[2er RPG] In his Thrall [Codren feat. Pumi]

    • "Das ist der wissenschaftliche Teil, ja," gab Vincent zurück und schloss die Augen, gab sich dem Gefühl von Thomas vollkommen hin. "Aber ich habe dir auch gesagt, dass es einen kulturellen Teil hierfür gibt, nicht wahr? Willst du wissen, was es heißt, wenn ein Vampir gebissen wird?"
      Vincent schob beide Hände in Thomas' Haare und zog dessen Kopf daran hoch, weg von seinem Hals. Er sah ihn an, voller Ernst, voller Liebe.
      "Indem man einen Vampir beißt, erhebt man Anspruch auf ihn," erklärte er. "Vampire ernähren sich nicht von anderen Vampiren. Einen zu beißen hat einen gänzlich anderen Zweck. Es ist kein Bund fürs Leben, geschweige denn für die Ewigkeit. Es ist auch nichts, was man lange mit sich herumträgt, nichts, was man anderen unter die Nase reibt. Es ist eine rein persönliche Angelegenheit. Das Konzept davon, Spuren auf einem anderen zu hinterlassen ist mächtig. Und es an diesen Stellen zu tun, an Stellen, auf die wir von Natur aus schon reagieren..."
      Er ließ Thomas' Haare los, strich ihm über die Wange.
      "Mein Hals gehört allein dir. Vlad wird ihn niemals mehr berühren. Das ist mein Geschenk an dich. Das ist mein Versprechen an dich."


    • Bereitwillig ließ sich Thomas wieder von Vincents Hals wegführen, besonders als er den Blick sah, den der andere ihm präsentierte. Es lag so viel Wärme darin, so viel Aufmerksamkeit für den Mann über sich, dass der nächste warme Schauer, der ihm durch den Körper glitt, ganz sicher nicht vom Kamin stammte. Er versank in diesem Blick, während er Vincent lauschte.
      Es steckte also wesentlich mehr dahinter, dass er die Zähne in dem Hals des Vampires vergrub. Es war nicht das rein körperliche Gefühl für den anderen, es war auch das Zeichen dahinter, eine Bissspur am Hals, die versinnbildlichte, dass er schon vergeben war. Thomas gefiel der Gedanke und dabei wusste er nicht einmal, warum es ihn so sehr beglückte. Sein Herz machte einen förmlichen Sprung bei der Vorstellung, den Mann offiziell für sich zu beanspruchen. Auch, wenn es nur für sie beide galt.
      Sein Lächeln wurde breiter, liebevoller. Er imitierte Vincents Geste, indem er auch die Hand an seine Wange legte und mit dem Daumen über seinen Wangenknochen strich.
      "Ich liebe dich. Ich liebe dieses Geschenk."
      Ein neckischer Ausdruck huschte über sein Gesicht.
      "Auch wenn ich ihn es gerne sehen lassen würde. Soll er doch wissen, dass du nicht mehr zu haben bist. Dass ein anderer schon einen Anspruch auf dich erhoben hat."
      Er grinste und zurück war er an Vincents Lippen, um den Worten auch ein passendes Gefühl zu vermitteln. Seine Hand wanderte wieder hinab, diesmal unter die Robe, und er schob sie unter Vincents Rücken, um den Mann vollständig an sich zu pressen.
      "Soll jeder es doch sehen, der es sehen möchte", setzte er hinzu, leise an seinen Lippen, damit sein Kopf nicht plötzlich von dem Gedanken umkehrte, den er gerade zu sponnen begonnen hatte.
      "Es würde mir auch nichts ausmachen, wenn es für die Ewigkeit gelte. Zumindest für meine Ewigkeit."
      Langsam küsste er sich zu seinem Kiefer hinab, setzte aber wieder ab, bevor er weiter zu seinem Hals gewandert wäre, um Vincent erneut anzusehen.
      "Ich hätte dich auch geheiratet. Wie würde Vlad das wohl gefallen? Wenn ich dich in sämtlichen Kulturen für mich beansprucht hätte?"
    • Vincent stutzte. Hatte er da gerade richtig gehört?
      Er schlang seine Arme wieder um Thomas und rollte sich zur Seite, sodass er nun halb auf Thomas lag, und sah auf ihn hinab.
      "Hättest? Du hättest mich geheiratet?"
      Mit einem Ellenbogen stützte sich Vincent neben Thomas' Kopf ab. Er suchte nach Hinweisen darauf, dass er sich verhört hatte, dass er etwas falsch verstanden hatte, aber Nein. Thomas' war wenn überhaupt bloß ein bisschen nervös wegen seiner Worte, aber nichts deutete darauf hin, dass er sie nicht meinte.
      Vincent setzte sich auf, den Blick noch immer auf Thomas gerichtet, noch immer versuchend, die Worte richtig einzuordnen.
      "Meinst du das wirklich ernst?" fragte er. "Du willst mich wirklich heiraten?"


    • Etwas in Vincents Blick veränderte sich und bevor Thomas darauf reagieren konnte, rollte der Mann sie beide herum.
      Jetzt war er zu weit gegangen. Es war wohl eine Sache, sich von jemandem beißen zu lassen, was nur vorübergehend und nicht einmal unbedingt offiziell wäre, es war eine völlig andere Sache, eine Ehe einzugehen. Thomas, von allen Menschen auf dieser Welt, hätte das wohl am besten wissen müssen.
      Unsicherheit kroch in ihm hoch und er wandt sich ein wenig unter Vincents so eindringlichem Blick. Er versuchte, etwas aus dessen Miene herauszulesen, aber bis auf Überraschung und vielleicht Argwohn konnte er nichts entdecken.
      "Ja. Schon", gab er schließlich kleinlaut zu und die Hitze kroch ihm wie auf Kommando ins Gesicht empor.
      "Ich meine, wir kennen uns nur ein paar Monate und wir müssten überhaupt einen Priester finden, der das macht, aber..."
      Jetzt war er definitiv unsicher und versuchte Vincent mit einem Zug seines Arms dazu zu bewegen, sich wieder zu ihm zu legen.
      "Ich... Ich würde dich gerne zu meinem Mann nehmen, ja. Hättest du denn... würdest du Ja sagen?"

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    • Vincent lächelte breit. Diese ganze Situation war so absurd und doch konnte er nichts Falsches daran erkennen. Außer einer kleinen Sache...
      Er verschränkte die Arme vor der Brust und musterte Thomas eingehend mit einem kritischen Blick.
      "Fragt man so jemanden, ob man heiraten will, Doktor Van Helsing? Falls es dir noch nicht aufgefallen ist: Ich bin Romantiker. Wenn du mich also wirklich heiraten willst, dann fragst du auch ordentlich, verstanden?"
      Er lehnte sich auf allen Vieren über Thomas und stahl sich einen flüchtigen Kuss, mit dem auch alle gespielte Kritik verflog.
      "Aber um deine hypothetische Frage zu beantworten: Ich würde Ja sagen."
      Vincent konnte sich das Grinsen kaum verkneifen, als sich der Rotschimmer auf Thomas' Gesicht vertiefte. Ein wundervoller Anblick. Vor allem, weil Thomas dieses Mal selbst dafür verantwortlich war.


