[2er RPG] Dusk & Dawn [Asuna & Nico]

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    • Der Schlag des Riesen schmerzte, zumal seine Energie langsam sein Ende fand. Selbst ohne Siegel und in Anbetracht der Masse an Feinden, die er bereits bekämpft hatte, erschien dieses Unterfangen als Energiefresser. Krachend landete August in den Trümmern ihres Kampfes und stöhnte, ehe das Schwert aus seiner Hand verschwand und sich zersetzte. Selbst die Teufelsrüstung begann sich mehr und mehr aufzulösen und entblößte einen bloßen Brustkorb voller Prellungen und blauer Flecke. Eine klaffende Wunde thronte an der Stelle, wo seien Rüstung bereits durch die Polizisten und Ruairi aufgebrochen war. Ächzend kam der Zauberer auf die Beine und spuckte Blut auf die Steine.
      Zu ihrer beider Erleichterung sahen sie die Rückverwandlung des Sonnengottes in eine ärgerliche Arkana, die so gar nichts mehr mit der Helena gemein hatte, die August bereits getroffen hatte.
      Ruairi blickte kurz zu Helena, ehe er zu Ember eilte, die noch immer auf dem Boden lag.
      August indes wanderte in einer ungeahnten Seelenruhe und trotz der schweren Verletzungen an Bein und Arm zu Helena herüber und blieb in einiger Entfernung von ihr und David stehen. Er sah den Wunsch des Mannes, alsbald der Szenerie zu entfliehen und August lag nichts daran, eine Schwester ohne Grund zu töten. Doch es wurde eine Grenze überschritten, die es zu markieren galt.
      "Du hast Jemanden verletzt, der mir viel bedeutet, Atroska", wisperte August und sah sie ohne ein einziges Blinzeln an. Jetzt, wo die Brille nicht mehr auf seiner Nase saß, wirkten die Augen des Teufels beinahe leer und bedrohlich tief. "Verschwinde...Lauf und sieh nicht zurück. Denn das nächste, werde ich dir nicht nur beinahe den Kopf abschlagen. Sondern ihn auf einen Pfahl vor meinem Haus stellen und dein Gebiet beanspruchen."
      Ohne ein weiteres Wort drehte er sich um und humpelte in Richtung Ember, die bereits wieder zu schreien begann. Es war also nicht alles verloren...
      Ruairi indes hatte angehalten und sah Ember mit großen Augen, ehe er ein, zwei Schritte zurücksetzte.
      "Wie wäre es wenn wir erst einmal alle durchatmen und versuchen, uns zu beru-"
      "SIE SIND FESTGENOMMEN!"
      Knights Stimme glitt aus dem Trümmergewirr heraus wie ein unwirklicher Schatten. Der Polizeichef lehnte an einer schweren Trümmermauer und hielt sich mit der linken Hand sein verletztes Bein, was merkwürdig abzustehen schien. Er blutete aus einer Wunde am Kopf und wirkte nicht ganz bei sich, wärhend er mit der Pistole auf Ruairi und Ember zielte.
      "Chief, ich..."
      "Schnauze halten, MacAllister!", donnerte Knight und schleppte sich einen Schritt vorwärts. Nein, die Wand musste an seiner Seite sein, damit er nicht umfiel. "Sie sind beide verhaftet! Auch dieser Foremar-Typ! Wegen Hochverrats und Verabredung zur Verschwörung! Sie sind beide erledigt und ich werde ihre verdammten Ärsche auf dem Feuer rö-"
      Weiter kam der Chief nicht.
      Mit einem unheilvollen Sirren war August hinter ihm aufgetaucht und hatte seine schlanken Finger um seinen Schädel gelegt. Mit der Leichtigkeit eines Kleinkindes beim Ballspiel knallte der Arkana den Chief der Metropolitan mit dem Kopf voran gegen die schwarze Trümmerwand, sodass diese Risse bekam und den Kopf für einen Moment im Abdruck halten konnte. Schwerfällig krachte der Chief zu Boden und blieb mit nach oben verdrehten Augen liegen. Ein Umstand, den August nicht bedauerte.
      "Du nervst, Bursche", knurrte der Arkana und sah zu Ruairi und Ember. "Alles in Ordnung mit ihr?"
      Nicht, dass ihn Ruairi interessiert hätte.

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    • David hielt sich geflissentlich aus dem Konflikt der beiden Arkana heraus. Er saß zwar noch immer neben Helena, allerdings machte er keine Anstalten, dazwischen zu gehen. Denn er wusste immerhin, wo sein Platz war. Die junge Frau hingegen gurgelte, was sich erst im Nachhinein als ein Kichern entpuppte. Sie würdigte August keines Blickes, murmelte allerdings etwas, das sich verdächtig anhörte wie: „War genauso geplant.“ Erst als sich August wieder abwandte und Luft zwischen sie beide brachte, lud sich David die Arkana auf die Arme und verschwand in den Schatten der Stadt, jedoch nicht ohne ein paar Polizisten als Nachhut zu bekommen. Das sollte allerdings kein sonderliches Problem darstellen.
      Währenddessen fuhr Ember gerade regelrecht zur Höchstform auf. Ruairi sah furchtbar aus, vollkommen zerschlissen waren seine Klamotten und von dem Ausdruck in seinem Gesicht erst zu schweigen. Ruairi versuchte sie zu beschwichtigen, doch die Worte ließen sie beinahe explodieren. Ihr zuvor kam jedoch Knight, der allen Ernstes mit einem gebrochenen Bein an der nächstbesten Wand lehnte und ihnen eine Festnahme androhte. Langsam drehte sich Ember zu ihm um und war ernsthaft gewillt, ihm ihren tauben Arm einfach ins Gesicht zu schwingen. Sie hielt ein, als sie den Peacemaker in seinen Händen sah.
      August hingegen zögerte nicht. Er war so schnell hinter Knight aufgetaucht, dass Ember ein bisschen an ihrer Wahrnehmung zweifelte. Zweifellos weh tat aber das, was August mit dessen Kopf anstellte. Selbst die Ermittelrin zuckte aus Sympathie zusammen, als Schädel auf Stein traf und der Commissioner regungslos am Boden liegen blieb. Sie trat sogar einen Schritt vor aus Sorge, dass der Arkana möglicherweise ein bisschen übertrieben haben könnte. Selbst, wenn Knight es absolut verdient hatte. Doch galt es, andere Probleme zuerst anzugehen.
      „Ihr geht’s fantastisch, August“, blaffte sie ehe sie den Blick schweifen ließ und immer noch die Heiler und etliche Caster und Polizisten in etwaiger Entfernung ausmachen konnte. Wenn sie sahen, dass Augusts Kräfte nachließen, würden sie vermutlich einen weiteren Angriff starten. Und wenn sie ganz großes Pech hatte, dann schloss sich Ruairi dem auch an. Allein mit ihrem eindringlichen Blick versuchte sie August mitzuteilen, dass auch er das Weite suchen musste, solange er es noch konnte. Dann drehte sie sich wieder Ruairi zu. Ihr Arm hatte mittlerweile schmerzhaft angefangen zu pulsieren und zu drücken.
      „Du willst es mir hier nicht erklären, richtig? Gut, dann pack deine Einheiten da ein, heb Knight auf und verschwinde von hier. Es reicht, es sind genug gestorben oder siehst du das anders?“
    • Zutiefst verletzt, zutiefst entsetzt
      So stark vernetzt und doch allein
      Zutiefst verwandt, zutiefst gebannt
      So sehr entbrannt, doch ohne Schein

      Zutiefst bewegt, zutiefst erregt
      Und ein selbst auferlegtes Joch
      Zutiefst verstört und unerhört
      Zutiefst ergeben.
      Immer noch
      [ASP - Zutiefst]


      Es brauchte sicherlich nicht viel, um Embers Willen Feuer schlagen zu lassen. Doch brachte es recht wenig, die Zauberer für die Lage verantwortlich zu machen. Sie hatten getan was sie tun mussten. Selbst Ruairi, der sie jetzt beinahe ausdruckslos ansah und die Hände sinken ließ, von der Schwere seiner Resignation getragen.
      Schweigsam sah der Polizist zu August hinüber und gab seine Pläne auf, dieses Monster ein für allemal dingfest zu machen. Sein Kopf spaltete sich fast vor Schmerzen entzwei und eine wütende Frau reichte ihm. Wenn noch weitere Arkana hinzu kamen, war dies bereits alles zu viel.
      Seufzend richtete er sich auf und sah zu Ember.
      "Ich...", begann er und besann sich doch eines besseren. "Wie du willst."
      Mit einem kurzen Seitenblick zu August, der sich langsam der Szenerie näherte, griff Ruairi nach einem herrenlosen Funkgerät und aktivierte es mit einem krächzenden Geräusch.
      "Hier spricht Ruairi MacAllister. Ich ordne den Rückzug an. Chief Knight ist zu Boden gegangen. Wir benötigen die Heilungsabteilung an der Fleet Bridge. Sammelpunkt ist der Eingang zur schwarzen Stadt. Ende."
      Achtlos ließ er das Funkgerät wieder fallen und sah das letzte Mal zu Ember, ehe er sich auf den Weg zu Knights Körper machte, um mit ihm inmitten der Trümmer zu verschwinden.

      August selbst sah ihm kurz hinterher, ehe er zu Ember ging und den Kopf schüttelte.
      "Was für ein Zirkus, nicht wahr?", grinste er schief und schöpfte sich die Haare aus dem Gesicht. Erst jetzt bemerkte er, dass sie vor Blut stachen und er eine schwere Kopfwunde trug.
      "Nicht übel", murmelte er. "Muss ehrlich sagen: Hätte nicht erwartet, dass die Met eine derartig schlagfertige Einsatztruppe zusammenkratzt. Ich meine, gut, ihr wart zahlenmäßig überlegen, aber es war wirklich nicht übel. Wenngleich nicht ausreichend. Lass mal sehen..."
      Ruhig ging er an ihre Seite und berührte sacht und sanft die Schulter, die sich merkwürdig verformt hatte.
      "War wirklich kein nettes Ding, dieser Sonnengott", kicherte August und befühlte die Gelenkstelle.
      Lediglich ausgekugelt. Schmerzhaft, aber nicht tödlich. Ein paar Tage Schonung und sie würde den Arm wieder bewegen können. Vielleicht reichten bei ihrem Temperament auch Stunden.
      "Tut gleich etwas weh. Ich zähle bis drei. Eins!"
      Nach der Eins riss der Zauberer kurz an dem Arm und hörte das schnappende Geräusch eines Gelenks, das wieder in die Pfanne sprang wie ein frisch gebeizter Lachs. August war nicht unangebracht stolz auf seine Leistung und begann sich umzusehen. Nicht ein Stein stand mehr auf dem anderen und die schwarze Stadt war in Aufruhr. In hellem Aufruhr.
      "Vielleicht sollten wir den Ort wechseln. Ich meine...Damit wir etwas Ruhe kriegen und ich nehme an du willst noch mal Ruairi sprechen?"

