[2er RPG] In his Thrall [Codren feat. Pumi]

    • Vincent keuchte leise auf, als Thomas sich aus ihm entfernte. Er sah dem Mann nach, sein Blick noch immer verträumt von dem, was eben passiert war. Er bewegte sich keinen Zentimeter, während er so allein im Bett lag. Er war sich nicht einmal sicher, ob er das überhaupt konnte. Außer einem sanften Lächeln brachte er nichts zu Stande, als Thomas zurückkehrte und ihn zumindest ein bisschen sauber machte. Thomas musste ihn aktiv in eine sitzende Position ziehen, um ihn überhaupt zum Aufstehen bewegen zu können. Auf dem kurzen Weg zur Wanne lehnte sich Vincent schwer gegen Thomas - auch wenn er durchaus in der Lage war, selber zu laufen. Er ließ sich von dem verführerischen Duft von Thomas und Sex leiten. Mit einem angenehmen Seufzen ließ sich Vincent langsam in das warme Wasser sinken. Und dann ohne Gegenwehr in Thomas' Arme ziehen. Das verträumte Lächeln war noch immer da, nicht mehr wegzudenken aus Vincents Gesicht. Sein Körper zwickte an genau den richtigen Stellen, um ihn immer wieder daran zu erinnern, warum er sich so gut fühlte.
      Vincent hob eine Hand an seinen Nacken, ließ die Finger vorsichtig über die beiden geröteten Halbmonde dort streifen. Thomas hatte zugelangt, so viel stand fest. Beide Male.
      "Wenn ich es nicht besser wüsste, würde ich sagen, du bist ein Vampir, so wie du dich bei jeder Gelegenheit auf meinen Hals stürzt."
      Vincent lehnte seinen Kopf nach hinten gegen Thomas' Schulter und schloss die Augen. Mit trägen Bewegungen strich er über Thomas' Oberschenkel. Das hier war das Paradies, beschloss er in diesem Augenblick. Naja, fast.
      Vincent verzog ein bisschen das Gesicht und zog sich einen Fussel aus dem Mund, der noch von dem Kissen stammen musste. Er schnickte ihn aus der Wanne und entspannte sich dann wieder in den Armen seines Liebsten, jetzt endgültig im Paradies angekommen.
      "Du schuldest mir schon wieder ein Kissen. Das passiert auch immer wieder..." sinnierte er.


    • Thomas drückte lächelnd einen Kuss auf die Stelle hinter Vincents Ohr.
      "Du solltest dich selbst sehen, wenn ich das tue. Die Art, wie du dich dann an mich drückst und wie du den Hals überstreckst. Wie soll ich da widerstehen können?"
      Um seine Worte zu unterstreichen, wanderte er tiefer und küsste die eigenen tiefen Zahnabdrücke in Vincents Hals, die seine Haut bedeckten. Er hatte wirklich oft zugebissen.
      Nachdem Vlad sie zu sehen bekommen würde, könnte es nicht oft genug sein.
      Trotzdem verzichtete er auf ein weiteres Mal und strich stattdessen sanft mit den Lippen seinen Hals entlang. Vincent entspannte sich sichtlich an ihm, ließ sich zurücksinken und entblößte ihm, was auch immer Thomas zu erreichen versuchte. In der tiefsten Idylle, in der sie in diesem Moment badeten, fragte er sich zum ersten Mal, ob es genug gewesen wäre, um auch Vincent in seinen Armen einschlafen zu lassen. Bisher war, aus offensichtlichen Gründen, immer nur Thomas derjenige gewesen, der der Wärme und den Liebkosungen unterlegen gewesen und in der Wanne eingedöst war. Vincent würde er niemals in den Schlaf küssen können, außer sie blieben hier noch bis zum Morgengrauen.
      Aber dann musste er eben Thomas' Fürsorge wach über sich ergehen lassen. Und der hielt sich nicht damit zurück ihn zu küssen, seinen Körper zu waschen, seine Haare zu waschen, seinen Kopf zu kraulen und ihn irgendwann auch einfach nur in den Armen zu halten. Weil er dabei aber drohte, fast selbst einzuschlafen, zwang er sich bald darauf aus der Wanne, zog Vincent mit sich, trocknete ihn ab und setzte ihn dann an der Sitzecke seines Zimmers ab, während er selbst sich um das Bett kümmerte. Vincent hatte das Kissen tatsächlich zu sehr ramponiert, um es irgendwie wieder retten zu können, und außerdem hatten sie sämtliche Laken verwüstet. Thomas musste das halbe Bett abziehen und fand dann keinen Ersatz - den hätte sicherlich Nora, die sich vermutlich schon längst zu Bett begeben hatte. Ganz abgesehen davon, dass Vlad auch noch irgendwo dort draußen lungerte.
      Also gaben sie sich mit dem zufrieden, was sie hatten, und bald darauf schloss Thomas Vincent schon fest in seinen Armen ein, zog ihn an sich und küsste seine Stirn. Jetzt gab es kein Entkommen mehr vor der Müdigkeit: Ihm war wohlig warm, er hatte Vincent in seinen Armen, er roch noch immer den Sex und ganz besonders Vincent und damit war er schon in den nächsten Minuten eingeschlafen.

      Nora verlegte Darcy am nächsten Tag ins Angestelltenhaus und damit war sie schon verschwunden, als Thomas nach ihr sehen wollte. Er hastete nach draußen, begegnete Nora auf dem Weg, die er peinlichst berührt darauf hinwies, dass sie wohl einen neuen Satz Bettwäsche benötigten - es war ihm nicht nur peinlich, weil Nora schließlich nicht wissen musste, was sie anstellten, um das Bett so zu verunreinigen, sondern auch, weil sie immernoch eine Hexe war und Thomas von ihr erbat, sich um Vincents Bettzeug zu kümmern - und ging dann ins kleinere Haus hinüber. Simon war da, dessen Anwesenheit bei Thomas für eine nicht geringe Erleichterung sorgte und den er warm grüßte. Er ließ sich zeigen, wo Darcy untergebracht war, und klopfte an ihre Tür, bevor sie schon aufschwang und die Frau sich ihm um den Hals warf.
      "Thomas!"
      "Himmel - ja. Ich bin ja hier. Sei anständig und geh rein, Darcy."
      Jetzt war es ihm peinlich, dass Simon sie bei diesem kurzen Gefühlsausbruch beobachtet hatte. Er wollte sich nicht dafür rechtfertigen müssen, mit seiner ehemaligen Freundin noch nicht Schluss gemacht zu haben.
      Er warf dem jungen Mann einen kurzen Blick zu, dann ging er hinter Darcy in die kleine Kammer.
      Sie trug jetzt andere Kleider von Nora und sah besser aus als gestern. Es stand auch ein kleines Tee Service auf dem winzigen Tisch im Zimmer mit einer Schale süßem Gebäck. Sie hatte sich sogar die Mühe gemacht, ihre Haare heute wieder in Form zu bringen, was ja wohl ganz klar ein Zeichen dafür war, dass alles gut war. Für den Moment noch.
      "Wann können wir hier raus?"
      Thomas schüttelte den Kopf.
      "Noch nicht. Es wird noch dauern, du musst dich gedulden. Wie geht es dir, hast du irgendwelche Beschwerden? Schmerzen? Unerwünschte Symptome?"
      "Oh, verarzte mich jetzt nicht, Thomas, ich brauche keinen Arzt, ich brauche unsere Freiheit! Beide Vampire sind am schlafen, wir könnten jetzt verschwinden! Wir haben noch gute acht Stunden, bevor es dunkel wird, das reicht genug, um uns eine Kutsche zu nehmen und zurück nach Cambridge zu fahren!"
      Du lieber Himmel.
      "Das geht nicht, Darcy. Vertrau mir. Ich werde schon dafür sorgen, dass er dich gehen lässt, aber das braucht Zeit. Wir werden hier kein Katze-Maus-Spiel starten."
      Auch, wenn Vlad sicherlich daran Gefallen finden würde.
      "Warum nicht? Oh, Thomas, komm schon her, komm zu mir, ich bin so froh dich zu sehen, lass uns nicht streiten, nur für einen Moment."
      Sie streckte den Arm nach ihm aus und Thomas fügte sich, indem er sich zu ihr setzte. Sofort schlang sie beide Arme um ihn und schmiegte sich fest an ihn.
      "Ich bin so froh, wirklich. Es wird schon alles gut werden, ganz sicherlich. Wir werden hier herauskommen. Woher wusstest du es nur?"
      "Woher wusste ich was?"
      "Dass sie hierherkommen würden."
      "Das wusste ich nicht. Ich wusste gar nicht, dass du überhaupt kommen wirst."
      Darcy richtete sich ein Stück auf.
      "Aber bist du deswegen nicht hier? Hast du denn nicht meine Briefe bekommen?"
      Briefe? Etwa die, die Thomas in den Kamin geworfen hatte?
      Er strich sich über das Hosenbein.
      "... Nein, die sind nicht angekommen."
      Darcy blinzelte.
      "Aber ich habe dir geschrieben, Thomas. Ganz oft sogar. Ich habe dir von meiner Jagd erzählt, davon, dass ich geglaubt habe, beobachtet zu werden."
      Da wurde Thomas nun doch hellhörig. Jagd? Beobachtet?
      Er wandte sich Darcy zu.
      "Ich habe nichts bekommen. Wovon redest du?"
      "Naja, es hat vor... einer Weile angefangen. Zuerst waren es nur ein paar Spuren, denen wir - Stephen und ich - gefolgt sind. Nur ein paar Vampire, weißt du? Es ist sonst ja immer so ruhig.
      Aber dann haben sie sich gemehrt, vor allem bei unserem Haus - die Spuren, meine ich. Und dann habe ich sogar einen von ihnen gesehen, da bin ich mir ganz sicher, ich habe ihn ganz genau gesehen, wie er unser Haus beobachtet hat. Daraufhin bin ich auf die Jagd gegangen, habe ihn aber nur verwundet, und ein paar Tage später stand schon dieser... dieser...", sie zog die Stirn in Falten, "dieser Schurke in unserem Wohnzimmer und hat sich unser Bücherregal angesehen, als ich heruntergekommen bin. Und dann hat er mir gesagt, ich müsse mitkommen, weil ich ein hübsches Geschenk für jemanden sei. Und er hat... ach, das ist ja auch nicht so wichtig, den Rest wirst du dir sicher denken können. Ich habe dir von alledem geschrieben, hast du denn gar nichts davon mitbekommen?"
      Nein, nein das hatte er nicht. Er hatte nicht mitbekommen, dass Darcy in Jagden verwickelt gewesen war, dass sie sich beobachtet gefühlt hatte und dass es sich dabei ziemlich sicher um Vlads Handlanger handeln musste. Das hatte er nicht.
      Denn Thomas war bei Vincent gewesen, hatte in seinem Bett gelegen, hatte mit ihm geschmust und sich keine Gedanken um die Welt gemacht, denn bei ihm war alles in Ordnung gewesen. Denn er hatte schließlich Darcys Briefe weggeworfen, nachdem er damit gerechnet hatte, dass sie sowieso wieder kaum Inhalt haben würden.
      Er hatte es nicht mitbekommen.
      "... Thomas?"
      Er starrte mit aufgerissenen Augen auf Darcy, bis er soweit geistesgegenwärtig wurde, um sich zu räuspern.
      "Die müssen... die Briefe, sie müssen... verlorengegangen sein. Schätze ich."
      Darcy starrte ihn für einen Moment an. Sie würde ihn entlarven, dessen war er sich sicher, sie wusste es genau, wenn er log.
      Aber stattdessen seufzte sie nur.
      "Lass uns nur nicht darüber reden. Komm her, bleib bei mir, für ein paar Stunden nur. Das Bett ist groß genug für uns beide, du musst nicht zurückgehen, sie schlafen sowieso alle. Lass uns diese Geschehnisse vergessen, nur für ein paar Stunden."
      Sie lehnte sich zu ihm, fing ihn in ihren Armen ein, zärtlich und sehnsüchtig und Thomas konnte nur daran denken, dass er dafür verantwortlich war, dass Darcy hier gelandet war. Er hatte nicht aufgepasst. Sie hätte so wie Beth enden können.
      Bei Beth hatte er auch nicht aufgepasst. Auch damals hatte er sich schon mit jeder Faser seines Seins Vincent hingegeben, ohne darüber nachzudenken, was seine Nachlässigkeit anderorts bewirken könnte.
      Darcy drückte ihm einen eindringlichen Kuss auf die Lippen und Thomas schob sie von sich. Er sprang auf, bevor sie ihn noch einmal einfangen konnte.
      "Ich kann nicht - es geht nicht. Ich muss gehen, Darcy, ich werde gebraucht. Du bleibst hier, wo es sicher ist, verstanden? Nur hier, du gehst nirgendswo hin."
      "Aber Thomas, wir haben uns schon seit Weihnachten nicht mehr -"
      "Tu, was Nora dir sagt. Sie weiß immer, was zu tun ist."
      Damit flüchtete er nach draußen und schlug die Tür hinter sich zu.
      Ein weiteres Mal suchte er nach Nora. Er wusste nicht, was er fühlen sollte; es war ganz offensichtlich schlecht, wenn er so viel Zeit mit Vincent verbrachte. Er musste weg, er musste wieder nachhause. Er hielt seine Praxis schon seit Wochen geschlossen, Gott, was dachte er sich nur? Wie viele Menschen waren ums Leben gekommen, während er mit Vincent heile Welt gespielt hatte? Wie viele würden noch darunter leiden, dass er sich in seiner Hingabe zu diesem Mann verlor?
      Er fand Nora. Sie war nie weit weg.
      "Wo ist er?"
      Nora drehte sich zu ihm um. Vielleicht verstand sie ihn nicht, vielleicht verweigerte sie ihm aber auch eine Auskunft.
      "Wo schläft er, Nora?"
      Thomas senkte die Stimme, paranoiderweise.
      "Wir können es beenden, jetzt, sofort. Wir müssen keine Tage darauf warten, dass wir vielleicht eine Chance haben - jetzt eine Silberwaffe und es kann vorbei sein. Sagen Sie mir, wo er schläft."
    • Nora ließ sich nicht von dem guten Doktor hetzen. Sie faltete ihr Handtuch ordentlich und steckte es soweit in eine ihrer vielen Taschen, dass es zumindest nicht zu Boden fiel, bevor sie sich zu ihm umdrehte und sich anhörte, was er zu sagen hatte.
      "Glauben Sie wirklich, dass Vlad beinahe ein Jahrtausend überlebt hat, indem er sich tagsüber ohne Schutzmaßnahmen für ein Nickerchen hingelegt hat?" gab sie unbeeindruckt zurück. "Sie sind nicht der erste Jäger, der ihm zu nahe kommt. Für gewöhnlich isst er Ihrereins zum Frühstück, wenn man den Geschichten glauben darf."
      Sie deutete auf einen einfachen Holzstuhl, der an einem einfachen Holztisch stand - das Bedienstetenhaus enthielt bei weitem nicht so viel Luxus wie das Haupthaus, auch wenn sich Vincent alle Mühe gab, etwas daran ändern zu wollen. Nora setzte sich zu dem Doktor an den Tisch.
      "Vlad schläft im Gästeflügel, dritter Stock, am Ende des Ganges. Sie können da jetzt gern hingehen, ihm ein Messer an die Kehle halten und dann ihm auf brutale Weise umgebracht werden, wenn Ihnen danach ist, aber ich empfehle Ihnen für Ihre eigene Gesundheit, tief durchzuatmen und sich eine Minute zum Nachdenken zu nehmen. Sie sind Jäger, ist das nicht das, was Sie tun? Nachdenken und vorsichtig gegen einen übermächtigen Gegner vorgehen?"
      Nora würde den Mann sicherlich nicht vorher gehen lassen, so viel stand für sie fest.
      "Darcy ist hier sicher. Die Belegschaft ist hier sicher. Neben meinen eigenen Maßnahmen steht Simon auch noch Wache, wann immer er wach ist. Er ist ein Chaot, aber er aktuell reißt er keine Witze - das allein ist für mich ein Zeichen dafür, wie ernst er die Situation nimmt. Konzentrieren Sie sich auf die Aufgabe, die vor Ihnen liegt. Überstürzen Sie nichts. Sie haben alles, was Sie für eine erfolgreiche Jagd brauchen. Also behalten Sie die Kontrolle über sich und erledigen Sie diese Aufgabe. Erfüllen Sie Ihr Erbe."
      Sie lehnte sich zu ihm und ergriff seine Hand, hielt sie mit mehr Druck, als man vielleicht von einer einfachen Haushälterin erwarten würde.
      "Sie und Vincent haben die Gelegenheit, einen der ältesten Vampire der Welt zu vernichten. Ich wäre ziemlich wütend, wenn sie das vermasseln. Ich, als Hexe."
      Sie zwinkerte ihm zu, dann ließ sie ihn wieder los.
      "Sie können das, Thomas. Ich weiß, dass Sie das schaffen. Aber nur, wenn Sie Ihre Wut lange genug in Schach halten können, um Ihren Kopf zu benutzen. Erinnern Sie sich an das, was Vincent Ihnen beigebracht hat: Junge Vampire kämpfen mit ihren Instinkten; Alte Vampire mit ihrem Verstand."
      Sie stand auf und wandte sich wieder dem Mittagessen zu, das sie für sich und Simon vorbereitete. Die meisten hier machten sich selbst etwas zu essen, daher hatte sie nicht allzu viel zu tun. Esther leitete heute die Gruppe, die das Haus reinigte und sie vertraute darauf, dass die junge Hexe alle aus dem Haus schaffte, bevor sich der Sonnenuntergang ankündigte. Nora, für ihren Teil, würde sich nach dem Mittagessen hinlegen, um die Nacht durchzustehen. Gleiches galt für Simon, ob der Junge wollte oder nicht.
      "Bleiben Sie zum Essen?" fragte sie über ihre Schulter.


