Salvation's Sacrifice [Asuna & Codren]

    • Es verging ein spürbarer Augenblick, in dem Zoras sich zu fragen begann, ob er etwas falsches gesagt hatte, bis Kassandra lediglich fragte, was er hören wollte. In der eingetretenen Dunkelheit des Zeltes konnte er nicht mehr viel von ihrem Gesicht erkennen, aber als sie antwortete, war ihre Stimme weicher, als in den vergangenen Tagen. Er fühlte sich in seiner Bitte wieder marginal bestärkt.
      "Was auch immer dir in den Sinn kommt. Was du möchtest."
      Der Inhalt des Textes hätte ihm nicht halb so wichtig sein können, als die Singstimme von Kassandra wieder zu hören. Sie hätte ihm auch ein Kinderlied singen können und er hätte sich daran gefreut, ihren Klängen zu lauschen.
      Es dauerte einen Moment, bis Kassandra sich hergerichtet hatte, dann ertönte ihre süßen Stimme mit der Zärtlichkeit einer Brise im Zelt. Zoras hatte das letzte Mal nicht vergessen, als sie ihm in seinem Anwesen vorgesungen hatte, aber die melodischen Klänge, die sie jetzt in ihre flüsternden Worte verpackte, trafen ihn erneut mit einer solchen Intensität, dass ihm eine Gänsehaut über den Rücken fuhr. Er gab es auf, ihre Gestalt in der Dunkelheit erkennen oder beobachten zu wollen und starrte hinauf ins Nichts, um sich mit allen seinen Sinnen auf ihren Gesang zu konzentrieren. Sie sang leise, so leise, dass es nur das Rascheln der Decke benötigt hätte um sie zu übertönen und daher zwang er sich, nicht einen Finger zu rühren. Einfach nur liegen und lauschen. Die Worte auf sich einsacken lassen und an nichts denken. Letzteres war jedoch leichter gesagt als getan, denn er dachte an vieles und das ständig, zur gleichen Zeit, besonders jetzt, auf ihrer wichtigen Reise. Dann also doch nicht an nichts denken. Oder lieber an Kassandra, das hatte ihm noch nie Schwierigkeiten bereitet. Er schloss die Augen und versuchte sich an ihren freien Tag zurückzuversetzen, der mittlerweile schon Jahrhunderte zurückzuliegen schien. Er hatte schon einige Details wieder vergessen, aber an das gemeinsame Sitzen am Fluss konnte er sich gut erinnern und an das helle Lachen, das sie ihm geschenkt hatte. Hinterher hatte sie nie wieder so gelacht, fiel ihm jetzt auf, nicht auf ihrem Weg hierher und auch in den vergangenen Tagen nicht. Sie schmunzelte, lächelte sogar und manchmal kicherte sie auch, wenn er sich besonders viel Mühe dabei gab sie mit unsinnigen Fragen zu bombardieren, aber es war nie wieder so frei wie damals. Er vermisste ihr Lachen, auch wenn er es bisher nur einmal richtig gehört hatte. Ihm kam der Gedanke unerträglich vor, sie nie wieder so lachen zu hören.
      Als der letzte Ton im Zelt verklang und Stille eintrat, wartete Zoras auf die unvermeidliche nächste Strophe, bis ihm erst bewusst wurde, dass das Lied geendet hatte. Er starrte in die Dunkelheit hinein und auch wenn sich seine Augen schon ein wenig daran gewöhnt hatten, konnte er doch nicht mehr sehen als Kassandras Schemen. Sie kam zu ihm und legte eine Hand auf seine Brust. Zoras beobachtete den Schatten ihres Gesichtes und wünschte sich, dass die Berührung fester wäre und nicht so zart, wie sie war.
      "Danke. Das war ein sehr schönes Lied."
      Als sie sich zurückzog, richtete er sich in seiner Schlafstätte auf - vielleicht ein bisschen zu abrupt, wie er bemerkte. Er war sich darüber bewusst, wie wenig Privatsphäre der enge Raum bot und er hegte keinerlei Absichten, Kassandra an ihrer Sicherheit zweifeln zu lassen.
      Als er diesmal seine Hand nach ihr ausstreckte, machte er es betont langsamer und verharrte in der Luft vor ihr.
      "Danke für alles. Ich bin froh, dass du hier bist."
      Er nahm seine Hand nicht zurück und fragte nach einem kurzen Moment nach ihrer eigenen. Sie glitt in seine größere, so perfekt wie schon am ersten Tag und er führte sie andächtig zu seinen Lippen, als wäre es ein Artefakt, das er in der Hand hielte. Er küsste ihren Handrücken, kurz aber innig und entließ sie danach sogleich wieder in die Freiheit. Er musste lächeln, auch wenn es zu dunkel war, dass sie es hätte sehen können.
      "Hab eine gute Nacht. Und wenn was ist, dann weck mich."
      Damit legte er sich zurück und kehrte ihr den Rücken zu, das kleinste Bisschen an Privatsphäre, das er wohl herstellen konnte. Dann stellte er sich schlafend in dem Wissen, dass er sowieso in der nächsten Stunde keinen Schlaf finden würde, ganz besonders nicht nach diesem Tag.
    • Kaum hatte Kassandra ihr Versprechen ausgesprochen gehabt und die Hand zurückgezogen, war Zoras fast pfeilschnell aus seiner liegenden Position hoch geschnellt. Seine Hand bewegte sich dagegen ausgesprochen langsam durch den Raum zwischen ihren Körpern nur um schwebend zwischen ihnen zu verharren.
      "... Ein Versprechen bleibt ein Versprechen."
      Dann ließ sie ihre Hand in mittlerweile altbekannter Geste in die seine gleiten und gestattete ihm einen Handkuss. Sie spürte sofort, wie eine Welle der Glückseligkeit über ihn hinwegspülte für diesen kurzweiligen Moment zwischen ihnen bevor er ihre Hand wieder freigab. Zwar konnte die Phönixin das Lächeln auf seinen Lippen nicht sehen, dafür aber in seinen Worten hören. Allerdings erschien unverholenes Erstaunen in ihrem Gesicht als sich Zoras anschließend einfach zurücklehnte und ihr sogar noch den Rücken zukehrte.
      Er beachtete sie nicht einmal mehr.
      Dieses Verhalten sorgte dafür, dass sich Kassandra in der nächsten halben Stunde nicht einen Deut bewegte. Völlig erstaunt starrte sie den Mann vor sich liegend an und versuchte zu prozessieren, was hier gerade falsch gelaufen war. Hatte ihr Gesang ihn unglücklich gestimmt? Nein, seine Gefühlswelt war zwar zerwühlt aber nicht direkt wegen ihr. Hatte er sich vielleicht doch eines Besseren besonnen und entschied sich bewusst dagegen, sich weiter mit ihr auseinander zu setzen? Warf er sogar den Tag, den sie gemeinsam verbracht und am Ende so glückselig zusammen gesessen hatten einfach in den Wind?
      Plötzlich empfand Kassandra etwas, von dem sie glaubte, sie hatte es abgetötet. Bis vor wenigen Sekunden war sie sich sicher, dass sie keine Unsicherheit mehr spüren konnte. Aber diese Gedankengänge und der regungslos liegende Herzog vor ihr lösten genau dieses Gefühl in ihr aus. Denn sie wusste, dass Zoras nicht schlief. Dass er nur so tat, sich seine Gedanken jedoch permanent zu drehen schienen. Er hatte so viele Optionen, so viele Möglichkeiten und er zog es einfach vor sich mit seinen Gedanken schlafend zu stellen.
      Kassandras Hände fühlten sich kalt an. Eine Kälte, die für sie auf mehreren Ebenen unangenehm war und gegen die sie dringend etwas unternehmen musste. Ohne es zu merken war ihr Atem ein wenig schneller geworden, die hörbaren Anzeichen ihres Unwohlseins. Als nach weiteren zehn Minuten sich immer noch nichts auf beiden Seiten tat hielt sie es nicht länger aus.
      "Hab ich dich irgendwie verstimmt?... Du findest wieder keine Ruhe", fragte sie so leise, dass es genauso gut das Flüstern des Windes hätte sein können.
      Ihre Finger hatten sich derweil an den Saum seiner Decke begeben und spielten dort mit dem umgenähten Rand. Vor Monaten noch war sie sich sicher, dass diese Situation das Beste war, das ihr hätte widerfahren können. Nun jedoch löste es Unsicherheit aus, Fragen, die sie sich nicht hätte stellen wollen. Sie wusste nur zu gut, wie wichtig ihre Rolle in seinem Plan war. Dass sich Zoras darauf verließ, dass sie ihn sicher halten würde. Zweifellos würde sie dies auch tun, also was war es, dass sie so verunsicherte?

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      "I rather trust and regret than doubt and regret"
    • Nach einer Weile, die Zoras lediglich in dem Gefühl messen konnte, das sich auf seiner einen Körperhälfte breit machte und ihn dazu drängte, die Position zu wechseln, ertönte Kassandras Stimme wieder im Zelt. Sie war noch viel leiser als der Gesang von vorhin, aber Zoras hörte sie dennoch so klar, als hätte sie direkt in sein Ohr geflüstert, und was er da hörte, ließ ihn augenblicklich die Augen aufreißen und sich zu ihr umdrehen, bevor er sich aufsetzte.
      "Was? Nein, keineswegs, wie kommst du denn darauf?"
      Seine Miene stellte seine aufrichtige Erschütterung dar, die sie natürlich nicht sehen konnte. Erst jetzt fiel ihm auch auf, dass sie sich vermutlich in der Zeit kein Stück bewegt hatte.
      Chaos wirbelte in seinen Gedanken auf während er versuchte, auf den Ursprung ihrer Sorge zu kommen.
      "Das hat nichts mit dir zu tun, keinesfalls. Wir hatten einen anstrengenden Tag, das ist alles. Vielleicht ist es auch ein wenig das Gift, hm?"
      Er rückte das kurze Stück zu ihr auf, um ihr bedächtig eine Hand an die Wange zu legen. Sehr gerne hätte er ihre Miene in der Dunkelheit sehen wollen.
      "Du hast wunderschön gesungen, Kassandra. Wenn du nicht hier wärst, könnte ich mir den Schlaf vermutlich für die ganze Nacht sparen. Du beruhigst mich, wie komisch das auch klingen mag."
      Er versuchte sich an einem Lächeln und war plötzlich über die Dunkelheit froh.
      "Ich denke nur viel nach, an Veren, an Niligad, an Feris, an meinen Bruder. Ich habe tagsüber nur wenig Zeit, mich mit solchen Dingen zu beschäftigen, da kommen sie wohl nachts."
      Er nahm die Hand wieder zurück, musterte Kassandra für einen Moment, oder wenigstens ihren Umriss.
      "Du hast mich keinesfalls verstimmt. Aber ich..."
      Er zögerte einen Moment.
      "...Würde es dir etwas ausmachen, ein wenig beieinander zu liegen? Es ist einfacher, wenn man weiß, dass man nicht allein ist, mit allem drum herum."
    • Es bedurfte keines Lichtes im Zelt damit Kassandra die Erschütterung in Zoras bemerkte. Dafür reichte seine Stimme vollkommen aus gepaart mit der ruckartigen Bewegung mit der er sich wieder aufsetzte. Seine Worten nahmen ihr eine Kleinigkeit ihrer Unsicherheit, denn Lügen hätte sie spielend leicht enttarnen können. Dennoch senkten sich ihre Lider etwas als sie den Blick abwärts richtete und selbst darüber nachdachte, warum sie ihn das eigentlich gefragt hatte.
      Es raschelte als sich Zoras etwas näher heranrückte um ihr eine Hand an die Wange zu legen. Das war der Augenblick, in dem sie wahrhaftig gefror und den Blick, geführt von seiner Hand, wieder hob. Ihre Augen sprangen zwischen den beiden Stellen hin und her, wo sie seine Augen in dem schemenhaften Gesicht vermutete. Es war das erste Mal, dass er sie mit seiner Hand im Gesicht berührte. Auf eine Art und Weise, die weder unliebsam noch grausam gemeint war.
      "Ich weiß, dass dir etliche Gedanken durch den Geist wabern. Ich kann spüren, wenn du rastlos wirst aber deine Gedanken lesen vermag ich nicht. Normalerweise fragst du mich ob ich dir dann helfen kann. Beim letzten Mal hat dich meine Stimme schon beruhigt. Aber jetzt..."
      Kassandra spürte, wie sie wieder zu atmen begann kaum hatte Zoras seine Hand von ihrer Wange gelöst. Sofort hatte sie den Eindruck, er habe eine kühle Stelle in einem sonst glühendem Gesicht hinterlassen. Schließlich stellte er die entscheidende Frage, deren Gewichtung ihr später erst richtig bewusst wurde. So wie er vorhin gezögert hatte, haderte nun auch sie mit einer Antwort, die sonst so spontan ihrerseits kam.
      "...Gut."
      Zum Glück sah Zoras in der Schummerigkeit nicht, wie sich Kassandras Augen in einer Form der Ungläubigkeit weiteten. Dann rutschte sie ein Stück zurück, um ihre Decke zurückzuschlagen und darunter zu verschwinden. Die Geräuschkulisse nutzte sie, um einen tiefen Atemzug zu machen und sich kurz zu hinterfragen, warum sie sich seiner Nachfragen ständig so leicht fügte. Insgeheim wusste sie ja, doch sie wehrte sich vehement dagegen, diesen Gedanken bewusst zu akzeptieren.
      Entgegen Zoras' Vermutung kam sie nicht mit unter seiner Decke. Sie legte seine Wortwahl absichtlich sehr weitläufig aus damit sie zwar näher an ihn heran gerobbt liegen konnte, sich allerdings nicht direkt in seinen Fängen befand. Stattdessen schob sie unter den Decken eine Hand zu ihm hinüber. Ihre Finger verließen ihren bekannten Teil der Decke, schlüpften unter seinen Teil und tasteten nach seinem Arm um schließlich seine Hand finden zu können. Doch anstelle des Armes fanden ihre Finger zuerst etwas, das sich verdächtig nach seinem Bauch oder seiner Flanke anfühlte. Sofort zuckte ihre Hand zurück und stieß dabei gegen etwas, das sich eher nach dem gesuchten Arm anfühlte. Ja... wenn sie es richtig fühlte, war das ein Ellenbogen. Vorsichtig glitten ihre Finger abwärts bis sie seine Hand fand und sie mit ihren Fingern umschloss. Sie war derweil auf die Seite gedreht und sah zu dem dunklen Schopf, der sein Kopf sein durfte.
      "Du bist nicht allein. Niemand wird dich ungehört überfallen können solange ich hier bin."

