Salvation's Sacrifice [Asuna & Codren]

    Aufgrund einer größeren Serverwartung kann es aktuell zu vereinzelten Fehlern kommen. Meldet diese gerne unter: https://www.anime-rpg-city.de/index.php?board/7-fragen-ideen-und-probleme/

    • Zoras blieb für einen Moment an Ort und Stelle stehen, bevor er sich langsam in Bewegung setzte und dem Zweiergespann folgte. Teal war unruhig, aber entschlossen. Er lockte den Hengst weiter zu sich heran, während Zoras mittlerweile nur noch dabei war, damit ihm Teals Vater nicht den Kopf abreißen würde. Der Junge meisterte die Sache absolut souverän und vorbildlich.
      In Momenten wie diesen betrübte es ihn, keinen eigenen Sohn zu haben - oder eine Tochter. Es war ja nicht so, dass er nicht mit dem Gedanken gespielt hätte - als Herzog musste er sich schließlich Gedanken darüber machen, wer seine Nachfolge übernehmen würde - aber das Schicksal hatte stets andere Pläne mit ihm gehabt. Jetzt war seine letzte Liebschaft auch wieder vorbei und er hatte mit einiger Bitterkeit erkennen müssen, dass er viele Jahre damit verschwendet hatte, eine unerreichbare Frau anzuhimmeln, anstatt sich um das wirklich wichtige zu kümmern. In den fünf Jahren hätte er auch seinen Nachwuchs großziehen können.
      Aber die Zeit konnte nicht zurückgedreht werden und sie konnte auch nicht angehalten werden. Jetzt steuerte Zoras sein 40. Lebensjahr an und auch wenn er durch einen riesigen Zufall noch jemanden finden und heiraten würde, würde er wohl nichts mehr von seinem Kind miterleben. Ganz abgesehen davon, dass Teal dann unrechtens 14 Jahre lang darauf vorbereitet geworden war, dass er zum Schluss doch nicht das Amt übernahm.
      Zu seiner Linken schlich sich ein gescheckter Gaul an, der den Versuch wagte, dem Landesherrn die Karotten aus der Hose zu schnüffeln. Er bekam als Antwort einen Klaps auf die Nüstern, warf den Kopf nach oben, empörte sich mit einem Schnauben und tänzelte mit gebrochener Ehre wieder davon.
      Teal erklomm den Rappen zur selben Zeit, als Ryoran sich tatsächlich näherte, den skeptischen Blick auf seinen Sohn gerichtet, den Körper allerdings auf Zoras ausgerichtet. Es schien ihm sichtlich unwohl zu werden, als das Pferd sich in Bewegung setzte und der Junge sich in die Mähne klammerte.
      "Wirklich? Ohne Sattel?"
      Er sprach zu Zoras als er ankam, nahm aber den Blick nicht von Teal. Auch Zoras beobachtete ihn und grinste ein wenig, als der Rappe etwas schneller wurde.
      "Klar. Das stärkt das Band zwischen Mensch und Tier."
      Ryoran war sichtlich unzufrieden.
      "Es stärkt auch die Gefahr, sich die Knochen zu brechen.
      "
      "Er fällt vom Pferd, nicht vom Dach eines Hauses. Vielleicht kann er sich ja abrollen, so wie Ultroff es ihm beibringt."
      "Sowas kann auch gefährlich sein."
      "Oh, bitte, dann soll er sich doch die Knochen brechen, das hat noch nie jemandem geschadet."
      "Und wenn es das Genick ist?"
      Zoras sah zu ihm und verdrehte die Augen. Ryoran empörte sich.
      "Wenn du mal eigene Kinder hast, kannst du sie ja gerne von den Pferden stoßen - aber nicht mit meinen Kindern. Teal! Komm da runter, Teal, das reicht jetzt! Such dir doch eine Stute aus!"
      Er setzte sich in Bewegung, als der Rappe noch schneller wurde und in einen Galopp verfiel, den Jungen noch immer felsenfest auf seinem Rücken. Zoras steckte die Hände in die Taschen und beobachtete das Schauspiel eines scheinlichst ungezähmten Tieres, das den Jungen entführte, während der Vater versuchte, mit wedelnden Armen... ja, was war eigentlich sein Plan? Den Hengst mit der Kraft seiner Stimme dazu bewegen, seinen Sohn zurückzubringen? Zoras musste grinsen.
      Es dauerte erstaunlich lange, bis Teal den Halt verlor und vom Rücken kugelte, sehr zum Vergnügen des Hengstes, der mit diesem Erfolg vor den anderen prahlte. Ryoran war schnell bei ihm, um ihn zu schimpfen.
      "Teal, was hast du dir nur gedacht! Vergessen wir jetzt etwa, dass man einen Junghengst nicht einfach so besteigen soll? Hast du dir weh getan?"
      Zoras brauchte länger, um zu den beiden aufzuschließen, aber als er ankam hatte er ein dickes Grinsen im Gesicht.
      "Das war ganz ausgezeichnet! Das könnten sogar dreißig Sekunden gewesen sein, ein richtiger Rekord! Du wirst immer besser, Teal!"
      Er erntete einen garstigen Blick von seinem Bruder, den er gekonnt ignorierte.
      "Alle Gliedmaßen noch dran? Kopf sitzt auch noch auf den Schultern? Dann hoch mit dir, wir müssen deinen Hengst einfangen."
      "Er bekommt keinen Hengst!"
      "Wieso nicht? Hat doch wunderbar funktioniert."
      "Zoras!"
      Die Brüder musterten sich für einen Moment, dann seufzte Zoras.
      "Also gut. Komm Teal, wir müssen einen Hengst einfangen, den du dann auch gleich striegeln kannst. - Das ist doch wohl noch erlaubt?"
      Ryoran brummte missmutig, gab aber keine Widerworte mehr. Zoras zwinkerte seinem Neffen unerkannt zu, dann strebte er die Herde an.

      Elive sah Kassandra eine lange Zeit lang an, ohne sich zu rühren. Der Ausdruck auf ihrer Miene war tiefem Mitgefühl gewichen, während sie wohl einem Gedanken nachhing, der für die Phönixin nicht ersichtlich war. Sie unterbrach sie nicht und machte auch sonst keine Anstalten, ihren eigenen Standpunkt deutlich zu machen, stattdessen beobachtete sie Kassandra nur.
      "Ich weiß nicht, wie es sich anfühlt", gab sie schließlich zu, die Stimme weich und entgegen vorheriger Schärfe. "Ich weiß nur, dass du vermutlich die erste Göttin bist, die sich Gedanken darüber macht, was ein Mensch bei seinem Tod fühlt."
      Sie schien weiter darauf eingehen zu wollen, aber da wandte sich Kassandra schon von ihr ab und brach das Gespräch zwischen ihnen ab. Elive klappte den Mund zu und folgte ihr dann schweigend, ein leiser Geist in Kassandras Rücken, der ihr nie zu nahe kam, aber immerhin im direkten Umfeld ihrer Präsenz blieb.

      Die Männer waren bei den Ställen, als die beiden Frauen zu ihnen stießen - Elive hatte Kassandra sehr vorsichtig den Weg gewiesen, als würde sie sich davor fürchten, mehr Worte als nötig an die Phönixin zu richten - und stritten sich; oder zumindest Ryoran stritt sich, während Zoras an einem Balken gelehnt stand und die Worte an sich abprallen ließ. Er hatte die Augen halb geschlossen und genoss den Geruch des Sommers; sein Bruder veranstaltete derweil einen Wettstreit mit den Pferden darüber, ob er lauter reden, oder sie lauter wiehern konnten.
      Als Zoras allerdings Kassandras Gestalt bemerkte, fuhr augenblicklich Leben in seinem Körper ein. Sie kam über die freie Fläche zu ihnen herüber, dicht gefolgt von einer Elive, die neben Kassandra noch viel kleiner als gewöhnlich wirkte. Nein, das war nicht ganz richtig; sie wirkte nicht kleiner, sondern schlichter. Zoras glaubte, dass es nicht einen Menschen auf dieser Welt geben könnte, der neben Kassandras erhobenem Haupt halbwegs würdevoll aussehen könnte.
      Sie trug eine anständige Adelstracht in prächtigen Farben, die im Sonnenschein zu leuchten schienen. Das Sonnenlicht erhellte ihre ganze Gestalt, ein eigener, leuchtender Anblick, der sich in Zoras' Gedächtnis einbrannte. Kassandra und die Sonne waren wie eine Einheit, fiel ihm auf. Es war ihm schon am Morgen aufgefallen, aber jetzt wurde es nur noch deutlicher, wie vollkommen sie erst zusammen waren. Kassandra brachte die Welt erst zum Strahlen.
      Er hörte die letzten Worte nicht, die Ryoran vor sich hinplapperte; erst, als auch Elive bei ihnen war und nachfragte, riss er sich von Kassandras Anblick los.
      "... einen Hengst! Sein erstes Pferd und es ist ein Hengst, der ihn herunterbuckelt!"
      Elive war sichtlich erschüttert.
      "Aber, Zoras! Kann es nicht eine Stute sein?"
      "Ein Hengst wird ihn doch nicht umbringen."
      "Wo ist er?"
      "Hinten, er bürstet ihn gerade."
      Elive gab ein Stöhnen von sich, als hätte man ihr die Last der Welt zu Füßen gelegt und eilte dann den Gang des Stalls hinab. Ryoran, noch immer sichtlich unzufrieden, verpasste Zoras einen seiner berühmten, garstigen Blicke und folgte dann seiner Frau.
      Zoras wandte sich vollständig Kassandra zu. Mit einem Mal war er sich dessen bewusst, dass er selbst nichts halb so gutes trug. Hätte er nicht auch eine Uniform anziehen können?
      "Du siehst gut aus, das steht dir. Auch wenn die Farben nicht ganz passen."
      Er lächelte aufrichtig, während er Kassandras neuen Aufzug musterte. Das Muster ihres Tuchs war hübsch. Er würde ihr mal die Bedeutung der einzelnen Muster erklären müssen.
      Als sein Blick wieder nach oben gewandert war, wurde das Lächeln ein wenig kleiner.
      "Alles in Ordnung?"
    • Teal kam in einer Hinsicht mehr nach seinem Onkel als nach seinem Vater: Wenn er sich etwas in den Sinn gesetzt hatte, dann blieb er auch dabei. Also ließ er sich von seinem Vater auch gar nicht erst beeinflussen, als dieser ihn noch am Boden sitzend mahnen wollte. Die Worten flossen wie Wasser einen steinigen Bachlauf hinab, der den Rücken des Jungen darstellte, als dieser sich aufrappelte. Mit leicht verengten Augen spähte er zu der Miniherde herüber in der sich sein Zielobjekt eingereiht hatte.
      Oh doch, und wie er genau diesen schwarzen Hengst zu seinem ersten Pferd auserkoren würde.
      "Nein danke, Onkel. Ich muss den schon selbst kriegen, sonst nimmt mich nicht mal ein Pferd für voll."
      Fast schon leger winkte der Junge seinen Vater ab als er zum Stallmeister hinüber lief und sich ein Knotenhalfter geben ließ. Ausgerüstet mit seiner neuen Waffe, einem Strick und einer weiteren Möhre pilgerte er wieder zu den Pferden herüber, die dieses Mal jedoch alle flohen. Ganz leise hörte man, wie Teal einen Fluch in den Himmel schickte, sich schüttelte und dann einen zweiten Versuch startete. Erst im vierten Anlauf hatte er sich soweit unter Kontrolle, die richtige Körpersprache an den Tag zu legen und den Hengst tatsächlich das Halfter anzulegen.
      Sichtlich triumphal stolzierte der Junge mit hoch erhobenen Haupte an Ryoran vorbei, den Hengst im Schlepptau, der sich ein wenig darüber mukierte, von seinen Freunden abgeführt zu werden. Aber Teal blieb eisern, korrigierte das Pferd sobald es Anstalten machte und brachte es ohne Zwischenfälle zum Stall, wo er ihn anband und sich mit einem Striegel bewaffnete.

