[2er RPG] Dusk & Dawn [Asuna & Nico]

    • Kapitel 3:
      Am Schweideweg


      Foremar blickte zu Ember während sie sämtliche Phasen der Trauer durchfuhr und sich verhielt wie ein Neanderthaler.
      Man mochte es so und so sehen. Er jedoch sah eine Frau, die von allem übermannt wurde, was sie in den letzten Stunden miterlebt hatte. Und was nur ein Bruchteil war, was er in den letzten 80 Jahren erfahren musste. Die Reaktion auf seine Geschichte ließ ihn ein wenig zweifeln, als sie dort auf der Treppe aufkam, die Augen hinter ihren Augen versteckt. Kein Wort der Reaktion auf die Antworten, die sie hatte haben wollen. Stattdessen mehr ein Vorwurf, der ihn traf. Doch ehe er bereits reagieren konnte, schien ihr Fass überzulaufen. Schweigsam und Luft holend musste er zusehen, wie sie nach ihrer Schreitirade stapfend durch alles hindurch marschierte und ihn bei dem Kragen packte.
      Gut, es hob ihn nicht vom Boden ab und in ihren Worten war Schmerz das vorherrschende Gefühl, wenn er sich auf seine Gefühle verlassen konnte. Aber dennoch überschritt sie eine Grenze, die ihm auch die Wut ins Gesicht feuerte wie ein Schrotschuss. Nachdem sie sich ausgebrüllt hatte und ihn so herausfordernd ansah, riss er ihre Hände von seinem Revers und stieß diese nach hinten. Nicht mit voller Kraft, damit sie sich nichts tat, aber deutlich genug, dass es klar wurde, dass hier die Grenze war.
      "ES REICHT JETZT!", donnerte er und mit gleichem Schreien flackerten die schmalen Lichter im Raum. "Mir ist völlig gleich, welches Spiel zu spielen oder nicht spielen willst, Ember Sallow! Nur um das klar zu stellen, damit es auch in deinen überforderten Sturschädel geht: Ich sehne mich nicht nach dem Ende! Ich habe keine Sehnsucht nach dem Tod, den du mir beibringen sollst! Wenn du mir vielleicht eine Sekunde lang zugehört und dich nicht in deinen Ermittlungen und Geheimniskrämereien versteckt hättest, würdest du vielleicht wissen, dass ich einen Weg suche, das Leben meiner Freunde wieder herzustellen! Also weshalb sollte ich mich nach dem Tod sehnen? Weil ich insgeheim ein stereotypischer Antiheld einer beschissenen Story bin?!?"
      Er trat einen Schritt auf sie zu und sah sie noch kälter an als er es eigentlich schon tat.
      "Ich habe mich deshalb nicht gewehrt, weil ich dachte, meine Partnerin scheuert mir eine!", zischte er. "Ich habe dieses Artefakt weder erahnt noch dessen Wirkung gekannt, als du es in den Pflock getrieben hast! Ich habe gedacht, ich wäre zu weit gegangen, aber dass du dem Wahn erliegen würdest, mich töten zu wollen, habe ich leider nicht absehen können."
      Er wandte sich ab und verschwand wieder hinter dem Tisch. Mit einem Wink verschwanden die Menschenhologramme und hinterließen Kälte im Raum.
      "Ich scheiße auf diese Prophezeiung!", rief er. "Ich habe immer darauf geschissen, weil es keinen Sinn macht, Gespenstern hinterher zu jagen. Und ja, erstaunlicherweise wollte ich in deiner Nähe bleiben! SO EIN BESCHISSENES WUNDER NICHT WAHR?! DASS DER VERTEUFELTE MÖRDER SICH AUSGERECHNET IN DER NÄHE EINER POLIZISTIN MIT DICKSCHÄDEL UND MEHR KOMPLEXEN ALS KATE WINSLET IN TITANIC WOHL FÜHLT!"
      Es ließ sich nicht mehr halten. Dafür war es zu spät.
      Er spürte die Wut emporsteigen und wollte sie nicht an ihr auslassen. Es war nicht recht, das zu tun. Er hatte das einmal getan und würde es nie wieder.
      "Und jetzt verschwinde...", murmelte er kraftlos und sah auf den Tisch. "Verschwinde nach oben und erwarte deinen Bruder. Er müsste gleich da sein. Ihr habt zwei Zimmer nebeneinander."
      Es war genug für einen Tag.

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    • Man sagt, dass Wut verpuffen kann wie Luft. Bis jetzt kannte Ember diesen Zustand nicht, aber als August sie mindestens genauso ungehemmt anschrie wie sie ihn kurz davor, erging es ihr genau so. Als die Wut sich in Luft auflöste hinterließ sie ein gähnendes Loch, das sie nicht zu füllen vermochte. Stattdessen stand sie nur da und begann langsam zu nicken. Stimmt, sie hatte Shawn ja beinahe vergessen.
      Die Detective machte auf dem Absatz kehrt und schickte sich an, die Treppen wieder hinaufzugehen. Während des Laufens fügte sie dem ganzen Chaos dann doch noch etwas hinzu: "Dolores fragte mich, was ich in dir sehe. Ich habe gesagt einen Freund. Einen Kollegen. Das ändert sich auch hier nach nicht."
      Sie wartete keine Reaktion ab und warf auch keinen Blick mehr zurück. Er hatte ihr klar gemacht, dass sie beide festgefahren waren.

      Oben angekommen suchte Ember ihren angestammten Platz an der Theke wieder auf. Ihr Glas stand noch immer unberührt dort, nur das geschmolzene Eis zeugte von der verstrichenen Zeit. Nebst des Glases lagen zwei Schlüssel mit Nummern in direkter Folge. Ganz wie er gesagt hatte. Seufzend widmete sie sich ihrem Glas, das sie wie zuvor auf dem Holz in kleinen Kreisen bewegte.
      Bis die Eingangstür aufgestoßen wurde und ein leiser Tumult die Stille auflöste.
      "Ja, danke, den Rest schaffe ich auch wunderbar allein! Gott, was denkt die sich eigentlich... Im Puff absteigen, ich werd' nicht - oh, Ember!"
      Ember drehte sich halb auf ihrem Hocker um, die Ereignisse sichtbar in den Zügen ihres Gesichts verankert. So sichtbar, dass selbst ihr Bruder auf dieser Distanz hin kurz innehielt und sie verdutzt ansah.
      "Ich dachte, du sähest nach dem Krankenhaus scheiße aus. Hab mich getäuscht. Alles okay?", fragte er nach und schleppte eine bullige Sporttasche hinterher, was das erste gewesen sein musste, dass er auf die Schnelle hatte finden können.
      Ohne die übliche Zeit sich in Schale zu werfen sah ihr jüngerer Bruder herrlich normal wie der nette Junggeselle aus der Nachbarschaft aus. Er hatte sich von seinen Falthosen getrennt und sich in eine Jeans gesteckt, das dunkle Poloshirt war ausnahmsweise mal nicht bis zum Anschlag zugeknöpft. Er ließ neben ihr die Tasche auf den Boden fallen, um seine Schwester kurz zu drücken.
      "Shawn, es tut mir so leid. Ich versuche alles damit dir nichts passiert, ja?" Sie hörte selbst wie angeschlagen ihre Stimme war.
      "Bisher hast du noch immer dein Wort gehalten. Das kann doch nicht alles sein, dass die harte Detective so mitnimmt, oder?"
      Ember verzog das Gesicht und stand auf. Schweigend deutete sie mit ihrem Daumen nach oben, sackte die beiden Schlüssel ein und bedeutete Shawn ihr zu folgen.
      Im nächsten Stockwerk betraten die Geschwister ein Zimmer, in dem Shawn erst einmal unterkommen durfte. Er hatte nichts weiter gesagt bis die Tür hinter ihm von Ember geschlossen wurde und er seine Tasche auf dem Bett abgestellt hatte. Erst da hatte er seine Schwester um Aufklärung gebeten und obzwar sie etwas widerwillig war, gab sie ihm zumindest die groben Umstände. Damit er wenigstens wusste warum er das nächste Ziel sein konnte.
      Ember hatte sich einen Stuhl herangezogen und erzählt während Shawn sich auf das Bett gesetzt und damit begonnen hatte, seine Tasche etwas auszuräumen und zu sortieren.
      "War doch absehbar, dass du ihm nichts hättest antun können", schloss der junge Mann schließlich leichtfertig, als sei es das Offensichtlichste der Welt.
      Daraufhin schüttelte Ember nur den Kopf. "Wenn ich sicher gewusst hätte, dass es alle meine Probleme löst, dann schon."
      Sie bekam einen flüchtigen Seitenblick ihres Bruders. "Nein, hättest du nicht. Du bist nicht der Typ für sowas. Würdest du Foremar wirklich verabscheuen, dann vielleicht ja. Aber so wie es klingt, tust du es nicht. Also suchst du nach einer Lösung dazwischen. Wie immer."
      Die Detective quittierte es mit einem unglücklichen Geräusch. "Vielleicht hat sich die ganze Sache auch nach diesem Akt. Vielleicht finden wir einen Weg, wie wir den Sharokh aufhalten und dann werden sich unsere Wege wohl trennen. Ich hab ihm versprochen, ihn nicht ins Evenstar zurück zu bringen. Ich halte mein Wort."
      "Ich weiß nicht... Ihr seid nicht mehr auf einer Ebene, wo ihr euch einfach... trennt." Er zog seine Kulturtasche hervor und wühlte nach seiner Zahnbürste und Zahnpasta. "Wer sich so anschreit wie ihr das gemacht habt, geht nicht einfach seiner Wege. Du hast dich damals mit Alex anders getrennt. Ihr habt euch sachlich ausgeprochen und dann nie wieder von einander gehört, oder?"
      Ein Schweigen entstand. Unbehelligt förderte Shawn ein schlichtes weißes Shirt und eine graue Jogginshose zu Tage.
      "Shawn, ich bin ein egozentrisches Stück menschlichen Abfalls. Hättest du mir das nicht mal eher sagen können?" Sie rieb sich dabei die Stirn und versuchte, die Kopfschmerzen zu verbannen.
      "Emmi, du bist vielleicht ein wenig... verkappt. Aber ganz bestimmt nicht so egozentrisch wie du denkst."
      Shawn klaubte seine herausgewühlten Sachen zusammen und ging an Ember vorbei zum Badezimmer, jedoch nicht ohne ihre Schulter einmal kurz zu tätscheln.