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    • Ember musste sich an der Wut entlang hangeln, damit sie ihre Härte beibehielt. Sie musste Ruairi von hier wegbekommen, bevor noch mehr Schaden entstand. Es reichte, dass die Stadt ein Trümmerfeld war und die Verluste auf beiden Seiten groß waren. So gern hätte sie den Caster einfach in die Arme geschlossen und vergessen, was die letzten Minuten passiert war. Wie das Chaos über sie herein gebrochen war und wie er sie einfach am Boden zurückgelassen hatte. Dieser Mann besaß eine Macht und dementsprechend eine Verantwortung, die sie niemals haben würde. So sehr sie sich anstrengen mochte – vermutlich würde sie auch nie nachvollziehen können, wie es sich mit solch einer Kraft anfühlte.
      Somit setzte Ember eine Maske auf, damit Ruairi ihre Aufforderung nicht infrage stellte und sie befolgte. Er gab die Anweisungen über ein Funkgerät und warf ihr dann noch einen Blick zu ehe er sich abwandte und sich Knight aufschulterte, um ihn nach draußen zu bringen. Dass ihr Herz bei diesem Anblick Risse bekam und leise bröckelte, hörte niemand.
      „Nicht übel? Die haben das reinste Massaker angerichtet. Ich will gar nicht wissen, wie es gelaufen wäre, wenn Perleys Warnung zu spät gekommen wäre und sie den Saal gestürmt hätten. Gegen die kompletten versammelten Arkana hätte auch dieser Trupp nichts ausrichten können“, sagte Ember resigniert und eine Frage spross in ihren Gedanken. Das war in der Tat ein sehr kräftiger Trupp gewesen und der Fakt, dass sie etliche der hochrangigen Caster nicht kannte ließ darauf schließen, dass sie nicht aus dem Bezirk stammten. Eine solche Truppe wurde nicht spontan gebildet. Sie war vorbereitet worden.
      Ihre Kieferlinie wurde hart als August ihre Schulter befühlte. Dabei warf sie ihm einen Blick zu und bemerkte, dass er selbst eine heftige Kopfverletzung haben musste, wenn seine strohblonden Haare eher rostbraun als alles andere wirkten. „Ich glaub, ich kann mich glücklich schätzen. Wenn der mich so geworfen hätte wie dich....“ Sie führte es nicht weiter aus, denn August tat ihr den Gefallen, ihre Schulter wieder an den richtigen Platz zu befördern bevor sie längerfristig Schaden davontragen würde. Selbstverständlich war sie schon öfter ausgekugelt worden und kannte das Prozedere. Angenehmer machte es das dennoch nicht und die Flüche verhallten zwischen den Trümmern weil sie die Schmerzen damit am Besten in den Griff bekam. Die feuchten Augen gab's gratis mit dazu.
      „In der Tat. Scheinbar sind die anderen ja auch abgehauen. Wenigstens das hat geklappt. Aber du siehst auch echt mitgenommen aus. Das wird wieder, oder? Oder muss ich mir jetzt Sorgen machen, dass ich dich beim nächsten Mal wieder halbtot in deinem Bett finde oder so?“ Ihr Blick wanderte von seinem blutigen Kopf über die Schulter hin zu der Wunde an seiner Brust. Dann zeigte sich ein reumütiger Ausdruck in ihrem Gesicht. „Ich muss mit, ja. Wenn ich jetzt mit euch verschwinde, kommt ein offizieller Haftbefehl würde ich schätzen. Jedenfalls wird sich Knight dafür stark machen. Es ist besser, wenn ich mit Ruairi zurück gehe. Und ich muss mir wohl ein neues Handy besorgen...“ Denn das war wohl in den Kämpfen zu Bruch gegangen.

      Ember schloss zu Ruairi auf, den sie dank seiner Aura hatte aufspüren können. Er triefte so vor Macht, dass sie das massive Kribbeln auf ihrem Körper problemlos als ihn einstufen konnte. Dennoch war sie überaus stolz, dass sie ihn so gefunden hatte und zusammen gingen sie an die Oberfläche, wo sie Knight dem Heilertrupp übergaben und dann verhältnismäßig nett in einen Wagen komplementiert wurden, der sie direkt zum PD brachte.
      Und von da aus in den Verhörraum 3, den Ember mittlerweile so gut kannte. Immerhin war ihr Frust auf einem ertragbaren Level gesunken, sodass sie sogar den Pappbecher mit Kaffee recht entspannt in dem kargen Raum trinken konnte. Den man ihnen beiden freundlicherweise gebracht hatte. Als man sie beide allein zurückließ, konnte sie einen vielsagenden Blick nicht unterdrücken.
      „Ich nehme mal an, dass deine Abmachung mit Knight nicht freiwillig war. Er ist den Täuschungen auf die schliche gekommen?“ Immerhin hatte er ihr ja geschrieben gehabt, dass Knight ihm nachspioniere. Letztendlich konnte sie den tiefen Seufzer nicht zurückhalten, mit dem sie sich nach hinten lehnte und Ruairi musterte, der etliche Blessuren davon getragen hatte. „Weißt du eigentlich, was für Angst ich hatte, als du plötzlich aufgetaucht und da rein marschiert bist? Nicht wegen dem, was du da tust, sondern was dir widerfahren kann.“
    • My stupid heart
      Don't know, I've tried to let you go
      So many times before
      Then wound up at your door
      My stupid heart
      Too late, already on my way
      If we go down in flames
      Again then you can blame my stupid heart


      [Walk Off The Earth - My Stupid Heart]


      Verhörraum 3 zeichnete sich sich durch eine Masse von Grau in Grau aus.
      Ruairi saß, frisch verbunden an Rippen und einem Arm, beinahe verloren in einem der unbequemen Stühle und starrte an die gegenüberliegende Wand. Zwei Dutzend Gedanken schossen durch den Kopf des Zauberers, der die antimagischen Fesseln an seinen Händen betrachtete und doch nicht sah. Es blieb ihm ein Rätsel, weshalb er immer wieder dachte, die Dinge richten zu können. Weshalb er immer wieder dachte, Kontrolle über einen Sachverhalt oder einen Umstand zu haben. Was für ein Blödsinn!
      Seufzend sah er zu dem Kaffee, den er nicht angerührt hatte und auch nicht würde. Die Mauern um ihn herum hatten ihn erneut gefangen und an etwas gebunden. Und sei es nur an das Wort.
      Knight hatten sie abgeliefert und sich die Blicke der Kollegen eingefangen. Er, der zum Rückzug geblasen hatte, nachdem man Foremar endlich vor sich hatte. Er, der Schuld an diesen Toten war. Und sie, die sie alle verraten hatte. So zumindest erschien es. Selbst für Ruairi war es schwer, Ember ins Gesicht zu schauen und ihre Worte machten es nicht besser. Sie hatte ein untrügliches Selbstbewusstsein, aber die durchgeladene Schrotflinte war nunmehr fehl am Platze. Er konnte es nicht mehr hören, diesen Vorwurf in der Stimme, diese Kritik. Wenn alles falsch war, was er tat, warum wurde er dann gerufen?!
      Diplomatisch beschloss er zu schweigenm und sie zunächst reden zu lassen. Nicht einen Blick warf er zu ihr, sondern versuchte sich auf einen Punkt an der Wand zu konzentrieren, um die Kontenance zu wahren.
      "Du weißt besser als jede andere, dass diese Wände Ohren und Augen haben. Wir sollten also nicht darüber reden, wenn wir hier sind", sagte er schließlich ruhig und mit schleppender Müdigkeit darin. "Sagen wir einfach, es war notwendig."
      Achselzuckend sah er sie an und seine Augen blitzten einen Moment lang vorwurfsvoll und geradezu wütend auf, ehe sie schlagartig wieder ruhig und ausdruckslos wurden.
      "Es ist mein Job, dies zu tun", sagte er schlicht. "UNd zum Thema Gefahr solltest du mir eher wenig Vorträge halten. Du warst in einem Raum mit den Arkana und mindestens zwei davon wollten dich töten. Und du hast auch nicht auf mich gehört, als ich sagte, dass das Wahnsinn ist..."
      Zu mehr kam Ruairi nicht.
      Stattdessen wurde mit einem Klacken die Tür geöffnet und ein Mitglied der Magischen Division trat ein. Piper Williams sah nicht wirklich gut aus.
      Ihre schmächtige Gestalt steckte noch immer in einem Anzug der Taskforce und das Gesicht der jungen Frau starrte vor Dreck. Ruß und Dreck. Das rechte Auge war ihr verbunden worden und auch ein Arm hing in einer Schlinge, während sie eine Akte auf den Tisch knallte, die sie nicht mal aufmachte.
      "Ich beginne mit den Formalia...", sagte sie und setzte sich den beiden gegenüber.
      "Piper, ich...", begann Ruairi, doch verstummte sofort wieder, als sie ihn giftig ansah.
      "Die Formalia", bestimmte sie und drückte den Aufnahmeknopf auf dem kleinen Apparat auf dem Tisch. "Mein Name ist Piper Williams, Dienstnummer 83422. Vor mir sitzen zwei Verdächtige zum Verhör. Sagen Sie bitte ihre vollen Namen."
      Nachdem sie dies getan hatten, nickte die junge Frau zufrieden und sah beide gleichsam an.
      "Sie wissen, warum Sie hier sind", stellte sie fest. "Die Taskforce erhielt heute Abend den Marsch- und Zugriffsbefehl. Statt einer Überraschung für die Arkana erlebten wir selbst eine, als Sie, Ms Sallow, aus dem Raum herauskamen. Ihnen wird daher Hochverrat und Befehlsverweigerung vorgeworfen. Ich bitte um Erklärung und Ihre Aussage."

