[2er RPG] Dusk & Dawn [Asuna & Nico]

    • Ruairi kicherte und beugte sich über den Tisch vor. In seinem Gesicht offenbarte sich einige Falten, die zu den Lachfalten zählten. Er lachte viel und gerne, aber dass es sich derart im Gesicht niederschlug war ihm auch nicht bekannt.
      "Nervenkitzel trifft es da", grinste er. "Es ist jedes Mal ein Abenteuer. Aber Ihre Geschichte mit der gemeinsamen Zeit finde ich ein schönes Ritual. Ich meine, wir treffen uns zu den Hauptfesten in Schottland, aber sonst sind wir doch recht entfernt voneinander. Jeder lebt sein eigenes Leben im Schutze seiner Dunkelheit, wie man sagt. Siobhan hat viel mit den Kindern zu tun, Logan viel mit seiner Show. Und ich...Tja, Sie sehen es ja selbst. Ich trinke gern mit schönen Frau in meiner Wohnung schlechten Whiskey."
      Er prostete ihr zu und nahm einen Schluck des Bieres.
      "Meine Schwester...", begann er erneut. "Siobhan ist eine Seele von Mensch, würde ich behaupten. Herzensgut und doch ein wenig jähzornig, wenn ich es benennen müsste. Sie hat einen schweren Schicksalsschlag erlitten als sie vier war. Wurde von einem Caster angegriffen, weil der sie für eine Rogue hielt. Und seitdem ist sie der Magie gegenüber reserviert. Ansonsten ist sie eine klassische Lehrerin würde ich sagen. Wie ist Ihr Bruder so?"
      Auf ihre Erzählung hin zog er die Augenbrauen hoch und stellte sein Bier ab. Vielleicht das erste Mal sah er sie ohne Schalk oder Ausrede mit faszinierten Augen an.
      "Nein, dieser Vorfall sagte mir nichts", murmelte er. "Bones hat Sie angegriffen? Und SIe waren im Untergrund? Und haben überlebt?"
      Für einen Moment lang faltete er die Hände vor den Knien und schüttelte grinsend den Kopf.
      "SIe gefallen mir immer besser, Ember Sallow", gab er. "Ich meine, nicht viele können behaupten, einen Angriff von einem Arkana überlebt zu haben..."
      Dem Anheben der Flaschen schloss er sich unbekannterweise an, wusste aber nichts über Cunningham zu sagen. Dennoch ehrte es Ember, dass sie Feinde ehrte.
      Ruairi konnte nicht umhin, den Weg ihrer Beine zu verfolgen, wie sie übereinander geschlagen wurde. Es war gleich einer hypnotischen Faszination wenn er ehrlich war.
      Starr da nicht so hin, du Dummkopf!
      Kopfschüttelnd sah er wieder in ihre Augen und wirkte einen Moment desorientiert, sodass er seine Bierflasche umstieß. Beinahe zu spät bekam er sie noch zu fassen und hob sie erschrocken an.
      "Ach du Sch...", muremtle er und seufzte. "Knight. Was das mit dieser Präsenz ist, kann ich auch nicht gut erklären. Es gab mal eine Art von Aura, die nannte sich "die Präsenz des Imperators". Als würde man einem Kaiser gegenüber stehen. Ich vermute eher, dass es eine Form von Aura ist, die er produzieren kann. Und ich mache dafür sein verborgenes Auge verantwortlich.
      Ansonsten..
      Die Berichte aus Wales sind nicht vollständig oder aussagekräftig. Es heißt nur, dass er zwei Anwärter auf den Arkanatitel mit grausamen Methoden klein gehalten hat. Er hat sich durch absolute Skrupellosigkeit und regelrechten Hass ausgezeichnet. Ist knallhart gegen die Jungs vorgegangen und hat deren Familien bedroht oder töten lassen. Hat bei einem Deal einen der beiden gefangen genommen und ihn abartig foltern lassen, damit der andere wusste, was ihm geschah. Derlei Dinge..."

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    • Für einen Moment verlor sich Ember darin, ihr Gegenüber einfach nur zu betrachten. Lachfalten machten einen Menschen nicht weniger attraktiv sondern eher das Gegenteil. In ihrem eigenen Gesicht würde sie diese wohl ewig vergebens suchen.
      "Achso? Dann bin ich also nicht die Erste, die mit Ihnen in Ihrer Wohnung was trinkt. So so.... Dann darf ich mich wohl von meiner Poolposition verabschieden...", sagte sie mit einem gespielt beleidigten Tonfall während sie die Schultern zuckte.
      "Sie wurde für einen Rogue gehalten? Also ich bin vielleicht nicht ganz in der Materie, aber wenn Sie doch magisch begabt sind, gilt das nicht fast automatisch für Ihre Geschwister? Das klingt nämlich so, als würde Ihre Schwester keine Magie besitzen. Aber was ist passiert, dass ein Caster sie verwechselt?" Sie nahm einen Schluck vom Bier und stellte es wieder zurück auf ihren Oberschenkel. "Shawn ist einige Jahre jünger als ich. Manchmal hat er aber diese Einstellung, als fühle er sich als großer Bruder, der auf seine kleine Schwester Acht geben müsse. Er ist unglaublich sorgsam und zuvorkommend und würde vermutlich jederzeit wieder kommen, wenn ich ihn anrufe..."
      Mit jedem Wort verlor sich die Detective in ihren Erinnerungen bis ein leicht abwesendes Lächeln auf ihren Lippen erschien. Der Gedanke, dass sie ihn fast hätte verlieren können, geisterte noch immer in ihrem Kopf umher und sorgte dafür, dass sie die Reue ihm gegenüber vorerst nicht abschütteln konnte.
      "Sie gefallen mir immer besser, Ember Sallow", gab er zu. "Ich meine, nicht viele können behaupten, einen Angriff von einem Arkana überlebt zu haben..."
      Da winkte Ember energisch ab. "Korrektur: Ich wäre nur Kollateralschaden gewesen wie die anderen etlichen Toten damals. Sie hatte es auf August abgesehen und so wie er zugerichtet war, als er an meine Wohnung kam, hätte ich keine Chance gehabt wenn ich im Fokus gewesen wäre. Ich habe lediglich einer ihrer Alptraumbestien die Augen ausgeschossen als ich geflüchtet bin. Das war alles."
      Als Ruairi seine Bierflasche fast umstieß, nachdem er Gott weiß wohin gestarrt hatte, runzelte Ember die Stirn. Sie deutete mit der Flasche auf seine eigene als sie fragte: "Das ist keine einfache Tollpatschigkeit. Können Sie mir nicht erzählen. Hat das auch irgendetwas mit Ihrer Magie zu tun? Bestimmt, oder? So viel Sachen, die Ihnen runtergefallen oder kaputt gegangen sind, lassen sich doch nicht auf einfache Ungeschicktheit zurückführen."
      Bei seiner weiteren Ausführung blinzelte sie Ruairi schlicht an. "Wieso zieht unser PD immer solche... Spezialfälle an? Das war in der Vergangenheit auch schon so, irgendwie kann diese Behörde kaum gewöhnliches Personal generieren. Vielleicht kann ich irgendwie rauskriegen, wie er das macht. Stellen Sie sich mal vor, ich könnte auch sowas nachahmen..."
      Sie ließ eine Pause entstehen in der sie ihren Gegenüber fast schon taxtierte, mit einem spitzbübischen Lächeln im Gesicht. Möglicherweise war es ja dies was sie brauchte, um zumindest ein wenig Eindruck zu schinden. Und da Knight ihr bereits kurz erwähnt hatte, dass es da einen gewissen Lehrmeister gab....
      Ember brach die Situation indem sie kurz kicherte und sich etwas weiter zurücklehnte. Während sie einen weiteren Schluck nahm und sich bald schon von ihrem Bier verabschieden können würde, wechselte sie den Beinschlag und beobachtete dieses Mal genau, wohin der Mann im Raum blickte.
      "Sie sollten mir eigentlich ins Gesicht schauen und nicht auf meine Beine", grinste sie breit, "vielleicht hätten wir auch einführen sollen, was von dem Ekelwhiskey zu trinken wenn einer von uns anfängt über die Arbeit zu berichten. Erzählen Sie mir doch lieber ein bisschen was von Ihnen selbst?"

