[2er RPG] In his Thrall [Codren feat. Pumi]

    • "Jetzt, wo ich einen Arzt habe, den ich mag, sollte sich das einrichten lassen, ja," gab Vincent mit einem breiten Lächeln zurück.
      Er rutschte an Thomas heran und reichte ihm seine Hand. Die kleine Massage seiner wunden Hand tat gut, aber wenig für die Reaktion, die Vincent auf das Silber hatte. Gut, dass Menschen langsam heilten und er sich deswegen keine Gedanken machen musste. Die ganze Angelegenheit mit seinem Herzschlag war schon anstrengend genug gewesen.
      "Wenn ich wüsste, dass ich ein Kelpie bin, dann würde ich es dir auch sagen. Meines Wissens nach bin ich aber keins. Ich glaube auch nicht, dass ich ein Werwolf bin. Oder ein Wechselbalg. Ein Firbolg. Ein Nachtmahr."
      Vincent stoppte sich und schüttelte kichernd den Kopf.
      "Entschuldige. Ich sollte meine mythologischen Studien vielleicht ein bisschen verlangsamen. Unsere Vorfahren hatten eine wundervolle Fantasie."
      Wieder breitete sich ein kurzes Schweigen zwischen den beiden Männern aus.
      "Was würdest du tun, wenn du wüsstest, dass ich ein Vampir bin?" fragte Vincent dann leise.
      Er musste diese Frage einfach stellen. Er musste es wissen. Er musste wissen, wo er nach all diesem Zirkus stand und worauf er sich vorbereiten musste. Ein Teil von ihm wollte außerdem wissen, ob Thomas ihn akzeptieren würde. Ob er es könnte.


    • Thomas hatte den Blick wieder von Vincent abgewandt und jetzt war er sogar ganz froh darum, dass er ihm nicht in die Augen sehen musste. Er starrte auf die Linien von Vincents Handfläche und strich mit dem Daumen darüber. Die rote Linie war noch leicht sichtbar.
      "Ich würde zuerst den Vampir finden, der dir das angetan hat, und ihn in die Hölle zurückschicken, von wo er gekommen ist. Ich würde ihn bereuen lassen, dass er es auch nur gewagt hat, ein Auge auf dich zu richten. Ich würde ihm alle Schmerzen, die er dir zugefügt hat, doppelt so stark heimzahlen. Und dann..."
      Er schwieg für einen Augenblick, musste sich mit dem Gedanken überhaupt erstmal abfinden. Als er weitersprach, klang ihm seine Stimme fremd.
      "Dann würde ich dich fragen, ob du leben oder sterben möchtest."
      Jetzt sah er auf, um Vincents Blick zu begegnen, um zu sehen, was auch immer in seinen Augen vorgehen mochte, um das mit seinen eigenen Gedanken zu verknüpfen. Das Thema war ihm unwohl, war ihm auch bei anderen schon immer gewesen.
      "Stephen und ich, wir haben mal einen Pakt ausgemacht, vor Jahren schon: Wenn einer von uns jemals den Biss eines Vampirs überlebt und mutiert, dann wird der andere ihn umbringen, ohne weitere Fragen zu stellen. Wir wollten nicht zu Monstern werden, die sich durch die Straßen der Städte morden und überall Leichen hinterlassen. Nun, bei Stephen bin ich mir nicht mehr so sicher, ob er nicht morden will, aber ich will sicherlich nicht unschuldige massakrieren. Es ist mir egal, wie gut es mir gehen könnte und ob ich als Vampir noch immer dieselben Ansichten hätte wie jetzt, ich will niemanden umbringen. Stephen soll nicht auf das hören, was ich ihm zu sagen hätte, und ich würde nicht auf das hören, was er mir sagt. Von dir würde ich mir das gleiche wünschen, bring mich um, ganz egal, was ich sagen mag."
      Er hörte auf, Vincents Hand zu massieren und verschränkte seine Finger mit ihm.
      "Ich fände es deswegen nur gerecht, dich das wenigstens zu fragen. Aber..." Ein Vampir war ein Vampir, Thomas hatte noch nie einen verschont, er dachte auch nicht darüber nach, jemals einen zu verschonen, auch wenn es Vincent war, auch wenn es ihm noch so sehr das Herz zerreißen würde.
      Aber anstatt das zu sagen, hob er Vincents Hand an die Lippen und küsste seine Knöchel.
      "Ich werde schon dafür sorgen, dass es nicht so weit kommt. Soll ich dir ein paar Tricks zeigen, mit denen du einen Vampir zumindest fernhalten könntest? Alles ohne zu viel Anstrengung, natürlich."
    • Zumindest in eine Sache stimmten sie also überein. Das würde sich Vincent merken. Sein jährliches Vorhaben wäre um einiges leichter zu erfüllen, wenn er einen geübten und willigen Jäger an seiner Seite hätte. Wobei jeder Jäger dieser Welt auf eine solche Gelegenheit anspringen würde.
      Er boxte Thomas leicht gegen die Schulter.
      "Da ist er! Der Grund, warum ich meine Gesundheit für mich behalte!"
      Wieder schüttelte er den Kopf, wieder lag ein Lächeln auf seinen Lippen.
