[2er RPG] In his Thrall [Codren feat. Pumi]

    • Für Vincent war der Kuss viel zu kurz und er folgte Thomas, in der Hoffnung, seine Lippen noch einmal kosten zu können. Die Hand in seinem Schritt erwischte ihn vollkommen überraschend und warf sich mit einem Stöhnen zurück gegen das Kopfteil. Er wusste wirklich nicht, wie lange er das noch mitmachen konnte.
      "Komm für mich."
      Einen Herzschlag später war es um ihn geschehen. Thomas' Worte in Kombination mit dem, was er als nächstes tat, schoben Vincent nicht über die Klippe, sie warfen ihn meilenweit darüber hinaus.
      Er schrie auf, vergrub seine Hände tief in den Laken seines Bettes. Sämtliche Kontrolle über seinen Körper verabschiedete sich, als sich all seine Muskeln gleichzeitig so sehr anspannten, dass sie drohten, zu zerreißen. Vincent vergaß, wie man atmete, als sein Körper von den Empfindungen übermannt wurde, die Thomas ihm da verschaffte.
      Obwohl das jetzt schon das dritte Mal war, dass Thomas ihm den Verstand raubte, dauerte es lange, bis Vincents Körper aufhörte, unkontrolliert zu zucken und die Spannung endlich aus ihm wich. Und es dauerte noch länger, bis ihm das Konzept von Worten wieder ein Begriff war.
      "Ich glaube..." sagte er, seine Stimme heiser und leise, "Ich glaube, ich habe vergessen, wie man sich bewegt..."
      Ein kleines Lachen entrang sich ihm. Er wollte Thomas berühren, ihm durch die Haare streichen, ihn küssen, aber er konnte es einfach nicht. Sein Körper gehorchte ihm nicht und so musste er sich damit zufrieden geben, den Mann einfach nur verträumt anzusehen, wie er dasaß, umrahmt vom Licht einer Galaxie, die sich nur Vincent in seinem völlig erschöpften Hirn zeigte.


    • Vincents Höhepunkt war atemberaubend und dauerte lange an. Thomas trieb ihn hindurch, durch jede einzelne Zuckung, die den Körper des Mannes ergriff und obwohl schon kaum etwas übrig war, um sich ernsthaft über Vincent zu verteilen, schien es doch intensiv genug, um ihm völlig den Verstand zu rauben. Fasziniert beobachtete er ihn dabei, absolut angetan von jeder einzelnen Regung, die er sehen, oder gar spüren konnte. Er liebte es so sehr, dass er es gar nicht in Worte hätte fassen können. Alles daran liebte er absolut abgöttisch.
      Als Vincent nach und nach erschlaffte, verlangsamte er seine Bewegungen und ließ schließlich ganz von ihm ab, nur um sich zurückzulehnen und den Mann für einen Moment zu betrachten. In seinem Gesicht stand der Schweiß, seine Brust hob und senkte sich rasch, seine Glieder lagen schlaff im Bett, als wäre ihnen sämtliche Kraft genommen worden. Der Gedanke brachte Thomas zum Lächeln, der sich danach wieder nach vorne lehnte und erst Vincent, dann seine Stirn küsste.
      "Ist das also deine Grenze? Drei Mal?"
      Gott, wenn ihn irgendjemand auch nur ansatzweise hätte hören können, er wäre vermutlich gestorben. Aber er vertraute Vincent und er glaubte an die Sicherheit seines Zuhauses, an die er sich langsam hatte gewöhnen können.
      "Gut zu wissen, dass es auch andere Methoden gibt, einen Vampir zu erledigen."
      Er ließ sich neben ihm am Kopfende nieder, legte den Arm um Vincent und zog ihn an sich, so nah, wie es nur möglich war. Eigentlich sollte er sich sauber machen, eigentlich sollte er sie beide waschen und dann außerdem noch das Bett neu beziehen, weil es nicht in tausend Jahren in Frage gekommen wäre, diese Art von Beschmutzung den Bediensteten zu überlassen, aber für den Moment war er noch zufrieden damit, bei Vincent zu sitzen und ihn zu halten, bis seine Kräfte zurückgekehrt wären. In seinem eigenen Zustand hätte er ihn sowieso nicht ins Bad tragen können, was er jetzt ein bisschen schade fand. Ein andermal sicherlich.
      Fürsorglich strich er ihm die Haare aus der Stirn.
      "Brauchst du etwas zu... trinken?"
      Er blieb an seiner Seite, bis Vincent einigermaßen in die Welt der Lebenden - oder halbwegs Lebenden - zurückgekehrt war, dann stand er auf, ließ selbst das Bad für sie beide ein und kam zurück zum Bett, um dem Mann in einer einladenden Geste die geöffnete Hand hinzustrecken.
    • "Wenn du daran so viel Spaß hast, dann können wir gern demnächst deine Grenzen austesten," gab Vincent nur zurück und lehnte sich gegen Thomas.
      Er erlaubte es sich, die Augen zu schließen und sich auf das zu konzentrieren, was er hörte: Thomas' Herzschlag, die Atmung des anderen Mannes, aber auch andere Dinge. Das unhörbare Knarzen von alten Holzbalken in den Wänden. Das Lied, das Simon pfiff während er in der Küche aushalf. Er ließ sich von Thomas' Duft einlullen - Zimt und alte Bücher - roch aber auch das herunterbrennende Feuer im Kamin, die Seife, mit der seine und Thomas Kleidung zuletzt gewaschen worden war. Langsam aber sicher fand Vincent zurück zu sich selbst, während er diesen Frieden genoss.
      "Mein Hunger funktioniert nicht ganz so wie deiner. Körperliche Anstrengung ist weniger ein Problem für mich, als es das für dich ist," antwortete Vincent auf Thomas' Frage hin und pikste ihn mit einem Finger leicht in die Seite.
      Als Thomas aufstand, um ihnen ein Bad einzulassen, ließ sich Vincent in die Laken sinken und streckte sich noch einmal. Sein ganzer Körper beschwerte sich, aber auf eine gute Art. Das Hochgefühl, dass ihn noch immer teilweise beherrschte, war nicht einmal ansatzweise mit seiner Silbervergiftung zu vergleichen.
