen Reaktionen durch.
      Zoras starrte sie an, verblüfft von der Wendung, die er gar nicht als solche wahrnehmen konnte. Reagierte sie etwa darauf, dass Santras summte? Was sollte daran schon sein, war sie schockiert, dass er singen konnte? Oder dass er sich entschied, gerade jetzt ein Lied anzustimmen? Aber Kassandra starrte nur und dann
      ging sie plötzlich vor dem Mann auf die Knie. Ganz bedächtig, ganz langsam senkte sie sich vor dem Menschen auf den Boden hinab, bis sie unter ihm war und zu ihm emporblickte, ihre Hände nach ihm ausstreckte, einer Anbetung gleich. Fassungslos und entsetzt sah Zoras dabei zu, wie Kassandras zarte Hände sich vorsichtig an Santras' Gesicht legten und er sich zu ihr hinabbeugte, genau auf sie zu, immer weiter und immer weiter und
      Zoras konnte es vor seinem inneren Auge bereits sehen. Er konnte genau den Moment beobachten, wie sich diese dunklen, harten Lippen an Kassandras schmiegten, wie die Phönixin die Augen schloss, wie sie seufzte, als hätte es niemals etwas besseres gegeben als diesen Moment, der ihr alles geben konnte. Er konnte sehen, wie Santras jetzt auch seine Hände um Kassandra legte und vielleicht zog er sie zu sich, vielleicht war er besitzergreifend genug für sowas, vielleicht näherte die Phönixin sich ihm aber auch selbst auf der Suche nach etwas, das sie über 500.000 Jahre vermisst hatte. Vielleicht vergaßen beide dabei Zoras. Vielleicht war Kassandra sogar abgelenkt genug, dass sie gar nicht mitbekam, wie schnell sein Herz raste und wie ihm kalter Schweiß auf der Haut trocknete.
      Der erwartete Kuss kam nicht, nicht einmal ansatzweise. Beide legten ihre Stirn aneinander und verharrten so, vielleicht die Augen geschlossen, vielleicht geöffnet, so genau wollte Zoras es gar nicht sehen. Er wandte den Blick ab und studierte unsinnigerweise den Tisch.
      Er hätte gehen sollen. Er hätte darauf bestehen sollen und hinausgehen sollen und er hätte Kassandra sagen sollen, dass sie ihm nichts, niemals darüber mitteilen sollte, was hier drinnen vonstatten gegangen wäre. Er hätte seine eigene, unbezwingbare Neugier hintenanstellen und sein größtmöglichstes Vertrauen in die Phönixin legen sollen, dass sie genau wusste, welche Dinge zu verfolgen waren und welche nicht. Diese hier war es nicht. Auch, wenn es kein Kuss gewesen war, hätte Zoras hiervon kein Zeuge werden sollen.
      Er stand nicht weit von beiden entfernt, vielleicht zwei Meter, die ihn von Kassandra trennten, aber das war rein räumlich gesehen. Emotional waren sie so weit auseinander, dass ein ganzer Ozean zwischen sie gepasst hätte oder vermutlich noch mehr. So weit, wie über 500.000 Jahre sie auseinandergeschoben hatte. So weit, dass sich dort jetzt Shukran in Form von Santras niederlassen konnte. Shukran, dem Zoras bisher allerhöchstens seinen Respekt entgegen gebracht hatte, weil er Kassandra als einer der wenigen gut und richtig behandelt hatte, der jetzt aber die Phönixin wie an sich zu reißen schien und ihm hämisch ins Gesicht lachte. "Sie erinnert sich noch immer an mich. Sie liebt mich noch immer. Deine lächerlichen vier Jahre können nichts gegen eine halbe Million Jahre anhaben." Nein, konnten sie auch nicht. Er wusste auch gar nicht, ob ein Leben lang das geschafft hätte. Vielleicht würde ihm auch gar nicht die Gelegenheit geboten, das Gegenteil zu beweisen. Vielleicht wollte Kassandra zurück zu ihrem Shukran, den sie verloren geglaubt hatte.
      Er sah wieder scharf zu den beiden hinüber, als die Phönixin mit einem Mal aufschluchzte und den Drang wieder hinunterzupressen versuchte. Aber es war nichts, was Shukran gesagt oder getan hätte, es war schlicht sie selbst und ihr Verblüffen, ihr Unglaube, ihre Trauer nach all den Jahren des Wiedersehens. Nur eine Phönixin, die ihre heiligen Tränen für einen Menschen vergoss.
      Shukrans dunkler Blick traf Zoras' und der erwiderte ihn mit aller Ausdruckslosigkeit, die er aufbringen konnte. Er hasste Shukran nicht, denn wirklich, der Mann hatte kein Verbrechen begannen. Er hasste auch Kassandra nicht - wie könnte er jemals. Er stand nur auf der anderen Seite des Ozeans und wartete, ob Kassandra ihn wieder zur anderen Seite überqueren würde.
    • Mit großen, unendlich tiefen Augen sah Kassandra auf zu diesem Mann, der nicht mehr aussah wie Shukran. Je länger sie ihn betrachtete, desto mehr Unterschiede fielen ihr auf. Seine Augen waren nicht jadegrün, auch wenn der Schwung der Lider und die Form stimmen mochten. Seine Haut hatte nicht diese warme Farbe von gebranntem Ton sondern war noch dunkler, als hätte man Asche mit hinein gegeben. Die Gesichtszüge waren viel runder und weniger kantig, als die es von Shukran gewesen waren. Und trotz all dem fühlte sich seine Aura so unglaublich vertraut an, dass es sich für die anfühlte, als käme sie wieder nach Hause. Sie fühlte sich zurückversetzt in die Zeit, als sie ihr Herz freiwillig verschenkt hatte und nicht ahnen konnte, in welches Unglück sie sich und ihn stoßen würde.
      Santras' Gesichtsausdruck verlor die Wärme, die er soeben noch der Phönixin an seinen Beinen geschenkt hatte. Je länger er Zoras anblickte, der ihn mit einer stoischen Ausdruckslosigkeit bedachte, desto mehr Ernst kehrte in dessen Mimik zurück. „Ihr kennt das nicht, richtig? Dass sie vor jemand anderen auf die Knie geht? Ausgerechnet sie, eine stolze, erhabene Phönixin?“
      Kassandra blinzelte mehrfach. Die Stimme war auch nicht dieselbe, doch die Modulation war vergleichbar. Was aus anderen Mündern triezend hätte wirken können, war bei ihm lediglich eine Feststellung, so neutral, als lese er einen Kriegsbericht. Das war der kleine Stoß, den sie gebraucht hatte, um sich nicht vollkommen in dem zu verlieren, was sie einst gewesen war.
      „Du sprichst von einer Phönixin von vor über 500.000 Jahren“, sagte sie leise und erhob sich, ohne Santras dabei ein weiteres Mal zu berühren. Sie sah von oben auf ihn herab, doch sie schaffte es nicht, die Absolution in ihre Augen zurück zu beschwören. „Was hier vor dir steht, ist so weit ab von der Phönixin, die Shukran kannte. Du kennst nicht einmal jene, sondern erinnerst dich nur vage an sie. Dank deiner Seele.“
      Santras' Blick glitt langsam von Zoras zu Kassandra herüber und er legte den Kopf in den Nacken. In seinen Augen erschien wieder diese endlos wirkende Zuneigung, von der Kassandra wusste, dass sie älter als dieser Mensch selbst war. Wie ein Nachhall konnte er diese Erinnerungen nicht abschütteln und merkte nicht einmal, dass es womöglich nicht seine eigenen Absichten waren. „Dann lass mich dich erneut kennenlernen, Kassandra.“
      Sie trat einen bestimmten Schritt zurück. Weg von Santras, hin zu Zoras. Sie hatte ihre Prinzipien nicht vergessen, durfte sie nicht vergessen. Ihr ganzer Körper wurde hart, als sie ihren Geist stählte und einen Entschluss traf, der sich wie zahllose Haarrisse in ihrem gläsernen Herz anfühlten. „Das ist nicht deine Zeit, Santras.“
      Ohne ein weiteres Wort machte sie auf dem Absatz kehrt. Im Gehen legte sie eine Hand flach an Zoras' Oberarm und führte ihn mit dieser einfachen Geste mit sich mit. Hinter ihr hörte sie Santras von seinem Stuhl aufstehen, doch er rief ihr nicht nach. Es klapperte Geschirr, was bedeutete, dass er die Grenze vorerst wahrte und sich anders abzulenken suchte. Doch das Unheil war bereits losgetreten worden.
