Salvation's Sacrifice [Asuna & Codren]

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    • Amartius war unersättlich in seinem Wissensdurst. Seine Augen waren in ihrer kindlich riesigen Größe auf Zoras gerichtet, seine Miene vollkommen konzentriert dabei, während er seinem Vater lauschte. Zoras hätte ihm sonst was erzählen können, er hätte ihn vermutlich in die Herkunft seiner Leute, der Luor einweihen können und er hätte jedes seiner Worte aufgesaugt, als wären sie heilig gewesen, aber vielleicht hatte das auch etwas schlechtes. Vielleicht sollte der Junge nicht mit einer solchen Begierde seiner Erzählung über Folter lauschen. Zoras war sich ziemlich sicher, dass das selbst für einen Jungen in seinem Alter und von seiner Herkunft nichts gutes war.
      Das wäre es erstmal mit Gruselgeschichten. Keine Erklärungen über Folter und Verstümmelung mehr, er wollte schließlich nicht riskieren, ihn noch zu traumatisieren.
      "Adel ist ein besonderer Stand in der Bevölkerung. Je nachdem, woher man herkommt, wird er anders definiert. Bei uns besitzen adelige Menschen Macht und Ansehen, in Kuluar besitzen sie Champions. Manche Länder glauben daran, dass adelige Menschen besseres Blut oder bessere Gene haben."
      Das war ein gutes Thema, nur immer weiterfragen, Amartius. Über Kulturen und Stände konnte er ihn aufklären, dabei wurde niemand traumatisiert. Dort gab es keine Schläuche und Mäuse, die sinnlose Antworten auf sinnlose Fragen forderten.
      Amartius' dünne Finger betasteten wieder seine Narbe und dieses Mal hielt er sich weniger zurück, denn Zoras konnte das leichte, unangenehme Stechen spüren. Seine Muskeln spannten sich an und seine Hand verkrampfte sich, ein reiner Reflex nicht durch Schmerz ausgelöst, sondern durch Erinnerungen. Er wusste ganz genau, weshalb er es vermied, von anderen berührt zu werden und auch dieses Mal war es nicht anders. Für Amartius allein hielt er aber still.
      Die nachfolgende Frage des Jungen kam dann aber äußerst aus der Luft gegriffen. Zoras runzelte die Stirn, während er sich ins Gedächtnis rief, was Kassandra ihm mitgeteilt hatte.
      "Erklärt wenig. Sie hat mir zu erklären versucht, wie sie mit ihrer Aura spüren kann, aber das ist schwer nachzuvollziehen, wenn man selbst keine besitzt. Sie hat mir erklärt, dass sie Lebenslichter und andere Auren annimmt, Gefühle, Eindrücke und alles, was damit einhergeht. Warum?"
      Amartius starrte weiterhin auf seinen Arm, zumindest solange, bis er wieder eine Antwort gab. Das war nun Terrain, auf dem Zoras deutlich hilflos war. Er verstand Auren wie eine sehr starke Empathie für andere Lebewesen, aber selbst das war wohl nicht annähernd das, was ein Phönix erlebte. Oder Halbphönix.
      "Deine Mutter konnte allerlei Dinge spüren - das kann sie mit Sicherheit auch jetzt noch. Nur ist Leid eine... starke Emotion. Sie sticht vermutlich deutlicher hervor als alles andere. Und ist weit verbreitet."
      Er blickte zu Amartius hinab, darauf, wie der Junge jetzt einen unbestimmten Punkt fixierte, um seinen eigenen Gedanken nachzugehen. Er war in diesem Augenblick so anders als mit der Gruppe, so erwachsen, als wäre er schon mindestens 15 und keine 10 mehr. Und vielleicht war es dem alten Drang zuzuschreiben, einem eigenen Sohn etwas beizubringen, ihn aufwachsen zu sehen und dabei zu beobachten, wie er seine Fähigkeiten perfektionierte, aber Zoras konnte sich einfach nicht davon abhalten, ihm noch mehr zeigen zu wollen, ihm noch etwas beizubringen. Den Wissensdurst zu befriedigen, den er auch in Teal immer wahrgenommen hatte. Aber wenn er Teal etwas hatte beibringen wollen, musste er sich in der Regel erst mit Ryoran anlegen.
      "... Beschreibe mir, was du siehst. Oder fühlst."
      Er richtete sich ein Stück auf, aufmerksam jetzt.
      "Komm, leg den Käse weg und konzentrier dich auf mich und deine Umgebung. Was kannst du spüren, was sagt dir deine Aura? Wie weit reicht sie? Du musst zwar lernen mit einer Waffe umzugehen, um dich anständig zu verteidigen, aber deine göttlichen Fähigkeiten zählen auch dazu. Und damit werden wir genauso wenig warten, bis du zu deiner Mutter zurückgekehrt bist."
    • Besseres Blut... Wie konnten Menschen über etwas urteilen, was bei ihnen allen gleich war? Oft genug hatte Amartius von Kassandra eingetrichtert bekommen, dass sich Menschen untereinander kaum unterschieden. In ihren Adern floss der gleiche rote Lebenssaft wie bei fast allen Lebewesen dieser Erde. Nur ihre Fähigkeiten unterschieden sich, und das war einer der Unterschiede zu den Göttern. Er wusste, dass Menschen leicht zerbrechlicher waren als Götter. Kürzer lebten und generell anders waren. Ein einziges Mal hatte er mit Telandir über die Mensch gesprochen und aus der Unterhaltung war nur hängengeblieben, dass Menschen zu Emotionen in der Lage waren, die den Göttern fremd waren. Daraufhin hatte er Kassandra angesprochen, die ihm mitteilte, dass Telandir da recht sprach. Sie nannte ihm Zorn, Neid und Eifersucht als ein paar Beispiele, die den Göttern fremd sein sollten. Und manchmal fragte er sich dann, wie man es nennen sollte, wenn Telandir das Gesicht verzog, wenn er den Jungen betrachtet hatte.
      „Was sie dir erklärt hat, fußte größtenteils auf die Verbindung, die ihr hattet. Sie meinte mal, dass sie nur wegen ihrer Essenz an deiner Brust Bescheid wusste, wenn dir Gefahr drohte. Dass sie nur bei dir manche Gefühlsregungen spüren konnte. Weil ihr Herz bei dir war. Aber du hast nicht mein Herz bei dir.“
      Ja, Kassandra konnte viele Dinge spüren. Aber bei Weitem nicht alles. Was sie als Leid spürte war der Schmerz einer Seele, das Verglühen eines Lebenslichtes. Alles andere bezog sich ausschließlich auf Zoras und gewährte ihm einen Sonderstatus, den er scheinbar nicht anerkannt hatte. Dass Leid besonders stark ausgeprägt sein konnte, hatte er bereits am eigenen Leib erfahren. Beispielsweise, als er ein kleines Licht verfolgt hatte, dass sich einige Etagen unter seinem Aufenthaltsort in der Feste befunden hatte. Ohne es zu wollen nahm er ein erdrückendes Gefühl wahr, je länger er dem Licht folgte. Und dann war es irgendwann plötzlich vorbei. Am Abend gab es Kanin zum Essen und da hatte er verstanden, was er da miterlebt hatte.
      Etwa perplex blickte Amartius zu seinem Vater herüber. Quälend langsam legte er das übrig gebliebene Stück Käse wie geheißen zur Seite und blinzelte ein paar Mal. „Ich sehe das Gleiche wie du, wenn man die Lichter mal außen vor lässt“, meinte er nüchtern und deutete auf die Umgebung. „Das gleiche Gras. Die gleichen Bäume. Gleicher Himmel. Ich seh nur zusätzlich dein Lebenslicht. Das von den Tieren, die hier im Umkreis sind, wenn ich mich drauf konzentriere. Wie weit meine Aura reicht.... puh, schwierig zu sagen... Hab ich noch nie probiert...“
      Er runzelte die Stirn als er tat wie gewünscht. Erneut schien der Rand seiner Iren zu glühen, weitaus geringer als es bei Kassandra immer der Fall war. Er streckte seine Aura aus, spürte, wie sich sich radial um ihn ausbreitete und Tiere sowie Pflanzen berührte. Seine Augenbrauen kräuselten sich als er die Taverne erreichte und zahlreiche Lichter auf einmal aufploppten. „Bis zur Taverne komme ich auf jeden Fall, dann wird’s schwierig“, erläuterte er und hielt seine Aura aufrecht. „Ich kann fühlen, wo sich die jeweiligen Lebewesen befinden. Es kommt ein.. wohliges Gefühl aus der Richtung der Taverne. Ein Gemisch, ich kann es nicht genau deuten.“
      Dann richtete er seinen Fokus auf Zoras. Wenn man es nicht besser wüsste sah es so aus, als würden sich die dunklen Augen in die seines Gegenübers fressen und jede noch so gut versteckte Kleinigkeit ans Tageslicht fördern. Es entstand eine Pause zwischen ihnen, dann machte Amartius ein abfälliges Geräusch und streckte seine Hand nach Zoras aus. Er hatte seine Ärmel noch immer hochgekrempelt gehabt und so legten sich seine Finger direkt auf Zoras' Haut. Fast augenblicklich durchfuhr ihn etwas, das ihm die Nackenhaare zu Berge stehen ließ. Parallel dazu verkrampfte wieder Zoras' Hand zur Faust und Amartius zog endlich die Parallele.
      „Das ist ein Reflex, oder? Es erinnert dich an etwas. Dein Körper reagiert bevor du etwas dazu denkst und jetzt kommt es wieder. Da!“ Eine Gänsehaut rollte über den schmächtigen Körper hinweg, ungeachtet des Mantels, den er trug. „Das ist nicht wirklich Leid. Das ist was anderes. Leid fühlt sich unerträglich an, die Zunge wird ganz schwer und es schmeckt bitter. Das hier ist aber eiskalt und glatt. Fremdartig. Schwer. Was ist das? Das war eben schon mal, als ich die Narbe angefasst habe.“

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      "I rather trust and regret than doubt and regret"
    • "Das meine ich, die Lebenslichter", beteuerte Zoras, der sich noch keinerlei Gedanken darüber gemacht hatte, wie zum Teufel er einem Halbphönix helfen sollte, seine Fähigkeiten zu trainieren. Der Gedanke war ihm spontan gekommen und daher musste er jetzt improvisieren, aber selbst wenn er sich etwas ausdachte war es fraglich, ob es auch einen Effekt erzielen würde. Immerhin stammte sein gesamtes Wissen von Kassandra und auch das wies deutliche Lücken auf, besonders nach der langen Zeit, die dazwischen verstrichen war. Er hatte ja nicht einmal eine Ahnung, wie göttliche Kräfte überhaupt funktionierten, wie sollte er ihm da angemessen helfen? Aber es war doch besser, als gar nichts zu tun, besser als ihn sich die ganze Zeit über verstecken zu lassen, bis er irgendwann dazu gezwungen wäre, den Phönix in ihm doch herauszulassen. Vor anderen konnte er ein ganz gewöhnlicher Junge sein, dem Zoras die Kampfkunst näherbrachte, aber irgendwann musste er auch ein Halbgott sein.
      Daher verharrte er geduldig, als Amartius seiner Aufforderung nachkam. In seinen Augen veränderte sich etwas, was Zoras stark an Kassandra erinnerte und was er sich gleich als gedankliche Notiz beibehielt. Keine Kräfte in der Öffentlichkeit entfalten, nichtmal kleine wie diese hier. Das Glimmen in seinen Augen war zwar unauffällig genug, dass es vielleicht unentdeckt bliebe, aber lieber kein Risiko eingehen. Er würde Regeln aufstellen müssen, wann was erlaubt wäre.
      Amartius nutzte seine Aura und gab schließlich Rückmeldung. Zoras nickte bekräftigend.
      "Das sind etwa 50 Meter, das ist gut. Gut genug in jedem Fall."
      Was würden sie damit anfangen können? Wusste er nicht. Sie würden es wohl mit der Zeit hoffentlich herausfinden.
      Jetzt wandte sich Amartius ihm zu und wenn Zoras es nicht besser gewusst hätte, hätte er gedacht, dass der Junge jetzt irgendeine Art von Macht entfaltete, mit dem er direkt in Zoras' Kopf hätte blicken können. Was mochte er wohl sehen, wenn er eine derartige Fähigkeit besessen hätte? Konnte er seine Gedanken lesen, hätte er die Angst erkannt, die irgendwo tagtäglich tief in ihm schlummerte, Angst davor, eines Tages wieder gebrochen zu werden, so wie der Kerker ihn gebrochen hatte? So wie der Sklavenhändler ihn ein zweites Mal gebrochen hatte? Hätte er das abartige Grauen davor, eines Tages nicht mehr aufzustehen, das ganze, in mühsamer Arbeit aufgerichtete Konstrukt einbrechen zu sehen und es nicht mehr aufbauen zu können, erkannt? Oder vielleicht die Hoffnung, die dahinter steckte, wieder mit Kassandra vereint zu werden? Die Liebe, die sich in ihm festgesetzt hatte und die den Kerker überstanden hatte, die Sklavenschaft, sämtliche Niederlagen, sämtliche Verluste, aber auch jeden kleinen Sieg, jeden halbwegs glücklichen Moment, jede Chance darauf, jemand anderem diese Liebe zukommen zu lassen? Hätte er auch das gesehen? Hätte er die guten und schlechten Momente Zoras' Lebens sehen und erkennen können, wie sie ihn zu dem geformt hatten, was er jetzt war? Vielleicht. Und bei dem Gedanken zuckte Zoras ein bisschen stärker, als Amartius wieder die kreisrunde Narbe berührte.
      "Das ist ein Reflex, ja. Reflexe sind wichtig, die wirst du auch noch trainieren lernen."
      Amartius redete ungehemmt weiter, ohne jedweden Sinn dafür, was hätte ausgesprochen und lieber ignoriert werden sollte. Was war eiskalt, glatt, fremdartig und schwer, wenn Leid bitter auf der Zunge lag? Was spürte Zoras außer dem Schmerz, wenn er die feine Berührung fühlte?
      Angst. Furcht. Grauen. Unruhe. Schrecken. Abneigung. Scheu. Beklemmung. Ekel. Vielleicht alles, vielleicht gar nichts davon. Vielleicht hatte Amartius etwas ganz anderes erkannt, was nicht einmal Zoras bis dahin bewusst gewesen war. Vielleicht hatte er doch unabsichtlich seine Gedanken gelesen.
      Aber er brauchte dennoch eine Antwort und deswegen wog Zoras den Kopf hin und her. Er könnte ihm die Wahrheit sagen, er könnte lügen, er könnte ihm ausweichen. Lügen war keine Option, der Junge würde es entschlüsseln. Die Wahrheit? Ausweichen?
      Zoras ließ sich Zeit mit seiner Antwort.
      "... Das ist vermutlich Angst, die du spürst. Mein Körper erinnert sich an Dinge, die mir einmal Angst gemacht haben und reagiert entsprechend darauf. Das ist völlig normal."
      Jetzt entzog er ihm doch den Arm, nicht um das Gefühl zu stoppen, sondern um sich konzentrieren zu können. Zeit, das Thema zu wechseln. Genug von Narben.
      "Hör genau hin - oder sieh hin. Sag mir selbst, was du jetzt siehst."
      Und er dachte an das erstbeste, was ihm in den Sinn kam, was auch nach all den Jahren nicht aufgehört hatte, einen Effekt auf ihn zu haben. Er dachte an Kassandra an einem sonnigen Morgen im Sommer, auf einem Zaunpfahl an einer Koppel, das Gesicht der Sonne zugewandt und die Augen geschlossen, die Haare lang und dunkel und weich, der Schatten groß und majestätisch. Er dachte an das Glitzern der Sonnenstrahlen auf ihrer Haut, an ihre entspannte Miene, an ihren wunderschönen Körper, der sich in der Sonne badete. Er dachte auch an eine fröhliche, lachende Kassandra am Fluss, die Barfuß ins Wasser stieg und ihn mit einer simplen und gleichzeitig fast hypnotisierenden Geste zu sich winkte. Er dachte an Kassandra in einer wunderschönen, türkisen Tracht inmitten eines Banketts, umgeben von Soldaten und dennoch gänzlich erhaben und majestätisch. Er dachte an Kassandra auf einem Apfelschimmel, aufthronend wie die Königin der ganzen Welt, das Haupt erhoben, die Haltung in gänzlicher Perfektion aufgerichtet. Er dachte an dunkle und gedimmte Räume, an das Gefühl von Wärme und Liebe, an eine liebliche, süße Engelsstimme, die den Raum erfüllte und gleichzeitig nur für seine eigenen Ohren bestimmt war. Er dachte an Kassandra, die einen kleinen Kolibri am Hals trug, seinen Kolibri und der mit ihrem Licht in seinem Diamanten ihr Gesicht erstrahlen ließ. Er dachte an einen Feuervogel, gleißend und hell gegen die tiefschwarze Nacht, majestätisch in seiner Erscheinung, überirdisch und abgöttisch schön. Und er dachte an einen zarten Körper, an weiche Hände und sanfte Lippen, an tiefe, dunkle Augen und einen Blick, der von den Worten "Ich liebe dich" begleitet wurde. Und dieses Mal bohrte sich Zoras' Blick in den von Amartius, als wolle er dem Jungen das gesamte Ausmaß dieser Erinnerungen direkt ins Gehirn übertragen.
    • Was ist das, was du fühlst und ich nicht?
      Wie nennt man etwas, das sich dem eigenen Verständnis entzieht?
      Wie verhältst du dich, wenn nicht mehr geschützt bist?
      Wirst du jemand anders sein?