      War Kassandra wirklich die erste Gottheit, die sich Gedanken darüber machte, was Menschen während ihres Todes fühlten? Womöglich. Sicherlich beschäftigten sich noch etliche andere mit dem Umstand ihres Todes, aber nicht ein einziger unter ihnen wusste, wie es sich anfühlte einen menschlichen Tod zu sterben. Niemand fühlte, was Kassandra in zahlreichen dieser Momente gefühlt hatte und das machte sie zeitgleich einzigartig und verwundbar. Außerdem rückte sie unweigerlich von dem ab, was Götter und Menschen voneinander trennten. Denn wenn die Menschheit jemals in der Lage war, ihre Kräfte mit denen der Götter zu messen, was unterschied die beiden Arten dann noch voneinander?
      Während Kassandra so darüber sinnierte und nach draußen in die Sonne trat, folgte Elive ihr wie ein Schatten. Sie hätte die Hand nach ihr ausstrecken und sie ergreifen können, doch sie hatte genug Abstand, um jederzeit weiter auf Abstand gehen zu können. Ein weises Verhalten wenn man bedachte, wie verrückt viele der Champions mittlerweile waren.
      Schon von Weitem erspähte die Phönixin ihren Träger. Das war nicht sonderlich schwer, brauchte sie doch einfach nur in die Richtung zu gehen, in der sie ihr Herz spürte. Aber so gelassen, wie er nun gerade an einem Balken lehnte und die Augen scheinbar geschlossen hatte, hatte sie ihn noch nie erlebt. Er wirkte ungefähr so wie sie selbst, wenn sie in den ersten und letzten Sonnenstrahlen des Tages badete. Tiefenentspannt, eins mit der Umgebung.
      Aus diesem wunderbaren Anblick löste er sich jäh als er das Eintreffen der beiden Frauen bemerkte. Ihr entging nicht, dass der Herzog wieder nur Augen für sie hatte und das Glitzern verriet ihr, dass er etwas sah, das sich ihrem Horizont entzog. Die Walküre trennte sich asbald von ihrer Seite, als sie ins Gespräch mit ihrem Mann kam und sogleich den Gang zu ihrem Sohn hinunterlief. Offensichtlich war es eine große Sache, welches Geschlecht das erste Pferd hatte.
      Kassandra ließ die kleine Familie von Dannen ziehen ehe sie sich Zoras zuwandte. Für einen winzigen Moment ging ein Blick seinerseits an der eigenen Gestalt abwärts, so als passe ihm nicht, was er trug. Um das zu untermalen komplimentierte er ihre Kleiderwahl mit der sie rein gar nichts zu tun gehabt hatte.
      "Elive hat es ausgesucht. Ich denke, sie wird wohl wissen was einem steht und was nicht. Wobei ich mich ehrlich wundern muss, warum ihr so viele Schichten übereinander tragt. Es ist doch nicht mal besonders kalt hier", entgegnete Kassandra schlicht und streckte die Arme von sich, an denen man die überlappenden Schichten besser sehen konnte.
      Ebenfalls entging ihr nicht, wie sein Blick zu ihrer Hüfte ging. Scheinbar bewunderte er das Tuch oder es trug eine versteckte Nachricht, von der sie nichts wusste. Im Endeffekt war es auch einerlei.
      "Sicher. Ich habe eine sehr angeregte Unterhaltung mit Elive führen können. Ich muss sagen, sie könnte mir gefallen. Du hast recht wenn du sagtest, sie war einst eine Kriegerin. Man spürt den Kampfesgeist noch immer durch und durch."
      Ein Schmunzeln erschien auf ihren Lippen. Als sie sich dabei ertappte, drehte sie ihr Gesicht von Zoras weg bis sie es wieder unter Kontrolle gebracht hatte. Sie sah sich ein wenig weiter um und begutachtete die Art, wie man hier Gebäude errichtete oder die Anordnung vollzog.
      "Du scheinst auch sehr entspannt zu sein. Einen schönen Morgen bis jetzt gehabt, ja? "

      copyright by Vertify


      "I rather trust and regret than doubt and regret"
    • Das Lächeln auf Zoras' Gesicht wurde wieder breiter; er konnte sich selbst nicht erklären, wieso ihn die Tatsache so freute, dass er Kassandra etwas über seine Heimat beibringen konnte.
      "Die verschiedenen Lagen sind Merkmal der Oberschicht, das ist ein arluraischer Brauch, der nur für Frauen gilt."
      Er streckte nach einem Moment des Zögerns die Hand aus und zupfte ihren Ärmel ein wenig zurecht.
      "Das Oberkleid ist für den Alltag gedacht, aber das Unterkleid ist ein funktionelles Kleidungsstück. Ganz früher, zu Zeiten der Arlura, als die Kriege sich noch gehäuft haben, trugen die adeligeren Frauen zwei Kleider übereinander, um das schöne Oberkleid abzuwerfen und mit dem Unterkleid in den Krieg zu ziehen, falls sie angegriffen wurden. Die Mittelschicht tat etwas ähnliches, aber mit wesentlich minderwertiger Kleidung und die Unterschicht hatte schlicht nicht das Geld, sich zwei Lagen zu leisten. Das hat sich bis heute gehalten, deswegen wirst du wohl zwei tragen müssen."
      Er runzelte die Stirn, während er sie noch einmal musterte.
      "Obwohl ich mir ziemlich sicher bin, dass das Oberkleid ein wenig zu eng ist, deswegen ist es wohl auch so warm. Hatte Elive nichts weiteres? ... Ich werde für morgen den Schneider holen lassen, dann bekommst du ein ordentliches."
      Er griff scheinlichst nach ihrer Hüfte, nur um im letzten Moment eine lose Schlaufe zwischen die Finger zu nehmen und sie ein bisschen nach vorne zu ziehen, damit Kassandra sie sehen konnte.
      "Siehst du das Band hier? Daran musst du ziehen, dann löst sich die Brust und ein Teil vom Rock und du kannst es ganz ohne Widerstand über den Kopf ziehen. Heutzutage wird das Unterkleid aber kaum mehr allein getragen, meistens gibt es genug Zeit, noch eine ordentliche Rüstung anzuziehen. Zum reiten ist es aber ganz angenehm, habe ich mir sagen lassen."
      Er ließ die Schlaufe wieder los und bewunderte für einen weiteren Moment, wie hinreißend Kassandra in ihrer Tracht wirkte. Sie passte noch viel besser zu ihr als das vorherige Bauerskleid.
      Als von Elive die Rede war, stahl sich der Hauch eines Lächelns auf ihre Lippen und bevor Zoras sich wundern konnte, was sie wohl damit meinte, drehte sie sich schon von ihm ab. Eigentlich war es doch recht schade, so oft hatte er ihr Lächeln noch nicht bewundern können.
      "Ich habe meinen Spaß, sehr zu kosten meines Bruders, möchte ich meinen. Aber das ist nunmal das Leid, das man als jüngster ertragen muss - wer wäre ich schon, diese Tradition zu brechen?"
      Ihm fiel selbst auf, dass er kaum aufgehört hatte zu lächeln. Das dümmliche Grinsen hatte sich schon fast in sein Gesicht eingemeißelt.
      "Apropos, ich halte es nur für angemessen, wenn du ebenfalls ein eigenes Pferd bekommst. ... Du kennst dich doch mit Pferdepflege aus, oder? Möchtest du dich einmal umsehen? Wir haben zur Zeit knapp 120 unbeanspruchte Tiere auf dem Hof allein."
    • "Was für ein aufwendiger Brauch heutzutage", war Kassandras schlichte Antwort während sie dabei zusah, wie Zoras an ihrem Ärmel zupfte.
      So, wie es Elive vorhin auch schon einige Male getan hatte. Aber wer war sie schon zu urteilen, wie viele Schichten Stoff als unnötig zu erachten waren? SIe hatte so viele verscheidene Kulturen und Bräuche kennengelernt, dass sie nichts mehr wirklich überraschte. Am eindrucksvollsten war vermutlich der Brauch der Zahunya gewesen, den sie in solch einer Gänze nie wieder erlebt hatte.
      "Ich muss dir bei Gelegenheit mal zeigen, was der eindrucksvollste Brauch war, den ich bisher erlebt habe", teilte sie ihre Gedanken mit ihrem Träger nachdem sie der Erklärung gelauscht hatte, wozu die Schichten an Stoff eigentlich dienten.
      Als sein Blick wieder auf ihrer Kleidung lag, runzelte sie die Stirn. Er hatte einen ähnlichen Ausdruck wie Elive, die scheinbar auch nicht sicher gewesen war, ob der Schnitt nich zu klein gewesen sei. Kurz darauf erhellte er ihren Verstand und sie nickte nur.
      "Ich brauche eigentlich keinen eigenen Schneider. Ich brauche auch keine ausgewiesene Kleidung für Adelige, das solltest du eigentlich wissen. Mach dir nicht so viel Mühe, meine eigene Temperatur ist sowieso so hoch, dass mir Frieren fernliegt."
      Dann griff Zoras nach Kassandras Hüfte. Zumindest sah es aus so als er erst im allerletzten Moment nach einer Schlaufe griff und die Aufmerksamkeit auf das geflochtene Tuch legte. Doch die Phönixin sah nicht auf das für sie unbedeutsame Stück Stoff. Ihre Augen lagen auf dem Herzog mit einer schwer zu deutenden Mischung an Gefühlen in ihnen. Sie war sich sicher, dass er vielleicht unter anderen Umständen wahrlich nach ihrer Hüfte gegriffen hätte. Das er insgeheim mit Fantasien spielte, die sie sich so gar nicht ausgemalt hätte. Es würde dazu passen, wie er sie zwischendurch ansah. Dass er sonst tunlichst darauf geachtet hatte, sie nicht mehr als nötig anzufassen. Es war nicht der schlichte Respekt, die Ehrfurcht, die ihn davon abhielt. Vielmehr schien es die Sorge zu sein nicht mehr sicher eine Grenze ziehen zu können.
      Sie ließ sich allerdings von dem Hinweis bezüglich der Pferde erst einmal mitreißen. "Ich kann mir eines aussuchen, sicher. Solange wie ich meine Teilform nicht auslösen kann, werde ich wohl auch noch am Boden gefesselt sein."
      Kassandra brachte die Schlaufe wieder zurück an ihre Stelle und sah die Stallgasse hinab. Sie konzentrierte sich ein bisschen und fand umgehend die drei Lebenslichter, die zu den restlichen Luors gehörten. Mit Elive als strahlender Stern, Teal eine abgeschächte Form davon und Ryoran verschwindend gering daneben. Langsam, beinahe träge, wanderten ihre rubinroten Augen hinüber zu Zoras, der sie noch immer förmlich anstrahlte.
      "Welchen Stellenwert nehme ich eigentlich für dich ein, Zoras?"
      Ihre Frage war klar und deutlich formuliert ohne auch nur den Anschein eines Zögerns. Er hatte ihr bereits einmal gesagt, dass er sie nicht einfach ziehen lassen konnte. Nur das Warum stand damals noch nicht fest. Eine ihrer Regeln war es, so wenig wie möglich mit Menschen in Kontakt zu treten, aber diese Regeln setzte sie nun einmal außer Kraft. Sie griff bewusst nach Zoras' Hand mit der er vorhin nach der Schlaufe gegriffen hatte und führte sie nach oben zwischen sie beide. Ihre Handfläche lag nun an seiner ehe sie ihre Hand etwas verschob und ihre Finger mit den seinen verschränkte. Ihre Augen flammten auf als sie auf ihren Bund, auf ihr Herz, zugriff.
      Die Verbindung, die sie beiden teilten, funktionierte auch andersherum, sonfern Kassandra es zuließ. Und nun gewährte sie dem Menschen Zoras zu fühlen, wie sich der Schmerz einer Gottheit anfühlte. Ihre Mimik war ohne jegliche Brüche, keine Emotion ließ sich aus ihr ablesen. Stattdessen ließ sie zu, dass Zoras einen Einblick darauf erhaschen konnte, wie es sie förmlich zerriss wenn einer ihrer Träger starb. Der unendliche Schmerz, den sie jedes Mal durchlitt.
      "Du willst, dass ich das noch einmal erleben muss?", sagte sie leise und hielt die Verbindung aufrecht.