      In Kassandras Miene war die erzwungene Kontrolle mehr als sichtbar. Die Lippen waren zu einer Linie gepresst, sonst unsichtbare Falten waren an den Außenwinkeln ihrer Augen erschienen während sie ihren Schwurpartner unablässig durch den Eingangsbereich hin zur Tür eskortierte. Sie nahm sich nicht einmal die Zeit, um sich die Tür öffnen zu lassen, sondern stieß sie selbst auf und trat mit ihm hindurch. Kühle Luft, durchsetzt mit abendlichen Gerüchen von Zunder und fadenscheinigen anderen Düften, drang an ihre Nase und wusch die Hitze von ihrem Gesicht.
      Am Ende des Weges starrte Zavion die Gäste etwas überrumpelt an. Scheinbar hatte er nicht damit gerechnet, dass sie so schnell oder generell wieder aus dem Haus kamen. Ganz untypisch würdigte sie den Soldaten keines Blickes, der daraufhin den Fehler machte und seine Hand mahnend nach ihr ausstreckte. Die Phönixin schob Zoras einen Schritt weiter ehe sie innehielt, sich halb umdrehte und dem Soldaten ein Gesicht präsentierte, das Zoras verschleiert blieb. Alles, was er bekam, war die Reaktion Zavions, der von finsterem Argwohn wahnsinnig schnell zu blankem Schock wechselte. Er zog die Hand so schnell wieder zurück, als hätte er sich verbrannt. Was bei Kassandra nicht ganz abwegig war. Immerhin hatte sie ihn ohne eine Berührung abgehalten. Er wich sogar noch einen weiteren Schritt vor ihr zurück, das Gesicht war so aschfahl wie der graue Kies unter ihren Füßen.
      Dann wandte sich Kassandra wieder ab, schloss zu Zoras auf und berührte ihn abermals am Arm. Was auch immer sie Zavion gerade präsentiert hatte; Zoras bekam keinen Geschmack davon.
      „Wir kehren in das Gasthaus ein, wo wir ihn vorhin getroffen haben.“ Ob sie den Namen absichtlich nicht aussprach stand unausgesprochen im Raum. „Wir werden nicht noch einmal draußen schlafen, noch werden wir in seiner Nähe nächtigen. Mir wäre es am liebsten, wenn wir direkt weiterziehen, aber das können wir nicht. Ich kann es nicht, solange sein Gedächtnis nicht gefestigt ist. Gehe ich zu früh, wirft das seine Verbindung so sehr durcheinander, dass es ihn brechen könnte. Dann wäre Paspatera kein Verbündeter.“
      Kassandras Gang war eisern und ließ keinen Spielraum zu. Sie würde nicht auf offener Straße anhalten, selbst wenn Zoras sie mit Fragen bombardierte. Er konnte sie alle stellen, wenn sie in Ruhe in ihren gemieteten vier Wänden waren. Aber nicht, solange sie noch immer seine Stimme im Kopf hatte. Seinen Duft in der Nase und die unglaubliche Wärme spürte, die sich in Form seiner Aura um sie wie eine warme Decke geschmiegt hatte.
    • Je länger beide Männer sich gegenseitig anstarrten, desto mehr verlor Shukran diesen... Blick, den er Kassandra gegenüber aufbrachte und der seine Quelle irgendwo hinter seinen Augen zu haben schien. Seine Gesichtszüge fielen wieder ab und wurden zu dem, was Zoras im Gasthaus präsentiert bekommen hatte. Ein kurzer Gedanke überkam ihn da: Er mochte Shukran respektieren, weil Kassandra ihm von dem Mann erzählt hatte, aber wie stand Shukran zu ihm, Kassandras jetzigen Mann, von dem er nicht viel mehr erfahren hatte, als dass er Kassandra befreit und ihren Schwur bekommen hatte? War Shukran ein eifersüchtiger Mann? Besitzergreifend? Würde er fordern, dass sie die Zeit vor einer halben Million Jahren nachholen würden?
      Zoras antwortete auf die rhetorische Frage nicht, auch wenn sein Kopf knapp zur Seite zuckte, als wäre er drauf und dran gewesen den Kopf zu schütteln. Nein, er kannte es nicht, dass Kassandra vor jemand anderem auf die Knie ging - vor einem Menschen, wohlgemerkt. Er kannte es auch nicht, dass sie wegen einem anderen Menschen ihre kostbaren Tränen vergoss. Oder dass sie die Flucht vor etwas ergriff. Oder dass sie jemand anderem nahe genug kam, um ihn küssen zu können.
      Aber Shukran konnte es genauso wenig bei anderen kennen. Wie würde er wohl reagieren, wenn er Zoras und Kassandra küssen sehen würde? Oder wie sie sich umarmten?
      Oder wenn er erfahren würde, dass sie einen Sohn zusammen gehabt hatten, wenn auch aus den falschen Gründen?
      Die Ablenkung half Zoras dabei, die vermeintliche Gleichgültigkeit zu bewahren, als Kassandra sich schon selbst rührte. Es waren diese nächsten, speziellen Worte, die den Weg zu Zoras zurück schlugen und die Distanz überwunden, die sich zwischen ihnen aufgebaut hatte. Es war fast, als würde er Kassandra am Horizont auftauchen sehen, so wie sie sich ihm langsam, zunächst unsicher näherte. Shukran versuchte sie auch bei sich zu behalten, er wollte sie neu kennenlernen, schien ganz darauf zu vertrauen, dass sie auf seiner Seite bleiben würde, aber da schien Kassandra ihren Entschluss gefasst zu haben. Sie kehrte zu Zoras zurück. Es war nicht Shukrans Zeit - Santras'. Zoras könnte sich einreden, dass sie damit sogar implizierte, dass es Zoras' Zeit war.
      Er hätte lügen müssen, wenn er behauptet hätte, dass es ihn nicht ungemein, von grundauf erleichterte, die Phönixin auf sich zukommen zu sehen und dann ihre Hand an seinem Arm zu spüren, womit sie ihn unweigerlich nach draußen lotste. Sie waren als Team, als Paar hereinkommen und jetzt gingen sie als solches wieder nach draußen, aber für Zoras hatte das eine ungemeine Gewichtung. Kassandra hatte sich entschieden, diesmal auch ohne den Einfluss eines namenhaften Gottes oder eines bevorstehenden Weltuntergangs. Sie hatte sich immernoch für Zoras entschieden.
      Sie gingen nach draußen und Kassandra zeigte eine Härte an sich, die nicht unbekannt, aber durchaus ungewöhnlich war. Die Unterhaltung hatte auch bei ihr etwas hinterlassen, mehr, als die Phönixin im Moment tragen konnte. Ihre Entscheidung musste nicht leicht gefallen sein. Mehr noch, vielleicht war sie noch gar nicht vollständig gefallen.
