[2er RPG] In his Thrall [Codren feat. Pumi]

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    • Vlad reagierte instinktiv auf den ruhigen, aber dennoch menschlichen Herzschlag in genau dem Augenblick, in dem die Tür aufflog. Er riss seine Zähne aus dem Hals seines Liebsten und wich mit dieser simplen Bewegung dem ersten Messer aus. Er lehnte sich ein bisschen weiter zurück und biss erneut zu, womit er das zweite Messer mit seinen Zähnen auffing. Er nahm es in die Hand und betrachtete es, während sein Liebster kraftlos zu Boden sackte.
      "Ich applaudiere dir immer noch dazu, dass du dir einen Van Helsing um den Finger gewickelt hast, Steaua mea."
      Er lächelte Vincent von oben herab ab an, das Blut seines Liebsten befleckte sein Kinn in einem kräftigen Rot, tropfte auf sein Hemd hinab. Zeitgleich floss es Vincent den Hals hinunter, auch wenn der sich eine Hand auf die offene Wunde presste. Vlad ließ alles Mitgefühl fahren und presste seinen Schuh gegen Vincents Schulter, drückte ihn damit gegen die Wand. Vincent keuchte auf vor Schmerz.
      "Glaubst du wirklich, ich bin auf deinen kleinen Trick reingefallen? Dass das Menschlein dein ist? Dafür müsstest du deine eigene Regel brechen und sein Blut trinken. Du bist zu vielem bereit - das hier ist der Beweis - aber dein Wort hast du noch nie gebrochen."
      Vlad ließ endlich von Vincent ab, ließ ihn Ruhe verbluten. Allein. Er wandte sich stattdessen dem Jäger zu.
      "Du darfst es gern versuchen, Mensch. Ich hoffe, du schaffst es, mir dabei Vergnügen zu bereiten."
      Vlad balancierte das Wurfmesser mit der Spitze auf seinem Zeigefinger, als spiele die Schwerkraft keine Rolle für diesen Trick. Er warf es in einer geraden Linie nach oben. Und verschwand bevor es auf dem Boden aufschlug.

      Vincent versuchte verzweifelt, den Schmerz zu ignorieren. Vlad hatte nicht einfach nur zugebissen, um zu trinken. Er hatte zugebissen, um zu töten. Zwei volle Halbmonde und noch ein bisschen mehr hatte der Vampir aus seinem Hals gerissen. Und jetzt hatte er sich auch noch genährt, was ihn so stark machte, wie er gerade nur sein konnte. Nichts war so gelaufen, wie Vincent und Thomas es geplant hatten. Nichts.
      Vincent bewegte probehalber seinen Arm, doch allein das Krümmen seiner Finger ließ einen Schmerz durch seinen ganzen Körper sausen, der ihn dazu brachte, sich auf die Zunge zu beißen. Also zog er die Beine an und presste weiterhin seine gute Hand auf die Wunde, konzentrierte sich darauf, die Wunde zu heilen, so gut er es eben konnte, um wenigstens die Blutung zu verlangsamen. Und er versuchte, nicht im Weg zu sein. Gerade war er Thomas keine Hilfe. Alles, was er tun konnte, war, keine Belastung zu sein.

      Vlad versteckte sich dicht unter der Decke, hüllte sich in die Schatten, und beobachtete den Jäger. Vincent hatte ihn ausgebildet, so stand fest. Der Jäger ließ sich von seiner Abwesenheit nicht irritieren. Vlad grinste, fletschte die Zähne. Es war lange her, dass er Spaß mit einem Jäger gehabt hatte.
      Er ließ sich mit voller Absicht hörbar direkt hinter dem Jäger fallen, achtete aber darauf, außer Schlagreichweite dieses kleinen Messerchens zu sein, dass er da gezückt hatte.
      "Thomas, richtig?"
      Vlad schlenderte um den Mann herum, ließ sich Zeit, ignorierte Vincent vollkommen. Der war praktisch schon Vergangenheit, er trödelte nur ein bisschen rum, diesen Zustand permanent zu machen.
      "Hat er dich wenigstens mal naschen lassen? Wenn du zerbeult zu ihm gekrochen bist, damit er dich heilen kann? In Vorbereitung für heute? Für diesen Augenblick, damit du genug Kraft hast, um mir die Stirn zu bieten, wenn auch nur für einen Moment? Ich wollte immer schonmal wissen, wie potent das Blut eines Schwächlings wie Vincent ist."
      Vlad verschwand wieder und als er wieder auftauchte, trat er Thomas mit der Kraft eines Zuges gegen das Brustbein, schleuderte ihn gegen die nächstbeste Wand, nur um gleich danach seine Fingernägel zu betrachten.
      "Wusstest du, dass alle Fähigkeiten eines Vampirs nachlassen, wenn sie sich nicht von Menschen ernähren? Vincent ist schwächer, langsamer, unaufmerksamer, leichter zu zerbrechen und braucht länger, um zu heilen."
      Im nächsten Augenblick türmte Vlad vor dem Menschen auf, klemmte ihn zwischen Wand und sich selbst ein, nicht ein Funken Angst - oder Respekt - vor dem Silber. Er grinste sogar.
      "Vincent hat dir nichts beigebracht, kleiner Thomas. Du wirst hier und heute sterben. Die Frage ist nur, wie lustig es für mich wird und wie lange du brauchst, um deinen letzten Atem auszuhauchen."
      Vlad hob das Silbermesser, dass er vor wenigen Augenblicken noch hatte fallen lassen. Und dann rammte er es sich selbst in den Oberarm, ohne auch nur mit der Wimper zu zucken.
      "Was willst du schon gegen mich ausrichten, Menschlein, wenn alles, was du zu bieten hast, ein paar Silbermesserchen sind?"
      Er riss das Messer aus seinem Arm und für einen Augenblick blutete es, doch dann verheilte das tiefe Loch, ohne Spuren zu hinterlassen. Dann richtete sich Vlad auf und machte ein paar Schritte zurück, gab Thomas Raum, und breitete die Arme aus.
      "Na los. Zeig mir, was du draufhast, Menschlein."


    • Wie erwartet war der Vampir schnell, auch wenn der Jäger seine Hoffnung bis zuletzt aufrecht gehalten hatte. Als er ihn dann aber sah, wie er das Messer mit den Zähnen aufgefangen hatte, jagte selbst ihm einen Schauer über den Rücken und hätte beinahe einen Schwall Adrenalin mit sich gebracht. Seine Kiefermuskeln arbeiteten, während er dem entgegen wirkte, seinen Herzschlag tief hielt und dabei zusah, wie Vlad das Messer begutachtete. Neben ihm rutschte Lord Harker ein Stück tiefer, als hätte er nicht mehr die Kraft dazu, sich weiter aufrecht zu erhalten.
      Das beunruhigte den Arzt und einen anderen Teil jetzt doch mehr, als es sollte. Der Jäger würde sich darum kümmern, den Mann so schnell wie möglich aus der Schusslinie zu bringen.
      Der Jäger verharrte reglos, selbst dann, als vermutlich zum Entsetzen aller anderen Anwesenden Vlad damit herausrückte, hinter ihr Schauspiel geblickt zu haben. Aller Aufwand umsonst. Aber weshalb hatte er sich dann trotzdem herunter locken lassen? Weshalb hatte er dann trotzdem bis zum Ende mitgespielt, bis er selbst nur noch morden konnte, um aus der Sache wieder herauszukommen?
      Dem Vergnügen halber. In dem Moment, in dem auch Vlad es aussprach, erkannte der Jäger, dass er niemals etwas anderes getan hatte, als seinem eigenen Vergnügen zu folgen.
      Es widerte ihn an. Er rümpfte die Nase, einfach nur, weil er sich nicht mehr darin zurückhalten musste, seine Meinung kundzutun.
      Dann verschwand der Vampir und das hochgeworfene Messer fiel mit einem hellen Klingen wieder auf den Steinboden zurück.
      Der Jäger verharrte unbewegt, genau dort, wo er sich aufgestellt hatte, während er seinen Sehsinn in den Hintergrund schob. Lord Harker hatte es ihm gelehrt, im Garten seines Anwesens, als er auf die gleiche Weise verschwunden war. Es war nicht mehr hilfreich, auf seine gewöhnlichen Sinne zu vertrauen, wenn sie ihn nicht weit brachten. Er könnte ein lautes Geräusch machen, um Vlad aus seinem Versteck zu locken, aber tatsächlich bezweifelte er, dass er damit weit kommen würde. Wie Lord Harker - oder vielleicht auch Nora - auch einst gesagt hatte: Er lebte schon viel zu lange, um auf solche Tricks reinzufallen.
      Stattdessen achtete er darauf, was sein Instinkt ihm sagte, ein stetiges Pochen im Hintergrund seines Kopfes, das ihn davor warnte, mit einem Raubtier im selben Käfig zu stecken. Es war schwierig, seinem Instinkt allein zu vertrauen, aber sein Instinkt war es auch, der ihn herumwirbeln ließ, kaum als er eine Veränderung vernehmen konnte. Sein Schwert zerschnitt die Luft, aber traf nicht auf Fleisch. Vlad hatte nicht die Absicht gehabt, sich ihm zu nähern.
      "Dr. van Helsing. Oder nur Dr. Ich habe keinen Bedarf an Freundlichkeiten."
      Wie das Raubtier, das Vlad schließlich auch war, setzte er sich in Bewegung und zog seinen langsamen Kreis um den Jäger, der mit genauso bedächtigen Bewegungen folgte. Seine zusammengezogenen Augenbrauen verrieten, was er von dem Vampir hielt, während sein Herz unbeeindruckt gleichmäßig weiterschlug.
      "Ich trinke kein Blut, auch keines, das mir freiwillig geboten wird. Sowas kennst du nicht, nicht wahr? Die Willensstärke, auf Blut zu verzichten? Vincent kann es, mit nur 200 Jahren. Du hast fast 1.000 hinter dir und hängst ihm hinterher."
      Es war einfach über Vincent zu reden, denn der war schließlich gerade nicht im Raum - Lord Harker war es. Und Thomas war auch nicht hier, um das Gespräch hinterfragen zu können.
      Dann war es aber sowieso mit der kurzen Unterhaltung vorbei, denn plötzlich verschwand Vlad wieder und als er das nächste Mal auftauchte, als der Jäger bereits in seine Richtung zuckte, um das Schwert mit seinem Bein diesmal bekannt zu machen, bekam er es stattdessen mitten auf die Brust, ein Stoß, der schnell genug kam, bevor die Klinge den Vampir erreicht hätte. Drei Leute konnten es knacken hören, aber nur ein einziger konnte den plötzlichen Schmerz spüren, der ihm durch die Brust schoss, als er für eine Sekunde fast schwerelos durch die Luft segelte. Sein Training kickte ein, seine Lungen pressten die verbliebene Luft heraus, seine Muskeln erschlafften und die Waffe fiel ihm aus der Hand, kurz bevor er gegen die Wand krachte. Dem allein war es zu verdanken, dass sich kein weiterer Knochen verabschiedete, sondern nur die nächste Welle an Schmerz von dem heftigen Aufprall.
      Die Schwerkraft ergriff ihn, aber nur einen Herzschlag, bevor Vlad wieder da war. Sein Körper war wie ein Turm, der den Jäger jederzeit zu zerquetschen drohte, aber der sog einen scharfen, brennenden Atem ein und hätte sogleich das nächste Messer zur Hand. Allerdings kam er gar nicht soweit, es selbst zu benutzen, als der Vampir es schon für ihn erledigte. Das Silbermesser drang deutlich sichtbar durch seinen Anzug und hinterließ ein Loch in der Haut, das sich nur einen Moment später wieder schloss.
      Der Jäger wusste, was das bedeutete. Er wusste auch, was das für Lord Harker bedeutete, der im Moment noch am Boden kauerte und den Blutfluss zu stoppen versuchte. Vlad hatte mehr Kraft als sie beide zusammen, selbst, wenn sie noch in voller, körperlicher Verfassung wären. Sie hatten keinen Triumph, den sie über Vlad ausspielen könnten, aber sie könnten ihn zumindest stetig schwächen, so weit, bis er auch nicht viel stärker als sie wäre. Und dann könnte sogar Nora hereinspazieren und ihm mit Leichtigkeit das Herz aufspießen.
      Er wurde wieder freigelassen. Er fiel zu Boden und fing sich, wobei der Schmerz in seiner Brust erst entbrandete. Es benötigte die zweite Seite seines Trainings, um kein Geräusch von sich zu geben und mit demselben, unbeeindruckten Herzschlag sich wieder aufzurichten.
      Für den Moment musste er Vlad von Lord Harker ablenken und das tat er wohl am besten, indem er die Herausforderung annahm.
      Mit denselben, bedächtigen Schritten, die auch der Vampir vorhin vorgenommen hatte, näherte er sich ihm und umkreiste dann auch ihn. Er wanderte so weit, bis Lord Harker in Vlads Rücken war.
      "Ich würde gerne eine Sache herausfinden, bevor ich dir den Kopf abschneiden werde. Allein, weil wir endlich die Gelegenheit haben, uns unter vier Augen zu unterhalten."
      Er wusste, dass Vlad spielen wollte. Alle Vampire wollten spielen und er würde mitspielen.
      Er umkreiste ihn und kam dabei näher, weil er ganz offensichtlich auf Armeslänge herankommen musste, um den Vampir zu erreichen.
      "Wie fühlt es sich an, gegen einen Jäger zu verlieren? Das muss doch sicherlich das erste Mal in Jahrhunderten sein, oder nicht?"
      Er stieß zu. Das Jagdmesser, das er diesmal trug, war nicht ganz so lang wie das Kurzschwert, aber es eignete sich viel besser dazu, agiler und schneller zu sein.
      Vlad wich mit Leichtigkeit aus. Der Jäger hatte auch nicht ernsthaft damit gerechnet, mit einem eigenen Angriff glänzen zu können. Er musste den Vampir zu sich locken.
      Ihn aus seiner Reserve locken.
      "200 Jahre lang hattest du Zeit, Vincents Herz zu erobern, von dem Moment an, an dem du ihm sein Genick gebrochen hast. 200 Jahre, die ihr ausschließlich zusammen hättet verbringen können. Aber er lässt dich nicht, oder? Er lässt deine Avancen zu, wenn es ihm beliebt, aber weiter als das kommst du nicht. Weiter als das wirst du niemals kommen und wenn du 900 weitere Jahre hier verbringst. Es macht keinen Unterschied."
      Wieder ein Angriff ohne Erfolg. Der Jäger beobachtete dafür die Muskeln des Vampirs, wartete genau auf den Moment, wo sie den anderen verraten würden.
      "Mich lässt er. Er hat mir die Ewigkeit angeboten. Er hat sich mir geöffnet, hat sich bei mir aufnehmen lassen. Er bekommt bei mir alles, was er nicht in tausend Jahren von dir bekommen hätte und das weiß er."
      Noch ein Angriff. War das gerade ein bisschen Thomas, der hier redete? Das war auch okay, der Jäger hatte noch alles unter Kontrolle.
      "Sag mir also: Wie fühlt sich das an? Du bist stärker und schneller als ich und auch als Vincent, aber selbst wenn du mich umbringst wirst du niemals - niemals! - bekommen, was Vincent mir geschenkt hat. Egal, wie sehr du dich auch bemühst. Du hast deine Chance verpasst, als du Vincent allein gelassen hast, als du ihm gezeigt hast, was für ein Monster du sein kannst. Jetzt kannst du gar nichts mehr dagegen tun, nur mit deinen lächerlichen Geschenken aufkreuzen und darauf hoffen, dass er dir einen Abend seiner Zeit schenkt, wenn er die restlichen Abende mit mir verbringt."
    • Vlad rollte mit den Augen, als er einem weiteren Angriff davontänzelte.
      "Ich muss gestehen, diese Technik ist neu: jemanden zu Tode plappern habe ich auch nicht erlebt."
      Er duckte sich unter einem weiteren Hieb hindurch, lächelte kurz herablassend, dann verschwand er, nur um gleich darauf wieder hinter dem Jäger aufzutauchen und nach vorn zu schubsten - mit noch ausgestrecktem Messer, direkt in Vincents Richtung. Plante er, dass der eine den anderen aufspießte? Nicht unbedingt. Es wäre ein netter, geradezu poetischer Nebeneffekt.