      Amartius unterbrach die Stille nicht, die seine Fragen aufgeworfen hatte. Vielmehr konzentrierte er sich auf das, was sie wie ein Band von seinen Fingern zu Zoras gesponnen hatte und ihm sekündlich einen anderen Geschmack auf die Zunge zauberte. Doch nicht eines davon fühlte sich gut an, nicht eines dieser Gefühle wollte er mit ihm teilen. Er war kein Schwamm, der die Emotionen anderer aufsog und wiedergab wie die seinen, aber er fühlte sich so verdammt nah dran. Sein Kiefer mahlte während er die Verbindung aufrecht hielt und er in Zoras Augen lesen konnte, wie er überlegte. Abwägte. Ernsthaft in Betracht zog, etwas zu sagen, das einer Unwahrheit entspricht. Er wollte ausweichen, nicht die Wahrheit ans Licht lassen. Und Amartius verstand nicht, wieso das so war.
      „Das soll Angst sein?“, wiederholte er trocken und fragte sich allen ernstes, was er gefühlt hatte, als Telandir ihn beinahe die Zinnen hinuntergeworfen hatte. Er war sich sicher, dass dieses Gefühl Todesangst sein musste. Es gab keine andere Beschreibung für diesen furchtbaren, markerschütternden Horror, den er da erlebt hatte. Nur unterschied sich seine Angst von der, die Zoras scheinbar heimsuchte. Und während der Junge genauestens auf die Emotionen lauschte, fühlte er etwas in seiner eigenen Brust anwachsen. Es begann als kleines Ziehen, das sich impulsartig mal verstärkte und wieder abschwächte. Doch je länger er ihm zuhörte, umso stärker wurde es. Es fühlte sich an wie ein Drang, etwas zu tun. Eine Unruhe, etwas, mit dem er nicht zufrieden war. Es war gleißend hell, brannte regelrecht und ohne es zu wissen empfand der Halbphönix eine Wut auf diejenigen, die seinem Vater dies angetan hatten.
      Dann entzog Zoras Amartius plötzlich seinen Arm und die Verbindung riss so jäh ab, dass der Junge zu straucheln begann. Er blinzelte etliche Male, als sei er aus der Realität gefallen, ehe er sich seiner Selbst wieder bewusst war und sich mit einer Hand über die Stirn fuhr. Das war intensiv gewesen. Noch nie hatte er sich dermaßen von Gefühlen übermannen lassen und langsam verstand er, warum Kassandra ihm damals gesagt hatte, dass man sich niemals von Emotionen beherrschen lassen sollte.
      Hör genau hin – oder sieh hin. Sag mir selbst, was du jetzt siehst.“
      Er wollte ihm eine Frage hinterher stellen, versagte bei dem Versuch jedoch. Noch immer glühten seine Augen leicht, wirkten wie dunkle Steine, die das Licht von Sonne und Sternen in seinen Iren brachen. Schon einen Augenblick später weiteten sich seine Augen und sein Mund klappte auf. Zoras nahm an, dass er etwas sehen konnte. Aber dem war nicht so. Amartius konnte keine Gedanken lesen. Keine Erinnerungen sehen und teilen. Er wusste nicht, was in den Köpfen Anderer vor sich ging, aber er teilte ihre Emotionen. Etwas, das Kassandra nicht vergönnt war und sie nur wegen ihrer Essenz an Zoras' Brust mit ihm konnte. Doch Amartius, als Bindeglied zwischen Mensch und Phönix, besaß die Fähigkeit, mehr als nur tiefgreifende Empathie zu empfinden.
      Sofort verlor sein Körper an Anspannung. Seine Schultern fielen herab, seine Hände öffneten sich kraftlos in seinem Schoß während er nichts sehend Zoras anstarrte, der ihn mit seinem Blick fesselte. Er sah keine Bilder. Er roch keine Gerüche. Er hörte auch keine Geräusche. Aber ein warmer Schauer fuhr ihm durch Mark und Bein, wie warmer Regen, der noch auf seiner Haut verdampfte und ein prickelndes Gefühl zurückließ. Er fühlte sich warm, dann heiß an und seine Brust war so eng, dass er fürchtete, sie würde demnächst aufreißen und alles herauslassen, was er fühlte. Es war so allumfassend, dass es ihm die Tränen in die Augen trieb bis sich eine von ihnen stumm ihren Weg über seine Wange suchte. Wie sich die Liebe einer Mutter anfühlte, wusste Amartius. Aber er kannte nicht die Urgewalt der Liebe zwischen Zoras und Kassandra. Oft genug hatte er die Floskel gehört, dass man für jemand anderen am liebsten sterben würde. Und hier saß nun ein Mann vor ihm, der genau diesen Spruch verkörperte. Am eigenen Leib hatte Amartius diese Form der Liebe nicht erfahren, aber das Gefühl, das er nun von seinem Vater bekam, war mächtiger als jede Angst, die ihn bisher heimgesucht hatte.
      Amartius' erste Worten waren nur ein Windhauch, der genauso flüchtig weggetragen wurde. „Das ist Liebe.“
      Er konnte nicht mehr atmen. Süßer Sirup schien ihm seine Lunge zu verkleben und das Atmen unmöglich zu machen. Und er war gewillt, es noch länger zu ertragen. Wie eine zuckersüße Qual, die er wissentlich auf sich nahm, nur um dieses Gefühl nicht mehr zu missen. „Hingebung. Sehnsucht“, hauchte er weiter, seine Augen glühten marginal kräftiger je länger es anhielt. „Es ist unglaublich warm. Es fühlt sich an, als würde mein Brust platzen. Ich wusste nicht, dass man so etwas fühlen kann...“

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      "I rather trust and regret than doubt and regret"
    • Zoras beobachtete Amartius und während er wartete, während er sich selbst noch ganz auf die Erinnerung an Kassandra konzentrierte, die er oft genug in seinem Kopf wiedergegeben hatte, um sie auch jetzt wie ein Theaterstück vor sich zu sehen, bemerkte er die Veränderung in dem Jungen. Er hätte es nicht fühlen können, nicht so, wie Amartius seine Gefühle spürte, aber er konnte doch zumindest den ungefilterten Ausdruck in seinem Gesicht beobachten. Der Halbphönix hatte, genauso wenig wie seine Worte, noch nicht gelernt, seine Mimik unter Kontrolle zu bringen.
      Zuerst schien seine Statur in sich zusammenzufallen, dann wurden seine Augen noch viel größer, als sie es eh schon waren, und zu Zoras' Verblüffung sammelten sich Tränen darin. Die beiden hielten den Augenkontakt, unerschütterlich, dann schien Amartius zu weinen anzufangen. Zumindest liefen ihm die Tränen über die Wange herab und wenn sich Zoras nicht eh schon sicher gewesen wäre, dass er verstanden hatte, hätte er dieses kleine Experiment hier abgebrochen. Vielleicht war es zu viel für ihn, vielleicht war er überwältigt von Emotionen, die nicht seine eigenen waren. Kassandra hatte schon erwähnt, mit welcher Intensität sie von Gefühlen ergriffen wurde, und für Amartius würde es wohl keinen besonderen Unterschied geben. Nur war Amartius erst drei Monate lang auf der Welt.
      Also ließ Zoras die Erinnerung an Kassandra verpuffen und als der Junge den Schwall an Emotionen, der auch in ihm aufgestiegen war, richtig erriet, nickte er und fing an zu lächeln.
      "Ja, das ist Liebe. Dafür ist allein deine Mutter verantwortlich."
      Er streckte den Arm aus und legte ihn um seinen Sohn, um ihn an sich zu ziehen, bis Amartius sich an seine Seite lehnte. Dann gab er sich damit zufrieden, dass sie beide in dem Gefühl schwebten, dass sie beide von der Wärme der Liebe ergriffen waren, die Zoras in all den Jahren noch immer für Kassandra aufbrachte. Das war besser als Angst und als Narben, als Gefühle die bitter schmeckten und die sich eiskalt anfühlten. Es war besser, als allein damit zu sein.

      Über die Tage verteilt, stellte sich so etwas wie eine Routine ein. Amartius brachte ihnen für die eine Hälfte des Tages asvoßisch bei, die andere Hälfte verbrachten sie entweder damit zu planen oder sich Aufträge zu suchen. Zoras verzichtete absichtlich darauf, größere gewalttätige Gesuche zu verfolgen, wie die Gesetzlosenjagd eine gewesen war, und zog meistens allein mit Tysion los, um Amartius bei Faia und Omnar zurückzulassen. Abends kämpfte er zuerst mit Tysion und brachte Amartius dann, größtenteils zur Unterhaltung der anderen, einige Grundlagen bei. Wie hielt man eine Waffe richtig, wie bewegte man sie, wie ließ man sie fallen, ohne sich zu verletzen. Wie stand man richtig, wie atmete man richtig, wie bewegte man sich richtig. Er ließ ihn nicht noch einmal eine Waffe gegen jemand anderen ausrichten, nachdem er sich noch immer allzu gut an seine erste Reaktion erinnerte. Er brachte ihn auch nicht noch einmal dazu, seine Fähigkeiten aktiv zu nutzen, nachdem ihm auch nach den wenigen Tagen keine Mittel eingefallen waren, ihn irgendwie sinnvoll zu unterrichten in einem Fach, das er selbst nicht beherrschte. Er würde es herausfinden, irgendwas würde ihm schon noch einfallen. Bis dahin hatten sie sowieso genug zu tun, die richtige Kampfhaltung zu lernen.
      Als sie sich der nächsten größeren Stadt näherten, hatte er seine Finanzen soweit überdacht, dass er sich und Amartius zumindest zwei Übungsschwerter besorgen konnte. Das Training war so zwar schön und gut, aber es würde dem Jungen nichts bringen die Theorie zu beherrschen, wenn er nicht mal einen Gegner vorgesetzt bekäme. Und dann würden sie sowieso auf scharfe Waffen verzichten müssen.
      "Also? Morgen Treffpunkt? Oder Übermorgen?"
      "Morgen reicht", brummte Omnar auf Faias Frage.
      "Dann morgen. Komm rüber zu mir, Amartius, dann gehen wir gleich -"
      "Er kommt mit mir."
      Faia blinzelte ihn an. Sie setzte wieder den merkwürdigen Gesichtsausdruck auf, den sie in letzter Zeit ständig präsentierte, wenn sie Zoras und Amartius zusammen beobachtete.
      "Bist du dir ganz sicher? Ich kann ihn mitnehmen, das ist kein Problem, wir werden schon etwas für ihn zu tun finden."
      "Sicher."
      "... Nagut."
      Damit trennte sich die Gruppe fürs erste, damit jeder für den restlichen Tag etwas zu tun finden würde.
    • Diese kleine Lehrstunde über Gefühle hatte immens Eindruck bei dem jungen Halbphönix hinterlassen. Noch in der Nacht sah man die Spuren, als er seine flache Hand auf seine Brust legte und erschüttert war, wie stark Gefühle sein konnten. Nie hatte er sich so sehr mit dieser Thematik beschäftigt und es dämmerte ihm langsam so einiges. Sollten Götter wie seine Mutter oder Telandir es waren ähnlich starke Gefühle entwickeln oder sich gar von ihnen bestimmen lassen, dann war sich gar nicht auszumalen, was sie in diesem Zustand alles verbringen mochten. Noch hatte der Junge nicht gesehen, was es bedeutete, ein Gott mit unmenschlichen Kräften zu sein. Doch er hatte Telandir in seiner Pracht gesehen, die ihm schon damals die Luft einfach abgedrückt hatte. Hieß das im Umkehrschluss, dass die Götter eigentlich nicht so fühlten? Oder nur nicht fühlen durften?

