Salvation's Sacrifice [Asuna & Codren]

    • Zoras schlief lange und als er aufwachte, hätte er gleich wieder weiterschlafen können. Er kniff die Augen gegen das Licht im Zelt zusammen - und dann erinnerte er sich schlagartig und drehte sich zur Seite.
      Kassandra war schon auf und saß aufrecht an der Zeltwand. Das hereinströmende Morgenlicht schien sie erstrahlen zu lassen, denn ihr Haut glühte regelrecht, oder wirkte zumindest so, bis Zoras sich über die Augen rieb und das Glühen verschwunden war. Er lächelte sie an. Es dauerte einen Moment, bis sein Gehirn wach genug war um zu funktionieren.
      "Sehr viel besser. Ich glaube, ich habe schon lange nicht mehr so gut geschlafen."
      Er streckte den Arm nach ihr aus und Kassandra kam heran, als hätte Zoras ein eigenes Gravitationsfeld, das sie heranzog.
      "Dann hat es funktioniert?"
      Die Antwort war ernüchternd und brachte ihn vollständig in die Realität zurück. Dann konnten sie sich also nicht auf ihre Aura verlassen; er stieß ein Seufzen aus.
      "Okay. Macht nichts. Das hast du trotzdem gut gemacht. Warst du die ganze Zeit über wach?"
      Er zog sie vollständig in seine Umarmung rein, dann küsste er sie zärtlich und strich über ihre Haare. Sie wirkte erschöpft, aber nicht auf die körperliche Art - eher auf die geistige. Er debattierte für einen Moment mit sich, ob er sie danach fragen sollte, ob sie wieder etwas geträumt hatte, entschied sich dann aber dagegen. Es war wohl besser, sie wenn überhaupt abzulenken, anstatt sie daran zu erinnern.
      "Du kannst dich in den Wagen legen und heute Abend werden wir uns abwechseln, okay? Ich schlafe vier Stunden, dann schläfst du vier Stunden. Wenn es funktioniert, wenn er uns wirklich nicht erkennen kann, wenn du nicht schläfst, können wir uns etwas neues einfallen lassen."
      Zoras würde nicht im Traum daran denken, nicht mehr mit Kassandra zu schlafen. Leider rückte das immer mehr ins Mögliche und er hasste Morpheus dafür bis aufs Blut.
      "Und morgen werden wir versuchen, tagsüber zu schlafen und nachts zu reisen. Vielleicht können wir so einen gewissen Vorsprung zu ihm haben."
      Er küsste sie wieder, dann begnügte er sich damit, für einen Augenblick noch bei ihr zu liegen. Er streichelte ihr Haar, ihre Hüfte, ihr angewinkeltes Bein. Als er drohte, wieder wegzudösen, richtete er sich seufzend auf und stellte sich der Realität.

      Kassandra ruhte sich in der Kutsche aus als sie weiterfuhren. Zoras blieb in der Nähe, Solair an den Zügeln neben sich, und lauschte angestrengt nach dem kleinsten Laut, der von ihr kommen könnte - aber sie blieb still. Ein paar Mal ließ er sich zurückfallen, um durch die Öffnung im hinteren Teil auf ihre Gestalt zu blicken und so wie es schien, war sie wirklich eingeschlafen, aber Albträume schienen auszubleiben. Das war gut, das war ein Fortschritt. Sie könnten so alle etwas Schlaf bekommen und Morpheus könnte Kassandra aus den Augen verlieren.
      Am Abend legte er sich zuerst hin, damit Kassandra Morpheus nicht ihre Position zuerst verriet. Ihr abendliches Ritual hatte einen bedrückenden Beigeschmack und als sie ineinander verschlungen in ihrem Zelt lagen und darauf warteten, dass der Kutschführer anfangen würde im Schlaf zu winseln, fiel Zoras erst auf, woher dieser Beigeschmack ruhte: Sie hatten bis auf die wenigen Küsse kaum Liebkosungen ausgetauscht, seitdem sie den Herrschaftssitz verlassen hatten. Morpheus hatte sogleich von ihren Gedanken Besitz ergriffen, selbst bevor er Einfluss auf ihre Träume genommen hatte.
      Zoras umfasste Kassandra ein bisschen fester, eine übliche Angewohnheit mittlerweile, und rollte sich mit ihr herum, bis sie unter ihm lag. Er stützte sich mit den Ellbogen ab, während er es sich auf ihr bequem machte; nicht, um sein ganzes Körpergewicht auf ihr abzulegen, aber um die nächste Zeit dort zu verbringen. Dann legte er eine Hand an ihre Wange, umfasste sie leicht und beugte sich für einen Kuss hinab - keiner von denen, die zwar länger, aber nichtssagend waren, sondern ein nachdrückliches Pressen seiner Lippen, mit dem er Wörter zu vermitteln versuchte, die in diesem Moment nie ausgesprochen worden waren. Er ging nicht weiter als das. Er küsste sie und bemerkte, dass sie nach Früchten schmeckte, auch wenn sie gar keine gegessen hatte. Dass sie nach wilder, ungezähmter Natur roch, auch wenn sie den meisten Tag im Wagen verbracht hatte. Dass sie so weich war, als käme sie gerade aus Niligads Bädern. Dass sie einladend warm war, auch wenn draußen der Wind pfiff.
      Ein Lächeln stahl sich auf seine Lippen und er löste sich von ihr, gerade so weit, um ihr in die Augen sehen zu können. Es war vollkommen dunkel im Zelt, das Lagerfeuer draußen warf nur einen sehr schwachen Schein hinein, aber er konnte dennoch ihre Augen glitzern sehen. Zärtlich strich er mit dem Daumen über ihren Wangenknochen.
      "Haria."
      Ihre Lippen kitzelten ihn und er beugte sich wieder hinab, um sich auf die kostbarste Weise mit ihren zu vereinen. Er versank in sämtlichen Sinneseindrücken ihrer Gestalt. Als sie sich später irgendwann lösten und er an ihrer Seite langsam einschlief, hatte er Kassandras hauchdünnen Duft von Kastanie in der Nase und war sich sicher, dass die Natur noch niemals so liebreizend gerochen hatte.
    • "Nachdem ich aufgewacht war - ja. Ab da war ich die gesamte Zeit über wach." In ihrem Gesicht zeichnete sich nichts dergleichen ab. "Abwechseln klingt nicht verkehrt. Wir finden schon einen Mittelweg bis wir wieder in Luor sind..."
      Kassandras Worte verloren sich als sie sich noch enger in Zoras' Umarmung schmiegte. Sie wollte nicht darüber nachdenken, wie ein Fremder ihr Unterbewusstsein durchwühlte und all das ans Tageslicht förderte, was sie so tunlichst zu kaschieren suchte. Dass Zoras die Decke noch nicht aufgefallen war, war der reinste Segen für sie. Vielleicht funktionierte ja der Vorschlag mit dem Schlafen tagsüber. Immerhin ahnte sie bereits, dass ihr Unterbewusstsein wie ein Leuchtfeuer für den Gott der Träume wirken musste. Am Ende verloren sie beide keinen Gedanken mehr an diese Pläne sondern genoßen einfach nur das Beisammensein. Den Anderen zu fühlen, atmen zu hören, die Wärme zu spüren. Bis der Sonnenstand es nicht mehr anders zuließ und sie dazu nötigte, ihr Lager wieder einmal abzubrechen.
      Über ihnen kreiste bereits ein großer Vogel, der wie sie wohl früh in den Tag gestartet war.

      Im Laufe des Tages ging Kassandra auf das Angebot des Herzoges ein. Sie zog sich in den Laderaum des Wagens zurück, wo sie sich zwischen den aufgerollten Zeltmaterialien und Lagersäcken legte. Das Holpern des Wagens, die ständigen Geräusche und die Gewissheit, dass Zoras immer wieder nach ihr sah, machten das Ruhen überaus schwierig. Es kostete sie mehr Mühe sich zur Ruhe zu zwingen anstatt dass die Müdigkeit sie selbst überfiel. Irgendwann hatte sie jedoch den Punkt überschritten und verschwand im traumlosen Nichts, aus dem sie einige Zeit später erwachte.
      Als es Abend wurde und Zeit war, das nächste Lager aufzuschlagen, sahen sich Champion und Träger wieder mit der gleichen Misere konfrontiert. Ihre eigentlich schöne gemeinsame Zeit abends im Zelt war vollkommen zu einer Routine mutiert, in der sie zwar eng beisammen lagen, aber ständig die Ohren auf erste Anzeichen gespitzt hatten. Kassandra hatte ihre Aura wieder etwas weiter gesponnen aber bei Weitem nicht so sehr wie in der vorangegangenen Nacht. Für sie war allerdings ein Punkt schon klar: Sie würde kein Auge zumachen und auch nicht Zoras wecken. Wenn er es schaffte, die komplette Nacht ruhig durchzuschlafen, würde Kassandra ihn mit Sicherheit nicht wecken.
      Zoras riss sie ein wenig aus ihren Gedanken als er sie fester packte und wieder herumrollte. Ihre Miene zeigte eine Spur gekünstelter Beleidigung während sie so zu ihm aufsah und sich fragte, seit wann er die Freiheit besaß, sie einfach so unter sich zu bringen. Allerdings verlagerte er sein Gewicht schlauer und verdeutlichte ihr somit, dass er plante, eine längere Zeit so zu verweilen. Sie gestattete ihm, ihre Wange zu berühren und sich schließlich zu ihr zu beugen, um ihr einen von den mittlerweilen nicht mehr so rar gesähten Küssen zu schenken. Ihre Lider fielen ihr zu, kaum hatten seine Lippen ihre berührt und einen Nachdruck unausgesprochener Worte. Sie seufzte kurz in ihn hinein und hatte gar nicht bedacht, dass er in der Lage war, die weniger stark verschlossene Macht in ihr zu bemerken. Als er sich von ihr löste, folgte sie ihm ein wenig, ließ sich aber zurückfallen und von ihm mustern. Sein Daumen, mit dem er über ihre Wange strich, war rau vom Halten der Zügel und der trockenen Luft. Doch die Phönixin verstand den wortlosen Austausch und fühlte sich genötigt, ihren Körper zu bewegen, wenn auch nur ein ganz kleines bisschen. Sicher, sie genoßen die Zeit zusammen, schliefen beisammen und hatten sich auf einer Ebene angenähert, die sie nicht mehr für möglich gehalten hatte. Aber das war es dann auch schon. Vergleichbare Momente wie in Niligad waren nicht ein einziges Mal aufgeflammt und der Schuldige trug einen himmlischen Namen, der verteuflungswürdig war.
      "Haria."
      Da war es wieder. Dieser Name, der ihr erschreckend zuwider war und von Zoras mit solch einer Hingabe ausgesprochen wurde, dass sich die Phönixin für ihre eigene Wahrnehmung schämte. Sie verstand die Absicht dahinter, fühlte sich auch geschmeichelt, aber er hielt es immer noch für nötig ihr einen anderen Namen zu geben. Einen, der seiner Kultur angemessen erschien und sie auf seine Ebene holte. Weg von dem, was sie in ihrem Kern eigentlich war. Barsch schob Kassandra diese Gedanken von sich, fing stattdessen seine Lippen wieder ein und ließ ihre Hände über seinen kräftigen Rücken wandern. Bei Zeiten....
      Aber Zeit war etwas, das sie nicht besaßen.
      Kurz darauf richtete sich Zoras zum Schlafen neben ihr ein. Sie wartete seelenruhig ab bis sie sicher war, dass er weggedöst war. Erst dann löste sie die eigens auferlegten Ketten um sie selbst. Das Glühen kehrte zurück, die Aura wurde kräftiger, ihre Temeratur stieg weiter an. Was waren schon ein paar Stunden gegenüber den Jahrhunderten, die sie in einem wahrgewordenen Alptraum auf dieser Welt verbracht hatte? Also verbrachte Kassandra die Stunden an Zoras' Seite wie schon in der Nacht zuvor. Sie würde nicht das Leuchtfeuer Morpheus sein, dass die Aufmerksamkeit direkt auf den Herzog und den Kutscher lenkte. Sie vermutete bereits, dass er tatsächlich ihrem Rhythmus folgte und dann wäre es sich sicherer, wenn sie tagsüber schlief. Oder einfach solange mit Schlaf generell wartete wie sie konnte.
      Als die Sonne sich wieder bemerkbar machte und die ersten Vögel zu hören waren verhüllte die Phönixin sich wieder ein wenig. Sie hatte keine besonderen Geräusche von den Männern hören können obzwar Zoras nicht ganz so entspannte gewirkt hatte wie in der Nacht zuvor. Er würde ihr mitteilen müssen, ob es von Erfolg gekrönt worden war oder nicht.

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      "I rather trust and regret than doubt and regret"
    • Zoras schlief ohne besondere Zwischenfälle. Er träumte von langen, naturlosen Ebenen, die ihn ungeschützt fühlen ließen und in denen er sich fragte, ob er jemals Deckung finden würde, während mit jedem Schritt die Gewissheit wuchs, dass ein unbekanntes Etwas sich ihm näherte, das er weder hören, noch sehen konnte. Als er aufwachte, wusste er nichts mehr von dem Traum außer das hinterbliebene Gefühl und fühlte sich einigermaßen ausgeschlafen.
      Erst, als er Kassandra an der Zeltwand kauern sah, so wie sie auch am Vortag schon gesessen war, verstand er endlich.
      "Hast du mich nicht geweckt?"
      Er richtete sich auf die Ellbogen auf und verzog das Gesicht tadelnd.
      "Kassandra. Du musst sicherlich genauso schlafen wie wir, es bringt nichts, dass du deinen Schlaf opferst, damit ich meinen haben kann."
      Er streckte den Arm nach ihr aus. Was für ein Privileg es war, die Phönixin an sich schließen zu können, schoss es ihm durch den Kopf, als er ihre Wärme empfing. Was für ein Privileg, überhaupt die Ruhe dafür zu haben, die Zeit, die Ungestörtheit. Würde es die nächsten zwei Jahre so sein? Er bezweifelte es. Irgendwann würde die Zeit gegen ihn laufen.
      Aber nicht an diesem Morgen, an dem er sie wieder in die Arme schließen, das Gesicht in ihren Haaren vergraben und ihren Geruch von frischer Bergluft in sich aufsaugen konnte. Er küsste sie und er streichelte sie. Er machte einen dummen Witz über seine Träume und brachte sie sogar zum lächeln. Es war nicht viel und sie lächelte sicher eher aus Mitleid und nicht, weil er besonders lustig war, aber es war genug, um ihm einen gewissen Energieschub zu geben. Er fühlte sich für den Tag bereit.