      Vincent sah das Messer und den Mann auf sich zu fallen. Er nahm all seine verbliebenen Kräfte zusammen, um Thomas aufzufangen und nicht noch einmal intimen Kontakt mit einem Silbermesser zu machen.
      "Mir geht's gut" murmelte er Thomas... dem Jäger... wem auch immer zu. "Mach dir Gedanken um mich."
      Er drückte Thomas beiseite, relativ unsanft, und duckte sich selbst in die andere Richtung, als Vlads nächster Angriff kam. Der Tritt verursachte nicht unerhebliche Risse in der rauen Steinwand.
      "Ist das nicht putzig?" höhnte er. "Zwei Liebende vereint im Todeskampf. Könnte man glatt ein Buch drüber schreiben."
      Vincent biss die Zähne zusammen und rappelte sich im Bruchteil einer Sekunde auf, warf sich mit seiner ganzen Masse gegen Vlad. Gemeinsam krachten sie in den Steintisch, wobei Vlad die Kante genau in den Rücken bekam. Ein lautes Knacken hallte durch den Raum. Vlad und Vincent wussten beide, dass es nicht der Stein war, sondern Vlads Wirbelsäule. Und Vlad gefiel das gar nicht.

      Mit einem lauten Knurren packte er den kleinen Vincent am Kinn und hielt ihn dort bis sich seine Knochen wieder gerichtet hatten, er seine Beine wieder spüren konnte, und er aufstand. Vincent baumelte ein paar Zentimeter über dem Boden, klammerte sich an seinen Unterarm.
      "Soll ich ihn zuerst töten?" fragte er Thomas. "Willst du in dem Wissen sterben, dass du ihn nicht retten konntest? Dass du seine letzte Bitte nicht füllen konntest? Oder soll ich doch lieber das Menschlein zuerst töten, damit du, Steaua mea, mit dem Wissen sterben kannst, dass du die Liebe deines Lebens in den Tod geschickt hast, weil ich dir dein kleines, schwaches Herz vor ein paar Jahrzehnten gebrochen habe?"

      Vincent hatte genug. Es hatte ihn einiges an Kraft gekostet, aber er hatte es geschafft, die Blutung an seinem Hals vorerst zu stoppen. Jetzt verwendete er den Rest darauf, sich an Vlads Arm festzuhalten, damit er die Beine heben und ihm gegen die Brust treten konnte. Vlad fauchte, als er ihm auf diese Weise vier Rippen brach. Er ließ Vincent los und taumelte einen Schritt zurück, stolperte aber über den Steintisch hinter ihm und landete relativ unelegant auf der Tischplatte. Vincent rappelte sich rasend schnell auf und hechtete nach vorn, schnappte sich eine der Ketten und schloss die Schnalle um Vlads Handgelenk, bevor er sich rasch zurückzog und sich keuchend an die Wand lehnte. Sein Hals schmerzte, sein Kiefer schmerzte, und ihm war kalt von dem Blut, das er verloren hatte.
      "Er ist in dem Moment langsamer, in dem er sich heilt. Das braucht selbst in seinem Alter Konzentration," informierte er Thomas.

      Vlad setzte sich auf und betrachtete sein Handgelenk.
      "Hübsches Kettchen," kommentierte er. "Das wäre doch nicht nötig gewesen."
      Er riss daran, wollte sich losreißen. Die Kette hätte zerplatzen sollen. Doch das tat sie nicht. Er starrte das Metall an.
      "Runen," knurrte er.
      Dieser kleine Rotzbengel hatte ihn doch tatsächlich an die Leine gelegt?! Dafür würde er ihn in Scheiben schneiden! Beide!


    • Die Stichelei des Jägers vermisste den gewünschten Effekt, als Vlad nichts weiteres tat, als sich von ihm langweilen zu lassen. Selbst die Erwähnung von Vincents Liebe stieß auf Wände, was wohl auch eine Antwort für sich war.
      Zuletzt verschwand er wieder und der Jäger folgte auch jetzt seinem Instinkt, um sich nach ihm umzudrehen. Er war zu langsam dafür, sie waren auch viel zu nahe aneinander, um mehr Zeit zugeschrieben zu bekommen, daher wurde er geschubst, ohne Gegenwehr. Aber sein Messer, das er mitgezogen hatte, das zerfetzte Vlads Ärmel, bevor der Arm außer Reichweite geriet. Das brachte ihm aber nichts.
      Der Jäger stolperte gegen den zusammengesunkenen Harker, der gerade noch verhinderte, selbst aufgespießt zu werden. Er beteuerte, dass es ihm gut ging, bevor er ihn wieder von sich stieß, was der Jäger ganz eindeutig anzweifelte. Aber jetzt war auch nicht die Zeit dafür, sich um Verletzte zu kümmern; erst würden sie Vlad umbringen und dann blieb noch genug Zeit, damit der Arzt sich alles ansehen könnte.
      Jetzt war es aber auch Lord Harker, der den nächsten Angriff absolvierte und sogar damit glückte. Aber der Jäger konnte nicht einschreiten, die Gestalt des verbündeten Vampirs verdeckte die des verfeindeten. Er konnte nur zusehen, wie sie aneinander krachten und Lord Harker für etwa eine Sekunde die Oberhand gewann.
      Nur hatte Vlad recht gehabt. Sein Schützling war zu schwach, selbst ohne das Blut, das er dort an der Wand zurückgelassen hatte. Es benötigte nur einen Griff, um ihn von sich zu reißen und dort zu halten, während der Vampir sich blitzartig regenerierte. Das war es auch schon wieder mit dem Vorteil.
      "Alles, was du ihm antust, werde ich dir zehnfach heimzahlen", knurrte er, bereit dazu, die nächste Lücke auszunutzen, um seinen eigenen Angriff zwischen beide zu schieben. Sie hätten lernen müssen, miteinander zu kämpfen, er und Lord Harker. Sie hätten ein Team sein müssen, um dem hier zu widerstehen. Jetzt mussten sie ohne auskommen.
      Mit einem gezielten Tritt schaffte es Lord Harker nicht nur, Vlad von sich zu stoßen, sondern ihm auch noch eine der Handschellen anzulegen, bevor er sich gleich außer Reichweite des Steins zurückzog. Es waren nicht alle beide, geschweige denn sogar alle vier, aber zumindest eine. Vorerst war Vlad an den Stein gebunden.
      Und das gefiel ihm keineswegs. Er würde wütend werden, wenn er es bisher noch nicht geworden war. Sie würden wahrhaftig ausnutzen müssen, dass er sich noch regenerieren musste.
      Der Jäger schoss mit gezückter Waffe vor, solange er noch die Chance dazu hatte. Vlad konnte jetzt nicht mehr so einfach verschwinden, die Kette reduzierte seinen Radius und außerdem würde sie jederzeit preisgeben, wohin er sich bewegte. Auch das musste der andere erkannt haben, denn er versuchte gar nicht erst, wie eben noch zu verschwinden. Er wandte sich dem Jäger zu und erwartete ihn.
      Der Mensch sah das Zucken der Muskeln, die Bewegung, bevor sie eine werden würde. Er tauchte unter dem ausholenden Arm hinweg, ein unangenehmes Brennen und Stechen in der malträtierten Brust, stach schräg nach oben, verfehlte, als Vlad auswich. Seine Bewegungen endeten nie ganz, sie hielten ihn bei Geschwindigkeit, während er die nächste Richtung des anderen vorherzusagen versuchte und sich entsprechend ausrichtete. Manchmal gelang ihm das, manchmal nicht. Er verzeichnete einen Treffer gegen Vlads Ellbogen und zog gleich nach, nutzte den Stein, um sie beide zu Fall zu bringen, riss eine seiner Spritzen hervor, eine mit Runen auf dem Glas, und zielte damit auf seine Brust. Er würde antäuschen, das Herz treffen zu wollen und stattdessen auf das Steißbein abzielen. Vielleicht konnte Silber die Heilung von Knochenbrüchen hemmen, wenn es nur nahe genug dran war.
    • Vlad grinste breit. Jeder andere Vampir, dessen war er sich sicher, würde jetzt in Panik geraten. Die Umstände machten eine solche Reaktion nur logisch: Er war auf magische Weise an einen unzerstörbaren Steinaltar gefesselt, während ein sehr gut ausgebildeter Jäger mit der Hilfe eines weiteren Vampires versuchte, ihn so sehr mit Silber zu füllen, dass er nicht mehr aufstehen konnte.
      Aber Vlad geriet nicht in Panik. Nein, er hatte Spaß.
      Das hier war das erste Mal in über fünfhundert Jahren, dass er sich tatsächlich Mühe geben musste. Dass er in einem Kampf tatsächlich gefordert wurde. Vlad fühlte sich so lebendig wie schon lange nicht mehr!
      Mit diesem Grinsen auf den Lippen fing er den Arm des Jägers ab. Die Tatsache, dass seine Muskeln rebellierten, sagte ihm, dass er das hier demnächst beenden sollte, auch wenn er noch so viel Spaß hatte. Selbst ihm ging irgendwann die Puste aus und mit all den Knochenbrüchen, die er bisher hatte heilen müssen, war es nur noch eine Frage der Zeit, bis er diesen Punkt erreichte. Alles Gute musste eben irgendwann ein Ende haben.
      "Was willst du denn mit der kleinen Nähnadel da?" fragte er den Jäger und erhöhte den Druck auf das Handgelenk des Menschen.
      Er würde es ganz langsam brechen, einfach nur weil er es konnte.

      Vincent betrachtete die Szene, die sich ihm da bot: Thomas, sein Thomas, hockte über Vlad, seinem Meister, seinem Erschaffer, mit einer Ladung flüssigen Silbers nur Zentimeter vom Brustbein des Vampires entfernt. Des Vampires, der seine angekettete Hand nutzte, um sich gegen diesen Angriff zu wehren.
      Ein Teil von Vincent wollte sich zwischen die beiden werfen, wollte Vlad vor dem Silber beschützen. Ein anderer Teil wollte Thomas aus dem schraubstockartigen Griff des Vampires befreien. Vincent folgte seinem Instinkt und huschte auf den Steinaltar zu.

      Vlad war drauf und dran, die Knochen des Menschen zu brechen, als ihm eine bessere Idee kam. Sein Grinsen wurde noch breiter. Er hatte das Monster in seinem Inneren schon vor langer Zeit akzeptiert, was dazu führte, dass er nicht mehr ganz menschlich aussah: seine Augen hatte eine unnatürliche Farbe und seine Fangzähne waren permanent ein bisschen länger. Aber das war nichts im Vergleich dazu was passierte, wenn er das Biest von der Leine ließ. Seine Iriden weiteten sich aus, bis seine Augäpfel komplett in der Farbe von Bernstein leuchteten. Seine Pupillen zogen sich zusammen und verengten sich zu Schlitzen. Seine Fangzähne wurden länger, so lang, dass sie beinahe nicht mehr in Vlads Mund passten.
      "Ich hatte schon lange keinen Jäger mehr zum Abendessen," sagte er und seine Stimme klang so verzerrt und dunkel, dass man jede Geschichte über Dämonen glauben könnte.
      Vlad riss den Arm des Menschen zur Seite und versenkte seine Zähne tief in dessen warmem Fleisch.