      In den sich anschließenden Tagen wuchs Amartius zu dem Sprachtalent der Gruppe heran. Nicht nur, dass er sich nun problemlos auf therissisch, kuluarisch sowie asvoßisch unterhalten konnte, er lehrte es den Anderen auch mit einer erschreckenden Einfachheit. Das war der Vorteil, wenn man zu kurz auf der Erde wandelte, um sich Gedanken darüber machen zu können, wie man Wissen am besten vermitteln konnte.
      Die Beschäftigung am Abend war unliebsam für ihn. Nach ihrer Unterhaltung erwehrte sich Amartius nicht dem Training, aber Freude bereitete es ihm doch nicht. Die Tage hatten ihn mental altern lassen, sodass er nicht mehr länger der naive, zehnjährige Junge vom Anfang war. Er schloss zu schnell Rückschlüsse, baute Verbindungen zwischen Sachverhalten auf und verstand sich darin, Gestiken und Mimik auch wortlos deuten zu können. Jedenfalls in den meisten Fällen. Er ließ sich nicht davon abbringen, den Lehrstunden seines Vaters mit dergleichen Aufmerksamkeit zu begegnen wie alles, was er neu lernte. Denn er wusste, dass der Moment kommen würde, wo er auf dieses Wissen zurückgreifen müsste. Und da er noch immer wie ein Balg aussah, würde man davon absehen, ihm Respekt zu zollen.
      Es gab eine leichte Diskussion zwischen Vater und Sohn als es um die Finanzen ging. Amartius pochte darauf, dass sie kein Geld ausgeben mussten für Übungsgerät woraufhin Zoras ihm mitteilte, dass er ihn nicht mit tödlichen Waffen angreifen oder angreifen lassen würde. Die Gefahr war einfach zu groß und irgendwann hatte der Halbphönix resigniert. Als sie eine größere Stadt anpeilten, sah Amartius das erste Mal, wie florierendes Leben auf den Straßen aussehen konnte. Im Verhältnis zu den sonstigen Orten, an denen sie sich aufhielten, war die Stadt unglaublich laut. Er war leicht überfordert, wusste nicht, wohin er schauen sollte. Ihm entging sogar die Unterhaltung von Zoras und Faia, die ihre Planung abstimmten. Viel zu überfordert war Amartius mit dieser Situation. Er kam sich klein vor, hatte das gefühl, in der Menge der Leute zu ertrinken. Die Gerüche, zu viele, die er gar nicht kannte, kitzelten seine Nase und er war sich sicher, von irgendwo her Musik zu hören. Die ganze Zeit über brachte er kein Wort heraus, seine Augen zuckten von einer Kuriosität zur nächsten. Bis er bei einem Händler hängen blieb, der allerlei bunte Früchte und Gemüse feilbot. Nichts davon war etwas gewesen, das er in Asvoß hatte zu essen bekommen. Dort gab es maximal Wurzelgemüse und Kräuter, Obst hielt die Kälte in der Regel nicht aus. Außer einer einzigen Frucht, die aufgrund ihrer wahnsinnig dicken Schale trotz der Minusgrade nicht gefror.
      Langsam zog sich Amartius näher zu Zoras zurück, als Faia, Omnar und Tysion abgezogen waren. So nah, dass er seinen Vater mit seiner Schulter berührte und erst dadurch ein wenig Sicherheit gewann. „Das sind wahnsinnig viele Menschen. Es ist so laut... und chaotisch. So viele Lichter quer durcheinander, es sieht aus wie der Himmel bei Nacht...“

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    • Sie ließen Kassadra zu ihrem eigenen Wohle zurück - und außerdem, weil Zoras nervös darin war, die Stute möglichen Gefahren auszusetzen - und gingen zu Fuß weiter. Die Straßen waren voll und laut, die Menschenmengen anstrengend, die Stände am Marktplatz überfüllt. Zoras hatte Städte nie sonderlich vermisst, ganz besonders nicht ab dem Zeitpunkt, als ihm keine Garde mehr zur Verfügung stand und er sämtlichen Taschendieben ungeschützt ausgeliefert war. Und auch sonst allen Unannehmlichkeiten, die sich in einer Stadt so ergaben.
      Amartius blieb dicht an seiner Seite und Zoras widerstand dem Drang, den Jungen die Hand auf die Schulter zu legen oder ihn bei der Hand zu nehmen. Er wollte nicht auffallen, nicht vor den anderen, aber obwohl Amartius in den letzten Tagen wieder deutlich erwachsener geworden war, sah er immer noch klein und schmächtig aus. Und die Götter selbst wussten, was mit kleinen, schmächtigen Jungen auf offener Straße alles angestellt wurde.
      Dann hätte er ihn aber doch fast übersehen, als Amartius unversehens bei einem Stand stehenblieb und sich in die angebotenen Früchte versah, während Zoras sich noch nach dem nächsten guten Schmied umgesehen hatte. Sein Herz setzte für einen kleinen, winzigen Schlag aus und dann erblickte er Amartius' Haarschopf und der Junge schob sich zurück zu ihm durch. Jetzt widerstand er seinem Drang doch nicht mehr und legte eine feste Hand auf die Schulter seines Sohnes, um ihn an seiner Seite zu halten.
      "Mhm. So laut und so viel los. Du bleibst bei mir, okay? Ich will dich nicht verlieren."
      Er behielt seinen Griff auf Amartius' Schulter bei, trotz Anweisung, schließlich war es ihm angenehmer, dass die Leute sahen, dass er zu ihm gehörte. Amartius mochte allein ein leichtes Ziel abgeben, aber Zoras war mit seiner breiten Statur, seiner selbstbewussten Körperhaltung und seinen harten Gesichtszügen alles andere als ein leichtes Ziel. Und schließlich hatte er noch nie Probleme damit gehabt, sich angemessen in der Öffentlichkeit zu präsentieren.
      Er strebte weiter einen passenden Schmied an, pingelig in seiner Auswahl, nachdem er weder Geld verschwenden, noch Amartius mit schlechter Ausrüstung ausstatten wollte - und sei es auch nur ein Übungsschwert, es ging ums Prinzip - aber nach einer Weile des Suchens wurde er schließlich fündig. Er bezahlte 30 Silbermünzen für die Schwerter - 30! In seiner Heimat hätte es die für maximal 20 gegeben - und wollte Amartius gerade mit nach draußen scheuchen, um von dem halsabschneiderischem Schmied wegzukommen, als er es sich doch anders überlegte.
      "Amartius."
      Der Junge blieb bei ihm und anstatt den kleinen Laden zu verlassen, strebte Zoras mit ihm die Ladenhälfte an, in der die Waffen ausgestellt waren. Die meisten waren gewöhnliche Schwerter, hübsch gearbeitete Griffe, Kurz- als auch Langschwerter, aber es gab auch andere Waffen: Dolche, Wurfmesser, Bögen, Armbrüste, Speere, Streitkolben, Äxte, sogar Schlagringe. Die Auswahl war nicht groß, fast erbärmlich sogar, aber Zoras bezweifelte, dass es irgendwo in Kuluar besser sein würde. Zumindest nicht für den Preis, den er bezahlen konnte.
      Er ließ den Blick über die Wand schweifen und dann beugte er sich hinab, bis er auf Amartius' Augenhöhe war.
      "Was meinst du? Irgendwas, das dich interessiert? Das du ausprobieren möchtest?"
    • „Du verlierst vielleicht mich, aber ich ganz bestimmt nicht dich.“
      Amartius' Worte ließen keinen Raum für Zweifel. Er würde auch unter Millionen genau das Licht herausfiltern können, das zu Zoras und damit seinem Vater gehörte. Einmal eingeprägt hatte er den Eindruck, es nie wieder vergessen oder übersehen zu können. Dennoch ließ sich ein angedeutetes Lächeln nicht aus seinem Mundwinkel ignorieren, als Zoras ihm seine Hand auf die Schulter auflegte und damit signalisierte, dass sie zusammen gehörten. Dabei zählte es nicht, dass er es erst getan hatte nachdem die anderen verschwunden waren.
      Schnell stellte Amartius fest, dass er absolut keine Ahnung von Schmiedewaren hatte. Er war durchaus fasziniert von der Esse und wie sie am Leben gehalten wurde. Wie das Metall in hellen Farben zu glühen begann. Aber die Technik hinter der Fertigung, auf was man achten sollte und so weiter, war ihm völlig fremd. Also ließ er seinen Vater verhandeln während er selbst die Auslage begutachtete und sich in seinen eigenen Gedanken verlor.
      Amartius.“
      Im einen Moment noch schien Zoras gar nicht schnell genug aus der Schmiede verschwinden zu können, im nächsten hielt er ihn doch noch zurück. Fragend schlenderte der Junge wieder zurück, die Hände noch immer tief in den Taschen vergraben. Nicht, weil er etwas gestohlen hatte, sondern weil er tunlichst darauf achtete, dass sein Kupfergeld nicht klimperte. „Ja?“
      Relativ wortkarg erkor Zoras doch wieder eine Ecke in der Schmiede aus. Jene, die eine fertige Auslage an diversen Waffen aufbot, die allerdings nicht so ausladend war wie sie es in anderen Städten wohl gewesen wäre. Als sie ihre Blicken schweifen ließen war sich Amartius sicher, dass Zoras eine Präferenz von ihm hören wollte. Wohin seine Neigung ausfallen mochte, wenn er sich entscheiden könnte. Die Bestätigung dessen erfolgte nur einen Augenblick später und erneut ließ er seinen Blick schweifen.
      Ganz kurz blieb er bei einem Speer hängen. Angesichts der Tatsache, dass er Telandir schon mal mit einem gesehen hatte und auch wusste, dass Kassandra gerne einen nutzte, hatte er einen sentimentalen Bezug dazu. Aber mehr als das war es nicht und sein Blick glitt weiter. Etwas länger noch blieb er am Bogen hängen. Je länger er darüber nachdachte, umso friedsamer fand er den Gedanken, aus der Ferne sich wehren zu können. Er würde dank seiner Kraft selbst die größten Bögen spannen können, aber es würde durch seine Statur Fragen aufwerfen. Außerdem waren Bögen sperrig, waren nicht besonders unauffällig und je nach Situation einfach zu langsam. Gleiches galt für Armbrüste. Äxte fand er zu klobig, Schlagringe waren zu nah dran am Handanlegen.
      Folglich blieb seine Aufmerksamkeit an den Dolchen hängen. Die ließen sich mühelos am Körper verstecken, waren für schnelle Gefechte prädestiniert und in seinem Gebrauch nicht unauffällig. Eine kleine Waffe, so klein wie er selbst.
      „Ich glaub, so ein Dolch wäre nicht verkehrt“, meinte er schließlich und neigte den Kopf ein wenig zur Seite während er darüber nachdachte.

