[2er RPG] In his Thrall [Codren feat. Pumi]

    • Der Drang, mit einem herausfordernden Kommentar zu antworten, war beinahe überwältigend. Stattdessen lachte Vincent einfach nur herzhaft.
      "Wenn du so rot wirst, könnte ich dich glatt vernaschen," sagte er bloß und ließ sich auf einen Stuhl sinken, um sich seinem Frühstück zu widmen - und Thomas schmoren zu lassen, bis er sich selbiges zusammengestellt hatte.
      "Ich habe dir doch schon einmal erklärt, dass sich hier niemand darum kümmert, mit wem wir anbandeln. Esther muss sich noch daran gewöhnen, dass ich sie nicht anschreie oder gar zusammenschlage, wenn sie einen kleinen Fehler macht. Gibt ihr ein Jahr und sie wird dir ins Gesicht sehen, anstatt Löcher in meinen Teppich zu starren, wenn sie dir gegenübertritt. Jeder braucht ein bisschen Zeit, sie an die Freiheit in meinem Haushalt zu gewöhnen. Was unsere Beziehung zueinander angeht... ich habe es niemandem explizit gesagt - das muss ich auch nicht. Ich schulde niemandem Rechenschaft, weder meinem Personal, noch den Leuten unten im Dorf, noch der Königin. Allerdings bin ich mir ziemlich sicher, dass jeder auf diesem Grundstück weiß, wer du bist und dass du mir gehörst."
      Vincent zuckte unschuldig mit den Schultern, lehnte sich zurück und schob sich beinahe schon provokant ein Stück Apfel in den Mund.
      "Wenn ich dir eine sorgenfreie Woche verspreche, dann meine ich das auch, Thomas. Ich weiß, dass du dir Sorgen darüber machst, in einer prekären Situation erwischt zu werden, aber solange du nicht splitterfasernackt bist und dich bis zum Anschlag in mir verloren hast, gibt es keine prekären Situationen, in denen du erwischt werden könntest. Du hast also keine Ausreden dafür, mich nicht in deinen Armen zu halten, wann immer dir der Sinn danach steht. Und wenn ich dich küssen will, kann ich das auch tun und lassen wann immer und wo immer ich das möchte. Und ja, ich werde dir das Leben hier in meinem Anwesen so schmackhaft machen, wie eine Sahnetorte, damit du es dir zweimal überlegst, ob du wirklich in dein spießiges leben zurückkehren möchtest. Aber wir haben ja schon festgestellt, dass ich - und ich zitiere hier einen sehr intelligenten Mann - unmöglich bin."
      Er lächelte verschlagen und überschlug einmal mehr demonstrativ seine Beine, womit er Thomas eine gute, aber nicht die beste Aussicht gab.


    • "Mir musst du wohl auch ein Jahr geben, bis ich mich daran gewöhnt habe", brummte Thomas missvergnügt, während er sich das Brot bestrich. Er glaubte nicht, dass er sich jemals daran gewöhnen könnte vor den Angestellten mit Vincent zu liebäugeln, geschweige denn sich in irgendeiner Weise so losgelöst zu fühlen wie Vincent. Er verhielt sich so, als wären die anderen noch nicht einmal da, als könnte die ganze Welt auf seine entblößte Brust starren und es wäre ihm egal. Dafür würde Thomas weitaus mehr als ein Jahr benötigen, wenn überhaupt.
      Wie ihm später auffiel, fiel er genau auf die Falle rein, die Vincent ihm stellte, als seine Lippen sich betont langsam um das Apfelstück schlossen. Gab es denn irgendetwas, das dieser Mann tun konnte und das ihn nicht unglaublich verführerisch werden ließ? Während er die Bewegung in seinem Hals beobachtete, als der andere schluckte, war Thomas der festen Überzeugung, dass es nichts gab. Er konnte ja noch nicht einmal normal sitzen, ohne seine langen Beine zur Geltung zu bringen.
      Er riss den Blick von ihm los und wandte sich seinem Frühstück zu.
      "Eine prekäre Situation, so wie gestern? In deiner Bibliothek? Das war äußerst töricht und ich habe übrigens nicht vor, das in irgendeiner Weise zu wiederholen, nur damit das klar ist."
      Beim Stichwort Sahnetorte tappte er dann aber doch in die nächste Falle, als er aufsah um zu sehen, ob Vincent noch immer an seinem Apfel kaute. Er hatte ihn noch nie eine Sahnetorte essen gesehen, aber zu beobachten, wie er sich Sahne von der Lippe leckte, war nun doch ein großartiger Einfall, den es zu verfolgen galt.
      Aber nicht jetzt. Nicht, als Vincent seine lüsternen Gedanken mit einer nun wirklich provokativen Geste unterstrich. Thomas vergaß bei dem Anblick zu schlucken - wo hätte er auch nicht hinsehen können, in Gottes Namen - und hustete sich den Hals frei, was zumindest etwas Klarheit in seine Gedanken zurückbrachte. Zumindest soweit um zu erkennen, dass es untenrum schon enger wurde; es fehlte nicht mehr viel und dann würde man es sehen.
      Er ließ sein Frühstück stehen und stand auf.
      "Schluss damit. Du wirst dir jetzt etwas anziehen und dann wird dieser sehr intelligente Mann dich aus deinem Haus schmeißen. Wir machen einen Spaziergang, dabei kannst du mir die Gegend zeigen und aufhören mit deinen Sahnetorten und deinen..."
      Er machte eine vage Handgeste.
      "Anspielungen."
    • "Hm? Schade. Ich habe unsere prekäre Situation in meiner Bibliothek sehr genossen," gab Vincent schlicht zurück.
      Er schmunzelte, weniger ob seines Kommentars und mehr wegen den Purzelbäumen, die Thomas Herz gerade veranstaltete. Ihm lief geradezu das Wasser im Mund zusammen, während er dem nervösen Schlagen zuhörte.
      Als Thomas dann ohne Vorwarnung aufsprang, lachte Vincent erneut herzhaft. Sogar so sehr, dass ihm Tränen in die Augen schossen.
      "Ich habe mich schon gefragt, wie lange du aushältst, aber ich hätte nicht erwartet, dass du so schnell einknickst," kicherte er.
      Er atmete einmal tief durch, um sich wieder zu beruhigen.
      "Setz dich. Iss."
      Vincent richtete seine Robe, soweit er das im Sitzen konnte, und band sie sich ein bisschen fester um die Hüfte, womit er den größten Teil seiner nackten Haut nun bedeckte.