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      "I rather trust and regret than doubt and regret"
    • Ruairi begann glockenhell zu lachen und nahm einen erneuten Schluck Bier.
      "Nun...", begann er. "Wenn ich ehrlich bin, nein. Sie sind nicht die Erste. Aber es waren auch keine Hundert hier. Davon abgesehen, Sie brauchen sich nicht von ihrer Position zu verabschieden. Bisher haben Sie die Poleposition inne und die macht Ihnen keiner streitig."
      Gleichsam darauf wurde seine Miene wieder ernst.
      "Meine Schwester besitzt ein magisches Erbe. Sie besitzt als Erbe sogar mein Gegenstück. Wo ich eine Realität manipulieren kann, kann sie alles, was real erscheint, zerstören. Eine wahrlich grausige Macht und das Erbe meines Urgroßvaters mütterlicher Seits. Damals nannte man es "Zerfallsmagie". Siobhan ist recht mächtig, wenn ich das behaupten darf und damals, in den wilden 90ern, war die Jagd nach Zauberern sehr hitzig. Alles, was nicht der Norm entsprach, waren Rogues. So geriet auch sie ins Visier. Ich im Übrigen auch. Dabei wurden wir beide von einer Akademie ausgebildet. Sie verließ die Akademie jedoch im Alter von 14 Jahren und hat seitdem ihre Kraft nie wieder genutzt."
      Ruairi grinste verstohlen, als er sich einen Moment in ihren Augen verlor.
      "Ihr Bruder erscheint mir sehr sympathisch", bemerkte er. "Trotzdem. In Zeiten akuter Gefährdung durch ein Alptraumwesen, diesem ein Auge heraus zu schießen und gleichsam noch lebendig fortzukommen, ist eine enorme Leistung. Stellen Sie Ihr Licht niemals unter den Scheffel, Ember Sallow. Je mehr Sie Ihr Licht dimmen, umso weniger können die Menschen in Ihrem Umfeld sehen."
      Ein Satz, den sein Vater immer zu ihm gesagt hatte. Sei das Licht, Ruairi. Wo Siobhan nicht sehen kann, erleuchte ihren Weg. Lass andere Lichter mit dir scheinen.
      Ertappt sah er sie an und lehnte sich zurück, als sie seinen Blick zu ihren Beinen bemerkte.
      "Erwischt", bemerkte er und grinste breit. "Aber zu meiner Verteidigung: Sie haben keine Ahnung, wie schön Ihre Beine sind. Und wenn ich Ihnen nur ins Gesicht starre, rutschen mir nachher noch so Floskeln heraus wie "SIe haben Augen wie Sterne". Also fokussiere ich mich lieber auf anderes im Raum, damit ich nicht langweilig werde."
      Er prostete ihr zu und nahm einen Schluck.
      "Sie haben bei zwei Punkten Recht. Die Tollpatschigkeit ist eine Nebenwirkung meiner Magie. Meine Wahrnehmung der Realität ist anders als ihre. Sie gehen auf einem Steinboden und ihr Verstand akzeptiert es. Meiner hingegen nimmt die Möglichkeiten wahr, was dieser Boden alles sein könnte. Dadurch richtet sich mein Fokus auf viele Punkte im Raum und ich werde ungeschickt.
      Und zum anderen: Sie können dies nicht nur nachahmen. Es gibt Zauberer, die diese Aura produzieren können und es lehren. Mein Bruder beispielsweise ist ein fantastisches Beispiel. Seine Magie ist eher subtiler Art. Logan ist in der Lage, Gefühle zu lesen. Das schwächste Erbe meiner Familie wenn ich das bemerken darf, aber dadurch kann er Auren von Menschen entsprechend sehen und erspüren. Mit dem richtigen Lehrer wären Sie in der Lage, eine solch unterdrückende Aura hervorzubringen. Vielleicht sollte ich Sie mit Logan bekannt machen...", murmelte er und kratzte sie am Kinn.
      "Also ich finde, ich habe Ihnen weiß Gott mehr erzählt als Jedem anderen. Also was ist mit Ihnen? Peinliche Hobbies? Steckenpferde sonstiger Natur? Haben Sie einen Freund?"
      Vollidiot!, dachte er und widerstand dem Drang sich vor die Stirn zu hauen.

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    • Bei dem Stichwort Zerfallsmagie wurde Ember kurz hellhörig. August besaß ebenfalls eine Variante eben dieser und hatte sie mehrfach demonstriert. Wenn sie so recht überlegte kam ihr unweigerlich die Frage, wie sich überhaupt festlegte, welchen Typus von Magie man wirken konnte.
      "Also wird in der Familie vererbt, welche Art von Magie man wirken kann?", fragte sie nach und schallte sich selbst, dass sie sich früher nie so sehr dafür interessiert hatte.
      Sie musste leicht schmunzeln, als sich Ruairi von ihren Worten ertappt fühlte und sich etwas zurücklehnte, um Platz zwischen sie zu schaffen. Tatsächlich rollte sie theatralisch mit den Augen auf seinen Kommentar hin.
      "Wie kann man denn durch eine Jeans sagen, ob Beine schön sind oder nicht? Die sehen von Ihrem Standpunkt alle gleich aus, würde ich meinen. Wer sagt denn, dass ich keine schreckliche Cellulite mit mir herumschleppe? Oder grausige Besenreißer meine Beine verunstalten? Und wehe Sie können auch noch durch Kleidung hindurchschauen. Das nimmt doch den ganzen Reiz."
      Mit einem letzten tiefen Zug versteckte Ember ihr Grinsen hinter der Bierflasche, die sie anschließend nun leer vor sich auf den Tisch abstellte und sich ein bisschen neu ausrichtete.
      "Nachdem Sie mir Ihren Bruder quasi wie Wasser in der Wüste angespriesen haben würde ich ihn schon mal gerne treffen. Immerhin soll er ja so wunderbar singen. Da bin ich ehrlich gesagt sogar noch stärker dran interessiert. Ich hab 'ne Schwäche für gut singende Männer", war ihre Reaktion auf seine Gedanken bezüglich Logan.
      Langsam kippte sie ihren Kopf von links nach rechts und zurück, um ein bisschen Bewegung in ihren Nacken zu bekommen. Die letzten Tage waren hart gewesen, und das spiegelte sich in den zahlreichen Verspannungen in ihrem Körper wider. Jedoch blinzelte sie Ruairi wieder mit dieser hochgezogenen Augenbraue an, als dieser wieder auf das Thema Beziehung kam. Wenn auch nur mit einer kleinen Seitenfrage.
      "Spannend, wie Sie immer wieder auf das Thema Beziehung zu sprechen kommen", bemerkte sie und begann mit ihrer rechten Hand an dem Armband ihrer linken Hand sachte herumzuspielen. "Peinliche Hobbies? Ich hab mir nie wirklich die Zeit für irgendwelche großartigen Freizeitaktivitäten genommen. Eine ganze Zeit lang habe ich allerdings mal geangelt. Primär an Seen und Flüssen, also kein Hochseeangeln. Die Ruhe ist manchmal Balsam für den Kopf."
      Sie drehte das Band ein bisschen weiter. Hatte es überhaupt einen Effekt vorhin gehabt? Es fühlte sich zumindest nicht danach an.
      "Und Steckenpferde... hm... bis auf meine übermäßiges Selbstvertrauen und meine fantastischen Schießkünste fällt mir da auf Anhieb nicht viel ein... Wobei, doch. Ich bin ein bisschen Oldschool und trage ein klassisches Notizbuch meist mit mir herum. Alles was ich sehe und von Relevanz sein kann halte ich darin zeichnerisch fest. Ich muss die Dinge einmal sehen und kann sie fast getreu aus der Erinnerung nachzeichnen. Und was die letzte Frage betrifft..."
      Sie schüttelte leicht den Kopf.
      "Ich bin seit über sechs Jahren ungebunden. Nach Alex, wenn Sie sich noch an seinen Namen erinnern, ist nichts mehr zustande gekommen. Kein Anwärter, kein Freund. Die ein oder andere Liebelei vielleicht, aber das wird Ihnen ja vermutlich nicht anders ergehen, hm?"

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    • Ruairi genoß dieses Augenrollen und theatralische Spiel sogar ein wenig.
      Im Gegensatz zu ihr versteckte er sein Grinsen nicht hinter einem Getränk, sondern lachte ihr offen ins Gesicht. Ob sie wusste, wie schön sie war, wenn sie lächelte? Wehe, du sagst es ihr! Das ist keine verfluchte Rom-Com!
      "Ich gebe zu, das würde den Reiz nehmen", murmelte er. "Aber nein, ich kann nicht durch Kleidung sehen und fände Ihre Beine noch schön, auch wenn sie zerfurchter als der Grand Canyon wären. Ich bin ein einfacher Mann. Außerdem stimmt das nicht."
      Er prostete ihr viel zu oft zu und trank sein Bier leer, ehe er ungefragt aufstand und zwei weitere Flaschen holte. Man bat in diesem Haus nicht um Nachschub, es wurde einem aufgezwungen. Ob es das schottische Erbe in seinen Adern war? Innerlich zuckte Ruairi mit den Schultern und kam wieder zum Tisch, ehe er sie ansah und sich wieder setzte.
      "Das ist recht schwer zu erklären", begann er. "Die Magie kann mitunter vererbt werden, ja. Die Affinität zur magischen Ausübung, wie es bürokratisch heißt, wird vererbt, das ist korrekt. Die Art der Magie ist stark von der Erziehung, Prägung, Gefühlsebene und gefühlt weiteren 100 Faktoren abhängig. Siobhan und ich hatten seit jeher durch unser Zwillingsdasein ein stärkeres Band als andere. Und es war recht früh sehr klar, dass unser Auravolumen das Vierfache eines normalen Kindes war. Es gibt zu Beginn der Ausbildung zum Caster einen simplen Test. Man wendet seine Magie mittels seiner Aura ungefiltert an und schaut, in welche Richtung sich die Aura von Natur aus färbt. Bedeutet: richten Sie Ihre Hand auf einen leeren Punkt und aktivieren Sie die Aura. Man lässt sie fließen und irgendwann beginnt die Aura, sich eine Form zu suchen. Bei manchen wird sie zur Flamme, andere Wasser, wieder andere schaffen außergewöhnliche Dinge. Bei mir bogen sich die Wände wie Gummibärchen und Siobhan ließ sie zerspringen wie Zuckerglas."
      Als sie über seinen Bruder sprach musste er lachen.
      "Ja, das ist wahr", gab er zu. "Ich liebe meinen Bruder. Er ist fantastisch und ein begnadeter Sänger. Viele Frauen mit denen ich ausgehen wollte, mochten ihn lieber, weil er eine Engelsstimme hatte. Ich dagegen habe das Reibeisen der Familie geerbt." Wie zum Beweis griff er sich an die Kehle und gab ein knurrendes Geräusch von sich.
      "Geangelt, wirklich?"; lachte er schließlich und nahm einen großen Schluck seines Bieres. Gott, wie lange war es her, dass er so viel Spaß bei einer Unterhaltung hatte? Wäre sie wohl sauer auf ihn? "Angeln ist ein tolles Hobby, finde ich."
      Er musste die Thematik der Beziehung irgendwie umschiffen, damit er nicht zu sehr auffiel. War wahrscheinlich schon zu spät. Bei dem Notizbuch jedoch wurde er neugierig und zog eine Augenbraue hoch.
      "Wirklich? Darf ich es sehen?", fragte er lächelnd. "Ich finde es großartig, wenn man seine Begabung derart auslebt. Ich selbst habe leider zwei linke Hände was das angeht, aber bin ein großer Bewunderer von Kunst und Schönheit, wie Sie sehen."
      So ein Blödsinn, du Idiot! Kannst du eigentlicha uch wie ein normaler Mensch reden?
      "Seit sechs Jahren...Eine lange Zeit...", murmelte er schließlich "Nein, das ist mir nicht anders ergangen. Nach meiner Frau kamen hier und dort eine lockere Liebelei, die aber allesamt schnell beendet wurden. Bin nicht wirklich gut in Gefühlsdingen, müssen Sie wissen. Da ist auch mein Bruder eher der Experte. Fehlt es Ihnen manchmal? Die Nähe zu Jemand anderem?"