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      "I rather trust and regret than doubt and regret"
    • Es dauerte nicht lange, dann hatte Amartius sich für einen Dolch entschieden. Das war keine schlechte Entscheidung, wenngleich Zoras sich fast erhofft hätte, dass er sich für eines der Schwerter entschieden hätte. Mit einem Dolch konnte man nicht vom Pferderücken aus kämpfen, so einfach war das. Immerhin war der Junge zur Hälfte Luor und da lag die Kavallerie im Blut.
      Aber er würde die Entscheidung nicht anzweifeln, also richtete er sich auf, ging zu dem Waffenarsenal und holte einen kleinen, geschmeidigen Dolch von der Wand. Er wog ihn ab, testete die Balance in seiner Hand und die Qualität des Griffs, dann kam er zurück und hielt ihn Amartius hin.
      "Probier mal. Halt ihn so, wie wir es immer machen."
      Er beobachtete, wie der Junge die Waffe in die Hand nahm und sie vor sich hielt. Zugegeben, die Kombination der beiden sah gut aus. Amartius war noch lange nicht groß genug, um einen ernsthaften Eindruck mit einem Schwert zu hinterlassen und mit dem Dolch sah er sogar mehr wie ein Straßenjunge aus in den Klamotten, die ihm weder richtig saßen, noch irgendwie gut aussahen, aber es hatte etwas an sich. Er konnte sich fast vorstellen, dass er einen geschmeidigen, leichtfüßigen Gegner abgeben würde.
      Also ein Dolch. Zoras würde ihm dennoch weiterhin die Schwertkunst beibringen, weil man mit Dolchen schließlich keinen allzu offensiven Kampf abhalten konnte, aber er würde es im Gedächtnis behalten. Er hatte sowieso kein Geld dafür, sich jetzt eine Waffe zu leisten.
      "Wenn du möchtest, werden wir uns demnächst ein bisschen auf den Dolchkampf spezialisieren, hm? Das schadet auch deiner Schwertkunst nicht. Wenn du dich gut mit dem Schwert anstellst, können wir auch mit Dolchen trainieren. Aber erst, wenn du das erste richtig beherrschst."
      Er nahm ihm die Waffe sanft wieder ab und legte sie zurück, darauf hoffend, dass Amartius jetzt davon ausging, erst das Schwert lernen zu müssen, bevor er sich dem Dolch widmen konnte. Vielleicht waren Dolche ja nicht ganz so teuer? Er würde mal nachfragen.
      "Geh nach vorne und warte dort auf mich, ich komme gleich."
      Er schickte Amartius zum Eingang und ging selbst zurück zum Schmied, um über den Dolch zu verhandeln. So wie befürchtet, kostete die Waffe mit 130 Silber ein halbes Vermögen, das Zoras sich nicht leisten konnte. Er hatte eigentlich auf Politurmittel gespart und selbst das konnte er sich noch nicht leisten, 130 Silber überstieg seine Einnahmen bei weitem. Vielleicht würde er unterwegs ja einen Dolch finden, wenn er mal einen Mordauftrag bekam.
      Für einen ganz kurzen Moment zog er sogar in Erwägung, die Waffe zu stehlen, es wäre schließlich nicht das erste Mal, aber er wäre reichlich dumm, inmitten der Stadt einen voll ausgerüsteten Schmied zu bestehlen. Nein, dieser Gefahr wollte er Amartius nicht aussetzen. Sie konnten jetzt nicht gebrauchen, dass er für solche Dummheiten im Kerker landete.
      Also verabschiedete er sich und ging nach draußen, wo sein Junge wartete. Ihm wieder die Hand auf die Schulter legend, führte er ihn zielstrebig in die Richtung, aus der sie ursprünglich gekommen waren. Die billigsten Gasthäuser gab es immer noch am Stadtrand, auch wenn die Gegend nicht allzu sicher war.
      "Wir werden uns jetzt ein Zimmer mieten und dann wirst du die Übungen machen, die ich dir gezeigt habe, und ich werde mir hier irgendwo etwas zu tun suchen, einverstanden?"
    • Eine Welle von Enttäuschung schwappte von Zoras zu Amartius herüber, so unerwartet, dass der Junge ein paar Mal überrascht blinzelte. Seine Aussage hatte für diese plötzliche Gefühlswallung gesorgt, und was noch viel bedeutsamer war, war der Punkt, dass er es spüren konnteohne Zoras direkt zu berühren. Noch während er versuchte, sich einen Reim aus dieser Reaktion zu machen, suchte sein Vater einen Dolch heraus, bewertete ihn und reichte ihn schließlich seinem Sohn.
      Gerade einmal drei Sekunden lang hatte Amartius den Dolch in der Hand und schon fühlte er sich in seiner kleinen Hand nahezu perfekt an. Er hielt das kleine, unscheinbar wirkende Messer vor sich, so, wie er es bei Zoras bereits gesehen hatte. Ihm war nicht ganz klar, wieso ihn das Gefühl beschlich, dass er schon mal eine solche Waffe in Händen gehalten hatte. Es ergab schließlich keinen Sinn, denn der Halbphönix besaß keine Kenntnisse über Waffen. Beinahe tat es ihm schon weh, die Klinge wieder abzugeben und er ertappte sich, wie er ihr etwas zu lange nachsah. „Gut. Dann zuerst das Schwert, dann die Dolche.“ Er nahm einfach an, dass es sinnvoller war, mit gängigen Waffen zuerst zu lernen. Schwerter waren ihm bislang zu Hauff ausgefallen, wohingegen andere Waffenarten fast schon den Stand von Raritäten bei ihm inne hatten. Demnach war es wahrscheinlicher, dass ihm ein Schwert in die Hand fiel als eine andere Waffe. Und dann sollte er definitiv mit jener Waffe umgehen können.
      Langsam schlenderte Amartius zurück zum Eingang der Schmiede, wie Zoras ihn angewiesen hatte. Seine Augen arbeiteten sich parallel dazu durch die Auslagen und ausgestellten Gegenstände, um möglichst viel sehen zu können. Selbst hier drinnen grenzte es an Reizüberflutung mit all den neuen Dingen, die er nun kennenlernen durfte und musste. Alles um ihn herum war dafür da, sich Gewalt zu Nutze zu machen und ehe er sich versah überkam ihn eine unbekannte Kälte. Sei es, um Anderen Leid zu zufügen oder um sein eigenes Leben zu verteidigen – Menschen bestanden auf Waffen, um ihre Ziele und Wünsche durchzusetzen. So funktionierte die Gesellschaft und fügte sich deswegen schon nie in die Gedankenwelt von gewissen Gottheiten ein. Wie hatte Kassandra dieses Leben für so lange Zeit aushalten können? Sie war immer noch unter der Sonne am wandeln – ergo hatte sie es definitiv ausgehalten. Aber was, wenn aushalten nicht gleichbedeutend mit standhalten war? Man konnte einer Person nur vor den Kopf, aber niemals hinein schauen. Oder war das Band zwischen ihr und Zoras so stark gewesen, dass sie es einander konnten? Ob Zoras dann wohl die Abgründe in ihrer Seele gesehen haben mochte?
      Draußen vor der Schmiede wartete Amartius gedankenverloren und beobachtete die Masse an Menschen, die wie ein eigenständiges Lebewesen vor ihm vorbei pilgerte. So viele unterschiedliche Erscheinungsbilder, Lebenslichter und Stimmen schlugen ihm entgegen, dass er für einen Augenblick sich im Moment verlor. Mit der Welle mit spülen ließ, die aus wild gemischten Emotionen bestand. Das gesamte Spektrum der menschlichen Emotion prasselte auf ihn ein und ließ den Atem schwer werden ehe er eine Art Luftzug verspürte. Sein Blick folgte der Richtung, grub sich durch die Leiber vor ihm. Und dann tat sich genau richtig eine Lücke auf und gab den Blick auf eine Gasse ihm gegenüber frei, wo ein Kind in seinem Alter stand. Die Haare waren schwarz und gekraust, die Haut so schwarz wie die Nacht und verschmolz beinahe mit den Schatten der Gebäude zu seinen Seiten. Es war ein Junge, das sah Amartius. Genauso wie er sah, dass das Kind ihn anlächelte und einen Zeigefinger an seine Lippen legte.
      Wir schweigen.
      Unverwandt legte sich eine eine schwere Hand auf Amartius' Schulter und er fuhr herum. Noch bevor er etwas sagen konnte, führte Zoras ihn von der Schmiede weg und fort von dem Kind, das in den Schatten verschwunden sein musste.
      „Wieso suchst nur du dir was? Ich kann auch etwas tun und Geld verdienen. Das ist sinnvoller als irgendwelche Übungen allein zu machen, bei denen mich niemand korrigieren kann wenn ich was falsch mache“, warf er mit einem Hauch Empörung ein. „Wenn du wegen mir ein größeres Zimmer brauchst, dann lass mich wenigstens dafür aufkommen.“
      Das waren Prinzipien, die Faia ihm beigebracht hat. Zoras hielt sich rigoros an sein Motto, dass Kinder nicht unbedingt schwerste Arbeit verrichten sollten. Also hatte er seinen Nutzen aus der Dame der Gruppe geschlagen und sein Wissen bezüglich Wirtschaft vertieft. Er hatte sich fest vorgenommen, zumindest einen Teil der durch ihn entstandenen Extrakosten abzufangen. Wobei er jetzt in dieser Diskussion gerade merkte, dass er gegen den scheinbar unbrechbaren Willen seines Vaters nicht ankam. Das ließ allein schon der Blick vermuten, den der Söldner dem Jungen zuwarf und ihn weiter zum Rande der Stadt lotste. So erstarb sein Aufstand langsam aber sicher und verwandelte sich in ein Grummeln, das nur undeutlich zu vernehmen war.

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    • "Du könntest Geld verdienen, aber wir sind bloß für einen Tag hier. Die einzigen "anständigen" Aufträge, die du in so einer Zeit ausführen kannst, erfordern entweder das hier", Zoras tippte gegen Amartius' Arm, "oder das hier", er tippte gegen das Schwert an seiner Hüfte.
      "Für alles andere musst du schon ein bisschen länger bleiben. Eine Woche mindestens, meistens eher ein Monat. So viel Zeit haben wir nicht und deswegen wirst du auch nichts verdienen."
      Und Zoras würde sich auch keine Gedanken darüber machen müssen, wohin sich der Junge verabschiedete. Natürlich würde er sicherlich eine anständige Stelle finden, als Tellerwäscher vielleicht, als Stall- oder Botenjunge, aber keiner würde einen Jungen für nur einen Tag anstellen. Und alle Sachen, die Amartius in einem Tag erledigen konnte, waren sicherlich nicht erziehungsfördernd.
      Er blieb schließlich stehen, nachdem sie einige Sekunden in Schweigen gegangen waren und Amartius ganz offensichtlich nicht begeistert von diesem Ultimatum war, und beugte sich zu ihm hinab. Der Junge hatte Tatendrang und das war sicherlich gut, aber er musste diese Energie woanders hinstecken.
      "Lass das Geld ganz meine Sorge sein, einverstanden? Ich habe alles im Griff, du musst dir gar keine Gedanken darum machen. Kümmer du dich nur darum, dass deine Kampfhaltung richtig sitzt und du dein Schwert ordentlich führen kannst, das sind nämlich die einzigen Aufträge dieser Welt, die nur du alleine und kein anderer machen kann. Okay? Einverstanden?"
      War es ein Fehler gewesen, Amartius in die finanziellen Probleme eines Söldners einzuweihen? Definitiv. Der Junge zeigte mehr Hilfsbereitschaft, als ihm eigentlich gut war und wenn Zoras ihm nicht bald einen Riegel vorschob, würde er seine eigenen Ziele noch aus den Augen verlieren - die in erster Linie waren, seine Mutter zu befreien zu helfen und in zweiter Linie aufzuwachsen und eine angenehme Kindheit zu erfahren. Dazu zählte nicht, sich eine ständige Sorge um Geld machen zu müssen.
      "Also komm. Du wirst die Übungen machen und wenn ich zurückkomme, wirst du mir einen schönen Aufschwung mit deinem Schwert zeigen. Okay?"
      Er lächelte ermutigend, dann richtete er sich wieder auf und setzte seinen Weg zum Gasthaus fort, die Hand locker auf Amartius' Rücken abgelegt. Nein, er würde nicht im Traum daran denken, den Jungen in einer Stadt wie dieser alleine herumziehen zu lassen. Das käme quasi einem Todesurteil gleich.
    • Amartius erwiderte nichts auf die Worte seines Vaters. Wenn ihm der Job auf dem Bauernhof etwas verdeutlicht hatte, dann dass es definitiv Arbeit gab, die er schnell und innerhalb eines Tages verrichten konnte, die auch noch Menschen zufrieden stellte. Irgendwann konnte er Zoras allerdings nicht mehr ignorieren und wurde an seinen Schultern zurückgehalten, obwohl er am liebsten einfach eisern weitergegangen wäre. Beinahe hätt er mit den Zähnen geknirscht, würgte die Reaktion jedoch noch frühzeitig ab. Er sollte also brav wie das Kind, das er in den Augen aller noch war, im Zimmer auf ihn warten und sein Dasein fristen. Natürlich erwartete man das von ihm, schließlich war er in einer Stadt heillos überfordert. Oder sollte es sein, doch am Rand, dort, wie sie sich nun gerade befanden, wirkte es nicht mehr ganz so chaotisch. Hier fand er sich etwas besser zurecht.
      „Meinetwegen.“ Zu mehr konnte sich Amartius beim besten Willen nicht bemühen. „Wenn dich das glücklich macht...“
      Die Hand in seinem Rücken hatte eine eiserne Bestimmtheit an sich und schob ihn gnadenlos immer weiter voran. Bewusst nahm Zoras ihm die Möglichkeit sich umzuschauen oder genauer die schäbigeren Seitengassen zu untersuchen, die sich an die Hauptstraße anschlossen. Wer wusste schon, wer oder was sich in diesen dunklen Schatten verstecken mochte.