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      "I rather trust and regret than doubt and regret"
    • Zoras hätte nicht gedacht, tatsächlich eine positive Antwort darauf zu bekommen. Als er es doch tat, steigerte es ungemein sein Gemüt.
      Er legte sich zurück, auf den Rücken dieses Mal, und wartete, bis auch Kassandra sich hingelegt hatte. Entgegen seiner - er gab es ja zu - freudigen Erwartung, blieb sie allerdings unter ihrer eigenen Decke und kam nur ein Stückchen näher zu ihm. Es ertönte ein leichtes Rascheln, dann schob sich eine Hand unter seine Decke und schien zielgerichtet über seinen Bauch zu streicheln, bevor sie merklich zurückzuckte. Zoras blieb still und regte sich nicht, ein leichtes Schmunzeln auf den Lippen, bevor die Hand wieder auftauchte, in einer samtigen Berührung seinen Arm entlang fuhr und ihre Finger schließlich mit den seinen verschränkte. Da gestattete er es, sich wieder zu rühren und den Kopf in Kassandras Richtung zu drehen. Sie hatte sich ihm zugewandt.
      Ihre Worte waren genauso einfühlsam, wie sie naiv gewesen waren. Zoras dachte nur kurz über sie nach.
      "Das meine ich nicht. Um Überfälle habe ich mir schon lange keine Sorgen mehr gemacht."
      Seine Antwort war abschließend, denn er hatte nicht vor, die Sache noch weiter zu vertiefen. Stattdessen kam er jetzt noch ein Stück näher, ohne Kassandras Hand loszulassen, und befreite seinen anderen Arm, um ihn über die Decke auf seine Brust zu legen.
      "Möchtest du deinen Kopf auf meine Schulter legen? Ich habe mir zwar sagen lassen, dass ich für ein angenehmes Kissen zu fest bin, aber für eine Schulter scheint es wohl ganz gut zu sein."
      Er ließ ihre Hand dabei locker, ein Zeichen seines Willens sie freizugeben, wenn sie ihre Meinung doch wieder ändern sollte.
    • Etwas in Kassandra hatte darauf gehofft, dass Zoras darauf einging und ihr bestätigte, dass er sich vielleicht doch über Überfälle Gedanken gemacht hatte. Dass er dort allerdings nicht einen einzigen Gedanken hin verschwendete stimmte sie zugleich zufrieden als auch nachdenklich. Abwartend ließ sie ihn ein wenig näher an sich heranrücken und wartete darauf, dass er den befreiten Arm nach ihr ausstreckte, um sie an sich zu ziehen. Doch nichts dergleichen geschah und entlockte ihr ein unsichtbares Stirnrunzeln.
      Das besagte Stirnrunzeln glättete sich alsbald, kaum enthüllte Zoras seine wahre Absicht. Augenblick fühlte Kassandra einen inneren Disput in sich ausbrechen. Ein Blinder mit Krückstock sah, wohin es sie führen würde wenn sie auf sein Angebot einging. Tat sie es jedoch nicht würde es eine seltsame Distanz zwischen sie bringen, dessen war sie sich sicher. Im Endeffekt entschied sie sich erst einmal dazu, ihre Hand aus seiner zu lösen und sich aufzusetzen. Sie drehte ihren Blick zu dem Mann, der noch immer auf dem Rücken lag und scheinbar abwartete. Sollte sie einfach dem nachgeben, was sie wollte oder eher das tun, was jetzt eigentlich angebracht war.
      Kurz teilten sich ihre Lippen weil sie etwas sagen wollte. Doch was sie eigentlich mitteilen wollte schien ihr just in diesem Moment entfallen zu sein. Stattdessen fanden andere Worte den Weg über ihre Lippen: "Du musst dafür dann deine Decke anheben."
      Kaum hatte sie die Worte gesprochen fühlte sie ein seltsames Gefühl in ihrer Magengegend. Sie war nervös, vielleicht sogar aufgeregt und noch immer waberte diese gewisse Verunsicherung in ihren Gedanken umher. Nur war das, was sie gerade im Begriff war mit Zoras zu tun, schon so lange her, dass sie sich an das Gefühl gar nicht mehr erinnern konnte. Hier gab es niemanden, der ihnen in die Bresche fahren würde. Keine ungewollten Störungen. Keine... Rettung auf welcher Art und Weise auch immer.
      Es dauerte einen Moment ehe es raschelte und sich die Decke tatsächlich anhob. Mit einer seltsamen Spannung in den Gliedern robbte Kassandra das letzte Stück an Zoras heran und legte ihren Kopf auf seine Schulter nachdem er den Arm seitlich ausgestreckt hatte. So war sie genötigt, unfassbar nah an den Herzog geschmiegt zu sein als er die Decke wieder über sie beide schlug. Ihr obenliegender Arm bewegte sich pausenlos umher, völlig im Unklaren darüber, wo ihre Hand zum Ruhen kommen sollte. Schließlich biss sie in den bitteren Apfel und legte ihre Hand auf seiner Brust ab, die sich unter seiner Atmung regelmäßig hob und senkte.
      Ein Glücksfall, dass er gerade ihren Herzschlag wohl nicht wirklich mitbekam. Die Phönixin würde ihn nicht als rasend beschreiben aber durchaus als beschleunigt. Vermutlich wäre sie nun diejenige von ihnen beiden, die kein Auge mehr zubekam. Wie lange hatte sie schon keine Körperwärme mehr an ihrem ganzen Körper erfahren? Zumindest solche, die sie sich auch wirklich wünschte. Selbst wenn sie nicht in den Schlaf finden würde - ihre Lider konnte sie trotzdem schließen. Es dauerte eine ganze Weile bis sich der innere Disput in ihr gelegt hatte und sie sich geschlagen gab. Sie gestattete es sich, die Empfindungen, die sie gerade spürte, zu akzeptieren und sich einzugestehen, dass es ihr hier in seinen Armen gefiel. Dass sie sich wie schon im Innenhof im Luoranwesen nach der Nähe sehnte, die sie menschlicher als alles andere machte.
      Kassandra musste sich sogar leicht räuspern als sie ihn etwas fragen wollte. "... Wie lange ist es her, dass du jemanden so in deinen Armen liegen hattest?"
      Bei mir sind es Jahrhunderte....

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      "I rather trust and regret than doubt and regret"
    • Es war unmöglich zu erraten, was Kassandra wohl denken mochte. Sie zögerte, das konnte Zoras erkennen, ohne dabei ihr Gesicht zu sehen, aber als sie dann zustimmte, was ihre Stimme ausdruckslos. Er hätte sich länger mit dieser Frage beschäftigt, was denn nun tatsächlich in ihrem Kopf vorgehen mochte, aber die Erleichterung über ihre Zusage verdrängte für den Augenblick das Bedürfnis nach Klärung. Er lüftete die Decke und hob sie an wie ein eigenes, kleines Zelt, in das Kassandra gekrochen kam. Ihre Bewegungen waren unsicher, aber sie legte sich zu ihm und tat, worum er gefragt hatte. Kassandras Geruch nach frischer Natur, der nie ganz zu verschwinden schien und so sehr zu ihrer Präsenz gehörte wie alles andere an ihrem Körper, drang ihm in die Nase mit dem fernen Geruch von Solair. Das Gewicht auf seiner Schulter war kaum merkbar, sie hätte auch seine ganze Körperlänge ausnutzen können und es hätte ihn vermutlich nicht gestört, genauso wenig wie ihre ruhelose Hand, die über seinen Oberkörper wanderte und sich schließlich für seine Brust entschied. Er bewegte sich nicht, verhalf ihr auch nicht zu einer Entscheidung, wartete lediglich ab, bis sie sich an seiner Seite halbwegs beruhigt hatte, bevor er die Decke über sie beide zurechtzog. Es war merkwürdig, eine eigentlich so vertraute Position anzunehmen und gleichzeitig aber darauf zu achten, den Moment nicht mit unnötigen Bewegungen zu zerstören. Kassandra wirkte gänzlich nicht von dieser Situation überzeugt, aber sie hatte ihm schon mehrfach vermittelt, dass sie nichts zu tun gedachte, was sie nicht auch tun wollte. Und dafür belohnte er sie, indem er hoffte, dass er tatsächlich ein wenig bequemer war als die mitgebrachte Nachstätte.
      Kassandras Wärme strahlte sofort auf ihn und die Decke über sie ab und bescherte ein angenehmes Kribbeln unter seiner Haut. Er lächelte über die Empfindung, die sich damit verbreitete. Hier, für den Moment, konnte er sich einreden, dass die Grenzen der Welt nur bis zur Zeltwand reichten und nichts eine größere Bedeutung hatte, als die Phönixin in seinem Arm zu halten, ihre Wärme zu genießen, ihre Nähe auszukosten. Er schlang einen Arm um ihren Oberkörper und legte seine Hand in einer leichten Berührung auf ihrer Schulter ab, den anderen Arm quer über seinen Bauch. Dann schloss er die Augen. Nichts hatte mehr eine größere Bedeutung als die Phönixin. Kassandra war alles, was er für den Moment brauchte.
      Als sie sich an seiner Seite ein wenig mehr entspannte - er merkte es an der abnehmenden Steifheit ihrer Schultern und wie sie langsam mehr Gewicht auf seine Schulter ablegte, als würde sie sich mit dem Gedanken abfinden, noch eine Weile länger in dieser Position zu bleiben - begann er, mit den Fingerspitzen sacht über ihren Oberarm zu fahren. Er hatte kein Ziel dabei, er ging auch nicht weiter als bis zur Schulter und zurück zum Ellbogen, aber er wiederholte die Berührung unablässig, manchmal mit Schlangenlinien, manchmal mit kleinen Kreisen. Kassandra schien es zu akzeptieren, auch wenn er jetzt, da sie so nah beieinander lagen, spüren konnte, wenn sie ihre Muskeln spannte und ihren Atem anhielt. Er tat so, als würde es ihm nicht auffallen und hielt die Augen geschlossen, glücklich damit, überhaupt das Privileg bekommen zu haben, die Phönixin so zu halten und zu berühren. Er würde sie nicht drängen, er würde nicht weitergehen. Er würde genießen, was sie ihm zur Verfügung stellte.
      Nach einer Weile, in der er sich zunehmends auf Kassandras Atmung konzentrierte und bei dem Versuch, seine eigene Atmung an ihre anzupassen, seine Gedanken ein wenig verscheuchte, erhob sie das Wort wieder. Er hätte zu gern ihr Gesicht gesehen, hätte sich zu gern ein Bild darüber gemacht, was in ihrem Kopf vorgehen mochte, aber die Dunkelheit war allumfassend, also hielt er die Augen geschlossen.
      "Über ein Jahr, schätze ich. Ich hatte wenig Zeit für sowas, seit Feris die Krone übernommen hat, wie du dir vermutlich vorstellen kannst."
      Er schmunzelte ein bisschen.
      "Auch, wenn ich gestehen muss, dass du die erste bist, die ich nach sowas gefragt habe. Andere Frauen... machen das einfach. Eine Königin nimmt sich, was sie haben will, schätze ich."
      Er fuhr über die Rückseite ihres Armes und wieder nach vorne.
      "Und du? Wie lange ist es bei dir her? War Shukran dein letzter... freiwilliger?"
    • Je länger Kassandra so an Zoras geschmiegt da lag, umso mehr begann sie in ihrem Inneren mit sich zu kämpfen. In ihrem Geist errichteten sich Wälle, so hoch, das man nicht einmal die Spitze der Palisarden sehen konnte. Ihre rationale Seite schrie sie an, sich nicht darauf einzulassen. Die Wärme, die sich zwischen ihnen entwickelte, einfach ins Nichts gehen zu lassen. Sollte sie wirklich dem nachgeben, was sie tief in ihrem Inneren wollte, dann war dies nur mit Schmerz verbunden. Zoras würde diesen Schmerz in seiner Ansicht nach nur noch zwei Jahre ertragen müssen und wäre dann erlöst. Aber was war mit ihr? Konnte sie es noch einmal ertragen, sich einem Menschen hinzugeben für eine Zeit, die in ihrer Welt nurmehr ein Wimpernschlag war?
      So sehr sie mit sich kämpfte - langsam und kontinuierlich grub sich Zoras unter diesen Wällen hindurch. Wie ein stetiger Rinnsal Wasser, der sich durch jedes Gestein zu fressen vermochte. Nur war es in diesem Fall die Berührung, die er mit seinen Fingern auf ihrem Arm hinterließ. Das seichte Streichen, gegen das sie sich zuerst gedanklich gefestigt hatte und nun immer mehr Gefallen daran fand. Vielleicht war der Kampf mit sich selbst auch das, was ihr akut seelische Pein bescherte und nichts anderes.
      "Schließt du lose Bettgeschichten mit ein oder beziehst du dich wirklich nur auf Feris' Mutter?"
      Ein Jahr... Was war in ihrer Welt denn schon ein Jahr? Das war die Hälfte der Zeit, die ihr noch mit ihm zur Verfügung stand. Bei diesem Gedanken presste sie ihre Lieder etwas kräftiger zusammen, um den Gedanken wieder fortzuschicken.
      "Andere Frauen sind auch keine Gottheiten...", erinnerte Kassandra ihn ganz leise daran, weil sie den eigentlichen Knackpunkt bei diesem Satz nicht berühren wollte. "Tut mir leid, dass du fragen musstest, ich... bin vielleicht etwas steif."
      Steif war die größte Untertreibung, die sie hätte wählen können. Die Dinge würden völlig anders stehen, wenn sie sich endlich dafür entscheiden sollte, ihrem Bauchgefühl zu folgen. Es eigens in die Hand zu nehmen, dass ihnen nicht nur zwei weitere Jahre an Zeit blieben. Dann, und nur dann, würde sie überhaupt in Erwägung ziehen, die Wälle einzureißen. Nur machte er es ihr so, so schwer. So schwer, dass ihre Hand ganz von allein über seine Brust hinweg wanderte und sich an seine Flanke auf der anderen Seite legte. So, dass sie ihn praktisch im Arm hatte.
      "Shukran war bislang der Einzige, den ich wirklich geliebt hatte." Es gab keine Reue, das offen auszusprechen. Keinen alten Schmerz als sie sich an ihn erinnerte oder Wehmut, dass er schon so lange fort war. "Es gab vor etwa 850 Jahren jemanden, der sich die Mühe gemacht hatte ähnlich wie du. Er war der letzte, der mich in vergleichbarer Weise gehalten hatte. Aber zu mehr war es nie gekommen. Scheinbar ereilt jeden, der sich mit mir einlässt, ein schweres Schicksal."
      Aber jetzt war der Spieß komplett umgedreht worden. Zoras hatte sich das Schicksal selbst auferlegt, es war von Beginn an zum schlechten ausgerichtet. Wenn die Phönixin nun doch sich ein wenig öffnete, wer konnte dann versprechen, dass sie der Spieß nicht noch einmal umkehrte?
      Plötzlich kehrte etwas Leben in Kassandra zurück. Sie rückte sich ein wenig von Zoras ab und schob sachte seinen Arm von ihrem. Dann richtete sie sich etwas auf, stützte sich auf den Ellbogen ab und sah zu Zoras herüber. Mit dem nächsten Wimpernschlag ging knapp unter der Decke ein winziges Flämmchen an, dass ihrer beiden Gesichtszüge für den jeweils anderen sichtbarer gestaltete. Was Zoras nun sehen können würde war das nahbar wirkende Gesicht einer Frau, nicht die kontrollierte Maske einer Phönixin. Sie ließ es zu, dass er den Zwist in ihren Augen ablesen können würde als sie nach einem Augenblick ihre Stimme wiederfand.
      "Ich habe in deiner Anwesenheit hier nicht einmal das genommen, was ich wollte. Mich jedes Mal bewusst dagegen entschieden zu tun, wonach es mich eigentlich sehnt. Das Ganze hier", sie ließ ihre Augen in einer allumfassenden Bewegung über sie beide hinweg gleiten, "ist wirklich schön. Aber was denkst du, wird passieren, wenn ich das Gleiche empfinde wie du? Du hast mir gesagt, dass wir zwei Jahre noch Zeit haben. In meiner Wahrnehmung ist das nur ein Wimpernschlag Zoras. Sollte es so sein, dass du mehr als nur ein Träger, ein Freund, für mich wirst, dann werde ich alles daran setzen, dass es in zwei Jahren nicht enden wird."
      Kassandra ließ die Aussage kurz in der Luft stehen ehe sie die nächsten Sätze hinterher fügte. Dieses Mal war ihre Stimme ungewöhnlich dunkel und spiegelte eine Seite wieder, die der Herzog an ihr noch nicht erleben durfte. Ein leicht herrischer Ausdruck trat in ihr Gesicht kaum löste sich die erste Silbe aus ihrem Mund.
      "Ich bin egoistisch, Zoras. Wenn ich mich für einen Weg entscheide, dann gehe ich ihn solange, wie ich es will. Und wenn ich weiß, dass ich mehr als zwei Jahre Zeit mit dir haben kann, dann setze ich meine sämtliche mir zur Verfügung stehende Macht ein, um das auch zu bekommen. Willst du das wirklich riskieren?"
      Kassandras Augen brannten trotz des dämmrigen Lichts lichterloh. Zoras hatte vorhin davon gesprochen, dass sich eine Königin nahm, was immer sie wollte. Der arme Mann kannte nicht einmal das Ausmaß dessen, wie sie sich verhielt wenn sie ungezügelt diejenige sein durfte, die sie schon immer gewesen war. Er hatte keinen Eindruck davon wie es aussah, wenn Kassandra wirklich Gefühle für jemanden hegte. Wie sie ganze Nationen im Alleingang niederbrennen würde, um denjenigen wieder an ihrer Seite zu wissen. Zoras Entschluss, sich für so etwas lächerliches wie die Krone zu opfern, hatte in ihren Augen keinen Bestand. Schlimmer noch - sie wäre diejenige, die die Krone auf dem Kopf blonden Jüngslings schmelzen lassen würde. Anders würde Kassandra dem Umstand nicht ertragen können zu wissen, dass sie all jene überleben würde, die sie einst geliebt hatte. Wie längst verhallte Echos begleiteten diese verstorbenen Lieben ihr Leben, das ganze Kontinente zu überdauern vermochte.