      "Heißt es nicht, das Frühstück ist die wichtigste Mahlzeit des Tages? Zumal du dir wirklich etwas anderes anziehen solltest, bevor wir das Haus verlassen, auch wenn ich dir nur mein Grundstück zeige. Ich hoffe doch, du hast ein paar ordentliche Schuhe dabei. Sowas ist mit viel laufen verbunden und der Schnee hier draußen ist kälter als der in der Stadt."


    • Halbwegs beruhigt angesichts dessen, dass Vincent sich schlussendlich tatsächlich seiner wiederholten Forderung gefügt hatte, dafür aber jetzt unzufrieden mit seiner Leistung, sich so einfach vorführen zu lassen, gab Thomas ein Grummeln von sich und setzte sich nach einem Moment wieder. Wenn er geglaubt hatte, bei dem Mann irgendwas bewerkstelligen zu können, hatte er sich getäuscht. Zum Schluss tat Vincent ja doch immer nur das, wozu ihm gerade zumute war.
      "Du bist wirklich unmöglich."
      Er widmete sich wieder seinem Brot.
      "Meine Sachen sind warm genug, wir müssen ja nicht den ganzen Tag draußen bleiben. Nur ein bisschen, um uns auf andere Gedanken zu bringen. Dich am meisten. ... Mich vielleicht auch."
      Er biss ab, danach tat er wie gewünscht und widmete sich seinem Frühstück, während Vincent sich schon beinahe vorbildlich verhielt und seine Beine geschlossen und seine Haut verdeckt hielt. Thomas beruhigte sich sogar jetzt schon wieder, aber das änderte nichts an seinem Entschluss - er wollte unbedingt dem Risiko entgehen, den beiden Frauen noch einmal über den Weg zu laufen. Und dem Rest der Belegschaft auch, wie ihm durchaus bewusst war.
      Vincent aß sowieso nicht viel, da dauerte es nicht lange, bis sie ihre Mahlzeit beendet hatten. Thomas zog sich das Jackett wieder an, bezwang seine Haare sogar ein wenig und rüstete sich für die winterliche Landschaft so gut es ihm nur möglich war. Zugegeben, sein langer, wenn auch etwas dünner Mantel war tatsächlich eher für das Stadtklima gedacht und nicht für das Land, wie Vincent schon gesagt hatte, und besonders dicke Schuhe hatte er auch nicht. Aber er hatte sich dafür entschieden und jetzt würde er erst recht keinen Rückzieher mehr machen.
      Schließlich wartete er auf Vincent.
    • Vincent entschuldigte sich nach dem Frühstück und verschwand zurück in sein Schlafzimmer - aber nicht, ohne Thomas vorher noch einen Kuss auf die Wange zu setzen.
      "Musstest du Esther so überfallen?" fragte Nora, die oben gerade damit beschäftigt war, sein Bett zu machen.
      Sie hatte dankenderweise die Vorhänge wieder zugezogen.
      Vincent, sich keiner Scham bewusst, schälte sich aus seiner Robe und warf sie über die Lehne eines Sessels, bevor er sich mit der Frage beschäftigte, was er anziehen sollte.
      "Wenn du das jemandem in die Schuhe schieben willst, dann dir selbst. Du weißt, wie ich bin, wenn er in der Nähe ist und trotzdem hast du Esther mit ins Esszimmer gebracht."
      Dafür bekam er eines seiner Zierkissen an den Kopf geworfen.
      Es folgte ein kurzer Moment der Stille zwischen ihm und Nora, während er sich in einen schlichten, bequemen Anzug zwang, und Nora ihrer Arbeit nachging.
      "Solltest du wirklich so viel in der Sonne rumlaufen? Dir geht es immer noch nicht gut, Vincent," brach Nora dann das Schweigen.
      Vincent kam zu ihr, legte ihr die Hände auf die Schultern und lächelte aufmunternd.
      "Mir wird schon nichts passieren," sagte er.
      "Das hast du das letzte Mal auch gesagt," gab sie zurück.
      Vincent seufzte.
      "Das letzte Mal war ich aber nicht zu Hause und in Gesellschaft eines mordlustigen Idioten. Das bin ich dieses Mal nicht. Vielleicht willst du ein Glas bereithalten, wenn wir wiederkommen. Nur um sicher zu gehen."
      Dieses Zugeständnis schien Nora zu beruhigen.
      "Glaubst du, er hat einen ordentlichen Mantel dabei?" fragte sie, das Thema wechselnd.
      "Thomas? Niemals. Du hast seinen Aufzug am Ball doch gesehen."
      "Dann hole ich wohl zwei aus dem Keller."
      Vincent schenkte Nora einen flüchtigen Kuss auf die Stirn und gemeinsam verließen sie sein Schlafzimmer wieder. Sie verschwand in Richtung der alten Bedienstetenflure, die hinter dem ganzen Pomp des alten Hauses verliefen, während Vincent die große Treppe in sein Foyer hinunterging, wo er einen vielsagenden Blick auf Thomas Aufzug warf.
      "Winterfest, hm? Meckere bloß nicht rum, wenn du krank wirst."
      Keine Minute später kehrte Nora zurück. Sie und ein junger Mann in Vincents Diensten brachten den beiden Männern schwere Mäntel mit Fellkragen.
      "Die sind zwar ein bisschen altmodisch, aber sie funktionieren hervorragend, du wirst schon sehen," meinte Vincent, während Nora ihm in den Mantel half.

      Draußen war es wirklich bitterkalt. Der Himmel war zugezogen, aber dank dem ganzen unangetasteten Schnee in der Gegend war es nicht wirklich grau. Es schneite gerade auch nicht.
      "Was willst du zuerst sehen?" fragte Vincent. "Mein geheimes Bordell oder doch lieber den Tempel, in dem ich den Teufel anbete? Ich hätte auch einen zugefrorenen See im Angebot, aber das wäre ja langweilig."


    • Vincents Blick sprach bereits Bände, als er herunterkam, und Thomas bereitete im Gegensatz schon die Falten auf seiner Stirn darauf vor, sich zu verschärfen. Schließlich wurden Gedanken laut ausgesprochen.
      "Willst du deinen Arzt etwa über angemessene Winterkleidung belehren? Das verletzt meinen Stolz zutiefst, Vincent."
      Zugegeben, wenn Vincent in einem solchen Aufzug aufgetaucht wäre, hätte er ihn nicht in hundert Jahren vor die Tür gelassen - daran hätte auch eine hübsche Brust und verführerische Augen nichts geändert. Der einzige Unterschied war, dass Thomas sehr gut auf sich selbst aufpassen konnte. Bei Vincent wollte er lieber von vornherein kein Risiko eingehen.