      "Von jetzt an wirst du mich behandeln wie eine delikate Blume oder ein empfindliches Schmuckstück. Nur weil meine Gesundheit nicht der von jedem anderen auf dieser Welt entspricht. Ich bin nicht zerbrechlich, Thomas, also behandle mich auch nicht so, hörst du? Ich kann mit einem Degen umgehen, ich kann Leuten meine Bücher an den Kopf werfen und ich kann durchaus davonrennen, wenn ich muss. Nur, weil ich keine Sportskanone bin wie du, heißt das noch lange nicht, dass ich nicht auf mich selbst aufpassen kann."
      Als müsse er seine Aussage unterstreichen, stürzte sich Vincent auf den anderen Mann, warf ihn um und klemmte ihn zwischen den Sitzpolstern des großen Sofas und seinem eigenen Körper ein.
      "Ich behalte einfach meinen eremitischen Lebensstil bei und dann passiert mir auch nichts," raunte Vincent, der keine Anstalten machte, sich zu bewegen.
      Stattdessen machte er es sich einfach auf Thomas bequem und legte seinen Kopf an dessen Brust. Er war so müde...
      "Es gibt keinen Grund, mich anders zu behandeln als du es noch heute Morgen getan hast. Ich bin immer noch ich. Nicht mehr und nicht weniger."


    • Thomas verzog das Gesicht.
      "Gar nichts werde ich, aber wenn es schon darum geht deine Sicherheit zu gewährleisten und gleichzeitig darauf zu achten dass -"
      Weiter kam er nicht, als Vincent sich mit seinem vollen Körpergewicht auf ihn warf und er zusammen mit dem Mann auf die Sitzpolster zurückfiel. Er stieß die Luft in seiner Lunge mit einem überraschten Uff aus, bevor er sich unter Vincent begraben wiederfand, der ganz schön schwer sein konnte, wenn er denn wollte. Er wackelte ein bisschen, um wenigstens seine Arme freizubekommen und sie um den Mann zu schlingen. Nach ein bisschen justieren fanden sie eine Position, die für sie gleichermaßen bequem war, in der sich Vincent der Länge nach auf Thomas ablegte, der ein Bein angewinkelt an die Lehnenpolster lehnte und dessen anderes Bein unter Vincents begraben lag. Er hielt ihn an sich gedrückt und schob eine Hand in seine Haare, um ihn sanft zu kraulen.
      "Heißt das, ich soll auch wieder die Gardinen aufreißen? Hört sich jetzt so an, als ob du das so wolltest."
      Er beugte sich hinab und drückte ihm einen Kuss auf die Stirn. Dann gab er sich für eine Weile damit zufrieden, Vincents Kopf zu streicheln. Er war angenehm warm und angenehm weich.
      "Ich bin froh dich zu haben, Vincent", flüsterte er und verstärkte den Griff ein wenig um den Leib des Mannes, bevor er damit weitermachte, ihm durch die Haare zu kraulen.
    • Vincent brummte ob des Kommentars mit den Gardinen. Die Nähe und die Wärme des anderen Mannes machten ihn noch schläfriger, als er schon war. Es half auch nicht, dass Thomas Berührungen in seinen Haaren so sanft und stetig waren.
      "Und ich bin froh, dass du mich hast," gab er leise zurück.
      Er war sich nicht sicher, ob er noch länger wachbleiben konnte. Ob er er noch länger wachbleiben wollte. Thomas' Anwesenheit war einfach zu angenehm.
      "Wenn du mich nicht aufhältst, dann mache ich gleich ein Nickerchen auf dir," nuschelte Vincent gegen Thomas' Brust. "Ob das eine Warnung oder eine Drohung ist, kannst du dir selbst aussuchen."
      Seine letzten Worte gingen beinahe in dem Gähnen unter, das ihn überkam.
      "Du bist einfach zu bequem, um keins zu machen..."


    • "Langweile ich dich schon so mit meiner Anwesenheit?", schmunzelte er zurück, machte aber keine Anstalten, sich in irgendeiner Weise von Vincent zu befreien. Stattdessen fuhr er mit seiner langsamen Kopfmassage fort und es dauerte tatsächlich keine fünf Minuten, da erweichten sich die Züge des Mannes zusehends und sein Atem wurde ruhiger, bis er schließlich vollständig eingeschlafen war. Thomas beobachtete ihn eine Weile, wie er so friedlich auf seiner Brust schlief, wie ruhig er dabei aussah, als gäbe es nicht eine Sorge auf der Welt - oder zumindest nicht in diesem Raum, auf Thomas' Brust. Seine Lippen teilten sich ein wenig und Thomas schob ihm ein paar Strähnen aus der Stirn und versuchte, so ruhig wie nur irgendwie möglich zu atmen.
      Er dachte über viele Sachen dabei nach, die alle mit Vincent in Verbindung standen. Er dachte über ihre Beziehung nach, über seinen Herzschlag, über seine Leiden, seine Symptome, er dachte sogar darüber nach, was er wirklich tun würde, wenn Vincent sich in einen Vampir verwandeln würde. Er würde ihn umbringen, daran führte gar kein Weg vorbei, er konnte nicht riskieren einen Vampir laufen zu lassen und später über seine 10 Opfer zu stolpern, aber würde er ihm ein Messer in die Brust jagen? Das fühlte sich irgendwie falsch an. Er würde vielleicht eine Armbrust hernehmen oder eine Silberspritze, irgendwas, das sie nicht so nah zueinander brachte. Das war eine gute Idee. Keine gute Idee war es, weiter darüber nachzudenken, wie er Vincent ermorden sollte.