      Er nahm die dargebotene Hand an und ließ sich auf die Beine helfen. Vincent war überrascht, wie sicher seine Schritte schon wieder waren, auch wenn er ein bisschen vorsichtig lief, angesichts dem Zwicken in seinem Hinterteil.
      Er ließ sich von Thomas in die Wanne helfen und seufzte wohlig auf, als ihn das warme Wasser umgab. Selbstverständlich machte er sofort Platz für den anderen Mann. Vincent überließ ihm sogar die Wahl, ob er sich vor oder hinter ihn setzen wollte.
      "Und?" fragte er, sobald Thomas saß. "Ist dein Wissensdurst besänftigt, oder hast du schon ganz neue Theorien über Vampire gesponnen, jetzt, wo ich dir ein paar Geheimnisse über uns offenbart habe?"


    • Thomas zögerte nicht, sich hinter den Mann in die Wanne zu lassen und ihn in die Arme zu nehmen, ähnlich dessen, was Vincent noch für ihn vor zwei Tagen getan hatte. Dadurch konnte er es sich auch erlauben, über Vincents Oberkörper zu streichen und ihm bereits die ersten Spuren ihres Aktes vom Körper zu waschen.
      "Ich habe Theorien, aber nur fadenscheinige. Dafür werde ich weitere Untersuchungen machen müssen. Weitere Feldexperimente."
      Durch diese Position konnte er sich auch vorbeugen und die Stelle hinter Vincents Ohr küssen. Man hätte meinen können, dass der Sex ihn befriedigt hatte, aber was Vincent betraf war er unersättlich.
      "Zum Beispiel muss ich herausfinden, welche dieser Stellen du am liebsten hast", raunte er weiter und zog seine Küsse in Richtung Hals, wo er ihn aber nur ganz leicht liebkoste. Seine Bissspuren waren immer noch zu sehen und mittlerweile glaubte Thomas, dass Vincent sie absichtlich nicht verheilen ließ.
      "Alles im Sinne der Wissenschaft, versteht sich."
      Er löste sich wieder von ihm und kämmte ihm sanft durch die zerrauften Haare.
      "Aber ich muss dich auch fragen, was passieren würde, wenn du Silber an diese Stellen bekommst. Die Symptome sind mir klar, aber wäre es besonders schmerzhaft? Oder würde es dich schneller umbringen? Und wie machst du das mit dieser Fähigkeit, Menschen zu beeinflussen?"
    • Vincent schnurrte - schnurrte! - als Thomas mit weiteren Tests drohte.
      "Da spielt man doch gern Versuchskaninchen," gab er schlicht zurück und lehnte sich gegen die Brust des anderen Mannes.
      Er ließ sich von Thomas einen Moment lang verwöhnen, während er darüber nachdachte, wie er seine Fragen beantworten sollte. Es war beinahe schon süß zu sehen, wie schnell Thomas von Bettgeflüster zu Wissenschaftler wechseln konnte.
      "Stell es dir vor wie bei einem Menschen. Natürlich ist es schmerzhafter, sich am Handgelenk zu verletzen, als beispielsweise am Knie. Und der Hals ist für alle gefährlich. Wenn ich da verletzt werde ist Silber sicherlich nicht meine erste Sorge. Aber deine auch nicht. Silber ist Silber, egal wo es landet. Diese Stellen... sie haben eine andere Bedeutung. Ein Teil ist basierend auf Instinkten. Ein Teil ist basierend auf Kultur - ja, Vampire haben ihre eigene Kultur. Politik auch, übrigens. Wenn du mich am Hals berührst...", Vincent legte eine Hand an die erste Bissstelle, "dann reagiere ich instinktiv darauf. Nicht nur Menschen reagieren auf einen Biss durch einen Vampir, weißt du? Aber für uns ist es intensiver, wie alles andere auch. Und weil wir uns von Blut ernähren... Wenn Tierblut schales Brot ist, dann ist Menschenblut ein ordentliches Essen, und Vampirblut ist die Speise der Götter. Hals, Handgelenke, Oberschenkel... meine Instinkte wollen, dass ich an diesen Punkten zubeiße. Meine Instinkte wollen dort aber auch selbst gebissen werden."
      Den kulturellen Aspekt ließ Vincent unter den Tisch fallen. Der spielte kaum eine Rolle, auch wenn er Vincent's Reaktion zum Teil erklärte. Aber das war nicht der wissenschaftliche Teil. Auch ohne den Kontext würde ein Vampir immer auf diese Stellen reagieren, wenn er denn gebissen wurde. Der kulturelle Aspekt verlieh dem ganzen nur einen sozialen Kontext im komplizierten Machtgefüge der Vampire.
      Vincent blickte hinauf zu Thomas' Gesicht, beobachtete, wie sich die Rädchen hinter den dunklen Augen drehten.
      "Charisma," beantwortete er auch die zweite Frage, die Thomas ihm gestellt hatte. "Die meisten Menschen wollen, dass man ihnen sagt, was sie tun sollen. Leute mit Charisma stehen schnell im Rampenlicht. Beides zusammen kann man leicht für sich nutzen. Wenn man dann noch die eigene Körpersprache vollständig unter Kontrolle hat - was die meisten Vampire tun - dann kann man Menschen zu allem bringen, vorausgesetzt, der Wille ist schwach. Wenn ich jemandem suggeriere, nicht zu mir zu sehen, dann mache ich nicht viel mehr als das, was ich tue, wenn ich dich verführe," Vincent grinste, "Nur ein bisschen weniger offensichtlich. Deswegen ist Willensstärke so ein großer Faktor. Wer nicht gern Anweisungen folgt, ist schwerer zu überzeugen. Das alles passiert im Unterbewusstsein und ist viel komplizierter, als ich es gerade erklärt habe. Ich kann es dir bei Gelegenheit gern einmal zeigen. Vielleicht kannst du dir ja was abgucken und deinen Umgang mit Lügen ein bisschen aufpolieren."