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    • Egal wie sehr sie es versuchte, Ember bekam das schmale Lächeln nicht von ihrem Gesicht als Ruairi sich erhob und ungefragt die Bierflaschen austauschte. Wie lange gedachte er eigentlich, diesen Abend hier noch zu gestalten? Irgendwann würde sie ihn darum bitten müssen, sie zur nächsten Busstation zu begleiten, denn wenn sie ehrlich war, wollte sie um diese Uhrzeit nicht allein durch die Straßen wandern. Zumindest nicht unbewaffnet.
      "Wenn ich Sie nun frage, ob Sie jeder Frau diese Art von Komplimenten machen, streiten Sie es ab, richtig?", fragte sie leise mit einer gewissen Schärfe in der Stimme, die sie mit einem Schluck neuem Bier aus ihrer Stimme zu streichen suchte. "Das habe ich schon häufiger gesehen, dass Zwillinge entweder sich widersprechen oder verstärken in dem, was sie magisch ausleben können. Sind sie beiden irgendwie sonst noch aneinander gebunden? Man sagt ja oft, dass Zwillinge eigentlich eine Einheit sind, wissen Sie?"
      Wie oft ist laut Statistik Zerfallsmagie vertreten? Wenn die Blutlinie eine Rolle spielt, wie wahrscheinlich ist es, dass die MacAllisters irgendwie mit denjenigen verbandelt sind, durch die August an die Magie gekommen war?
      "Logan ist jünger als Sie, nehme ich einfach mal an? Je nachdem wie viel, würde er sowieso aus meinem Schema fallen, keine Sorge."
      Ihr entging nicht, dass Ruairi wieder des öfteren zu lachen begann. Aber irgendetwas lungerte da noch im Hintergrund. So befreit er am Anfang war mit seiner Stimmung, umso härter wurde das Ende, wenn er nicht mehr weiterlachte. Für Ember war es nur nicht wirklich greifbar, was es war.
      "Das Buch ist leider Privatsache. Da stehen empfindliche Details bezüglich Ermittlungen drin, die nicht für Ihre Augen bestimmt sind", erwiderte Ember vorsichtig und nippte an ihrer Bierflasche. " Aber sagen wir es mal so: Ich könnte Sie zuhause problemlos mit all Ihren Lachfalten im Gesicht nachzeichnen und der Abgleich wäre fast exakt."
      Wobei sie sich ernsthaft hinterfragte, wo darin die Schönheit liegen sollte.
      "Nicht gut in Gefühlsdingen? Dafür machen Sie aber sehr gut deutlich, was Sie von mir halten", merkte Ember amüsiert an während sie das überschlagene Bein etwas nach außen zog, damit ihr Fuß auf ihrem Bein zum liegen kam. Sachte begann sie mit den Fingern ihrer freien Hand über ihre Fußsohle zu fahren.
      "Wie lange war das mit Ihrer Frau noch her? Drei Jahre? Klingt erstmal nach viel, aber ist es eigentlich gar nicht. Sie waren ja unendlich lange mit ihr zusammen, da sind diese paar Jahre gar nichts dagegen. Wie war denn ihr Name? Es ist nur verständlich, wenn sich keine erneute feste Bindung so schnell aufbaut, wenn Sie mich fragen. Die Liebeleien sind deswegen schnell beendet worden weil Sie Ihre Frau immer noch im Hinterkopf haben, richtig?"
      Ember fragte dies leise und sanft, fernab ihrer üblichen Schnittigkeit oder Kälte, die sie manchmal an den Tag legte. Sie brauchte nur das kurze Blitzen in den Augen ihres Gegenübers zu sehen, um eine wortlose Antwort zu erhalten.
      "Es wäre gelogen wenn ich behaupten würde, es fehle mir manchmal nicht. Einmal nach Hause kommen und wissen, das dort jemand auf Sie wartet. Das Bett mit Ihnen teilt, den schweren Tag mit Ihnen in Luft auflöst. Sicher fehlt es einem, gerade wenn man es jahrelang gehabt hat so wie Sie. Aber ich? Ich habe praktisch nur kurze Einblicke darin bekommen. Bevor man sich daran hätte gewöhnen oder es wirklich wertschätzen können waren diese Momente meistens schon wieder vorbei."

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    • Ruairi sah sie mit festem Blick an und grinste weiter, ehe er schuldbewusst nickte.
      "Ja, vermutlich würde ich das", gab er zu. "Jedoch nicht, um Sie zu beleidigen oder gering zu schätzen, sondern um der Tatsache willen, dass ich Niemanden gern verletze. Es ist als würde ich Sie fragen, ob ich besser aussähe als Ihre Liebschaften. Wobei ich hoffe, dass Sie einen besseren Geschmack bewiesen haben."
      Das Schelmische in seiner Stimme war nicht zu überhören und dennoch nahm er es sich nicht, einen letzten Stich setzen zu wollen.
      "Was mich zu der Frage führt: Warum ist es Ihnen so wichtig, dass Sie die Einzige sind, die diese Art von Komplimenten erhält? Nur falls es von Belang und zu meiner Ehrenrettung ist: Ich kann objektiv und frei jeder Absicht sagen, dass Sie eine wunderschöne Frau sind. Dafür braucht es keine Übertreibung oder Lüge meinerseits."
      Er nippte an seinem Bier und überlegte kurz.
      "Sonst sind wir uns zwar nahe, aber nicht wirklich verbunden, nein. Wir haben nicht diese märchenhafte Verbindung a la Gedankenlesen des Anderen oder so. Im Grunde sind wir auch recht verschieden, selbst wenn sich unsere Magien ähneln", sagte er und nickte. "Ja, Logan ist jünger als ich. Er müsste in Ihrem Alter sein, 36 Jahre. Und weshalb sollte ich Sorge haben, dass Sie meinen Bruder attraktiv fänden?"
      Er zog genüsslich grinsend eine Augenbraue hoch und ließ das Ganze so stehen. Sollte sie selbst Farbe bekennen.
      "In Ordnung, dann kein Einblick", nahm er zur Kenntnis obgleich es ihn etwas enttäuschte, wenn er ehrlich war. "Und werden Sie mich zeichnen, Ember Sallow?"
      Ruairi lehnte sich etwas zurück und drehte die kalte Flasche in seinen Händen. Das hektische Getue mit ihren Händen blieb nicht unbemerkt.
      "Ich sage immer recht gerade heraus was ich von Menschen halte. Ich habe zu lange Dinge verpasst und Gelegenheiten ausgeschlagen. Daher: Ja, ich sage, was ich von Ihnen halte. Und Ihnen gefällt es zumindest, denn sonst würden Sie nicht gespielt theatralisch nachbohren oder sich nervös über sämtliche Körperteile fahren...", sagte er grinsend und verlor es gleich wieder. "Drei Jahre, ja. Ihr Name war Melissa. Und nein, es wirkt nur wie eine Ewigkeit, aber manche Dinge graben sich tief in einen Verstand. Aber die Liebeleien habe ich nicht beendet, weil Melissa in meinem Kopf wohnt. Das tut sie natürlich, so etwas geht nicht fort, aber wir waren uns beide einig, dass der andere glücklich sein sollte, wenn es zum Äußersten käme. Nein, es hat einfach nicht gepasst. Die Damen wollten etwas Anderes vom Leben als ich."
      Anschnließend beugte er sich wieder vor, stellte die Bierflasche beinahe unbemerkt ab und faltete die Hände, während er diese auf den Knien stützte.
      "Schmälern Sie die Sehnsucht nicht, Ember Sallow", bemerkte er. "Sehnsucht und Liebe sind die zwei womöglich mächtigsten und gleichsam toxischsten Gefühle überhaupt. Es braucht eine kleine Dosis, um sie zu aktivieren und Jahre, um sie zu vergessen. Weshalb hat es mit Ihren Liebeleien nicht geklappt?"