      Er richtete sich ein wenig zur Seite aus, ganz langsam, um den Mann nicht zu stören, und hörte schließlich auf seinen Kopf zu streicheln. Stattdessen legte er beide Arme um seinen Torso und hielt ihn fest, während er sich dazu zwang, an schönere Dinge zu denken. Schließlich nickte er selbst ein.

      Er wachte zu Rückenschmerzen und einem eingeschlafenen Bein auf und musste feststellen, dass Vincent - so hübsch er auch im Schlaf sein mochte - noch seinen Tod bedeuten würde, wenn er weiter hier liegen blieb. Er streckte sich ächzend unter ihm, drehte sich dann mit Vincent auf die Seite, die mit der Rückenlehne abgeschirmt war, und versuchte sich, ein Körperteil nach dem anderen, von dem Mann zu befreien. Als es schließlich nur noch sein Arm war, der unter Vincent begraben lag, beugte er sich zu ihm hinab und rüttelte ihn leicht.
      "Vincent."
      Der Mann schlief ein Toter. Thomas seufzte, aber er war schlauer durch seine Fehler geworden und verzichtete dieses Mal, sich der Gardinen zu bedienen.
      "Vincent, hey."
      Er beugte sich noch weiter zu ihm hinab, küsste ihn auf den Mund, auf die Nase, auf die Augenbraue, rüttelte ihn wieder leicht. Langsam, sehr langsam kam der Mann zurück in die Welt der Lebenden.
      "Du wirst noch Neujahr verschlafen, wenn du hier liegenbleibst, Vincent."
      Als er merkte, dass er wach genug war, um Thomas' Arm zu befreien, zog er ihn unter ihm heraus und richtete sich stöhnend auf. Sein Rücken schmerzte an vier verschiedenen Stellen, sein Nacken war steif und sein eingeschlafenes Bein prickelte. Er ließ die Schulter ein wenig kreisen und den Nacken knacken.
      "Das nächste Mal schlafen wir im Bett. Komm mit mir runter Tee trinken und den letzten Tag des Jahres genießen, bevor er vorbei ist."
    • Da war sie schon wieder, diese verlockende Stimme. Diese Stimme, die ihn dazu bewegen wollte, die Augen zu öffnen. Die Stimme, die ihn dazu bewegen sollte, sich dem Tageslicht zu stellen. Vincent wollte das nicht. Das Monster wollte das nicht. Hatte er nicht schon genug gelitten? Waren seine Augen nicht völlig verbrannt, seine Haut nicht geschmolzen genug? Musste er wirklich noch weiter hungern, die Beute direkt vor ihm und doch unerreichbar? Wenn er sich jetzt all diesem Schmerz stellte, sollte er dann nicht die Erlaubnis haben, sich zu nähren und seine Verletzungen zu heilen?
      "Dann verschlafe ich Neujahr eben," grummelte Vincent und angelte sich blind eines der Dekokissen, um sich daran festzuklammern, jetzt wo der warme Körper sich ihm entzog.
      Kurz darauf ließ er sich aber von Thomas in eine sitzende Position ziehen, wenn auch unter Protest. Nur mit Mühe konnte er ein Zusammenzucken vermeiden, als ein scharfer Schmerz durch seine Flanke schoss. Ihm tat alles weh. Seine Knochen, seine Muskeln, sein Kopf, seine Augen, seine Haut, seine Seite, einfach alles.
      Er zwang sich dazu, aufzustehen, sich zu strecken. Er fühlte sich wacklig auf den Beinen. Seine Gedanken wollten noch nicht so ganz. Das hier war schlimmer als sonst, wenn er tagsüber wach war. Sich so lange der Sonne auszusetzen, war keine gute Idee gewesen.
      Vincent folgte Thomas nach unten in seinen Salon, knöpfte sein Hemd auf dem Weg mit zittrigen Händen wieder zu. Im Salon ließ er sich in einen Sessel sinken, froh darüber, nicht mehr auf den Beinen sein zu müssen. Der Weg durch sein Haus hatte ihn mehr erschöpft, als er zugeben wollte.
      "Mir ist eher nach einem Drink als nach einem Tee, wenn ich ehrlich bin," meinte er mit einem müden Lächeln und schielte in Richtung der Minibar zu seiner Linken. "Aber ich werde dich nicht davon abhalten, dir einen machen zu lassen."


    • Vincent sah wirklich furchtbar aus, so wie er sich durch den Raum und schließlich in den Gang hinaus schleppte, wie ein wahrhaftiger Toter, der noch nicht richtig gelernt hatte, in der Welt der Lebenden zu wandeln. Thomas lächelte ihm ein wenig zu, aber das schien er gar nicht zu bemerken. Er hatte die Augen zusammengekniffen und kämpfte wohl darum, nicht im Gehen wieder einzuschlafen.
      Sie erreichten den Salon, wo sich der Mann sofort auf einen der Sessel fallen ließ und Thomas nach seinem Kommentar die Minibar anstrebte.
      "Was möchtest du? Ich mach es dir, solange dich das davon abhält wieder einzuschlafen."
      Er bereitete zu, was auch immer Vincent mochte und drückte es ihm in die Hand, bevor er ihm auf die Schulter klopfte und sich entschuldigte. Draußen in der Küche suchte er vergeblich nach Nora, bekam dann aber Esther zu fassen, die er - etwas kleinlaut nach ihrer morgendlichen Bekanntschaft - um zwei Tassen Tee bat.
      "Und vielleicht etwas Zucker für Vincent? ... Herrn Harker, meine ich."
