[2er RPG] In his Thrall [Codren feat. Pumi]

    • Über Thomas' erneuten Kommentar Vincent's Alter betreffend konnte der Vampir nur lächelnd den Kopf schütteln. Das würde ihn jetzt wohl die nächsten Jahrzehnte verfolgen, so viel stand fest.
      Die gemeinsamen Abendessen waren in letzter Zeit recht still ausgefallen. Viel Interaktion dieser Art gab es zwischen Vampiren und ihren Lakaien eigentlich nicht, deswegen musste Vincent auf größere Unterhaltungen verzichten, während er sich in einem Raum aufhielt, der in Sichtlinie der Vögel war, die wie immer vor seinen Fenstern Stellung bezogen hatten. Vielleicht zog er sich deshalb so gern in den Salon zurück? Der hatte zwar auch Fenster, aber da diese zur Einfahrt hinaus gingen, war es weniger ungewöhnlich, wenn man dort einfach die Vorhänge zuzog. Vincent hatte schon vor dieser ganzen Situation den Großteil seiner Zeit hier mit seinen Büchern verbracht, aber jetzt noch mehr. Leider verfehlten auch seine liebsten Besitztümer ihre Wirkung immer öfter. Zum Glück war Thomas immer sofort zur Stelle, um ihn davon abzuhalten, sich zu finsteren Gedanken hinzugeben. Es war eine willkommene Abwechslung, den anderen Mann so enthusiastisch gegenüber ihrer Beziehung zu sehen und Vincent ließ sich nur zu gern davon mitreißen. Es gab durchaus schlechtere Wege, sich die Zeit zu vertreiben.

      Der angedrohte Besuch im Theater rückte näher und so stand Vincent schließlich vor seinem Kleiderschrank, nicht viel mehr als ein Handtuch um die Hüften gewickelt an. Für Thomas hatte er etwas extravaganteres bei einem Schneider in Auftrag gegeben, da der Mann bloß sieben verschiedene Töne von Langeweile in seinem Kleiderschrank hatte. Aber Vincent hatte nicht den Luxus von nur einem extravaganten Teil. Wenn er denn einmal auffallen wollte, dann wollte er es auch richtig anstellen, entsprechend groß war seine Auswahl. Sich von Thomas' neuem Anzug inspirieren zu lassen, war auch keine Möglichkeit. Er hatte den anderen Mann nicht überfallen wollen, also war der Anzug schlicht in schwarz gehalten und bestach einzig durch seine herausragende Qualität. Das ließ Vincent die gesamte Breite seines eigenen Kleiderschrankes nutzen.
      "Sagtest du nicht einmal, du hättest einen Sinn dafür, mir bei meiner Kleiderwahl zu helfen?" meinte er über eine Schulter zu Thomas, während er mit den Fingern über den Stoff eines Jacketts strich, als würde es ihm das Geheimnis der richtigen Auswahl verraten.


    • Thomas hatte bis zuletzt mit aller Kraft dagegen angekämpft, sich von Vincent einen Anzug schneidern zu lassen. Schließlich hatte er dennoch verloren.
      Das Ensemble lag seinem Körper mit einer Extravaganz an, die er sich selbst gar nicht zugetraut hätte. Sie betonte seine Statur, seine kräftigen Schultern und seine strammen Beine viel besser, als seine anderen Anzüge es jemals gekonnt hätten. Dafür hatte das ganze wohl auch mehr gekostet, als Thomas in einem Monat verdienen konnte.
      Eigentlich hatte er einen anständigen Lohn als Arzt, anständig genug um damit - im Normalfall - ein Haus zu finanzieren und wöchentliche Verabredungen mit Darcy und ihren unendlichen Freunden, aber den Schneider hatte er sich noch nicht ins Haus holen lassen. Dafür war er nicht wohlhabend genug und außerdem hätte ein geschneiderter Anzug das Bild vermittelt, als würde Thomas sich höchst freiwillig in feiner Gesellschaft aufhalten. Seine bisherigen Anzüge waren adrett und saßen gut, aber sie waren auch nicht mehr als das: Bloß Anzüge, eine Einhaltung von den wichtigsten Formalitäten. Dieser jetzige Anzug machte Thomas fast zu einem Kunstwerk. Zumindest konnte er sich so tatsächlich wie ein Lakai fühlen.
      Er hatte sich die Haare gebändigt, dann hatte er sich von seinem Anblick im Spiegel losgerissen und war hinüber zu Vincent gegangen, der noch nicht halb so weit war, aus einem seiner eigenen unzähligen Kunstwerke auszusuchen. Der Mann trug ein loses Handtuch um die Hüfte und Thomas' Blick fiel augenblicklich auf den ihm dargebotenen, wohlgeformten Rücken. Er trat näher und weil er dem Drang nicht widerstehen konnte - und auch nicht musste - legte er die Fingerspitzen auf Vincents Schulterblatt, um von dort aus dem natürlichen Verlauf seiner Muskeln zu folgen. Er strich seinen Rücken hinab und schob dann die Hand um seine Hüfte, bevor er näher trat und Vincent leicht an sich zog. Als er das Kinn auf seiner Schulter ablegte, während seine Hand über Vincents Bauch streichelte, musste er erkennen, dass er völlig vergessen hatte, was Vincents Frage gewesen war.
      "... Was hast du gesagt?"
      Sein Blick folgte Vincents Arm empor zu seinen Anzügen, fand seinen Arm dann aber interessanter als die Kleidungsstücke. Gab es einen Fleck von Vincents Körper, den er nicht mochte? Die Antwort lautete schlicht und einfach: Nein.
      "Hm. Entschuldige."
      Er richtete sich auf, entließ den Mann aber nicht aus seiner halben Umarmung.
      "Ich halte mich durchaus erfahren genug, um dir behilflich zu sein. Was wird es denn für ein Stück sein? Was wird Vlad vermutlich anziehen? Welches Bild möchtest du ihm denn machen? Ich empfehle definitiv dunkle Farben, die betonen deine Augen besonders."
    • Vincent lehnte sich instinktiv gegen den warmen Körper, der ihn da umschlang. Er lächelte ob des Enthusiasmus, den Thomas da für seine Kleiderwahl zeigte. Vielleicht könnte er den Mann in Zukunft für eine bessere Garderobe gewinnen, wenn er so weitermachte.
      "Vlad ist überraschend langweilig, was seine Garderobe angeht. Er wird einen maßgeschneiderten Anzug tragen, schwarz auf schwarz, leicht figurbetont um die Schultern und die Taille herum. Er wird sich dem aktuellen britischen Stil anpassen, aber das war es auch schon. So macht er das schon seit Jahrhunderten."
      Vlad wusste genau, dass er keine auffälligen und extravaganten Klamotten brauchte, um aufzufallen oder einen Raum mit seiner puren Anwesenheit zu beherrschen. Er könnte sich nackt auf die Bühne stellen und trotzdem würde ihn niemand in Frage stellen. So war er erben.
      "Dunkle Farben, sagst du?"
      Vincent griff sich einen Anzug mit einem so dunklen Blau, dass es beinahe schwarz erschien. Neben einem schwarzen Kleidungsstück viel die Farbe auf, ohne den Kontrast eher weniger. Dazu beförderte er eine Krawatte zu Tage, die die gleiche Bernsteinfarbe hatte, wie Vlads Augen. Das Stück Stoff erinnerte ihn beinahe ein bisschen zu sehr an den stechenden Blick des älteren Vampirs.
      "Wie wäre es hiermit?" fragte Vincent, um sich aus seinen eigenen Gedanken zu befreien.
      Er lehnte seinen Kopf gegen Thomas' während er seine Aufmerksamkeit auf den Anzug richtete, anstatt auf die Krawatte, die er sich über das Handgelenk legte, während er den Anzug befingerte.