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    • "Warum mir wichtig ist, dass nur ich diese Komplimente bekommen?"
      Ember musste die Frage nochmal wiederholen. Anscheinend hatte Ruairi nicht den Kern dahinter verstanden, den viele Frauen mit ihr teilen würden.
      "Ich kenne nicht eine Dame die sich darüber freuen würde zu erfahren, dass die schönen Worte in Wirklichkeit vom Fließband an jedes andere weibliche Wesen in Greifweite verteilt werden. Davon kann ich mich leider auch nicht freisprechen."
      Nüchtern zuckte sie mit den Achseln. Sie ahnte, dass er versuchte nach kleinen Fauxpas ihrerseits zu fischen, aber das konnte er sich direkt abschminken. Doch sowohl Ruairi als auch August schienen in einigen Aspekten ähnlich zu ticken, so wie die Wortwahl, die Ruairi unabsichtlich fast identisch mit dem Arkana ausgesprochen hatte.
      "Naja, Sie haben gerade noch gesagt, viele Frauen mit denen Sie ausgehen wollte, mochten ihn lieber. Folglich wollte ich Ihnen nur den Wind aus den Segeln nehmen...", sinnierte sie und trank einen weiteren Schluck.
      Tatsächlich war es nur so daher gesagt, aber die Detective wusste besser, dass man unachtsam Dinge aussprach, die das Unterbewusstsein längst beeinflusst hatte. Deshalb klickte sie auch folgenschwer mit ihrer Zunge, als der alles andere als unaufmerksame Mann ziemlich genau das beschrieb, was sie gerade tat. Doch anstelle schuldbewusst damit aufzuhören, ließ sich Ember nicht beirren und strich weiter über ihre Sohle. Es waren nicht sämtliche Körperteile. Es waren drei, um genau zu sein.
      Nachdenklich betrachtete sie Ruairi, wie er nun mit gefalteten Händen auf den Knien ihr gegenübersaß und irgendwie das Bild eines Therapeuten vermittelte. Vermutlich eine Mischung aus seiner Haltung und den Worten, die er an sie richtete. Deswegen ging sie auch nicht direkt auf seine Frage ein.
      "Darf ich etwas Unvermitteltes dazwischen fragen?", warf sie nach einer kleinen Pause und Sekunden des Anstarrens ein. "Sie waren solange mit Melissa zusammen. Wieso haben Sie keine Kinder? Ich könnte mir Sie zumindest gut mit Kind vorstellen."
      Möglicherweise ein grenzwertiges Thema, das ungefähr in die gleiche Schiene bei ihr schlug wie die Frage nach dem Aus ihrer Beziehungen. Das war ein mindestens genauso schlechtes Thema anzusprechen, wenn offensichtlich war, dass der Gegenüber Interesse an einem zeigte. Just in diesem Moment ging ihr jedoch auf, dass sie selbst eigentlich vorhin genau das gleiche gefragt hatte.
      "Ich habe mir die falschen Personen gesucht? Männer mit starkem Ego weil ich dachte, sie würden sonst mir nicht standhalten können. Am Ende war das immer genau der Knackpunkt, an dem es scheiterte. Bis auf Alex eben, der sich ständig den Kopf zermatert hatte und exakt in die gegensätzliche Schiene schlug..."

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      "I rather trust and regret than doubt and regret"
    • Die Stimmung änderte sich.
      Zwar kaum merklich, aber dennoch bemerkte Ruairi eine Schwere im Raum, die er vermutlich (nicht nur vermutlich) mit verursacht hatte. Gegen die Argumentation der jungen Frau ließ sich nicht viel sagen. Es war das, was Logan ihm immer wieder an den kopf geworfen hatte. Zu viel Ehrlichkeit tat keiner Beziehung gut. Selbst wenn sie nicht mal existierte.
      "Mag sein", murmelte er lächelnd, obwohl es seine Augen nicht mehr erreichte und lehnte sich wieder zurück. "DIe Frauen mochten ihn, weil Logan wesentlich besser Gefühle lesen konnte als ich. Unweigerlich natürlich. Ich bin ein wenig anders. Dennoch haben Sie meine Frage nicht beantwortet."
      Da war es wieder. Als hatte er das Lächeln aus dem hintersten Teil seines Ichs gefischt trat es wieder auf sein Gesicht und schweigsam nahm er die Bierflasche wieder an sich. Der Schluck, den er daraus tätigte hätte die Flasche beinahe selbst geschluckt, wenn er sich nicht gebremst hätte.
      Das Thema, das sie ansprach, riss eine Wunde auf, die er nicht öffnen wollte. Die niemand öffnen durfte.
      "Wir wollten Kinder", murmelte er mit rauer Stimme. "Haben sie uns gewünscht. Jahrelang. Haben es immer wieder versucht und sind doch an den einfachsten Dingen gescheitert. Wir haben früh geheiratet, weil sie an die wahre Liebe glaubte. Ich glaubte nicht daran. Sie hat mich damals vom Gegenteil überzeugt. Als es uns endlich gelang und eine Schwangerschaft da war, stellte man ihre Erkrankung fest. Beide haben es nicht geschafft."
      Er hob noch einmal die Flasche des schlechten Whiskeys an als würde er eine Person im Off grüßen und trank einen gewaltigen Schluck des ekligen Gebräus, dessen Brennen ihm fast die Kehle versengte und er zu husten begann.
      "Gott ist das widerlich...", murmelte er und stellte die Flasche beiseite. "Warum ist es mit Alex danieder gegangen? Wenn er doch so anders als die anderen war?"

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    • Auch Ember spürte, wie sich die Atmosphäre veränderte und ihre unbefangene Stimmung zu schwanken begann. Wie befürchtet hatte sie ein heikles Thema angesprochen, aber das wahre Ausmaß war ihr nicht bekannt gewesen. Als wäre eine Krebserkrankung nicht schon genug gewesen hatte er nicht nur die Liebe seines Lebens verloren, sondern zeitgleich noch die Frucht eben derer.
      Das waren Wunden, die Ember nicht nachvollziehen konnte. Es auch ehrlich gesagt gar nicht wollte und es nicht wagte, etwas anderes in diese Richtung zu behaupten.
      "Das ist furchtbar, Ruairi", sagte sie leise in den ansonsten stillen Raum und wollte sich gar nicht vorstellen, wie eine Krankheit seine Familie einfach zeriss.
      Mit einer unglaublichen Schwere in den Augen sah sie zu, wie ihr Kollege zu dem widerlichen Whiskey griff und sich damit behelfen musste, die schlechten Erinnerungen hinunter zu spülen. In diesem Moment hätte Ruairi sie alles fragen können. Mit Freuden hätte sie ihm alles mögliche erzählt, nur um ihn von den Erinnerungen wegzuholen, die er niemals vergessen können würde.
      "Manch einer würde behaupten, Alex war zu weich", fuhr sie fort und hatte unterdessen von ihrem Fuß abgelassen, um nun mit beiden Händen das kühle Glas der Flasche zu befühlen. "Er war sehr ruhig, liebte Kinder und war super einfühlsam. Der Ruhepol von uns beiden. Aber wir hatten uns in einer Phase kennengelernt, in der ich noch im niederen Dienst war und Laufmädchen für alle war. Ich kam häufig mit Schrammen und Prellungen nach Hause, die ihm natürlich nicht entgangen sind. Ich konnte ihm nur teilweise erzählen, was im Job passierte wegen der Schweigepflicht. Irgendwann fing er an, mich zwischendurch anzurufen. Ich sollte ihm sagen, wenn ich auf Einsatz ging und er hatte jeden Abend Sorge, dass ich nicht mehr zurückkäme. Er wurde fast wahnsinnig, als ich einmal nicht nach Hause kam weil wir einen Rogue hochgenommen hatten, der Flüssigkeiten explodieren ließ und mit allem möglichen Bomben gebaut hatte. Ich war in eine Explosion geraten und ins Krankenhaus gekommen, was er natürlich nicht wusste. Das war der Moment wo wir anschließend gesprochen haben und er mir sagte, er könne diese ständige Angst um mich nicht ertragen. Und ich konnte ihn verstehen."
      Ihre Fingerspitzen waren auf dem schwitzenden Glas so feucht geworden, dass sie die Tropfen schieben und neu sammeln konnte.
      "Wir haben lange darüber gesprochen und schließlich festgestellt, dass er die Angst nicht ertrug und ich nicht, dass er sie ständig litt. Also trennten wir uns einvernehmlich und sehen uns manchmal noch im PD. Tja, seitdem gab es eben nichts ernsthaftes mehr. Schlussendlich habe ich mich in meiner Arbeit verrannt, und das Ergebnis sitzt nun in Ihrem Sessel", schloss sie und prostete nun ihm zu.

