[2er RPG] In his Thrall [Codren feat. Pumi]

    • Vincent ließ den Mann machen, kam sich aber ein bisschen bemuttert vor. Er konnte nicht anders, als leicht zu lachen und Kopf zu schütteln.
      "Da richte ich mich extra für dich her und du ruinierst meinen ganzen Auftritt," kommentierte er.
      Er stahl sich ganz frech einen Kuss von Thomas, bevor dieser es verhindern konnte, dann widmete er sich wieder seine Apfel. Danach machten sie sich an ihre Tagewerk. Nachtwerk?

      "Regeln? Wo sind wir? Auf dem Landsitz eines Dukes mit unseren Hunden, um ein paar Fasane zu jagen?" scherzte er.
      Er hatte sich einen Mantel übergezogen, ja, aber der saß heute Nacht genau so locker wie alles andere auch. Er musste sich bewegen können, wenn er Thomas wirklich eine Herausforderung bieten wollte. Er erinnerte sich noch genau daran, wie geschmeidig und schnell sich der Mann bewegt hatte, als er gegen Charles angetreten war. Und wenn Thomas heute Nacht wirklich ernst machen wollte, dann konnte Vincent dieses Wissen nicht ignorieren.
      Er schloss kurz die Augen und legte den Kopf in den Nacken. Die Nacht roch nach frischem Schnee, den Bäumen, die sie umgaben. Vincent konnte das feuchte Gras, auf dem sie standen, riechen. Er konnte die kleinen Tiere hören, die sich im Unterholz seines Gartens versteckten. Als er die Augen öffnete offenbarten sich ihm eintausend Sonnen aus eintausend Welten.
      Vincent ließ den Kopf zur Seite rollen, sodass er Thomas ansehen konnte. Seine Augen waren beinahe weiß, und als er sprach, waren seine Fangzähne deutlich zu erkennen.
      "Dann mache ich mal ernst."
      Im nächsten Augenblick verschwand er. Seinen Mantel hatte er zurückgelassen, der fiel gerade in den Schnee. Doch anstatt direkt irgendwo in Thomas' direkter Umgebung aufzutauchen und ihm eine Möglichkeit zum Angriff zu bieten, versteckte sich Vincent in den Schatten der Nacht. Tatsächlich saß er auf einem Ast ein paar Meter zu Thomas' Linken und beobachtete den Mann. Das Monster in seinem Inneren machte Freudensprünge. Endlich durfte es mal wieder jagen gehen.


    • Vincents Fangzähne schälten sich zwischen seinen Lippen heraus - das konnte Thomas zwar nicht direkt sehen, aber er bemerkte die unnatürliche Bewegung in dessen Mund und der Jäger war sofort zur Stelle. Dieses Mal zwang er ihn nicht wieder zurück, das erste Mal überließ er in Vincents Gegenwart seinem Instinkt die Führung. Seine Pupillen weiteten sich und seine Sinne schärften sie sich, als sie sich vollständig auf den Vampir ihm gegenüber konzentrierten. Nur am Rande wusste er noch, dass es sich noch immer um seinen Freund handelte.
      Thomas blinzelte und Vincent war verschwunden. So schnell war es gegangen, so mühelos hatte er sich vom Schauplatz ihres Kampfes entfernt, ein Bruchteil nur und Thomas' Augenlider hatten den Vampir mit sich verschluckt. Das war wohl die erste Lektion, die er sich für einen reiferen Vampir merken durfte: Nicht blinzeln, zumindest so lange nicht, wie sie sich noch nicht in einen Kampf verwickelt hatten. Er würde es sich aufschreiben, für den Augenblick zuckte er allerdings zur Seite weg, erwartete einen Kontakt und wurde enttäuscht. Der Schnee knarzte ein einziges Mal unter seinem Ausfallschritt, den er zur Seite hingelegt hatte, dann wurde es still. Es ging ein leichter Wind, der die Kälte des Winters mit sich brachte, aber nicht stark genug war, um seinen Mantel zu bewegen. Der Garten lag still vor ihm, tiefschwarz in den Ecken, in denen kein Licht hinreichte, dunkel in dem Gebüsch und den Bäumen. Thomas stand still, erstarrt zu einer Säule, die selbst kein Geräusch mehr von sich gab, bis auf das langsame, stetige Schlagen seines Herzens. Vincent hatte ihm verraten, dass die Sinne eines Vampirs zum Reißen angespannt waren, wenn er sich selbst mit der Lautlosigkeit einer Brise bewegte. Also drehte er sich, langsam und bedacht, den Blick auf alles und gleichzeitig auf nichts gerichtet, aufmerksam gegenüber jeder Bewegung und jedem Geräuschs, das sich ihm offenbarte. Der Schnee knisterte unter seinen Schuhen, leise genug, dass es ihn selbst nicht störte, hoffentlich laut genug, um den Vampir an seinem Schleichgang zu hindern. Er hatte keine Ahnung, wohin Vincent verschwunden war, aber zum Haus hätte er sich nicht zurückziehen können, ohne von seinem eigenen Schatten im Licht verraten zu werden und damit blieb nur noch das lose Gebüch im Garten. Also drehte Thomas sich und wartete darauf, dass der Vampir sich selbst verriet.
    • Bubumm... bubumm... bubumm...
      Der Vampir rührte sich nicht, war regloser als der Baum auf dem er saß, und beobachtete seine Beute. Der Mensch hielt Ausschau nach dem Raubtier. Er wusste, dass es da war, aber er wusste nicht wo. Der Vampir lächelte.
      Bubumm... bubumm... bubumm...
      Das Knirschen von Schnee und Erde unter einem Schuh hallte durch die Nacht. In einem Busch reagierte eine Maus darauf und rannte schnell zurück in ihren Bau. Schlaues Tierchen, dachte der Vampir. Du weißt, wann du zu flüchten hast. Der Mensch rannte nicht weg. Der Mensch wartete ab. Der Mensch versuchte, ein Raubtier zu sein. Dummes Menschlein.