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    • "Ich beziehe alles mit ein. Sogar Küsse auf die Handfläche."
      Um seine Worte zu unterstreichen, wandte Zoras das Gesicht zu Kassandra, konnte sie aber im Dunkeln nicht erkennen. Das Lächeln, das er ihr dabei schenkte, verhauchte ungesehen im Nichts.
      Er fragte sich nicht zum ersten Mal, ob die Beziehung eines Gottes anders war als die eines Sterblichen, auch wenn ihm Kassandra bereits die Unterschiede aufgezeigt hatte. Er fragte es sich deshalb, weil an Shukrans Beispiel etwas derartiges zustande kommen konnte und auch Bestand hatte, sogar über die Jahrtausende weg. Wenn es so etwas also schon gab, konnte Kassandra dann auch eifersüchtig werden, wie eine Menschenfrau? Konnte sie ein ähnliches Gefühl für Zoras entwickeln, wie sie einst für Shukran getan hatte, nur mit dem Unterschied, dass Millionen an Menschen zwischen ihnen lagen? Würde auch Zoras ihr im Gedächtnis bleiben, einer unter ihren abertausenden Trägern, der auch seinen gewissen Nutzen aus ihrer Anwesenheit zog - wenn auch nicht so drastisch wie manch anderer?
      Seine Gedankengänge wurden gewissermaßen von Kassandra bestätigt, die von einer abstrusen Zeitspanne sprach, die zwischen ihr und dem letzten Mann gelegen hatte, der wohl Zoras' Avancen in ähnlicher Weise umgesetzt hatte. Diesmal war er froh, dass Kassandra seinen erschütterten Gesichtsausdruck nicht sehen konnte.
      "850 Jahre? Der letzte, der sich die Mühe gemacht hat?"
      Und was war mit allen dazwischen? Sie musste mindestens 15 Träger gehabt haben, wenn man von der großzügigen Annahme ausging, dass sie einen Träger sein Leben lang begleitete und das wagte er strengstens zu bezweifeln. Was sollte das also heißen, dass die anderen sich einfach keine Mühe gemacht hatten? Oder sich genommen hatten, was sie haben wollten, so wie er es schon ausgedrückt hatte?
      Er fragte nicht danach, aber es geisterte in seinem Kopf herum, als Kassandra sich plötzlich ein Stück von ihm entfernte. Sie waren noch nicht lange zusammen gelegen und dennoch kühlte seine Seite augenblicklich wieder ab, als wäre ein kühler Luftzug durch das Zelt gekrochen. Alarmiert richtete auch er sich auf die Ellbogen auf, besorgt von dem unmittelbaren Stimmungsumschwung. Als ein Flämmchen das Zelt ein wenig erhellte und ihre Gesichtszüge offenbarte, wusste er nicht, ob es ihn besänftigen, oder beunruhigen sollte. Die normalerweise so unleserliche Miene von Kassandra war mit einem Mal deutlich lesbar geworden und was er dort sehen konnte, trug nicht minder zu seiner Sorge bei. Sein Herz wusste nicht, was es empfinden sollte, als er sich aufsetzte und jetzt selbst wieder auf Kassandra hinab blickte.
      "Ist es das, worum es dir geht? Dass ich in zwei Jahren sterben werde?"
      Aber sie sprach schon weiter und dieses Mal verlor sich der sanfte, besorgte Ausdruck in ihrem Gesicht und wich etwas, das Zoras auch eine Gänsehaut über den Rücken jagte, aber eine andere Art davon. Es förderte seine Irritation, seine Verwunderung über ihren Stimmungsumschwung, seine Ratlosigkeit, mit einer Situation wie dieser umzugehen. Sollten sie etwa darüber debattieren, ob er wirklich in zwei Jahren sterben würde?
      "Nichts kann dir garantieren, dass du auch nur ein Jahr länger mit mir haben könntest. Ich wäre heute eigentlich gestorben, wenn du nicht gewesen wärst, ich wäre vor fünfzehn Jahren eigentlich gestorben. Ich möchte gar nicht wissen, wie oft meine Garde schon meinen Tod abgewandt hat. So ist das Leben, der einzige Unterschied hierbei ist, dass es nicht plötzlich geschehen wird. Wir planen es und wir können uns darauf einstellen. Wir können Abschied nehmen, du kannst dein Herz zurück erhalten, du wirst es nicht einmal spüren müssen. Das ist doch etwas, oder nicht?"
      Er schenkte ihr ein Lächeln, von dem er wusste, dass es nur Kassandra gewidmet war, dass kein anderes Lebewesen der Welt dieses Lächeln hätte hervorrufen können.
      Dann griff er nach ihrer Hand.
      "Ich kann dir keine Zukunft versprechen, in der nicht irgendwo der Tod lauert. Vielleicht ist es nicht Gift, vielleicht ist es nicht auf dem Schlachtfeld mit dir an meiner Seite, aber irgendetwas anderes wird es sein. Ein Attentäter vielleicht oder ein tollwütiger Hund." Ein kurzes Zucken mit den Schultern. "Sag du es mir, du hast sicherlich mehr Menschen an absurden Dingen sterben sehen. Ich bin nicht unsterblich, ich kann nicht meine Hülle wechseln, wenn mir mein Körper den Dienst versagt. Wenn nicht in zwei Jahren, dann wannanders. Aber Kassandra", jetzt lehnte er sich auch wieder auf die Ellbogen zurück und wandte sich ihr zu, "ich habe nicht vor, die zwei Jahre einfach so vergehen zu lassen. Ich weiß, dass sie aus deiner Perspektive kaum der Rede wert sind - das alles wird so relevant für dich sein, so wie ich mich für eine Ameise interessiere. Aber das heißt nicht, dass wir die Tage nicht genießen können. Und die Stunden. Die Minuten."
      Er lehnte sich vor und als Kassandra sich schließlich zurücktreiben ließ, bis sie selbst auf dem Rücken lag, beugte er sich über sie, ohne sie dabei mehr zu berühren als notwendig war.
      "Ich bin auch egoistisch, weil ich mir einbilde, dass mir ein Geschenk aus dem Himmel gemacht wurde, mir persönlich. Und für dieses Geschenk bin ich bereit, ein solches Risiko einzugehen. Für die nächsten zwei Jahre, die wir zusammen verbringen können. Für eine schöne Zeit."
      Er führte ihre Hand, die er noch immer in seiner hielt, zu seinem Mund und küsste ihren Handrücken, ohne den Blickkontakt zwischen ihnen zu brechen. Dann verschränkte er vor ihrer beiden Augen die Finger ineinander und beugte sich in einer fließenden Bewegung zu ihr hinab, stützte sich halb auf ihrer beider Hände auf und küsste sie.
    • 850 Jahre waren für Menschen eine unfassbare Zeitspanne. In dieser Zeit gab es mehr als 23 Träger, die mal länger und mal kürzer in der Regentschaft waren. Keiner von ihnen hatte sich je darum geschert, ob Kassandra als Phönixin überhaupt etwas vergleichbares wie Gefühle besaß. Sie alle hatten sie als etwas Mächtigeres betrachtet, das nach ihrer Pfeife tanzte und mit dem sie tun und machen konnten, was sie wollten. Nicht einer hatte Avance gemacht wie Zoras. Nicht einer hatte auch nur ansatzweise ihr Interesse geweckt.
      Zugegeben, Kassandra hätte nicht damit gerechnet, dass sich Zoras gar völlig aufsetzen würde. So musterte sie ihn von schräg unten während er den Knackpunkt hinter ihren Worten einfach verfehlte. Ja, es ging darum, dass er in zwei Jahren freiwillig sterben wollte. Allerdings schien er nicht zu sehen, welche Narben es bei ihr hinterlassen würde, die sich über Jahrtausende hinweg ziehen würden. Schließlich lächelte er sie wieder mit diesem allumfassenden Lächeln an, sodass ihr regelrecht schwer ums Herz wurde.
      "Aber jetzt bin ich da. Es werden weniger Zufälle geschehen, die dir gefährlich werden können. Es ist nicht so spontan, wie du denkst, ich sehe, wann deine Zeit abläuft. Das ist doch auch schon eine Form von Vorbereitung. Ich bin mehr als alle anderen darauf vorbereitet, dass ich wieder allein dastehen werde", erwiderte sie mit einer Spur Verletzlichkeit in der Stimme.
      Doch weitere Worte konnte sie vorest nicht anbringen. Ehrlich gesagt wollte sie es auch nicht, denn dann hätte sie mehr von ihrer Gedankenwelt preisgegeben als sie ursprünglich gewollt hatte. Widerstandlos reichte sie ihm die Hand auf der sie sich nicht abstützte, kaum griff er nach ihr. Ihre wachen Augen fanden seine während er ihr einen Ausblick auf etwas gab, das sie dutzende Male bereits erlebt hatte. Sie hatte genug Tode erlebt, um ganze Wälzer mit ihnen zu füllen. Doch es laut ausgesprochen zu hören ovn jemanden, den es direkt betraf, trug eine andere, stärkere Wirkung mit sich. Sicher, sie konnte den Lauf der Zeit nicht anhalten und wäre sogar dazu bereit, sich mit dem bisschen Lebenszeit zu arrangieren aber bis dahin würde sie alles tun, damit ihm nichts widerfahren würde.
      Mit trockenem Munde beobachtete Kassandra Zoras dabei wie er sich wie sie selbst auf seine Ellbogen zurückbegab und quasi auf Augenhöhe mit ihr war. Er hatte ihre Hand noch immer nicht losgelassen, einem unzerstörbarem Band gleich. Da fiel ihr erst wirklich auf, wie groß die Diskrepanz in ihrer Wahrnehmung der Zeit war. Kassandra hatte den Blick auf Etwas gerichtet, das unendlich weit in der Zukunft lag. Zoras hingegen, geschuldet der deutlich kürzeren Lebenszeit der Menschen, lebte viel mehr im Hier und Jetzt. Über die Jahrhunderte hatte sie scheinbar die Fähigkeit verloren, zurück in die Gegenwart zu kehren.
      Noch in dieser Erkenntnis gefangen reagierte sie instinktiv auf Zoras Körpersprache. Als er sich ihr annährte wich sie automatisch zurück und ließ sich nach hinten auf den Rücken liegend verdrängen. Von hier aus sah es verdächtig danach aus, als würden sich ihre Augen sogar noch etwas weiten, vielleicht sah man sogar etwas wie leichte Überraschung in ihnen. Ihre Atmung war so flach, dass man vermuten könnte, sie hätte sie gänzlich eingstellt.
      Einem Tantrum gleich lag ihre Aufmerksamkeit zunächst auf ihrer Hand, die in altbekannter Handlung den Weg zu Zoras' Lippen fand. Dann sprang ihr Blick über zu seinem Gesicht und fanden seine ungeteilte Aufmerksamkeit völlig auf sie allein gerichtet. Plötzlich wurde das Knistern des Feuers von draußen leise und verschwand hinter dem Rauschen des Blutes in ihren Ohren. Sämtliche ihrer Muskelfasern spannten sich an um schnell genug für etwas zu reagieren, woran sie keinen Gedanken verschwendete. Erstaunlicherweise fand Kassandra ihren Geist jetzt gerade nahezu leer vor während ihre Finger mit seinen verschränkt wurden und er ihr die weitere Zeit zum Nachdenken einfach mit Gewalt entriss.
      Wie lange mochte ihm dieser Gedanke schon im Kopf herumgespukt sein?
      Das war die einzige Frage, die sich kurzzeitig in Kassandras Kopf stahl kaum hatte sich Zoras' Schatten über sie gelegt. Fast bis zur letzten Sekunde hatte sie die Augen geöffnet, so als rechnete sie damit, dass er doch noch einen Rückzieher machen würde. Doch der Herzog tat es nicht und brachte ihr einen Kuss auf Lippen. Augenblicklich wich die Spannung in ihren Gliedern und sie konzentrierte sich einzig auf das Gefühl warmer Lippen auf ihren. Es war kurz, unendlich kurz sogar und so leicht, dass man denken konnte, es war nur flüchtig und aus Versehen geschehen. Es waren vielleicht zwei Sekunden, nicht mehr, da richtete er sich wieder ein wenig auf und brachte Abstand zwischen sie.
      Kassandras Augen flogen umgehend auf und einen Augenblick lang sah sie Zoras nur sprachlos an. War es unfair, wenn sie aufgrund ihres Egoismus darauf bestand, ihm seine restliche Zeit zu versauen? Offensichtlich hegte er wahrlich Gefühle für sie, der Kuss so kurz er auch gewesen sein mochte sprach Bände, und wenn dem so war, dann konnte sie vielleicht sogar darauf hoffen, dass er sich am Ende der zwei Jahre doch umentschied. Sich für sie entschied statt der Krone. All diese Gedanken fegten wie ein Feuerwerk durch ihren Verstand, unmöglich auch nur einen einzigen klaren Gedanken von ihnen zu fassen.
      Also unterschrieb Kassandra unausgesprochen Zoras Vorschlag. Sie würde in die Gegenwart zurückkehren und das tun, was ihr am Ende womöglich den deutlichen größeren Schmerz als Freude bescheren. Die Phönixin sprach kein Wort - es bedurfte auch keines - und folgte Zoras' Bewegung. Sie blieb auf einem Ellbogen abgestützt als sie sich etwas aufrichtete und mit der freien Hand nach seiner Wange griff. Ihre Finger legten sich bestimmt auf eine heiße Wange als sie die Distanz zwischen ihnen verpuffen ließ. Ihre Lippen auf seinen waren weniger flüchtig. Sie wollte, dass er spürte, dass er dies nicht träumte. Dass sie gerade mit ihren Fingern über seinen Kieferknochen nach hinten in seinen Nacken wanderte und ihn daran hinderte, zurückzuweichen. Ihr Kuss war sanft und gefühlvoll, wenn auch gespickt von einer jahrhundertenalten Sehnsucht. Ja, sie hatte es vermisst wirklich so gemocht zu werden wie sie war.
      Irgendwann löste sie ihre Lippen, wich jedoch nur soweit zurück, dass sie Worte auf seine Lippen hauchen konnte. "Dann werde ich dafür Sorge tragen, dass du die Erinnerung an diese zwei Jahre auch in dein Nachleben mitnehmen wirst...."