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      "I rather trust and regret than doubt and regret"
    • "Furchtbar trifft es", gab er zu und blickte kurz an die Decke, ehe er ihr auch zuprostete. "Furchtbar trifft es wirklich. Aber was soll man machen? Wir können so mächtig werden, wie wir wollen. Es gibt Dinge, die wir nicht beeinflussen oder manipulieren können. Tote bringt es uns nicht zurück und auch das Sterben an sich können wir nicht im Geringsten beeinflussen. So viel zur Überlegenheit der Magie."
      Ruairi wusste nicht einmal, was er noch fragen oder sagen sollte, um von dem Dilemma abzulenken, in das sich dieses Gespräch zu reiten schien. Mit einem Mal schoss in ihm wieder das Gefühl hinauf, dass es ein Fehler war, diese Öffnung seiner Selbst zuzulassen. Ein GEdanke, für den ihn Logan sicherlich wer weiß wohin geschossen hätte.
      Er hob seinen Blick erst wieder als sie zu sprechen begann.
      "Ein trauriges Ende für eine bestimmt besondere Beziehung", sagte er lächelnd, auch wenn Traurigkeit das erste Mal die Lachfalten übertünchte. "Es ist tragisch, wenn eine Beziehung so enden muss, weil der Job einem das Leben schwer macht. Anfangs war es bei uns auch so. Und ich hatte zwei davon. Melissa kam mit meiner Tätigkeit als Mitglied der Hundertschaften nicht klar und Siobhan dachte lange Zeit lang ich würde dem System, das sie unterdrückt hatte, dienen. Ehe ich ihr klargemacht hatte, dass ich das System in meinem Sinne neu gestalten wollte. Das, was Alex durchgemacht hat, ist für Menschen wir uns sicherlich nur schwer nachvollziehbar. Vor einiger Zeit...Und bitte sehen Sie mich nicht im anderen Licht, aber...Vor einiger Zeit hatte ich ein recht interessantes GEspräch mit Mueller. Dem Arkana. Nach einem Zusammenprall unsererseits hatte ich ihn festgesetzt und wir unterhielten uns abends in der Zelle eine ganze Weile. Wussten Sie, dass er Frau und Kinder hat? Die ebenso abends daheim sitzen und nicht wissen, ob Mueller nach Hause kommt oder nicht? Ich war geschockt als er es erzählte. Ich erfuhr das erste Mal, dass Arkana so etwas wie Leben haben und gar nicht so verschieden von uns anderen sind. Wir tragen alle die gleichen Ängste, Sehnsüchte und Wünsche. Umso erschreckender ist es, dass wir uns immer noch dieser mittelalterlichen Methodiken bedienen müssen..."
      Ruairi schüttelte den Kopf und stellte seine erneut leere Bierflasche hin und sah Ember an. Vielleicht mit ein wenig Ferne in seinem Blick.
      "Sagen Sie mir...", begann er und seufzte. "Ihrer Meinung nach: Wird August Foremar einen Krieg anzetteln? Und wenn ja, werden Sie gegen ihn kämpfen können?"

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    • "Ich glaube, Sie missverstehen. Das Ende war nicht traurig. Es war befreiend für uns beide. Wir waren so zerfressen mit den Gedanken an den Anderen, dass wir uns selbst zu verlieren drohten. Wir waren im Kern zwei Typen von Menschen, die nicht zusammensein sollten. Wir haben uns im Guten getrennnt und wenn ich mich nicht täusche hat er jetzt auch eine neue Freundin. Ich freue mich für ihn."
      Ehrlich gemeinte Worte. Ember trauerte dem Ende ihrer Beziehung nicht nach wobei das vermutlich daran lag, dass es wirklich am Ende mehr Schwierigkeiten als Freude war, die ihre Beziehung maßgeblich gefärbt hatten. Nun wusste sie, dass sie den ultra fürsorglichen Menschen nicht an ihrer Seite wissen konnte, ohne dass er sich selbst dabei zerstörte.
      Als Ruairi ansprach, dass er ein Gespräch mit Mueller gehabt hatte, machte sich Erstaunen auf ihrem Gesicht breit. "Wieso sollte ich Sie in einem anderen Licht sehen wenn Sie ein Gespräch mit einem Arkana führen? Gerade ich?"
      Wenn jemand mittlerweile ein Pro darin war, mit Arkana zu reden, dann ja wohl sie. Früher, vor Jahren, hätte sie ihm vielleicht doch Vorwürfe gemacht. Doch mittlerweile hatte sich das Gefüge ein wenig geändert und so sehr sie noch immer davon ausging, dass sie August nie voll trauen können würde musste das ja nicht für die anderen Arkana gelten. Vielleicht hatten sie sich ihre Rolle in diesem Leben auch nicht ausgesucht.
      "Das überrascht mich jetzt wirklich. Sie haben wirklich gedacht, dass die so anders sind? Arkana sind doch Ihresgleichen und zeitgleich Menschen wie wir. Wieso sollten sie keine Familien haben? Nur wegen ihres Titels soll man ihnen ihr Glück untersagen? Vielleicht hat mich August ja schon zu weit hinabgezogen, aber ich sehe kaum einen Unterschied zwischen den Arkana und jedem anderen Zauberer, den ich sehe. Sie alle sind Lebewesen auf der Suche nach Glück, oder finden Sie nicht? Nur wie sie daran herangehen, ist anders..."
      Gedankenverloren schwenkte Ember ihre Bierflasche, die wieder nur noch zur Hälfte gefüllt war.
      "Mittlerweile befürchte ich, dass er einen Aufstand organisieren wird, ja", gab Ember nach einer Weile vorsichtig zu. "Nach der Aktion mit dem Sharokh weiß ich nicht mehr, was von all dem wirklich stimmte, was er mir gesagt hat. Im Endeffekt will er sich einfach nur der Ungerechtigkeit entgegensetzen, das System verändern? Gar nicht mal so verschieden wie das, was wir versuchen zu erreichen. Aber ich glaube, er schreckt dafür auch nicht vor Leichenberge zurück. Das unterscheidet ihn von uns."
      Wieder entstand ein Moment Stille während Ember eine Wortpassage Ruairis Revue passieren ließ. Dann hob sie ihren Blick und fixierte seinen.
      "Ich bin mir nicht sicher, ob Magie den Tod nicht aufhalten kann."
      Ein Herzschlag. Ein zweiter.
      "Am Tag des Angriffs der Angeli habe ich August Foremar erschossen. In einem Lagerhaus in Chelsea. Emmett White war vor Ort, wir haben kurz vorher gesprochen als wir August aus dem PD geholt haben. Er war der Erste, den ich je erschossen habe. Ich habe gesehen, wie er gestorben ist. Ich weiß, dass er gestorben ist. Und dann steht er plötzlich auf dem Schlachtfeld an der Cathedrale, nur mit einer Sternnarbe auf der Brust, wo meine Kugel ihn verlassen hatte. Und dann sehe ich da die Bilder von Ihm, die neuen auf seiner Akte. Was soll ich davon halten?"
      Ihre Stimme war mürbe geworden, sodass sie gegen Ende den Blickkontakt abbrechen und nach unten auf den Boden schauen musste. Dieses Kernproblem hatte sie noch niemanden anvertrauen können und wusste nicht, warum sie es jetzt gerade tat.
      "Vergessen Sie das...", fügte sie leise hinzu nachdem sie geseufzt und tief durchgeatmet hatte, "ja, ich werde gegen ihn kämpfen können, so wie es augenblicklich steht. Wobei ich denke, dass er seinen Mörder vermutlich schneller ausschalten wird als es mir lieb ist..."

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    • Ruairi sah sie nach ihrem Geständnis eine ganze Weile an.
      Es war nicht die Tatsache, dass ihre Stimme brach oder sie den Blickkontakt brach. Es war vielmehr die Tatsache der Information, die ihn anhielt, die Bierflasche vom Mund zu nehmen und sie mit großen Augen anzusehen. Sie hatten es versprochen. Einen Raum ohne Furcht, Dinge zu sagen. Obwohl dies eine Information war, die er nicht von Foremar kannte, so kannte er doch die Möglichkeit dahinter.
      Er fuhr sich mit der Hand durch die Haare und seufzte.
      "Magie kann den Tod nicht aufhalten", murmelte er und sah sie ernst an. "Wenn das, was Sie sagen, wahr ist, so hat Foremar einen hohen Preis dafür gezahlt, nochmals unter den Lebenden zu wandeln. Vielleicht sogar den Höchsten. Was Sie nicht über mich wissen, Ember Sallow, ist die Tatsache, dass ich Magische Historik nebenberuflich studiert habe. Es ist nichts weiter besonders und mehr Hobby von mir, aber wenn ich den Gerüchten Glauben schenken darf, teilen Foremar und ich diese Leidenschaft. Die Grenzen der Magie auszuloten. Und sehr lange dachte ich daran, dass Magie den Tod nicht überwinden kann."
      Er lehnte sich zurück und legte eine Hand auf die Armlehne des Sofas. Es wurde ihm langsam warm.
      "Dann lernte ich im Rahmen meiner Studien Jemanden kennen. Bei einem Vortrag in Paris letztes Jahr begegenete ich einem Zauberer, den ich später als Arkana identifizieren konnte. Alane Zekulu Armah. Ein Zauberer aus dem Kongo, der eine besondere Art der Magie selbst entwickelt hatte. Er nannte diese Abart Ritualmagie. Und es gibt Rituale, die einen vermeintlich Toten aus dem Tod zurück ins Leben holen können. JEdoch nur zeitweise. Vielleicht für einige Monate oder Jahre. Egal, wie es Foremar geschafft hat, den Tod zu betrügen. Der Tod holt sich seinen Anteil zu jener Zeit wieder. Ob er will oder nicht."
      Seufzend sah er sie an und lächelte nachsichtig.
      "Sie mögen ihn, nicht wahr?", fragte er mit schwacher Stimme. "Verzeihen Sie mir, wenn ich so vorpresche, aber jedes Mal wenn wir von ihm reden, höre ich einen Unterton in Ihrer Stimme. Sie würden kämpfen, das glaube ich Ihnen, aber etwas ist da. Irgendetwas hat dieser Mann mit Ihnen gemacht. Vielleicht geht es mich auch nichts an, aber Ember...Gibt es etwas, dass Jemand aus dem PD inoffiziell wissen sollte, sollte es zum Fall der Fälle kommen?"