    • Das war nun doch etwas, was Thomas nicht nur interessierte, sondern was eine nicht geringe Lücke in den Recherchen seines Großvaters aufwies. Sein Großvater hatte sich fast ausschließlich mit der medizinischen Seite befasst: Wie schnell, wie lang, wie stark, wie gut, wie viel usw. Er hatte sich nur begrenzt mit dem Warum dahinter beschäftigt, denn immerhin war das auch kein relevanter Teil in ihrer Jagd. Was hätte Thomas davon zu wissen, aus welchem kulturellen Hintergrund der Vampir vor ihm stammte, wenn er doch das tat, was auch alle anderen taten: Morden? Er musste wissen, mit was er zu rechnen hatte und wie er kontern konnte, das Warum dahinter stand an letzter Stelle. Oder hatte zumindest an letzter Stelle gestanden.
      Jetzt nahm diese Information langsam einen anderen Stellenwert für ihn ein, hauptsächlich weil Vincent ihm gezeigt hatte, dass es auch anders gehen konnte, dass es auch durchaus Vampire gab, die nicht mordeten. Jetzt musste er tatsächlich langsam anfangen sich zu fragen, aus welchem kulturellen Hintergrund ein Vampir kommen könnte, denn entsprechend könnte er ein Vincent sein oder ein Charles.
      Diese Einteilung amüsierte ihn ein wenig, er weihte den anderen aber nicht darin ein.
      "Instinkt also." Darüber könnte er selbst ein ganzes Buch schreiben. Wobei ihm einfiel...
      "Habe ich es etwa auch dir zu verdanken, dass ich meinen Instinkt umschulen konnte? Das ist zu deinem Nachteil, weißt du das?"
      Er drückte ihm noch einen Kuss auf die Schläfe.
      "Du musst mir das mit dem Willen noch einmal erklären, aber dann, wenn ich es auch aufschreiben kann. Zum Schluss werde ich noch was übersehen und lüge noch schlechter."
      Jetzt hatte sich der Forschungswunsch in ihm geweckt, auch wenn er nicht in Betracht ziehen würde, den Moment mit Vincent dadurch zu ruinieren. Aber gedanklich fügte er bereits die neuen Informationen in die kleinen Lücken der Lehre seines Großvaters ein.
      "Erkläre mir das mit der Politik genauer - und mit deiner Kultur. Gibt es etwa ganze Gesellschaften unter Vampiren?"
    • "Wenn sich dein Instinkt ändert, dann liegt das einzig und allein an dir Thomas. Ich habe meine Tricks bei dir nur soweit angewendet, dass ich dich in ein Gespräch verwickeln und es ein bisschen lenken konnte. Dich zu verführen... das habe ich auch ohne nicht-menschliches Charisma geschafft."
      Vincent ließ seine Hände sanft über Thomas' Oberschenkel gleiten, blieb aber tatsächlich brav.
      "Natürlich haben wir das. Wir führen sogar unsere eigenen Kriege. Manchmal. Aktuell ist es ziemlich ruhig, zumindest hier in Europa. In der neuen Welt ist es ein bisschen hektisch, die haben sich immer noch nicht richtig organisiert. Generell gilt die Faustregel: Je älter ein Vampir, desto mehr Einfluss hat er. Die Tatsache, dass wir überhaupt so alt werden konnten, zeugt von unserer Macht. Dazu kommt, dass Vampire mit zunehmenden Alter tatsächlich stärker werden. Jüngeren Vampiren wird dieser Respekt mit jedem Mahl eingebläut. Vor allem, weil ein Meister für den eigenen Jüngling geradestehen muss. Baut der Jüngling Mist, hängt der Meister genauso sehr. Politik unter Vampiren folgt einigen sehr einfachen, sehr alten Regeln - einige davon wurden von Vlad geschrieben. Die meisten diktieren den Umgang miteinander und den Umgang mit Territorien. Mein Alter und mein ländlicher Hauptwohnsitz erlauben es mir, ein ziemlich großes Territorium zu halten. Wenn ein Vampir mein Territorium betritt, ist es höflich, bei mir vorstellig zu werden. Genauso wie es höflich ist, sich vor den Royals zu verneigen, wenn du verstehst, was ich meine. Jeder Vampir, der sich in meinem Territorium herumtreibt, muss sich meinen Regeln fügen. Das ist mein Hoheitsgebiet. Vampire nehmen ihre Grenzen sehr ernst. Populationen spielen eine große Rolle. Selbst wenn keine Leichen gefunden werden - Vermisstenanzeigen, seltsame Verletzungen, sogar Gedächtnisverlust, all das fällt auf, wenn es sich über einen längeren Zeitraum häuft. Ein Vampir ist dafür verantwortlich, diese Zahlen ordentlich zu handhaben, wenn er ein Territorium für sich beansprucht. Ein Vampir, der sich nur in einem aufhält, muss Anweisungen folgen was die Jagd angeht. Unsere Existenz geheim zu halten ist beispielsweise auch eine wichtige Regel. Das Nest hier in Cambridge... es hätte früher oder später die Aufmerksamkeit eines Alten erweckt, mit oder ohne mein Einwirken."
      Vincent seufzte.
      "Eigentlich hat alles an Kultur und Politik mit Essen zu tun. Die erste Regel, die ein Jüngling lernt, ist wie man sich ernährt. Und darauf baut man dann einfach auf, bis man ein achthundert Jahre alt und König eines unbekannten Imperiums irgendwo im ländlichen Deutschland ist. Menschen sind bloß Essen, Haustiere, Werkzeuge und Währung."
      Er schüttelte den Kopf. Genau deswegen hielt er sich aus allem raus, wenn er konnte. Letztes Jahr noch hätte er seine sieben Sachen gepackt und Cambridge aufgegeben. Er hätte aus der Ferne dabei zugesehen wie die Stadt unter einem unsichtbaren Krieg zerbrochen wäre und hätte nur mit den Schultern gezuckt. Nicht sein Problem.