      Bubumm... bubumm... bubumm...
      Der Vampir spürte die Brise bevor sie zum Windstoß wurde. Mit dem Rascheln immergrünen Bäume bewegte er sich. Er sprang von seinem Aussichtsposten auf dem Baum, huschte durch die Schatten bis er hinter dem Menschen stand und schubste ihn stark genug, um ihn zu Fall zu bringen. Doch er blieb nicht lange genug, um sich seiner erniedrigten Beute zu erfreuen. Noch bevor er Wind verflogen war, trat der Vampir schon wieder zurück in den Schatten eines Baumstammes zur Rechten des Menschen. Er ging in die Hocke, bereit sich jederzeit wieder auf seine Beute zu stürzen.
      "Hast du mich kommen sehen, Thomas?" fragte er in die Nacht hinein, nutzte dabei die Natur um ihn herum, um seine Position zu verschleiern. "Hast du mich gehört?"
      Gleichzeitig warf er einen nicht unbedingt kleinen Stein weit weg, um weiter von sich abzulenken. Zur Sicherheit zog er sich dennoch zu einem anderen Punkt zurück. Er stand nun halb hinter dem Jäger, versteckt hinter einem anderen Baum, mit dem Rücken an den Rauen Stamm gelehnt. Er konnte den Mensch nicht sehen, aber das musste er auch gar nicht.
      Bubumm... bubumm... bubumm...
      Lächelnd erinnerte sich der Vampir daran, dass er dem Menschen etwas über sein Gehör beigebracht hatte. Zeit, sich auf einen anderen Sinn zu verlassen. Der Vampir atmete tief ein und suchte sich den so berauschenden Duft nach Zimt aus all den Gerüchen der Nacht heraus. Er wusste genau, wo der Mensch war, selbst mit den letzten Resten seines Duftes an den Kleidern des Vampirs. Ein so süßer Duft...


    • Thomas sah ihn nicht kommen, er hörte auch seine Schritte nicht. Der Schnee musste sich gegen ihn verschworen haben, dass er seine eigenen Schritte herausposaunte, aber die des Vampirs zu ignorieren schien. Der Jäger schlug aus, aber da war es schon zu spät und ein gezielter Schlag in den Rücken brachte Thomas zu Fall. Er musste sich der Schwerkraft fügen, zog allerdings die Schulter ein, drehte sich zur Seite und rollte sich ab, um mit demselben Schwung wieder auf die Beine zu kommen und in die entgegengesetzte Richtung zu blicken.
      Aber der Vampir war schon verschwunden. Der dunkle Garten breitete sich vor ihm aus, scheinbar unberührt von dem Lebewesen, das hier irgendwo durch die Schatten schleichen musste. Seine Stimme erklang, aber sie kam aus allen Richtungen gleichzeitig und war kaum ausschlaggebend. Er ließ seinen Blick über die Dunkelheit wandern.
      "Komm her und ich beantworte dir deine Frage."
      Ein dumpfer Aufschlag im Schnee hätte ihn beinahe zucken lassen, wenn er nicht genau gewusst hätte, mit was - beziehungsweise wem - er es zu tun hatte. Vincent wäre niemals tollpatschig genug, ein so lautes Geräusch zu verursachen, also verharrte er an Ort und Stelle, aufmerksam gegenüber seiner Umgebung. Wenn der andere aber schon seine Spielchen mit ihm treiben wollte, konnte er das genauso gut.
      "Traust du dich nicht?"
      Er drehte sich wieder ein wenig, versuchte alles gleichzeitig im Blick zu behalten.
      "200 Jahre alt und du fürchtest dich vor einem 32-jährigen Jäger? Ich habe nichtmal meine Waffen bei mir, ich bin ganz wehrlos."
      Wie zur Bekräftigung seiner Worte, ließ er seinen Herzschlag in die andere Richtung laufen. Er beschleunigte sich, schnell und rapide, bis ihm das Adrenalin durchs Blut schoss und seine Hände kribbelten. Lange wollte er ihn nicht so sprunghaft halten, weil mit der Unruhe auch ein gewisser Konzentrationsabbau kam, aber um den Vampir hervorzulocken, sollte es genügen.
      "Komm zu mir, Vinny."
    • Es war verlockend dem Angebot des Jägers nachzukommen und sich einfach zu nehmen, was er haben wollte. Zu verlockend.
      Der Vampir duckte sich und huschte von seinem Versteck zu einem neuen Schatten, diesmal in der Nähe des Gebäudes in dem er lebte. Er wartete ab, lauschte dem Herzschlag des Menschen, ließ sich davon aber nicht leiten. Trotz der vorherrschenden Dunkelheit der Nacht konnte er den Menschen deutlich sehen, wie er dastand, abwartete, versuchte ihn zu finden.
      Der Mensch blinzelte, der Vampir bewegte sich. Er presste sich von hinten gegen den Menschen, schlang seine Arme um den kräftigen Körper, fesselte den Menschen damit. Mit einer Hand hielt er das Handgelenk des Menschen fest, den anderen Arm hielt er mit seinem Körper fest. Seine freie Hand legte sich um das Kinn des Menschen, drückte den Kopf zur Seite. Er beugte sich vor, bereit zu fressen. Doch der Vampir biss nicht zu. Etwas hielt ihn davon ab.
      Vincent machte einen Schritt zurück, ließ von Thomas ab, drehte sich sogar um, um sich wieder zu sammeln. Sein Mund war trocken, seine Kehle brannte, sein Zahnfleisch pochte unangenehm.
      "Entschuldige," krächzte er. "Ich habe mich ein bisschen mitreißen lassen. Bist du in Ordnung?"