      Der Geruch von Blut spülte über Vincent hinweg wie ein Tsunami. Er erkannte es sofort als das von Thomas; es roch genauso wie er - nur besser. Vincent hatten sich vorher schon die Nackenhaare aufgestellt, wie er es nur einmal zuvor erlebt hatte: als er Vlads wahres Monster kennengelernt hatte. Er wusste, was es bedeutete, aber er zwang sich dazu, den Schrei zu ignorieren und stattdessen diese Situation auszunutzen.
      Er huschte hinter die beiden Männer, griff sich eine weitere Kette und schloss sie um Vlads Bein. Er schaffte wieder nur eine, bevor ihn Vlad so heftig ins Gesicht trat, dass er quer durch den Raum flog und gegen eine Wand krachte. Sein Schädel war gefüllt mit Schmerz. Vincent konnte nicht einmal sagen, was alles gebrochen war. Und dann war da dieser verlockende Duft von Blut... alles, was er brauchte, um sich besser zu fühlen, war gleich da drüben... er musste es sich nur nehmen...


    • Der Kampf war so ziemlich der längste, den der Jäger bisher hatte ausfechten müssen, und das nicht im guten Sinn. Sein Verstand war hochkonzentriert damit, mehrere Dinge auf einmal zu vollziehen: Angreifen, Ausweichen, beobachten, auf den eigenen Körper achten. Irgendwann ließ er seinem verlangsamten Herzschlag freien Lauf, weil er das Adrenalin benötigte, um in dieser Hochform zu bleiben. Aber obwohl er den Vampir weit genug zurückgedrängt hatte, um sich aus der Lage einen Vorteil zu erschaffen, war es immernoch nicht gänzlich genug. Sein Angriff mit seiner Spritze wurde durch eine Hand aufgehalten, die genauso gut die Eisenfessel selbst hätte sein können.
      Als er seinen Blick hob, sah er, dass der andere grinste. Ein vergnügtes, selbstgefälliges Grinsen, so als wäre das hier eine Theatervorstellung, nur für ihn zusammengestellt.
      Der Jäger hätte ihm das Grinsen mit all seinen verfügbaren Waffen aus dem Gesicht geschnitten.
      Aber die Hand hinderte ihn daran, die sich langsam um sein Handgelenk ballte. Er begriff die Falle, in die er gelaufen war und die ihn geradewegs in Richtung eines Knochenbruchs führte. Nicht einmal seine gebündelten Techniken könnten die vampirische Hand davon abhalten, so fest zu drücken, bis der Knochen splitterte.
      Er versuchte trotzdem sein möglichstes. Er versuche, seinen Arm aus der eisernen Hand zu winden und zu drehen, er versuchte die Muskeln zu entspannen, soweit es ging. Er ließ die Spritze fallen, die in seinem Schoß landete. Er versuchte, den Vampir zu überraschen oder abzulenken.
      Aber alles war vergebens, als die Finger sich noch mehr ballten und der erste Schmerz ihm den Arm herauf schoss, die erste Warnung davor, dass es bald zu spät sein könnte. Der Vampir hatte vermutlich keinerlei Interesse daran, den Knochen sauber in zwei zu trennen, die man wieder hätte zusammenführen können, sondern er plante vermutlich, Knochenmehl daraus zu machen. Und während der Jäger sich noch mit dem Gedanken beschäftigte, wie er doch noch entkommen könnte, machte sich bereits der erste Anflug von Panik in ihm breit.
      Doch als es bereits schmerzhaft genug wurde, dass er bei seinem Versuch versagte, ein Stöhnen zu unterdrücken, lockerte sich der Griff mit einem Mal wieder und das Grinsen im Gesicht der Kreatur wurde noch breiter. Dem Jäger gefiel nicht, wie es aussah. Es gefiel ihm ganz und gar nicht.
      Sein Gesicht war in etwa nur einen Meter von dem des anderen entfernt, nahe genug, dass er mit erschreckender Genauigkeit beobachten konnte, wie der andere sich zu verändern begann. Es waren erst die Augen, die sich von denen eines Menschen entfremdeten, bevor Fangzähne aus seinem Mund geschoben wurden, die dem eines Raubtieres in nichts nachgestanden hätten. Selbst der Jäger, der bisher schon sicher viele Vampirgebisse und Augen von nahem gesehen hatte, wurde bei dem Anblick von einem Grauen erfasst, das sich nicht in Worte fassen ließ. Sämtliche Fasern in seinem Körper drängten dazu, sich in Sicherheit zu bringen, so weit und schnell wie nur möglich, selbst ihn, einen ausgebildeten Jäger. Was sich vor ihm auftat, war viel weniger ein Vampir als ein Monster in seiner vollen Blüte.
      Panik kochte in ihm auf, heiß und siedend. Sie wärmte ihn nicht, sondern ließ ihn im Gegenteil so fest gegen den Griff ankämpfen, dass er drohte, seine eigene Schulter auszukugeln. Er hätte es auch getan, wenn es ihm die Freiheit bedeutet hätte. Alles, um von diesem Monster wegzukommen.
      Aber Vlad hielt ihn weiter fest und sprach eine einzige Warnung aus, die den Herzschlag des Menschen auf die Spitze trieb, bevor er mit einem Mal seine Zähne in dessen Arm schlug.
      Der Jäger schrie. Er hätte es auf sämtlichen Ebenen bevorzugt, das Handgelenk gebrochen zu bekommen, denn das hier war schlimmer, so viel schlimmer. Die vampirischen Zähne waren nicht etwa so spitz wie eine Dolchspitze, sie waren sogar recht stumpf - die Wirkung kam von der enormen Kraft, die sie durch das Fleisch drückte. Und der Jäger konnte es spüren, er könnte schwören, dass er den Moment mitverfolgen konnte, als sein Muskelgewebe erst ein- und dann zerrissen wurde, alles innerhalb der Spanne einer Sekunde. Er könnte schwören, dass er den metallischen Geruch seines eigenen Blutes riechen konnte. Er hörte seinen eigenen Herzschlag in seinen Ohren dröhnen.
      Mehrere Dinge geschahen gleichzeitig. Lord Harker hatte es geschafft, den Moment auszunutzen, um noch eine Fessel um den älteren Vampir zu schließen, was ihm einen Tritt einbrachte, der einem Menschen sicherlich den ganzen Schädel gebrochen hätte. Zur gleichen Zeit fiel dem Jäger seine Spritze ein.
      Er versuchte seinen kühlen Kopf zurückzugewinnen, ungeachtet von Vincent - Lord Harker! - im Hintergrund, den er zu beschützen versuchte und ungeachtet der Wellen aus purem, eiskalten Schmerz, der von seinem Arm ausstrahlte. Seine Puste ging ihm aus, er musste Atem holen. Sein Arm zuckte und Blut tropfte herab, genug, dass er sich gleich zweier Vampire im Raum bewusst wurde.
      Aber nicht jetzt. Er hatte nicht mehr viel Zeit mit seinem rasenden Herzen und dem Vampirmaul, das von einer seiner stärksten Quelle anzapfte. Außerdem würde es den Vampir wieder stärken und das wollte der Jäger wirklich um alles mögliche verhindern.
      Er griff sich die Spitze. Er warf sich mit einem zweiten Schrei diesmal nicht nach hinten, sondern nach vorne, direkt in die Zähne hinein, konnte mit seinem Richtungswechsel überraschen. Er nutzte die Gelegenheit, die Millisekunde, und rammte die Spritze nach vorne.
      "Verreck dran, Bastard!"
      Er traf das Brustbein, selbst durch das Hemd hindurch. Die Kraft der Kollision brachte die gläserne, Runenbeschriftete Spritze schon zum Zerspringen und beförderte einen Teil des Inhalts explosionsartig in den Körper des Vampirs hinein. Der Rest lief dem Jäger über die Hand und dem Vampir über das Hemd.
      Jetzt musste er nur noch aus dieser Lage, sich befreien und besonders dafür sorgen, dass der andere keinen Zugang mehr zu seinem Blut hatte. Aber er wusste nicht, wie. Er konnte seinen Arm nicht entfernen, mindestens nicht, solange die Zähne tief in ihm steckten, und daher tat er das einzige andere, das er wusste: Er riss sich das nächste Messer von der Weste und versuchte, den Schmerz zu ignorieren, um den anderen zu erstechen. Mit aller Macht, die ihm mit schwindendem Blut noch zur Verfügung stand.
    • Vlad schrie auf, als ihm das Silber in den Mund floss und seine Zunge und seinen Rache sofort verbrannte. Er ließ den Jäger los und schleuderte ihn von sich, nicht einmal darauf achtend, in welche Richtung. Das Monster hatte übernommen und demnach wurde Vlad nun mehr von seinen Instinkten regiert, als zuvor. Instinkte, die keine großen Freunde von Silber waren.
      Er kratzte sich über die Brust, um die letzten Reste von sich selbst zu entfernen, als brenne sich das Silber durch seine Kleidung. Doch dabei verbrannte er sich bloß noch die Handfläche, während mehr von dem flüssigen Metall seine Kehle hinabrann - sowohl von innen, als auch von außen - und es sich langsam in seiner Brust ausbreitete.
      Irgendwie stemmte er sich hoch auf ein Knie, doch das war auch schon alles, was er noch an Bewegungsfreiheit hatte. Die Ketten ließen ihm einfach nicht viel Spielraum und hielten die Linke Hälfte seines Körpers fest. Blut und Silber rann ihm das Kinn hinunter, tropfte von seinen viel zu langen Fangzähnen. Dafür würde der Mensch bezahlen!

      Sein Meister war verletzt. Sein Meister hatte Schmerzen. Der Mensch hatte ihm wehgetan.
      Das Monster hielt sich an der Wand fest, als es langsam wieder auf die Füße kam. Sein Kiefer war an drei Stellen gebrochen. Aber das war egal. Er brauchte seinen Unterkiefer nicht, um den Feind zu vernichten. Dennoch verwandte er Energie darauf, den Schaden zu beheben, um schlimmeres zu verhindern. Er war so hungrig...
      Das Monster warf sich nach vorn, folgte dem Geruch von Blut, ohne einen einzigen Gedanken zu fassen, und schlug seine Zähne tief in das Fleisch des Mannes, den er so unbedingt tot sehen wollte.

      Vlad sah den Angriff nicht kommen. Seine Aufmerksamkeit hatte einzig und allein dem Menschen gegolten. Nicht in einhundert Jahren hätte er damit gerechnet, dass Vincent, sein schwächlicher Abkömmling, genug Kraft in sich fand, um sich gegen seinen Erschaffer zu wehren. Und doch sah er sich nun den wundervollen, hellblauen Augen des Monsters gegenüber, das er erschaffen hatte, während es die Zähne tief in seinen noch freien Arm drückte. Vlad lächelte.

      Das Blut schmeckte beinahe so himmlisch, wie es roch. Vincent wusste, dass er dem Geruch von Thomas' Blut gefolgt war und jetzt den schwachen Abklatsch davon aus Vlads Adern trank. Aber selbst durch diesen Filter berauschte ihn der Geschmack, das Gefühl von warmem, frischen Blut auf seiner Zunge. Aber da war noch mehr. Er spürte auch die Macht, die mit diesem Blut einherging, spürte wie es an seiner Verbindung zu Vlad zerrte.
      Er riss seine Zähne aus dem Fleisch des Mannes, ohne den Mund zu öffnen. Das Stück Fleisch, dass er dabei mitriss, spuckte er sofort aus. Vincent fühlte sich stark, stärker als sonst. Aber er konnte das Monster nicht vollständig von der Leine lassen. Der Geruch von Thomas Blut hing noch immer schwer in der Luft und er wusste, er würde sich auf den Menschen stürzen, wenn das Monster die Wahl hatte. Dennoch nahm er all seine Willensstärke zusammen und wandte sich dem Mann zu. Er ignorierte den rot schimmernden Arm, so gut er konnte, als er versuchte, aufzustehen. Doch gerade, als er von dem Steinaltar rutschen wollte, blieb er hängen.

      Vlad warf den Kopf zurück und lachte schallend, als sein Abkömmling endlich realisierte, was passiert war. Während der sich nämlich an seinem Meister labte, hatte besagter Meister eine der Ketten um den Arm des Jünglings geschlossen. Jetzt war der kleine Vincent genauso gefangen, wie er selbst.
      Kaum hatte er seinen Arm zurück, da packte er den Jüngling an den Haaren und zerrte ihn dicht an sich heran.
      "Glaubst du wirklich, dass ich es dir so leicht mache, mich zu vernichten?" fauchte Vlad durch seine langen Zähne.