      Guter, loyaler Zavion stand noch immer draußen vor der Tür, wirkte gänzlich überrumpelt von ihrem Auftreten und versuchte dann auch noch, die beiden mit einem halbherzigen Versuch aufzuhalten, aber bevor Zoras ein beschwichtigendes Wort hätte einlegen können, schob Kassandra ihn schon weiter und drehte sich zu dem Soldaten um. Was auch immer sie tat blieb Zoras verborgen, nicht aber die offensichtliche Reaktion, die der arme Mann von sich gab. Womöglich hatte sie ihm das Feuer gezeigt, das in ihren Augen loderte, und das zwar für Zoras warm und einladend und leidenschaftlich sein konnte, für andere aber auch das genaue Gegenteil darstellen mochte. Er konnte es ihm da nicht verübeln, dass der Wächter bleich wurde, die Hand zurückriss und sie dann ziehen ließ. Letzten Endes war das vermutlich sogar besser, als noch unnötige Worte zu wechseln.
      Kassandra beschloss, dass sie im Gasthaus einkehren würden. Ihre Stimme war genauso hart wie ihr Gang und unter ihren Worten lag etwas, mit dem sie zu kämpfen schien, aber hier draußen war kein guter Ort, um solche Dinge zu besprechen. Entsprechend nickte er nur.
      "In Ordnung. Werden wir."
      Er wollte ihre Hand ergreifen, ein ganz kindisches Bedürfnis nach einer wortlosen Versicherung, aber er enthielt sich. Kassandras Gang war stramm, Zavion konnte ihnen womöglich nachlaufen, um später wieder Santras zu berichten und so blieb er einfach der stumme Begleiter, der seine Göttin zurück zum Gasthaus brachte. Sie wäre vermutlich auch gleich die Treppe nach oben zu den Zimmern gegangen, unwillig, sich mit sterblichen Höflichkeiten aufzuhalten - oder vielleicht wieder auf der Flucht, aber auf einer anderen - aber immerhin war sie nicht alleine. Zoras blieb beim Wirt stehen und stellte auf eine Art fest, die Kassandra wohl alle Ehre gemacht hätte, dass sie ein Zimmer besetzen würden und dass sie Herr Gibras Gäste waren. Jetzt war es sogar praktisch, dass Zoras vorher mit ihm am selben Tisch gesessen und sich unterhalten hatte, was wohl sämtliche weiteren Fragen gleich im Keim erstickte. Ob der Wirt ihm nun Glauben schenkte oder nicht, er übergab die Schlüssel und Zoras zog Kassandra gleich nach.
      Das Zimmer war das erste richtige seit Espiahafen - das erste, großzügigere, private Zimmer. Besonders letzteres schien jetzt am wichtigsten zu sein; Kassandra wollte eigentlich gar nicht mehr hier sein und Zoras hätte auch nichts dagegen, Paspatera schnell wieder hinter sich zu lassen. Sie mussten aber nunmal mit dem auskommen, was ihnen jetzt zur Verfügung stand.
      "Was ist da drin passiert?"
      Er kam herein, schloss die Tür hinter sich und trat auf Kassandra zu, ohne ihr allzu nahe zu kommen. Es war nicht so, dass er es nicht gewollt hätte, viel eher war er sich nicht sicher, ob sie wollte.
      "Ich meine - ich habe verstanden, dass ein Teil von Shukran in Santras ist. Aber was ist passiert, Kassandra? Aus deiner Sicht?"
    • In der Tat war Kassandra schon auf dem halben Wege, die Treppen nach oben zu steigen, kaum hatten sie das Gasthaus erreicht. Es war fast so, als würde sie darauf bestehen, dass ein jeder ihr bereitwillig die Tür und das Zimmer überlassen würde. Es war sogar fraglich, ob sie in dem Zuge nicht sogar gewillt war, ein wenig ihrer Göttlichkeit als Überzeugungsmittel einzusetzen, obwohl das mehr als fragwürdig wäre. Doch noch vor der ersten Stufe hielt sie inne, offensichtlich widerwillig, und ließ Zoras seine Höflichkeiten platzieren, die nicht ganz so elegant ausfielen wie sonst. Es hätte sie nur einen Blick gekostet, um den Wirt gegebenenfalls zu überzeugen, aber das musste sie nicht einmal. Zoras kam schneller mit dem Schlüssel als jemals zuvor zu ihr zurück und gemeinsam suchten sie das Zimmer auf, das ihnen zugeteilt worden war.
      Das Zimmer war unglaublich wohlig ausgestattet. Ein nicht ganz billiger Läufer bedeckte den Holzdielenboden. Aus einem ähnlichen Stoff hingen mehrere Lagen vor den Fenstern als Vorhänge, die man zuziehen und somit sämtliches Licht aussperren konnte. Es gab sogar einen kleinen Kamin an der einen Wand, der aktuell noch frische Scheite aufwies. Das Bett bestand aus zwei Einzelnen, die man näher beisammen geschoben hatte und die man noch weiter annähern konnte, um nur noch eine kleine Lücke zwischen den Gestellen zu lassen. Die Decken waren dick und flauschig, die Kissen bauschig. Alles hier stand im krassen Kontrast zu dem, was sie in Santras' Anwesen gesehen hatten. Keine ausgefallenen Muster oder grelle Farben, sondern eher bedeckt und simpler. Aber durchaus qualitativ hochwertig.
      Kassandra durchquerte als Erste den Raum, steuerte direkt das viergeteilte Fenster an und verschränkte die Arme vor dem Körper. Sie blieb dabei nicht stehen, trat kleine Schritte von links nach rechts und wieder zurück, während ihr Blick nur kurz draußen verweilte. In dem Moment, als sie sich wieder umdrehte, hatte Zoras die Tür geschlossen und den Elefanten im Raum angesprochen. Er war einen Schritt näher an sie heran getreten, doch seine Körperhaltung verriet Zurückhaltung. Nicht nur pure Verwirrung oder gar eine vergleichbare Unruhe, wie sie der Phönixin in den Knochen steckte. Sie tat die nächsten Schritte in seine Richtung, machte allerdings keine Anstalten, Körperkontakt zu suchen. Stattdessen begann sie, im Raum auf und ab zu wandern. Sie, der sonst die schiere Ruhe der Unendlichkeit innewohnte.
      „Es ist nicht nur ein Teil, Zoras“, sagte sie scharf und mit solch einer Überzeugung, als wäre das Wissen darum das Natürlichste der Welt. Für sie war es das auch zweifellos, und sie vergaß, dass er als Mensch diese Selbstverständlichkeit misste. „Santras istShukran, mit jeder Faser seiner Selbst. Ihnen wohnt die gleiche Seele inne, was sie zu ein und der selben Person macht. Es unterscheidet sie nur das, was sie in ihrem aktuellen Leben, der aktuellen Zeit, dem aktuellen Körper, erleben und was sie formten. Deswegen sagte ich zu Santras, dass es nicht seine Zeit sei. Shukrans Zeit. Es ist wie...“
      Sie hielt inne, ballte eine Hand vor ihrem Gesicht zur Faust und öffnete sie wieder.
      „Ich habe damals maßgeblich Einfluss auf seine Seele ausgeübt, sodass sie sich trotz Wiedergeburt daran erinnert, wie sich meine Aura anfühlt. Weil das so stark ist, erinnert er sich vage an Kleinigkeiten, die damals Shukran erlebt hat. Durch den Kontakt zu mir ist es für ihn, als würde ein Schleier über das gehoben werden, was er nur anhand Umrisse vermuten konnte. Das macht ihn aber noch lange nicht zu der Person von damals. Santras wird nicht zu Shukran, aber er wird jetzt mehr verstehen.“
      Erneut begann sie zu wandern. Es war nicht mehr mit der ganzen Hektik verbunden wie noch Minuten zuvor, das Reden half ihr tatsächlich, sich von ihrem Gedankenstrom zu entfernen. Für sie war das Wiederfinden dieser Seele das, was Menschen als ein Wunder bezeichnen würden und wenn sie es darauf anlegte, dann würde sie in der Lage sein, Santras subtil näher an das Ebenbild seiner Seele zu bringen, ohne dass er es bemerken würde. Sie wäre in der Lage, einen Menschen derart zu verändern, dass diese Person in diesem Zustand nicht mehr existieren würde.