    • Der Vampir war wieder da und diesmal war Thomas deutlich besser darauf vorbereitet. Es war trotzdem noch nicht genug; nichtmal sein Jäger war schnell genug dafür. In dem Moment, in dem sich sein Körper noch bewegte, fast geradezu langsam und träge, war der Vampir bereits zur Stelle, schloss einen eisernen Arm um seinen Oberkörper und fesselte ihn effektiv damit, während er mit der anderen seinen Hals entblößte. Dieses Mal brachte auch die größte Kontrolle der Welt nichts, Thomas' Herzschlag entglitt ihm, raste in die Höhe und drohte ihm aus der Brust zu springen, als er den Biss erwartete. Er hatte noch lange nicht selbst aufgegeben, in einem realen Kampf hätte er gebissen, er hätte getreten, er hätte sich nach vorne gerollt und den Vampir dabei effektiv über die Schulter geworfen, sofern er dazu noch Zeit gehabt hätte. Aber bevor er auch nur eins dieser Dinge tun konnte, löste sich der Eisengriff und er stolperte einen Schritt nach vorne, ehe die Situation doch noch eskaliert wäre.
      Vincent wich hinter ihm zurück und Thomas musste sein Gesicht nicht sehen, um zu wissen, dass der Vampir in voller Blüte stand.
      "Ja. Alles gut."
      Er richtete sich auf, glättete sich den Mantel, wartete darauf, dass sein Herzschlag sich wieder einigermaßen normalisieren würde. Ein paar Sekunden bräuchte er, bis er ihn wieder im Griff hatte, aber so lange wollte er eigentlich auch gar nicht warten.
      "Nochmal."
      Er stellte sich schon gleich wieder auf. Das war noch gar nichts gewesen, ein bloßer Anfang, er war noch nichtmal wirklich außer Puste. Er würde diesen Garten nicht eher verlassen, bis er entweder endgültig erschöpft war oder eindeutig über Vincent triumphiert hatte, was auch immer als erstes käme. Er hoffte darauf, dass es letzteres wäre.
      "Wir machen das nochmal. Und dieses Mal hörst du nicht eher auf, bis deine Lippen meine Haut berühren - ohne zu beißen. Schaffst du das?"
    • Thomas' Worte allein waren genug, um ihn zu beruhigen. Zumindest ein bisschen. Es war viel zu leicht, seinen Instinkten freien Lauf zu lassen, Vincent würde besser aufpassen müssen.
      "Ja", beantwortete er Thomas' Frage und straffte die Schultern.
      Er spürte, wie das Biest sich voller Vorfreude gegen die Gitterstäbe warf. Es wollte raus, es wollte ernst machen, aber Vincent weigerte sich, dieser Kreatur seine Aufmerksamkeit zu schenken. Stattdessen trat er an Thomas heran und legte ihm eine Hand an die Wange.
      "Wenn ich mich verliere, dann halte ich dich nicht zurück," warnte er den Mann.
      Im nächsten Augenblick war er verschwunden, versteckte sich wieder in den Schatten. Doch dieses Mal gab er nicht sofort nach, hielt seine Instinkte im Zaum. Thomas wollte lernen, nicht um sein Leben kämpfen. Vincent würde intelligent an diese Sache herangehen, mit Taktik, nicht mit Instinkt.
      Er saß wieder auf dem Ast, auf dem er auch ihre erste Runde beginnen hatte, und beobachtete Thomas, der versuchte, ihn zu finden.
      "Du kannst im Dunkeln doch kaum etwas sehen," rief er, seine Stimme hallte aus dem ganzen Garten wider. "Warum versucht du dann, mich mit deinen Augen zu finden?"
      Menschen verließen sich so sehr auf ihre Sicht, deswegen war das auch der Sinn, den Vampire am leichtesten umgehen konnten. Sie waren wirklich das perfekte Gegenstück zu Menschen, dazu geboren, Menschen zu jagen.
      "Ich weiß ja, dass du mich gern ansiehst. Aber diese Chance werde ich dir nicht geben."
      Vincent wechselte seine Position, hockte sich hinter einen Busch. Auf seinem Weg machte er mit voller Absicht ein paar Geräusche, nachdem er bemerkt hatte, wie Thomas seinen vorherigen Versuch, ihn damit abzulenken, ignoriert hatte. Der Mann hielt sich daran fest, dass Vampire immer lautlos waren, wenn sie sich an ihre Beute heranschlichen. Mal sehen wie lange es dauerte bis Thomas begriff, dass er sich einem intelligenten Gegner und keinem einfachen Straßenmonster gegenübersah. Einem Gegner, der dazulernen konnte.


    • Thomas lächelte ein bisschen, als Vincent an ihn herantrat. Trotz ihrer vorherigen minimalen Auseinandersetzung, war die Berührung des Mannes noch immer sanft und voller Zuneigung. Es erleichterte die ganze Sache ungemein.
      "Werde ich nicht", versprach er und griff nach Vincents Hand, um ihren Rücken zu küssen. Er hatte sie gerade mal von seiner Wange gezogen, da war der Vampir verschwunden, ohne etwas mehr zu hinterlassen als einen kurzen Windhauch, der Thomas streifte.
      Damit war er wieder alleine im Lichtschein des Hauses. Vincent hatte ihm nicht verraten, wo er sich genau nun versteckt gehalten hatte, also war es wieder die Dunkelheit außerhalb des Lichtes, die sein Gegner war. Thomas richtete sich wieder aus, stellte sich zentriert genug auf, um den Vampir dem Licht auszusetzen, wenn er sich anschleichen würde, und blickte in den Garten hinaus. Der Garten lag still, das Gebüsch regte sich nicht. Er hatte nicht die leiseste Ahnung, wo er sich befinden könnte. Sein Blick streifte sogar Vincents reglose Gestalt im Geäst, ohne es zu ahnen.
      "Ich kann dich noch immer besser sehen als hören oder riechen. Welcher Sinn bleibt mir dann noch?"