    • Mit einer Wucht, die nur ein voll entblößtes, entfesseltes Monstrum von sich geben konnte, wurde der Jäger von Vlad geschleudert, flog durch die Luft und schlug auf dem Steinboden auf. Das Momentum beförderte ihn weiter, ließ selbst ihn, einen ausgewachsenen Mann, weiter über den Boden schlittern und schließlich an der Wand abprallen. Da fiel er erst auf den Rücken zurück.
      Sein Körper brannte, mittlerweile überall. Er hatte sich von diesem unnatürlichen Abgang die Kleidung zerfetzt und Schrammen flammten auf seinen Gliedmaßen und seiner Hüfte, wo er über den Boden geschlittert war. Sein Kopf tat weh, nicht nur an einer Stelle, und er hatte sich auf die Zunge gebissen. Ein scharfer, ganz und gar unguter Schmerz stach ihm durch den unteren Rücken, ein Ausblick darauf, was folgen würde, wenn das Adrenalin irgendwann abgesackt war. Sein Handgelenk brannte und in seiner Brust schrien seine Rippen von dem früheren Tritt.
      Der Jäger stöhnte, wälzte sich auf die Seite und spuckte erst das Blut auf den Boden, das sich in seinem Mund ansammelte. In der Mitte des Raumes brüllte und wütete das Monstrum, das mit seinen 1.000 Jahren wohl nicht gerechnet hatte, noch eine solche Behandlung erfahren zu müssen. Die Befriedigung darüber war es wert, den zusätzlichen Schmerz zu ertragen.
      Er brauchte einen Moment zur Erholung, nicht nur, weil er vom Blutverlust und seinem Sturz etwas benommen war, sondern weil er auch seine Kräfte sammeln musste. Ein weiteres Mal könnte er eine derartige Wucht nicht aushalten. Er würde sich die Knochen brechen und gesplitterte Rippen würden es schließlich schwierig machen zu atmen.
      Aber er war auch nicht alleine hier. Lord Harker, der nicht allzu weit entfernt gelandet war, rappelte sich jetzt langsam auf, die unmenschlichen Augen starr und zielgerichtet - aber nicht auf den Jäger. Seine Aufmerksamkeit galt seinem Meister alleine und als sich sein grotesk aussehender, baumelnder Kiefer von ganz alleine wieder an den Rest anschloss, schoss er schließlich nach vorne, der Mund geöffnet, die Zähne bereit zum Zuschlagen. Sie trafen sich auf dem Stein, wie es nicht anders sein konnte, und weil der andere noch immer zu sehr auf den Jäger fixiert war, sah er seinen Jüngling nicht kommen.
      Wieder drückten sich vampirische Zähne in menschenhaftes Fleisch, aber diesmal war es Lord Harker, der dort biss, und Vlad, der gebissen wurde. Seine Brutalität galt vermutlich dem Vorbild seines Meisters; ein ganzes Stück Fleisch riss er heraus und spuckte es zur Seite weg. Blut lief ihm das Kinn und den Hals herab, noch mehr Blut spritzte ihm auf den Anzug und tropfte von seinen Händen, mit denen er seine Beute festhielt. Mit den unmenschlich weißen aufgerissenen Augen, den Fangzähnen und dem vielen Blut, sah er jetzt mehr denn je wie ein wildgewordenes Tier aus.
      Der Angriff schien keinem Zweck gedient zu haben, den der Jäger begriffen hätte, denn keiner von beiden hatte die Eisenfessel bemerkt, die Vlad um Vincents Handgelenk geschlossen hatte. Jetzt waren gleich zwei Vampire an den Stein gekettet und der eine amüsierte sich ganz köstlich über die neue Gefahrenlage des anderen.
      Der Jäger beeilte sich, denn diese Wendung hatte ausschließlich Nachteile, die es unter sämtlichen Umständen zu vermeiden galt. Zwar hatte Lord Harker mit nur einer Fessel noch wesentlich mehr Spielraum als der andere, aber das machte deshalb kaum einen Unterschied, weil er sich niemals gänzlich außer Reichweite begeben könnte. Vlad war stets bei ihm und mit ihm die Gefahr, in an seinem eigenen Schicksal teilhaben zu lassen.
      Eilig verband er sich den Biss mit einem Knoten, der hauptsächlich Druck auf die offenen Stellen seiner Haut ausüben sollte. Seine Hand war damit fast unbrauchbar, zumindest für den Kampf, aber das machte nichts. Er war in Sachen Waffenführung Beidhänder.
      Genauso eilig schritt er in angemessenem Abstand um den Stein herum, um auf Vlads Seite zu gelangen. Er konnte sich schon denken, was der andere geplant hätte und das rief einen Stich Angst in ihm hervor: Er würde versuchen, sich mit Vincent zu schützen. Er würde ihn für seine Freilassung entweder als Geißel nehmen, oder er würde versuchen, ihn als Schutzschild vor den Angriffen zu nehmen.
      Lord Harker - nicht Vincent! Konzentration! Aber Thomas verspürte ein entsetzliches Grauen bei dem Gedanken, eine Leiche von diesem Stein zu holen, die hübsche blonde Locken und helle, blaue Augen hatte.
      Mit einem allzu grimmigen Entschluss griff der Jäger in seine Weste.
      "Vlad."
      Die nächste Waffe seines Arsenals kam zum Vorschein, diesmal aber eine deutlich kleinere. Es war keine Klinge und auch keine Spritze. Es war sogar nichtmal angefertigt, nur modifiziert.
      "Du weißt, wie es ausgehen wird. Es gibt nur einen Weg von diesem Stein herunter und das ist in Form einer Leiche. Niemand wird dich retten, niemand wird dir helfen. Du bist aufgeschmissen.
      Ich gebe dir also den Gnadenstoß eines schnellen Todes. Siehst du das hier? Weißt du, was das ist?"
      Er hob seine Waffe hoch: Ein mit Silber überzogener Vampirzahn. Er war gänzlich nicht so groß wie Vlads Zähne, aber ein Exemplar, das sich ganz außerordentlich gehalten hatte. An seinem Ende, wo sonst der Kiefer gewesen wäre, war ein Griff verbunden, mit dem er den Zahn halten konnte.
      "Ich weiß, worauf ich zielen muss, ich bin Arzt. Meine chirurgischen Fähigkeiten sind ganz hervorragend. Du wirst Schmerzen haben, vielleicht für drei Sekunden, aber dann wird es endgültig vorbei sein."
      Die Waffe eignete sich nicht zum Kampf, weil sie nicht groß genug war und keine scharfen Kanten hatte. Sie eignete sich aber ganz hervorragend für einen schnellen, sauberen Tod.
      "Du hast aber auch eine Alternative: Du wirst hierbleiben. Solltest du Lord Harker etwas antun, werde ich nach draußen gehen, ich werde die Tür abschließen, ich werde den Schlüssel in den See werfen und niemand, nicht eine einzige Seele wird jemals einen Schritt über diese Schwelle unternehmen. Niemand wird dich von deinen Ketten befreien und niemand wird sich deiner erbarmen, um dich zu füttern. Oder dich auch nur zu waschen. Du wirst den Rest deiner verfluchten Ewigkeit im Dunkeln und in deinen eigenen Exkrementen wälzend verbringen. Nicht ein Tropfen Blut oder gar ein Schlüssel wird sich jemals zu dir verirren."
      Er drehte den Zahn, bis er ihn richtig im Griff hatte. Trotz seiner Schmerzen, trotz seines Blutverlusts, der selbst mit dem notdürftigen Verband nicht ganz gestoppt war, war seine Hand gänzlich präzise und unbewegt. Sie würde nicht einmal zucken, wenn er die Waffe in das Fleisch des Vampirs schlagen würde.
      "Sag mir also ruhig, wenn ich anfangen kann."
    • Vincent stemmte sich so gut er konnte gegen den Griff seines Meisters. Aber der hielt ihn schon lange nicht mehr bei den Haaren, sondern am Schädel selbst fest. Es gab kein Entkommen von einem solchen Halt. Er sah sich den langen Fangzähnen gegenüber, die drohten, ihn in Stücke zu zerfetzen, als etwas anderes die Aufmerksamkeit seines Meisters erregte. Er selbst konnte nicht widerstehen und folgte dem Blick der dämonischen Augen, als Thomas seine Drohung aussprach.

      Vlad ließ den Menschen sprechen. Einerseits interessierte ihn das kleine Messerchen, das der Mann da in der Hand hielt. oder vielmehr der Miniatur-Speer, geformt aus einem seiner Artgenossen, der dumm genug war, sich von dieser Jägerfamilie erwischen zu lassen. Aber hauptsächlich ließ er den Mann seinen Monolog halten, weil es ihm die Zeit verschaffte, die er brauchte, um seine Wunden zu heilen und das Silber in seinem Körper zu neutralisieren. Letzteres schaffte er nur mit mäßigem Erfolg - er würde sich nähren müssen, um es vollständig aus seinem System zu spülen - aber er konnte es zumindest von seinem Herzen fernhalten und weitere Probleme vermeiden.
      "Sag mir also ruhig, wenn ich anfangen kann."
      Vlad grinste breit.
      "Ich bitte dich, Thomas. Als ob dieses kleine Messerchen mehr Schaden anrichten könnte, als dein letztes Messerchen," verhöhnte er den Jäger.
      Dann griff er blitzschnell in seinen Rücken, beförderte das Messer, das ganz am Anfang dieser Auseinandersetzung verschwunden war, zu Tage, und rammte es Vincent in den Hals, bevor er ihn von sich schubste und sich wieder aufrichtete, einen Arm herausfordernd erhoben. Seine Haut zeigte deutliche Spuren von dem Silber, sein ganzer Körper war von Vincents und Thomas' Blut besudelt, und trotzdem schien er noch immer seinen Spaß zu haben, auch nach dutzenden Knochenbrüchen, die er schon geheilt hatte.
      "Mit diesen Ketten sollte dieser Kampf ein bisschen interessanter werden. Na los, Menschlein. Trau dich in meine Nähe. Versuch, etwas nach mir zu werfen und zu treffen. Du kannst nicht gewinnen. Sieh es ein. Diese Runen werden mich nicht ewig festhalten."

      Vincent bekam keine Luft. Sein Hals stand in Flammen, sein unmenschliches Herz schlug so wild es nur konnte. Es kostete ihn alles, was er an Willenskraft noch übrig hatte, um das Messer nicht einfach aus seinem Hals zu ziehen. Er stellte sich die Frage, was schneller gehen würde: verbluten oder an der Silbervergiftung sterben.
      Er atmete falsch ein, Blut gelangte in seine Luftröhre und aus einem Röcheln wurde ein Husten, das ihm durch Mark und Bein ging. Der Schmerz schoss durch seine Adern, eroberte jedes Nervenende, während er an seinem eigenen Blut zu ersticken drohte. Konnte er überhaupt ersticken?
      Er drückte die Finger seiner freien Hand in den Steinboden des Kellers, grub kleine Löcher hinein, während die andere irgendwo über seinem Kopf an dem Altar baumelte. Die Worte seines Meisters hörte er gar nicht. Da war nur dieses Klingeln in seinen Ohren. Und der Schmerz in seinen Adern. Ihm war kalt und heiß zugleich. Er konnte seinen Körper nicht mehr spüren.
      Das war's dann wohl, dachte er. Tut mir leid, Thomas.

      "Tik tok, Menschlein. Tik tok."
      Vlad musste sich nicht nach Vincent umsehen, um zu wissen, wie es um den Mann stand.
      "Ich gebe ihm eine Minute, wenn er es schafft, das Messer drin zu lassen. Halsschlagader... so empfindlich. Auf mehr als nur eine Weise."
      Vlad kicherte in sich hinein. Während er sprach schloss sich das Loch in Muskel und Haut an seinem Arm langsam - langsamer als zuvor, das wusste er. Das Silber beeinträchtigte ihn noch immer. Aber es heilte trotzdem noch, was ein gutes Zeichen war.
      "Willst du wirklich deinen herzallerliebsten Vincent sterben lassen? Ganz allein da drüben, angekettet, mit nichts weiter als dem Vampirjäger und seinem Meister anwesend, die sich gegenseitig zu Tode quatschen? Bringst du es wirklich über dein kleines Herz, ihn für den Erfolg deiner Jagd zu opfern?"