      Sie würde ein Bewusstsein gegen ein anderes austauschen und war das wirklich noch so weit von Töten entfernt?
      „Wie kann ich das am Besten für dich greifbar machen....“, überlegte sie laut, ihre Schritte waren mittlerweile lautlos geworden und auch das Atmen hatte sie eingestellt. Sie bewegte sich fort von den menschlichen Aspekten in ihr, das bezeugte auch der leichte Schein, der sich um ihren Körper gelegt hatte. „Stell dir vor, du würdest morgen in einer Seitenstraße auf deine Eltern treffen. Gealtert, sicher, aber du kannst mit unbestreitbarer Sicherheit sagen, dass sie es sind. Du siehst sie an und erkennst sie. Du hörst ihre Stimmen und fühlst dich zurückversetzt. All das, was du über die Jahre verloren geglaubt hast, kommt schlagartig zurück, die Nostalgie, der Schmerz, die Erleichterung... Das ist, was eben passiert ist. Es würde mich in eine Zeit zurück versetzen, die längst hinter mir liegt. Noch immer spüre ich, dass ich loslassen möchte. Aber ich zügle mich, ich halte mich bei Verstand.“
      Abrupt stoppte Kassandra, ihre Finger gruben sich in ihre Oberarme als sie Zoras mit einer Mischung aus Reue und Sehnsucht betrachtete.
      „Wegen dir. Du wolltest vorhin gehen, du hättest mich freiwillig ihm gelassen. Das konnte ich nicht einfach so ertragen.“
    • Langsam wurde es selbst Zoras zu viel, der hier lediglich als Beobachter fungierte. Aber Kassandra hatte keine Sekunde lang, seit sie Santras' Haus verlassen hatte, innegehalten und auch jetzt konnte sie nicht einmal unbewegt vor dem Fenster stehen. Es hielt sie vielleicht noch drei Sekunden dort, dann kam sie Zoras entgegen, aber anstatt auch die letzte Distanz zu ihm aufzuschließen, fing sie damit an, auf und ab zu laufen.
      Zoras wurde es zu viel, weil es so untypisch für Kassandra war, eine derartige Unruhe aufzuzeigen. Unruhe von was, von einer Seele, die wiedergeboren worden war? Sollte sie sich nicht dafür freuen? Er kannte sich zwar nicht mit der Komplexität der Wiedergeburt aus, aber sollte es nicht etwas gutes sein, dass Shukrans Seele erhalten geblieben war?
      Wieso schien Kassandra dann so verloren zwischen Verzweiflung und Wut, alles, ohne je eine Emotion richtig zuweisen zu können?
      Leider schien seine Unwissenheit da nicht weiterzuhelfen. Wenn, dann reizte sie sie nur noch mehr.
      "Kassandra..."
      Sie sprach weiter. Vielleicht hatte sie ihn nicht gehört, aber Zoras glaubte eher, dass sie viel zu sehr in ihren Gedanken versunken war, um seinem halbherzigen Einwurf Beachtung zu schenken. Mittlerweile waren ihre Bewegungen flüssiger geworden und ihr Körper irgendwie steifer, unnatürlicher. So, wie sie sich bei Santras' zu sehr in ihrer Menschlichkeit verloren hatte, verlor sie sich jetzt plötzlich in ihrer Göttlichkeit. Zoras hätte zwar nicht gedacht, dass das möglich sei, aber er sah es doch mit eigenen Augen.
      "Kassandra."
      Abrupt blieb sie stehen und sah ihn an. Ihr Blick wirkte traurig auf ihn. Wäre er nicht gewesen, hätte sie sich an Shukran verloren.
      Er trat jetzt doch den einen Schritt auf sie zu und als er die Hand auf ihren Oberarm legte, über ihre eigene, war seine Stimme bemüht ruhig.
      "Kassandra, halt für einen Augenblick ein, okay? Ich weiß, dass es unerwartet kam, ihn zu treffen. Ich werde es auch niemals nachempfinden können, weil eine halbe Million Jahre eine Zeitspanne ist, die sich meiner Vorstellungskraft entzieht. Aber ich sehe doch, was es mit dir macht; du hast vor ihm geweint, Kassandra. Du bist vor ihm auf die Knie gegangen und jetzt marschierst du hier auf und ab, als wolltest du dich mit dem nächsten Feldzug abquälen.
      Er hob beide Hände an ihr Gesicht und strich in einer liebevollen Geste ihre Haarsträhnen beiseite.
      Freust du dich nicht, ihn wiederzusehen? Nach all der Zeit? Wovor fürchtest du dich, Kassandra? Was ist es wirklich, vor dem du dich bewahren willst?
    • „Es geht nicht um die Zeitspanne, die in deinen Augen unfassbar erscheint. Es wären etliche Jahre in deiner Zeitrechnung, aber die Empfindung wäre dieselbe“, versicherte Kassandra Zoras, da sie sich sicher war, dass er sich an diesem kleinen Punkt der Zeitrechnung einfach viel zu sehr fest biss. Er wandte seinen sterblichen Maßstab auf einen Gott an, was vorn und hinten nicht funktionierte.
      Bei dem kleinen Verweis auf einen Feldzug verloren sich etliche der Emotionen in ihrem Gesicht. Ihm war vermutlich gar nicht aufgefallen, wie Recht er mit seiner Aussage gehabt hatte. In der Tat waren in der Vergangenheit häufig kriegerische Auseinandersetzungen erfolgt, kurz nachdem es zu vergleichbaren Konflikten gekommen war. Irgendwann hatte Kassandra eigenmächtig die Konfrontation gesucht als eine Form des Ausweichens. Des Stressabbaus. Kämpfen war ihr Fluchtmittel gewesen und das saß ihr noch immer in den Gliedern wie es schien.
      „Natürlich freue ich mich darüber, dass seine Seele doch in den Zyklus eingegangen ist. Dass ich ihn endlich gefunden habe.“ Sie behielt ihre Hände während er ihr Gesicht in seine Hände nahm. Seine raue Haut fühlte sich beruhigend anders auf ihrer eigenen an und löste den Schimmer um ihre Gestalt langsam auf. „Aber Santras ist keine 1:1 Kopie von Shukran. Das ist es, was ich mit diesem Leben meinte. Er trägt die Seele und Shukrans Erinnerungen teilweise in sich, aber die Person, Santras, ist ein neues Leben. Und das will ich nicht beeinflussen. Ich darf diesen Zyklus nicht beeinflussen.“
      Endlich löste Kassandra ihre Hände von ihren Armen. Sie sackten schwer an ihrem zierlichen Körper herab, genau wie sich ihre Lider plötzlich so, so schwer anfühlten. Sie ergab sich völlig Zoras' Händen und lehnte sich in seine Berührung hinein.
      „Wärest du nicht gewesen, so würde ich Santras aus seinem jetzigen Leben mit seinen Freunden und seiner Familie reißen, damit er sich der alten Seele in ihm bewusst wird. Damit er wieder näher an meinen Shukran heranrückt und ich das zurückbekomme, was ich verloren habe. Doch das ist selbstsüchtig und ehrt nicht die Seele, die so viele Zyklen durchgemacht haben muss. Es zerreißt mich, dass ich nicht einfach loslassen kann, weil er doch nicht Shukran ist.
      Dann trat sie den letzten verbleibenden Schritt vor und schloss die Distanz zu Zoras. Ihre Arme legten sich um seine Hüfte und ihre Stirn fand ihren Platz an seiner Schulter. Einen Augenblick schwieg sie, während sie seine unverwechselbare Aura um sich herum spürte und sein urtypischer Duft ihr in die Nase stieg.
      „Außerdem habe ich dich an meiner Seite. Auch deine Seele ist durch mich maßgeblich beeinflusst worden, ob du es wolltest oder nicht. Ich weiß, dass du dich selbst zurückgenommen hättest, wenn es bedeuten würde, dass ich mein Glück fände.“
      Ich hätte es genauso getan.