      Er sagte nichts weiter, als auch Nora wieder auftauchte, begleitet von einem männlichen Angestellten. Thomas runzelte die Stirn und ließ sich in den Mantel helfen. Eine Minute später hatten sie eine dicke Tür zwischen sich und die Belegschaft gebracht und stellten sich dem letzten, eisigen Tag des Jahres, der so winterlich und trüb war, wie man es von einem Tag im Dezember nur erwarten konnte. Die Luft war so kalt, dass sie auf ungeschützten Körperstellen regelrecht brannte. Thomas war binnen Sekunden vollkommen nüchtern.
      Jetzt doch etwas dankbar um den Mantel, schob er die Hände tief in seine Taschen und versuchte, ihn dicht am Körper zu halten. Zum Glück windete es nicht allzu stark, sodass es sogar ziemlich erträglich war.
      Sie setzten sich auf knirschendem Schnee in Bewegung und folgten einem für Thomas unsichtbaren Pfad, den Vincent im Gegenzug auswendig zu kennen schien.
      "Jetzt ist der Teufel auch noch auf deinem Grundstück? Ich dachte, das wäre der Tempel, in dem du die Babys isst. Oder das Blut trinkst? Ich habe es schon wieder vergessen."
      Er warf ihm einen zweifelnden Blick zu.
      "Ich glaube, ich bin noch nicht bereit, so intim mit dir zu werden, um das zu sehen. Dann muss es eben der See tun, wie schade."
      Sie gingen dicht beieinander aus Ermangelung an viel Gehweg. Die Gegend war weitläufig und bot im Sommer sicherlich eine wunderschöne Ebene. Thomas erwischte sich dabei, wie er sich wünschte, lieber im Sommer mit Vincent hier spazieren zu gehen.
      "... Seit wann hast du eigentlich auch Männer bei dir angestellt? Ich habe bisher immer nur Frauen bei dir gesehen."
      Und das wäre ihm auch so recht gewesen, aber ein Mann unter der Dienerschaft? Und ein junger, ansehbarer noch dazu? Thomas warf Vincent einen Blick zu. Er war nicht eifersüchtig, ganz sicher nicht, aber man durfte sich ja mal interessieren.
      Er schob die Hände tiefer in die Taschen.
    • "Ich esse doch keine Babies! Das sind Opfergaben an den Teufel und seine dämonische Schar. Ausschließlich Erstgeborene, natürlich."
      Grinsend stieß er Thomas mit seiner Schulter an, dann setzte er sich in Bewegung, um dem Mann seinen weitläufigen, eingeschneiten Garten zu zeigen. Hier und da konnte man noch ein weiteres Gebäude sehen - die beiden Wohnhäuser für seine Belegschaft, einen Schuppen für die Gärtner und ihre Gerätschaften, ein alter Stall.
      "Schon immer?" beantwortete Vincent die Frage des anderen. "Ich habe dir doch gesagt, dass ich jeden Vertrag aufkaufe, wenn ich Misshandlungen sehe. Leider sehe ich das sehr oft - beinahe jedes Mal, wenn ich mich in Gesellschaften herumtreibe - also habe ich auch eine kunterbunte Belegschaft. Den Platz dafür habe ich ja. Und wenn die beiden Häuser, die ich zur Verfügung habe, eines Tages nicht mehr ausreichen, um alle unterzubringen, dann baue ich eben ein neues."
      Er zuckte mit den Schultern und traf die bewusste Entscheidung, Thomas' kleinen Anfall von Eifersucht zu ignorieren.
      Unterwegs begegneten sie zwei weiteren Frauen, die Vincent beschäftigte. Eine von beiden, die jüngere, schob einen Kinderwagen vor sich her. Vincent strahlte, als er die beiden sah, und eilte zu ihnen.
      "Annette! Wie geht es dem kleinen Stuart?" fragte er und beugte sich über den Kinderwagen, in dem ein kleiner Junge friedlich vor sich hin schnarchte.
      "Ihm geht es gut, danke der Nachfrage," antwortete die junge Frau.
      "Das freut mich zu hören. Lass es mich wissen, wenn du irgendetwas für den kleinen Fratz brauchst, ja? Bloß nicht zögern."
      Sie nickte und die beiden Frauen verabschiedeten sich von Vincent, bevor sie weitergingen. Vincent sah ihnen einen langen Augenblick nach, bevor er zu Thomas zurückkehrte.
      "Hast du dieses Lächeln gesehen? Deswegen mache ich das. In ihrem vorherigen Haushalt hätte Annette das Baby abgeben müssen, weil sie keine Zeit für ein Kind hatte. Entweder das, oder sie hätte ihre Anstellung verloren, vielleicht sogar beides. Und was macht sie hier? Hier muss sie nicht einmal arbeiten, solange Stuart noch so klein ist. Und wenn er älter wird, dann werde ich dafür sorgen, dass er eine gute Nanny bekommt, Lehrer, eben alles, was er braucht."
      War das Vincent Art, ein Vater zu sein, wohlwissend, dass er niemals eigene Kinder haben würde? Vielleicht. Er hatte nie groß darüber nachgedacht, Kinder zu haben und gerade als er alt genug war, um solche Gedanken zu haben, hatte man ihm die Wahl genommen. Dass er dabei auch half, alleinerziehenden Müttern eine Chance zu geben, dass er ihren Kindern mehr Chancen gab als ihre Geburt zuließ, war nur ein weiterer Bonus.

      Sie erreichten den See ein paar Minuten später. Das hier war kein kleines Wässerchen in einem Stadtpark, sondern ein richtiger See, groß genug, um ihn mit einem Boot zu überqueren. Einem Boot, das gerade ordentlich vertäut in dem kleinen Bootshaus am Ufer wartete.
      Vincent ging hinüber zum Rand des Sees und prüfte, wie dick das Eis war. Er hob einen Stein auf und warf ihn auf die Eisfläche. Der dumpfe Einschlag hinterließ kaum Spuren.
      "Kannst du Schlittschuhlaufen?" fragte er Thomas, während er sich schon in Richtung Bootshaus bewegte.


    • Thomas presste die Lippen aufeinander und ging nicht weiter drauf ein, genauso wenig wie Vincent die Sache weiter ausführte. Natürlich hätte er Anschlussfragen gehabt, ob er denn jemals darüber nachgedacht hatte mit einem seiner Angestellten…? Oder ob er grundsätzliches Interesse an bestimmten Dingen zeigte? Ob die anderen es zeigten?