    • Thomas hatte kaum genug Zeit zu blinzeln, da schoss Vlads Hand nach vorne.
      In grauenhafter Detailreiche, ganz so, als würde Vlad eigens für ihn die Zeit anhalten, konnte er beobachten, wie das Messer in Vincents - nicht Lord Harker, Vincent - Hals einstach, wie die beidschneidige Klinge in Haut einstach und wie ein ganz kurzer Stoß Blut hervor drang, bevor die Klinge ganz durch war. Danach tropfte es erst ein bisschen und fing schließlich an, unter der Klinge hervorzulaufen, aber das konnte Thomas schon gar nicht mehr sehen, weil der andere Vincent beiseite stieß. Das wusste er, weil er genau sehen konnte, an welcher Stelle die Halsschlagader verlief.
      Entsetzen erfüllte ihn, das groß genug war, um seinen ganzen Körper zu lähmen. Ein rationaler Teil hätte sich vielleicht noch einreden können, dass Vincent ein Vampir war und dass er alles überleben könnte, solange das Silber nicht zu seinem Herz gelang - nur gab es nicht viel Platz für Rationalität. Vlad hatte gerade seinen Freund umgebracht. Kaltblütig ermordet.
      Er starrte auf Vincents Hand, die gefangen in den Eisenfesseln baumelte, der einzige Teil von ihm, den Thomas sehen konnte. Er müsste Vlads Worten Folge leisten und um den Stein herumgehen, er müsste sich um Vincent kümmern, seine Verletzung ansehen, ihn hier rausbringen, verarzten, in Sicherheit bringen. Er müsste ihm das Leben retten.
      Aber wenn er ging, wenn er jetzt dem anderen Vampir seinen Rücken präsentierte, dann würde er sterben. Dann würde Vincent sterben, dessen gefangene Hand noch immer in Vlads Reichweite war. Er könnte ihn problemlos zu sich ziehen, er könnte ihn noch einmal abstechen, ihn beißen, ihm Gliedmaßen entreißen. Er könnte das letzte bisschen Ruhe, das Vincent in diesem einzigen Moment vergönnt war, vollkommen in Stücke reißen.
      Und das war es, was Thomas so lähmte: Er konnte ihm nicht helfen, egal, wie sehr er es gewollt hätte. Er musste Vincent alleine lassen. Für Vincent musste er Vincent ignorieren.
      Seine Augen fühlten sich an, als würden sie gleich aus ihren Höhlen springen, als er seinen Blick zurück auf Vlad richtete. Der Vampir hatte ein dickes Grinsen im Gesicht und auf seinem Arm schloss sich gerade die Wunde, für die Vincent sich in solche Gefahr begeben hatte. Er sah selbst aus wie eine Leiche, war aber die Fröhlichkeit in Person.
      Und er war für Vincents Tod verantwortlich. Eine Minute und es wäre seine Schuld alleine, dass Vincent dort, keine fünf Meter von Thomas entfernt, alleine auf dem Boden starb.
      Sein Entsetzen verwandelte sich schlagartig in eine Rage, die sein Blut zum Kochen brachte und seine Muskeln entfachte. Er hatte Vincent umgebracht. Er hatte Vincent umgebracht!
      "Ich werde dich umbringen!"
      Mit einer Wut, die keine Grenzen kannte, schoss er nach vorne und nach Vlad, nutzte alle Vorteile seiner halbseitigen Fesseln aus um sich anzunähern, nutzte seine von blindem Zorn angetriebene Stärke, um sich selbst frei zu halten. Seine Sinne arbeiteten auf Hochtouren, sein Körper bewegte sich von ganz alleine. Immerhin hatte auch Vlad einen menschlichen Körper, den man brechen konnte und das tat er auch. Der Jäger brach ihm einen Daumen und kugelte ihm fast die Schulter aus, bevor Vlad ihn im Gegenzug fast erwischt hätte. Thomas versuchte, ihm den Ellbogen gegen den Hals zu rammen, gab aber die eine Attacke auf, um stattdessen eine andere Lücke auszunutzen und den Vampirzahn in Vlads Arm zu rammen. Er verfehlte die Vene nicht. Der Vampir bekam ihn zu fassen, seinen gesunden Arm, aber der Jäger ließ seine Waffe schon fallen, fing sie mit der anderen, angeschlagenen Hand und Thomas rammte den Zahn mit einem Schrei in Vlads Auge.
    • Vlads Lachen hallte durch den Keller. Die Drohung des kleinen Menschleins war ja so herzallerliebst!
      Der Mann stürzte sich auf ihn, blind vor Wut, und Vlad tat sein Bestes, sich gegen die wilden Schläge und Angriffe zu wehren. Allzu schwer war es nicht, der Mensch hatte kaum Kraft übrig, selbst in diesem Zustand der Rage. Die Schwierigkeit lag eher darin, dass die Bewegungen des Mannes kaum vorherzusehen waren. Diese Wildheit hatte also auch Vorteile für den Menschen. Die Ketten machten es Vlad nicht einfacher. Er konnte nicht ordentlich ausweichen, also war er sehr viel öfter gezwungen, einen Angriff abzublocken, anstatt ihm einfach von vornherein zu entgehen, wie er es sonst gern tat. Nicht, dass das ein Problem war. Vlad hatte durchaus die Erfahrung für sowas.
      Als dieses dämliche kleine Messerchen ihn in den Arm stach, schoss ein Schmerz durch seinen gesamten Körper, den er so noch nicht kannte. Was zum Teufel waren das für Runen?! Er packte den Arm des Menschleins, als sich sein eigener Daumen wieder richtete. Mal sehen, wie der Mann mit einem gebrochenen Arm weiterkämpfte.
      Er zerrte die Hand von seinem Arm und war drauf und dran, die beiden Knochen darin zu brechen, da wurde seine Welt rot. Schmerz explodierte in seinem Schädel, fraß sich durch Haut, Muskeln, Knochen. Vlad konnte jeden Millimeter and Fortschritt spüren, den dieses Messer in seinem Auge machte, den die Magie der Runen machte. Er schrie nicht. Er brüllte.
      Irgendwie schaffte er es, sein freies Bein zwischen sich und den Menschen zu bringen und ihn von sich zu stoßen. Dummerweise klammerte sich das Menschlein noch an seinen Zahnstocher, der jetzt brutal aus Vlads Auge gerissen wurde. Blut schoss aus dem Loch in seinem Schädel, verteilte sich über dem gesamten Altar. Natürlich presste er eine Hand dagegen, inspizierte den Schaden. Der Schmerz verging nicht, egal wie sehr er der Wunde befahl, sich zu schließen. Dann viel sein Blick auf das kleine Loch, dass das gleiche Messer in seinem Arm hinterlassen hatte. Auch das wollte sich nicht schließen. Was zum Teufel war hier los?!
      Ein Knurren, tief und animalisch - nein, dämonisch - drang aus seiner Kehle.
      "Ich werde jeden einzelnen Knochen in deinem mickrigen Körper brechen und mir daraus Zahnstocher basteln!" brüllte Vlad den Menschen an.
      Er stemmte sich gegen seine Ketten, versuchte mit aller Gewalt, sich davon zu befreien, doch das verzauberte Metall hielt stand. Der verzauberte Stein, hielt stand. Beides machte ihn nur noch wütender!
      "Komm her, du Kakerlake, und stelle dich mir!"
      Der Schmerz fraß sich durch seine Venen - das Silber, soweit Vlad das sagen konnte - aber auch durch seine Knochen. Was waren das nur für Runen?! Es fühlte sich an, als brachen seine Knochen Stück für Stück. Sie hielten, natürlich, aber das Gefühl allein lenkte Vlad ab. Immer wieder glaubte er, sich auf das Reparieren von Knochen konzentrieren zu müssen, während der Schmerz es ihm erschwerte, sich auf irgendetwas zu fokussieren.


    • Das plötzliche Bein zwischen ihnen war wie ein Holzpflock, das den Jäger mit seiner ganzen Länge traf. Er begann nicht den Fehler sich festhalten zu wollen, stattdessen zog er die Gliedmaßen an, um seinen Fall abzufangen. Trotzdem flog er vom Stein und schlug hart auf dem Boden auf. Seine Brust schmerzte von der vorherigen Prellung und jetzt auch noch vom Bein, das Blut rauschte in seinen Ohren. Seine Hand hatte sich um den silbernen Vampirzahn verkrampft, den er immer noch bei sich trug.
      Von diesem Punkt am Boden konnte er Vincents - Lord Harkers, gottverdammt! - Beine sehen, der ausgestreckte Körper, der neben dem Stein lag. Vielleicht war er mittlerweile schon tot. Vielleicht rächte er sich nur noch für eine Leiche.
      Thomas gefiel das ganz und gar nicht. Er war nicht nur hier um ein Monster zu töten, er war hier, um seinen Mann zu schützen, um ihn von dem Scheusal zu befreien, das auf dem Stein thronte. Er würde nicht aufgeben, nicht, bevor er ihn nicht in Sicherheit wusste. Er durfte nicht aufgeben. Vincent musste leben.
      Mühselig stemmte er sich wieder nach oben, ein Kraftakt, der auch schon leichter gewesen war, und wirbelte zu dem Monster auf dem Stein herum. Nur keine Zeit verlieren, ihn gar nicht erst heilen lassen. Gar nicht riskieren, dass Vincent wirklich tot sein würde.
      Das Geräusch, das sich dem Ungetüm aus der Kehle entwendete, hatte etwas abgrundtief bösartiges. Wenn der Jäger jemals daran gezweifelt hätte, dass Vampire - zumindest einige - aus der Hölle entsprangen, hatte er hier den Beweis dafür. Das hier war so weit von einem Menschen entfernt, wie es für ein Lebewesen nur möglich war. Diesem Monstrum durfte nicht erlaubt werden, auf der Erde zu wandeln, Vincent hin oder her. Und Thomas würde es richten. Der Jäger würde dafür sorgen, dass er keinen einzigen Schritt mehr auf dieser Welt unternahm.
      Mit einem antwortenden Brüllen warf er sich wieder auf ihn, das Blickfeld hinter einem roten Schleier seiner ungebändigten Wut, die er auf Vlad losließ. Er gab ihm alles, was sein Arsenal ihm zu bieten hatte. Er schlug, er stach, er schnitt, er hieb auf ihn ein, er zerkratzte seine Haut und riss ihm Haare aus. Es waren nicht nur die Waffen, die er ihm präsentierte, es war alles, 20 Jahre an Erfahrung, an intensivem Training, an perfektionistischer Jagd, die er Vlad spüren ließ, die ganze Wucht eines Jägers, der befürchtete, das einzige zu verlieren, was ihm jemals so viel bedeutet hatte. Und das war nicht sein eigenes Leben.
      Aber im Gegensatz zu seinem Widersacher war er nur menschlich und sein Körper erreichte seine Grenzen, der Kampf dauerte zu lange. Das Adrenalin, das er so lange herausgezögert hatte, verlor jetzt langsam seine Wirkung und Erschöpfung setzte ein, Erschöpfung und Frustration. Unachtsamkeit. Als er nicht schnell genug reagierte und eine eiserne Hand ihm den Unterarm brach, nur ein einziges Zudrücken von genauso stählernen Fingern, aber ein lodernder Schmerz, der in ihm explodierte, brüllte er seinen letzten Kraftakt heraus. Für Vincent. Nur für Vincent. Er benutzte seine andere Hand, solange es ihm noch möglich war, um so viel Silber in den Körper des Vampirs zu pumpen, wie es nur möglich war. So viel, bis es hoffentlich zu viel war. So lange, wie er noch eine funktionierende Hand hatte.
    • So fühlte es sich also an, zu sterben. Vincent hatte das letzte Mal schon gedacht, es könnte nicht schlimmer werden, aber jetzt wusste er es besser. Eine letzte Lektion, die das Leben ihm erteilte, bevor es ihm auf ewig entfleuchte. Was für eine Ironie.
      Ihm war kalt. Viel kälter als jemals zuvor. Sein Körper hatte aufgehört, sich gegen das Silber zu wehren, hatte den Kampf als sinnlos eingestuft. Selbst wenn er noch die Kraft hätte, den kleinsten Kratzer zu heilen, sein Körper würde sich weigern. Es war beinahe so, als hätte er keine Kontrolle mehr über sich selbst, als sei das gar nicht sein Körper, der da starb. Vielleicht war er ja schon tot und das Blut, das noch aus seinem Hals lief war bloß der kümmerliche Rest aus seinem Kopf, der von der Schwerkraft aus seinem Körper gepresst wurde. Vielleicht hatte sein Herz schon lange aufgegeben und erkaltete so wie der Rest von ihm.
      Vincent wusste, dass irgendwo über und hinter ihm ein Kampf tobte, aber er konnte sich nicht daran erinnern, warum, geschweige denn, wer da überhaupt kämpfte. Was war es noch gleich, was er hatte tun wollen?
      Er lächelte, als Thomas' Gesicht vor seinem geistigen Auge aufblitzte. Ach ja, richtig. Er hatte Zeit mit Thomas verbringen wollen. Was würde er dafür geben, sich jetzt in seinem weichen Bett an den warmen Körper des Mannes kuscheln zu können. Moment mal. Was hielt ihn denn davon ab?
      Vincent versuchte, aufzustehen, aber seine Muskeln wollten ihm nicht gehorchen. Stattdessen explodierte sein Hals und sandte eine Flutwelle aus reinem Feuer durch seinen gesamten Körper. Er keuchte auf, nicht in der Lage, noch irgendwelche anderen Laute von sich zu geben, und sank zurück auf den Boden. Etwas zerrte an seinem Arm und er zwang sich dazu, aufzusehen. Da war eine Kette um sein Handgelenk gewickelt. Warum war er denn angekettet? Was sollte das? Wer hatte das getan?
      Etwas großes flog über ihn hinweg und er duckte sich instinktiv - eine schlechte Idee, die eine weitere Welle des Schmerzes durch seinen Körper sandte. Er sackte nun vollends zusammen. Er lag nicht vollständig auf dem kalten Steinboden; seine Schulter wurde von der Kette oben gehalten. Es war nicht besonders bequem, aber was spielte das schon für eine Rolle? Er konnte sowieso nichts außer Schmerz und Kälte wahrnehmen. Wenn er ganz still liegen blieb, dann konnte er vielleicht beidem entgehen.
      Sein Blick landete auf dem Ding, dass da über ihn geflogen war. Es sah aus wie...
      Das Monster knurrte leise, als ihm ein Tropfen Blut aus dem Mundwinkel rann - sein eigenes. Es wusste, dass es nur an den Körper da vor sich herankommen musste und alles würde wieder gut werden. Seine Beute lag direkt vor ihm, gebrochen, blutend...
      "Tho...mas..."
      Vincent erschreckte sich vor dem Krächzen, das da aus seinem Mund kam. War das wirklich seine eigene Stimme? Er versuchte, sich aufzurichten, doch der Schmerz war zu groß, er konnte sich nicht rühren. Über ihm brüllte etwas, der Stein an seiner Schulter vibrierte von der Gewalt, die das Ding erfuhr. Vlad... Vincent erinnerte sich. Vlad versuchte wohl, sich von seinen Fesseln zu befreien, ignorierte ihn und Thomas vollkommen in seiner Wut. Das war die Chance!
      "Lauf..." presste Vincent zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor.
      Thomas musste hier verschwinden, bevor sich beide Monster von ihren Ketten befreiten. Sie würden sich nicht miteinander beschäftigen. Nicht bevor sie ihren Hunger an dem einzigen Menschen im Raum gestillt hätten. Er betete, dass Thomas' Gott zu ihm sprach und ihn dazu brachte, zu verschwinden. Thomas musste das hier überleben!