    • Thomas ließ sich Zeit mit seiner Antwort, aber auch nur, weil ihm zwischendurch auch ein anderer Gedanke gekommen war. Während Vincents Finger behutsam über den Stoff glitten, musterte er Mann als auch Anzug.
      "... Macht dich der Ausflug etwa nervös?"
      Er neigte den Kopf, um Vincent einen Kuss auf die Wange zu geben.
      "Vlad sollte nervös werden bei einem so charmanten Mann. Er wird dir gar nicht widerstehen können, auch wenn er das wollte."
      Behutsam löste er sich von Vincent, ging hinüber zu einem der Sessel und setzte sich, sorgsam darauf bedacht, keine unnötigen Falten in seinen Anzug zu drücken. Dann lehnte er sich zurück und betrachtete Vincent mit einem aufkommenden, interessierten Lächeln.
      "Zieh ihn an, dann kann man am besten entscheiden. Die Farbe ist schonmal nicht schlecht, die Krawatte halte ich ein wenig für fragwürdig."
      Natürlich ließ er es sich nicht entgehen, sich in aller Seelenruhe die kleine Show gefallen zu lassen, bei der Vincent wohl oder übel sein Handtuch ablegen musste, um seinen geschmeidigen Körper mit dem Anzug zu verhüllen. Die Zimmertür war geschlossen, die Angestellten irgendwo im Haus verschwunden und Thomas ließ es sich damit nicht nehmen, den Anblick von Vincents ganzer Pracht zu genießen. Er hätte auch in 200 Jahren nicht genug von diesem Mann und seinem bezaubernden Körper haben können und erst recht nicht nach der kurzen Zeit ihrer Bekanntschaft.
      Als sich Vincent schließlich präsentabel gekleidet hatte - im Anzug sah er fast noch besser aus als nackt, ganz der charmante, sympathische Lord den Thomas hatte kennenlernen dürfen- stand er wieder auf und ging zu ihm, um ihn auch aus der Nähe zu betrachten. Die Krawatte störte ihn, auch wenn er es nicht benennen konnte. Irgendwas an dem Accessoire störte ihn.
      "Du siehst fantastisch aus."
      Wann hatte es nur mit all den Komplimenten angefangen? Mittlerweile konnte Thomas kaum damit aufhören.
      Er strich ihm den Kragen glatt, dann fiel sein Blick erneut auf die Krawatte.
      "... Hast du keine andere Krawatte? Vielleicht etwas... stimmigeres?"
    • Ich mache mir eher Sorgen darüber, dass ich es bin, der Vlad nicht widerstehen kann, dachte Vincent.
      Er kam der Aufforderung des anderen Mannes nach und schlüpfte in den Anzug. Vielleicht ließ er sich dabei auch ein bisschen mehr Zeit als unbedingt notwendig, aber Vincent konnte einfach nicht widerstehen, wenn Thomas ihn so beobachtete. Es war das nächstbeste Gefühl, gleich nach Thomas's Lippen und Thomas' Händen auf seinem Körper.
      Dass dem Mann die Krawatte nicht gefiel, hätte sich Vincent denken können.
      Er nahm Thomas' Hände von seinem Kragen und sah ihn an.
      "Habe ich. Aber die Krawatte wird Vlad gefallen. Du darfst sie mir nachher gern vom Körper reißen."
      Er stahl sich einen Kuss. Einen langen, sanften, liebevollen Kuss.
      "Der Hals, an dem sie hängt, gehört allein dir," wisperte er an Thomas' Lippen.
      Dann löste er sich von dem anderen Mann und streckte den Rücken durch, setzte ein freundliches Lächeln auf. Es war noch nicht die Maske, die er Vlad präsentieren würde. Das hier war bloß ein Versuch, sein übliches Selbstvertrauen zu wecken.
      Er streckte Thomas seinen Ellenbogen hin und zwinkerte ihm zu.
      "Nur im Haus, versprochen," sagte er.
      Mit Thomas am Arm ging Vincent nach unten, wo Nora mit ihren Mänteln wartete. Sie half beiden hinein, dann verabschiedete sie sie, indem sie ihnen das Versprechen abnahm, dass beide auch wieder nach Hause kommen würden. Vincent gab es ihr mit einem sanften Lächeln.
      Draußen, auf der wartenden Kutsche, saßen zwei Krähen. Die Vögel ließen sich nicht von den Männern irritieren. Vincent lächelte die beiden an.
      "Ihr dürft euch gern den Abend frei nehmen. Eure Freunde genießen hinter dem Haus ein ausgiebiges Abendessen. Er wird mich doch gleich sehen."
      Einer der Vögel krähte, dann flatterten beide davon. Vincent sah ihnen kopfschüttelnd nach, als seien die Vögel Kinder gewesen, die er zu ihrer Mutter geschickt hatte. Dann kletterte er in die Kutsche. Heute Abend fühlte er sich weniger nervös als bei ihrem Treffen im Restaurant. Vielleicht lag es daran, dass Vlads Aufmerksamkeit am Ende auf jemand anderem liegen würde. Vielleicht lag es daran, dass Thomas sich seit Vlads Ankunft sehr darum bemühte, Vincent seine Liebe zu zeigen. Nervös war aber immer noch.
      "Das letzte Mal, als ich in diesem Theater war, haben sich mir zwei Vampire an den Hals geworfen. Sie wirkten recht jung und unerfahren auf mich; wahrscheinlich gehören sie zum Nest. Ich weiß nicht, ob sie heute auch wieder anwesend sein werden. Wenn ja... Vlad wird sicherlich seinen Spaß mit ihnen haben wollen. Es könnte sein, dass er will, dass du mitmachst. Bist du dazu bereit oder soll ich mir einen Grund einfallen lassen, dir das nicht zu erlauben?" fragte er, als sich die Kutsche in Bewegung setzte.


    • Thomas' Sorge wurde gleich wieder von einer warmen, honigsüßen Stimme an seinen Lippen weggeblasen, die er mit einem Lächeln quittierte. Seine nonverbale Antwort bestand aus einem kurzen Drücken Vincents Hüfte, bevor er den Mann losließ. Ein wesentlich entspannterer Gesichtsausdruck legte sich auf Vincents Miene, mit der sich Thomas zufrieden geben konnte. Er hakte sich bei Vincent unter, wie es sonst Darcy bei ihm getan hätte, und verließ dann gemeinsam mit ihm das Haus, nicht ohne von Nora noch an die bevorstehende Gefahr erinnert zu werden. Und dann redete Vincent auch noch mit Krähen, was Thomas wohl wesentlich merkwürdiger vorkam als alle anderen bisherigen Erlebnisse. Zum Wohle ihrer beider Interessen sprach er es aber nicht an.
      Gemeinsam in der Kutsche legte er die Hand auf Vincents Oberschenkel ab und massierte ihn leicht, als sie losfuhren. Der Mann wirkte noch immer so, als wolle er am liebsten mit seinem Ärmel spielen, wobei er zumindest genug Selbstkontrolle aufbrachte, um das eben nicht zu tun.
      "Ich bin für alles bereit, mach dir um mich keine Sorgen. Ich habe höchstens einen Anzug schmutzig zu machen."
      Selbst überrascht davon, wie wenig ihm der Ausflug etwas ausmachte - höchstwahrscheinlich, weil er selbst nichts tun und sagen musste und einfach nur unbeteiligt sein konnte - versuchte er etwas davon auf Vincent zu übertragen. Immerhin war es an dem anderen Mann, den Vampir zu verführen, damit er ihn in seinem Keller anbinden konnte.
      Die Kutsche fuhr beim Theater vor, direkt vor den Eingang, schließlich war Vincent hoher Besuch, und als sie stehengeblieben war, schlüpfte Vincent für Thomas wieder in die Rolle des Königs. Er stieg aus, hielt ihm die Tür offen, streckte ihm sogar die Hand entgegen, um ihm beim absteigen zu helfen. Er hielt ihm auch jetzt wieder die Tür auf und nachdem sie nicht die einzigen waren, die sich in dem Foyer dahinter sammelten und tummelten, positionierte er sich absichtlich an Vincents Seite, so als wolle er den Pöbel davon abhalten, dem Vampir zu nahe zu kommen. Manch einer kannte ihn, manch einer hätte sicherlich nach Darcy gefragt, keiner hätte sein Benehmen hinterfragt, wenn man herausgefunden hätte, dass Lord Harker persönlich an seiner Seite ging. Da war es wohl ausnahmsweise mal vom Vorteil, dass Vincents Name überall bekannt war.
    • Sobald die Kutsche zum Stehen kam, schlüpfte Vincent wieder in die Rolle des noblen Lords und des Vampirs, der zurück in den Schoß der Familie wollte. Er ließ sich von Thomas aus der Kutsche geleiten und in das Theatergebäude hinein. Von Vlad fehlte vorerst jede Spur, aber Vincent war sich sicher, dass sein alter Meister wie immer vor ihm da war. Er wartete wahrscheinlich in der Loge, die Vincent für diesen Abend angemietet hatte - die einzige in dem kleinen Theater. Doch bevor er sich einen Platzanweiser suchte und sich zu besagter Loge führen ließ, sah er sich um auf der Suche nach den Vampiren, die er das letzte Mal hier gesehen hatte. Er fand sie nicht, hatte aber auch nicht vor darauf zu warten, dass sie eventuell noch auftauchten.
      Wie erwartet befand sich Vlad bereits in der Loge. Vincent hörte ihn aufstehen, noch bevor der Platzanweiser die Tür öffnete. Vlad begrüßte ihn mit einem sanften Lächeln. Wie vorhergesagt trug er schwarz auf schwarz, der Anzug perfekt auf seinen Körper zugeschnitten. Ein wirklich imposanter, attraktiver Körper, wie Vincent einmal mehr bewusst wurde.
      Er erwiderte das Lächeln, als Vlad seine Hand ergriff und einen sanften Kuss darauf platzierte. Den Platzanweiser schickte er mit einem einzigen Blick wieder davon.
      "Steaua mea," raunte Vlad und zog Vincent seinen Stuhl zurecht, auf dem sich dieser auch sogleich niederließ.
      Thomas musste für seinen eigenen Sitzplatz sorgen, was Vincent ihm auch mit einer Geste klarmachte.
      "Ich hoffe, diese Vorstellung wird nicht zu... mittelmäßig," erwiderte Vincent. "Ich habe meine Bekannte vorgewarnt, dass ich hohen Besuch mitbringe."
      "Hm. Wenn mir nicht gefällt, was ich sehe, werde ich sicherlich eine andere Beschäftigung finden. Das haben wir doch sonst auch immer getan, wenn du dich erinnerst."
      Vincent senkte den Blick. Ja, er und Vlad hatten schon sehr viel mehr in einer solchen Loge angestellt, als sich bloß ein Theaterstück anzusehen. Aber daran wollte er jetzt nicht denken. Er war hier, um sich bei dem anderen Vampir einzuschmeicheln, nicht andersherum!
      "Weiß dein Jäger von ihr?" fragte Vlad und lehnte sich mit den Ellenbogen auf die Brüstung der Loge, um die Menschen zu beobachten, die den Zuschauerraum unter ihnen langsam füllten.
      "Er weiß, was er wissen muss. Viel wichtiger ist, was meine Bekannte weiß."
      Vincent stand auf und lehnte sich neben Vlad in ähnlicher Haltung auf die Brüstung.
      "Sie scheint mich zu kennen, aber ich habe keinerlei Erinnerungen an sie. Vielmehr noch scheint sie mich gut genug zu kennen, um mich Gabriel zu nennen."
      "Niemand nennt dich Gabriel," merkte Vlad leicht überrascht an. "Ich entsinne mich, dass ich das einmal getan habe und du dich unwohl damit fühltest."
      "Ich mochte meinen Vater nicht besonders und möchte eben nicht mit ihm verglichen werden, auch wenn es nur ein Name ist," gab Vincent zurück und meinte jedes Wort davon ernst.
      "Verzeih mir, Steaua mea. Bitte, fahre fort."
      Vincent seufzte.
      "Sie ist vor ein paar Wochen, als ich geschäftlich hier war," Vincent nickte in Thomas' Richtung, "vor meiner Tür aufgetaucht und hat sich benommen, als wolle sie eine alte Freundschaft wieder aufleben lassen. Sie erwähnte auch, dass sie Verona gekannt hat. Im Gegenzug kenne ich nicht einmal ihren Namen. Sie hat mir eine Menge genannt, bevor sie sich auf Ophelia festgelegt hat. Doch so seltsam sie auch sein mag: Sie hat mich auf das hiesige Nest aufmerksam gemacht. Nur deswegen gebe ich ihr die Möglichkeit, dich kennenzulernen und ihren Standpunkt klarzustellen."
      "Wie immer bist du zu großzügig, Steaua mea. Ich hätte sie bereits an diesem ersten Abend getötet."
      "Und genau deswegen hast du mich so oft für dich sprechen lassen, wenn wir Besuch hatten, wenn du dich erinnerst."
      Vlad lächelte breit - genug, um seine Fangzähne in dem dimmen Licht aufblitzen zu lassen.
      "Wie immer hast du Recht, Steaua mea."
      Er lehnte sich vor, langsam, als müsse er erst das Wasser austesten, und als Vincent nicht zurückzuckte, küsste Vlad ihn sanft auf die Stirn. Er verweilte dort ein wenig, schloss die Augen, ließ sich von der Nähe einlullen, wie es schien.
      "Hmmm," brummte er und lächelte, "Tinte, altes Papier, ein Hauch Tanne... wie sehr ich deinen Duft vermisst habe, Steaua mea."
      Vincent wäre rot geworden, hätte er denn die richtige Durchblutung dafür gehabt. So nahe wie Vlad ihm war, konnte er dessen Duft genauso wenig ignorieren. Ein Duft, der ihn auch nach über einem Jahrhundert noch berauschte. Glücklicherweise lehnte sich Vlad kurz darauf wieder zurück und beobachtete die Masse unter ihnen wie ein König seinen Hofstaat. Wie ein Löwe eine Herde Gazellen.
      "Ich werde versuchen, nett zu sein. Solange sich diese Ophelia benimmt, werde ich sie nicht töten. Es hängt also von ihr ab."
      Vincent nickte.
      Schließlich wurden die Lichter gedimmt und die Aufführung begann. Vincent machte es sich auf seinem Platz neben Vlad bequem, konzentrierte sich aber auf Thomas, der dicht hinter ihm saß. Das Stück war gut genug, um Vlads Aufmerksamkeit zu fesseln; insbesondere nachdem Vincent ihm verriet, wer Ophelia war. Er beobachtete die andere Vampirin als sei sie seine nächste Beute, trotz seines vorangegangenen Versprechens.