      Sie schlugen ihr Lager am Nachmittag auf, nachdem sie das Mittagessen hinausgezögert hatten, um es jetzt einzunehmen. Es war merkwürdig, die Zelte bei Tageslicht aufzubauen und einzurichten, aber sie mussten versuchen wenigstens etwas Pause zu machen, bevor sie am Abend dann weiterreisen würden. Die Pferde bekamen eine Extraportion Heu aus dem Wagen und Zoras versuchte genug zu essen, um sich selbst müde zu machen. Er hatte nicht sehr Erfolg damit; vermutlich hätte es funktioniert, wenn er nicht die ganze Nacht so vergleichsweise gut geschlafen hätte.
      Er schob seine Schüssel beiseite und suchte Augenkontakt mit der Phönixin.
      "Kassandra, kämpf mit mir. Ein Übungskampf, ein kleiner; wie im Palast. Wir haben zwar keine Übungswaffen, aber wir können die Schwerter in den Heften lassen - oder du benutzt das stumpfe Ende deiner Waffe. Hm?"
      Der Gedanke war ihm spontan gekommen und jetzt empfand er es als äußerst hilfreiche Idee, sich möglichst schnell möglichst müde zu machen. Außerdem war ihm nicht entgangen, dass er in den letzten Wochen kaum trainiert hatte und nachdem er eigentlich in ein paar Monaten in die Schlacht zog, sollte er besonders jetzt nicht so lange darauf verzichten.
    • Die Zeit wurde zu einem seltsamen Konstrukt. Der einzige Hinweis darauf, dass sie vorankamen, war die sich abwechselnde Umgebung. Alles andere, die Personen, die Gerätschaften, ja sogar die Abläufe waren wie aus einem Guss. Eine Monotonie, die man vielleicht zu schätzen wusste wenn man sich nach etwas Ruhe sehnte. In ihrem Fall wurde die Monotonie allerdings ein gefährliches Glied in der Kette er Ereignisse. Selbst als Kassandra während ihres Rittes den Blick in den verhangenen Himmel richtete und dort diesen einen, großen Vogel kreisen sah, der sie hätte sein können, fand sie sich nur als weiteres Glied dieser Kette wieder. Sollte Zoras sie ruhig solange tadeln wie er mochte. Sie würde ihn nicht wecken und sich nicht darum scheren, ob es ihm gefiel oder nicht. Ihre eigenen Augenringe hatten sich trotz des fehlenden Schlafes nicht wieder ausgebildet, sie wirkte auch nicht mehr gänzlich so erschöpft wie zuvor. Gedanklich war sie darüber erleichtert, dass ihr Band mit Zoras so beständig war. Ohne diese Ressourcen sähe die Lage vermutlich deutlich düsterer aus. So allerdings kratzte sie an ihrer ursprünglichen Glorie und das bedeutete, die Bedürfnisse eines menschlichen Körpers bis zu einem bestimmen Punkt ignorieren zu können. Deswegen schlief sie nicht mehr als unbedingt nötig. Aß nur so wenig, dass es Zoras nicht auffiel.

      An diesem Nachmittag schlugen sie die Zelte bereits früh auf und richteten sich das Lager her. Kassandra hatte sich mit dem zusätzlichen Heu bewaffnet und fütterte die Pferde während der Kutscher und der Herzog die Zelte aufzogen. Sie saßen ohne Feuer zwischen ihren Zelten und aßen von ihren Rationen während sich Kassandra beim Kutscher erkundigte, wie seine letzten Nächte verlaufen waren.
      Gedankenverloren riss sie sich gerade ein Stück von ihrem Brotlaib ab als Zoras unangekündigt ihren Blick suchte. Sie erwiderte ihn mit einem fragenden Ausdruck, legte dann aber das Brot zur Seite und musterte ihn einen Augenblick lang. "Ich hatte mir ja bereits gedacht, dass du eine masochistische Ader besitzt." Hörbar schwang Erheiterung in ihren Worten mit. "Wenn du wirklich mit mir üben möchtest dann solltest du dein richtiges Schwert benutzen. Alles andere ist angesichts der kommenden Schlacht sinnlos. Außerdem brauchst du das Gewicht in deinen Händen."
      Sie zuckte mit den Schultern bevor sie mit etwas Wasser das trockene Brot hinunterspülte. Es war offensichtlich, dass er entweder Ablenkung für seine nervösen Nerven suchte oder tatsächlich versuchte, die Erschöpfung herbeizuführen, die er benötigte. Schlussendlich seufzte die Phönixin, erhob sich und lächelte den Kutscher an. "Bleibt einfach hier und entspannt. Ich kann euren Herr nicht ernsthaft verletzen, aber wenn er ein wenig jammert ist das sein eigenes Verschulden."

      Für ihren Übungskampf hatten sich Champion und Träger etwas abseits des Lagers begeben. Kassandra hatte einen Großteil ihrer Kleidung abgelegt und trug nun nur noch ein spärliches Hemd sowie eine kurze, einfache Hose, die sie auch von Zoras' hätte geklaut haben könnte. Sie hatte ihre Schuhe weit weg gestellt und die Haare in einen Dutt eng an den Kopf gebannt. Mit jedem Blick, den sie Zoras zuwarf, war eine Frage deutlich zu erkennen: Wie weit sollte sie gehen?
      "Möchtest du die menschlich machbare Version oder einen Ausblick auf das, zu dem ich nun fähig bin?", fragte sie mit einem verdächtig süßen Tonfall, der allein schon darauf hinwies, dass sich ihre Stimmung gerade um Längen verbessert hatte. Es glitzerte mehr als üblich in ihren Augen, als sie ihre Schultern rollte und Zoras musterte. "Wenn du wirklich nur trainieren willst, dann reicht es wohl wenn ich dich mit meinem Speer ein wenig weichklopfe."
      Sie streckte ihren rechten Arm aus und ließ den einfachen Speer entstehen, wie Zoras ihn bereits kannte.

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      "I rather trust and regret than doubt and regret"
    • Etwas abseits vom Lager stellten sie sich gegenüber voneinander auf, Kassandra in einem hinreißend luftigen Aufzug mit hochgesteckten Haaren - hatte er sie jemals ohne offene Haare gesehen? Er glaubte nicht und er glaubte auch, dass er sich nicht entscheiden könnte, was besser war - und Zoras in seiner schlichten Reitkleidung. Er hatte sein Schwertheft abgeschnallt, beiseite gelegt und die Waffe gezückt, was ihm angesichts seines Trainingspartners mehr als unangenehm war. Dabei war ihm nichtmal bewusst, was genau ihm dabei nicht recht war: Dass er Angst hatte, einen von ihnen zu verletzen, oder dass er sich einbildete, gut genug gegen Kassandra zu sein, um überhaupt so weit zu kommen? Er war ein guter Kämpfer, ja - die zahlreichen Gefecht in seinem Leben und die Tatsache, dass er noch immer am Leben war, waren wohl Beweis genug dafür - aber gegen einen Champion würde er trotzdem nicht ankommen. Was bildete er sich schließlich ein?
      Es reizte ihn trotzdem, genau das zu versuchen.
      "Gib mir einen Ausblick."
      Er erinnerte sich daran, dass er bei Zeiten noch einmal nachfragen müsste, wie es mittlerweile mit Kassandras Macht aussah. Hatten die vergangenen Wochen sie noch gestärkt? Sie musste sicherlich mächtiger sein als schon im Palast und damals hatte er schon keine Chance gehabt.
      Er drehte seine Waffe in der Hand, wog sie ab, balancierte sie aus, während er sich zögerlich aufstellte. Kassandra schien heute gut drauf zu sein und ihm wurde unwohl bei dem Gedanken, dass das mit ihrem Kampf zusammenhing. Vielleicht war sie einfach nur etwas besser drauf.
      "Wir müssen schließlich meine masochistische Ader befriedigen, nicht wahr?"
      Er schmunzelte, während er sich aufstellte: Breitbeinig, das eine Bein leicht vorne, das Gewicht auf dem Mittelpunkt seiner Stelle, die er sich ausgesucht hatte. Er drehte das Schwert noch immer, unschlüssig dazu, sich wirklich diesem irrwitzigen Vorhaben hinzugeben.
      "Aber lass mir alle Glieder am Körper, das wäre mir ganz recht."
      Dann hob er das Schwert an, richtete es seitlich zu Kassandra aus und präsentierte ihr die blanke Klinge. So viel Verstand schien er zumindest noch zu besitzen um sich darauf einzustellen, keinerlei offensive Schläge ausführen zu können. Er würde sich so lange verteidigen, wie er nur irgendwie durchhielt.
      "Okay. Fang an."
    • Auf Kassandras Gesicht erschien unweigerlich ein Grinsen. Wie schon beim letzten Mal wirkte Zoras unschlüssig, unsicher und nicht wirklich darauf erpicht sich ernsthaft gegen sie zu stellen. Dabei hatte sie nun noch weniger Kleidung am Leib, er kannte sie besser und die Umgebung war völligst ohne Zuschauer ausgestattet. Er korrigierte mehrmals seinen Stand, wog das Schwert öfter als notwendig in seiner Hand und stellte sich schließlich so auf, das man seine defensiven Ansichten erkennen konnte.
      Kassandra kicherte. "Ich glaube, wenn ich wirklich auf deine masochistische Ader klopfen würde, wäre es innerhalb Sekunden vorbei. Und wer hat gesagt, dass ich dir Gliedmaßen abtrennen muss? Du weißt, dass das Feuer mein Element ist?"
      Im Gegensatz zu Zoras hatte Kassandra keine Kampfhaltung eingenommen. Einzig und allein eines Pfeilers gleich hatte die den Speer seitlich neben sich auf dem Boden aufgesetzt und die andere Hand in ihre Hüfte gestemmt. Er wollte also eine Aussicht haben, ja? Beim letzten Mal war sie lediglich ein Schatten ihrer Selbst gewesen, nun war sie ein Vielfaches davon. Das Grinsen wurde breiter als ihre Augen zu glühen begannen und der Schimmer sich um ihren Körper legte. Fast augenblicklich flogen die kleinen Vögel, die sich in angrenzendem Buschwerk versteckt hatten, auf und ergriffen die Flucht. Selbst die Nagetiere, die keiner von ihnen bemerkte, flüchteten in ähnlicher Manier als sich ihre Aura langsam durch die entstehenden Risse und Spalten in ihrer makellosen Kontrolle quetschte. Der Boden unter ihren Füßen war deutlichstes Anzeichen dafür, in welcher Hitze man sich in ihrer Nähe wirklich befand: Das Gras unter ihren nackten Füßen wurde allmählich braun, vertrocknete und färbte sich schließlich schwarz während es verkohlte. Obzwar Kassandras Gestalt zierlich und recht klein war, wirkte sie jetzt gerade wie eine unüberwindbare Einheit.
      "Lektion Eins: Stehst du einem Champion oder auch nur einem Gegner mit Segen gegenüber, richte dich darauf ein, dass sie schneller sein werden als du."
      Es gab keinerlei Anzeichen seitens der Phönixin. Während eines Wimpernschlages des Herzoges war sie verschwunden und binnen eines weiteren tauchte sie frontal vor Zoras auf. Sie hatte mit ihrem Speer bereits ausgeholt und wenn sie ernsthafte Tötungsabsichten gehegt hätte wäre der Kampf an dieser Stelle bereits vorbei gewesen. Stattdessen schlug sie ihm mit der Stange seitlich gegen sein Schwert. Der Ruck riss seine Arme zur Seite, sein Körper folgte ein paar Schritte. Sie hatte zu viel Kraft genutzt, wie sie erkannte, da er seine Waffe nicht mehr halten konnte und sie ihn mit diesem einen Schlag bereits entwaffnet hatte. Eine kleine Randnotiz für sie.
      Anstatt zu warten wurde ihr Grinsen jedoch nur noch breiter. Es gab einen kleinen Puls als sie ein wenig mehr Kontrolle fahren ließ und die Temperatur um sie herum nur noch weiter stieg. Sie fiel in einen Ausfallschritt, grinste Zoras an und wartete. Obwohl, nein - sie wartete nicht sondern nutzte ihre Magie. Zoras, der selbstverständlich nach seinem Schwert greifen wollte, wurde jäh von einer Flammenwand abgehalten, die buchstäblich aus dem Nichts zwischen seiner Hand und der Waffe emporschoss. Es waren die typischen roten Flammen, die nun eine Trennung zwischen ihm und seiner Waffe darstellten.
      "Lektion Zwei: Überleg' dir einen Ausweg wenn man dich entwaffnet. Der Gegner besitzt in der Regel Mittel, die sich nicht auf reale Objekte beschränkt."