      "Die Alten, die wirklich alten Alten, leben gern nomadisch in den Territorien ihrer Jünglinge - die meistens selbst schon als Alte gelten. Egal wo sie hingehen, sie stellen die Regeln auf. Und als Jüngling eines solchen Alten, kann man - wenn man es denn richtig anstellt - die eigene Stellung erhöhen und befestigen. Solche Jünglinge sind die Prinzen der Könige, sozusagen. Die Politik von Vampiren ist genauso kompliziert wie die von Menschen. Und genauso nervig. Und dann gibt es solche wie mich: Leute, die ihre Ewigkeit nicht damit verbringen, in blutige Nachbarschaftsstreitereien zu verfallen, sondern damit, Kultur zu sammeln. Manche sammeln Kunst und genießen die Gesellschaft von Künstlern, helfen kleinen Talenten auf den richtigen Weg zu kommen. Manche bewegen sich von Opernhaus zu Opernhaus und umgeben sich mit Schauspielern und Sängern. Wieder andere haben einen Hang dazu, jedes alte Buch einzusammeln und zu bewahren, auch wenn ihm langsam der Platz ausgeht."
      Vincent lächelte.
      "Viele eurer alten Stücke haben überhaupt nur so lange überdauert, weil sich ein Vampir um den Erhalt gekümmert hat. Nimm Shakespeare zum Beispiel. Dass es überhaupt noch Aufzeichnungen von seinen Stücken gibt, liegt daran, dass ein Vampir namens George dem Mann überall hin gefolgt ist. Wenn du willst, dass etwas überdauert, such dir den richtigen Vampir dafür."


    • Thomas lauschte Vincents Erzählung mit höchstem Interesse. Er musste zugeben, dass er von dem meisten davon keinerlei Ahnung hatte. Er wusste, dass Nester entstehen konnten, dass es Vampire gab, die diese Nester anführten, dass älteren Vampiren auch ein gewisser Respekt von jüngeren entgegen gebracht wurde, dass ein Vampir selbstverständlich nicht allzu lange an einem Ort jagen, geschweige denn bleiben konnte, ohne irgendwann Aufsehen zu erregen, aber er hatte nicht die Tragweite all dessen bedacht. Er hatte nicht bedacht, dass dahinter eine ganze Kultur sitzen könnte, dass ein Vampir einem anderen eine gewisse Manier zubringen musste, um weiterhin bestehen zu dürfen. Dass sie Kunst sammelten, so wie Vincent, dass sie sich auch zusammenschlossen, um lediglich ihr Leben zu führen und nicht nur um ziellos zu morden. Eigentlich war es das ja auch nie, das ziellose morden - viel eher war es ein leben oder leben lassen, wobei Vincent natürlich vorgeführt hatte, dass es auch anders ging. Aber letzten Endes waren es doch schließlich alles Menschen, sehr langlebige, aufs Überleben getrimmte Menschen. Und Thomas beendete diese Leben.
      Er beugte sich wieder zu Vincent hinab und küsste sein Ohr, während er schweigsam darüber nachdachte. Eine Weile lang sagte keiner was.
      "... Wie sehen eure Kriege aus? Führt ihr auch Krieg gegeneinander? Schließt ihr euch weltlichen Kriegen an?"
    • "Ganz der Krieger, hm? Mein edler Ritter."
      Vincent drehte sich kurz halb um, um Thomas einen Kuss auf die Wange zu geben, bevor er es sich wieder in dessen Armen bequem machte.
      "Die Kriege, die Nationen führen, sind eher ein üppiges Buffet für Jünglinge. Die sind so von ihren neuen Kräften berauscht, dass sie sich unbesiegbar fühlen. Wenn da ein Krieg wütet, werfen sie sich also gern auf das Schlachtfeld, um das auch der ganzen Welt zu beweisen. Und weil so viele Menschen sterben, fallen ein paar Bissspuren auch nicht weiter auf. Die Alten halten sich da meistens raus. Wenn sie an einem menschlichen Krieg beteiligt sind, dann nur im Hintergrund - auf der politischen Ebene. Für sie ist es aber eher ein Spiel. Sowas wie ein Hahnenkampf im Großformat. Keiner sehr schöner Zeitvertreib, wenn du mich fragst. Ich selbst bin beim ersten Anzeichen von Unruhen umgezogen."
      Er suchte sich Thomas' Hände und verschränkte ihrer beider Finger miteinander.
      "Kriege unter Vampiren sehen ganz anders aus. Sie finden im Verborgenen statt. Und normalerweise erhebt man nicht einfach die Hand gegen jemanden. Wenn man das tut, endet das die Dinge meistens recht schnell. Wenn Vampire kämpfen, dann bis zum Tod. Deswegen passiert es so selten unter den Alten. Wir bekriegen uns lieber mit Worten oder gehen uns gleich ganz aus dem Weg. Aber wenn es zu einer Auseinandersetzung kommt... Den Gegner auszuhungern ist zu auffällig für eine Stadt, aber eine beliebte Taktik gegen Gegner auf dem Land. Da verschwindet schonmal ein ganzes Dorf über Nacht. Spontan fällt mir da die Siedlung von Roanoke ein. 1587 ließen sich 118 Siedler vor der Ostküste dessen nieder, was heute North Carolina ist. Unter ihnen war ein Vampir, der das Gebiet natürlich sofort für sich beanspruchte. Das fand der Vampir, der bereits dort lebte, nicht besonders höflich. Drei Jahre später war von der Kolonie nichts mehr übrig. Die 118 Menschen waren spurlos verschwunden. Du kannst dir denken, was mit ihnen passiert ist. Ohne Nahrung ist der Siedler-Vampir mit eingezogenem Schwanz nach England zurückgekehrt. Aber wie gesagt: so offen kann man in einer Stadt nicht vorgehen. In Städten macht man das alles durch Hintertüren. Man findet raus, was es über den Gegner herauszufinden gibt und nutzt es gegen ihn. Nicht selten werden Schlafplätze angezündet, Silber eingeschmuggelt, derlei Taktiken. Die meisten Auseinandersetzungen enden, wenn eine Partei nachgibt und umzieht. Wenn nicht, endet es irgendwann in einem Duell und irgendjemand verliert sein Leben."
      Vincent seufzte.