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      "I rather trust and regret than doubt and regret"
    • Es gab nichts mehr zu sagen...
      Für eine Weile betrachtete er nur den schmierigen, staubigen Raum vor sich, ehe er den Kopf auf die Hände stützte und schwerer seufzte, als ein Opernstar vor der ungeliebten Premiere. Freund...Kollege...Was für ein Bullshit, dachte er und schlug mit der Faust auf den Tisch, sodass erneut das Holz vibrierte.
      "Kacke...", zischte er und richtete sich auf, um die Unordnung zu beseitigen.
      "Hier drin sieht es aus wie in einem Schweinestall", bemerkte eine Stimme, vor der er sich zwar erschreckte, aber gleichsam auch wieder durchatmete.
      Dolores stand in all ihrer ehrerbietenden Grazie am Fuß der Treppe und betrachtete den Keller.
      "Lory...Was-Was tust du hier?", seufzte er.
      "Na, was wohl, du dummer Junge? Ich habe Schreie gehört und gedacht, du misshandelst eine Frau."
      "Erstens bin ich weder ein Junge und zweitens kein Misshandler. Ich bin zudem älter als du, weißt du?"
      "Nur auf dem Papier", bestätigte die alte Frau und wanderte ziellos durch den Raum, als suche sie etwas. "Izabella hat hier unten viel Zeit mit dir verbracht. Ich kann mich erinnern, dass ihr hier immer geforscht und Theorien ausgeklüngelt habt. Sie war so glücklich, wenn ihr alle da wart..."
      August schnaubte, konnte sich aber nicht eines schmallippigen Lächelns erwehren.
      "Also...", begann sie und lehnte sich an den Tisch, ehe sie August mit einem ernsten, strengen Ausdruck bedachte. "Willst du mir berichten, was hier gerade geschehen ist?"
      August sah sie an und schüttelte den Kopf.
      "August William Foremar!", mahnte die alte Frau.
      "Ich habe keinen Mittelnamen!"
      "Völlig egal, es klingt theatralischer. Nun hör einer alten Frau zu und tu uns beiden den Gefallen und halte für 2 Minuten den Mund!", sagte Dolores und sah ihn an. "Ich weiß nicht, wer diese Frau ist und warum du sie beschützt, als wäre sie die Königin von Saba. Aber was ich weiß, ist dass du dich selten mit einer Frau derartig gestritten hast wie mit ihr..."
      August verschränkte die Arme.
      "Sie war gemein...", murmelte er.
      "Ach, gemein. Sie hat dir vielleicht einmal den Spiegel vorgehalten, aber gemein?!"
      "Sie wollte mich töten!!!"
      "Paperlapapp. Das wollte Izabella auch und sie hat dich geliebt. Merkst du nicht, dass du es schon wieder tust?"
      "Tu was?"
      "Dass du die Menschen von dir stößt, die dir ausnahmsweise mal nicht feindlich gesonnen sind?", fragte Dolores und zog eine dünne Augenbraue hoch.
      "Das ist nicht wahr. Ich habe dich nicht weggestoßen, ich habe Ulysses, ich habe..."
      "Weißt du, wie meine Mutter dich nannte?"
      Der Rogue hielt inne und sah sie fragend an.
      "Mr Shit-My-Pants."
      "Wow. Deine Mutter war wirklich nicht gut auf mich zu sprechen...", murmelte er und seufzte.
      "Mitnichten ist das der Fall. Sie hat dich gemocht, August. Aber jedes Mal, wenn dir ein Mensch zu nahe kam, hast du ihn fortgestoßen und dich selbst sabotiert. Du hast Gründe gesucht um den Menschen fortzujagen. Izabella hat das nur nicht zugelassen. Und das war dein Glück...Und selbst diese Frau...Sie sieht dich als Freund, August. Sei so gut und sei nicht wieder so ein hemmungsloser Arsch vor dem Herrn."
      Das brachte ihn zum Schmunzeln. Solche Worte aus dem Munde einer edlen alten Frau. Dolores wandte sich zum Gehen und seufzte schwer.
      "Weißt du...Ich werde nicht mehr lange auf Gottes grüner Erde wandeln..."
      "Das sagst du seit 40 Jahren."
      "Halt deinen verteufelten Sabbel und hör einer alten Frau zu, HimmelarschundZwirn!", donnerte sie mit hoher, atemloser Stimme.
      Schweigend sahen sie sich beide an und verfielen nach kurzer Zeit in Gelächter.
      "Tut mir Leid"; murmelte August nachdem sie sich die Lachtränen aus den Gesichtern gewischt hatten.
      "Entschuldige dich nicht bei mir"; zwinkerte Dolores ihm zu. "Und jetzt räum diesen Saustall hier auf und geh duschen. Du stinkst wie ein ungewaschener Iltis. Und tu dir einen Gefallen: Schlaf dich ausnahmsweise mal aus. Du wirst zur Diva, wenn du nicht schläfst."
      "Alte Schabracke!"
      "Dämlicher Idiot!"
      "Gute Nacht!", rief er ihr nach und begab sich lächelnd an die Arbeit.

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    • Ein paar Minuten später kam Shawn aus dem Bad zurück und fand seine Schwester noch immer auf dem Stuhl sitzend vor. Sie hatte sie inzwischen nach vorn gelehnt und stützte ihre Ellbogen auf den Oberschenkeln ab. Als er zu ihr aufschloss, nun in Jogginghose und Shirt gekleidet, legte er ihr sanft eine Hand auf die Schulter.
      "Das wird schon werden, Emmi."
      Ein sehr gedehnter, kontrollierte Atemzug kam von Ember bevor sie plötzlich aufstand und ihren größeren kleinen Bruder in die Arme zog. Er hatte diesem Vieh nicht gegenüber gestanden. Nichts von der erdrückenden Macht gespürt und nicht die Opfer gesehen. Er wusste gar nicht welches Schicksal ihn erwarten mochte wenn Ember und August keinen Weg fanden, den Sharokh von ihm abzuhalten.
      "Ich kann euch nicht jetzt schon verlieren."
      Er hörte, wie ihre Stimme zitterte, brach und sie ihn noch fester an sich drückte. Schon damals war sie nicht mit dem Tod der kleinen Emily klargekommen. Jetzt in Aussicht gestellt zu bekommen, dass ihr alles genommen werden konnte, dass der warme Körper ihres Bruders in ihren Armen mit einem sehr baldigen Verfallsdatum gekennzeichnet worden war, jagdte ihr eine Heidenangst ein. Und weil sie ein bisschen besser verstehen konnte, wie sich August wohl gefühlt haben mochte und es immer noch tat.
      Shawn schwieg und streichelte Ember über den Rücken bis sie ihn nach einer Ewigkeit wieder freigab. Was sie jetzt brauchte war Schlaf. So viel wie sie davon kriegen konnte.
      "Alles klar. Ich bin nebenan, wenn was sein sollte. Wir schauen später, was wir tun können, okay?"
      Ein geschafftes Lächeln blitzte kurz auf ehe sie Shawn allein ließ und sich in ihr Zimmer direkt daneben begab.