    • Für einen Augenblick spürte Thomas seine eigenen Augen groß werden, riesig sogar in Anbetracht der Gefahr, die sich zunehmends steigerte. Vielleicht hatte er Vincent mit seiner waghalsigen Aussage vergrault, schließlich konnten nicht alle so hochzeits-besessen sein wie Darcy es war.
      Aber dann veränderte sich wieder etwas in seiner Miene, bevor er seine Antwort mit allzu sanfter Stimme lieferte und Thomas seinen angehaltenen Atem ausstieß. Doch nicht verloren. Zumindest für jetzt nicht.
      "Das sollte auch kein Antrag sein. Ich würde es niemals wagen, dich ohne einen ordentlichen Antrag zu fragen", beteuerte er schnell und dann war Vincent endlich wieder in seiner Reichweite und Thomas konnte sich ihm entgegen lehnen. Die Hitze verdünnisierte sich ein wenig, zumindest bis zu dem Punkt, an dem der Mann doch tatsächlich seine Frage noch bejahte. Da schoss wieder sämtliches Blut durch seinen Körper, befeuerte sein Herz zu überschwinglichen Freudensprüngen und ließ ihn mit einem Schlag heiß genug werden, dass das Feuer auch nichts mehr ausrichten konnte. Jetzt schlang er auch die Arme um Vincent und drückte ihn ohne Rücksicht auf Verluste an sich. Besonders nach dieser Aussage, würde er ihn erst recht nicht mehr loslassen.
      "Das würdest du? Eine menschliche Ewigkeit mit mir verbringen?"
      Er strahlte, sein Herz strahlte. Sein ganzer Körper schien zu strahlen, so wie es sich anfühlte. Und Vincent, sein wunderschöner, bezaubernder Vincent, der ihm das Ja-Wort geben würde, wenn er ihm nur einen anständigen Antrag machen würde - und diese Forderung würde Thomas mit allen ihm zur Verfügung stehenden Mitteln erfüllen - schien auch zu glühen, im Lichtschein und der Hitze des Feuers, das seine Schatten um die Kurven seines Körpers tanzen ließ und seine Augen mit einer Intensität befeuerte, die Thomas den Atem um ein weiteres Mal verschlug. Dieser Mann würde ihn heiraten. Er hatte zugestimmt, eines Tages seinen Antrag anzunehmen und wenn es nach Thomas gegangen wäre, hätte dieser Tag gleich der morgige sein können.
      Jetzt grinste er auch selbst und verwickelte Vincent in einen Kuss, der alle anderen in seiner Energie und seiner Euphorie weitaus übertrumpfte. Er wollte schlichtweg gar nicht mehr von ihm loslassen, nicht jetzt und auch nie wieder. Alles, woran er nur noch denken konnte, war eine Zukunft in unbekannter Ferne, die er mit diesem Mann verbringen würde, womöglich - nein, ganz sicher in einem Haus zusammen, egal wo, ganz alleine zu zweit mit ihren Angestellten, wo es keine Verpflichtungen gäbe, keinen Ruf, den es aufrecht zu erhalten galt, keine Geheimnisse, die gehütet werden mussten, keine Darcy. Nur er und Vincent, bis Thomas tatsächlich irgendwann alt und gebrechlich wäre und Vincent ihn durch die Gegend tragen müsste.
      So merkwürdig der Gedanke vorher gewesen war, jetzt war er nicht mehr ganz so abwegig und Thomas kicherte in Vincents Mund hinein. Sie lösten sich, aber nur, damit er ihm ein verträumtes und höchst beschwingtes "Ich liebe dich" zuflüstern konnte. Dann waren seine Lippen wieder zur Stelle und unterstrichen seine Worte mit gefühlvollen Bewegungen, denen ein genauso gefühlvoller und inniger Akt folgte. Vergessen war tatsächlich Vlad und das Nest und alle sonstigen Probleme in oder außerhalb dieses Hauses. Nur noch Vincent zählte, Vincent und eine hypothetische Zukunft gemeinsam, die er nur durch einen Antrag zu realisieren brauchte.
    • "Habe ich dir nicht bereits damit gedroht, dich bis ins hohe Alter zu belästigen?" gab Vincent bloß grinsend zurück, bevor er sich von Thomas' Kuss einfangen ließ.

      Vincent war nicht danach, heute Nacht noch irgendetwas zu tun, auch wenn er einige Stunden für sich allein hatte. Eine ganze Weile lag er einfach nur da, in dem kleinen Nest, das Thomas' ihnen gebaut hatte, den Mann schlafend in seinen Armen, und dachte darüber nach, was sie mehr oder weniger beschlossen hatten.
      Es war beinahe zu einfach, sich in der Planung einer Zukunft zu verlieren. Vincent hatte dutzende Ideen, wie sie ihre Hochzeit abhalten konnten. Dutzende Szenen eines domestizierten Lebens huschten durch seine Gedanken. Thomas als der nette Arzt vom Land drüben bei Harker Heights, kümmerte sich um die Wehwehchen der Dorfbewohner und um Findlinge, die Vincent von seinen Reisen mit nach Hause brachte. Im Gegenzug verwöhnte Vincent ihn, wenn er von einer Jagd zurückkam. Gemeinsam stellten sie sich ein paar Mal im Jahr der High Society, verbrachten aber den Großteil ihrer Zeit zurückgezogen in einem viel zu großen Haus auf einem viel zu großen Anwesen. Vincent zeigte ihm Frankreich, verriet ihm wo er aufgewachsen war. Gemeinsam sahen sie dabei zu, wie kleine Stanleys und Marys und Richards und Dianas geboren wurden, wie sie aufwuchsen und wegzogen, um ein schönes Leben zu haben. Vielleicht war ja sogar eine kleine Beth dabei?
      Als das Feuer im Kamin herunterbrannte, löste sich Vincent vorsichtig aus den Armen des anderen Mannes. Er trug Thomas rüber zum Bett, bastelte ein neues Nest für ihn und legte neue Holzscheite in den Kamin, bevor er zu Thomas ins Bett kletterte. Er griff sich sein Buch, wie er es jeden Morgen vor Sonnenaufgang tat, und gab sich einer Geschichte hin, während er den Mann, den er mehr als alles andere auf dieser Welt liebte, in seinen Armen hielt. Als er das Aufgehen der Sonne spürte, legte er das Buch wieder weg, kuschelte sich enger an Thomas und ließ sich von seiner Natur ins Land der Träume entführen.



      Vlad richtete den Kopf noch ein letztes Mal aus. Es war überraschend schwer, so ein Ding richtig zu positionieren. Ein Kopf hatte die dämliche Angewohnheit, nicht perfekt ausbalanciert zu sein. Erst recht nicht, wenn man ihn auf einen selbstgebastelten Speer steckte.
      Er machte zwei Schritte zurück und betrachtete sein Werk. Zarte, blasse Arme schlossen sich um seine Hüften und um seine Schultern, als sich Aleera und Marishka zu ihm gesellten.
      "Hübsch," meinte die eine.
      "Ein bisschen leer," die andere.
      "Keine Sorge, florile mele. Das ist erst der Anfang. Wenn wir hier fertig sind, werde ich einen ganzen Thron haben."
      Er leckte sich das Blut von der Hand, während er sich vorstellte, wie sich die leeren Stellen mit den Köpfen seiner Opfer füllten.
      "Räumt hier auf. Behaltet, was ihr behalten wollt und verbrennt den Rest."
      Die Arme verschwanden, als seine beiden Bräute dazu übergingen, die enthaupteten Leichen zu entsorgen.
      Vlad hatte schon vor einigen Tagen feststellen müssen, dass dieses einsame Nest gar nicht so einsam war. Es gab mehrere Verstecke, in die sich die Jungvampire zurückzogen, wenn die Sonne aufging. Dieses hier war das Dritte, das Vlad ausgenommen hatte und es war mit Abstand das hübscheste. Deswegen hatte er beschlossen, es zu seinem temporären Domizil zu machen. Seinen Feind, Jimmy, hatte er aber noch nicht ausfindig machen können.
      Mit einem Lächeln ließ sich Vlad auf seinen noch recht leeren Thron sinken. Vor ihm lagen sieben zerfetzte Körper. Sie hatten nicht viel Gegenwehr geleistet. Schade eigentlich. Aber der beste Teil kam ja noch. Die Jagd nach dem Regelbrecher hatte kaum begonnen und beflügelte ihn schon. Er wusste nicht, was er mehr von dem Mann wollte: dass er wegrannte oder das er hier blieb und ihm einen Kampf lieferte.
      Der Geruch von Zimt stieg ihm in die Nase und sofort verflog das Lächeln. Es gab keine Quelle für den Geruch, das wusste er. In den letzten Tagen hatte ihn die bloße Erinnerung an diesen Geruch verfolgt. Und heute hatte er den gleichen Gestank an Vincent wahrnehmen müssen. Seinem Vincent... Er würde den Jäger töten. Sicher, Vincent wäre ein bisschen wütend darüber, dass er ihm sein Spielzeug wegnahm, aber das war ein Loch, das Vlad nur zu gern selbst füllte. Aber für den Augenblick würde er sich auf die Jagd konzentrieren. Die Jagd nach dem Regelbrecher. Die Jagd nach dem Herzen seines Jünglings.
      Das Lächeln kehrte zurück in Vlads Gesicht bei dem Gedanken an eine gute Jagd.