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      "I rather trust and regret than doubt and regret"
    • Kassandras Lippen brannten. Es war etwas anderes als die Wärme, die sie ständig umgab und die sich wie eine warme Decke auf Zoras übertrug, wenn er sie berührte oder auch nur zu nahe kam. Auf ihren Lippen bündelte sich das Feuer, das sie in ihrem Inneren trug und es brannte sich seinen Weg ohne Umwege in sein Gehirn.
      Der Kuss war kurz und so flüchtig, viel weniger ein Kuss als eher die Andeutung davon oder eine einfache Berührung der Lippen, aber für Zoras fühlte es sich so an, als würde er in einem Meer aus Feuer ertrinken und als wäre dieses Feuer sein Verbündeter, als wäre es das Lebenselixier selbst, das seinen Körper speißte. Kassandras Lippen brannten und er wünschte sich, dass das Feuer bis zu seinen Knochen hindurch loderte.
      Als er sich löste, mehr aus Pflicht als aus allem anderen, glaubte er, dass Kassandra etwas hinterlassen hatte. Normalerweise kam stets die Kälte nach der Wärme und ersetzte sie am Ort der Berührung, aber als sich ihre Lippen trennten, konnte er sie noch immer dort spüren. Ihr Feuer war noch immer da, auch wenn sie weg war.
      Er öffnete die Augen, die er kurzzeitig geschlossen hatte, und holte Luft, was sein Körper vergessen hatte zu tun. Unter ihm hatte Kassandra die Augen wieder aufgerissen, hatte sie womöglich gar nicht erst geschlossen und hatte erst recht vergessen, die stoische Maske wieder aufzusetzen, die sie sonst immer trug. Ihr Ausdruck war ein Chaos aus Emotionen, die so schnell hinter ihren Augen vorbei huschten, dass Zoras keine einzige davon hätte beschreiben können. Furcht stieg in ihm auf. Er hatte den Kuss genossen, mehr als alles andere, aber es hätte nicht der letzte Kuss sein sollen. Wenn er zu weit gegangen war, musste er es regeln, jetzt, bevor es noch zu spät wäre.
      Aber bevor er sich dazu aufgerafft hatte, fiel die momentäre Starre von Kassandra und sie richtete sich auf, folgte ihm und legte ihm die Hand an die Wange. Er starrte sie an, beobachtete fassungslos, wie sie ihm doch wieder näher kam und dann waren ihre Lippen wieder da, das brennende Inferno, das ihn vereinnahmte und hinab in seine Tiefen zog. Es brauchte keine weitere Methode, um ihn zu überzeugen. Er ließ sich fallen in die lodernde Berührung ihrer Lippen und ließ es zu, dass sie sein Gehirn ausknipste und alles andere, was damit zusammenhing. Der Kuss war alles, was er jemals gewollt hätte und darüber hinaus. Er war die Erinnerung an gestern, das Gefühl von heute und die Versprechung von morgen. Er war das, wonach er sich immer gesehnt hatte und wovon er bis jetzt keine Ahnung hatte.
      Es vergingen Sekunden, die ihm wie Stunden vorkamen, in denen er jede einzelne ihrer Berührung spüren konnte, als stünden auch seine Nervenenden in Flammen. Ein weit entfernter, unbrauchbarer Teil von ihm wunderte sich, ob das daran lag, dass Kassandra eine Göttin war oder dass sie Kassandra war. Als sie ihn mit den Fingern etwas fester an sich presste und den Kuss verstärkte, war er der unbeugsamen Überzeugung, dass es so war, weil es Kassandra war.
      Sie lösten sich erneut, sehr zu Zoras missfallen, der die Augen öffnete und in Kassandras dunkle Juwelen blickte. Sie war noch hier, der Moment war keine Einbildung, er spürte sie noch deutlich an sich. Ihre Worte strichen als Atem über seine Lippen, hinterließen dort ein Kribbeln, wo sie ihn berührten. Die Maske war noch immer nicht zurück, fiel ihm auf, es war so offen zwischen ihnen, wie es nur sein konnte. In gewisser Weise war das ein tausendfach intimer als der Kuss.
      Er nickte nur leicht, unfähig dazu Worte zu finden oder vielleicht einfach nur unwillens, den nächsten Kuss weiter als nötig hinaus zu zögern. Er fing ihren Atem ein, drängte zurück an ihre Lippen, an das brennende Lebenselixier, direkter dieses Mal als beim ersten Mal. Kassandra hatte ihm gezeigt, was sie wollte, sie hatte bestätigt, was er ihr offenbart hatte und auch wenn er ihr noch immer genügend Spielraum geben würde, würde er doch keine Zweifel mehr vermitteln. Er wollte Kassandra, es hatte nie jemand anderen als Kassandra gegeben. Kassandra war die einzige, nach der er sich jemals so verzehrt hatte.
      Er schob sich wieder über sie, presste ihre Lippen in einem festen Kuss aufeinander. Er stützte sich auf seinen Ellbogen neben ihrem Kopf auf, wollte sie nicht zerquetschen, wollte sie gleichzeitig berühren. Unzufrieden brummend löste er sich für einen Moment wieder von ihr, schob einen Arm unter ihren Rücken, drückte sie mit einem Ruck an sich und rollte sich auf die Seite und dann selbst auf den Rücken, wo er sie auf seine Brust zog. Er grinste. Wann hatte das angefangen? Fühlte sich so an, als hätte er bei Kassandra niemals eine andere Empfindung gehabt.
      Einen Arm um ihren Oberkörper geschlungen, hielt er sie leicht genug fest, um ihre Freiheit zu garantieren, aber fest genug, um sie an sich zu pressen und legte die andere Hand an ihre Wange. Selbst in der Dämmerung des Zeltes konnte er genügend Mienenspiel ausmachen, um Kassandra darin zu erkennen.
      Er strich mit dem Daumen über ihre Wange, wandte den Blick aber nicht von ihren Augen ab.
      "Du bist wunderschön, weißt du das?"
      Er strich ihr ein paar Haare aus dem Weg und forderte den nächsten Kuss, wie auch sie es schon getan hatte, mit einem Zug seiner Hand an ihrem Nacken. Er wollte die Stunden, die sie noch hatten, ausnutzen, so viel es nur möglich war.
    • Kassandra war sich in einem Punkt absolut sicher: Das hier war ein gewaltiger Fehler.
      Sie spürte tief in sich die Anzeichen dafür, dass Zoras einen Platz in ihrem Herzen einnehmen können würde, wenn sie es denn zuließ. Zeitgleich wusste sie allerdings, dass sein Entschluss was die zwei Jahre betraf, nicht wanken würde. Sie würde ihn vermutlich nicht von seinem Plan abbringen können, nicht ohne größere Opfer zu bringen als es sein durfte. Sollte sie sich an ihn verlieren, dann würde am Ende ein Stück Herz mit ihm brechen. Doch das wäre so oder so irgendewann eingetreten. Irgendwann würde sie nichts dagegen unternehmen können, das Stücke ihres Herzens brachen. Also musste sie zusehen, es frühzeitig zu stählen, sich gegen den katastrophalen Ausgang zu wappnen. Und sei es, indem sie ihr Herz in einen Käfig verbannen müsste.
      Widererwartend brachte Zoras keine Worte über seine Lippen. Das konnte er auch gar nicht, denn er brauchte sie für etwas anderes. Entschlossener als zuvor überbrückte er den Millimeter an Luft zwischen ihren Mündern und drängte sie wieder zurück. Reflexartig schoss eine ihrer Hände an seinen Oberarm, Finger gruben sich in den Stoff seines Hemdes als wollten sie sich hindurch bis auf seine Haut fressen. Er nahm ihr effektiv jeden kleinen Moment zum Verschnaufen, sodass sie zwischen den Küssen regelrecht nach Luft schnappen musste. Sein ganzer Körper schien sie zu vereinnahmen, so wie er über ihr aufragte und trotzdem darauf bedacht war, sich nicht vollends auf ihr abzulegen. Das ließ sogar ihre Mundwinkel ganz kurz nach oben zucken. Jedenfalls bis er sich löste und ein unzufriedenes Brummen verlauten ließ. Kassandras Mimik wechselte zu einem fragenden Ausdruck ehe der Herzog einen Arm unter ihren Rücken schob, dem sie ihn willentlich entgegen wölbte, und sie an sich presste. In einer für seine Verhältnisse doch recht geschmeidigen Drehung vertauschte Zoras ihrer beider Rollen, sodass nun die deutlich leichtere Phönixin oben auf lag.
      Das Flämmchen über ihren Köpfen hielt sich wacker und ermöglichte es Kassandra, das Grinsen in Zoras Gesicht zu erkennen. So unvorbereitet wie sie es entdeckte war auch ihre eigene Reaktion darauf: Sie erwiderte sein Grinsen mit ähnlicher Intensität. Wenn auch deutlich kürzer als er es zeigte.
      Kassandra fühlte sich frei. Nicht so frei wie wenn sie ungebunden wieder durch die Lüfte streifen könnte. Aber hier in diesem Moment, in diesem Augenblick, zur Gänze auf dem Körper Zoras' liegend, fühlte sie sich losgelöst. Als würden die Fesseln, die sie sich selbst vor Jahrtausenden auferlegt hatte, mit einem einzigen Knall von ihr abfallen. Zu Staub zerbröseln und im Winde der Zeit fortgetragen werden, als hätten sie nie existiert. Zoras hatte vereinzelt einen Blick hinter die Fassade der Phönixin werfen können. War nicht geblendet von der edlen Phönixin, die ihre Ketten wie Schmuckstücke trug. Wie aber würde er reagieren wenn sie zu dem zurückkehren würde, was ihrer wahren Natur entsprach?
      "Du bist wunderschön, weißt du das?"
      Kassandra blinzelte schweigsam und betrachtete das Gesicht des Mannes unter ihr. In seinen Augen lag kein Funke von Zweifel, nicht einmal Lüsternheit konnte sie in ihnen erkennen. Sicher, er brannte vor Verlangen, das spürte sie mit jeder einzelnen Faser ihres Körpers, aber vorherrschend war ein anderes Gefühl, das sie tatsächlich das letzte Mal bei Shukran hatte spüren können. Und diese Erkenntnis ließ sie ernsthaft an ihrem Vorhaben zweifeln. Zoras würde mit Liebe in seinem Herzen sterben.
      Wie sie vorhin zog er sie an ihrem Nacken zu sich, um sich einen weiteren Kuss zu holen. Mit jeder Berührung ihrer Lippen war zu spüren, dass es bei Weitem nicht reichte. Dass keiner von ihnen nur mit einfachen Berührungen ihrer Lippen zufrieden sein würde.
      "Weißt du, wie viele Andere mir das bereits zugeflüstert haben?", kam ihre leise Gegenfrage mit einem so jähen Wechsel ihrer Stimmung, dass sie direkt darauf wartete, dass er stutzte. Ihr Tonfall war so weit weg von edel und gutmütig wie es nur möglich war und einer neckenden, düsteren Tonlage gewichen.
      Ohne hinzusehen tippte sie mit den Fingern an den Arm, den er über ihren Rücken gelegt hatte, damit er ihr Freifrau gab. Kaum war der Arm gewichen, richtete sich die Phönixin auf und positionierte sich um. Es musste ein Lob an den guten Schneider ausgesprochen werden, der daran gedacht hatte, ihr langes Nachthemd zu schlitzen. So lag lediglich ihr rechter Oberschenkel frei als sie auf seiner Hüfte thronte als sei es ihr gottgegebenes Recht. Von oben herab musterte sie Zoras mit einer Erhabenheit in den Augen, die von keiner gewöhnlichen Frau stammen konnte. Etwas spielte sich gerade in den Gedanken der Phönixin ab, doch sie waren nicht greifbar für den Herzog. Er sah lediglich, wie sich ihr Brustkorb deutlich hob und wieder senkte und ihre schwarzen Haare in Wellen über ihre Schultern fielen. Dann löste sich ihr Blick von seinem Gesicht und wanderte etwas tiefer.
      "Wenn ich es mir schon aussuchen darf, dann wird es nicht in einem dünnen Zelt passieren, wo uns dein Kutscher hören kann." Sie sprach es nicht direkt an, doch der Tonfall machte die Musik, wie man so schön sagte. "Also zeige ich dir Grenzen auf, was du darfst und was nicht."
      Ein dezentes Lächeln kräuselte ihre Lippen als Kassandra ihre flachen Hände auf Zoras Brust legte und sie langsam abwärts gleiten ließ bis sie den Saum seiner Hose erreichte. Sie nahm jede Erhebung, jedes Tal mit ihren Fingerspitzen durch den dünnen Stoff wahr und spürte, wie er den Atem anhielt. Sorgsam schob sie am Saum sein Hemd ein wenig höher um ihre Finger gerade so über seine Haut streifen zu lassen. Eine reine Andeutung, nichts weiter.
      "Du darfst mich berühren."
      Kassandra griff unverwandt nach einer seiner linken Hand und legte sie seitlich an ihren halb entblößten Oberschenkel. Sofort schoss ihr Blick zu seinen Augen; sie wollte jede noch so kleinste Regung in diesen dunklen Augen miterleben. Sie konnte nicht einmal sagen, wessen Körpertemperatur höher war, seine Hand oder ihre eigene Haut. Bei diesem Kontakt hin fröstelte sie kurz, ließ sich aber nicht beirren und lehnte sich nach vorn, um kurz vor seinen Lippen inne zu halten.
      "Du darfst sagen, was du möchtest und ich überlege es mir."
      Damit schloss Kassandra ihren Satz und küsste Zoras, sanft und voller Verheißung. Diese Art ihrer Persönlichkeit hatte noch niemand seit Shukrans Tod von ihr erleben dürfen. Der Hinweis seitens Zoras', dass eine Königin sich nahm, was auch immer sie wollte, traf auf Kassandra besser zu als er vermutlich geahnt hatte. Sie schmiegte sich regelrecht an den Mann unter ihr an, sog jedes Quäntchen Wärme auf, das er ihr geben konnte.
      Kurz blitzte ein Gedanke vor ihren Augen auf, nicht einmal zwei Stunden alt.
      Es interessiert mich nicht was morgen ist.
      Hatte sie womöglich ihre Wahl unterbewusst bereits getroffen gehabt und sich deswegen ausgerechnet für dieses Stück entschieden gehabt? Barsch wischte sie den Gedanken fort während sie den Kuss unangekündigt beendete und sich abermals aufrichtete. Ihre Augen enthielten eine Mischung aus Sehnsucht und Kontrolle - zwei Empfindungen, die kontroverser nicht hätten sein können.
      "Bist du dir immer noch sicher, dass es eine gute Wahl ist? Du hast gesagt, dass du mehr von mir erfahren möchtest." Vermutlich liebst du mich und sagst es nicht. "Das hier ist ein Teil von mir, der näher an meinem wahren Ich ist als alles, was ich dir bisher gezeigt habe. Willst du das noch immer sehen?"
      Kassandra legte eine Hand flach an ihre Brust. Sie spürte ihr eigenes Herz schlagen, so kräftig wie schon lange nicht mehr. Was sich anhörte wie eine Frage, ob Zoras mit ihrer Art zurechtkäme, war in Wahrheit das Quäntchen Unsicherheit, das sie niemals loswerden würde. Sie fragte versteckt nach seiner Akzeptanz. Ob er sie gar lieben würde, wenn sie nicht die edle Gottheit war, sie die bei allen anderen zur Schau trug.