      „Aber dich will ich genauso wenig aufgeben wie das, was ich mit Shukran verbinde. Vergleich dich nicht mit ihm. Jede Seele ist einzigartig und bedeutsam, egal wie alt sie sein mag.“
    • Die Berührung erst schien Kassandra etwas zurück zur Menschlichkeit zu holen, was in anderen Momenten eine fragliche Reaktion gewesen wäre, jetzt aber festigend wirkte. Zoras musste sich darum beherrschen, sich nicht zu fragen, ob das ausschließlich ihm galt oder nur der Tatsache, dass er jetzt hier war und Santras nicht. Hätte sie sich von Santras genauso beruhigen lassen? Was wäre geschehen, wenn Kassandra bei dem anderen Mann geblieben wäre?
      Die Zweifel gefielen ihm nicht, denn sie hatten ihn in all den Jahren davor nie heimgesucht. Es war ihm niemals so schwer gefallen, darüber nachzudenken, was geschehen wäre, wenn Kassandra nicht zu ihm zurückkehren wollte. Er hätte sie trotzdem befreit, er hätte ihr trotzdem ihre Essenz zurückgegeben, es hätte keinen Unterschied gemacht. Aber jetzt, wo alles vorbei war und sie die Jahre der Trennung endlich nachholen konnten, zweifelte er an allem, nur weil Shukran aufgetaucht war. In seelischer Form.
      Gerade, weil Shukran aufgetaucht war. Wenn es einen Mann gäbe, an den Zoras Kassandra verlieren könnte, dann war es der Stadtherr von Paspatera, der sich gerade an ein Leben zu erinnern begann, das er nicht geführt hatte.
      Oder in anderen Worten war es ein Einfluss auf Kassandra, den Zoras nie ganz aufheben könnte.
      Er wollte ihr gerne erwidern, dass sie den Zyklus schon längst beeinflusst hatte, aber es hörte sich zu bitter an, um es wirklich auszusprechen. Immerhin musste Kassandra sich das schon bewusst sein.
      Auch ohne dich ist er schon von Shukran beeinflusst. Du hast seine Obsession von dir doch gesehen, noch bevor du ihn berührt hast. Es ist schon längst geschehen.
      Bestätigt von der Art, wie Kassandra ihre Arme in ihrem Aufgeben fallen ließ und sich gegen Zoras’ Hände lehnte, löste er den Griff und ließ sie stattdessen in seine Arme ein. Die Phönixin ergab sich auch dem, scheins unfähig, sich noch weiter so stolz aufrecht zu erhalten und Zoras bot ihr allzu willens die Stütze, die sie dafür zu benötigen schien. Nur ihre Worte verursachten einen fernen Stich in seiner Brust, den er sofort in den Hintergrund drängte.
      Du vermisst ihn, oder? Hattest du jemals die Gelegenheit, seinen Tod wahrlich zu betrauern?
      So wie er sich erinnerte, war Kassandras Herz mit Shukrans Tod gleich in die nächsten Hände gefallen und hatte gestartet, was sich über 500.000 Jahre weitergezogen hatte. Kein Wunder also, dass sie niemals wirklich dahinter gekommen war, Shukran nachzutrauern, wenn sie ständig daran erinnert wurde, dass sein Tod sie erst dorthin gebracht hatte, wo sie jetzt war.
      Wie zur Bestätigung fiel auch ihr letzter Widerstand und sie ergab sich ganz Zoras’ Umarmung, die Stirn an seiner Schulter, die Arme um seine Hüfte. Er verschloss seine Arme hinter ihrem Rücken, zog sie umso fester an sich und platzierte ihr einen kleinen Kuss auf der Stirn. Die Nähe, die Zuneigung war schon genug, um einen Teil seiner eigenen inneren Unruhen zu besänftigen. Selbst, wenn sie Shukran sehnsüchtig vermisste, und wenn schon? Sie war jetzt hier, bei Zoras, ließ ihre erhabenen Mauern um ihn herum fallen und suchte Schutz in seinen Armen, nicht bei Shukran. Sie suchte die Liebe, die sie zweifellos von ihm bekommen konnte und wirklich, wer wäre er schon, das zu hinterfragen.
      Also hielt er sie weiter fest und ließ sich selbst von ihren Worten schmeicheln, obwohl sie diejenige gewesen war, die etwas derartiges gebraucht hätte.
      Ich werde auch an deiner Seite sein, wenn du Shukran wählst. Solange du es erlaubst.
      Jetzt war es leichter, das auszusprechen. Hätte er es vor einer halben Stunde noch tun müssen, wäre es ihm kaum so ruhig über die Lippen gegangen.
      Genauso zärtlich, wie er sie schon berührte, hob er jetzt auch ihren Kopf etwas an, um ihr in die Augen zu sehen.
      Ich liebe dich, Kassandra. Das weißt du.
      Und damit meinte er viel mehr als die schiere Erinnerung an sie, so wie Santras sie hatte. Und auch das wusste sie.
      Dafür will ich keine Gegenleistung bekommen. Ich will, dass du glücklich bist, das ist alles. Wenn dich Shukran - Santras - glücklich macht, dann sprich mit ihm. Und wenn er das nicht tut, können wir immernoch dafür sorgen, dass du ihm nicht mehr als nötig begegnen musst. Nur zurücknehmen können wir nicht, was bereits begonnen wurde.
      Die Tatsache, dass Santras angefangen hatte, sich Shukran in sich bewusst zu werden.
      Er strich über Kassandras weiches Haar hinweg.
      Aber nicht mehr heute. Wir werden darüber schlafen und er genauso. Morgen ist er vielleicht weniger… beeinflusst von all dem hier.
      Er schenkte Kassandra noch einen weiteren sanften Blick, dann führte er sie zum Bett hinüber. Er hatte kein Bedürfnis danach, Kassandra zu verführen, stattdessen entkleidete er sich soweit, wie es sein Gewissen zuließ, und zog sie sanft zu sich unter die geöffnete Bettdecke. Er schloss sie in seinen Armen ein, vergrub sie unter der Bettdecke und hielt sie fest an sich gedrückt. Er versteckte sie und sich selbst von der Welt und vor allem, was sie dort erwarten könnte.
    • Tatsächlich war es Kassandra klar, dass sie Santras' Zyklus längst beeinflusst hatte. Sie hätte nach dem ersten Kontakt in der Gaststätte direkt die Flucht ergreifen und außerhalb der Stadtmauern fliehen sollen. Nur dann wäre gewährleistet gewesen, dass sie ihn nicht maßgeblich manipulierte. Doch nun hatte sie ihn bereits berührt, mit ihm gesprochen und ihm gewährt, seine Verbindungen zu seinem Seelengedächtnis zu knüpfen. Wenn sie ihn morgen erneut treffen würden, dann wäre der Santras vom Vortag verschwunden und ein Mischwesen aus ihm und Shukran entstanden, das sich noch weiter festigen würde, je mehr Zeit er mit der Phönixin verbrachte.
      Warum also war sie nicht geflüchtet? Weil sie es nicht gekonnt hatte. Sie hatte sich mindestens genauso sehr nach ihm verzehrt wieder andersherum, und das wollte sie nicht offen zugeben. Nicht vor Zoras, den diese Worte vermutlich noch mehr treffen würden als sie es sich jemals ausmalen konnte.