    • Am Morgen darauf unternahm Thomas einige höchst nervöse Kreuzzüge durch das Haus.
      Er war in der wunderbaren Umarmung von Vincent aufgewacht, der Mann halb über seinen Körper gestreckt, der Kopf auf seiner Schulter und so hübsch und friedlich, dass er länger im Bett geblieben war, als notwendig gewesen war. Er hatte Vincent in die Arme genommen, ihm über die Haare gestreichelt und sich darüber Gedanken gemacht, wie er diesem Mann einen ordentlichen Antrag machen konnte.
      Er wollte es, das hatte er schon in dem Moment gewusst, als er es ausgesprochen hatte. So lächerlich es in ihrer Situation doch kam, aber er konnte sich nichts besseres vorstellen, als Vincent zu seinem Mann zu nehmen. Zu seinem Mann! Lange musterte er seine entspannten Züge und stellte sich vor, wie er in einem ähnlich umwerfenden Anzug vor ihm stehen würde, irgendwo in irgendeiner Kirche, ganz egal wo, die Hand ausgestreckt und Thomas, der ihm den Ring auf den Finger schob. Die Lachfalten, die sich unweigerlich auf seinem Gesicht bilden würden, derselbe verliebte, verträumte Blick in seinen Augen, den er auch gestern dargeboten hatte. Wie er ihm seinerseits den Ring anschob. Thomas war immer davon ausgegangen, dass er sich einfach nur nicht fest binden wollte, aber ganz anscheinend brauchte es nur den richtigen Mann dafür.
      Schließlich hatte er sich doch von dem Anblick losgerissen, so sehr er auch hatte bleiben wollen, und war leise aufgestanden, hatte die Kissen für Vincent aufgeschüttelt, ihn ordentlich zugedeckt und war nach draußen geschlichen. Dann war er etwa eine Viertelstunde durchs Haus getigert, bevor er sich endlich die richtigen Worte überlegt hatte.
      Er fand sie schließlich im Salon. Nora war mit putzen beschäftigt und warf ihm einen flüchtigen Blick zu, als er hereinkam.
      "Nora. … Guten Morgen."
      Er blieb unschlüssig an der Tür stehen und strich über sein Hemd. Das Jackett hatte er weggelassen, so viel Freiheiten nahm er sich mittlerweile in Vincents Haus.
      "Könnten wir kurz reden?"
      Sie willigte ein und räumte die Putzsachen zumindest beiseite. Mit einem Mal war sich Thomas nicht mehr ganz so sicher, wie er das anstellen sollte.
      "... Ich wollte mich entschuldigen, ganz offiziell, dafür dass ich an Silvester… dass ich überhaupt jemals geplant habe, Vincent umbringen zu wollen. Es gibt nichts, womit ich mich rechtfertigen könnte, außer vielleicht die Tatsache, dass ich es nicht besser gewusst habe. Ich möchte nur ein für allemal klarstellen, dass es niemals in meiner Absicht war, Vincent zu verletzen - in welcher Weise auch immer. Ich… Ich liebe ihn und ich möchte nur das beste für ihn. Jetzt und in der Zukunft."
      Sein Erzfeind, die Hitze, war wieder zurück und kämpfte sich sorgfältig einen Weg in seinen Kopf empor. Langsam fragte er sich, weshalb er überhaupt einen Bart trug, wenn man sowas ohnehin sehen konnte.
      "Das ist auch der Grund, weshalb ich mit Ihnen reden möchte. Ich möchte gerne… ich würde gerne um seine Hand anhalten, aber ich möchte Ihren Segen dafür haben. Ich weiß, dass Sie seine engste Freundin sind und deswegen halte ich es nur für richtig, dass Sie auch damit einverstanden sind. Außerdem…", er fummelte ein bisschen an seinem Ärmel herum, "brauche ich Ihren Rat darin, was Vincent so mögen könnte. Als… Antrag meine ich. Das ist mein erster Antrag, den ich überhaupt plane und ich möchte nichts falsch machen - nicht bei Vincent."
    • Nora verschränkte die Arme vor der Brust und musterte den nervösen Mann, der da vor sich stand. Immerhin hatte er genug Manieren, um sie vorher zu fragen. Sie kam nicht umhin, sich die Frage zu stellen, was Thomas Van Helsing wohl tun würde, sagte sie Nein. Selbstverständlich würde sie das nicht tun, das würde Vincent das Herz brechen.
      Sie machte ein paar Schritte auf den Mann zu, bis sie direkt vor ihm stand. Nur wenige Zentimeter trennten sie noch, aber Etikette war ihr gerade mehr als egal.
      "Dass Sie Vampire töten, kann ich verstehen," sagte sie und drückte Thomas ihren Zeigefinger unsanft gegen das Brustbein. "Mein Problem besteht darin, dass Sie Vincent wehgetan haben. Ihr Wegbleiben hat ihn mehr verletzt, als es das Silber je hätte tun können. Wenn Sie das also noch einmal machen, dann schaufeln Sie am besten gleich ihr eigenes Grab. Denn ich werde dafür sorgen, dass sie es brauchen. Haben wir uns da verstanden?"
      Nora atmete tief durch, dann machte sie einen großen Schritt zurück und faltete brav die Hände hinter dem Rücken.
      "Es gibt da ein paar Bücher, über die sich Vincent immer freut. Ich kann Ihnen eine Liste geben. Sie können langweilig sein und ihm eins davon besorgen. Oder sie können kreativ sein und eine Szene aus diesen Büchern nachstellen. Machen Sie keinen zu großen Auftritt daraus, das ist nicht sein Stil. Und denken Sie immer daran: Er ist ein hoffnungsloser Romantiker. Je kitschiger, desto besser."
      Sie zuckte mit den Schultern, dann ging sie dazu über, eine Kanne Tee aufzusetzen.
      "Ich habe nichts gegen Sie, Thomas. Ich bin nur... Vincent braucht jemanden, der sich um ihn kümmert. Er passt immer auf alle anderen auf, dabei vergisst er oft, auf sich selbst zu achten. Als er mich gefunden hat... Er wollte mich nicht bei sich behalten. Er hat mir geholfen und dann wollte er, dass ich mein eigenes Leben lebe. Drei Wochen musste ich auf ihn einreden, dass ich mich dazu entschlossen habe, mein Leben bei ihm zu führen. Ja, es hatte auch den eigennützigen Hintergrund, dass er mich am Leben hielt. Aber deswegen bin ich nicht geblieben. Nennen Sie es Mutterinstinkt, wenn sie wollen. Aber als ich ihn getroffen habe, da wusste ich sofort, dass er jemanden braucht. Keine Haushälterin, keine Mutter, nicht einmal eine Freundin. Einfach nur jemanden."
      Sie nahm zwei Tassen zur Hand und füllte sie mit dem frischen Tee, bevor sie sich umdrehte und gegen den Küchentresen lehnte.
      "Er liebt sie. Er liebt sie, wie ich noch nie jemanden habe lieben sehen. Das ist wundervoll. Und es macht mir Angst. Ich weiß, wie er drauf ist, wenn er Hunger hat. Ich weiß seine Frustration handzuhaben, wenn er seine Bücher nicht bekommt. Ich weiß, was zu tun ist, wenn er sich langweilt und auf dumme Gedanken kommt. Aber ich habe keine Ahnung, was es mit ihm macht, würde er Sie verlieren. Wenn Sie ihn heiraten wollen, wenn Sie ihn wirklich lieben, dann sorgen Sie gefälligst dafür, dass Sie am Leben bleiben, verstanden? Meine Mutter war eine Hexe und sie hat mir genug beigebracht, damit ich Geistern auf die Nerven gehen kann. Also denken Sie gar nicht erst daran, sich umbringen zu lassen."
      Mit einem Lächeln reichte sie Thomas eine frische Tasse Tee.