      copyright by Vertify


      "I rather trust and regret than doubt and regret"
    • Zoras' Lächeln wurde noch ein Stück offener, auch wenn das wohl kaum mehr möglich war.
      "Das musst du."
      Bei ihren nächsten Worten schüttelte er schlicht den Kopf.
      "Ganz abgesehen davon, dass du eine Göttin bist, bist du eine hübsche Frau, Kassandra. Ich werde dich nicht in Lumpen herumlaufen lassen, du verdienst eigene Kleidung, die genauso hübsch ist."
      Er sah noch einmal an ihr hinab, aber je mehr er darüber nachdachte, desto sicher war er sich, dass sie einen Schneider brauchte. Wenn er könnte, hätte er sie in Königskleidung gesteckt, aber so musste er sich eben mit dem nächstbesten zufrieden geben.
      Sie willigte ein, sich ein Pferd auszusuchen, rührte sich dann aber nicht von der Stelle. Etwas in ihrem Gesicht veränderte sich, was Zoras gar nicht aufgefallen wäre, wenn sie nicht erneut das Wort erhoben hätte. Hätte er nicht gewusst, dass das unmöglich war, hätte er gedacht, dass die Sonne sich in diesem Moment ein Stück verdunkelt hatte.
      "Welchen Stellenwert?", wiederholt er, rein um Zeit zu schinden, während sein Lächeln einsackte. Es war doch klar, welchen Wert sie hatte, oder etwa nicht? Sie war Teil seiner Kampfkraft, sie war die Unterstützung des Aufstands, sie war ein Symbol der Stärke, sie war die Nachricht an den Rest des Landes, dass mit den Aufständischen nicht zu spaßen war. Was wäre denn auch die Alternative, sie ziehen lassen? Ihr die Essenz zurückgeben? Zoras wollte es, aber noch nicht jetzt, das war noch nicht die Antwort. Keins davon war die Antwort, wie ihm auffiel, auch wenn das natürlich keinen Sinn machte. Kassandra war der Schlüssel zu einem schnellen Erfolg, der Jahre an Kämpfen in wenige Monate stopfen würde. Kassandra war die Hilfe dazu, das Land zu einen, dessen war er sich ganz sicher. Er musste sicher sein.
      Eine Antwort blieb ihm vorerst erspart und ein Prickeln durchfuhr ihn, als Kassandra seine Hand in ihre nahm. Sie war warm, so wie er es bereits in Erinnerung hatte, eine einladende Wärme, die niemals groß genug war, um in unangenehme Hitze auszubrechen. Ihre Hände waren unendlich zart und filigran, nicht mehr als die hauchdünne Berührung von Seide an seiner eigenen Hand. Ihre Haut war makellos und so glatt, dass es wirkte, als würde sämtlicher Schmutz an ihr abprallen. Neben ihr wirkte die Welt wie eine versiffte Gosse, in der sich die Müllhaufen stapelten.
      Zoras sah zwischen ihren Augen hin und her, unschlüssig darüber was sie anstellte, aber keineswegs davon abgeneigt. Ihre Finger verschränkten sich. Aus einer surrealen Erkenntnis heraus gelang er zu der Überzeugung, dass sie sich nie wieder trennen lassen würden, nicht mit aller Gewalt der Welt.
      Dann kam noch etwas anderes hinzu und aus dem Moment, der ihm wie ein Traum vorkam und ewig hätte andauern können, wurde ein undeutlicher, abstrakter Albtraum, der sich direkt in seinen Knochen niederzulassen schien und ihn von innen heraus erfüllte. Er beobachtete Kassandra noch immer, während das Grauen in ihm einsetzte, ein unendlicher Schmerz so groß, dass er mit keinem leiblichen Leiden gleichzusetzen wäre, eine so abgrundtiefe Trauer, dass es ihm die Haare zu Berge stellte. Erst, als die Phönixin wieder etwas sagte, nicht mehr als ein Flüstern, begriff er auch erst, was dieses Gefühl darstellte. Es war der Tod eines Trägers.
      Bisher hatte Zoras immer geglaubt, dass Kassandra lediglich die Gefühle des Sterbenden in sich aufnahm, so wie sie auch alle anderen Gefühle bemerkte; niemals hätte er gedacht, dass es sie mehr betreffen könnte als den rein oberflächlichen Tod. Er hatte sie einmal gefragt, wovor sich Götter fürchten könnten und ihre Antwort hatte Vergänglichkeit gelautet. Er hatte gedacht, dass es sich um das reine Ableben handelte, dass man als Gott nicht mehr im Olymp sitzen und über die Welt herrschen konnte, aber er glaubte langsam zu begreifen, dass es etwas anderes war, etwas, das über seinen menschlichen Verstand hinausging. Und dieses andere konnte wohl ähnliche Gefühle hervorrufen, wie es der Tod ihres Trägers gerade tat. Wie konnte man sich da nicht davor fürchten?
      Er verzog das Gesicht während er darauf wartete, dass Kassandras Maske bröckeln und sie beweisen würde, dass sie tatsächlich solche Gefühle empfinden konnte. Aber ihre Miene blieb unlesbar wie immer. Schließlich war es an Zoras die Hand zu senken, wobei sich ihre Finger nicht lösten.
      "Nein. Nein, natürlich will ich das nicht."
      Er löste seine Hand doch von ihrer, drehte sie allerdings nur und nahm Kassandras zwischen beide Hände.
      "Ich weiß, du gibst nichts auf das Wort eines Menschen und ich weiß, du willst deine Essenz zurück - dein Herz. Ich bin egoistisch, weil ich von dir verlange hierzubleiben und an einer Schlacht teilzunehmen, die dich nicht betrifft und nicht interessierst und in der du nur verlieren kannst, weil ich zum Schluss sterben werde. Aber ich werde dir deine Essenz zurückgeben, bevor das passiert - zumindest, bevor ich es geplant habe. Ich weiß, dass es viel verlangt ist, es ist nur... du könntest die letzte Hoffnung sein, die dieses Land noch hat, auch auf Seiten der Rebellen. Wenn ich dich zu früh gehen lasse, verlieren wir so viel mehr als nur einen Champion, wir verlieren unser Land. Millionen könnten sterben, sie werden sterben. Dieser letzte Aufstand ist der Kompromiss, den ich dafür eingehe."
      Er wusste, dass das nicht der ganzen Wahrheit entsprach, aber es war ein notwendiger Teil davon. Sein Blick hing noch immer an ihrem.
      "Ich bitte dich, Kassandra. Bleib an meiner Seite, bis es vorbei ist, dann wirst du erlöst sein. Für immer."
    • Kassandras Blick bohrte sich regelrecht in Zoras' Augen. Sie hatte ihm soeben eine übermenschliche Erfahrung beschert, er konnte den Tod fühlen ohne ihn selbst zu erleiden und trotzdem hielt er so eisern an seinen fest. So wie er seine Überzeugung sprach, sie ansah, wusste die Phönixin, dass er sich diesen Ausgang auch genau so vorstellte. Genauso eisern an diesem Entschluss festhielt, denn wenn er einmal zu wanken beginnen würde, wäre sein fester Stand vermutlich auf ewig verloren.
      War Kassandra genug, um die Erde unter seinen Füßen zu erschüttern?
      Für einen kurzen Augenblick huschten ihre Augen auf ihre Hand, die inmitten seiner großen, von Wetter und Kampf gezeichneten Hände verschwunden war. Es lag nicht einmal ein Zittern in seinen Händen wohingegen ihre eigene nur kontinuierlich an Wärme gewann. Als ihr Blick zu seinen Augen zurückkehrte war es so, als bräche ein unsichtbares Visier vor ihrem Gesicht. Niemals würde Kassandra offen zugeben, dass sie einen Menschen angefleht hatte, aber der Ausdruck, der allmählich in ihrem Gesicht erschien, kam diesem unglaublich nah. Die Verbindung zwischen ihnen bestand noch immer weshalb ihre innere Aufruhe direkt zu ihrem Träger übertragen wurde.
      "Zoras, wie soll ich eure Hoffnung sein wenn ich weiß, wie es ausgeht? Dass ihr Herzog, zu dem sie alle aufsehen, am Ende einfach stirbt? Es werden unter Umstände auch so Millionen sterben wenn dein Plan nicht aufgeht. Und du kannst ihn nicht bis ins Detail vorausplanen, das ist dir schlichtweg nicht möglich", presste sie hervor.
      Ihre Hand befreite sich mit einer abgehackten Bewegung aus seinem Griff und schoss nach vorn. Sie packte seinen Unterarm, ähnlich eines barbarischen Grußes gleich, und ruckte den viel größeren Mann mit erstaunlicher Kraft etwas näher an sie heran. Noch immer brannte ein Feuer in ihren Augen mit dem sie vielleicht sogar versuchte, die seinen in Brand zu stecken. Was musste sie noch unternehmen, damit er endlich zu Sinnen kam?
      "Du verstehst den vollen Umfang nicht. Ich werde nie erlöst sein, nicht jetzt oder später. Mit oder ohne mein Herz. Weil ich nie wieder nach oben zu den Anderen zurückkommen werde. Ich bin verdammt hier auf der Erde zu bleiben. Alles, was du mir nach deinem Tode zugestehst ist die Freiheit, wie eine Urgewalt über die Menschheit herzuziehen. Meinen Zorn, der sich über all die Jahrhunderte angestaut hat, auf die Menschen zu richten." Vielleicht funktionierte ja diese Herangehensweise, um ihn zum Umdenken zu bewegen. Dass sie in ihrem Inneren jetzt gerade alles andere als Hass und Zorn verspürte, fiel ihr in diesem Moment wahrlich nicht auf.
      "Was muss ich tun, damit du deinen Entschluss noch einmal überdenkst?"
      Kassandras letzter Satz war leise gesprochen. So leise, dass es die spärliche Distanz zwischen ihren Gesichtern benötigte, damit kein Wort vom Wind davongetragen wurde. Seit Äonen hatte sie sich untersagt, ihre Gefühle nach außen zu tragen. Sich selbst einzugestehen, dass die Zeit unter den Menschen sie ihr näher gebracht hatten als alles andere zuvor. Sie wusste, dass Zoras sich schon immer gefragt hatte, ob Götterwesen wie sie dasselbe empfanden. Hier vor ihm stand ein jenes Wesen, das schon viel zu viel von seiner Göttlichkeit verloren hatte.

