[2er RPG] In his Thrall [Codren feat. Pumi]

    • "Deinen Unmut über Vlads Aufenthalt hier in deiner Stadt solltest du vielleicht ein bisschen zurückhalten. Ich muss so tun, als ob ich Vlad mag, demnach sollte mein Lakai ihm zumindest neutral gegenüberstehen. Dein Doktor-Lächeln sollte dafür ausreichen. Aber ja, den Rest kannst du ruhig mir überlassen. Er wird dir sowieso nicht viel Beachtung schenken, wenn wir unsere Karten richtig spielen. Natürlich will er sehen, wie ich mit den berühmten Jäger unter den Nagel gerissen habe, aber außer ein paar prüfenden Blicken sollte dir nichts weiter begegnen."
      Vincent nahm noch einen großen Bissen von seinem Apfel. Einen Bissen, den er beinahe gleich wieder ausspuckte, als er lachen musste.
      "Du? Willst meinen Anzug aussuchen?" lachte er. "Thomas, mein Lieber, ich werde deinen Anzug aussuchen. Du willst mich doch nur in Klamotten stecken, die du mir leicht wieder vom Körper reißen kannst, du unersättlicher Lustmolch."
      Er streckte Thomas grinsend die Zunge raus. Der Rotschimmer, der sich sofort auf die Wangen des anderen Mannes legte, trug nur noch zu seiner Belustigung bei. Doch dann veränderte sich sein Grinsen zu einem verschlagenen Lächeln.
      "Du darfst mir natürlich bei der Auswahl helfen, wenn du dich denn auf meine vielen Hemden und Jacketts konzentrieren kannst, während ich halb nackt - wenn überhaupt - vor dir stehe."


    • "Ich habe dir schon einmal geholfen, als wir zu Hughes gegangen sind. Sag jetzt bloß nicht, dass das nur ein Vorwand gewesen war, um mich in dein Schlafzimmer zu locken!"
      Thomas versuchte böse zu sein, was ihm nicht eine Sekunde gelang - nicht mit zu viel Blut im Kopf und dem charmanten Grinsen, das sich auf Vincents Gesicht gelegt hatte. Er sah sich trotzdem mehrmals zur Tür um, weil er besonders jetzt keinerlei Interesse daran hatte, dass jemand hereinkam.
      "Unterstell mir nicht, dass ich meinen... meinen Trieb nicht unter Kontrolle hätte. Das ist doch nicht das erste Mal, dass ich dich nackt sehe."
      Die Realität sah später allerdings so aus, dass Thomas Vincents entblößter Haut eine gewisse Aufmerksamkeit schenkte - allerdings auch nur, und davon war er überzeugt, weil der andere Mann sich einen Spaß daraus erlaubte, sich besonders aufreizend zu positionieren, sodass er seine geschmeidigen Muskeln betonte. Thomas konnte gerade noch widerstehen ihn zu berühren - er hatte ja schließlich seinen Trieb im Griff, nicht wahr? - aber er ließ es sich dennoch nicht nehmen, sich zurückzulehnen und zu beobachten, während Vincent sich umzog. Dabei lieferte er auch nur manchmal Vorschläge ab, nur damit der andere sich nochmal umzog. Sie hatten schließlich Zeit und wann würde er so eine Chance noch einmal bekommen?
      Er selbst zog einen seiner besonders guten Anzüge in dunkelgrauer Farbe an, maßgeschneidert, eigentlich ein Stück, das er für den Ausgang mit Darcy trug, das jetzt aber einem anderen Nutzen zugesagt werden würde. Selbst seine Haare kämmte er so lange, bis sie einigermaßen unter Kontrolle gebracht waren und er mehr wie ein richtiger Arzt und weniger wie ein verrückter Wissenschaftler aussah. Das hatte er schon lange nicht mehr getan, zuletzt womöglich bei dem kleinen Abendessen mit Vincent.
      So sah er sich schließlich bereit genug, einem 800-Jahre alten Vampir gegenüberzutreten. Wenn es so etwas wie "bereit sein" in diesem Kontext geben könnte.
    • Vincent hatte seine Zweifel, als sie vor dem Restaurant aus der Kutsche traten. Hätte er diese ganze Sache nicht vielleicht doch in einen exklusiveren Gentlemen-Club verlegen sollen? Einen Ort, an dem sie ein bisschen weniger privat waren? Einen Ort an dem man jedes Opfer schwerlichst vermissen würde? Einen Ort, an dem sich Vlads Ego ein bisschen mehr gestreichelt fühlte? Jetzt war es für jeden Zweifel zu spät. Jetzt waren sie schon hier. Jetzt wartete da drin, hinter dieser teuren Holztür, der Mann, den Vincent niemals hatte wiedersehen wollen.
      Er sehnte sich danach, Thomas' Hand in seiner zu spüren, aber das konnte er sich aus mehreren Gründen gerade nicht leisten. Also musste er da allein durch. Wie eine kleine Insel in einem Sturm.
      Vincent atmete tief durch, dann legte er sein bestes Lächeln auf, das er sonst auch immer der Oberschicht schenkte, wenn die ihm einmal mehr auf die Nerven ging. Er bedeutete Thomas, ihm die Tür aufzuhalten, ganz so, wie es ein Lakai nun einmal für seinen Meister tun würde.
      Ein junger Kellner führte sie sofort zu dem Tisch, an dem die imposante Gestalt von Vlad bereits auf sie wartete.
      Der Mann hatte sich im letzten Jahrhundert nicht ein bisschen verändert. Das tat er nie.
      Vlads bernsteinfarbener Blick bohrte sich von der ersten Sekunde an in Vincent, als suche er nach dem innersten Kern seines Jünglings. Vincent fühlte sich entblößt, nackt, verletzlich. Und als Vlad lächelte - eine einfache, kleine Bewegung, ohne viel Bedeutung - traf ihn das wie ein Blitz in Mark und Bein. Sein Nacken kribbelte, wie schon Jahrzehnte zuvor, als er Vlad das erste Mal getroffen hatte.
      Vlad erhob sich mit der unmenschlichen Eleganz eines achthundert Jahre alten Vampirs, kam um den Tisch herum. Wie immer war er die imposanteste Person im Raum. Selbst ohne seine Ausstrahlung wäre er das, schließlich traf man nicht jeden Tag einen Mann mit so breiten Schultern und einer Körpergröße von fast zwei Metern.
      "Steaua mea*," raunte Vlad und griff mit seinen bleichen Fingern nach Vincents Hand, um einen sanften Kuss auf dessen Knöchel zu setzen.
      "Ma lune**," erwiderte Vincent wie ein vernarrter Schuljunge.
      Er wusste nicht, wann sich das Lächeln auf sein Gesicht geschlichen hatte.
      "Es ist so lange her," sagte Vlad und deutet auf den Tisch, damit sie sich setzten.
      Noch immer sandte der leichte Hauch eines osteuropäischen Akzentes einen Schauer, den er nicht erklären konnte, über Vincents Rücken.
      Thomas zog ihm den Stuhl zurecht und Vincent setzte sich in einer einzigen, fließenden Bewegung, machte keinen Hehl aus der enormen Kontrolle, die auch ein zweihundert Jahre alter Vampir über seinen eigenen Körper hatte. Er versuchte gar nicht erst, menschlich zu erscheinen. Nicht in Vlads Gegenwart, das hatte der noch nie wirklich gemocht.
      "Das ist also der berühmte Erbe der Van Helsings, hm? Ich hatte ihn mir größer vorgestellt."
      "Man kann nicht alles haben, Vlad. Ich habe ihn mir nicht wegen seiner Körpergröße zugelegt. Er hat andere Talente, die sehr viel nützlicher sind, als über die Köpfe der Menge blicken zu können."
      Als Vincent seinen Namen aussprach, zuckten Vlads Mundwinkel. Kein Lächeln, aber beinahe.
      "Das habe ich auch gehört. Irgendwann musst du mir erzählen, wie du ihn dazu gebracht hast, dir zu folgen."
      Vincent lachte leise und schüttelte den Kopf.
      "Aber was, wenn ich ein solches Geheimnis für mich behalten will? Der einzige zu sein, der Jäger um den Finger wickeln kann ist ein doch recht interessanter Ruf, findest du nicht?"
      Vlad brummte zustimmend und winkte einen Kellner heran, dem er direkt eine Bestellung für sie drei gab. Vincent hatte kein Mitspracherecht. Und das brauchte er auch nicht. Vlad kannte ihn gut genug und bestellte einen hervorragenden Drink für ihn.