    • Natürlich hatte Nora recht, mit allem, was sie sagte. Vlad wäre nicht 1.000 Jahre alt geworden, wenn er nicht mindestens seine größte und stärkste Schwäche irgendwie abgesichert hätte. Bei allem was Thomas lieb war, er hätte sogar vermuten können, dass der Vampir irgendwie gelernt hatte, der Kraft der Sonne gar nicht mehr zu erlegen.
      Entsprechend war es natürlich vollkommener Irrsinn, ihn aufsuchen zu wollen und dann auch noch alleine. Nora hatte ja recht.
      Trotzdem machte es die ganze Sache nicht besser. Thomas steckte mitten drin und trotzdem fühlte es sich so an, als würde ihm alles außer Kontrolle geraten.
      Er lehnte sich mit den Ellbogen auf den Tisch, stützte seinen Kopf in seinen Händen auf und fuhr sich durch die Haare. Es war ja doch niemals so einfach, wie es den Anschein hatte.
      "Sie haben ja recht, Nora. Ich weiß, dass Sie recht haben."
      Erstaunlicherweise ergriff sie seine Hand, eine Geste, die er ihr kaum zugetraut hätte - zumindest für niemand anderen als für Vincent. Es hatte etwas tröstliches, es innerte ihn an Beth.
      Er sprach weiter, ohne groß darüber nachzudenken.
      "Ich kann nicht zulassen, dass noch jemand zu Schaden kommt, wissen Sie? Erst Beth, weil ich nicht da war, und jetzt auch noch Darcy. Sie wurde beobachtet, wussten Sie das? Er hat sie beobachten lassen und sie hat es mir sogar geschrieben, aber ich habe es nicht gelesen, weil ich ihre Briefe weggeworfen habe. Ich wollte mich nicht mit ihr befassen, noch nicht. Nicht, während Vlad herumspukt. Es ist meine Schuld, dass sie hier gelandet ist, ich hätte sie einfach zu mir einladen müssen und da wäre sie sicher gewesen."
      Er dachte an Beth. Oder auch nicht.
      "... Oder zu Vincent einladen. Oder es endlich beenden. Ich weiß nicht, wieso ich es überhaupt nicht schon längst getan habe. Es wird sicher grauenhaft sein, gütiger Himmel. Wir waren kurv davor zu heiraten."
      Noch einmal raufte er sich durch die Haare, dann gab er es endlich auf und beschränkte sich darauf, sich schwer auf den Tisch zu stützen. Der anfängliche Energieschub war schon wieder vorüber, der Wind aus seinen Segeln genommen. Er wollte Vlad gar keinen Besuch mehr abstatten, was, rational gesehen, wohl ein Fortschritt war.
      "... Ich bleibe gerne. Sagen Sie mir nur, wo ich neue Bettwäsche finde, ich werde sie nachher selbst auswechseln. Ich muss mich beschäftigen, bevor ich noch ganz durchdrehe. Vlad raubt mir, wortwörtlich, den Verstand."
    • "Sie waren so kurz davor, Darcy zu heiraten, dass sie noch gar kein Datum für die Hochzeit hatten. Geschweige denn einen Verlobungsring besorgt haben," gab Nora zurück.
      Sie bedeutete dem Mann, zu ihr zu kommen und ihr beim Kochen zu helfen. Sie machte sogar einen schlechten Scherz darüber, dass er ja die nötigen Messerkenntniss habe.
      "Sie machen sich viel zu viele Gedanken, wissen Sie?" meinte sie nach einer Weile, während sie darauf wartete, dass das Wasser in einem großen Topf zu kochen begann. "Darcy ist vielleicht ein bisschen naiv, aber sie ist nicht unbedingt dumm. Sie weiß, dass Ihre Beziehung aus irgendeinem Grund anders ist. Ich garantiere Ihnen, dass sie das schon vor einer Weile bemerkt hat - lange bevor Vincent Ihnen die Augen geöffnet hat. Aber sie ist immer noch in diesem Stadium, wo sie nur weiß, dass etwas nicht stimmt. Das Was hat sie noch nicht gefunden. Und das muss sie auch nicht, das geht sie nichts an. Ich kann - und will - Ihnen nicht sagen, wie Sie Ihr Leben zu leben haben. Aber Sie müssen sie freigeben. Sonst halten Sie sie beide unnötig gefangen. Zumal es doch ein bisschen unfair ist, wenn Sie sich mit Vincent vergnügen, während Darcy noch auf diese Weise Teil Ihres Lebens ist. Unfair gegenüber Darcy, aber auch unfair gegenüber Vincent. Sie sind Arzt verdammt. Sie wissen doch, dass man manchmal ein bisschen Schmerz ertragen muss, damit es besser wird."
      Sie schlug Thomas kurz mit ihrem Handtuch. Dann wandte sie sich wieder dem Mittagessen zu, denn das Wasser kochte. Sie ließ Thomas alles mögliche schneiden und nachdem alles wie es sollte im Topf gelandet war, erklärte sie ihm, wo er die frischen Laken im Haupthaus finden konnte. Kurz darauf stieß Simon zu ihnen, der gleich zum Tischdecken beordert wurde. Er trug ein großes Messer am Gürtel.
      Das Mittagessen war weit weniger opulent als das, was Nora im Haupthaus auftischte; bloß ein bisschen gekochtes Gemüse mit einer Fleischbeilage und selbstgebackenem Brot. Doch hier im Bedienstetenhaus reichte das. Simon ließ sich auf einen Stuhl sinken und zog ein Bein an, gegen das er sich lehnte. Niemand forderte ihn dazu auf, sich ordentlich hinzusetzen, niemand korrigierte seine eher mittelmäßigen Tischmanieren. Hier konnte er einfach sein, wer er war. Nora forderte ihn nicht einmal dazu auf, das hektische Wippen seines Beines zu beenden, wohlwissen, dass es den Jungen in den Wahnsinn treiben würde, still sitzen zu müssen.
      "Ich pass auf Ihre Freundin auf, Doc. Versprochen," meinte Simon irgendwann während dem Essen. "Aber im Gegenzug müssen Sie diesen Sack platt machen, der ihr so eine Angst eingejagt hat, ja?"