      copyright by Vertify


      "I rather trust and regret than doubt and regret"
    • Da war er, der Beweis den Zoras gesucht hatte, den er sogar gebraucht hatte um zu wissen, dass alles soeben gespürte der Wahrheit entsprach. Kassandras Züge nahmen eine andere Form an und während sie ihm noch immer zeigte, was in ihr vorzugehen schien, wurde ihm langsam bewusst, was dieser neue Ausdruck zu bedeuten hatte. Kassandra bat darum, dass er seinen Plan überdenken möge. Er hatte es zustande gebracht, eine Göttin dazu zu bringen, in ihrer Machtlosigkeit eine mehr als menschliche Empfindung preis zu geben. Wegen ihm.
      Er schluckte schwer und presste die Zähne aufeinander.
      "Es ist ein Aufstand wie jeder andere", kam schließlich die dürftige Antwort, die er nicht lauter aussprach als die Phönixin selbst.
      "Solange er nicht enden soll, werde ich nicht sterben."
      Natürlich wusste er, dass sie recht hatte: Er konnte schlichtweg nicht bestimmen, ob alles nach Plan lief. Er konnte ihn umsetzen, aber der Erfolg war, wie alles andere im Leben, unabhängig von ihm. Vielleicht würde er zu früh sterben, vielleicht zu spät - es war schlichtweg außerhalb seiner Kontrolle.
      Kassandra löste sich von ihm, nur um ihn kurz darauf abrupt zu sich zu ziehen. Er stolperte einen Schritt nach vorne, wobei die Phönixin unnachgiebig blieb. Ihre Gesichter kamen sich näher und mit ihnen ein Flackern in Kassandras Augen, das sich so stechend scharf in seine eigenen einbrannte, dass er glaubte, gleich Feuer fangen zu müssen. Er wusste nicht, ob er diesem Blick jemals stand halten würde und letzten Endes konnte er es auch nicht. Nur waren sie sich zu nahe, um sich dem vollständig zu entziehen.
      Sie offenbarte ihm noch eine weitere Sache, derer er sich nicht sicher war, ob sie jemals für menschliche Ohren bestimmt wäre. Kassandra war verbannt, sicher, sie konnte nicht zurück. Der einzige Unterschied zwischen ihrem jetzigen Leben und einem Leben mit ihrer Essenz war, dass sie ihre Kräfte zurückerlangte.
      Aber dafür ein Menschenleben zu lassen, war doch mehr als nur gerecht? Wie viele hatten sich schon für Kassandra umgebracht, nur um ihre Essenz zu erhalten? Was war da schon ein weiterer, wenn nicht würdig, ihr die Essenz zurückzugeben?
      Aber er wusste, dass sie es nicht so meinte. Sie würde vermutlich nur noch verzweifelter werden und er wusste nicht, ob er es ertragen konnte, wenn die Phönixin tatsächlich anfangen würde ihn anzuflehen.
      Er schluckte erneut, ihr Blick brannte sich unangenehm in ihn hinein. Kein Gedanke war davor sicher.
      "Finde eine Alternative", hörte er sich antworten, kaum lauter als Kassandra gesprochen hatte. "Eine, in der Feris und ich leben. Denn darauf wird es hinauslaufen, einer von uns wird sterben und den Aufstand damit beenden, auf die eine oder andere Weise. Und ich kann nicht… ich kann nicht zulassen, dass Feris etwas geschieht. Ich kann nicht."
      Er war nicht stark genug, was er im Thronsaal bereits bewiesen hatte, genauso wenig wie er stark genug war, Kassandras Blick weiter standzuhalten. Irgendetwas sagte ihm, dass etwas in seinem Inneren aus dem Gleichgewicht geraten würde, ein stützender Pfeiler würde einbrechen und das ganze so vorsichtig errichtete Konstrukt in sich zusammenreißen, wenn er weiter Kassandras Forderung nachging. Und Zoras wollte nicht erfahren was geschah, wenn er einmal zu taumeln anfing. Er fürchtete, dass er sich nie wieder aufrichten könnte.
      Also unterband er das Risiko seines Einsturzes, indem er sich aus Kassandras Griff befreite und sie stattdessen von sich aus zu sich und in eine Umarmung zog. Er schlang die Arme um ihren eleganten, zierlichen Körper und drückte sie an seine Brust. Ihre Haare rochen nach Wind und unbezähmter Natur und er sog den Duft in sich auf, als wäre es sein letztes Lebenselixier. Das war keine Umarmung mehr für Kassandra, das war für ihn selbst, ein eigener Stützpfeiler der verhindern sollte, dass die Risse sich vergrößerten.
      "Zwing mich nicht dazu, daran zu zweifeln", murmelte er gegen ihre Haarpracht, bevor er sie noch näher an sich drückte, was kaum mehr möglich schien.
      "Bitte."
    • In all ihrer Gänze hatte Kassandra damit gerechnet, dass sie diesen Mann niemals dazu bewegen würde, seine Stellung aufzugeben. Dass sie ohne unlautere Mittel seine Fassung nicht brechen würde und schließlich mitansehen musste, wie er sich selbst in seinem Himmelfahrtskommando in den Tod stürzte. Sie wusste, dass er für gewöhnlich den Blick abwenden musste wenn sie ihn so eingehend musterte. Nun zwang sie Zoras dazu, ihm nicht auszuweichen und hoffte darauf, dass er endlich ins Wanken geriet.
      Was er mehr oder minder auch tat als er sie um eine Alternative bat. Ihre innere Aufruh legte sich minimal bei dem Lichtblick, den sie endlich vor sich sah. Es gab mehr als nur eine Alternative, aber die bedeuteten in der Regel einen steinigen Umweg, den es allerdings zu bewältigen gab. Mit Kassandra an seiner Seite würde Zoras nichts geschehen wenn sie sich mit aller Macht dagegen stellte. Also brauchte Feris etwas, das ihn schützte. Etwas, das ihn gegen Kassandras und eventuell anderer Götter Macht abschirmte. Er brauchte selbst einen Champion, dem er vertrauen und der ihn sinnvoll beraten konnte.
      "Ich weiß, dass du es nicht kannst", erwiderte sie leise, gefasst.
      Sie wusste um das einseitige Band, das ihre Beziehung formte und selbst wenn sie es als lächerlich empfand würde sie kein Wort dagegen richten. Er sah in dem Jungen die dahingeschiedene Liebe, die viel zu kurz nur in seinem Leben stand. Er hätte wie sein Bruder eine Familie haben können und egal wie verzerrt diese Ansicht auch sein mochte - Feris war in dieser Beziehung das, was einem Sohn am nächsten kam. Nur bedeutete es noch lange nicht, dass sie sein Leben nicht beenden konnte.
      Noch immer brannten sich ihre Augen in seine, fraßen sich ohne Rücksicht auf Verluste durch jeden Schutzwall, den der Herzog in seiner Not errichtet hatte. Noch bevor sie es wusste spürte sie, dass er nicht mehr lange standhalten würde ohne seinen eigenen Standpunkt wahrlich hinterfragen zu müssen. Also tat der Mensch das, was sie am besten konnten: Vermeiden.
      Er löste sich aus ihrem Griff, der ohnehin nicht mehr so sonderlich stark gewesen war. Dann legte sich eine seiner Hände an ihre Schulter und zog sie an sich. Das war eine Vermeidungstaktik mit der sie nicht gerechnet hatte. Dementsprechend war Überraschung das primär vorherrschende Gefühl, das ihrer Seele entsprang als sich Zoras Arme um ihren Rumpf schlossen. Sie wich allzu schnell einer Verwirrung während sie versuchte zu erörtern, was diese Handlung ausgelöst hatte. Er fühlte keine Angst ihr gegenüber, keine inhärente Sorge. Wenn überhaupt waren es Zweifel, die ihn zu dieser Aktion getrieben hatten und er sich nicht mehr anders zu helfen wusste.
      Kassandras Lippen teilten sich, bereit, seinem wackeligen Konstrukt den Todesstoß zu versetzen. Doch es verließ kein Ton ihre Kehle in dem Moment, als Zoras sie ein unmöglich erscheinendes Stück stärker an sich drückte. Sie war es gewohnt, die sachten Pulsschläge in ihrer Umgebung wahrzunehmen, sofern sie sie nicht absichtlich ausblendete. Es war eine Harmonie ein Rhythmen, alle in ihrem ganz eigenen Klang und dennoch so perfekt, dass man sie jedem einzelnen Lebewesen problemlos zuordnen konnte. Aber jetzt stand so nah an einen Menschen gepresst wie schon lange nicht mehr. Ihre Wange lag an seiner Brust, unweit von seinem Herz entfernt, das kräftig unter dem fleischlichen Käfig schlug. Ein Lied, in dem man sich verlieren konnte, wusste man um dessen Bedeutung. Seine Körperwärme drang durch den spärlichen Stoff direkt zu ihr durch und ihre Nase nahm eine Mischung aus Pferd, Seife und seinem eigenen Geruch wahr.
      Eigentlich wartete Kassandra für gewöhnlich einfach nur bewegungslos ab bis die Menschen das bekommen hatten, was sie wollten. Nun allerdings konnte sie selbst nicht verhindern, wie ihre Hände seinen Rücken hinaufwanderten und sich auf der Höhe seiner Schulterblätter in den Stoff des Hemdes krallten. Die Jahre unter den Menschen hatten sie näher an sie gebracht als sie es sich gewünscht hatte. Und dieser Moment zeigte ihr, dass Nähe etwas war, was sie als Gott nie gebraucht hatte, sich jetzt allerdings schmerzhaft bewusst wurde, dass sie sich danach sehnte. Dass sie nicht mehr wie ein übermenschliches Wesen, wie etwas Anbetungswürdiges behandelt werden wollte. Langsam schlossen sich ihre Lider während sie sich ihrem Schicksal einfach ergab. Und während sie einfach nur in diesem Moment festhing, kam ihr eine neue Erkenntnis.
      Vielleicht war das einer der Gründe, warum Elive hiergeblieben war. Weil man nicht wusste, wer sie war. Weil niemand ihre Rolle im Universum kannte. Sie war nicht anders als jede andere Frau auf dieser Welt und ob Kassandra es wollte oder nicht, sie fühlte einen gleißenden Stich in ihrer Brust, der vom Neid herrührte. Kassandra war nicht dafür gemacht in Unkenntnis zu existieren. Die Jahre auf der Erde hatten es ihr unmöglich gemacht unter den Menschen zu wandeln wie ihresgleichen. Ganz davon zu schweigen, dass sie es nie wirklich wollte. Dafür hatte sie zu viel erlebt, dafür wusste sie zu gut wie es sich anfühlte, ihrem Zorn und ihrer Wut ungezügelt freien Lauf lassen zu können und ganze Landstriche in schwarze Aschewüsten zu verwandeln.
      "Dann verbiete es mir, deine Zweifel zu schüren", war ihre einzige, sacht gesprochene Antwort auf seine Bitte hin.
      Zoras würde es ihr verbieten müssen. Sie mundtot machen, damit sie seinen Entschluss nicht abermals ins Wanken bringen würde. Ihr Entschluss war mindestens so fest wie der seine und sie würde für das einstehen, was ihrer Natur entsprach. Sie würden den Weg finden, in dem beide Seiten nicht ihr Leben lassen müssten.

      copyright by Vertify


      "I rather trust and regret than doubt and regret"
    • Es hatte etwas merkwürdig beruhigendes an sich, die eigenen Worte noch einmal von Kassandra bestätigt zu bekommen. Zoras hatte ihr so schon mehr mitgeteilt, als er jemals ein Lebewesen in sein Leben eingeweiht hatte und daher kam es wohl, dass er sich ungemein getröstet fühlte, von ihr gesagt zu bekommen, dass er Feris tatsächlich keinen Schaden zufügen konnte, auch wenn er es gewollt hätte. Von Kassandras Sichtweise aus war dieses Dilemma wohl kaum einen zweiten Gedanken wert, nicht mehr als ein unbedeutsames Gefüge in der Zeitgeschichte, aber womöglich war genau diese Tatsache der Grund, weshalb er sich so verstanden fühlte. Nichts hätte für sie unwichtiger sein können und doch verstand sie ihn. Sie konnte ihn nachvollziehen.
      Er spürte eine sachte Bewegung ihrerseits, bevor er ihre Hände auf seinem Rücken fühlte. Sie wirkte etwas steif, aber er kam nicht darum herum, die Umarmung vollständig zu genießen. Beim ersten Mal hatte sie es nur mehr oder weniger über sich ergehen lassen, jetzt erwiderte sie die Geste. Zoras könnte schwören, dass die von ihr ausstrahlende Wärme ihn vollständig ergriff. Es war ihm alles andere als unrecht.
      Er erwiderte nichts auf ihre Antwort hin, ließ sich einfach nur weiter von ihrer gemeinsamen Umarmung trösten und genoss dabei ihre ausstrahlende Wärme. Für eine lange Zeit war er sich sicher, dass sie den ganzen Tag dort hätten stehen können, nur sich gegenseitig haltend, bis sie schließlich zu müde wären, um aufrecht zu stehen. Natürlich war das reiner Schwachsinn, wie er selbst bemerken musste, als er sich nach einer Weile vorsichtig von ihr löste, um sie anzusehen. Sein Gemüt war wieder einigermaßen stabil, stabil genug zumindest, damit er nicht Angst haben musste, es jederzeit einbrechen zu sehen. Das Feuer war aus Kassandras Augen verschwunden und durch etwas anderes ersetzt, das er nicht recht deuten konnte, aber das ihm dennoch die Kehle zuschnürte. Er betrachtete sie für einen Moment auf der Suche nach dem Grund dahinter und musste dann einsehen, dass er kein gutes Auge für solche Dinge hatte.
      Er sah Kassandra für einen Moment nur an.
      "... Wollten wir nicht eigentlich ein Pferd für dich suchen…?"
      Dann versuchte er sich an einem unsicheren Lächeln.