      Die nächste Sunde verbrachten die beiden Vampire damit, sich auf den neusten Stand zu bringen, was ihre Leben anging. Dabei wichen sie jeder Frage, die zu tief, zu persönlich war, mit einer Eleganz aus, die ihres Gleichen suchte. Es war weniger ein Gespräch, als viel mehr ein Tanz, den die beiden da aufführten.
      Und dann kamen sie endlich zum Punkt.
      "Also, Steaua mea. Warum rufst du mich? Jetzt, hier her, nach all der Zeit? Ich dachte, du hasst mich?"
      Eine so direkte Aussage war selten zwischen Vampiren zu hören. Vlad war in dieser Hinsicht weit weniger empfindlich. Und als sein Jüngling genoss Vincent das Privileg, ähnlich direkt zu sein, wenn er das den nur wollte.
      "Ich muss gestehen, ich spiele schon seit einer Dekade mit dem Gedanken, mich dir wieder anzuschließen. Ich habe nur auf einen Grund gewartet."
      Vlad brummte zustimmend.
      "Daher deine Feiern all die Jahre, nicht wahr? Nette Angelegenheiten, wie ich hörte. Wobei mich Verona's Abwesenheit ein bisschen verunsichert hat."
      Lüge. Nichts verunsicherte Vlad. Sie beide wussten das. Keiner sprach es an.
      "Ich war auch nicht besonders froh darüber, sie wegräumen zu müssen. Auf der Feier war ein Jäger aus London - ich habe mir seinen Namen nicht gemerkt. Ich dachte eigentlich, dass sie mit sowas fertig werden würde. Ihr Versuch, sich einen Jäger zuzulegen ist offenkundig fehlgeschlagen und jetzt habe ich sie an Backe, wann auch immer sie die Kraft findet, ihren Geist zu materialisieren. Ich musste einen Exorzismus lernen, um mir fünf Minuten Ruhe zu verschaffen."
      Vlad lachte - ein tiefes Geräusch, dass einem die Knochen durchrüttelte.
      "Ich habe sie gewarnt, aber sie wollte ja nicht hören," sagte er. "Aber sie wollte ja noch nie auf mich hören."
      "Ich erinnere mich."
      "Weiter."
      Vincent seufzte theatralisch und nippte an seinem Wein.
      "Ich betrachte Cambridge nicht als mein Territorium, nur um das gleich klarzustellen. Allerdings ist es so nahe an meinen Grenzen, dass ich wissen will, was hier passiert. Als ich also von vermehrten Vermissten- und Todesfällen hörte, kam ich her, um mir die Sache einmal anzusehen. Nur um dann herauszufinden, dass sich jemand an der Haushälterin meines hübschen Thomas hier vergriffen hat mit dem Ziel, ihn zu töten. Er lebt eigentlich nur noch, weil er zu dem Zeitpunkt bei mir war. Ich mag es nicht, wenn man meine harte Arbeit bedroht. Und dann hat dieser Jimmy auch noch die Nerven, bei mir aufzutauchen und mir zu drohen. Hat sich aufgespielt, als wäre er der Ältere. Ich hätte mich ja selbst darum gekümmert, aber er hat sich ein verdammtes Nest aufgebaut. So wahnsinnig bin ich dann doch nicht. Und da ich wie bereits erwähnt eigentlich nur nach einer Ausrede dafür gesucht habe, dich wiederzusehen..."
      Er zuckte unschuldig mit den Schultern und schenkte Vlad einen ähnlich unschuldigen Augenaufschlag, bevor er seinen Blick in sein Weinglas senkte.
      "Das mit dem Nest habe ich schon bemerkt. Diese Kleinkinder geistern hier überall rum. Dass niemand auf den Straßen ausrutscht ist ein Wunder, so wie die ihrem Essen nachsabbern. Du willst, dass ich sie für dich loswerde."
      Keine Frage. Vlad würde es tun.
      "Idealerweise," antwortete Vincent.
      "Und was machen wir mit deinem Jimmy?"
      "Er ist nicht mein Jimmy. Der Mann hat keinen Geschmack. Ich würde ihn ja laufen lassen - du weißt, wie sehr ich es verabscheue, die älteren Generationen zu vernichten - aber er hat mich beleidigt. Er hat dich beleidigt. Aber vor allem bedroht er unsere Geheimhaltung. Ich erinnere mich an unsere Gesetze. Ich erinnere mich an die Konsequenzen dafür, sie zu brechen. Jimmy muss sterben. Ob er das aus deiner Hand tut, aus meiner, oder ob wir Thomas hier die Arbeit erledigen lassen, ist mir vollkommen egal. Solange es ein langweiliger Tod ist."
      Nun grinste Vlad. Das Monster fletschte die Zähne. Vlad hatte sich schon vor sehr langer Zeit mit seinem Monster abgefunden und nun teilten sie sich dessen Körper. Seine Fangzähne waren stets bereit, sich in ein saftiges Stück Fleisch zu schlagen. In seinen Augen stand der Jagdtrieb.
      "Ein finaler Erlass also. Du bist ja doch erwachsen geworden."
      "Ich habe meine Momente."
      Und damit war es beschlossen. Einfach so, ohne große Trompetenklänge. Jimmy und sein Nest würden sterben und niemand würde sich dafür interessieren. Sie würden verschwinden, als hätte es sie nie gegeben.
      "Ich bin dafür, dass dein Jäger sich Jimmy vornimmt," beschloss Vlad nach dem Nachtisch. "Ich will sehen, was diese Blutlinie vorgebracht hat."
      "Selbstverständlich," stimmte Vincent zu und sah zu Thomas rüber.
      Er richtete ihm unnötigerweise die Krawatte, wie ein Vater es mit seinem Sohn tun würde.
      "Thomas hier war schon sehr nützlich als sich ein Jüngling vor ein paar Wochen hier in meine Angelegenheiten eingemischt hat. Ich scheine vom Unglück verfolgt zu sein, was das angeht."
      "Ein Grund mehr, zu mir zurückzukommen, nehme ich an?"
      "Es würde mein Leben auf jeden Fall wieder ruhiger gestalten. Und ich habe schon seit einer Weile wieder den Drang, die Welt zu bereisen. Wenn du mich denn haben willst.
      "Steaua mea, du beleidigst mich. Wie könnte ich denn meinen eigenen Jüngling abweisen? Und dann auch noch dich."
      "Entschuldige."
      Vlad langte über den Tisch hinweg, um seine Hand auf Vincents legen zu können. Da war er wieder, dieser stechende, suchende Blick.
      "Du warst schon immer so unsicher mir gegenüber. Sei unbesorgt, Steaua mea. Mein Herz gehört allein dir."
      Hätte Vincent die richtige Durchblutung gehabt, wäre er jetzt wohl rot geworden. Vlads Direktheit war es, die seinen Charm ausmachte. Ja, der Mann spiele die gleichen Spielchen, die alle alten Vampire spielten, aber er tat es auf eine Art und Weise, die ihresgleichen suchte. Vlad wusste, wann er sich nicht hinter vagen Aussagen verstecken musste und er zögerte nicht, anderen damit offen auf die Füße zu treten. Das war der Charm, dem Vincent vor Jahrhunderten so verfallen war. Das war der Charm, den er nicht selten versuchte, selbst auszustrahlen.
      "Unser Kellner," erwiderte Vincent nach einem Moment Stille, in dem die Zeit stillzustehen schien.
      Das raubtierhafte Grinsen kehrte auf Vlads Gesicht zurück.
      "Warum?" fragte er voller Vorfreude.
      "Ein Poet. Mittellos. Seine Arbeit hier bezahlt kaum seine Rechnungen. Er hat vor einer Woche seine Violine verpfändet, um zum Arzt gehen zu können. Ich habe sie gekauft und beim Barmann hinterlegt."
      Auch Vincent lächelte jetzt, als sei er selbst auf der Jagd. Was er Vlad verschwieg war, dass die Violine geklaut war. Dass der Kellner regelmäßig auf Raubzüge ging. Dass er das Mädchen, dass ihn erwischt bei seinem letzten Diebstahl erwischt hatte, geschändet und getötet hatte. Der Junge hatte Talent, ja, aber er war kein guter Mensch. Und kein Gedicht der Welt konnte seine Verbrechen wiedergutmachen.
      Vlad glitt von seinem Stuhl und trat neben Vincent, legte ihm eine Hand auf die Schulter.
      "Ich werde mich um das Nest kümmern und dir Bescheid geben, wann und wo wir uns Jimmy vornehmen werden," sagte er, dann ging er, um zu jagen.
      Vincent seufzte, zählte innerlich bis dreißig, dann winkte er den Kellner herbei, um zu bezahlen. Den gleichen Kellner, der die Nacht nicht unbeschadet überstehen würde.
      Gemeinsam mit Thomas verließ Vincent das Restaurant wieder. Erst, als sie sicher in einer Kutsche saßen, ließ Vincent die Scharade fallen. Sofort begann die Kutsche, sich um ihn zu drehen. Mit zittrigen Händen versuchte er, seine eigene Krawatte zu lockern, als ob das mit dem Gefühl des Erstickens helfen würde.








      *mein Stern
      **mein Mond


    • Sobald die Kutschentür aufging, sobald die beiden Männer hinaus auf die Straße traten, war es vorbei mit der altbekannten Welt. Jetzt befanden sie sich im Kriegsgebiet und ihr Feind war ein Mann, der mächtig genug war, um ganze Siedlungen zu vernichten.
      Thomas reduzierte seinen Herzschlag nicht, er hielt ihn allerdings auf einem konstanten Level, von dem er wusste, dass es ihm helfen würde - sowohl seine Gedanken zu verschleiern, als auch sich auf das vorzubereiten, was auch immer dort drinnen auf sie warten würde. Bisher hatte er nur von Vlad durch Vincents Erzählungen gehört, die alleine schon ausgereicht hatten, um ihm ein sehr intensives Bild des fast tausend Jahre alten Mannes zu geben, aber jetzt konnte er sich dazu auch ein eigenes machen und davon war ihm nicht minder unwohl.
      Sein Blick wanderte zu Vincent hinüber, der die ganze Fahrt über schon recht schweigsam gewesen war und jetzt mit starrem Blick geradeaus blickte. Es war unüblich für den sonst so kontrollierten, leichtfertigen Mann, eine solche Steifheit an den Tag zu legen, aber auch genau in dem Augenblick, in dem Thomas das auffiel, ging ein Ruck durch Vincents Körper und zum Vorschein trat der selbstsichere, charmante Lord, den er bereits auf seinem Fest präsentiert hatte. Mit einer gewissen Überraschung erkannte Thomas, dass es nicht weniger eine Maske war wie sein eigenes Doktorenlächeln, nur dass Vincent es so sehr perfektioniert hatte, dass er bisher davon ausgegangen war, es wäre Teil seiner normalen Persönlichkeit. Die plötzliche Maske ließ ihn erkennen, wie nervös Vincent wirklich war.
      Er behandelte den Vampir wie einen König, das kam ihm in dem Moment in den Sinn, als der andere ihm bedeutete, die Tür zu öffnen. Das war leichter als sich an die abstrakte Erklärung der sklavenähnlichen Beziehung zu halten, in der sie sich befinden sollten und es war auch einfacher, als Vincent schlicht nur als seinen Geliebten zu sehen, nachdem er sich in der Öffentlichkeit vor solchen Kleinigkeiten etwas gedrückt hätte. Aber einen König konnte er aus dem Mann machen, zumindest gedanklich. Einen König, den er auch noch liebte.
      Sie gingen hinein, Vincent voran, Thomas dicht hinter ihm, ganz der Schatten im Rücken Seiner Majestät, und dann strebten sie sogleich eine Richtung an. Thomas hätte aber auch ohne Vincent erkennen können, wohin der Weg sie führen würde.