      Er hatte keine Ahnung, warum er das nun wieder gesagt hatte. Wenigstens war Vincent nicht wieder dabei um ihn dafür zu tadeln, dass er nicht in Cambridge war und es seiner Belegschaft egal war, wie sie zueinander standen. So schnell würde er sich wohl nicht daran gewöhnen können.
      Er kam zurück und setzte sich in einen der anderen Sessel bei Vincent. Nach einem Moment konnte er sich eine Frage nicht mehr verkneifen.
      "Wie verträgst du eigentlich Alkohol? ... Das interessiert mich dieses Mal wirklich, nicht weil ich dich behandle, als wärst du zerbrechlich. Was ich im übrigen nicht tue."
    • Vincent lag mehr in dem Sessel - ein Bein über eine der Armlehnen gelegt, er selbst hing in der Ecke - als dass er darin saß. Er nahm den Drink entgegen und hielt sich einen Moment einfach nur daran fest, während er sich dazu zwang, vollständig zu sich zu kommen, während Thomas auf die Jagd nach Tee ging. Er war so hungrig, dass er jeden Herzschlag im Haus wahrnehmen konnte. Zumindest dröhnte es entsprechend in seinem Kopf. Seine Instinkte verrieten ihm, wo seine Beute war. Das ignorieren war schwer.
      "Wie ich Alkohol verkrafte? So wie jeder andere auch: indem ich ihn regelmäßig konsumiere. Ich lasse mich zwar nicht oft so sehr gehen wie zu den Tagen an denen ich Bälle in meinem Anwesen zum Beste gebe, aber ich sage nur selten Nein zu einem Drink hier und da."
      Er zuckte mit den Schultern und nippte an seinem Glas.
      "Außerdem gibt es meinen Händen etwas zu tun, wenn ich in Gesellschaft bin. Ich kann ja nicht den lieben langen Tag am Saum meiner Anzüge herumspielen wie ein nervöser Junge."
      Vincent fuhr sich mit einer Hand über die Augen, dann setzte er sich auf - eine Bewegung, gegen die sein ganzer Körper etwas einzuwenden hatte.
      Er hob den Kopf, als Esther ind en Raum huschte und das Teeservice auf dem Tisch abstellte, zwei Tassen füllte und sie den Männern reichte, und dann wieder verschwand. Vincent sah ihr nach, ein kleines Lächeln im Gesicht, und schüttelte den Kopf.
      "Sie ist ganz schön hartnäckig. Aber sie wird sich auch noch daran gewöhnen, dass ich kein Tyrann bin. Nicht, dass ich ihr da groß eine Wahl geben würde."


    • Thomas wollte schon etwas gegen Vincents fahrige Haltung sagen - er kam sich selbst schon höchst leger vor mit seinem zerknitterten Hemd - als er sich selbst schon regte und aufsetzte, gerade rechtzeitig, bevor Esther hereinkam. Thomas murmelte einen Dank, dann nippte er an seiner Tasse.
      "Ein toller Tyrann wärst du. Sie hat vermutlich von deinem famosen Bordell gehört, das du betreibst - und das ich im übrigen noch immer nicht gesehen habe. Langsam muss ich glauben, das gibt es gar nicht."
      Er prostete ihm zu und machte es sich dann selbst im Sessel gemütlich.
      Sie ließen den restlichen Tag mit Lappalien verstreichen, bis der Abend und mit ihm das Abendessen kam und später Thomas selbst zu einem Drink zurückgriff. Er genehmigte sich, angesichts der Feier des Tages, ein Glas Cognac, der aus Vincents Haushalt gar nicht mal so schlecht war. Damit bewaffnet sahen sie bald dem neuen Jahr entgegen und in einem ungestörten Moment, in dem Thomas seine gänzliche Überwindungskraft aufwand, um sich zu Vincent zu setzen, legte er ihm dem Arm um die Schulter.
      "Letzte Worte für dieses Jahr? Noch hast du dafür Zeit, zirka eine Stunde um genau zu sein."
    • Der Tag zog sich unendlich in die Länge. Vincent hatte eigentlich gedacht, dass es ihm nach Sonnenuntergang besser gehen würde, doch er lag falsch. Der Stand der Sonne änderte rein gar nichts daran, wie erschöpft er war, wie sehr sein Körper schmerzte, wie sehr es in seinem Kopf hämmerte. Er biss die Zähne zusammen, setzte ein fröhliches Gesicht auf, ließ sich nichts von seiner Pein anmerken. Konnte er auch nicht, denn wie sollte er Thomas schon erklären, warum es ihm so ging, wie es ihm ging?
      Das Abendessen bekam er kaum runter. Alles schmeckte nach Asche. Seine Kehle war so ausgetrocknet, dass er kaum schlucken konnte. Und doch lächelte er, machte seine Witze, flirtete mit Thomas über den Tisch hinweg, anstatt sich auf ihn zu stürzen und sich an ihm zu nähren. Er konnte sich kaum davon abhalten, seinen Blick auf den exquisiten Hals des Mannes zu richten.
      Schlussendlich machte Vincent den Fehler, sich auf dem Sofa in seinem Salon niederzulassen, anstatt in einem der Sessel. Einen Fehler, den er erst bemerkte, als sich Thomas neben ihn setzte, ihn in den Arm nahm. Er roch so verlockend, jetzt wo der scharfe Geruch von Desinfektionsmitteln verschwunden war. Jetzt wo Vincent so hungrig war.