      Der Vorhang war noch nicht völlig gefallen, da stand Vlad bereits auf. Er streckte sich kurz, dann bot er Vincent seinen Ellenbogen an. Vincent hakte sich bei ihm unter und gemeinsam verließen die beiden mit Thomas im Schlepptau die Loge. Vlad führte sie zu den Räumen hinter der Bühne, wo die Schauspieler sich tummelten und sich die Kostüme vom Leib rissen. Sie alle machten große Augen, als die drei wohlgekleideten Männer einfach so in ihrem geheimen Reich herumspazierten, aber sie alle beeilten sich, Vlad Platz zu machen. Niemand stellte sich ihnen in den Weg, niemand hinterfragte offen ihre Anwesenheit.
      Kaum hatte Vincent Ophelia ausgemacht, löste er sich von Vlad und bedeutete ihm, kurz zu warten. Wohlwissend, dass er Thomas nicht zu lange mit ihm allein lassen wollte, eilte er zu Ophelia, grüßte sie knapp und winkte dann Vlad heran.
      "Ophelia? Darf ich dir meinen Meister Vlad vorstellen? Und Thomas, aber der gehört zu mir."
      Anders als bei Vincent machte Vlad dieses Mal keinerlei Anstalten, irgendwelche Hände zu küssen. Vlads Körpersprache deutete viel eher auf das Gegenteil hin, während sich Vincent aus der Schusslinie bewegte und sicherstellte, dass er und Thomas eher an der Seitenlinie der kommenden Szene waren.


    • An Vlads Präsenz hatte sich kein bisschen zum letzten Treffen geändert. Wenn überhaupt, fielen Thomas jetzt Dinge auf, auf die er im Restaurant nicht sehr hatte achten können.
      Zum Beispiel fiel ihm jetzt die Art und Weise auf, wie Vlad sich bewegte. Er hatte schon vorher erkannt, dass eine katzengleiche Eleganz hinter dem sonst sehr robusten Körper lag, aber jetzt wurde ihm auch bewusst, dass diese Eleganz absichtlich zur Schau getragen wurde. Nichts an Vlads Bewegungen war dem Zufall überlassen, sämtliche noch so kleinen Reaktionen waren ausschließlich gewollt. Vincent hatte die besondere Körperkontrolle eines Vampirs bereits erwähnt, aber jetzt wurde Thomas erst die Tragweite dessen bewusst. Vlad würde sich nicht jagen lassen, er würde selbst entscheiden, wie weit sein vermeintlicher Jäger kommen würde. Rein um der Unterhaltung willen.
      Die beiden begrüßten sich mit der bereits bekannten Intimität und Thomas wandte den Blick ab, teils weil er die Liebkosungen nicht mochte, die der ältere Vampir dem jüngeren gegenüberbrachte und teils, weil es sich selbst in einer abgegrenzten Loge nicht für so etwas ziemte. Zum Glück nahm der Platzanweiser schnell reißaus, bevor er noch mehr erblickt hätte.
      Sie setzten sich und Thomas schwieg. Auch dieses Mal hatte Vlad kaum Aufmerksamkeit für ihn übrig und das war ihm auch recht so. Die wenigen Blicke, die er bemerkte und die an Vincent gerichtet waren, reichten schon aus, um das Unwohlsein in seinen Eingeweiden zu erwecken. Er wollte ganz definitiv diesem Blick nicht zu nahe kommen.
      Die beiden Vampire redeten über ihren besagten Artgenossen im Theater und Thomas ließ seinen Blick herumschweifen. Er versuchte das Gespräch so gut es ging an sich vorbeilaufen zu lassen, aber sämtliche kleinen Annäherungen von Vlad stachen ihm hervor, als hätte er eigens einen siebten Sinn entwickelt. Vlad wiederholte ein Wort ständig, das er auch schon im Restaurant benutzt hatte und von dem Thomas sich ziemlich sicher war, dass es ein Kosename war. Mochte Vincent Kosenamen? Sollte er ihm auch einen geben? Oder jetzt erst recht nicht, weil Vlad es tat? Er würde mit einem einfachen "Schatz" wohl kaum mithalten können mit dem, was wohl die beiden untereinander laufen hatten, oder?
      Als Vlad sich hinüber beugte und Vincents Stirn küsste, sah Thomas dann wieder ganz weg und strich sich über die Falten seines Anzugs. Zu seiner Erlösung wurden bald die Lichter gedimmt und das Theater begann.
      Die beiden Männer behielten während der Vorstellung die Hände zum Glück größtenteils bei sich. Thomas wusste nicht, wie viel er von den ganzen kleinen Liebkosungen aushalten konnte und wann womöglich mal ein Strick reißen würde. Er würde Vincent tun lassen, sicherlich, aber es musste ihm nicht gefallen. Und musste er dabei ausgerechnet dabei sein? Eigentlich wäre es ihm lieber gewesen, darauf zu verzichten, den beiden beim flirten zuzusehen. Es tat an einer Stelle weh, die ihm bereits an Silvester geschmerzt hatte.