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      "I rather trust and regret than doubt and regret"
    • Unvorbereitet auf die plötzliche Frage, die Kassandra ihm als Antwort lieferte, hielt Zoras in seinen Liebkosungen ihrer Lippen inne. Seine trägen Gedanken sprangen zum Einsatz, als ein Schuss Adrenalin durch seinen Körper jagte und sein Herz in anderer Weise beschleunigte. Ja, er konnte sich vorstellen, wie viele andere ihr das jemals gesagt hatten. Nein, er wollte nicht darüber nachdenken, wie viele es letzten Endes gewesen waren. Ganz sicher nicht wollte er überhaupt weiter über diese Frage nachdenken. Erwartete sie wirklich eine Antwort darauf? Wieso hatte sie sie gestellt? Sollte das heißen, dass er in ihren Augen noch immer wie alle anderen war? Dass sie ihm nicht vertraute?
      Sein Gehirn arbeitete auf Hochdruck um den Sinn hinter der Frage zu verstehen, um abschätzen zu können, ob er antworten oder nicht antworten, oder etwas gänzlich anderes sagen sollte, als Kassandra sich schon über ihm regte und aus seiner Umarmung befreite. Ein Stich der Enttäuschung durchfuhr ihn, als er erkannte, dass das das Endsignal gewesen war, bevor er doch noch eines besseren belehrt wurde. Kassandra machte keine Anstalten, ihn zu verlassen, sie richtete sich nur auf.
      "Ich kann es mir vorstellen", antwortete er schließlich auf ihre Frage, bevor das Schweigen sich zu lange dehnte, und beobachtete, wie Kassandra sich zu ihrer vollen Größe aufzurichten schien, wie sie ihren Rücken straffte, die Brust herausschob und das Kinn hob. Die Flamme im Zelt war noch immer nicht heller geworden, aber sie beleuchtete ihre Umrisse und ihre Gesichtszüge, sie war stark genug, dass Zoras selbst in ihrem Licht noch erkennen konnte, wie sich die Atmosphäre um Kassandra veränderte. Das war ein anderer, weiterer Teil an ihr, der weder zu ihrer stoischen Maske, noch zu ihrem würdevollen Selbst gehörte. Es war etwas anderes, so wie sie auf seinem Schoß aufsaß, als hätte sie damit eine ihm unbekannte Grenze überschritten und ihn erobert, vollständig vereinnahmt, ohne dafür irgendeinen Finger zu rühren, abgesehen davon, ihm lediglich einen anderen Teil von ihr zu zeigen. Er wusste nicht, was er davon halten sollte, sein Körper wusste es aber ganz genau. Ihm gefiel der Anblick der aufragenden Frau, eigentlich sonst so zierlich und klein, jetzt wie eine Königin selbst, die ihrer Lebtage noch nie etwas anderes getan hatte als zu erobern. Zoras musste sich auf die Zunge beißen, damit sein Körper sich nicht verselbstständigte. Seine Selbstkontrolle floss zu einem grenzwertigen Maß ab.
      Es war ebenfalls genug Licht, um ihren Blick zu sehen, der sich von seinem Gesicht löste und abwärts wanderte. Sein Gehirn versagte diesmal erneut den Dienst, sein Herz beschrieb wieder andere Sprünge. Er spürte seine Kleidung zu eng werden, zu warm werden, alles im Zelt war zu eng, der Boden zu hart. Trotzdem regte er sich nicht. Trotzdem versuchte er die Worte zu verstehen, die sie an ihn richtete.
      Wieder eine Gänsehaut, die ihm über den Rücken schoss.
      "Okay. Das ist in Ordnung."
      Was für eine dumme Antwort. Er versuchte nicht darüber nachzudenken, so wie es Kassandra wohl auch nicht tat.
      Sie legte ihre Hände auf seiner Brust ab, eine warme Berührung, die er selbst durch das Hemd hindurch spürte, und zog langsam weiter abwärts. Zu weit. Zoras konnte gerade noch verhindern, dass seine Augen groß wurden, während er versuchte, die Kontrolle über sich und die Situation wiederzuerlangen. Hatte sie nicht eben noch gesagt, sie wollte lieber nicht hier drin? Sie wusste aber schon, was sie gerade mit ihm anstellte, oder? Sie musste es wissen, sie waren miteinander verbunden, sie würde es selbst durch das fahle Licht erkennen - und spüren - können. War das also eine Andeutung darauf, dass es trotzdem okay wäre? Oder…
      Er durfte sie berühren.
      Sein Verstand floss jetzt auch dahin. Kassandra ließ ihm gar keine Zeit dazu, ihre Worte zu verdauen, da nahm sie sich seine Hand und legte sie auf ihrem Oberschenkel ab, auf reiner, makelloser, nackter Haut. Er hatte gar keine Kontrolle über seine Muskeln, nicht in diesem Augenblick. Er griff zu, spürte die Wärme unter seinen Fingern, die Muskeln, die straffe Haut. Seine Hand wanderte auf die Rückseite ihres Beins, wiederholte dort den vorherigen Griff, schob dabei das Nachthemd weiter zur Seite. Er zwang sich mit jeder ihm verbliebenen Gehirnzelle, den Blick auf Kassandra ruhen zu lassen, ihn nicht zu senken, nicht auf seinen Schoß zu schauen, auf das Bein in seiner Hand, auf das Hemd, das sich an ihren Körper schmiegte. Ihre Haut war so unendlich zart, er fürchtete, sie allein mit der Rauheit seiner Hände zerkratzen zu können. Er war vorsichtig in seinen Berührungen. Hatte sie eben nicht noch gesagt, dass sie es nicht in diesem Zelt wollte? Aber sie ließ es zu, dass er sie berührte? Für ihn konnte es nur beides geben, entweder alles oder gar nichts, denn das eine würde unweigerlich zum nächsten führen. Dann also nicht berühren. Aber er wollte sie nicht damit beleidigen, er wollte sie ja berühren. Dann schon berühren? Sein Gehirn funktionierte noch immer nicht.
      Sie kam wieder nach vorne und Zoras nahm weder die Hand von ihrem Schenkel, noch ließ er es sich nehmen, den anderen Arm wieder um sie zu schlingen, vielleicht um sie abzuhalten sich wieder zu entfernen oder doch um sein Recht auszukosten, die Phönixin zu berühren. Er wusste nur, dass er den Kuss mehr als willkommen hieß, dass er in der kurzen Zeit schon den letzten vermisst hatte, den sie sich gegeben hatten.
      Er durfte sagen, was er wollte und sie würde es sich überlegen.
      "Ich will dich." Seine Stimme war schon von Verlangen geprägt, dunkel und eindrücklich. Er scholt sich in Gedanken selbst. Dumme Antwort, zeig ein bisschen mehr Anstand! Wollte er sie etwa vergraulen?
      "Ich möchte, dass du hier bist. Bei mir."
      Das war besser - nicht perfekt, aber besser. Sie belohnte ihn für die Auskunft mit dem erwarteten Kuss, wobei sie sich willentlich an ihn drückte. Er konnte ihren gesamten Körper an sich spüren, konnte die Wärme, die von ihr ausstrahlte, förmlich in sich aufsaugen. Er wollte es alles und noch viel mehr. Er wollte Kassandra in Gänze und nicht weniger als das, kein bisschen weniger.
      Der Kuss, so zärtlich er auch war, entzog ihm das letzte bisschen Kontrolle, um das er härter kämpfte als jemals zuvor in seinem Leben. Er ließ sich mitreißen von der Berührung, verstärkte den Griff um ihren Rücken und auf ihrem Bein, drückte sie an sich, stellte die Beine auf, als wollte er sie nie wieder gehen lassen. Und das entsprach auch der Wahrheit, er wollte sich nie wieder von ihr entfernen. Die Nacht sollte bis in alle Ewigkeit dauern und weit darüber hinaus.
      Als sie sich dann unvermittelt doch wieder von ihm löste und gegen den leichten Druck seines Armes stemmte, wäre er ihr beinahe nachgekommen, hätte sie doch wieder an sich gezogen, hätte irgendetwas gemacht, damit sie sich nicht von ihm löste. Sein ausgeschalteter Verstand rettete die Situation allerdings und er entließ sie seiner Umarmung, sehr zum eigenen Unwillen. Dafür wirkte ihr Blick wie ein Spiegel zu seiner eigenen Seele, mit dem Unterschied, dass sie noch weitaus mehr Kontrolle ausübte als er. Sein Atem war dem schlagenden Rhythmus seines Herzens dicht auf den Fersen und er behielt seine Hand auf Kassandras Bein, wie um sie daran zu hindern, sich noch weiter zu entfernen. Aber er griff nicht mehr zu, bewegte die Hand auch nicht, sie lag einfach nur auf, eine Verbindung zwischen ihnen beiden. Mit ihrer Hilfe schaffte er es haarsträubend, sich wieder einigermaßen in den Griff zu bekommen.
      Sie fragte ihn, ob er immer noch mehr von ihr erfahren wollte. Er antwortete, bevor sein Gehirn dazu kam, die Worte zu hinterfragen.
      "Das will ich, Kassandra. Mehr als alles andere."
      Zumindest das entsprach der reinen Wahrheit. Er hatte schon vor Wochen angefangen, Kassandra kennenlernen zu wollen und jetzt die Möglichkeit zu erhalten, einen tatsächlichen Einblick zu erhaschen, schien ihm wesentlich relevanter, als seinem körperlichen Bedürfnis nachzugehen. Auch wenn er noch immer gefährlich viel an der Grenze dazu kratzte.
      Er griff mit der freien Hand nach ihrer, die sich über ihre Brust gelegt hatte, und zog sie in altbekannter Weise zu sich, um ihren Rücken zu küssen. Er küsste ihn lange, ein einziger, scheins unendlicher Kuss, bei dem er den Blick nicht von Kassandra nahm. Er wollte, dass sie begriff, dass sich diese Geste und ihre Bedeutung dahinter nicht ändern würde, dass er es nicht zum reinen Selbstzweck tat. Er meinte es genau so, wie der Sinn dazu gedacht war und das würde sich nicht ändern, in keinster Weise. Dann verschränkte er auch wieder ihre Finger ineinander und zog, damit sie zurückkam, damit sie ihn in ihre Wärme einhüllte, damit er seiner Sehnsucht nachgeben konnte.
      "Ich möchte alles wissen. Zeig es mir."
    • In dieser sensiblen Phase zwischen Zoras und Kassandra lauschte sie ausnahmsweise nicht auf ihre Verbindung, die einzig ihrer Essenz in seinem Besitz zu verdanken war. Bewusst schaltete sie jeglichen Austausch an Empfindungen oder bloße Gedanken aus, um einzig und allein nach dem zu gehen, was sie gerade sah, hörte und fühlte. So zum Beispiel, wie seine Atmung zu stocken begann kaum waren ihre Finger an dem Saum seiner Hose angekommen. Ihre Finger an seiner Haut hatten ihm kleinste Reaktionen entlockt, die er ihr unter anderen Umständen womöglich nicht so einfach präsentiert hätte. Aber sie wusste genau, dass ihre Fingerspitzen an genau dieser Grenze gerade so die Frage zuließen, was ihr eigentlich Ziel nun war.
      Ihre Worte waren in seinen Ohren mehr als nur kontrovers. Absichtlich drückte sich Kassandra vage aus, benannte nie die genauen Konditionen und ließ ihm mehr Interpretationsspielraum als vermutlich gut für ihn war. Diese Erkenntnis ereilte die Phönixin sehr schnell, denn sie bekam auch ohne ihre Verbindung mit wie sich sein Verstand in luftleeren Raum aufzulösen versuchte. Sie konnte buchstäblich hören wie seine Gedanken wild durcheinander liefen und sich nicht entscheiden konnten, was genau zu tun war.
      Um diesen wunderbar zerissenen Zustand zu wahren ließ sie ihm kaum Zeit um ihre Worte oder Taten richtig zu prozessieren. Kaum hatte sie einen Satz beendet ließ sie Taten folgen und andersherum. Ein kontinuierliches Speerfeuer an Informationen, die den armen Mann unter ihr an die Grenze des Leistbaren brachte. Und Kassandra liebte es. Das war ein Spielfeld, auf dem sie sich so sicher fühlte wie auf dem Schlachtfeld. Alte Erinnerungen an vergangene Zeiten brandeten in ihr auf mit jeder kleinen Reizung, der sie Zoras unterwarf.
      So wusste sie ganz genau, dass er sie bislang nur spärlich berührt hatte. In der Öffentlichkeit hatte er es gerade einmal gewagt, ihre Hände zu berühren. Maximal hatte er sie in eine Umarmung gezogen und jedes Mal war sie sich sicher, dass er das Gefühl hatte, unglaubliche Vorsicht walten lassen zu müssen. Der erste Kuss vorhin entsprang einer ähnlichen Natur. Dagegen war ihr initiierter Kuss ein Rammbock gewesen, der sämtliche Barrikaden einfach niedergerissen hatte. In eine ähnliche Kerbe schlug seine Hand an ihrem Oberschenkel. Zoras war so behutsam mit ihr umgegangen, dass diese sehr offenherzige Geste ihn vermutlich mehr als überfordern musste. Und tatsächlich bewegte er seine Hand beinahe unbewusst an die Rückseite ihres Oberschenkels, um seine Finger leicht in ihr Fleisch zu drücken. Genau dies waren die Reaktionen, die sie versuchte aus dem Mann herauszukitzeln.
      Sie wollte, dass er brach. Dass er unter ihr seine Höflichkeit und Ehre vergaß. Dass er nur AUgen für sie hatte, sich nach ihr verzehrte und ohne sie nicht mehr atmen können würde.
      Zu ihrer Enttäuschung reichte dies nicht, um ihn völlig seiner Kontrolle zu berauben. Er brachte es sogar zustande, den Blickkontakt nicht zu brechen obwohl man deutlich erkennen konnte, wie schwer es ihm gerade fiel. Also musste das Speerfeuer anhalten, solange, bis sie ihn zu seinem Limit trieb. Selbst der folgende Kuss schien nicht gänzlich zu reichen, selbst wenn er wieder die Arme um sie schlang, nicht gewillt, sie ziehen zu lassen.
      Es waren allerdings nur drei kleine Worte, die ihr einen kurzen, heftigen Endorphinschub bescherten.
      "Ich will dich."
      Augenblicklich ging ein Schauder durch Kassandras Leib. Das war ein Ausblick auf das, was sie auszugraben suchte. Die Klangfarbe seiner Stimme hatte sich drastisch geändert und schlug die Richtung ein, in die sie selbst gerade schaute. Zoras sollte seinen Anstand vergessen. Ignorieren, dass sie ein mythisches Wesen war und sich der Konsequenzen nicht bewusst sein. Er sollte sie berühren, mehr noch als -
      "Ich möchte, dass du hier bist. Bei mir."
      Zoras korrigierte sich. Eine Welle der Ernüchterung spülte das Endorphin einfach aus ihren Blutbahnen heraus während sie kurz schnaubte. Den kleinen Schritt, den sie ihn in die richtige Bahn gelenkt hatte, wurde jäh wieder zurückgenommen. Wieso korrigierte er sich? Er fühlte keine Scham, dessen war sie sich sicher. Hatte er immer noch Angst, dass sie ihn ablehnen würde? Diesen kleinen Erfolg, den er zu verbuchen hatte, einfach null und nichtig werden ließe? Was dachte er eigentlich von ihr?
      Kassandra musste nachlegen. Das tat sie mit dem folgenden Kuss, der dafür sorgte, dass Zoras sie noch fester an sich presste. Seine Finger gruben sich stärker in ihr Fleisch, was sie keineswegs störte. Dann winkelte er die Beine an, nahm ihr vorerst die Möglichkeit zu flüchten und machte so deutlich, dass er sie nicht gehen lassen wollte. Dass er ihre Nähe, ihre Berührungen genoß. Genau hier musste Kassandra ihm Einhalt gebieten. Genau hier erkämpfte sie sich ihre Freiheit zurück, trennte sich von ihm und ragte wieder über ihm auf. Er hatte noch immer seine Beine angewinkelt, sodass sie ein ganzes Stück weiter nach vorn gerutscht war. Das tat der Sache jedoch keinen Abbruch.
      Auf ihre folgende Frage hin wirkte Zoras plötzlich erschreckend gefasst und der Phönixin wurde schmerzlich bewusst, dass sie ihm gerade einen Hebel für seine Kontrolle zurückgegeben hatte. Sie würde schleunigst ihren Fehler ausbessern müssen, doch da kam er ihr sogar zuvor. Er fing ihre Hand ein und küsste wie so oft zuvor ihren Handrücken. Doch nun fühlte sie sich nicht geschmeichelt oder geehrt. Nein, Kassandras Blick wurde beinahe scharf als sie zu Worten anhob, die er jedoch im Keim erstickte. Schnell waren ihre Finger wieder miteinander verschränkt, mit einem kräftigen Zug holte der Herzog die Frau seiner Begierden zurück an seine Brust.
      "Ich möchte alles wissen. Zeig es mir."
      Damit hatte er sein Ticket in den Kern eines Infernos unterschrieben.
      Kassandra klickte leise mit ihrer Zunge als sie spürte, wie eine bislang ungeklärte Last von ihr abfiel. Hinter diesen Worten lag kein Zweifel, lag keine schlechte Absicht sondern war ein reiner Herzenswunsch. Dessen war sie sich mit jeder einzelnen Faser ihres Körpers bewusst. Also würde sie weiter gehen können. Sehen können, ob er nicht doch die Flucht ergriff und seine Worte, seinen Entschluss bereute. Die Phönixin schob sich näher an Zoras' Gesicht heran bis ihre Lippen die seinen zu kitzeln begannen. Mit heißem Atem hauchte sie ihm ein paar Wörter entgegen, die vermutlich ihrer beider Untergang besiegeln würden: "Wie du wünschst."
      Kassandra ahnte voraus, dass er seine Lippen wieder mit ihren vereinen wollte. Doch bevor er es tun konnte, war ihre Hand an sein Kinn geschossen und überstreckte so seinen Nacken. Ihr Griff war eisern als sie ihre Lippen an seine Ohrmuschel legte, um ihm leise Worte ins Ohr zu flüstern: "Mal sehen, ob du deinen Entschluss noch bereuen wirst."
      Denn die Regeln waren dieselben.
      Sie führte ihre Lippen an seinem Hals abwärts, über seine Halsschlagader hinweg bis zu dem Ansatz seiner Schulter, wo das Hemd begann. Unter ihrem Leib merkte sie jede Regung seines Körpers, wie sein Herzschlag unmenschliche Ausmaße annahm und sie fürchtete, es würde ihm sogleich aus der Brust springen. Sie wollte sehen, wann der Moment kam, in dem seine sorgsame Kontrolle in sich zusammenbrach. Ob sie ihn dazu bekam, ihre Regeln zu brechen oder ob er sie tatsächlich so sehr wertschätzte, dass er alles daran legte, sie einzuhalten. Währenddessen tobte in Kassandra ein einziger, gewaltiger Sturm. Sie wollte, dass er zeigte, wie sehr er sie begehrte. Zeitgleich jedoch hatte sie noch immer Zweifel, ob ihre Entscheidung die richtige war und ob er sie wirklich so akzeptieren würde, wie sie war. Ihr Puls näherte sich langsam den seinen an, doch noch hatte sie ausreichend Kontrolle, um jederzeit die Grenze stecken zu können.
      Schließlich gab sie sein Kinn wieder frei, um sich mit der einen Hand neben ihm abzustützen. Ihre Augen fraßen sich mit einer Intensität in Zoras', die nicht von dieser Welt stammen mochte. Ihre Miene war konzentriert, forschend, als sie die andere Hand unverwandt wieder an den Bund seiner Hose legte. Ihre Finger glitten bestimmt unter den Stoff - allerdings nur unter das Hemd und zogen ihre Bahn aufwärts. Auch ohne hinzusehen fühlte sie die Unebenheiten, die Narben sein mussten. Härchen, die seinen Bauch spickten und die darunter liegenden Muskeln. Schließlich war sie auf seiner Brust angelangt, wo sie sich flach oberhalb seines Herzens auf den Brustkorb drückte.
      Es gab keine weiteren Worte mehr. Sie würden sich auf einer Ebene verstehen, die keinerlei Worte mehr bedurften. Allein die Sprache ihrer Körper, das Austauschen der Blicke waren so ausdrucksstark wie es jeder Roman der Welt sein mochte. Unter ihren Berührungen schien sein ganzer Körper zu erzittern. Dass es ihrem jedoch nicht unbedingt anders ging, blendete sie einfach aus. Wo sie sonst nur Ekel empfand, wenn Menschen sie obszön berührten, fühlte sich jede Berührung von Zoras einfach gut an. Als hinterließe er aberwinzige Funken, wo immer sein Körper den ihren berührte. So hatte sie sich die Nacht eigentlich nicht vorgestellt, doch von Reue fehlte jede Spur.