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    • Irgendetwas hatte August getan, damit der tödliche Schuss ihn nicht ins Jenseits beförderte. Dessen war sie sich klar gewesen genau in diesem Moment, wo er auf dem Schlachtfeld aufgetreten war. Was genau dahinter stand, wusste sie zu diesem Zeitpunkt nicht, aber die Informationen, die sie nun über Ruairi bekam, erhellten den dunklen Weg vor ihr.
      "Sie tun das auch? Dann wissen Sie ja auch Bescheid über das Sieben-Wege-Tor, nehme ich an. Was August mindestens zweimal zu öffnen versucht hat", sagte Ember und haderte immer noch damit, sämtliche Informationen preiszugeben.
      So sehr sie es gerne täte, es fühlte sich wie Verrat an. Dann hätte sie ihrem Gegenüber auch direkt das Buch zeigen können, wo haarklein die Bannkreise abgebildet waren.
      "Dann würde ich mal schätzen, dass genau dieser Fall eingetreten ist. Dieser eine Arkana ihn zurückgeholt hat, White wusste, dass es passieren würde und meine Vermutung bestätigen, dass August mich von Anfang an in dieser Rolle gesehen hat. Er hat von Anfang an damit gerechnet, dass ich ihn töte und es seinen Handel mit dem Sharokh beeinflusst..."
      Eine Bestätigung für die Vermutung, dass wirklich alle um sie herum Bescheid wussten außer sie selbst. Sie inmitten des Kreises der Wissenden gestanden hatte, und das seit Anfang an. Seit dem Moment im Evenstar, wo er sie das erste Mal gesehen hatte, bestand die Möglichkeit, dass er schon wusste, wie es ausging oder welche Rolle sie in seinem Plan einnehmen sollte. Sie behauptete, nie wirklich Täuschungen bei ihm bemerkt zu haben und stand selbst inmitten der Größten.
      Schweren Herzens schaute sie Ruairi schließlich doch wieder ins Gesicht.
      "Mochte. Wie Sie ja bereits erkannt haben, hab ich fälschlicherweise mein Vertrauen in ihn gesetzt und Ihre Informationen gerade bestätigen mir, dass er mich wahrscheinlich die ganze Zeit über ausgenutzt und getäuscht hat. Aber das so gut, dass ich selbst jetzt nicht alles über ihn preisgeben könnte. Es fühlt sich einfach wie Verrat an, wissen Sie? Ohne seine Hilfe wäre ich bei dem Autounfall gestorben. Ohne mich wäre er vielleicht nach dem Angriff im Untergrund gestorben. Wie Sie bereits richtig erkannt haben sind auch Arkana nur Menschen und ich hoffe einfach, dass die Dinge, die ich über ihn erfahren habe, nicht allesamt erlogen sind. Ich glaube, er hat mir ein stückweit vertraut. So sehr, dass er zur Cathedrale mit den versammelten Arkana kam und den Angriff abgewehrt hat."
      Nach einem ausgiebigen Schluck Bier fühlte sich ihre Kehle nicht mehr ganz so trocken an.
      "Schauen Sie micht nicht mit Ihren großen Augen so an. Das ist ja nicht zum aushalten", lächelte Ember schwach hinüber, "aber ich erteile Ihnen die Erlaubnis, mein Buch zu plündern sollte mir etwas passieren. Oder was auch immer. Ich werde es zurücklassen und da steht so ziemlich alles drin, was Sie wissen müssen. Von dem ersten Gespräch im Evenstar, die Abende in meiner Wohnung, die ich paranoid an der Tür gehangen habe bis kurz vor dem Tag des Angriffs."
      Sie blinzelte dem Mann aufmunternd zu während sie ihre Bierflasche vollkommen leerte und sich auf die Beine schwang. Die sich mittlerweile unglaublich schwer anfühlten nach der Zeit des Sitzens weshalb sie ein wenig Bewegung begrüßte. Ein Blick auf seine Flasche bedeutete ihr, dass seine noch nicht leer war, wodurch sie nur ihre eigene zur Spüle brachte, um sie dort abzustellen.
      "Deswegen bin ich Ihnen so reserviert gegenüber gewesen. Ich hatte Sorge, dass Sie nur an die Informationen meinerseits wollten. Die Avancen machen weil ich damit etwas schwieriger umgehen kann und mich da gerne verhaspel."
      Sie kam zurück zur Sitzgruppe, doch dieses Mal kehrte sie nicht zu dem Sessel zurück sondern stellte sich an die Seitenlehne der Couch und verringerte so die Distanz zwischen sich und Ruairi. Die Hände legte sie ruhig auf der Stütze ab während sie den Mann betrachtete.
      "Ich habe Sie vorgewarnt, dass mich das Chaos umgibt und ich Dinge weiß, die grenzwertig sind. Aber Sie erzählen mir etwas von sich, das nicht jedermann leicht zu hören bekommen sollte...." Ihre Stimme wurde leiser, dunkler. "... und ich erzähle Ihnen dafür etwas von mir. Klingt doch nur fair."

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    • Ruairi sah sie noch eine Weile an und seufzte.
      "Ja, ich kenne das Sieben-Wege-Tor. Und nein, ich tue das nicht auch. Ich weiß, dass dieses Konstrukt von ungefährlich für den Otto-Normal-Verbraucher ist. In der Vergangenheit haben es viele Rogues versucht, das Tor zu öffnen und nur wenige haben es geschafft. An der Universität haben wir uns ausgiebig mit der Entdeckung dieses Konstrukts und dessen Beschaffenheit beschäftigt..."
      Für eine Weile überlegte er, während Ember sprach ob er einen Vorhang lüften sollte. Ob er dem sumpfigen Moloch, den das Tor mit sich brachte, ein Stück für sie öffnen sollte, da noch immer etwas mitschwang in ihrer Stimme. Etwas tieferes, dunkleres als Zuneigung oder Traurigkeit.
      "Ich glaube, dass August Foremar Ihnen durchaus getraut hat. Sie sagen, er hat Sie gerettet bei einem Autounfall. Er hat sich von Ihnen erschießen lassen ohne weitere Gegenwehr. Und als er Rache hätte nehmen können, hat er es nicht getan. Im Gegenteil ist er Ihnen zur Hilfe geeilt, obwohl er die Polizei sich hätte aufreiben lassen können. Ich sehe dort schon eine Art von Vertrauen, wenn nicht Zuneigung, aber sicherlich wird er einiges im Vorhinein geplant haben. Er hat es zumindest als einziger Arkana geschafft, sich gänzlich aus meinem Dunstkreis heraus zu halten. Und das ist schon nicht einfach."
      Ruairi sah ihr hinterher während sie ihre Bierflasche weg brachte. Es wäre vermessen gewesen, wenn er nicht einen Blick auf ihren Allerwertesten riskiert hätte, wenngleich dieser auch nur kurz ausfiel. Eilig sah er wieder fort und wartete, bis sie in seiner Nähe zum Stehen kam und sah zu ihr hoch.
      "Sie umgibt nicht halb so viel Chaos wie Sie glauben, Ember Sallow", grinste er und lehnte sich zurück. "Sie haben nur Schweres durchgemacht. Wahrscheinlich mehr als ein Mensch vertragen kann. Und vermutlich haben Sie bisher mit nicht vielen darüber reden können, oder? Also wenn ich Ihnen so helfen kann, ich höre zu. Ich urteile nicht, ich richte nicht. Es gibt Dinge, die brauchen Worte. Und Dinge, die brauchen Taten. Und um andere Dinge zu verarbeiten, ist es vielleicht notwendig, eigene Schwächen einzugestehen, um stärker zu werden."
      Er zwinkerte ihr zu.
      "Zumindest wenn Sie Foremar bekämpfen wollen."