      Vlad Draculea war mehr eine Präsenz als ein wahrhaftiger Mann. Er hatte ein interessantes Aussehen, soviel konnte Thomas ihm bedenkenlos zugestehen, aber alles andere an ihm war absolut einschüchternd. Seine Gestalt war sogar im Sitzen groß und bullig, seine Haltung voller makelloser Perfektion, sein Blick unvergleichbar mit allem, was Thomas jemals gesehen hatte. Er hatte Augen, in denen eine gewisse Weite lag, die tief genug ging, dass er viel weniger seine Umgebung und viel mehr alles dahinter wahrzunehmen schien, eine unsichtbare Schicht unter der Oberfläche, die dem menschlichen Auge verwehrt war. Und in dem Augenblick, in dem dessen Blick auf Vincent traf und die Pupillen sich unmerklich weiteten, während er die Erscheinung des jüngeren Mannes zu verschlingen schien, war Thomas sich sicher, dass ihr Plan hier und jetzt hätte scheitern können, wenn er ihn selbst mit dieser Intensität angesehen hätte. Dann hätte ihn das Grauen gepackt, dasselbe Gefühl, das er auch am Tag gespürt hatte, eine tiefsitzende Furcht, die sein Gehirn umrundete und sich direkt in seinem Unterbewusstsein ansiedelte. Er hätte den Mann auf offener Straße erkennen und identifizieren können, sicherlich, aber eine ganz andere Frage war es, ob er es auch geschafft hätte, sich ihm überhaupt zu nähern.
      Jetzt wurde ihm diese Entscheidung abgenommen, als sie an den Tisch traten und fremdländische Begrüßungen ausgetauscht wurden. Trotz aller Logik waren Vlads Bewegungen katzenhaft und absolut geschmeidig, eine unsichtbare Abstimmung jedes einzelnen Muskels, als er aufstand und Vincents Hand küsste. Thomas starrte auf den Punkt, an dem seine Lippen auf Vincents Haut trafen, und die nächste Erkenntnis traf ihn wie ein Schlag, nämlich der Grund, weshalb Vincent dem Mann in all den Jahren nie hatte widerstehen können. Wie auch, wie konnte man einem solchen Wesen widerstehen, das alles um ihn herum wie eine Nichtigkeit aussehen ließ, das ganz allein dafür zu existieren schien, dass es den Mittelpunkt der Erde einnahm? Die Antwort war ganz simpel: Man konnte es nicht. Vincent würde diesen Vampir nicht umbringen können.
      Thomas folgte seinem Freund, dem König, zu seinem Platz, rückte den Stuhl zurecht, ging sogar soweit die Sitzfläche abzuklopfen, bevor Vincent sich darauf sinken ließ, ähnlich elegant wie sein Meister, definitiv um Wellenlängen weniger einschüchternd und mehr charmant. So wie Vincent dem Mann nicht widerstehen könnte, konnte Thomas ihm nicht widerstehen, auch das erkannte er recht schnell, als diese beiden Gegensätze beieinander saßen. Vlad mochte eindrucksvoll und in gewisser Weise furchteinflößend sein, aber Vincent war ein Engel, eine Schöpfung Gottes persönlich. Vlad war im Vergleich zu ihm allerhöchstens der Teufel.
      Das Gespräch ging für einen knappen Moment über Thomas selbst und während er sich setzte, musste er einen prüfenden Blick des Vampirs über sich ergehen lassen, der Gott sei Dank nicht länger als nötig auf ihm liegen blieb. Er bemühte sich um seinen gleichmäßigen Herzschlag, strich sich knapp über die Falten in seiner Hose und setzte sich dann zurecht, das unverbindliche, freundliche Doktorenlächeln im Gesicht. Vincent umging die Frage nach dem Ursprung ihrer Beziehung und dann war das Thema auch schon vorüber.
      Die nächste Stunde verharrte Thomas regungslos und lauschte dem Gespräch der Männer, das in allen Facetten für ihn höchst interessant war. Er hatte die Gelegenheit Vlad zu mustern und etwas über sein Leben zu lernen, sich Notiz davon zu machen, was ein uralter Vampir in seinem Zeitvertreibt so tat und auch, wie er mit anderen Vampiren umging. Schnell fiel ihm auf, dass es viel weniger um einen richtigen Informationsaustausch ging und viel eher, was gesagt wurde, welche Wörter gewählt und welche Fragen gestellt wurden. Die beiden Vampire führten nicht nur ein Gespräch, sie führten einen langsamen, kalkulierten Schlagabtausch, dessen Sinn für Thomas unergründlich blieb. Mehr als einmal wich Vincent einem Thema so elegant aus, dass Thomas schon gar nicht bemerkt hätte, dass ein Themawechsel stattgefunden hatte, und mehr als einmal wählte Vlad Worte, von denen Thomas sich sicher war, dass sie sein Gegenüber zu einer Antwort hätten zwingen müssen. Das Gespräch überstieg sein Verständnis und er musste einsehen, dass er alleine keine Chance gehabt hätte, in diesem unsichtbaren Wettbewerb irgendwie mitzuhalten.
      Schließlich kamen sie aber auch endlich auf etwas, mit dem auch Thomas etwas anfangen konnte und er bemühte sich etwas mehr um Aufmerksamkeit. Vlad redete davon, dass Verona ihn verunsicherte und Thomas studierte seine Miene auf der Suche nach Hinweisen auf diese Aussage. Der Vampir war verunsichert? Konnte man in einem solch hohen Alter noch von etwas verunsichert sein? Sicherlich nicht, oder? Wieso hatte er es dann ausgesprochen?
      Das musste wohl zu dem merkwürdigen Teil ihres Wortwechsels gehören, denn Vincent sprach es nicht an, sondern fuhr gleich mit einer Lüge darüber fort, wie Verona gestorben war. Die kleine Geschichte floss ihm ganz locker und leichtfertig über die Lippen, ähnlich des Alibis, das er für Thomas’ Verdächtigung gestrickt hatte, und Vlad schien es zu glauben. Besser so. Thomas wollte sich alle Kleinigkeiten notieren, die dem Vampir zum Nachteil wären.
      Als Vincent von dem Grund weitersprach, weshalb er Vlad hierherbestellt hätte, und dabei ein kleines, fast nichtiges Kompliment an Thomas hineinstreute, konnte auch sein Herzschlag nicht verhindern, dass ihm die Hitze in den Kopf kroch. Er warf einen Blick in den Raum hinein, auf die umstehenden Tische und Gäste, nur um herauszufinden, dass keiner im Raum auch nur ansatzweise einen Blick zu den drei Männern hinüber warf. Ob das nun dem zu verdanken war, weil einer von beiden - oder gar beide - es so wollten, oder weil sich tatsächlich niemand um sie scherte, konnte Thomas nicht sagen, aber letzten Endes war das auch nicht wichtig.
      Allerdings wäre es ihm dann doch lieber gewesen, dieses Kompliment zu hören, ohne dass Vincent gleich darauf einen eindeutigen Blick auf den Vampir warf. Das gefiel Thomas nun wieder weniger, denn wenngleich er schon erkannt hatte, dass Vincent recht machtlos gegenüber seiner Gefühle für den anderen war, hieß das noch lange nicht, dass er den Anblick genossen hätte, wie er schon beinahe mit ihm flirtete. Nein, das gefiel ihm ganz und gar nicht, aber er behielt seine Ruhe und ließ seinem König die Freiheit, die ihm zustand.
      Kurze Zeit später, nachdem sie abhandelten, wie mit James zu verfahren wäre, schlich sich ein Grinsen auf Vlads Gesicht, das Thomas die Nackenhaare sträuben ließ. Der Mann war nicht unbedingt blut- oder mordlustig, aber da lag etwas anderes hinter seinem Vergnügen, von dem der Jäger sich sicher war, dass er diesem Etwas nicht begegnen wollte. Entsprechend froh war er fast darüber, dass er die Sache mit James alleine beenden könnte. Es gab ihm Kontrolle, oder zumindest eine Vorstellung davon, was er mit Vlad nicht gehabt hätte. Jagen konnte er, eine solche Bitte hätte er ihm auch so erfüllt. Sein Blick wanderte zu Vincent hinüber, begegnete seinem und verblieb dort, während der Mann sich zu ihm beugte und an seiner Krawatte herumzog. Der Moment war schnell wieder verstrichen und genauso schnell war es wohl beschlossen.
      Es wurden weitere, sanfte Worte ausgetauscht und sogar ein viel zu langer Handkontakt. Vincent sah in diesem Moment allzu verzaubert aus, zu verführt von dem Mann, um diese Geste abzuweisen, und Thomas starrte selbst auf die Berührung. Zweifel kamen in ihm auf, ein entfernter Stich in seiner Brust, der sich zu einem unangenehmen Gefühl in seinem Magen ausbreitete. Was wäre, wenn? Wie lange würde Vincent ihm standhalten können? Und was würde Thomas tun, was würde er ernsthaft tun, wenn Vincent ihn mit ganzer Macht davon abzuhalten versuchte, Vlad umzubringen? Was wäre, wenn?
      Er starrte auf seinen Schoß hinab und glättete ein paar mehr Falten, die sich dafür an anderer Stelle wieder bildeten, nur um nicht weiter zuzusehen. Sie hatten gerade erst begonnen, es war noch nichts verloren, nicht wahr? Das war nur der erste Abend, sie hielten sich noch immer an den Plan. Alles war unter Kontrolle.
      Vlad nahm den Vorschlag seiner nächsten Beute an und nahm sich auch gleich der Jagd an. Thomas sah ihm hinterher, dieser riesigen Gestalt voller Muskeln und unmenschlicher Weltkenntnis, die dort durch das Restaurant davonschritt, als ginge sie nicht nur auf Boden, sondern als wäre der Boden eigens dafür geschaffen worden, dass sie ihre Schuhe darauf setzte.
      Die beiden anderen blieben für eine weitere Weile schweigend sitzen, dann war das Essen offiziell vorbei und sie verließen das Restaurant auf die exakt selbe Weise, wie sie gekommen waren. Thomas hielt ihm beide Türen auf, dann kletterte er zu Vincent in die Kutsche und kaum hatte sich die Tür hinter ihm geschlossen, schien Vincent mit einem Ruck in sich zusammenzufallen. Seine Schultern sackten hinab und sein so schon recht bleiches Gesicht wurde noch viel weißer, als Thomas sich schon auf seine Bank zwängte und den Arm um den Mann legte. Das Gehabe des Lords war mit einem Schlag verschwunden und jetzt saß nur noch Vincent da, ein erschöpfter, alter Mann, der sich von dem Gespräch wohl viel mehr mitgerissen gelassen zu haben schien, als er in der ganzen Zeit dargestellt hatte. Seine Hände zitterten, als er sie an seinen Kragen hob und Thomas verstand die Geste, woraufhin er selbst den Knoten löste, den Vincent nicht zu greifen schien.
      Vincent. Hey.
      Er zog ihm die Krawatte auf, dann legte er die Hand an seine Wange und nötigte ihn sanft dazu, sich an ihn zu lehnen. Seine Haut war wärmer als normal, wenngleich auch immer noch charakteristisch kalt, und Thomas fragte sich gleich, wie wenig er wohl tatsächlich davon mitbekommen hatte, was Vincent von diesem Gespräch halten mochte.
      Alles in Ordnung? Vincent.
      Er strich ihm durch die Haare und als die Kutsche sich endlich in Bewegung setzte, drückte er ihm einen Kuss auf die Schläfe.
      Das war gut, das war völlig ausreichend. Der erste Schritt ist getan, jetzt müssen wir nur weiter dranbleiben. Okay? Fühlst du dich dazu imstande? Wie war es, hast du dir vorgestellt, dass es so ablaufen wird?”
    • Vincent ließ sich von Thomas helfen, ohne sich zu beschweren. Die Krawatte loszuwerden half natürlich nicht. Aber Thomas' Nähe tat ihr übriges.
      Vincent lehnte sich gegen Thomas und lauschte seinem Herzschlag. Das ruhige, rhythmische Schlagen brachte ihn zurück in die Gegenwart, zurück zu Thomas. Er war in Ordnung. Er war noch am Leben.
      Er verharrte einige Minuten so, ließ sich von Thomas festhalten, beruhigen, bevor er schließlich den Kopf hob und sich gegen die Rückenlehne der Kutschbank lehnte.
      "Für den Augenblick entscheidet sich Vlad dazu, unsere Lügen zu glauben. Mit dem Nest wird er ein paar Tage beschäftigt sein. Wenn du also noch irgendetwas aus deinem Haus brauchst, solltest du es zeitnahe zu mir schaffen. Simon wird dir helfen. Mein Haus hier hat zwar keinen Keller, den ich dir leihen kann, aber du kannst gern das Gästezimmer belagern."
      Vincent schloss die Augen. Vlad wiederzusehen hatte ihm mehr zugesetzt, als er erwartet hätte. Es war genauso gewesen wie vor hundert Jahren. Er war genauso gewesen wie vor hundert Jahren. Trotzdem reagierte Vincent, wie er nun einmal reagier hatte. Vlad Stimme hatte ihm Gänsehaut auf den Knochen verursacht, sein stechender Blick hatte sich bis in Vincents Kern gebrannt und als Vlad ihn berührt hatte... Vincent spürte noch immer die große, raue Hand auf seiner, spürte den sanften Druck von dem er wusste, dass dahinter weit mehr Kraft lag als man vermuten mochte.
      Er griff nach Thomas' Hand, verschränkte ihrer beider Finger miteinander. Sanfte Hände. Filigrane Finger. Weich. Warm.
      "Versprich mir, dass du mich niemals loslässt," murmelte er.
      Seine Worte gingen beinahe in dem Lärm der Kutsche, die über die Straße ratterte, unter.