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      "I rather trust and regret than doubt and regret"
    • Zoras gab ein unwohles Grummeln von sich, während er sich bereit machte.
      "Okay, ich möchte also weder Gliedmaßen verlieren, noch Brandwunden davontragen. Das wäre mir ganz recht."
      So wie Kassandra dastand, hatte es gar nicht den Anschein, als würde sie sich ihm in einem Kampf stellen wollen. Aber nur eine Sekunde, nachdem er diesen Gedanken geformt hatte, glühte sie regelrecht am ganzen Körper auf, ein Anblick, der ihm definitiv noch nicht untergekommen war. Zoras machte große Augen bei der Erkenntnis, worauf er sich hier gerade eingelassen hatte. Kein Außenstehender würde ihm glauben, dass er noch ganz bei Sinnen war, wenn er ihm erzählte, dass er das hier freiwillig bestritt.
      Vermutlich hatte er wirklich eine masochistische Veranlagung. Vermutlich wollte ein unterbewusster Teil von ihm einmal so richtig von einem Champion in Stücke gerissen werden. Wenigstens ging das nun wohl in Erfüllung.
      Als es losging, hatte er gerade mal genug Zeit sich zu fragen, wann das hier zu einer Unterrichtseinheit geworden war. Zu mehr war er nicht imstande, als die Phönixin binnen eines Herzschlags vor ihm auftauchte und ihm lediglich ein überraschtes Zucken entlockte, als ihre Waffe mit der Gewalt von tausend Welten auf sein Schwert krachte.
      Der Schlag ging ihm durch den ganzen Arm, machte seine defensive Haltung zunichte und brachte sein Gleichgewicht auseinander, durch das er nach hinten taumelte. Ein einziger Schlag. Seine Finger gaben der puren Kraft nach, die sich mit einem Mal auf seine Klinge legte und wenn Kassandra anders gezielt hätte, wenn sie nur ein wenig anders Schwung genommen hätte, hätte er sich womöglich tatsächlich selbst verletzt, als die Klinge ihm aus der Hand sprang. So fiel sie nur zur Seite und landete auf dem Boden.
      Verblüfft, in einem gewissen Schock und mit pochendem Arm starrte er Kassandra für einen Augenblick an, während sein Gehirn die Zeit nutzte, um die Situation zu verarbeiten. In einem echten Kampf wäre es schon vorbei gewesen. Kassandra hätte einmal ihre Waffe gezogen und dann wäre er gestorben, ohne überhaupt zu wissen, dass er gerade starb.
      Er konnte sich nur allzu gut vorstellen, wie die selbe Phönixin durch eine ganze Armee wütete, einem Wirbelsturm gleich, vor dem es kein Entkommen gab und dem man nichts entgegen zu setzen hatte. Sie würde sich mit dieser Kraft selbst durch Rüstungen durchschlagen und Zoras hatte keine Ahnung, ob es irgendein Metall auf der Welt hätte geben können, das ihrem Speer standgehalten hätte.
      Und dabei war sie nur eine Phönixin mit einer kriegerischen Veranlagung. Wie würde dann erst Herakles kämpfen? Oder gar Ares, Mars oder Athena? Zoras wollte es sich gar nicht vorstellen. Er wünschte sich sogar, niemals eine Antwort auf diese Frage zu erhalten.
      Er schnaubte und bückte sich zu seinem Schwert, als die Flammen um Kassandra sich plötzlich verdickten und eine regelrechte Wand vor ihm aus dem Boden geschossen kam. Er zuckte zurück, auch wenn er die Hitze selbst nur als Wärme wahrnahm, auch wenn die Flammen ihm nichts anhaben konnten. Ein naturgegebener Instinkt eben, für den er sich vor Kassandra jetzt ein wenig schämte. Das war es also, zwei Sekunden und er hatte bitter verloren.
      Er hob abwehrend die Hände, als er sich aufrichtete, als würde er aufgeben.
      "Du hast gewonnen - ich ergebe mich, o großer Champion. Macht mit mir, was auch immer Euch beliebt, aber lasst mich wenigstens mein Schwert aufheben."
      Er schmunzelte Kassandra an, dann gestattete sie es ihm, dass die Runde damit vorüber war. Er hob seine Waffe auf, nahm Abstand zu ihr und ließ die Schultern kreisen. In seinem Arm pochte es noch immer und er glaubte, dass er wesentlich mehr Aufwärmübungen für sowas benötigte.
      "Also, du bist nicht nur schneller, du teleportierst dich regelrecht, das kann ich nicht nachmachen. Du bist auch stärker, daran kann ich ebenfalls nichts ändern. Und du kannst mich mit deinem Feuer verbrennen, ich kann dich höchstens... weiß ich nicht. Anspucken?"
      Er grinste.
      "Der Theorie gehe ich mal zu meinem eigenen gesundheitlichen Wohl nicht nach. Das heißt, ich habe schlichtweg verloren, wenn wir uns gegenüberstehen. Das ist doch schonmal eine Lektion, die ich daraus entnehmen kann."
      Er lächelte allerdings noch immer, als er sich aufstellte - breitbeinig, das Schwert defensiv vor sich, beide Hände am Griff, die Klinge dieses Mal leicht geneigt.
      "Wie wäre es, wenn wir uns für den Moment nur auf die erste Lektion konzentrieren? Ich kann mich früher oder später immer noch verbrennen lassen."
      Kassandra willigte ein und dann war sie wieder direkt vor ihm, schlug diesmal von einem anderen Winkel und obwohl Zoras sich besser darauf vorbereitet hatte, obwohl er jetzt sogar in der winzigen Zeit mehr tun konnte als zu zucken - nämlich wenigstens sein Gewicht verlagern - kam der Schlag mit voller Wucht, ging ihm bis in die Knochen und entwaffnete ihn mit einem Mal. Jetzt pochten beide Arme und er schüttelte die Finger aus, bevor er sich nach seiner Waffe bückte.
      "Nochmal."
      Sie entfernten sich voneinander, er stellte sich auf, zückte das Schwert, neigte es leicht, diesmal hielt er es ein Stück weiter seitlich. Natürlich war ihm bewusst, dass Kassandra mit ihrer Schnelligkeit jederzeit sämtliche Stellen seines ungeschützten Körpers treffen könnte, aber für den Anfang war es in Ordnung, wenn sie sich auf sein Schwert konzentrierte. Sobald er sich nicht mehr so leicht entwaffnen ließ, könnte man weitergehen.
      Sie kam, schlug, das Schwert fiel. Diesmal kreischten ihre Waffen auf, als sie aneinander schabten. Zoras hob das Schwert auf, stellte sich hin, hielt es anders. Kassandra kam, schlug es ihm aus der Hand, er bückte sich danach. Als sie das Spiel einige weitere Mal wiederholt hatten und Zoras langsam Zweifel überkamen, jemals einen Erfolg dabei erzielen zu können, ließ er in seinem Frust die Klinge einmal nicht ganz los, ein Amateurfehler, den man in den ersten Übungsstunden mit dem Schwert ausmerzen musste, um genau das zu vermeiden, was zu passieren drohte. Anstatt lediglich auf den Boden zu fallen, beschrieb die Klinge nämlich eine Drehung und hätte ihm fast das Bein aufgeschlitzt, wenn er nicht noch rechtzeitig zurückgesprungen wäre. Stattdessen fiel sie zu Boden und er stützte sich für einen Moment keuchend auf den Knien ab. Der Schweiß stand ihm auf der Stirn, die Arme taten ihm weh und er hatte kein Gefühl mehr in beiden Händen. Er musste seine Finger um den Griff verkrampft haben, denn als er sie ausstreckte, schmerzten alle zehn gleichermaßen.
      "Ich denke... ich bin müde genug... für heute."
    • Kassandra brauchte nur einen einzigen Blick um zu erkennen, dass ihr Schlag seine Wirkung nicht verfehlt hatte. Ein leichtes Zittern ging durch Zoras' dominanten Arm nachdem sie ihn entwaffnet hatte und er sich geschlagen gab. Hätte sie nur ein wenig mehr Kraft verwendet hätte sie ihm vermutlich den Arm gebrochen. Die Frage hierbei war: Hätte sie wirklich mehr Kraft verwenden können?
      "Bitte. Nimm dein Schwert und fühle dich nicht ganz so wehrlos", spottete sie indes und ließ die Flammen ersterben. "Wobei das auch nur eine Farce ist."
      Er nahm wieder Abstand von ihr und baute sich neu auf. Er ließ die Schultern kreisen - ein schwacher Versuch, die plötzliche Anspannung aus seinen Muskeln zu lösen. Das waren Anzeichen seines kampferprobten Unterbewusstseins. Es reagierte ohne sein Zutun auf die plötzliche Konfrontation mit einem Gegner. Auf seinen Hinweis hin, seine einzige Reaktionsmöglichkeit wäre vermutlich Ansprucken, hob sie mehr als anklagend die Augenbrauen. "Hast du gerade allen Ernstes auf nur in Erwägung gezogen, mich anspucken zu wollen? Dein Auswurf würde in der Luft verpuffen bevor er auch nur ansatzweise in meine Nähe kommt. Sicher, dann schauen wir mal wie gut du dich auf meine Geschwindigkeit einstellen kannst."
      Der erheiterte Tonus ihrer Stimme war teilweise verflogen während sich Zoras bereitmachte. Ein abschätziger Blick war alles, was sie ihm zuteil werden ließ bevor sie ein zweites Mal einfach verschwand und von einem anderen Winkel ihm sein Schwert aus der Hand schlug. Erhaben stellte sie den Speer wieder neben sich ab und wartete darauf, dass er seine Waffe wieder brav vom Boden aufhob. Der Hinweis, dass er es noch einmal versuchen wollen würde, quittierte sie lediglich mit einem Zucken ihrer Mundwinkel. Er durfte sich gerne daran gewöhnen, dass sie selbst mit diesem bisschen an Macht so viele Stufen über ihm stand. Es dauerte noch mehrere Versuche ehe Zoras endgültig genug hatte und ihm im Gegensatz zu ihr der Schweiß auf der Stirn stand. Bei ihr hatte sich nicht einmal eine Haarsträhne gelöst. Bei ihrem letzten Aufeinandertreffen war etwas anders. Zoras ließ sein Schwert dieses Mal nicht so einfach los. Vor ihrem geistigen Auge rekonstruierte die Phönixin den Weg der Klinge, erachtete sie als harmlos und griff nicht ein. Nun stand ein doch sehr geschaffter Herzog vor seinem Champion und musste auf seine Knie gestützt zu Atem kommen.
      "Ich denke... ich bin müde genug... für heute."
      "Mhm, das sehe ich. Aber ich bin noch nicht fertig." Kassandra nickte zu dem Schwert am Boden. "Heb es auf und stell dich noch einmal auf."
      Zoras sah sie einen Augenblick lang unschlüssig an. Sie nickte ein weiteres Mal zu seinem Schwert, diesmal mit sichtbarem Nachdruck. Schließlich kam er ihrer Forderung nach und er stellte sich wieder auf, die Klinge ein weiteres Mal mehr oder weniger auf sie gerichtet. Das dezente Lächeln, das konstant in den hintersten Ecken ihres Mundwinkels gelauert hatte, verschwand nun völlig hinter einer doch sehr ernsthaft anzumutenden Konzentration. Sie öffnete ihre rechte Hand, in der sich immer noch der Speer befand, und ließ ihre Waffe sich in Luft auflösen. "Egal was du tust, bleib so." Ein Hinweis von dem sie wusste, dass er dem nicht nachkommen würde.
      Wieder verschwand Kassandra innerhalb eines Wimpernschlages und tauchte im nächsten direkt vor Zoras auf. Ihre rechte Hand schoss nach vorne, legte sich mit zierlichen Fingern um seine Kehle und drückte leicht zu. Dann verharrte sie in ihrem Zeitempfinden, wohingegen Zoras' Aktion erst Fahrt aufnahm. Er reagierte völlig aus dem Unterbewusstsein, sein Körper befand sich auf höchster Alarmstufe als sich fremde Finger um seinen Hals schlossen. Er riss das Schwert nach oben - und schlitzte Kassandras Oberarm dabei auf, die wie eine Statue an Ort und Stelle innehielt. Ihre Finger lockerten sich leicht, zitterten allerdings zu keiner einzigen Sekunde während sich die Überraschung in Zoras' Augen widerspiegelte. Kassandras Gesicht war noch immer hochkonzentriert während das Blut hellrot ihren Arm bis zu ihrem Ellbogen hinablief und dort auf den Boden troff.
      "Willst du einen Champion verletzen, setz nicht auf kleine Wunden. Sei es nur ein einziger Schlag, den du setzen kannst - der muss ausreichen, um ernsthaften Schaden anzurichten. Denn sonst passiert das hier."
      Das Glühen um Kassandra wurde stärker, die Temperatur stieg binnen Bruchteilen einer Sekunde in gefühlt Tausendergraden an. In ihren Augen war nicht mehr nur das übliche Glühen, sie wirkten eher wie flüssiges Magma, das sich in ständiger Bewegung befand. Sie gabihren Träger endgültig frei und präsentierte ihm ihren Arm, der unter seiner Beobachtung heilte. Der tiefe Schnitt verschmälerte sich, die Blutung stoppte und die Haut fügte sich schlussendlich wieder zu einem unverletzten Stück Haut zusammen. Selbst die Spuren ihres Blutes vertrockneten und fielen in schwarzer Asche von ihr ab. Als die Wunde komplett verheilt war, schränkte die Phönixin ihre Aura wieder auf Zoras' bekanntes Maß ein.
      Dann wich auch endlich die Konzentration aus ihrem Gesicht und machte ihrer weicheren Seite Platz. Sichtlich lockerer löste sie ihre Haare während sie sich anschickte zurück zum Lager zu gehen. "Ich hoffe doch mal, du kannst dein Schwert selbst zurücktragen oder ist es dir auch schon zu schwer?"

      Im Zelt hatte Kassandra darauf bestanden, dass sich Zoras hinlegte und sie sich nur neben ihn setzte. Ihre Hände hatten sich seines rechten Armes bemächtigt und fuhren routiniert seinen Arm von der Schulter bis zum Handgelenk hinab. Das Pochen würde sie ihm einfach nehmen können, es bedurfte nur ein wenig Zeit. Und wenn sie ganz ehrlich war, dann erfüllte sie diese Tätigkeit gerade mit einer Zufriedenheit, die sich nicht erwartet hatte. Vermutlich entsprang daher das Lächeln, das ihre Lippen umspielte.
      "Du solltest wirklich versuchen, dich nicht mit einem Champion anzulegen. Das ist mehr als nur unfair. Nutz lieber das Wissen, das ich dir zur Verfügung stellen kann und lass meinetwegen andere ins Messer laufen. Du musst schlauer als fünfhundert Menschen sein wenn du dich mit einem Gott messen möchtest." Ihre Finger erfühlten Knubbel, mal weich, mal hart, zwischen seinen Muskeln und Sehnen. Vermutlich alte Verletzungen, die nur narbig abgeheilt waren. "Meine Regeneration ist schon erheblich gut, aber die meisten Götter können in ungebundenem Zustand sich noch schneller heilen. Manche können das sogar mit Körperteilen tun." Ihre Finger wanderten zu Zoras' Hand und massierten jedes Fingerglied für sich. "Aber schon beachtlich, dass du am Ende das Schwert nicht fallengelassen hast... Dumm, aber beachtlich..."