      Die Pferdesuche ging mit Kassandra wesentlich schwieriger vonstatten als mit Teal, hauptsächlich dem Umstand verschuldet, dass die meisten Tiere sich von der Präsenz der Phönixin einschüchtern ließen. Zoras beharrte allerdings darauf, ihr ein eigenes Pferd zur Verfügung zu stellen und somit musste sie sich durch Reihen an nervösen Tieren kämpfen, bis sie letzten Endes doch fündig wurde. Mittlerweile war es kurz nach Mittag und Elive drängte zum Essen, nicht ohne dem Hintergedanken, den Herzog für die Wahl des Pferdes ihres Sohnes zu tadeln.
      Am Nachmittag verfasste Zoras in mehrstündiger, aufwendiger Arbeit seine Briefe, mit denen er seine Verbündeten gewinnen wollte, während er in seinem Zimmer saß. Kassandra hatte er nicht in seine Arbeit einbezogen, was er schnell zu bereuen lernte, denn auch wenn sie nichts dazu beigetragen hätte, wäre sie doch eine angenehme Begleitung gewesen. Mehrere Male dachte er darüber nach, sie doch holen zu lassen, aber dann sah er wieder davon ab. Vielleicht würde sie noch einmal versuchen, ihn von seinem Plan abzubringen und er wollte nicht gezwungen sein, es ihr zu verbieten.
      Sie aßen allesamt gemeinsam zu Abend und machten Pläne, am folgenden Tag mit der Vorbereitung des Aufstands zu beginnen. Als Zoras später ins Bett ging, war er zwar müde, aber der Schlaf verzichtete darauf, ihn mit seiner Anwesenheit zu beehren. Stattdessen wälzte er sich in seinem Bett, bis ihm der Rücken schmerzte, er gar nicht mehr angenehm liegen konnte und er schließlich einsehen musste, dass eine weitere, endlose Nacht bevorstand. Da stand er wieder auf, pilgerte durch sein von Schatten verseuchtes Zimmer, setzte sich wieder an den Tisch um weitere Schreiben zu entwerfen und blieb dort für eine Weile sitzen. Als er auch das nicht mehr auf die Reihe bekam - schreiben konnte er, wenn überhaupt, nur tagsüber ganz gut - zog er erneute Kreise durch das Zimmer, bevor er schließlich nach draußen ging. Der Gang war verlassen und unbelebt, stockfinster und totenstill. Ohne groß darüber nachzudenken, überquerte er ihn zur anderen Seite und blieb einen Moment vor der Tür stehen, bevor er sachte anklopfte. Es brauchte zwei Versuche bis er nicht nur realisierte, dass er sie womöglich aufweckte, sondern bis er ein Geräusch vernahm, das sich wie die Aufforderung anhörte reinzukommen. Er zögerte für einen Augenblick, dann ging er doch hinein. Jetzt konnte er wohl kaum noch einen Rückzieher machen.
      "Kassandra?"
      Er blinzelte in die Dunkelheit, blind von dem Übergang des Kerzenscheins in die Finsternis.
      ".......Habe ich dich geweckt?"

      Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von Codren ()

    • Kassandra besaß schon lange kein richtiges Zeitgefühl mehr. Ebenfalls war ihr jegliche Scham völlig fremd weshalb sie sich der Umarmung einfach völlig ergab und sich sogar gestattete, einmal an nichts weiteres zu denken. Egal wie schnell oder langsam die Zeit dahinfließen mochte, wer seine Augen auf sie beide richtete oder es Gerüchte schürte, nichts davon war für Belang. Einen Augenblick lang wollte sie sich zugestehen, dass sie nicht immer auf Konfrontationskurs lauern musste. Davon ausgehen musste, dass jede Station ihres Daseins nur eine Last war. Wie Elive schon richtig gesagt hatte: Wer waren sie alle, dass sie kein bisschen Spaß oder Zufriedenheit erlangen durften?
      Als Zoras schließlich von sich aus die Umarmung löste, musterte sie ihn schweigend. Er war nicht mehr so aufgelöst wie zuvor, aber er sah sie mit eben dergleichen Intensität an wie sie selbst es gerade tat. Er versuchte etwas aus ihrer Mimik abzulesen, entdeckte etwas und scheiterte daran es richtig zu deuten.
      "Ja, wir suchen ein Pferd, das mich nicht meidet", stimmte die Phönixin zu und machte sich dem Herzog auf den Weg in die Stallungen.

      Es dauerte eine gefühlte Ewigkeit bis sie ein Pferd fanden, das nicht augenblicklich die Flucht ergriff bei ihrem Auftreten. Und noch viel mehr Zeit, bis sie es einigermaßen unter Kontrolle hatte ohne es ständig beeinflussen zu müssen. Irgendwann hatte sie Zoras einfach fortschicken müssen, damit sie sich mit ihrem Pferd in Ruhe auseinandersetzen konnte. Trotz allem blieb sie dank ihres Herzens mit Zoras verbunden, spürte wie er einer Tätigkeit nachging, die ihm wahrlich nicht sonderlich schmeckte. Mehrere Male zog er in Erwägung, zu ihr zu kommen oder sie holen zu lassen, verwarf diese Ideen jedoch immer wieder.
      Am Ende riss sie ein wenig an ihrem Oberkleid in den versteckten Schichten herum, um es ein bisschen weiter zu machen. Vermutlich würde sie sich einen Kommentar von Elive dazu einfangen, aber es war ihr egal. Wenn es nach ihr ging, dann wäre kein Kleidungsstück der Welt genug um ihr angemessen zu stehen. Folglich traf Kassandra die Luors erst am Abendtisch wieder, hielt sich aber allgemein eher bedeckt. Teal war von dem Tag dermaßen geschlaucht, dass er sie nicht einmal mehr mit Fragen löchern konnte.
      Und so ging ein weiterer, ereignisloser Tag zuende. Wobei - so ereignislos war er gar nicht gewesen. Als Kassandra sich unter ihre Bettdecke in ihrem Gemach schob, fiel ihr immer wieder diese seltsame Umarmung ein, die eigentlich den genau gegenteiligen Effekt hatte, den sie bezwecken wollte. Auch ein ausgedehnter Seufzer machte es nicht besser und fast schon frustriert knüllte sie die bunten Kleider am Fußende des Bettes und warf sie an die gegenüberliegende Wand. In dem schlichten, weißen Nachthemd sah sie aufregend unaufregend aus. Ihre schwarzen Haare bildeten nur einen starken Kontrast zu ihrer hellen Haut und dem Stoff als sie sich zur Ruhe zwang und die Augen schloss.
      Wie immer träumte sie nicht. Sie schlief diese Nacht sogar sehr flach was darauf schließen ließ, dass Zoras ebenfalls nicht in den Schlaf fand. Immerhin waren es keine Alpträume, die ihn heimsuchten.
      Stattdessen klopfte es leise an ihrer Tür. Fast augenblicklich flogen ihre Augen auf und sie setzte sich auf, die Bettdecke reichte nur noch bis zu ihrer Hüfte.
      "Komm rein", sagte sie nur. "Ich war noch wach." Oder eher schon wach.
      Es klickte leise, als Zoras die Tür hinter sich schloss und sie mit den Fingern schnippste. In der Luft tauchten kleine Flämmchen auf, die den Raum in ein warmes, dämmriges Licht tauchten. Ihre Augen lagen direkt auf dem Mann, wach und aufmerksam. Sie deutete auf das Fußende, wo er sich setzten könnte.
      "Du findest wieder keinen Schlaf, richtig? Wie lange leidest du schon unter Insomnia?"

      copyright by Vertify


      "I rather trust and regret than doubt and regret"
    • Es dauerte einen Moment, dann wurde der Raum von einem sanften Kerzenlicht erhellt, das von keiner Kerze, sondern schwebenden Flammen kam. Zoras blinzelte für einen weiteren Moment, während er sich daran gewöhnte, dass übernatürliche Kräfte im Spiel waren, dann richtete er seine Aufmerksamkeit auf Kassandra.
      Sie trug ein schlichtes Nachthemd, schaffte es aber dennoch durch eine Zoras' unbekannte Macht, engelsgleich darin auszusehen. Die Haare fielen ihr locker über die Schulter und bissen sich mit der hellen Farbe, aber etwas anderes wäre nicht halb so passend gewesen. Eigentlich saß sie nur entspannt in ihrem Bett, aber mit dem Licht der schwebenden Flammen und dem unwirklichen Anblick sah sie aus, wie die Königin der Bettlandschaften persönlich. Es hätte nur noch eine Krone gefehlt.
      Er ging mit langsamen Schritten auf sie zu, plötzlich verunsichert darüber, ob es wirklich eine gute Idee gewesen war, herzukommen. Aber er folgte ihrer unausgesprochenen Aufforderung dennoch und setzte sich ans Fußende.
      "Ich weiß nicht, eine Weile schon. Zehn Jahre vielleicht, vielleicht auch weniger."
      Er wandte sich von Kassandra ab, um eine der schwebenden Flammen zu beobachten. Es war merkwürdig so offen darüber zu reden, wenn nicht viele Leute überhaupt davon wussten. Aber bei der Phönixin war es etwas anderes, mittlerweile konnte er sich daran gewöhnen. Im Gegensatz dazu, was er ihr schon alles mitgeteilt hatte, war das eine Kleinigkeit.
      "Ich habe einen leichten Schlaf, manchmal schlafe ich gar nicht. Oder erst, wenn es zu spät ist."
      Er richtete den Blick wieder auf Kassandra, Neugier im Gesicht.
      "Und du? Können Götter überhaupt richtig schlafen?"
      Er beobachtete sie einen Moment, wohlwissend darum, dass er nicht hergekommen war, um sich zu unterhalten. Zumindest nicht nur.
      "... Kann ich einen Moment bleiben? Ich glaube, mir hilft die Gesellschaft."
    • Kaum merklich zog Kassandra ihre Augenbrauen zusammen. In jedem Schritt, den Zoras tat, lag eine Verunsicherung, die sie nicht vollends verstand. Grämte er sich weil sie schon geschlafen hatte und er sie eigennützig da heraus gerissen hatte? Jedenfalls sagte sie vorerst nichts bis er sich an das Fußende gesetzt hatte und so fehl am Platze wirkte wie es nur möglich war.
      "Zehn Jahre sind gut ein Drittel deiner bisher verstrichenen Lebenszeit", stellte die Phönixin vage fest und neigte den Kopf etwas. "Das ist verhältnismäßig viel. Warum solange? Hat das auch mit der Schlacht zu tun oder dem Angriff als du abwesend warst?"
      Der menschliche Verstand konnte einem viele Streiche spielen. Es war nur logisch, wenn die Ereignisse Zoras davon abhielten, Ruhe des Nachts zu finden. Allerdings wusste sie dieses Mal, dass er nicht unter Alpträumen gelitten hatte. Er war lediglich von einer Unruhe getrieben, die sie sich nicht erklären konnte.
      "Wir schlafen wenn wir in einer menschlichen Form erscheinen. Aber wir träumen nie. Ah. Ich träume niemals", korrigierte sie sich selbst während sie die Arme auf der Decke ablegte und sich über die Unterarme strich. Für jemanden, der sie nicht kannte sah es so aus als würde sie leicht frösteln. Doch das tat die Phönixin nie. "Die Fähigkeit zu träumen setzt Hoffnungen und Ängste voraus. Das fehlt uns eigentlich komplett. Wovon sollen wir denn träumen?"
      Eine rhetorische Frage, völlig uneingenommen gestellt. Sie wusste nicht wie es war zu träumen. Die Kontrolle über das zu verlieren, was einem der Verstand zu zeigen vermochte. Dieser Kontrollverlust war etwas, das sich kein einziger Gott je leisten konnte. Zu gefährlich waren ihre Mächte, die sonst auf die Erde niederfahren würden.
      Kassandra erwiderte Zoras Blick, der neugierig war, aber noch etwas anderes mit sich trug. Etwas, das versteckter lag und nicht auf den ersten Blick ersichtlich war. Es gab viele Möglichkeiten, wie sie ihm die Anspannung nehmen konnte. Es war nur die Frage, ob sie das auch wollte.
      "Wenn du schon mal hier bist, kannst du auch noch etwas bleiben, sicher. Wobei hilft dir denn ausgerechnet meine Gesellschaft?"
      Ihr Blick floh kurz zur Seite in Richtung eines der nachtschwarzen Fenster in einer etwas genervten Geste. Als wäre sie von etwas genervt gewesen, das sie selbst gesagt hatte. Die Erklärung kam direkt hinterher.
      "Ich weiß, dass du dich in meiner Gegenwart mehr entspannst als bei anderen. Spätestens seit der Nacht im Gasthaus. Jetzt gerade bist du sehr angespannt und eine Spur... nervös würde ich sagen. Hast du doch noch einmal darüber nachgedacht deinen Entschluss zu umdenken?"