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    • Natürlich wusste Ember es besser. Natürlich hätte sie hier in diesem Raum niemals über die wirklich prekären Dinge gesprochen, aber allein die Tatsache, dass Ruairi da unten als eine eigene Einheit unter Knights Kommando aufgetaucht war, ließ es offensichtlich sein, dass man die Trugbilder hatte auffliegen lassen. Ob Ruairi wirklich alles offenbart hatte, konnte sie jedoch nicht einschätzen. Trotzdem regte sich da wieder dieser widerliche Funken in ihr, weil er es nicht einmal für nötig hielt, sie eines Blickes zu würdigen.
      „Notwendig?“, wiederholte sie das Wort, das in ihrer Beliebheitsskala immer weiter nach unten rutschte. Erst hier richtete er einen Blick auf sie, der dieses Mal nicht lethargisch wirkte. Mit einem weiteren Blinzeln war sein Blick wieder fort.
      Tatsächlich wäre sie jedoch bei seinen folgenden Worten an die Decke gegangen. Inständig betete sie, dass sie einfach nur zu viel in seine Worte hinein interpretierte, aber es klang fast so, als sei seine Warnung darauf gefußt gewesen, dass er womöglich von dem Angriff gewusst hatte. Und sie definitiv tot sehen wollte war zweifellos der Richter, aber wen setzte er an die zweite Stelle? Fast hätte sie ihm entgegen geschmettert, dass seine Schwester eine nicht ganz unwichtige Rolle dabei gespielt hatte.
      Soweit kam es allerdings nicht. Die Tür schwang auf und eine sehr mitgenommene Piper betrat den Raum. Sie war an Kopf und Arm bandagiert und hatte offenbar nur mit Ach und Krach den Kampf überstanden. Dass aber selbst sie solch eine Feindseligkeit ihrem Vorgesetzten entgegenbrachte, ließ Ember eine Augenbraue hochziehen. Entgegen Ruairis Verhalten sagte sie selbst nichts. Das Prozedere war ihr geläufig, dazwischenreden brachte in diesem Falle gar nichts. Demnach überschlug Ember die Beine und lehnte sich in ihrem Stuhl zurück, während ein misstrauischer Blick zu dem Aufnahmegerät ging. Ab jetzt würde es interessant werden.
      „Den Punkt der Befehlsverweigerung sehe ich als nichtig an“, fing Ember an und hatte ihre sachliche Arbeitspersona wieder aufgesetzt. „Zu keinem Zeitpunkt erhielt ich den Befehl, mich der Umstellung anzuschließen oder zurückzuziehen. Tatsächlich wusste ich von dem Zugriffsbefehl nichts bis zu dem Augenblick, als mich einer der Arkana dazu zwang, aus dem Saal zu treten. Ich habe mich direkt zu erkennen gegeben und bin keine Widrigkeit gegenüber Commissioner Knights Befehlen eingegangen.“ Was genau im Saal passiert war und wie es wirklich abgelaufen war, würde niemand bezeugen können. „Sein Befehl war eine Festnahme und hier bin ich.“
      Ihre Hände waren eiskalt. Aber auch das konnte glücklicherweise niemand bezeugen. Ruhig, eher zu ruhig, musterte sie Piper, die einen vergleichsweise unlesbaren Ausdruck im Gesicht trug. „Ich agiere aktuell noch unter dem Fall Dicesund meine Spur führte mich zu den Rogues. In den Nachrichten war von Würfeln die Rede, die man kaum nachweisen konnte. Ich habe herausgefunden, dass Foremar einen solchen besitzt und bin soweit gekommen, dass ich mich in die Versammlung aller Arkana schmuggeln konnte. Meiner Annahme nach hat der Richter ebenfalls Verbindungen zu diesen Artefakten, es besteht die Möglichkeit, dass seine Tochter ebenfalls in Kontakt mit ihnen stand und das der wahre Grund hinter dem Unfall war.“
      Sollte sie über ihren eigenen Würfel berichten? Besser nicht. Oder jedenfalls noch nicht. Sie musste nun nur sehr genau darauf achten, wo sie Unwahrheiten einstrickte, die ihr nicht selbst die Schlinge um den Hals legten. Glücklicherweise hatte sie ihr Handy vorab weggeworfen und Noland war nicht mehr hier. Andernfalls hätte das Ganze schlechter auslaufen können.
      „Außerdem nutzte ich meine Gelegenheit, um Informationen zu gewinnen. Beispielsweise war nicht bekannt, wer den Platz der Welt eingenommen hat. Ihr Statement steht immerhin noch aus, aber bei dem Zugriff wusste scheinbar jeder sofort, wer es ist. Das alles sind hochempfindliche Informationen, die einem gesonderten Report an Knight erfolgen sollten.“
      Ember sah aus der Seite zu Ruairi herüber. „Was wird ihm vorgeworfen?“
    • Pipers Blick sprach nicht nur Bände.
      Es glich vielmehr einem ausgewachsenen Hass, der Ember Sallow entgegenschlug wie eine sich brechende Welle. Es war kein Geheimnis, dass Piper die Ermittlerin nicht mochte. Nicht aufgrund ihrer Fähigkeiten oder ihrer Karriere, die einen blitzartigen Schub nach der Angelus-Sache gemacht hatte. Es war viel mehr die Blicke, die ihr Ruiairi MacAllister zuwarf, die die junge Frau dazu brachten, ihrer Aussage nicht nur die notwendige Aufmerksamkeit zu schenken.
      Piper strich sich die Haare zurück und sah Ember an und nickte, ehe sie auf ihre Notizen blickte.
      "Sie geben an, gezwungen worden zu sein, aus dem Raum zu treten. Laut Augenzeugenberichten der Officer vor der Tür haben Sie die Tür regelrecht aufgerissen. Standen Sie in Gefahr zu diesem Zeitpunkt?"
      Ohne weitere Antworten zu erwarten, ging sie weiter durch ihre Notizen hindurch.
      "Der Fall "Dices"...", murmelte sie. "DIe Informationen, die sie hier preisgeben, sind durchaus interessant Ms Sallow. Leider steht davon nichts in den Akten, geschweige dass es eine vernünftige Fallakte gibt. Ihre Abteilung weiß von diesen Unterfangen nichts, demnach gibt es keine Zeugen für Ihre Ermittlung zu diesem Fall. Wie haben Sie demnach die Spuren gewinnen können? Ich bitte Sie, Ihre Ermittlungen zu beschreiben und ggf. Zeugen wie auch Quellen zu benennen. Sie geben Verbindungen der Dices zu den Arkana an. Der Haftbefehl für Foremar ist bereits ausgestellt worden und eine weitere Zugriffstruppe wird sich seiner annehmen..."
      "Foremar ist gefährlich, Piper", murmelte Ruairi und fing sich erneut einen Blick ein.
      "Wir wissen sehr gut, wie mächtig Foremar ist. Wie SIe mitbekommen haben, sind bei der Zusammenkunft mit den Arkana um die 40 Polizisten verletzt worden. Leider beklagen wir auch über 10 Tote."
      Ruairi zuckte mit den Achseln und nickte. Wenn sie nicht wollte, würde er sie nicht aufhalten.
      "Welcher Natur ist Ihre Beziehung mit August Foremar?", fragte Piper Ember zuletzt und sah sie beinahe bissig an. Ihrer Frage nach winkte sie beinahe unwirsch ab und sah in Richtung des Casters.
      "Mr MacAllister wird Körperverletzung an einem Vorgesetzten, Gefangenenentführung, Korruption aufgrund der Herausgabe von Interna, hier Gefangenen an die Öffentlichkeit, und zu guter letzt Befehlsverweigerung vorgeworfen. Dies ist Sache einer späteren Anhörung. Ms Sallow, wenn Sie Kenntnisse über die Welt haben, bitte ich Sie, diese jetzt preis zu geben. Ferner bitte ich, alle Ermittlungsergebnisse, die Sie bisher gewonnen haben, preiszugeben und zu den Akten zu nehmen. MacAllister, haben Sie etwas zu den Vorwürfen Ihnen gegenüber zu sagen?"
      Ruairi blickte auf und kurz zu Ember, ehe er sich an Piper festbiss.
      "Ich habe dem nichts zuzufügen. Ich habe dies alles getan. Aus freien Stücken und in eigener Kenntnis. Es wusste niemand davon."
      "Es wusste NIemand davon, dass sie gefangenen Caster an die Arkana übergeben haben?"
      "Ich hatte eine Vereinbarung mit August Foremar, um den Richter hinsichtlich der Fixierung zu Ms Sallow zu besänftigen. Es war eine Sache zwischen ihm und mir."

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    • „Korrekt. Die Stimmung während der Versammlung war gekippt und anschließend wollte man ein Exempel an mir statuieren, nachdem der Eremit verkündet hatte, vor dem Eingang zur Schwarzen Stadt einen hochrangigen Caster getötet zu haben. Im Übrigen wusste dieser Caster, dass die Versammlung stattfinden würde. Dann wurde es hektisch und es hieß, ich soll nach draußen gehen und 'meinesgleichen' gefälligst zurückpfeifen. Deswegen habe ich beim Heraustreten mich auch sofort zu erkennen gegeben und widerstandslos zur Seite nehmen lassen. Außerdem wurde direkt hinter mir eine Barriere erreichtet, kaum war ich draußen. Fühlte sich zumindest so an.“
      Das ließ sich alles noch gut bewerkstelligen. Ember hatte noch nie Probleme damit gehabt, sich den anklagenden oder hasserfüllten Blicken zu stellen. Die kleine Piper vor ihr machte da keine Ausnahme. In ihrem Leben war Ember mehr mit solchen Verhaltensmustern konfrontiert gewesen als echt Anerkennung oder eben kein Argwohn. Ein Teil der Emotion aus Pipers Blick rührte allerdings woanders her und die Ermittlerin wurde das Gefühl nicht los, dass der Grund gerade neben ihr in Handschellen saß.
      „Natürlich steht davon noch nichts in den Akten. Ich weiß, es ist ein wenig unorthodox, dass ich nicht sofort alles eintrage, aber in der Vergangenheit war es ebenso mein Stil, dass ich gesammelt Einträge niederschreibe und nicht stündlich die neuesten Erkenntnisse. Prüfen Sie gerne alte Akten, da werden Sie's sehen“, sagte Ember und dachte unweigerlich an Hawthorne. Jap, der hatte sie etliche Male dafür gerügt, dass sie immer erst so spät ihre Schriften vervollständigte. „Die Hinweise sind aktuell bei mir zuhause hinterlegt. Zeugen gibt es deswegen keine weil ich keine Mitwisser gebrauchen kann. Es war schon schwer genug, Foremar ausfindig zu machen“, das war nun wirklich keine Lüge, „und ich bringe tendenziell lieber mich als noch andere in Gefahr. Auch das dürften Sie in meiner Akte finden.“ Ebenso wie der Punkt, dass sie sowieso lieber allein gearbeitet hatte, zumindest bis sie Ruairi kennengelernt hatte. „Die notwendigen Spuren ergaben sich beispielsweise durch das Verhör der drei Caster vom Angriff auf die Familie des Richters. Ihre Aussagen sind festgehalten worden und fanden hier statt, MacAllister wurde direkt im Anschluss darüber informiert.“
      Allerdings verzog Ember keine Miene als es hieß, es gäbe einen Zugriffstrupp für August. Wenn sie sich in einem Punkt sicher war, dann dass er sich nun garantiert nicht mehr so einfach festsetzen ließ. Trotzdem wurde ihr unbehaglich als sie an das Dusk and Dawn dachte. Hatte man sie schon länger im Visier gehabt und wusste davon?
      Dass es 10 Tote gab, war erstaunlich wenig. Vielleicht lag es wirklich daran, dass die meisten von ihnen geflüchtet waren bevor der Kampf überhaupt richtig losging. Dass aber keine Verluste auf Seiten der Zauberer in Pipers Ausführung auch nur ein Wort fanden, stieß Ember sauer auf.
      „Man merkt in Ihrer Stimme Befangenheit an. Laut Vorschriften sollte das Verhör von einer neutralen Person geführt werden und nicht von jemandem, der seine persönlichen Interessen vertritt“, merkte sie ruhig an. Wie vermutet. Piper hatte etwas für Ruairi übrig, schließlich himmelte sie ihn seit der ersten Sekunde an und es passte ihr nicht, dass Ember ihn in Schwierigkeiten brachte. Denn genau das tat sie.
      Womit Ember jedoch nicht gerechnet hatte, war der erste Punkt auf Ruairis Liste. „Körperverletzung gegen einen Vorgesetzten?? Wen hat er denn belangt?“, fragte sie aufrichtig überrascht. Während der Auseinandersetzung hatte August Knight niedergeschlagen. Ruairi hatte nicht einmal die Hand erhoben. Also musste das vorher gewesen sein. Weniger überraschend war jedoch, dass Ruairi alles zugab. Es kostete Ember sichtlich Mühe, ihn nicht anzusehen und auch kein Mitleid in ihre Miene zu legen, da sie genau wusste, dass er ein Stück weit sie gerade in Schutz nahm. So verquer ihre Lage gerade auch sein mochte, er half ihr noch immer.
      Schließlich nickte Ember. „Akten werden umgehend mit allen bisher errungenen Erkenntnissen ergänzt. Es wäre nach dieser Versammlung der Arkana zu öffentlichen Kriegsbekundungen gekommen, von daher war der Zugriff sehr gut vom Timing her gesetzt...“ Gott, die Worte fühlten sich wie Säure auf ihrer Zunge an. Die Sachlichkeit blieb in ihrer Stimme erhalten, aber ihr Blick veränderte sich. Er wurde scharf, schneidend. „Welch ein Glück, dass genau zum richtigen Zeitpunkt ein solch fähiger Trupp zusammengestellt worden konnte. Da waren ja sogar Kollegen dabei, die von der Küste stammen müssen, oder?“
    • Piper glaubte Ember nicht ein verfluchtes Wort, das aus ihrem Mund heraustroff.
      Zäh wie Leder und emotionslos wie eine Hure auf der Bay Street spulte diese Ermittlerin ihr Programm ab und warf nicht mal einen Blick zu Ruairi oder denjenigen, denen sie geschadet hatte mit ihrem Alleingang. Piper wusste von den Freiheiten, die Hawthorne ihr zugestanden hatte, aber das hier war anders. Hätten sie gewusst, welche Zusammenhänge existiert hätten, wären nicht so viele ihrer Freunde gestorben...
      "Befangenheit?", zischte sie und sah Ember mit einer unverhohlenen Wut an. "Ja, ich bin befangen, Ms Sallow. Wir alle sind es, gottverdammt! Bei diesem verfluchten Einsatz sind meine Freunde gestorben oder liegen schwerverletzt im Krankenhaus. Mitchell aus Ihrer Einheit hat seine Ehefrau verloren und viele gute Cops haben ihr Leben gelassen. Und im Zentrum von diesem ganzen Haufen Scheiße stehen scheinbar nur Sie! Ich vertrete in diesem Fall die Interessen des Police Departments, weil es keinen anderen aus der Führungsetage mehr gibt, der nicht mehr ohne einen Strohhalm essen kann! Und nur damit es klar und auf Protokoll ist: Ich glaube Ihrem Scheiß, den Sie hier abspulen, nicht ein einziges Wort! Freiheiten hin oder her, hätten wir Ihre Informationen gehabt, wäre die Operation vielleicht nicht in einem Desaster geendet! Ja, wir haben uns Mühe gegeben, die Operation zusammen zu stellen. Wir haben Unterstützung aus anderen Departments erhalten. Wir haben in Rekordzeit diverse Einsatzteams zusammen gestellt und diese ebenso in Rekordzeit verloren. Und Sie können Ihren Arsch drauf verwetten, dass wir alles, was Sie hier zu Protokoll geben, überprüfen werden."
      Selten hatte Piper so viel am Stück gesprochen, aber mehr und mehr von dieser Scheiße brachte sie aufs Tablett. Sie fphlte den Schmerz ihrer eigenen Wunden erneut und die Gesichter ihrer Kollegin, die neben ihr im Team Alpha gestorben waren. Fortgerissen von einer Welle aus Magie, die die Welt losgelassen hatte.
      "Ich wiederhole demnach meine Frage: Wer ist die Welt? Welche Erkenntnisse haben Sie in Bezug auf das Spiel Dices?", fragte Piper und sah danach zu Ruairi.
      "Mr MacAllister, Sie dürfen sich ebenfalls äußern."
      "Ich habe der Äußerung der Ms Sallow nichts hinzuzufügen. Ich bekenne mich in den genannten Anklagepunkten für schuldig und gebe zu, Chief Knight in einer Auseinandersetzung vor der Operation geschlagen zu haben."
      Nickend holzte Piper regelrecht Notizen auf ihr dürftiges Papier und warf selbst dem Mann, mit dem sie durchaus gerne das Lager geteilt hätte, einen wütenden Blick zu. Auch er hatte sie alle verraten. Gefangene entführt, deren Leichen sie bei den Aufräumarbeiten gefunden hatten. Piper wurde speiübel.
      "Gibt es sonst noch Dinge, die Sie zu Protokoll geben möchten?", fragte sie in die Runde. "Andernfalls..."
      Sie schob zwei Formulare über den Tisch und platzierte jeweils einen Stift darüber.
      "Im Namen des Police Departments bitte ich Sie, diese Freigabeerklärungen zu unterschreiben. Dies beinhaltet Ihr Telefon und die Zugangsrechte zu Ihrer Wohnung. Dies dient den Ermittlungen um das Leck, das uns verraten und gleichsam der Reinwaschung Ihrer beider Namen. Ich bin angehalten worden, Sie auf folgenden Umstand hinzuweisen: Sollten Sie dies nicht unterzeichnen, wird Ihre Anstellung beim Police Department beendet. Ich bitte Sie also um Kooperation."