      "In unserem Fall wird es allerdings ein bisschen anders zugehen. Vlad spielt gern ein bisschen und anders als die meisten anderen Alten, hat er es nicht so mit der Politik. Er ist ein Krieger, ein Kriegsführer. Er war bei der Französischen Revolution dabei, beim Dreißigjährigen Krieg. Er wird es sich bequem machen und darauf warten, dass dieser James - der Meister des Nests - vor ihm zu Kreuze kriecht. Und dann wird er ihn trotzdem Stück für Stück zermürben. Er wird die Jünglinge töten. Er wird James verfolgen und umbringen, wenn ihm danach ist. Sollte James so dumm sein und nicht sofort um Vergebung betteln, wird das Ganze nur noch weiter eskalieren. Und Vlad schert sich nicht um menschliche Opfer. Kollateralschaden des Krieges. Vlad wird ein Exempel statuieren wollen, und das aus zwei Gründen: Erstens legt James es mit seinem Nest darauf an, entdeckt zu werden - ein grober Verstoß gegen das Geheimhaltungsgesetz; zweitens hat James den Fehler begangen, mir Probleme zu bereiten - ein indirekter Angriff auf Vlads Ego. Vlad ist ein König, ich bin sein Prinz, und ich habe es richtig angestellt."
      Vincent erinnerte sich an das letzte Mal, als sich ein Vampir mit Vlad angelegt hatte. Er war dabei gewesen, hatte zusehen müssen, weil Vlad ihm hatte zeigen wollen, wie man mit Aufrührern umzugehen hatte. Weil er ihm hatte zeigen wollen, was er mit jedem anstellte, der Vincent auch nur falsch ansah. "Ich werde jeden vernichten, der dir wehtut, mein Stern," hatte Vlad gesagt, den Kopf des anderen Vampirs noch immer in der Hand.


    • Thomas legte das Kinn auf Vincents Schulter ab, während er sich vorzustellen versuchte, wie unsterbliche Menschen sich zurücklehnten, um passive Kriege zu führen. Er konnte sich nicht vorstellen, dass jemand sich die Mühe machen würde mit Worten zu kämpfen, wenn er auch seine natürlich übermenschliche Kraft einsetzen könnte. Auf der anderen Seite hatte er auch nicht die Möglichkeit dazu, eine solche Stärke überhaupt einzusetzen, daher schien ihm das wohl eher unrealistisch.
      Dass Vlad allerdings andere Methoden verfolgte, das konnte er sich wieder besser vorstellen. Es passte zu Vincents vorherigen Erzählungen über den Vampir, der sein Festmahl zu sich nachhause einlud. Das machte es natürlich nicht besser, wenn auch Thomas eher mit kämpfenden Vampiren umgehen konnte.
      "Mir wäre es fast lieber, er würde gewalttätig werden, als dass er mich nachts im Schlaf überrascht. Können wir es nicht ausnutzen, dass er sich mit James abgeben wird? Dass er vielleicht abgelenkt wird?"
      Er schloss die Arme fester um Vincents Bauch und zog den Mann noch näher an seine Brust. Das Wasser schwappte ein wenig um sie herum und er beobachtete den Wasserverlauf an Vincents Körper.
      "... Hat Vlad sich schonmal für ein verletztes Ego gerächt? Dafür, dass jemand seinem… Prinzen Probleme bereitet hat?"
    • "Ein paarmal. Aber für gewöhnlich tut er das hinter meinem Rücken. Ich habe seinen Namen noch nie als Waffe benutzt."
      Überhaupt hatte sich Vincent noch nie in die komplizierte Form der vampirischen Kriegsführung eingemischt. Wenn jemand an den Grenzen seines Territoriums anklopfte mit der Intention, ihm ein Gebiet streitig zu machen, dann war er weitergezogen. Wenn jemand versuchte, ihn auf die Zielscheibe von Jägern zu bringen, war er verschwunden. Er hatte sich nie mit jemandem angelegt und wenn sich jemand mit ihm angelegen wollte, dann hatte er klein bei gegeben, bevor es zu ernsthaften Auseinandersetzungen kam. Monate, manchmal auch erst Jahre später erreichten ihn dann Gerüchte über das brutale Ableben derer, die der Meinung gewesen waren, ihn vertreiben zu müssen. Es hatte eine Zeit gegeben, da war er bekannt dafür gewesen, nicht einmal ein einzelnes Haus halten zu können, wenn es darauf ankam. Ein Jahrhundert später versuchte es aber schon gar niemand mehr. Vincent wusste bis heute nicht, ob die anderen Vampire Angst vor ihm hatten, oder ob sie wussten, wer wirklich dahinter steckte. Vlad machte nur eine Show aus etwas, wenn es seinem Image half. Vincent fiel nicht in diese Kategorie.
      "James wird als Ablenkung nicht ausreichen. Er mag vielleicht ein Jahrhundert, vielleicht auch zwei hinter sich haben, aber er hat keine Freunde hier. Seine Reaktion auf Vlads Namen allein verrät mir, dass ihm nicht einmal sein Meister zur Hilfe eilen wird - solle der denn noch leben - und selbst dann weiß ich nicht, ob dieser kleine Nachbarschaftsstreit Vlad wirklich beschäftigen wird."
      Vincent seufzte, lehnte seinen Kopf gegen Thomas' Schulter und schloss die Augen.
      "Allerdings wird sich Vlad sehr darüber freuen, dass ich doch endlich mal auf meine Privilegien als sein Jüngling zurückgegriffen habe. Er ist nicht dumm, aber vielleicht kann ich seine Schwäche für mich ausnutzen und ihn Glauben machen, dass ich endlich in den Schoß der Familie zurückkehren will..."


    • Thomas gab ein unzufriedenes Brummen von sich. Er hielt Vincent nicht für jemanden, der beim geringsten Anzeichen von Ärger gleich die Flucht ergriff und die Tatsache, dass er es tat, musste größere Hintergründe haben. Außerdem war ihm die Sache mit Vlad nicht annähernd angenehm genug, um sich über ernsthafte Vorgehensmaßnahmen Gedanken zu machen.
      "Es gefällt mir nicht, wenn du dich zur Zielscheibe machst. Können wir das nicht irgendwie anders aufziehen?"
      Er drückte einen Kuss auf Vincents Schulter, während der Mann die Augen geschlossen hielt. In dem unbeachteten Moment, der sich ihm bot, musterte er die ihm so vertrauten Gesichtszüge, das hübsche Gesicht, die weichen Haare. Nachdem er nicht widerstehen konnte, drückte er ihm auch einen Kuss auf die Wange.
      "Wie wäre es, wenn wir seinen Schlafplatz anzünden? Oder Silber in sein Essen… achja."