      Aber er war ja schließlich nicht eifersüchtig und daher beschränkte er sich darauf, stur geradeaus zu schauen und zu schweigen.
      Auf ihrem Weg durch das Grundstück trafen sie wohl auf weitere Bedienstete, denn Vincent begrüßte sie so herzlich, dass man meinen könnte, er sähe alte Freunde wieder, und eilte zu ihnen hinüber. Thomas hatte gar keine andere Wahl, als ihm zu folgen.
      Irritiert über den Anblick, den die kleine Gesellschaft bot, blieb er im Hintergrund stehen. Er hatte Vincent nie in Gedanken mit Kindern verbunden, aus dem schlichten Grund, dass der Mann nicht so wirkte, als hätte er gerne welche um sich. Schließlich beschäftigte er sich die meiste Zeit mit Büchern und das schien nun nicht sehr kindgerecht. Und wenn es doch der Fall war, hätte er doch sicherlich schon längst eine Frau, mit der er welche gezeugt hätte, oder etwa nicht?
      Was auch immer der Ausgang dieser Frage wäre, es berührte Thomas, mit welcher Fürsorge Vincent mit seinen Angestellten umging. Er hatte ja bereits erfahren, dass der Mann in bestimmten Kreisen ein Samariter war, aber er war es auch noch mit einer solchen Leidenschaft, als würde er sein ganzes Leben nur danach ausrichten. Vielleicht tat er das sogar auch. Thomas glaubte, dass dieser Mann noch nie so schön gestrahlt hatte wie in diesem Augenblick.
      "Du bist ein guter Mann, weißt du das?", fragte er, als sie weitergingen. "Besser als die meisten Menschen heutzutage. Das ist überaus löblich."
      Er wäre sogar so weit gegangen seine Hand zu ergreifen, aber in der Kälte beschränkte er sich doch lieber auf auf ein kurzes Lächeln in Vincents Richtung.
      Sie kamen an den angekündigten See, der sich in seiner erstaunlichen Größe nach allen Seiten weitete. Er war tatsächlich zugefroren, so wie eine dicke Eisschicht zu verstehen gab, auf der sich schon der neue Schnee etwas abgelegt hatte. Thomas folgte Vincent zum Eis hinab.
      "... Wie bitte?"
      Er hatte ihn für einen Moment tatsächlich nicht verstanden. Dann, als seine Worte endlich einsackten, hatte Vincent sich schon in Bewegung gesetzt.
      "Wie bitte?!"
      Vor dem Bootshaus holte er ihn ein.
      "Du hast doch nicht allen ernstes vor, darauf Schlittschuh laufen zu gehen?"
      Leider kannte er den Mann schon gut genug, um gar keine ernste Antwort zu benötigen.
      "Das wirst du nicht tun, auf gar keinen Fall! Selbst wenn du es kannst - ich kann es nämlich nicht - das ist eine absolut schlechte Idee! Was ist, wenn das Eis einbricht, wer wird dich dann rausholen? Ich sollte an dieser Stelle vielleicht erwähnen, dass ich auch kein sehr guter Schwimmer bin, ganz besonders nicht in Eiswasser!"
    • Vincent lachte, drehte sich zu Thomas um und setzte seinen Weg zum Bootshaus rückwärts fort.
      "Ich habe das Eis eben getestet. Es ist dick genug zum Schlittschuhlaufen, keine Sorge," sagte er.
      Doch als er Thomas' besorgte Blicke in Richtung des zugefrorenen Sees sah, blieb er stehen, bis der Mann in ihn hineinrannte. Er ergriff Thomas' Hände, die trotz der Kälte hier draußen immer noch warm waren - sehr viel wärmer als seine eigenen.
      "Ich könnte dir jetzt sagten, dass ich am Rand bleibe, wo das Wasser nicht besonders tief ist. Dass ich das schon dutzende Male gemacht habe und noch nie etwas passiert ist. Dass da Spuren auf dem See sind, wo andere schon Schlittschuh gelaufen sind."
      Er strich über Thomas' Wange, als könnte er damit die Sorgenfalten im Gesicht des anderen glätten.
      "Aber das werde ich nicht. Und ich werde mir keine Schlittschuhe an die Füße schnallen und dich dazu zwingen, das Gleiche zu tun."
      Vincent stahl sich einen Kuss, bevor er seinen Weg zum Bootshaus fortsetzte. Er zog Thomas an einer Hand hinter sich her.
      Das Bootshaus war kein wirkliches Haus. Es war auf der dem See zugewandten Seite komplett offen und hatte keinen durchgehenden Boden, was es leichter machte, eines der drei Ruderboote, die jetzt im Winter über dem Eis an Seilen hingen, ins Wasser zu lassen. Extra Ruder standen in einer Ecke, es gab einen Tisch mit Werkzeug, um die Boote zu reparieren oder den See sauber zu halten, an einer Wand hingen mehrere Paare Schlittschuhe und einsame Kufen, die man sich an die eigenen Schuhe binden konnte. Vincent ignorierte alles davon und nahm Thomas mit durch den Raum, vorbei an den Boten und Schlittschuhen zu einer Tür, die aussah, als führe sie auf der anderen Seite wieder hinaus. In Wahrheit versteckte sich dahinter eine schmale, etwas steile Treppe.
      Vincent schenkte Thomas ein fröhliches Lächeln, bevor er die Stufen erklomm. Das Stockwerk über dem Bootsraum war nichts allzu Besonderes, aber es hatte seinen eigenen, gemütlichen Charme mit den dicken Teppichen, die über Jahre aufeinandergestapelt worden waren, mit dem alten Sofa, das von mehr Kissen belagert wurde, als Sinn machte, dem Stapel Decken in der Ecke, und der Aussicht auf den zugefrorenen See hinter einem großen Fenster.
      Vincent huschte hinüber zu dem winzigen Kamin, überprüfte den Abzug, und machte sich dann daran, ein Feuer zu entzünden. Als die Flammen kurze Zeit später anfingen, den Raum mit ein bisschen Wärme zu füllen, wandte er sich mit einem breiten Grinsen Thomas zu.
      "Besser?" fragte er.


    • Es hätte wohl nichts gegeben, was Thomas in irgendeiner Weise beruhigt hätte, außer die schiere Aussage, doch nicht das Eis zu betreten. Dementsprechend blieb er besorgt, bis Vincent ihn schließlich erst damit besänftigte und einen Kuss auf die Lippen hauchte. Verstohlen sah er sich um, ob sie jemand gesehen hatte, bevor er von dem anderen Mann mitgezogen wurde.
