[2er RPG] In his Thrall [Codren feat. Pumi]

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    • Die Stille raubte Vincent den Verstand. Die wenigen Sekunden, die Thomas nach seiner Offenbarung schwieg, waren eine ganz andere Ewigkeit als die, die Vincent bereits durchlebt hatte.
      "Möchtest du mehr von meinem Blut? Ist es das, was du mir sagen willst?"
      Vincent nickte, bevor er überhaupt über eine Antwort nachgedacht hatte. Er sollte sich nicht dafür schämen, zu wollen, was in seiner Natur lag. Er solle sich nicht für sich selbst schämen, nicht vor Thomas. Und doch tat er es. Er hatte bisher immer auf Vlad verweisen können, hatte behaupten können, diese Seite von ihm sei der Fehler seines Meisters, aber jetzt, wo Vlad nicht mehr da war, ging das nicht mehr. Da war nur er. Dieses Monster in seinem Inneren... das war Vincent.
      Als Thomas fortfuhr, konnte Vincent nichts anderes tun, als ihn offen anzustarren. Hatte er sich gerade verhört?! Er musste sich verhört haben. Und dennoch reagierte sein Körper auf diese Hoffnung: seine Augen wurden eine Spur heller, seine Zähne ein Spur schärfer.
      "Du... du würdest mich... Ich dürfte mich an dir nähren?" stammelte Vincent.
      Im nächsten Augenblick saß er neben Thomas, direkt neben ihm. Er hielt sich noch immer an dessen Hand fest, als sei das alles, was ihn davon abhielte, sich sofort Thomas' Hals zu nähern. Seine andere Hand lang an Thomas' Wange, seiner warmen, weichen Wange. Der animalische Teil in ihm wollte Thomas am Bart packen und ihn an sich reißen, um sich zu nehmen, was ihm soeben versprochen worden war.
      Vincent sagte nichts, hatte keine Worte hierfür. Also lehnte er sich vor und küsste Thomas, hauchzart, die Berührung so flüchtig wie eine Sommerbrise, bevor er seine Stirn gegen die von Thomas lehnte. Ein besitzergreifendes Brummen löste sich aus den Tiefen seiner Kehle. Thomas wusste gar nicht, wie sehr er ihn wollte - auf jede nur erdenkliche Weise. Thomas wusste gar nicht, was für ein Geschenk er ihm gerade gemacht hatte.


    • Mit dieser Antwort hatte Vincent nicht gerechnet, das war ihm deutlich anzusehen. Er starrte Thomas so entgeistert an, als hätte dieser… nunja, ihm soeben erlaubt, von seinem Blut zu trinken. Es warf ihn so aus der Bahn, dass Lord Vincent Harker, der hoch angesehene und selbstbewusste Mann, ins Stammeln geriet. Seine Augen wurden unfassbar groß und rund.
      Thomas lächelte unweigerlich. Wenn er gewusst hätte, wie begeistert er ihn mit einer solchen simplen Sache machen konnte, hätte er es womöglich früher versucht. Nur, dass die Sache früher auch nicht so simpel gewesen wäre.
      Im nächsten Moment saß er neben ihm und so viel Thomas sich auch an Vincent gewöhnen konnte, er zuckte trotzdem von seiner Schnelligkeit zusammen. Nur war er noch immer sanft, noch immer so gänzlich liebevoll zu ihm, sein Herz beruhigte sich gleich wieder, kaum als es einen Hüpfer getan hatte.
      Sie küssten sich, eine gar vorsichtige Berührung, bevor Vincent seine Stirn an ihn legte und ein tiefes, fast animalisches Brummen von sich gab. Thomas drückte seine Hand noch einmal, seine andere lag nutzlos in seinem Schoß.
      Er schmunzelte.
      Ruhig, mein Großer. Wir machen es unter zwei Bedigungen: Die erste ist, dass du mich fragen wirst, bevor du mich beißt. Ich will nicht fürchten müssen, mit Zähnen im Hals aufzuwachen. Und wenn ich es als notwendig empfinde, werde ich dich auf Diät setzen.
      Seine Miene wurde wieder ernster.
      Die zweite ist, dass du selbstständig aufhören wirst. Ich vertraue dir Vincent, ich tue es wirklich, aber es wird mir nicht gefallen. Du wirst langsam sein müssen und ich muss mich darauf verlassen können, dass ich sicher bin. Verstehst du?
      Er löste seine Hand von ihm, um ihm auch die Hand an die Wange legen zu können. Zärtlich strich er ihm die Wange entlang.
      Ich vertraue dir, Vincent.
      Und mit einem nervöseren Herzschlag:
      Küss mich.
      Aber als Vincent sich wieder zu ihm lehnte, um ihm diesen Wunsch zu erfüllen, lehnte er stattdessen den Kopf nach hinten und präsentierte ihm seinen entblößten Hals.
    • "Ich würde niemals ohne zu fragen handeln," bestätigte Vincent sofort und ohne zu zögern. "Das ist ein Geschenk, das du mir gibst. Ich werde mir niemals etwas von dir nehmen, ohne dass du mich lässt."
      Ein Teil von Vincent fürchtete, dass Thomas zu viel Vertrauen in seine Kontrolle setzte. Er hatte unten im Keller nur aufgehört, weil er gespürt hatte, wie Thomas in seinen Armen starb - etwas, was er nicht hatte zulassen können. Er hatte in den letzten zwei Jahrhunderten kein menschliches Blut zu sich genommen, daher konnte er nicht sagen, wie viel Kontrolle er tatsächlich über sich und das Monster in seinem Inneren hatte, wenn es ihm erlaubt war, sich zu nähren, wie er wollte.
      Doch dann legte Thomas ihm die Hand and die Wange und Vincent zog Kraft daraus. Thomas' Vertrauen allein gab ihm Grund zur Sorge, ja, aber es gab ihm auch Grund dafür, an seine eigene Stärke zu glauben. Das hier konnte funktionieren. Und wer, wenn nicht Thomas wäre dazu in der Lage, ihn von Schlimmerem abzuhalten?
      Vincent ergriff Thomas' Hand and seiner Wange.
      "Küss mich."
      Nur zu gern, dachte er sich und lehnte sich vor. Als seine Lippen die zarte Haut von Thomas Hals berührten anstelle von dessen Lippen, durchlief ihn ein wohliger Schauer. Thomas wusste, was ihm diese kleine Geste bedeutete, er hatte es ihm ja schließlich erklärt.
      Vincent schlang einen Arm um Thomas' Oberkörper und drückte ihn sanft unter sich in die Laken als er sich über ihn lehnte. Dabei platzierte er einen sanften Kuss nach dem anderen auf Thomas Hals, bevor er sich zu dessen Kiefer vorarbeitete und schließlich zu Thomas' Lippen.
      "Ich liebe dich," hauchte er, bevor er Thomas in einen innigen und doch sanften Kuss zog.
      Die ganze Zeit über achtete er auf die noch nicht vollständig verheilten Knochenbrüche des Mannes und verlagerte sein Gewicht entsprechend, um Thomas jeden unnötigen Schmerz zu ersparen. Schließlich ließ er sich neben diesem Traum von einem Mann ins Bett sinken.