      Das war ja ziemlich unmöglich.
      "... Mir fällt auch nichts besseres ein. Wenn ich alleine wäre, würde ich versuchen in seine Nähe zu kommen wie auf dein Fest, aber ich bezweifle, dass er sowas hier veranstalten wird. Oder mich überhaupt nah genug kommen lassen würde."
      Er streichelte ihm gedankenverloren über den Bauch.
      "Aber versprich mir, dass du dich nicht in Gefahr begibst. Nicht freiwillig zumindest, verstanden?"
    • Vincent lehnte seine Stirn gegen Thomas' Hals.
      "Da haben wir direkt das nächste Problem," seufzte er. "Es könnte sein, dass sich Vlad hier einquartieren will. Es könnte sein, dass er dich kennenlernen will. Er hat keine Angst vor Jägern. Er ist eine Katze, die mit seiner Beute spielt, ja, aber er ist keine Hauskatze. Er ist ein verdammter Löwe. Um ihn davon zu überzeugen, dass ich es ernst meine, dass ich wirklich zu ihm zurückkehren will, werde ich einige Dinge sagen und tun müssen, die mir nicht gefallen. Und dir werden sie noch viel weniger gefallen."
      Vincent setzte sich auf und rutschte auf die andere Seite der Wanne. Einerseits wollte er Thomas für das, was er gleich vorschlagen würde, ansehen können. Andererseits konnte er die Wärme und die Sanftheit der Berührungen des anderen Mannes nicht ertragen. Nicht hierfür.
      "Was weißt du über die Effekte, die Vampirblut auf Menschen haben kann?" fragte er vorsichtig, um sich an das Thema seines Vorschlages langsam heranzutasten.
      Er würde diesen Verband so oder so abreißen müssen, aber es wäre einfacher, wenn er das Ganze in eine kleine Lehrstunde für Thomas, den Jäger, verpacken konnte. Zuckerbrot und Peitsche, schoss es Vincent durch den Kopf und er biss sich leicht auf die Zunge, um nicht auf seine eigenen Gedanken zu reagieren.


    • Thomas runzelte die Stirn. Ja, er hatte selbst schon damit gerechnet, dass Vlad nicht einfach auftauchen und wieder verschwinden würde, aber jetzt noch einmal aus Vincents Mund zu hören, dass er Sachen tun würde, die ihm selbst nicht gefallen würden, war nochmal eine ganz andere Angelegenheit. Thomas hätte viel gegeben, um genau das zu verhindern.
      Höchst widerwillig entließ er Vincent aus der Umarmung, in der er ihn hielt, nur um zu beobachten, wie der Mann sich umdrehte und von ihm weg setzte. Selbst im warmen Wasser war seine Brust jetzt kalt und er musste dem Drang widerstehen, dem Mann zu folgen, geschweige denn ihn zu sich zurückzuziehen. Steif zwang er sich dazu, die Arme am Wannenrand abzulegen.
      "Ich weiß, dass es eine heilende Wirkung haben kann. Wahrscheinlich noch wesentlich mehr als das, aber du wirst verstehen, dass es nicht viele Versuchsexperimente dazu gibt. Worauf willst du hinaus? Was hat Menschenblut mit Vlad zu tun?"
    • Es war ganz so, wie Vincent es sich bereits gedacht hatte. Er hatte ja immerhin die exakten Notizen von Thomas' Großvater zu Gesicht bekommen.
      "Es kann Verletzungen heilen, ja. Für Menschen hat mein Blut den gleichen Effekt, den es auch für mich hat: Es verstärkt die Fähigkeiten, die dein Körper bereits hat. Neben der Heilung unterstützt es zum Beispiel auch die Langlebigkeit. Du wirst es mir vielleicht nicht auf Anhieb glauben, aber... Nora ist über achtzig Jahre alt. Seit fünfzig ist sie meine Haushälterin."
      Vincent ließ das einen Augenblick einsinken, bis er in Thomas Gesicht lesen konnte, dass er es begriffen hatte.
      "Ihr Herz funktioniert nicht so, wie es soll. Mit meinem Blut hält ihr Körper durch. Wann immer ich das Rauschen höre, sage ich es ihr und teile dann mein Blut mit ihr. Ich gebe zu, dass ich mir einige ihrer früheren Symptome ausgeborgt habe, als du mich untersucht hast wegen meinem so seltsam langsamen Herzschlag."
      Vincent zuckte mit den Schulter.
      Das war der einfache Teil gewesen. Jetzt musste er ein bisschen weiter ausholen und Thomas ein Geheimnis verraten, das dieser mit Sicherheit nicht so leicht aufnehmen würde. Zumindest war sich Vincent sicher, dass es dem anderen Mann missfallen würde.
      "Ich habe Nora dieses Angebot vor langer Zeit gemacht und ihr genau erklärt, was es für sie bedeutet. Wenn sie mein Blut nicht mehr regelmäßig zu sich nimmt, wird sie nicht altern, sie wird innerhalb weniger Tage sterben. Der Schaden an ihrem Herzen ist zu groß. Ich habe ihren Tod nur pausiert, nicht verhindert."
      Vincent atmete tief durch. Jetzt oder nie, und nie war keine Option, wenn sein kleines Theaterstück mit Vlad funktionieren sollte.
      "Sollte ich mich jemals von Nora nähren - ihr Blut trinken - würde sie zu etwas werden, was man nur als Sklave bezeichnen kann. Der Biss eines Vampirs wirkt bereits euphorisierend auf einen Menschen - damit sich die Beute nicht wehrt, du verstehst? - aber mit dem Blut des Vampires, der dich beißt in deinem Kreislauf wird das Ganze zu einer Sucht. Eine Sucht, die beim ersten Biss einsetzt und stärker ist als jede Droge dieser Welt. Morphium, Opium... das ist nicht einmal ansatzweise vergleichbar. Auch diese Eigenschaft eines Vampirs dient dem Überleben. Viele Alte halten sich ein paar solcher Menschen wie Haustiere, die für sie tagsüber Aufgaben erledigen können und stets als Nahrungsquelle dienen."
      Soweit so gut. Aber die Erklärung war nur der erste Schritt.