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    • In viel zu vielen Augenblicken ihres Lebens hatte Ember Sallow ihre Gefühle nicht unter Kontrolle. Gerade in ihrer Anfangszeit war sie stets unglaublich engagiert, aber derart übermotiviert, dass sie schwierig zu führen gewesen war. Mit der Zeit hatte sie lernen müssen, dass sie in ihrem Job nicht immer nach außen tragen konnte, wie sie sich fühlte. Denn das stand ihr schneller im Weg als es ihr half.
      Genau das stieß Piper offensichtlich nicht nur bitter auf. Die Wut, die sich nun offen von ihr entlud, schlug gegen Embers augenscheinlich eiskalte Abgebrühtheit. Dabei wusste die Ermittlerin schlichtweg, wie man sein Innerstes bei der Arbeit abkehrte. Anders waren viele der Grausamkeiten sonst nicht zu ertragen. Also ließ Ember Piper ihre Wut abbauen und hielt einfach nur ihrem Blick stand. Auch dann, als sie von Mitchell zu sprechen begann. Jenem Mitchell, der mit seiner Frau und Kindern prahlte während alles andere an ihm kühl und distanziert wirkte. Fran war sein Lebenslicht gewesen, da hatte er nie einen Hehl draus gemacht. Innerlich graute es ihr davor, ihm gegenüber zu treten. Einfach nur, weil sie mit so viel Schmerz zu gute Bekanntschaft geschlossen hatte.
      Ein wenig zu zögerlich ging Embers Blick zu Ruairi, als dieser allen Punkten zusprach. Offener wurde ihr Blick jedoch, als er bestätigte, Knight geschlagen zu haben. Er hatte den Commissioner mit einer Faust geschlagen. Nicht mit Magie, nicht mit Worten, nur mit seiner Faust. Aus aberwitzigen Gründen, wie sie hoffte, es jedoch besser wusste. Auch darüber würden sie ein Wörtchen reden müssen. Abgelenkt wurde sie jedoch von dem Stückchen Papier, das sie in ihrer Dienstzeit bereits einmal gesehen hatte. Da war sie es jedoch, die es ausgegeben hatte, als sie einem Vorgesetzten zurecht Korruption vorgeworfen hatte. Etliche Herzschläge lang blickte sie die schwarzen Worte auf dem weißen Papier mit dem leeren Strich an, wo ihre Unterschrift hin sollte. Dann schoss ihr Blick wieder in die Höhe und fraß sich regelrecht in Pipers.
      Schneller als so mancher Kollege hatte sich Ember nach vorn gebeugt und mit einer bestimmenden Bewegung die Hand auf das Tongerät geschlagen, dessen rotes Licht prompt erlöschte. Ihre Stimme war noch immer ruhig, aber schneidend. „Um zuallererst eine Sache richtig zu stellen: Im Zentrum dieser Scheiße steht ganz bestimmt nicht nur eine Person, und erst recht nicht ich. Geben Sie mir ruhig die Schuld, dass ich MacAllister in meine Angelegenheiten mit reinziehe, aber geben Sie nicht mir die Schuld an den Toten. Ich habe weder eine einzige Person da getötet noch jemanden dazu beeinflusst. Das wird jetzt hässlich klingen, aber das Töten haben Leute wie Sie übernommen.“ Ember konnte nicht zu Ruairi schauen. Sie wollte es so nicht ausdrücken, aber unter diesen Umständen ging es nicht anders. „Ich war diejenige, die zwischen die Fronten geschickt und übergangen worden ist. Und wenn Sie auch nur auf die Idee kommen zu behaupten, mich lassen die Opfer kalt, dann sprechen wir uns nach Feierabend gerne noch mal.“
      Damit nahm Ember die Hand von dem Gerät, das mit einem Piepen die Aufzeichnung wieder begann. Zum Ende hin hatte sie ihre Stimme nicht mehr so ruhig halten können, weshalb sie mit einem hörbaren Durchatmen wieder ordentlich Platz in ihrem Stuhl nahm.
      „Mit meinen Informationen wäre die Operation kein Desaster gewesen? Sie wäre erst gar nicht zu Stande gekommen weil die Arkana sich nicht versammelt hätten. Und wenn doch, dann wären sie in die versammelte Gruppe der mächtigsten Rogues der Welt gelaufen und dann hätten wir wesentlich mehr Todesfälle zu verantworten gehabt. Es wurde eine verdammte Barriere aufgezogen und der Saal evakuiert bevor Ihre Operation da gestürmt hat. Das war ein klar defensives Verhalten, das mit Gewalt vergolten wurde obwohl nicht einmal ein Versammlungsverbot verhängt worden war.“ Das hätte sie nämlich mitbekommen.
      Also verschränkte Ember die Arme und versuchte erneut in kürzester Zeit abzuwägen, was relevant war und was nicht. Der Elefant im Raum war klar und mit den Zeugenaussagen dürfte es nicht allzu lange dauern, bis man die Welt identifiziert hätte. „Die einzige Information, die vielleicht etwas gebracht hätte, wäre die Identität der Welt. So wie es klang, hat sie ja mindestens dreißig Mann mitgerissen, bevor sie abgehauen ist. Das Arkana der Welt wird bekleidet von Siobhan MacAllister. Sie hat sich in der Versammlung zu erkennen gegeben und sich dafür ausgesprochen, den aktuellen Sprecher der Arkana, Foremar, abzusetzen und gegen die Menschen und Caster sich zur Wehr zu setzen. Sie plant sich gegen die Menschen und Caster zur Wehr zu setzen.“
      Pause. Ember sah deutlich den Blick, den Piper zu Ruairi warf, aber selbst er müsste wissen, dass man schneller auf seine Schwester kam, als es ihm lieb war.
      „Erkenntnisse zu Dices: Es wird mit Artefakten ausgelöst. Die Augenzahl bestimmt, welcher Effekt eintritt, wobei ich nur weiß, dass bei neun und drei der Würfelwurf weitergegeben wird, bei sechs und acht muss man nochmal würfeln. Und dass der Würfel elf Seiten hat, statt zwölf. Wie auch immer das möglich sein soll.“
      Damit beendete Ember ihre vorläufige Aussage und griff nach dem Stift, der zwischen den Papieren lag. Glücklicherweise hatte sie ihr Handy vorher 'zufällig' entsorgt und auch in ihrer Wohnung gab es kaum etwas, das Schwierigkeiten auslösen sollte. Das Waffenarsenal war eingetragen, ihr Arbeitszimmer nur mit legalen und nicht kritischen Dingen ausgestattet. Und den Würfel... tja, der war noch immer in einer ihrer Taschen. Mit einer abgehackten Bewegung schob Ember das unterschriebene Schriftstück wieder zurück zu Piper.
    • In meinem Kopf regieren Zorn und Wahn
      Der Geist versklavt und ihnen Untertan
      Ich kann mich nicht von dir befreien
      Solang du bist, kann ich nicht sein

      [ASP - Raserei]


      Wut ist ein Gift, geneigter Leser.
      Ein Gift, gesponnen von mächtigen Spinnen in unseren Köpfen, welche die Wahrnehmung verzerren und uns nicht mehr klar sehen lassen. Es legt sich ein roter Schleier vor die Augen und das Lied des schwarzen Schmetterlings erklingt lauter dieser Stunden.
      Piper Williams war dieser giftig Agonie Untertan. Ihr Verstand hatte sich bereits von dem Gift zersetzt, dass den Verlust ihrer Freunde und Kollegen betonte. Dass die Leichen sah und die Verletzungen an ihnen allen. Und nur diese beiden vor ihnen mehr oder minder schadlos von dannen ziehen konnten. Selbst ihren geliebten Ruairi, der nun betreten nach unten sah und Ember Sallows Worten nicht einmal Gehör schenkte, wie es schien, hatte sie in diesem Moment vergessen. Ja, er hatte seinen Job gemacht aber zu welchem Preis? Für diese...Person!...hatte er alles aufgegeben und sogar mit Foremar paktiert! Zusammen gekämpft, wie es Brüder oder Gefährten tun! Für sie!
      Kurz überlegte Piper, ihre Fähigkeiten zu nutzen und einen kurzen Moment lang flammte ihre Aura auf, sodass selbst Ruairi aufsah. Entgegen aller Erwartung sagte Piper nichts mehr zu allem, was Ember vorbrachte, auch wenn es sie innerlich berührte und das Feuer erneut aufstachelte. Sie beschloss, nach Embers Ausbruch eine ebenso stoische Fassade aufzulegen und ihr nur innerlich die Pest an den Hals zu wünschen. So etwas wie diese Frau war keine Polizistin. Sie war eine Einzelgängerin. Nicht besser als diese Rogues, die sie alle am liebsten tot sehen wollten.
      Piper nickte zu ihren Informationen und notierte sie trotz Tonaufnahme artig mit.
      Beim Namen der Welt zuckte sie kurz zusammen und sah zu Ruairi, der sie lächelnd ansah.
      "Ja, wir sind verwandt. Sie ist meine Schwester", bestätigte er.
      "Haben Sie das gewusst?"
      "Bis zu diesem Tag nicht. Aber es hat mich genauso überrascht wie Sie", log Ruairi schamlos und ohne den Verzug einer Miene.
      Die Erkenntnisse zu Dices nahm sie zur Kenntnis und anschließend auch das unterschriebene Dokument an sich.
      "Wenn das stimmt, was Sie sagten, dann finden wir diese Erkenntnisse in Ihrer Wohnung und Ihren Notizen. Wir werden sogleich ein Team dorthin schicken und die Informationen holen. Bis dahin sind Sie sämtlicher Ämter im Polizeidienst enthoben und vorläufig festgenommen bis zur Klärung der Sachlage. Dies gilt auch für Sie, Mr MacAllister."
      Ärgerlich drehte sie sich zur Seite und sprang regelrecht vom Stuhl auf. Sie musste hier raus. Musste aus diesem Raum, der ihr die Luft nahm. Wütend pochte sie an die schwere Eisentür und rief:
      "Dooley, bringen Sie MacAllister in die Zelle und Sallow an die gegenüberliegende Seite des Gebäudes."
      Es tat sich nichts. Keine Bestätigung, kein Aufziehen der Tür. Als wäre gespenstische Stille eingetreten, hob nun auch Ruairi den Kopf und sah zur Tür.
      "Etwas stimmt nicht"; murmelte er zu Ember.
      "Dolley, Gottverdammte Eselspisse!", fauchte Piper an der Tür und riss sie schließlich selbst auf. "Alles muss man hier selbst machen! Dooley bringen SIe MacA-"
      "Pip!"
      Dooley war gar nicht vor der Tür. Wo er hätte sein sollen! Wieso war er nicht dort? Und wieso kam er die Treppe hinauf gesprintet und sah aus wie der lebende Tod?!
      "Pip!", rief er nochmal und kam schlitternd vor ihr zum Stehen. "Wir haben ein Problem. Ein gewaltiges."
      "Was denn jetzt?"
      Was konnte noch schlimmer sein als Ember Sallow und ihre Arroganz und Ruairi, der auch noch den Chief geschlagen hatte?
      "Der Richter steht in der Lobby."
      Jep, das war schlimmer.