      Sie verließen die Loge pünktlich zum Abschluss und hielten auf den Saal und schließlich die Bühne zu. Dieses Mal blieb Thomas hinter den beiden, hatte einen missmutigen Blick auf den Arm gerichtet, den Vincent bei Vlad untergehakt hatte und bemerkte daher erst im letzten Moment, als Vincent sich löste, um zu dem besagten Vampir zu gehen. Allein mit Vlad zurückgelassen, hielt er seinen Herzschlag im Zaum, während er beobachtete, wie Vincent sich einer der Schauspielerinnen näherte. Er war noch nicht bereit, allzu lange alleine bei dem alten Vampir zu sein, wie er bemerkte. Er hatte noch nicht gänzlich eine Resistenz gegen seiner einschüchternden Präsenz aufgebaut und tat daher sein möglichstes, sich nicht davon kleinkriegen zu lassen.
      Vincent winkte ihnen und gemeinsam traten sie zu der Unbekannten vor. Als Thomas einen Blick auf ihr Gesicht erhaschte, hätte er vor Unmut fast aufgestöhnt. Er kannte sie, natürlich kannte er sie. Das war Mary, die sich alle paar Wochen Darcy zum Brunch anschloss - richtig wohl Ophelia und außerdem unmenschlich. Ein aufkeimendes Hassgefühl auf Darcy und auf sich selbst ließ ihn den Kiefer aufeinander pressen. Noch ein Vampir, der direkt unter seiner Nase herumtänzelte und den er nicht erkannt hatte. Wie viele gab es noch in seinem Leben, die eigentlich auf seiner Liste hätte stehen sollen? Wie viele "Freunde" musste er haben, die sich insgeheim darüber lustig machten, den einzigen Jäger in der Stadt auszutricksen?
      Er würde etwas an seinem Jagdstil ändern müssen. Wenn das alles vorbei war, würde er sich die Ehre zurückholen müssen, die man ihm hier mit jedem Tag weiter entfernte.
      Ophelia - Mary, zum Teufel mit ihr - richtete ihren strahlenden, offenen Blick von Vincent direkt hinüber zu Vlad. Ihre Maske saß perfekt und dass es eine Maske war, davon war Thomas sich sicher, denn kein Lebewesen konnte ernsthaft in diese Augen des Vampires sehen und dabei nicht das Gefühl bekommen, sich so schnell wie möglich ans andere Ende der Welt zu begeben. Aber sie lächelte in einem makellosen, perfekten Lächeln und hielt dem Blick des älteren Vampirs stand.
      "Vlad Drăculea, es ist mir ein außerordentliches Vergnügen, Eure Bekanntschaft zu machen."
      Sie schwang die Arme zurück und in einer gleichermaßen perfekten und graziösen Verbeugung senkte sie den Kopf. Erst, als sie sich wieder vollständig aufgerichtet hatte, schenkte sie auch Thomas einen kurzen und höchst unbeteiligten Blick.
      "Thomas."
      Er verzichtete auf eine Begrüßung und Ophelia wandte sich auch gleich schon wieder dem anderen zu.
      "Ich habe schon viel von Euch gehört, meine liebste Verona sprach nur in den allerhöchsten Tönen von Euch. Kann ich Euch für ein Glas Wein begeistern, in meiner bescheidenen Garderobe? Ein Gespräch mit Euch würde mich allzu sehr entzücken, auch wenn ich Euch hier nicht den Komfort eines Londoner Nationaltheaters bieten kann."
      Mit derselben perfekten Darstellung trat sie einen Schritt zur Seite und hob in einer einladenden Geste den Arm in Richtung Garderoben, die Maske unerschütterlich, der Körper kein bisschen weniger perfekt. Zu ihrer natürlichen Körperkontrolle schien sich wohl das Talent des Schauspielers zu gesellen, mit dem sie jetzt wohl versuchte, Vlad zu dem gleichen Ritual einzuladen, das sie auch mit anderen Vampiren vollzog.
    • Vincent behielt Ophelia genau im Auge. Er wollte mehr über diese mysteriöse Frau erfahren. Sie kannte ihn, sie kannte Nora jetzt, aber er hatte immer noch keine Ahnung, wer sie eigentlich war. Und mit Vlad an seiner Seite, konnte er praktisch offen starren, wenn ihm danach war.
      Vincent stoppte diesen Gedankengang sofort. Das war genau das, was ihn früher schon bei Vlad gehalten hatte: dieses Gefühl der Unantastbarkeit war geradezu süchtig machend. Er konnte sich nicht schon wieder darauf einlassen.
      Er folgte Vlad und Ophelia in die Tiefen des Theaters und in eine kleine Garderobe. Zu viert war es hier drin ziemlich kuschelig, aber sie arrangierten sich. Vlad nahm das kleine Sofa in der Ecke in Beschlag, Vincent ließ sich auf der Armlehne nieder, Thomas musste leider stehen, konnte dafür aber nahe genug bei ihm bleiben, dass Vincent seinen beruhigenden Zimtgeruch wahrnehmen konnte - etwas, worauf er sich konzentrierte, während Vlad direkt neben ihm saß. Dem überließ er auch das Reden, denn Vincent hatte in dieser Situation nicht viel zu sagen.
      "Ophelia," Vlad ließ sich den Namen auf der Zunge zergehen. "Zwei meiner Jünglinge kennen dich also, und doch habe ich noch nie etwas von dir gehört. Ein Umstand, den ich nicht gutheißen will. Wir sollten etwas daran ändern."