      "Mein Plan - der, der dir nicht gefallen wird - ist es, Vlad glauben zu lassen, dass ich das mit dir gemacht habe. Er würde deine Handlungen weniger hinterfragen und er würde dich nicht anrühren. Weil du mir gehörst. Man nährt sich nicht an den Sklaven eines anderen Vampirs, ohne die Einladung dazu erhalten zu haben. Das wäre als würde ich dein Steak in einem Restaurant essen. Du könntest dich auch frei bewegen, denn es gibt keine bessere Kontrolle, als die durch einen vampirischen Blutbund. Allerdings müsstest du auch tun, was ich dir sage, wenn ich es sage. Und... naja... Vampire sind bekannt dafür, mit ihrem Essen zu spielen..."
      Das überhaupt vorzuschlagen fühlte sich schon wie verrat an. Er würde Thomas wie Dreck behandeln müssen und Thomas würde mitspielen müssen, wenn sie diesen Plan umsetzen wollten. Aber Vincent sah keine andere Möglichkeit, um Thomas nah genug an Vlad heranzubekommen und ihn zeitgleich vor dem sehr viel älteren Vampir zu beschützen.
      "Vlad würde mir wahrscheinlich eher vertrauen, wenn ich es geschafft hätte, einen Jäger - und dann auch noch einen Van Helsing - unter meine Kontrolle zu bringen. Das ist ungefähr so, als hätte ich ein wildes Pferd gezähmt."
      Er konnte Thomas in diesem Moment nicht in die Augen sehen. Also starrte er auf seine Finger, seine Hände, die er unter Wasser rang in Ermangelung eines Hemdsaumes, an dem er hätte herumspielen können.


    • Thomas hörte Vincent schweigend zu. Anfangs war es ja noch eine recht interessante Lehrstunde, die er sich auch ganz sicher aufbehalten wollte, um sie später niederzuschreiben, aber er musste sich mehrmals daran erinnern, dass diese Lehrstunde ein bestimmtes Ziel verfolgte. Und noch konnte er nicht erahnen, wo es hinführen würde.
      Zumindest bis Vincent von Sklaverei sprach.
      Thomas' Gedanken begannen zu rasen, während sich mit jeder weiteren Information die Vorstellung dessen, was Vincent geplant hätte, verfestigte. Jeder weitere Satz schuf ein genaueres Bild in seinem Kopf und mit jedem größeren Detail, das sich ihm aufdrängte, sackte seine Magengrube zusehends ab. Jetzt war ihm nicht nur seine Brust kalt, jetzt kam ihm das ganze Wasser wie eiseskalt vor.
      Vincent würde ihn als vermeintlichen Sklaven präsentieren. Das, im Zusammenhang damit, was Thomas vor wenigen Minuten erst über die Gesellschaft der Vampire gelernt hatte, fühlte sich nicht gerade gut an. Er hatte keine Ahnung, wie zwei Vampire miteinander interagierten, ohne dass sie dabei auf Jagd aus wahren und er hatte auch nicht die nötige Fantasie dazu, um sich ein Gespräch vorzustellen. Und dann erst mit ihm an Vincents Seite.
      Was bedeutete es, "unter seiner Kontrolle" zu sein? Was bedeutete die Sucht nach dem Blut? Welche Auswirkungen hatte es? Was würde er vorspielen müssen, um es realistisch zu machen?
      Wie weit würde Vlad in seinem "Spiel" gehen? ... Wie weit würde Vincent gehen?
      Er starrte den Vampir unbeweglich an, der sich auf der anderen Seite der Wanne irgendwie klein gemacht hatte und jetzt auf seine unruhigen Finger hinab sah. In seinem Kopf arbeitete es. Wie viel war er gewillt zu geben, damit dieses Kunststück gelang? Wie viel war er gewillt zu opfern, damit Vlad sich hereinlegen ließ? Wo lag die Grenze?
      Je länger er darüber nachdachte, desto lauter wurde die Stille zwischen ihnen. Mittlerweile schien Vincent sich so unwohl dabei zu fühlen, dass er aussah, als wolle er gleich aus der Wanne springen, aber Thomas konnte sich noch immer nicht dazu durchringen, etwas zu sagen. Er beobachtete den Mann und gleichzeitig dachte er darüber nach, wie weit er gehen konnte. Inwieweit er Vincent vertraute.
      "Von welcher Sucht reden wir, wie zeichnet sie sich aus? Verwirrung, Benebelung, Ekstase? ... Willenlosigkeit?"
      Er verfiel in seinen ärztlichen Tonfall, was er eigentlich gar nicht beabsichtigt hatte, was aber notwendig war, wie er erkannte. Dieses Gespräch konnte er nicht führen, nicht mit dieser Distanz zwischen ihnen, nicht mit dem kalten Wasser, das ihn umgab. Er wünschte sich, dass der Mann es ihm anders beigebracht hätte, in hübsche Worte verpackt und mit zärtlichen Berührungen dazwischen; aber zur gleichen Zeit wusste er, dass das die beste Art für den anderen war, es auszusprechen.
      "Ich bin kein Lügner und sicherlich auch kein guter Schauspieler, Vincent. Ich kann gewisse Symptome einer Sucht nachstellen, aber ich kann nicht meinen Kopf dabei ausschalten. Kann ich zumindest auf meinen Instinkt hören? Kann ich meinen Herzschlag anpassen?"
      Jetzt hatte eine Gänsehaut seine Arme erreicht, aber er konnte sich nicht dazu bringen sie zu bewegen.
      "... Ich werde kein Blut trinken und ich kann dich mich auch nicht beißen lassen. Das verstehst du, oder?"
      Dann, nach einer weiteren größeren Pause, die er benötigte, um genug Kraft für die nächsten Worte zu finden, setzte er hinzu:
      "Dort ziehe ich meine Grenze. ... Nicht davor und nicht dahinter."
      Er würde es tun, welche Wahl blieb ihm auch? Er hatte schon vor einigen Stunden entdeckt, was er alles gewillt war für den Mann zu tun und jetzt wurde das in gewisser Art auf die Probe gestellt. Er konnte nicht Nein sagen, er würde nicht Nein sagen. Zu nichts, außer zu Blut.
      Seine Arme waren steif und das Wasser war ihm kalt und unangenehm.