      copyright by Vertify


      "I rather trust and regret than doubt and regret"
    • Die Spur eines Lächelns zog über Zoras Gesicht, kaum stark genug um länger zu bleiben.
      "Wenn man bedenkt, dass ich die Verantwortung über fast 200.000 Menschen trage, bin ich froh, dass ich überhaupt schlafe. Das ist der Preis, den ich in meinem Stand zu zahlen habe."
      Manche Lügen gingen ihm leichter von den Lippen, weil er schon selbst fast soweit war, sie zu glauben. Fast.
      Geistesabwesend strich er über die Bettdecke, während er Kassandra lauschte. Die Vorstellung, dass jemand - und sei es eine Göttin - noch nie in ihrem Leben geträumt hatte und auch nie träumen würde, kam ihm merkwürdig vor. Es schien ihm unfair zu sein, dass jemand so gänzlich von seinen inneren Dämonen verschont blieb, als könnte man mit ihnen einen Packt schließen und niemand hätte es für nötig gehalten, Zoras in dieses Geheimnis einzuweihen.
      Aber natürlich waren das nur zusammenhangslose Gedanken aus seinem übermüdetem Gehirn. Kassandra sagte es ja schon selbst, wovon sollte sie träumen, etwa von Theriss, oder Luor? Von Feris? Von anderen Trägern?
      ... Von Shukran?
      Von ihrer Heimat?
      Von den anderen Phönixen?
      Er blinzelte Kassandra an, unschlüssig darüber, was er nun damit anfangen sollte, dass er sich besser als sie selbst vorstellen konnte, wovon sie träumen könnte. Was half ihm diese Erkenntnis? Gar nichts, also behielt er diese Gedanken für sich.
      "Hört sich... angenehm an. Ich denke nicht, dass du viel verpasst."
      Er setzte sich ein wenig bequemer hin, als sie seinen Wunsch nach Gesellschaft akzeptierte. Der Raum war nicht kühl, eigentlich recht warm sogar, aber er hätte nichts gegen ihre zusätzliche Wärme gehabt.
      Ihre nächste Bemerkung ließ seine Miene unmerklich einfallen. Er verzog das Gesicht in ihre Richtung, damit sie sehen konnte, dass ihm die Frage missfiel - auch wenn sie es vermutlich schon spüren konnte.
      "Ich werde meinen Plan nicht an einem Tag über den Haufen werfen. Mir ist nicht plötzlich eines Tages in den Sinn gekommen, dass ich es so machen könnte, weißt du das? Ich habe es sorgfältig geplant, als ich den Putsch geplant habe und die Möglichkeit durchgegangen bin, dass er sich zum Aufstand verwickelt. Ich wusste, worauf ich mich einlasse, ich werde nicht -"
      Er unterbrach sich selbst willentlich, bevor er sich zu weit hineinsteigern würde. Mittlerweile stand sein Konstrukt wieder aufrecht und unnachgiebig, ohne einen Riss zu haben. Wie auch immer Kassandra ihn am Nachmittag noch erweicht hatte, der Moment war vorüber.
      Er seufzte und strich sich durch den Bart. Als er wieder sprach, war seine Stimme erneut sanfter.
      "Lass uns nicht davon sprechen - nicht hier drin, okay? Nicht mitten in der Nacht. Ich hatte gehofft... dein Gesang war wirklich schön, damals im Gasthaus. ... Würdest du wieder für mich singen?"
    • "Ich bin eigentlich ganz glücklich darüber, dass ich nicht träume. Stell dir vor, ich würde jede Nacht träumen, jedes Mal ein ähnliches Bild sehen wenn ich die Augen schließe. Ich würde vermutlich von dem Götterhain träumen. Von meinen Artgenossen, von meinem Leben bevor ich auf die Erde verbannt worden war. Ich würde mir ausmalen, was ich alles verpasse, was mir fehlt und was ich nur innerhalb meines Traumes haben könnte um am Ende der Nacht mit leeren Händen aufzuwachen. Findest du das nicht grausam?"
      Auch wenn Kassandra von Grausamkeit sprach lächelte sie. Ein etwas schwermütiges Lächeln, das unter dem Schattenwurf der geisterhaften Flammen noch wehmütiger wirkte als es eigentlich war. Allerdings wurde dieser Schwermut getrübt als sie gleich mehrere, nicht ganz eindeutige Emotionen von Zoras angetragen bekam. Sie konnte jedoch nicht so zielgenau wie sonst herausfiltern, was er fühlte. Offenbar versuchte er absichtlich seine Empfindungen vor ihr zu verstecken.
      Folglich zuckte sie nur mit den Schultern. "Es hätte mich auch wirklich überrascht wenn du es überdacht hättest. Dafür bist du nicht der Typ, Zoras. Ich halte dich eigentlich für sehr entschlussstark also habe ich nicht damit gerechnet, dass mein kleines Attentat heute Morgen von Erfolg gekrönt werde. Aber du hast recht. Sprechen wir da nicht weiter drüber."
      Dann schlug er endlich das Thema an, weshalb er vermutlich Kassandras Nähe gesucht hatte. Früher hätte sie sich vielleicht geschmeichelt gefühlt. Ein winziger, erschreckend geringer Teil von ihr tat es immer noch. Aber er war faktisch gesehen nur zu ihr gekommen, um von ihrer Fähigkeit Gebrauch zu machen und so die Stimmen in seinem Kopf zu vertreiben. Es war nicht nur die reine Gesellschaft von ihr, die er gesucht hatte. Er wollte sich ihrer bedienen.
      Ein Stich durchfuhr sie, so kurzweilig wie das Aufleuchten eines Blitzes. Leise seufzte Kassandra ehe sie sich aus der Bettdecke schälte und die nackten Füße auf den Boden stellte. Das Hemd ging ihr gerade bis zu den Knien und im Sitzen war es ihr fast bis zu ihrem Gesäß hochgerutscht.
      "Du hast nicht vergessen welche Auswirkung meine Stimme auf dich hat", bemerkte sie bevor sie, begleitet von einem Knarzen, vom Bett aufstand. "Lass das nicht zu einer Gewohnheit werden. Ich habe allerdings nicht so viele Lieder direkt in eurer Sprache. Ich kann sie aber teilweise übersetzen."
      Kassandra hatte ein paar wenige Regeln, die sie sich selbst auferlegt hatte. Eine davon war, sich von dem Zuhörer abzuwenden, wenn sie im privaten nur für eine Person sang. Denn tat sie das nicht bedeutete es, dass sie ihre Worte wahrlich an den Zuhörer richtete und das hatte sie seit Jahrhunderten nicht mehr getan. Folglich schlich sie hinüber zum Fenster, ihre weiße Gestalt wie ein Geist vor dem schwarzen Glas. Draußen sah sie nichts außer den Wiesen und den Umrissen der Häuser als sie eine Hand auf das eiskalte Glas legte. In ihrem Rücken spürte sie Zoras' Blick und fühlte eine gewisse Spannung. Eine Erwartungshaltung seinerseits.
      "Ich sprach heute schon einmal von Zahunya. Demnach wäre ein Lied von ihnen wohl angebracht", erklärte Kassandra, deren Augen rot zu leuchten begannen und eine schaurige Spiegelung im Glas erzeugten.
      Als sie ihre Stimme hob und zu singen begann ließ sie es heute Nacht nicht dabei bleiben. Sie setzte etwas ihrer Magie frei, die sich wie ein Hitzeschleier um ihre Gestalt sammelte. Ihre Umrisse begannen zu flimmern, zu verschwimmen und mit jeder Silbe und jedem Ton einer fremdländischen Sprache sich zu verändern. Als sie zur nächsten Strophe fand wechselte sie die Sprache, sodass auch Zoras ein wenig davon verstand:
      Ich hab' gehört, wenn man ganz lange sucht
      Findet man genau das Buch, in dem die Antwort steht.
      Ich hab' gehört, es gibt da eine Karte, auf der steht immer wie es weiter geht.
      Ich hab' gehört, im ganzen Universum
      erklingt der absolut stille Akkord.
      Ich hab' gehört, man kann einen Menschen retten,
      nur mit einem Wort.
      Den Rest sang sie wieder in der originalen Sprache der Zahunya, von der Teal vielleicht sogar das ein oder andere Wort noch erkennen könnte. Aber das war gar nicht mal der Hauptaugenmerk gerade. Als Kassandra die Sprache wechselte, trug sie plötzlich nicht mehr das weiße Nachthemd. Es war verschwunden, zeigte für einen kurzen Moment ihren blanken Körper ehe sich schwere Goldketten um Hüfte, Taille, Brust und Schultern legten. Sekündlich wurden es mehr, kleine Geflechte aus winzigen Goldösen erschienen in manchen Zwischenräumen der schweren Hauptketten und sorgten dafür, dass sie aus der Ferne nicht mehr als nackt erschien. Die Zahunya hatten sie als Sonnengöttin gefeiert, die sie freilich nicht gewesen war. Also hatte man sie in die wertvollsten Stoffe gehüllt, die es zu ihren Zeiten gab: Goldketten zum Binden an die Erde und schillernder Perlmutt als Spiegelbild des Himmels.
      Abermals kam sie zu einer neuen Strophe, abermals wechselte sie die Sprache:
      Ich hab' gehört, wir sollen uns nicht beeilen.
      Die Ersten werden die Letzten sein.
      Und wenn man jemand ganz lange Zeit nicht berührt wird
      Verwandelt er sich zu Stein.
      Ich hab' gehört, wenn man sich anstrengt
      Kriegt man einfach alles, jeder ist seines Glückes Schmied.
      Ich hab' gehört, das Schicksal ist erblindet
      Denn es erkennt keinen Unterschied.
      Völlig routiniert brachte Kassandra das Lied zuende und löste den magischen Einfluss, als es vorüber war. Das Flimmern verschwand und mit ihm die Goldketten und der Perlmutt. Einen Wimpernschlag später stand Kassandra wieder in dem weißen Nachthemd vor dem Fenster, als sei nichts gewesen. Die optische Täuschung war vorbei.
      "Ich war so frei und habe nur die Stellen übersetzt, die mir passend erschienen. Eigentlich sangen die Zahunya es zu einem anderen Anlass als eines Schlafliedes. Aber den Schmuck, den du vorhin gesehen hast, war die Götterkluft, in die sie mich gezwängt hatten. Ich glaube, ich hatte noch nie so viel Gewicht an mir...", erzählte die Phönixin leise während sie sich an die Zeiten zurückerinnerte.

      copyright by Vertify


      "I rather trust and regret than doubt and regret"
    • Wenn es Zoras nicht irrsinnig vorgekommen wäre, hätte er glauben können, dass Kassandra es als Pflicht ansah, seinem Wunsch Folge zu leisten, so wie sie sich scheins aus dem Bett quälen musste. Aber es war schließlich nur ein Wunsch, kein Befehl, es stand ihr vollkommen frei, ihm diesen Wunsch auszuschlagen. Das wusste sie doch, nicht wahr? Sie wusste, dass Zoras sie zu nichts zwingen wollte? Womöglich würde er es ihr bei Gelegenheit noch einmal klar machen müssen.
      Ihr Nachthemd war ein Stück hochgerutscht und entblößte ihre langen Beine, die Zoras schon einmal hatte bewundern dürfen, als sie ihre Tänzerkleidung noch getragen hatte. Auch jetzt zuckte sein Blick nach unten, aber er wollte den Moment nicht mit etwas so primitivem wie fleischlicher Lust ruinieren. Ja, Kassandra war wunderschön und hatte einen ebenmäßigen, makellosen Körper - na und? War er etwa 14, dass er sich so sehr davon in den Bann gezogen lassen hätte?
      "Du hast eine wunderschöne Stimme, Kassandra. Wie könnte ich dich nicht noch einmal hören wollen?"
      Zumindest das entsprach der vollen Wahrheit, Kassandra hatte eine tolle Stimme und er wollte sie hören. Er wollte sehen, wie sich die Schatten in ihre Ecken verkrochen und der Raum lediglich mit beruhigender Dunkelheit erfüllt wurde.
      "Ich lass es nicht zur Gewohnheit werden."
      Sie umrundete das Bett und ging dann zum Fenster, Zoras setzte sich noch ein wenig weiter hinter. Er hätte sich gerne hingelegt um sich, tatsächlich wie beim ersten Mal, wieder von ihr einlullen zu lassen, aber das war nicht richtig in ihrem Bett und besonders nicht, wenn er sie nicht explizit danach gefragt hätte. Vielleicht würde ihre Stimme ihn ja in den späteren Schlaf begleiten, wie ein ausnahmsweise netter Dämon, der die anderen Dämonen seiner Träume hinfort scheuchte.