      „Ich habe ihn vermisst, ja“, gab sie schließlich leise zu. „Die ersten eintausend Jahre war es besonders schlimm. Danach wurde es weniger, weil es zu dieser Zeit auch sehr viele Wechsel gegeben hatte. Ich hab mich in diversen Schlachten verloren, an deren Namen ich mich nicht recht erinnern kann. Aber ob ich wahrlich Zeit zu trauern gehabt habe? Nein. Es dauerte sehr lange bis ich überhaupt die Gelegenheit dazu bekam, für mich festzustellen, was ich überhaupt angerichtet hatte, mein Herz in eine physische Form zu bringen.“
      Zoras' Aura umspielte jene von Kassandra. Auch ohne hinzusehen spürte sie, dass sich etwas in seiner Aura veränderte. Vorhin war sie noch von einer Art der Unsicherheit gespickt, eine Art Zweifel, auf dessen Ursprung sie nicht gekommen wäre. Jetzt milderte sich dieses Gefühl merklich und sie drückte sich noch ein wenig enger an ihn. Noch Minuten hätte er sie so weiter halten können, doch dann sagte er zwei Sätze, die all dieses Wohligsein fast wieder zunichte machten. Kassandra schob sich ein wenig von ihm weg und er nutzte es, um ihre Kopf zu heben, damit ihre überraschten Augen die seinen fanden. Sie hatte ihre Sätze aus purer Überzeugung gesprochen, doch es aus seinem Mund bestätigt zu bekommen war eine gänzlich andere Sache. Er würde er ertragen zu sehen, wie seine Geliebte, seine Haria, an der Seite eines anderen Mannes wandelte, nur weil dieser sie zuerst kennengelernt hatte? Was für ein Unfug!
      Sie holte bereits Luft für einen Protest, da sprach er schon weiter. Nach seinen folgenden Sätzen verpufften die Worte in ihrem Mund, der einfach geschlossen blieb und akzeptierte. Es mussten keine weiteren Worte gefällt werden oder Dinge richtig gestellt werden. Positionen bezogen werden. Sie ließ sich das Haar von ihm streicheln und korrigierte ihn dafür lieber in Gedanken.
      Er wird nicht weniger beeinflusst sein. Er wird jemand anders sein.
      Bereitwillig ließ sie sich zu dem Bett führen, noch immer so wortkarg wie zuvor. Mit einer beiläufigen Handbewegung ließ sie eine Welle der Magie über sich hinweg rollen, die ihre ausgangstüchtige Kleidung gegen ein luftiges Nachthemd tauschte. Währenddessen entledigte sich auch ihr Schwurpartner seiner Kleidung – sofern erträglich – und öffnete ihr die Bettdecke zu einer Welt der Wärme. Sie gab ein zufriedenes Summen von sich, als er die Decke um sie schloss und sie wieder an sich zog, als würde nicht auf Erden sie trennen können. Nicht einmal eine 500.000 Jahre alte Seele.
      „Ich war damals sehr naiv, als ich ihm mein Herz vermacht habe. Niemals wäre ich auf die Idee gekommen, dass man es gegen mich verwenden könnte. So schön hatte ich es mir ausgemalt, dass ich meine Zeit auf Erden an seiner Seite verbringen würde bis sein Todestag erreicht sein wäre. Dann nähme ich mein Herz zurück und warte auf seine Wiedergeburt, um ihn erneut zu finden. Deswegen sind so viele Götter in dieses Verhältnis gefallen, weil sie naiv und gutgläubig waren.“
      Seit ihrer gemeinsamen Reise war einiges an Zeit vergangen. Dennoch hatten sie das Problem mit der Angst vor Berührungen bei Zoras noch immer nicht vollkommen auflösen können. Er zuckte nicht mehr vor sämtlichen Berührungen hervor, doch noch immer konnten sie nicht so innig aneinander liegen wie sie es früher getan hatten. Jedes Mal, wenn er sich leicht zu versteifen begann, rückte sie ein wenig von ihm ab, damit er sich wieder fangen konnte.
      „Ich hätte vielleicht misstrauisch werden sollen, als ich herausfand, dass man ihn hatte vergiften wollen und es dank meines Amulettes nicht geklappt hatte. Wir hätten damals anders reagieren müssen. Ich hätte nicht weg fliegen sollen und ihn verwundbar zurücklassen dürfen. Es waren viele schlechte Entscheidungen getroffen worden und deshalb war ich bei dir auch ständig so in Alarmbereitschaft. Ich wollte nicht, dass es sich bei dir wie mit Shukran wiederholt.“

      Dieser Beitrag wurde bereits 2 mal editiert, zuletzt von Asuna ()

    • Hier in diesem Bett, besonders aber zurück unter einer Bettdecke, gemeinsam, ließ sich leichter über Dinge reden, die weit außerhalb der schützenden Grenzen des Bettes lagen. Sie hätten sich gleich hinlegen sollen, erkannte Zoras, der sich selbst wesentlich deutlicher entspannte. Besser wäre es gewesen, wenn er auch ohne Kleidung Kassandra an sich hätte schmiegen können, aber die leichte Bekleidung war schon grenzwertig genug. Er gab sich damit zufrieden und wirklich, es war auch zufriedenstellend genug.
      Auch Kassandra gab ihre Zufriedenheit mit leisen Geräuschen kund, als er sie zu sich zog, und auch ihre Anspannung floss ein wenig dahin. So nah beieinander mussten sie kaum laut reden, das machte es leichter, sich einzubilden, dass ein unsichtbares Schutzschild sie vor der Außenwelt abschirmte.
      Das machte es auch leichter, genau über die Worte nachzudenken, die Kassandra ihm sagte.
      "Es hätte so sein können. Du hättest sein Leben mit ihm verbringen und dann wieder in den Himmel zurückkehren können. Du konntest es nicht vorhersehen, keiner kann das. Ich würde eher sagen, dass du hoffnungsvoll warst."
      So konnte er sich Kassandra tatsächlich eher vorstellen, irgendeine vergangene, lebensfrohe Phönixin, die eine lange Zeit lang einen Mann beobachtete, bevor sie hinabstieg, um ihn kennenzulernen und den Genuss seiner Gesellschaft fand. Die sich vorstellte, diesen Mann bis an sein Sterbebett zu begleiten.
      Zoras hatte Mitleid mit dieser vergangenen Phönixin - mit vielen der vergangenen Kassandras, eigentlich. Dafür zog er seine jetzige Kassandra umso fester an sich, ließ sie in seinen Armen untergehen, die er schützend um sie legte.
      "Du hättest vieles können und du hättest vermutlich genauso viel sollen. Aber mit "hätte" lassen sich keine Schlachten gewinnen, nur mit einem "werde"."
      Behutsam sah er auf sie hinab.
      "Du kannst diese Gelegenheit wahrnehmen, um mit Santras nachzuholen, was dir mit Shukran verwehrt wurde - nein, sag nichts."
      Ihm war sehr wohl aufgefallen, wie bestürzt sie ihn angesehen hatte, als er etwas ähnliches gerade eben schon gesagt hatte. Die Erschütterung der Phönixin konnte ihn aber nicht abhalten; wenn schon bestärkte sie ihn eher in dem Drang, ihr klarzumachen, dass er seine Worte nicht nur so dahergesagt hatte.
      "Ich meine es in dem Sinn, dass du mit ihm abschließen kannst. Du kannst haben, was du damals wolltest. Du kannst ihn auch gebührend verabschieden, du kannst beenden, was du damals niemals richtig beenden konntest. Du kannst deinen Frieden damit machen."
      Er fand es schon bedenklich, dass sie niemals wirklich um Shukran getrauert hatte. Es mochte menschlich und kleinlich klingen, aber sie hatte vermutlich nicht einmal ein Begräbnis für ihn veranstaltet. Er war einfach gestorben und Kassandra war mitten in die nächsten Geschehnisse geworfen worden.
      Noch nie zuvor hatte Zoras das so starke Bedürfnis gehabt, Kassandra wissen zu lassen, dass sie bei ihm sicher war. Er hatte sie schon einmal befreit, er würde es wieder tun, so oft es nötig wäre.
      Er runzelte knapp die Stirn, dann lächelte er fein.
      "Du schläfst nicht mehr, nicht wahr? Sonst hätte ich dir gesagt, dass du eine Nacht darüber schlafen solltest. Dich ein wenig ausruhen. Vor morgen werden keine neuen Entscheidungen getroffen, du hattest einen überaus anstrengenden Abend."
    • Hoffnung.