    • Das war so ungefähr das beste Ergebnis, das sich Vincent hätte erhoffen können. Er atmete sogar ein bisschen auf.
      "Ich hatte nie vor, dir mein Blut zu geben. Nicht ohne deine Einwilligung. Und genauso wenig hatte ich vor... du weißt schon. Sowas würde ich nie tun. Nicht, ohne vorher alles zu erklären und mir deine Einwilligung zu holen. Schriftlich, wenn es sein muss."
      Er schüttelte den Kopf, um seine eigenen Worte noch einmal zu bekräftigen. Dann rutschte er wieder näher an Thomas heran, konnte sich der Nähe des anderen Mannes einfach nicht mehr erwehren. Er ergriff Thomas' Hände, verschränkte ihrer beider Finger miteinander.
      "Du kannst mit deinem Herzschlag tun, was auch immer du willst. Ein Blutbund mit einem Menschen äußert sich in nicht viel mehr als absolute Ergebung. Jeder Befehl wird enthusiastisch ausgeführt, ohne Fragen zu stellen, selbst wenn es Schmerzen und Verletzungen, oder sogar Tod bedeutet. Mehr nicht. Deine Handlungen sind immer noch deine eigenen, nur dass du wie ein Junge in mich verliebt bist und mich anhimmelst wie deinen Erlöser."
      Vincent erlaubte sich ein kleines, verschlagenes Lächeln.
      "So viel schauspielern müsstest du also gar nicht."


    • Absolute Ergebung also. Das konnte Thomas aushalten, er konnte Schmerzen ertragen, das wäre kein Problem. Anders sähe es aus, wenn er jemand anderem Schmerzen zufügen sollte, aber soweit würde Vincent es nicht kommen lassen, darin setzte er sein Vertrauen. Und ansonsten... was könnte es noch schlimmeres als das geben?
      Vincent lächelte leicht, aber Thomas nicht. Er genoss den wenigen Kontakt, der sich zwischen ihnen aufbaute und der ihm jetzt mehr als jemals zuvor wie eine Stütze schien. Ganz langsam nur hob er den Arm vom Wannenrand.
      "Komm her."
      Er bat den Mann nicht noch einmal, er zog ihn auch nicht zu sich, er wollte sehen, dass Vincent von allein zu ihm kam, dass er die eigene Entscheidung traf, sich zurück auf seinen Schoß zu setzen. Er brauchte diesen einen, eigenständigen Willen von Vincent, mit dem er ihm zeigte, was er jetzt benötigte.
      Und Vincent tat ihm den Gefallen. Er kam und Thomas schloss ihn zurück in seine Arme, erst leicht und dann fester, bis er ihn wieder an sich presste. Er vergrub den Kopf erst an Vincents Hals und dann an Vincents Schulter, bis er eine einigermaßen bequeme Stelle gefunden hatte, an der er verharren konnte. Dann hielt er ihn weiter unbewegt so fest.
      "Ich vertraue dir, Vincent. Ich vertraue dir mein Leben an."
    • Vincent zögerte nicht einen Augenblick, als Thomas ihn wieder in seine Arme ziehen wollte, und ergab sich seinem Schicksal willentlich. Er rutschte wieder auf Thomas' Seite der Wanne und lehnte sich gegen die warme Brust des Mannes. Als dieser seine Arme um ihn legte und sein Gesicht an ihn schmiegte, war alles fast schon wieder perfekt.
      "Ich werde nicht zulassen, dass dir etwas passiert," gab Vincent schlicht zurück, meinte aber jede einzelne Silbe. "Dein Ego wird ein paar Schläge einstecken müssen, wenn wir das durchziehen, aber nicht mehr."
      Er strich Thomas blind über die Wange.
      "Du hast mein Leben gerettet. Das mindeste, was ich tun kann, ist deines zu schützen."

      Sie blieben in der Wanne, bis das Wasser wirklich kalt geworden war. Als Vincent aus dem Badezimmer schlenderte, grinste er ob des Zustandes seines Bettes. Er zog es in einer schnellen Bewegung ab, nachdem er sich wieder angezogen hatte, und warf die Laken gemeinsam mit dem zerfledderten Kopfkissen neben die Tür. Mit dem Kissen oben drauf würde Esther schon wissen, was mit den Laken zu tun war.
      Ein tiefer Atemzug verriet Vincent, dass Nora das Equivalent eines Mittagessens zubereitet hatte. Zeit dafür war es auf jeden Fall, bedachte man, wie viel Zeit sich die beiden Männer genommen hatten. Seine Vermutung bestätigte sich, als er mit Thomas im Esszimmer aufschlug und den Tisch üppig gedeckt vorfand.
      Kaum hatte er sich gesetzt, trat Nora an ihn heran und legte ihm eine Hand auf die Schulter.
      "Ich habe das Grundstück abgesichert," informierte sie ihn, ihr Gesichtsausdruck ein bisschen trauriger als sonst.
      Vincent drückte ihre Hand und schenkte ihr ein freundliches Lächeln.
      "Danke."
      Sie drückte seine Schulter leicht, dann ließ sie Vincent und Thomas wieder allein, damit sie ihr Essen genießen konnten.


    • Sie gingen vom Bad direkt ins Esszimmer, was höchst merkwürdig war, wenn man bedachte, was sie vor einer Stunde noch im Schlafzimmer getan hatten. Vincent gab sich nur die nötigste Mühe, halbwegs angezogen aufzukreuzen, während Thomas sich eins seiner Hemden und seiner Hosen angezogen hatte. So fühlte er sich trotz seiner Bekleidung noch immer irgendwie entblößt und vermied es, Nora überhaupt anzusehen.
      "Werden wir noch Zeit, oder eher die Freiheit haben, Beths Beerdigung zu besuchen? Bist du dafür überhaupt schon wieder stark genug, für eine Stunde am Tageslicht? Ah", er hob mahnend den Finger, "bevor du jetzt sagst, dass du so ein bisschen Sonnenlicht schon vertragen wirst und dass du alt genug dafür bist, eine Stunde draußen zu verbringen, kannst du dir es gleich wieder sparen. Das ist eine ernstgemeinte Frage als dein Arzt, also beantworte sie mir auch. Soll ich es mir nochmal ansehen?"
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