      Er lehnte sich gegen Thomas, bettete seinen Kopf auf dessen Schulter.
      "Keine Worte, nein," sagte er. "Aber ich bin wirklich scharf auf Nora's Neujahrstorte."
      Vincent küsste Thomas Schulter flüchtig, drückte ihm seinen Drink in die Hand, und stand auf. Für einen kurzen Augenblick drehte sich der ganze Salon.
      "Ich gehe mal gucken, ob wir uns schon ein Stück oder zwei klauen können," meinte er mit einem Grinsen und ein frechen Zwinkern über seine Schulter.
      Der Schmerz kam schnell und gnadenlos, und diesmal gab es kein Überspielen. Vincent keuchte auf, presste eine Hand gegen seine Flanke und suchte Halt am Türrahmen.


    • "Neujahrstorte? Wenn ich früher davon gewusst hätte, wäre ich letztes Jahr schon gekommen."
      Thomas lächelte ein wenig und trank von seinem Glas, während Vincent schon aufstand. Er bemerkte nicht, wie Vincent kurz stehenblieb um sein Gleichgewicht zu finden, er bemerkte allerdings sehr wohl das Geräusch, das er von sich gab, als er im Türrahmen zum Stehen kam. Trotz seiner guten Vorsätze, Vincent tatsächlich nicht wie eine gebrechliche Blume zu behandeln sondern so wie sonst auch, geriet Thomas' Blut in Wallung und er richtete sich auf. Eine Sekunde sah er auf die leicht gebeugte Haltung des Mannes, dann war der Arzt in ihm zur Stelle und er sprang alarmiert auf.
      "Vincent? Alles in Ordnung?"
      Er war in zwei langen, eiligen Sätzen bei ihm und schob den Arm um dessen Hüfte, nachdem er so aussah, als würde er jeden Moment zur Seite kippen.
      "Alles in Ordnung? Was ist los? Komm zurück zum Sofa, du bist ziemlich blass im Gesicht."
    • Vincent hatte keine Wahl, er konnte sich nicht dagegen wehren, das Thomas ihn zurück zum Sofa führte. Jeder einzelne Schritt sandte eine weitere Welle des Schmerzes durch seinen Körper und es brauchte alles an Willenskraft, die er hatte, sich nicht zur Seite zu lehnen und einfach zuzubeißen. Die Heilung war genau da, starrte ihn geradezu an.
      "Mir geht's gut, ich brauche nur einen Moment," log er, völlig außer Atem von den wenigen Metern zu Fuß.
      "Dir geht es nicht gut," kam es von der Tür, als Nora herbei eilte.
      Sie kniete sich neben das Sofa und strich Vincent eine Strähne aus der schwitzigen Stirn. Ihr Blick war ernst, ernster als sonst.
      "Du musst es ihm sagen," forderte sie.
      Vincent schüttelte bestimmt den Kopf, doch wurde schnell von einer weiteren, kräftigen Welle des Schmerzes abgelenkt, die durch seinen Körper rollte. Das heir war schlimmer als letzten Monat, als die eigentliche Waffe in sein Fleisch gesunken war.
      "Dann sag ich es ihm."
      Vincent streckte die Hand nach ihr aus als sie aufstand, aber sein Griff um ihren Unterarm war nicht besonders stark.
      "Er stirbt," informierte sie Thomas. "Aber so weit wird es nicht kommen, denn bevor er sein Leben aushaucht, werden seine Instinkte übernehmen und Menschen werden sterben, ob er will oder nicht."
      "Nora..."
      "Nein. Er kann dir helfen, auf die ein oder andere Weise und ich werde nicht dabei zusehen, wie du dich weiter so zu Grunde richtest."
      "Ich brauche doch nur-"
      "Das hilft doch schon lange nicht mehr! Die letzten Tage hast du schon zwei gebraucht, um durch die Nacht zu kommen und heute siehst du so aus! Du bist nur noch ein Schatten deiner selbst und du kannst mir nicht glaubhaft versichern, dass du nicht schon darüber nachgedacht hast."
      Nora wandte sich wieder Thomas zu, ignorierte ihren Hausherren, ihren Freund, und atmete tief durch.
      "Vincent ist ein Vampir. Und er braucht Ihre Hilfe."


    • Thomas merkte von der offensichtlichen Situation, dass etwas nicht in Ordnung war, aber er begann erst die Ausmaße zu begreifen, als Vincent sich regelrecht auf ihn stützen musste, allein schon um zurück zur Couch zu gelangen. Der rationale Teil in ihm begriff nicht, wie der Mann den ganzen Tag schon völlig normal gewesen war - bis auf das Nickerchen, wobei er ja sonst auch immer schwer aufzuwecken war - und von einem auf den anderen Augenblick so bleich aussehen konnte. Er war wirklich leichenblass, seine Augen wirkten eingefallen, auf seiner Stirn hatte sich unlängst ein sichtbarer Schweißfilm gebildet. In Thomas' Kopf bildeten sich bereits die ersten Diagnosen, zogen vor seinem inneren Auge mit den dazugehörigen Symptomen vorbei, während er sich daran machte, Vincents Puls zu fühlen und sein Hemd zu öffnen. Sein Herz, Himmelherrgott. Hatte er Medikamente für sowas dabei? Vermutlich nicht.