      Hoffnung war etwas, das es in der Sprache der Götter ebenfalls nicht gab. Wieso sollten solche Entitäten Hoffnung entwickeln, wenn sie doch alles erreichen konnten, was sie sich nur ausmalten? Sie besaßen die Macht dafür, die Lebensspanne und die Kapazitäten. Es gab nichts, was sie davon abhalten konnte.
      Außer der Beschluss des Göttervaters.
      Während Zoras sie enger an sich heranzog, ließ sie ihre Hand ganz kurz nur über seinen Bauch gleiten. Lang genug, damit sie ihn erfühlen konnte, kurz genug, damit er keine Abwehrreaktionen zeigte. „Zumal es alles Dinge aus der Vergangenheit sind. Darüber zerbreche ich mir nicht mehr den Kopf.“
      Nicht mehr. Es gab diese eine Zeit nach Shukrans Tod, in der sich die Welt, wie Kassandra sie kannte, sich völlig auf den Kopf gestellt hatte. Sie hatte ja bereits beobachten können, wie engstirnig und sinnlos mordend Menschen sein konnten, aber es war etwas völlig anderes, wenn man sich inmitten dieses Chaos als zentraler Dreh- und Angelpunkt bewegte. Das lernte die Phönixin erst dann und dies leitete den endgültigen Wandel zu der Göttin ein, die sie mittlerweile geworden war.
      „Du kannst diese Gelegenheit wahrnehmen, um mit Santras nachzuholen, was dir mit Shukran verwehrt wurde – nein, sag nichts.“
      Kassandra war dermaßen schnell von Zoras abgerückt, dass sie es ihm nicht einmal über genommen hätte, wenn er direkt in den Verteidigungsmodus geschaltet wäre. Sie hatte sich auf ihre Unterarme aufgerichtet, ihre Haar fiel ihr satt über die beiden Schultern und hätten seine Brust gekitzelt, wenn er nicht sein Hemd getragen hätte. Die Decke ruhte auf ihren Schultern und sie wusste, wenn es draußen kälter gewesen wäre, würden nun leichte Dampfwölkchen unter der Decke hervor schweben.
      „Du willst, dass ich einen sauberen Abschluss bekomme“, stellte Kassandra mit einer monotonen Stimmlage fest, nachdem Zoras seine Erklärung beendet hatte. Anders konnte sie darauf nicht reagieren, denn obwohl sie wusste, dass dies wahrlich die Gelegenheit war, so hatte sie sie nie als solche angedacht. In ihrem Verständnis war das Wiederfinden Skurans Seele gleichbedeutend mit dem Wiederfinden einer gestorbenen Person. Ein Aufleben, nur in einem anderen Gewand.
      Und das war nicht richtig, wie sie in diesem Augenblick realisierte. Das reichte ihrem Verstand aus, ihrem Herzen jedoch nicht.
      Noch immer ragte sie über dem Mann auf, musterte regelrecht seine Miene, die erstaunlich entspannt, dann sich in Falten legte und schließlich zu lächeln begann. All das waren Regungen, die sie von Shukran nie wieder erleben würde. Er war Vergangenheit und unter ihr lag die Gegenwart. Götter waren nicht dazu auserkoren, zu lange der Vergangenheit nachzuschwelgen, denn die immense Zeitspanne ihrer Existenz wäre dafür schlichtweg zu lang. Deswegen war das, was Kassandra mit diesem Sterblichen namens Shukran gehabt hatte, zeitgleich Segen und ein Fluch.
      „Nicht mehr, sein“, bestätigte Kassandra ihm, ihre Stimme bekam langsam die Sanftheit wieder zurück. „Aber das heißt nicht, dass ich mich nicht ausruhen kann. Ich lausche jede Nacht deiner Atmung, wenn sie in diesen gleichmäßigen Rhythmus verfällt. Ich verfolge das Spiel deiner Aura, wenn sie sich je nach Emotion verfärbt und mir anzeigt, wie es dir geht. Du hast kaum noch Alpträume, richtig?“
      Auch das war Kassandras Verdienst. Während sie an seiner Seite im Bett lag, tat sie wahrheitsgemäß genau das, was sie ihm gerade gesagt hatte. Jedes Mal, wenn seine Aura die Farben der Alpträume zu zeigen begann und sich seine Atmung veränderte, legte sie ihre eigene über die seine und löschte die Farben einfach aus. Zumindest fast, denn für ihn war es wie eine Auslöschung, doch eigentlich nahm sie lediglich das auf, was sie von ihm trennte. Diese Aspekte von ihr waren Dinge, die sie ihm noch nie anvertraut hatte und sie wusste, dass er ihr eigentliches Wesen noch immer nicht vollkommen begriffen hatte. Doch sie gab sich damit zufrieden, dass er das liebte, was er von ihr bekam, und sollte er jemals die richtigen Fragen stellen, dann sollte er auch die richtigen Antworten darauf bekommen.
      „Aber ja, ich denke, eine Nacht wird die Welt schon wieder anders aussehen lassen.“
    • Wie schon davor rückte Kassandra augenblicklich wieder auf Abstand, kaum als Zoras das Thema wieder angesprochen hatte, und das war nun doch einmal zu viel gewesen, um es ganz zu ignorieren. Woher kam nur diese Erschütterung, die die Phönixin sogar dazu zwang, Abstand zu ihm suchen zu wollen? War es Unglaube? War es Ablehnung gegenüber seiner Worte? Aber all das schien nicht ganz zutreffend zu sein, was Zoras deutlich mehr irritierte als ihre Reaktion an sich. Wenn er nur wüsste, weshalb sie so reagierte, könnte er sie besänftigen. So konnte er nur mit Überzeugung dabei bleiben, was er ihr soeben vermittelt hatte.
      Er zuckte selbst, als sie sich so plötzlich von ihm losriss und studierte dann ihr Gesicht, so wie sie seines studierte. Nicht einmal aus ihrer Stimme war etwas herauszulesen und langsam beschlich ihn sogar der Gedanke, dass sie ihre Gedanken absichtlich vor ihm verheimlichte. Wäre es kein so brisantes Thema gewesen, hätte er seinem Unmut darüber wohl kund getan.
      "Das will ich. Du etwa nicht?"
      Es lag kein Vorwurf in seiner Stimme, lediglich seine leicht Sanftmut, mit der er versuchte, ihren möglichen Ärger zu beschwichtigen. Seine Arme lagen offen, so wie sie sie verlassen hatte, um sie ungehindert wieder umschließen zu können, wenn sie wiederkommen würde. Dafür wechselte seine Mimik in ehrliche Verblüffung.
      "Ist das etwa dein Verdienst?"
      Er hatte durchaus schon seit Wochen nicht viel geträumt, dabei hatte er fest damit gerechnet, die jüngsten Erlebnisse mit Amartius und Loki in seinem Verstand wieder begegnen zu müssen. Aber Kassandra war es wohl zuzuschreiben, dass er die letzten Wochen überaus ruhige Nächte gehabt hatte.
      "Dabei dachte ich, ich wäre einfach sehr, sehr glücklich darüber, dich wieder an meiner Seite zu haben, dass es all meine Alpträume fern hält."
      Sein Lächeln vergrößerte sich bei dem zugegeben schlechten Versuch, Kassandra zu schmeicheln, aber es musste trotzdem irgendwie funktioniert haben, denn ihre Gesichtszüge weichten sich nach und nach weiter auf und bald schmiegte sie sich auch wieder an ihn, als wäre sie über ihre Empörung hinweg gekommen. Mit der gleichen Zärtlichkeit nahm Zoras sie auch jetzt wieder bei sich auf und schloss sie zurück in seinen Armen ein, so fest, wie es ihm möglich war. Dabei war es nie mehr so eng umschlungen und innig wie vor vier Jahren noch.