    • "Ich war kurz davor... einen Plan zu machen... wann ich einen Verlobungsring... ausmessen soll", nuschelte Thomas der Tischplatte entgegen, was Nora entweder nicht hörte oder bewusst ignorierte. Er hoffte auf ersteres, denn kaum danach beauftragte sie ihn mit Gemüse schneiden. Froh darum, wenigstens einen Teil seines schlechten Gewissens bekämpfen zu können - nämlich dasjenige, das ihm immernoch vorhielt, so lange auf Vincents Kosten zu leben - stand er auf und half ihr. Sie zeigte ihm die Technik, wie er zu schneiden hatte, denn jemanden aufzuspießen war eine ganz andere Bewegung als Essen zu schneiden - was wiederum ganz anders war, als einen Körper aufzuschneiden. Erstaunlicherweise ging es seinen chirurgischen Händen aber so einfach von der Hand, dass er fast mit Nora hätte mithalten können.
      Fast.
      "Sie sagen mir nichts neues, leider. Ich schätze, ich habe den Moment verpasst, in dem klar wurde, dass das mit uns etwas festes wird. Und danach... habe ich trotzdem vieles falsch gemacht. Ich wollte keine einzige Sekunde ohne Vincent verbringen, es war einfacher dem nachzugehen, als das mit Darcy zu beenden, ich weiß es ja. Und dann muss ich mich auch noch vor Stephen rechtfertigen, Gott im Himmel. Das ist nichts, womit ich mich gerne befassen würde."
      Er schnitt das letzte Gemüse und überließ die restlichen Aufgaben wieder Nora. Am Tisch waren nur sie drei, nachdem der Rest im Haus zugegen war, und das war eine deutlich andere Atmosphäre - noch ungezwungener, als schon bei Vincent. Wusste er, wie unkompliziert hier zu Abend gegessen wurde, ohne großes Aufmachens? Gegen sowas hätte er sicher auch nichts einzuwenden, auch wenn er niemals daran teilnehmen könnte, solange die Runen im Haus ihn aussperrten.
      Simon versprach, ein Auge auf Darcy zu haben und Thomas dankte ihm dafür und ja, sicher, sie würden allesamt hier aufräumen, er versprach es. Sein Seitenblick ging zu Nora, bevor er es verhindern konnte. Danach schlug er die Augen nieder und aß in Schweigen.

      Zurück in Vincents Schlafzimmer deckte er den ausgestreckten Mann erst erneut ein, bevor er sich an die mühevolle Aufgabe machte, das Bett neu zu beziehen und Vincent dabei nicht allzusehr zu stören. Er brauchte dafür länger, als er hätte zugeben wollen, auch, weil er zwischendrin mehrere Zwischenstops einlegte, um Vincents Stirn zu küssen, die Haare aus seinem Gesicht zu streichen und seine Kissen extra noch einmal für ihn aufzuplustern. Manchmal gab Vincent ein Geräusch von sich, manchmal glaubte Thomas, vor Zuneigung gleich explodieren zu müssen. Der Mann war zu liebenswert, wie er in den Bergen von Decken und Kissen vergraben lag und mit Unschuldsmiene vor sich hin schlief, um ihn nicht verschlingen zu wollen. In Momenten wie diesen konnte Thomas sehr gut verstehen, dass der andere kein Problem damit hatte, die restliche Nacht darüber zu wachen, dass Thomas selbst ordentlich schlief.
      Er beendete das Bett, stellte sicher, dass Vincent auch wieder eingewickelt war und ging dann mit dem alten Zeug nach draußen, um es auf seinem Weg Esther in die Hand zu drücken. Sein unbeholfenes Gestammel darüber, dass die Sachen schmutzig und das Kissen kaputt waren, regte die Farbe in seinem Gesicht an und bald darauf auch in Esthers, als wohl der Groschen gefallen war. Sie gingen beide schnellstens andere Wege, ohne sich noch einmal in die Augen zu sehen.
      Aus Pflichtgefühl heraus sah er wieder bei Darcy vorbei, unterhielt sie für eine halbe Stunde, indem er ihr Zuneigungen versagte und stattdessen trockene Konversation mit ihr abhielt - Noras Worte geisterten ihm noch im Kopf herum und ja, Darcy musste tatsächlich wissen, dass etwas nicht richtig war - bevor er auch davor wieder flüchtete. Simon bat er, ihn zu informieren, sollte irgendetwas mit ihr sein. Er mochte ein absolut miserabler Liebhaber und Freund sein, aber zumindest wollte er sich doch für all die anderen Facetten etwas Mühe geben.
      Dann zog er sich doch wieder zurück zu Vincent, legte sich zu ihm ins Bett und zog ihn auf sich, bis sein Kopf auf Thomas Brust lag und er seinem Herzschlag lauschen konnte, so wie er wusste, dass Vincent es mochte. Dann legte er die Arme um ihn, verging in seinem Glück darüber, diesen Moment erleben zu dürfen, und döste selbst ein bisschen, bis er Vincent am Abend aufwecken würde.
    • Bumm bumm...
      Bumm bumm...
      Bumm bumm...

      Ein ruhiger, kräftiger Herzschlag? Wusste das Menschlein denn nicht, in wessen Gesellschaft er war?
      Bumm bumm...
      Bumm bumm...
      Bumm bumm...

      Vielleicht wollte das Menschlein ja sterben? Es servierte sich selbst auf einem goldenen Tablett. Eine reife Frucht, darauf wartend, gepfückt zu werden.
      Bumm bumm...
      Bumm bumm...
      Bumm bumm...

      Vincent hob den Kopf ein wenig. Lächelnd küsste er die Stelle gleich über Thomas' Herzen, bevor er sich ein bisschen enger an ihn kuschelte. Er bemerkte, dass das Bett neu bezogen war und dass ein Kissen fehlte - ebenso wie all die Daunen, die er vor einigen Stunden so großzügig überall verteilt hatte.
      Er spürte die Hand in seinem Nacken deutlich, schnurrte angesichts des sanften Druckes, mit dem sie seine Muskeln massierte. Thomas hatte in den letzten Wochen beinahe jeden Trick gelernt, um Vincent aus seiner alltäglichen Starre zu holen. Das Problem war wir immer Vincent Abneigung gegen das Konzept des Aufstehens. Wenn er könnte, würde er die ganze Nacht in seinem Bett verbringen und einfach nichts tun. Früher, vor Thomas, hatte er das manchmal sogar gemacht. Wenn einem die Ewigkeit offenstand, wusste man nicht immer, was man damit anfangen sollte.
      "N'Abend," murmelte Vincent verschlafen, fest entschlossen, sich nicht so einfach aufwecken zu lassen.
      Er schwang ein Bein über Thomas' und schlang einen Arm um dessen Torso. Ihn würde er auch nirgendwo hingehen lassen. Nicht solange sie noch ein paar wenige Minuten dieses Friedens hier hatten. Vincent wollte gar nicht daran denken, was nur ein paar Flure entfernt auf ihn wartete.
      Schnell war ihm die Wärme an Thomas' Seite nicht mehr genug und er schob sich ganz auf den Mann. Er rutschte auch ein wenig nach oben, weit genug, um sich mit den Ellenbogen neben Thomas' Kopf abzustützen und ihn ordentlich küssen zu können.
      "Sag mir, dass die Welt in Ordnung ist," flüsterte er und küsste Thomas noch einmal.


    • Thomas hatte mittlerweile schon die Zeichen zu deuten gelernt, die darauf hinwiesen, dass Vincent am Aufwachen war. Der Mann regte sich nicht, noch lange nicht, es war noch viel zu früh, um überhaupt die Augen aufzuschlagen, aber er nahm einen tiefen, sehr tiefen Atemzug. Und dann noch einen. Fast wirkte es, als könne er im Schlaf etwas riechen.
      Wenn ihm Thomas dann in diesem Moment durch die Haare strich, während er geduldig darauf wartete, dass sein Freund in seinen Armen aufwachte, konnte er spüren, wie sich sein Nacken anspannte. Auch das war nichts, was äußerlich aufgefallen wäre; es war vielmehr der erste Schritt dazu, wieder Leben in seinen Körper einzuhauchen. Bis er tatsächlich ansprechbar war, würde es noch eine weitere Weile dauern.
      Bis dahin streichelte er ihn weiter, küsste seine Stirn und sah dabei zu, wie Vincent sich zuerst an seinem Hemd rieb, dann genügend Kraft aufwinden konnte, um seinen Kopf zu heben und ihn dort zu küssen, wo er soeben noch gelegen hatte.
      Thomas lächelte zu ihm hinab.
      "Guten Abend, Hübscher."
      Die Antwort kam murmelnd in Vincents tieferer Morgenstimme - Abendstimme - die mindestens genauso sündhaft war wie seine zerzausten Haare und sein verschlafenes Gesicht.
      Thomas lächelte noch mehr.
      "Schon bereit aufzustehen?"
      Seine Antwort erhielt er in einem eisernen Griff, der sie beide an das Bett fesselte. Es wäre ja sonst auch viel zu schnell gegangen. Wie üblich gab er sich geschlagen, schlang die Arme um Vincent und hielt ihn an sich, während er ihm wieder den Kopf kraulte. Vincent gefiel das, wenn man von den Geräuschen ausging, die er ganz leise von sich gab.
      Dann irgendwann wälzte er sich ganz auf ihn und gab Thomas, was er ganz geheim den offiziellen Abendkuss nannte: Der erste Kuss von vielen, mit dem Vincent wach genug war, um sich anständig zu artikulieren und damit auch anhänglich zu werden.
      Thomas gab ihm nichts lieber als seinen Abendkuss.
      "Die Welt ist so, wie du sie verlassen hast, Lord. Ich, für meinen Teil, finde sie ganz bezaubernd, wenn ich dich aufwecken darf. Das ist meine absolute Lieblingsbeschäftigung."
      Er küsste ihn erneut, auf den Mund und auf den Kiefer, und fuhr mit den Lippen eine seiner Bissspuren entlang, die noch immer auf Vincents Hals sichtbar waren. Er küsste ihn auch dort, hielt Vincent in seinen Armen fest, die er um seinen Oberkörper gelegt hatte, und fuhr mit der Zungenspitze die Spuren nach. Er erntete sich ein weiteres von Vincents kleinen Geräuschen und streichelte seinen nackten Rücken entlang, bevor er sich zu einem weiteren Kuss wieder reckte.
      "Ich würde nichts lieber tun, als die ganze Nacht mit dir im Bett zu verbringen, weißt du das?"
    • Vincent brummte zufrieden, als er Thomas' Zunge auf den empfindlicheren Stellen seines Halses spürte. Diese kleine Berührung reichte aus, um einen warmen Schauer durch seinen noch immer trägen Körper zu jagen. Er wusste nicht, ob ihn das schneller aufweckte als sonst, aber das war ihm ehrlich gesagt auch vollkommen egal, solange Thomas genau damit weitermachte.
      "Ich würde nichts lieber tun, als die ganze Nacht mit dir im Bett zu verbringen, weißt du das?"
      Vincent ließ den Kopf sinken, bis seine Stirn auf Thomas' Brustbein lag.
      "Du stiehlst die Worte direkt aus meinem Kopf," murmelte er gegen die warme Haut und das beständige Schlagen von Thomas' Herz.
      Er konnte es hören, er konnte es spüren. Der Rhythmus kräftig und unbezwingbar. Genauso wie Thomas.
      Vincent setzte sich auf.
      "Darauf werde ich irgendwann zurückkommen," versprach Vincent mit einem Lächeln. "Aber nicht heute Nacht."
      Er seufzte, dann ließ er Thomas allein im Bett zurück, um ein Bad zu nehmen, für das er nicht viel Zeit hatte. Vlad war sicherlich schon wach und Vincent konnte es sich nicht erlauben, ihn zu lange allein zu lassen. Vlad langweilte sich schnell und wenn er sich langweilte, dann waren alle auf diesem Anwesen in Gefahr.
      Vincent nahm sich so wenig Zeit wie möglich, um die Spuren vom frühen Morgen zu beseitigen. Es war mehr ein Ritual, das er vor sehr langer Zeit verinnerlicht hatte. Es war viel zu einfach in alte Gewohnheiten zu fallen, wenn Vlad anwesend war. Am Ende stand Vincent vor dem Spiegel, den Blick auf die geröteten Halbmonde an seinem Hals gerichtet. Er wollte sie behalten. Er wollte die Spuren, die Thomas auf ihm hinterlassen hatte, so lange mit sich herumtragen, wie er nur konnte. Leider war das auf diese wenigen Minuten in seinem Badezimmer beschränkt. Er ließ die Finger ein letztes Mal über die wunden Stellen gleiten, dann spornte er seinen Körper dazu an, die verletzte Haut zu heilen. Vincent wollte nicht dabei zusehen, also ließ er den Spiegel hinter sich und wandte sich lieber seinem Kleiderschrank zu. Er hasste sich dafür, Thomas an diesem Abend nicht näher sein zu können. Aber er wusste, dass er sich auch dafür hassen würde, ihm jetzt so nahe zu sein, wie er eigentlich wollte, einfach nur weil er wusste, wem er gleich nahekommen musste. Er wollte diese beiden Welten nicht miteinander verschmelzen, wollte das eine nicht für das andere halten, wenn das alles hier vorbei war. Und, wenn er ganz ehrlich war, fühlte es sich beinahe so an, als verteile er Dreck auf dem, was er mit Thomas hatte.
      Mit jedem Kleidungsstück, das er sich überstreifte, ließ Vincent ein bisschen mehr von dem einen Ich zurück, verpackte es ordentlich und verstaute es tief in sich drin, bis er schließlich den letzten Knopf an seinem Hemd schloss und vollkommen in die Rolle von Vlads Kreation schlüpfte.
      "Komm her," meinte er über seine Schulter zu Thomas, als er die Türen zu seinen Kleiderschrank schloss.
      Er drehte sich zu dem Mann um. Dem Mann, den er so sehr liebte, dass es schon wehtat. Er legte ihm eine Hand an die Wange und schenkte ihm ein sanftes Lächeln.
      "Ich werde etwas tun müssen, was dir nicht gefällt. Ich werde eine menge tun müssen, was dir nicht gefällt. Vertraust du mir?"
      Vincent wartete, bis Thomas die Frage eindeutig bejahte. Dann erst beugte er sich vor, küsste Thomas liebevoll. Er ergriff Thomas' Handgelenke.
      "Dir wird nichts passieren. Darauf gebe ich dir mein Wort," hauchte Vincent gegen Thomas' Lippen.
      Dann beugte er sich hinunter und küsste Thomas' Hals. Sein Griff um Thomas' Handgelenke wurde ein bisschen fester, um sicherzustellen, dass sich der Mann nicht wehrte. Und dann biss er Thomas in den Hals. Er nutzte seine Fangzähne nicht - auch wenn alles in ihm danach schrie, es zu tun. Er nutzte nicht die Bisskraft, die er hatte. Er durchstieß die Haut nicht. Er hinterließ lediglich Spuren, die denen, die Thomas auf ihm hinterlassen hatte, nicht unähnlich waren.
      Als er seinen Kopf wieder hob, ließ er Thomas auch los und machte sofort zwei Schritte zurück, um dem Mann Raum zu geben. Und, wenn er ehrlich war, brauchte er selbst diesen Raum auch. Das Monster in seinem Inneren, hungrig und wütend, warf sich mit aller Macht gegen das Gefängnis, in das Vincent es vor langer Zeit gesperrt hatte. Seine Augen waren heller als sonst, das wusste er selbst. Sein Zahnfleisch pochte unangenehm. Seine Kehle war reines Feuer. Er sah Thomas nicht an, aus Angst, die Kontrolle zu verlieren, jetzt wo er so nahe dran gewesen war, sich zu nehmen, was jede Faser seines Seins haben wollte.