      Donnerstag - 7:49 Uhr

      Ember war wie ein Stein in ihr Bett gefallen und hatte eine unruhige Nacht hinter sich. Als sie nach den paar Stunden Schlaf aufwachte, brauchte sie zunächst einen Moment bis sie sich lokalisiert hatte und wusste, wo sie sich befand. Im Gegensatz zu Shawn hatte sie nichts mitgebracht und war so, zwar ohne ihren Mantel und Schuhe, ins Bett gefallen. Dementsprechend fertig sah sie aus.
      Möglichst leise trat sie auf den Flur und kam nicht drum rum an der Tür neben ihrer zu lauschen. Leise hörte sie das Schnarchen ihres Bruders - ein Talent, für das sie ihn schon häufiger aufgezogen hatte. Wie erhofft hatte sie auf ihrem Weg maximal das ein oder andere Mädchen getroffen, das sie nicht kannte, und auch die Barräume strahlten nicht mehr im Glanze der Nacht und wirkten somit viel zu seriös. Dafür tummelten sich hier nun mehr junge Frauen, die meisten waren mit frühstücken beschäftigt und warfen ihr nur den ein oder anderen vielsagenden Blick zu, vermutlich aufgrund ihres zerrupften Erscheinungsbildes.
      Draußen auf dem Platz sah sie sich zunächst um. Nachdem sie entschieden hatte, dass sie halbwegs sicher von Dannen kam, rief sie sich ein Taxi und nannte ihre Wohnung als Ziel. Sie musste wenigstens ein paar Teile zusammenpacken und dafür sorgen, dass sie nicht aussah wie Kraut und Rüben. Während der Fahrt warf sie einen Blick auf ihr Handy und stellte zu ihrer Überraschung fest, dass sich niemand gemeldet hatte. Fast schon hatte sie damit gerechnet, wieder wutentbrannte Anrufe insbesondere von Hawthorne zu haben. Doch niemand schien ihr zuzuschreiben, dass sie Grund für die immense Aurenlast im Park verantwortlich war. Heyden hatte also sein Wort gehalten.
      Fluchs hatte Ember Sachen zusammen in einen Koffer geschmissen und immerhin ihre Haare gebändigt und in einen Zopf verfrachtet. Kurz darauf saß sie bereits wieder im Taxi, auf dem Rückweg zum Twisted Mind Palace mit einem kleinen Zwischenstopp. Noch auf der Fahrt rief sie bei Heyden an, berichtete ihm, dass ihr Plan funktioniert hatte und sie nun ein wesentlich größeres Problem an der Backe hatte. Er versprach ihr, seine Zellen anzustregen und vielleicht noch etwas bis morgen auf die Beine zu stellen. Versprechen konnte er es ihr jedoch nicht.
      Als sie zurück ins Etablissement kam, war der Großteil der Damen noch immer mit Frühstück beschäftigt. Ember wusste nicht, wann der Laden seinen normalen Alltag aufnahm. Deswegen kam sie nur an die Theke und stellte eine Tüte vom Bäcker darauf ab. Mit Edding hatte jemand darauf geschrieben August.
      "Falls eine von euch ihn sehen sollte", sagte Ember hörbar in den Raum und deutete auf die Tüte, "könntet ihr ihm die geben?"
      Dann stapfte sie die Treppen wieder hoch zum ersten Stock und klopfte an Shawns Tür. Es brummelte dahinter, wodurch Ember mit einem Lächeln eintrat und ihren Bruder entdeckte, der sich gerade völlig zerrockt aufsetzte.
      "Frühstück?", fragte sie ihn und zog die Tür hinter sich ins Schloss.

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    • [I pray to the hunter, to spare us tonight
      I pray to the earth bones, for the blessing of my fight
      I pray to the winter, to death and decay
      I pray to the wise one, to guide me on my way]
      ~Saltatio Mortis - Pray To The Hunter~


      Donnerstag, 6:00 Uhr

      Ein Abend voller Aufräumarbeiten, das Fokussieren auf die Vergangenheit und das Vergessen der Tatsache, dass er sich mit dem Menschen, den er schützen wollte, schlimmer gezofft hatte als eine russische Familie beim Trinkspiel. Es war alles in allem eine widerliche Nacht gewesen. Still hatte er noch an Embers Tür im Obergeschoss gehalten und die Faust bereits zum Klopfen erhoben, da er sie wieder sinken ließ und schweigsam zu Bett ging.
      Und der Morgen brachte nicht mehr Erleichterung.
      August Foremar war ein entschiedener Gegner von Handys. Aber aufgrund Embers Nummer hatte er sich eines zugelegt und dummerweise seine Nummer auch an Eva Beauregard gegeben, die ihn jetzt auf diesem Teufelsding versuchte, anzurufen. Jämmerlich und ätzend ertönte das Piepsen dieses MIstdings durch das Obergeschoss, wo er ein Zimmer einer jungen Dirne bezogen hatte, die sich dankenswerterweise in ein anderes verzogen hatte. August vermutete, dass sie mit Sylvia, der anderen Dame etwas hatte, aber was wusste er schon von Zwischenmenschlichkeiten?
      "Was?!", keifte er ins Handy nachdem er das Gespräch angenommen hatte.
      "Isch bins."
      "Das weiß ich Eva, nur zwei Menschen haben diese Nummer. Also sag an: Was haben unserer Freunde herausgefunden?"
      "Nischts", bestätigte die Frau am Telefon. "Die Polizei tappt im Dunkeln. Sie 'aben nur die Fläsche gefunden und versuchen nun 'erauszufinden was sich zugetragen hat. Dein Mann bei der Polizei hat jedoch gesagt, dass sie dreimal erhöhte Aurenaktivität wahrgenommen haben, n'est pas?"
      "Dreimal?"
      "Oui. EInmal in London im Park, einmal in Shatterminster im Norden von Monschesta..."
      "Manchester...Herrgott, Eva..."
      "Alter Klügscheißer....", seufzte sie. "Und einmal in Chelsea..."
      "Alles klar...Ich danke dir, Eva. Würdest du die Güte besitzen, ins Twisted Mind zu kommen? Vielleicht gegen 9?"
      "Oui."
      Schweigend legte er das Gespräch auf und ließ seinen Kopf schwer ins Kissen fallen. DOch an Schlafen war nicht mehr zu denken. Seine Gedanken rasten und innerlich versuchte er mehr und mehr, herauszufinden, was hier eigentlich los war? Kopfschüttelnd warf er sich eine lockere Hose über und schlüpfte in seine Schuhe, ehe er Oberkörperfrei (und freilich in der Unwissenheit, dass sie Gäste hatten) nach unten ging, um den Keller erneut zu betreten. Er brauchte die alten Aufzeichnungen.

      Donnerstag, 7:58 Uhr

      Dolores wurde mit einem schwieligen GRinsen der Mädchen empfangen, die ihr kichernd und tuschelnd das Paket von Ember brachten. Es war selten, dass Jemand August eine Aufmerksamkeit brachte. Vor allem nicht, wenn er derartig griesgrämig gewesen war. Schmunzelnd dankte sie ihren Damen und herrschte sie an sich etwas anzuziehen. Der junge Herr und Bruder von Ember sollte nicht unnötig in Versuchung geraten. Erst dann kam Dolores eine Idee.
      Schweigsam grinsend ging sie nach unten und klopfte behutsam an die kleine Zwischentür.
      "Bin nicht da!", rief es von drinnen, ehe sie sich räusperte.
      "AUGUST FOREMAR!", bellte sie durch das Holz, sodass man es vermutlich bis in die oberen Räume hörte. "WENN DU NICHT GLEICH HINAUF KOMMST UM DEIN FRÜHSTÜCK EINZUNEHMEN, ZIEHE ICH DIR DIE OHREN VON HIER BIS NACH LIMERICK, HABEN WIR UNS VERSTANDEN?!"
      Ein genervtes Seufzen drang durch die Tür ehe sie nickend wieder nach oben stiefelte. Nur um ihren Gang fortzusetzen und auch an die Tür der Geschwister zu klopfen. Mit Glück traf sie die richtige und steckte lächelnd den Kopf hinein.
      "Guten Morgen, meine Lieben", begrüßte sie die beiden herzlich und sah ebenfalls die Tüten in ihren Händen. "Oh, Sie wollen doch nicht alleine hier oben Ihr Mahl zu sich nehmen, nicht wahr? Die Mädchen haben gerade den Tisch unten gedeckt. Ich dachte, wir könnten vielleicht zusammen den Tag beginnen, was meinen Sie?"
      Keine Widerrede duldend kicherte sie und wandte sich um.
      "Ich erwarte Sie in zehn Minuten, meine Lieben. Abendkleidung ist nicht von Nöten. Ich wäre froh, wenn August eine Hose trüge."
      Das leise Kichern begleitete sie noch den ganzen Flur lang, während sie unten Befehle bellte, dass Kaffee gekocht würde. Hach, es würde ein schöner Morgen, als sie die Kellertür aufgehen hörte.
      Ein grimmiger und zerrupft aussehender August betrat mit Augenringen tiefer als der Canyon den Raum und knurrte.
      "Alte Schabracke..."
      "Dummer Idiot. Denkst du nicht, du könntest mal etwas Schlaf gebrauchen?"
      Murrend ließ er sich auf einem Stuhl an dem destinierten Tisch nieder und schlug seinen Kopf auf den Tisch, wo er kurz liegen blieb.
      "Hab die halbe Nacht geforscht..."
      "Ich weiß...Man hat es gehört", bemerkte die alte Frau spitz und goss ihm Tee in die Tasse.
      "Mhmhm...will kein Tee..."
      "Halt den Sabbel und trink deinen Tee!"
      "Seit wann zum Geier bist du meine Mutter?! Ich bin älter als du! Habe Respekt vor Älteren!", murmelte August und hob nur einen Finger ohne die Stirn vom Tisch zu heben-
      "Du magst als Genie gelten, Herr Professor, aber wenn du nicht bald deinen Tee zu dir nimmst und das isst, was auch immer in dieser Tüte ist, schleppe ich dich eigenen Handes zum Pfarrer und lasse dich taufen!"
      "Das wagst du nicht!!", zischte er und sah sie grimmig an.
      "Ich wage. So wahr ich hier sitze. Und jetzt setz dich ordentlich an den Tisch, wir haben Gäste und sind keine wilden Tiere!"