      "Hast du schon genug Energie, um dir eine kleine Lektion über Vampire anzuhören?" fragte er mit einem Schmunzeln, während er Thomas sanft durch die Haare strich, um ihren körperlichen Kontakt auch weiterhin aufrechtzuerhalten. "Du bist gern vorbereitet auf das, was kommt, und wenn ich mich öfter an dir nähren werde, dann werden bestimmte Dinge passieren. Es wäre nicht fair, dir das nicht zu erklären, bevor du diese Entscheidung triffst."


    • Es war alles andere als angenehm, Vincent wieder seinen Hals küssen zu lassen. Es war eine Sache gewesen, als Thomas ihn noch für einen Menschen gehalten hatte, aber jetzt blockierte seine Vernunft, ein ganz eindeutiges “Mach das nicht”. Es ging nicht einmal darum, ob Vincent tatsächlich zubeißen würde, es ging viel eher darum, dass Thomas nichts dagegen tun könnte, wenn er sich dazu entschließen sollte. Die erste Regel war in diesem Fall daher immer gewesen, einfach niemanden erst so weit kommen zu lassen.
      Doch Vincent war ganz vorsichtig in seinen Liebkosungen, seine Lippen so zärtlich, dass sie ihn fast gekitzelt hätten. Thomas wollte eigentlich nichts lieber als den Kopf wieder zu senken, aber Vincent belohnte ihn, wann immer er ihm Platz machte und wann immer er seine nervösen Muskeln wieder entspannte. Er fing ihn in seinen Armen ein, kein Gefängnis um ihn zu halten, aber eine ermutigende Umarmung. Er achtete sogar aufmerksam darauf, kein Gewicht auf Thomas’ Brust zu legen und seinen gebrochenen Arm herauszuhalten.
      Seine Lippen wanderten nach oben, erreichten Thomas' Kiefer und küssten sich weiter zu seinen Lippen vor, wo er sich ihm willig entgegenstreckte. Sehnsüchtig schlang er den Arm um Vincents Hüfte und zog ihn noch ein Stück näher an sich, hätte ihn vermutlich auf seine Brust gedrückt, wenn der andere nicht geistesgegenwärtig genug gewesen wäre, um sich dagegen zu stemmen. Als sie sich schließlich lösten, war seine Nervosität wieder gänzlich verschwunden und ersetzt von tiefer Seligkeit. Sein Blick folgte, als Vincent sich neben ihn legte.
      "Ich habe immer genug Energie für eine Lektion. Ganz besonders, wenn es um dich geht, Vincent."
    • Vincent schnurrte und kuschelte sich noch enger an Thomas.
      "Wenn ein Vampir das Blut eines Menschen trinkt, ohne ihn zu töten, dann bleibt eine Verbindung zurück. Der Vampir kann spüren, was der Mensch spürt. Nicht eins zu eins, aber die mächtigeren Emotionen und Empfindungen schon."
      Vincent strich mit einem Finger über Thomas' Brust, folgte dem Muster der unsichtbaren Knochenbrüche.
      "Ich weiß ganz genau, welchen Schaden er dir zugefügt hat," flüsterte er. "Was er dir angetan hat. Ich habe es gespürt, als seien es meine eigenen Knochen, die er da gebrochen hat."
      Er ergriff Thomas' Hand erneut, hob Thomas' Unterarm an seine Lippen und küsste die Stelle, an der die beiden Knochen in seinem Arm gebrochen worden waren, bevor er ihn wieder losließ.
      "Wenn ich mich konzentriere, könnte ich sogar herausfinden, wo du ungefähr bist, wenn ich dein Blut getrunken habe. Und ich nehme an, dass ich zu Beginn auch weiterhin so anhänglich sein werde. Ich muss mich ja auch erst daran gewöhnen. Ich werde versuchen, keine Glucke zu sein, aber ich kann nichts versprechen."
      Vincent drückte seine Nase gegen Thomas' Schulter, ließ sich von dem Duft des Mannes einlullen. Die Aussicht darauf, die Liebe seines Lebens noch einmal in seinen Adern spüren zu können, beflügelte all seine Sinne.
      "Ich könnte ziemlich eifersüchtig werden. Insbesondere, wenn sich jemand erdreistet, dich am Hals oder am Handgelenk zu berühren. Ich gehe einfach mal davon aus, dass du niemanden einfach so an deinen Oberschenkel heranlässt..."
      Er musste sich davon abhalten, zu knurren, als er sich das nur vorstellte. Er hatte kaum noch einen Tropfen von Thomas' Blut in seinem Kreislauf und dennoch wollte er einem imaginären Menschen die Kehle herausreißen, nur weil er einen imaginären Thomas berührte.
      "Und dann sind da noch die Effekte, die dein Blut auf meinen Körper hätte. Ich wäre weniger hungrig. Es wäre einfacher für mich, das Monster im Zaum zu halten. Ich wäre stärker, schneller. Verletzungen würden schneller heilen - selbst die von Silberwaffen, solange es nicht zu viel ist."
      Ein Muskel in seinem Kiefer zuckte, bereit, sofort zuzubeißen, nur weil er sich an all die Vorteile erinnerte, die eine Ernährung aus Menschenblut mit sich brachte. Statt diesem Drang nachzugeben, schlang er einen Arm um Thomas und zog ihn auf seine Brust. Er konnte Thomas' Herzschlag auf seinem eigenen Brustbein spüren, aber auch in seinen eigenen Venen. Ein herrliches Gefühl.
      "Ich würde dir volle Kontrolle geben. Du entscheidest, wann ich an deine Venen darf. Wenn ich mich an dir genährt habe, würde ich es drei Tage lang nicht mehr tun, damit du Zeit hast, dich zu erholen. Ich würde dich nicht festhalten. Ich würde nicht zubeißen, ohne dass du es mir erlaubst. Ich überließe dir die Wahl, wo ich zubeiße, wenn du es mir gestattest. Ich werde dir immer sagen, wann ich hungrig bin, wie hungrig ich bin, und ich werde es nicht schönreden, wann immer du mich fragst - vollkommen unabhängig von der Art meiner Ernährung. Ich habe meinen Fehler nicht vergessen. Ich habe nicht vergessen, was ich dir angetan habe. Ich füge mich deinem Urteil, wann immer du es verlangst. Solange ich nur weiter bei dir bleiben darf. Und das ist nicht der Blutbund, der aus mir spricht."
      Vincent legte Thomas eine Hand an die Wange und sah ihm tief in die Augen. Er wollte, dass seine Wort nicht nur im Verstand - dem wundervollen, brillanten Verstand - dieses Mannes ankamen, sondern in dessen Seele.
      "Ich liebe dich, Thomas Van Helsing. Ich gehöre dir. Voll und ganz."


    • Thomas hörte Vincents Worten aufmerksam zu, nicht nur, weil er etwas über Vampire erfahren durfte, sondern weil es seinen Freund betraf. Überrascht erfuhr er, dass der andere spüren konnte, was ihm widerfahren war.
      "Du kannst das fühlen?"