    • Thomas blieb noch liegen, erst, um Vincents Abgang ins Badezimmer zu beobachten, dann, um auf seine Rückkehr zu warten. Ihm war noch immer wohlig warm von der gemeinsamen Zeit im Bett und er ließ sich von Gedanken unterhalten, die ihm Vincent in den Kopf gesetzt hatte. Eine ganze Nacht nur im Bett. Das hörte sich wirklich himmlisch an.
      Als der andere zurückkam, setzte er sich auch auf, rutschte an den Bettrand und richtete sein eigenes Hemd und seine Hose, während Vincent sich anzog. Es hätte fast wie die sonstigen abendlichen Rituale sein können, die sie beide durchmachten, wenn dieses Mal keine solche Seriösität dahinter gesteckt hätte. Immerhin würden sie gleich nicht nur zum Abendessen gehen, sie würden sich einer Unterhaltung mit einem Meistervampir stellen.
      Ganz vage kam Thomas der Gedanke, ob Vlad sich wohl damit zufriedenstellen würde, Schweineblut zu trinken.
      Dann holte Vincent ihn zu ihm und Thomas kam, weil er ja sowieso nicht hätte widerstehen können, den Mann in seinem frischen Anzug gebührend anzuhimmeln. Er legte die Arme um seine Hüfte und ließ sich nur ganz kurz von seinem tadellosen Aussehen ablenken, bevor er ihn direkt ansah und seine Frage hörte, ob er ihm vertraute.
      "Ich vertraue dir immer", war Thomas' Antwort, ohne ein einziges Zögern. Vincent könnte ihn das so oft fragen, wie er nur wollte, er würde ihm immer dieselbe Antwort liefern.
      Bisher hatte er das auch nie bereuen müssen.
      Und auch jetzt wies nichts in Vincents Behaben darauf hin, was er damit meinen mochte, als er sich wieder vorlehnte und ihn erneut, liebevoll küsste. Thomas erwiderte den Kuss. Er dachte auch ganz kurz darüber nach, dass es nicht er selbst war, bei dem er sich Sorgen darum machte, dass ihm etwas zustoßen würde.
      Dann beugte Vincent sich aber unmittelbar hinab, peilte vielleicht seine Schulter an - so war es zumindest in Thomas' Vorstellung, der bisher schließlich hunderte Male miterlebt hatte, wie Vincent seinen Hals mied - und verharrte dann doch auf halbem Weg. Vincents Atem streifte bereits seine Haut, dann senkten sich seine Lippen hinab.
      Der Kuss auf seinen Hals war bereits genug, um sämtliche Worte, sämtliche vorherigen Versprechen in Luft aufgehen zu lassen. Ja, Thomas vertraute ihm noch immer, selbst in diesem Augenblick, als sein Herzschlag mit einem Mal hochfuhr, als er nur knapp zurückzuckte, weil ein ganz dringender, aufgeregter Teil beschlossen hatte, dass es nicht mehr Zeit für Liebeleien, sondern für Kampf oder Flucht war. Ja, er vertraute ihm. Mit den Zähnen verlor er sogar dieses Vertrauen.
      Es war ganz egal, was Vincent zu ihm gesagt hätte oder wie viel Zeit sie vorher damit verbracht hätten, übereinander herzufallen und jeden Zentimeter ihrer Körper zu küssen. Es war auch ganz egal, dass sie sich an einem Ort befanden, den Thomas mehr als sicher befand, der sogar - perfiderweise - vampiersicher sein sollte und den er ausschließlich mit Liebe, Geborgenheit und Frieden verband. Es war egal, dass es Vincent war. Die Zähne berührten seinen Hals und der Jäger entbrandete wie ein Feuerwerk.
      Er riss die Arme zurück - wollte sie zurückreißen, aber die Schraubstock-Finger des Vampirs hatten sich schon unlängst um sein Handgelenk geschlossen. Er verdrehte beide, nach außen hin, nur leider hatte dieser winzige Augenblick vergeblicher Mühe schon ausgereicht, damit die Zähne Druck aufbauen konnten. Sein Puls beschleunigte sich, er regulierte ihn nicht, Adrenalin schoss ihm in den Körper. Er spannte den Hals an, so gut es nur möglich war, versuchte, den Zähnen durch Muskeln alleine Widerstand zu geben. Leider brachte ihm die Erkenntnis seines anderen Berufs, dass es nicht genug Muskeln im Hals gab, um ein derartiges Kunststück zu vollziehen - ein Grund, weshalb er sich gar nicht erst in diese Lage hätte manövrieren dürfen. Was dachte er sich auch dabei, mit einem Vampir alleine im Raum zu sein? Wo hatte er denn seine Waffen, wenn nicht in der Hand?
      Der Druck baute sich auf. Mit einem Stoß nach vorne schien er den Vampir zu überraschen und bekam dessen Hemd zu fassen. Im nächsten Schritt hätte er ihn zu sich gezogen, ihm das Knie zwischen die Beine gerammt und ihn mit einem Schulterwurf zu Boden befördert. Festgehaltene Handgelenke sollten nicht das Ende seiner Verteidigung bedeuten.
      Bevor er aber auch nur das Gewicht verlagert hätte, um seinen neuen Plan umzusetzen, verschwanden die Zähne plötzlich. Der Vampir entließ ihn und Thomas wich schlagartig zurück - wie auch der andere.
      Sein Hals pochte. Er konnte jeden noch so winzigen, kleinen Fleck spüren, an dem der Vampir seine Zähne hineingedrückt hatte. Seine Hand schoss hinauf und wischte fahrig über die Stelle, den Blick ununterbrochen auf seinen Gegenüber gerichtet.
      Kein Blut. Keine Nässe, nur ein Abdruck den er erfühlen konnte.
      Er nahm einen Atemzug, um den Drang zu bekämpfen, nach seiner Waffe zu greifen. Er nahm noch einen Atemzug, weil er vorhin vergessen hatte zu atmen. Er nahm einen dritten Atemzug, um seine Panik herunterzuwürgen, die ihm das Herz in der Brust rasen ließ.
      Gegenüber stand der Vampir - Vincent - jetzt beinahe am anderen Ende des Zimmers und studierte die Ecke des Bettes. Die Stille, die zwischen ihnen hing und nur von Thomas' gezwungenen Atemzügen durchbrochen wurde, war schwer und erstickend.
      Eine Sache nur. Eine einzige Sache hatte Thomas je von Vincent gewollt. Der Mann konnte von ihm haben, was auch immer er begehrte, seinen ganzen Körper, seine Seele, was es nur war, nur seinen Hals, davon sollte er sich fernhalten, denn das vertrug Thomas nicht. Es war nur eine einzige Sache.
      ... Hatte Vincent sich so gefühlt, als Thomas ihn unvermittelt seinem Blut ausgesetzt hatte?
      Noch einmal fuhr er sich über den Hals, als könne jetzt, wie durch Zauberhand, die Wunde auftauchen, aber da war noch immer nichts. Vincent hatte schließlich sein Wort gehalten doch und ihn nicht verletzt.
      Jetzt war es an Thomas, den Blick auf eine andere Stelle im Raum zu richten.
      "... Alles in Ordnung."
      Nichts war in Ordnung. Thomas rührte sich nicht von der Stelle, zu der er sich zurückgezogen hatte. Er würde sich auch nicht rühren, denn die Tür war bei Vincent und keine zehn Pferde könnten ihn jetzt in die Nähe des Vampirs - seines Freundes - bringen. Er war aufgewühlt, viel zu panisch, um sich noch einmal einer solchen Gefahr auszusetzen. Sein Herzschlag beruhigte sich gerade so, aber eine falsche Bewegung des anderen und er wäre wieder in vollem Jagdmodus. Es würde dauern, bis sein Körper wieder begriffen hatte, dass Vincent kein Vampir war. Zumindest kein solcher.
      Und es hatte nur einen einzigen Biss benötigt, um das zu verlernen.
    • Vincent wusste selbst ohne seine verschärften Sinne, dass Thomas ihn anlog. Sein Herzschlag war zu schnell, seine Stimme zu zittrig. Vincent konnte die Angst des Mannes riechen, die schwitzigen Hände. Er wusste, dass das hier Zeit brauchen würde, um zu verheilen, aber nur so konnte er Thomas beschützen. Er hatte keine andere Wahl gehabt.
      "Ich werde jetzt gehen," informierte er Thomas, seine Stimme ein weniger heiser. "Komm nach, wann immer du soweit bist."
      Er bewegte sich vorsichtig, um Thomas nicht noch weiter zu beunruhigen. Zuerst streckte er seine Hand in Richtung Türklinge, dann wandte er Thomas bewusst den Rücken zu, machte sich verletzlich gegenüber dem Jäger. Und dann verschwand er aus dem Schlafzimmer. Sobald er die Tür hinter sich schloss, setzte er seine Maske auf, schlüpfte in die Rolle, die er für Vlad spielte. Das Mal, das er an Thomas Hals hinterlassen hatte, war alles, was den Mann vor Vlad schützen würde. Es zeigte auf, dass Thomas ihm gehörte. Und es zeigte auf, dass Thomas gerade erst zur Ader gelassen worden war und daher nicht zur Verfügung stand. Vlad konnte also nicht einmal nach einem kleinen Test wie bei einer Weinprobe fragen.
      Wie erwartet stand Vlad bereits am Fuße der Treppe. Vincent erlaubte sich das Lächeln, als er die Treppe hinunterkam. Vlad ergriff sofort seine Hand, presste einen Kuss auf den Handrücken und schlenderte mit Vincent dann in Richtung Frühstückssaal.
      "Du riechst, als ob du Spaß hattest," raunte Vlad als er seine Nase an Vincents Hals drückte.
      Vincent schob ihn sanft aber bestimmt weg.
      "Hatte ich auch. Ich weiß nicht, ob wir Thomas so bald zu Gesicht bekommen," gab er mit einem diebischen Grinsen zurück.
      Vlad grinste ebenfalls. Vincent konnte sich denken, warum: der Mann war sicherlich stolz darauf, dass sein Lieblingszögling sich doch endlich wieder menschliches Blut gönnte. Der Gedanke daran, Vlad gefallen zu wollen, kribbelte angenehm in Vincents Nacken.