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    • Shawn hatte sich inzwischen aus dem Bett gewühlt und an die Bettkante gesetzt, um das Schokobrötchen von Ember in Empfang zu nehmen, das sie ihm von ihrem Sitzplatz auf dem Stuhl reichte. Er sah erstaunlich entspannt aus für den Fakt, dass seine Uhr viel zu schnell tickte und er sich scheinbar der Gefahr einfach nicht bewusst war.
      "Du warst schon wieder viel zu früh wach", tadelte er seine Schwester und biss vom Brötchen ab.
      "Du hast einfach einen bemerkenswerten Tiefschlaf", entgegenete Ember und schaute selbst in die Tüte und überlegte, was sie sich nehmen wollte.
      Dann ertönte auf einmal eine gedämpfte Stimme von der Ember wusste, dass es Dolores sein musste. Ihre Augenbrauen hoben sich anerkennend bei dem beeindruckenden Organ der alten Dame. Sie beide konnten nicht viel verstehen, aber den Namen hatten sie mit absoluter Sicherheit gehört. Shawns Blick glitt zu Ember, die sehr energisch weiter in der Tüte grub.
      Da fing der junge Mann plötzlich an, breit zu grinsen. "Oh, sag mir nicht, du willst ihm aus den Weg gehen."
      "Halt den Mund, Shawn."
      "Du gehst doch sonst keiner Konfrontation aus dem Weg. Außer natürlich, wenn du -"
      Es klopfte an der Tür und die Köpfe der Geschwister zuckten zur Tür. Der Kopf einer alten Dame schob sich durch den Türspalt und lächelte sie an. Keiner von ihnen kam auch nur dazu, etwas zu erwidern, da war Dolores schon wieder verschwunden. Ember grummelte lediglich während Shawn ein heiseres Lachen nur als ein kümmerliches Hüsteln vertuschen konnte.
      Zehn Minuten später kam Ember, die sich eine frische fliederfarbene Bluse mit grauer Jeans angezogen hatte, zusammen mit Shawn, der nun ein hellblaues Hemd und seine schwarze Falthose trug, die Treppe hinunter. Sie brauchte nicht mal drei Sekunden, um August weiter hinten in der Bar allein an einem Tisch sitzen zu sehen. Zwei weitere Sekunden genügten um festzustellen, dass man sehr strategisch die nächsten Plätze in der Bar mit Damen besetzt hatte, damit sie beide fast schon automatisch zu dem Rogue an den Tisch geleitet wurden.
      Shawn ließ sich davon nicht irritieren. Bei ihm machten Kleider tatsächlich Leute, sodass er mit seinem gewohnten Outfit seine übliche Souveränität zurückerlangt hatte und seine Schwester einfach am Arm mit sich führte. Während sie an der Bar vorbei gingen nickte er den Damen dort zuvorkommend zu ehe sie am Tisch ankamen, wo August noch immer vornüber gesackt seinen Tee verweigerte.
      Ember sah als erstes die Tüte, die sie ihm mitgebracht hatte. Sie war noch immer so geschlossen wie zuvor und ein kleiner Stich Ernüchterung durchfuhr sie ungewollt. Natürlich nahm er nichts an, was von ihr kam nach der Aktion gestern. Schweigend setzte sie sich einfach möglichst weit entfernt von ihm, was einen belustigten Blick ihres Bruders hervorrief. Ein wenig stutzig war sie dann doch, dass der Rogue einfach nur halbbekleidet am Tisch saß. Was zur Hölle hatte der Mann die Nacht über getrieben?
      "Mr. Foremar? Ich bin Ms. Sallows Bruder, Shawn Sallow. Ich freue mich, Ihre Bekanntschaft zu machen, wenn auch unter etwas ungünstigen Umständen", stellte Shawn sich fachmännisch vor bevor er sich neben seiner Schwester auf einen Stuhl sinken ließ und sofort die Hände offen auf den Tisch mit den Handflächen nach oben ineinander legte. Eine Gewohnheit, die er sich aus unerfindlichen Gründen angeeignet hatte.
      Prompt erntete er einen leicht skeptischen Seitenblick Embers. Für gewöhnlich war ihr Bruder Zauberern ungefähr so abgeneigt wie sie selbst. Dass er diesen aufgeschlossenen Umgangston pflegte trotz der Tatsache, dass er genau wusste, wen er vor sich sitzen hatte, erstaunte die Frau. So sehr sich die Detective in andere Menschen hineinversetzen konnte - bei ihrem Bruder scheiterte sie immer wieder.

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      "I rather trust and regret than doubt and regret"
    • August grunzte, als er die fremden Stimmen hörte und reagierte zunächst nicht wirklich auf die Neuankömmlinge. Obgleich sich die Aura des Raumes veränderte und er Embers Geruch wahrnahm, wie in dieser Nacht als sie ...
      Bleib bei der Sache, Foremar!
      Dolores herrschte derweil die Mädchen an und setzte sich ebenfalls dazu, während sie Tee einschenkte und an die BEteiligten verteilte. Sie selbst hatte bereits gespeist, trat aber August unter dem Tisch, während sie den anderen zulächelte. Die Tischplatte hüpfte dabei und der Rogue schrie auf.
      "Autsch, verdammte Eselspisse!"; keifte er und sah wütend zu Dolores, die ihn anherrschte.
      "Keine Kraftausdrücke bei Tisch! Man hat sich dir vorgestellt, du Gockel. Jetzt sei wenigstens höflich!"
      August erhob den Kopf vom Tisch und sah Shawn das erste Mal live und in Farbe. Ein gutaussehender junger Mann, das musste man ihm lassen. Die guten Gene lagen eindeutig in der Familie, wenn man sie die Augen und die Kieferform betrachtete. Beide hatten sich regelrecht herausgeputzt und auch wenn er es nicht wirklich wollte, rutschte er ein wenig peinlich berührt auf dem Stuhl hin und her, um sich nicht zu deutlich zu machen, dass er nur eine Hose trug, während Ember...
      Hör endlich auf!
      "Angenehm", murmelte August und mied Ember zunächst jeden Blickes. "Nennen Sie mich August. Mr Foremar war mein Vater. Ich hoffe, Sie konnten angenehm ruhen?"
      Er blickte das erste Mal zu Ember und nickte ihr nur schwach zu, während Dolores ihn anwies, die Tüte zu öffnen. Der Duft von Gebäck erfüllte den Raum als er die Scones auf seinen Teller schüttete und dabei aussah wie ein unbeholfenes Biest.
      "Nun, Mr und Ms Sallow", sagte Dolores und rührte lächelnd im Tee. "Erleuchten Sie eine alte Frau. Was tun Sie beide so im Leben? UNd vor allem: Welch Unglück brachte Sie beide zu meinem August? Ms Sallow, Sie entschuldigen, wenn ich es erwähne, aber Ihre Geschichte ist mir beinahe zu geläufig. August hier erzählt viel von Ihnen..."
      "Zu. Viel. Info.", bemerkte August mit vollem Mund während er genüsslich die Scones verspeiste. Nach einer Nacht voller Bücher war das göttlich. "Ach einff noff: Leiff kommd noff Effa! AUA!"
      Ein weiterer Tritt unter dem Tisch sorgte für Ruhe.
      "Erstens unterbricht man Gäste nicht. Zweitens weiß ich dass Ms Beauregard noch kommt und drittens spricht man an meinem Tisch nicht mit vollem Mund, du Ekel! UNd jetzt iss die Scones, die Ember dir mitgebracht hat und sag danke!"
      "Manke!", murmelte er und senkte den Blick.
      Wer war hier eigentlich der Massenmörder?
      "Nun", sagte Dolores und sah Shawn an. "Erzählen Sie mein Lieber."