      Seine eiligen Bewegungen wurden von Noras Auftauchen unterstrichen, die beinahe wie gerufen zur Stelle war und sich zu den beiden Männern kniete. Thomas war drauf und dran sie wegzuscheuchen, er wollte sich konzentrieren, die Frau sollte keinen Schreck bekommen, aber sie wirkte alles andere als erschreckt und vielleicht war es gar nicht mal so schlecht, dass sie Vincent ablenkte. Nur ihre Worte irritierten ihn völlig.
      "Ihm sagen? Was sagen? Wenn das was mit deiner Krankheit zu tun hat, solltest du es mir wirklich sagen, Vincent."
      Er ignorierte seine aufbegehrende Unruhe und schob sie unter seine dicke Schicht Professionalität zurück. Er könnte sich nachher darüber beschweren, warum ihm Vincent was-auch-immer nicht gesagt hatte, jetzt würde er ihm helfen.
      Mit noch viel mehr Irritation sah er zu Nora, während er noch immer nach Vincents Puls tastete, stärker diesmal. Er konnte ihn nicht fühlen. Das war ein absolut schlechtes Zeichen, aber der Mann schien noch gut bei Bewusstsein zu sein.
      "Er stirbt? Was hat das mit seinem Instinkt zu tun? Auf welcher Basis, wegen seinem Herzen? Hatte er das schonmal? Was waren die Symptome? Nimmt er Medikamente?"
      Zumindest Nora schien gewillt dazu zu sein, Thomas' Fragen zu beantworten, mehr noch als Vincent, der sie scheins aufzuhalten versuchte. Thomas drängte nicht, aber er führte seine innerlichen Diagnosen weiter fort, während er seine Stirn abtastete. Er war heiß und gleichzeitig eiskalt. Fieber? Er hatte gut gegessen, daran konnte es kaum liegen. Der Alkohol? Vielleicht musste er sich übergeben, das könnte helfen. Oder es würde sein Herz zu sehr anstrengen. Vielleicht doch kein Übergeben.
      Er strich einige Diagnosen aus, fügte neue hinzu und ging sämtliche notdürftigen Behandlungsmethoden durch, die ihm durch den Kopf gingen, als Nora ihn wieder ansprach. Merkwürdigerweise verstand er ihre Sprache nicht, denn was sie ihm sagte, konnte unmöglich dieselbe Bedeutung haben, die ihre Worte in seinem Kopf hatten.
      "... Was?"
      Es dauerte einen Moment, bis dann der Groschen fiel. Thomas konnte ihn schon beinahe hören, denn als der Groschen den Boden berührte, blies er dabei sämtliche seiner Gedanken aus wie Kerzen. Der Arzt in ihm, ungebraucht, wie er in diesem Augenblick geworden war, verstummte. Der Jäger in ihm, der womöglich niemals geschlafen hatte, der womöglich immer irgendwo gelauert und nur darauf gewartet hatte, dass er gebraucht wurde, kam zum Vorschein. Er übernahm die Kontrolle, aber er schlug keinen Alarm, denn wirklich, wofür benötigte er einen Alarm? Die Zeit war mit einem Schlag stehengeblieben. Die Uhren hatten aufgehört zu ticken und Thomas hatte aufgehört zu atmen. Er richtete den Blick langsam, wie in einer Ewigkeit, auf den Mann neben sich.
      ... Ah, aber er hatte es doch immer schon gewusst, oder etwa nicht? Es war nichts neues, eine Kleinigkeit, nicht wahr? Vier kleine Worte, so klein, so unbedeutend, so nichtssagend. Was waren schon vier Worte in dem großen Netz aus Worten, das sich in den letzten zwei Monaten gesponnen hatte? Gar nichts waren sie, so unbedeutend, man konnte sie gleich wegwerfen, wieso existierten sie überhaupt? In Stücke schneiden sollte man sie, zerhacken und dann zertrampeln und aus dem Fenster werfen; nein, besser noch, erst verbrennen und dann die Asche im Wind verteilen, denn dort sollten sie zurückgehen, ins Nichts, woher sie gekommen waren. Vincent war kein Vampir. ... Das waren auch vier Worte, lustig, nicht wahr? Es war das k, das die ganze Sache veränderte. Nur ein k.
      Er war keiner.
      Er war einer.
      Mit den Worten drehte die Zeit sich so abrupt weiter, dass sie Thomas aus den Angeln warf. Er sprang auf, hörte zum ersten Mal in Vincents Anwesenheit auf seinen Instinkt. Sein Instinkt verleitete ihn dazu, Sicherheit zu finden. Hatte er Silber dabei? Ja, oben. Zu weit weg. Die Neujahrstorte kam ihm in den Sinn und in seinem abstrusen, zum plötzlichen Wahnsinn verleiteten Verstand dachte er darüber nach, das Gebäck einem Vampir ins Gesicht zu schmeißen. Nein, keinem Vampir; Vincent. Da war ja das k wieder, zum Teufel damit.
      "Einer von euch beiden", knurrte er und war dabei mehr als nur glücklich, dass sein Gehirn noch richtige Worte formen konnte und nicht das herüberbrachte, was gerade in seinem Kopf vor sich ging, "wird mir jetzt sofort sagen, dass ich mich verhört habe. Auf der Stelle."
    • Nora ließ sich nicht einschüchtern. In Vincents Haushalt hatte sie vor allem eins gelernt: Für sich selbst einzustehen und sich dafür vor niemandem zu entschuldigen. Sie bewegte sich bewusst zwischen Vincent und den Van Helsing, bereit ihren Freund mit ihrem Leben zu schützen, so wie er sie schützte.