      Er dachte an die Sachen, die ihm Dominic offenbart hatte, aber in der Praxis waren sie wie so üblich wesentlich schwieriger umzusetzen in der Theorie. Er konnte den Vampir einfach nicht finden, egal wie sehr er sich darum bemüht hätte.
      Ein Geräusch ertönte erneut und erneut ignorierte Thomas es. Es war nicht Vincent und daran hielt er auch fest, aber dafür brachte es ihn auf eine andere Idee: Wenn das Licht schon keine Hilfe dabei war, den Vampir im Dunkeln auszumachen, konnten es vielleicht die Geräusche sein.
      Er drehte sich noch einmal, dann ging er selbst mit langen Schritten auf das Gebüsch zu. Er musste sich keine Mühe damit machen leise zu sein, immerhin wurde er sowieso beobachtet, dafür schlug er sich dort in die Büsche, wo die Sträucher am dichtesten beieinander standen. Es raschelte laut, der Schnee knisterte unter seinen Schuhen und schließlich blieb er reglos dort stehen. Jetzt umhüllte ihn selbst die Dunkelheit und auch, wenn er jetzt noch weniger sehen konnte, konnte er doch hören und vor allem spüren, wenn sich das Gebüsch um ihn herum bewegt hätte. Und er wartete ab, darauf, was der Vampir tat, was dieses Training von einem Versteckspiel in einen Kampf umgewandelt hätte.
    • Während Thomas durch das Gebüsch rauschte, bewegte sich auch Vincent. Die Idee, die der andere Mann da hatte war gut, aber für den Anfang töricht. Vincent nutzte all den Lärm für sich und wich Thomas aus, heftete sich aber an dessen Fersen. Er war weniger als eine Armeslänge von ihm entfernt, als Thomas endlich zum Stehen kam. Doch er sah sich nach einem Gegner auf Augenhöhe und weit entfernt um, nicht nach dem Vampir, der neben ihm in der Hocke saß.
      Blitzschnell packte Vincent Thomas am Handgelenk, zog in von den Füßen und drückte ihn in den Schnee unter sich. Er hielt beide von Thomas' Handgelenken fest, kniete über dessen Hüften. Normalerweise würde sich jetzt einen Spaß daraus machen, den anderen Mann zu necken, bis dieser die Fassung verlor und sie ihren Spaß hatten, doch hier ging es nicht um Spaß. Deswegen beugte sich Vincent auch vor, ignorierte seine selbst aufgestellte Regel und presste seine Lippen gegen Thomas' Hals. Mehr noch: er biss ihn. Nur ganz sanft und ohne den Einsatz seiner Fangzähne, die er mit bloßer Willenskraft in dem Moment zurückzwang, in dem er Thomas' Haut berührte. Oh wie gern er wirklich zugebissen hätte. Ein leises Knurren entkam ihm, ohne dass er es bemerkte.


    • Es kam keinerlei Vorwarnung von Seiten des Vampirs, stattdessen schoss eine Hand aus dem Nichts heraus und holte Thomas mit einem Ruck von seinen Füßen. Noch in dem Bruchteil der Sekunde, in dem er auf den Boden fiel, schwang sich ein Körper auf den seinen und kurz darauf fand er sich schon unter Vincent wieder, der sich mit einer allzu beleidigenden Leichtigkeit seiner bemächtigt hatte. Er zog die Beine bereits an, stemmte sich gegen den felsenfesten Griff, der ihn im Schnee hielt, und wollte ihn von sich werfen, aber dann war Vincent bei ihm und presste die Lippen an seinen Hals. Er biss ihn. Es war nicht stark, kein Schmerz ging mit der Empfindung einher, aber Thomas konnte die Zähne spüren und das war ausreichend genug, um den Jäger überkippen zu lassen. Jetzt war es kein Training mehr, jetzt war es ein purer Überlebenskampf. Der Jäger würde nicht darauf warten, dass die Zähne durch seine Haut schlagen würden.
      Er zog sein Bein an und rammte das Knie in Vincents Bauch, bevor er die Hüfte nach oben drückte und der Vampir seinen Griff um seine Handgelenke lockern musste, wenn er nicht vornüber fallen wollte. Da entriss er seine Handgelenke nach unten hin weg, schlang die freigewordenen Arme um dessen Leib und warf ihrer beider Körper zur Seite, um jetzt selbst auf Vincent zu landen. Jetzt kniete er zwischen Vincents Beinen und packte seine Kehle, während er mit dem Daumen auf seinen Adamsapfel runterdrückte. So versuchte er ihn festzusetzen, um wenigstens sein Gebiss halbwegs unter Kontrolle zu bekommen.
    • So viel zum Thema die Instinkte im Zaum halten. Kaum hatte der Jäger ihn von sich geworfen, übernahm der Vampir. Die Hände, die sich um seine Kehle schlossen, waren bestenfalls nervig. Der Vampir schlang seine Beine um den Hals des Menschen und drückte zu, bis dieser ihn endlich losließ - sei es nun, um sich selbst zu retten oder weil er dabei war, das Bewusstsein zu verlieren. Dem Vampir war es egal. Sobald sich der Griff lockerte, rollte er sich weg und kam wieder auf die Beine.
      In geduckter Haltung beobachtete der Vampir seine Beute, gab ihr aber nicht viel Zeit, sich zu sammeln und einen Gegenangriff zu planen. Stattdessen stürzte er sich wieder auf den Menschen, warf sie beide zurück in den Schnee, doch diesmal stellte er sicher, dass der Mensch mit dem Gesicht im Dreck lag. Die Arme drehte er ihm auf den Rücken, und den Körperschwerpunkt seiner Beute kontrollierte er mit seinem eigenen.
      Wieder beugte sich der Vampir vor, bereit zuzubeißen. Wieder hielt ihn etwas davon ab, genau das zu tun. So langsam wurde es frustrierend!