    • Die vier begaben sich durch ein Gewirr aus Gängen zu den Garderoben und hinein in Ophelias, die einer modernen Schauspielerin gemäß eingerichtet war. Vlad besetzte gleich den "besten" Platz im Raum, der Rest versammelte sich so ziemlich um ihn herum. Thomas erlaubte sich, in dieser winzigen Sekunde der Ablenkung Vincent knapp über den Arm zu streichen, ein Zeichen dafür, dass er sowohl an seiner Seite, als auch für ihn da war und dann lehnte er sich gegen die Wand zurück. Ophelia beförderte aus den Untiefen ihres Kostümschrankes eine Flasche Wein hervor, beste Marke in ganz England. Gläser standen schon bereit, ganz anscheinend hatte sie mit diesem Treffen schon gerechnet, und sie schaffte es in einer beschwingten Geste, zwei davon auf einmal zu füllen und an die beiden Herren zu verteilen, bevor sie sich selbst auch eins einschenkte. Thomas bekam keins, vielleicht weil sie es nicht für nötig betrachtete, vielleicht weil sie diese gespielte Konstellation verstanden hatte.
      "Ich halte mich nicht für wichtig genug, um in jemandes Mund genannt zu werden."
      Ein anderes Lächeln glitt über ihr Gesicht, ein echtes. Ihre Maske war unzerstörbar.
      "Außerdem gibt es keinen Namen, den man hätte nennen können. Ich bekenne mich meiner Sucht des ewigen Wandels und meiner Schwäche für das Außergewöhnliche. Namen sind wichtig und meiner ist mir verloren gegangen. Eine sicherlich tragische Geschichte, wenn ich mich denn erinnern könnte."
      Sie schwenkte ihr Glas, ohne den Blick einmal von Vlad zu nehmen. Thomas war sich sogar ziemlich sicher, dass sie nicht blinzelte.
      "Ich komme ursprünglich aus Italien. Mein Vater war ein Priester, meine Mutter eine Hure. Mein Meister war ein Mann, der mich mit seinem Biss vor dem Tod bewahrte, als man mich auf der Straße geschändet hatte. Er nahm mich auf und ich ertrug seine Schmeicheleien, auch wenn er nicht mein Typ war - wenn Ihr versteht. Ich türmte mit einem fahrenden Zirkus, der in den Provinzen an der Küste halt machte. Ich lernte mein Schauspiel und meine Akrobatik.
      1670 erschlich ich mir einen Titel am französischen Königshof, dem ich bald überdrüssig wurde. Abgesehen davon wurde der Titel meiner männlichen Figur gegeben, denn Frauen haben bekanntlich in der Regierung nichts verloren.
      1740 verliebte ich mich in die Fürstin Maria Theresia von Österreich, der ich zu diplomatischen Beziehungen nach Frankreich verhalf. Nach ihrem Tod hatte ich doch ein gewisses Faible für Königshöfe entwickelt und ging nach England, zur Zeit von Georg III., wo mir die besondere Ehre zuteil wurde, Verona und Gabriel kennenlernen zu dürfen. Ich verliebte mich in Eure bezaubernde Jünglingstochter und machte ihr drei Jahre lang den Hof. Leider ist eines ihrer attraktiven Attribute ihre besondere Wankelmütigkeit und ich musste mich damit zufrieden geben, sie alle paar Jahre mal erblicken zu dürfen, bevor sie schließlich verschwand. Danach hatte ich keine Lust mehr auf wundervolle Schlösser und hochgeschnittene Gesellschaften und widmete mich wieder der Schauspielerei. Eine meiner besseren Entscheidungen, wie ich behaupten möchte. Ihr würdet sicherlich zustimmen, wenn ich Euch davon erzählte, wie viel eine Perücke und ein falscher Anzug im alltäglichen Leben ausmachen können."
      Jetzt wanderte ihr Blick ganz bewusst für eine einzelne Sekunde zu Thomas und huschte dann wieder zurück. Das Lächeln war noch nicht verschwunden und sie hob das Weinglas an, um ihre Lippen damit zu benetzen.
      "Wobei ich mich dafür entschuldigen muss, meinen Namen nicht nennen zu können. Es ziemt sich nicht, dass ich Euren kenne, aber dass Euch meiner unbekannt bleibt. Bitte, nennt mich wie auch immer es Euch beliebt, ich habe in meinem Leben sicherlich schon die meisten europäischen Namen getragen.
      Wie gefällt Euch das heutige England? Ich hoffe, es ist noch alles zu Eurer Zufriedenheit?"
      Eine indirekte Frage danach, wie lang Vlad jetzt wohl schon in England residierte.
    • Vincent verzog leicht die Miene, als er seinen Zweitnamen hörte. Vlad reagierte ebenfalls darauf, indem er Vincent kurz das Knie tätschelte. Ansonsten zeigte keiner der beiden auch nur die kleinste Reaktion während dieses Vortrages eines Lebenslaufes.
      "England ist immer noch nass, und wie es sich im Winter gehört, auch angenehm kalt," beantwortete Vlad die abschließende Frage Ophelias knapp.
      Er nippte an seinem Glas, nahm sich Zeit mit dem Wein, wohlwissend, dass er an der Reihe war, etwas zu sagen, schließlich hatte Ophelia seine Frage mehr als ausgiebig beantwortet.
      "Ich bin kein Mann höflicher Worte," begann er dann und ließ den Wein im Glas kreisen. "Das hier ist ein Anstandsbesuch. Du hast uns über das Nest informiert, also gestatte ich dir dich aus allen Streitigkeiten herauszuhalten."
      Uns. Vincents Nacken kribbelte.
      "Mir ist dein Name vollkommen egal. Mir ist deine Herkunft vollkommen egal. Was mir nicht egal ist, ist dein Umgang. Und dein Verhalten mit deinem Umgang. Verona mag dir einige Dinge über verraten haben, aber das gibt dir nicht das Rest, diese Informationen auch zu nutzen, wie es dir beliebt. Du wirst meinen Jüngling mit seinem richtigen Namen ansprechen. Jetzt und in Zukunft. Du wirst dich aus seinen Angelegenheiten heraushalten. Jetzt und in Zukunft. Da du dich hier offensichtlich häuslich eingerichtet hast, nehme ich diesen Ort als dein Territorium wahr und werde aus Respekt für unsere Gesetzte darauf achten, keine Spuren zu hinterlassen, die auf dich zurückzuführen wären. Aus dem gleichen Grund informiere ich dich über mein Vorhaben: Ich werde das hiesige Nest finden und vollkommen vernichten. Ich werde den Meister dieses Nests töten. Wenn du Einspruch dagegen hast, solltest du diesen für dich behalten. Sollte ich eine Verbindung zwischen dir und dem Nest feststellen, werde ich dich als Teil des Nestes ansehen. In diesem Fall würdest du das Schicksal der anderen Jünglinge teilen. Ich respektiere die Grenzen deines Unterschlupfes und werde keinerlei Gewalt innerhalb dieser Grenzen anwenden. Aktuell gehe ich davon aus, dass es sich bei diesem Unterschlupf um dieses Theater hier handelt - korrigiere mich, wenn ich falsch liege. Ich werde dir mitteilen, wann ich dein Territorium wieder verlasse."
      Vlad warf den Kopf in den Nacken und leerte sein Weinglas in einem schnellen Zug, bevor er aufstand. Er stellte das Glas direkt neben Ophelia ab, ragte mit voller Absicht über ihr auf.
      "Ich bedanke mich für die Gastfreundschaft," sagte er lächelnd, seine Stimme so sanft wie Honig.
      Er streckte die Hand nach Vincent auf, der sich ebenfalls erhob. Er ergriff Vlads Hand, stellte seinen nur kurz angetasteten Wein ebenfalls ab und lächelte Ophelia freundlich zu.
      "Du solltest deine männliche Hauptrolle wirklich ersetzen. Sobald er nicht im Fokus steht, fällt er aus der Rolle," riet Vincent.
      Mit einem Nicken bedeutete er Thomas, ihm und Vlad zu folgen, die sich ihren Weg aus dem Theater selbst suchten.
      Die nächtliche Luft war kalt und als sie aus dem Gebäude traten, schwebten Schneeflocken an ihnen vorbei. Vlad legte den Kopf in den Nacken und schloss die Augen. Der ehrlich fröhliche Ausdruck, der sich auf sein Gesicht legte, brachte das Kribbeln in Vincents Nacken zurück. Selbst nach einem Millennium freute sich Vlad noch immer über etwas so simples wie Schnee. Vincent lächelte, ohne es zu bemerken.
      "So seltsam sie auch ist, ich glaube, ich mag sie," meinte Vlad, als er sich wieder der Gegenwart widmete.
      "Sie hat eine ähnliche Einstellung wie du," erklärte Vincent, der sich wieder bei Vlad unterhakte, während sie die Straße hinunterspazierten. "Sie macht, was sie will. In einem angemessenen Rahmen. Ich kann das bewundern."
      "Du traust dich immer noch nicht, das Gleiche zu tun, wenn du nicht in den sicheren vier Wänden deines eigenen Unterschlupfes bist, nicht wahr?" fragte Vlad.
      Vincent nickte stumm. Selbst wenn er den exzentrischen Lord gab, so spielte er doch immer noch nur eine Rolle. Er versteckte, was er war, wo er nur konnte.
      "Eines Tages kriege ich dich schon noch aus deiner Schale, Steaua mea. Aber erst, wenn du soweit bist. Für den Moment, werde ich dich in die Sicherheit deines Unterschlupfes entlassen. Meine Beute wartet auf mich."
      Vlad blieb stehen, nahm beide Hände von Vincent in seine. Er schenkte Vincent eines dieser liebevollen Lächeln, bevor er ihm mit einem Finger gegen die kalte Nasenspitze stupste. In den bernsteinfarbenen Augen lag das Glitzern eines Raubtieres auf der Jagd. Ein Vampir aus dem Nest musste sich hier herumtreiben.
      "Unser nächstes Treffen sollte bei dir stattfinden. Ich will sehen wie du dieser Tage lebst, Steaua mea."
      "Genauso, wie ich es vor einhundert Jahren getan habe, ma lune. Ein paar Bücher mehr, vielleicht."
      Vlad lachte und das Kribbeln in Vincents Nacken breitete sich über seinen gesamten Rücken aus. Wie sehr er dieses sanfte, tiefe Lachen vermisst hatte...
      "Ich werde auf deine Einladung warten," schnurrte Vlad, dann löste er sich von Vincent, wechselte auf die andere Straßenseite und verschwand in einer tiefschwarzen Gasse.
      Vincent sah ihm nach, zählte bis dreißig, dann atmete er tief durch und winkte eine Kutsche heran. Während er mit Thomas auf das Gefährt wartete, legte er den Kopf in den Nacken und sah dem Schnee beim Fallen zu.
      "Du hast vorhin den Kiefer angespannt," sagte er zu Thomas, sobald sie in der Kutsche saßen.
      Er rieb sich seine kalten Hände. Er hasste den Winter.
      "Warum? Was war los?"