      Kassandra blickte nach draußen als sie anfing zu singen, ihre Gestalt klein und beinahe zerbrechlich vor dem tiefschwarzen Fenster, das sie zu verschlingen drohte. Nur das plötzliche Glühen in den Augen, das durch die Spiegelung deutlich zu sehen war, zerstörte die Illusion davon, dass Kassandra klein und zerbrechlich war. Sie war eine würdevolle, außerweltliche Gottheit und als jene begann sie auch zu singen.
      Wie auch beim ersten Mal war ihre Stimme gänzlich ungleich sämtlicher anderer Töne, die Zoras in seinem Leben jemals vernommen hatte. Sie produzierte außerordentlich zarte und reine Töne, die Wörter in einer Sprache, die Zoras wie unsinniges Gebrabbel vorkam, aber so eins mit ihrer Stimme waren, als würden sie zusammenarbeiten. Ihr Gesang war nicht laut und erfüllte doch den ganzen Raum, drang ohne Umwege in Zoras' Verstand ein, wo er sich niederließ und alles andere verscheuchte. Nichts hatte eine größere Bedeutung als die Töne, die den Raum durchfluteten. Nichts hätte wichtiger sein können, als der reine Klang, der seine Sinne flutete.
      Als sie in seine Sprache überwechselte, lehnte er sich doch zurück bis er rücklings im Bett lag, den Blick noch immer auf die Phönixin gerichtet. Er war sich sicher, dass der Text einen Sinn haben musste, dass es einen Subtext gab, der einem ein viel größeres Bild vermittelte als die Melodie allein, aber er hatte zu wenig Informationen außenrum, um ihn herauszufiltern. Vielleicht würde er sie danach fragen, vielleicht würde er auch versuchen, es selbst zu verstehen. Letzteres schien allerdings etwas hoffnungslos.
      Beim nächsten Sprachenwechsel schloss er die Augen für einen Moment um sich vorstellen zu können, wie die Klänge in langgliedrigen, feinen Schlieren durch die Luft glitten, hauchzart und schwerelos, viele kleine Schleier, die ihm im Raum Gesellschaft leisteten. Er müsste nur die Hand nach ihnen ausstrecken und könnte sie berühren, aber gleichermaßen würde ein geringer Luftzug sie schon in ihrem Trieb stören, dessen Überzeugung war er. Und an der Quelle, in der Mitte der Schlieren, stand Kassandra.
      Als er die Augen wieder öffnete und zu ihr sah, glaubte er für einen Moment eingeschlafen zu sein und dass sein Verstand ihm Streiche spielte. Kassandras Nachthemd löste sich in Nichts auf und stattdessen erschienen einen kurzen Augenblick später Goldschmuck an ihrem Körper, der sich nur noch mehrte und sie Stück für Stück unter sich begrub. Zoras richtete sich auf die Ellbogen auf während er beobachtete, wie die vielen kleinen Goldplättchen sich in der Luft bildeten und in das Gehänge eingliederten, nur um dann von der nächsten Schicht bald wieder bedeckt zu werden. Es dauerte nicht lange, bis sie vollkommen vergoldet war, aber da hörte das Lied schon auf und mit ihm verblassten sämtliche bis dahin erschienen Illusionen. Zoras hatte gerade noch genug Zeit um sich zu wundern, wie viel Kilo die Kette um ihre Taille allein schon wiegen mochten, ganz zu schweigen von den Platten an ihren Schultern, da war alles wieder weg und das Nachthemd zurück.
      So in Bann gezogen von diesem Bild und dem Zusammenhang mit dem Gesang, musste er erkennen, dass er die letzten Zeilen gar nicht verstanden hatte, auch wenn sie es in seiner Sprache gesungen hatte.
      Er richtete sich wieder in eine sitzende Position auf, auch wenn sein Körper dagegen protestierte. Er war tatsächlich ein Stück weit müder geworden.
      "Es war eine hübsche Melodie, eine sehr schöne. Was ist mit... kennst du den Sinn hinter dem Text?"
      Ihm fiel beinahe gleichzeitig ein, dass sie ihm von den Zahunya noch etwas erzählen wollte.
      "Du hast heute morgen gesagt, sie hätten den eindrucksvollsten Brauch, den du jemals gesehen hast; war das Teil davon? Das Gold?"
    • Es entstand eine Wechselwirkung zwischen Kassandra und Zoras mit jeder Sekunde, jedem Klang, der verstrich. Sine wachsende Entspannung wurde zu ihrer und sie stellte zufrieden fest, dass ihr Gesang den gewünschten Effekt mit sich brachte. Was auch immer den Herzog des Nachts wachhielt - es verzog sich in eine Ecke und wurde kläglich und leise.
      Wieder hörte sie das Bett knarzen als sich der Mann aufrichtete. Kassandra hatte die Arme vor der Brust verschränkt, drehte sich halb zu ihm um und musterte ihn. Seine gesamte Haltung wirkte bei Weitem nicht mehr so angespannt wie noch vor ein paar Minuten. Hätte er sich selbst nicht in den Sitz gebracht wäre er vermutlich auf ihrem Bett weggenickt.
      "Das ist jetzt schon das zweite Mal, dass ich für dich singe und das zweite Mal, dass dir das Ende des Liedes entgeht", merkte sie an und schmunzelte leicht.
      Eigentlich müsste die Frau eiskalte Füße auf dem Boden bekommen. Aber ganz ihrer Natur erwärmte sie die Umgebung um sie herum auf eine angenehme Temperatur sowohl für sich selbst als auch für andere. Allerdings half es vielleicht nicht ganz bei ihrem Anblick, der fast geisterhaft erschien. Ihre Augen hatten das Glühen verloren und waren wieder zu einer menschlicher wirkenden Variante zurückgekehrt.
      "Natürlich kenne ich den Sinn hinter den Liedern, die ich singe. Man brachte sie mir bei und das beinhaltet in der Regel den passenden Umstand. Dieses Lied ist eigentlich ein recht tragisches, wenn ich so recht überlege. Es passte nur von der Melodie her gerade ganz gut."
      Weder zuckte sie mit den Schultern noch machte sie eine abfällige Bewegung. Vor ein paar Minuten war Kassandra gefährlich nah dran gewesen zu demonstrieren, dass ihr Gesang nicht nur schön anzuhören war. Wenn sie ihn mit ihrer Magie speiste und zu dem zurückkehrte was sie eigentlich war, waren ihre Gesänge mehr als nur Musik. Sie erzeugten Trugbilder, zeigten Szenen aus ihrer Erinnerung und längst vergangenen Epochen. Ihre höchsteigenen Lieder, die sie nicht kopiert hatte, vermochten es ganze Truppen in ein moralisches Hoch zu versetzen und jeglichen Zweifel und Trübsal zu eliminieren. Deswegen hatte man sie unter anderem häufiger an Schlachtfeldern stationiert - damit sie die Moral der Truppen aufrecht hielt.
      "Viele der Lieder der Zahunya sind eher schneller und fröhlicher Natur. Sie waren ein Waldvolk, die sich viel über Laute verständigt haben. Laute dringen im Wald weiter als jedes Zeichen oder Rauchsignal, das du dir vorstellen kannst. Sie feierten recht viel, wertschätzten die Natur, mit der sie im Einklang lebten. Und als man mich im Zuge einer kriegerischen Auseinandersetzung erhielt, war es für die, als sei die Sonnengöttin persönlich zu ihnen herabgestiegen. Was ich freilich nicht bin", erzählte sie schmunzelnd weiter und schritt gemächlich ins Zentrum des Raumes.
      Dort angekommen stellte sie einen Fuß gestreckt von sich nach vorn ab. Ihre Zehenspitzen berührten nur eben so den Boden als sie ihre Hüfte halblinks drehte und die Arme ebenfalls von sich streckte, einen nach vorne, einen nach hinten. Beide Handflächen zeigten nach oben und sie schloss die Augen, ein völlig entspannter Ausdruck war auf ihrem Gesicht eingekehrt. Wieder begann es leicht zu flimmern als die Temperatur anstieg und Kassandras Umriss unscharf wurde.
      "Die Zahunya sahen mich als ihre Gottheit und richteten alles her, damit sie mich anbeten konnten. Man nahm mir jegliche Stoffe, die meinen Körper in ihren Augen niemals gerecht werden würden und behing mit dem Wertvollsten, das sie besaßen. Sie besaßen Unmengen an Gold und Edelsteinen, die sie horteten und für genau diesen Augenblick. Also schmolz man es zu Ketten wie diesen und legte sie um mich."
      WIeder verschwand das weiße Nachthemd und wich der ersten schweren Kette, die sich wie eine Schlange um ihre Taille schlang. Wie vorhin erschienen immer mehr Ketten, die scheinbar ihr Eigenleben entwickelten und immer mehr von ihrer Haut verschwinden ließen. In ihren schwarzen Haaren erschienen traumhaft glänzende Gestecke aus Perlmutt, die selbst in diesem dämmrigen Licht funkelten.
      "Sie wählten Ketten, um mich so weit zu beschweren, auf dass ich die Erde nicht wieder verlassen möge. Das Perlmutt reflektierte die Schönheit des Himmels weshalb sie es mir in die Haare steckten. Sie quartierten mich in das höchste Baumhaus ihres Zusammenschlusses und brachten mir alles, was ich mir nur wünschte. Den meisten reichte schon mein Anblick aus, damit sie Erfüllung verspürten und man richtete Feste nur für mich aus. Das war die Zeit in der ich am ehesten verstand, wie Menschen ihre Götter verehrten."
      Noch immer verharrte Kassandra in dieser Pose, die Augen geschlossen. Während sie sprach nahm das Konstrukt, das ihr Körper war, immer mehr Gestalt an bis man allein vom Zusehen schon schwer Luft bekam. In ihrem Gesicht erschienen braune und schwarze Linien und scharfe Zacken. Farbe, die die Zahunya als Bemalung nutzten. Dann endlich bewegte sich Kassandra, trat auf den ausgestreckten Fuß bis ihr ehemaliger Standfuß lang hinter ihr ausgetreckt nur knapp den Boden berührte und sie die angedeutete halbe Drehung vollzog. Die Arme hatte sie nun halb an sich gezogen, den Kopf in den Nacken gelegt als würde sie in einen Himmel schauen, den sie durch die Decke gar nicht sehen konnte. Auch wenn der Schmuck nicht real war, klingelte und klapperte es während ihrer Bewegung wie damals, als es für sie durchaus real gewesen war. Alles, was Zoras gerade sah, entsprang einzig und allein ihrer Erinnerung.
      Völlig unvorhersehbar holte Kassandra tief Luft und stimmte einen Ausschnitt aus dem Lied an, das sie ihm vorhin gesungen hatte. Es war der Refrain, den sie in der Originalsprache gesungen hatte, nur übersetzte sie es jetzt in Zoras' Sprache. Noch immer waren ihre Lider geschlossen, eigentlich hätte ihr Brustkorb sich nur gequält heben und senken dürfen. Doch zum Glück war das alles nur eine Illusion.
      "Ich hab' gehört, dass du mich noch liebst
      Und meinen Namen nennst.
      Dass dein Herz noch für mich schlägt
      Und du immer noch an mich denkst.
      Ich hab' gehört, dass du mich noch liebst
      Dass du mich nicht vergessen kannst.
      Dass du glücklich bist, stimmt vielleicht nicht ganz."
      Die Worte und Melodie verklang einsam im Raum nachdem Kassandra geendet hatte. Für einen Moment legte sich eine gespentische Stille in den Raum bis Kassandra wieder die Stimme hob, allerdings immer noch zur Statue versteinert dort stand.
      "Es war ein Klagelied. In der Kultur Zahunyas suchte man sich seinen Partner nicht aus sondern wurde aufgrund von Merkmalen verpartnert. Dadurch widersprachen sich oft Gefühle und Sitten und das Ergebnis sind solche Klagelieder gewesen, die selten an die Öffentlichkeit drangen."