      Sehr zu seiner Überraschung beschränkte sich Vlad auf ein Glas Schweineblut, ohne sich zu beschweren.
      "Ich habe dir doch gesagt, dass ich mich an deine Regeln halte, Steaua mea. Da gehe ich doch nicht einfach los und bediene mich an deinem Dorf. Oder deinem Haushalt."
      Vlad war ihm noch nie so entgegen gekommen. Ein kleiner Teil von Vincent war begeistert. Dieser Teil glaubte doch tatsächlich, dass sich Vlad ändern konnte - für ihn ändern konnte. Er verdrängte diesen Gedanken schnell wieder. Er musste fokussiert bleiben.
      "Pass auf. Am Ende nutze ich das zu meinem Vorteil aus," gab er schelmisch zurück und leerte sein eigenes Glas.
      "Ich kann's kaum erwarten," schnurrte Vlad zurück und hielt seinen Blick, als er Vincents Bewegung kopierte und sich das tierische Blut ohne mit der Wimper zu zucken einverleibte.


    • Thomas nickte nur. Er fühlte sich elend, dass er Vincent wieder auf eine Stufe mit allen anderen stellte, wie er es auch schon an Silvester getan hatte. Noch elender fühlte er sich, weil er sich dennoch danach sehnte, seinem Freund wieder nahe zu sein, aber gleichzeitig wusste, dass das unmöglich war. Es ging nicht einmal darum, dass er befürchtete, der Vampir würde ihm wieder an den Hals fallen; er näherte sich einem Vampir einfach grundlegend nicht, nicht ohne eine Waffe. Dass Vincent kein Vampir war, würde er wieder verinnerlichen müssen.
      Vincent bewegte sich langsam, ein bisschen zu langsam, was in einem anderen Zusammenhang vielleicht lächerlich hätte wirken können, wenn Thomas nicht genau das gebraucht hätte. Er drehte ihm auch den Rücken zu, eine Erleichterung ungemein. Dann ging er nach draußen und Thomas blieb alleine zurück.
      Nochmal fasste er sich an den Hals, dann ging er zum Bett hinüber, setzte sich und ließ für ein paar Sekunden den Kopf hängen. Er streckte den Arm nach hinten aus und berührte die Bettwäsche, wo sie noch warm von ihnen beiden war. Vor einer halben Stunde erst waren sie noch dort gelegen, jetzt war eine solche Zusammenkunft unmöglich. Thomas wusste, dass das nicht ihre Priorität für den heutigen Abend war und er wusste auch, wieso er getan hatte, was er getan hatte.
      Das hieß nicht, dass er so einfach damit klarkommen könnte. Er trainierte sein Leben lang, Vampire gerade nicht an seinen Hals zu lassen und Vincent hatte es trotzdem getan. Ob abgemacht oder nicht, er hatte versagt und in einem anderen Szenario wäre er jetzt tot.
      Nach einer Weile stand er wieder auf, stellte sich vor den Spiegel im Bad, betrachtete den Abdruck und frisierte sich dann ordentlich. Er rückte sein Hemd zurecht, seine Hose - ein Anzug von denen, die Vincent ihm geschenkt hatte - und zog sich dann das Jackett über. Sein Hals lag vollkommen frei, die rötliche Bissspur war deutlich sichtbar. Ja, er wusste ganz genau, weshalb Vincent es getan hatte.
      Noch einmal berührte er den Abdruck, dann straffte er sich, zog die Schultern zurück, hob den Kopf an. Er strich sich über den Anzug, bis er sich ganz sicher war, keinerlei Falten irgendwo zu werfen und verließ dann das Schlafzimmer.
      Die Männer hatten ihr Blut schon getrunken, als er zu ihnen stieß. Sie waren nicht im Salon, sondern im Frühstückssaal - Nora deckte wohl auf. Als Thomas dazu kam, beruhigte ihn die Eifersucht, die ihn beim Anblick der beiden überfiel. Biss hin oder her, ein Teil von ihm schien ja doch noch richtig zu funktionieren.
      Er schwieg, nachdem er schon am gestrigen Tag versäumt hatte, Vlad ordentlich zu grüßen und auch nicht vorhatte, diese Angewohnheit zu unterbrechen, und heftete seinen Blick auf Vincent, nachdem er keine Ahnung hatte, wohin er sich setzen sollte - wohin er sich setzen durfte. Ob er überhaupt sitzen dürfte. Er wusste nicht, wie die Regeln sein sollten, und tat schließlich gar nichts, ehe Vincent ihm nicht einen Platz zuwies und er sich darauf niederließ. Dann lehnte er sich zurück, verschränkte die Hände sorgsam im Schoß und verdrängte den Großteil seiner Gedanken zum Wohle von Vlads Anwesenheit.
    • Vincent sah kurz auf, als Thomas endlich zu ihnen stieß. Es tat ihm in der Seele weh, nicht direkt mit ihm reden zu können. Er nickte lediglich zu dem Stuhl zu seiner Linken - zu seiner Rechten hatte sich Vlad hingesetzt.
      Nora huschte lautlos umher und servierte ein ordentliches Frühstück - kein typisches Abendessen. Vlad bediente sich an den Äpfeln, eindeutig ein Zeichen dafür, dass er nicht daran gewöhnt war, seine Zähne nicht in das Fleisch eines Menschen zu schlagen, um sich zu nähren. Vincent kannte das Gefühl nur zu gut, wenn das Zahnfleisch auf diese ganz spezielle Weise zu jucken begann. Hätte er die Geduld, dieses Spiel so lange auszudehnen, bis Vlad zu wütend, zu hungrig, und zu gelangweilt war, um noch klar zu denken, könnte ihm diese Information sogar nützlich sein. Doch Vincent hatte nicht vor, diesen Mann länger als absolut nötig in seinem Haus zu wissen.
      "Erleuchte mich," sagte er, während er Thomas Teller nahm und mit Essen füllte, als sei er ein Kind. "Jetzt, wo du mir mein Geschenk gegeben hast und damit vermeintlich meinen Terminkalender bereinigt hast: was ist dein Plan? Wie willst du mein Herz erobern?"
      Er schenkte Vlad ein schelmisches Lächeln, stellte Thomas' Teller wieder ab und lehnte sich selbst dann zurück. Er überschlug die Beine, lehnte sich völlig in seine Rolle. Vielleicht sogar ein bisschen zu sehr.
      Vlad lächelte.
      "Oh, ich habe Pläne, keine Sorge," antwortete Vlad. "Noch ist es kalt genug zum Schlittschuhlaufen hinten auf dem See, bis uns die Finger einfrieren und wir uns in Bootshaus flüchten müssen für ein bisschen Wärme. Wenn dir nicht nach dieser Art von körperlicher Verausgabung ist, kannst du mich auch durch deine Bibliothek führen und mir von deinen liebsten Exemplaren erzählen. Ich habe es schon immer gemocht, dir zuzuhören, wenn du dich in deinen Interessen verlierst, das weißt du."
      Die Art wie Vlad das sagte, die Art wie er Vincent ansah, ging Vincent durch Mark und Bein, jedoch nicht auf die Art, wie es sollte. Da war ein vertrautes Kribbeln in seinem Nacken, ein angenehmes Kribbeln.
      "Du willst also mein Herz gewinnen, indem du mich dazu zwingst, mit dir unter einer weichen Decke zu kuscheln oder indem du mein Ego streichelst? Das ist aber nicht sehr romantisch, Mister," wehrte er ab.
      Vlad verengte kurz die Augen, sein Lächeln wurde ein klein wenig breiter. Er liebte eine gute Herausforderung und Vincent hatte soeben klargestellt, dass er eine war. Hoffentlich lenkte ihn das genug ab, um ihn einen Fehler machen zu lassen.
      Vincent lehnte sich vor und streckte seine Hand über den Tisch aus, legte sie flach auf die Tischplatte, geradeso in Vlads Reichweite.
      "Ich sag dir was: Du hast heute Nacht zur Verfügung, um das beste Abendessen vorzubereiten. Nur du. Niemand in meinem Hausstand wird dir helfen, abgesehen von Angaben, wo du was finden kannst. Alles andere musst du selbst machen. Sowas hast du bestimmt schon lange nicht mehr getan."
      Vlad neigte den Kopf auf diese entzückende Art, die Vincent schon immer in den Bann gezogen hatte. Er tat das nur, wenn er mit etwas augenscheinlich fremden konfrontiert wurde und in seinem Alter passierte das wirklich nicht häufig. Wann immer Vincent diesen Ausdruck aus Vlad hatte herauskitzeln können, hatte er dieses Gefühl des Stolzes verspürt - genauso, wie er es jetzt fühlte.
      "Ein Abendessen," meinte Vlad. "Wie immer bist du viel zu bescheiden für deinen Stand."
      Er streckte die Hand ebenfalls über den Tisch hinaus, legte sie auf Vincents.
      "Aber wenn es das ist, was du wünschst, dann soll es das sein, was du bekommst."
      Er hob Vincents Hand an seine Lippen, küsste sie sanft, und sandte damit einen elektrischen Schlag durch Vincents gesamten Körper.

      Der Rest des Frühstücks nach Sonnenuntergang war geprägt von angenehmem Geplänkel über die letzten paar Jahrzehnte, die sie sich nicht gesehen hatten. Vlad erzählte von seinen Reisen, Vincent von seiner Zeit in Frankreich. Abgesehen von der Zeitspanne, über die sie sich unterhielten, war es ein ganz normales Gespräch zweier Bekannter, die sich nach langer Zeit endlich wieder zum Essen trafen.
      Irgendwann, als Thomas fertig mit Essen war, ließ Vincent ihn gehen. Es dauerte noch eine ganze Stunde, bevor auch Vlad sich erhob und Vincent aus seinem eigenen Frühstückssaal warf, um das geforderte Abendessen gebührend vorbereiten zu können.
      Vincent wollte gerade gehen, da packte Vlad ihn am Handgelenk, zog ihn an sich und schlang seine Arme locker aber bestimmt um ihn.
      "Bleib oben," forderte Vlad, seine Stimme so sanft wie Seide. "Ich brauche dein ganzes Erdgeschoss. Kannst du das für mich tun, Steaua mea?"
      Er strich Vincent eine imaginäre Strähne aus dem Gesicht, einfach nur, um ihm mit einem Finger über die Wange fahren zu können. Vincent nickte, alle Worte vergessen. Vlad lächelte, dann ließ er Vincent los, der sich langsam auf den Weg aus dem Saal machte. Doch dann ergriff er praktisch die Flucht, beeilte sich, in sein Studierzimmer zu gelangen, wo er die Tür hinter sich schloss und sich dann von innen dagegen lehnte. Er musste sich zusammenreißen! Es konnte doch wohl nicht so schwer sein, sich gegen den Charme dieses Mannes - dieses Monsters! - zu wehren!