      Zur Bestätigung hauchte er ihm einen vorsichtigen Kuss auf die Stelle, von der Thomas ausging, dass sich nur noch Fragmente eines Knochens unter der Haut befanden. Er hatte sich noch nicht mit der Frage beschäftigt, wie ein solcher Schaden wieder zu reparieren sein würde. Vermutlich niemals vollständig.
      Umso weniger wollte er, dass Vincent dasselbe spüren konnte. Es war schon genug, wenn nur einer darunter zu leiden hatte.
      Dafür stellte er es sich als nützlich vor, wenn er spüren könnte, wo Thomas sich befand. Nicht, dass sie sich in nächster Zeit weiter voneinander entfernen würden als bis zur Küche unten.
      Belustigt lächelte er ihn an.
      "Vielleicht gefällt mir deine Anhänglichkeit. Auch, wenn ich wohl darauf verzichten könnte, dass gleich Köpfe rollen, wenn jemand mein Handgelenk berührt."
      Aber auch alles andere stand gänzlich zu Vincents Gunsten. Der Unterschied zu seiner bisherigen Tier-Diät wurde wohl jetzt mit der Tatsache klar, dass er all die Aspekte eines gewöhnlichen Vampirs übernehmen würde. Keine fatalen Dolchstiche mehr, keine verringerte Kraft. Vincent würde die Bedrohung eines ausgewachsenen, erfahrenen Vampirs darstellen, ohne seine sonstigen Begrenzungen.
      Aber er war kein Vlad. Es gab keine Gefahr, die von Vincent ausging, weder für Thomas noch für jemand anderen in seiner Umgebung. Vincent wäre einfach nur... gesund. Stark.
      Er ließ sich von dem Mann auf seine Brust ziehen und macht es sich dort bequem, den Kopf auf seinem Schlüsselbein, die nutzlose Hand an seinem Hals. Er musste leicht seitlich liegen, damit kein Gewicht auf seiner stechenden Brust lag.
      All die Dinge, die Vincent ihm vortrug, verließen sich auf zwei Tatsachen: Dass Vincent willens war, sich an die eigens auferlegten Regeln zu halten, und dass Thomas in der Lage war, ihn an diese Regeln zu erinnern. Er sprach zwar mit einer Überzeugung, die keinen Zweifel zulassen sollte, aber der Jäger wusste, dass ein hungriger Vampir dazu neigte, Höflichkeiten über Bord zu werfen. Jetzt war er immernoch ein wenig von dem Menschenblut genährt, aber bald würde er es nicht mehr sein. Bald würde er auf Tierblut umsteigen müssen, wenn Thomas ihn nicht trinken ließ, und sie wussten beide, dass es nicht denselben Effekt hatte.
      Die Frage war, ob er sich dann immer noch an seine löblichen Worte halten würde.
      Die Zweifel änderten aber nichts an seinen Gefühlen für Vincent, die um ein weiteres Mal vor überschwenglicher Zuneigung überschwappten, als er ihm diese wundervollen Worte sagte. Lächelnd spitzte er die Lippen und Vincent beugte sich für den Kuss zu ihm hinab.
      "Ich liebe dich auch. Mit allem, was mir zur Verfügung steht."
      Er strich ganz leicht nur mit den Fingern über seine Brust.
      "Und ich vertraue dir. Ich vertraue darauf, dass du ehrlich zu mir bist. Ich will es nur zu deinem besten. Aber Vincent -"
      Er hätte sich gern dafür ein Stück aufgesetzt, musste sich aber mit einem Blick zufrieden geben.
      "Dein letztes menschliches Blut ist - wie lange her? Zu lange. Wenn ich dir mein Blut verbiete - aus welchen Gründen es auch sein mag - und du länger ohne auskommen musst, als es dir recht ist, könnte es sein, dass du deine eigenen Worte überdenken willst. Ich halte dich nicht für böswillig, denk das nicht von mir, aber ich sehe dich als Jäger. Wenn du Grenzen überschreitest, würde ich dich normalerweise jagen. Das möchte ich, unter allen Umständen, nicht tun.
      Ich verlange daher einen Fluchtplan. Es ist für uns beide, damit ich dich nicht jagen muss und du mich nicht umbringst. Wie eine... Absicherung. Was tun wir, wenn dich dein Trieb übermannt?"
      Er zögerte einige Sekunden lang.
      "Der Stein?"
    • Es machte Vincent wütend, dass sie über eine solche Notlösung nachdenken musste. Es machte das Monster wütend, was wohl die größtmögliche Ironie an der ganzen Sache war. Das Monster fühlte sich beleidigt, dass seine Beute sich schützen wollte?
      "Der Stein, ja. Die Bedienstetengänge auch. Als ob Nora nicht auf Nummer sicher gehen würde mit einem Vampir im Haus."
      Vincent lächelte schwach.
      "Ich habe sie darum gebeten, kaum dass wir hier eingezogen sind. Wegen Vlad, aber auch wegen mir. Ich kann nicht in die Gänge. Der Stein und die Ketten werden mich halten. Das Bedienstetenhaus ist sicher. Und wenn... falls ich die Kontrolle verliere, dann berufe dich ruhig auf Nora. Sie wird dir helfen. Und im Nachttisch ist mehr als genug Platz für eines deiner Messer."
      Er streckte sich und öffnete die Schublade von besagtem Nachttisch und fischte das Messer mit dem Vampirzahn heraus. Er ignorierte das Brennen in seiner Hand und reichte es Thomas. Sobald der es ihm abgenommen hatte, zeigte er Thomas seine Hand: ein stark geröteter Streifen zog sich über seine Handfläche, die Haut warf sogar ein paar kleine Blasen, als hätte er sich schwer verbrannt.
      "Ein ziemlich potentes Mittel," meinte er.
      Die Wunde heilte zwar bereits, aber sie tat es langsamer als sie es sollte bei der aktuellen Zusammensetzung von Vincents Blut. Fasziniert beobachtete er, wie die Blasen abheilten und sich die Rötung zurückzog.
      "Die Waffe, mit der wir Vlad getötet haben, sollte für mich ausreichen. Damit solltest du mich lange genug von dir fernhalten können, um dich in Sicherheit zu bringen. Allerdings habe ich nicht vor, ein Sklave meines Hungers zu werden. Zweihundert Jahre habe ich mich dagegen gewehrt, da werde ich doch jetzt nicht wieder damit anfangen!"
      Er lächelte Thomas aufmunternd zu. Die Sorge des Mannes konnte er dennoch nachvollziehen.


    • Ehrlicherweise konnte Thomas sich nichts schlimmeres vorstellen, als die ganze Szenerie mit Vlad noch einmal durchzumachen, aber dann vielleicht mit einem wütenden Vincent, der sich nicht einreden lassen wollte, dass er kein Menschenblut haben durfte. Er würde ihn überhaupt erst bis in den Keller schaffen müssen, er würde ihn in die Ketten legen und dann darauf warten müssen, dass er sich beruhigt hätte. Das wollte er unter gar keinen Umständen.
      Aber so lief es nunmal nicht. Hier ging es um Fehler, die ihnen beiden das Leben kosten könnten und da konnte keine Rücksicht auf Gefühle genommen werden. Es war nunmal genau wie eine Jagd.