      copyright by Vertify


      "I rather trust and regret than doubt and regret"
    • Schuldbewusst erwiderte Zoras das Schmunzeln, nicht ganz sicher darüber, ob Kassandra es sich nicht zu Herzen nehmen würde. Es war nicht so, dass er sie ignorierte, viel eher verlor er sich in den Tiefen ihrer Klänge und verstand den Text nicht mehr, auch wenn es seine eigene Sprache war. Er war noch nie besonders von Musik angetan gewesen, er hatte aber auch noch nie zuvor Kassandra gehört.
      "Beim nächsten Mal höre ich ganz sicher zu. Versprochen."
      Er lehnte sich schließlich an einen der Pfosten, während er weiter Kassandras Erklärung lauschte. Ihre Augen hatten zu glühen aufgehört, aber sie erschien noch immer wie eine Geistergestalt.
      Es war schwierig, sich ein Volk vorzustellen, das ausschließlich in Wäldern lebte, aber Zoras hatte schon früh erkannt, dass es womöglich mehr Orte auf der Welt gab, die sich seiner Fantasie entzogen, als er sich eigentlich bewusst war. Die Erwähnung von Kassandra als Sonnengöttin, ließ ihn dann aber schon eher die Ohren spitzen. Nach dem, was er am heutigen Tag gesehen hatte, mit Kassandra und der Sonne, als wäre das eine nicht vollkommen ohne das andere, konnte er sich sehr gut vorstellen, wie ein Stamm aus Waldbewohnern das gleiche denken konnte. Hätte am ersten Tag ihrer Begegnung die Sonne geschienen, hätte er sie sicherlich ebenfalls für eine Sonnengöttin gehalten.
      Er lächelte ein bisschen, während er sie weiter beobachtete. Sie stellte sich in der Mitte des Raumes auf, was ein bisschen wirkte wie der Anfang eines tänzerischen Rituals, während ihre Gestalt noch immer so geisterhaft schien, dass sie beinahe schwerelos wirkte. Die Wärme im Raum stieg an und obwohl er sie als Kassandras Wärme erkannte, war es doch nicht dasselbe wie ihre Körperwärme, wie er bemerkte. Ein bisschen zu warm, ein bisschen zu prägnant. Zoras war dankbar dafür, sein Hemd nicht ordentlich geknöpft zu haben.
      Sie unterstrich ihre Erzählung mit einer weiteren Demonstration, die der vorherigen nicht unähnlich war, als sich die schweren Ketten erneut um ihren Leib schlangen. Ihre Haarpracht wurde von glänzendem Schmuck durchsetzt, der erstaunlich gut zu ihrem geisterhaften Auftreten passte. Zoras merkte, dass er den Blick nicht von ihr abwenden konnte, auch wenn er es gewollt hätte.
      Je mehr Zeit verstrich, desto deutlicher wurde die Verkleidung, in die Kassandra gesteckt worden war, ein Bildnis, das Zoras noch nie zuvor derart gesehen hatte. Es war kaum auszumalen, dass eine zierliche Frau wie sie so viele Lagen an Gold tragen konnte, und es schien auch gänzlich unangemessen zu sein.
      Aber ihre Bewegungen waren trotz allem noch ausgesprochen zart und geschmeidig, als sie sich mit ihrem Behang langsam drehte. Zoras war nicht sehr angetan von der Kleidung selbst, von dem vielen Gold und wie Kassandra darunter zu verschwinden drohte, aber er war deutlich mehr davon angetan, wie sie sich im Moment verlor. Hätte er gekonnt, hätte er ein Portrait von ihr anfertigen lassen, wie sie in genau diesem Augenblick wirkte, der Körper in einer Drehung, das Gesicht gegen die Decke gewandt, die Augen halb geöffnet. Die vielen schwebenden Flammen reflektierten sich auf ihren Geisterketten und brachten sie zum Glitzern und Funkeln, Kassandras Gesicht wurde von Schatten überzogen, die sich mit ihr bewegten. Als sie erneut sang, glaubte er etwas besser verstehen zu können, weshalb die Melodie so klang wie sie klang, weshalb der Text so war, wie er war. Kassandra vervollständigte das Bild ein wenig, auch wenn ihm noch immer der ganze Kontext fehlte.
      Erneut war er dazu geneigt, sich hinzulegen und von ihren Tönen wegtragen zu lassen, aber er konzentrierte sich absichtlich auf den Text, der viel zu kurz war. Erst mit ihrer Erklärung glaubte er ein wenig zu verstehen.
      "Und es wurde dir beigebracht… unter dem passenden Umstand?"
      Er gab sein bestes, sich den Text zu merken.
      "Warst du gerne dort? Diese… Tracht sieht nicht wirklich bequem aus."
    • "Der passende Umstand war in diesem Falle, dass einige der Schreinmaiden genau dieses Problem bekamen", antwortete Kassandra schlicht und ergreifend. "Die Schreinmaid war ein Equivalent zu euren Priestern, denke ich. Es durften nur junge Frauen bis zu ihrem 23. Lebensjahr dieses Amt bekleiden, danach wurden sie verpartnert. Meist kannten sie ihren Partner gar nicht wirklich und er wurde ihnen praktisch zugelost."
      Langsam löste sie sich aus ihrem Standbild, ließ die Arme sinken und schlug die Augen wieder auf. Augenblicklich fanden ihre Augen Zoras', jetzt erst erkannte man das sachte Glühen, das in ihren Augen lag wenn sie Magie jeglicher Art wirkte. Noch immer hielt sie das Trugbild aufrecht, in ihrem jetztigen Zustand sah die Phönixin ungewöhnlich plump aus. So schwer wie die realen Ketten auf ihr lasteten konnte sie niemand das Gewicht wirklich ausmalen.
      "Es war angenehm dort, ja. Es gab für diese Zeit keine kriegerischen Auseinandersetzungen und man nötigte mich nicht zu Dingen, die ich nicht tun wollte. Allerdings zog sich die Zeit wenn man wie eine teure Skulptur hoch über dem Boden weggesperrt wird. Ich war nie wieder so nah am Himmel und zeitgleich davon entfernt. Aber alles in allem war es eine schöne Zeit."
      Kassandra schüttelte ihre Arme ein wenig und zahlreiche Ketten und Ösen lösten sich in Luft auf. Schließlich trug sie nur noch ein paar wenige Ketten, die sich um Brust, Taille und Hüfte schlangen und das Nötigste verdeckten. Wieder tat sie einen ausladenden Schritt und winkelte die Arme in einer angedeuteten Drehung an. Dieses Mal jedoch ließ sie ihren Blick auf Zoras fixiert.
      "Zu besonderen Ereignissen nahm man mir etwas des Schmuckes ab. Dann durfte ich auf den Zwischenebenen tanzen mit meiner neugewonnen Freiheit. Sie feierten regelmäßig Feste und da durfte ihre Göttin natürlich nicht fehlen", erklärte sie weiter und beobachtete bei jeder oh so langsamen Bewegung ihren Träger, der wie gebannt am Pfosten des Bettes lehnte.
      "Ich fürchte, wenn dein Neffe erfährt, dass ich die Geschichte zum Leben erwecken kann, dann werde ich ihn wohl nicht mehr los."
      Sie klang ganz leicht amüsiert und ein dezentes Lächeln umspielte ihre Lippen, ungewollt oder nicht. Immer wieder ertappte sich Kassandra dabei, wie sie nicht mehr darauf achtete, was sich auf ihrem Gesicht abspielte und vorallem, dass ein Mensch wie Zoras es zu sehen bekam. Was auch immer sein Grund war, sie aufzusuchen - es war rein gar nicht böswilliger Natur gewesen.
      "Fühlst du dich jetzt etwas mehr entspannt?"

      copyright by Vertify


      "I rather trust and regret than doubt and regret"
    • Kassandra erläuterte ihm ein wenig mehr von dem Brauch der Zahunyas und Zoras kam nicht davon ab sich vorzustellen, wie das Volk die Phönixin ähnlich in ihre Kultur einbezogen hatte, wie sie es gerade in Theriss taten. Er war sich dabei ziemlich sicher, dass Kassandra es hier besser haben musste - aber auf der anderen Seite dachten die Zahunyas vermutlich genau dasselbe. Wer war er schon zu bestimmen, welches Volk Kassandra mehr zusagte und welches weniger? Aus der Art und Weise, wie sie davon erzählte, dachte er jedenfalls nicht, dass sie davon abgeneigt gewesen war.
      Er beobachtete schweigsam, wie sie sich erneut ausrichtete, während ein Teil ihrer Illusion schon wieder verblasste. Es war beinahe schade um die funkelnden Ketten, die der Phönixin trotz allem einen gewissen Glanz verliehen hatten, der mit gewöhnlicher Kleider so nicht mehr heraufbeschworen werden konnte. Es war aber auch genauso gut, sie wieder ein wenig zurück in die Gegenwart geholt werden zu sehen.
      Zoras beobachtete ihren langsamen Tanz, bei dem Kassandra darauf zu achten schien, dass er ihn auch ordentlich mitbekam. Bei ihrer Erwähnung von Teal lächelte er unvermittelt.
      Schließlich fragte sie ihn, ob es etwas geholfen hätte, was er mit einem weiteren Lächeln beantwortete. Er fühlte sich müde, aber besser müde, so als ob er den Schlaf tatsächlich wagen könnte.
      "Ja, danke."
      Kassandra wurde auch wieder etwas ruhiger und so richtete er sich auf. Es drängte ihn nicht sie zu verlassen, dabei wusste er, dass es keine Option sein würde, über Nacht im selben Zimmer zu bleiben.
      Bevor er allerdings endgültig gehen würde, blieb er bei ihr stehen und begutachtete die letzten Ketten, die dürftig ihren Körper bedeckten. Er konnte nicht umhin zu bemerken, wie hübsch sie war, aber das spielte im Augenblick keine Rolle.
      "Geht es dir hier gut, Kassandra? Und sag mir nichts davon, ob es hier besser ist im Vergleich zu anderen Ländern... Zeiten. Ich frage, ob es dir hier, in unserem Land, in diesem Moment gut geht."
      Er sah ihr aufmerksam ins Gesicht, studierte den dürftigen Ausdruck ihrer Augen. Vorhin hatte sie ihn noch beobachtet, jetzt tat er das gleiche bei ihr.
      "Fühlst du dich hier gut behandelt? Angemessen? Ich will nicht, dass du dich in irgendeiner Weise gezwungen siehst, dich unserer Kultur zu fügen - oder etwas anderem."
    • Manchmal empfand es Kassandra als Segen, manchmal jedoch als Fluch in der Lage zu sein, Gemütsschwankungen ihres Trägers zu erspüren. Eigentlich hatte sie damit gerechnet, dass Zoras wie die meisten anderen auch den Blick nicht von ihr lassen konnten, kaum entblößte sie mehr von ihrer Gestalt. Zu ihrer Überraschung jedoch erhob sich der Mann vom Bett und sah sie eingehend an. Sofort schoss ihr in den Sinn, dass er eigentlich nicht gehen wollte, aber es scheinbar müssen würde. Es war nur ein Gefühl, keine sichere Bestätigung.
      Wie immer sprach die Phönixin nicht die ersten Worte, die ihr in den Sinn kamen. Stattdessen schwieg sie einen Moment, hielt seinem Blick stand und löste schlussendlich die Illusion auf, nach der sie wieder klein und unauffällig in dem weißen Nachthemd dastand. In einer unschuldig wirkenden Geste führte sie die Hände vor ihren Körper und verschränkte die Finger auf Hüfthöhe. Ihr Gesichtsausdruck war sanft als sie ihm endlich antwortete.
      "Es geht mir gut, Zoras. Hier, in deinen Ländereien. Es mangelt mir nicht an Verpflegung, du schenkst mir eine Aufmerksamkeit, die du mir gar nicht zuteil werden lassen müsstest. Ich genieße eine Freiheit, die man mir selten zugesteht. Du führst mich in deine Familie ein, obwohl ich gar keinen Anspruch darauf habe. Wäre ich ein Mensch, eine gewöhnliche Frau, dann wäre dieses Leben hier unter deinem Dach vermutlich das Beste, was mir widerfahren kann."
      Doch Kassandra war kein Mensch. Sicherlich konnte sie die Vorteile ihrer Behandlung hier klar benennen, aber es fehlte ihr noch immer ein Kernbaustein ihres Wesens. Man konnte ihr alles geben, alles zugestehn was sie nur wollte, diese gewisse Leere in ihrem Inneren würde es nicht füllen können.
      Wieder entstand eine Pause. Dann machte sie die verbliebenen letzten Schritte auf Zoras zu und blieb eine halbe Armlänge vor ihm stehen. Ein flüchtiger Blick ging zu seinem Gesicht ehe sie ihre rechte Hand hob und die Finger auf den Stoff seines Hemdes legte. Darunter hatte er ihr Amulett an seiner Brust versteckt, das er auf anraten nicht abgenommen hatte. Die Chance, dass Kassandra sich ansonsten des Nachts ihrer Essenz bemächtigte war viel zu hoch. Unter ihren Fingerspitzen fühlte sie ihr Herz schlagen und ein Schauer durchlief sie.
      "Du zwingst mir nichts auf, das hätte ich dir unlängst mitgeteilt. Ich sehe mir gerne an, welche Kulturen ihr über die Jahrhunderte und Länder hinaus auf die Beine stellt. Das ist einer der wenigen Punkte, der mir das Leben hier auf der Erde weniger eintönig macht. Du machst es weniger eintönig", sagte sie leise und ließ die Hand wieder sinken.

      copyright by Vertify


      "I rather trust and regret than doubt and regret"