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    • "Sofern wir ihn bekämpfen müssen."
      Ember musterte Ruairi mit einem ungeahnt wachen Blick. Vielleicht sollte sie es doch riskieren und sich ins Dusk & Dawn einklinken, einfach nur um zu verstehen, welches Ziel August nun wirklich verfolgte. Gerade, wenn er laut Ruairis Angaben nur noch wenig Zeit hatte. Doch allein die Information, dass der Arkana sich mit seinen Freunden verschmolzen hatte, barg ein viel zu großes Risiko.
      "Wussten Sie eigentlich, dass viele Ihre Worte oder Sätze eins zu eins von August hätten stammen können? Auch er hat mich immer mit Vor- und Zunamen angesprochen. Oder zumindest häufiger. Wie Sie vorhin im Ten Bells sagte er einst zu mir, dass ich mein volles Potenzial noch blockiere. Deswegen habe ich Sie am Tresen zwischenzeitlich etwas seltsam angeschaut", erklärte sie einen ihrer Patzer in der Bar.
      Ihre Finger krümmten und entspannten sich regelmäßig, um den Stoff der Couch unter den Fingerspitzen fühlen zu können.
      "Was wissen Sie noch zu dem Tor? Sie haben vorhin zu lange überlegt als dass das schon alles gewesen war. Wenn Sie mir nichts dazu erzählen wollen, sollten Sie sich etwas anderes aus den Fingern saugen. Zum Beispiel, warum Sie wirklich hinter den Arkanas so hinterher sind? Sie haben ja scheinbar mit vielen schon Kontakt gehabt. Wieso?"
      Eigentlich hatte Ember das Gespräch wieder in eine etwas lockere Richtung lenken wollen, aber wieder einmal bekam sie den Bogen nicht ordentlich geschlagen. Als fiele ihr plötzlich etwas Vergessenes wieder ein, zuckten ihre Augenbrauen kurz hoch.
      "Ach, oder Sie könnten damit anfangen und mir verraten, wie viel Bier Sie noch kalt gestellt haben. Selbst ich hab nicht ständig Bier kalt auf Lager, also kriegen Sie hoffentlich einfach nur häufig Besuch...", lächelte sie ein wenig schelmisch zu Ruairi hinüber.

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    • Ruairi behielt sein Lächeln aufrecht und sah ihr mit ebenso wachem wie gleichsam direkten Blick in die Augen. Als würde er Wichtiges verpassen, wenn er wegsah. Gott wie einfach wäre es gewesen, diesen Lippen nahe zu sein. Schweigsam verharrte er eine gefühlte Ewigkeit in der Position, ehe er sich durch ein Blinzeln des Abdriftens verriet.
      "Nein, das wusste ich ehrlich gesagt nicht", grinste er sie an und lehnte sich etwas zu ihr hinüber. "Ich weiß nur, dass ich den Klang Ihres Namens mag und ihn gerne ausspreche. Ich finde, es hat eine gewisse Form von Melodie und klingt schön. Ich weiß, das mag merkwürdig klingen, aber ich kann gut verstehen dass es anderen auch so geht. Davon abgesehen ist die Tatsache mit Ihrem Potenzial eine Wahrheit. Sie halten sich selbst klein, Ember. Sie drehen sich fort wenn Sie hinsehen müssten und schießen über das Ziel hinaus wenn es ausreichen würde, eine Pistole zu ziehen. Ich glaube, wenn man Ihnen nur einen Schubs gäbe, würden Sie Knight in die Tasche stecken."
      Und auf einem Level mit einem Arkana kämpfen können. Oder vielleicht mit einem wie mir, dachte Ruairi lächelnd udn seufzte. Das Tor war eine andere Sache, die mehr als gefährlich war. Alleine die Erklärung würde Tage dauern.
      "Ich befürchte, ich weiß so einiges noch", sagte er und erhob sich ebenfalls vom Sofa. Wie provozierend stand er einfach vor ihr und lächelte kurz, ehe er schelmenhaft an ihr vorbei zu einem Bücherregal im hinteren Teil des Raumes zog. Schweigsam nahm er eines seiner Notizbücher, selbst handgeschrieben aber bereits einige Jahrzehnte alt aus dem Schrank und reichte es ihr an einer aufgeschlagenen Seite.
      "Ich befürchte, die volle Erklärung zum Tor muss warten. Aber da Sie scheinbar ein fotografisches Gedächtnis besitzen, zeige ich Ihnen das sogenannte Alternus-Tor. Das sogenannte Wechsel-Tor, hier beschworen im Forest of Dean. Es ist eines der wenigen bekannte Tore, die wir bereits gesehen und erforscht haben und so haben Sie schon einmal das Aussehen gesehen. Eine Erklärung schulde ich Ihnen beim nächsten zweifelhaften Date dieser Art."

      Ruairi zwinkerte ihr zu und packte die Notizbücher wieder weg.
      "Ich bin davon überzeugt, dass Arkana und Caster wie Rogues nebeneinander existieren können. Ohne sich zu töten oder Feind zu sein. Ich möchte einen Weg suchen, dies zu schaffen, aber dafür müssen die Arkana zuhören und wir müssen sprechen. Und beides fällt schwer, fürchte ich. Und das Bier..."
      Er sah zum Kühlschrank und drehte sich weider zu ihr, den Rücken an das Bücherregal gelehnt und die Hände in den Hosentaschen. "Ich hatte vom Umzug noch genügend kalt stehen. Also nein, dieser Abend war nicht vorgeplant. Glauben Sie mir, wenn ich das voraus gesehen hätte, hätte ich aufgeräumt", lachte er sie an und sah zu seiner Wanduhr. "Ich denke, so langsam sollten wir Sie zu Ihrer U-Bahn bringen, nicht wahr? Ich meine, es ist spät und ich möchte nicht, dass Sie Gefahr laufen, entführt zu werden oder...Also meinetwegen köntnen Sie auch hier...Ich habe ein Gästebett und..."
      Vollidiot! Riesenidiot!

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    • "Spannend, wie Sie einfach nicht rot werden während Sie selbst Süßholz raspeln", stellte Ember etwas deutlicher grinsend fest und kam nicht umhin zu bemerken, wie er sie vorhin fast schon verträumt angesehen hatte.
      Ruairi lehnte sich ein wenig zur ihr hinüber, verringerte die Distanz zwischen ihnen und sorgte dafür, dass sich Ember wieder ein wenig bewusster wurde, dass sie praktisch in mitten der Nacht allein mit einem Mann in seiner Wohnung war, der offensichtlich ein Auge auf sie geworfen hatte. Unter anderen Umständen hätte sie einfach nach ihm gegriffen, aber dieser sorgenfreie Mensch war sie schon lange nicht mehr.
      "Große Worte von jemanden, der mich nur ein paar Tage kennt. Wieso sehen eigentlich so viele was in mir und keiner hat's mir je gesagt?", fragte sie nun doch etwas angesäuert nach weil sie schlichtweg keinen Deut mehr darauf gab, ob sie sich im Ton vergriff oder nicht.
      Dann erhob sich Ruairi und kam zu ihr herüber. Sie ließ vom Sofa ab, um sich ihm ein wenig zu zudrehen und hätte fast wie automatisch eine Hand ausgestreckt, da war er schon an ihr vorbeigeschlüpft. Sichtlich verwirrt betrachtete Ember ihre Hand ehe sie den Kopf schüttelte und die Bewegung in ein Annehmen des Buches verwandelte.
      "August erwähnte mal, das es sehr komplex ist. Danke.... hm, das sieht auf alle Fälle sehr schön aus... Moment, Date?" Sie schaute fast schon überrascht vom Buch auf und fand wie automatisch Ruairis Blick. Dann lachte sie plötzlich kurz, aber deutlich auf. "Also wenn das ein Date sein sollte, dann müssen wir etwas an Ihrer Wahrnehmung ändern."
      Sie reichte ihm das Buch zurück nachdem sie sich gefühlt jede Biegung und jeden Leuchtpunkt des Tores eingeprägt hatte. Vielleicht besaß sie nur ein semi-fotografisches Gedächtnis, aber besser als der Durchschnitt war es allemale. Ein bisschen zu intensiv folgte sie Ruairis Schritten hinüber zum Regal.
      "Ich sehe das ähnlich. Und August auch, wenn vielleicht etwas verzerrt. Vielleicht haben Sie ja doch eine Art Jackpot in mir gefunden. Die Arkana werden August zuhören. Und wenn unsere Verbindung noch halbwegs intakt ist, kann ich ihn erreichen. Dann hätten wir beide Pole verbunden?", schlug sie vor, wissend, dass zumindest ein Silberstreif dieser Verbindung zwischen ihr und August noch Bestand hatte. Sonst hätte er niemals auf ihre Nachricht geantwortet.
      Als sich Ruairi mit den Händen in den Taschen ans Regal lehnte und sie so betrachtete, wäre ihr fast ein Kommentar rausgerutscht, der mindestens so missverständlich war wie jene, für die der Caster dort drüben prädestiniert war. Im letzten Moment biss sie sich noch auf die Lippe und verlor sich in einem doch ziemlich losgelösten Grinsen.
      "Das mit der Vorbereitung nehme ich Ihnen sofort ab", sagte Ember und deutete mit dem Zeigefinger nach oben, wo sein Bett in völligem Chaos sich befand. "Jeder macht wenigstens sein Bett, wenn Besuch kommt. Aber ich und entführt werden? Wer entführt denn bitte einen abgebrochene Meter?"
      Gut, zu später Stunde ein bisschen Getränken wurde selbst eine Sallow ein bisschen lockerer und achtete nicht mehr so arg auf jedes einzelne Wort. Oder den Bedeutungen dahinter.
      "Außerdem hab ich weder ein Gästebett gesehen noch sieht das hier nach genug Platz dafür aus. Was die Couch offen ließe und ich muss gestehen, dass mein Rücken eine Couch nicht mehr gut heißt. Das widerum bedeutet, Sie würden mir vermutlich Ihr Bett da oben anbieten und.... hm... ich glaube, das könnte sehr gefährliches Terretorium werden, meinen Sie nicht?"
      Embers Tonfall driftete gegen Ende in eine fast schon verführerische Tonlage ab, die sie schnell aus ihrer Stimme verbannen musste. Die folgenden Worte waren deutlich heller und weniger missverständlich formuliert. Hoffte sie immerhin.
      "Also... schmeißen Sie mich raus. Schon länger her, dass mich ein Mann vor die Tür gesetzt hat. Wobei. Moment. Knight hat's vor seinem Büro gemacht...Na ja, egal. Jacke...."
      Mit den Worten hatte sie sich schon umgedreht und war zurück zur Wohnungstür gegangen, um sich zu setzen und als erstes ihre Schuhe wieder an die Füße zu ketten.
      "Außerdem hab ich nicht mal was anderes zum Anziehen dabei.... Obwohl ich weiß, dass ihr Männer meist unfassbar auf Frauen in euren Hemden abfahrt -", sie schnitt sich selbst das Wort ab und hob abwinkend eine Hand. Ohne sich umzudrehen natürlich. "Falsche Vorstellung, sorry. Was ich sagen wollte, Sie haben nicht mal Makeup-Entferner hier. Verständlicherweise."
      Sie ächzte leise als sie auf die Füße kam und ihren Anorak vom Haken nahm. Erst dann drehte sie sich um nachdem sie sicher war, dass sich absolut und rein gar nichts in ihrem Gesicht abzeichnete.
      "Wenn Sie dann noch so gut wären und mich begleiten würden?"