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    • Ember hielt sich penibel aus der Sache raus. Stattdessen tat sie so, als müsse sie ihre Teetasse unter Kontrolle behalten, als der Tisch kurz erzitterte und August aufschreckte. Beschäftigt ertränkte sie einen Teelöffel Zucker im Tee. Wenn sie bald keinen ordentlichen Kaffee bekam, würde sie nicht lange durchhalten.
      Shawns Gesichtsausdruck sprach allerdings für beide Sallowgeschwister. Er machte keinen Hehl daraus, was er dachte oder wie er die Dinge interpretierte. Also ließ er ungeniert seine Augenbrauen nach oben wandern während er fast schon fasziniert dabei zusah, wie der berüchtigte Arkana von einer alten Frau die Lewiten gelesen bekam. Er blieb allerdings an der gräulichen Haarsträhne hängen. Zumindest bis sich August etwas weiter aufrichtete und Shawns Augen fast so aufmerksam wie er es von Ember gewohnt sein dürfte über den Oberkörper des Rogues driften ließ. Einen Augenblick später nickte er schließlich.
      "Sicher, ich habe auch nichts anderes von den Betten hier erwartet, wenn ich ehrlich sein soll. Obwohl es schon ein wenig aus dem Blauen kam, als Ember mich anrief. Angesichts des Umstandes - sehr erfreut, August. Shawn reicht dann ebenfalls."
      Ember schob ihrem Bruder eine gefüllte Tasse herüber mit mindestens drei Löffeln Zucker im Tee. Wenn Shawn eines liebte, dann Süße die einen sofort zum Diabetiker machte. Dass er auch noch mit einer Grazie diesen dämlichen Tee trank, bei der so manche englische Lady vor Neid erblassen würde, ließ Ember fast eine spitze Bemerkung loswerden. In dem Zuge streifte sie Augusts Blick oder bildete es sich zumindest ein.
      Als Dolores erwähnte, dass der Rogue viel von ihr erzählte, zuckten Embers Augen hoch zu ihm, während Shawn sein Grinsen in seiner Teetasse zu ertränken suchte. Erst da sah sie, dass sich der Zauberer endlich an die Tüte gewagt hatte und mit sichtbarem Genuss über die wehrlosen Scones herfiel. Für einen winzigen Moment blitzte ein Lächeln auf ihren Lippen auf ehe es wieder in ihrer undeutbaren Miene verschwand.
      "Ich bin Makler, Mrs..?"
      "Lynch", ergänzte Ember ihren Bruder und erschrak selbst über den Laut ihrer Stimme.
      "Mrs. Lynch, ja. Draußen in Birmingham. Ich habe meine Schwester aus dem Krankenhaus geholt nach ihrem Unfall und seitdem spiele ich ihr Taxi, sozusagen. Jedenfalls bis sie wieder einen Wagen hat. Den alten hat es ja ziemlich aus dem Leben gehauen."
      Er zuckte mit den Schultern als eine junge Frau mit nachtschwarzen Haaren ihnen eine Kanne Kaffee und zusätzliche Tassen brachte. Sein Blick hing etwas zu lange an ihrem Gesicht, doch dann schenkte er ihr dieses offenherzige Lächeln, für das seine Schwester ihn abgöttisch liebte. Und beneidete.
      Indes war Ember an dem Griff ihrer neuen Kaffeetasse festgefroren. Wenn sich ihr zerstörtes Hirn nicht täuschte war Beauregard der Name eines weiteren Arkana. Einem hochrangigen dazu. Also hatte August in diesen paar Stunden schon einen weiteren Arkana ausfindig machen können und hierher bestellen können. Ob das gut war würde sie sehen. Aber die Frau würde alles tun, damit ihr Bruder den Angriff überstehen würde, und August ebenfalls.
      "Aber ich muss gestehen Mrs. Lynch, das hier ist eine ganz wunderbare Bar. In Birmingham haben wir nur dreckige Absteigen, da fängt man sich was ein wenn man nur den Fuß über die Schwelle setzt. Aber hier", er machte eine Pause und lächelte wieder irgendein Mädel an, das gerade vorbeikam, "fühlt man sich direkt wohl."
      Dann streckte er sich nach einem weiteren Schokobrötchen aus der Tüte, die Ember mit nach unten gebracht hatte. Es raschelte kurz, dann richtete Shawn seinen Blick auf August.
      "Ich denke, wir kriegen das Problem schon in den Griff. Meine Schwester steckt großes Vertrauen in Sie und ich traue ihrem Urteil. Sie hat in der Regel ein gutes Gespür für die Absichten der Menschen."
      "Reib doch noch mehr Salz in die Wunde", nuschelte die große Schwester während sie sich den heißersehnten Kaffee einschüttete.
      Shawn reagierte nicht drauf. Seine Aufmerksamkeit verschob sich wieder zu Dolores, der er anbot, auch einen Kaffee einzuschenken.
      "Vielen Dank, dass ich hier unterkommen darf für den Zeitraum. Es tut mir leid, dass ich dafür eines Ihrer Zimmer blockieren muss. Wenn ich etwas tun kann, zögern Sie nicht. Ich bin zum Schutze hier, nicht weil ich krank bin."
      "Also eigentlich fände ich es ganz angebracht, wenn du dich gleich erst mal zurückziehst, wenn der nächste Gast kommt", warf Ember plötzlich ein.
      Sie wollte nicht, dass Shawn mit mehr Arkana in Kontakt kam als unbedingt nötig. Sie wusste zu schätzen, dass er August nicht feindlich gesonnen gegenüber trat, aber sie konnte nicht einschätzen wie er bei anderen Rogues reagierte, die sie ebenfalls nicht kannte. Schließlich kamen sie immer noch aus dem gleichen Haus.
      "Ernsthaft? Ich schätze, dieser Gast wird auch hier sein wegen unserem Problem. Da ich das Ziel des Problems sein werde darf ich mich doch wenigstens vorstellen."
      Widerwillig schwieg Ember. Anstatt weiter darauf einzugehen wanderte ihr Blick wie von selbst hinüber zu August. Er sah furchtbar aus. Total zerrupft mit Augenringe, die ihre schlimmsten in den Schatten stellten. Offensichtlich hatte er noch weniger Schlaf bekommen als sie und so wie er sich über die Backware hermachte auch noch nichts gegessen. Jäh erinnerte sie sich daran, wie sie seine Rippen unter ihren tastenden Fingerspitzen hatte fühlen können. Wie er über ihr hing, als sie ihre Hände weiter über den vernarbten Rücken schob. Leise seufzte Ember in Anbetracht dieser Erinnerung und nahm einen ausgiebigen Schluck des heißen Kaffees, der sich seinen Weg durch ihre Kehle zu brennen schien.

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    • Dolores kicherte kokett, als sie ihren Tee an die Lippen setzte und August mit einem Auge beim Mampfen zusah. Nun, Essen konnte man dieses Massaker ja nun nicht nennen. August zwischenzeitliches Grunzen mal abgesehen, während er den Raum und Shawn beobachtete. Etwas störte ihn an seinem Gehabe. Nicht, dass er nicht freundlich war...Aber es war beinahe zu freundlich! Als würde er sich überwinden, geradezu zwingen, der Situation positives abzugewinnen.
      "Ach Mr Sallow", sagte Dolores. "Sie sind ein Schmeichler. Ich bin mir sicher, dass Sie in Birmingham auch schöne Etablissements haben, nicht wahr? Ich meine, selbst dieses Areal hier war nicht immer ein Hurenhaus müssen Sie wissen. Ich wurde in diesem Haus geboren und bin hier aufgewachsen. Nach dem Tode meiner Schwester, Gott habe sie selig, haben sich meine Eltern aus Gram zurückgezogen und dies Haus vernachlässigt. August hat es etwa um 1947 gekauft und mir vermacht, als ich alt genug war..."
      "Fu refest fu viel...", murmelte August grimmig und sah zur Seite, wo einige Mädchen bereits begannen, auf Shawn zu deuten und zu tuscheln. Na das konnte ja was werden...
      Dolores nickte. "Ich denke, Sie werden gefallen an diesen Mauern finden, Mr Sallow. Auch wenn Sie sicherlich bald mehr als ein Gefängnis hierin sehen werden, aber ich denke, August hat Recht, Sie zu schützen..."
      Foremar schluckte einen Scone beinahe im ganzen und lehnte sich sodann zurück, um sich die Füllung vom stoppeligen Kinn zu wischen.
      "Soso, tut Ihre Schwester das?", fragte er mit einer hochgezogenen Augenbraue und griff nach dem nächsten Scone und trank einen Schluck Tee. "Ich denke, dass das...Problem, wie Sie sagen...weitaus schwerwiegender ist, als Sie vermutlich ermessen können. Problematisch ist jedoch die Tatsache, dass gestern Nacht noch drei Weitere Aurenpulse festgestellt wur..."
      "August!", mahnte Dolores. "Keine Arbeit an diesem Tisch. Frühstücke, komme zu Kräften und danach kannst du dich wieder mit deinen Kumpanen anlegen und Kriege verhindern."
      "Verzeihung, Lory."
      Er schüttelte den Kopf und winkte eines der Mädchen heran, um ihr ins Ohr zu flüstern. Diese begann zu kichern und nickte, ehe sie sich grinsend entfernte und August ihr kurz hinterher sah, nur um sich sodann dem Gespräch zu widmen.
      "Mr Sallow, machen Sie sich keine Gedanken", bemerkte Dolores lächelnd. "SIe sind Willkommen und können so lange bleiben wie Sie wollen. Dies Haus hat genügend Zimmer."
      Auf Embers EInwurf hingegen sah August wieder zu ihr und fragte sich nach dem Grund. Sicherlich, man konnte nie wissen, was geschah, aber...Zu viel Interpretation, dachte er und seufzte.
      "Der Gast heißt Eva Beauregard", murmelte er. "Und sie ist die Nummer 2 der Arkana. Die Hohepriesterin. Ich kann Ihnen versichern, dass SIe zumindest eines der Probleme sein werden, aber Sie täten gut daran, die Dame nicht zu verägern. Ich sage dies nicht aus Böswillen, jedoch ist es mir bereits viel zu häufig passiert."
      LAngsam erhob er sich und leerte seine Tasse. Er fing kurz Embers Blick ein und wandte sich dann zu Dolores.
      "Es war mir ein Fest, meine Liebe", murmelte er und nickte den anderen beiden zu. "Wenn ihr mich entschuldigt. Oben wartet ein Bad und frische Kleidung auf mich. Lasst es euch schmecken!"
      "August! Du könntest doch - "
      "Es ist genug, Lory", murmelte er und lächelte. UNd selbst die Hand, die er ihr auf die Schulter legte, wirkte so bestimmend, dass sie seufzte und nickte.
      Sie sah ihm recht lange hinterher wie er sich nach oben beförderte, um endlich das Bad zu nehmen, nach dem er sehnte.
      "Ach, dieser Dickkopf", murmelte sie und seufzte. "Entschuldigen Sie. Normalerweise ist er nicht so ungesellig, aber bevor Sie herkamen hat er beinahe fünf Tage nicht wirklich geschlafen und sich immer wieder und wieder mit diesen Arkana angelegt...Hach, mir ist das gar nicht Recht, dass sie hierher kommen..."