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      "I rather trust and regret than doubt and regret"
    • Zoras' Arme rebellierten gegen die mittlerweile schon gewohnte Bewegung, mit der er sich nach dem Schwert beugte und sich wieder aufstellte. Das letzte Mal, dass er sich so sehr mit grundlegender Kampfart auseinandergesetzt hatte, lag mehr als 20 Jahre zurück und damals war er noch schlichtweg zu schwächlich gewesen, um einen Kampf lange führen zu können. Mittlerweile hatte er die hundertfache Erfahrung von damals und einen gegen schier alles abgehärteten Körper, und trotzdem musste er sich nach dem Schwert beugen und sich dabei denken, wie ihm die Handgelenke schmerzten und seine Schultern sich verkrampften. Es war, als wäre er wieder am Anfang seines Unterrichts, mit dem Unterschied, dass er schon ganze Schlachten gewonnen hatte.
      Er stellte sich auf. Er richtete seine Klinge aus. Er fixierte sich auf Kassandra - und Kassandra ließ ihre Waffe verschwinden. Das allein wäre noch verkraftbar gewesen, nicht aber mit ihrem folgenden Hinweis darauf, sich nicht zu bewegen.
      Er hob beide Augenbrauen. Was sollte das denn jetzt werden?
      "... Okay."
      Und er hielt sich daran, er hielt sich mit sämtlicher Faser seines Körpers daran, als hätte Kassandra ihm mit ihrer Anweisung einen Schwur auferlegt. Seine Muskeln wurden zu Stein und er untersagte ihnen auch nur das geringste Zucken.
      Womöglich hätte er es auch geschafft, wenn Kassandra nicht wieder auf ihn zugerauscht gekommen wäre, wenn er sich nicht von den etlichen Malen zuvor daran gewöhnt hatte mehr aus Reflex, als aus wirklicher Überlegung zu handeln und dabei zu versuchen, seine schwindende Würde zu retten. Sie war in einem Herzschlag wieder bei ihm und sein Körper zuckte zurück, bevor sein Gehirn den Gegenbefehl aussprechen konnte - und mit ihm stieß sein Schwert bei dem erwarteten Schlag nach oben.
      Es kam kein Schlag, sondern ein Griff um seinen Hals. Seine Klinge traf auch auf keine Waffe, sondern auf zartes, ungeschütztes Fleisch. In Angesicht des hellroten Blutes, das über die funkelnde Oberfläche spritzte, riss er die Augen auf.
      Das hatte er nicht gewollt, natürlich nicht. Er hatte sie ja noch gewarnt, dass eine derartige Gefahr bestand und sie hatte trotzdem auf die Waffen bestanden - das hatten sie jetzt davon.
      Natürlich brauchte es einen erheblich längeren Moment, bis sein Gehirn ihn daran erinnerte, dass sie ein Champion war und dass eine derartige Wunde alles andere als lebensgefährlich war. Er warf seine Waffe dennoch beiseite, wenigstens etwas seiner antrainierten Gewohnheiten, die nicht ganz aus dem Gedächtnis gegangen waren.
      "Scheiße, Kassandra, lass mich das mal -"
      Er stockte, als von der sowieso schon so präsenten Aura der Phönixin noch etwas hinzukam und die Luft um sie herum veränderte. Selbst Zoras konnte nun die Temperatur ausmachen, die sengende Hitze, die sich über sie legte, begleitet von einem geradezu furchteinflößendem Feuerinferno in Kassandras Augen selbst. Das war das erste Mal in Wochen, wenn nicht sogar überhaupt, dass Kassandra ihm einen Teil ihrer wahren Natur präsentierte, ein Ausblick auf die brennende Phönixin, die die Welt in Asche legte. Zoras verspürte genauso viel Ehrfurcht davor wie er Faszination verspürte.
      Ihre Armwunde verschloss sich binnen Sekunden vor seinen Augen - er konnte sogar dabei zusehen, wie die Haut sich an den Rändern des Schnittes zusammenzog und das herauslaufende Blut wieder einsperrte. Schließlich war keinerlei Anzeichen von der Verletzung mehr zu sehen und selbst das heruntergelaufene Blut verpuffte in einem merkwürdigen Qualm von schwarzer Asche.
      Zoras hob den Blick, irritiert wie er von der Vorstellung war, und beobachtete, wie die letzte Ernsthaftigkeit von Kassandra abfiel und sie in einer geradezu liebreizenden Geste ihre Haare öffnete, die ihr in langen Wellen über beide Schultern fielen. Zoras' Herz machte einen Sprung, von dem er nicht gedachte hatte, dass es dazu in der Lage wäre. Die Verbindung von der kämpfenden, unbezwungenen Phönixin zu der zarten, hübschen Frau raubte ihm für einen Moment schier den Verstand. Er starrte ihr nach, als sie sich zurück zum Lager aufmachte, unfähig sich von dem Anblick loszureißen, das Blut schon in Wallung geraten. Schließlich schüttelte er irritiert den Kopf, ging zu seinem Schwert und folgte ihr.

      Das Training hatte wahrhaft geholfen, denn kaum lag Zoras auf seiner Schlafstätte, fühlte er sich doppelt so schwer wie sonst. Es hatte ihm gefehlt, wie er bemerkte, denn obwohl er das Reiten genoss und ganz sicherlich, dass er sich dem den ganzen Tag widmen konnte, brauchte sein Körper manchmal auch eine andere Art von Bewegung. Und was hatte er schon dagegen einzuwenden, wenn sie mit Kassandra stattfand?
      Eben jene hatte darauf bestanden, sich seinen Arm anzusehen, und dagegen konnte er rein gar nichts erwidern, denn sie setzte sich neben ihn und fuhr mit routinierten Bewegungen seine Muskeln entlang, während er die absolut fantastische Aussicht ihres Gesichts bewundern konnte, auf das sich ein feines Lächeln gelegt hatte. Sein Gehirn war noch immer völlig durcheinandergeworfen von der ganzen Situation. Wie konnte ein Lebewesen zugleich so gefährlich und so wunderschön sein? Er starrte wie vernarrt auf ihre weichen Züge, während vor seinem inneren Auge noch immer Kassandra auf ihn zugerast kam, schneller als er es verarbeiten konnte und mit einer gewissen Anspannung im Gesicht nach seiner Waffe hieb. Er wollte mehr davon. Er wollte mehr von Kassandra.
      "Ich möchte mich auch gar nicht mit einem Champion anlegen. Außer mit dir, jederzeit."
      Er imitierte das Lächeln auf ihrem Gesicht und griff mit der freien Hand nach ihrer Wange, über die er knapp strich. Ihre Finger waren wundervoll zart auf seiner eigenen Haut und wirkten mit ihren langsamen Massagen regelrechte Wunder.
      "Ich überhöre mal, dass du mich gerade dumm genannt hast. Die Chance hattest du, als ich dich nach Training gefragt habe und da hast du sie schon nicht ergriffen, also kannst du es jetzt nicht nachholen. Komm her zu mir."
      Er fuhr mit der Hand zu ihrem Nacken und zog sie zu sich herunter und in seinen Kuss hinein. Seine Arme waren ausgelaugt und beschwerten sich über jegliche Arbeit, aber er befreite sie trotzdem von ihrer Behandlung und schlang sie um ihren Oberkörper, um sie an sich zu pressen. Sie hatte kaum Gelegenheit dazu, es sich bequem auf seiner Brust zu machen, da überhäufte er sie mit seinen Küssen und Liebkosungen, bis er sie aus reiner Anstrengung heraus wieder freilassen musste. Er atmete schwer, als er zu ihr aufsah.
      "... Hat es wehgetan, der Schnitt? Du hättest es mir auch einfach sagen können, du musstest es mir nicht gleich so drastisch präsentieren."
      Er griff nach ihrem betreffenden Arm und als sie ihn ihm überließ, küsste er die Stelle des Schnitts und dann auch noch den ganzen Bereich darum herum, darauf bedacht, nicht die Hauptschlagader an ihrem Handgelenk zu erwischen. Schließlich ließ er sie wieder los und sah mit einem Grinsen auf.
      "Ich könnte mich schon fast daran gewöhnen, mich von einer so hübschen Phönixin verprügeln zu lassen. Besonders wenn sie", er verschränkte seine Finger mit ihren, nahm sich auch ihre andere Hand und streckte die Arme nach hinten, damit sie sich auf ihn legen und sich zu ihm hinabbeugen musste, wo er wortlos nach einem Kuss verlangte, "sich danach um mich kümmern möchte. Mit welchem Glück der Welt habe ich dich verdient, hm?"
      Er ließ sie los, um stattdessen die Arme um ihren Torso zu schlingen und sie festzuhalten, während er das Gesicht an ihrer Halsbeuge vergrub und ihre weiche Haut mit Küssen und Bissen übersäte. Es dauerte nicht lange, da wanderten seine Hände unter ihren Stoff und suchten nach der Berührung ihrer Haut, nach ihrer Wärme, nach ihrem Gefühl, während seine Küsse fordernder wurden, eindringlicher und intensiver, begleitet von gelegentlichen Ausschweifungen zu ihrem Kiefer, ihrem Hals und ihrer Brust, nach der er sich reckte.

      Sie schliefen an diesem Tag traumlos, alle drei. Als sie zum Abend hin das Lager abbrachen, erklärte Zoras das Experiment als geglückt.
      "Er muss also auch schlafen, um uns Träume zu schicken. Jetzt müssen wir nur noch darauf hoffen, dass er möglichst spät herausfindet, wohin sich unsere Schlafenszeit verschoben hat."
    • Ein beinahe strafender Blick ereilte Zoras als er sich erdreistete, nach Kassandras Wange zu langen. Allein ihr Blick bedeutete bereits, dass er bloß seine Hand wieder senken und einfach nur daliegen sollte. Einfach genießen sollte, welche Zuwendung sie ihm zuteil werden ließ. Ohne hinzusehen fuhr sie mit ihrer Prozedur fort, verkniff sich allerdings nicht dass sich etwas Spott in ihren Gesichtsausdruck mischte. Ja, sie hatte ihn dumm genannt. Oder besser gesagt, seine Handlung.
      Ihre Lider senkten sich minimal - der einzige Hinweis darauf, was sie von seiner forschen Handlung hielt. Seine Hand war in ihrem Nacken angekommen, zog sie zu sich herunter und küsste sie. Sie ließ ihn jedoch nur kurz auf ihren Lippen verweilen bevor sie den Kuss brach und ihn tandelnd ansah. "Du sollst pausieren und nicht ablenken."
      Zoras ignorierte ihre Worte geflissentlich. Er zog seinen Arm aus ihren Händen, die sie noch immer fest um ihn gelegt hatte, und fing den Feuervogel in einem Käfig aus weltlichen Gitterstäben ein. Trotz des Trainings, trotz der Anstrengung brachte er eine erstaunliche Kraft zustande, die Kassandra an seine Brust drückte und ihr seine Aufmerksamkeit beibrachte. Der Herzog sah es nicht aber sein Champion rollte gespielt pikiert mit den Augen ehe er sie schwer atmend freigeben musste und sie fast augenblicklich wieder ihre angestammte Sitzhaltung einnahm. Der tadelnde Blick blieb jedoch.
      "Was? Es einmal zu sehen ist deutlich eindrucksvoller als es nur erzählt zu bekommen." Sie warf einen Blick auf ihren Arm, wo rein gar nichts mehr von der Wunde zu sehen war. "Ja, es tat weh. Aber nur leicht. Wenn ich mehr von meiner Aura freisetze, sinkt das Schmerzempfinden und ich kehre immer mehr zu dem zurück, was ich eigentlich bin." Wieder fischte er nach ihrem Arm. Dieses Mal reichte sie ihm ihn freiwillig damit er auch ihren Arm mit Küssen bedecken konnte. Dieser Mann war einfach unersättlich, was das betraf. Scheinbar hielt er jeden einzelnen Quadratzentimeter ihrer Hülle für heilig. Wobei... Hatte er da nicht eine bestimmte Stelle bewusst umzirkelt?
      Manchmal fragte sich Kassandra, warum sie sich von Zoras so einfach führen ließ. Wie jetzt beispielsweise, wo er schlitzohrig seine Finger mit ihren verschränkte und sie über seinen Kopf hinweg zog. "Kannst du nicht einfach einmal ruhig liegen bleiben?", verlieh sie ihrem Ausdruck nun auch noch Worte, doch ein verhülltes Lachen schwang in ihren Worten mit als sie wieder auf ihm lag und er einen weiteren, sanfteren Kuss von ihr erhielt. "Die hübsche Phönixin wird gleich aber ganz anders wenn ihre Anweisungen weiter nicht befolgt werden."
      In der Sekunde, in der er sie wieder freigab, schaffte sie es gerade noch, sich auf ihre Hände aufzustützen. Dann waren seine Arme wieder zur Stelle, pressten sie an ihn zurück sodass er sein Gesicht in ihrer Halsbeuge vergrub. Es war so leicht, sich einfach mitreißen zu lassen. Die Augen zu schließen und der wortlosen Einladung zu folgen, die er mit seinen Zähnen auf ihrer Haut hinterließ. Als er seine Finger unter ihr Oberteil schob, erschauderte sie gar kurz und erwiderte seine eindringlicheren Küsse mit einer vergleichbaren Intensität. Bis sie spürte, wie seine Finger nach den Rundungen ihrer Brüste tastete und Kassandra ein Schnauben entlockte. Sie machte ein akustisches Signal damit er von ihr abließ und sie sich über ihm aufrichten konnte. Als ihre Augen seine fanden, trug sie ein anderes Glühen als noch vor Minuten in den Augen. Eine offenkundige Lüge zu ihren Worten, wie sich schnell entpuppen sollte.
      "Das Training war als Erschöpfungsübung gedacht... Jetzt mach dir das zu Nutze und ergib dich ihr. Sonst war das völlig umsonst." Sie schwieg anschließend, leckte sich kurz über die Lippen und rollte sich dann entschlossen von dem Mann herunter. Sonst würde sie selbst noch der Versuchung verfallen.

      Ihre Theorie bestätigte sich. Tagsüber schien Morpheus sie alle in Ruhe zu lassen und so veränderten sie ihren Rhythmus dementsprechend und reisten unter Kassandras Flammen in der Nacht weiter während sie tagsüber ruhten. Ihr Ablauf festigte sich über die kommenden Tage - vor dem Ruhen trainierten Zoras und Kassandra kurzzeitig, damit er ein Gefühl für ihre Schnelligkeit bekam. Und sein Schwert nicht mehr ganz so nutzlos war. So schafften die drei sich eine Erholung anzuzeignen und fast wieder zur urspünglichen Kondition zurückzufinden.
      Bis am dritten Tage während ihrer Ruhephase die Zeit der traumlosen Nächte vorrüber war.
      Kassandra lag neben Zoras im Zelt als sie plötzlich wieder mit alten Erinnerungen konfrontiert wurde. Diese waren aber nicht so drastisch wie bei dem letzten Mal davor und Kassandra fand erstaunlich schnell heraus, dass sie sich in einer ihrer Erinnerungen befand. Sie befand sich dieses Mal tief unter der Erde in einem Verließ, die Glieder wieder in Ketten gelegt ohne Licht nach draußen. Einzig ein paar Fackeln an den Wänden sorgten für dämmriges Licht in der dreckigen, aus Erdboden geschlagenen Zelle. Sie kannte diese Erinnerung und wusste, dass sie hier einfach nur gegen den Lauf der Zeit spielte. Anstatt sich die Mühe zu machen, den Traum gewaltsam zu verändern, ließ sie ihn weiterlaufen, brachte jedoch etwas Abwechselung hinein.
      "Es hat ja ganz schön lange gedauert bis du uns wiedergefunden hast, Morpheus. Wie sieht es aus? Möchtest du dir nicht ansehen, wie mich meine Erinnerungen noch quälen können?", sprach sie ins Nichts mit einer neutralen Tonlage.