      "Sie haben sich nicht verhört, Dr. Van Helsing. Vincent ist ein Vampir und dank dem Angriff von ihrem Freund stirbt er seit über einem Monat. Ein normaler Vampir könnte eine Verletzung mit Silber mit Leichtigkeit heilen, aber Vincent hat schon vor sehr langer Zeit allem Menschenblut entsagt. Deswegen heilt er nicht. Deswegen breitet sich das Gift immer weiter in seinem Körper aus. Deswegen liegt er hier und kämpft nicht nur mit den Schmerzen, sondern auch mit seinem Hunger."
      Vincent wollte etwas sagen, wollte so vieles sagen, doch er konnte nicht. Er konnte ja kaum auf diesem verdammten Sofa liegen bleiben, sich kaum davon abhalten, jemanden hier im Raum zu essen, wenn nicht sogar jeden Menschen im Haus.
      "Ich habe ihm mein Blut angeboten, aber er weigert sich vehement, sich zu nähren. Bitte, Dr. Van Helsing. Sie müssen ihm helfen. Auf Sie wird er hören."


    • Nora stand auf und stellte sich vor Vincent - nein, vor dem Mann auf der Couch und Thomas auf. Er wusste nicht, was er dabei empfinden sollte, dass er den Mann jetzt nicht mehr sehen konnte. Der Jäger warnte ihn, dass Nora zu nahe stand, dass es generell zu viele Zivilisten in diesem Haus gab. Wo hatte er nochmal Silber? Achja, oben.
      Er ballte die Fäuste und starrte in das Gesicht der Haushälterin, die ihn mit all ihrer - der Situation entsprechenden - Ruhe fixierte. Mit jeder verstreichenden Sekunde kam ihm die Situation surrealer vor. Hatten sie an diesem Tag nicht darüber geredet? Hatte Vincent sich an diesem Tag nicht darüber empört, dass Thomas ihn unterschwellig beschuldigte? Hatte er ihn nicht an diesem Tag gefragt, was er in einer solchen Situation tun würde? Er konnte sich an seine eigene Antwort nicht erinnern, so weit entfernt schien das zu liegen. Ein Traum war das, ein sehr, sehr, sehr, sehr schlechter Traum. Er hatte Angst davor, was er sehen würde, wenn er aufwachte.
      "Er stirbt?", wiederholte er schließlich, das einzige, was in diesem Wirrwarr aus Worten wirklich Sinn machte. Der Arzt in ihm meldete sich. Das war wie gefundenes Fressen für ihn. Er packte die Diagnosen von vorhin wieder aus und der Jäger in ihm schlug sie ihm aus den Händen, bevor er auf die einzig relevante Diagnose zeigte: Er war ein Vampir. Aber Vampire konnte man durchaus auch behandeln, gab der Arzt an. Ja, mit Silber. Richtig behandeln, meine ich, Silber lässt sich bereinigen. Ja, mit noch mehr Silber. Quatsch, irgendetwas gibt es dafür, es gibt für alles etwas. Silber. Ein Monat ist lange und es war viel Silber, aber er ist eigentlich noch sehr kräftig, den Umständen entsprechend. S-i-l-b-e-r. Er muss ja nicht leiden, wann haben wir schon Menschen - ich meine Lebewesen leiden lassen? Das Messer ist oben, einmal durch die Tür, den Gang entlang, die Treppe hoch, nochmal durch den Gang, ins Gästezimmer. Wenn die Wunde jetzt bleibt, hätte sie auch vor einem Monat schon bleiben können.
      Achja, die Antwort: Er hatte ihm gesagt, dass er ihn fragen würde, ob er leben oder sterben wollte. Stimmt, da war ja was.
      Er dachte gleichzeitig an den theoretischen Vampir, den er laufen gelassen hatte und dessen Opfer er später fand.
      War es schon Zeit aufzuwachen?
      "Was braucht er, Blut?"
      Der Arzt in ihm triumphierte, der Jäger empörte sich. Das würde er noch bereuen!
      Aber bei Vincent war noch nie ausschließlich der Jäger in ihm hervorgekommen. Es war immer alle drei seines Selbsts gewesen, die sich mit Vincent befasst hatten.
      "Vincent."
      Das Wort kam ihm fremd vor, es hatte an Bedeutung verloren. Vincent. V-i-n-c-e-n-t.
      Er starrte weiter auf Nora.
      "Hör auf deine Haushälterin. Nur ein einziges Mal, in Herrgotts Namen."
    • Nora atmete kaum merklich auf, als sich der Arzt endlich ihrer erbarmte und sich Vincent nicht als Beute, sondern als Mann zuwandte. Sie blickte hinunter auf ihren Freund, der unter den Schmerzen seiner Verletzungen wandte. Es war nicht das erste Mal, dass sie ihn so schwach sah. So hatte er die letzten Tage immer ausgesehen, bevor er das Glas Schweineblut hinuntergestürzt hatte, als hinge sein Leben davon ab - was es ja auch tat.
      Vincent schüttelte den Kopf, noch immer stur auf sein Versprechen beharrend.
      "Ich werde... dein Blut nicht... trinken..." ächzte er.
      Nora fiel wieder neben ihm auf die Knie, ergriff seine kalte, kraftlose Hand.
      "Ich bitte dich, Vincent. Du musst."
      "Kein... Menschenblut..."