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      "I rather trust and regret than doubt and regret"
    • Um ein weiteres Mal veränderte sich Kassandras Blick, zusammen mit ihrer Aura, und Zoras' Gehirn, das noch immer damit beschäftigt war die Situation überhaupt in den Griff zu kriegen, hatte keine Ahnung, was der Auslöser dafür sein sollte. Hatte er sie verärgert? Aber er hatte sich doch daran gehalten, was sie gesagt hatte. Oder etwa doch nicht? Wenn sie ihm jetzt erzählen würde, dass er zu weit gegangen war, würde er es anstandslos glauben und erst hinterher auf die Idee kommen zu fragen, womit genau er zu weit gegangen war. Er überließ Kassandra so viel Freiheit, wie es nur irgendwie möglich war.
      Aber auch hier bekam er keine Chance, auch nur länger darüber nachzudenken. Kassandra war wieder zurück auf ihm, gab sich dem Zug seiner Hand hin und schmiegte sich an seinen Oberkörper, ihr Gesicht Zentimeter von seinem entfernt. Er wartete auf den ersehnten Kuss voller Gier, sein Herz getrieben von freudigen Sprüngen, die sich nur erhöhten, je näher sie ihm kam. Er hatte seine Lippen bereits geteilt, konnte ihre schon spüren, die ferne Berührung, die beinahe nur wie ein Kribbeln war. Er spürte ihre Hitze. Sein Atem stockte.
      Der Kuss kam, aber es war der zarte Kuss ihres Atems, der über seinen Mund hinwegbrannte und geisterhafte Fragmente dessen hinterließ, was hätte sein können, ein Kuss ihrer Lippen, der nie gekommen war. Noch nie hatten ihn diese drei Worte so sehr berührt, wie sie es jetzt taten. Sie schienen durch seinen ganzen Körper zu wandern und hinterließen eine Gänsehaut, die prickelte. Er stieß den angehaltenen Atem aus, schlang den Arm fester um ihren Oberkörper, legte die Hand auf ihrem Hinterkopf ab, hielt sie an Ort und Stelle, um sich zu holen, nach was es ihn verlangte. Nur kam er nicht so weit. Ihre Finger legten sich überraschend schnell um sein Kinn und schoben es nach hinten, so unmittelbar, dass er für einen Moment überrascht die Luft einsaugte. Die Geste kam so unerwartet grob, ohne Rücksicht auf Verluste, dass Zoras sich um ein weiteres Mal außerstande fühlte, die Lage richtig zu begreifen. Ihre Finger drückten unnachgiebig in sein Fleisch, im Gegenzug verhärtete sich sein Griff um ihren Oberkörper. Seine Muskeln spannten sich an.
      Da flüsterte sie ihm ins Ohr.
      Ihre Stimme allein hatte die Macht, den gesamten Atem aus seiner Lunge zu pressen. Die Härchen in seinem Nacken und auf seinen Armen stellten sich auf. Sein ganzer Körper wurde erfüllt von dem glühenden Kribbeln, das ihre Worte allein auslösten. Seit wann waren solche unschuldigen Worte in Kassandras Mund so unglaublich eindrücklich geworden? Seit wann waren sie überhaupt mächtig genug, eine solche Kontrolle über ihn auszuüben? Er wusste die Antwort darauf nicht, sein Gehirn war noch nicht wieder zurückgekehrt.
      Ihre Lippen verließen sein Ohr und gerade als er dachte, endlich den heiß ersehnten Kuss zu bekommen, tauchten sie an seinem Hals wieder auf, um so viel intensiver, als ein normaler Kuss jemals geworden wäre. Er hielt es nicht mehr aus. Er konnte nicht mehr länger, was auch immer das auch bedeuten mochte. Seine Kieferknochen arbeiteten unter der Haut, während Kassandra eine flammende Spur auf seiner nackten Haut hinterließ, bevor sich der Griff um sein Kinn endlich löste. Er senkte den Kopf, sah nach Kassandra, fing ihren Blick auf. In ihren Augen brodelte es. Es war ein Feuer und Zoras glaubte, den Ursprung davon richtig einschätzen zu können.
      Noch immer kusslos verblieben, wollte er fordern, nach was es ihm verlangte, als ihre Hand unversehens wieder an seinem Hosenbund anlag und er für einen Moment doch dazu gewillt war, noch etwas weiter auszuharren. Nur noch ein wenig weiter, nur noch ein bisschen. Kassandras Blick bohrte sich dabei in seinen ein und er erwiderte ihn mit der gleichen Art an Intensität. Aber ihre Hand wanderte in die falsche Richtung. Oder doch die richtige? Im jetzigen Stadium hätte er vermutlich noch nicht einmal oben von unten unterscheiden können. Das einzige, was er wusste, war, dass auch ihre Finger eine Spur hinterließen und dass es ihm zu viel war. Es ging über alles machbare hinaus. Zoras hatte eine hohe Toleranz, aber auch die hatte Grenzen und Kassandra beförderte sie beide gerade weit darüber hinaus.
      Er verstärkte den Griff um ihren Oberkörper und ihr Bein, bevor er sich regelrecht mit ihr herum warf. Die Vorsicht von vorhin war jetzt der Ungeduld gewichen, an der Macht stand das reine Verlangen, von dem Zoras, die Götter wussten es, mittlerweile genug hatte. Er fühlte sich leicht im Kopf, körperlich fast, unter Droge gesetzt von dem Wesen, das jetzt wieder unter ihm lag und das selbst nicht mehr ganz bei Sinnen zu sein schien. Ihre Wangen hatten sich schon leicht verfärbt und auch Kassandras Atem hatte an Normalität verloren, so wie sie jetzt zu ihm empor starrte, gefangen in seinem Griff, den er noch nicht von ihr gelöst hatte. Er stützte sich mit Ach und Krach auf seinem Arm auf, den er noch immer um ihren Oberkörper geschlungen hatte und beugte sich schließlich endlich nach unten, um sich den Kuss zu holen, den sie ihm schon seit geraumer Zeit entsagt hatte. Was er zustande brachte, war von keinen Gedanken mehr zurückgehalten und stattdessen angefeuert von seinem schlagenden Herzen, das ihm das Blut durch den Körper rauschen ließ. Sie küssten sich nicht lange, aber als er sich schließlich um ein paar Zentimeter wieder zurückzog, um die freie Hand nach vorne zu ziehen und neben ihrem Kopf aufzustützen, damit er wenigstens etwas Halt hatte, war er dennoch atemlos. Auf seinen Lippen brannte Kassandra. Unter ihm bot die Phönixin, deren Haare aufgefächert ihr Gesicht umrahmten, einen geradezu göttlichen Anblick.
      "Berühren?", frage er atemlos, um sich zu vergewissern. "Aber nicht weiter?"
      Vollständige Sätze wären mit seiner jetzigen Gedankenkraft ein Ding der Unmöglichkeit gewesen. Aber Kassandra verstand ihn trotzdem und kaum hatte sie es ihm bestätigt, verlagerte er sein Gewicht erneut, um seinen Arm unter ihr zu befreien. Seine Hand war zurück an ihrem Oberschenkel, bevor er es sich gestattete, einen Teil seines Gewichts auf ihr abzulegen, genug um ihre Körper wieder aneinander pressen zu lassen, um den Freiraum zwischen ihnen zu vernichten, um seine Hüfte zwischen ihre geöffneten Beine zu drücken. Ihr Nachthemd war ein Stück hochgerutscht, er sah es nicht, aber er konnte es durch den Stoff seiner Kleidung erahnen. Wesentlich zielgerichteter als vorhin strich er ihr Bein entlang, erfühlte die glatte Oberfläche ihrer makellosen Haut, erschöpfte die ganze Länge ihres Oberschenkels und so weit, wie er nach unten kam. Sein Kopf arbeitete sich währenddessen in die entgegengesetzte Richtung vor, er fing dort an, wo sie bei ihm aufgehört hatte und setzte einen eindringlichen Kuss auf ihre Schulterbeuge, bevor er weiter nach oben wanderte, begleitet von Küssen, die von Begierde dominiert wurden. Seine Lippen waren hart und fordernd und bearbeiteten ihre Haut, um sich ihren Geschmack einzuprägen. Als er unter ihrem Kiefer angekommen war, musste er sich ein wenig nach oben schieben, um mehr zu erreichen, und zog ihr Bein dabei mit, winkelte es an ihrem Oberkörper an, ohne jemals loszulassen. Er wollte nicht loslassen, er wollte mehr. Seine Spur endete unter ihrem Ohr, wo er sich von ihrer Haut löste und sich mit schwerem Atem aufrichtete, um einen Blick auf sie zu erhaschen. War es in diesem Zelt schon immer so unerträglich heiß gewesen?
      "Bist du dir sicher? Dass du nicht mehr willst?"
    • Der Herzschlag eines Lebewesens hatte schon immer etwas magisches an sich.
      Das ureigene Kraftwerk des Körpers unte den eigenen Fingern zu spüren hatte Kassandra seit je her fasziniert. So fühlte sie jetzt auf jeden einzelnen Herzschlag Zoras', beinahe verzückt. Allein das hätte ausgereicht, um ihr erhitztes Gemüt wieder abzukühlen, doch das sollte ihr nicht vergönnt sein. Sie durfte gerade einmal ein paar Sekunden lagn fühlen, da verstärkte Zoras den Griff um ihren Oberkörper sowie Oberschenkel. Dann drehte sich die Welt urplötzlich vor ihren Augen, ihre Haare folgten der Bewegung wie ein schwarzer Fächer. Es rummste leise, als Zoras sie auf ihren Rücken rollte und wieder über ihr aufragte. Mit einem Mal war die ansteigende Ruhe wieder völlig vergessen, neue Funken schienen ihre Augen zu schlagen kaum hatte sich die Phönixin neu orientiert und sein Gesicht entdeckte. Und dann waren seine Lippen wieder auf ihren, nahmen ihr jede Möglichkeit zur Erwiderung von Widerworten. Unbeabsichtigt schmolz sie ein wenig unter diesem Kuss dahin, ihre innere Gegenwehr nahm beständig an Lautstärke ab. Sie spürte nur seine begierigen Lippen, die sich allerdings viel zu schnell wieder ins Nichts auslösten und zwei schwer atmende Personen sich gegenseitig anstarren ließen. Es wirkte beinahe so als wüsste niemand von ihnen, wohin sie diese Reise gerade noch führen sollte.
      "Berühren?", frage er atemlos, um sich zu vergewissern. "Aber nicht weiter?"
      Drei, vier Sekunden vergingen ehe Kassandra ihre Stimme wiedergefunden hatte. Sie war dunkler als üblich, rauchig und hörbar angeschlagen als sie ihre Lippen befeuchtete um eine adäquate Antwort zu formulieren: "Richtig. Berühren darfst du mich aber nicht nicht weiter als das."
      Prompt fühlte Kassandra sich als läge sie eigenmächtig Drahtseile um ihren Leib und zog sie fest. Sie beschnitt sich selbst in ihrer Handlungsfähigkeit für das größere Ziel. Aber mit jedem Zug schnitten die dünnen Seile mehr in ihre sinnbildliches Fleisch und eine Qual begann sich einzustellen. Sie wollte ihn nicht in seine Schranken weisen, das Feuer, das in ihr ausgebrochen war unkontrolliert brennen lassen.
      Es ruckte als Zoras seinen Arm unter ihrem Rücken befreite und dann war da wieder seine Hand an ihrem Oberschenkel. Es war allerdings sein Gewicht, das er dieses Mal einsetzte um sich noch näher an sie heranzubringen, das sie wirklich traf. Zielstrebig drängte er ihre Beine auseinander damit er sich in die entstehende Lücke legen konnte. Es störte sie nicht, dass ihr Nachthemd höher rutschte. Zoras hatte nur Augen für sie und sie fühlte sich das erste Mal nicht in der Lage, diesen Blickkontakt eigenmächtig zu brechen. Dafür vergaß sie regelmäßig zu atmen als sie spürte, wie er sich hart an sie drängte. Das unmissverständliche Zeichen, dass er sie wollte.
      Forsch setzte sich seine Hand an ihrem Schenkel in Bewegung und bescherte ihr direkt eine ausgewachsene Gänsehaut. Ihre Augen sprangen zwischen seinen hin und her in der Versuchung abzuschätzen, wie weit er seine Hand denn noch führen möge. Doch dann tauchte er ab, ließ ihr nur die Leere zum Ansehen als er ihr einen Kuss an der Halsbeuge brachte und seinen Weg ihren Hals aufwärts beschrieb. Das war der Moment, in dem Kassandra die Augen einfach schloss und leise seufzte. Sie legte den Kopf sogar noch in den Nacken, präsentierte dem Herzog so viel Hals wie sie nur konnte und ließ den Augenblick für sich sprechen.
      Es ging Bewegung durch den Körper des Mannes als er sich nach oben schieben musste, um an Kassandras Ohr zu gelangen. In diesem Zuge winkelte er ihr Bein an, sodass nur noch seine lächerliche Stoffhose sie davor bewahrte in direkten Kontakt miteinander zu treten. Konsequent hatte sie ihre Augen geschlossen gehalten, denn sie wusste, was sie erblicken würde sobald sie ihre Augen öffnete. Ihr Bein zitterte unter der Haltung und der Anspannung, die zweifellos in ihren Körper eingekehrt war. Er hatte sie noch nicht einmal tiefergreifender berührt und sie war schon dabei ihren Vorsatz noch einmal zu überdenken.
      "Bist du dir sicher? Dass du nicht mehr willst?"
      Widerwillig musste Kassandra nun doch die Augen öffnen und den Mann über ihr ansehen. Es wäre so leicht, ihm einfach zu zustimmen. Sich dem Moment hinzugeben und sich einzugestehen, dass sie das genauso wollte wie er auch. Dass die Leidenschaft, die in seinen Augen brannte, nur ein Spiegelbild ihrer eigenen war.
      Zieh dein Hemd aus. Fass mich da an. Zieh mir mein Nachthemd aus. Tu....
      Harsch schluckte Kassandra die aufwallenden Worte hinab. Ihr Brustkorb schmerzte vor den kräftigen, kontrollierten Atemzügen, die sie tat um sich wieder zu fangen. Sie behielt ihre Hände eiskalt bei sich und zog die Drahtseile nur noch fester um sich. Und wenn sie sie anziehen müsste bis sie ihr die Glieder abschnitten - es musste sein.
      "Ich bin mir sicher. Nicht mehr als das in diesem Zelt", sprach sie rau aus und hoffte, dass er die Zweifel tief in ihr nicht hören konnte. Dass er ihren inneren Kampf nicht hören konnte, der sie förmlich zu zerreißen drohte.
      Hier hatte sie nun die Gelegenheit und konnte seit Ewigkeiten sich einmal wieder richtig fallen lassen und tat es nicht. Gab sie sich jetzt in diesem Moment ihm hin waren die Folgen nicht auszudenken. Es war zu früh, es war zu überstürzt und sie hätten sich nur von der Gunst der Stunde mitreißen lassen. So sehr Kassandra sich Zoras auch hätte hingeben wollen - das hier war bei Weitem nicht der richtige Augenblick.
      "Lass mein Bein los", forderte sie ihn auf. Doch es geschah erst nichts, wodurch sie ihre Worte wiederholte, jedoch mit einer unendlichen Sanftheit in der Stimme. "Lass es los, Zoras."
      Da gab er ihr Bein frei und sie konnte ihr zittriges Bein wieder aufstellen. Noch immer lag sie unter ihm, spürte seine Hitze gegen ihren Körper rebellieren und konnte nicht anders als sein Gesicht in ihren Händen einzurahmen.
      "Ich will mehr. Du willst mehr. Aber es geht nicht. Nicht hier in einem Zelt, nicht in feindlichem Terretorium und erst recht nicht während wir auf Verhandlungsreise sind. Du solltest deinen Fokus zunächst auf etwas anderes richten und nicht mich. Ich werde dir nicht weglaufen, ich bleibe an deiner Seite. Beständig wie es keine andere Säule der Zeit sein kann. Also bitte... lass uns einfach diese Reise vorüber bringen und dann unseren Fokus verschieben...Ja?"