    • Tatsächlich war Thomas reichlich unvorbereitet darauf zu erfahren, dass es nicht das Silber gewesen war und auch nicht die Unsicherheit, ob er Vincent nach dessen Enthüllung wirklich umbringen würde, was dem Mann so zugesetzt hatte, sondern die Wochen der Abwesenheit, die im Anschluss gefolgt waren. Und Gott selbst wusste, was diese Pause mit ihm selbst gemacht hatte und er hatte zumindest noch die Ablenkung von Beths Tod gehabt. Vincent hatte gar nichts gehabt, das fiel ihm jetzt erst auf, nur sein großes Haus, seinen einsamen Alltag und die Ungewissheit, ob Thomas eines Tages mit seinen Waffen vor der Tür auftauchen würde. Oder auch gar nicht, nie wieder. Als Thomas selbst soweit darüber hinweggekommen war, dass er zumindest handeln und seinen Entschluss fassen konnte, hatte er Vincent bereits in einem kläglichen Zustand vorgefunden. Jeder Arzt der Welt hätte eine Diagnose ziehen können, die weit über seine körperlichen Beschwerden hinausging, aber Thomas war blind gewesen. Blind vor Liebe, vor Sorge und vor dem eigenen Schmerz, den er noch mit sich herumgetragen hatte.
      Wenigstens hinterher hätte er es bemerken können, aber da hatte nun doch Beths Tod hineingespielt und ein Nest, das sich unversehens verbreitet hatte. Thomas hatte weder seine Pflicht als Arzt, noch als Freund oder Geliebter erfüllt.
      Aber das würde sich hiermit ändern, das wusste er. Es hatte sich schon längst geändert, in dem Moment, als er endgültig zu Vincent zurückgekommen war. Nur dieses Mal würde er es offiziell machen.
      "Ich werde es nicht noch einmal tun, das kann ich Ihnen versprechen. Ich gebe Ihnen mein Wort darauf."
      Das schien Nora für den Moment einigermaßen zu beruhigen und Thomas war erleichtert darum, dass sie auch gleich einen Ratschlag für ihn hatte. Bücher und Romantik also, das klang so sehr nach Vincent, dass es besser gar nicht ging. Ein bisschen lächelte er darüber.
      Nora fuhr auch fort damit, ihm mehr über Vincent zu verraten, Dinge, die er weder in der kurzen Zeit, noch durch Vincent selbst vermutlich begriffen hätte. Sie hatte eine andere Sichtweise auf sein Leben, länger und wesentlich intensiver. Mit einem Mal war es sogar essentiell, dass er zu ihr gekommen war. Er hätte es viel früher machen sollen.
      "Was meinen Sie damit, er achtet nicht auf sich selbst?"
      Der Arzt in ihm wollte hervor und ein bisschen ließ er ihn durchkommen. Wenn es Vincent betraf, war das wichtig.
      Er ging von der Tür weg und ließ sich auf das Sofa sinken. Mit einem etwas schüchterneren Lächeln als das ihre nahm er die Tasse entgegen.
      "Ich habe nicht vor, mich umbringen zu lassen. Ich kann allerdings kein Versprechen dafür abgeben, nicht frühzeitig zu sterben - von einem Krebs oder einem entzündeten Infekt. Sie können sich gar nicht vorstellen, durch welche Lappalien die Leute heutzutage sterben und das, obwohl sie sicherlich noch 50 weitere gesunde Jahre hätten Leben können."
      Er nahm einen Schluck von seinem Tee.
      "Aber das habe ich auch Vincent in gewisser Weise gesagt. Ich werde kein ewiges Leben führen, auch wenn er es mir sogar angeboten hat. Das ist… das wäre nicht richtig. Ich möchte kein Monster werden."
      Er schwenkte die Tasse in seiner Hand etwas herum.
      "... Sagen Sie, haben Sie Vlad schon einmal kennengelernt? Mit Vincent zusammen, meine ich? Ich glaube, er hat mir nicht alles erzählt und erst recht nicht aus einer objektiven
      Perspektive."
    • "Was ich damit meine? Sie sind wirklich ein bisschen auf den Kopf gefallen, oder?"
      Nora schüttelte den Kopf und ließ sich mit ihrer eigenen Tasse in einen Sessel sinken. Sie ließ selten ihre Professionalität als Haushälterin fallen, aber in diesem Augenblick wirkte sie eher wie jemand, der hier im Haus lebte, nicht arbeitete, von ihrer bescheideneren Kleidung einmal abgesehen.
      "Vincent versteht sich außerordentlich gut darauf, anderen Leuten das Leben zu erleichtern. Er hat dieses Talent, Leute wie Bücher zu lesen und genau zu wissen, was sie brauchen - selbst wenn sie es selbst nicht wissen. Aber ein Buch kann sich nicht selbst lesen. Man kann sich selbst ja auch nur schlecht in die Augen sehen. Es sei denn, man hat einen Spiegel. Ich erinnere Vincent an Dinge. Daran, dass er einen furchtbaren Männergeschmack hat, wenn er gerade dabei ist, sich in einen Jäger zu vergucken. Daran, dass die Sonne ungesund für ihn ist, wenn er sich mit jemandem zum Tee verabredet. Daran, dass er dem Mann, den er liebt, die Wahrheit sagen muss, bevor ihm alles um die Ohren fliegt."
      Sie seufzte.
      "Wie Sie sehen ist er ein absoluter Vollidiot, selbst wenn man ihm aufzeigt, wie er keiner sein könnte. Vincent ist manchmal sturer, als es gut für ihn ist. Manchmal ist er zu ehrgeizig. Auf ihn zu achten heißt oftmals, ihn zu bremsen, ihn zum Nachdenken zu zwingen. Ihn dazu zu bringen, seine Perspektive anzupassen."
      Nora nippte probehalber an ihrer Tasse, aber der Tee war noch viel zu heiß, also stellte sie sie beiseite.
      "Ihre Einstellung ist ganz schön negativ, wissen Sie das? Konzentrieren Sie sich doch lieber darauf, diese fünfzig Jahre zu leben, anstatt auf all die Möglichkeiten, wie sie es nicht tun könnten. Mal ganz davon abgesehen: bin ich ein Monster? Ich weiß nicht, ob Vincent Ihnen das verraten hat, aber ich bin über achtzig Jahre alt. Dafür halte ich mich doch noch ganz gut, oder nicht? Und ich bin kein Vampir. Mal ganz davon abgesehen, dass Vampir nicht gleichbedeutend mit Monster ist, das sollten Sie doch mittlerweile wissen. Vlad allerdings... der ist die Definition eines Monsters. Ich persönlich habe ihn nur einmal getroffen, aber das war mir genug. Er mag sich ja geben wie ein exzentrischer Gentleman, aber das ist er nicht. Er ist aufbrausend, selbstbezogen, gewalttätig. Wenn er nicht bekommt, was er will, dann nimmt er es sich, und dabei ist ihm vollkommen egal, wie viele Knochen er brechen muss. Selbst seine angebliche Liebe zu Vincent ist nicht mehr als Besessenheit. Vincent ist ein Preis, eine hübsches Schmuckstück, dass er sich um den Hals hängen will, mehr nicht. Vincent weiß das auch. Aber manchmal ist es egal, was man weiß. Vincent macht keine halben Sachen. Wenn er liebt, dann mit seinem ganzen Herzen. Irgendein Teil von ihm kann die guten Zeiten, die er mit Vlad hatte, einfach nicht loslassen. Er erinnert sich genauso klar an all die schlimmen Zeiten, aber die Hoffnung auf das, was sein könnte... Hoffnung und Liebe sind sehr mächtige Emotionen. Und jemand, der so vollkommen liebt und immer an das Gute in den Leuten glaubt... Vlad ist seine Achillesferse, ob er es will oder nicht. Zweifeln Sie niemals an seiner Liebe zu Ihnen. Aber unterschätzen sie auch nicht die Liebe, die er noch immer für das ideale Bild von Vlad übrig hat. Ein Ideal, das es nicht gibt und niemals geben wird. Hassen Sie Vlad dafür, nicht Vincent. Vlad hat ihm das eingeredet, ihm so lange Honig ums Maul geschmiert bis er die Bienenstiche nicht mehr spüren konnte."
      Nora lehnte sich vor und ergriff Thomas' Hand, drückte sie leicht.
      "Befreien Sie unseren Vincent von dieser Last. Bringen Sie ihn zu uns zurück."