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      "I rather trust and regret than doubt and regret"
    • Morpheus

      "Was soll das heißen, 'nicht mehr da'?"
      Morpheus war unbeeindruckt von der angespannten Fratze, die vor ihm in der Luft hing. Der Mann, dem sie gehörte - seiner Träger-Verkörperung - war kaum jeweils nicht nicht angespannt und Morpheus dachte sich, dass Menschen wie er ganz schön unrealistisch wären in der Wirklichkeit.
      "Nicht mehr da, verschwunden. Manchmal ist sie halt da, manchmal nicht. Die letzten Träume war sie nicht da."
      Der Mann starrte ihn einen Moment lang verbissen an, dann richtete er sich auf und ging zurück zu der kleinen Truppe, die sich um einen Kartentisch versammelt hatten. Morpheus blieb auf seinem Bett sitzen, er tat in den Trägerträumen sowieso kaum etwas anderes als zu schlafen und dann ein bisschen was zu essen und manchmal zu reiten. Er hasste es. Er stöhnte genervt, während die Traumgestalten sich berieten.
      Nach einer Weile kam sein Träger zurück.
      "Leg dich wieder hin, Morpheus. Wir werden den Kurs anpassen, aber vielleicht erwischen wir sie irgendwo. Vielleicht waren sie schon außerhalb."
      Morpheus lehnte sich nach hinten und stützte sich auf seinen Händen auf, während er den Blick auf den Mann richtete. Ihm war so öde, so langweilig.
      "Dann lass mich schlafen gehen."
      "Tu es doch. Leg dich hin."
      "Das mein ich nicht."
      Wer hatte sich diese einfältigen Gestalten ausgedacht?
      "Entlass mich. Hypnos soll mich müde machen. ... Was, weißt du etwa nicht, dass ich entlassen werden muss, um einen anderen Traum aufzusuchen? Ich muss mich hier schlafen legen, genauso wie in der Realität. Sag Hypnos, er soll mich hier müde machen."
      Der Mann starrte dümmlich. Er hatte ganz offensichtlich keine Ahnung, wovon Morpheus redete und der hatte keinen Nerv dazu, eine Traumgestalt darüber aufklären zu wollen, dass sie in einem Traum existierte. Vorher würde er lieber gar nichts sagen.
      Aber das musste er auch nicht weiter, denn der Mann entfernte sich zu ihm und ging zurück zu seinem Trupp. Sie besprachen sich und manchmal konnte Morpheus Fetzen heraushören wie "menschliche Hülle" und "nicht den ganzen Tag schlafen" und "müde machen". Irgendwann kam er wieder.
      "Steh auf, geh nach draußen und lauf um das Zelt, bis du müde bist."
      Morpheus sah ihn an und lachte dann auf.
      "Hah! Sicher. Wie dumm. Scheiß Traum."
      Der Mann zog die Stirn in Falten.
      "Morpheus. Steh auf, geh nach draußen und lauf um das Zelt, bis du müde bist."
      Die Klammer um seinen Geist betätigte sich und zog ihre Fäden. Morpheus stand auf. Er ging durch das Zelt nach draußen und er fing an zu laufen. Draußen starrten die aufgestellten Wachen ihn an und er versuchte mehrere Male seine Gestalt zu verändern, vielleicht in ein Pferd oder eine Schlange, irgendwas, um nicht laufen zu müssen, aber es gelang nicht. Also lief er nur.
      Und lief.
      Und lief.
      Und lief.
      Die Klammer um seinen Geist wurde nicht schwächer und als er glaubte, eine Ewigkeit lang in diesem Traum schon gefangen sein zu müssen und nie wieder herauszukönnen, fing auch noch an sein Körper zu schmerzen. Er keuchte und schwitzte, aber er lief. Seine Beine schmerzten und er lief. Seine Füße taten ihm weh und er lief. Sein Rücken schmerzte und er lief. Übelkeit stieg in ihm hoch und er lief.
      Er war noch nie in seinem Leben so lange gelaufen, er hatte überhaupt noch nie so viel körperliche Bewegung getan, wie er jetzt tun musste. Es schmerzte. Sein Körper fühlte sich merkwürdig lebendig an.
      Er lief, sein Herz schlug Sprünge, seine Lunge drohte zu bersten, sein Kopf war dick, sein Oberkörper pulsierte, seine Beine waren taub, seine Füße schmerzten und er lief weiter. Irgendwann kippte die Welt vor seinen Augen und er schlug dumpf auf, was - wie er etliche Momente später bemerkte - nur darauf zurückzuführen war, dass seine Beine einfach unter ihm eingeknickt waren. Er bekam keine Luft. Er schloss die Augen und dann war er endlich, endlich zurück in seinem Traummeer und aus seinem unliebsamen Trägertraumkörper heraus.


      Er lebte in seinem Traummeer. Wenn er es nicht tat, wenn er in den Trägertraum zurückgeholt wurde, bereitete er seinem Körper Schmerzen, bis er wieder entlassen wurde. In seinem Traummeer fühlte er sich gut, er fühlte sich normal - in seinem Trägertraum fühlte er sich wie ein Wrack, als ob Hades Cerberus persönlich auf ihn gehetzt hätte.
      Er fand sie wieder und er tat, was sein Träger von ihm wollte. Er schnappte sich die erstbeste Erinnerung, die er in die Finger bekam und webte daraus einen hübschen, kleinen Traum - nicht viel, nicht so drastisch wie seine früheren Kreationen, aber angesichts der Tatsache, dass er so lange in seinem Traummeer verbrachte, etwas ganz anständiges. Eine Weile sah er ihr zu, wie sie in einem Käfig saß und mit der Luft sprach. Er wusste, dass sie zu ihm redete. Mit einem körperlosen Seufzen manifestierte er sich.
      Er kam aus der Wand hinter ihr, zuerst nur als einzelner Stein, der sich nach vorne schob, als würde er von hinten gedrückt werden, dann folgten weitere Steine dem ersten, schoben sich aus der Wand heraus, nahmen die Form von Armen, Beinen, einem Torso, einem Kopf an und dann stand er vor ihr, ein Zusammenwurf aus Steinen, die wirkten, als wollten sie einen menschlichen Körper nachahmen. Nicht gerade ideal, aber eine andere Gestalt konnte er ihrem Unterbewusstsein im Moment nicht entziehen.
      "Ich quäle dich, nicht deine Erinnerungen. Ohne mich würdest du sie gar nicht sehen."
      Er schnaubte, als er sich umsah.
      "Was soll das hier überhaupt sein, die endlose Warterei von Kayroff? Mach etwas spannendes, unterhalt mich. Mir ist so entsetzlich. Langweilig."
      Er durchquerte einmal den Käfig und sah dann durch den Schlitz der Tür nach draußen auf die undeutliche Masse, die außerhalb des Blickfelds der Phönixin lag. Dann kam er zurück und setzte sich auf den Boden, als müsse er das Bedürfnis seines Trägertraumkörpers hier auch noch nachahmen.
    • Kassandra spürte nichts von Morpheus' Anwesenheit in ihrem Rücken. Einzig das schabende Geräusch, wie sich Stein auf Stein bewegte und malmte, nahm sie hinter sich wahr. Folglich sah sie auch nicht, wie sich ein diffuser Körper bildete, doch sie wusste, dass dies nicht Teil ihrer Erinnerungen waren. Er musste es sein.
      Kassandras Kopf, der unterdessen entspannt nach vor gehangen hatte, hob sich. An ihr vorbei bewegte sich ein nicht wirklich menschlicher anmutender Körper, sah man einmal von der Silhouette ab. Als sich die ersten Worte aus einer undefinierbaren Kehle lösten, schloss Kassandra nur die Augen und seufzte. Wut brachte sie hier nur bedingt weiter. Sie musste es anders versuchen. Beim letzten Aufeinandertreffen triefte der Gott der Träume vor Zorn und Hass - diese Erinnerung war harmlos im Vergleich zu dem, was hätte sein können. Morpheus hatte also keine Zeit gehabt, tief genug in ihren Erinnerungen zu wühlen. Er war spontan hier.
      "Ohne dich würde ich sie nicht sehen? Ich kann in jeder Sekunde während meines Wachseins an meine Erinnerungen denken. Mich in sie zurückversetzen. Das, was du als Traum definierst, greift bei mir nicht." Das metallene Klingeln auf Steinboden drang hell an ihre Ohren als die Phönixin ihr Gewicht etwas verlagerte. Die Ketten waren so schwer an ihren Handgelenken, dass sie schon Druckstellen hinterlassen und sie gen Boden gezogen hatten. "Du bist spontan hier. Sonst hättest du mir eine deutlich unangenehmere Erinnerung vorgeführt. Die vom letzten Mal waren schon nicht schlecht gewählt."
      Eigentlich wollte sie ihn nicht verspotten und musste einmal tief durchatmen, damit sie ihren gewählten Pfad nicht verlor. Natürlich hatte sie genug Mittel, um ihn zu unterhalten, wie er zu sagen pflegte. Nur die Frage, warum er es nicht von sich aus tat, stellte sich ihr noch.
      "Es ist völlig egal, was das hier ist. Es wird sich über Jahrzehnte strecken, die Warterei hier unten. Das passiert, wenn dein Träger Angst vor dir hat und dich wegsperrt. Wenn dir doch so furchtbar langweilig ist, wieso änderst du nichts daran? Vielleicht weil du es nicht kannst?"
      Kassandra hatte ihre Erhabenheit selbst in dieser Lage wiederfinden können und reckte das Kinn so gut es ihre Position zuließ. Ihre Hände hingen entspannt unter den schweren Ringen, ihre Beine waren von Staubschichten überdeckt und von Dreck verkrustet. Trotzedem wirkte sie selbst in dieser Lage überweltlich schön, selbst wenn ihr Gesicht zerfurcht und die Haare verfilzt waren. Ihre Augen brannten mit jener Intensität, wie sie nur fern ab dieser Erinnerung erstrahlen konnten.
      "Du bist der Gott der Träume, es sollte dir doch ein Leichtes sein, jegliche Art Traum zu gestalten. Du existierst nur in deinen Träumen und dennoch musst du dich einigen von ihnen geschlagen geben? Wieso? Du sagtest letztes Mal, du warst stundenlang beim Tee trinken festgehalten worden. Du wärst gezwungen, über Tage oder gar Wochen zu reiten, obwohl du es hasst. Was ist, wenn das alles keine Träume waren? Du bist nur machtlos wenn du dich außerhalb deiner Traumwelt befindest. Sag mir, hast du nicht zwischendurch versucht, Einfluss auszuüben und es hat nichts gebracht? Nicht einmal eine Farbänderung? Irgendetwas?"
      Sie versuchte ihn an die Wahrheit heranzuführen. Wenn dieser Gott ihr beim letzten Mal eines gezeigt hatte, dann, dass er eitel war. Sehr eitel. Zu eitel, als dass er akzeptieren können würde, dass jemand die Macht über ihn hatte. Nur war die Frage inwiefern er ihren Worten Glauben schenken würde.
      "Ich konnte deinen Traum das letzte Mal ändern. Das sollte nicht möglich sein, das wissen wir beide. Es ist nur dann denkbar, dass ein namenloses mythisches Wesen deine Werke beeinflussen kann wenn du als Gott der Träume nicht in vollem Besitz deiner Macht bist. Wie sonst hätte ich dein Konstrukt brechen und sogar nach meinen Wünschen abändern können? Das Band mit meinem Träger ist stark, so stark, dass ich genug Ressourcen zur Verfügung habe, um deine angekratzte Macht zu untergraben. Das geht nur, wenn du ebenfalls einen Bund eingegangen bist und dieser dich maßregelt. Du bist auf der Erde, Morpheus. Auf der gleichen Erde wie ich und all die anderen, die dumm genug waren. Du bist zufällig hier - wieso? Hat man dir einen Befehl erteilt, dem du dich nicht widersetzten konntest? Hast du dich menschlich gefühlt? Echter, als es sein sollte? Das ist genau der Bund, der dich zum Vasall eines Menschen macht."