      Die Utensilien im Bootshaus selbst ließen darauf schließen, dass Vincent keineswegs gelogen hatte und dieses Vorhaben schon einige Male in die Tat umgesetzt haben musste. Thomas mochte sich gar nicht vorstellen, was passiert wäre, wenn er tatsächlich eines Tages eingebrochen wäre; dann hätten sie sich wohl nie kennengelernt, schätzte er. Der Gedanke kam ihm äußerst deprimierend vor.
      Bei der Tür auf der anderen Seite offenbarte sich ihnen dann eine Treppe nach oben, der sich Vincent mit derselben Fröhlichkeit, die er schon die ganze Zeit in sich hatte, stellte. Es lag etwas in der Art, wie er sich vor der ersten Stufe zu Thomas umdrehte, wie sein ganzes Gesicht dabei zu strahlen schien, wie seine Augen Thomas mit einer Endgültigkeit erfassten, die ihm einen Schauer über den Rücken jagte. Nicht zum ersten Mal glaubte er, diesen einen Anblick nie vergessen zu können, wie Vincent vor ihm zu ihm zurückblickte, ihrer beide Hände miteinander verschränkt, das dämmrige Licht in der Hütte, das seine Züge erhellte. Das Lächeln in seinem Gesicht. Vincent war atemberaubend schön wenn er lächelte, wenn sich die kleinen Falten auf seinen Wangen bildeten. Thomas spürte sein Herz springen.
      Er folgte ihm nach oben, diesmal ohne einen weiteren Kommentar über sein Vorhaben oder ihren Aufenthaltsort zu machen, und fand sich in einer recht gemütlichen Dachkammer wieder, die ein wenig rustikaler wirkte als das sonstige so prunkvolle Anwesen. Der Ausblick auf den See war idyllisch, beinahe schon träumerisch, wie vereist er sich vor ihnen in der Landschaft ausbreitete. Thomas trat ans Fenster, während Vincent zum Kamin ging und ihn in Betrieb nahm. Als das Feuer aufloderte, sah er zu ihm hinüber.
      "Ja." Jetzt lächelte er selbst. "Besser."
      Er streckte die Hand auffordernd nach Vincent aus, damit der Mann zu ihm kam und ergriff beide seiner Hände, bevor er ihn an sich zog. Vincents Haut war kalt, beinahe schon eisig. Thomas legte ihm eine Hand an die Wange.
      "Ist dir etwa kalt? Du hättest dich besser anziehen sollen."
      Er zog ihn an sich und küsste ihn freimütig auf die Lippen - wer sollte sie hier schließlich auch sehen, etwa der See? Auch Thomas war kalt, aber er öffnete seinen Mantel dennoch und leitete Vincents Hände in einer Umarmung zu seinem Rücken, damit er sich wenigstens aufwärmen konnte. Die eigenen Arme schlang er um die Schultern des Mannes.
      "Tut mir leid wegen dem Schlittschuhlaufen. Ich könnte es nicht ertragen, wenn dir etwas zustieße; da spricht wohl der Doktor und Liebhaber gleichzeitig aus mir."
      Er lächelte ein wenig und reckte sich, um Vincents Stirn zu küssen. Dann löste er sich wieder ein bisschen von ihm.
      "Das ist ein hübscher Raum. Vielleicht nicht sehr... adäquat eingerichtet. Wozu, damit du mal deine Ruhe hast? Oder besser gesagt wir?"
    • "Sprach der Mann, der nicht einmal einen richtigen Wintermantel besitzt," gab Vincent frech zurück, bevor er sich in den Kuss lehnte.
      Und in die Umarmung des anderen. Thomas' Wärme war im Augenblick wirklich mehr als angenehm. Vincent mochte zwar die langen Nächte im Winter, nicht aber die Kälte, die er mit sich brachte. Wenn sein Körper auskühlte, wurde er immer ganz träge, wie ein Bär, der Winterschlaf machen musste. Nicht sehr angenehm, wenn die eigenen Gedanken von Schnecken überholt werden konnten.
      "Ich kann nächste Woche immer noch Schlittschuhlaufen, wenn ich mich anderweitig beschäftigen muss, um nicht immerzu an dich zu denken."
      Als sich Thomas von ihm löste, entfernte sich Vincent von dem Fenster und ging vor dem Kamin in die Hocke, stocherte mit einem Schürhaken ein wenig darin herum. Dass er dabei dem Sonnenlicht ein bisschen entkommen konnte, war natürlich nur Zufall.
      "Ich habe meine Ruhe, wann immer mir danach ist. Aber meine Angestellten leben alle im gleichen, kleinen Haus. Sie sind diejenigen, die hin und wieder mal ein bisschen Zeit für sich brauchen. Das hier ist auch ein guter Ort, um nach solchen Abenteuern wie Schlittschuhlaufen wieder aufzutauen, oder im Sommer ein bisschen Schatten zu finden. Aber nur, weil dieser Ort hauptsächlich anderen dient, hindert das mich ja nicht daran, auch hier zu sein."
      Vincent schälte sich aus seinem schweren Wintermantel und legte ihn über einen einsamen Sessel in der Ecke. Stattdessen schnappte er sich eine der Decken und schlang sich die um die Schultern, bevor er sich auf dem Sofa niederließ. Für einen Moment drohte seine Müdigkeit ihn zu übermannen.
      "Manchmal komme ich her, weil das hier kleiner ist. Simpler. Hier oben fühle ich mich nicht wie Lord Harker. Hier bin ich einfach nur Vincent Caley."
      Vincent sah aus dem Fenster, aber er sah nicht den See, sondern eine einfachere Zeit. Eine Zeit lange bevor er seine Existenz in der Nacht fristen musste. Eine Zeit, zu der er wirklich nur Vincent Caley gewesen war.


    • Thomas machte ein Gesicht, das Vincent nicht sehen konnte, nachdem er sich wieder von ihm abwandte. Eigentlich wäre es ihm ganz recht gewesen, wenn der Mann nie wieder Schlittschuhlaufen gegangen wäre, auch wenn er einsah, diese Diskussion aufgeben zu müssen. Wenn es eins gegeben hätte, was Thomas sich über alles wünschte, dann war es diesen Mann, der sich in ihn verliebt hatte und dessen Gefühle er gewissermaßen teilte, vor allen Übeln dieser Welt zu schützen, seien es nun körperliche oder geistige. Das war schwachsinnig und völlig irrational, wie ihm sehr wohl bewusst war, aber etwas anderes hatte er nicht gelernt. Er existierte, um Menschen zu beschützen und er wollte all jene, die er liebte, in vollkommener Sicherheit wissen.