      Man hatte Amartius vorenthalten, wie viel das Zimmer, das Zoras in einem schäbigen Gasthaus gemietet hatte, gekostet hatte. Wie beim ersten Mal hatte es nur ein Bett und ihm gefiel die Vorstellung so gar nicht, dass es wieder der Junge sein würde, der im Bett schlief anstelle des Söldners, der definitiv die Ruhe dringender brauchte als ein Halbphönix. Fast schon trotzig hatte sich der Junge gesetzt, die Arme vor der Brust verschränkt und Zoras viel Erfolg gewünscht bevor er seinen Sohn im vermeintlich sicheren Gasthaus zurückließ.
      Amartius wartete exakt dreißig Minuten, dann stahl er sich aus dem Gasthaus auf die noch immer belebten Straßen der Stadt. Es dauerte einen Moment bis er sich für eine Richtung entschied und sich dann einfach losmachte. Ihm war auf dem Weg hierher bereits aufgefallen, dass immer wieder Kinder in seinem Alter in zerschlissener Kleidung an ihnen vorbei gerannt waren. Mal allein, mal in Gruppen. Aber nicht eines der Kinder sah gesund oder wohlgenährt aus. Ganz im Gegensatz zu den meisten Menschen, denen er bisher begegnet war. Es dauerte auch gar nicht lange, da entdeckte er in einer der besagten Seitengassen eine Gruppe von besagten Kindern. Amartius blieb mitten auf der Straße stehen, ungeachtet der Menschen, die ihn anrempelten oder beleidigten. Es waren vier Kinder, die mit dem Rücken zu ihm standen und scheinbar vor etwas standen und es ansahen. Stirnrunzelnd näherte sich Amartius der Gasse und schnappte auf seinem Weg einzelne Fetzen von den Stimmen der Kinder auf.
      „... machen wir jetzt?“
      „Na, was schon?.... nichts weiter.“
      „Wir sind nur noch vier.“
      „Dann müssen wir eben mehr arbeiten.“
      Beim Wort arbeiten war Amartius aktiviert. Er versteckte seinen Körper halb mit der Gemäuerecke und lugte in die Gasse hinein. Die vier Kinder blickten auf etwas, das am Boden lag und es war ein Junge, der den Spion zuerst entdeckte. „Was glotzt du so blöd,hä?!“
      Daraufhin wirbelten auch die anderen drei zu ihm herum. Sie alle trugen zerschlissene Lumpen, die verdreckt an viel zu dürren Leibern hingen. Ihre Haut war verdreckt und verschrammt, überall entdeckte Amartius alte Narben, die so anders aussahen als jene, die sein Vater trug. Ihre Haarfarben reichten von Schwarz zu braun und die Strähnen waren matt und brüchig. Am schlimmsten sahen jedoch ihre Gesichter aus. Alle eingefallen und das dritte Kind hatte ein so verquollenes Gesicht, dass der Halbphönix erst auf den zweiten Blick erkannte, dass es ein Mädchen war. Ihr eines Auge war durch einen Schlag so geschwollen, dass es fast nicht mehr zu erkennen war und ihre Lippen waren aufgeplatzt. Sie trug frische blaue Flecke und Schürfwunden am Leibe. Wo sie alle herrührten, wusste Amartius nicht.
      „Ich...“, er schluckte schwer und sein Blick glitt langsam über die erbärmlichen Figuren hinweg. Keines der Kinder war älter als er selbst körperlich gesehen. „Ich hab gehört, ihr geht arbeiten und....“
      „Verpiss dich zurück zu deiner reichen Familie, wo du herkommst“, blaffte der älteste Junge zurück, der offensichtlich der Anführer dieser kleinen Gruppe war. Ruppig wies er mit seinem Daumen auf das Etwas, das zwischen ihnen am Boden lag und trat zur Seite, damit Amartius erkannte, was dort überhaupt lag. „Oder willst du so enden wie er, hm??“
      Amartius' dunkle Augen folgten der Geste und erst jetzt, als man ihm Platz machte, erkannte er den Körper eines Kindes am Boden. Es war ebenfalls ein Junge, denn man hatte ihm die Lumpen vom Leib gerissen und ihn nackt auf dem Boden zurückgelassen. Auch sein Körper war mit Prellungen und blauen Flecken übersät und Narben erzählten seine traurige, junge Geschichte. Wenn man genau hinsah konnte man erkennen, dass neben Dreck auch Blut unter den Fingernägeln klebte. Seine Beine waren seltsam abgewinkelt und an diversen Stellen war eine dicke, milchige Flüssigkeit in Spritzern zu erkennen. Das schlimmste war jedoch das Gesicht des Jungen. Es war blau angelaufen, was von den Würgemalen an seinem Hals herrührte. Die Augen waren aufgerissen, die Augäpfel nach hinten gerollt und das Weiße war rötlich verfärbt von Einblutungen.
      Jegliche Farbe fiel auf Amartius' Gesicht als er nur eine unendliche Dunkelheit von dem Leichnam vernahm. Kein Licht brannte mehr, keine Aura hüllte dieses Lebewesen ein. Seine Seele war längst fort und dies war unter grausamen Qualen geschehen. Und binnen Sekunden ahnte der Halbphönix, dass dazu keine Waffen nötig gewesen waren. Seine Lippen bebten, als er das Grauen dort am Boden anstarrte und keine Worte finden konnte. Dann spürte er plötzlich zum ersten Mal, wie ihm eine ohnmächtige Übelkeit überkam. Er konnte hier nicht länger bleiben, es war ein Fehler gewesen, allein loszuziehen. Ohne ein Wort zu sagen stolperte Amartius weg von der Gasse, ließ sich von den Wänden zu seiner Linken leiten während er möglichst viel Abstand zwischen dem, was er gesehen hatte und sich brachte. Nach etlichen Metern sackte er auf den Boden und gab der Übelkeit nach. Er erbrach sich, was scheinbar niemanden hier zu interessieren schien, und starrte zitternd den Boden vor sich an. Das war es also, was Menschen so grausam machte. Was Grausamkeit überhaupt bedeutete. Zwar konnte er nicht mehr die Angst fühlen und den Schmerz, den das Kind durchlebt hatte, aber sein Körper erzählte auch so genug. Wieso tat man einem unschuldigen Kind so etwas an? Was hatte er verbrochen, um so ein Ende zu bekommen? Man hatte sein Leben gewaltsam beendet und der Grund dafür würde ihm auf ewig verwehrt bleiben.
      Erst nach Minuten rappelte sich Amartius wieder auf die Beine und schleppte sich zurück ins Gasthaus. Dort reinigte er erst einmal sein Gesicht bevor er sich, noch immer zittrig, auf das Bett setzte und versuchte, das Bild zu vergessen, das sich eisern in seiner Vorstellung eingebrannt hatte. Er wusste, dass er dieses Bild, diesen Beweis für Grausamkeit der Menschheit, nicht mehr vergessen würde. Und mit einem Mal wurde ihm bewusst, mit welcher Bürde seine Mutter zu leben hatte. Zoras hatte es selbst gesagt, Kassandra war mehrere tausend Jahre alt. Wie viele solcher Erlebnisse trug sie also mit sich herum? Wie entwickelte man die Stärke, aus diesen traumatischen Erfahrungen herauszugehen und immer noch Liebe für andere zu empfinden? Machte das einen Teil ihrer Stärke aus? Was für Bilder hatte sie wohl noch in ihre Erinnerungen gebrannt?
      Diese Gedanken halfen ihm ein wenig dabei, wieder zur Ruhe zu finden. Irgendwann hielt es ihn sogar nicht mehr und er griff tatsächlich zu dem Schwert und tat, wie Zoras gewollt hatte. Alles, damit er dieses schreckliche Bild nicht mehr sehen musste.
      Damit verbrachte Amartius mehrere Stunden bis ihm der Schweiß im Gesicht stand und er fürchterlich erschrak, als sich die Tür öffnete und Zoras plötzlich herein kam. Wie entgeistert ließ der Junge das Schwert fallen und starrte Zoras sein. Sein Atem ging nur noch stoßartig und Schweiß lief ihm in sein Auge, sodass er plötzlich zischte und sich das brennende Auge mit dem Handrücken rieb.
      „Willkommen zurück“, kam es von dem Jungen bevor er sich bückte und das Schwert wieder aufhob. Sein ganzer Arm vibrierte, so als hätte man ihn ständig unter Strom gesetzt. „Siehst du? Wie du wolltest. Vermutlich kann ich dir in der Tat den besten Aufschwung von allen präsentieren.“
      Er setzte ein Lächeln auf, eine Maske, die sich langsam zu formen begann. Eine, die auch Kassandra perfektioniert hatte und essenziell dafür gewesen war, unter den Menschen nicht vollkommen den Verstand zu verlieren.