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    • Ember sah August sogar noch länger hinterher als Dolores es tat. Scheinbar war er weniger nachtragend als sie vermutet hätte oder das kleine Mitbringsel wirkte das erhoffte Wunder. Ein lang innegehaltener Atemzug entwich der jungen Frau als sie sich aus ihrer zurückgezogenen Haltung löste und endlich etwas zugänglicher aussah.
      "Kann ich mir gut vorstellen. Niemand will Arkana in seinem Zuhause wissen. Glauben Sie mir, ich hätte eine andere Bastion als diese hier gewählt, aber August wird wohl wissen, was er tut. Er versucht ein Gleichgewicht zu halten. Da hätte ich auch nicht wirklich viel geschlafen."
      Ember nippte abermals an ihrem Kaffee während sie beobachtete, wie ihr Bruder in nachdenkliches Schweigen verfallen war. Etwas störte ihn und als er sie ansah, hob sie lediglich eine fragende Augenbraue.
      "Wenn er das Haus 1947 gekauft hat müsste er jetzt doch schon am Stock gehen", bemerkte Shawn, der sogar noch verstärkter als sie auf Sachinhalte von gesprochenen Worten achtete.
      "Er ist ein Arkana, vergiss das nicht. Zeit ist für diese Menschen relativ", war ihre nüchterne Antwort als sie sich ein Milchbrötchen aus der Tüte nahm. "Aber er hat recht wenn er sagt, dass du es dir nicht mit ihnen verscherzen solltest. Alle Arkana, die ich bisher gesehen habe, scheinen irgendeinen Knacks zu haben."
      "Gott, Emmi. Ich bin schon groß, hör auf, das immer zu vergessen. Immerhin verkrach ich mich nicht mit meinen Partner wie du es immer schaffst." Seelenruhig leerte er danach seine Teetasse während Ember ihn mit Blicken zu töten versuchte.

      Donnerstag - 8:58

      Die Zeit rannte schneller als es Ember lieb gewesen wäre. Da sie aktuell sowieso über kein Zeitgefühl verfügte flog ihr Blick relativ unvorbereitet zur Tür, als sich diese langsam öffnete und eine Frau die Bar betrat. Dank der Narben, die sich quer über ihr Gesicht zogen, war sie unmissverständlich als Eva Beauregard zu erkennen. Das war aber auch schon alles, was Ember in ihrem Netzwerk über die Nummer Zwei der Arkana hatte herausfinden können. Ein Bild und die Tatsache, dass sie Französin war.
      Spätestens als sich ihr Gast in einem schweren Akzent nach August erkundigte, hatte sie die Bestätigung. Doch bevor sie reagieren konnte, kam ihr Bruder ihr zuvor. Fast schon schockiert blickte sie Shawn an, wie sich dieser vom Tisch erhob und allen Ernstes zu der Französin hinüber schritt. Seine Bewegungen waren von der üblichen Leichtigkeit geprägt, die er seinem Job verdankte. Auftreten war dabei alles.
      "Ms. Beauregard", begrüßte er die Hohepriesterin gut gelaunt. "August ist gerade noch ein Stockwerk höher beschäftigt und stößt gleich wieder zu uns. Mein Name ist Shawn Sallow, schön, Sie kennenzulernen. Wenn ich Sie einmal zu unserem Tisch bitten dürfte? Wir haben noch Kaffee und Tee da. Das dort hinten sind Dolores Lynch, Inhaberin dieses Hauses, sowie meine Schwester Ember Sallow."
      Shawn deutete mit einer Bewegung seiner Hand in die Richtung des Tisches, an dem sie gefrühstückt hatten. Sprachlos starrte Ember ihren Bruder an wie er genau das nicht tat, was sie ihm angeraten hatte.

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      "I rather trust and regret than doubt and regret"
    • Donnerstag – 8:58




      Eva Beauregard war eine geduldige Frau.
      Und auch wenn sie es nicht gerne zugab, so hegte sie doch eine gewisse Zuneigung für den Arkana namens Foremar. Nicht, weil er so außergewöhnlich talentiert oder intelligent wäre. Zweifellos war er dies alles, aber vielmehr war es die Tatsache, dass sich hinter der rauen, beleidigenden Schale ein warmherziger, treuer und liebevoller Mann verbarg, den sie nur ungern in eine Falle laufen ließ. So konnte sie demnach auch nicht widerstehen, dem Ruf zu folgen als er sie einbestellte. Auch wenn sie das Twisted Mind nicht mochte. Ein Hurenhaus…Es stand ihm gar nicht zu Gesicht und sie selbst fragte mit gespitzten Lippen nach August, ehe sie wirklich den Raum betreten hatte.

      Eva hatte sich für eine eng anliegende Lederhose und schwere Stiefel entschieden. Ihr Oberkörper steckte in einem ärmellosen Top, gesäumt von einer schwarzen Lederjacke. Das Haar trug sie wie immer: ausrasiert um den Schädel herum und den Rest zu einem schmalen Zopf gebunden, der die Narben ihres Gesichts betonte.

      Sie wusste, dass der junge Mann, den sie erblickte, sie gleich ansprechen würde. Sie wusste es bereits drei Minuten vorher. Denn das war schlicht und ergreifend ihre Kunst. Die Zukunft zu sehen. Zumindest einige Minuten im Voraus.

      „Enchanté“, flüsterte sie und reichte ihm zärtlich die Hand, ehe sie ihn offen anlächelte. „Es freut misch; Ihre Bekanntschaft zu machen, Monsieur Sallow. Isch dachte mir schon, dass er sisch ein wenig zurescht machen würde, n’est pas?“

      Offenherzig schlang sie ihren Arm um den Arm des jungen Mannes und ließ sich zum Tisch bringen, wo sie auch von Dolores mit einem Lächeln begrüßt wurde.

      „Eva, mein Kind. Schön, Sie zu sehen.“
      „es ist mir eine Freude, Dolores“, begrüßte sie die alte Dame und neigte kurz den Kopf in Embers Richtung. „Es freut misch ebenso, Sie kennen zu lernen, Ms Sallow. Danke sehr…Shawn…“
      Sie lächelte und entließ den jungen Mann aus ihrem Griff, während sie sich auf dem Stuhl niederließ, um ihre Jacke auszuziehen. Darunter zeigten sich trainierte Oberarme und kräftige Schultern, die Überlebenskämpfe gewohnt waren.

      „Isch 'ätte nie gedacht, dass isch so angenehm empfangen würde…Das letzte Mal war es ein wenig stürmisch, n’est pas, Dolores?“, fragte sie.
      Die alte Dame nickte traurig.