    • Als er diesmal auf dem Steinboden aufschlug und ein blendender, alles vernichtender Schmerz von seinem gebrochenen Arm durch seinen Körper zuckte, war kein Adrenalin mehr übrig, um seine Muskeln zu befehligen, geschweige denn den Schmerz in den Hintergrund zu drängen. Thomas fühlte alles, von jedem kleinen Kratzer, jeder Schramme über jeden einzelnen Knochen, der gebrochen war, als würde er es erst jetzt erleben. Innerlich schrie er, aber heraus kam nur ein Stöhnen.
      Er musste wieder aufstehen. Er musste es noch einmal versuchen - er hatte es fast geschafft! Vlad tobte und wütete auf seinem Stein, aber einige Wunden verschlossen sich nicht und er verlor Blut, viel Blut. Es war nicht mehr viel, er musste es nur noch einmal versuchen, ein einziges Mal. Vlad wäre vernichtet. Alles wäre vorbei.
      Er schob den gesunden Arm unter sich und stemmte sich nach oben, tausende Gewichte gegen seine einzelnen Muskeln, begleitet von Schweiß, das ihm von der Stirn tropfte. Sein Arm zitterte unter der Anstrengung und er verlagerte das Gewicht auf seinen anderen Ellbogen, aber als er sich zu weit nach vorne lehnte und der Bruch seine explodierende Erinnerung sandte, knickte er wieder keuchend ein. Ausgestreckt lag er wieder auf dem Boden, genau so wie er angefangen hatte, aber ein zweites Mal versuchte er es nicht.
      Vielleicht sollte er sich einfach kurz ausruhen - nur kurz. Nur kurz die Augen schließen und ein kleines Nickerchen machen, das Getose und der Lärm des Vampirs würde ihn davon auch nicht abhalten. Der Stein unter ihm war angenehm kühl und wenn er ganz bewusst versuchte, seinen Arm auszublenden, konnte er vielleicht ein bisschen schlafen. Nur kurz ausruhen. Er würde sich viel besser fühlen.
      Er schloss die Augen und in seinem Kopf liefen dafür sämtliche halbherzigen Diagnosen eines Arztes vorbei, der zwar selbst müde genug war um einfach einzuschlafen, aber einfach nicht anders konnte, als seinen Beitrag dazu zu liefern. Es waren keine sehr fatalen Diagnosen, aber sie alle hatten eine Behandlungsvoraussetzung: Nicht einschlafen. Wach bleiben. Bloß nicht einschlafen.
      Aber Thomas war das egal. Er würde ja nur kurz schlafen. Niemand war bisher gestorben, weil er kurz die Augen geschlossen hatte.
      Dann krächzte jemand seinen Namen und unter all dem Getöse im Hintergrund schien es ihm so merkwürdig deutlich, dass er gar nicht anders konnte, als darauf zu hören. Vielleicht war es ein Engel? War es schon soweit?
      Er mühte die Augen wieder auf und hob den Kopf, um keinen Engel, sondern Vincent, sondern durchaus einen Engel zu sehen, seinen Engel, seinen Vincent, der ganz in seiner Nähe am Stein lag. Eine Blutlache hatte sich unter ihm gebildet, groß und dunkel und lebensbedrohlich, genug Blut, um damit einen ganzen Mann zu füllen. Vincents Blut. Der Dolch stach aus seinem Hals heraus wie ein gebrochener Knochen. Seine Augen waren glasig und dumpf, aber sie waren geöffnet und auf Thomas gerichtet.
      Vincent.
      Thomas machte ein Geräusch, dann richtete er den Arm wieder auf. Vincent. Er begann denselben Fehler wie gerade eben noch einmal, richtete sich auf, stützte sich auf seinen gebrochenen Arm und knickte wieder ein. Aber Vincent. Als er es noch einmal versuchte, schob er sich stattdessen nach vorne und das funktionierte. Er musste sich gar nicht ganz aufrichten, er musste sich einfach nur zu Vincent schieben.
      Vlad tobte über ihnen, als Thomas nahe genug heran gekrochen kam, um die Hand nach ihm auszustrecken. Er schob die Finger in seine blutnassen Haare und rutschte runter, bis er seine Wange in seiner Handfläche bettete.
      Er war so kalt. In Gottes Namen, Vincent war so kalt.
      "Vincent..."
      Vincents blasse Lippen öffneten sich erneut, um ein einziges Wort herauszupressen. Aber Thomas konnte nicht. Er würde nicht. Er würde das hier zuende bringen und vorher würde er Vincent verarzten, er würde nicht gehen, er musste etwas tun, er konnte ihn nicht einfach hier liegen und sterben lassen. Vincent sollte leben!
      Der Arzt hatte dazu nur eine einzige Diagnose. Wäre er eine echte Person gewesen, hätte er die unsichtbare Hand auf Thomas' Schulter gelegt. Vielleicht hätte er ihm dazu geraten, letzte Abschiedsworte zu wählen.
      Aber er wählte keine letzten Abschiedsworte, weil er Vincent nicht sterben lassen würde. Er würde ihn versorgen, er würde ihn wiederbeleben, wenn es nötig war! Vincent würde nicht sterben!
      Er ignorierte sein Wort und wandte sich stattdessen der offensichtlichsten Wunde zu, dem Dolch, der ihm weit aus dem Hals ragte. Es war ein sauberer Stoß, mittendurch, die Haut rundherum rot von Blut, das sich herausgedrückt hatte, aber jetzt langsam weniger wurde. Das war gut. Thomas redete sich verbissen ein, dass das gut war.
      Er richtete sich ein Stück mehr auf, um die Hand vorsichtig um den Griff zu legen, aber er hatte die Finger noch nicht einmal geschlossen, da zuckte Vincent von der Berührung bereits zusammen. Blut tropfte in die Lache hinab.
      Thomas wusste, wo der Dolch saß. Er wusste, wie viel Blut ein Mann in sich haben konnte. Er wusste, wann es zu spät war. Wann es selbst für einen Vampir zu spät war.
      Aber es war Vincent, verdammte Scheiße! Er würde ihn nicht sterben lassen!
      "Vincent -"
      Seine Stimme zitterte mehr als sein Arm. Seine Gedanken sprangen wie wild durcheinander, plötzliche Tränen schossen ihm in die Augen. Er würde Vincent nicht sterben lassen!
      "Vincent, hör mir zu."
      Vlad brüllte. Vincent blinzelte und für einen solch grauenvollen Augenblick dachte Thomas, dass sich diese Augen nie wieder öffnen würden und er schob die Hand wieder in seine Haare.
      "Hör mir zu. Ich werde den Dolch herausziehen. Du musst die Wunde schließen, so schnell es geht, hörst du? Hörst du mich? Du musst sie schließen."
      Vincent konnte nicht. Selbst dafür war er schon zu schwach.
      Tränen schossen Thomas aus den Augen und mischten sich mit dem Schweiß in seinem Gesicht. Auch mit dem Blut.
      "Du musst. Du wirst. Ich lasse dich nicht sterben, Vincent. Ich liebe dich."
      Er griff an sich herab und nahm sich die nächstbeste Klinge, die er umfassen konnte. Er richtete sich weiter auf und als der Schmerz wieder explodierte, presste er so stark die Zähne zusammen, dass sein ganzer Kiefer schmerzte. Er schlitzte sich mit der Klinge über den gebrochenen Unterarm, zuckte und stöhnte. Hellrotes Blut quoll hervor.
      "Du wirst. Ich lasse dich nicht sterben."
      Er kroch weit genug zu ihm, dass er sich richtig positionieren konnte. Er zwang sich mit gequälten Atemzügen, genug aufgerichtet zu bleiben.
      "Ich liebe dich, Vincent."
      Dann riss er den Dolch in einer Bewegung heraus und presste gleichzeitig die blutende Wunde genau auf seinen Mund.

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    • Vincent hatte nicht mehr genug Blut in seinem Hirn, um wirklich zu verarbeiten, was Thomas da tat. Er war viel zu sehr darauf fokussiert, dass der Mann ihn berührte. Seine Hand war so heiß wie Feuer, aber es bekämpfte den Frost, der seinen Körper von innen heraus verbrannte. Vincent wollte sich in der Berührung verlieren, wollte sich auf ewig dagegen lehnen und in Frieden sterben. Aber er konnte Thomas auch nicht allein lassen. Nicht hier. Nicht jetzt. Er konnte nicht sterben, bis er nicht wusste, dass die Liebe seines Lebens in Sicherheit war. Er würde Thomas ja selbst hinauswerfen, wenn er nur die Kraft dazu hätte. Aber er konnte sich nicht rühren, fand kaum genug Energie, um die Augen weiter offen zu halten.
      "Was...?"
      Er beobachtete, wie Thomas sich eines seiner Messer nahm, konnte sich aber nicht vorstellen, was der Mann damit anstellen wollte. Er wollte nach der Klinge greifen, sie Thomas aus der Hand schlagen, aber er wusste nicht, warum. Seine Instinkte sagten es ihm einfach.
      "Ich liebe dich, Vincent," hörte er den Mann, den er liebte, sagen, aber er kam nicht dazu, diese Liebesbekundung zu erwidern, denn Thomas riss den Dolch aus seinem Hals und Vincents Welt versank in heißem, roten Schmerz.
      Das Monster brüllte, als das Silber aus seinem Fleisch gerissen wurde. Doch dann füllte etwas unsagbar wundervolles seines Rachen.
      Vincent riss die Augen auf, als er realisierte, was da gerade geschah. Für einen unendlich langen Augenblick waren Vincents Gedanken so klar wie noch schon lange nicht mehr. Er realisierte Thomas, das Messer in seiner Hand, den gebrochenen Arm, den er an Vincents Lippen hielt. Er spürte jeden einzelnen Tropfen Blut, der ihm über die Zunge und hinab in die zerfetzte Kehle rann. Er musste gar nicht groß darüber nachdenken, den Schaden zu beheben, auf dass er dieses kostbare Geschenk nicht weiter verschwendete. Und der Riss schloss sich in weniger als einem menschlichen Herzschlag. Die wenigen Tropfen, die Vincent von Thomas' Blut getrunken hatte, reichten bereits aus, um all seine Zellen zu vitalisieren. Das Monster frohlockte und es teilte seine Macht mit dem Mann. Ein Teil von Vincent wollte den Arm von seinen Lippen reißen, doch als er seine Hände sanft darum schloss, da konnte er es nicht. Sein Körper gehorchte ihm noch immer nicht ganz, und so konnte er nichts weiter tun, als seine Zähne in Thomas' Arm zu drücken und zu trinken.
      Der Geschmack war unbeschreiblich. Vincent hatte schon Blut von Menschen getrunken, ganz am Anfang als Vlad ihm keine andere Wahl gelassen hatte, aber das hier war nicht damit zu vergleichen. Vielleicht war es die lange Zeit der Abstinenz. Vielleicht war es die Liebe, die er zu diesem Mann empfand. Aber Thomas' Blut war mit Abstand das Beste, was Vincent je hatte genießen dürfen. Ihm entrang sich ein leises Stöhnen, als er den ersten wirklichen Schluck nahm, als sich der Geschmack auf seiner Zunge, in seinem Mund, in seinem Körper ausbreitete. Gebrochene Knochen setzten sich wieder zusammen, gerissene Muskeln und Sehnen fangen wieder zueinander, aufgeplatzte Haut schloss sich. Binnen Sekunden war Vincent wie neu geboren.
      Das Monster wollte mehr. Das Monster wollte diesen Fleischsack voller Blut vollständig leeren, ihn sich einverleiben. Doch das Monster wurde von dem Mann mundtod gemacht. Der Mann fesselte das Monster, knebelte es und verbannte es in eine Ecke. Das Monster tobte, doch der Mann ignorierte es.
      Vincent löste seine Zähne aus Thomas' Arm, leckte die kleinen Einstichlöcher und den zittrigen Schnitt sauber. Sein Speichel würde die Wunde reinigen. Er zog Thomas in seine Arme und hielt ihn dicht an sich, sein Körper nun wärmer als der des Menschen. Er küsste ihn sanft auf die Stirn.
      "Das hättest du nicht tun sollen," flüsterte er Thomas zu. "Aber ich danke dir. Ich liebe dich auch."
      Er hob sein eigenes Handgelenk an seine Lippen, biss hinein und presste es an Thomas' Lippen. Er wusste, Thomas wollte sein Blut nicht, aber genau wie er sah sich Vincent gezwungen, diese eine Grenze zu überschreiten, um die Liebe seines Lebens nicht zu verlieren. Thomas würde länger brauchen, um sich zu regenerieren, das wusste er. Aber er würde nicht sterben. Nicht, solange Vincent noch am Leben war.
      Nach nur wenigen Augenblicken entfernte er sein Handgelenk von Thomas Mund und beugte sich zu ihm hinab, um ihn zu küssen.
      "Wage es ja nicht, zu sterben, hörst du?"
      Vincent bettete den Mann sanft auf dem Boden, in der Lache aus Blut, die sie beide gemeinsam erschaffen hatten.
      "Du schuldest mir noch einen Ring."
      Mit einem Lächeln stand Vincent auf. Er betrachtete den tobenden Vlad in aller Seelenruhe, beobachtete, wie sich dieses Tier vergebens gegen seine Ketten wehrte. Vincent betrachtete auch die Kette an seinem Handgelenk. Alles spielte sich in Zeitlupe ab. Er fühlte sich stark, so stark wie noch nie. Er würde Thomas' Geschenk nicht verschwenden.
      Vincent passte den Augenblick genau ab, bevor er die Kette um Vlads Hals legte und zudrückte. Sein alter Meister fauchte, schlug um sich, biss die Luft in seinen Versuchen, zu entkommen.
      "Weißt du, was man mit wildgewordenen Tieren macht, Vlad?" fragte Vincent ganz ruhig. "Man schenkt ihnen den Gnadentod."
      Vincent sank auf die Knie neben dem Altar, riss Vlad mit sich bis dieser flach auf dem Stein lag. Er schlug noch immer um sich, doch er hatte keine Chance gegen diesen neuen, starken Vincent - nicht in seinem zerfledderten Zustand. Vincent griff nach dem kleinen Messer, das aussah wie ein Vampirzahn, registrierte die Runen darauf. Die Magie in dieser Waffe brannte in seiner Handfläche, doch er konnte es ignorieren. Was war schon ein bisschen Feuer? Ein bisschen Silber? Er führte das Messer an Vlads Kehle, drückte es tief in den Hals seines alten Meisters und riss es zur Seite. Dieser eine Schnitt war tief genug, um den alten Vampir beinahe vollständig zu enthaupten. Vincent ließ das Messer fallen und riss an der Kette, bis er das verräterische Knacken von Knochen hörte.
      Und dann war es vorbei. Vlads Körper erstarb; von jetzt auf gleich hörte er auf, sich zu wehren. Der Kopf des Mannes landete neben Vincent auf dem Boden, das heile Auge weit aufgerissen und schon lange nicht mehr menschlich.
      "Finde Frieden, Vlad," flüsterte Vincent und schloss das Auge mit blutigen Fingern.
      Er wusste nicht, was er erwartet hatte. Aber er fühlte sich freier als vorher, als habe jemand en Gewicht von ihm genommen, von dem er nicht wusste, dass es überhaupt da gewesen war. Vincent hatte das Gefühl, zum ersten Mal in seinem langen Leben als Vampir, wieder atmen zu können.
      Er nahm auch gleiche einen tiefen Atemzug, registrierte all die Gerüche, die in der Luft lagen: Vlads Blut, Vincents Blut, Thomas' Blut; den Schmerz, die Wut, die Gewalt. Er rollte mit den Schultern, ließ seinen Nacken knacken. Dann beute er sich zu Thomas hinunter und hob ihn auf, trug seinen noch immer gebrochenen Körper sanft aus der Hölle des Kellers.