    • Thomas runzelte ein bisschen die Stirn auf Noras Aussage hin, behielt sich aber einen Kommentar zurück.
      Es stimmte, Vincent neigte dazu, andere an erste Stelle zu stellen. Man sah es ja schon an der Tatsache, dass er sein Leben danach ausrichtete, Menschen aus schwierigen Verhältnissen eine Zuflucht zu bieten. Es wäre mal deutlich an der Zeit, ihm auch eine Zuflucht zu bieten und Thomas bot sich höchst freiwillig dafür an. Er wollte nichts lieber, als dem Mann eine Stütze zu bieten.
      Er nickte langsam und nachdenklich, dann warf er Nora aber doch einen kritischen Blick zu. So wie die Professionalität der Haushälterin sich verabschiedet hatte, fiel auch ihm es leichter, ein bisschen offener zu sprechen.
      "Ich habe keine negative Einstellung, sondern höchstens eine realistische. Ich komme bei beiden meiner Berufe mit dem Tod in Berührung und ich kann Ihnen sagen, dass die wenigsten davon vorhersehbar sind. Das bedeutet nicht, dass ich meinem Schicksal erlegen sein möchte, aber ich nehme es hin, wenn es doch nicht anders geht."
      Ihren Einwand darüber, dass sie selbst doch auch kein Monster war, musste Thomas bestätigen. Vincent war ja auch keins, dessen war er sich schon bewusst; es war dennoch ein befremdlicher Gedanke, eine Ewigkeit zuzubringen. Und zu welchem Zweck, dafür, dass er bis in die Unendlichkeit Vampire jagte? Dass er sich bei jeder Jagd fragen durfte, ob er jetzt wirklich das richtige tat, ob der betreffende Vampir den Tod verdient hatte? Thomas mochte seinen ungewöhnlichen Beruf, aber nicht etwa um des Mordens Willen, sondern um den Menschen zu helfen - um unnötige Tode zu verhindern und sie nicht zu verursachen. Nein, selbst wenn er nicht von einer Gier besessen wurde, dem nächsten Lebewesen die Blutadern herauszureißen, wollte er doch nicht ewig leben. Mit Vincent an seiner Seite würde es das ganze wesentlich erträglicher machen, aber es änderte nichts daran.
      Nicht, dass dieser Gedanke überhaupt ernsthaft in Frage gekommen wäre. Bisher waren alle van Helsings frühzeitig gestorben.
      "Das ist eine schwierige Sache mit der Unendlichkeit. Sie werden meine Zweifel sicher verstehen, auch wenn Sie - und sicher viele Vampire so wie Vincent - kein Monster sind."
      Er beließ das Thema dabei, gestützt durch das Interesse daran, mehr von Vlad zu erfahren. Er vertraute Noras Urteil danach, den Vampir richtig einschätzen zu können und ganz anscheinend wurde er nicht enttäuscht. Die wenigen Begegnungen, die er bereits mit ihm gehabt hatte, hatten ihm zweierlei Dinge gezeigt, die auch Nora jetzt bestätigte: Vlad war ein durch und durch präsentabler Gentleman, der sich der Gesellschaft mit einer Eleganz anpasste, die dominierend war, und er hatte außerdem einen Blick in den Augen, der das Gegenteil bezeugte. Mit Noras Hilfe wurde ihm jetzt deutlicher bewusst, was dieser Blick bedeutete: Vlad sah die Welt um sich herum mit den Augen eines Raubtiers, das sich nicht vor anderen Raubtieren zu fürchten brauchte. Er war der selbstbestimmte König der Welt, in der sie alle lebten, und niemand hatte diese Entscheidung bisher angefochten.
      Niemand bis auf Vincent und Thomas und sie würden hoffentlich die einzigen bleiben können.
      Wieder nickte Thomas, wieder bestätigte er das, was Nora ihm erzählte. Auch ihre Hand drückte er, ein merkwürdig intimer Moment in dieser Situation, in der sie durch den Hass auf den einen und die Liebe auf den anderen Mann vereint waren. Unweigerlich erinnerte er sich an das, was Vincent ihm über Nora erzählt hatte, dass sie eigentlich nur eine harte Schale mit einem weichen Kern war. Das konnte er jetzt wohl bestätigen; sie mochte es nicht offen mit sich herumtragen, aber die Sorge über Vincent war ihr überdeutlich anzusehen.
      "Ich verspreche Ihnen, dass ich alles in meiner Macht stehende tun werde, um Vincent von seinem Leid zu erlösen. Ich möchte ihm ein guter Mann sein, auch bevor ich um seine Hand anhalte. Ihm soll es gut gehen, darauf werde ich achten."
      Er trank seinen Tee aus und stand schließlich auf. Das Gespräch hatte ihm geholfen, sicherlich, und jetzt wollte er sich seine eigenen Gedanken darüber machen. Er musste schließlich einen aufbrausenden, selbstbezogenen, gewalttätigen Vampir davon abhalten, seinem Liebsten noch mehr Schaden zuzufügen.

      Er kam zurück ins Bett, Vincent natürlich noch immer schlafend, und legte sich zu ihm, bevor er den Mann ganz vorsichtig in seine Arme zog. Er wusste, dass er nicht aufwachen würde, nicht von einem Erdbeben und allerhöchstens von einer Naturgewalt, die sich Nora nannte, aber er war trotzdem vorsichtig, zog ihn an seine Brust und küsste seine Schläfe. Dann lehnte er sich zurück, betrachtete Vincents schlafende Miene, streichelte ihm durch die Haare und dachte darüber nach, wie er seinen Geliebten vor weiterem Schaden bewahren konnte.
    • Das Erste, was Vincent wahrnahm, als er sein Bewusstsein am Abend wiederfand, war die Wärme, die ihn umgab. Er brummte leise und klammerte sich ein bisschen enger daran, noch bevor er realisierte, dass es sich um einen Körper handelte. Kurz darauf registrierte sein schlaftrunkenes Hirn den altvertrauten Duft von Zimt. Er brummte gleich noch einmal und schob sich ganz auf diese wohlriechende Wärmequelle. Er lächelte, als er einen ruhigen, kräftigen Herzschlag wahrnahm.
      Langsam hob Vincent den Kopf, gerade genug, um einen sanften Kuss auf das Schlüsselbein zu setzen, das sich ihm offenbarte.
      "Hey," murmelte er, als er sich wieder hinlegte.
      Wie jeden Abend hatte er einen Augenblick gebracht, um zu registrieren, dass es Thomas war, an den er sich da kuschelte, und nicht etwa seine Beute. Anstatt Thomas also zu essen, schlang er bloß seine Arme um ihn und genoss ihre gemeinsame Zeit.
      "Habe ich irgendwas interessantes verpasst?"