      Bei seinem Haus angekommen fühlte sich Vincent schon besser. Absolut ausgelaugt, aber besser. Thomas hatte seine Nerven mit seiner bloßen Anwesenheit soweit beruhigen können, dass seine Hände aufgehört hatten, zu zittern. Die Welt drehte sich auch schon lange nicht mehr.
      Seite an Seite mit Thomas erklomm er die wenigen Stufen zu seinem Haus, wo Nora bereits in der offenen Tür wartete. Sie umarmte Vincent kurz, aber kräftigt, dann nickte sie Thomas danken zu, als wüsste sie ganz genau, was er für sie alle getan hatte.
      "Ab nach oben mit dir," wies sie Vincent an. "Nimm ein Bad, danach fühlst du dich besser."
      Vincent konnte nicht viel mehr tun, als zu nicken. Das letzte Mal war er so müde gewesen, als ihn eine Silbervergiftung beinahe umgebracht hatte. Also schlurfte er kommentarlos die Treppe hinauf und den Flur hinunter in sein Schlafzimmer, wo er sich mit fahrigen Bewegungen aus seinem Anzug schälte, während im angrenzenden Badezimmer warmes Wasser die Wanne zu füllen begann.
      Nora hatte wie immer Recht gehabt: kaum war Vincent in dem warmen Wasser versunken, da fühlte er sich schon besser. Erschöpft lehnte er seinen Kopf gegen den Wannenrand.
      Zwei Stunden. Zwei Stunden hatte es gedauert, um Vincent nicht nur aus dem Konzept zu bringen, sondern seine ganze Welt auf den Kopf zu stellen. Wieso konnte er sich nicht wehren? Wieso hatte Vlad noch immer so eine Macht über ihn? Wieso war Vincent so schwach?!


    • Thomas kam der einzigen wahrhaftigen Aufforderung nach, die er an diesem Abend bekommen hatte: Nicht mehr loslassen.
      Der Mann war in seinen Armen schon nur noch ein Schatten seiner Selbst und das alles nur durch ein zweistündiges Wiedersehen mit einem Mann, den er einmal geliebt hatte. Vielleicht noch immer liebte? Das beste, was er machen konnte, war ihm eine Stütze zu sein.
      Er verschränkte die Hand mit seiner und legte dann den freien Arm um ihn, während sie gemeinsam von der Kutsche zur Haustür gingen und dort von Nora in Empfang genommen wurden. Sie umarmte Vincent, dann sprang sie sogar über ihren eigenen Schatten um Thomas zuzunicken, der die simple Geste in gleicher Einfachheit erwiderte. Die beiden Männer machten sich gleich weiter auf ins Obergeschoss.
      Von der unmenschlichen Eleganz im Restaurant war wenig übrig geblieben, als Vincent in sein Schlafzimmer trat und sich von seinen Klamotten entfernte. Er zitterte nicht mehr, das hatte er schon auf der Heimfahrt aufgehört, aber viel Fassung schien er trotzdem nicht zu besitzen. Thomas bot ihm seine Hilfe an, dann folgte er ihm ins Badezimmer, ganz so, als hätte er seine Rolle als Lakai niemals abgelegt. Aber anstatt mit Vincent in die Wanne zu steigen, zog er sich einen Schemel heran, setzte sich hinter ihm darauf, krempelte seine Ärmel hoch und fing an, mit sanften, gleichmäßigen Bewegungen über Vincents Kopfhaut zu massieren. Er sagte nichts, immerhin gab es nicht viele Worte, wenn überhaupt, um der jetzigen Situation gerecht zu werden, aber er kümmerte sich um den Mann, so viel es ihm nur möglich war. Zuerst war es nur sein Kopf und seine Haare, die er mit wenigen Bewegungen zu waschen versuchte, dann massierte er seinen Hals, knetete seine Schultern, streichelte ihm über die Arme. Er küsste ihn nicht, aber er legte doch zumindest den Kopf auf Vincents Schulter ab und strich über all die Stellen, die sich in dem Wasser noch nicht gänzlich entspannt hatten. Erst nach einer langen Weile, als Vincent so wirkte, als könne er im Wasser gleich einschlafen, erhob er erst leise das Wort.
      "Du warst ganz großartig, Vincent. Er muss unsere Lügen glauben, er kann gar nicht anders."
      Er strich ihm sanft den Kiefer entlang.
      "Sag mir, wenn ich etwas für dich tun kann. Irgendwas. Du musst das nicht alleine durchstehen."
    • Vincent griff hinter sich, vergrub seine Finger in Thomas' Haaren, kraulte ihn ein bisschen. Er wusste nicht genau, warum er das tat, aber er würde nicht einfach so aufhören. Dafür fühlten sich die weichen Haare des anderen Mannes viel zu gut an.
      "Sei einfach du," bat Vincent. "Sei einfach nur du. Keine Masken, keine Rollen. Nur du..."
      Vincent blieb nicht mehr besonders lang in der Wanne. Er war immer noch erschöpft, aber er schaffte es zumindest, sich ein bisschen Würde zurückzuholen, indem er sich selbst abtrocknete und danach etwas sehr viel bequemeres anzog. Danach schnappte er sich Thomas' Hand und zog ihn mit sich. Allerdings ignorierte er sein Bett und nahm ihn mit nach unten in den Salon. Ihm war danach, sich mit den Dingen zu umgeben, die ihm schon immer Sicherheit gegeben hatten. Seine Bibliothek in Harker Heights wäre ihm lieber gewesen, aber die handvoll deckenhoher Bücherregale hier ihm Salon mussten es für den Moment tun.
      Nora brachte ein Teeservice mit frischem Tee vorbei, bevor sie wieder verschwand und die beiden Männer allein ließ. Vincent ließ sich auf einem der Sofas nieder, zog Thomas an sich und wickelte sie beide dann in eine Decke, die er auf einer der Armlehnen vorgefunden hatte. Nora kannte ihn wirklich besser, als er sich selbst.
      "Tut mir leid, dass ich so... durcheinander bin. Ich hatte nicht erwartet, dass mich das alles so mitnehmen würde. So hatte ich das nicht geplant."