      Thomas schmiegte sich ein bisschen enger an Vincent, verzog aber gleich das Gesicht, als er doch tatsächlich zu seinem speziellen Messer griff. Eilig nahm er es ihm auch wieder ab.
      "Lass das, Vincent, Himmel."
      Besorgt starrte er auf die roten Blasen, die sich selbst von dem kurzen Moment auf Vincents Handfläche bildeten und dann erst wieder langsam in sich zusammenschrumpften. Er hätte ihn ergriffen und seine Hand gleich verarztet, wenn er die körperliche Kapazität dazu besessen hätte. So musste eben der Tadel herhalten.
      "Und ich werde dich nicht mit diesem Messer bedrohen. Ich bedrohe dich aber mit einem Verbot, meine Waffen anzufassen! Gib mir deine Hand."
      Vincent streckte sie ihm bereitwillig entgegen und auch, wenn Thomas rein gar nichts tun konnte und er sich sowieso bald geheilt haben würde, schloss er die Finger um ihn und küsste seine Knöchel.
      "Ich will es versuchen, für dich. Wir werden es schon gemeinsam schaffen. Wir haben es doch schließlich auch geschafft, einen fast tausendjährigen Vampirmeister umzubringen, oder?"
      Er lächelte selbst wieder ein bisschen und streckte sich, soweit es seine Brust zuließ und bis Vincent ihm entgegen kam. Sie küssten sich mit der gleichen sanftvollen Innigkeit von vorhin und auch, wenn Thomas bewusst war, dass er nicht unbedingt in der besten Verfassung war, um schöne Küsse zu verteilen, machte Vincent seinen Worten ganze Ehre, indem er ihn fest an sich schmiegte und keine Anstalten machte, ihn so schnell wieder loszulassen. Thomas sollte es recht sein. Er brach den Kuss, um es sich in seinen Armen gemütlich zu machen.
      "Wir werden es morgen versuchen. Wenn es mir wieder etwas besser geht."
      Und wie jeden Abend ließ er sich von Vincent wieder in den Schlaf lullen.

      Normalerweise war Thomas eigentlich ein reger Träumer, der sich nur hin und wieder mit äußerst intensiven Träumen konfrontiert sah, die wirklich einen Eindruck hinterließen. Aber es war wohl ihrer vorherigen Konversation verschuldet, dass er gerade in dieser Nacht träumte.
      Er hatte Vlad vor sich, ein Kampf, der so wild war, dass kaum etwas zu sehen war. Der ganze Raum war voller Blut, die undeutlichen Schemen von Möbelstücken zerbrochen und in die Ecke geworfen, ein großes Fenster, das nur Dunkelheit hereinließ, mit Blut bespritzt. Thomas kämpfte gegen Vlad und versuchte, ihn gleichzeitig auf den Stein zu bringen und gleichzeitig nach Vincent Ausschau zu halten.
      Vlad war in dem letzten Stadium seiner Wut, die dämonischen Augen weit genug aufgerissen, dass sie ihm gleich herauskugeln könnten, das übergroße Gebiss zu einem Brüllen aufgerissen, dass Wände erschüttern konnte. Er blutete, aber gleichzeitig war er noch unversehrt und Thomas blutete, aber gleichzeitig hatte er auch noch gar nicht zu kämpfen angefangen.
      Vlad war mit drei Gliedmaßen an einen grauen Steinklotz gekettet. Thomas hatte es fast geschafft, aber Vlads letztes Handgelenk entschlüpfte ständig seinen Fingern und dann musste er wieder versuchen, ihn abzustechen. Er war wütend und müde. Irgendwie hatte Vlad Vincent schon umgebracht, auch wenn Thomas gleichzeitig noch nach ihm suchte.
      Er rammte ihm einen Dolch ins Herz, traf, aber verfehlte auch. Er schlitzte ihm die Hüfte auf. Er köpfte ihn, auch wenn der Kopf niemals abfiel. Das Handgelenk entwischte ihm ständig, dabei musste er wegen irgendwas schnell sein.
      Dann hörte er Vincent ächzen, das Geräusch, das er von sich gegeben hatte, als Thomas ihm den Dolch aus den Hals gezogen hatte. Thomas hob den Kopf und erstarrte in Entsetzen, als nicht Vlad, sondern Vincent auf dem Stein zu saß, mit dem Dolch im Hals, aber es war Thomas' Dolch und es war auch seine eigene Hand, die ihn immer noch abstach, aber dabei war es doch Vincent und nicht Vlad, er dachte, es wäre Vlad gewesen, er wollte doch nicht Vincent umbringen! Aber sein Arm war schon in Bewegung und er hielt den Vampirzahn fest im Griff und beobachtete, wie sein eigener Arm die Waffe in Vincents Auge rammte, hindurch und hindurch und Vincent schrie -
      Thomas zuckte gewaltsam aus seinem Schlaf hoch, riss den Arm nach hinten, seinen Oberkörper gleich mit dazu - und dann knackte es. Ein flammender, gleißender Schmerz zuckte ihm durch die gesamte Brust und die Lunge, ein Gefühl, als wäre er aufgespießt worden. Er riss die Augen weit auf, nahm einen scharfen Atemzug und seine Welt versank in einem roten Schleier, als der gleiche Schmerz ihn noch einmal durchzuckte. Eine Welle aus erdrückender Panik schoss in ihm empor, als der Atem seine Lunge nie erreichte.
    • Morgen. Das wohl wichtigste Versprechen, das Vincent je gemacht worden war. Das Monster frohlockte wie ein Kind, dem man ein großartiges Geschenk versprach. Und Vincent erlaubte es, erlaubte es sich selbst, einen Teil dieser Freude selbst zu empfinden.
      Er schloss seine Arme sanft um Thomas, als dieser es sich auf seiner Brust bequem machte. Er lauschte seinem Herzschlag, wie er sich beruhigte und in den langsamen Rhythmus des Schlafes überging, mit mehr als nur seinen Ohren. Sein ganzer Körper spürte wie Thomas langsam einschlief und es entspannte auch Vincent.
      Er wollte den Mann eigentlich gar nicht mehr loslassen, aber die Nacht war flüchtig und Vincent brauchte ein Bad. Also schob er Thomas irgendwann vorsichtig von sich herunter, stellte sicher, dass er auch weiter tief und fest schlief, und verschwand dann im Badezimmer - ließ allerdings die Tür zu seinem Schlafzimmer geöffnet, als ob sie eine große Hürde darstellte, sollte er zu Thomas eilen müssen. In aller Seelenruhe ließ sich Vincent ein Bad ein. Gedankenverloren saß er auf dem Wannenrand und ließ die Finger durch das heiße Wasser gleiten. Alles hatte sich geändert. Vlad war tot, vom Antlitz dieser Welt getilgt, und Vincent war drauf und dran, wieder Menschenblut zu trinken. Zwei kleine Dinge mit solch großer Wirkung. Er konnte nicht sagen, was ihm dieses Gefühl der Macht gab, das er seit Vlads Tod empfand. Vielleicht war das einfach nur ein normaler Nebeneffekt von der Tatsache, dass sein Erschaffer verschwunden war und keinen Einfluss mehr auf ihn hatte. Vielleicht war es der Effekt von Thomas' Blut. Vielleicht beides zusammen. Was es auch war, Vincent sonnte sich in diesem Gefühl. Aber so sehr er es auch genoss, er wusste genau, dass all das so flüchtig wie die Jahreszeiten war. Er würde sich nicht von irgendwelchen Menschen ernähren. Thomas war der einzige, dessen Blut er wollte. Und Thomas würde derjenige sein, der ihm diese Macht schenkte - oder sie ihm verweigerte. Vincent wusste, dass das der einzige Weg war, wie das hier funktionieren konnte. Wenn er sich selbst keine Grenzen auferlegte, wäre er nicht besser als all die Vlads da draußen. Da konnte er sich auch gleich auf ein Silbermesser werfen.