      "Es ist wirklich angenehm hier", bestätigte er. Kurz darauf schien der Ofen auch schon warm genug zu sein, denn Vincent schlüpfte unverhofft aus seinem Mantel und kuschelte sich stattdessen in eine der Decken. Es benötigte kein einziges Wort um Thomas davon zu überzeugen, dass dieser Ort der einzige war, an dem er jetzt sein wollte: Auf einem langsam aufheizenden Dachboden im gefühlten Nirgendwo, der von Schnee umgeben war und in dem es nur sie beide gab - sie beide und eine Menge Decken und Kissen.
      Er schlüpfte nach einem Moment ebenfalls aus seinem Mantel, fröstelte kurz in dem doch noch nicht recht warmen Raum und tat es dann Vincent gleich, indem er sich mit einer Decke um die Schultern neben ihn setzte. Eine auffordernde Armbewegung später und sie hatten beide Decken zu einer großen verbunden, die sie um sie beide legen konnten. Thomas legte den Arm um Vincents Schultern und zog ihn an sich. Der Mann hatte seinen Blick in eine unbekannte Ferne gerichtet.
      "... Vermisst du dein Zuhause, in Frankreich? Oder die Zeit bevor du Lord wurdest?"
      Er betrachtete das Seitenprofil seines Freundes, das ferne Glitzern in seinen lebhaften Augen. Er würde ihn ganz sicher vor allem Übel schützen, dessen war er in diesem Moment so überzeugt, wie er nur sein konnte. Er zog die Decke ein wenig enger um Vincent.
    • Vincent lehnte sich mehr aus Reflex gegen den warmen Körper, als er das bewusst tat. Vor seinem geistigen Auge sah er sich selbst da draußen auf dem See, keine zehn Jahre alt.
      "Mein Zuhause war nicht in Frankreich," antwortete er leise. "Dort habe ich bloß auf Wunsch meines Vaters gelebt, aber zuhause war ich dort nie. Das war hier, bei meiner Mutter. Aber die Oberschicht muss eben die Etikette lernen. Und wenn die entfernte Verwandtschaft aus einem Land stammt, in dem der Nachwuchs sonst niemanden kennt, dann ist das eben so. Er wird sich schon zurechtfinden, er spricht ja ein paar Worte Französisch."
      Vincent beobachtete sein kindliches Selbst über den See huschen. Lachend rauschte der kleine Junge über das Eis, nicht sicher, wie er abbremsen sollte. Doch seine Mutter fing ihn auf, stimmte in sein Lachen mit ein. Vincent erinnerte sich noch genau daran, wie er sich an diesem Wintertag aus dem Haus geschlichen hatte. Sein Vater war geschäftlich in London gewesen und ein Schneesturm zwei Tage zuvor hatte seine Reise nach Hause verzögert. Den Kindermädchen zu entwischen war ein Leichtes, suchten sie ihn doch bestimmt nur in der Bibliothek. Nach seinem siebten Geburtstag hatte Vincent seine Mutter kaum zu Gesicht bekommen. Bevor sein Vater aufgebrochen war, hatte er ihm mittgeteilt, dass er im Frühling nach Frankreich reisen würde, um dort zu leben. Vincent erinnerte sich noch genau daran, wie er seine Mutter angefleht hatte, mit ihm zu kommen. Damals hatte er noch nicht gewusst, dass das nicht ging. Er hatte es nicht verstanden, hatte es nicht verstehen wollen.
      Vincent seufzte und drückte sein Gesicht gegen Thomas' Halsbeuge, ignorierte die verlockenden Erinnerungen aus längst vergangenen Zeiten. Sein kalter, müder Verstand wollte ihn nur ärgern.


    • Thomas schwieg, während Vincent erzählte, weil er glaubte, dass mehr dahinter steckte als die bloße Erinnerung an vergangene Kindheitstage. Es wurde deutlich an der Art, wie untypisch schweigsam der andere Mann geworden war, wie wenig von seinem sonst so frechen Selbst an die Oberfläche kam. Er wollte ihn nicht drängen und gleichzeitig wollte er mehr über Vincents Vergangenheit erfahren, von der er bisher eher spärlich berichtet hatte.
      Er schob die Finger in Vincents Haare und streichelte seinen Kopf, mit der anderen Hand ergriff er Vincents um sie zu wärmen, auch wenn sie in etwa gleich kalt waren. Der Ofen brutzelte leise vor sich hin, die Wärme hatte sie noch nicht ganz erreicht.
      "Leben deine Eltern noch, deine Mutter? Du konntest sie doch sicherlich besuchen? Frankreich ist schließlich nicht am anderen Ende der Welt."
    • Vincent schüttelte den Kopf and Thomas' Hals.
      "Meine Mutter im darauffolgenden Winter verstorben."
      Weil sein Vater sich nicht dazu herablassen konnte, seiner Belegschaft ordentlich zu behandeln und ihnen wenigstens ein bisschen Würde zu gestatten.
      "Mein Vater hat das hohe Alter auch nicht erreicht, auch wenn er sehr viel bessere Chancen auf ein langes Leben hatte als sie."
      Vincent lachte kurz bitter auf.
      "Unsere französische Verwandtschaft war geradezu erleichtert als uns die Nachricht erreichte, dass ich jetzt seine Position halte. Enfin quelqu'un digne de ce titre haben sie gesagt. Endlich jemand, der diesen Titel verdient. Eine seltsame Aussage, wenn du mich fragst. Wie habe ich mir meinen Titel denn verdient? Indem ich geboren wurde? Das war ja wohl kaum meine Errungenschaft. Indem ich mich brav habe rumschubsen lassen? Das war nicht besonders schwer, wenn auch nicht angenehm. Aber erarbeitet habe ich mir gar nichts. Es wurde mir einfach alles ausgehändigt. Immerhin war ich danach frei zu tun und zu lassen, was ich wollte. Wirklich frei, so dachte ich, bis ich mit den ganzen Verantwortungen konfrontiert wurde. Es hat eine ganze Weile gedauert bis ich gelernt habe, dass ich sehr wohl tun und lassen kann, was ich will, solange ich nur all die hochwohlgeborenen Stimmen zu ignorieren bereit bin. Ich habe aufgehört, zu den Regierungstreffen zu gehen. Ich habe aufgehört, Einladungen zu Bällen und Salons nachzukommen. Ich habe aufgehört, mir all die hübschen, jungen, unverheirateten Töchter andrehen zu lassen. Die Gerüchteküche war natürlich am Brodeln, aber ich habe aufgehört, hinzuhören. Ich bin eigentlich nur auf dem Papier ein Lord, alles was damit einhergeht ist mir nämlich vollkommen egal."