    • Thomas ließ sich nur allzu gerne an Vincents Seite nieder, platzierte die eine Hand im Schutz der Decke auf dem Oberschenkel des Mannes und bediente sich mit der anderen an dem Tee, den er dankbar entgegen nahm. Alles in allem war das ein äußerst entspannter Abend für die Begegnung, die sie davor noch erlebt hatten.
      Es gibt nichts, wofür du dich entschuldigen müsstest. Du warst ganz hervorragend, wenn ich dir gegenüber gesessen hätte, hätte ich mich gleich ein zweites Mal in dich verliebt.”
      Er sprach leise, warf aber trotzdem noch einen Blick zur Tür, bevor er sich zu Vincent neigte und ihm einen Kuss auf die Wange drückte. Für eine weitere Zeit genossen sie lediglich den Tee, dann nötigte Thomas Vincent dazu, sich gegen die Armlehne zurückzulehnen, damit er sich an seine Brust schmiegen konnte, auch ein höchst riskantes Unterfangen, das aber ja doch wenigstens von der Decke etwas verdeckt wurde. Dort beteuerte er noch einmal, wie gut Vincent sich verhalten habe und wie sehr sie sich an den Plan hielten, dann genossen sie lediglich die Zweisamkeit beieinander, von der sie in nächster Zeit vielleicht weniger haben könnten, als ihnen recht wäre. Irgendwann ließ Thomas sich doch von der Wärme der Decke und Vincents Anwesenheit einlullen und nickte auf ihm ein.

      Die nächsten Tage folgte er dem Rat des Mannes und erledigte Zuhause, was erledigt werden musste. Simon nutzte er dazu, um mitunter seine Waffen in Vincents Haus zu schaffen, eine ganz amüsante Idee, denn der Junge lief mit einer kindlichen Begeisterung in Thomas’ Keller, kaum hatte er ihn eingelassen, sodass es schon fast wieder ablenkend war. Thomas beantwortete seine Fragen, die er euphorisch stellte, dann brachten sie die Sachen zusammen hinüber.
      Er richtete sich im Gästezimmer fast schon so ein, als wäre er Zuhause. Zum einen war das nicht schlecht, da er seine Waffen so bei sich haben würde - besonders diejenigen, die auch auf engem Raum funktionierten - aber auf der anderen Seite wurde ihm dadurch bewusst, dass er nicht mehr in Vincents Schlafzimmer bleiben würde, nicht wenn Vlad da war. Das schien ihm irgendwie falsch, auch wenn er sich den Umständen fügte, ohne sich zu beschweren.
      Als eine Belohnung für seine Hilfe - und weil Vincent es einmal erwähnt hatte - brachte er Simon an einem dieser Tage ein paar Tricks bei. Er drückte ihm eine Vielzahl seiner Waffen in die Hand, ließ ihn damit herumspielen - selbstverständlich nur unter seiner Aufsicht - und belehrte ihn darin, wie sie richtig zu halten wären. Besonders den Dolchen war Simon tatsächlich zugeneigt und so brachte er dem Jungen einen festen Griff bei, wie man damit effizient stechen und schneiden und sogar werfen konnte. Der Knabe war allzu begeistert davon und stellte sich als hervorragender Schüler heraus, was Thomas nicht unrecht war. Er hätte ihn nur gegen einen Vampir antreten lassen - das betonte er in seinen Lehreinheiten mehrmals - und das auch nicht nach ein paar wenigen Greifübungen, aber es war doch gut zu wissen, dass man sich hier auf etwas verlassen könnte, wenn es doch Ausmaße annahm, die er nicht mehr zu bewältigen wusste. Letzten Endes war es aber doch einfach nur ein Geschenk an Simon, über das er sich so freute, wie man es nicht hätte erahnen können.
    • In den Nächten nach diesem ersten Abendessen begann Vincent damit, ein Doppelleben zu führen. Hauptsächlich hielt er an seinem zurückgezogenen Lebensstil fest, aber hin und wieder musste er etwas tun, was er sonst nur selten tat, um seine Fassade als stink normaler, wenn auch etwas älterer Vampir aufrecht zu erhalten. Jimmy mochte dieser Unterschied in seinem Verhalten vielleicht auffallen, sollte er Vincent beobachten lassen, aber das war leicht mit der Anwesenheit seines sehr viel älteren Meisters zu erklären. Einen einfachen Emporkömmling, der Vincent nicht kannte, musste Vincent auch nicht fürchten.
      Vincent ging jeden Abend auf einen Spaziergang durch die Stadt, auf dem er einen Punkt daraus machte, von den richtigen Augen gesehen zu werden. Diese Spaziergänge hatten keinen weiteren Sinn, als das. Er zeigte sich nun offener, weniger zurückhaltender. Damit unterstrich er Vlads Anwesenheit und seine Verbindung zu ihm. Hier und da bemerkte Vincent sogar einige der Jünglinge aus dem Nest, wie sie ihn argwöhnisch beobachteten. Er grüßte ein Paar sogar recht freundlich. Er sah kein Gesicht mehr als einmal und er war sich ziemlich sicher, dass das an Vlad lag. Vincent legte die Reihenfolge fest, in der diese Jünglinge getötet wurden, einfach nur indem sie den Fehler machten, ihren Anweisungen zu folgen, anstatt die Flucht zu ergreifen. Vincent konnte nicht sagen, dass er sich besonders schlecht deswegen fühlte, allerdings war ihm diese simple Macht, die er da in seinen Händen hielt, doch etwas unangenehm.
      Nach der vierten Nacht entschloss sich Vincent dazu, die Initiative zu ergreifen. Er wollte nicht, dass jeder Vampir hier in der Stadt getötet wurde. Und so beschloss er, am Wochenende ins Theater zu gehen.
      Er schrieb einen Brief an Vlad, in dem er ihn zu Ophelias nächster Vorstellung einlud. Er verriet ihm nicht, dass er die beiden dabei auch einander vorstellen wollte. Allerdings informierte er Ophelia mit Noras Hilfe über sein Vorhaben. Er ließ der exzentrischen Schauspielerin keine Wahl, sein Vorhaben zu verhindern. Sie würde sich damit abfinden müssen. Entweder begegnete sie dem alten Vampir oder sie ging das Risiko ein, aus Versehen zwischen den Fronten zu enden. Und das war nun wirklich kein guter Ort für eine Aufführung.
      Vincent verzichtete darauf, Simon oder einen anderen Boten loszuschicken. Stattdessen öffnete er das Fenster zu seinem Studierzimmer und wartete darauf, dass eine der Krähen auf sein Fensterbrett hüpfte. Es dauerte nicht lange und einer der Vögel starrte ihn neugierig an. Vincent drückte dem Tier den Brief in den Schnabel und es flatterte davon.
      "Elender Angeber," murmelte Vincent, konnte sich ein kleines Lächeln aber nicht verkneifen.
      Ein Lächeln, das er sich sofort aus dem Gesicht wischte. So fing es immer an: Vlads kleine Gesten waren charmant, dann kamen die Geschenke, die Komplimente. Er verbrachte mehr und mehr Zeit mit dem anderen Mann und dann war es zu spät, um noch aus dem Spinnennetz zu klettern. Das würde Vincent nicht zulassen. Nicht dieses Mal.
      Er schloss das Fenster und ließ den Raum hinter sich zurück. Stattdessen ließ er sich in seinem Salon mit einem Drink nieder und beobachtete Simon dabei, wie er einen unsichtbaren Vampir mit seinem neuen Silbermesser abzustechen versuchte. Thomas war ein wirklich guter Lehrer. Vincent hatte ihn jede Nacht beobachtet, auch wenn er sich brav von all dem Silber fernhielt, dass der Mann in sein Haus gebracht hatte.
      "Wann darf ich die Armbrust ausprobieren?", fragte Simon - und das nicht zum ersten Mal.
      Der junge Mann schien daran einen Narren gefressen zu haben. Vincent grinste in sein Glas hinein ob Thomas leicht genervter Miene.
      "Wie wäre es, wenn du lernst, dich effektiv vor einem Vampir zu verbergen, bevor wir dich mit Schusswaffen ausrüsten, Simon?" fragte er selbst und die Augen des jungen Manns wurden groß.
      "Au ja! Wie sieht's aus, Doc? Kann ich das lernen?"