      Ein Gefühl der Angst, nein, der Panik überkam ihn. Aber das war nicht seine Angst.
      "Thomas," hauchte Vincent und schon im nächsten Augenblick stand er neben dem Bett und versuchte, den um sich schlagenden Thomas zu wecken, ohne ihn dabei zu verletzen.
      Doch er kam zu spät. Er hörte, wie der Knochen nachgab im gleichen Augenblick, in dem ein Echo von Thomas' Schmerz durch seinen eigenen Körper schoss. Es war schwach, kaum der Rede wert, doch es reichte aus, um Vincents Instinkte übernehmen zu lassen. Blitzschnell wickelte er seine Arme um den Mann, saß hinter ihm und hielt ihn mit seinem gesamten Körper fest, um ihn davon abzuhalten, sich weiterhin so panisch zu bewegen und seine Verletzungen noch weiter zu verschlimmern.
      "Thomas, du musst dich beruhigen! Du hast geträumt," sagte Vincent bestimmt, mit gehobener Stimme, um durch den Nebel des anhaltenden Traumes zu dringen.
      Mit seiner neuen Kraft, die Thomas ihm geschenkt hatte, war es ihm ein leichtes, den Mann zu immobilisieren. Aber er musste auch die Panik in Thomas' Geist vertreiben, ehe er dem Mann wirklich helfen konnte.
      "Thomas! Hör auf meine Stimme! Du bist in Sicherheit, aber du bist verletzt. Dr. Van Helsing, ich brauche eine Diagnose."
      Brauchte er nicht. Er wusste, welcher Knochen erneut zu Bruch gegangen war und welchen Schaden dieser Knochen bereits angerichtet hatte. Aber er konnte Thomas nicht dazu zwingen, seine Hilfe anzunehmen. Er hatte es ihm ja schließlich versprochen.
      "Komm zu mir zurück, Thomas!"


    • Thomas konnte nicht denken. Alles, was er tun konnte, war in eine grenzenlose Angst zu verfallen, weil er Atem holte und seine Lungen nicht gehorchen wollten. Seine Brust schmerzte so fürchterlich, aber er konnte nicht aufhören sich zu winden, weil er doch nur atmen wollte. Er wusste, wie es ging, er hatte es sein ganzes Leben getan, wieso dann jetzt nicht? Er konnte die Luft spüren, wie sie durch seinen Hals zog, aber sie kam niemals an.
      Lange, feste Arme umschlossen ihn und Vincent war da, bevor er ihn überhaupt bemerkt hätte. Er hielt ihn fest und so sehr Thomas sich auch aus der unfreiwilligen Umarmung herausgewunden hätte, angetrieben von einem unüberwindbaren Instinkt, so wenig konnte er es. Er versuchte zu atmen und es gelang ihm nicht. Mit seinem ganzen Gewicht stemmte er sich gegen die unbeweglichen Arme, als wären sie plötzlich dafür verantwortlich.
      Vincents Stimme drang an sein Ohr, eindringlich und bestimmt. Er wiederholte seinen Namen und Thomas zwang sich dazu, darauf zu hören.
      Ruhig!
      Er konnte nicht ruhig sein. Er konnte seinen panischen Herzschlag nicht regulieren, es gelang ihm nicht. Mit einiger Anstrengung konnte er aber seinen Widerstand aufgeben, auch wenn ihm dabei schwindelig vor Angst war. Er konnte Blut schmecken - Diagnose. Diagnose!
      L…
      Blind griff er um sich und grub die Finger in Vincents Arme, bis sie ihm schmerzten. Der gebrochene Arm loderte auch, aber das war alles nichts im Vergleich zu seiner Brust.
      ... Lunge.”
      Er hätte es besser wissen müssen. Er hätte seine Rippen richten lassen sollen und sich nicht auf die Magie von Vampirblut verlassen sollen. Aber es war so einfach gewesen, die letzten Tage, sich einfach an Vincent zu kuscheln und den dumpfen Schmerz zu ignorieren, der sowieso abgeschwächt war. Vermutlich hätte sich alles sogar von selbst gerichtet, wenn er es nicht mit abrupten Bewegungen zerstört hätte. Weil er gedacht hatte, Vincent umzubringen.
      R-Rippe.”
      Jetzt konnte er wirklich Blut schmecken, sein eigenes. Er presste den Rücken an ihn und das machte es besser, er war bei Vincent und er war in Sicherheit, das war alles, was zählte. Er würde auch ersticken, oder verbluten, was auch immer als erstes geschehen mochte, aber er war bei Vincent und deshalb war er in Sicherheit. Er war bei Vincent und in Sicherheit.
    • Der Geruch von Blut stieg Vincent in die Nase, aber er hatte keine Zeit dafür. Thomas hatte sich soweit beruhigt, dass er ihm antworten konnte, das war ein gutes Zeichen. Und er antwortete richtig, also war er auch wach und bei Sinnen.
      Vorsichtig lockerte Vincent seinen Griff, ließ Thomas aber nicht gänzlich los, um eine erneute Panik zu vermeiden.
      "Deine Rippe hat deine Lunge verletzt," erklärte Vincent ganz ruhig, als wüsste Thomas das nicht selbst. "Wir haben keine Zeit, einen Arzt kommen zu lassen und das nächste fähige Krankenhaus liegt Stunden entfernt."
      Er hob seinen Arm um Thomas herum an seine Lippen. Er versenkte seine eigenen Zähne in sein Fleisch, gleich unter dem Handgelenk, aber neben der eigentlichen Vene. Und dann hielt er es Thomas hin - ein Angebot, keine Aufforderung.
      "Der Bruch ist zu gravierend, als dass ein paar Tropfen meines Blutes ihn richten könnten. Aber es wird den Schaden soweit beheben, dass du atmen kannst, und es wird die Schmerzen lindern. Wenn du mehr trinkst, kannst du ganz ausheilen. Wenn du nichts trinkst..."
      Er musste den Satz nicht beenden, Thomas kannte seine Chancen.
      "Deine Entscheidung," meinte Vincent, obwohl er bei dieser Aussage gegen jeden noch so kleinen Instinkt seiner selbst ankämpfte.