      Was ihm nicht egal war, war der kräftige, ruhige Herzschlag, der direkt an seiner Wange pulsierte. Vincents Zahnfleisch schmerzte ein wenig und von jetzt auf gleich war er sich schmerzlich bewusst, dass er nicht für Ausflüge am Tag gemacht war. Seine Haut wurde ihm mit einem Mal zu eng, viel zu eng, seine Flange brannte wie Höllenfeuer und seine Augen schmerzten von dem gnadenlosen Licht der Sonne. Er müsste sich kaum Mühe machen, um sich Linderung zu verschaffen. Es war genau da, alles was er wollte.
      Vincent drängte das Monster in seinem Inneren nieder und platzierte einen hauchzarten Kuss auf Thomas' Halsschlagader, bevor er sich in der Umarmung dess Mannes nach unten sinken ließ, bis er seinen Kopf auf Thomas' Schoß legen konnte. Das Sofa war nicht unbedingt dafür ausgelegt, war es doch recht klein, also baumelten seine Beine über eine der Armlehnen, aber das machte Vincent nicht viel aus.
      "Und was ist deine tragische Geschichte?" fragte er mit einem sanften Lächeln. "So ein großes Haus kommt doch für gewöhnlich auch mit einer großen, unverdient reichen Familie. Und doch lebst du ganz allein dort."


    • Jetzt von Vincents Vergangenheit zu hören, die sich ausgesprochen trist und ausgesprochen verloren anhörte, stärkte nur noch das Gefühl in Thomas, den Mann beschützen zu wollen. Er bekam etwas mehr Aufschluss darüber, wie sein Vater wohl in der ganzen Familie angesehen wurde und verband das mit seinen bisherigen Informationen über Vincents Vergangenheit. Eigentlich war er ja nur ein junger Mann, der sich an einem Titel erfreuen konnte, der ihm regelrecht in den Schoß gefallen war. Thomas hatte schon gemerkt, dass Vincent nicht dem typischen Lord entsprach, besonders nicht nach der Art wie er lebte. Aber jetzt machte alles noch ein wenig mehr Sinn.
      Er tat ihm leid. Was hätte er nur alles getan, damit er den unangenehmen Teil seiner Kindheit vergessen konnte.
      Vincent legte sich auf seinem Schoß zurecht und Thomas zog die Decke über dessen Körper zurecht, bevor er damit weitermachte, über seine Haare zu streichen. Er wäre zur Seite gerückt, damit Vincent gänzlich auf das Sofa passte, aber dafür war es zu klein.
      "Meine Familie ist auch längst nicht mehr dort, wo sie einst gewesen ist und so wie deine vermutlich auch, haben wir keinen Kontakt zu unseren zurückgebliebenen niederländischen Verwandten. Ich bin mir nichtmal sicher, ob es außerhalb von England noch van Helsings gibt.
      Wir haben niemals woanders als in Cambridge gewohnt und das Haus hat sich mit den Jahren erweitert. Ursprünglich gab es mal nur das Erdgeschoss, dann baute der Vater meines… Vaters des… ach, so genau weiß ich das nicht. Irgendwer baute mal die erste Etage obendrauf und dann kamen noch ein paar Räume dazu, der Keller und die Veranda. Mein Großvater hat die riesigen Fenster einbauen lassen wegen der Vampire; er war auch derjenige, der sie damals in unser Haus gebracht hat. Nicht wortwörtlich, um Himmels Willen, aber er hat sie entdeckt und angefangen seine Wissenschaft mit ihnen aufzubauen. Frag mich nicht, wie er es geschafft hat, dem ersten Vampir zu begegnen und nicht zu sterben, denn dieses Geheimnis hat er mit ins Grab genommen.
      Jedenfalls waren wir zu dem Zeitpunkt eine große, englisch-niederländische Familie. Insgesamt waren es… 10, glaube ich. Vielleicht ein bisschen weniger, vielleicht ein bisschen mehr, mein Großvater hatte viele Geschwister.
      Er hat die Vampire entdeckt, er hat angefangen sie zu jagen. Er hat sie nicht oft körperlich gejagt, aber… das ist schwer zu erklären. Du kannst ihn dir vorstellen wie einen verrückten Wissenschaftler, der noch zu wenig über seine Materie weiß, um Rückschlüsse zu ziehen. Experimente hat er daher hauptsächlich gemacht, so hat er wohl in gewissermaßen gejagt. Die Experimente waren bei Vampiren wohl tödlich.
      Mein Vater hat diese Art zu jagen zwar aufgenommen, sich aber mehr auf die körperlichen Aspekte konzentriert. Er hat angefangen, Vampire zu köpfen, weil das schneller und effektiver ging. Das hat aber nunmal auch die Aufmerksamkeit anderer angezogen, die sich plötzlich durch ihn bedroht sahen. Er hat überlebt, er war schließlich trainiert, er hatte Erfahrung - seine Cousins aber nicht. Seine Onkel und Tanten auch nicht. Mein Großvater selbst ist durch Herzversagen gestorben, glaube ich: Zu viel Dünste eingeatmet. Aber ganz sicher weiß ich es nicht.
      Meine Eltern waren die letzten in einer Reihe von Racheakten. Ein Jäger tötet einen Vampir, ein Vampir tötet einen Jäger oder Familie. Mein Vater ist gestorben, weil er meine Mutter rächen wollte. Ich wollte damals ursprünglich hauptsächlich Arzt werden, also habe ich ihn nie gerächt. Ich konnte jagen, ich habe auch gejagt, aber ich tue es nie des Jagens wegen, sondern um die Menschen zu beschützen. Wenn ein Vampir frisst, wird er dafür zur Rechenschaft gezogen, so einfach ist das. Wenn er nicht frisst, weiß ich auch nicht, dass er existiert und jage ihn auch nicht."
      Er zuckte knapp mit den Schultern.
      "Einen schlafenden Löwen weckt man schließlich nicht. Ich denke, deswegen ist mein Vater gestorben, ich denke, deswegen lebe ich noch. Wenn es keine Vampire gäbe, würde ich vielleicht Schwerverbrecher jagen, wenn sie meinen Großvater damals auch so fasziniert hätten."
      Er schwieg einen Moment und kraulte Vincents Kopf.