      Hilfesuchend blickte Nora zu dem anderen Mann auf, hoffte, dass Thomas ihren Freund davon abbringen konnte, an Sturheit zu sterben.


    • Thomas beobachtete das merkwürdige Paar unbeweglich, während er darauf wartete, dass Veränderung eintrat. Welche Veränderung? Völlig egal, irgendwas halt.
      Er konnte den Mann wieder sehen und sein Anblick bekräftigte den Arzt in ihm so sehr, dass dem Jäger langsam die Argumente ausgingen. Er setzte sich steifbeinig in Bewegung, kam heran und blieb hinter Nora stehen. Vor so etwas, das vor ihm auf der Couch lümmelte, musste er kaum Angst haben. Der Jäger warf wieder ein, dass er sein Silber brauchte.
      "Vincent."
      V-i-n-c-e-n-t.
      "Du bist mir die Antwort auf eine Frage schuldig."
      Seine Stimme war eine Mischung aus Kühle und Professionalität. Ein Jäger und ein Arzt, der normale Thomas war verschwunden.
      "Und du bist mir schuldig, dass du nicht umsonst meinen Teppich vollgeblutet hast."
      Er legte eine Hand auf Noras Schulter, vielleicht um sich an ihre Stelle zu begeben, vielleicht um sie wegzuziehen. Ganz genau wusste er es nicht, aber er ließ seine Hand dort liegen.
      "Du wirst jetzt trinken und dann werden wir uns unterhalten. Hast du mich verstanden? Vorher wirst du nirgends hingehen, nicht in einen anderen Raum und erst recht nicht ins Jenseits, dafür werde ich schon sorgen. Hast du verstanden? Dann beweg dich."
    • Vincent lachte ein heiseres, schwaches Lachen, das heißen Schmerz durch seinen gesamten Körper sandte. Mit größter Mühe stemmte er sich auf die Ellenbogen, schob sich bis zur Armlehne, um in so etwas ähnliches wie eine sitzende Position zu kommen. Jetzt, wo die Katze aus dem Sack war, gab es keinen Grund mehr, sich zu verstecken.
      "Ich werde nicht einfach so... ein zweihundert Jahre altes Versprechen brechen, Thomas..."
      Er wandte sich Nora zu, ergriff ihre Hand wieder.
      "Ich werde mich nicht an dir nähren, Nora. Niemals..."
      "Du sturer Idiot!"
      Nora stand auf, Tränen in den Augenwinkeln aber immer noch nicht willens, aufzugeben. Vincent wusste, sie würde in die Küche rennen und ihm eine ganze Karaffe Schweineblut bringen, als sie jetzt den Raum verließ. Vielleicht brauchte sie das gar nicht mehr, und er wäre schon tot, wenn sie zurückkam. Vielleicht würde Thomas ihn einfach töten, jetzt wo sie allein waren.
      "Wirst du mich jetzt umbringen?" fragte Vincent.
      Sein Zahnfleisch pochte unangenehm, er konnte die scharfen Spitzen seiner Fangzähne fühlen, wie sie sich in seine untere Lippe drückten.
      "Oder lässt du mich einfach sterben? Das ist die einfachere Variante, schätze ich. Spart dir wahrscheinlich sogar Zeit."
      Wieder lachte er ob der Situation. Vielleicht war er aber auch einfach im Delirium, schwer zu sagen. Vincent spürte das Monster an seiner Rüstung kratzen, spürte wie es Lücken in seiner Kontrolle fand. Trotzdem weigerte er sich vehement, den vielen Herzschlägen zuzuhören, weigerte sich, seinen Blick auf Thomas' Hals zu senken. Wenn er schon sterben musste, dann wollte er das wenigstens mit reinem Gewissen.
      "Ich habe es ernst gemeint, weißt du? Als ich sagte, dass ich mich in dich verliebt habe... Tut mir leid, dass ich das jetzt antue... das hatte ich nie beabsichtigt..."


    • Thomas starrte unbewegt auf den Mann, der sich Vincent nannte, während Nora den Raum verließ. Kaum als die Tür hinter ihr zufiel, spürte er etwas in sich zerbrechen. Es war, als würde ein Gerüst in sich zusammenfallen und was auch immer die Struktur dahinter war, die davon aufgebaut geworden war, gleich mit ihm zusammen.
      "Wie lange?", knurrte er. Wer war jetzt an der Reihe, der Jäger? Schwer zu sagen. "Wie lange wusstest du es? Ich habe mich namentlich bei dir vorgestellt, aber ich habe dir letzten Monat erst davon erzählt, dass ich Jäger bin. Wie lange wusstest du es schon, seit ich es dir erzählt habe?"
      Er hatte die unwahrscheinliche Hoffnung, dass die Antwort das Gerüst wieder aufbauen könnte, zumindest zu Teilen. Das war unsinnig, völlig abstrus und überhaupt nicht realistisch, aber so plötzlich alleine gelassen, so plötzlich ohne allem, was sich in den letzten zwei Monaten aufgebaut hatte, klammerte er sich daran, als würde es ihn vor dem ertrinken retten. Die eigene Frage des Mannes ignorierte er, denn er wusste nicht, ob er schon bereit dazu war, sich auf eine Antwort festzulegen. Die Erwähnung seiner Liebe, die Liebe von V-i-n-c-e-n-t war wie ein Stich, der ihn bluten ließ. Sehr stark bluten. Er wünschte, die Wunde wäre äußerlich gewesen, dann hätte er sie behandeln können.
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