      Die Lobby des PD

      Um 22:17 Uhr betrat der Richter das Polizeipräsidium.
      Das wäre an sich ein harmloser Satz, bedachte man den Grundton. Ein Richter betritt das Präsidium. Eigentlich normal, oder? In diesem Falle eher nicht.
      KJetil Prestegaard, gebunden durch das Versprechen seines Retters, blickte in angstvolle Gesichter. Bleiche, kalte Augen starrten ihn an und nahmen Abstand, obgleich er wie die Polizisten einige Verletzungen davon getragen hatte. Sein weißes Haar klebte noch von getrocknetem Blut und seine blassblauen Augen glitten über die Masse an pointierten Waffen auf seiner Brust. Gott, sie sollten doch langsam verstehen, dass dieses Waffengefuchtel nichts bei ihm ausrichtete. Der Richter legte den Kopf schief und holte Luft.
      "Ich sage es nochmal", begann er mit volltönender, tiefer Stimme. "Ich verlange die Herausgabe von Ember Sallow. Jetzt!"
      "Bleiben Sie wo Sie sind!", rief eine schwache Stimme und sorgte für ein helles, beinahe fröhliches Gelächter.
      Hinter Prestegaard stand eine hochgewachsene Frau. Und hochgewachsen traf es wirklich. Sie überragte selbst den Richter um eine Haupteslänge und maß über zwei Meter. Ihr Haar war von der Farbe flüssigen Feuers und das knöchern wirkende Gesichter blickte amüsiert zu den Polizisten. Zwei wulstige Narben brachen die schöne Stirn und die weißlich blitzenden Augen, wohingehend eine weitere unter ihrem Schlüsselbein nach unten lief. Die Polizisten kannten diese Frau. Sie war nicht so bekannt wie die Arkana, aber jeder kannte sie. Geboren als Aslaugh Birkisdottir stammte sie einer langen Reihe von Zauberern ab, die in Norwegen und Island große Fürstentümer besaßen. Ihre Fähigkeiten waren genauso bekannt wie ihr Äußeres, das als Schauergeschichte durch die Schwarze Stadt geisterte. Jeder fürchtete sich vor der Nummer 2 des Richters. Die Frau, welche den Schwarzmarkt kontrollierte und nicht zimperlich mit ihren Feinden umging.
      Die Frau, die man die "dunkle Königin" nannte.
      Piper brauchte nicht lange, um die Situation als ausweglos einzuschätzen. Schweigsam sah sie hinab und wurde selbst weiß wie die Wände um sie herum. Seufzend atmete sie durch und sah zurück in den Raum.
      "Sallow", murmelte sie und sah sie an. "Sie haben die Wahl. Der Richter verlangt nach Ihnen. Sie können mitgehen. Ich habe nämlich keine Lust auf noch einen sinnlosen Kampf. Sollten Sie es aber nicht wollen, werden wir Sie unter Einsatz unseres Lebens verteidigen. Was darfs also sein?"

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      No2Richter.jpg

      Name: Aslaugh Birkisdottir
      Alter: 47 Jahre
      Größe: 2,03 m
      Magie: Take-Over-Magie (Typ: Mythische Übernahme - Dschinn)

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    • Noch immer wirkte Ember wie ein Fels in der Brandung. Sollten sie ihre Wohnung doch durchsuchen. Alles, was sie in ihrem Büro finden würden, deckte sich mit dem, was sie gerade offenbart hatte. Das Heiligste, ihr Notizbuch, war an einem Ort außerhalb ihrer Wohnung versteckt. Einem Ort, der vermutlich nur eine andere Person in den Sinn kommen würde und die eh keinen Grund hatte, das Buch zu suchen. Dass man sie beide ihrer Ämter enthob, war übliches Prozedere, wobei es schon sonderbar war, dass man Ruairi in eine Zelle steckte und sie ans andere Ende des Gebäudes. Warum da? Da gab's keine Zellen mehr, sondern....
      Allerdings wurde Ember in der Sekunde hellhörig, als sich rein gar nichts tat. Stille legte sich in den Raum während Ember Ruairi einen flüchtigen Blick zuwarf. Dass etwas nicht stimmte, war mehr als offensichtlich. Doch Piper war dermaßen aufgebracht, dass sie sich darum nicht scherte. Sie riss eigenmächtig die Tür auf und eröffnete Ember eine Aussicht auf einen leeren Flur. Leise hörte sie eine Silbe, die gerufen wurde, die sie auch als Dooley erkannte. Irgendwas in seiner Stimme versetzte sie sofort in Alarmbereitschaft. Und dann hörte Ember einen einzige Satz, der ihr nun wirklich die Angst in die Glieder trieb.
      „Wieso marschiert Prestegaard einfach hier rein?“, fragte Ember atemlos eher sich selbst und warf einen weiteren Blick zu Ruairi, der ebenfalls an Farbe im Gesicht verlor. Das konnte doch nicht sein Ernst sein. Hatte Ember ihn nicht während der Versammlung bekehrt? Er wirkte doch gebrochen, erledigt und geschlagen. Hatte die Wut über die erneuten Verluste nun so weit gereicht, dass er sie höchstpersönlich stellvertretend für alle noch im Präsidium zu Brei schlug? Oder... gab er etwas auf diesen dämlichen Satz mit dem Anspruch? Das hatte sie Ruairi noch gar nicht erzählt. Oder er war für Ruairi hier. Natürlich. Er war gefallen für den Platz des Magiers. Sie wollten ihn holen. Nicht sie.
      Das war Embers Hoffnung, so verquer sie auch sein mochte. Bis zu dem Augenblick, als sich eine kreideweiße Piper an sie wandte und ihr die unrühmliche Wahrheit mitteilte. Embers Augen weiteten sich marginal. Sie hatte den Kampf erwartet, ja. Aber nicht hier. Nicht inmitten von Kollegen. Nicht dort, wo er mit Menschen dasselbe anstellen konnte wie mit den Gräsern und Bäumen, wie es der Doppelgänger gezeigt hatte. Für eine grausig lange Minute schwieg Ember, dann stand sie langsam auf. Man hatte ihr die Waffen abgenommen. Sie war praktisch nackt bis auf den Würfel und dem, was sie am Leibe trug. Wenn er kämpfen wollte, hatte sie keine Chance. Nicht eine. Nicht einmal Backup, denn der trug antimagische Fesseln.
      „Sind Sie wahnsinnig?“, sagte sie mit belegter Stimme als sie sich zur Tür schob. „Eben noch haben Sie mich ins Fegefeuer gewünscht und jetzt wollen Sie mich verteidigen? Dann zählt mein Argument nicht mehr, dass ich nicht im Zentrum des Scheiße stehe.“ Ganz kurz, so schwer es ihr auch fiel, schenkte sie Ruairi ein schmales Lächeln. Mit Gram auf dem Gesicht wollte sie ihn nicht das letzte Mal gesehen haben. „Lassen Sie mich erst mal mit ihm.... reden.“
      Reden war gut. Reden tat niemanden weh und das konnte sie immerhin ausnutzen. Trotzdem kaschierte es nicht den steifen Gang, den sie zur Treppe in die Lobby an den Tag legte und noch an der ersten Stufe stehen blieb. Da unten, mit gebührendem Abstand umkreist, stand tatsächlich Kjetil Prestegaard. Er war noch immer vom Kampf gezeichnet, sein helles Haar war rostrot an einigen Stellen gefärbt. Das allein wäre schon beeindruckend gewesen, allerdings hatte er da noch jemanden im Schlepptau und langsam aber sich fühlte sich Ember taub an. Die Riesin an seiner Seite mit dem unaussprechlichen Namen war ihnen allen bekannt. Dass der Richter es für nötig hielt, seine Nummer 2 mit hierher zu bringen, war alles andere als ein gutes Zeichen.
      Als hätte der Arkana sie gespürt, lag sein Blick plötzlich auf Ember und sie versteifte sich unwillkürlich. Nein, sie wollte nicht da runter und zu ihm gehen. Allerdings wollte sie auch nicht hinter den Polizisten stehen, von denen sie schon genug verloren hatten.
      „Mr. Prestegaard, was kann ich für Sie tun? Wenn möglich würde ich das gerne... friedlich regeln?“
    • Die Situation als vertrackt zu bezeichnen, käme beinahe einem Hohn gleich.
      Prestegaard hatte sich prominent in die Mitte der Lobby gestellt und blickte recht amüsiert zu den Waffen, die auf ihn gerichtet wurden. Nicht eine davon war antimagisch, da die Teams noch mit Foremar zugange waren, der diese offenbar trefflich abzulenken wusste. Es wäre leicht, wie eine Schneise der Verwüstung durch dieses Gebäude zu fahren und innerlich wusste Kjetil, dass Aslaugh sich sicherlich über die Aussicht freuen würde, ein paar dieser Caster ihrem gerechten Ende zuzuführen. Innerlich bebte er noch immer bei dem Gedanken an seine Tochter und versuchte sich ruhig zu halten.
      "Prestegaard, Sie sind festgeno-"
      "Ich würde", donnerte Prestegaard und sah den vorlauten Polizisten an, der "Dooley" auf der Jacke stehen hatte. "Ich würde an Ihrer Stelle den Mund nicht zu voll nehmen, Mr Dooley. Wenn ich es will, sterben Sie alle in der ersten Minute dieses Kampfes. Ich bin hier, um einen Auftrag zu erfüllen und ich werde ihn erfüllen."
      Im Hintergrund postierte sich Aslaugh und sah gebieterisch durch den Raum. einigen Polizisten wurde klar, weshalb man sie nach einer dunklen Königin betitelt hatte. Ein Blick in Richtung eines Zugriffsteams reichte aus, um die erbleichten Polizisten zurückweichen zu lassen. Sie duldete keine Gegenwehr. Ruhig lag der Blick auf der Masse, ehe sie Ember an der Empore sehen konnten. Prestegaard machte sich nicht die Mühe sie heran zu zitieren. Sie würde zu ihm kommen, dessen war er sich sicher.
      Piper indes sah Ember missbilligend an und wieder zum Richter.
      "Solange Sie Cop sind, sind Sie Teil der Familie. Auch wenn es mir missfällt", sagte sie knapp und gab einem Team ein kurzes Zeichen, nachdem Ember ihre Absicht ankündigte.
      Es galt einem Wahnsinn, dass sie mit einem Arkana sprechen wollte.
      "Sie können herabsteigen und mit mir kommen", rief er hinauf und grinste schief. "Ein gemeinsamer Freund bedarf Ihrer Aufmerksamkeit."
      Sachte griff er in die Tasche seiner Jacke und ein aufgeregtes Tuscheln ging durch die Meute, ehe er einen simplen, kleinen Stein herausnahm. Glitzernd funkelte der Edelstein in seiner Hand und Ember musste diese Art von Portalsteinen kennen. Schließlich gab es nur noch einen lebenden Zauberer, der sie herstellen konnte.
      "Also wie sieht es aus?", rief er. "Es bleibt friedlich, wenn Sie mit uns kommen, Ms Sallow. Sie brauchen nur den Stein zu berühren."
      Ruhig hielt er er den Stein in der offenen Hand vor sich und grinste.
      Das Lied des Schmetterlings hatte begonnen.