      Vincent lehnte seine Stirn gegen Thomas' Hinterkopf.
      "Du bist tot," sagte er. "Würde ich dich wirklich töten wollen, hätte ich dir jetzt die Kehle rausgerissen oder dir das Genick gebrochen."
      Vincent ließ Thomas los, stand auf und reichte dem Mann die Hand, um ihm auch aufzuhelfen.
      "Du bist zu unvorsichtig. Alte Vampire kämpfen mit ihrem Kopf, nicht mit ihren Instinkten. Du musst mitdenken, Thomas. Vampire sind darauf ausgelegt, Menschen zu jagen. Alles an ihnen ist genau darauf spezialisiert."


    • Sie hielten sich vielleicht fünf Sekunden lang am Boden gegenseitig fest, dann wurden Vincents Beine, die in einer sonstigen Umgebung attraktiv und verführerisch wirkten, hier aber zu Waffen eingesetzt wurden, zu riskant und Thomas löste sich von ihm. Kaum lockerte sich sein Griff auch nur ein bisschen, sprang der Vampir auf und der Jäger tat es ihm gleich. Wie zwei Raubtiere standen sie sich einen Moment lang gegenüber, jeder in einer vom Kopf bis Fuß gespannten Haltung, die ihren eigenen Zweck erfüllte, dann schoss der Vampir nach vorne und Thomas wappnete sich für den Angriff, verlagerte das Gewicht auf den hinteren Fuß und stählte sich gegen das Gewicht, das auf ihn traf. So leicht konnte der Vampir ihn dieses Mal nicht von den Füßen holen, aber der Schnee und das Gestrüpp wählten eindeutig eine Seite und das war nicht die des Jägers. Er fiel ein zweites Mal und dieses Mal hätte er sich auch nicht mit allen Tricks von Dominic rühren können. Stattdessen musste er liegen bleiben und seine Niederlage murrend eingestehen.
      Vincent ließ ihn los und Thomas rappelte sich wieder auf die Beine. Er wischte sich den Schnee vom Mantel und vom Gesicht und fuhr sich mit der Hand über den Hals. Natürlich war dort kein Blut zu sehen, aber man konnte ja nie wissen. Vincent schenkte er einen grimmigen Gesichtsausdruck.
      "Okay. Nochmal."
      Er stieg aus dem Gestrüpp heraus, das sie jetzt etwas plattgewälzt hatten, und ging zurück auf die freie Fläche, die er sich jetzt als Startpunkt auserkoren hatte. Dort stellte er sich wieder auf, verbissen darum, an diesem Abend noch über Vincent zu triumphieren. Wenn er das nicht schaffte, dürfte er gar nicht darauf hoffen, gegen James anzutreten.
    • In der nächsten Runde hielt sich Vincent nicht mit irgendwelchen Versteckspielchen auf. Stattdessen blieb er einfach am Rande der Schatten stehen, gerade so erkennbar für das menschliche Auge. Er stand da wie eine Statue, die Augen auf den Jäger gerichtet. Er blinzelte ja nicht einmal. Er machte sich auch keine große Mühe damit, die nächsten Schritte des Jägers vorhersehen zu wollen. Er machte sich keine Mühe damit, ihn einzuschüchtern. Nein, er stand einfach nur da, relativ entspannt, und behielt den Jäger im Auge bei jeder noch so kleinen Bewegung, die er machte. Er wusste, Thomas würde niemals den ersten Schritt machen, aber darauf war er auch gar nicht aus.
      Minuten verstrichen. Zwei, dann drei, fünf. Und dann machte Vincent einen langsam Schritt nach hinten und war auf einmal verschwunden. Erneut machte er sich seine Geschwindigkeit zunutze, versteckte sich aber immer noch nicht. Stattdessen nutzte er seinen neuen Lieblingsast als eine Art Sprungbrett und stürzte sich von oben auf den Jäger. Er war lange genug in der Luft, damit Thomas ausweichen konnte, aber er machte keinen Hehl daraus, dass die harte Landung aus mehreren Metern Höhe ihm kaum etwas ausmachte. Er landete in der Hocke, seine Fäuste schlugen dort, wo vor einem Augenblick noch Thomas gestanden hatte, in den Boden ein und hinterließen zwei nicht geringfügige Löcher, als sich Vincent wieder aufrichtete. Er ignorierte den leichten Schmerz in seinen Händen, der Tropfen Blut, der ihm den linken Zeigefinger herunterrann und in den Schnee tropfte.
      Wieder verharrte er in absoluter Bewegungslosigkeit, starrte den Jäger einfach nur an und wartete. Thomas wusste, dass er schnell war. Aber hatte er jemals wirklich erlebt, wie stark ein Vampir sein konnte? Zeit, das herauszufinden.


    • Sie stellten sich wieder auf, aber dieses Mal verschwand der Vampir nicht wieder sofort. Er blieb dort stehen, genau so, wie er gerade war und beobachtete Thomas aus unbewegter Miene heraus. Es war kein sehr auffälliger Blick und es war kein sehr auffälliges Benehmen, aber vielleicht lag es gerade daran, dass der Jäger etwas von dem Vampir erwartete, dass ihn der Blick unruhig machte. Gleich würde er wieder verschwinden, dessen war er sich sicher, und deswegen wartete er darauf, um ihn diesmal direkt dabei erwischen zu können.
      Aber seine Erwartungen wurden nicht erfüllt, selbst nach zwei Minuten nicht. Es machte ihn nervös, es machte ihn unruhig, es nagte an seiner Konzentration. Er ging ein paar Schritte auf die eine Seite, langsame, knirschende Schritte, die keinerlei Reaktion bei Vincent auslösten, und ging dann auch ein paar Schritte auf ihn zu, aber nichts löste den Vampir aus der Starre. Er beobachtete ihn einfach nur und irgendwie war das noch viel schlimmer, als sich viel zu schnell auf den Boden werfen zu lassen.