      Er wollte Thomas dazu zwingen, wie er ihn unten im Keller gezwungen hatte. Er wollte Thomas dazu zwingen, zu leben, bei ihm zu bleiben, ihn nicht zu verlassen. Und er wollte, dass er ein Teil von diesem Mann sein konnte, wie er auch Teil von ihm war. Er wollte Thomas mit Haut und Haar an sich binden. Sowohl der Mann, als auch das Monster wollten, dass Thomas das Angebot annahm. Vincent besänftigte letzteres, indem er Thomas sanft auf den Hinterkopf küsste. Mehr Nähe gestattete er sich selbst für den Moment aber nicht.


    • Die Ruhe in Vincents Stimme stand so gänzlich im Gegensatz zu seinen Worten, aber sie beruhigte Thomas auf eine verkehrte Weise. Immerhin musste er sich doch selbst nicht so große Sorgen machen, solange Vincent noch so ruhig war, nicht wahr? Der Vampir konnte schließlich hören, was in seinem Körper vor sich ging und solange es ihn noch nicht beunruhigte, würde auch Thomas es irgendwie schaffen können. Auf welche Art auch immer.
      Er klammerte sich weiter an ihm fest, diesmal an seinem Bein, als der Arm ihn verließ und dann wieder vor ihm auftauchte. Eine dünne, hellrote Blutspur bildete sich von einem gebissartigen Einstich.
      Er starrte das Blut an und er lauschte Vincents Worten, die begleitet wurden von dem leisen, glucksenden Geräusch, das sich seiner blutigen Kehle entrang, während er weiterhin zu atmen versuchte. Das Blut sammelte sich in seinem Mund und er schluckte es wieder hinab. Der Geschmack blieb.
      Er wollte nicht trinken. Das Ereignis im Keller war einmalig gewesen und ausschließlich deshalb, weil er Vincent zum selben gezwungen hatte. Er wollte nicht abhängig von dem Vampirblut sein. Wo zog er da die Grenze zum Vampirsein? Es war widernatürlich und nicht richtig.
      Aber er wäre ohne auch gar nicht soweit gekommen und der jetzige Unfall war ein Versehen gewesen, ein dummer Fehler, den er sich nur selbst zuschreiben konnte. Wenn er schon die Chance bekam, diesen Fehler zu richten, sollte er sie nicht annehmen? Nur für ein bisschen mehr Zeit mit Vincent? Es würde nicht schaden, nur wieder atmen. Nur wieder bei Vincent sein.
      Vincent küsste ihn auf den Hinterkopf. Thomas lehnte sich nach vorne und umschloss die Wunde wie in einem eigenen Kuss.
      Mehr Blut rann in seinen Mund und sein Magen rebellierte, aber er schluckte trotzdem, wollte Atem holen, konnte nicht, schluckte erneut. Wie auch beim ersten Mal war Vincents Blut warm genug, dass es erst seine Kehle füllte und sich dann auf seinen ganzen Körper ausbreitete. Es war angenehm. Seine Fingerspitzen kribbelten.
      Er verschluckte sich, entweder an seinem oder Vincents Blut, und der Reflex zum Husten setzte ein, aber es gab keine Luft, die seine Lunge hätte herauspressen können. Er verkrampfte sich, das Blut schmerzte in seiner Luftröhre. Er war sich sicher, dass es damit vorbei sein würde. Er hatte es vermasselt, die letzte Chance, die ihm gegeben wurde. Vincent konnte seine Rippen nicht richten, er war kein Chirurg. Es wäre mittlerweile sowieso zu spät.
      Er zwang sich trotzdem zum Schlucken, ein letztes Mal, ein verzweifelter Versuch, sich an das zu klammern, was ihm noch gegeben wurde, und mit einem Schlag, ohne Vorwarnung, füllte plötzlich Luft seine Lunge. Er nahm einen gierigen Atemzug, ließ seine Lunge so weit aufplustern, wie sie es zuließ, und stieß sie dann wieder aus. Der Schmerz blieb aus. Ihm rann kein neues Blut mehr in den Mund.
      Er ließ von Vincents Arm ab, lehnte den Kopf nach hinten an seine Schulter und kostete die beste Luft, die er in seinem gesamten Leben hatte atmen dürfen. Seine Lungen füllten sich und leerten sich auch wieder und der Rest, seine Brust und sein Arm, war wieder zu einem erträglicheren Pochen abgedämpft. Thomas hatte sich vermutlich noch nie in seinem Leben so gut dabei gefühlt zu atmen.
      Schwer atmend drehte er den Kopf, bis er die Stirn an Vincents Hals legen konnte.
      “... Danke.”
      Er sollte mehr trinken. Er sollte so viel trinken, bis sich seine Brust gerichtet hatte und das Risiko einer Wiederholung ausgeschlossen war, aber nur ganz kurz wollte er nur atmen und sich weiterhin von Vincent festhalten lassen. Er war sicher. Es war nicht schlimm, dass er wieder Vampirblut getrunken hatte.
    • Als sich Thomas' Lippen endlich auf seinen Arm legten und er endlich sein Geschenk endlich annahm, atmete Vincents gesamter Körper auf. Instinktiv spannte er die Muskeln in seinem Arm an, um den Blutfluss zu erhöhen, drückte Thomas damit sogar etwas enger an sich. Unten im Keller hatte er weder Zeit, noch Nerven dafür gehabt, diesen Prozess zu genießen. Doch jetzt hatte er sie, denn er wusste, dass Thomas nach nur einem Schluck genug von seinem Blut konsumiert hatte, um nicht zu sterben. Also lehnte sich Vincent zurück an das Kopfteil seines Bettes, zog Thomas mit sich und ließ sich mitreißen. Das hier fühlte sich genauso gut an wie wenn sie sich liebten - nur auf eine andere Art. Zu wissen, dass es sein Blut war, das Thomas das Leben rettete, zu wissen, dass sein Blut durch Thomas' Körper floss... Vincent musste sich auf die Zunge beißen, um nicht aufzustöhnen.
      Als sich Thomas verschluckte, als sich sein Körper selbst bekämpfte, verstärkte Vincent seine Umarmung wieder etwas, um ihn ruhig zu halten, bis er sich beruhigt hatte. Und sobald sich Thomas' Lippen von seinem Arm lösten, schloss er die kleinen Risse in seiner Haut wieder.
      "Du kannst mich immer um Hilfe bitten, Thomas. Immer."
      Er strich dem Mann sanft durch die Haare, ließ die Strähnen durch seine Finger gleiten. Einen Augenblick saß er einfach nur so da, mit Thomas in seinen Armen, lauschte, wie auch noch der Rest der Angst ihn verließ. Dann nahm er ihn mit ins Badezimmer, wo die Wanne mittlerweile vollgelaufen war. Er half Thomas aus dem Schlafanzug, in den er ihn vor einer Weile gepackt hatte, immer darauf bedacht, ihm nicht aus Versehen wehzutun. Vincent ließ seine Hand sanft über Thomas Brust gleiten, genau dort, wo die Rippen jetzt schon zweimal gebrochen waren. Er wollte, das es wegging, dass die Verletzung vollständig ausheilte, und er wollte es jetzt. Aber das war nicht seine Entscheidung. Also legte er Thomas einfach nur eine Hand in den Nacken, zog ihn an sich und küsste ihn liebevoll.