    • Vincent erwachte pünktlich zum Sonnenuntergang und Thomas gelang in den Genuss, den Mann ein weiteres Mal dabei zu beobachten, wie er in die Welt der Lebenden zurückkehrte. Es war jedes Mal ein Entzücken zu beobachten, wie erst sein Körper und danach sein Gehirn anschalteten. Wie er brummte, als würde er einen besonderen Genuss erfahren und wie sich erst seine Arme um Thomas festigten, bevor er überhaupt zu realisieren schien, was er dort gerade tat. Es war eine andere Art von Intimität, eine bei der Thomas die besondere Ehre zuteil kam, Vincent in Momenten zu beobachten, in denen er noch keinerlei Masken hätte aufsetzen können. Es war nur Vincent in diesem Moment, der sich an ihn klammerte, und Thomas lächelte darüber.
      "Hey, Schlafmütze..."
      Ein weiteres Geräusch kam als Antwort, über das Thomas nur noch mehr lächeln musste, während der andere sich auf ihn schob. Er empfing Vincent mit kraulenden Streicheleinheiten über seinen Kopf und seinen Rücken und erhielt scheins als Antwort einen Kuss auf das Schlüsselbein. Der verschlafene Vincent war zu niedlich, um wahr zu sein.
      "Nein, eigentlich nicht", beantwortete er seine Frage höchst unschuldig und bekräftigte sie, indem er sich zu ihm hinab beugte und leichte Küsse auf seiner Stirn verteilte. Die Gelegenheit nahm er gleich wahr, um Vincent absichtlich fest an sich zu drücken.
      "Ich habe mir aber gedacht, dass ich dich gerne ausführen würde in deinem tollen Anzug von gestern. Du hast so umwerfend ausgesehen..."
      Noch ein Kuss.
      "Wir könnten ja ein Restaurant aufsuchen, ein ganz hübsches aber volles, damit wir nicht so herausstechen und danach..."
      Er strich mit den Fingerspitzen über Vincents Arm zu seinem Schulterblatt.
      "... könnte ich einen meiner unzähligen Bekannten kontaktieren, der ganz zufällig den Schlüssel zur Stadtbibliothek besitzt, und wir öffnen sie wieder nur für uns, wenn sie um acht schließt. Was hältst du davon? Kann ich meinen umwerfenden, hübschen Vincent von so einem Plan überzeugen?"
    • Vincent lächelte und streckte sich, um Thomas' Kinn küssen zu können.
      "Du hattest mich bei 'ausführen'," raunte er.
      Er raufte sich soweit zusammen, dass er sich auf seine Ellenbogen neben Thomas Kopf stützten konnte, um ihn richtig zu küssen. Noch war er nicht wach genug, um etwaige Hintergedanken bei einem Besuch in die Stadtbibliothek zu erkennen. Und wenn Vincent ehrlich mit sich selbst war, dann wollte er auch gar nicht danach suchen.
      Er küsste Thomas ein zweites Mal, dann setzte sich auf und streckte sich ausgiebig. Seit ein paar Nächten ließ ihn der Schmerz in seiner Flanke nun schon in Ruhe. Ein gutes Zeichen. Genauso wie die Tatsache, dass die Spuren der Silbervergiftung kaum noch zu sehen waren. Da war nur noch eine Narbe von der Einstichstelle. Irgendetwas sagte Vincent, dass diese Narbe auch bleiben würde. Die Haut sah jedenfalls nicht danach aus, als ob sie sich noch groß verändern würde. Nach zweihundert Jahren lernte man also doch noch dazu. Vincent hat noch nie einen Vampir mit Narben gesehen, die nach der Verwandlung zustande gekommen waren.
      "Ich kann aber nicht zweimal den gleichen Anzug anziehen. Nicht in der gleichen Jahreszeit. Du musst mir also einen anderen raussuchen."
      Vincent lehnte sich vor und stahl sich einen letzten Kuss von Thomas, bevor er aufstand und ins Badezimmer ging, um sich kurz frisch zu machen. Auf dem Weg sammelte er seinen Morgen- oder besser Abendmantel ein.


    • Beglückt von Vincents so offensichtlicher Freude an dieser kleinen Idee, genoss Thomas die folgenden Küsse umso mehr. Ganz besonders genoss er es allerdings, als der Mann sich aufrichtete und seinen langen, geschmeidigen Körper auf ihm streckte. Unweigerlich schoss ihm die Hitze durch den Körper und er hob die Hände, um sie über Vincents Bauch, seine Hüfte und seine Beine fahren zu lassen. Unter seinen Fingern dehnten sich himmlisch geschmeidige Muskeln.
      "Himmel, Vincent…"
      Wenn er das noch einmal täte, würden sie den Abend verschieben müssen. Vincent mochte gerade erst aufgewacht sein, aber Thomas hatte den ganzen Tag schon damit verbringen können, seine Fantasien mit dem Mann zu füllen.
      Er setzte sich auf, kam Vincents nachfolgendem Kuss entgegen und schlang dabei die Arme um seinen Oberkörper, um auch seinen Rücken zu ertasten. Die Berührung gepaart mit dem Anblick allein war schon ausreichend, um seine Lenden zu befeuern.
      "Warum nicht?"
      Er küsste seine Brust entlang, allein weil er einfach nicht widerstehen konnte.
      "Eigentlich ist das auch nicht wichtig. Du siehst in jedem Anzug ganz fabelhaft aus."
      Jetzt grinste er und entließ Vincent in die Freiheit, nur um sich zurückzulehnen und zu beobachten, wie der Mann mit schlenderndem Gang im Badezimmer verschwand. Erst danach stand er selbst auf und machte sich an die Arbeit, seinen Kleiderschrank zu durchsuchen.
      Zum Schluss ließ er Vincent drei Anzüge anprobieren, nur um sich dafür zu entscheiden, dass er in allem absolut umwerfend aussah. Also blieb es beim letzten und Thomas, selbst angezogen und frisiert, nahm sich auch diesen Moment, um Vincent zu bewundern und anzuhimmeln. Er küsste ihn auf die Stirn, dann bot er ihm die Hand an und küsste auch Vincents Hand, als er seine eigene auf seine legte.
      "Es wird mir eine außerordentliche Freude sein, dich heute Abend ausführen zu dürfen, Vincent."
      Er strahlte ihn an, dann führte er ihn nach draußen und nach unten.

      Sie gingen zur Abwechslung mal nicht in das beste der besten, denn bei der hohen Gesellschaft war es immer ruhig und übersichtlich. Stattdessen suchte Thomas einen Restaurant, das nicht ganz so viel Prestige hergab, aber immer noch gut genug war, um seinen eigenen Anforderungen für diesen Abend gerecht zu werden. Bei ihrer Ankunft tauschte er aus Vorsorge heimlich Vincents Besteck mit dem Besteck aus seinem Zuhause aus, um den Mann nicht ausversehen mit Silber in Berührung kommen zu lassen.
      "Das ist eigentlich unsere erste richtige Verabredung, wenn man es genau nimmt. Als… Paar meine ich."
      Mittlerweile konnte man es wohl nicht anders nennen, nachdem Thomas schon mit dem Gedanken spielte, Vincent zu heiraten.
      "Ich möchte also, dass du dich entspannst und mir die Gelegenheit gibst, dich zu verführen. In Ordnung?"
      Trotz allgemeiner Lautstärke flüsterte er fast, was Vincent schließlich dennoch verstehen sollte.
    • Bevor sie das Haus verließen, löste sich Vincent noch einmal von Thomas und verschwand kurz in die Küche, wo er Nora ihre abendlichen Pläne über seinem alltäglichen Glas Schweineblut mitteilte. Sie hatte dieses Lächeln im Gesicht, das Vincent nicht zuordnen konnte, aber sie wollte ihm auch partou nicht verraten, was in ihrem hübschen Köpfchen vorging.
      Nach seinem kleinen Abendessen folgte er Thomas zu seinem richtigen Abendessen.