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      "I rather trust and regret than doubt and regret"
    • Alles an Kassandra war so absolut perfekt, mehr noch als Zoras es sich jemals vorgestellt hätte. Ihre Haut fühlte sich unter seinen Fingern wie Seide an, so hauchzart und einladend, dass es ihn sämtliche Willenskraft benötigte, um nicht fester zuzupacken, als nötig gewesen wäre. So dicht an ihr konnte er jede ihrer Bewegungen spüren, wie sich ihr Körper unter dem dünnen Nachthemd an ihn presste. Sie seufzte. Er hatte Kassandra noch nie seufzen gehört, nicht in dieser Tonlage, nicht in diesem Zusammenhang und jetzt wollte er es noch einmal hören, sogar mehr noch als das, er wollte alles. Er wollte Kassandra und alles, was mit ihr einherging.
      Zugegeben, er hatte es sich selbst zuzuschreiben, dass er genau in diesem Moment nachgab. Es war ihr anzusehen, dass sie das genauso sehr wollte wie er, allein schon die Hitze, die sie ausstrahlte, der brennende Blick in ihren Augen, die leicht verfärbten Wangen, der unregelmäßige Atem. Vielleicht hatte er auch gar nicht damit gerechnet, eine abwehrende Antwort zu erhalten. Umso gemischter waren seine Gefühle, als er sie tatsächlich erhielt.
      Es war schwierig, sich diesem Anblick zu entziehen, dieser ganzen himmlischen Lage, in der er sich gerade befand. Ihre Stimme war ebenso dunkler geworden wie seine eigene, ein wunderbares Geräusch, das ihn an Ort und Stelle hielt. Es passte nicht zu ihren Worten. Es passte aber sehr wohl zu dem Blick, den sie auf ihn gerichtet hatte, zu ihren Lippen, auf denen es leicht glitzerte, die ihn zu sich riefen.
      Er musste einen tiefen Atemzug nehmen, um sich von dem Verlangen zu lösen, sich gleich wieder über sie herzumachen. Für den Moment war seine einigermaßen Sehnsucht befriedigt, aber sie würde wiederkommen und er wusste, dass sie ihn verschlingen würde.
      "Okay." Er nickte. "Ja, okay."
      Er gab ihr Bein frei, bemerkte entfernt, wie es sich zitternd abstellte - ein gutes oder schlechtes Zeichen? - und stützte sich einarmig auf dem Boden ab, um sich ein wenig aufzurichten. Die jetzt freie Hand kam auf Kassandras Hüfte zum liegen, aber er berührte sie nur sehr sanft und bewegte sich auch nicht mehr.
      Ihre Hände fanden dafür den Weg zu seinem Gesicht und buhlten um seine vollständige Aufmerksamkeit. Er hätte sich sowieso nicht von Kassandras Anblick lösen können, selbst wenn er es gewollt hätte. Ihr Blick vereinnahmte ihn und er schwamm in dem Feuer darin, so wie er im Feuer ihrer Küsse geschwommen war.
      Leider waren ihre Worte nur allzu sinnig und er konnte selbst mit größter Beharrlichkeit keine Lücken darin entdecken. Sie hatte vollkommen recht, es war eine absolut närrische Idee sich in diesem Zelt hinzugeben, in einem Herzogtum, das sie noch am selben Tag zu vergiften versucht hatte und auf dem Weg zum nächsten, um es für ihre Zwecke zu rekrutieren. Sie hatte recht, was dachte er sich nur dabei? Wenn er etwas mit seiner freien Zeit anfangen sollte, dann war es ja wohl den Aufstand zu planen und nicht eine Phönixin zu verwöhnen - auch wenn sie noch so einladend aussah, auch wenn ihr Nachthemd noch so eng an ihrem Körper anlag, dass er einige deutliche Kurven erkennen konnte, auch wenn ihre Küsse noch so heiß waren, dass sie ihm den Mund verbrannten. Letzten Endes war es eine schlechte Idee und das wussten sie beide.
      Er gab sich geschlagen und stieß den verbliebenen Atem mit einem Seufzen aus, bevor die Spannung aus seinen Gliedern wich und er sich ein Stück weiter aufrichtete, um sich von ihr zu schieben. Dann verharrte er nochmal, drehte den Kopf zu ihren Händen, küsste eine ihrer Handflächen und kletterte dann über ihr Bein hinweg, um sich neben ihr auf das Gewühl ihrer beider Schlafstätte fallen zu lassen. Er verzichtete darauf, einen Blick auf ihr verrutschtes Nachthemd zu erhaschen, genauso viel wie er sich um den deutlichen Beweis seiner Begierde in seinem Schoß scherte. Er angelte nach einer Decke, zog sie halb unter seinem Körper hervor und warf sie lose über sie beide, bevor er - ähnlich der Geste am Anfang - den Arm nach ihr ausstreckte.
      "Komm wenigstens her. Wir werden schlafen, aber komm her."
      Sie beendeten den Ausfall so wie sie ihn angefangen hatten, mit Kassandra, die zu ihm gerobbt kam und ihren Kopf auf seiner Schulter ablegte. Ihm war noch immer entsetzlich warm, jetzt durch die Decke noch viel mehr, aber er zog sie dieses Mal dennoch beherzt an sich und legte die Hand auf ihrer Taille ab. Dann sagte er nichts mehr, wartete nur noch ab, bis sich seine Atmung relativ normalisierte und lauschte Kassandras Atmung neben sich. Nach einer Weile fing er wieder an, ihr über den Arm zu streichen. Er wollte noch etwas sagen, aber die eintretende Stille schien ihm wie etwas heiliges und so begnügte er sich lediglich damit, die Phönixin in seinem Arm zu halten. Darum bemüht, sie in den Schlaf zu streicheln, döste er schließlich selbst ein, ein leichter Schlaf, der sich durch das Gewicht auf seiner Schulter etwas vertiefen ließ.
    • Zoras entfernte sich von Kassandra. Seine Wärme, sein Körper, entzog sich ihrer und hinterließ eine gähnenden Leere, die ihr einen unvermittelten Schmerz durch die Brust schickte. Sicher, die logische Handlung wäre gewesen, den Tag einfach sacken zu lassen. Aber sie hätte sich ihm hingegeben. Zugelassen, dass seine Liebkosungen sogar ihr Herz berührten und dafür schalt sie sich sofort.
      Auch als Zoras sich bereits neben ihr in seine Schlafstätte hatte fallen lassen, lag Kassandra unverändert da. Sie starrte die Decke mit großen Augen an und fragte sich, wie sie den Zauber einfach hatte auflösen können. Warum sie ausgerechnet mit dieser Variante ging und noch viel mehr, wie es überhaupt dazu hatte kommen können. Was wäre gewesen, wenn sie nicht das bisschen Fassung gewahrt hätte und sie sich völlig aneinander vergangen hätten? Vielleicht war sie nur irgendeine Eroberung an seiner Seite und nichts weiter. Eine, mit der er sich rühmen konnte bevor er sich ach so heldenhaft in den Tod stürzte.
      Eine Decke flatterte über ihren Körper und riss sie aus ihrer Starre. Sie drehte den Kopf und entdeckte den ausgestreckten Arm in der gleichen Andeutung, wie sie ihn bereits diesen Abend gesehen hatte.
      "Komm wenigstens her. Wir werden schlafen, aber komm her."
      Sie folgte umgehend. Sie war so schnell wieder in seinen Armen, dass es sie selbst wunderte. Doch es war ihr egal. Wenigstens dieses Bisschen wollte sie sich erlauben, wenn mehr schon nicht drin war. Dieses bisschen Zuwendung, und sei sie noch so geheuchelt, war alles, was sie jetzt gerade brauchte. Was nötig war, um die angestaute Hitze nicht nur zwischen ihren Schenkel auszumerzen sondern auch das Feuer in ihrem Herzen zu löschen. Es waren zwei Jahre, die sie mit ihm noch teilen sollte. Mindestens zwei Jahre, bis sie vor der Wahl stand seinen Plan zu sabotieren und sich zu nehmen, was unlängst ihres war.
      Kurz darauf hatte sie bereits ihre Augen geschlossen und war noch näher als zuvor an Zoras' Körper geschmiegt. Ihr Kopf lag wieder an seiner Schulter, hörte eine ganze Weile noch seinen erhöhten Pulsschlag, der wie ihrer langsam zur Ruhe fand. Es würden noch andere Zeiten kommen. Zeiten, in denen sie nicht in Zelten in der Wildnis in feindlichem Terretorium nächtigten und dann wäre ihre Zeit gekommen.

      Nach dieser besonderen Nacht folgte keine weitere Vergleichbare. Der Luor-Haushalt setzte seine Reise durch das Land Verens fort, immer noch verfolgt von dem Spähertrupp, die dank Kassandras Warnung allerdings auf Abstand blieben. Wie vermutet fanden sie keine Zuflucht in Dörfern oder Siedlungen auf ihrem Weg zur nächsten Grenze zum Herzogtum Niligad. Aber lieber reisten sie allein als ständig Sorge zu haben, dass man sie in den Gasthäusern zu meucheln versuchte.
      Eine kleine Änderung hatte sich jedoch ergeben. Kassandra bestand nicht mehr auf ein eigenes Zelt sondern kehrte jede Nacht bei Zoras ein. Wie die Nächte zuvor gaben sie sich damit zufrieden, in der Nähe des jeweils anderen zu schlafen. Eskapaden wie in der ersten Nacht traten jedoch nicht wieder auf. Weder Kassandra noch Zoras ließen auch nur etwas in dieser Richtung verlauten, die Phönixin ging sogar soweit, dass sie selbst Küsse verschmähte. Sie wollte sie beide nicht ein weiteres Mal in Versuchung bringen. Wer wusste schon, ob sie ein zweites Mal die Willenskraft aufbringen können würde um ihnen Einhalt zu gebieten. Also begnügten sie sich mit der Anwesenheit des jeweils anderen und erzählten sich Dinge, die bislang unter Verschluss geblieben waren oder schlichtweg als nicht relevant angesehen worden waren.
      So setzten sie ihre Reise unbehelligt fort.


      Währenddessen im Palast Theriss...

      Rivelia Niligad war an der langen Tafel im Versammlungssaal eingekehrt. Man hatte die älteste Tochter des Herzoges Fioran Niligad in die Hauptstadt als Stellvertreter geschickt aber mit ihren jungen Jahren von gerade einmal 26 Jahren hatte sie gerade als Frau mit Autoritätsproblemen zu kämpfen. Ihre langen aschblonden Haare lagen um ihre Schultern breit ausgefächert während sie keine Rüstung oder vergleichbaren Schutz trug. Stattdessen war sie in die unaufregende Zunft der Niligads gekleidet, allesamt in beigefarbigen Tönen und Lederwaren gehalten. Sie wirkte auf manche mehr burschikos, wären da nicht die feinen Gesichtszüge gewesen, mit denen sie die anderen Vertreter der Herzogtümer beobachtete. Sie war rein diplomatischer Natur anwesend während ihr Vater im Hautpsitz zurückblieb und darauf wartete, dass der Hochverräter sich melden würde. Dass dies schneller passieren würde als sie dachten ahnte bis jetzt noch niemand. Rivelia war sich nicht sicher, welche Position ihr Vater bekleiden würde und folglich war sie wachsamer als üblich. Hinter ihr war ihre persönliche Garde aus fünf ausgelesenen Gardisten versammelt, die sie alle mit Namen und Familienstand kannte. Die einzige Versicherung, die sie aktuell hier hatte. Warum der König sie einberufen hatte, war nicht wirklich kommuniziert worden. Allerdings war es klar, dass es um das weitere Vorgehen bezüglich des Verräters gehen musste. Dennoch - die Stimmung war angespannt obwohl sie sich untereinander kannten. Wie ihr zu Ohren kam war der junge König höchst alarmiert und seit dem Putschversuch nie wirklich zur Ruhe gekommen. Scheinbar hatte es einen leichten Knacks in seiner Psyche hinterlassen, aber konnte ihm das schon verübeln?

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      "I rather trust and regret than doubt and regret"
    • Die Versammlung der Landesherrscher hatte sich auf die Hälfte reduziert.
      Anwesend waren keine Herzöge mehr. Schon seit geraumen Wochen waren die höchsten Würdenträger im Palast - abgesehen Seiner Majestät selbst - Vertreter und Adelige. Die Herzöge und ihr Gefolge hatten sich in ihre Ländereien zurückgezogen und beschränkten ihre Kommunikation wieder auf Briefe.
      Das war äußerst ungewohnt in der heutigen Zeit. Im ganzen vergangenen Jahr hatte es nur vereinzelte Momente gegeben, in dem nicht wenigstens ein Herzog anwesend war, um dem König mit seiner Expertise zur Seite zu stehen. Theriss war schnell in eine Routine gekommen, in der die Herrscher sich gegenseitig abwechselten, um stets ein Auge auf die momentanen Entwicklungen zu haben und gleichzeitig nicht allzu lange wegzubleiben. Jetzt, wo sie alle auf einen Schlag verschwunden waren, hatte es etwas merkwürdig endgültiges an sich. Als hätten sie einen Punkt erreicht, auf den sie eigentlich schon seit Monaten hingearbeitet hätten und als wäre er jetzt, ohne weiteres zutun, einfach eingetroffen.
      Der König selbst, eine schmächtige Gestalt inmitten einer Traube aus Gardisten - 20 Mann, zu jeder Zeit; nachts waren es 25 - marschierte mit finsterem Blick durch die einfarbigen Gänge. Keine fremden Wappen mehr, keine fremden Soldaten. Nach dem Attentat waren einige der diensthabenden Männer gelyncht worden, um die letzten Verräter in ihren Reihen auszumerzen, und dann waren neue an ihren Stellen eingestellt worden. Keine fremden Soldaten durften sich mehr in den Gängen aufhalten, sämtliche Gardisten mussten in den Kasernen auf ihren Dienstantritt warten. Dem Personal war nur gestattet, durch die Gänge zu gehen, wenn sie eine ausdrückliche Erlaubnis dafür hatten. Hochtragende Würdenträger durften sich noch immer frei bewegen, aber nur so weit, wie es ihre Pflicht erforderte. Die Privatgemächer des Königs und deren Gänge waren zu einer absoluten Tabuzone erklärt worden und wer auch immer sich darin aufhielt, ohne einen berechtigten Grund zu haben, wurde ohne weitere Fragen in den Kerker befördert.
      Damit schritt König Nashek IV. die teilweise gespenstischen Gänge entlang, begleitet von dem rhythmischen Klappern seiner Gardisten und dem makellosen Gleichschritt um ihn herum. Er genoss die Stille, er genoss die Kontrolle, die er anscheinend so mühelos ausüben konnte. Es befriedigte ihn, aber nichts auf der Welt würde ihn mehr zufriedenstellen, als Zoras Luor tot zu sehen. Am besten tot und zerstückelt.