      Spoiler anzeigen
      Wenn sie berührt (NUR DANN ÖFFNEN!):
      Spoiler anzeigen
      sallow.jpeg und James Hawthorne steht an einem Baum und raucht eine
      .

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    • Von ihrem erhöhten Standpunkt aus musterte Ember scharf die umstehenden Polizisten, die ihre Waffen auf den Richter gerichtet hatten. Sie alle waren entweder vom Einsatz gezeichnet oder nicht dafür ausgebildet gewesen, sodass die Stärke des Trupps zu wünschen übrig ließ. Im Zentrum mit gebührendem Abstand stand Prestegaard mit seiner Begleitung, die es nicht unbedingt besser sondern eher schlechter machte. Sie waren unterbesetzt – würden diese beiden Rogues hier anfangen zu wüten, wäre es ein Massaker.
      Dann schallte eine Stimme durch die Lobby, die Ember gut kannte und beinahe dafür gesorgt hätte, dass sie den Besitzer lauthals anschrie. Wie konnte denn jemand aus ihrer eigenen Einheit so minderbemittelt sein und das auch noch laut fordern?! Dooley bekam glücklicherweise nur verbal die Packung und wurde so klein wie ein Grundschulkind. Allerdings wurde Ember bei dem Wort Auftrag hellhörig. Also war er doch nicht hier, um Selbstjustiz zu üben. In dieser kurzen Zeit konnte doch nicht so viel vorgefallen sein, demnach... hatte hoffentlich August seine Finger im Spiel.
      „Hmmm, ich bin überrascht, dass Sie sich trotz ihrer Wutbrille daran halten“, murmelte Ember zu Piper ohne den Blick von dem Richter abzuwenden. Der Abstand zwischen ihnen war trügerisch, das wusste sie besser als so manch anderer. Schließlich hatte sie es selbst am eigenen Leibe erlebt.
      Und dann grinste der Richter.
      Embers Gesicht wurde ausdruckslos.
      Ein gemeinsamer Freund? Seit wann teilten sie, bis auf August vielleicht, auch nur einen einzigen Freund? Moment, wieso sollte Kjetil Prestegaard August als Freund betiteln? Das war lächerlich. Erst recht, nachdem er gesehen hatte, wie Ember und August zusammenarbeiteten. Noch während ihr Verstand arbeitete steckte er eine Hand in eine Tasche und löste prompt eine durchaus gerechtfertigte Unruhe aus. Selbst Ember ertappte sich dabei, wie sie automatisch nach ihrem Holster griff, das leider leer war. Es dauerte einen Augenblick ehe sie den Stein als Portalstein erkannte. Die Dinger, mit denen reisen so hässlich war.
      So langsam entwickelte sich die Situation in etwas, das auch Ember nicht wirklich hatte kommen sehen. „Er wird nicht ohne mich gehen“, stellte sie leise fest und schoss einen Blick zu ihrer Seite zu Piper. „Wenn ich mich sperre wird er alles hier kurz und klein schlagen. Dann sind die vierzig Toten die kleinere Ziffer auf dem Blatt.“
      Das hier war kein Herausholen aus Nettigkeit oder weil man einfach seine Hilfe anbot. Wie Prestegaard schon richtig sagte, es war ein Auftrag und dem war er mit jedem Mittel gefeit. Was wiederum bedeutete, dass Ember effektiv keine Wahl hatte, wenn sie nicht doch Grund dafür sein wollte, dass die Liste der Toten noch weiter wuchs.
      Dem Richter gab sie keine Antwort sondern trat nah an Piper heran, damit nicht jeder ihre Lippen lesen und ihre Worte hören konnte. Sie legte ihr eine Hand auf die Schulter. „Wenn Ihre Wut Ihre Gefühle für Ruairi nicht komplett überdecken, dann setzen Sie sich dafür ein, dass er Handlungsfreiheit bekommt. Wenn seine Schwester die Revolte öffentlich macht braucht das PD jemanden, der ihr die Stirn bieten kann. Also binden Sie ihm nicht weiter die Hände, ja? Nicht für mich, sondern für ihn.“
      Damit klopfte Ember Piper sachte auf die Schulter und machte sich den Weg die Treppe hinunter. Dass alle Blicke auf ihr lagen, war nicht sonderlich verwunderlich. Trotzdem fühlte sie sich irgendwie nackt und verletzlich. Ihr linker Arm war immer noch angeschlagen und ihre Sachen stierten ebenso vor Dreck. Zu allem Übel ging sie dabei noch auf einen grinsenden Richter zu, den sie noch nie hatte grinsen sehen. Ein ganz ungutes Gefühl meldete sich in ihr und schrie ihr, einfach kehrt zu machen und sich die Ohren zu zu halten.
      „Ich sage Ihnen gleich, dass es weniger Spaß macht, wenn ein Stein mich zerreißt als wenn Sie es selbst machen“, sagte Ember mit mehr Biss als sie sich selbst zugetraut hatte. „Aber danke, dass das hier nicht noch dreckiger wird als es ohnehin schon ist.“
      Dann berührte Ember den Stein und wurde fortgerissen.

      Unter ihren Füßen war matschiger Boden und für einen Moment war sich Ember nicht sicher, ob es ihr Erbrochenes war oder ob sie durchgehalten hatte. Ein feuchter, moosiger Geruch stieg ihr in die Nase, der typische Geruch von Wald anbei. Sie brauchte einen Moment bis sie sich an die neue Umgebung gewöhnt hatte, wobei sich der feuchte Nebel bereits auf ihren Klamotten absetzte. Es war fast komplett stockduster, sodass sie das große, verwucherte Haus im ersten Augenblick gar nicht sah. Kein Wind strich über ihre Haut, aber diese Kälte... Sie kroch durch jede Ritze und ließ Ember postwendend frösteln.
      Es knackte hinter ihr und ein Kontrollblick nach hinten versicherte ihr, dass auch der Richter mit seiner Nummer 2 mitgekommen waren. Eilig tat Ember ein paar Schritte weg von ihnen und wäre dabei fast über eine Wurzel gestolpert. Sie fluchte leise und beschloss, dass hier weglaufen sowieso nicht angebracht war. Sie konnte sich im Dunkel nicht zurechtfinden, geschweige denn wusste sie überhaupt, wo sie eigentlich war.
      Dann leuchtete etwas Rot auf und fing sofort ihre Aufmerksamkeit ein. Da, an einem Baum, leuchtete etwas wieder rot auf und sie erkannte Dampf.
      Nein. Rauch.
      Rauch, der von einer Zigarette aufstieg. Und diese Zigarette gehörte dann zu einer Person, der sich Ember annähern musste, um sie im Dunkel richtig zu erkennen. Als sie es tat, blieb sie wie vom Donner gerührt stehen.
      „James?!“
    • ARC III.5 - Pavor Nocturnus


      Kapitel 1: Dein Geheimnis, Mein Geheimnis
      Lauschend ich am Abgrund stand
      Und es zog mich hin zum Rand
      Wusste nicht, was ihr die große Macht verlieh
      Dieses Lied, das mir befahl
      Und es ließ mir keine Wahl
      In der Tiefe, in der Tiefe sangen sie
      [ASP - De Profundis]



      Beißende Kälte glitt durch Hawthornes müde Knochen.
      Die Reise hierhin an den Arsch der Welt hatte ihn neben Nerven und Zeit auch noch beinahe seine Ehe gekostet. Aber Schuld blieb Schuld, ob man wollte oder nicht. Nancy würde das verstehen. Ganz sicher. Beinahe sanft zog er an der Zigarette in seinem Mund und starrte auf das merkwürdige Haus, dass er inmitten dieser EInöde gefunden hatte. Dort, wo es stehen sollte. Das erste Mal eine Karte von August erhalten und erstaunlich, so fand James, dass sie so präzise war. Obschon der Zauberer gar nicht genau wissen konnte, dass es hier war. Schnaubend kichernd sah er sich um und befand sich wieder in derselben Lage wie schon einst. Einem genialen Zauberer ausgeliefert, bei dem man doch noch den leisen Zweifel hegte, dass er dem Wahnsinn anheim gefallen war. So wie vor einigen Tagen, als er ihn auf die Suche nach einem gottverfallenen Haus in der Mitte vom "Irgendwo-in-England-Shire" schickte.
      Gott, wie lange brauchten sie denn noch?!
      James zog erneut an der Zigarette als er das typische Sirren in der Luft bemerkte.
      Rasch zog er ein kleines Monoglas aus der Tasche seines schweren Mantels und sah sich im Wald um. Ah! Da vorne war es. Dort manifestierte sich Magie. Unschwer zu erkennen an dem bunten Wirbel von Aura, der in der Mitte der Atmosphäre entstand. MIt einem hässlichen "Plopp" ließ das Schicksal drei Gestalten aus den Dimensionen fallen, die unterschiedlicher nicht sein konnten. Zum einen fiel fort Ember Sallow aus dem Raum.
      Gott, sie sah beschissen aus. Übermüdet vielleicht aber viel eher geschafft von vielen Schicksalsschlägen. Beinahe war ihm, als hätten sie sich Wochen nicht gesehen sondern viel eher Jahre. Sachte vergrub er seine Hände in den Taschen und wartete auf die Eskorte, die man ihm versprochen hatte. Mit einem lauten Flatschen landete Kjetil Prestegaard neben Ember auf dem matschigen Boden. Auch er sah nicht wirklich gut aus, bedachte man die Verletzungen die er an sich trug. Die Frau hinter ihm, die elegant aus dem Raum stieg, wirkte hingegen unlustig. Hawthorne kannte sie. Birkisdottir. Einst hatten sie sich einen recht langen Kampf geliefert, als der Richter an die Macht gekommen war. Aber auch dort war James kläglich gescheitert. Immerhin trug sie die Narbe noch, die er ihr geschenkt hatte.
      "Wurde auch Zeit", murmelte er und zog an der Zigarette. "Ist schweinekalt hier draußen. Stehe mir die Beine in den Bauch."
      "Ging nicht früher"; knurrte der Richter und klopfte sich Dreck und Matsch von den Schuhen.
      "Ember", grinste James. "Sie sehen beschissen aus, hat man Ihnen das mal gesagt?"
      Mit einem kurzen Lachen warf er ihr einen Mantel zu, den er hinter einem Baum hervor zog. Nicht, dass er auf einmal magisch begabt wäre, sondern viel eher war er dort gelagert worden.
      "Wären wir dann fertig?", fragte Kjetil und richtete sich zur vollen Größe auf.
      "Jep. Wir sind fertig. Ich sage dem Boss Bescheid, dass Ihre Schuld getilgt ist."
      Prestegaard grunzte und sah zu Ember hinüber.
      "Ich hoffe, dass unser nächstes Wiedersehen unter einem anderen Stern steht, Ember Sallow", sagte er ruhig und nickte ihr zu.
      Es brauchte keine Sekunde mehr, da war er mit Auslaugh verschwunden und James schüttelte sich leicht vor Frost.
      "Heilige Maria ist das kalt!", schimpfte er. "Ich bringe diesen verwirrten Arkana um, wenn er mich noch mal an den Arsch der Welt schickt...Gute Güte...Na, dann wollen wir mal, oder nicht?"
      Grinsend nickte er in Richtung des verfallenen Hauses herüber und seufzte schwer.
      "Haben einiges durchgemacht höre ich?", fragte er. "Hab hier draußen nicht viel Nachrichten schauen können, aber meine Kontakte sagen mir, dass London brennt. Naja, sei's wie es sei, man hat sie nicht umsonst hierher verschleppt. August hat aus dieser Bruchbude eine Art Safehouse gemacht. Drinnen warten Essen und Trinken auf sie. Und August kommt nach, sobald er die Polizisten losgeworden ist. Perley ist bereits auf dem Weg. Sorry, wenn ich so schnell rede, aber es ist echt verdammt kalt."
      Ruhig führte er Ember über einen kleinen Trampelpfad vorbei zu einem alten, verwitterten Tümpel, dessen Wasser grünlich im fahlen Mondesschein schimmerte. Beißender Gestank stach in die Luft, sodass jegliche Illusion von Leben, die hier mal existiert hatte, unwahrscheinlich erschien.
      Sorgsam achteten sie darauf, nicht über Wurzeln und Wildwuchs zu stolpern, ehe sie die moosbewachsene, verwitterte Treppe erreichten. Der Stein hatte über die Jahre an Festigkeit verloren und bröckelte leicht, als Hawthorne die Treppe betrat und die Tür berührte.
      Knarrend und knarzend schob sich die Tür auf und sah zu Ember.
      Drinnen brannte bereits ein Feuer in einem der Kamine und brach die Wärme in den kalten Flur. Wohlig schimmerte der Widerschein des Feuers an den Wänden, als HAwthorne sie einließ.
      "Alsdann...Willkommen in Sallow Manor mitten im Wyre Forest", sagte er. "Willkommen zuhause, Ember. Essen steht in der Küche. Bedienen Sie sich."