      Fünf Minuten vergingen, dann endlich regte er sich und trat einen Schritt in die Dunkelheit zurück. Thomas wollte ihm gleich nachziehen, da konnte er dieses Mal beobachten, wie der andere vor ihm in der Dunkelheit verschwand. Er blieb wieder stehen, verharrte an Ort und Stelle und dann spürte er den Windhauch, der seine gereizten Sinne streifte. Mit vollstem Körpereinsatz duckte er sich und hechtete dann zur Seite, nur um einen Augenblick später Vincents Gestalt zu erblicken, wie sie auf den Boden krachte. Der Aufschlag war laut genug, dass er es selbst durch das Brechen des Schnees hören konnte und als der Vampir sich wieder aufrichtete, erkannte er mit nicht wenigem Erstaunen die beiden tiefen Furchen, die er im Boden selbst hinterlassen hatte. Hätte er selbst noch dort gestanden, wäre der Schlag mit roher Gewalt allein bis zu seinen Knochen durchgedrungen und wahrscheinlich sogar noch weiter.
      Er ließ sich etwa eine Sekunde lang von dem Gedanken faszinieren, was für eine außerordentliche Kraft hinter dem menschlich wirkenden Körper steckte und er betrachtete außerdem mit einer gewissen Sorge, die sich ganz tief irgendwo in ihm rührte, das Blut, das über Vincents Finger lief, aber dann schoss er selbst nach vorne und direkt auf den Vampir zu, nicht gewillt, die Möglichkeit verstreichen zu lassen. Jetzt verzichtete auch Thomas auf langsame und gemäßigte Bewegungen, als er selbst seine antrainierten Fähigkeiten zum Einsatz brachte, ein Zusammenspiel all seiner Muskeln, die den nötigen Schwung aufbrachten, mit dem er sich nach vorne katapultierte. Er bekam das Handgelenk des Vampirs zu fassen, aber anstatt weiter zu ihm durchzudringen, riss er ihn stattdessen zu sich heran und in sein angewinkeltes Bein hinein, das in dessen Magengrube landete. Danach landete sein vorderes Bein zwischen Vincents Beinen und er versuchte, den Vampir mit einer Drehung seines Körpers zu Fall zu bringen.
    • Vincent ließ sich mitreißen. Zum einen, weil er den Tritt in seinen Bauch noch verarbeitete, zum anderen, weil er den Schwung ausnutzen wollte. Er rollte in den Fall hinein und riss an Thomas' Arm, nahm ihn mit sich zu Boden. Tatsächlich legte er sogar noch etwas mehr Kraft in den Zug und ließ Thomas mit einiger Wucht auf dem Boden aufschlagen. Doch noch immer ließ Vincent den Mann nicht los. Stattdessen schlag er seine Beine um den Körper des Mannes und zerrte an dessen Arm. Wäre er darauf aus, Thomas wirklich zu töten, würde er ihm jetzt die Schulter auskugeln und den Arm brechen. Stattdessen ließ er ihn in einem eisernen Griff zappeln.
      Vincent wich dem nächsten Schlag aus, indem er blitzschnell von Thomas abließ und einmal mehr seine wartende Haltung einnahm, perfekt von den Lichter in seinem Haus beleuchtet. In dieser Runde würde er sich nicht verstecken. In dieser Runde würde er nicht so tun, als täte er Thomas. In dieser Runde würde er das tun, was die Alten mit ihrem Essen nun einmal taten: Er spielte mit dem Mann.
      Mit langsamen, entspannten Schritten lief Vincent den Radius der kleinen Lichtung ab. Er verbarg das Geräusch seiner Schritte im Schnee nicht. Er verbarg seine Erscheinung nicht. Er verbarg den Hunger des Monsters nicht.
      Als er die andere Seite der Lichtung erreichte und der Schein der Lichter ihn komplett enthüllte, waren seine viel zu hellen Augen deutlich zu sehen. Genauso wie ein geradezu unnatürliches Verlangen - das Verlangen eines ausgehungerten Raubtieres, das sich gerade einer saftigen Beute gegenüber sah.


    • Thomas kam mit einer viel größeren Wucht auf dem Boden auf als geplant war, die ihm sogar die Luft aus der Lunge drückte. Seine Hand, jetzt in Vincents Griff gefangen, bekam einen Hemdkragen zu fassen, aber sehr viel mehr als ihn zu packen konnte er nicht, da waren die verteufelt langen Beine zurück und schlangen sich um seinen Oberkörper. Jetzt musste er locker lassen, denn wenn er gegen den Druck gearbeitet hätte, hätte er selbst einen Knochenbruch provozieren können, nur dass der Vampir dennoch in vollster Lage wäre, ihm die Schulter auszukugeln. Er tat es selbstverständlich nicht, aber Thomas merkte sich das Versagen trotzdem. Ein echter Kampf wäre an dieser Stelle auch schon wieder vorbei gewesen.
      So versuchte er die Gelegenheit auszunutzen und sich selbst mit Vincents Eisengriff aus seinen Beinen rauszuhebeln, aber bevor er zum nächsten Übergriff übergehen könnte, war der Vampir bereits wieder verschwunden und Thomas sprang auf die Beine. Am Rand des Lichtscheins stand er und betrachtete Thomas mit einem Ausdruck, der ihm eine nicht geringe Gänsehaut über den Rücken jagte. Am ehesten hätte man diesen Ausdruck wohl mit Hunger beschreiben können und obwohl Thomas ihn schon gewohnt war, war er es doch gänzlich nicht von einer Person, bei der er ganz andere Ausdrücke zu sehen gewünscht hätte. Vincents sonst so weicher Blick war hart und unbarmherzig geworden und die sonst so attraktiven Falten in seinem Gesicht waren harten Linien gewichen. Thomas mochte den Ausdruck nicht. Er beobachtete den Vampir bei seinem langsamen Schleichgang und wünschte sich, wieder den sanftmütigen, lieblichen Vincent vor sich zu haben.