      "Das waren zwei..." hauchte er.
      Ab jetzt musste er vorsichtig sein mit dem, was er gegenüber Thomas sagte. Ihr Bund erstarkte und Vincent wollte nicht, dass Thomas etwas unüberlegtes tat, nur weil er sich falsch ausgedrückt hatte.
      Er löste sich - widerwillig - von Thomas und schlüpfte aus seinen eigenen Klamotten, bevor er Thomas in die Wanne half. Das warme Wasser war angenehm, aber nicht so angenehm wie die Wärme des Mannes, den er gleich wieder an seine Brust zog, kaum saßen sie in der Wanne.
      "Wie fühlst du dich?" fragte Vincent, nicht mehr in der Lage, kleinere Stimmungsschwankungen des Mannes zu erkennen.


    • Vincent schlang wieder beide Arme um Thomas und das war richtig, das fühlte sich gut an, er kuschelte sich mehr in die Wärme hinein, von der er wusste, dass sie jetzt auch in seinen Adern floss. Der Geschmack war widerlich gewesen, nichts, woran er sich jemals gewöhnen könnte, aber alles andere, die Wärme und die Sicherheit, die damit einherging, an die konnte er sich durchaus gewöhnen. Vielleicht konnte er jetzt nachvollziehen, was Vincent damit gemeint hatte, anhänglich zu werden. Thomas konnte sich in keinster Weise vorstellen, diesen angenehmen Platz jetzt zu verlassen.
      Nach einer Weile richtete Vincent sich trotzdem auf und lockte Thomas ins Bad hinüber. Er ließ sich entkleiden, was nicht notwendig gewesen wäre, was er sich trotzdem gefallen ließ, weil Vincent noch immer so behutsam mit ihm umging, als wäre er etwas zerbrechliches. Ganz zärtlich strich er ihm über die Brust, über die gerade eben noch gebrochenen Rippen, die sich jetzt wieder anfühlten wie zuvor. Eigentlich hätte das nicht möglich sein dürfen. Thomas erfuhr es dennoch am eigenen Leib.
      Dann bedanke ich mich für jede einzelne Rippe. Und für jedes einzelne Mal, dass du mir schon das Leben gerettet hast”, murmelte er zurück und zog Vincent an der Hüfte behutsam noch näher an sich. Seine weichen Lippen begegneten seinen und er küsste ihn mit derselben Liebe, die der andere ihm schon entgegen brachte.
      Sie stiegen in die Wanne und Thomas seufzte bei dem warmen Wasser, das ihn jetzt umgab. Seit dem Kampf hatte er sich nicht ordentlich gewaschen, Vincent hatte ihn aber wohl versorgt, während er noch ohnmächtig gewesen war. Trotzdem spürte er jetzt, wie auch der innere Schmutz abfiel.
      Warm. Müde. Ein bisschen verliebt vielleicht.
      Er zog Vincents Arme noch fester um sich, nicht für den zusätzlichen Druck, sondern damit er sich gänzlich geborgen fühlte.
      Ich habe geträumt, dass ich dich umgebracht habe”, murmelte, ein gewisses Schuldgefühl empfindend, als wäre es eine Fantasie, die er heraufbeschworen hätte.
      Es war eigentlich Vlad, aber dann war er es nicht mehr. Ich habe nicht aufgepasst und als ich dich gesehen habe, war es schon zu spät.
      Vielleicht lag es jetzt an Vincents Blut, dass er eine unglaubliche Reue dabei spürte, überhaupt darüber nachdenken zu müssen, Vincent umzubringen.
      Ich würde dich nicht umbringen, Vincent, selbst, wenn ich dich jagen müsste. Ich würde dir helfen, was auch immer es ist. Ich werde nicht zulassen, dass du jemals durch meine, oder gar eine andere Hand stirbst.
    • Mit einem leicht amüsierten Brummen legte Vincent seinen Kopf auf Thomas' Schulter ab.
      "Gerade könntest du auch kaum anders handeln," informierte er den Mann, den er über alles liebte. "Lektion Nummer zwei: Mein Blut in deinen Adern macht mich zu einem Teil von dir. Solange du nicht bereit bist, einen Teil deiner Selbst zu töten, kannst du mir nichts tun. Wir sollten es in den nächsten Wochen nicht zu einem dritten Mal kommen lassen, andernfalls wirst du wirklich zu der Art Lakai, die wir Vlad vorgespielt haben. Und das will ich nicht für dich."
      Er drehte den Kopf, um Thomas einen zarten Kuss auf die Wange zu hauchen.
      "Du bist viel attraktiver, wenn du eigensinnig und stur bist," raunte er.
      Dann lehnte sich Vincent entspannt in der Wanne zurück, bettete seinen Kopf auf dem Wannenrand, breitete die Arme ebenfalls darauf aus und schloss die Augen. Allzu lange würde er so nicht verharren können - der Morgen kündigte sich bereits an. Aber für den Moment genoss er die Wärme, die ihn umschloss - sowohl die des heißen Wassers, als auch die von Thomas. Nur zu gern würde er Thomas einfach machen lassen, würde alles mit ihm teilen, ihm alles geben, was Thomas von ihm haben wollte, aber irgendwo hinter all dem Nebel aus Blut und Verlangen hatte er noch genug Verstand, um zu wissen, dass weder er, noch Thomas besonders glücklich mit dem Endergebnis sein würden, ließen sie sich von ihren verdrehten Instinkten leiten. Sie hatten einen große Sieg errungen, das sollten sie feiern, nicht bereuen.


    • Leicht lächelnd legte Thomas den Kopf zurück, um Vincent ansehen zu können.
      "Ist das etwa deine Taktik, mich so sehr zu deinem machen, um dich selbst zu schützen?"
      Flüchtig küsste er seinen Hals.
      "Dagegen habe ich nichts einzuwenden."
      Er erntete sich einen eigenen Kuss und ließ sich dann mitsamt Vincent zurücksinken. So war es angenehm, geradezu idyllisch. So hätten sie die nächsten Stunden verharren können, aber Vincents Körper wurde irgendwann weich, seine Augen blinzelten träge und sie mussten die Zweisamkeit hinter sich lassen, damit der Mann nicht noch in der Wanne einschlafen würde. Mit einem gebrochenen Arm könnte Thomas da nicht viel mehr machen, als ihn dort schlafen zu lassen.
      Sie stiegen zurück ins Bett und kuschelten sich so eng aneinander, wie Thomas' Verletzungen es zuließen, bevor die erste Morgensonne unweigerlich aufging und den Mann in einen tiefen, seligen Schlaf schickte, bei dem Thomas ihn beobachtete und zärtlich über seinen Rücken streichelte. Vielleicht mochte es am Blut liegen, vielleicht empfand er aber auch so eine derartige Zuneigung für diesen Mann, dass sie alles andere überschattete.