    • Thomas durfte sich bedienen lassen, auf sehr merkwürdige Art und Weise. Ob ihm das so sehr zusagte, wusste er nicht so recht.
      Schweigend betrachtete er das Essen, auf das er gar keinen Appetit hatte, Vincent neben ihm und Vlad auf Vincents andere Seite. Der Hausherr thronte ein bisschen am Tisch, seinen Gästen schienen Ehrenplätze zugeordnet zu sein. Thomas konnte auf meilenweite Entfernung erkennen, dass Vlad es lieber gehabt hätte, Vincent ganz bei sich zu haben.
      Sie unterhielten sich darüber, wie Vlad Vincents Herz erobern würde. Wäre Thomas nicht schon vom vorherigen Abend aufgewühlt gewesen, hätte er spätestens jetzt sämtliche Lust an diesem Abendessen verloren. Auch mit ihm hatte Vincent Schlittschuhlaufen gehen wollen und er hatte abgelehnt. Hatte er es von Vlad übernommen? Oder würde der Mann einen Vorteil genießen können, wenn er ihn dazu einlud?
      Würden sie sich hinterher auch im Bootshaus aufwärmen? Würde Vincent sich auf dem Sofa in Vlads Schoß einkringeln und sich Schmeicheleien anhören?
      Thomas schlug die Augen nieder, beugte sich über sein Essen und konzentrierte sich darauf, seinen Herzschlag ausdruckslos zu halten. Zum Schluss aß er kaum etwas und schob das meiste nur auf seinem Teller herum, während er dem weiteren Gesäusel lauschte, bis Vincent es als genug betrachtete. Er entließ ihn und Thomas hätte nicht glücklicher darüber sein können, den Raum zu verlassen.
      Er war zurück im Schlafzimmer, bevor er sich entschieden hatte, ob er dorthin zurückgehen sollte. Er hätte Darcy besuchen können oder sich auch im Gästezimmer einquartieren können. Der mögliche Bedarf seiner Anwesenheit veranlasste ihn aber, dorthin zurückzukehren, wo man ihn auch gleich finden würde.
      Dann saß er tatenlos auf dem Bett und starrte in die Dunkelheit. Es war unheimlich nervenzehrend, an einem solchen Gespräch teilzunehmen und Vlad nicht mit dem nächstbesten Besteck die Luftröhre zu spalten. Es war auch schwierig, Vincent dabei zu sehen, wie er lächelte, wie er sich Vlad willentlich zuwandte und wie seine Augen dabei funkelten - so, wie sie es auch bei Thomas taten.
      Es war alles unheimlich schwierig.
      Irgendwann stand er vor dem Fenster, dann saß er in der Sitzecke, machte unnötigerweise das Bett und strich genauso unnötigerweise seinen Anzug glatt. Dann hörte er Schritte draußen und eine Zimmertür, die auf und zu ging.
      Er fragte sich, weshalb Vincent nicht hierher gekommen war. Dann erinnerte er sich, dass das Schlafzimmer mit Runen geschützt war und dass er vermutlich gar nicht wusste, dass Thomas hier war. Also strich er sich noch einmal über den Anzug, ging nach draußen und klopfte.
      Vincent wusste, dass er hier war, er musste nichts sagen. Hinter der Tür konnte er Geräusche hören, dann wurde er hereingebeten. Thomas öffnete die Tür, sah, dass Vincent sich ein Stück davon entfernt hatte und kam dann erst herein. Er schloss sie hinter sich, ohne sich von dem anderen abzuwenden.
      "... Ein Abendessen? Ist das nicht zu einfach für einen so alten Vampir?"
      Er kam nicht näher. Er konnte selbst die Starre in seiner Stimme hören, mit der er Gleichgültigkeit zu imitieren versuchte. Nichts hätte er lieber getan, als sich mit Vincent zu versöhnen und den Vorfall des frühen Abends so schnell wie nur möglich zu vergessen - aber er fürchtete die Konsequenzen, die eine zweite unbedachte Vertrauensbezeugung mit sich bringen könnte.
      "... Würde es ihm auffallen, wenn wir in getrennten Räumen schlafen?"
    • Vincent erlaubte sich einen kurzen, viel zu kurzen Moment, in dem er Thomas' Herzschlag durch die Tür lauschte, bevor er seufzte und sich einige Schritte entfernte, um den Mann einzulassen und ihm auch weiterhin Raum zu geben. Er wusste, er hätte Thomas vorwarnen sollen, hätte einen anderen Weg finden sollen, aber auf die Schnelle hatte er keinen anderen gesehen.
      Vincent lehnte sich gegen eines der Bücherregale hier oben und beobachtete, wie Thomas eintrat. Er sollte sich jetzt besser fühlen. Thomas war hier und Vlad war weit weg. Und doch fühlte er sich genauso verloren wie noch vor fünf Minuten.
      Er hob einen Finger an die Lippen, um zu verhindern, dass Thomas weitersprach und ihren Plan aus Versehen ausplauderte.
      "Du wirst dich aus meinem Schlafzimmer fernhalten, bis ich dir etwas anderes sage," entgegnete er in der gleichen Weise, wie er sich gegenüber Vlad gab.
      Während er das sagte, schwang neben ihm ein Bücherregal zur Seite und enthüllte Nora, die aus einem der schmalen Bedienstetengänge trat. Sie hatte eine kleine Schale dabei und hielt zielstrebig auf die Tür zu.
      "Es steht dir frei, dich mit deiner Verlobten zu vergnügen, das ist mir egal. Weder du, noch sie werden das Gelände verlassen."
      Konzentriert und geübt zeichnete Nora mit ihrem Finger, den sie zuvor in etwas aus der Schüssel getunkt hatte, Runen auf den Türrahmen.
      "Heute will ich dich nicht noch einmal sehen, also nimm die Gänge wie alle anderen auch, wenn du dich im Haus bewegst."
      Nora machte einen Schritt von der Tür zurück, schloss die Augen und murmelte stumm einige Worte. Die Runen leuchteten kurz hellblau auf, dann verschwanden sie auf dem Türrahmen. Zufrieden mit ihrer Arbeit drehte sie sich zu den beiden Männern um und nickte einmal kräftig. Sofort verließ sämtliche Spannung Vincents Körper
      "Danke, Nora. Kannst du bitte dafür sorgen, dass niemand mehr im Haus ist, wenn es zu diesem Abendessen kommt?"
      Sie nickte erneut, dann verschwand sie und zog das Bücheregal hinter sich zu. Vincent seufzte, dann wandte er sich wieder Thomas zu.
      "Ich habe nicht vor, ihn noch eine Nacht lang hier zu verköstigen," gab er die wichtigere Antwort zuerst. "Dass er das Abendessen machen soll, wirkt einfach und dumm, ich weiß. Aber es wird ihn beschäftigen. Und die Rahmenbedingungen, die ich gesetzt habe, erklären, warum meine Belegschaft auf einmal verschwunden ist. Und dann, wenn wir beim Abendessen sitzen, bekomme ich plötzlich Lust auf einen Wein. Aus dem Keller. Wo du hoffentlich schon wartest und wir Vlad dann endlich umbringen können."
      Vincent ließ sich mit einem weiteren Seufzen auf eines der Sofas sinken und vergrub das Gesicht in den Händen.
      "Ich bin dieses Spielchen so leid," gestand er. "Was ich dir vorhin angetan habe... das war nicht richtig. Ich habe nicht nachgedacht. Alles, was ich wollte, war, dich vor ihm zu schützen. Und dabei habe ich alles kaputt gemacht."
      Er hob den Kopf, sah Thomas durch den Raum hinweg in die Augen, weil er wollte, dass Thomas begriff, wie ernst er seine folgenden Worte wirklich meinte.
      "Es tut mir leid, Thomas. Ich hätte dich nicht beißen dürfen, Punkt. Der Grund ist vollkommen egal. Ich habe eine Grenze überschritten - eine der wenigen, die du mir deutlich gesetzt hast. Es wird nicht wieder vorkommen, egal, ob du mich wieder in deine Nähe lässt oder nicht. Ich hoffe inständig, dass du mir verzeihen kannst."


    • Thomas verstummte, kaum als Vincent das Zeichen gab. Für einen Moment war er irritiert über den kalten Tonfall, mit dem der andere antwortete, dann erinnerte er sich unmittelbar an die nicht existierenden Runen. Also ließ er es geschehen und hörte schweigend zu.
      Nora kam in der Zwischenzeit und schien auch dieses Zimmer auszustatten. Vielleicht ein riskantes Unterfangen, wenn Vlad sie im einen Moment hören könnte und sie im anderen vollkommen verstummt wären. Aber das sollte im Zweifel eine Eigenheit des Anwesens sein und des Herren, der es bewohnte.
      Kaum als sie damit fertig war, verschwand sie wieder in dem bis dahin unsichtbaren Gang und Vincent kehrte zu einem etwas menschlicheren Tonfall zurück. Das änderte aber nichts daran, dass er die vorherigen Sachen ausgesprochen hatte. Thomas würde sein Schlafzimmer meiden und sich durch die Bedienstetengänge schleichen; irgendwie machte das die Sache endgültig.
      Er blickte noch einmal auf die verblassten Runen der Tür zurück, während Vincent zum Sofa schlich und sich dort niederließ. Wo man vorhin noch die Gelassenheit und Überheblichkeit des Lords gesehen hatte, war jetzt nur noch Niedergeschlagenheit übrig. Vincent war wieder Vincent.
      Und Thomas hörte sich auch an, was er zu sagen hatte. Es war wohl das mindeste, wie er im selben Moment erkannte. Hätte Vincent sich dafür rechtfertigen wollen - in welcher Weise auch immer - hätte er einen Keil zwischen sie geschlagen, der nicht wieder zu entfernen gewesen wäre. Sie führten keine normale Beziehung, das hatten sie mittlerweile wohl beide gemerkt. Ihre Probleme lagen auf einer Ebene, die man selten mit den richtigen Worten wieder bereinigen könnte.
      Daher atmete Thomas auch ein bisschen aus, er verließ seinen distanzierten Posten aber nicht. Vincent hatte sich entschuldigt und Thomas konnte das auch akzeptieren, aber er musste das über Wochen aufgearbeitete Vertrauen wieder aufbauen. Das war keine Sache, die er von einem auf den anderen Moment lösen könnte.
      "... Ich weiß, wieso du es getan hast. Ich halte es auch für notwendig und genauso, dass du daran gedacht hast. Aber ich hätte eine Warnung gebraucht und Vorbereitungszeit. Eine Menge davon. Ich hätte dich verletzen können; ich hätte mich selbst verletzen können und wir wissen beide, dass die ganze Sache anders ausgegangen wäre, wenn Blut geflossen wäre."
      Er sprach es nicht noch direkter als das aus. Vincent hatte wohl genug Fantasie, um sich die Schwere eines Fehlers gründlich auszumalen.
      Langsam zog er die Ärmel seines Jacketts nach.
      "... Wir werden uns unseren… Abend annehmen. Ich werde tun, was du von mir brauchst. Ich bin bereit für alles, was kommen mag."
      Er wollte sich der Tür zuwenden, erinnerte sich dann doch noch und ging stattdessen auf den Bediensteteneingang zu. Davor blieb er noch einmal stehen.
      "Ich werde heute nicht mehr Thomas sein. Wir sind jetzt auf einer Jagd und daher wirst du mich nur noch als den Jäger sehen. Das ist wichtig, denn ich werde dich auch nicht mehr als Vincent, sondern als Lord Harker sehen. Wir können uns keine emotionale Schwäche erlauben."
      Er sah zu Vincent auf die Couch herab.
      "Wenn das vorbei ist, können wir darüber reden. Ich will die Sache genauso schnell wieder vergessen wie du, aber es geht nicht… von jetzt auf gleich. So zwischendrin. Wir jagen, dann werde ich dir ordentlich verzeihen."
      Eine kurze Pause entstand, bevor Thomas hinzusetzte:
      "Ich liebe dich immernoch."
      Und dann durch den Bedienstetengang verschwand.
    • Thomas hatte ihm da gerade einen Hoffnungsschimmer gegeben. Quatsch, er hatte ihm gesagt, dass alles wieder gut werden würde und verdammt nochmal: Vincent glaubte ihm jedes Wort. Warum also fühlte es sich so an, als zerreiße gerade etwas Vincents Herz? Der Schmerz in seiner Brust war schlimmer als jede Silbervergiftung.
      "Ich habe nie aufgehört, dich zu lieben," murmelte er viel zu spät.
      Thomas war schon lange in den schmalen, wirren Gängen hinter den Wänden verschwunden, dessen war sich Vincent sicher, selbst ohne ihn gehen gehört zu haben.