      „Ja, das ist wahr. Sie müssen wissen: Das letzte Mal, das Eva mich besuchen kam, brachen Ms Bones und ein weiterer Arkana in dieses Etablissement ein. Sie forcierten einen Kampf ehe August und Miss Eva sie zurück schlagen konnten.“
      „Ah, lasst uns nischt von Traurischkeiten reden, mes amis. Erzählen Sie mir: Wie ist es Ihnen ergangen, Ms Sallow? Sie 'atten einen fürschterlischen Unfall, nicht wahr? Und Sie, Mr Sallow: Sie 'abe isch bisher noch nicht mal 'ören können. Wie gefällt Ihnen die Welt der Zauberer?“

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    • Embers Miene wurde nicht unbedingt feindselig, aber sichtbar weniger entspannt. Mit einem gewissen Kalkül beobachtete sie ihren Bruder dabei, wie er scheinbar arglos einer Arkana seinen Arm anbot und sie zum Tisch zu ihnen brachte. Danach setzte er sich wieder an seinen angestammten Platz neben seiner Schwester und kümmerte sich um eine Tasse Kaffee.
      Ember hingegen musterte Eva eingehend. Sie war die zweite Arkana, der sie leibhaftig gegenübertrat. Dass Eva darüber hinaus Ember auch noch hinsichtlich ihrer Körperkraft überlegen sein musste, verpasste der Detective einen faden Beigeschmack. Sicher, die Frau war hier um Augusts Bitte nachzukommen, aber das bedeutete noch lange nicht, dass sie ihr Vertrauen genoss. Die Information, dass sich Arkana Nummer Zwei und Fünfzehn allerdings auch hier mit den anderen Beiden gemessen hatte, war neu. Was darüber hinaus erklären mochte, warum August die letzten Nächte nicht ein Auge zugemacht hatte.
      Darüber hinaus kräuselten sich Embers Augenbrauen noch weiter als Eva sie auf ihren Unfall hin ansprach. Die Nachfrage konnte mehreren Hintergründen dienen, doch die Detective vermochte nicht einzuschätzen, welchem. Da sich Eva auf eine Bitte hin hierher begeben hatte und zustzlich bereits einmal an Augusts Seite gegen die anderen beiden Arkana befunden hatte ließ darauf schließen, dass sie eine mindestens freundschaftliche Basis mit dem Teufel pflegte. Vielleicht also nur eine aufmerksame Nachfrage...
      "So fürchterlich war der Unfall nicht. Ist noch alles dran und funktioniert einwandfrei. August hat ja schnell reagiert und mich ins nächste Krankenhaus geportet. Sonst wäre es vielleicht etwas hässlich geworden. Kaffee?"
      Ember holte sich eine weitere Tasse heran, die sie neben ihre stellte und Eva einen fragenden Blick zuwarf. Am liebsten hätte sie einfach weitergeredet, damit Shawn nicht verleitet wurde, wahrheitsgemäß auf diese Frage zu antworten. Aber sie vertraute ihrem kleinen Bruder an dieser Stelle keinen Bockmist anzustellen.
      "Pardon, mich nicht hören können? Sie meinen wohl eher, ich bin etwas unter dem Radar geflogen." Er lächelte wieder dieses typische Verkäuferlächeln nachdem er einen Schluck Kaffee getrunken hatte. "Kann ich auch niemanden verübeln. Als Makler gehen wir in der Menge an Menschen einfach unter, erst recht, wenn man keiner Magie mächtig ist. Von daher kann ich Ihnen Ihre Frage leider nicht ordnungsgemäß beantworten, Ms. Beauregard. Dafür bin ich viel zu wenig in Kontakt mit Zauberern. Die meisten Zauberer beauftragen keinen jungen Makler ohne magische Kenntnisse, wenn sie nach einer Immobilie suchen. Dafür gibt es Spezialpersonal."
      Er zuckte geflissentlich mit der Schulter, da es ein Umstand war, den er kannte und nicht ändern konnte. Da es immer noch mehr Menschen als Zauberer gab würde die Nachfrage sicherlich nicht abebben. Aber er hatte kein Problem damit, wenn das Magische aus seinem Leben fernblieb. Das war zumindest das letzte Standpunkt seiner Schwester.
      "Ich nehme stark an, dass Sie wissen warum August Sie hergebeten hat?", lenkte Ember das Thema wieder zurück. Ihr gefiel es nicht, wie Shawn Eva eingehend musterte und scheinbar an irgendetwas Gefallen fand. "Vielen Dank, dass Sie schon mal seiner Bitte nachgekommen sind. Ich hätte nicht gedacht, dass ich in so kurzer Zeit in Kontakt mit so vielen Arkana kommen würde. Ich würde Ihnen ja ein paar Scones anbieten, aber die hat August regelrecht verschlungen."

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    • Eva Beauregard lächelte süßlich und nickte dankend als Ember ihr Kaffee anbot. Dankend nahm sie eine Tasse an sich und zog sie beinahe spielerisch gelassen zu sich heran. Sachte schnupperte sie an dem Gebräu, während sie Ember lauschte und sich fragte, wie viel die junge Dame von Augusts Aktivitäten wusste.
      "Oui, das macht er manchmal, wenn er an etwas forscht", murmelte sie und nippte an ihrer Tasse. Der Kaffee war gut. Besser als erwartet und er belebte die müden Knochen der Zauberin. "Oui, isch 'abe von August ge'ört, dass es knapp war. Er war einige Tage nicht gut auf die anderen Arkana zu sprechen, wenn Sie verstehen?"
      Das war noch ein wenig zu harmlos ausgedrückt. Der Rogue hatte sich wie ein Wilder aufgeführt und beinahe jeden verdächtigt. Sie selbst war nur knapp eines Verdachtes entkommen. Offen beobachtete sie Ember aufmerksam, ehe sie ihre Aufmerksamkeit zu Shawn wandte.
      "Mais oui, Sie 'aben Recht. Isch 'abe wohl ein falsches Wort benützt, n'est pas? Aber ein Makler ist ein 'öchst interessanter Job, nischt wahr? Tres intreressante, je pense. Es ist sischerlisch anstrengend, der Magie so gänzlisch fern zu bleiben, nischt wahr?"
      DAs Lächeln, das sie aufsetzte vermochte Steine zu schmelzen, aber die Absicht der Frage war klar. Spüre sie von Ember noch natürliches Misstrauen, so war dieser Shawn beinahe zu offenherzig. Als simuliere er das ganze Gespräch lediglich aufgrund der Tatsache, dass er keine Probleme machen wollte. Und Eva hasste solche Männer. Sie neigten zu mehr und mehr Fehlern.
      Gerade wollte sie Luft holen, um einen weiteren Punkt anzusprechen, als sie August die Treppe herunter kommen sah. Zumindest geschah dies genau dreißig Sekunden nach ihrem Schweigen.
      Der Rogue hatte sich wieder in eine Anzughose, Schuhe und ein locker sitzendes Hemd gekleidet. DIe Haare tropften noch vom Bad, während er die Manschetten zuknöpfte.
      "Ah, Eva! Bonjour!", rief er und sah mit Erstaunen, dass die Französin sich erhob, um ihn kurz zu umarmen und auf die Wange zu küssen.
      "Wie geht es dir?", fragte sie besorgt und legte den Kopf schief.
      "Gut. Den Umständen entsprechend. Nun...Da wir alle versammelt sind, sollten wir uns austauschen, nicht wahr?"; fragte er und setzte sich neben Eva auf einen Stuhl.
      Beauregard nickte und lehnte sich zurück, während August das Gegenteil tat und sich vorbeugte.
      "Also: Gestern habe ich Eva gebeten, meinen Kontakt bei der Met anzurufen und herauszufinden, was die Polizei bislang weiß oder plant. Fakt ist: Hawthorne ist wahnsinnig sauer, weil man wohl herausgefunden hat, dass die Auraexplosion außerhalb Londons zum Anlocken genutzt wurde. Cunningham hat auf Intervention des Innenministers die Ermittlungen des Falles übernommen und Hawthorne ist kurzzeitig suspendiert, nachdem er ausfällig wurde."
      Eva nickte dabei nur.
      "Das weitere: Wir haben den Sharokh nach seinem Aufkommen nicht mehr wirklich wahrgenommen, aber entsprechende Wachposten an allen Ecken Londons postiert, sodass er uns nicht mehr durch die Lappen gehen sollte. Dies setzt jedoch voraus, dass ihr beide vorerst hier bleibt. ICh weiß, es wird eine entbehrungsreiche Zeit, aber dieses Gebäude kann ich schützen. Die anderen eher weniger. Kontakt nach draußen ist gestattet, jedoch der Einlass von Menschen nur nach Rücksprache mit mir oder Eva. Weiterhin sind die Arkana wie immer unruhig und der Krieg braust sich zusammen. Das übliche Bla Bla. "
      Eva kicherte und stieß ihn mit dem Ellenbogen an.
      "Zum Thema Sharokh. Ich habe letzte NAcht recht lange darüber geforscht und es ist der Tatsache geschuldet, dass ein Handel mit einem Sharokh mehr als bindend ist. Wenn man einen Handel zusagt und sei es nur Schweigen, so gilt er als geschlossen. Da Sharokh ehrvolle Wesen sind, denen die Ehre über alles geht, wird er sein Wort nicht brechen. Das Problem ist eher, was geschieht, wenn er nach drei Tagen nicht meine überaus gut aussehende Leiche auf dem Tablett hat."