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    • Zoras vergewisserte sich, dass Amartius wusste was zu tun war, warf ihm noch einen letzten Blick zu und verließ dann das Gasthaus.
      Normalerweise, wäre er alleine gewesen, hätte er sich gar nicht erst die Mühe gemacht ein Zimmer zu besorgen, sondern wäre direkt zur nächstbesten Kaserne gegangen, hätte sich dort für irgendeinen Regelverstoß bezahlen lassen - normalerweise waren das Aufträge wie den Wachdienst zu übernehmen, wenn der betreffende Wachmann seine Zeit lieber woanders verbringen wollte - und hätte sich dann für den Abend einen Auftrag gesucht, der es ihm ermöglichte, vor der Stadt sein Zelt aufzuschlagen. An guten Tagen, wenn er beides fand, brachte ihm das gut 30 Silbermünzen ein und war daher ein lukratives Geschäft. Mit Amartius wollte er aber nicht allzulange wegbleiben und auch nicht auf die Sicherheit des Gasthauses verzichten.
      Es gab noch andere Möglichkeiten, schnell an Geld zu kommen, die Zoras durchaus auch schon durchgekaut hatte, noch bevor er sich Faia angeschlossen hatte. Auftragsmorde, Ringkämpfe, Wetten, Spionage; es gab durchaus einige Bereiche, die einer Stadt vorbehalten waren und in der ein gesunder, kampferfahrener Mann wie Zoras einiges Geld verdienen konnte. Allerdings kamen solche Berufe stets mit einem Risiko, das entweder beinhaltete, sämtliches Geld zu verlieren, oder sich stark genug zu verletzen, um in ernsthafte Schwierigkeiten zu geraten, und nachdem Zoras schon mehrere Male auf der Straße hatte schlafen müssen und sich wiederholt die Schulter beim Ringen ausgerenkt hatte, sodass sie jetzt noch immer pochte, wenn er den Arm in die betreffende Stellung hob, hatte er auch das sein lassen. Was also übrig blieb für einen Mann, der nicht genug Zeit für Kasernenaufträge und keinen Willen für schmutzige Aufträge mehr hatte, waren unterbezahlte Zeitgesuche: Lagerhäuser umräumen, Straßen kehren, Baustellen putzen. Die Arbeit, die selbst bei einer Festanstellung nicht genug Silber einbrachte, um sich eine Unterkunft zu finanzieren. Zoras hasste sie mit jeder Faser seines Körpers. Er tat es für Amartius, das war der einzige Gedanke, der ihn weiter antrieb.
      Er verließ die öffentlichen Straßen und kehrte in die Arbeitsviertel ein, in denen es nach Abfall, Ruß und Feuer stank. Eine kostbare Stunde verschwendete er damit, sich durch die Straßen zu fragen, bis er ein Angebot gefunden hatte, Kohle zu transportieren. Der Mann, der ihn anstellte, hatte diesen Blick in den Augen, bei dem völlig klar war, dass es ihn nicht ein bisschen interessierte, ob Zoras sein Geld auch bekommen würde und er nahm sich vor, ihm eine Lebenserfahrung zu beschaffen, sollte es wirklich so kommen. Aber nachdem er drei Stunden lang Kisten geschleppt hatte, die seine Hände und größtenteils auch seine Kleider schwarz färbte, erhielt er dafür 3 Silbermünzen. Das wäre vielleicht genug für ein Abendessen.
      Am Ende des Tages, als er mehr solcher Minijobs erledigt hatte, hatte er zumindest 17 Münzen zusammen, genug für das Zimmer. Nicht unbedingt für mehr.
      Auf dem Weg dorthin hatte er Rückenschmerzen, seine Beine brannten, irgendwo hatte er sich einen Splitter eingefangen und Rauch hatte sich in seiner Lunge abgesetzt, den er auch mit mehrfachem Husten nicht hinausbekam. Das hatte er davon, nicht in die Kaserne gegangen zu sein.
      Ein weiteres Problem einer Großstadt wie dieser, waren die unterschiedlichen Schichten, die sich in den Menschenmassen bewegten. Der Adel lebte getrennt von dem Rest der Bevölkerung, schließlich hatten sie kostbare Essenzen, die es zu schützen galt, also bewegte Zoras sich ausschließlich in der Mittel- und Unterschicht. Und dort fiel er mit seinem noch recht dichten Haar, dem so penibel rasierten Gesicht, den gesunden und vor allem vollständigen Zähnen und besonders seiner aufrechten Haltung auf wie ein bunter Hund. Da konnten auch Schweiß- und Rußflecken nichts daran ändern.
      Es dauerte aber doch zumindest bis er in das Viertel seines Gasthauses eingetreten war, bis sich ihm zwei grobschlächtige Kerle in den Weg stellten, die scheinbar ganz zufällig aus der Gasse getreten kamen. Hinter sich hörte er den dritten im Bund, der ihm den Rückweg abschnitt.
      Sie erzählten ihm etwas von Anarchie, dass alte Werte wiederhergestellt werden sollten und Schmutz wie er dorthin gehörte, von wo er gekommen war. Er stellte sich dumm und beleidigte sie auf therissisch, aber in einem Tonfall, der eher suggerierte, dass er sie darum bat, ihm nichts zu nehmen und ihn doch in Ruhe zu lassen. Sie schienen die unausgesprochene Einladung anzunehmen und kamen auf ihn zu, Messer in den Händen. Zoras zog sein Schwert hervor.
      Als er zwanzig Minuten später weiterging, musste er sich über einen Riss an seinem Ärmel ärgern und darüber, dass es ihn so lange gebraucht hatte, mit ihnen fertig zu werden. Er war hungrig, müde und wenn er hustete, konnte er den fahlen Geschmack von Rauch auf der Zunge schmecken.
      Als er dann aber zurück ins Zimmer kam, in dem Amartius wohl schon fleißigst trainiert hatte, lichtete sich dieses Tief beim Anblick des Jungen. Ihm stand der Schweiß auf der Stirn und er sah mit großen Augen zu Zoras auf, mit denselbem Blick, mit dem er auch sonst zu ihm aufsah. Es beflügelte sein Herz ein wenig, auch wenn es nicht genug war, um den kompletten Tag ungeschehen zu machen.
      "Ja, wirklich? Das will ich aber sehen. Warte, bis ich mich sauber gemacht habe - hast du etwa die ganze Zeit trainiert?"
      Er legte seine Ausrüstung ab und ging dann weiter, um sich in dem kleinen Zuber behelfsmäßig zu reinigen. Der Ruß ging schlecht ab, den würde er nachher abschrubben müssen, aber erst, wenn er sich mit Amartius beschäftigt hätte. Er kam zu ihm zurück und nahm sich sein eigenes Übungsschwert. Gerade, als er ansetzen wollte, sich von dem Jungen den Aufschwung zeigen zu lassen, runzelte er doch die Stirn.
      "... Alles in Ordnung? Du hast doch sicherlich auch gut Pausen gemacht, oder?"
    • Trotz seiner inneren Unruhe flogen Amartius' Augen über Zoras Erscheinung hinweg. Binnen Sekunden entdeckte er den Riss in dessen Kleidung. Er sah die schwarzen Flecken auf dessen Kleidung und Haut, nahm den kalten Schweißgeruch wahr und spürte schließlich das, was er als Hunger und Erschöpfung damals erklärt bekommen hatte. Das war nicht sein übliches Auftreten, wenn er nach Aufträgen wieder zu der Gruppe stieß. Etwas war anders als sonst gewesen. Doch schon einen Moment später lichtete sich der fade Geschmack auf der Zunge des Halbphönix. Was auch immer seinen Vater belastete wurde durch den Anblick seines Sohnes abgemildert. Das spürte Amartius deutlich und sah ein Maß an Spannung aus dem Gesicht des Söldners abfallen.
      Noch nicht ganz Herr der Lage wich Amartius zurück und stellte das Übungsschwert an die Wand. „Die ganze Zeit. Was soll ich denn groß anderes gemacht haben?“, fragte er leise und schüttelte seine Arme aus, damit sich diese lästigen Zuckungen endlich lösten. Dabei verfolgte er, wie Zoras seine Ausrüstung ablegte und sich mit dem Zuber beschäftigte. Umgehend fielen die dunklen Augen auf das Langschwert, das mitsamt den anderen Sachen nahe des Bettes lagen. Die Klinge steckte wie immer in ihrer Scheide, aber der Griff wies deutliche schwarze Spuren auf. Asche. Zoras hatte zu seinem Schwert greifen müssen und irgendetwas sagte dem Jungen, dass es nicht mit seinem Job zu tun gehabt hatte, von dem er wohl die Ascheschatten hatte. Noch bevor er jedoch etwas in dieser Richtung fragen konnte, war Zoras schon fertig mit dem Zuber und sah wenigstens etwas ansehnlicher aus. Wenn auch nicht völlig frei von Asche und Schmutz. Sein Vater nahm sich das Übungsschwert, sein Sohn tat es ihm gleich. Aber etwas schien Amartius zu verraten, vermutlich sein Gesicht, das unter der imperfekten Maske noch zu gut zu sehen war.
      „Kurze Pausen. Ja... sicher“, bejahte Amartius die Frage, doch sein Blick war unstet. Er war allerdings so geistesgegenwärtig, dass er seinen kleinen Ausflug geschickt mit einer anderen Frage vertuschte, die ihn ebenso sehr beschäftigte. Seine Augen huschten zu dem Schwert neben dem Bett und wieder zurück. „Du hast es benutzt nachdem du deine Arbeit verrichtet hast. Was ist passiert?“
      Er konnte nicht wissen, dass der Riss in Zoras' Kleidung auch daher stammte. Er wusste auch nicht, dass die Klinge Blutspuren aufwies, wenn man sie aus ihrer Scheide zog und genauer untersuchte. Genauso wenig wusste er, dass es notwendig gewesen war, dafür fiel ihm jedoch noch etwas anderes auf. Sein Vater hörte sich andersan. Kratziger. Trockener. Als Kind des Feuers wusste Amartius nicht, dass Asche und Rauch nicht in Lungen gehörte und zu Vergiftungen führen konnte. Doch seine Eingebung sagte ihm, dass das, was er hörte, nicht unbedingt gut klang. Sachte begannen seine Iren am Rande zu glühen als er sich Zoras genauer anschaute. Ein Moment der Stille stellte sich zwischen ihnen ein, dann legte Amartius sein Übungsschwert auf das Bett hinter ihm. „Leg deines auch weg.“ Mit noch immer schimmernden Augen näherte sich der Junge seinem Vater. Schon öfter hatte Amartius das Gefühl gehabt, dass er mehr hätte sehen können, wenn er seine Magie benutzen dürfte. Bei bestimmten Menschen, wie den Kindern in den Gassen vorhin. Dann hätte er gesehen, wie sich die Aura um den Menschen veränderte, wenn er Schmerzen litt oder Beschwerden hatte. So wie ihm nun bei Zoras dunkle Schlieren in seiner Brust auffielen. Minimal weiteten sich die Augen des Jungen als er realisierte, was er dort sah.
      „Oh....“, machte er nur und es klang beinahe ehrfürchtig. Ehrfurcht vor der Gabe, die er besaß. Ehrfurcht davor, dass so etwas komplexes wie ein Lebewesen für ihn lesbar wie ein Buch sein konnte. Der glühende Teil in seiner Iris verbreiterte sich als er eine Hand auf Zoras' Brust legte, seitlich, weil er sah, dass direkt auf seinem Brustkorb etwas war, das ihm auf mehreren Ebenen Leid zufügte. Unter seiner Hand begann es zu prickeln und er fühlte regelrecht, wie sich der Aschestaub innerhalb des Körpers sammelte. Und dann ging plötzlich ein Ruck durch Zoras' Körper und er brach in einem Hustenanfall aus, der so stark war, dass er ihn in die Knie zwang.
      „Ah! Verflucht, ich...!“
      Amartius war Zoras auf den Boden gefolgt und legte seine Hände an dessen Oberarme während der Mann zu husten und zu würgen begann. Schon Sekunden später wirkte es, als würde er sich übergeben, doch er beförderte nur einen relativ kleinen, schleimigen schwarzen Batzen ans Tageslicht. Fast augenblicklich ließ der Reiz nach und Ruhe, wenn auch schnaufende Ruhe, stellte sich wieder ein. Das Glimmen in den Augen des Jungen war erloschen als er den Schleimbatzen als Aschestaub identifizierte. Zoras hatte das eingeatmet und das ließ ihn so seltsam atmen und schlierig erscheinen.
      „Soll ich dir Wasser holen? Irgendetwas? Das ist so ekelig...“ Er stand schon wieder und suchte eilig nach einem Becher, füllte ihn mit Wasser aus einer Karaffe und reichte ihn seinem Vater.

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    • Zoras runzelte noch mehr die Stirn, während er seinen Sohn betrachtete. Amartius mochte neugierig genug sein, um in drei wenigen Monaten mehr von der Welt zu lernen als andere in Jahren, aber zu lügen hatte er noch nicht richtig gelernt - oder gemeistert. Und Zoras fiel es auf, wie er fast ertappt den Blick abwandte, so als wolle er seinem Vater nicht mehr in die Augen sehen. Der Söldner kniff die Augen zusammen, entschloss sich dann aber dazu, die Sache vorsichtig anzugehen, nachdem es wohl etwas zu sein schien, worüber Amartius ausnahmsweise nicht so gerne zu sprechen schien.
      "... Etwas ist passiert, weshalb ich dich nicht alleine nach draußen gehen lasse."
      Er ließ die kleine Ablenkung zu, immerhin war Amartius trotz allem noch immer neugierig und wer wäre er schon, ihm diese kleine Lektion zu versagen.
      "Es gibt einige Menschen in der Stadt, die sich aus diversen Gründen nicht an die Vorschriften halten und ein Grund davon ist, dass es einige andere Menschen gibt, die etwas haben, was diese erste Gruppe haben möchte. Und wir beide sehen für andere eher aus, als gehörten wir zu der zweiten Gruppe - zu denen, die etwas besitzen."
      Er musterte Amartius, der in seiner Erscheinung seinem Vater in kaum etwas nachstand: Helle, ungetrübte Augen, eine saubere, makellose Haut, gesunde und unverlauste Haare, volle Zähne, eine aufrechte Haltung. Bei allen Göttern, hätte Zoras irgendjemandem erzählt, dass der Junge tatsächlich göttliches Blut hatte, hätte es niemand in Frage gestellt. Seine Erscheinung schien geradezu danach zu betteln, aus der Menge der Unterschicht hervorzustechen.
      Wenn man Zoras schon bedrängte, weil er trotz Schweiß, Schmutz und Schwert adelig wirkte, zumindest entfernt, würde man Amartius, einem Jungen, der eher schmächtig gebaut und ganz offensichtlich noch nicht viel Kampferfahrung besaß, wesentlich schlimmeres antun. Und bevor das geschah, würde Zoras sich freiwillig abstechen lassen.
      Für einen Moment betrachteten sich sowohl Vater als auch Sohn gegenseitig, dann fingen Amartius' Augen in altbekannter Weise an zu glühen. Die Falten auf Zoras' Stirn vertieften sich.
      "Hey, keine Magie hier drin. Gar nicht in der Nähe von anderen Menschen, verstanden?"
      Nach einem weiteren Moment folgte er dennoch seiner Anweisung, hauptsächlich weil er nicht unterbinden wollte, was auch immer Amartius jetzt in den Sinn gekommen war. Die Tür war geschlossen, vor dem Fenster gab es nichts zu sehen; welchen Unterschied machte da schon ein bisschen Magie? Die Falten blieben allerdings auf seiner Stirn, als er sein Übungsschwert weglegte und beobachtete, wie der Junge zu ihm kam. Sein Blick war nicht auf Zoras direkt gerichtet, stattdessen fixierte er etwas auf seiner Brust, von dem Zoras sich ziemlich sicher war, dass er es selbst nicht gesehen hätte, auch wenn er sich darum bemühen würde. Amartius gab ein Geräusch von sich, als hätte er soeben einen glänzenden Diamanten in einem Haufen Kohle gefunden und legte dann die Hand vorsichtig auf Zoras' Brust.
      Ein Ruck ging durch Zoras, als sich seine Lunge anfühlte, als würde sie mit einem Schlag zusammengequetscht und gleich darauf wieder gewaltsam auseinander gerissen werden. Es ging so schnell, er hatte noch nicht einmal die Chance, sich darüber Gedanken zu machen, was Amartius genau fabrizierte oder was dort mit ihm geschah, da schüttelte ihn bereits ein Hustanfall, wie er ihn vermutlich noch nie erlebt hatte. Seine Brust zog sich zusammen, sein Hals kratzte und juckte und mit jedem Husten entflammte ein Drang in ihm, noch einmal zu husten, stärker und öfter als noch davor. Er bekam keine Luft mehr. Für einen grauenhaften Moment drohte die Welt zu verschwinden, unerreichbar hinter einer Barrikade seines eigenen Körpers, die er auch mit größter Willenskraft nicht herunterreißen hätte können, dann spürte er etwas in seiner Kehle und übergab sich mit einem würgenden Laut. Ein schwarzes Etwas platsche auf den Boden, schleimig und nass und etwa so groß wie seine Handfläche. Und kaum war es draußen, nahm Zoras einige japsende, schnappartige Atemzüge.
      Das Gefühl in seiner Brust verschwand, sein Hals beruhigte sich, alles zog sich zurück, als er sich zurück auf seine Hände lehnte, jetzt auf dem Boden sitzend, er hatte keine Ahnung, wann er sich niedergelassen hatte. Sein Blick fokussierte sich wieder und landete schließlich auf Amartius.
      "Ah..."
      Er räusperte sich einmal, da sprang der Junge schon auf und kam mit einem Glas Wasser zurück. Dankbar nahm er es entgegen und stürzte es hinab; die kühle Flüssigkeit fühlte sich an wie der reinste Nektar. Nach ein paar Sekunden hatte er sich auch schon genug gesammelt, um wieder klare Gedanken zu fassen.
      "... Was zum Teufel war das?"
      Er richtete sich wieder ein Stück auf und starrte auf den Klumpen hinab, der wohl nach Amartius' Aussage in seiner Lunge gewesen sein mochte. Dieses Ding war in seinem Körper, in seinen Atemwegen? Er fuhr sich mit der Hand über das Gesicht.
      "Danke, Junge. Das hast du... gut gemacht."
      Er klopfte ihm auf die Schulter, dann beugte er sich nach vorne und fing an, das glibbrige Etwas aufwischen zu wollen. Wie weit hatte er nur sinken können, um jetzt hier, in einem schäbigen Gasthaus am Rand einer Stadt, in der er nichts besseres zu tun fand als Kisten herumschleppen und Feuer anzufachen, die Ausdünste eben jenes Feuers vom Boden zu kratzen, die sich bis eben noch in seiner Lunge befanden hatten? Welchen falschen Weg hatte er eingeschlagen, um jetzt hier zu landen? Die Aufnahme eines Söldner-Daseins? Die Sklavenschaft? Die gescheiterte Flucht aus Theriss? Der Kerker? Kassandras Essenz? Kassandra? Der Putsch? Er fuhr sich noch einmal über das Gesicht, dann wischte er den Klumpen soweit weg, dass man zumindest dort wieder stehen konnte und wandte sich Amartius zu - Amartius, seinem Sohn, der einzige Lichtblick, den er in all den Jahren erhalten hatte. Der Junge wirkte noch immer gänzlich aufgelöst von dem soeben erlebten und so legte er ihm die Hände auf die Schultern und führte ihn zurück zum Bett. Wenn er etwas aus dieser merkwürdigen Erfahrung eben mitgenommen hatte, dann war es, dass er deutlich besser auf Amartius aufpassen musste. Er war das einzig wichtige, was Zoras hatte.
      "Das hast du gut gemacht, wirklich. Warn mich nur beim nächsten Mal vielleicht vor, hm?"
      Er beugte sich zu Amartius hinab und musterte ihn mit einer äußerst ernsten Miene.
      "Versprich mir, dass du deine Kräfte nicht vor anderen Menschen entfesselst und dass du dich daran hältst, was ich dir sage, okay? Das ist wirklich wichtig, Amartius. Es gibt einige schlechte Orte da draußen und ich möchte nicht, dass du an einem von ihnen landest, sonst wirst du dir vielleicht auch so ein schleimiges... Ding einfangen. Verstanden?"
    • Das war eine verdammt gute Frage. Was hatte Amartius da gerade veranlasst? Er stand noch immer mit vor Schreck geweiteten Augen vor seinem Vater, der am Boden saß und sich binnen Sekunden das Wasser die Kehle hinunter gespült hatte. Ihrer beide Blicke wanderte geführt durch Geisterhand zu dem schwarzen Batzen, der sich mahnend vom Holzboden abhob. Er glänzte leicht und verlief an den Rändern in dünnen Fäden. Amartius Augen wurden noch größer als sein Vater ihm auf die Schulter klopfte und dann den Batzen untersuchte.
      „Woher willst du wissen, dass das gut war?! Wir wissen beide nicht, was das war!“, erwiderte der Halbphönix aufgebracht und hätte beinahe Zoras davon abgehalten, den Schleimbatzen mit seinem Ärmel zur Seite zu wischen. Aber irgendetwas hielt ihn davon ab und ließ ihn nur an Ort und Stelle verweilen. „Ich hab nur gesehen, dass du was in deiner Brust hattest. Es hat sich gesammelt und dann hast du es ausgekotzt. Das ist Asche, die gleiche Asche wie auf deinen Klamotten! Was macht das... Wieso war....“
      Der Rest ging in einem angestrengten Gebrumm unter. Das war nicht die Heilfähigkeit, denen man den Phönixen nachsagte. Aber es ging leicht in jene Richtung, selbst wenn er nicht genau wusste, was und wie er das gerade bewerkstelligt hatte. Alles, was er sicher wusste, war, dass Zoras nun keine Beschwerden mehr beim Atmen hatte. Zoras hatte sich noch unter seiner Beobachtung aufgerappelt und sich nun seinem Sohn zugewandt. Amartius' Augen waren immer noch so groß wie Monde als er Zoras' Blick begegnete. Er zuckte sogar kaum merklich zusammen, als sich die wohlbekannten, schweren Hände auf seine schmalen Schultern legten und ihn zum Bett lenkte. Dort ließ er sich schwerfällig sinken, konnte die Anspannung aber immer noch nicht loswerden.
      „Ich wusste nicht, dass ich das kann! Das war.... wie eine Eingebung. Ich hab's gesehen und einfach gemacht. Du hast gesagt, keine Magie vor Menschen. Es war keiner hier, der es hätte sehen können. Ich habe aufgepasst“, versicherte er inständig.
      Und dann kam da wieder das Bild von dem Leichnam des Kindes in der Gasse. Wie schrecklich leer und kalt der kleine Körper war. Wie man ihn zugerichtet hatte und die anderen Kinder einen Schmerz verspürt hatten, die nicht nur daher rührten, dass sie einen Freund verloren hatten. Die Farbe, die sich durch die Aufregung in das Gesicht des Jungen begeben hatte, fiel von selbst wieder herab.
      „Ich war draußen als du weg warst.“ Seine Stimme war nur ein Hauchen als er sich ohne Nachzudenken an die Wahrheit klammerte. Sämtliche Kraft war wie weggeblasen und das Knarzen einer Latte hätte schon gereicht, damit man seine Worte nicht mehr verstand. „Ich hab mich umgesehen und Kinder in einer Gasse gesehen. Sie standen vor etwas und ich habe gehört, dass sie Arbeit haben. Ich wollte nachfragen und hab geschaut. Sie hatten alle nur Lumpen an und waren so....dürr. Zerbrechlich.
      Amartius wusste nicht wie Hunger aussah. Er kannte nicht das Bild von hungernden, verwahrlosten Menschen mit Kleidern am Leibe, die man eigentlich wegwerfen würde. Wegwerfen, so wie die Gesellschaft auch die Menschen, die in ihnen steckte, am liebsten entsorgen würde.
      „Am Boden lag ein Kind, Zoras. Ein totes Kind. Einer von ihnen. Mit nichts mehr am Leib und übersät von Wunden und blauen Flecken. Man hat ihn erwürgt, ich hab die Male am Hals gesehen. Wie kann man... Wieso macht man sowas?“
      Erschütterung mischte sich in die viel zu leise Stimme des Jungen. Es war eine Sache zu versuchen, die Bilder zu verdrängen. Eine gänzlich andere, wenn man laut darüber sprach. Es sorgte dafür, dass die Bilder wieder realer wurden, sich tiefer einbrannten und verankert wurden.