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      "I rather trust and regret than doubt and regret"
    • Selbst durch die Ausdruckslosigkeit von Steinen gelang es Morpheus, Kassandra eines gereizten Blickes zu würdigen.
      "Ich kann alles, was sich mit deinem Unterbewusstsein beschäftigt. Ich kann darin so lange graben, bis ich mir einen Weg zu den Toren der Unterwelt geschaufelt habe, Phönixin. Gefällt dir die Szenerie nicht? Vielleicht möchtest du lieber den Tod deines tollen Menschens sehen? Oder zerstückelt werden, wie bei der Zivilisation mit den Hüten? Oder benutzt von dem Typ mit dem riesigen Bauch? Es war schon interessant zu sehen, was er noch für Spielzeuge auf Lager hatte."
      Morpheus reizte sie, aber der übliche Schneid von sonst war verschwunden. Selbst in seinem Traummeer fühlte er sich irgendwie erschöpft und ausgelaugt, was außerhalb seines Verständnisses lag. Was sollte ihn hier schließlich erschöpfen, der Spaß? Wohl eher das Fehlen eben solches.
      Er beobachtete, wie sich die Phönixin ein Stück aufrichtete, wie sie es zu seiner nun doch steigenden Empörung irgendwie schaffte, trotz der Lage eine erhabene Präsenz darzustellen. Wer glaubte sie überhaupt, der sie war - Aphrodite? Der Traum war wohl doch zu lasch für sie gewesen.
      Aber er hatte keine Nerven dazu, etwas besseres zu schaffen. Er schnaubte.
      "Das sind nur die Trägerträume. Ist das nicht offensichtlich? Du kannst die Träume schließlich auch beeinflussen, wie du so schön herausgefunden hast, dann kann er es auch. Und er möchte einfach nicht, dass ich sie verändere."
      Er zuckte mit den Schultern und grummelte dann.
      "Soll mir doch recht sein. Er soll machen, was er will, dieser Sohn eines Ziegenbocks. Mich in Ruhe lassen damit, das ist das einzige, was ich von ihm will."
      Er verschränkte die Arme wie ein trotziges Kind, wobei der Stein knirschte und aneinanderschabte. Manche Sachen waren selbst in seinen geringsten Bemühungen doch ansehlich realistisch.
      "Du bist auf der Erde, du bist wahnhaft wenn du glaubst, dass ich es auch bin. Was sollte ich da? Ich könnte doch kaum die Träume der gesamten Menschheit beeinflussen, wenn ich direkt unter ihnen bin."
      Er stand wieder auf, ging zur Zellentür, sah nach draußen und schuf sich den Gang, den er von Kassandras Unterbewusstsein übermittelt bekam. Irgendwann war sie diesen Gang wohl mal entlang gegangen oder hatte wenigstens auf ihn draufgesehen, aber er bekam die Details nicht recht zusammen, weil sie auf die meisten Sachen gar nicht geachtet hatte.
      "Ich habe die ganze Sache schon mitgekriegt mit den Essenzen und mit den Champions und dem ganzen Unsinn - dass jetzt Götter unter den Menschen wandeln und nicht nur eine einzige, verbannte Phönixin. Es wird viel diskutiert deswegen. Manche befürworten das sogar, weißt du das? Aber wenn sie wirklich dafür sind, werden sie wohl kaum noch im Olymp sitzen bleiben. Vielleicht, um Zeus ein bisschen zu ärgern."
      Er drehte sich wieder zu ihr um.
      "Wenn das ein Versuch sein soll, mich auch runterzulocken, kannst du dir das gehörig abschminken. Bisher gibt es keinerlei Neuigkeiten über irgendwelche Vorteile, die das ganze haben sollte. Keine Ahnung, weshalb jemand so dumm sein soll, gerade jetzt einen Fuß auf die Erde zu setzen."
    • Wenn Kassandra über die Jahrhunderte in einem meisterlich geworden war, dann unangenehme Erinnerungen in den Hintergrund zu schieben. Sicher, für den AUgenblick in dem Morpheus die vergangenen Tage beschrieb blitzten einzelne Bilder vor ihrem geistigen Auge auf. Aber das waren sie dann auch schon - Bilder, die sie sorgsam zurück in ihre Schachtel stecken konnte und nie wieder ansehen musste.
      "Wie willst du von einem Trägertraum sprechen wenn du doch der Ansicht bist, du seist gar nicht auf der Erde?"
      Kassandra verlor allmählich ihren ruhigen Tonfall. Nicht nur, dass der Gott nicht akzeptierte, dass er auf Erden war, er war sogar so verblendet, dass er nicht einmal auf die Worte eines ähnlichen Wesens hörte. Sie biss die Zähne zusammen während sie sich versuchte aufzurucken. Doch die Ketten waren zu schwer, bewegten sich kaum und hielten sie am Boden.
      "Du kannst auch gar nicht alle Träume hier beeinflussen! Deswegen fahren dich die Menschen durch die Lande, ständig uns hinterher! Du besitzt eine Reichweite über die dein Träger Bescheid weiß und deswegen dich zum reisen zwingt! Du bist fernab des Olymps. Wärst du noch oben würdest du dich nicht gelangweilt fühlen. Du könntest in alle Träume der Welt sehen, du kannst tun, was auch immer du willst. Aber jetzt nötigt man dich zu Dingen, die dir mehr als misfallen!"
      Ein Grollen schlich sich in ihre Worte, immer gröber riss sie an den Ketten und spürte, wie ein Panikanfall sich anbahnte. Während ihrer Gefangenschaft hatte sie zahlreiche von ihnen hier unten erlebt - sie wusste, wie es sich anfühlte. Wie sie in Schweiß ausbrach, das Herz zu rasen begann und die Atmung sich beschleunigte.
      "Wie kann ein ein mächtiger Gott sich dermaßen von Menschen herumkommandieren lassen?!", schrie sie und verlor langsam den Überblick, welche Empfindung nur Erinnerung war und welche nicht. "Sieh doch, wie sie dich auf mich ansetzen. Du befolgst ihre Anweisungen nicht aus freiem Willen! Mach. Dich. Bemerkbar!"
      Sie presste die Augen fest zusammen, zog das Kinn an den Nacken und betete, dass diese Wahnvorstellung einfach aufhörte. Dass sie meinetwegen doch nicht träumte und einfach das Licht ausgeknipsst werden würde. Dass das enge Gefühl in ihrer Brust sich auflöste und nicht stetig enger wurde bis sie das Gefühl hatte, ersticken zu müssen.
      Götter erstickten doch nicht.
      Menschen taten es.

      Kassandra riss die Augen auf, nur um sie kurz danach wieder zusammenzukneifen. Das Licht, das durch die Zeltwand strahlte, blendete sie. Noch immer hatte sie diese unheimliche Last auf ihrer Brust und es dauerte einen Augenblick ehe sie realisierte, dass Zoras Kopf auf ihrer Brust ruhte. Ihr Puls raste noch immer, Bilder schwammen durch ihren Geist und sie musste arg blinzeln, damit kein Unglück geschah. Mit klammen Fingern suchten ihre Finger Zoras' Schopf und streichelten über seine Kopfhaut. SIe hatte zwar gesagt, dass sie die Herrin über ihre eigenen Gedanken und Erinnerungen war aber leicht ließen sie sich nicht immer zurücksperren. Gerade zwei dieser alten Erinnerungen tobten in ihrem Kopf und warfen mit Bildern um sich, die sie am liebsten verdrängt hätte. Sie musste sich mit aller Macht zur Ruhe zwingen, um nicht dem gleichen Stress wie in ihrem Raum zu verfallen.
      Nur noch über die Dauer dieser Reise. Sobald sie zurück in Luor waren hätte Zoras andere Planungen in die Wege zu leiten. Dann hätte sie Zeit, Zeit für sich allein. Zeit, in der sie unbeobachtet war und diesen verklärten Traumgott ausfindig machen konnte.

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      "I rather trust and regret than doubt and regret"
    • Morpheus blickte gereizt zu der Phönixin zurück, wie sie an ihren Ketten zerrte und diese rasselten. Es war schon irgendwie befriedigend zu sehen, dass die Grenzen seines Traums noch immer eingehalten wurden, aber ganz und gar nicht befriedigend war es, wie sie mit ihm redete. Worüber sie redete. Hätte er einen richtigen Körper gehabt, hätte er sich in die Brust geworfen.
      "Ich bestimme immer noch selbst, was ich tue! Welches Recht hast du, das zu hinterfragen, Phönixin! Träume haben Begrenzungen, das sind die Natur von ihnen! Du kannst ja wohl auch gerade nicht aufstehen und nach draußen spazieren, oder?"
      Fast bereute er seine Worte, als er sich erinnerte, was das letzte Mal geschehen war, als er in ihren Traum gekommen war. Damals hätte sie vermutlich sehr wohl aufstehen und nach draußen spazieren können, aber jetzt schien es zu seinem Glück nicht wieder so zu sein. Die Phönixin regte sich nur auf und Morpheus ärgerte sich.
      "Du hast mir gar nichts zu sagen! Ich habe hier die Macht über dich, du solltest vor meinen Füßen knien und um Gnade betteln, dass ich dir diese Albträume erspare! Stattdessen willst du dich mir noch aufdrängen?!"
      Es lag vermutlich an den Empfindungen der Träumenden, die auch auf Morpheus übergriffen und die ihn deswegen so in Rage schaukelten. Er tobte und er wütete und schließlich wollte er ihr den schlimmsten Albtraum ihres Lebens kreieren, da wurde er mit einem Schlag herausgeworfen und in sein Traummeer verfrachtet.
      Noch immer wütend und außer sich, ließ er seinen Frust an anderen Träumenden aus und wütete als unaufhaltbarer Wirbelsturm durch ihre Unterbewusstseins.
      Es war aber nicht genug. Selbst, nachdem er sich einigermaßen wieder abreagiert hatte, geisterten die Worte der Phönixin noch in seinem Verstand herum und hinterließen merkwürdige, unschöne Eindrücke.

      Damit war das Ende ihres Laufs erreicht und sämtliche Möglichkeiten bezüglich Morpheus waren ausgeschöpft. Sie konnten nicht tagsüber schlafen, sie konnten nicht nachts schlafen, die Träume kamen zurück und auch wenn sie manchmal nicht ganz so intensiv waren, war es doch jedes Mal ein Erlebnis.
      Zoras entwickelte eine eigentümliche Zögerlichkeit gegenüber seines Schlafs. Sie waren nur zwei Wochen unterwegs gewesen und er merkte schon, mit welcher Anspannung er sich zu Bett begab und mit welcher Nervosität er dem Schlaf entgegen blickte. Er konnte etwas völlig harmloses träumen, er konnte womöglich sogar von Kassandra träumen oder auch unverschämtes Glück haben und gar nichts träumen, aber er konnte auch von seinen tiefsten Befürchtungen träumen und von Erinnerungen, die er nicht ein zweites Mal erleben wollte. Der Schlaf fand eine sowohl körperliche, als auch geistige Zumutung und er war dem so schnell überdrüssig geworden, dass er ernsthafte Bedenken darin sah, die ganze Sache noch Wochen, wenn nicht gar Monate aushalten zu müssen.
      Die Routine, mit Kassandra vor dem Schlaf zu kämpfen, behielten sie allerdings rigoros bei. Nachdem er die anfängliche Verletzung seiner persönlichen Würde überwunden hatte, sah er eine gewisse Faszination darin, niemals vollständig ausgelernt zu haben. Er konnte keinen wirklichen Gegner für Kassandra bieten, nichtmal ansatzweise, aber er lernte, sich etwas auf ihre Schnelligkeit einzustellen und eigene Schwachstellen auszumerzen, die ihm sonst womöglich niemals aufgefallen wären. Wenn er das Schwert nur etwas zu weit geneigt hielt, ging er bei einem Frontalschlag das Risiko ein, seinen Daumen zu brechen, wenn er nicht rechtzeitig losließ. Das wäre ihm bei gewöhnlichem Training in fünfzig Jahren nicht aufgefallen und doch hätte es im Eifer des Gefechts eines Tages passieren können.
      Er arbeitete außerdem an seinen eigenen Bewegungen, wenn Kassandra ihn leichter überwältigte, als eigentlich hätte vertretbar sein müssen.
      Hinterher sorgte sie sich stets um seinen geschundenen Körper und manchmal reizte er sie absichtlich, indem er erst recht nicht still hielt, wenn sie ihn dazu aufforderte. Er wollte, wie schon am ersten Abend, sehen, wie sie ihre Augen rollte und er wollte, dass sie ihn dafür tadelte, ihre Behandlung nicht ernstzunehmen. Dann wollte er ihr die Falten aus dem Gesicht küssen und sie so lange mit seinen Liebkosungen traktieren, bis sie wieder lachte. Er wollte die Ernsthaftigkeit aus der Situation verbannen und er wollte dafür sorgen, dass sie beide nicht so sehr ans Schlafengehen dachten. Er wollte verhindern, dass sie sich deswegen tatsächlich noch in den Wahnsinn steigerten.

      Der Terror hörte auch nicht dann auf, als sie die Grenze zum Herzogtum Luor überquerten und auch dann nicht, als sie sich Zoras' Sitz näherten. Es ärgerte ihn ungemein zu wissen, dass irgendwo in diesem Land eine ausländische Karawane herumstreunerte und ihm in sein Leben eingriff, aber er konnte nichts daran ändern. Er hatte einen Aufstand durchzuführen und das würde er nicht unterbrechen, um einen Traumgott des Landes zu verweisen.
      Die Auswirkungen davon wurden aber erst wirklich sichtbar, als er schließlich nachhause kam: Bereits die Wachen, die sie auf halbem Weg abfingen und eskortierten, hatten dunkle Augenringe und schienen sich mehr schlecht denn recht wach zu halten. Das war es aber noch nicht, was ihn so bestürzte.
      Ryorans Gesicht wirkte eingefallen, als er ihm begegnete. Der Mann hatte womöglich abgenommen - oder einfach sehr schlecht geschlafen - denn seine Augen lagen tief in ihre Höhlen und die Augenringe waren ebenso dunkel wie die der Soldaten. Aber am meisten entsetzte ihn Teal, dessen Augen rot gerändert waren.
      "Hey, Kumpel."
      Er umarmte den Jungen und raufte ihm fröhlich die Haare, um von der allgemein herrschenden, bedrückenden Stimmung abzulenken.
      "Alles klar? Wie geht es deinem Hengst, bist du schon ausgeritten? Hat dein Vater dich das machen lassen?"
      Elive war auch schnell vor Ort und begrüßte selbst Kassandra freundlich. Auch Elive hatte schlecht geschlafen - sie alle drei sahen furchtbar aus.
      "Teal, geh doch zum Trainingsplatz, nimm dir ein Übungsschwert und zeig mir gleich, was dir Ultroff alles beigebracht hat, okay? Ich werde noch ganz kurz mit deinen Eltern reden."
      Er lächelte überschwänglich und als Teal verschwunden war, eröffnete er seinem Bruder und seiner Schwagerin die Präsenz von Morpheus, dass der König einen Handel mit Restaris abgeschlossen hatte und was die Herzöge von der ganzen Sache hielten. Im Gegenzug berichtete Ryoran, dass die Armeen zusammengetragen waren und bereit wären, dass allerdings Kerellin es geschafft hatte, bis zu einer Siedlung einzudringen und sie abzubrennen. Ein Grenzkrieg war ausgebrochen, der schon einige Tage andauerte und damit wesentlich länger dauerte, als irgendjemand von ihnen es als gut befand. Zoras hörte sich alles an und zog sich dann mit Ryoran zurück, um weitere Planungen anzustellen.