      Vincent verschanzte sich geradezu in seinem Büro. Er wollte Vlad aus dem Weg gehen; er musste Thomas' Geruch aus dem Weg gehen, um nicht den Verstand zu verlieren. Das Stechen in seiner Brust wurde, so stellte er schnell fest, zu einem ständigen Begleiter.
      "Du wirst mich nur noch als den Jäger sehen."
      Er beschäftigte sich damit, ein paar seiner trauriger aussehenden Bücher zu reparieren. Aber er war nicht mit vollem Fokus dabei.
      "Ich werde dich auch nicht mehr als Vincent, sondern als Lord Harker sehen."
      Vincent war dankbar für die Ruhe, die ihm die Runen an der Tür gaben. Er konnte nichts außerhalb dieses Raumes hören, wurde also nicht ständig an Vlads Anwesenheit in seinem Haus erinnert.
      "Wir können uns keine emotionale Schwäche erlauben."
      Mit einem entnervten Seufzen legte Vincent sein Werkzeug weg. Er lehnte sich in seinem Stuhl zurück und starrte an die Decke. Er konnte sich überhaupt nicht konzentrieren.
      Ihm entging das leise Klopfen an seiner Tür beinahe. Erst beim zweiten Mal, das ein bisschen kräftiger war, hob er den Kopf. Er wusste nicht, wer da vor seiner Bürotür stand, da er niemanden hören konnte. Aber viele Möglichkeiten gab es nicht.
      "Herein," rief er und gleich darauf wurde die Tür geöffnet.
      Vlad lehnte sich in den Türrahmen, die Arme vor der Brust verschränkt, und musterte das Holz.
      "Clever. Ich nehme an, deine Haushälterin ist die Hexe?" fragte er.
      Vincent nickte, rührte sich aber nicht vom Fleck. Vlad musterte ihn einen langen Augenblick lang, bevor er sich vom Türrahmen löste und zu ihm herüberschlenderte. Der alte Vampir stoppte erst, als er viel zu dicht vor Vincent stand und von oben auf ihn herabsah.
      "Etwas bedrückt dich, Steaua mea."
      Keine Frage, sondern eine Feststellung.
      "Sag mir was."
      Keine Frage, sondern eine Aufforderung.
      Vincent seufzte erneut und schloss die Augen. Ein Teil von ihm wollte Vlad alles erzählen, wollte ihm sein Herz ausschütten und von dem älteren Vampir festgehalten werden, bis alles wieder gut war. Er konnte nicht sagen, ob das der Situation mit Thomas oder seiner engen Verbindung zu Vlad geschuldet war.
      "Ich werde dich nicht mehr als Vincent, sondern als Lord Harker sehen."
      Er setzte ein erschöpftes Lächeln auf. Er war ja gar nicht Vincent, was spielten die Probleme zwischen ihm und Thomas also für eine Rolle?
      "Ich kann mich nicht konzentrieren," antwortete er auf die nicht gestellte Frage Vlads. "Ich habe Nora extra dieses Zimmer verstummen lassen, um mich nicht von dem, was auch immer du da unten fabrizierst, ablenken zu lassen, aber es klappt einfach nicht."
      Er öffnete die Augen, sah Vlad an. Sein Lächeln gewann etwas an Energie, als er sich erlaubte, es nicht nur eine Maske sein zu lassen.
      "Manchmal ist es ein Fluch, so viel Kreativität und Fantasie zu haben, weißt du?"
      "Ist das so?" lächelte Vlad und Lord Harker nickte.
      "Aber sicher doch! Ich habe bestimmt schon dutzende Szenarien durchgearbeitet: von einer einfachen Suppe bis hin zum vollen Spanferkel! Ich hätte beinahe eines dieser wundervollen Bücher ruiniert, weil mich deine Abwesenheit so abgelenkt hat."
      Vlads Lächeln wurde breiter und er beugte sich zu Lord Harker hinunter, stützte sich auf den Armlehnen des Schreibtischstuhls ab. Ihre Gesichter waren nur wenige Zentimeter voneinander entfernt.
      "Das klingt aber nicht besonders angenehm," raunte Vlad, das Lächeln noch immer in seinem Gesicht. "Ich weiß aber auch nicht genau, was ich dagegen tun soll, wenn ich ehrlich bin. Allerdings könnte ich deine Gedanken etwas interessanter als ein Spanferkel gestalten."
      Lord Harker zuckte nicht zurück, als sich Vlad weiter nach vorn lehnte. Er hieß den Kuss sogar willkommen, genoss den sanften Druck dieser weichen, wohlschmeckenden Lippen. Er schloss die Augen, ließ sich von der Wärme dieser Geste vollkommen einnehmen. Er reagierte auch nicht, als sich Vlad von ihm löste.
      "Ich will, dass du über all die Dinge nachdenkst, die ich nach dem Abendessen mit dir anstellen will," raunte er Lord Harker mit tiefer Stimme ins Ohr, bevor er sich aufrichtete und wieder verschwand.
      Lord Harker sah dem gut aussehenden Vampir nach. Er leckte sich über die Lippen, kaum war die Tür ins Schloss gefallen. Diese Nacht würde sicherlich interessant werden.


    • Es dauerte einen Moment, bis Thomas sich in dem düsteren Bedienstetengang zurechtgefunden hatte, denn entgegen seiner erstmaligen Annahme, gab es durchaus Abzweigungen, bei denen er vermutete, dass sie auf die andere Seite des Stockwerks führten. Er rief sich auch den Grundriss des Gebäudes ins Gedächtnis, um sich schneller orientieren zu können. In dem nächsten, kurzen Zeitraum, der ihm noch blieb, wollte er sich unter anderem den Verlauf des Bedienstetengangs einprägen.
      Aber er war nicht ganz bei der Sache - gar nicht, eigentlich. Er wusste ganz eindeutig, wonach es ihm verlangte, konnte es wie einen Zug spüren, der seine Glieder dazu drängte, umzudrehen und die Treppen zurück nach oben zu steigen, von wo er gekommen zu war, zurück in das Zimmer zu gehen und den bleichen, erschöpft aussehenden Mann in seine Arme zu schließen, ihn zu küssen und zu beteuern, wie sehr er ihn liebte. Er brauchte das.
      Aber genauso, wie er wusste, dass das jetzt nicht mehr möglich war, weil sie sich von nun an einer Jagd widmeten, wusste er auch, dass die Vorstellung mehr als realitätsfremd war. Würde er zurückgehen, würde er Vincent in seinem Zimmer auffinden und würden sie außerdem ungestört sein, würde er die Nervosität hassen, die ihn heimsuchen würde, er würde den Abstand hassen, der sich wie ganz selbstverständlich zwischen ihnen aufgebaut hatte und der mehr wie eine Schranke zwischen ihnen war. Er würde es hassen, dass er Vincent nicht geben könnte, was er ihm geben wollte.
      Aber er konnte nunmal nicht. Der Jäger weigerte sich, einen erneuten Moment der Schwäche zuzulassen, in dem Vincent ihn hatte erwischen können.
      Also ging er weiter, etwas zielstrebiger, endlich, und wanderte einmal durch das gesamte Netzwerk des Hauses hindurch, um die Gänge auswendig zu lernen. Als er damit durch war, war auch er endlich auf einer angemessenen Jagd und begann damit, seine Vorbereitungen zu treffen: Die Waffen zu präparieren, das Haus vorzubereiten, sich selbst auszurüsten. Vlad würde nichts davon zu sehen bekommen, schließlich war Thomas in seinen Fallen Spezialist.
      Nein, der Jäger war Spezialist. Thomas würde an dieser Jagd nicht teilnehmen.
      Er kam kurzweilig im Erdgeschoss heraus, um die Waffenverstecke der Küche zu überprüfen, und schlich dabei auch einmal in den Salon hinüber, nachdem er merkte, dass Vlad irgendwo anders zugegen war. Wahrscheinlich bei Vincent, wie er mit einem Anflug von Abneigung erkannte.
      Nein, bei Lord Harker. Es gab in diesem Haus keinen Vincent, es gab nur eine Menge Zivilisten und einen sehr alten, sehr mächtigen Vampir, den es zu stürzen galt.
      Nach seinem Erdgeschoss-Besuch sah er auch im dritten Stockwerk vorbei, wo Vlad sein Zimmer hatte, unterließ es aber, hineinzuschlüpfen und sich umzusehen, oder gar Fallen zu legen. Nora hatte natürlich recht gehabt, der Vampir war alt genug, um sicherlich seine eigenen Tricks auf Lager zu haben, mit denen er sein Nest sicher machte. Der Jäger wollte aber nicht herausfinden, welche Tricks das waren - nicht in dieser Nacht, nicht, bevor der Besitzer nicht unschädlich gemacht worden war.
      Danach widmete er sich der einzigen Aufgabe, die es noch zu erledigen galt: In den Keller hinabsteigen, sich dort einnisten und dann warten und ausharren.
      Darauf warten, dass die Falle zuschnappen würde.
    • Lord Harker war es schon sehr bald leid, sich mit den Wehwehchen uralter Bücher zu beschäftigen. Er räumte soweit auf, dass er das Chaos auf seinem Schreibtisch dulden konnte, dann stand er auf und suchte sich blind eines seiner Bücher aus einem seiner vielen Regale. Die Versuchung, einfach das Büro zu verlassen und nachzusehen, was Vlad in seinem Erdgeschoss so anstellte, war beinahe überwältigend, aber er schaffte es, dem Drang zu widerstehen und sich nicht einmal seiner eigenen Tür zuzuwenden. Stattdessen setzte er sich in den kleinen Alkoven an seinem Fenster und betrachtete die nächtliche Szenerie für einen langen Augenblick. Es war eine wunderschöne Nacht: der Himmel beinahe wolkenlos, der Mond zwar nicht voll aber doch hell in der Dunkelheit. Die ganze Landschaft war in einen silber-blauen Schein getaucht; die Farben der Nacht.
      Lord Harker ließ den Blick über die dunkelblauen Bäume schweifen, die allesamt noch einige Wochen schlafen würden, bevor die Sonne wieder das Wetter bestimmte. Er betrachtete die Sterne, ihre unendliche Zahl für Menschen kaum sichtbar. Es gab so viele von ihnen und sie alle leuchteten so hell wie der Mond selbst. Für Lord Harker war die Nacht nicht dunkel, das war sie nie. Sie war hell erleuchtet und viel schöner als jede Darstellung des Tages und der Sonne es je hätte sein können.
      Lord Harker verlor sich beinahe - aber nur beinahe - in diesem wundervollen Anblick. Aber irgendetwas fühlte sich nicht richtig an, während er diese Aussicht genoss, also wandte er sich schon bald seinem Buch zu. Es war ein altes Buch - so wie die meisten in seinem Besitz - aber dieses hier kam mit einer persönlicheren Note. Es war ein Geschenk gewesen. Ein Geschenk von Vlad. Lord Harker wusste nicht, warum Vlad es ihm damals geschenkt hatte; es war eines Tages einfach aufgetaucht, mit der Post geliefert und überraschend unauffällig eingepackt. Vlad hatte nicht einmal eine Notiz dazugelegt, lediglich pentru steaua mea - für meinen Stern - auf die Innenseite des Buchdeckels geschrieben. Genau diese Worte waren es, die Lord Harker jetzt zum Lächeln brachten, als er vorsichtig mit den Fingern über die alte Tinte strich. Er hatte das Buch nie gelesen. Er konnte es gar nicht lesen, denn er hatte nie Rumänisch gelernt. Vielleicht konnte er Vlad dazu bringen, es ihm zu übersetzen. Vielleicht würde Vlad es ihm auch einfach nur vorlesen, das wäre Lord Harker schon genug. Die Stimme seines Meisters hatte ihn schon immer in ihren Bann gezogen.