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      The more you drag me to hell
    • „Ich finde, ich sehe den Umständen entsprechend fantastisch aus.“
      Ember hinterfragte nicht, wieso James einen Mantel in der richtigen Größe parat hatte, sondern ließ ihre Arme schnell in die Ärmel gleiten. Je länger sie hier stand, desto schlimmer wurde die Kälte. Gepaart mit dem Nebel war das eine wirklich widerliche Kombination.
      „Würde mich freuen“, erwiderte sie nur noch auf die Worte des Richters, wusste aber nicht, ob sie überhaupt gehört wurden. Ein bisschen perplex war sie dennoch. Dieses Mal wollte ihr scheinbar doch niemand an den Kragen. Oder jedenfalls nicht sofort. Trotzdem wurde das Gefühl nicht besser sondern eher schlechter, sodass sie den Mantel noch etwas enger um sich zog.
      „Wie kommt das eigentlich, dass August ständig Sie durch die Gegend schickt?“ Embers Blick folgte Hawthornes Nicken in die Dunkelheit und erst jetzt fielen ihr Umrisse auf. Was groß und warnend in der Dunkelheit lauerte, war ein verfallen wirkendes Gebäude. Genau Eigenschaften konnte sie nicht erkennen, doch irgendwas löste ein Gefühl, eine Ahnung, in ihr aus. Sonst hielt sie nichts davon ab, solche Ortschaften zu erkunden, aber jetzt... Jetzt hatte ein Arkana sie aus der Haft mit einem Portalstein an einen ihr unbekannten Ort gebracht.
      „Hm, ich würde sagen, die Sache mit den Sharokhs war schlimmer. Ich kann ja verstehen, wenn man mir an den Kragen will, aber das war dann doch sehr viel auf einmal. Wirkte alles ein wenig zusammengewürfelt, fürchte ich. Unglücklich gelaufen mit der Welt, unglücklich gelaufen mit diesen Artefakten... Ach, haben Sie eigentlich mitbekommen, dass ich eine Stalkerin habe?“, erzählte Ember, die einzig und allein durch Hawthornes Anwesenheit etwas auftaute.
      Sie stakste über die Wurzeln und glitschigen Flächen hinweg, die zu einem Tümpel gehörten. Daher der modrige Geruch und der Hauch von Schwefel. Alles hier wirkte irgendwie tot und verlassen. Ein Lost Place wäre denkbar gewesen, aber hier wirkte es nicht einmal so, als sei Flora und Fauna recht angekommen. Das unterschrieb auch die steinerne Treppenstufe vor dem Eingang, die unter Belastung abbröckelte. Ember hielt inne und besah sich den Stein. In der Tat, hier war schon verdammt lange niemand mehr gewesen. Passend, dass sich August ausgerechnet einen Ort im Nirgendwo ausgesucht hatte. Wobei doch eigentlich das Dusk and Dawn als Safehouse gedacht war... Außer, eines reichte nicht.
      Hawthorne blieb in der Tür stehen, die er geräuschvoll geöffnet hatte, und durch die sanfter Feuerschein drang. Das sah wesentlich besser aus als weiter hier draußen in der kalten Dunkelheit zu stehen. Fast hätte Ember einen Schritt vorwärts gemacht, wären da nicht James' Worte gewesen.
      Ember gefror zur Statue. „Dasist das Sallow Anwesen? Nein, James. Nein. Ich setz' da keinen Fuß rein.“
      Zu deutlich klang noch die Warnung in ihren Ohren nach. Zu lebendig war der völlig verstörte Noland, der eine Nachricht von einem Wesen überbracht hatte, das zu mächtig war. Das von der anderen Seite stammte.
      „Ich hab die Warnung von einem Wesen aus einem der Tore bekommen. Ich soll nicht weiter nachforschen und ich versichere dir, das Eintreten in das Haus meiner Ahnen zählt mit Sicherheit dazu. Mir hat's gereicht, dass ich einmal meinen Bruder in Gefahr gebracht hab.“ Sie zog den Hals ein und den Mantel enger. „So viel zum Thema, niemand weiß, wo sich das Anwesen befindet. Gott, August hat mir gesagt, ich soll Perley fragen weil er es nicht wüsste. Wie lange hat er das hier schon alles im Voraus geplant und wieder nichts gesagt?“
      Ember war zu müde für Wut und ließ nur die Enttäuschung zu. Sicher, eine warme Feuerstelle und etwas zu essen war durchaus verlockend. Aber die Warnung eines Zaren war dann doch noch abschreckender. Hinter Hawthorne konnte Ember Teile einer Eingangshalle erkennen. Über darin herrschte Chaos, Boden, Möbel und Wände waren in einem erbärmlichen Zustand. Eine Treppe schlängelte sich an der Wand nach oben und die konnte gerade noch eine Ecke eines Wandbildes sehen. Ember runzelte die Stirn. Das kam ihr... bekannt vor. Es dauerte einen Moment bis sie sich daran erinnerte. An die Geschichten ihres Urgroßvaters, wo sie noch ganz klein und Shawn gerade geboren gewesen war. Er hatte ihr von einem großen, alten Haus erzählt, das inmitten eines Waldes versteckt war und für sie Kinder wohl der beste Spielplatz der Welt gewesen wäre. Mit Holzvertäfelungen an den Treppen und alten Dielen. Nischigen Küchen und opulenten Schlafzimmern. Er hatte ihr erzählt, dass der Ort wahrlich magisch war.
      Wahrlich magisch, am Arsch.
    • Hawthorne hatte nicht die Zeit für Querelen dieser Art. Es war kalt und das Feuer begann sich unter dem hereinbrechenden Wind zu winden und zu strecken. Selbst dieses Ding befürchtete, den Elementen zu erliegen.
      "Warnung hin oder her, Sallow", knurrte Hawthorne und tat das, was er eigentlich nicht tun wollte. Ruhig griff er nach ihr und zog sie über die Schwelle, um die Tür hinter ihr zuzuschlagen. "Es ist ein Haus und kein Kübel voller Nachforschungen. Wie wäre es, wenn Sie sich einfach mal beruhigen und ein wenig essen und trinken. Oder hat man sie auch davor gewarnt?! Wir haben noch nicht einen Funken lang über den Schrotthaufen hier gesprochen, also fahren Sie runter."
      Sachte zog er sich den Mantel von den Schultern und offenbarte eine noch recht passable Fitness unter dem eng sitzenden Hemd. Die Arme steckten in heraufgekrempelten Ärmeln und hektisch suchte er nach seinem Telefon und den Zigaretten, die er zu qualmen pflegte.
      "Kommen Sie jetzt!", kommandierte er. "Das hier ist sicher, keine Sorge. Ich habe Augusts merkwürdige Talismane überall im Haus und auf dem Grundstück verteilt. Es sollte Niemand dieses Haus finden."
      Sorgsam ging er vor in die kleine Küche, die den verwitterten Charme beibehielt. Kacheln waren zersplittert oder von den Wänden herabgefallen und die Tapete darüber hing teilweise in Fetzen. In der Mitte des kleinen Raumes, der direkt neben dem Eingangsbereich lag, fand sich ein einfacher Holztisch mit vier Stühlen, die bereits wahrlich bessere Zeiten gesehen hatten. Der Zahn der Zeit nagte an allem in diesem Haus und so beleuchteten eine kleine Armee aus Kerzen den Raum, der einstmals prächtig gewesen sein mochte. Die Küche selbst stammte aus dem vorherigen Jahrhundert und war geführt Myriaden nicht genutzt worden. Umso weniger erstaunlich war der kleine Campingkocher auf dem Herd, der gerade noch eine Suppe erwärmte.
      "Hier", sagte James und zog einen Stuhl heraus, um gleich darauf einen Metallbecher auf den Tisch zu wuchten. "Essen ist gleich soweit. Trinken Sie von dem Schnaps, der wärmt Sie auf."
      Während Hawthorne ungewohnt häuslich in der Suppe zu rühren begann, räusperte er sich.
      "Also...Zu Ihren Fragen!", begann er und drehte sich zu Ember herum, um sich gegen den Herd zu lehnen. "August hat von diesem Haus bis vor ein paar Minuten vermutlich noch nichts gewusst. Nachdem ihm klar war, dass die Familie Sallow einen Sitz haben musste, hat er die alten Archive durchforstet und irgendwelche kryptischen Hinweise entschlüsselt. Irgendwann konnte er das Gebiet bis auf 50 Meilen eingrenzen und hat mich und Perley losgeschickt, um den Ort zu finden. Perley hatte nicht so viel Glück, er stand irgendwann in einem Sumpf in Wales, aber ich habe das hier gefunden. Hab August ein Foto davon geschickt und fertig. Kurz nachdem Sie festgenommen wurden, wurde ich reaktiviert und mit einem merkwürdigen Stein hierher geschickt. Sollte Talismane verteilen und hier auf Sie warten."
      Achselzuckend seufzte er.
      "Und warum er mich schickt? Weil ich August was schulde und ihm versuche, zu helfen, eine Katastrophe zu verhindern", sagte er. "Also was ist das mit Ihrem Stalker und dem ganzen Mist mit der Warnung?"