      Vincent lächelte ob der Hast, mit der Thomas das Besteck im Restaurant austauschte. Er hatte nicht einmal mitbekommen, dass Thomas überhaupt welches mitgenommen hatte.
      "Deine Fürsorge in allen Ehren, mein Lieber, aber das Besteck hier ist kein Silber," lächelt er kopfschüttelnd.
      Dann lehnte er sich zurück und ließ seinen Blick kurz durch das Restaurant gleiten, um einen Eindruck der anderen Gäste zu bekommen. Und vielleicht auch, um nach Vlad Ausschau zu halten. Oder irgendeinem anderen Vampir.
      "Du willst mich verführen? Das will ich sehen."
      Thomas müsste ihn nur darum bitten und es wäre um Vincent geschehen. Aber wer wäre er, Thomas einen ordentlichen Flirt zu verwehren? Vincent war ernsthaft daran interessiert, von diesem Mann umgarnt zu werden. Und wenn Thomas damit ins Wasser fiel, dann sprang er nur zu gern mit ihm ins Wasser und bewahrte ihn vor dem Ertrinken.
      Er griff über den Tisch hinweg und legte seine Hand auf Thomas - auf die unscheinbare Weise wie es gute Freunde tun würden.
      "Hier drin gibt es aktuell keine Vampire. Aber Achtung bei dem Barkeeper: Der hat eben einen Ring vom Finger eines Mannes gestohlen," informierte er Thomas. "Wenn du willst, dass wir ungestört sind, dann sag es nur. Ich habe dir ja erklärt, zu was ich in der Lage bin."
      Vielleicht entspannten all diese Informationen Thomas ja ein bisschen? Man musste es ihm ja nicht unnötig schwer machen.


    • "Wir werden kein Risiko eingehen. Deine hübschen Hände bleiben so hübsch, wie sie sind", entgegnete Thomas auf Vincents Erwähnung des Silbers hin und lächelte breit. Vincents Berührung ließ ihn auch nicht mehr zusammenzucken und er wurde auch nicht von Paranoia übermannt, als dessen Finger beim Zurückziehen über seinen Handrücken glitten und er - nur ein bisschen - die eigenen Finger etwas anhob. Eigentlich war er überhaupt recht entspannt, es herrschte eine allgemeine Geräuschkulisse zu jeder Zeit, der nächste Tisch war viel zu sehr mit sich selbst beschäftigt und die Kellner ebenfalls zu gehetzt, um ihnen große Aufmerksamkeit zu schenken. Alles in allem fühlte er sich hier vermutlich wohler als in allen edleren Restaurants zusammen.
      "Ich weiß deine Sorge zu schätzen, aber ich denke, wir sind recht ungestört. Ungestört genug für ein nettes Abendessen zumindest, findest du nicht?"
      Und als er ihn diesmal anlächelte, beinhaltete dieses Lächeln sogar ein offenes Stück Liebe, das er nicht zu verheimlichen versuchte.

      Für den Rest des Essens unterhielten sie sich über Belanglosigkeiten; kein Vlad, kein Nest, keine Vampire und keine Jäger, allerhöchstens Vincent mit dem offenkundigen Interesse, das Thomas ihm entgegenbrachte. Sie unterhielten sich auch nicht über die Hochzeit per se, aber Thomas stellte wohl die ein oder andere Frage, die etwas zu verdächtig war, um noch unauffällig zu bleiben. Dafür machte er ihm aber auch Komplimente, beteuerte, wie gut Vincent dieser Anzug stehe, wie sehr die Farbe zu ihm passte, wie hübsch seine Augen waren, wie gut die Frisur an ihm aussah, wie sehr er seine Hände mochte. Er sprach die Komplimente stets etwas leiser aus, damit auch tatsächlich nur Vincent sie hören konnte, begleitet von dem feinsten Rotschimmer, der sich auf seine Wangen legte. Aber sein Lächeln, das er ihm mit jedem Kompliment schenkte, war aufrichtig und sein Blick dabei immer voll unverblümter Zuneigung. Es fühlte sich gut und richtig an, auch wenn er manchmal nicht widerstehen konnte, einen Blick zum Nachbartisch und zum Kellner zu werfen. Manche Gewohnheiten wurde man eben nicht los und erst recht nicht von einem einzigen Essen.
      Trotzdem genoss er es und als sie fertig waren und nach draußen gingen - er stellte sicher, dass Vincent nicht einmal in die Nähe der Rechnung kam - legte er ihm sachte die Hand auf den unteren Rücken. Der Winterabend war kalt, aber er fühlte sich gänzlich erwärmt.

      Sie besorgten sich besagten Schlüssel und kamen in den Genuss, sich wie zwei Einbrecher zu fühlen, so wie sie in der Dunkelheit die Bibliothek anstrebten, leise aufsperrten und hinein huschten, bevor noch jemand auf die Idee käme, sie zu hinterfragen. Selbstverständlich war es mit Vincents Hilfe sowieso ein Leichtes und Thomas zögerte nicht, ihn auch dahingehend zu komplimentieren und seine Wange flüchtig zu küssen, kaum als sie drin waren. Danach schaltete er den Strom an.
      Die Bibliothek war ein großer, einstöckiger Raum mit hohen Wänden und ebenso hohen Regalen, leeren Tischen und leeren Sitzecken. Sie war nicht besonders groß und auch nicht besonders extravagant, sicher nicht so sehr wie die in London oder auch in Manchester, aber sie hatte etwas heimisches an sich. Der einzelne Saal erweckte das Gefühl von etwas häuslichem, was aber auch sicherlich daran lag, dass es Thomas sehr an Vincents Bibliothek in Harker Heights erinnerte. Selbst der Geruch passte so sehr zu Vincent, es war, als hätten sich zwei Puzzleteile zusammengefügt.
      Er schlang seinen Arm um Vincents Hüfte und zog ihn an sich.
      "Es ist nicht unbedingt legal, dass wir hier sind, deswegen wirst du mich warnen müssen, wenn jemand kommt, einverstanden?"
      Er küsste ihn, dann lächelte er.
      "Aber bis dahin schlage ich vor, dass du mir deine Welt zeigst. Ich kenne die Welt von Lord Harker und von dem Vampir, aber ich kenne kaum etwas von deiner Leidenschaft. Weih mich in die Welt deiner Bücher ein."
    • Thomas gab sich wirklich alle Mühe, diesen gemeinsamen Abend so hübsch zu gestalten, wie nur möglich. Er überschüttete Vincent mit so vielen Komplimenten, dass der das Gefühl hatte, darin ertrinken zu müssen. Irgendwann musste er den Mann doch tatsächlich mit einem leichten Lachen bremsen. Flirten gehörte wohl nicht zu Thomas Stärken, aber eine allzu große Rolle spielte das ja auch eigentlich gar nicht. Vincent genoss einfach ihre Zweisamkeit, die Normalität des Ganzen, und die relative Unbesorgtheit, die dieser Abend auf unerklärliche Weise mit sich brachte.