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      "I rather trust and regret than doubt and regret"
    • Asche in seiner Brust. Wenn Zoras abergläubisch gewesen wäre, hätte er damit das Ende seiner Tage markiert oder etwas ähnliches. Zwar war der Söldner weit entfernt davon abergläubisch zu sein, aber Amartius mit seiner naiven und unerfahrenen Weltsicht käme einem solchen Glauben wohl am nächsten.
      "Das passiert manchmal, das kommt davon, wenn man zu viel davon einatmet. Das ist nicht schlimm, okay, Amartius? Mach dir keine Sorgen."
      Nicht nur deswegen aber auch leitete er ihn zum Bett und ließ den Jungen sitzen. Er sah aus, als hätte er einen Geist gesehen und Zoras konnte nicht mit den besten Mitteln der Welt Hilfe leisten bei einer Sache, die ihm so fremd lag, wie einem Fisch das Fliegen.
      "Dann war es eine gute Eingebung. Du hast das Richtige getan, keine Sorge. Es geht uns allen gut, hm? Weil du richtig gehandelt hast."
      Etwas sanft klopfte er ihm wieder auf die Schulter, was letzten Endes womöglich auch der Auslöser dafür war, dass Amartius ihm etwas eröffnete, das er sonst wohl nicht getan hätte. Mit wachsender Skepsis und schließlich steigender Paranoia lauschte Zoras dem Geständnis, das der Junge ablegte.
      Er war nach draußen gegangen, er hatte nach Arbeit suchen wollen, er hatte mit Straßenkindern geredet. Er hatte auch eine Leiche gesehen, was Zoras als alltägliches abgestuft hätte, seinem Sohn aber alles andere als geläufig war - und das auch noch alleine. Er hatte eine Leiche gesehen und er hatte Beobachtungen gemacht, bei denen Zoras selbst nicht mehr aufhalten konnte, dass er seine eigenen Rückschlüsse daraus ziehen würde.
      Was wäre wohl geschehen, wenn er tatsächlich Arbeit gefunden hätte? Wenn ihn jemand darauf angesprochen hätte, wenn ihn jemand mit sich genommen hätte, um ihm seinen "Arbeitsplatz" zu zeigen? Wenn die Straßenkinder sich ihm aufgedrängt hätten? Wenn er bestohlen worden wäre? Wenn man sich gar nicht mehr die Mühe gemacht hätte, den einsamen, schmächtigen Jungen irgendwo hin wegzulocken und ihm stattdessen an Ort und Stelle demselben Schicksal ausgesetzt hätte, das man wohl auch dem toten ausgesetzt hatte?
      Für jedes andere Kind hätte Zoras höchstens ein paar trübselige Gedanken daran verschwendet, aber Amartius war eine gänzlich andere Sache. Er starrte den Jungen eindringlich an und dann fast angefangen, ihn über seine Fehlentscheidung zu belehren, als er sich noch zurückhalten konnte. Der Junge war ganz offensichtlich zu mitgenommen von seiner Entdeckung einer Leiche, das war nicht der richtige Augenblick, um ihm weis zu machen, dass er unter gar keinen Umständen alleine vor die Tür hätte gehen dürfen. Nur weil Zoras ihm das noch einbläuen musste, hieß das nicht, dass er nicht das bleiche Gesicht und den entsetzten Blick ignorieren konnte, den sein Sohn zur Schau stellte.
      Er zögerte einen Augenblick, dann nahm er einen tiefen Atemzug zur Beruhigung und setzte sich neben Amartius neben das Bett. Ganz offensichtlich war nichts passiert, da konnte die Lehrstunde auch noch ein bisschen warten.
      Behutsam legte er ihm den Arm um die Schulter.
      "Viele Kinder haben kein Zuhause und leben von dem, was sie auf der Straße so finden. Das sind meistens Nichtigkeiten, aber manchmal sind es auch die Besitztümer anderer Menschen und dann gibt es schonmal Konflikte, die etwas... ausarten. Sowas passiert, wenn ganz viele Leute auf einem Fleck wohnen, das hättest du nicht sehen dürfen."
      Er drückte ihn leicht an sich und bemühte sich um einen entspannten Tonfall.
      "Deshalb ist es wichtig - wirklich, wirklich wichtig - dass du nicht alleine vor die Tür gehst, nicht in einer Stadt wie dieser. Eigentlich nirgendwo, wo es Menschen gibt, auch nicht auf dem Land, denn manche Leute - viele Leute, eigentlich - würden dich für... persönliche Zwecke ausnutzen wollen. Aus den verschiedensten Gründen. Deshalb musst du ja auch lernen, dich mit einem Schwert zu verteidigen, hm?"
      Er streichelte ihm ein wenig über den Rücken.
      "Solange du dich also noch nicht selbst verteidigen kannst, musst du mir versprechen, dass du nur mit einem Erwachsenen irgendwohin gehst - mit einem Erwachsenen, den du kennst, also primär mit mir und den anderen dreien. Hast du mich da verstanden, Amartius? Das ist wirklich wichtig."
      Er warf einen ganz kurzen Blick zum Fenster. Heute Nacht würde er wohl besser alles verriegeln müssen.
      "Hat außer den Kindern jemand mit dir gesprochen? Ist dir jemand hierher gefolgt, hat dich jemand beobachtet? Bist du dir absolut sicher, dass du alleine gegangen und auch wieder alleine gekommen bist?"
    • „Wieso hätte ich das nicht sehen dürfen? Es gibt viel zu viel, das ich nicht weiß und noch nicht gesehen habe. Ich muss mehr lernen, mehr verstehen wenn ich hier unter den Menschen leben soll.“
      Beinahe, gefährlich nah sogar, hätte Amartius erwähnt, dass er ein Zeitlimit besaß. Was für Menschen nichts ungewöhnliches war, hatte bei ihm hingegen eine besonders starke Trag- und Reichweite. Wenn Zoras erführe, dass Amartius' Leben künstlich verkürzt worden war, dann würde er es womöglich nicht so einfach verdauen können. Er würde nachbohren und irgendwann würde sein Sohn ihm erzählen, wer es gewesen war.
      So ließ sich der Junge den Arm um die viel zu steifen Schultern legen. Schultern, die mit Wissen gebürdet worden waren, das nicht für ein so junges Wesen gedacht war. Rigoros hatte er seinen Blick auf die Stelle am Boden gerichtet, wo vorhin noch der Ascheklumpen geklebt hatte. Wenn er nicht mehr allein umher wandern sollte, dann bekäme er ein künstliches Gefängnis. Dann waren es nicht mehr eisige Mauern, die seine Begrenzung darstellten, sondern Worte, ein unsichtbares Gefängnis, dem er Gehorsam zu zollen hatte, wenn er seinen Vater nicht verärgern wollte.
      Ihm gefiel noch weniger, wohin sich dieses Gespräch entwickelte. Zoras forderte von ihm, dass er wusste, wie man sich mit Gewalt behauptete. Aber woher sollte er wissen, wann eine solche Situation überhaupt eintrat? Wie sollte er jemals richtig abschätzen lernen, wenn man ihm die Erfahrungen vorenthielt? Wenn er nicht die Leiche in der Gasse und die abgemergelten Kinder gesehen hätte, wäre ihm dieser Unterschied womöglich nie aufgefallen. Dass seine Hände, die er anblickte nachdem er den Punkt am Boden verloren hatte, glatt und narbenlos waren und so anders waren wie die anderer Kinder. Er trug anständige Kleidung während diese Kinder nur Lumpen hatten. Er hatte pausbäckige Wangen, wo bei den Kindern nur die Wangenknochen die Haut spannten.
      „Ich weiß, dass du nur willst, dass mir nichts passiert“, sagte er zähneknirschend, „aber so läuft das alles nicht. Du kannst nicht ständig auf mich aufpassen. Ich bin kein Kleinkind, das man ständig unter Beobachtung stellen muss. Wenn du mir jetzt sagst, dass ich nicht ohne einen Erwachsenen“, er betonte das Wort besonders abwertend, „mich bewegen darf, dann steckst du mich in einen unsichtbaren Käfig. Dann hütest du mich vor Dingen, die ich nicht sehen sollte. Aber ich muss sie sehen.“
      Seine Fäuste ballten sich an seinen Seiten und seine Schultern wurden wieder hart. Sicher, er wollte jetzt nicht mit allem beworfen werden, was es an Niederträchtigkeiten gab, aber es durfte nicht verhätschelt werden. Er musste so schnell es ging ein Gefühl für diese Welt bekommen und mit jedem Tag, der verstrich, alterte sein Verstand und machte ihm das Bedürfnis nur noch dringlicher.
      „Ich kann nur dann Gefahren als solche erkennen, wenn ich weiß, was kommt. Denkst du etwa, ich wäre sonst dem Bauern auf dem Hof so blind nachgegangen?“ Er bereute nicht, diese Arbeit verrichtet zu haben. Doch so wie Zoras es beschrieb hätte es unter anderen Umständen ganz schnell anders laufen können. „Wenn ich gewusst hätte, wie niederträchtig Menschen sein können, dann hätte ich dem Bauern ganz bestimmt nicht einen runtergeholt. Um Omnar mal zu zitieren.“
      Danke Omnar, dass du mir in der Tat wenigstens eine Sache beigebracht hast.
      Trotz allem traute sich Amartius nicht von Zoras abzurücken. Egal wie angespannt und ja, auch wütend er sein mochte, die Wärme in dieser einfachen Berührung ließ sich nicht leugnen. Es ließ sich nicht abstreiten, dass sie ein Blut teilten.
      „Als ich vor der Schmiede auf dich gewartet habe, war da ein Junge in der Menge, der mich angesehen hat. Er hat mir bedeutet, zu schweigen. Das war's. Außer den Kindern in der Gasse hat niemand mit mir geredet, aber frag mich nicht, ob mir jemand gefolgt ist. Ich war ein bisschen abgelenkt.“