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    • Ember hatte ernsthaft die Absicht, sich gegen Hawthornes Avancen zur Wehr zu setzen. Aber geistesgegenwärtig erwischte er ihren verletzten linken Arm am Ärmel, sodass sie sich unter Protest doch über die Schwelle ziehen lassen musste. Prompt wirbelte sie auf dem Absatz herum und strafte den Mann Blicke.
      „Sie glauben doch nicht im Ernst, dass mir Kleinigkeiten hier nicht auffallen und ich ganz automatisch Rückschlüsse ziehe, oder?“ Wobei Essen und Trinken durchaus verlockend klang. Mehr als den dürftigen Kaffee to go hatte sie nicht mehr seit Feierabend gehabt. „Außerdem bin ich tiefenentspannt, oder hab ich Prestegaard vorhin mit Schimpfworten bombardiert?“
      Was sie vermutlich so oder so nicht getan hätte. Generell war es erstaunlich, wie ruhig Hawthorne in der Nähe des Richters gewesen war. Sie selbst war ständig in Alarmbereitschaft. Tatsächlich war es ihr Unterbewusstsein, das auf Hawthornes Kommando hin reagierte und sie einfach seinen Worten folgte. Allerdings zog sie ihren Mantel nicht aus. Sie wollte sich hier nicht heimisch oder irgendwie sicher fühlen. Dann fing man nämlich an, seine Umgebung anders wahrzunehmen, und das wollte sie tunlichst vermeiden.
      Beinahe schmollend folgte Ember Hawthorne in eine kleine Küche. Eine nischige Küche, wenn sie es sich so recht besah. Natürlich gab es keinen Strom und kein fließend Wasser, weshalb Kerzen und Kaminschein den Raum beleuchteten und ihm eine verquerte Heimeligkeit verlieh. Wäre da nicht der topmoderne Campingkocher, der fröhlich vor sich hin dampfte.
      „Ich hab mir schon so etwas gedacht. Dass das Haus mehr eine Ruine ist als alles andere. Wäre auch zu schön gewesen, einen verlorenen Familienzweig hier vorzufinden oder so“, sagte Ember leise mit tief in die Taschen gesteckten Händen. Hier drinnen war es bei Weitem nicht mehr so kalt, aber die Kälte steckte ihr auf mehreren Aspekten in den Knochen. Schließlich seufzte sie, nachdem sie den Stuhl beäugt hatte. „Wenn der mir unter dem Arsch wegbricht, dann setzt es was.“
      Der Stuhl hielt Gott sei Dank ihr volles Gewicht aus. Mit einem Stirnrunzeln beobachtete sie ihren ehemals Vorgesetzten dabei, wie er ernsthaft in einem Topf mit Suppe in einer Bruchbude rührte. Für sie – und hoffentlich auch sich selbst. Wie genau war es eigentlich hier zu überhaupt gekommen? Am Ende resignierte Ember und nahm einen Schluck vom besagten Schnaps. Sie verzog angewidert das Gesicht und stellte ihn wieder ab.
      „Zugegeben, Sie sind ja auch Mitwirkender des Dusk and Dawns, also wundert es mich nicht allzu sehr, dass Sie etwas für August tun. Ich verstehe nur nicht ganz, warum er Ressourcen investiert, um ein altes Haus zu finden. Er hat... wichtigere Dinge, auf die er sich fokussieren sollte.“ Wusste James überhaupt von der verbleibenden Zeit? „Und was heißt, Katastrophe? Katastrophe ist eher das, was die Welt anzetteln will. Einen Aufstand zwischen Menschen, Castern und Rogues kann die Welt nicht gebrauchen. Die Schwarze Stadt ist nur noch ein Trümmerhaufen, James.“
      Ein Trümmerhaufen mit zahllosen Leichen. Und vermutlich durchkämmten Einsatzkräfte gerade ihre Wohnung und durchwühlten ihr heiliges Büro. Verflucht, sie hatte ja nicht einmal mehr ein Handy, um irgendwem etwas mitzuteilen. Ruairi wusste nicht mal, dass es ihr gut ging. Vielleicht konnte sie ja Hawthorne um sein Handy bitten.
      Ein weiteres Mal seufzte sie gedehnt während sie sich mit den Ellbogen auf dem alten Tisch abstützte und ihr Gesicht auf ihren Händen bettete. Dann erzählte sie von den Castern, deren Erinnerungen von Noland ausgelesen wurden. Welche Warnung der Zar ihr hatte zukommen lassen und wie sinnfrei das alles erschien. Danach berichtete sie von 'Clara', die einfach so eingebrochen war, als Ember ohnmächtig auf ihrem Tisch lag. Und wie sie es vermutlich war, die Ruairi angegriffen und ihr den Würfel überbracht hatte.
      „So, und jetzt bin ich mit diesem Ding“, sie kramte den Würfel aus der Tasche und legte ihn betont sorgsam auf den Tisch, „quasi sitzen gelassen worden. August hat seinen geworfen und die App bekommen. Bei meinem ersten Wurf war es ungültig. Und nach der Warnung habe ich ehrlich gesagt wenig Lust darauf, es zu probieren. Verraten Sie mir doch lieber, wie's der guten Nancy geht? Begrüßt sie Ihren verfrühten Ruhestand noch immer oder gehen Sie ihr mittlerweile schon auf den Sack?“
      Ein schmales Lächeln erschien auf Embers Lippen als sie den Becher ein weiteres Mal ansetzte und ein weiteres Mal das Gesicht verzog. Gott, hatte er das Zeug auch hier irgendwo gefunden oder was hatte er ihr da angeboten?
    • Hawthorne rührte nochmals ruhig durch die Suppe, die sich mittlerweile eher wie Schlacke anfühlte. Er war nicht gut im Kochen. Das war Nancys Ding. Sie war die Meisterköchin, er nur der begabte Assistent. Und das auch nur an guten Tagen. Eilig stellte er die Kochplatte ab und ließ den Fraß noch eine Weile ziehen, während er wieder zu Ember sah.
      Das Lächeln auf seinem Gesicht war zwar schief, aber nicht minder herzlich.
      "Wie ich sehe, haben Sie Ihre Aggression noch immer nicht im Griff", murmelte er. "Immer wenn Sie unsicher wurden, wurden Sie wütend. War ziemlich grässlich, als ich noch Ihr Boss war..."
      Nach ihrem Gesicht zu urteilen schmeckte ihr der Schnaps nicht, obwohl es nicht der mieseste war, den er ausgraben konnte. Kichernd wandte er sich kurz der Suppe zu und füllte diese in wenig schmackhaft aussehende Metallschüsseln. Das alles hier wirkte mehr wie ein Army-Besteckservice, das er noch aus seinen Tagen als Soldat aufbewahrt hatte. Es ging nichts über die gute alte Ausrüstung, wenn es um eine Art von Luxus gehen musste.
      "Sie meinen mit wichtigeren Dingen den sprichwörtlichen Tod, der ihm am Arsch klebt?", lachte Hawthorne und setzte sich ihr gegenüber an den Tisch.
      Mit einer schwungvollen Bewegung knallte er die beiden Schüsseln vor ihrer beider Nasen und wies sie lautlos an, zu Essen. Ein Löffel lag bereits neben der Schüssel bereit.
      "August sagte mir wortwörtlich, dass das Finden dieses Hauses die Top Priorität auf meiner Liste ist. Ich weiß nur, dass diese merkwürdige Frau, wie hieß sie noch...E...A...Eva! Eva Beau-dingens! Diese Dame jedenfalls sucht noch an anderer Stelle. Er sprach von der ältesten Bibliothek Europas. Also Sie sehen: Es geht alles irgendwie..."
      Einen Löffel später musste er das teilweise revidieren. Auch wenn er liebevoll gekocht hatte und mit viel Zeit gesegnet war, so schmeckte es wie ein alter Hintern. James tat dies mit einem würgenden Geräusch kund und wischte sich über den Mund.
      "Herrgott, verdammte Scheiße", spie er und schüttelte den Kopf. "Was zum Geier ist das?! Hätte schwören können, dass ich dieselbe Dose wie Nance immer genommen habe...Wie auch immer. Katastrophe ist so eine Sache. Ja, einen Aufstand kann keiner wirklich brauchen, aber ich bin ehrlich: Es ist nicht das Schlimmste. Schlimmer ist das da!"
      Er wies auf den Würfel auf dem Tisch und seufzte.
      "Sie haben keine Ahnung, was diese Dinger schon ausgelöst haben. Nachdem einige ZAubrerer mitgekriegt haben, wie mächtig diese kleinen Teile sind, sind regelrechte Bandenkriege ausgebrochen. Prestegaard und seine Nummer 2 hatten Mühe, alles zusammen zu halten. Und um die Schwarze Stadt ist es nicht schade. Das Mistding baut sich schon wieder auf. Wie eine verdammte Kakerlakenburg."
      Ruhig lauschte James ihren Geschichten und berichten und fragte sich nicht minder als tausend Mal, in was er da eigentlich hinein geraten war?!
      "Was für eine Scheiße...", murmelte er. "Klingt nach einem ziemlichen Haufen Dreck, wenn Sie mich fragen...Wie's Nancy geht?"
      Hawthorne lachte.
      "Ich gehe ihr seit Tag 1 meiner Rente auf den Geist. Die Gute hat nicht einen Moment Ruhe vor meinen Eskapaden fürchte ich. Sie war beinahe froh, dass ich August helfe. Dann bin ich zumindest aus dem Haus."

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    • Der wortwörtliche Tod, der August dich auf den Fersen war. Offensichtlich war Hawthorne auch hier informiert genug. Natürlich. Immerhin pflegten sie eine Partnerschaft und dann sollte er wissen, wann und ob August abdanken musste. Schließlich war er damals dabei gewesen, als sie den tödliche Schuss gesetzt hatte. Und er war dabei gewesen, als sie fiel, um sie kurz vor dem Boden aufzufangen.
      „Und was gedenkt er mit seiner Suchaktion zu finden? Er war dabei, als uns die Warnung übermittelt wurde. Anstatt seine Kräfte für ein bisschen Hintergrundrecherche zu nutzen, könnte er doch einfach....“ Der restliche Satz blieb unausgesprochen als Ember Hawthornes Gesicht sah. Glücklicherweise hatte sie noch keinen Löffel von der Pampe, die unheilvoll vor ihr in der Schüssel dampfte, probiert. Denn der verzog alsbald das Gesicht und machte eindeutig klar, dass sie ganz bestimmt nichts davon probieren würde.
      Dann lieber doch den Schnaps.
      „Beauregard“, korrigierte sie ihn beiläufig. „Was genau soll sie da suchen? Die ältesten Aufzeichnungen zur Entdeckung der Magie, wo mein Familienname nicht gestrichen worden ist? Hat er Ihnen auch nur ein Wort gesagt, warum das Auffinden dieses Anwesens die Top Priorität hat? August ahnt irgendwas und davon hat er mir nichts erzählt. Etwa Ihnen?“
      Sanft stuppste Ember den Würfel mit ihrem Finger an und schob ihn dabei ein wenig über den schäbigen Tisch. Das dämmrige Licht hier drinnen machte sie müde, ebenso wie die abgestandene Luft. „Bandenkriege wegen den Würfeln? Dann ist es vielleicht gar nicht so unwahrscheinlich, dass seine Tochter tatsächlich einen gehabt hatte.“ Und das auch der Grund gewesen war, warum sie am Ende gestorben war. Die Schachtel oder was auch immer wurde bis heute nicht gefunden. Wenn es darum ging, die Artefakte an sich zu bringen, dann ergab das durchaus Sinn. Dass all jene starben, die im Besitz eines solchen Würfels waren. Sammelte jemand die Würfel?
      „Kaum zu glauben, dass die eigene Frau so glücklich darüber ist, wenn ihr Mann mit Arkana der schlimmsten Sorte verkehrt“, schmunzelte Ember schließlich doch als sie die Wärme in Hawthornes Stimme hörte, kaum begann er von seiner Frau zu reden. „Ich hatte mich noch gar nicht für damals bedankt. Als das in dem Lagerhaus passiert ist. Keine Ahnung, was passiert wäre, wenn ich Sie nicht vor Ort gehabt hätte.“
      Eine unrühmliche Zeit, an die sich Ember nicht gern zurückerinnerte. Nicht nur wegen der Tat selbst, sondern wie zerstört sie danach gewesen war. Schon immer hasste sie es, Schwäche zu zeigen, aber damals lastete die Dunkelheit so schwer auf ihr, dass sie keine Luft mehr zum atmen hatte. Dieser Schleier hatte sich gelichtet, doch er hing noch immer knapp über ihrem Haupt an dünnen Drähten.
      „Wir warten jetzt also bis August auftaucht? Was, wenn er es nicht tut?“
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