      "Ich denke, du hättest meinen Großvater gemocht. Ihr wärt sicherlich fantastisch miteinander ausgekommen, er hätte dir ein paar Bücher abgequatscht und dann hätte er dich in eine Theorie darüber verwickelt, weshalb Eckzähne an dieser Stelle sitzen und nicht eins weiter vorne. Natürlich alles im Hinblick auf Vampire."
      Ein weiterer Moment des Schweigens folgte.
      "... Jetzt habe ich mich irgendwie in Vampirjagd verloren. Ich glaube, die Geschichte meiner Familie kann ich nicht ohne Vampire aufziehen, zumindest nicht, wenn ich nicht allzu weit zurückgehen will. Wenn dich das stört, wäre wohl jetzt ein geeigneter Zeitpunkt dafür, mir das mitzuteilen, bevor ich eines Tages wieder damit anfange."
    • "Aber ich höre dir gerne zu," gab Vincent mit einem kleinen Lächeln zurück.
      Er musste sich so einige Kommentare verkneifen, währen Thomas seine Familiengeschichte zum Besten gab. Er hätte so viele Lücken füllen können, aber das wäre ja wohl ein bisschen seltsam. Einen Punkt musste er dann aber doch ansprechen.
      "Was, wenn du von einem Vampir erfährst, der sich nicht an Menschen labt? Die können doch bestimmt auch Tiere jagen, oder? Und wenn das geht, können sie dann nicht auch von Schweineblut oder Rinderblut leben? Sowas bekommt man dieser Tage doch bei jedem Schlachter."
      Vincent wusste nicht, auf welche Antwort er hoffte. Er wusste auch nicht, ob die Antwort auf seine Frage beeinflussen würde, wann er Thomas über seine Existenz aufklärte. Dass er es tun musste, das wusste Vincent. Er hoffte nur, dass er damit nicht zerstören würde.


    • Thomas zögerte einen Moment um nachzudenken, obwohl er die Antwort schon kannte - er wollte nur Vincents Enthusiasmus nicht gleich wieder zerstören.
      "Von sowas habe ich noch nie gehört. Zugegeben, ich habe wohl auch noch nie mehr als drei Sätze mit einem Vampir gewechselt, aber das hört sich sehr unrealistisch an. Wieso sollte ein Vampir solche Umwege gehen, nur um zum Schluss mit Tierblut auszukommen? Das wäre so, als würde dir jemand, wenn du beinahe ausgehungert bist, ein Dessert vor die Nase stellen und du würdest dankend ablehnen und stattdessen zu einem Teller Erbsen greifen. Das ist in keinster Weise so befriedigend wie das Dessert und du wärst dir dessen immer bewusst, wenn du die Erbsen nimmst. Ich kann mir nicht vorstellen, dass ein Vampir sich solche Mühe machen sollte. Wofür auch?"
      Er schwieg einen Moment, diesmal um wirklich nachzudenken.
      "Ich schätze es könnte Vampire geben, die auf dem Land wohnen und Tierblut trinken. Etwa in einer Gegend wie dein Anwesen hier, in dem es kaum große Zivilisation gibt und ein Mord daher sofort auffallen würde. Das würde wohl Sinn machen, aber da stellt sich wiederum die Frage, weshalb er auf das Land gezogen ist. Wieso würdest du auf eine Stadt verzichten, wenn du jeden Tag drei Mahlzeiten mit Dessert zu dir nehmen kannst?"

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    • Es war beinahe erschreckend, wie genau Thomas den Nagel auf den Kopf traf und doch den Punkt so vollkommen verfehlte.
      "Was, wenn du ein Vampir bist und weißt, dass du dich verstecken musst, damit du nicht von einem Jäger getötet wirst? Hunde waren auch einst Wölfe, dann haben sie sich an das Leben mit Menschen angepasst und jetzt fressen sie keine Schafe mehr, sondern beschützen sie. Du hast gesagt, du würdest gern mehr über Vampire lernen, warum nicht da anfangen? Vielleicht kannst du ja einen finden, den du fragen kannst? Nenn mich gern naiv, aber ich habe gesehen, wie ein Vampir eine normale Unterhaltung geführt hat. Warum nicht die interessanten Fragen stellen? Wenn mich ein Jäger fragen würde, ob ich auch ohne Menschenblut auskommen kann, dann würde ich ihm diese Frage beantworten. Das könnte ja schließlich mein Leben retten. Würdest du denn einen Vampir... beseitigen... wenn du wüsstest, dass er sich nicht an Menschen labt?"


    • Thomas zog eine Augenbraue nach oben. Zu schade, dass Vincent die Skepsis in seinem Gesicht nicht sehen konnte.
      "Vampire unterhalten sich etwa so lange normal, bis sie herausfinden, dass ich weiß, was sie sind. Dann werden sie misstrauisch und ich muss beim Heimweg dreimal so vorsichtig sein, damit sie mir nicht in den Rücken fallen. Du erinnerst dich an Charles? Er war ja ganz angenehm, vielleicht ein bisschen kurz angebunden, aber man hätte sich mit ihm unterhalten können. Und später hat er versucht, seine Zähne in meinen Hals zu schlagen."
      Er zuckte mit den Schultern.
      "Das ist ein merkwürdiges Thema. Ich werde mal abwarten, wann ich wieder eine Gelegenheit bekomme, einen Vampir etwas zu fragen und dann werde ich dir von der Antwort erzählen."
      Als er jetzt nach einer Antwort überlegte, dauerte es lange, während er Vincents Schulter streichelte.
      "... Weiß ich nicht. Ich habe nie darüber nachgedacht. Könnte ich denn wirklich wissen, dass er sich ausschließlich von Tierblut ernährt? Wieso sollte er mich nicht vielleicht anlügen? Woher sollte ich wissen, dass er nicht eines Tages seine Meinung ändert? Was, wenn ich einen laufen lasse, und drei Wochen später gelange ich erst auf seine Spur, die er schon mit 10 Opfern gelegt hat? Das wäre furchtbar, wie soll ich mich da noch Jäger nennen? Nein, das halte ich für ausgeschlossen. Ich wechsle mit Vampiren auch nicht mehr Worte als nötig ist, aus genau diesem Grund. Zum Schluss würden doch alle nur dasselbe sagen, dass sie niemals gemordet haben oder nie wieder morden werden, dass sie ab jetzt nur noch Tierblut trinken werden, dass sie sich von sämtlichen Menschen fernhalten würden. Wie sollte ich da auseinanderhalten können? Ich brauche Beweise, keine fadenscheinigen Behauptungen. Aber erklär du mir mal, wie ein Vampir beweisen soll, dass er ausschließlich Tierblut trinkt."
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