      Nach einem Moment der Beobachtung fing er an, die gemütlichen Schritte in kleinerem Maßstab nachzuahmen. Er wandte sich nach rechts, wenn Vincent sich nach links wandte und umgekehrt, einem Spiegelbild des Vampirs gleich, auch wenn er selbst längst nicht so entspannt war. Auch jetzt verzichtete der andere noch immer darauf, sich in den Schutz der Dunkelheit zurück zu begeben, also fing Thomas an, mit jedem weiteren Schritt näher zu kommen. Ihre Distanz verringerte sich, bis sie bald auf fünf Meter und dann auf drei schrumpfte. Er beobachtete das Wesen in Vincent und ließ die Schultern kreisen. Zwei Meter, da hechtete er nach vorne und verfehlte Vincent, der keinerlei Probleme damit hatte, dem Angriff auszuweichen. Nicht einmal seinen Arm bekam er zu fassen, aber Thomas zog ihm nach, unermüdlich in seinem Verlangen, die Überhand gewinnen zu wollen. Er wollte nicht mit sich spielen lassen, stattdessen versuchte er den Vampir zurück ins Gebüsch zu treiben, wo die Sträucher sicherlich auch dem anderen hinderlicher wären.
    • Der Vampir machte einen einfachen Schritt zur Seite, doch das reichte aus, um dem Jäger zu entgehen. Was hatte der Mensch vor? Glaubte er wirklich, dass er eine Chance gegen den Vampir hatte? Noch dazu in einem offenen Handgemenge? Lachhaft!
      Der Vampir packte den Menschen im Nacken am Kragen, zerrte kräftig daran, und warf den Menschen damit zurück in Richtung Haus. Er hielt sich zurück, legte nicht all seine Kraft in den Wurf hinein. Entspannt drehte er sich zu dem Menschen um, musterte ihn. Wo sollte er zuerst zubeißen? Arm? Hals? Bein? Er könnte ihm die Gliedmaßen auch ausreißen und sich dann am Rest bedienen.
      Über sein Essen nachzudenken ließ den Vampir grinsen. Er hob die Hand an die Lippen und leckte über den kleinen Schnitt an seinen Fingerknöcheln. Sein eigenes Blut spornte ihn nur noch weiter an, schmeckte es doch ein bisschen schal im Vergleich zu dem, was durch die Venen des Menschen floss.
      Nun war er es, der den Abstand zwischen sich und dem Jäger verringerte. Mit langen, langsamen Schritten überquerte er die Lichtung zwischen ihnen, drängte den Jäger zurück ohne ihn überhaupt zu berühren. Als der Jäger zu flüchten versuchte, packte er ihn an den Oberarmen und knallte ihn gegen die Hauswand. Der Vampir grinste, entblößte seine scharfen Fangzähne. Nun, endlich, würde er sich nehmen können, was er wirklich wollte!


    • Der Plan ging insoweit auf, dass Vincent sich zu einem einzigen Schritt verleiten ließ - dann war er allerdings zur Stelle, schneller, als Thomas gezuckt hatte, und beförderte den Mann zurück auf die Lichter des Hauses zu. Thomas behielt sein Gleichgewicht bei, indem er das Gewicht auf den hinteren Fuß verlagerte, aber das war wohl auch nur möglich, weil der Vampir nicht seine ganze Kraft in den Schubs gelenkt hatte. Wäre es so gewesen, wäre Thomas vermutlich bis zur Hauswand geflogen und hätte sich dann mit einer Schädelfraktur ins Jenseits verabschiedet. Noch eine Niederlage, die er auf eigene Kosten verzeichnen musste.
      Die Blicke der beiden Männer trafen sich, dann kam der Vampir in langsamen Stücken näher. Misstrauisch folgten Thomas' Augen den langen Beinen, die durch den Schnee auf ihn zukamen. Hätte der andere sich diesmal schnell bewegt, hätte er es kommen sehen, allein von der Art und Weise, wie der Vampir sein Gewicht verlagerte. Aber er machte keine Anstalten dazu und so wich Thomas langsam aber sicher nach hinten aus, bevor er noch auf das reinfallen würde, was auch immer der andere geplant hatte. Der vorherige Abstand war allerdings nicht wiederherstellbar, das durfte er dann herausfinden, als sie sich knapp vor Armeslänge zueinander befanden und Thomas nach hinten zuckte - sofort war der Vampir zur Stelle, packte seine Oberarme und donnerte ihn gegen die Hauswand. Der Jäger knirschte mit den Zähnen ob des Schmerzes und packte seinerseits Vincents Ellbogen. Der Vampir entblößte seine Zähne, zwei scharfe, bohrende Augen fixierten sich in seine und weckten das Adrenalin von neuem in ihm. In einem richtigen Kampf hätte er sich jetzt wohl mit einem Tritt zwischen die Beine befreit - das hatte noch nie seine Wirkung verfehlt - aber Vincent konnte er nicht ernsthaft wehtun, auch dann nicht, wenn er mehr wie Monster und weniger wie Mensch aussah. Also behalf er sich anderweitig, indem er Vincents unnachgiebige Arme dazu nutzte sich daran festzuhalten, die Beine anzuziehen und dem anderen zeitgleich in den Bauch zu rammen, während er die Arme hochdrückte. Der Vampir verlor seinen Griff an seinen Oberarmen, wenn auch nur für einen Moment, aber es war für Thomas genug, um sich von der Wand abzustoßen, sich zu ducken, in dem Schwung die Schulter in Vincents Bauch zu rammen und die Arme zeitgleich um ihn zu schließen. Beide Männer flogen ein Stück weit hinter in den Schnee, kein angenehmer Aufprall, selbst mit der weichen Polsterung unter ihm, und dann saß Thomas bereits rittlings auf Vincent, hatte die Hand um seine Kehle geschlossen und die andere Faust zu einem Schlag erhoben, der aber nicht kam. Er keuchte; sein Rücken tat ihm weh, auf seiner Stirn hatte sich ein feiner Schweißfilm gebildet und sein Anzug unter seinem Mantel saß ihm schief. In diesem einen Moment, in dem er davor zurückschreckte, Vincent ernsthaft zu schlagen, wurde ihm seine Erschöpfung erst bewusst.