    • Ophelias Maske brach nicht. Sie hätte brechen müssen, mittlerweile hätte Thomas sich sicher vor Vlad zu schützen versucht, aber Ophelia war eine Statue, ihr Lächeln Handwerksarbeit. Sie nahm den Blick nicht noch einmal von dem Mann, vielleicht ein kleines Anzeichen dafür, was hinter ihrer Miene vorgehen mochte.
      "Selbstverständlich. Was auch immer Ihr wünscht. Ich verbleibe in meinem bescheidenen Reich, das sich das Theater von Cambridge nennt."
      Ihre Augen verfolgten die Bewegungen des Mannes, die sicherlich auch schneller hätten vonstatten gehen können, die er aber absichtlich auf menschliche Geschwindigkeit reduzierte. Vielleicht, um einen Punkt aus seiner Überlegenheit zu machen? Vielleicht weil er sich nicht mit derartigen Kleinigkeiten aufhielt?
      Ophelia starrte zu ihm empor, die Augen weit geöffnet, die Pupillen groß und rund. Sie nahm ihr eigenes Glas beiseite, als wolle sie auch die letzte Schranke zwischen sich und dem anderen Vampir aus der Welt schaffen, den Blick niemals von ihm lösend. Wenn sie ein funktionstüchtiges Herz gehabt hätte, wäre es ihr sicherlich in großen Sprüngen aus der Brust geschossen, so starrte sie nur, ihr Lächeln ungetrübt.
      "Es war mir eine Ehre."
      Dann trat sie einen Schritt nach hinten, einen einzigen nur, so als müsse sie den Ausgang freimachen und beobachtete in unveränderlicher Statur, wie der Besuch einer nach dem anderen ihre Gaderobe verließ. Bei Vincent erlaubte sie sich ein knappes Zwinkern, nachdem Vlad schon draußen war.
      "Man findet heutzutage keine guten Leute. Danke für den Rat, Vincent."
      Als Thomas an ihr vorbeiging und der Jäger sie absichtlich beobachtete, um auch mit ihr Augenkontakt aufzunehmen, sah sie nicht zu ihm auf. Er ging nach draußen und die Schauspielerin schloss andächtig die Tür hinter ihnen.
      Sie machten sich auf den Heimweg, endlich, allerdings nicht, ohne dass Thomas wieder dem Anblick der beiden Männer ausgesetzt wurde. Er wandte den Blick betreten ab und schlang den Mantel enger um sich, jetzt zu allen vorherigen Emotionen auch noch frustriert. Sie wussten, dass Vincent Vlad nur schwer widerstehen könnte. Wieso begehrte dann trotzdem ein kleiner Teil von ihm auf, immer wieder, wenn der ältere Mann den jüngeren berührte? Weil es ihm selbst versagt war? Weil er mit seinen paar Monaten der Bekanntschaft keine zwei Jahrhunderte übertrumphen konnte?
      Er starrte die dunklen Straßen von Cambridge entlang und dann war es endlich soweit, dass Vlad sich verabschiedete. Der Vampir schlenderte in die Dunkelheit davon und obwohl Thomas sich der Lächerlichkeit dieses Gedankens bewusst war, wirkte es doch so, als würde er die Dunkelheit sammeln, um ihn nach seinem Willen zu verschlingen.
      Dann waren es nur noch sie beide. Die bekannte Pause entstand und schließlich fuhr die Kutsche vor.
      "Ich kenne Ophelia. Sie heißt Mary, arbeitet im Theater - natürlich - und geht seit ein paar Jahren mit Darcy gerne brunchen. Sie hat einen Bruder, der in der Poststelle arbeitet und ihre Eltern sind am Friedhof begraben. Sie ist katholisch, aber sie praktiziert ihren Glauben ohne die Kirche, weil sie sonntags ausschlafen muss. Eigentlich wollte sie Schneiderin werden, aber sie kann nicht still sitzen. Ihre Eltern mussten sie in den Garten rauslassen wie einen Hund, weil sie ständig so voller Energie ist. Das hat sie uns alles erzählt, das und noch viel mehr und ich habe es nicht geahnt. Ich kann nicht alle testen und Darcy hat es wohl auch nicht gesehen."
      Sein Blick fiel auf Vincents reibende Hände und nachdem sie jetzt - endlich! - wieder alleine waren, zögerte er nicht, sie in seine zu nehmen. Sie waren beide gleichermaßen kalt von draußen, aber Vincent war ein Stück kälter. Der Vampir war immer ein bisschen kälter.
      "Vincent."
      Er nahm dessen Hände und zog sie in seinen eigenen Schoß, ohne sie loszulassen.
      "Muss er dich wirklich so umgarnen? Es gefällt mir nicht, wie offen er mit dir flirtet, sogar auf offener Straße. Wie nennt er dich immer, Mae... Stau? Was soll das heißen? Und können wir nicht..."
      Er brach ab, als ihm mit einem Schlag bewusst wurde, woher dieses Gefühl wirklich herkam. Mit einer gewissen Überraschung stellte er fest:
      "... Ich denke, ich bin eifersüchtig."
      Eifersüchtig auf einen fast tausend Jahre alten Vampir dafür, dass er einem zweihundert Jahre alten Vampir den Hof machte, den Thomas gerade erst kaum ein viertel Jahr kannte. Tatsächlich? Aber es stimmte, er mochte es nicht, wenn Vlad ihn berührte und besonders nicht, wenn er dessen Lippen auf Vincents Haut sah.
      "Können wir das nicht... langsam angehen? Oder - oder am besten ich gehe nachhause, wenn er dich besuchen kommt, dann könnt ihr... was auch immer. Ich verstehe ja, dass es notwendig ist, aber... Himmel, Vincent, ich mag es nicht, wenn er dich so ansieht. Als ob du seine Beute wärst."
      Er drückte seine Hände und strich mit dem Daumen über seine Finger.
      "Versprich mir, dass du dich zu nichts von ihm verleiten lassen wirst. Zu nichts, was du nicht selbst möchtest."
    • Vincent schüttelte lachend den Kopf. Natürlich hatte sich Ophelia irgendwie in Thomas' Leben eingeschlichen. Wie sonst hätte sie einen so guten Blick auf sein Leben erhaschen können? Und Vincent hatte es komplett übersehen, nur weil er davon ausgegangen war, dass sich niemand einfach so an einen Jäger herantraute.
      "Sie ist eine herausragende Schauspielerin, das muss man ihr lassen," kommentierte er und reichte Thomas willentlich seine Hände. "Zu deiner Verteidigung: du wusstest nicht, das ältere Vampire im Sonnenlicht wandeln können. Mich hättest du doch auch nicht erwischt, wenn ich nicht vor dir zusammengebrochen wäre."
      Vincent verschränkte seine Finger mit denen von Thomas und drückte seine Hände leicht.
      "Oh, du bist gehörig eifersüchtig, mein Guter," lächelte er.
      Dann setzte er sich neben Thomas und legte ihm einen Arm um die Schultern, drückte ihm einen sanften Kuss auf die Schläfe.
      "Ich fürchte, es geht nicht anders. Ich kann ein bisschen langsamer machen, mich ein bisschen zurückhaltender geben, ja. Aber schlussendlich wird es nichts ändern. Vlad... er ist eine Naturgewalt. Und das weiß er auch."
      Er legte seinen Kopf auf Thomas Schulter.
      "Ich gebe ja zu, dass er einen stärkeren Einfluss auf mich hat, als ich erwartet habe. Ich bin auch kein Freund davon, wie leicht er mich um seine Finger wickeln kann. Aber jedes Mal, wenn er sich umdreht und in der Nacht verschwindet, nimmt er diesen Einfluss mit sich. Wenn du mich allein lässt, dann kann ich gar nicht aufhören, an dich zu denken, bis ich dich wiedersehe. Und das ist der Unterschied zwischen euch, an den ich mich immer und immer wieder erinnere, wenn wir ihn treffen. Er kann mich noch so oft seinen Stern nennen, mit seinem attraktiven Osteuropäischen Akzent. Er wird niemals daran herankommen, wie du dich verstohlen umsiehst, bevor du mich küsst. Er wird niemals daran herankommen, wie du mich ansiehst, wenn wir allein sind. Vlad ist gut. Aber er hat sein eigenes Bild ruiniert. Du bist besser. Du bist ein Meisterwerk, das mir niemand wegnehmen kann."
      Vincent legte Thomas eine Hand ans Kinn, zwang ihn dazu, ihn anzusehen.
      "Ich liebe dich, Thomas. Mein Herz gehört dir und dir allein. Und weißt du warum? Weil du darauf acht gibst. Du sorgst dafür, dass es in Sicherheit ist. Und deshalb wirst du mich nicht an einen anderen Mann verlieren."
      Er beugte sich vor, küsste Thomas, sanft aber bestimmt. Es war ein langer, tiefer Kuss, in den Vincent mit voller Absicht all die Liebe legte, die er für den anderen Mann empfand. Er wollte nicht, dass diese Sache sie beide auseinander trieb. Er wollte Thomas nicht wegen all dem verlieren. Nicht schon wieder.