    • Thomas gab ein Geräusch von sich, das er in letzter Zeit häufiger als Lückenfüller nützte, um eine Frage nicht beantworten zu müssen. So schnell Simon auch lernte, er schien sich nie auf etwas ganz festlegen zu wollen. Anfangs waren es die großen Waffen gewesen, später die Dolche und jetzt hatte er eine eigenartige Faszination auf Armbrüste entwickelt, die Thomas ihm mit allen Mitteln der Welt nicht austreiben konnte. Dabei waren Armbrüste nicht zuverlässig, sie waren abhängig von der Entfernung, von der eigenen Präzision und letzten Endes auch, ob man sich gut damit positionieren konnte. Im schlimmsten Fall konnte man ein Mal abschießen und musste dann auf eine andere Waffe wechseln, wenn der Vampir angeschossen kam. Aber Simon, in seinem jugendlichen Übereifer, hielt nicht sehr viel davon auf Thomas zu hören, wenn er dabei nicht neue Sachen ausprobieren konnte.
      Dankbar sah er damit zu Vincent, der ihm einen perfekten Ausweg bot.
      "Kannst du. Aber nur wenn du es schaffst, ganz still zu sitzen. Sehr still, so wie eine Statue. Kriegst du das hin?"
      Simon schoss gleich zum nächstbesten Stuhl, motiviert darin, etwas neues zu lernen, und Thomas zog sich einen zweiten Stuhl heran, um sich ihm gegenüber zu setzen. Eigentlich hätte er sich gerne zu Vincent gesetzt, nachdem er wieder von seinem abendlichen Spaziergang heimgekommen war, aber das musste wohl noch etwas warten.
      Wie merkwürdig, sich solche Gedanken zu machen. Als würden sie ein unaufregendes Leben miteinander führen.
      "Was habe ich dir bei den Dolchen gesagt? Dass Vampire Jäger sind, nicht wahr? Und jeder Jäger muss seine Beute", er tippte ihm gegen die Brust, "erst aufspüren, bevor er sie jagen kann, richtig? Und mit was spürt er sie auf?"
      "Mit seiner Nase!"
      Thomas wog den Kopf hin und her.
      "Auch, aber das passiert nur, wenn du schon blutest. Das wollen wir doch immer vermeiden, oder? Mit was dann?"
      "Mit seinen Ohren?"
      "Richtig. Je näher du ihm bist, desto deutlicher kann er dich hören - deine Schritte, deine Stimme, irgendwann dein Herz und sogar dein Blut. Vincent kann gerade deinen ganzen Körper arbeiten hören, deinen Herzschlag eingeschlossen. Das werden wir auch nicht ändern können, außer du schaffst es, ihm die Ohren zuzuhalten, ohne dass er sich dagegen wehren kann. Dann hört er alles vielleicht nicht mehr ganz so gut."
      Die Vorstellung schien Simon zu amüsieren.
      "Wir können seinen Gehörsinn aber ein bisschen austricksen. Er hört ja nämlich nicht nur uns, in diesem Moment, sondern sicherlich auch Nora in der Küche und Esther im Foyer und alle anderen, die hier im Haus gerade herumgeistern. Das sind eine Menge Herzschläge, die er ständig hört, und von denen er erst deinen eigenen herausfiltern muss. Jüngere Vampire als er können das noch nicht ganz so gut, Entfernungen schätzen ist für sie schwieriger als wie für alte Männer wie Vincent, aber trotzdem können wir sie ein bisschen an der Nase herumführen. Gib mir deine Hände."
      Simon gehorchte und Thomas drehte das eine Handgelenk nach oben, tastete mit dem Daumen nach dem Puls und nahm sich dann Simons andere Hand, um sie darauf zu legen.
      "Fühl mal. Stark drücken. Da ist ein Pochen, nicht wahr? Das ist das, was Vincent zu hören bekommt. Dein Herzschlag steigert sich, wenn du vielleicht ganz aufgeregt bist oder viel Bewegung gehabt hast und er senkt sich, wenn du dich ganz ruhig verhältst. Mach mir nach."
      Thomas nahm einige ganz tiefe Atemzüge und motivierte dazu, Simon seine Lungen füllen zu lassen, bis es nicht mehr ging. Sie wiederholten das Prozedere ein paar Mal.
      "Jetzt ist er langsamer geworden, oder? Das kannst du zu deinem Vorteil nutzen. Vampire jagen mit Angst, denn schnelle, laute Herzschläge lassen sich wesentlich besser verfolgen als langsame, ruhige. Wenn dich also ein Vampir verfolgen sollte, kannst du in einer Menschenmenge untertauchen, deinen Herzschlag regulieren und dann weiß er gar nicht mehr, wo du dich aufhältst. Dann hast du ihn ausgetrickst."
      Er senkte verschwörerisch die Stimme.
      "Mit ganz viel Fingerspitzengefühl kannst du damit sogar Vincent austricksen. Das wäre doch was, oder? Dann kann er dir keine Arbeit aufbrummen, wenn er dich nicht findet."
      Er räusperte sich einmal laut, als wäre nichts gewesen und Simon kicherte.
      "Wenn du dich andersherum nachts zu einem großen Wohnhaus setzt und einen ganz, ganz langsamen Herzschlag präsentiert, kann man dich nicht von schlafenden Bewohnern auseinanderhalten. Natürlich solltest du dich trotzdem weit genug von einem Vampir aufhalten, denn sonst kann er hören, dass da keine Wand zwischen dir und ihm ist, aber er kann damit trotzdem glauben, dass du nur einer der schlafenden bist. Und dann kannst du dich anschleichen und ihn mit einer Armbrust erschießen - was wir heute nicht lernen werden, erst wenn du dein Messer richtig beherrschst."
      Er umging Simons aufkeimenden Protest, indem er ihn noch einmal die Atemübungen zeigte und ihn dann aus dem Raum schickte, um Vincent "auszutricksen". Er sollte einfach nur durchs Haus laufen und seinen Herzschlag so entspannt wie nur möglich halten, so als wäre er lediglich Teil der arbeitenden Belegschaft.
      Der Junge türmte mit unermesslicher Begeisterung und Thomas konnte sich endlich zu Vincent setzen, dem er einen flüchtigen Kuss schenkte, bevor er wieder von ihm abließ. Für einen Augenblick konnte er selbst noch Simons aufgeregt Schritte hören, dann war er verschwunden und es war an Vincent, seinem Herzschlag weiter zu lauschen.
      "Wenn das so weitergeht weiß ich, an wen ich mein Erbe weitergebe. Solange du verkraften kannst, dass dein loyaler Angestellter irgendwann deine Artgenossen jagt."
      Er warf Vincent einen Blick zu, der sich von dem ganzen Spiel höchst zu amüsieren schien und legte dann etwas schüchtern die Hand auf seinen Oberschenkel.
      "Gibt es Neuigkeiten draußen?"

      Ophelia beantwortete Noras übermittelte Nachricht, indem sie in ihrem nächsten Liebesbrief ein kurzes Gedicht an Vincent widmete, indem es um Könige, Kaiser und Monarchien ging, um Vasallen, die nur Spielfiguren waren und darum, dass kein Herrscher bisher seine Amtszeit vollendet hätte, weder König noch Kaiser. Mehr hatte sie dazu wohl nicht mitzuteilen.
    • Vincent beobachtete die ganze Lektion mit einem sanften Lächeln. Er fragte sich, ob Thomas schon einmal jemanden in der Kunst der Jagd unterrichtet hatte, oder ob das sein erstes Mal war. Es stand auf jeden Fall außer Frage, dass er ein Talent zum Unterrichten hatte.
      Er unterdrückte den Drang, aufzustechen und sich hinter Simon zu stellen, nur um zu sehen, ob er auch unter Druck so ruhig bleiben konnte. Simon stellte sich gut an und zügelte seine überschüssige Energie überraschend gut, sobald er sich auf etwas konzentrieren konnte, das ihn auch tatsächlich interessierte.
      Vincent lauschte, hatte ein metaphorisches Auge auf Simon, als der den Raum verließ und die Türen hinter sich schloss. Der junge Mann lief eine Runde durch das Foyer, dann tat er so, als ging er in den Keller, drehte aber vor der Tür um und schlich stattdessen die Treppen hinauf. Eine nicht ganz so gute Idee, denn die Anstrengung, so leicht sie für ihn auch sein mochte, reichte aus, um seinen Herzschlag wieder zu steigern.
      "Du sagst das so, als hätte ich Simon diesen Wurm nicht selbst eingesetzt. Er hat Potenzial, er weiß nur nichts mit sich anzufangen. Ich glaube, er würde einen guten Jäger abgeben. Du siehst, wie schnell er lernt. Und wenn er sich wirklich für etwas interessiert, dann ist er mit Haut und Haar dabei. Das sind doch gute Voraussetzungen für einen Jäger, oder nicht?"
      Vincent legte Thomas einen Arm um die Schultern und zog ihn an sich für einen ordentlichen Kuss. Dazu hatte er heute noch nicht wirklich die Gelegenheit gehabt.
      "Neuigkeiten würde ich es nicht unbedingt nennen," seufzte er, als er sich wieder zurücklehnte und den Kopf auf die Rückenlehne legte, um die Decke anzustarren. "Aber wir beide gehen am Samstag ins Theater. Zusammen mit Vlad."
      Er hatte lange darüber nachgedacht, ob er Thomas mitnehmen sollte oder nicht, aber ihm waren keine ordentlichen Gründe eingefallen, warum ein Vampir einen Jäger unter seinem Einfluss nicht bei sich führen sollte wie einen Geldbeutel. Oder ihn nicht bei jeder Gelegenheit zur Schau stellen sollte wie ein teures Schmuckstück. Also musste Thomas mit. Also musste Thomas lernen, wer da direkt unter seiner Nase lebte und das schon seit Jahren.
      "Die Aufführung..." er hob den Kopf wieder und sah Thomas an. "Das Theater, in das wir gehen, ist nichts besonderes und weit unter dem Standard eines Lords oder eines Alten. Wir gehen da aber nicht wegen dem Stück hin. Sondern wegen einer Person. Eine Person, die ich Vlad vorstellen muss, damit sie nicht in Gefahr gerät. Eine Person, die Nora sehr am Herzen liegt. Und genau deswegen brauche ich deine Zusage, dass du diese Person in Ruhe lassen wirst. Besagte Person ist nämlich ein weiterer Vampir."