      Stattdessen senkte er seine Faust, tätschelte seine Wange, ließ ihn los und hob in einer abwehrenden Geste die Hände.
      "... Unentschieden?"
      Er rappelte sich auf, bot Vincent die Hand an, richtete dann seine Klamotten und seine Haare und streckte den Rücken durch, bis er den Schmerz einigermaßen lokalisiert hatte und sich ausschüttelte.
      "Ich glaube, ich könnte jetzt gut einen Tee vertragen."
    • Vincent blieb eine kleine Weile einfach im Schnee liegen und starrte in den hell erleuchteten Nachthimmel. Er hätte es getan. Hätte Thomas ihn nicht aufgehalten, dann hätte er zugebissen. Nicht nur auf spielerische Weise, nicht sanft, nicht neckend. Er hätte seine Fangzähne in Thomas Nacken geschlagen und sich an ihm gütlich getan bis sein Hunger - dieser beißende, brennende Hunger in seinem Inneren - endlich erloschen wäre.
      Vincent schloss die Augen und massierte sich das Nasenbein. Seine Kehle war vollkommen ausgetrocknet, sein Kiefer schmerzte. Er atmete tief durch, um sich wieder in den Griff zu bekommen, doch da wehte nur der himmlische, verlockende Duft von Thomas zu ihm herüber und machte alles schlimmer.
      Er rollte sich zur Seite und kam auf alle Viere, ignorierte Thomas' dargebotene Hand. Er musste sich auf den Schmerz von Thomas' Angriff konzentrieren, um sich wieder sammeln zu können. Erst, als sich Vincent sicher war, dass das Monster weggesperrt war, kam er wieder auf die Füße.
      "Ich unterschätze immer, wie viel Kraft in dir steckt," scherzte er und hielt sich den Bauch, als er sich zu Thomas umdrehte. "Du hast mir ganz schön den Wind aus den Segeln genommen. Diese letzte Runde hättest du vielleicht überlebt. Wenn ich dir nicht vor her den Arm gebrochen hätte, versteht sich."
      Auf dem Weg zurück ins Haus sammelte Vincent seinen Mantel wieder ein, den er drinnen achtlos über eine Stuhllehne in der Küche warf. Nora musterte ihn kritisch, dann Thomas, bevor sie sich kopfschüttelnd an die Arbeit machte. Während das Teewasser kochte, stellte sie für Thomas das kleine Erste-Hilfe Paket bereit, das sie stets gefüllt hielt für den Fall, dass Vincent mal wieder jemand neues mit nach Hause brachte - oder Simon mal wieder eine Idee hatte. Nora stellte Vincent allerdings auch ein Glas Schweineblut hin - sein zweites diese Nacht. Vincent betrachtete es nur mit einem leisen Seufzen, erhob aber keinen Widerspruch. Er wusste, dass er es brauchte, ob er wollte oder nicht. Und selbst der schale Geruch von dem abgestandenen Blut brachte das Monster in seinem Inneren zum Rumoren. Als Vincent das Glas an seine Lippen setzte, als er den ersten Tropen auf seiner Zunge schmeckte, da verschlang er es geradezu. Er leerte das Glas in nur einem langen Zug, bevor er es wieder abstellte. Und sich nach mehr sehnte.


    • Es dauerte einen Moment, bis sich Vincent vollständig aufgerichtet hatte. Der Mann wirkte noch etwas neben sich, so wie sein Kiefer arbeitete und der Blick in seinen Augen noch nicht gänzlich verloschen war - aber wer war schon Thomas, ihm dahingehend einen Vorwurf zu machen? Sein eigener Instinkt arbeitete noch immer auf Hochtouren und wenn Vincent auch nur mit dem Finger gezuckt hätte, wäre er vermutlich gesprungen wie eine Katze. Es würde wohl noch dauern, bis sich beide soweit beruhigt hatten, dass sie in die Normalität zurückkehren könnten.
      "Dafür hast du in allen vorherigen Runden wesentlich besser dominiert, wir wären gar nicht erst soweit gekommen. Das machen wir morgen nochmal, darauf bestehe ich."
      Schließlich lächelte er, bevor sich beide Männer zurück ins Haus schleppten. Vincent strebte die Küche an, während Thomas dankbar das kleine Erste-Hilfe-Paket annahm, sich damit in den Salon verzog und ein bisschen darin stöberte, bis er sich dagegen entschied. Es würde wohl nicht mehr als ein blauer Fleck an seinem Rücken werden und das ließe sich besser mit ein bisschen Druckmassage anstatt einem Mittel behandeln. Vielleicht wäre Vincent ja freundlich genug dafür.
      Nora brachte den Tee und im Anschluss dann auch noch Vincent, den Thomas mit einer Geste zu sich auf das Sofa einlud. Er setzte sich, noch einigermaßen sittsam, zu Thomas und als Nora verschwunden war, legte Thomas ihm den Arm um die Schultern und zog ihn an sich. Er küsste ihn, allerdings nur sehr kurz, bevor er zurückzog und eine Grimasse schnitt.
      "Es würde dir nicht schaden, ein Glas Wasser nach deinem Blut zu trinken. Zum Wohle meiner armen Geschmacksknospen."
      Dann blickte er an ihm herab und legte ihm die Hand auf den Bauch.
      "Alles in Ordnung mit dir? Habe ich zu fest getreten? Soll ich einmal nachsehen?"
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