      Vincent nutzte die Energie, die Thomas ihm geschenkt hatte, um den Mann zu versorgen. Er kümmerte sich um all die Verletzungen, die er erlitten hatte, machte ihn sauber, kleidete ihn neu ein. Er beobachtete Thomas, wie er ruhig atmete, lauschte dem steten Herzschlag des Mannes. Ihm war vollkommen egal, was in seinem Haus vor sich ging, solange er nur bei Thomas sein konnte, der da in seinem Bett lag und sich von dem Kampf erholte, der Vincent zweihundert Jahre gekostet hatte. Er spürte Thomas' Herzschlag wie seinen eigenen, dank des Blutes, das durch seine Adern rauschte. Er wusste genau, wo er verletzt war, wo er Schmerzen hatte. Er wusste, wann diesem bewusstlosen Mann kalt war, wann ihm warm war. Sie hatten Vlad über ihren Blutbund angelogen, jetzt aber hatten sie einen und Vincent sah sich nicht in der Lage dazu, Thomas' Seite zu verlassen. Also lag er einfach da, neben Thomas auf den Decken, die ihn warm hielten, und beobachtete, wie sein Blut in Thomas' Adern seine Arbeit leistete und ihm beim Heilen half. Knochenbrüche, die Wochen brauchten, würden in wenigen Tagen verheilen. Der Schnitt an Thomas Arm war bereits am Morgen nach Vlads Tod schon am Abheilen. Thomas war weit davon entfernt, als Vampir zu enden, darauf hatte Vincent geachtet. Aber das Warten darauf, dass es ihm besser ging, machte ihn fast wahnsinnig.
      "Komm zu mir zurück, Thomas," flüsterte Vincent am Abend nach Vlads Tod. "Lass mich nicht allein."


    • Thomas konnte den Blutfluss spüren, wie es aus seinem Arm gesogen wurde, wie seine Venen sich schneller leerten, als sie sich füllten. Der meiste Schmerz kam vom Druck auf seinen Bruch, so wie er die Wunde gewaltsam an Vincents Mund drückte. Aber der Vampir hatte fast augenblicklich zu trinken begonnen, das Loch in seinem Hals im einen Moment noch da und im nächsten verschwunden. Farbe kehrte in sein Gesicht zurück, seine Augen wurden wieder klarer. Wunden schlossen sich, binnen eines Augenblicks.
      Der Arzt wäre fasziniert gewesen. Der Jäger wäre entsetzt gewesen. Thomas war erleichtert. Aber mit jeder verstreichenden Sekunde fühlte er, wie eine Kälte in seinen Körper kroch, der seine Gliedmaßen schwer und träge machten. Vage dachte er daran, dass er Vincent dazu bringen sollte, aufzuhören. Genauso vage bemerkte er, wie vorsichtig er ihn berührte, wie sanft er seine Lippen um ihn geschlossen hatte.
      Aber die Wahrheit war, dass er nichts dagegen unternehmen würde. Er vertraute Vincent sein Leben an. Wenn er starb, und wenn es durch dessen Hände geschah, war das nichts, wogegen er etwas unternommen hätte. Nicht, wenn es bedeutete, dass der andere leben konnte.
      Seine Gedanken wurden schwer. Es war mühsam, sich aufrecht zu erhalten, seine Glieder zu schwer, seine Muskeln zu schwach. Er sackte zusammen, als Vincent seine Lippen von ihm löste und das letzte bisschen Wärme, das er zurückgelassen hatte, wich einer eisigen Kälte. Seine Lider waren schwer. Er stöhnte leise, als Vincent ihn bewegte.
      Weiche Lippen drangen durch den Nebel hindurch, der sich in seinem Kopf auftat, Vincents Stimme, der er sich automatisch entgegen lehnte. Er spürte ihn noch, eine glühende Wärmequelle, auf der er seinen Kopf aufruhte, aber seine Worte kamen nicht ganz zu ihm durch, als wäre er Unterwasser und würde nicht gut hören können. Träge blinzelte er. Er war mit einem Mal so unbeschreiblich müde.
      Etwas drückte sich an seine Lippen und der Geschmack von Blut füllte seinen Mund, bitter und zähflüssig und viel zu viel davon. Ihm wurde schlecht davon, eine ganz instinktive Reaktion, mit der er sich eigentlich losreißen wollte, aber sein Kopf war zu schwer für seine schwachen Muskeln. Er stöhnte nur, schluckte - und die Wärme kam zurück. Sie füllte ihn aus, dort, wo er das Blut seine Kehle herablaufen spürte und breitete sich auch in den restlichen Körper aus, als es erst in seinem Rumpf erreicht hatte. Der Nebel lichtete sich gerade soweit, dass ihm klar wurde, was Vincent da tat und dann wehrte er sich auch nicht mehr. Es war in Ordnung so. Er vertraute ihm.
      Das Handgelenk wurde von Lippen ersetzt und Thomas hob die gesunde Hand gerade soweit, um Vincents blutverschmierten Anzug zu greifen. Sein Griff war nicht stark, aber er hielt ihn fest für einen Kuss, der eine Ewigkeit, oder auch nur eine Sekunde andauern mochte. Ich liebe dich. Ich vertraue dir. Geh nicht weg.
      Vincent löste sich von ihm und Thomas blinzelte in das Gesicht hinauf, das er kannte, das nicht durch eingefallene Augen und schlaffen Lippen und einem Dolch aus dem Hals verunstaltet war. Das Gesicht seines Vincents.
      "Okay."
      Vincent bewegte ihn erneut und als er sich diesmal von ihm löste, ging er ganz von ihm weg und nahm die Wärme mit sich. Thomas' Hand fiel in seinen Schoß zurück und als er merkte, dass der Nebel wiederkam, dass er in einhüllte und einlullte, wollte er seine Hand wieder nach ihm ausstrecken. Geh nicht. Ich glaube, ich sterbe. Geh nicht weg. Aber der Boden war unglaublich weich, so bequem und das Blut, in dem er saß, war noch warm, es wärmte seine Beine und es wäre ja nicht schlimm, wenn er sich nur kurz ausruhen würde. Nur ganz kurz die Augen schließen, damit er Kraft genug hatte, um aufzustehen. Ganz, ganz kurz.
      Thomas tauchte ins Nichts ab und sackte in sich zusammen.

      Zu sich zu kommen war eine Anstrengung, die es nicht wert schien. Er hatte dieses Gefühl mehrmals, als er glaubte, etwas hören und spüren zu können, aber alles war so warm und so weich und er würde nur ein bisschen länger schlafen, da war doch nichts schlimmes dran. Er driftete immer wieder ab und irgendwann glaubte er von einem Engel zu träumen, der zu ihm sprach.
      Aber die Stimme kannte er und als er die Hand nach dem Engel ausstrecken wollte und er verpuffte, war sie noch immer da. Er kannte sie und er hatte das unglaublich starke Bedürfnis zu erfahren, was sie zu ihm sprach.
      Aufzuwachen dauerte trotzdem länger, als er es sich vorgestellt hatte, und nur diese sanfte, liebevolle Stimme zog ihn weiter an, wie ein Seil, an dem er sich festhalten konnte, um zurück zur Oberfläche zu gelangen. Er wollte wirklich, wirklich die Quelle dieser Stimme sehen.
      Seine Augen öffneten sich quälend langsam und nahmen Schemen war, die erst nach einigen Sekunden Gestalt annahmen und erst zu richtigen Formen, dann zu Möbelstücken wurden. Es wäre viel einfacher, einfach wieder einzuschlafen, aber er wollte so unbedingt zu der Stimme gelangen.
      Dann schob sich ein Gesicht in sein Blickfeld, ein Paar heller, strahlender Augen, ein markantes Kinn, liebliche Lippen. Es dauerte länger, bis aus diesem Gesicht eine Person wurde: Vincent. Aber als er ihn endlich erkannt hatte, lächelte er so viel, wie es seine trägen Gesichtsmuskeln zuließen.
      "Hey."
      Seine Stimme war ganz kratzig, ein Fremdkörper in seinem Hals. Sein Mund fühlte sich trocken und wattig an, seine Lippen waren aufgerissen, er spürte ein dumpfes Pochen in seinem Arm und eins in seiner Brust. Als er die Hand nach Vincent ausstrecken wollte, war die Decke im Weg, schwer genug, dass er sie nicht einfach wegschieben konnte.
      In seinem Kopf herrschte noch Nebel, aber er erinnerte sich mit der Zeit wieder an einige Sachen: An Vlad, den Stein, an die Ketten, an diverse Waffen, an eine Menge Blut. An einen ausgestreckten Körper neben dem Stein, an bleiche Lippen, an dumpfe, blaue Augen, die zu lange blinzelten. An ein viel zu bleiches Gesicht. An noch viel mehr Blut.
      Er zog die Augenbrauen zusammen und kämpfte darum, dass sein Körper endlich anständig aufwachen würde. Vincent brauchte ihn schließlich.
      "Geht es dir gut? Ist es vorbei?"
    • Er spürte Thomas' Erwachen, bevor der Mann die Augen öffnete oder gar versuchte, sich zu bewegen. Das Blut in Vincents Adern verriet ihm, wie der Mann um sein Bewusstsein kämpfte. Er wartete geduldig darauf, dass Thomas diesen Kampf gewann.
      Thomas' Stimme zu hören, so ausgemergelt sie auch klang, war Balsam für Vincents Ohren. Er hatte noch nie etwas wundervolleres gehört, als die wenigen Worte, die Thomas über seine Lippen brachte.
      Vincent schob eine Hand unter die Decken, legte sie auf Thomas' Brust, genau über dessen Herz. Sein eigenes Blut pochte im gleichen Rhythmus wie das Organ unter seiner Hand, ein perfekter Gleichklang, der Vincent durch Mark und Bein ging. Die Macht ihres neuen Bundes drohte, ihn zu überwältigen.
      "Wir haben gewonnen," flüsterte Vincent und rückte näher an Thomas heran, lehnte seinen Kopf vorsichtig gegen dessen Schulter. "Vlad ist tot. Wir sind am Leben."
      Der Duft von Thomas' Kehle war verlockender denn je. Vincent war drauf und dran, die empfindliche Stelle an Thomas' Hals zu küssen, riss sich aber zusammen, erinnerte sich daran, wie der Mann das letzte Mal darauf reagiert hatte. Dennoch: alles in ihm wollte den Mann mit der Liebe überschütten, die er für ihn empfand, jetzt mehr denn je. Statt Thomas also auf den Hals zu küssen, drückte er ihm bloß einen gegen die Schläfe.
      "Du wirst heilen," versicherte er Thomas. "Zwei Tage noch durch meine Hilfe, danach..."
      Vincent sprach es nicht aus, aber er wünschte sich nichts sehnlicher, als dass Thomas ihm erlaubte, ihm noch einmal zu helfen, bis auch noch der letzte Kratzer verheilt war. Dieser Drang ging über seine Sorge für Thomas hinaus. Es fühlte sich mehr so an, als müsse er auf einen Teil seiner selbst achten - und im Augenblick war Thomas das ja auch. Diese ganze Sache verwirrte Vincent ungemein. Er sollte auf seine Instinkte hören - so war es ihm beigebracht worden - aber er konnte nicht. Wenn er auf seine Instinkte hörte, würde er das Vertrauen von Thomas nur noch weiter missbrauchen. Er würde es doch wohl drei Tage schaffen, seinen Instinkten zu widerstehen! Aber das war erst der Anfang, nicht wahr? Zweihundert Jahre hatte Vincent auf menschliches Blut verzichtet und jetzt hatte er es wieder gekostet. Er würde nicht nur die nächsten drei Tage seiner Natur entsagen müssen. Er würde es für den Rest seines Lebens - seines unsterblichen Lebens - tun müssen.
      Vincent kuschelte sich noch enger an Thomas, um sich von all diesen wirbelnden Gedanken abzulenken.
      "Du musst dich ausruhen," murmelte er. "Du hast es dir verdient."