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    • Ein winziges Fünkchen in Kassandra hatte gehofft, dass sie schnell genug reisten. Schnell genug die Grenzen zu Luor erreichten, überschritten und für einen Moment lang Ruhe vor dem leidigen Gott der Träume hätten. Doch ihre Hoffnungen wurden jäh enttäuscht. Der Grenzübertritt oder auch nur die weitere Reise hatte keinerlei Einfluss auf ihre Träume. Schlimmer noch; sämtliche Menschen, die sie von nun an trafen, sahen mindestens so mitgenommen aus wie ihr Kutscher. Demnach waren sie noch lange nicht außerhalb Morpheus' Einflussbereich sondern wusste Gott wie tief noch darin gefangen.
      Höhepunkt dieser Misere war der Familiensitz der Luors. Zoras' konnte seine erheiterte Stimmung natürlich nicht verbergen, aber sie schlauchte seinen ohnehin schon gestressten Körper nur noch weiter. Kassandra hatte ihn während der Nacht zwar vor den schlimmsten Träumen schützen können, seine Paranoia bezüglich des Einschlafens an sich hatte sie jedoch nicht bekämpfen können. Dass sie selbst seit mindestens einer Woche kein Auge mehr zugetan hatte, sah man ihr erstaunlicherweise nicht an. Stattdessen wirkte ihre Erscheinung nun dauerhaft eindrucksvoller, würdevoller und vorallem deutlich abhebbar von einem gewöhnlichen Menschen.
      Die Phönixin ließ den Herzog seine Familie begrüßen, die Sorge war allerdings in ihrem Gesicht erkennbar als sie Ryoran, Elive und schlussendlich Teal musterte. Den Jungen hatte es mit Abstand am schlimmsten erwischt. Seine übliche Neugierde und Freude seinen Onkel wiederzusehen, war fast gar nicht erkennbar. Er lächelte zwar als Zoras ihm durch's Haar wuschelte, doch es wirkte ausgelaugt und mühsam aufgezwungen.
      "Auf den Koppeln durfte ich mal reiten aber nach draußen lässt er mich nicht. Das ist schon okay. Es gibt wichtigere Dinge als mein Pferd...", nuschelte Teal und erntete sogar einen überraschten Blick der Phönixin. Der Junge hörte sich gar nicht mehr altersgemäß an, geschweige denn gab sich so. Die Euphorie über sein eigenes Pferd war vollends verschwunden. Er nickte schlicht als sein Onkel ihn nach seinem Training fragte und zog sogleich von Dannen, die Schultern gesenkt, der Gang schleppend. Das war die reinste Katastrophe.
      Doch sichtlich getroffen begrüßte Kassandra Elive. Selbst die Walküre war nicht verschont geblieben. Langsam aber sicher spürte die Phönixin neben der Sorge eine neue, viel stärkere Emotion in sich aufkeimen: Zorn. Zorn, den sie gut hinter ihrer geschockten Fassade verbarg und nur noch auf den rechten Moment wartete. Aufmerksam lauschte Kassandra dem Austausch der aktuellen Standpunkte. Wenn es nach ihr ging wäre sie als erstes an die Grenze zu Kerellin ausgerückt und hätte dort für klare Verhältnisse gesorgt. Da dies aber als Angriff gewertet werden konnte entschied sie nicht über den Kopf des Herzoges hinweg, ob dieser Schachzug klug war. Viel wichtiger war ein anderer Baustein, den sie schneller allein einmauern konnte.

      Kassandra hatte abgewartet bis sich Zoras mit Ryoran zurückgezogen hatte und scheinbar niemand mehr ein Auge für sie übrig hatte. Früher hatte sie sich schuldbewusst sogar umgeschaut während sie dabei war, über die Lande zu türmen. Nun allerdings bewegte sie sich mit einer Selbstverständlichkeit zwischen den Häusern und Ställen hindurch als gehörte ihr jeder Kubikmeter Erde unter ihren Füßen.
      Sie spazierte bis sie inmitten der angrenzenden Wiesen stand und so manch Hügel ihren Anblick vertuschte. Weit und breit war kein Mensch zu sehen, und selbst wenn dem so wäre, würde sie binnen der nächsten Sekunden sich buchstäblich in Luft auflösen. Es gab keine Beschreibung für den Moment, in dem Kassandra die sorgsam gespannten Ketten um ihr Selbst fallen ließ und eine schiere Urgewalt an Magie aus ihr hervorbrach. Der Umriss ihres Körpers verwusch sich, löste sich scheinbar auf und wurde zu reinem Feuer. Sie wuchs in ihrer Gestalt bis der Feuerball, der sie war, die Größe eines kleinen Stalles eingenommen hatte. Aus den Umrissen des Feuerballes formten sich Extremitäten - zwei brennende Schwingen, ein langer Stoß und ein eleganter schlanker Hals. Zwei Beine hoben den Vogel deutlich vom Boden ab, der sich den Blicken der Sterblichen vollends entzog. Kassandra breitete die Schwingen aus und hob mit einigen kräftigen Flügelschlägen vom Boden ab. Unter ihr begann das Land vorbeizurasen während sie immer höher stieg und immer schneller wurde. Einem Rausch gleich strich sie durch die Luft, wenn auch nicht mit ihrem wahren Körper. Reine Magie formte dieses Trugbild, das zu undefiniert für ihre wahre Gestalt war. Aber es schenkte ihr die Fähigkeit, zu fliegen. Endlich sich über den schreienden großen Vogel zu erheben, der sie scheinbar seit Ewigkeiten auf ihrer Reise triezte. Hätte Kassandra jubeln können, hätte sie es getan. Doch es gab wichtiges zu tun und so schickte sie einen gigantischen Puls von sich los und begann mit der Suche nach einem Gott.

      Der Feuervogel am Himmel hatte einiges an Zeit investieren müssen bis sie endlich einen Ausschlag empfangen konnte und wusste, wo sich Morpheus Trupp befand. Als sie in Sichtweite war behielt sie ihre Tarnung bei. Sie sollten nicht sehen, dass sich ein Feuerball am Himmel ihnen näherte. Die kleine Reisegruppe kam in Sichtweite und erklärte, warum sie unbehelligt umherreisen konnten: Der Trupp sah eher aus wie ein fahrender Händler und erinnerte sie stark an den Wagen Heranteps, in dem sie im hinteren Teil transportiert worden war. Und genau dort ortete sie Morpheus, seinen Träger unmittelbar daneben.
      Wie ein Meteorit ging Kassandra in ihrer Gestalt nur einige Meter neben der Karawane zu Boden. Ohne einen Einschlag zu zu erzeugen entsprang sie ihrer Feuergestalt und sandte die Flammen in einem Ausufern ihrer Magie aus, sodass die Begleiter Morpheus' und seines Träger durch ihre schiere Macht in Ohnmacht fielen. Einzig sein Träger blieb von diesem Effekt verschont. Selbst die Pferde gingen in die Knie und brachten den Wagen jäh zum Halten. Mit energischen Schritten näherte sich Kassandra dem Wagen und hinterließ eine schwarze Aschespur hinter ihr.
      "Soll ich dich mit Gewalt aus deinen Träumen reißen, Morpheus?", rief sie bereits jetzt zu dem Wagen herüber.

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    • Morpheus

      Ein überraschender Sog, einem Strudel gleich, riss ihn in sein Traummeer zurück und von dort aus in einen Traum, den er sich nicht selbst ausgesucht hatte. Morpheus öffnete die Augen, was einem Gewaltakt gleichkam, während er langsam anfing, seine Umgebung zu erkennen. Irgendwo gab es Radau, eine Männerstimme wiederholte seinen Namen mit solcher Eindringlichkeit, dass es sich wie Speere anfühlte, die sich in sein Gehirn bohrten. Er wusste noch nicht einmal, was für ein Traum das genau war, da fühlte er sich schon dazu genötigt erst den Kopf, und dann den Rest seines Körpers zu heben.
      Dieser Traum kam ihm schleppend vor. Er fühlte sich träge, als wäre er doppelt so schwer wie sonst, und seine Gelenke fanden keinen stabilen Halt, als er sich desorientiert aufsetzte und dann aufstand. Seine Beine schmerzten und er wischte mit der Hand, um sie in Ziegenbeine zu verwandeln. Das schien den Schmerz nicht aufzuhalten.
      Jetzt endlich richtete er seinen Blick auf den lauten Mann, der wiederum kein Auge für Morpheus hatte, sondern aus dem zeltartigen Inneren nach draußen auf eine Gestalt starrte. Er trug ein Schwert bei sich und Morpheus dachte für einen Augenblick darüber nach, ob er sich auch eins schaffen sollte, um ausnahmsweise mal mitzumischen. Aber dann entschied er sich doch dagegen; er war irgendwie müde.
      Der Botschafter kam nach draußen getreten. Er hatte die Brust in aller Würde herausgestreckt und versuchte seine offensichtliche Angst zu verbergen in Angesicht dessen, dass seine ganze Mannschaft binnen eines Herzschlags außer Gefecht gesetzt worden war. Er starrte auf Kassandra, oder wohl eher auf die Aschespur hinter ihr, die das einzige Merkmal dafür war, was die Frau wirklich war.
      "Hat er dich geschickt, um uns zu beseitigen?", rief er und bewegte sich nicht vom Fleck. Manchmal sah er über die Schulter ins Innere und zischte Morpheus' Namen, bevor er wieder nach vorne auf Kassandra sah.
      "Wir werden diesen Aufstand beenden, durch den einen oder anderen Weg, das kannst du ihm sagen! Du wirst nichts daran ändern, wenn du diese Truppe hier tötest! Du wirst es nicht einmal verzögern können!"
      Er hielt das Schwert eisern in der Hand, sah aber nicht gewillt dazu aus, es auch wirklich zu benutzen. Viel eher diente es ihm selbst als moralische Stütze.
      Hinter ihm bewegte sich ein Schatten und dann kam Morpheus herausgeschlurft, die Augen halb geöffnet, die Beine wackelig, den Rücken zu einem Buckel gekrümmt. Seit dem Königssaal war seine Hülle noch weiter in Mitleidenschaft gezogen: Herabhängende Wangen, tiefe Augenringe, fahle Haut, knochige Finger. Das Haar hing ihm in Strähnen herab und unterstützte nur den Eindruck seines mehr und mehr verkommenen Selbsts, während er vor dem Botschafter stehenblieb, einige Male blinzelte, als müsse er sich erst orientieren, und dann den Blick auf Kassandra richtete.
      Da endlich erkannte er sie und da stahl sich ein feines Grinsen auf sein Gesicht.
      "Ach, du bist es."
      Er hatte gar nicht mitgekriegt, dass er im Traum der Phönixin gelandet war. Selbst für eine Phönixin wirkte es hier zu menschlich.
      "Willst du mir noch weiteren Unsinn von der Erde erzählen? Oder sind dir deine Träume zu langweilig? Ich kann dir bessere schaffen, ganz sicher."
      Es war unübersehbar, dass Morpheus keine Ahnung hatte, in diesem Moment als göttliches Schutzschild benutzt zu werden. Sein Träger duckte sich regelrecht hinter ihn, als könne die gebrechliche Gestalt von Morpheus allein dafür sorgen, dass er vor einem Flammensturm bewahrt werden würde.
    • Es war verlockend, einfach einmal die Zügel loszulassen und all der Magie, die wie ein Strudel in Kassandras Innerem wirbelte, Freilauf zu gewähren. Wie schnell konnte sie den Wagen samt Insassen niederbrennen? Wie lange dauerte es bis von den Körpern nichts als Asche übrig blieb, der sich in den Zügen des Windes mischte und von Dannen zog? All solche Gedanken waberten durch ihren Kopf während sie sich unaufhaltsam wie eine Naturgewalt dem Wagen näherte.
      "Was denn? Traut man uns denn gar nicht zu auch aus eigenem Antrieb zu handeln?", war Kassandras Antwort auf die Frage hin, ob Zoras sie geschickt hatte. Das hatte er nicht - brauchte er auch gar nicht. Immerhin hatte sie mit eigenen Augen sehen können, was der leidige Gott im Wagen dort hinten angerichtet hatte. Er sollte bei ihrem Anblick genauso furchtsam blicken wie der Mann, der offensichtlich sein Träger war. Auf die weiteren Worte hin erschien ein beinahe überheblich wirkendes Lächeln auf ihren Lippen. Wie kurzsichtig dieser Mensch doch war. "Wer hat gesagt, dass ich zum Töten hier bin? Wenn dem so wäre, dann befände sich hier an dieser Stelle nichts weiteres als ein schwarzer Brandfleck."
      Wie zum Protest schlugen kleine Flämmchen aus den Fußspuren hinter ihr aus. Diese ganze Macht in ihren Fingern schickte ein Kribbeln bis zu ihren Fingerspitzen. Ihr war sofort klar, dass Zoras sie so niemals sehen dürfte. Keinen Ausblick auf das Gesicht bekommen dürfte, wie sie wissentlich auf den Feind zumarschierte und sich bewusst war, wie verschoben die Machtverhältnisse hier waren. Dass sie endlich wieder da war, wo sie hingehörte.
      Allerdings blieb sie stehen als sich aus dem Wagen eine Gestalt löste. Die Person, die unverkennbar Morpheus verkörperte, sah sogar noch schlimmer aus als alle Menschen, die er bisher heimgesucht hatte. Er erinnerte sie stark an ihre eigenen Zeiten, die alles andere als rosig gewesen waren. So ausgemergelt war sie auch etliche Male gewesen, ausgezehrt und ausgelaugt. Dass da vor ihr war kein Gott - es war nur sein Schatten. Anklagend richtete sich Kassandras Blick auf den Träger hinter ihm. Er hatte noch immer sein Schwert in der Hand, traute sich scheinbar jedoch nicht weiter aus seiner Deckung. Zorn überflog ihre sanften Gesichtszüge bevor ihre Augen anfingen zu glühen und sie ein winziges bisschen ihrer Magie einsetzte. Der Mensch heulte auf und ließ überraschend sein Schwert fallen, das urplötzlich zu glühen begonnen hatte. Die brennend heiße Klinge versengte den Boden und das Gras, das sie berührte, während die Phönixin ihren Weg wieder aufnahm. Nur noch einige Meter trennten sie voneinander.
      "Nein, ich werde dir keinen weiteren Unsinn erzählen", verkündete sie dem Gott der Träume. Worte hatten bei ihm keinen Anklang gefunden, also musste etwas Nachdruck weiterhelfen. "Unglaublich, wie sehr du dich gehen lässt. Lass mich raten; Du brauchst deine Hülle nicht zu nähren weil du ja eh nur träumst, richtig?"
      Die letzten Worte waren mit unüberhörbarem Spott ausgestattet. Die Zeit für Worte waren vorrüber und der sich im Wagen versteckende Träger sah dies ebenso. Er war aus der Schussbahn geflüchtet im Angesicht einer unaufhaltsamen Phönixin. Diese bewegte sich tatsächlich bedachter vor als es den Anschein machte. Stetig rechnete sie damit, dass der gebrechliche Mann doch noch Reserven versteckt hielt. Doch als sie nur noch drei Meter von ihm entfernt war wusste sie, dass er über keinerlei Reserven dergleichen verfügte.
      Morpheus war ohne seine Traumwelt machtlos. Ohne das Wissen, dass er sterben konnte, nicht einmal auf Abwehr aus. Sie könnte ihn mit Leichtigkeit töten. Einen Gott töten. Den ersten Gott in ihrer langen Zeit der Existenz auf Erden.
      Eine Armlänge entfernt blieb Kassandra vor Morpheus stehen und musterte ihn. Dank seiner gebückten Haltung war er nicht größer als sie oder gar beeindruckender. Er sah einfach aus wie ein alter, seniler Mann, der mit seinem Leben abgeschlossen hatte. Ihr Grinsen bekam dunkle Züge, sadistische Züge sogar, als sie nach seinem Arm griff, der unter Gewandsstoff verborgen war. Fast augenblicklich fing der Stoff unmittelbar um ihre Finger Feuer.
      "Wie war das noch gleich? Du dürftest keinen Schmerz in deinen Träumen kennen, hm?" Sie spürte seine Haut unter ihren Fingern und schloss sie nur noch enger um den dürren Arm. Das Geruch von verbranntem Fleisch stieg auf, zwickte in ihrer Nase, doch sie wandte den Blick, den sengenden Blick, nicht vom anderen Gott ab. "Na los, versuch dich zu befreien. Versuch es abzuändern. Es ist doch dein Traum, oder nicht? Das hier kann doch nicht die Erde sein - eine Erde, auf der du Schmerzen spürst. Auf der du sterben kannst."
      Ihre Augen weiteten sich und verliehen ihrem Gesicht einen manisch anmutenden Eindruck. Er lernte nicht aus Worten, egal ob gut oder schlecht gemeint. Dann würde sie es ihn anhand Taten lehren. Durch Schmerz den Verstand wachrütteln, wenn es unbedingt sein musste.