      Er folgte Thomas mit einer ähnlichen Beschwingtheit durch die nächtlichen Straßen, auch wenn er ein Auge auf die Vögel um sie herum hatte. Glücklicherweise schienen diese sich ein bisschen zurückzuhalten.
      Vincent grinste vorfreudig wie ein Kind im Süßwarenladen, während Thomas mit dem Schlüssel hantierte. Die Stadtbibliothek mochte vielleicht nichts allzu Besonderes sein, aber selbst Vincent hatte sie noch nie des Nachts für sich allein gehabt und er konnte es kaum erwarten, einfach nur in aller Ruhe durch die Gänge zu schlendern.
      Noch bevor die Lampen zu neuem Leben erwachten staunte Vincent schon über die vielen Reihen voller Bücher. Er inhalierte den Duft dieses Ortes mit einem langen Atemzug. Es gab kaum einen besseren Geruch als den einer ordentlich geführten Bibliothek.
      Er blinzelte kurz wegen des plötzlichen Lichts und wartete darauf, dass sich seine Augen an die Helligkeit gewöhnten. Was er Thomas über schnelle Lichtwechsel erzählt hatte, entsprach der Wahrheit. Er brauchte damit immer einen Moment.
      Bevor Vincent sich den Büchern widmen konnte, spürte er einen Arm, der sich um seine Hüfte legte, und dann war da der verräterische Duft von Zimt in seiner Nase. Er lächelte und erwiderte Thomas' Kuss.
      "Ich denke, das bekomme ich hin," meinte er.
      Er ergriff Thomas' Hand und ging mit ihm durch die Reihen. Seine freie Hand ließ er dabei über die Rücken der verschiedenen Bücher gleiten. Die ersten paar Reihen waren mit modernen Werken gefüllt. Dabei stolperte er über einen Band auf dem ein recht bekannter Name aus Schottland.
      "Hm. Haben sie endlich eine Kollektion daraus gemacht?"
      Vincent zog den Band kurz aus dem Regal und blätterte durch das Buch, nur um festzustellen, dass man tatsächlich endlich die Geschichten von Sherlock Holmes in einem Buch zusammengefasst hatte. Lächelnd stellte er es wieder zurück.
      "Wenn du mal ein paar abstruse und doch sehr gute Kriminalfälle und deren Lösung lesen willst, kann ich dir Doyle's 'Sherlock Holmes' nur sehr empfehlen. Sehr unterhaltsam. Und offenbar jetzt auch in Buchform."
      Mit einem fröhlichen Laut löste sich Vincent von Thomas, als er etwas fand, was er schon seit einer Weile mal lesen wollte: Er zog einen dunkelgrünen Einband aus der Wand an Büchern und zeigte ihn Thomas.
      "Mark Twain hat The American Claimant diktiert! Aber nicht etwa einem Schreiber. Er hat es aufgenommen! Mit einem Phonographen!"
      Vincent schlug das Buch kurz auf, tat das aber aus Versehen von hinten. Was er dort sah, ließ ihn stutzen, dann auflachen, als er begriff, was er da sah.
      "Und scheinbar gibt es keinerlei Wetterbeschreibungen in diesem Buch? Er hat die alle in den Anhang geschrieben."
      Lachend schüttelte Vincent den Kopf, bevor er das Buch wieder wegstellte.
      "Du wirst es mir vielleicht nicht glauben, aber ein Buch ohne Wetterbeschreibung ist... ich glaube, ich habe noch nie eins gelesen, dass kein Wetter hatte. Hm. Das ist neu."
      Grinsend schlenderte Vincent weiter. Hier und da zog er Bücher aus den Regalen, zu denen er einen - für ihn - interessanten Fakt oder zwei hatte. Er tobte sich in den Reihen dieser Bibliothek aus wie ein Kind auf einem Jahrmarkt. Je tiefer sie in die Bibliothek vordrangen, desto älter wurden die Bücher. Irgendwann gab es keine Fakten mehr über den Inhalt der Bücher, sondern über die Autoren. Dann irgendwann ging Vincent dazu über, über die Cover und die Binde- oder Druckart eines Buches zu reden. Er ließ Thomas an einem alten und einem neuen Buch riechen, damit er sie vergleichen konnte. Er erklärte Thomas, wie Bücher vor der Buchpresse gemacht wurden, als sie an einem halb zerfallenen Buch in einer Vitrine vorbeikamen.
      Er war gerade dabei, den lateinischen Text in dem Buch zu übersetzen, als er aufsah. Einen Herzschlag später griff er Thomas beim Arm.
      "Blut..." flüsterte er und tippte sich gegen die Nase.
      Er versuchte auszumachen, woher der Geruch kam, lauschte auf irgendein Geräusch, dass nicht von altem Holz stammte. Aber er fand nichts. Nur der Geruch von Blut, der sich langsam im Raum ausbreitete wie Nebel am Morgen.


    • Vincent brauchte keine zweite Einladung dazu. Es war so, als würde man einen Fisch zurück ins Meer entlassen.
      Thomas war schon lange genug an seiner Seite gewesen, um das Funkeln zu sehen, das sich in die Augen seines Freundes gelegt hatte. Das hier war deutlich eine andere Art von Begeisterung und Thomas konnte jetzt schon sagen, dass er es liebte, wie sehr Vincent darunter erstrahlte.
      Sie betraten die Reihen von Büchern und was für Thomas wie ein undurchdringbarer Urwald aus grauen und braunen Einbänden aussah, schien für Vincent so durchsichtig, als wäre er schon dutzende Male hier gewesen. Er suchte gleich die ersten Bände heraus, wobei es wohl nicht lange zu dauern schien, bis er in dieser Welt aus Papier und Worten versunken war.
      Thomas schlenderte ihm in aller Geduld hinterher, hörte sich seine Buchempfehlungen an, ließ sich selbst von Entdeckungen mitreißen, von denen er noch nie etwas gehört hatte - wann fände er denn auch einmal Zeit zum Lesen? - und war rundum glücklich, Vincent so losgelöst zu sehen. Der Mann ging so völlig in seinem Element auf, es war schon beinahe niedlich zu beobachten, wie er kleine Geräusche von sich gab, wenn er erneut ein besonderes Buch fand oder vielleicht auch einen Autor. Vincent hatte ein unendlich großes Wissen an Büchern auf Lager und Thomas nahm nur zu gerne daran teil, ließ sich von Inhalten erzählen oder von Autoren, aus welchem Jahr die Bücher stammten oder wie sie gemacht wurden. Er stellte auch Fragen, selbst wenn es sicherlich Amateurfragen waren, aber Vincent beantwortete sie alle mit größter Hingabe und dafür war es das schon wieder wert. Dafür hatte sich der ganze Ausflug gelohnt.
      Er hörte sich gerade eine höchst beeindruckende Lateinübersetzung von dem Mann an, als er mitten im Satz aufhörte und aufsah. Thomas dachte schon, das wäre wieder einer seiner Lichtblitze, wenn ihm doch noch ein neuer Band oder Autor einfiel, aber dann griff er nach Thomas' Arm und es benötigte nur ein einziges Wort, um die lockere Stimmung gänzlich in sich zusammenfallen zu lassen: Blut. Thomas ließ es sich nicht zweimal sagen, als er den ernst gewordenen Blick von Vincent sah, der alles andere als entspannt war. Blutgeruch musste nicht von einem Vampir verursacht worden sein, aber wenn Vincent es riechen konnte, konnte es auch ein anderer - und im Moment wimmelte es in der Stadt geradezu von Vampiren. Allen voran Vlad.
      Er verlangsamte seinen Herzschlag augenblicklich, so weit wie es nur möglich war, atmete flach und bewegte sich nicht mehr, alles um Vincent zu ermöglichen, etwas besser zu hören. Er hatte ein Messer dabei, natürlich, und auch wenn er gehofft hatte, dass sie einen netten Abend miteinander hätten verbringen können, würde er doch nicht davor zögern, es zu benutzen. In Vincents Miene suchte er nach Anzeichen dafür, dass der Mann den Ursprung ermittelt hatte.
      "Von wo?"
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