    • Thomas entspannte sich fast augenblicklich, als Vincent ihm sagte, dass es vorbei war. Vlad war tot, sie waren es nicht. Das war wirklich alles, was im Moment wichtig war.
      Beruhigt seufzte er und machte sich die Mühe, Vincent erreichen zu wollen. Die Decke war ihm im Weg und sein ganzer Arm scheiterte daran, aber da kam Vincent schon zu ihm gerückt und legte seinen Kopf an seine Schulter. Jetzt war wirklich alles gut. Jetzt hatte Thomas alles, wonach er sich hätte sehnen können.
      Zufrieden schloss er wieder die Augen, das Lächeln in seinem Gesicht steigerte sich. Mit Vincents Erwähnung erinnerte er sich auch wieder an mehr, an sein eigenes Blut, das er dem anderen in den Mund drückte, an das andere Blut, das er geschmeckt hatte. An die Kälte und an Vincents sanfte Worte. An unglaublich große Müdigkeit.
      Vermutlich war es eine schlechte Idee, den Vampir, dessen Abstinenz er eigenhändig gebrochen hatte, so nah zu sich zu lassen, während er selbst kaum einen Finger rühren konnte, aber er konnte wirklich nicht genug Kraft aufbringen, um sich darüber Gedanken zu machen. Es war Vincent, in Gottes Namen. Der Jäger sollte es gefälligst lernen und seinen Argwohn für alle anderen Vlads aufbehalten, die es auf dieser Welt noch geben konnte.
      Vincent kuschelte sich enger an ihn und Thomas hätte ihn in die Arme genommen, beschränkte sich aber zumindest darauf, dass er seine Hand nach oben schob, bis er sie auf Vincents auf seiner Brust legen konnte. Ihre Finger verwoben sich unwiderruflich miteinander und bildeten ein Band, an dem er sich festhalten konnte.
      "Geh nicht, okay?"
      Er war schon wieder abgesunken, bevor er überhaupt die Antwort hören konnte.

      Die nächsten Male aufzuwachen fiel ihm wesentlich leichter und obwohl er keinerlei Gefühl für die Uhrzeit oder den Tag hatte, wusste er, dass er immer kürzer und normaler schlief. Das war höchst merkwürdig, wenn man bedachte, dass er sich schon zwei Abende darauf fit genug fühlte, um aufstehen zu wollen und seine Beine zu strecken, auch wenn er eigentlich gar nicht so weit sein dürfte. Eigentlich hätte er sich selbst noch mindestens eine Woche gegeben, bis er überhaupt ansprechbar gewesen wäre, und dann noch einmal zwei Wochen, bis er sich wieder soweit aufgepäppelt hätte, dass man seine Wunden hätte verarzten können. Aber er hatte schon einen Abend danach seine gesunde Körperfarbe zurück und äußere Wunden hatte er sowieso nicht, keinen einzigen Schrammer, keinen Kratzer, keine Narbe, keinen Einstich - nicht einmal die Wunde, die er sich für Vincent zugefügt hatte, obwohl er sich sehr genau daran erinnerte, wo er sie gesetzt hatte. Nichts. Das einzige, was übrig geblieben war, war ein überaus unangenehmes Stechen im Brustkorb, dass ihm manchmal das Atmen erschwerte - vermutlich eine oder mehrere sehr ungünstig gebrochenen Rippen - und sein Arm. Aber selbst das schmerzte nicht so, wie es sollte. Auch wenn er darauf verzichtete, irgendeine Art von unnötigem Druck auszuüben, konnte er gut ohne Schmerzmittel auskommen.
      Und was in allen Fällen merkwürdig war, war Vincent. Der Mann war geradezu überschwenglich dabei, sich um Thomas kümmern zu wollen - wogegen er rein gar nichts einzuwenden hatte - aber er kannte diesen Blick nicht. Er wusste nicht, was er damit anfangen sollte, wenn Vincent ihn betrachtete, als wäre er ein Schatz, etwas unglaublich Wertvolles, das er mit allen Mitteln erhalten wollte. Es gefiel ihm sogar. Er mochte es, wenn die Augen des anderen glitzerten, wenn er gleich zur Stelle war, nur, um Thomas zu umsorgen. Es war herzerwärmend.
      Merkwürdig war es trotzdem.
      "Vincent."
      Thomas saß aufrecht im Bett, weil das soviel Bewegung war, wie er sich selbst eingestehen wollte. Er hätte vermutlich aufstehen können, aber sein Verstand hielt ihn davon ab. Er wusste schon, dass es das Werk des Vampirbluts war, das er getrunken hatte, aber es war trotzdem beängstigend, wie schnell es ging.
      Vincent hatte ihm etwas zu Essen gebracht. Zum zweiten Mal an diesem Abend. Obwohl das erste noch zu Teilen auf dem Nachttisch stand.
      "Ich finde es rührend, wie sehr du dich um mich kümmerst, aber langsam habe ich den Verdacht, da steckt mehr dahinter. Sprich mit mir. Stell das ab, ich bin wirklich satt."
    • Tierblut hatte noch nie furchtbarer geschmeckt. Am ersten Abend hatte er es allein vom Geruch her schon abgelehnt, und er hatte sich fit genug gefühlt, um tatsächlich problemlos darauf zu verzichten. Doch am zweiten Abend hatte er dann doch Hunger gehabt. Es hatte ihn zu Thomas gezogen als es sei es das Natürlichste der Welt, doch Vincent hatte sich rechtzeitig selbst aufgehalten - in der Tür stehend, wie der den schlafenden Thomas beobachtete. Er hatte sich daran erinnert, dass er sein Essen nicht aus den Adern dieses Mannes bekommen würde. Allein dieser Gedanke hatte ihm die Stimmung ruiniert. Und dann hatte er dieses teuflische Zeug in der Hand gehalten und beinahe gewürgt, als er es an seine Lippen führte. Fünf Minuten kämpfte er mit sich, das ranzige Blut nicht gleich wieder auszuspucken. Ihm war nicht klar gewesen, dass Vampire Magenverstimmungen bekommen konnten.
      Vincent hatte sich gerade sein Glas Blut für diese Nacht reingezwängt, bevor er mit einer weiteren Portion vom Abendessen für Thomas zurück in sein Schlafzimmer ging. Den Mann zu sehen ließ ihn den widerwärtigen Geschmack auf seiner Zunge vergessen.
      Und dann erwischte Thomas ihn.
      Wie befohlen stellte Vincent den Teller auf dem Nachttisch ab und setzte sich neben Thomas - auf die Bettkante, nicht direkt neben ihn, wie es jede Faser seines Seins von ihm verlangte. Thomas' Blut war praktisch aus seinem System verschwunden und auch Thomas würde nur noch wenige Spuren von dem seinen in sich tragen, aber der Bund würde noch eine ganze Weile weiter bestehen.
      Vincent griff nach Thomas' Hand, das konnte er sich nicht selbst verbieten. Er brauchte den körperlichen Kontakt, hatte ihn in den letzten Tagen und Nächten ausgiebig gesucht.
      "Natürlich steckt mehr dahinter," antwortete er. "Wie könnte es nicht?"
      Er nahm einen tiefen Atemzug - einerseits, um sich zu wappnen, andererseits, um den lieblichen Duft von Thomas aufzunehmen.
      "So viele Dinge haben sich verändert. Vlad ist tot und das... das habe ich gespürt. Körperlich. Er ist weg und mit ihm eine Fessel, ein Gewicht, von dem ich nichts wusste. Ich habe mich noch nie so leicht gefühlt. Und dann ist da noch die Sache mit dem Blut..."
      Die Erinnerung an Thomas' Blut in seinem Mund, seiner Kehle, durchlief ihn. Dieser himmlische Geschmack, der sich in seinem gesamten Körper ausbreitete.
      "Du hast mir dein Blut gegeben. Und auch wenn es schon drei Tage her ist und das Gefühl langsam schwindet..." Vincent strich hauchzart mit einem Finger über die Stelle, an der Thomas' Arm gebrochen und nun wieder verheilt war. "Kann ich doch noch ganz genau das Stechen deiner Verletzungen spüren. Das Echo deines Herzschlags in meiner eigenen Brust."
      Er zog seine Hand zurück und beschränkte sich wieder darauf, Thomas' Hand zu halten.
      "Dass ich dir mein Blut gegeben habe, macht es nicht besser. Naja, eigentlich schon. Es ist kompliziert. Wir sind jetzt tiefer miteinander verbunden. Du spürst es wahrscheinlich auch, wenn auch bei weitem nicht so genau wie ich. Für dich dürfte es nur ein Gefühl sein, wenn du mich ansiehst, oder an mich denkst. Aber für mich... ich kann dich spüren. In meinen Adern. Es ist ein schwacher Blutbund, aber es ist ein Bund und ich... Ich muss mich mit aller Kraft davon abhalten, bestimmte Dinge zu tun. Ich kann meine Instinkte kaum im Griff halten, wenn ich in deiner Nähe bin, aber von dir fernzubleiben ist unmöglich. Ich... Du bist ein Teil von mir. Im wahrsten Sinne des Wortes. Und ich..."
      Er kniff die Augen zu, biss die Zähne zusammen, als seien die nächsten Worte schmerzhaft auszusprechen.
      "Ich will mehr von dir. Der Gedanke, dich nicht mehr in meinen Adern zu spüren ist... er ist unerträglich. Es fühlt sich an als lasse ich einen Teil von mir selbst sterben."


    • Bereitwillig reichte Thomas Vincent seine Hand und hielt ihn gut fest. Er hätte ihn näher zu sich gezogen, aber der Mann schien sich strategisch an der Bettkante platziert zu haben und das wollte er nicht übergehen.
      Aufmerksam hörte er ihm zu. Es war klar, dass der Ausgang des Kampfes etwas in Vincent verändert haben musste, denn wo Thomas nur einen sehr mächtigen, lästigen Vampir gesehen hatte, hatte der andere eine 200 Jahre alte Beziehung hinter sich gelassen, die alles andere als glimpflich ausgegangen war. Und das war schon ohne die Tatsache, dass er zum ersten Mal seit Vlad wieder Menschenblut zu sich genommen hatte.
      Aber der Bund war ihm neu, der schwache Blutbund, der sie verbinden sollte. Aber eigentlich fühlte er sich nicht sonderlich anders gegenüber Vincent als sonst auch. Er hatte ein starkes Bedürfnis nach seiner Nähe, aber das dürfte auch kein Wunder sein, nachdem er in diesem einen Augenblick schreckliche Angst gehabt hatte, dass sein unsterblicher Freund sterben würde. Und dann war da noch die Tatsache, dass er es nicht mochte, wenn Vincent von ihm wegging. Er wollte nicht von ihm alleingelassen werden.
      Aber das war nicht der Bund, das war nur... Erschöpfung wahrscheinlich. Thomas runzelte die Stirn.
      Er beobachtete, wie Vincent mit sich rang. Als er sich wohl dazu durchringen konnte anzusprechen, worum es ihm wirklich ging, legte Thomas den Kopf ein wenig schief.
      War es eine Überraschung, dass er sich mit dem ersten Menschenblut nach Jahrhunderten nach mehr sehnte? Nicht wirklich. Es war eine Überraschung, dass er trotzdem hier saß und dass er sich vor wenigen Minuten noch so dicht an Thomas gekuschelt hatte, dass sie völlig ineinander verschlungen gewesen waren. Thomas musste mittlerweile seinen gesunden Herzschlag zurück erhalten haben und Vincent wusste jetzt auch, wie er schmeckte. Es musste ihm sämtliche Willenskraft kosten, sich nicht an Thomas zu werfen.
      Und trotzdem war so normal wie sonst. Vielleicht ein bisschen anhänglicher. Vielleicht ein bisschen liebenswürdiger.
      Schweigend betrachtete er Vincent für einige Sekunden nur.
      "Möchtest du mehr von meinem Blut? Ist es das, was du mir sagen willst?"
      Er schwieg wieder einen Moment, dann setzte er sich ein bisschen aufrechter hin.
      "Vincent, du hast mir das Leben gerettet - zwei Mal. Ein Mal, als du aufgehört hast, als ich dich nicht mehr dazu hätte bringen können, und ein Mal, als du mir dein Blut gegeben hast. Ich kann zwar nicht nachempfinden, wie schwierig es für dich sein muss, dir jetzt nicht mehr zu holen, was du haben willst, aber ich weiß, dass du es nicht einmal versucht hast. Dabei habe ich die meiste Zeit geschlafen und dann auch noch auf dir."
      Er drückte seine Hand ein bisschen.
      "Ich habe dir mein Leben anvertraut. Ich tue es immernoch. Wenn du mehr von mir haben möchtest, will ich dir mehr geben."
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