    • Unzufrieden mit der Situation, aber zumindest etwas besänftigt von Vincents Worten, gab Thomas ein leises Schnauben von sich und legte die Hand auf Vincents Oberschenkel ab, bevor er es sich anders überlegte und die Hand doch lieber zu seinem Gesicht anhob, um ihm über Haare und Nacken zu streichen. Ihm gefiel es nicht, dass Vlad überhaupt einen Einfluss auf Vincent ausübte. Er war zwar eigentlich kein besonderer Experte in irgendwelchen Beziehungsfragen, geschweige denn in Themen, die Liebe betrafen, aber selbst Thomas konnte sehen, dass zweihundert Jahre eigentlich genug Zeit wären, um einen Geliebten so zu behandeln, wie er es verdient hatte. Und Vlad behandelte Vincent ganz sicher nicht so, wie er es in seinem langen Leben eigentlich hätte tun sollen.
      Er strich mit den Fingern hinter Vincents Ohr entlang. Ein feines Lächeln schlich sich jetzt doch auf sein Gesicht, ohne dass er es bemerkt hätte.
      "Das sagst du doch nur, um mich von meiner Eifersucht abzulenken."
      Aber das tat er nicht. Sanft und bestimmt drehte Vincent Thomas' Kopf, bis er in die freundlichen, warmen Augen des anderen blickte, die nichts als Liebe versprühten. So sah er Vlad ganz sicher nicht an, dessen war er sich sicher. Vlad mochte es schaffen, Vincents Augen zum Glitzern zu bringen, aber er erreichte nicht die Tiefe, die Vincent jetzt für Thomas zum Ausdruck brachte.
      Er drehte sich weiter und empfing Vincent mit offenen Armen, als er sich für einen Kuss zu ihm lehnte. Seine Lippen waren unendlich weich und zart, sanft und nicht fordernd, ein Kuss, den Thomas vielmehr in seiner Brust, als irgendwo anders spürte. Es lag keine Hektik darin und keine unterschwellige Hitze, kein zweiter Gedanke hinter der Handlung, lediglich die Vermittlung eines Gefühls, das jetzt selbst in Thomas aufkeimte. Er schloss die Augen und zog Vincent noch ein Stück näher zu sich, blind gegenüber dem Innenraum der Kutsche und den schaukelnden Bewegungen, die sie begleiteten. Er spürte nur Vincent und das Gefühl, das selbst in seiner Brust blühte und gedeihte. Er liebte diesen Mann. Er liebte ihn so sehr, er hätte Berge für ihn versetzt. Oder 800 Jahre alte Vampire ermordet.
      Als sie sich lösten, schoss ihm das Blut trotzdem durch den Körper und er nahm einige tiefe Atemzüge, nachdem sie noch lange nicht die Sicherheit ihres Zuhauses erreicht hatten. In Vincents Blick lag noch immer die gleiche Zärtlichkeit und Thomas zerfloss darin.
      "Ich liebe dich auch. Ich liebe dich so sehr. Ich werde ein besserer Mann sein als Vlad, jemand, den du verdient hast. Der dich nicht alle paar Jahrhunderte mal trifft, um dich dann wieder zu verlassen. Der dich richtig behandelt."
      Er bettete Vincents Wange in seiner Hand, betrachtete sein hübsches, wunderschönes Gesicht. Diese Worte waren jetzt in Stein gemeißelt, nichts auf der Welt hätte ihn dazu bringen können, sie jemals wieder zurückzunehmen.
      "Da kann er noch so oft wieder auftauchen. Jetzt wird es hoffentlich sowieso das letzte Mal sein."
      Er stahl sich wieder einen Kuss von ihm, einen leichtfertigen, fast fröhlichen, dann lehnte er sich wieder zurück, Vincent noch immer in seinem Arm.
      "Mit meinem "verstohlenen umsehen" kann er es sowieso nicht aufnehmen. Du solltest dich glücklich schätzen, dass wenigstens einer von uns darauf achtet, keinen Rufmord zu begehen. Und wie nennt er dich? Seinen Stern? Soll ich dir auch einen Kosenamen geben? Wie wäre es mit... mein Engel? Zu blasphemisch? ... Mein Schatz? Liebling? Herzblatt? Meine Muse? Sowas langweiliges wie einen Stern werde ich doch wohl überbieten können."
    • Vincent lachte. Das hier war genau der Grund, warum er Thomas so verfallen war.
      "Er nennt mich so, weil mein ursprüngliches Familienwappen einen Stern enthält. Du kannst mich nennen, wie du willst, aber bitte mache das nicht, nur um mit ihm zu konkurrieren. Mal ganz davon abgesehen mag ich es, wenn du meinen Namen sagst."
      Diesen letzten Satz raunte Vincent direkt in Thomas' Ohr, ein schelmisches Grinsen im Gesicht.
      Bevor er aber zu irgendeinem seiner kleinen Spiele kam, hielt die Kutsche vor seinem Haus. Vincent gab sich damit zufrieden, sich einen weiteren, kurzen Kuss zu stehlen, bevor er aus der Kutsche hüpfte. Es schneite noch immer und angesichts des sanften Schleier aus Weiß, der sich über alles gelegt hatte, würde der Schnee wohl auch liegen blieben. Kalt genug dafür war es auf jeden Fall.
      Nora wartete bereits an der Tür auf die beiden Männer und half ihnen aus ihren Mänteln.
      "Kannst du uns den Tee heute hoch in mein Schlafzimmer bringen?" fragte Vincent.
      "Natürlich."
      Er ergriff Thomas' Hand und zog ihn mit sich die Treppen hinauf. Spiele hin oder her, er hatte keine Lust auf unschuldiges Kuscheln auf seinem Sofa, umgeben von Büchern. Er konnte Vlads Lippen noch immer auf seiner Stirn spüren. Die Krawatte in der Farbe seiner Augen schnürte ihm noch immer die Luft ab.
      In seinem Schlafzimmer lehnte er sich gegen die geschlossene Tür, die Augen geschlossen für einen Augenblick, um sich zu sammeln.
      "Erinnerst du dich an das, was ich vor ein paar Stunden gesagt habe? Über..." mit einer groben Geste deutete Vincent auf sich und seinen Anzug, seine Krawatte.
      Dann öffnete er die Augen und sah Thomas direkt ins Gesicht. Da war kein schelmisches Grinsen, kein unzüchtiger Subtext.
      "Du solltest mir jetzt die Klamotten vom Leib reißen. Angefangen mit dieser verfluchten Krawatte."


    • Thomas lächelte und dann war es vorbei mit unschuldigen, züchtigen Gedanken. Das Blut schoss ihm in den Kopf und durch den Körper und er machte keinen Hehl aus seinem rapide ansteigendem Herzschlag. Es war ja schließlich nicht so, als wäre es das erste Mal, dass Vincent ihn so schnell beeinflusst hatte.
      Sie kamen Zuhause an und mussten den letzten Weg einer bitterkalten Nacht über sich ergehen lassen, bevor sie die Wärme von Vincents Zuhause erreicht hatten. Jetzt konnte man die Röte in Thomas' Gesicht zumindest mit dem Schnee in Verbindung bringen und so war er etwas entspannter dabei, sich von Nora empfangen zu lassen. Er ließ sich sogar ohne Widerworte von Vincent ins Schlafzimmer entführen.
      Kaum war die Tür hinter ihm geschlossen, ließ Vincent sich dagegen fallen und Thomas stoppte in seinem Vorhaben, sich erst von seinem Jackett zu trennen, um stattdessen zurück zu dem anderen Mann zu gehen. Wie schon beim letzten Mal wirkte er gänzlich ausgelaugt davon, lediglich ein Gespräch geführt und ein Theater besucht zu haben und Thomas' unsittliche Gedanken wandelten sich schnell zugunsten seiner aufkeimenden Sorge. Er trat an ihn heran, unbetrübt davon, dass jeden Moment Nora mit dem Tee aufkreuzen könnte, und legte ihm die Hände auf die Hüfte. Vincent war hübsch, wenn er die Augen geschlossen hielt, aber er war noch viel hübscher, wenn sich sein Blick zielgerichtet auf Thomas legte, so als wäre er im Moment das einzige, was der Mann brauchte. Als könnte nur Thomas ihm geben, wonach er verlangte.
      Und wer war er schon, ihm diesen Wunsch zu verweigern? Wann hätte er jemals Nein zu Vincent gesagt?
      Also schob er die Finger hinter den Knoten der Krawatte und zog daran, bis sie sich von Vincent löste. Er schob ihm auch das Jackett von den Schultern und nachdem er sich dann noch immer nicht rührte, sah er zu ihm auf und hob fragend die Augenbrauen.
      "Alles?"
      Und weil Vincent noch nicht glücklich damit war, lediglich von seinem Jackett und seiner Krawatte getrennt worden zu sein, fing Thomas auch an, ihm das Hemd aufzuknöpfen. Zugegeben, das war wohl nicht annähernd ein Klamotten vom Körper "reißen", aber das traute er sich auch nicht, nicht mit diesen feinen Kleidungsstücken. Also zog er ihn auf herkömmliche Art aus, auch wenn er sich dabei beeilte, um dem Wunsch dennoch halbwegs gerecht zu werden.
      Als Vincent schließlich nur noch in Unterwäsche bekleidet vor ihm stand, verringerte er wieder den Abstand zu ihm, als könne ihm sonst kalt werden, und presste seinen Körper gegen Vincents. Für einen Moment versuchte er in seinem Gesicht zu lesen, dann neigte er sich nach der Hand, die er anhob, und drückte ihm einen festen, unnachgiebigen Kuss auf die Stelle, die er auch Vlad ständig küssen sah. Danach verschränkte er ihrer beiden Finger miteinander und sah zurück zu Vincent auf.
      "Was möchtest du? Was kann ich für dich tun?"
    • Es war, als könnte sich Vincent nicht aus eigener Kraft bewegen. Er sah dabei zu, wie Thomas Knopf für Knopf sein Hemd öffnete, ließ es sich von den Schultern schieben. Seine Beine waren so schwer wie eines seiner gefüllten Bücherregale, als er aus seiner Hose stieg.
      "Was möchtest du? Was kann ich für dich tun?"
      Als Antwort schob Vincent seine Hand in Thomas' dunkle Haare und zog ihn an sich, zog ihn in einen tiefen Kuss, der alles andere auslöschen sollte. Und das tat er auch.
      Vincent trennte sich erst von Thomas, als er Noras leichte Schritte auf der Treppe hörte. Er schob den Mann von sich, bis eine Armeslänge sie trennte. Er schenkte Thomas ein entschuldigendes Lächeln, dann drehte er sich um, öffnete die Tür und nahm Nora dankend das Teeservice ab. Sie schüttelte nur lächelnd den Kopf und verschwand wieder, um sich ihren anderen Pflichten zuzuwenden.
      Vincent stellte das Teeservice auf dem kleinen Tisch der Sitzecke ab und schnappte sich seinen seidenen Morgenmantel, um sich darin einzuhüllen, bevor er sich eine Tasse Tee gönnte, um seine kalten Finger wieder aufzuwärmen.
      "Ich will, dass du mich ihn vergessen lässt," beantwortete er endlich Thomas' Frage. "Er ist da drin. In meinem Kopf. Und ich kriege ihn da nicht einfach nicht raus. Nicht ohne Hilfe."
      Er nahm einen Schluck des viel zu heißen Tees, bevor er die Tasse wieder abstellte und zu Thomas zurückging. Er nahm die Hände des Mannes, legte sie sich an die Hüfte und schlang seine eigenen Arme um Thomas' Hals.
      "Lass mich vergessen Thomas," wisperte er und lehnte seine Stirn gegen die des anderen Mannes. "Erinnere mich daran, wem ich gehöre. Wem ich wirklich gehöre."