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      "I rather trust and regret than doubt and regret"
    • Ruairi grinste noch einmal, ehe er mit den Schultern zuckte.
      "Vielleicht, weil es kein Süßholz war, sondern die Wahrheit? Ist Ihnen das mal in den Sinn gekommen?"
      Der schelmische Unterton seiner Frage hätte eigentlich nicht verfliegen sollen, aber die leichte Wut in ihrer Stimme ließ ihn davon Abstand nehmen, ehe er sie etwas erstaunt ansah.
      Etwas änderte sich erneut. Er konnte es spüren und nichts dagegen machen, so viel stand fest.
      "Komplexität ist die eine Seite des Ganzen. Gefährlichkeit ist die andere. Das Tor zu rufen ist nicht einfach und gleichsam hindurchzugehen bedeutet sein Leben ultimativ auf Messers Schneide zu stellen. Nur die Mutigsten der Zauberer haben es gewagt und beinahe alle sind nicht mehr lebend zurückgekehrt", erklärte er gerade, ehe sie beinahe beileidigend laut auflachte. "Vielleicht sollten wir das."
      Ruairi beließ es dabei. Ember Sallow zeichnete sich größtenteils durch eine großartige Defensive aus was Ihr Datingverhalten anging. Wer konnte es ihr verübeln? Da war es besser, er mischte sich dort nicht ein. Stattdessen sah er sie erneut überrascht an und legte den Kopf schief.
      "Achten Sie darauf, wenn Sie die Verbindung wieder herstellen wollen. Foremar erscheint mir kein dummer Mann zu sein. Wenn er herausfindet, weshalb Sie den Kontakt herstellen, wird er Sie nicht nur töten, denke ich."
      Ob Sallow wusste, welches Terrain sie damit öffnete?
      Und dann erging sich eine Flut von Sätzen, die er mit einer passenden Reaktion nicht mal hätte würdigen können, wenn er es gewollt hätte. Nur schlugen gerade sämtliche Defensivmuster einer jungen Frau gegenseitig den Ballon hin und her und Ruairi wusste gar nicht, was an seiner Feststellung, einer schnöden, so verwerflich war, dass sie scheinbar derart beleidigt reagierte. Was hatte sich Sallow von diesem Abend erhofft? Dass sie nach drei Tagen und mehreren Bieren in die Kiste hüpften?
      "Fahren Sie runter, Captain", grinste er dennoch und hob beide Hände. "Ich weiß, das kommt plötzlich, aber es sollte Sie nicht beleidigen. Ein Gästebett habe ich nicht wirklich und es ist zutreffend, dass ich Ihnen mein Bett angeboten hätte. Was nur ungemacht, aber nicht dreckig oder schmuddelig ist. Ich selbst hätte freilich auf dem Sofa geschlafen, damit Sie Ihre Privatssphäre haben. Alles andere wäre ein sehr gefährliches Terrain geworden, da stimme ich zu."
      Er folgte ihr zu dem Punkt, wo sie ihre Füße in Schuhe kettete und sah ihr dabei zu. Sicherlich fühlte er sich ein wenig schuldig, doch gleichsam merkte er, wie die Frau es schaffte, seine Geduldsgrenze gehörig auf die Probe zu stellen.
      "Wissen Sie...", begann er. "Sie sind so schnell in Unterstellungen und VErmutungen, dass Sie das Zuhören verlernen, Ember. Ich habe Make-Up-Entferner, weil mein Bruder hier regelmäßig übernachtet hat. Er steht im Bad. Ich habe sogar Pads. Davon abgesehen ist es vermutlich richtig, dass "wir Männer"", er betonte diese Formulierung überdeutlich. "auf Frauen in unseren Klamotten stehen. Ich zähle mich selbst zu den Männern, die das Ganze eher praktisch betrachten."
      Er griff nach ihrem Anorak und drehte sie so leicht zu sich. Sein Verstand riet ihm, sie gehen zu lassen und sich fern zu halten. Etwas stimmte mit dieser Reaktion nicht und sie zeigte deutlich, was hier gerade passiert war. Sein Herz jedoch wollte sie am Gehen hindern. Schweigsam ließ er den Anorak los und schlüpfte in die Schuhe zu seiner Rechten. Eine Jacke warf er sich schnell über und steckte den Schlüssel ein.
      Beinahe war es so, als wollte er noch etwas sagen, schloss aber wortlos den Mund wieder und nickte, ehe er ihr die Tür öffnete.

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    • Es folgte eine Reaktion, die selten so deutlich beschrieb, was Ember gerade dachte. Sie schloss kurz die Lider und presste die Lippen aufeinander, als sie sich selbst am Liebsten mit der flachen Hand vor die Stirn geschlagen hätte. Ruairi hatte vollkommen recht, dass sie sich einfach hatte gehen lassen und kleine Details um das Hauptkonstrukt einfach ignoriert hatte.
      Während sie den Anorak zuknöpfte hatte er sich bereits seine eigene Jacke übergeworfen und ihr die Tür geöffnet. Sie seufzte leise, schüttelte kaum merklich den Kopf und suchte erst dann wieder seinen Blick.
      "Sorry. War ein wenig unbedacht formuliert, das Ganze. Ich wollte Ihnen nicht zu nahe treten."

      Draußen in der deutlich kühleren Luft schritt Ember schweigend neben Ruairi her. Sie hatte ihre Arme um ihren Oberkörper geschlungen und die Schultern hochgezogen während er sie zur nächsten U-Bahn-Station begleitete. Wie bereits zuvor fühlte sie sich neben ihm ungewohnt sicher, fast schon beruhigt, sodass sie nicht mehr wie ein aufgeschrecktes Beutetier um jedwede Ecke und in jede Gasse starrte in der Annahme, etwas würde gleich herausspringen.
      "Ich hatte gerade nur ein kleines Déja-Vu", murmelte sie leise, alte Erinnerungen, die sich primär als Körpergedächtnis widerspiegelten erschütterten kurz ihren Körper. "Ihnen ist mit Sicherheit aufgefallen, dass mich viele der Kollegen im PD nicht gut leiden können. Sicher hat das offenkundige Gründe, aber das Hauptproblem ist, dass ich für die Entlassung des damaligen Ausbildungsvorsitzenden verantwortlich gemacht wurde."
      Sie bogen um eine weitere Ecke und befanden sich nun auf einer etwas breiteren Straße des Stadtteils.
      "Miller war extrem beliebt, aber tief im Kern ein arroganter Mistkerl. Hat sich des Öfteren an den jungen Frauen vergriffen, die die Ausbildung begonnen hatten und sie erpresst. Sowas ähnliches hat er auch mit mir versucht, aber ich habe ihn dann der Personalabteilung gemeldet. Wir waren auch mit der Abteilung aus, was trinken gewesen und ich bin damals dummerweise auch mit ihm mitgegangen. Bin aber abgehauen bevor es zu spät war. Die Story glaubten die meisten Kollegen natürlich nicht und warfen mir vor, ich wollte nur seinen Posten freimachen weil ich etwas gegen ihn hätte. Das hängt mir eben bis heute nach."
      Das Bild für die im Untergrund liegende Haltestelle kam in Sichtweite, zusammen mit der Treppe. Obwohl es nicht bitterkalt war fröstelte Ember ein wenig und zog die Jacke noch ein Stück enger um sich. Die volle Geschichte in jeglichen Details kannte nur Noland und dieser hatte sich in unbekannte Weiten abgesetzt.

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