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      "I rather trust and regret than doubt and regret"
    • Zoras spannte die Kiefermuskeln an, während er mit der fast unvermeidbaren Gegenwehr konfrontiert wurde, die Amartius aufbrachte. Selbst ein Halbphönix in einem Alter von drei Monaten, der sein ganzes Leben lang in einer Eisfestung verbracht und nicht ansatzweise die Kindheit eines normalen Jungen erlebt hatte, brachte eine gewisse Aufmüpfigkeit, wenn es darum ging, ihm Grenzen zu setzen. Das mussten wohl alle Kinder gemein haben - selbst Teal war davon nicht unverschont geblieben - aber was hätte Zoras nicht darum getan, dem Jungen mehr Verständnis zu entlocken. Natürlich sollte er die Welt erfahren, natürlich sollte er sehen, was sie zu bieten hatte, aber er sollte es nicht am eigenen Leib erfahren und es sollte nicht seine letzte Erfahrung werden. Sein kleiner Ausflug an diesem Tag hätte einen ganz anderen Ausgang haben können und das schien Amartius noch nicht ganz begriffen zu haben.
      "Ich weiß, dass du sie sehen musst - aber sehen und erfahren sind zwei ganz unterschiedliche Dinge, Amartius."
      Er bemühte sich um Geduld.
      "Du bist kein Kleinkind, das ist richtig, aber du bist auch weit davon entfernt, erwachsen zu sein. Das meine ich nicht abwertend, aber solange du nicht groß und stark genug bist, wird es überall Menschen geben, die größer und stärker als du sind und gegen die musst du dich verteidigen. Das sind nämlich genau dieselben Menschen, die dem toten Jungen, den du gesehen hast, das angetan haben, was zu seinem Tod geführt hat. Und sie würden bei dir nicht Halt machen, nur weil du die Erfahrung noch nicht gemacht hast. Verstehst du?"
      Er streichelte ihm beschwichtigend über den Kopf.
      "Du sollst deine Erfahrungen machen, aber ohne den Gefahren davon ausgesetzt zu sein und deshalb wird dich jemand begleiten, der darauf aufpassen kann. Können wir uns darauf einigen?"
      Dann stockte er allerdings in seinen Bewegungen und erstarrte schließlich.
      Er hatte was? Was hatte Amartius da gerade gesagt, was er beim Bauern getan hatte? Etwa bei dem im Dorf, als sie sich aufgetrennt hatten? Als Amartius mit Faia gegangen war?
      Ungläubig starrte er auf seinen Sohn hinab, der den Stimmungswechsel im ersten Augenblick gar nicht zu bemerken schien, jedenfalls bis zu dem Moment, als Zoras ihn am Arm packte.
      "Was hast du gemacht? Sag das noch einmal. Sag mir ganz genau, was du bei dem Bauern getan hast, Amartius."
      Und Amartius sagte es ihm, von dem Moment, als er flüchtig erklärt bekommen hatte, wie die Kühe zu melken wären, über die Stunden hinweg, in denen er gemolken hatte, bis dahin, als er auch an etwas anderes Hand angelegt hatte. Und mit jedem weiteren Wort, das Amartius unverblümt an ihn richtete, darüber, wie der Bauer ihn auch in diese neue Tätigkeit eingeführt hatte, weiteten sich Zoras' Augen mehr und seine Eingeweide krampften sich zusammen, bis es fast schmerzhaft war. Sein Junge hatte sich prostituiert. Es mochte ein einmaliger und erster Vorfall gewesen sein, aber etwas anderes war es nicht. Er war für einen sexuellen Dienst bezahlt worden.
      Kaum als dieser Gedanke eingesackt war, kochte die Wut in ihm auf wie eine brennende Zündschnur, Wut auf diesen niederträchtigen Bastard von einem Bauern, auf sich selbst, die Nachlässigkeit, die er an den Tag gelegt hatte, auf Faia. Sie hatte auf Amartius aufgepasst, sie war mit ihm zum Hof gegangen und hatte sich dort Arbeit gesucht. Sie hätte ein Auge auf ihn werfen müssen.
      Er sprang auf, bevor er es sich besser hätte überlegen können und machte einige Schritte zur Tür, bis er wieder stehenblieb und sich nach Amartius umdrehte. Er konnte jetzt nicht zu ihr gehen, es war zu spät am Abend und außerdem würde ihm das nichts bringen, als seinen Zorn weiter anzustacheln. Wie hatte sowas passieren können? Einen Tag lang war er weggewesen, einen einzigen und sein Sohn hatte sich schon fast zum Sklaven gemacht. Dabei hatten sie erst vor knapp einer Woche zusammengefunden! Was würde nur Kassandra davon halten? Bei allen Göttern im Olymp, was hätte sie dazu zu sagen, wenn sie herausfände, dass ihr Sohn sich nach nur einer Woche mit seinem Vater prostituiert hatte?
      Er kam mit langen Schritten zurück zu Amartius und dem Bett und beugte sich wieder hinab, die Wut in ihm so knapp vor dem Überkochen, dass er nicht verhindern konnte, wie dunkel sich seine Stimme anhörte.
      "Sowas wirst du nicht wieder tun, hast du mich verstanden? Nie wieder - bei niemandem, und du wirst dich auch nicht dafür bezahlen lassen. Für nichts, was in irgendeiner Weise mit dem Körper von jemand anderem zu tun hat. Hast du mich verstanden?"
      Er war selbst daran schuld. Zoras war viel zu spät damit gekommen, sich von Fremden fernzuhalten, das erste, was man einem Kind wohl beibringen sollte. Er hatte es nicht getan und stattdessen Amartius auch noch an Faia übergeben. Wieso hatte er nicht daran gedacht? Wieso war ihm nicht in den Sinn gekommen, dass ein Junge, der so ganz offensichtlich keine Ahnung von der Außenwelt hatte, auch nicht wusste, was zu beachten war und was nicht? Er hatte einfach nicht daran gedacht, das war die Antwort darauf. Er war vielleicht noch überwältigt davon gewesen, jetzt einen Sohn zu besitzen, auch noch Kassandras Sohn, dass er völlig außer Acht gelassen hatte, sich angemessen um ihn zu kümmern. Wenn er Kassandra nicht besser kannte, hätte er gewettet, dass sie ihm den Kopf abreißen würde, wenn ihr das jemals zu Ohren käme. Vielleicht wäre es besser, wenn dieser Fall genau nicht eintrat.
      Er rieb sich über das Gesicht, während er versuchte, die Kontrolle über seine Emotionen zurückzuerhalten. Niemand war verletzt, Amartius hatte es einfach nicht besser gewusst. Das ließe sich jetzt ändern.
      "Das war eine sehr, sehr schlechte Sache, Amartius. Du wirst niemandem davon erzählen, dass du das getan hast, verstanden? Und du wirst das auch nie wieder tun und es niemanden bei dir tun lassen. Okay?"
      Und nachdem er sich einigermaßen soweit beherrschen konnte, um nicht jeden Moment ausversehen an die Decke zu gehen, setzte er sich wieder zu Amartius und versuchte ihm in aller Einzelheit und mit der größten Geduld, die er aufbringen konnte, zu erläutern, weshalb manche Menschen einen solchen Dienst von Amartius verlangen könnten, weshalb es schlecht war, was sie sonst noch von ihm haben wollen könnten und weshalb das eine Gefahr für ihn darstellte. Er versuchte auch, die Kurve zu seiner vorher aufgesetzten Beschränkung zu machen, indem er auch vage erklärte, was mit einsamen Kindern auf der Straße passieren konnte und was wahrscheinlich für den Tod des Jungen gesorgt hatte. Er gab sich größte Mühe dabei, Amartius zu erklären, weshalb er deswegen niemals alleine sein dürfte und weshalb es so unbedingt notwendig war, dass er sich zu verteidigen wusste, hauptsächlich vorerst mit dem Schwert, bis er genug Muskelmasse aufgebaut hätte, um sich auch mit bloßen Händen gegen einen Erwachsenen verteidigen zu können. Er versuchte das nachzuholen, was er selbst und ganz anscheinend auch alle in anderen in Amartius' Leben bisher versäumt hatten.
    • Wieso definierte man alles in dieser Welt mit Größe und Stärke? Kassandra war so viel stärker als die meisten Menschen und gerade Männer, die sie meist um mindestens einen Kopf überragten. Und doch würde sich nie auch nur einer von ihnen mit ihr messen können. Wieso war Amartius da anders? War er so weit entfernt vom Gott sein, dass man die sterbliche Seite an ihm prägnanter wahrnahm? Ganz tief in sich spürte der Junge, dass derjenige, der das Kind auf der Straße getötet hatte, ganz bestimmt nicht stärker war als er selbst. In ihm schlummerten Kräfte, die nur darauf warteten, benutzt zu werden. Und genau das was einer der Punkte gewesen, warum er am Ende doch damit raus gerückt war, was auf dem Bauernhof geschehen war.
      „Was ich gemacht habe? Das willst du so genau wissen?“ Wieso spielte es eine Rolle, was er getan hatte? Niemand war zu schaden gekommen, er hatte Geld erhalten und der alte Mann war glücklich und zufrieden. Also erzählte Amartius seinem Vater detailreich, was der Bauer von ihm gewollt und am Ende auch bekommen hatte. Und dass Amartius rein gar nichts verwerfliches daran gefunden hatte.
      Mit jedem Wort, das über seine Lippen kam, sah er eine Veränderung in Zoras' Gesicht. Seine Augen waren dabei der größtmögliche Spiegel seiner Gefühlswelt, als sich seine Augen sekündlich weiter weiteten. Was bisher noch recht harmlos wirkte, brach alsbald wie eine gewaltige Welle über Amartius herein. Eine gewaltige Welle von Wut, so stark und ausgereift wie kein anderes Gefühl zuvor, traf den Jungen völlig unvorbereitet. Es fühlte sich für ihn an, als prallte eine Wand gegen ihn. Seine Gedanken gerieten ins Stolpern und er musste heftig blinzeln, um diese Macht von sich abzugrenzen. Alles, was der Halbphönix bisher als Wut bei sich bezeichnet hatte, war nichts im Gegensatz zu dieser Urgewalt. Die von einem einzigen Menschen stammte.
      Unweigerlich fuhr er zusammen, als Zoras vom Bett aufsprang, wortlos und dermaßen geladen, dass Amartius nicht mehr folgen konnte. Er blieb auf dem Bett sitzen, wandte sich jedoch zu seinem Vater um und starrte ihn an.Jeglicher Frust, jegliche Bestürzung und jegliche Trauer waren innerhalb eines Paukenschlages verpufft. Dann hielt Zoras inne, machte auf dem Absatz kehrt und kam zurück zum Bett. Instinktiv versteifte sich Amartius, seine Zunge fühlte sich pelzig an als er zu dem groß gebauten Mann aufblicken musste und schlagartig verstand, warum er einst ein Herzog gewesen war. Jemand, der Armeen befehligt hatte und an oberster Stelle gestanden hatte. Jemand, dem die Dominanz aus den Poren triefte, sofern er es denn wünschte. Die unbarmherzige Wut in Zoras' Innerem brachte diese einst ausgestorbene Seite wieder zurück ins Leben und ließ Amartius zu einem kleinen Häufchen Asche werden. Es war das erste Mal, dass der Junge überdeutlich hörte, wie Wut eine Stimme färben konnte. Zögerlich nickte er auf den Befehl hin, die eingeschüchterte Haltung schwand auch dann nicht, als sich sein Vater wieder aufgerichtet und durch das Gesicht gestrichen hatte. Selten zuvor hatte sein kleines Herz so geflattert und er vergessen, wie man seine Stimme benutzte. Er kam nicht eine Sekunde aus diesem Zustand, selbst als Zoras ihm genauestens erklärte, was nun eigentlich das Problem bei der Sache gewesen war. Ganz langsam dämmerte es dem Jungen, warum die Gesellschaft hier eine Grenze zog.
      „Ich habe gedacht, es sei etwas Gutes. Ich wäre gut in etwas und könnte helfen. Es klang nicht so, als hätte ich etwas Verbotenes getan, immerhin war der Bauer glücklich. Aber ich versteh schon... Es gibt Menschen, die sich mit Gewalt nehmen, was sie wollen. Und wir Kleinen sehen aus, als könnten wir nichts erwidern. Das Machtgefüge spielt gegen uns. Verstanden“, sagte er irgendwann kleinlaut, die ersten Worte seit der Standpauke. Sein Blick war konsequent gesenkt während langsam in seinen Verstand sickerte, dass man das, was er dem Bauern gegen Geld geleistet hatte, auch ihm hätte aufzwingen können. Dass man davon ausging, dass er sich nicht wehren konnte und ihn mit Gewalt niederringen würde. Ihn knechten würde, ihn in das verwandeln konnte, vor dem Kassandra ihn stets gewarnt hatte. Er war so nah dran gewesen, eine Grenze zu überschreiten, die er bis dato nicht gekannt hatte, dass es ihn nachträglich fröstelte und er sich die Hände auf seinen Oberschenkeln rieb. Er würde später lernen müssen, welche Macht hinter Gelüsten stecken konnte und ab wann man von illegal zu legal überging.

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