      Sie hielten vor der Tür an und die Gardisten bauten sich in mittlerweile gewohnter Manier um den König herum auf, bevor die beiden vordersten die Türen öffneten und seine Ankunft ankündigten. Es wurde noch gewartet, bis die vier nach ihnen den Raum betreten und mit gezückten Waffen durchquert hatten, dann erst trat der König mit seiner Herde ein. Die drei Personen am Tisch - drei, wie mickrig! - standen bereits und verbeugten sich in einer Einheit vor ihm. Ihre Garden standen hinter ihnen und der König verengte die Augen, als er insgesamt 15 von ihnen zählte. Das hatte er nicht bedacht. Wollten sie sich etwa gegen ihn zusammenrotten?
      "Die Wachen gehen raus, das sind Staatsgeheimnisse, die wir hier besprechen. Oder sowas."
      Einer der drei Anwesenden meldete sich, ein alter Mann, dem die grauen Haare aus dem Kopf sprossen. Sein Wappen zeichnete ihn als Kerellin aus, aber seine Augen schienen noch erstaunlich jung.
      "Eure Majestät, Ihr könnt getrost davon ausgehen, dass -"
      "RAUS!"
      Der Mann brachte keine Regung zum Ausdruck, als er seine Wachen hinfortschickte. Auch der Vertreter von Veren entschied sich kurzerhand dazu, dem Befehl widerstandslos Folge zu leisten. Der König wandte den Blick zur Dame Niligad und verengte die Augen auch in ihre Richtung um zu signalisieren, dass er keine weitere Warnung aussprechen wollte. Als auch sie sich schließlich gefügt hatte, setzte er sich auf den vorgesehenen Thron am Kopfende des Tisches und fächerte sein Gewand unter sich aus. Er sah noch immer klein und stümperhaft auf dem riesigen Sitz aus, aber in letzter Zeit hatte er seinen Rücken häufiger durchgestreckt und wirkte wenigstens etwas ansehbarer, als noch vor einem Jahr bei seiner Krönung.
      Nach einem Moment des Schweigens setzte er an zu reden.
      "Wir ihr sicher mitbekommen habt, was ich doch stark hoffen will, hat Luor sein Nest verlassen und befindet sich auf einem direkten Streifzug durch unser Königreich. Ich erinnere alle daran, dass er bei seinem letzten Streifzug Leichenberge hinterlassen hat. Und Flammen, von seiner tollen Phönixin."
      Dass der König schlechter Laune war konnte man daran erkennen, wie er selbst vom Champion mit Verachtung redete. An guten Tagen schien er sich fast dazu verleiten zu lassen, sein Beileid darüber auszusprechen, sie verloren zu haben. Heute schien er wieder mehr daran interessiert, sie loszuwerden.
      "Was sagen die aktuellen Berichte über die Opferzahl in Veren?"
      Estjas Sohn, Erjier, rückte sich auf seinem Stuhl ein wenig zurecht. Er war Anfang 30, hatte die schlechteren Gene seines Elternhauses übernommen und warf seiner Sitznachbarin, Rivelia Niligad, verstohlene Blicke zu, wenn er glaubte ungesehen zu sein.
      "... Null, Eure Majestät. Der letzte Bote kam heute Vormittag an. Es gibt keine Tote."
      Der König blinzelte für einen Moment. Die Antwort hatte ihn so überrascht, dass er sogar vergaß, seine düstere Miene aufzusetzen.
      "... Es gibt keine Toten? Nicht einen einzigen? Nicht einen?"
      "Nein, Eure Majestät. Ein paar Wachen haben wohl Prellungen und Kratzer abbekommen, aber nichts lebensgefährliches. Es gab auch keine Kämpfe, nirgends."
      "Aber er muss doch schon seit Wochen unterwegs sein?"
      Der Mann hatte den Mut, mit den Schultern zu zucken.
      "Seine Spur wurde zurückverfolgt, nachdem er erkannt worden war, aber er hat keinerlei Verwüstungen hinterlassen. Er hat sogar die Gasthöfe, in denen er residierte, stets vollständig und fristgerecht gezahlt. Sein Champion ist noch viel weniger aufgefallen."
      Das brachte nun doch wieder etwas Leben in das Mienenspiel des Königs zurück und er schürzte die Lippen.
      "Das muss aber noch gar nichts heißen. Er hat gezeigt, wozu er fähig ist und mit Kassandra kann er noch viel mehr als das tun! Vielleicht wird Niligad ja brennen. Ich will davon regelmäßige Berichte hören!"
      Er starrte die Vertreterin für einen Moment an, ehe er wieder wegsah, um sich wieder wichtig zu machen.
      "In jedem Fall müssen wir ihm Einhalt gebieten. Ich werde doch nicht zusehen, wie er sich durch meine Ländereien brennt. Früher oder später."
      Über sein Gesicht wanderte ein fast stolzer Ausdruck.
      "Deswegen habe ich mich auch zur Handlung entschieden, bevor es noch so weit kommen wird - nachdem unsere letzten Beratungen zu diesem Thema schließlich in die Hose gegangen sind. Wir können nicht darauf warten, dass er die Phönixin auf uns loslässt. Sie ist gemeingefährlich. Ich verlasse mich daher auf Hilfe von außerhalb."
      Er gab seinen Wachen einen Wink, dann wurde die Tür geöffnet und der Blick auf zwei Männer freigegeben. Der eine lächelte, der andere starrte nur, als sie hereinkamen.
      "Begrüßt daher unsere neuen Gäste im Palast: Botschafter Dyndall aus Restaris."
      Die beiden Männer kamen an den Tisch heran, ohne Begleitung irgendwelcher Wachen. Wer von ihnen der Botschafter war, war nicht zu erkennen. Derjenige, der unablässig lächelte, verneigte sich tief und unterwürfig vor der Versammlung.
      "Es ist mir eine außerordentliche Ehre, Eure Gastfreundschaft genießen zu dürfen, werte Majestät."
      In seinen Worten schwang ein leichter Akzent seiner Heimat mit, der aber kaum zu beachten war.
      "Ich darf den versammelten Hochwürdigen meine Begleitung vorstellen: Champion Morpheus, Sohn des Hypnos, Gott der Träume und des Schlafs. Verneige dich, Morpheus."


      Der Angesprochene war ein Mann mit einem Blick, der kein Ziel verfolgte. Seine Gestalt war gebeugt und in sich zusammengesunken, als hätte er über die Jahre zu große Lasten auf seinem Rücken getragen. Er trug ein feines Gewand, das ihm lasch über die Schultern hing und die Erscheinung seines gebeugten Selbst nur noch verdeutlichte. Alles an ihm wirkte, als würde es hängen, so als hätte die Schwerkraft einen doppelten Effekt auf ihn wie auf alle anderen Lebewesen.
      Seine Verbeugung kam mechanisch und ließ seinen Oberkörper regelrecht einklappen. Als er sich wieder aufrichtete, geisterte der Blick seiner Augen durch das Zimmer, als hätte er noch gar nicht begriffen, dass sie in Gesellschaft waren.
      "Ihr verzeiht die Erscheinung, sie kann etwas gewöhnungsbedürftig sein. Seid Euch allerdings gewahr, dass er noch immer voll funktionsfähig ist, es benötigt nur etwas Leitung."
      "Sicher doch. Ihr dürft euch setzen."
      "Sehr großzügig, Eure Majestät. Setz dich, Morpheus."
      Die beiden Männer setzten sich. Während der Botschafter sein Gewand richtete, die Beine überschlug und sich auf seinem Stuhl ausrichtete, wanderte der Blick des Champions langsam nach oben, bis er die Decke erreichte hatte, und dann legte er sich zwei Finger an die Lippen, was wirkte wie ein merkwürdiges Zeichen.
      "Botschafter Dyndall war so frei mich darüber zu informieren, dass es durchaus effektivere Methoden gibt, einen Rebellen aus dem Land zu entfernen, als ihn auszuräuchern", fuhr der König fort. "Sowas führt nämlich nur zu Schäden auch auf unserer Seite. Vielleicht könntet Ihr die Herrschaften aufklären, Botschafter?"
      "Aber gewiss doch."
      Das Lächeln des Mannes war strahlend und einvernehmlich.
      "Mir kam zu Ohren, dass sich ein sehr unlöblicher Vorfall in Eurem Land austrug und es bedauert mich zutiefst, dass Ihr Euch in der Gefahr Eurer eigenen Männer sehen müsst. Es ist sicher eine schwierige Zeit das Königreich Theriss und es schmerzt mich, wie weit der Auslöser mit seiner schändlichen Tat gekommen ist. Dem muss Einhalt geboten werden, dessen werdet Ihr mir sicherlich zustimmen. Das Land Restaris ist daher so frei, die Annehmlichkeiten unserer bestehenden Verträge zu erweitern und Theriss einen Champion zur Verfügung zu stellen. Wir hoffen damit auf ein weiteres zukünftiges und sicherlich erfolgreiches Bündnis unserer beiden Länder. Seid dabei nicht um Eure Sicherheit besorgt, dieser Champion mag zwar der Gott aller Träume sein, aber der Gott des Krieges ist er bei weitem nicht, oh nein."
      Das Lächeln erweiterte sich und vereinnahmte beinahe seine beiden Gesichtshälften.
      "Unsere Kriegsführung würde sich auf rein psychologische Natur begrenzen. Morpheus besitzt die Macht, Träume zu weben und zu verändern, in einem Umkreis von mehreren dutzenden Kilometern und bei tausenden Personen gleichzeitig. Es mag sich nicht sehr einfallsreich anhören gegen eine Phönixin, die scheins das Kämpfen gelernt hat, aber lasst nicht außer Acht, dass ein Mann nur so lange einen Aufstand führen kann, wie es sein Körper billigt - und wie jeder andere Mensch, braucht auch der Körper des Rebellen Schlaf, um sich zu erholen. Das selbe gilt für sämtliche Soldaten dort draußen, die es wagen sollten, die Waffe gegen Eure Majestät zu erheben. Sie werden ausreichend Schlaf benötigen, um genügend Kraft für ihre Schlachten zu sammeln und wenn sie sich vorher mit Albträumen quälen, werden sie zu müde sein, um gegen Eure gesunde, kräftige Armee bestehen zu können. Ich garantiere einen Effekt bereits nach zwei Nächten - und das beste: Er kann selbst Träume in Champions hervorrufen. Noch längst nicht so effektiv wie bei Sterblichen, aber ich darf von der Erfahrung berichten, dass ein Champion, der das Träumen nicht gewohnt ist, mit einem Albtraum noch viel weniger umzugehen weiß, als ein Mensch."
      Das Lächeln wurde sogar noch breiter.
      "Und diesen Effekt sollte man bereits nach einem Tag beobachten können."
    • Rivelia wirkte auf den ersten Blick eher zurückhaltend als die Türen aufschwangen und der schmächtige König in seiner Traube an Wachen in den Saal geschneit kam. Wie es sich ziemte war die junge Frau mit den beiden anderen Vertretern aufgestanden, um sich gemäß des Kodex vor dem König zu verneigen. Ihre Miene war dabei ausdruckslos - auch wenn sie feststellen durfte, dass der junge Mann missbilligend ihrer aller Garde in Augenschein nahm, um sie unwirsch aus dem Raum zu beordnern. Entgegen des Vertreters Kerellins ließ sich Rivelia schneller davon überzeugen, dem fragwürdigen Befehl des Königs nachzukommen. Seit der Geschichte mit dem Putsch und dem Diebsthal des Champions war Feris mehr paranoid als alles andere. So manch einer munkelte sogar, dass er ein Stück seiner Raison dadurch verloren hatte oder gar von den Toten gejagt würde.
      Sie alle nahmen erst wieder Platz nachdem sich der König an das Kopfende der Tafel gesetzt und seine Robe aufgefächert hatte. Er wirkte immer noch zu schmächtig für diesen Posten aber wer war schon Rivelia, um über Erscheinungsbilder zu urteilen. Sie hatte in aller Vorsichtsmaßnahme den Becher mit dem Getränk nicht angerührt, da sie keinen Vorkoster zu beschäftigen pflegte. Und da sie nur halb im Bilde war, wie ihr Vater zu dem Herzogtum Luor nach dieser Geschichte stand erachtete sie es als klüger mehr Vorsicht walten zu lassen als nötig war. Erst recht nachdem klar war, dass Zoras nach Veren nun Niligad ansteuern würde. Man musste ihn nur noch an der Grenze abfangen und das Spiel war gelaufen.
      Bei dem Bericht von Erjier wurde allerdings auch sie hellhörig. Nach dem reinen Massaker, dass die Luors nach ihrem Putsch abgezogen hatten, war eine Opferstatistik von Null gerade zu unglaubwürdig. Wieso sollten sie plündern, morden und brandschatzen um im nächsten Herzogtum wie ein Schatten durch die Ländereien zu ziehen? Rivelia wusste, dass Veren sich gegen Luor gestellt hatte. Wie waren sie dort ohne eine einzige Kausalität entkommen?
      Als dann der Querverweis zu ihrer Heimat kam regte sich Rivelia kein Stück. Ihre Miene war eine sorgsam konstruierte Maske - sie verriet nie ihre wahren Absichten und war zeitgleich immer im Rahmen des annehmbaren Maßes. "Wenn Veren schon nicht brannte, dann sollte es unwahrscheinlich sein, dass Niligad es tun wird. Zur aktuellen Stunde haben wir noch keine Hinweise auf Luors Verbleib aber wir setzen Euch in Kenntnis sobald wir ihn abfangen, Eure Majestät."
      Ja, sie würden eine Taube schicken mit der Kunde, wenn sie Zoras abfingen. Dass diese Kunde aber erst möglicherweise Tage später eintreffen würde, konnte ja niemand vorhersagen. Fioran hatte seine Leute angewiesen, den Herzog nicht direkt vorzuführen sondern ihn unter Eskorte zu seinem Sitz zu führen. Er wollte höchstpersönlich hören, was es mit diesem Aufstand auf sich hatte und bewegte sich gefährlich deutlich in der Grauzone zwischen den beiden Fronten.
      Erneut wechselte der König das Thema und der völlig unangebrachte Stolz irritierte Rivelia. Auf seine folgenden Worte hin blitzte Erkenntnis in ihren Augen auf, die verräterisch nah an Schock grenzte. Er verließ sich erneut auf Hilfe von außerhalb? Wie kam er auf diese schwachsinnige Idee? Sie alle hatten gesehen wozu es geführt hatte, diesen jämmerlichen Jäger anzuheuern. Nun versauerte er irgendwo als Staubkorn auf den Steinen des Landes.
      Die Türen öffneten sich auf den Wink des König ein weiteres Mal und gaben den Blick auf zwei Männer frei. Der eine deutlich älter, wirkte er beinahe schon wie ein gebrechlicher dementer alter Mann. Der Audruck in seinem Gesicht wirkte nicht gänzlich wach und er reagierte auch nicht direkt auf die Anwesenden im Raum. Der jüngere Vertreter neben ihm, hoffentlich der Träger oder wer auch immer, trug ein gewinnbringendes Lächeln zur Schau und brüstete sich dermaßen, dass das kein Champion sein konnte.
      Allerdings wich ein kleines Stückchen Farbe aus dem Gesicht der jungen Frau als sie hörte, woher diese Hilfe von außerhalb kam. Er hatte sich den direkten Nachbar Restalis ins eigene Haus geholt. Ein fataler Fehler, den selbst sie jetzt schon beurteilen konnte. Das war die einzige Nation im Umkreis, die nach Möglichkeiten außerhalb der Palastmauern hätte gehalten werden müssen und jetzt nahm ein Vertreter dessen Platz an der Tafel, als sei es sein von Gott gegebenes Recht. Und dann war es auch noch ein namenhafter Gott, der hier vor ihren Augen präsentiert wurde.
      Rivelia musterte die beiden Männer. Morpheus wirkte eher wie eine maschinell betriebene Puppe ohne wirkliches Eigenleben. So etwas war ihr bisher noch nie unterkommen, sämtliche Berichte von Champions sprachen von höchst markanten Persönlichkeiten. Was war mit dieser Gottheit geschehen, dass sie nurmehr aussah wie eine Hülle, die einfachen Befehlen folgte?
      Bei der Erzählung des Botschafters wurde ihre Miene wieder kontrollierter. Es musste kein Kriegsgott sein um erheblichen Schaden bewirken zu können. Die Phönixin war das beste Beispiel dafür gewesen, aber dass Restaris so einfach einen Champion verlieh, war ungewöhnlich. Es mussten Abkommen getroffen worden sein von denen die Herzöge nichts wussten. Abkommen, die ohne ihre Zustimmung getätigt worden waren. Das war gefährlich und machte den breit grinsenden Botschafter in ihren Augen nur noch unsympathischer.
      "Ihr erwägt, die Ängste der Menschen für Eure Zwecke zu nutzen", stellte Rivelia schlussendlich fest nachdem sie sich angehört hatte, zu was Morpheus wohl fähig war. Dieser Gott allein konnte eine ganze Nation zerrütten. Was waren die Konditionen gewesen, um ihn zu bekommen?
      "Eure Majestät, ich wünsche wirklich kein Argwohn zu erzeugen aber die bisherigen Verträge reichen bei Weitem nicht aus, als dass man uns einen Gott zur Seite stellt. Botschafter Dyndall sprach von Erweiterungen. Welche sind es?"
      Sie musste so schnell es ging ihren Vater über diese Wendung in Kenntnis setzen. Wenn es stimmte, dass seine Reichweite so groß war, dann würde er vermutlich auch lokalisieren können, wo sich diese Phönixin genau aufhielt. Und da sie an Zoras Seite reiste wäre damit auch sein Standpunkt offengelegt. Das müsste der Botschafter wissen und hatte diese Information Feris nicht offengelegt. Die Frage war, wie schnell die umstehenden Vertreter zu dem gleichen Rückschluss kamen wie Rivelia.
      "Mit Verlaub, der Jäger war ebenfalls als Verstärkung von außerhalb gedacht und seine Dienste waren mehr als fragwürdig. Ich stelle nicht die Hilfsbereitschaft des Reiches Restalis in Frage aber seid Ihr Euch sicher, dass diese Angelegenheit nicht intern geklärt werden sollte?"

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