      Auch diese Nacht schlief er ruhig, wenngleich er irgendwann von dem warmen Körper, der ihn stets in den verwirrten Sekunden seines Halbschlafs irritierte, abrückte und stattdessen die Hand auf Kassandra behielt, um ihre Nähe zueinander noch zu wahren. Am Morgen war er ausgeschlafen und sah dem unvermeidbaren Treffen mit Santras zuversichtlicher entgegen, wenngleich er sich nicht darum gerissen hätte. Ein Teil von ihm fürchtete sich davor, mit einer ähnlich intimen Szene wie noch am Vortag konfrontiert zu werden und die gleichen Zweifel durchleben zu müssen wie schon am Abend.
      Nichtsdestotrotz stand er auf, zog sich an und rasierte sich, bevor er sich Amartius umschnallte und Kassandra schließlich die Hand reichte.
      "Bist du soweit?"
    • Die Nacht über war Kassandra mit ihren Gedanken allein gelassen worden. Wo sich einst der tröstende Umhang des Schlafes um sie gehüllt hatte, wurde sie nun mit ständigem Bewusstsein gestraft. Während Zoras neben ihr schlief und hin und wieder noch immer zeigte, dass sein Körper längst Vergangenes nicht hatte vergessen können, driftete ihre Gedanken immer wieder ab. Zu alten Erinnerungen, die verstaubt in den Untiefen ihrer Seele hausten und die eigentlich nicht mehr zurück ans Tageslicht geholt werden sollten. Also tat sie es in der Nacht, wenn sie niemand sah und hörte. Dann, wenn niemand darüber Fragen stellen würde, warum sie so ein Gesicht machte, das sich so gar nicht für eine Göttin ziemte.

      Am nächsten Morgen verblieb Kassandra im Bett, auf die Seite gerollt und nur halb bedeckt, während sie Zoras beim Ankleiden betrachtete. Die dunklen Schatten, die ihn einst verfolgt hatten, waren auf seinem Gesicht spurlos verschwunden. Dank ihr war er besser erholt als jemals zuvor. Ohne Umschweife griff sie nach seiner Hand, ließ sich aus dem Bett ziehen und tauschte während dieser Bewegung ihr luftiges Nachthemd gegen die alltägliche Kleidung.
      „Sollte ich etwa länger brauchen als du, der sich rasieren muss?“, fragte Kassandra mit einem belustigten Unterton in der Stimme, wohl wissend, dass seine Frage nicht darauf abgezielt hatte. Aber sie wollte ihn nicht jetzt schon wieder in die Nachdenklichkeit stoßen. Dafür war später wohl noch mehr als genug Zeit. Immerhin ging es aus ihrem Antrieb hervor, dass sie Santras ein weiteres Mal aufsuchten. Allein schon, weil sie den Drang befriedigen musste, sich seiner Verfassung zu vergewissern.
      Draußen vor der Gaststätte warteten weder Wachen noch Zavion persönlich. Die gesamte Straße hinunter war keine Spur von Soldaten oder Gardisten, wobei sie eigentlich von eben jenen direkt hätten abgepasst werden müssen. Doch statt Misstrauen schmunzelte Kassandra lediglich. Das war bereits ein kleiner Hinweis darauf, dass die Verschmelzung begonnen hatte. Santras ging nicht davon aus, dass die Phönixin Wachen benötigte, um den Weg zu ihm zu finden. Das tat sie ganz von allein. Also warf sie Zoras einen auffordernden Blick zu und sie setzten sich in Bewegung zum Sitz des Stadtherren.
      Abermals fanden sie keine Wachen vor, nicht einmal in direkter Umgebung des Anwesens. Und wenn man genau die Tür weiter hinten betrachtete, stand diese sogar einen Spalt breit offen. Das ließ sogar Kassandras Augenbrauen sich kurzweilig etwas heben ehe sie wie selbstverständlich den Eingangsbereich betrat und dem gleichen Weg folgte wie bereits am Vortag. Stünden die Türen nicht allesamt einen Spalt breit offen, wäre der Geruch nach Brot, Ei und vermutlich Gebratenem Wegweiser genug.
      Santras befand sich wieder im gleichen Saal wie am Vorabend. Er trug auch immer noch eine ähnliche Tracht, wenn auch mit anderen Farben, und war gerade emsig dabei, den Tisch für drei herzurichten. Sofort fiel Kassandras Blick auf Santras' Füße.
      Er war barfuß.
      Mit Mühe verkniff sie sich ein breites Grinsen und schwächte es zu einem Lächeln ab, als sie Zoras zu einem Sitz bedeutete und selbst langsam zu ihrem schritt. Dabei ließ sie Santras nicht aus den Augen, der sie nicht mehr wie gebannt anstarrte. Seine Aura war noch immer die gleiche, allerdings waren dort nun andere Subfarben und Muster vorzufinden. Alte Muster, die sie sehr gut kannte. Er fühlte ihre Präsenz und wusste, dass er sie nicht ständig wie das Wunder, das sie war, anzustarren brauchte.
      „Wie ich sehe hast du den Schock von gestern gut verarbeitet“, sagte Kassandra und ließ sich elegant auf ihrem Stuhl nieder.
      „Ein Schock war das nicht. Nur eine Verkettung von Erkenntnissen würde ich sagen.“ Er kam nicht als Erstes zu ihr sondern trat an Zoras' Seite und schenkte ihm Tee ein. „Es tut mir leid wenn ich gestern noch etwas forsch gewesen sein mochte. Oder Euch in eine missliche Lage manövriert haben sollte. Ich wollte Euch nicht zu Nahe treten, aber Ihr wisst, wie stark Kassandra auf jemanden wirken kann.“
      Bedächtig lehnte sich Kassandra in ihrem Stuhl zurück und faltete die Hände in ihrem Schoß. An Santras' Haltung hatte sich nicht allzu viel verändert, aber es herrschten leicht abgeänderte Nuancen in seiner Stimme vor, die gestern eindeutig noch nicht da gewesen waren.
      „Darf ich dich etwas fragen?“ Ihr Tonfall war leichtfertig, beinahe beiläufig gewählt.
      Santras blickte kurz von den Teetassen auf. „Du bist eine Göttin. Du darfst alles fragen, ob wir das wünschen oder nicht.“
      „Was spürst du, wenn du Zoras ansiehst?“
      Geflissentlich bediente er den anderen Mann zu ende bevor er zu der Phönixin herüber kam und bei ihr das gleiche Prozedere vollzog. „Ich ahne bereits, worauf du hinaus möchtest. Aber ich versichere dir, dass es dir keine Erleuchtung bringen wird. Was bringt dir diese Information? Außerdem kannst du meine Aura lesen, ich brauche es dir also gar nicht wörtlich sagen.“
      Unter dem Tisch überschlug sie die Beine. „Ich hatte dich nicht so verschlagen in Erinnerung.“
      „Du sagtest ja auch, ich sei nicht das gleiche Leben, oder?“
      Touché. Seufzend schloss Kassandra die Augen und hielt sich den Tee unter die Nase, um die einzelnen Noten wahrzunehmen. Indes begab sich Santras zu seinem eigenen Platz zurück und deutete auf die Körbe mit frisch gebackenem Brot, gebratenem Ei und Gemüse. Es war von allem etwas da, nur Fleisch fehlte vollständig. Als Kassandra die Augen wieder öffnete, fiel ihr auf, dass sie eine weitere Schale vor sich stehen hatte im Gegensatz zu Zoras.
      Sie war bis zum Rand mit Tashkanüssen gefüllt....
      „Ich bin nun nicht so ignorant und vergesse meine Worte vom Vortag. Also Zoras, wie genau kann ich helfen bei diesem Vorhaben, dass sich Eviad nennt? Ich sehe ein, dass Ihr etliche, wenn nicht alle Merkmale erfüllt. Aber ich bin nur ein Stadtherr einer mittelmäßigen Stadt. Sicher, ich kann Euch mein Wort versprechen, aber ich werde nicht kriegsentscheidend sein, wenn es dazu kommt.“