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    • Morpheus

      Die Augen des Traumgottes hatten etwas glasiges an sich, als würde ihnen zu jeder Zeit der Fokus fehlen. Selbst als er damit Kassandra beobachtete, wirkte es erstaunlich stark, als würde er einfach durch sie hindurch blicken.
      Als sie näher kam überlegte er, wie sie sonst so schwächlich, so gedemütigt wirken konnte und jetzt plötzlich so hochaufragend war, als wäre sie eine Göttin im Olymp selbst. Mit welchem Traum stand das in Erinnerung? Er konnte sich nicht ersinnen, in ihrem Unterbewusstsein etwas derartiges entdeckt zu haben.
      "Götter brauchen kein Essen, das ist eine Sache für Menschen."
      Sein Grinsen wurde breiter, etwas aufrichtiger. Es brachte Leben in seine Augen, aber letzten Endes schienen sie noch immer durchscheinend zu sein.
      "Hat dir die Zeit auf Erden etwa schon so das Gehirn vernebelt, dass du nicht mehr unterscheiden kannst? Ich habe ja gehört, dass auf göttliche Hüllen etwas ähnliches zutrifft wie auf Menschen, wenn auch in einer abgeänderten Form."
      Die Phönixin blieb noch immer nicht stehen, stattdessen kam sie so nahe heran, um die Hand nach ihm auszustrecken und um seinen Arm zu legen. Davor zuckte er dann doch zurück; er hasste es, berührt zu werden. So viele Dinge konnten schief gehen, wenn er mit einer Figur in Berührung kam, entweder er unterbrach eigens den Fluss des Traumes, oder er verwirrte das Unterbewusstsein oder beförderte sich sogar selbst nach draußen. Natürlich gab es Vorkehrungen dafür, nicht angefasst werden, beispielsweise den Körper loszuwerden oder eigenständig aus dem Traum zu verschwinden - aber als er die dafür notwendige Handbewegung vollzog, passierte mal wieder gar nichts. Das war in letzter Zeit weniger häufig vorgekommen und es ärgerte ihn, dass es genau jetzt sein musste. Hielt sie ihn etwa wieder in ihrer Traumwelt fest? Er würde es sie bereuen lassen.
      "Au!
      "
      Ein plötzlicher Stich in seinem Arm ließ ihn zusammenfahren. Er hob den Blick, ignorierte dann aber die Phönixin und sah weiter nach oben, bis er in den Himmel sah, als würde er nach Vögeln Ausschau halten. Stattdessen erwartete die breiige Masse, die sich ausbreitete und die ein Anzeichen dafür gab, dass der Traum kurz vor dem Zusammensturz stand.
      Aber da kam nichts. Die Sonne war hell, der Himmel klar und er konnte bis zu den Hügeln sehen. Kein schwammiges Etwas, das sich außerhalb des Blickfelds des Träumenden erweiterte. Apropos, wo war er eigentlich, der Träumende, der Träger? Morpheus wollte sich nach ihm umdrehen, da breitete sich der Schmerz zu einem regelrechten Brennen aus und er riss an seinem Arm, der in den Klauen der Phönixin gefangen war. Wut stieg in ihm auf, die sich schnell in Zorn umwandelte, den er auf die Phönixin allein richtete. Musste sie wirklich so sehr versuchen, in sein Reich einzuspielen? Hatte sie etwa immer noch nicht gelernt, dass man sich mit Morpheus in seinem Schlaf lieber nicht anlegen sollte?
      Er fluchte.
      "Lass mich los du elendiger Vogel, das tut weh!"
      Und dann überschritt er die von ihm selbst auferlegten Grenzen und packte die Phönixin seinerseits am Arm.
      Der Traum brach nicht zusammen. Die Szenerie änderte sich nicht. Die Phönixin verschwand nicht. Morpheus wurde nicht aus dem Traum geworfen. Die schwammige Masse erhielt keinen Einzug. Das Feuer verschwand nicht. Der Boden verschwand nicht. Sein Arm befreite sich nicht. Seine Gestalt änderte sich nicht. Sein Körper löste sich nicht auf. Es kamen keine neuen Gestalten aus dem Boden hervor, die ihm zur Hilfe kämen. Es zog sich keine Wand zwischen ihnen empor. Es gab keinen Riss im Traumgefüge. Er wachte nicht auf.
      Nichts änderte sich.
      Seine Miene verzog sich aus Zorn, aus Schmerz, aus Frust, aus Überraschung. Aus Entsetzen. Aus blanker Panik.
      Er riss noch einmal an seinem Arm, eine gar schwächliche Bewegung, die ihm allerdings gelang, als er dabei über sein eigenes Gewand stolperte und nach hinten fiel. Die Phönixin ließ ihn los und er knallte auf den Rücken, wo der neue Schmerz den alten nur für eine Millisekunde übertönte. Sein Ärmel stand in Flammen, sein ganzer Arm schmerzte, als würde er von tausend Speeren gestochen.
      Er wachte nicht auf. Er glaubte auch nicht, dass er aufwachen würde, wenn ihm sein ganzer Arm abbrannte. Er glaubte auch nicht, dass er aufwachen würde, wenn sein ganzer Körper in Flammen stand. Vielleicht auch dann nicht, wenn nichts mehr von ihm übrig war als ein Haufen Asche.
      Er starrte mit glasigem Blick den pastellblauen Himmel an, aber er hatte die Augen weit aufgerissen, so als wollte er über den milchigen Schleier seiner Pupillen hinweg sehen. Dann kam ein kehliges Geräusch aus seinem geöffneten Mund und seine Augen rollten nach hinten, bis nur noch das Weiße von ihnen zu sehen war und sein Körper erschlaffte.


      Luor

      Was Zoras als zielführende Besprechung verstanden hatte, artete in einem halben Streit aus, der nicht minder durch seine aufgeriebenen Nerven verursacht worden war. Ryoran war genauso schockiert über die Hilfe Restaris' wie auch Firion es gewesen war, aber Ryoran wollte augenblicklich etwas dagegen unternehmen und zu allem Übel konnte Zoras ihn mehr als gut verstehen.
      "Wir konnten seit einer Woche nicht mehr richtig schlafen, Teal hat Angst ins Bett zu gehen! Er schläft bei uns im Zimmer und er weint fast jede Nacht, wenn ich ihn aufwecke, Zoras! Das ist doch keine Option für einen Jungen, ganz bestimmt nicht, wenn das noch Wochen so gehen soll!"
      Zoras hatte nicht die Muße ihm mitzuteilen, wie sehr ihm das selbst zu schaffen machte. Er hatte auch nicht die Muße einzugestehen, dass er nichts dagegen tun konnte - nicht jetzt.
      "Ich arbeite dran, Ryoran. Wer hätte auch damit rechnen können, dass der Traumgott persönlich uns auf den Schwanz tritt?"
      "Es ist deine Aufgabe damit zu rechnen, sobald du auf dem Thron sitzt! Wie wäre es, wenn du jetzt schon anfängst, dich angemessen dafür vorzubereiten?"
      Zoras antwortete mit einem gereizten Schnauben und machte eine wegwerfende Handbewegung, mit der Ryoran ihm gestohlen bleiben könnte. Er verließ das Zimmer und steuerte aus einer spontanen Eingebung Kassandras Gemach an, dessen Tür er öffnete, ohne zu klopfen.
      "Kassandra, möchtest du -"
      Sie war nicht hier. Sie war wohl auch noch gar nicht hier gewesen, denn ihr Gepäck stand unberührt herum und der Bettbezug hatte keine einzige Falte.
      Er hatte sich so sehr an ihre ständige Anwesenheit gewöhnt, dass es sich für einen Moment wie ein Stich anfühlte, als er in das leere Zimmer starrte. Würden jetzt wieder Tage beginnen, in denen sie sonst wo hin verschwand und er alleine durch das Haus streifte? Das fühlte sich nicht besser an.
      Er schloss die Tür, dann ging er hinab, um Ryoran nicht nochmal zu begegnen, und steuerte schließlich den Trainingsplatz an, um sich mit Teal ein bisschen zu unterhalten.

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    • Für einen winzigen Augenblick befürchtete Kassandra, dass sich Morpheus wehren würde. Dass er sie dazu nötigen würde, Gewalt anzuwenden als er ihren Arm ergriff und den offensichtlichen Grund für seinen Schmerz beseitigen wollte. Doch statt einer physischen Konfrontation sah sie sich lediglich mit einem Schauspiel an Emotionen im Gesicht des Gottes konfrontiert. Binnen Sekunden sah sie die Erkenntnis bildhaft in seinen Verstand tröpfeln und die Arroganz wich einem der niedersten Gefühle überhaupt. Die nun entstandene Panik überraschte selbst die Phönixin so sehr, dass sie seinem Zug am eigenen Arm nachgab und zusah, wie Morpheus über sein eigenes Gewand rückwärts stolperte. Er schlug unsanft auf dem Boden auf, sein Arm noch immer in Flammen getaucht. Vor ihm blickte Kassandra stillstehend auf die jämmerliche Gestalt hinab, im nächsten Moment war das Feuer an seinem Arm erloschen. Das bekam er allerdings nicht mehr mit, denn er war bereits in Ohnmacht gefallen.
      Kassandras Miene wechselte von Überraschung zu Mitleid. So ein Anblick war alles andere als gottgleich und es stimmte sie traurig, das ausgerechnet ein namenhafter Gott so tief fallen konnte. Ihr Kopf neigte sich ein wenig zur Seite während sie ihn schweigend musterte und sich vorstellte, wie sie an seiner Stelle lag. Ob man auch so auf sie hinab geblickt hatte als sie ohne ihre Kräfte zurechtkommen musste. Ein furchtbarer Gedanke, der das Mitleid aus ihren Zügen verbannte und wieder dem neutralen Ausdruck Platz machte.
      "Ich werde heute keinen von Euren Männern töten. Ihr solltet wissen, dass Phönixe es hassen, sinnlos zu töten. Ich rate Euch allerdings, aus der Nähe Luors abzuziehen. Spüre ich Eure Anwesenheit weiterhin statte ich Euch einen weiteren Besuch ab, der nicht so glimpflich ablaufen wird", verkündete Kassandra dem Boten, der sich noch immer im Inneren des Wagens verschanzt hatte.
      Dann machte sie auf dem Absatz kehrt, brach noch im Gehen in Flammen aus und verwandelte sich wieder in den Vogel aus Feuer, breitete die Schwingen aus und machte sich auf den Rückweg.

      Teal hatte sich brav auf dem Trainingsplatz eingefunden, sein Übungsschwert steckte allerdings bemitleidenswert vor seinen leicht ausgestellten Beinen im Boden. Seine Hände lagen am Griff, doch der Halt war alles andere als nennenswert. Es wirkte müde, wie er leicht gebückt dort wartete, einsam und verlassen auf dem Platz. Als er von weitem seinen Onkel entdeckte richtete er sich nur minimal weiter auf. Er schaffte ein müdes Lächeln auf seine blassen Lippen zu zaubern, die hart übertüncht wurden vom Rotton um seine Augen herum. Sie Haut wurde sogar langsam trocken von dem ständigen Wischen und dem Salz auf ihr.
      "Wir haben leider nicht so viel trainiert die letzte Zeit... Wir waren alle ziemlich fertig, glaub ich. Ultroff behauptet, es wäre sein Rücken. Vater plagt sich mit Kopfschmerzen herum und Mutter hat nicht einmal mehr die Muße sich über sein Gemecker aufzuregen..." Er trat von einen Fuß auf den anderen und verlor dabei fast das Schwert aus seiner Hand, dem er schnell nachgriff. "Aber ich bin froh, dass du wieder da bist. Wirklich. Es hätte so viel passieren können."
      Er kaute auf seiner Unterlippe herum. Die Träume, die ihn heimgesucht hatten, waren vielfältigster Natur gewesen und hatten dem Jungen sämtliche Ereignisse vorgespielt, durch die er alles verlieren konnte. Am Ende hatte er sich die letzten Nächte wieder in den Schlaf geweint und das, obwohl er Zoras' starker Neffe sein wollte. Niemand außer ihm weinte. Dann musste er es ihnen gleichtun, scheiterte nur rigoros. "Schläfst du auch so... schlecht? Also, noch schlechter als sonst?"

      Kassandra war an der gleichen Stelle zu Boden gegangen wo sie ihren Ausflug begonnen hatte. Routiniert unterdrückte sie wieder das gehaltvolle Summen ihrer Magie während sie sich zu Fuß auf den Weg zurück zum Anwesen machte. Sie hatte bereits erörtern können, wo sich Zoras gerade befand, und da er bei seinem Neffen war hatte die Besprechung mit seinem Bruder wohl keine sonderbaren Früchte getragen.
      Sie erspähte beide Männer auf dem offenen Gelände als sie um einen Stall herum bog. Während Zoras seine Mitgenommenheit gekonnt überspielte, sprach die Haltung des Jungen eine völlig andere Sprache. Inständig hoffte sie, dass ihr kleiner Abstecher gereicht hatte, um diesem Elend endlich ein Ende setzen zu können. Zoras stand mit dem Rücken zu ihr, weshalb Teal sie als erstes kommen sah und ihr zuwinkte. Kassandra brachte ihm ein warmes Lächeln entgegen, dass den Jungen scheinbar irritierte. Seine Winkbewegung wurde abgehackter, dann starrte er plötzlich einfach zu Boden. Ein Grinsen stahl sich auf ihr Gesicht als sie sich in Hörweite begab.
      "Wie es scheint trug dein Austausch mit deinem Bruder nicht wirklich Früchte, oder?"

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