    • Thomas' Frage wurde mit einem Kuss beantwortet. Es war beinahe derselbe Kuss, den er ihm auch in der Kutsche gegeben hatte, tief und intensiv, aber nicht fordernd, nicht auf körperliche Gelüste aufgerichtet und so ließ Thomas sich mittreiben von dem, was Vincent mit seinen Lippen zum Leben erweckte. Er lehnte sich an ihn und hielt den Mann zwischen sich und der Tür fest, die Augen geschlossen, die Aufmerksamkeit allein auf seinen Lippen und seinen Händen, die sich wieder auf Vincents Hüfte niederließen. Er hielt ihn fest, allein weil er es brauchte oder vielleicht auch, weil Thomas es so wollte, weil er das drängende Gefühl, die Schmeicheleien des älteren Vampiren in den letzten Stunden auszumerzen, endlich loshaben wollte. Vincent war sein. Kein anderer Mann als Thomas sollte seine Lippen irgendwo auf dessen Körper haben.
      Sie lösten sich etwas unversehens und Thomas musste für einen Augenblick seine Enttäuschung verbergen, bevor Vincent die Tür öffnete und Nora den angekündigten Tee hereinbrachte. So schnell, wie sie wieder draußen war, hatte sich erstaunlicherweise auch sein Schamgefühl wieder gelegt, kaum als die Tür wieder geschlossen war. Sein Gehirn schien, nach all den Wochen, endlich verinnerlicht zu haben, dass sie hier an einem sicheren Ort waren, dass es hier nichts gab, wovor er sich hätte verstecken müssen. Er konnte ganz er selbst sein, er konnte seine Gefühle für Vincent so viel freilassen, wie ihm zumute war. Irgendwie war die Erkenntnis erleichternd, so als habe sich eine gewisse Last von seinen Schultern entfernt.
      Sie bedienten sich an dem Tee, aber nur kurz, bevor der Mann wieder bei ihm war und sich in seine Umarmung legte. Thomas zog ihn an den Hüften noch näher an sich heran, bis sie sich wieder vollständig aneinander schmiegten. Die Robe war kaum ein Hindernis, viel weniger als der Anzug, der Thomas jetzt selbst zu eng vorkam.
      Er sollte ihn vergessen lassen. Er würde ihn vergessen lassen. Er würde alles, was Vlad mit ihm anstellte, was er zu ihm sagte, überschatten. Er würde Vincent diesen Wunsch erfüllen, wie er ihm auch jeden anderen erfüllte.
      Seine Antwort bestand darin, den einen Arm um Vincents Taille zu schließen und die andere Hand in seine Haare zu schieben. Vincent ließ sich von ganz allein in seinen Kuss leiten, der dem anderen, tiefen Kuss in nichts nachstand. Sie küssten sich erneut, sehnsüchtig nach den vergangenen merkwürdigen Stunden, ehe Thomas ihn sanft aber bestimmt nach hinten schob, in Richtung des Feuers im Kamin. Er ließ ihn los, nur um sich ein paar Kissen und Decken zusammenzusammeln und vor der Feuerstelle auszubreiten. Wenn ihnen beiden schon kalt von draußen war, konnte er sich das Feuer zumindest zunutzen machen.
      Er zog sich die Krawatte achtlos vom Kopf und streifte sich das Jackett ab, das er zumindest über eine Sessellehne hängte, bevor er wieder bei Vincent war und seine Arme um ihn schloss. Seine Hände waren schnell überall, aber über der Robe und nicht darunter, seine Haut war selbst noch kalt von draußen. Wortlos, aber mit sanftem Drängen, sank er mit Vincent auf den Haufen aus Decken und Kissen hinab, bevor er sich über den Mann schob und ihn auf den Rücken drückte. Dann war er über ihm und auf ihm, legte sich in Vincents willkommen heißende Umarmung nieder und empfing den Mann seinerseits mit seinem ganzen Körper. Das Feuer knisterte im Hintergrund, die Flammen warfen tanzende Schatten auf sie beide und in einem weiteren innigen Kuss, ließ Thomas ihrer beider Lippen miteinander verschmelzen.
    • Vincent lehnte sich in jeden Kuss, den Thomas ihm schenkte, wie ein Verdurstender sich nach Wasser sehnte. Es tat beinahe schon weh, als Thomas von ihm abließ, nur um ihr kleines Nest vor dem Kamin vorzubereiten. Vincent lehnte sich gegen einen der Pfosten seines Bettes, beobachtete Thomas' Bewegungen. Es dauerte nur wenige Sekunden, aber es fühlte sich an wie eine Ewigkeit, bis Thomas ihn endlich wieder in seine Arme zog.
      Er ließ sich mehr als bereitwillig von dem anderen Mann anleiten, ließ sich von ihm führen. Vincent wollte in diesem Augenblick gar nicht die Kontrolle haben. Jedes Mal, wenn er sich Vlad stellte, musste er alles in einem so festen Griff halten, dass es wehtat. Das wollte er jetzt nicht. Er wollte loslassen. Und Thomas ließ ihn. Half ihm sogar. Noch ein Grund, warum Vincent ihn so sehr schätzte.
      Er schlang seine Arme um Thomas, der die Geste gleichermaßen erwiderte und sie küssten sich erneut. Gemeinsam machten sie es sich vor dem wärmenden Kaminfeuer bequem. Vincent kuschelte sich an Thomas, so eng, wie er nur konnte. Er konzentrierte sich auf Thomas' Herzschlag, die Atmung des Mannes, seinen Geruch.
      "Hmmm...", brummte er wohlig. "Zimt und alte Bücher..."
      Sein neuer Lieblingsgeruch. Vincent küsste Thomas' Schlüsselbein - eine Stelle, die er sich in letzter Zeit angewöhnt hatte, um Thomas' Jäger nicht aufzuwecken. Näher als Thomas' Ohr ging er nicht an den Hals heran. Ähnlich hielt er sich von Thomas' Handgelenken fern, nur um auf Nummer sicher zu gehen. In den letzten Tagen hatte Vincent genug Zeit gehabt, den Mann kennenzulernen; auszuloten, was er mochte und was nicht. Genauso wie der Mann seine Vorlieben kennengelernt hatte.
      Vincent neigte den Kopf zur Seite, halb willentlich, halb aus Instinkt. Er schob eine Hand in Thomas wundervolles, dichtes Haar, und zog ihn an sich, bis er seinen Atem an seinem Hals spüren konnte.
      "Habe ich dir je verraten, warum ich so reagiere, wenn du mich dort berührst?" fragte er leise.


    • Thomas brachte ein feines Lächeln an Vincents Lippen zustande, mit dem er ihn auch betrachtete, als er sich einen Moment später sanft von ihm löste und gerade so weit den Kopf hob, dass er ihm in die Augen schauen konnte. Das Feuer ließ seinen Blick funkeln, als würden dort die Sterne baden.
      "Ich esse noch nichtmal Zimt."
      Das Lächeln blieb, eingemeißelt jetzt in seinem Gesicht, gespeist von unendlicher Fürsorge und Liebe, die er für diesen Mann aufbringen konnte. Er reckte sich ein wenig weiter, um Vincent genügend Platz zu geben, um seine Lippen auf Vincents Schlüsselbein zu drücken, wohl darum bewusst, dass er dennoch gefährlich nahe an seinem Hals war, dass es nicht weniger als ein paar Zentimeter benötigte, um bedrohlich zu werden. Aber der Jäger schwieg und bevor sein Instinkt noch misstrauisch geworden wäre, zog Vincent sich auch schon wieder zurück und als wäre es so abgemacht, als hätten sie jahrelang schon nichts anderes getan als diesen Tanz der Liebkosungen zu führen, folgte Thomas der Bewegung und schmiegte sich in die ihm dargebotene Halsbeuge. Er verteilte seine Küsse in zärtlicher Weise seinen Hals hinauf, wohlwissend, dass er eine gänzlich intensivere Reaktion erhalten hätte, wenn er ein bisschen fester gewesen wäre, aber eher darum bemüht, es Vincent so angenehm wie nur möglich zu gestalten. Der Mann sollte es genießen und nicht gleich in die Lust überführt werden, auch wenn Thomas auch dagegen nichts einzuwenden gehabt hätte.
      "Du meintest, dass es sich für dich intensiver anfühlt. Und dass es instinktiv veranlagt ist", murmelte er gegen seinen Hals und zog seine langsame, sanfte Spur über seinen Adamsapfel hinweg zur anderen Seite, um dort damit weiterzumachen. Seine eine Hand streichelte Vincents Hüfte durch dessen Robe hindurch, mit der anderen stützte er sich halb ab.
      "Ist es das, was du meinst?"
    • Benutzer online 3

      3 Besucher