      Er schlief nicht mehr, auch wenn er einmal mit Vincent in seinen Armen eindöste und dann aufschreckte, weil er Angst hatte, etwas zu realistisches zu träumen und Vincent nicht wach zu bekommen, falls etwas passierte. Es schien ihm kindisch und unangemessen, aber er hatte noch längst nicht genug Blut getrunken, um alle Knochenbrüche zu heilen und er würde ganz sicher nicht Vincent verletzen, um sein Blut zu bekommen. Also blieb er wach, beobachtete seinen Geliebten beim Schlafen, streichelte ihn zärtlich, wenn er sich bewegte, und machte sich stattdessen mit steigender Unruhe Gedanken darüber, wie er Vincent von seinem eigenen Blut trinken lassen sollte, ohne dabei gänzlich entgegen seines Instinkts vorzugehen.
      Am Abend hatte er Vincent so nahe zu sich gezogen, wie er es mit einem Arm hinbekam, und flüsterte ihm süße Nichtigkeiten zu, um ihn zurück in die Welt der Lebenden zu holen.
      "Vincent... wach auf... Abendessen..."
    • Vincent war wach, rührte sich aber nicht. Er wollte weiter Thomas' verlockenden Worten lauschen, während dieser dachte, er konnte ihn nicht hören. Er spürte den Mann nicht mehr in seinen Adern, die letzten Reste ihres Austausches waren aus seinem Körper verschwunden. Vincent vermisste das Gefühl, fühlte sich leer auf eine ganz neue Weise - und er mochte es nicht. Als Thomas also ein Abendessen erwähnte, reagierte er von ganz allein. mit einem Brummen, das ihn verriet. Er lächelte, dann schlug er die Augen auf.
      "Irgendetwas sagt mir, dass deine antrainierten Instinkte mich nicht einfach so an dir naschen lassen werden," meinte er und rollte sich auf die Seite, um Thomas ordentlich ansehen zu können.
      Er stahl sich einen Kuss von dem Mann an seiner Seite.
      "Was nicht heißt, dass ich nicht gern naschen würde."
      Er schlang seine Arme um Thomas, seine Bewegungen noch ein wenig träge von seinem Nickerchen, und rollte sich auf den Rücken, mit Thomas auf seiner Brust. Wie auch schon in der Vornacht achtete er darauf, dass er Thomas' angebrochene und nicht ausgeheilte Knochen dabei nicht zu sehr belastete. Gleich danach ließ er den Mann los, streckte seine Arme zu beiden Seiten aus. Einerseits, um seine steifen Muskeln ein wenig zu dehnen. Andererseits um Thomas ohne Worte zu versichern, dass er sich nicht einfach so auf ihn stürzen würde, nur weil er ein gewisses Angebot gemacht hatte.
      "Hast du geschlafen?" fragte Vincent ganz unverfänglich, während er seine Schultern ein wenig rollte, um sie zu lockern.


    • Diesen Abend ließ Vincent sich besonders viel Zeit mit dem Aufwachen, war dann aber wie durch ein Wunder mit einem Mal wach, kaum als Thomas das Abendessen erwähnte. Das war durchaus interessant, denn bis zu diesem Abend hätte er den Vampir niemals damit aus dem Bett locken können. Allerhöchstens noch mit der appetitlichen Mahlzeit, nicht aber mit der notwendigen.
      Ein interessanter Fortschritt.
      "Wenn du etwas falsch machst, droht nur ein Kinnhaken, mit dem ich deinen Kiefer brechen könnte. Also nur keine Sorge."
      Lächelnd ließ er sich den Kuss von einem schlaftrunkenen Vincent gefallen, der seine Koordination noch nicht ganz auf der Reihe hatte. Dafür bemächtigte er sich Thomas aber auf altbekannte Weise und der machte es sich auf seiner Brust gänzlich gemütlich.
      "Ich habe nicht geschlafen. Das letzte Mal sitzt mir noch in den Knochen."
      Mit der gesunden Hand fuhr er über Vincents Brust, zögernd.
      "... Wie viel müsste ich trinken, damit der Bruch ganz geheilt ist? Weißt du das?"
    • Ein leises Lachen entkam Vincent ob des Wortwitzes über Thomas' Knochen. Das Lachen verwandelte sich sofort in ein Schnurren, als er spürte, wie Thomas über seine Brust streichelte.
      "Ein Glas voll, wenn du einen Tag Zeit hast, dich auszuruhen. Mehr, wenn es schneller gehen soll. Weniger, wenn du noch welches im Kreislauf hast. Nora gebe ich etwa einmal die Woche ungefähr ein halbes Glas. Manchmal mehr - wenn sie sich einmal wieder nicht gemeldet hat - manchmal weniger. Aber sie hat nur einen kleinen Herzfehler, keine gebrochenen Knochen. Vampire heilen von außen nach innen. Meistens geht es so schnell, dass du als Mensch das nicht erkennen kannst, aber das ist eine Tatsache. Das gleiche gilt für jemanden, der unser Blut trinkt. Deswegen hast du dir die Rippen gleich noch einmal gebrochen: Sie waren nur oberflächlich geheilt. Keine Gefahr mehr für deine Lungen, aber nicht so stabil, wie sie sein sollten. Dein Arm ist nicht noch einmal gebrochen, daher sollte der im Laufe der Nacht vollständig ausheilen. Knochen und Haut geht am schnellsten, gefolgt von Muskeln und Sehnen. Nerven dauern am längsten."
      Mit Thomas und dessen Wärme auf ihm war das Bett viel zu bequem. Es war viel zu leicht, die Augen einfach noch einmal zu schließen und diese Situation voll und ganz zu genießen. Vlad war tot, was hatte er da noch für einen Grund aufzustehen? Er könnte einfach hier liegen bleiben und die Ewigkeit eingelullt in warme Decken und den Duft von Thomas verbringen. Er hatte alles, was er brauchte, gleich hier.


    • Der Mann unter ihm schnurrte wie eine Katze, laut und gemütlich, und Thomas lächelte in sich hinein. Mit den Fingerspitzen fuhr er sein Schlüsselbein entlang.
      Ein ganzes Glas müsste er trinken - weniger, weil er in der Nacht zuletzt getrunken hatte. Aber das waren höchstens drei Schlucke gewesen, nicht genug, um ein ganzes Glas zu füllen. Er hätte weitertrinken sollen, so lange, bis er sich hätte sicher sein können, aber jetzt sah er sich der unliebsamen Aufgabe entgegen, die ganze Prozedur zu wiederholen, wenn er wieder ruhig schlafen wollte. Und so sehr er Vincent liebte, so wenig sah er seinem Blut entgegen.
      Er blinzelte.
      "Ich denke, ich weiß jetzt, wie es sich für dich anfühlen muss, Tierblut zu trinken", murrte er und wälzte sich von Vincent herab, um sich wieder auf den Rücken neben ihn zu legen. Vincent zog ihm gleich nach, ungewillt, das Kuscheln zu unterbrechen, und er legte den Arm um ihn.
      "Ich werde trinken, nur dieses eine Mal. Nur, damit sowas wie gestern nicht noch einmal passiert. Aber erst, nachdem du getrunken hast, es macht mich jetzt schon ganz nervös, deine Zähne in meine Nähe zu lassen."
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