    • Thomas zog beide Augenbrauen nach oben. Er versteifte sich ein wenig in Vincents Arm, machte aber keine Anstalten, sich aus der Umarmung zu lösen.
      "Du machst mir das nicht gerade leicht, weißt du das? Ich hätte mich eigentlich darauf gefreut, wieder jagen zu können, ohne mir Gedanken darüber zu machen, ob derjenige es jetzt verdient hätte oder nicht. Jetzt verschone ich dich und noch jemand anderen. Ist er denn wenigstens... Vegetarier?"
      Er strich über eine Falte in Vincents Hose, dann seufzte er.
      "Ich mach alles was du möchtest, das weißt du. Nicht, weil ich das vorspielen soll, sondern weil ich es möchte. Wenn ich jemanden nicht umbringen soll, werde ich es nicht tun und wenn ich mich in einem Theater vorzeigen lassen soll, werde ich mich vorzeigen lassen. Das ist quasi ein Liebesbeweis. Darcy wäre todeseifersüchtig auf dich."
      Er brachte ein kleines Lächeln zustande, das er Vincent schenkte, dann nickte er zur Decke.
      "Wie macht er sich, fürs erste Mal? Ich habe Jahre gebraucht, bis ich es so gut auf Kommando konnte wie jetzt. Ich würde ihn jetzt nicht auf ein Verstecken-Spiel mit einem Vampir schicken, aber wenn er sich anpassen kann, wäre es doch schonmal etwas."
    • "Um ehrlich zu sein, weiß ich das gar nicht," seufzte Vincent. "Ich habe nicht gefragt - das ist nicht unbedingt etwas, mit dem man einfach so die Tür eintritt. Tatsächlich ist mein Lebensstil recht selten. Ich selbst habe erst zwei andere getroffen, die ebenfalls auf menschliches Blut verzichten. Ich sage nicht, dass du diese Person nicht ausschalten kannst, wenn sie sich als eines der üblichen Monster herausstellt. Aber... Nora hängt gerade etwas an dieser Person. Ich bitte dich lediglich, das nicht zu vergessen."
      Auf Thomas' Frage hin lauschte Vincent wieder ein wenig genauer. Simon war leicht zu finden, aber immerhin versuchte er sich an den Atemtechniken, die Thomas ihm gezeigt hatte. Sie funktionierten auch, um seinen Herzschlag zu regulieren, aber es half relativ wenig, wenn man dabei schnaufte wie ein Pferd.
      Vincent lächelte.
      "Er versucht es wenigstens. Im Sitzen hat es ganz gut funktioniert, aber laufen ist schon genug, um seinen Puls anzufeuern. Nicht viel, aber genug für mich, den alten Mann."
      Vincent piekste seinen Finger in Thomas' Oberarm.
      "Jemand sollte ihn aufhalten. Er versucht gerade das Schloss zum Gästezimmer zu knacken. Wahrscheinlich, um sich deine Armbrust zu schnappen. Willst du das machen, oder soll ich ihm Angst einjagen, damit er versteht, worum es bei einer Jagd auf Vampire geht? Das hat er glaube ich nämlich noch nicht ganz verstanden."


    • Thomas nickte. Rücksicht nehmen konnte er, ein Auge bei einem Mord zuzudrücken wäre schwieriger.
      "Ich werde es nicht vergessen."
      Die Nachricht über Simon war vielversprechend, zumindest für den Anfang. Der Junge war wohl noch etwas damit überfragt, alles im Blick zu behalten, aber wenn sie das ein paar Mal üben würden, würde es ihm irgendwann einfacher fallen. Vielleicht konnte Thomas dann auch damit anfangen, ihm sein Buch als Lektüre zu geben.
      "Für dich ist es allemal genug."
      Er rutschte erst zur Kante des Sofas, um aufzustehen und Simon daran zu hindern die Fenster einzuschießen, bevor er es sich besser überlegte und wieder zu Vincent sah.
      "Mach diese Sache, wenn es so aussieht, als würdet ihr euch teleportieren. Ich weiß, dass ihr das absichtlich macht und dass das weniger zum Kampf geeignet ist, aber davon könnte ich trotzdem immer noch einen Herzinfarkt bekommen."
      Er drückte Vincents Oberschenkel einmal, dann stand er auf.
      "Aber lass mich vorgehen, ich will dich dabei beobachten. Brauchst du einen Gehstock zum Aufstehen, alter Mann?"
      Er zauberte ein leichtes Lächeln auf sein Gesicht, das man fast schon als frech betiteln konnte.
    • Vincent verengte die Augen, dann nutzte er seine unmenschliche Schnelligkeit, um sich hinter Thomas zu stellen, bevor dieser reagieren konnte. Er legte dem Mann die Arme locker um die Hüften und zog ihn mit einem Ruck an sich.
      "Ich bin immer noch besser zu Fuß als du. Reiß du nur deine Witze, aber ich bin nicht derjenige, der sich Gedanken um graue Haare machen muss," raunte er Thomas ins Ohr.
      Er küsste ihn auf die Schulter, dann ließ er ihn wieder los.
      "Zwei von drei Riegeln hat er offen, ich würde mich an deiner Stelle beeilen," riet er dem anderen Mann mit einem breiten, unschuldigen Lächeln, während er sein Glas von dem Sofatisch nahm und zurück zu der Minibar schlenderte, um sich nachzufüllen.
      Vincent lauschte, wie Thomas die Treppe hinaufging - mehr auf dessen Schritte, als auf dessen Herzschlag konzentriert. Er gab ihm zwei Minuten, um Simon zu erreichen und ihn aufzuhalten, mit ihm zu reden, oder was auch immer Thomas tun wollte, bevor er sich selbst in Bewegung setzte.
      Nora warf ihm einen fragenden Blick zu, doch Vincent grinste nur, und schüttelte den Kopf, einen Finger an den Lippen, um ihr zu bedeuten, leise zu sein. Sie gestikulierte zurück, dass das Essen fertig war. Vincent nickte und setzte seinen Weg fort.
      Das, was Thomas als "teleportieren" bezeichnet hatte, war eigentlich bloß ein herausragendes Körpergefühl und unmenschlich scharfe Sinne. Vincent war sich seiner Umgebung zu einhundert Prozent bewusst, was er die Treppe hinaufschlich. Seine Bewegungen waren so flüssig und geschmeidig, dass sie unmöglich wirkten, falsch. Er verursachte nicht ein einziges Geräusch, das ein Mensch hätte wahrnehmen können. Vincent machte sich einen Spaß daraus, nicht Simon's Wahrnehmung zu überlisten, sondern Thomas'. Man lernte nie aus und mit einem Gegner wie Vlad tat dem Mann diese Übung ganz gut.
      Vincent verschmolz mit den Schatten in dem dunklen Korridor. Das sanfte Flackern der Kerzen war alles, was er brauchte, um seine Bewegungen zu verschleiern, ähnlich wie ein Tiger in den indischen Wäldern. Sein Jagdtrieb flüsterte ihm zu, die beiden Männer in seinem Flur anzuspringen und auseinanderzureißen wie einer. Stattdessen setzte Vincent seinen Weg fort bis er im Türrahmen seines Studierzimmers stand - keine zwei Meter von den beiden Männern entfernt.
      "Ich fürchte, du brauchst noch ein bisschen Übung, mein Guter," brach Vincent den Bann und machte sich bemerkbar.
      Es kostete ihn einiges, nicht einfach loszulachen, so sehr, wie sich Simon erschreckte.