      Vlad mochte zwar nicht der Typ sein, der oft kochte, doch das, was Lord Harker in seinem Speisezimmer erwartete, verriet, dass Vlad durchaus dazu in der Lage war. Der alte Vampir hatte ihn mit einem breiten Lächeln in seinem Arbeitszimmer abgeholt und mit zugehaltenen Augen den ganzen Weg zum Speisesaal geleitet. Die Gerüche allein ließen Lord Harker das Wasser im Mund zusammenfließen.
      Der Tisch war gedeckt mit allerlei Speisen, die alle aussahen, als gehörten sie in ein gigantisches Renaissancebild. Zwar gab es kein vollständiges Spanferkel, aber der Braten, der den Tisch beherrschte, war von nicht zu verachtender Größe - eindeutig das Meisterwerk des unerwarteten Koches. Umringt war dieses Kronjuwel aus Fleisch von Beilagen aller Art, selbstgemachten Saucen und sogar Obst. Vlad hatte gleich alle Gänge auf einmal serviert, um das Bild abzurunden, aber Lord Harker erspähte die Tricks, die es brauchte, um alles warm und frisch zu halten. Doch das Essen war nicht alles, was Vlad hergerichtet hatte: Der Raum wurde erleuchtet von unendlich vielen Kerzen, anstelle des großen Kronleuchters an der Decke, was dem Raum ein ganz eigenes Flair gab. Allerdings bemerkte Lord Harker, dass etwas fehlte. Etwas wichtiges.
      Er drehte sich in Vlads Armen um, strich ihm kurz über den Kragen seines Jacketts - Vlad hatte sich extra in Schale geworfen für dieses Essen.
      "Du hast den Wein vergessen, ma lune," schnurrte der Lord.
      Vlad lächelte und beugte sich kurz zu ihm herunter, um sich einen Kuss zu stehlen, doch Lord Harker wich ihm spielerisch aus. Das animalische Glitzern in den Augen seines Meisters ließ ihn beinahe kichern.
      "Würdest du mir glauben, wenn ich sagte, dass das Absicht ist?" raunte der alte Vampir.
      "Ja. Weil du einen furchtbaren Geschmack in Sachen Wein hast und du diesen Abend perfekt machen willst," antwortete Lord Harker.
      "Und deswegen darfst du den Wein aussuchen, Steaua mea."
      Dieses Mal war es Lord Harker, der sich zu dem anderen Mann lehnte und dieses Mal berührten sich ihre Lippen, wenn auch nur für die Dauer eines einzelnen, menschlichen Herzschlags. Er ergriff Vlads Hand, verschränkte ihrer beider Finger miteinander und führte Vlad zu der versteckten Tür, die in den Keller führte. In völliger Dunkelheit - keiner von ihnen brauchte mehr als das Licht, das es die Treppe aus dem Erdgeschoss hinunterschaffte - schlenderten die beiden durch die unterirdischen Flure des Anwesens. Vlad wollte gleich nach rechts abbiegen, wo der eigentliche Weinkeller war, doch Lord Harker hielt ihn davon ab.
      "Ich habe umgeräumt," kicherte er auf Vlads fragenden Blick in. "Was? Auch mir wird manchmal langweilig. Wir können ja nicht alle Dörfer vernichten, wenn uns danach ist."
      Vlad zog eine Schnute ob des kleinen Seitenhiebes, sagte aber nichts. Stattdessen ließ er sich von Lord Harker den langen Gang hinunterziehen.
      "Wirklich? Du hast diesen Raum zu deinem neuen Weinkeller gemacht?" fragte er, als sie die dickte Tür erreichten und Lord Harker nach den Schlüsseln an der Wand griff.
      "Habe ich. Allerdings habe ich dafür gesorgt, dass man hier unten auch ordentlich Wein kosten kann. Mein eigener kleiner Gentlemen Club, weißt du?"
      "Dir war wirklich langweilig, hm?"
      Vlad schlang einen Arm um Lord Harkers Hüfte und zog ihn an sich, küsste ihn auf den Hals, während seine Lordschaft kicherte und die Tür aufschloss. Dann drückte er den älteren Vampir von sich.
      "Du wirst schon wieder unartig, ma lune. Der Wein kommt zuerst."
      Mit diesen Worten öffnete Lord Harker die Tür und zog Vlad mit sich hinein, nutzte den Moment, in dem die Aufmerksamkeit des älteren Vampirs noch auf ihm lag, um ihre Position so anzupassen, dass Vlad nur ihn und die Tür sah, nicht jedoch was tatsächlich in dem Raum war. Er drängte den Vampir zurück mit all der Energie, die ein Lover hatte, bis Vlad gegen den Stein stieß, der diesen Raum beherrschte. Vlad lachte leise, wähnte sich in Sicherheit, während Lord Harker ihn weiter nach hinten in eine liegende Position drückte. Er setzte sich auf den Schoß des älteren Vampirs, ergriff dessen Hände und streckte sie über Vlads Kopf.
      "Ich dachte, wir kümmern uns zuerst um den Wein?" fragte Vlad, als Lord Harkers Lippen über den seinen Schwebten.
      "Ich hab's mir anders überlegt," gab Lord Harker zurück.
      Mit einer blitzschnellen Bewegung griff er nach den Handschellen, die an den Stein gekettet waren. Doch Vlad war schneller und plötzlich kniete Lord Harker allein auf dem Stein - Vlad stand einige Schritte entfernt neben ihm.
      "Glaubst du wirklich ich kann die ganze Magie hier unten nicht riechen?" fauchte er. "Netter Versuch, Jüngling, aber wenn du mich töten willst, musst du schon ein bisschen vorsichtiger sein. Und mächtiger."
      Lord Harker hatte kaum Zeit zu blinzen, da krachte er schon gegen eine Wand, die große Hand Vlads wie ein Schraubstock um seinen Hals geschlossen. Er konnte kaum atmen, so stark war der Griff.
      "Du hattest so viel Potenzial, Steaua mea. Ich wollte dir wirklich noch eine Chance geben."
      Vlad schüttelte enttäuscht den Kopf. Lord Harker packte das muskulöse Handgelenk, krallte sich in die andersartige Haut seines Meisters. Er war nicht stark genug, diesem Griff zu entkommen.
      Vlad ließ ihn für den Bruchteil einer Sekunde los; gerade lange genug, um die Wand hinunter zu rutschen und keuchend auf den Füßen zu landen. Doch Lord Harker war nicht frei. Vlad packte ihn bei den Haaren, fest, und riss seinen Kopf zur Seite. Er schenkte Lord Harker noch einen letzten, enttäuschten Blick, dann bohrten sich lange Fangzähne brutal in Lord Harkers Hals.
      Vincen schrie auf.


    • Der Jäger konnte sie hören, die leisen Schritte, das entfernte Klacken zweier Paar Anzugschuhe, die durch die Gänge des Kellers verklangen. Er konnte Stimmen hören, die miteinander redeten, die aber hinter der geschlossenen Tür zu leise für seine menschlichen Ohren waren, um Wörter auszumachen. Die Schritte gingen weiter, den Gang runter öffnete sich eine Tür und dann war es wieder still.
      Er saß im Dunkeln in dem Raum, in dem er vor Urzeiten mal einen Vampir entdeckt hatte, der sich hier ein temporäres Nest errichtet hatte. Ironischerweise war er jetzt auch hier gelandet, um selbigem Vampir zu helfen. Wie ein Sog, der ihn immer wieder hierherbringen würde, wenn Gefahr anstand.
      Sie hatten kein Zeichen ausgemacht und daher wartete er einen Moment länger, ehe er aufstand, die Dunkelheit durchquerte und die Tür öffnete. Er hatte Noras Runen schon längst ausfindig gemacht, dort verteilt, wo Vlad sie niemals zu sehen bekommen würde, wo sie aber zweifellos die Anwesenheit des Jägers verdeckten. Entsprechend sicher war er mit den Schritten, die er unternahm, um den auswendig gelernten Weg blind zurückzulaufen und dann in anderer Richtung fortzusetzen. Seine Gedanken waren klar, sein Herzschlag ging ruhig und unaufgeregt und er war in seinem vollsten Element, als er vor der Tür zum Stehen kam und die Hand auf die Klinke legte. Er wartete. Er zählte gedanklich. Er wappnete sich.
      Von innen drang ein Schrei heraus, der ihm sämtliche weitere Vorbereitungen zunichte machte.
      Mit einer Kraft, die an ihre Grenzen stieß, aber gerade genug war für die gewichtete Tür vor ihm, trat er sie auf; den selben Schwung nutzte er, um zwei seiner Wurfmesser von seiner Weste zu reißen und zu werfen. Er hatte ein sehr dünnes Zeitfenster zwischen dem Aufschwingen der Tür und dem Loslassen seiner Waffen, in dem er die Lage erst erfassen konnte: Der große, fast leere Raum mit dem Stein in der Mitte, das Bücherregal an der Wand, der offene Kamin, die beiden Gestalten, die an derselben Wand kauerten. Der Schrei, der ganz eindeutig nicht Vlad zuzuordnen war. Der Jäger kannte den Schrei, denn er hatte ihn schon einmal gehört, genau so, genau in diesem Raum. Ein begrabener Teil von ihm, den er an diesem Abend weggesperrt hatte und nicht mehr herauslassen würde, zuckte zusammen.
      Er warf beide Messer mit nur einer Bewegung, das eine auf die größere, nach unten gekrümmte Gestalt mit dem breiten Rücken und dem silbersträhnigen Haar, das andere gut einen Meter hinter ihn. Der Vampir würde sich bewegen müssen, wenn er nicht getroffen werden wollte. Er musste auch schnell genug sein, dem zweiten Messer ebenfalls auszuweichen.
      Die Tür fiel hinter ihm wieder zu und der Jäger baute sich zwischen Tür und Stein auf, eine mit Silberwaffen bespickte Gestalt, hungrig nach dem Blut einer ganz bestimmten Beute. Sein Blick flackerte nur ein einziges Mal zu Lord Harker hinab, dessen ganze Seite dunkel und feucht mit Blut war. Der Arzt feuerte eine Diagnose ab, die er gleich wieder vergrub, weil es bei Vampiren nur die Diagnose "Vampir" gab. Lord Harker würde in Ordnung sein - noch. Aber in dieser speziellen Situation war er ein Zivilist, den es zu beschützen galt. Dessen waren sich alle drei Teile in dem Mann vollkommen einig.
      "Weg von ihm."
      Er ignorierte Lord Harker zum Wohle dessen, seinen Blick auf Vlad festzusetzen. Mit seiner Linken riss er ein schlankes Kurzschwert hervor, dessen Griff er ebenfalls mit Silber überzogen hatte. Es war unglaublich erleichternd, endlich die Abscheu herauszulassen, die er gegenüber dem Vampir vom ersten Moment an verspürt hatte.
      "Ich hatte gehofft, dass er dich schon angeleint hat wie einen Hund. Das hätte mir die Sache erleichtert. Aber ich werde trotzdem das größte Vergnügen dabei haben, dein Leben zu beenden, Vlad Drăculea."
    • Benutzer online 2

      2 Besucher