    • Thomas zuckte nicht nur zusammen, zu seiner größten Beschämung machte er sogar einen ungewollten Satz nach vorne, den ein unmenschlich starker Arm an seiner Hüfte gleich wieder ausbremste. Sein Instinkt sprang sofort auf Hochtouren und das Adrenalin schoss ihm durchs Blut, als ihm schon eine warme Stimme ins Ohr hauchte. Für eine gute Sekunde übermannte ihn Überlebensangst, dann hatte er sich soweit unter Kontrolle, um einen zischenden Atem auszustoßen.
      "Jesus Christus, Vincent!"
      Zumindest wurde er aus der ungewollten Umarmung wieder entlassen, denn sonst hätte er sich zusätzlich die Blöße geben müssen, sich dem Eisengriff nicht entziehen zu können. Schließlich richtete er unnötigerweise sein Hemd und strafte Vincent mit einem halbherzig bösen Blick.
      "Du bist doch nur neidisch, dass du niemals graue Haare bekommen wirst. Wenn du das nochmal tust, werde ich sie früher haben als uns beiden lieb ist."
      Mit seiner letzten verbliebenen Würde brummte er leise davon, dass die alten Herrschaften von heute gar keinen Respekt mehr hätten und machte sich dann auf den Weg nach oben, nicht ohne ständig ein Auge mehr nach hinten als nach vorne zu haben. Sein Verstand hatte sich noch immer nicht gänzlich beruhigt, auch wenn er wesentlich schneller von seinem Hoch wieder heruntergekommen war. Ein zweites Mal wollte er das allerdings nicht passieren lassen, schließlich hatte er als erwachsener Jäger dritter Generation einen gewissen Stolz zu vertreten.
      Er erwischte Simon in Flagranti dabei, wie er mit einem Dietrich an seinem Schloss herumwerkelte, nur um dann aufgeschreckt herumzufahren, als Thomas zu ihm trat. Er hätte auch leise sein können, sicherlich, aber diesen einen Spaß wollte er Vincent lassen.
      "Passt du dich deiner Umgebung an, ja? Vincent hat wohl vergessen zu erwähnen, dass seine Angestellten Schlösser knacken."
      Simon gab eine halbherzige Entschuldigung von sich, die wohl eher dem Umstand galt, überhaupt erwischt worden zu sein, während Thomas sich auf seiner anderen Seite aufstellte, den Blick auf die Treppe gerichtet. Er hatte nicht damit gelogen beobachten zu wollen, wie Vincent sich mit dieser Geschwindigkeit bewegte. Vielleicht würde er ihn auch mal im Garten Runden laufen lassen, so wie sein Großvater es bereits getan hatte. Eigentlich war er sogar sehr interessiert daran.
      "Ich weiß, dass es ja ganz interessant ist mit einer Waffe zu hantieren, aber es steckt nunmal wesentlich mehr dahinter als ein bisschen Waffenkunst, Simon. Eigentlich greift man nur im schlechtesten Fall zur Waffe, eine Jagd sieht normalerweise so aus, dass du herausfindest, um wen es sich handelt und ihn mit möglichst wenig Verlusten ausschaltet. Dazu gehört deine Gesundheit und die deiner Mitmenschen, verstanden?"
      Sein Blick zuckte zur Treppe, aber was er für eine Bewegung gehalten hatte, war nur das Flackern eine der Kerzen. Sein Instinkt sprang an, aber eigentlich hatte er von vorhin schon nicht wirklich Ruhe gegeben.
      "Vincent hat gesagt, dass er dich sogar atmen gehört hat - und ein Schloss zu knacken ist wirklich laut. Das war keine besondere Glanzleistung, das werden wir nochmal machen."
      Simon setzte gerade dazu an, sich vielleicht nochmal zu entschuldigen oder herauszureden, da ertönte Vincents Stimme von der Seite. Beide Männer zuckten zusammen, als wären sie vom Blitz getroffen worden und während Simon wohl den Schreck seines Lebens erfahren durfte, erlebte Thomas seine zweite Demütigung in nur fünf Minuten. Seine Hände zuckten zu leeren Taschen, bevor auch dieser Reflex sich gelegt hatte und sein Instinkt soweit abgeklungen war, dass ihm die Röte ins Gesicht schoss.
      "Himmel!"
      Er rieb sich den Nasenrücken, dann wandte er sich Simon demonstrierend zu.
      "Wir wären jetzt tot, so einfach geht das. Zumindest hätten wir keine Zeit gehabt, eine Waffe zu ziehen und ein Dietrich wird wohl kaum einen Vampir aufhalten. Deshalb müssen wir uns ein bisschen konzentrieren und keine Armbrüste klauen, einverstanden? Aber heute nicht mehr, sieh zu, dass du nicht zu spät ins Bett kommst."
      Er drehte sich halb zu Vincent und deutete anklagend auf ihn.
      "Und ich bestehe auf eine Geschwindigkeitsbegrenzung innerhalb vier Wände für dich. Höchstens Menschengeschwindigkeit, andernfalls werde ich für Simon ein Exempel an dir statuieren, wie man einen Vampir bewegungsunfähig macht."
    • Vincents Belustigung verschwand nicht, auch wenn das Grinsen in seinem Gesicht einen hinterlistigen Aspekt annahm.
      "Du kannst es ja gern versuchen", gab er zurück.
      Dann wandte er sich Simon zu.
      "Ab mit dir. Nora ist fertig mit dem Abendessen und Esther wartet wahrscheinlich schon auf ihren Klatschpartner."
      "Geht klar, Boss. Das nächste Mal schaff ich's!"
      Simon packte seinen Dietrich wieder ein und verschwand, eine fröhliche Melodie pfeifend, den Gang und dann die Treppen hinunter, um sich etwas zu Essen zu besorgen.
      "Ich fürchte, das war eine Drohung seinerseits," meinte Vincent. "Er wird in diesen Raum einbrechen, ob wir es wollen oder nicht. Aber ich glaube nicht, dass er zu viel Unsinn betreiben wird. Das liegt nicht in seiner Natur."
      Vincent trat an Thomas heran und ergriff dessen Hand.
      "Alles in Ordnung? Ich habe gerade ein paar Dinge getan, die deinem eigenen Jagdinstinkt übel aufstoßen könnten."
      Vorsichtig hob er Thomas' Finger an seine Lippen, setzte einen hauchzarten Kuss darauf. Selbstverständlich war ihm Thomas' Reaktion auf seine Taten nicht entgangen. Er hatte den Herzschlag des Mannes gehört, konnte die kleine Menge Stress riechen.
      "Brauchst du noch einen Moment, oder gehen wir zusammen zum Essen?"


    • Simon verschwand in Richtung Treppe, von wo Vincent schon gekommen sein musste - schließlich war er unten gewesen, es gab keinen anderen Weg nach oben und es ärgerte Thomas noch immer, dass ihm der Mann nicht aufgefallen war - und dann wandte sich der Jäger dem Gejagten zu. Thomas machte sein missbilligendes Geräusch.
      "Er sollte sich ein paar Manieren aneignen. Welchen Vampir will er infiltrieren, wenn er sich wie ein Räuber benimmt?"
      Vincent kam heran, ergriff seine Hand und Thomas verschränkte ihrer beiden Finger miteinander.
      "Mir geht es gut. Aber dir wird es nicht gut gehen, wenn ich eines Tages ein Messer bei mir trage. Ich werde dich abstechen und dann wirst du den nächsten Teppich vollbluten. Oder du wirst mir doch einen Herzinfarkt verpassen und dann hoffe ich für dich, dass du erste Hilfe beherrschst."
      Mit wachsender Zuneigung beobachtete er die zärtliche Geste, mit der Vincent seine Finger küsste. Der Jäger ließ sich beruhigen, beinahe so schnell wie er gekommen war und stattdessen machte sich die mittlerweile altbekannte Wärme in ihm breit. Nach einem kurzen Blick in Richtung Treppe, überbrückte er auch den letzten kleinen Abstand zwischen ihnen und legte die Hand auf Vincents Hüfte.
      "Ich werde mich nicht von ein paar Kunststücken davon abbringen lassen, mit dir gemeinsam zum Essen zu gehen. Aber es ist... süß, dass du dir Gedanken machst."
      Als hätte das Kompliment ihm selbst gegollten, schoss ihm die vorherige Wärme als Hitze in den Kopf und Thomas drückte Vincent einen knappen Kuss auf die Wange, bevor er sich ganz löste und unnötigerweise seinen locker sitzenden Anzug richtete. Vielleicht würde er sich eines Tages ja daran gewöhnen, dem Mann offene Liebesbezeugungen entgegen zu bringen. Das war fast noch unangenehmer als plötzlich auftauchende Vampire im Rücken.
      "Ich habe trotzdem nicht gesehen, wie du das angestellt hast. Meinst du, du kannst das auch langsam machen? Vielleicht sollte ich dich auch bitten, für mich im Garten auf und ab zu laufen?"
      Gemeinsam machten sie sich auf den Weg zum Abendessen.
    • "Genau deswegen ist Simon überhaupt erst bei mir gelandet. Ich glaube nicht, dass er sich jemals Manieren zulegen wird. Er hält seine Meinung nur selten zurück. Ist eigentlich ganz charmant."
      Dass Thomas - oder vielmehr der Jäger - es ihm nicht übel nahm, wenn er sich so anschlich, ließ Vincent innerlich aufatmen.
      "Ich habe schon einmal Zirkustricks für dich aufgeführt, Thomas. Wenn du mehr willst, musst du erstmal selbst eine Aufführung hinlegen," neckte er den anderen Mann. "Aber ich kann dir gern nachher zeigen, was ich da eigentlich gemacht habe."
      Wie es sich gehörte, war weder von Simon, noch von Esther irgendwas zu sehen, als Vincent und Thomas in den Speisesalon kamen. Die beiden würden zusammen mit Nora in der Küche essen. Normalerweise hatte Vincent nichts dagegen, dass seine Angestellten mit ihm zusammen aßen, wenn ihnen danach war, aber seit Vlad in Cambridge aufgetaucht war, mussten sie ja ein bisschen den Schein wahren - selbst dann, wenn sie sich unbeobachtet fühlten.
      "So kompliziert ist es eigentlich gar nicht, weißt du? Ich bewege mich nur sehr sehr sehr leise und sehr sehr schnell. Das eine schaffe ich, weil ich jeden noch so kleinen Laut hören kann. Das andere schaffe ich, weil meine Muskeln sehr viel besser arbeiten können als deine. Wenn du dir also sicher bist, dass ein Vampir um dich herumschleicht, ist es praktisch Lärm zu machen. Wenn ich mich darauf konzentriere, kein Geräusch zu machen und zeitgleich auf deine Geräusche zu achten, kann sowas wie eine etwas heftiger zugeworfene Tür einem Kanonenschuss gleichen. Ziemlich ablenkend, wenn du mich fragst."
      Vincent zuckte kurz mit den Schultern, ließ sich aber nicht von seinem Abendessen abbringen. Oder eher Brunch.
      "Du hättest mich übrigens beinahe erwischt. Allerdings hast du dann eine Kerze mit zusammengezogenen Augenbrauen angestarrt, also gehe ich davon aus, dass du meine Bewegungen für das Flackern der Flamme gehalten hast."


    • Thomas hätte es fast nicht zugeben wollen, aber das war eine Neuigkeit für ihn. Lärm machen, um einen Vampir abzulenken, war eine Methode, die ihm nie alleine in den Sinn gekommen wäre. Ob das auch bei anderen Situationen funktionierte?
      "Das ist keine schlechte Idee. Das werden wir demnächst ausprobieren müssen, da kommst du nicht drum herum."
      Ein Lächeln schlich sich auf sein Gesicht.
      "Ich hatte nicht gedacht, dass du so gut bist. Ich dachte, ich würde wenigstens deinen Schatten oder irgendwas sehen - einen Lufthauch spüren. Dafür hattest du wohl auch genügend Zeit, das zu perfektionieren."
      Sie aßen in beruhigender Stille, bevor sie sich erneut in den Salon setzten. Vincent schien sich in letzter Zeit oft und gerne dort aufzuhalten, oder zumindest oft, wenn schon nicht das andere. Thomas beschwerte sich nicht, er genoss die gemeinsame Zeit mit ihm, bevor sie sich doch ins Schlafzimmer aufmachten, damit zumindest einer seinen Schlaf finden würde. Dort ergriff Thomas aber neue ungeahnte Energie, durch die er sich wesentlich mehr selbstbewusst und wesentlich weniger schüchtern über Vincent hermachte. Immerhin mussten sie die freien Tage miteinander ausnutzen, wo sie doch jederzeit abrupt enden konnten. Spätestens wohl wieder, wenn er den nächsten Vampir im Theater kennenlernen sollte.
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