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    • Dass sogar ein anderer Arkana bestätigte, dass August wirklich angepisst über den Unfallverursacher war, rief ein klein wenig Bestürzung in ihr hervor. Er musste wie ein Derwisch herrscht haben bis er sich wieder halbwegs unter Kontrolle gehabt hatte. Wie es aussah, wenn August eben jene verlor, hatte Ember bisher nie live erleben dürfen, dafür aber genug Bilder gesehen und Erzählungen gehört.
      "Sie missverstehen da vielleicht eine Kleinigkeit. Weder suche noch meide ich bewusst den Kontakt mit Zauberern. In meinem Wirkungskreis trifft man eben seltener auf solche", antwortete Shawn wahrheitsgemäß. "So spannend ist der Beruf nur, wenn man ein Faible für Architektur oder Städtephysiognomie hat. Ansonsten ist es nur immer wieder spannend, was für Menschen auftauchen zur Besichtigung."
      Er konnte es sich nicht leisten, eine feindselige Haltung während seiner Arbeit an den Tag zu legen. Stattdessen sorgte er dafür, dass seine Freizeit möglichst ohne Kontakt zur Magie auslief. Das war damals auch der Grund gewesen, warum seine erste Beziehung in die Brüche gegangen war. Das gute Mädchen war ein Caster und hatte es soweit es ging vor ihm geheim gehalten. Seitdem war der junge Mann kühler geworden, weniger hitzköpfig wenn es um sein Liebesleben ging.
      Ember wollte sich gerade einmischen, da fiel ihr eine subtile Leere in Evas Augen auf. Sofort verfiel sie in Schweigen und tat es der Arkana somit gleich. Shawn fiel dieses kleine Detail nicht auf, er goß stattdessen sich und Ember Kaffee nach. Irgendwas war da im Argen, die Detective konnte nur nicht sicher sagen, was es war. Nach dreißig Sekunden Stille durchbrach plötzlich Augusts Stimme die Stille und Ember musste hart dem Drang widerstehen, sich nach ihm umzudrehen.
      Dafür schossen ihre Augen umgehend zu Eva, die sich erhob, kaum war der andere Rogue in Reichweite. Die Tatsache, dass sie ihm dabei regelrecht um den Hals zu fallen schien und ihn mit sorgenvoller Stimme fragte, wie es ihm ginge, bescherte Ember ein Unwohlsein, das sie schon länger nicht mehr gespürt hatte. Rigoros schob sie die Empfindung von sich, um August unbefangen lauschen zu können.
      Bei der folgenden Erzählung begann Ember unruhig mit den Fingerspitzen auf dem Tisch zu tippeln. Selbstverständlich hatte niemand gewusst, was sie geplant hatte bis auf Heyden, der offensichtlich wirklich dicht gehalten hatte. Allerdings war es nur eine Frage der Zeit bis man herausfand, dass sie Phiolen aus seinem Besitz stammten. Dass Hawthorne suspendiert worden war, kam schon einmal vor. Damals war sie allerdings nicht schuld gewesen. Das größere Problem hier war jedoch Cunnigham, die sich damit direkt über Ember hinweg gesetzt hatte und nun diejenige war, die sie auf dem Stand halten musste. Ein Umstand, der ihr jetzt schon missfiel.
      "Sofern ich diese Angelegenheit lebendig überstehe sind zwei, drei Tage Hausarrest doch absolut verschmerzbar", kommentierte Shawn die Lage, offensichtlich sah er keinen Sinn darin, sich Gedanken zu machen.
      Er war nur als Unschuldiger in die Angelegenheit gezogen worden und konnte im Spiel der großen Kinder nicht mitspielen. Dessen war er sich vollstens bewusst und würde so agieren, wie man es von ihm erwartete oder forderte. Wenn das bedeutete, dass er das Wochenende nicht weggehen konnte, nahm er das freilich gern in Kauf.
      Als August dann auf den Sharokh zu sprechen kam, fühlte sich Ember direkt wieder an den Vortag erinnert. Ein schuldiger Blick ihrerseits glitt zu Shawn, der ihn nur ganz kurz erwiderte und nicht weiter darauf reagierte. All dies hätte nicht passieren müssen wäre Ember nicht auf ihrem Egotrip gewesen. Dass sie nicht um die bindende Wirkung des Handels wusste, brauchte sie nicht sagen. Man sah es ihr schon an.
      "Was für ein Scheiß", murmelte Ember bevor sie die Stimme doch etwas lauter anschlug, "das war kein Handel, das war Erpressung. Ein Leben gegen viele. Samstagabend taucht das Ding hier auf um zu schauen, ob August noch atmet."
      Da stockte die Frau plötzlich und warf einen eindringlichen Blick hinüber zu August.
      "Bindend sagst du? Wie sehr wird Wert auf die genaue Wortwahl gelegt? Wenn nicht, dann haben wir vielleicht etwas Spielraum. Seine finalen Worte waren Am dritten Tage hole ich Shawn wenn August noch atmet . Er würde alle holen, die mir lieb sind. Da war nirgends das Wort, dass er Shawn direkt tötet. Kann man da irgendetwas mit anfangen?"
      Die kleinen Dinge. Man musste immer bei den kleinen Dingen anfangen. Noch immer konnte man diese kleinen Lichtblicke als sinnlos verwerfen, aber EMber hatte den Drang, jede Kleinigkeit mitzuteilen. Ihre Hoffnung ließ nichts anderes zu.

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    • August nickte zu Shawns Einwurf. Sicherlich waren drei Tage verschmerzbar. Wenn er nur wüsste, in welches Fiasko man ihn hineingeworfen hatte. Ein Sharokh war nicht dafür bekannt, auch nur ansatzweise so etwas wie Gnade walten zu lassen. Warum auch? Shawn war nur ein Mensch. Ein einziger im Vergleich zum Leben eines Gottes.
      Auf Embers Einwurf hingegen begann Eva mit hochgezogenen Augen zu August zu sehen. Sicherlich, das Argument besaß eine nicht zu bestechende Logik, jedoch einen Denkfehler, der aus Unwissenheit geschah.
      „Ob Erpressung oder nicht“, begann August und seufzte. „Sharokh sehen diese Art von Moral grundlegend anders als wir. Ein einzelnes Leben hat für sie durchaus mehr Bewandtnis als man glaubt, während wir Menschen zumeist das Wohl Vieler in Betracht ziehen.“
      Und das war auch immer das Problem mit Massakern. Man sah nur die Masse. Die einzelnen Leben wurden erst später beleuchtet. Man wurde vielleicht nicht wegen der Schwere der Einzelnen, wohl aber aufgrund der Masse der Verbrechen verurteilt. Ein Fehler in der Rechtsethik eines Staates, wie er fand.
      „Aber sie at nicht Unrecht, August“, bemerkte Eva nach einiger Zeit.
      „Das ist wahr“, gab dieser zu und faltete die Hände auf dem Tisch zu einem stummen Gebet. „Es mag zutreffen, dass Sharokh auf die Bedeutung ihrer Worte Wert legen. Und sicherlich – ich gebe dir Recht – würde das nicht unbedingt Shawns Tod bedeuten…“
      „Das wäre doch fantastique!“, rief Eva und trank zufrieden von ihrem Kaffee.
      „Wäre es nicht“, sagte Augusst und seufzte erneut. „Manchmal gibt es schlimmeres als den Tod durch ein metaphysisches Wesen zu erleiden. Denn Sharokh sind aufgrund ihres Ehrgefühls dazu verpflichtet, einen schnellen Tod beizuführen. Verschleppen heißt in diesem Falle das Einbringen von Shawn in deren Dimension. Und da ich der einzige bin, der dort bereits längere Zeit residieren durfte, als ihm lieb war: Das wollt ihr nicht!“
      Seine stimme hatte sich in diesen letzten Worten regelrecht verloren und hatte an Härte und Wut zugenommen. August löste die Hände voneinander deren Fingerknöchel weiß geworden waren vor Anstrengung und sah in die Runde.
      „Folgendes muss nun geschehen:“, sagte er und sah zu Ember. “Zunächst ist ein Treffen mit Cunningham von Nöten. Wir müssen sie davon überzeugen, die Ermittlungen auszusetzen und stattdessen den Sharokh zu beobachten. Wir brauchen mehr Augen in der Stadt.“
      Ein weiterer Blick zu Eva.
      „Verlege bitte die Versammlung der Arkana um einen Tag nach vorn. Ich brauche sie alle morgen in der Stadt. Organisier einen Raum, eine Räumlichkeit, die wir nutzen können. Wir brauchen neben Augen auch Kampfkraft in der Stadt. Kündige an, dass wir einen Platz zu besetzen haben. Man soll Vorschläge einreichen.“
      „Das ist eine Farce, August…“, murmelte Eva.
      „Eine notwendige Farce, Liebes“, bestätigte der Rogue und grinste.

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      The more you drag me to hell
    • Bei Augusts Ausführung um die Art und Weise wie der Sharokh andernfalls handeln könnte, reagierte Shawn endlich einmal. Die so gleichmäßigen Bewegungen seiner Hand während er seinen Kaffee trank und aufmerksam zuhörte, begann leicht zu stocken und abgehackt zu werden. Ein kleiner Hinweis darauf, dass er sich nun doch versuchte etwas auszumalen, das man nicht ausmalen konnte.
      Neben dem jungen Mann wurde Ember nur wieder bleicher. Selbstverständlich konnte sie diese feinen Details alle nicht im Voraus wissen, aber dass sie ihrem Bruder vielleicht einen Ausgang beschert hatte, der wirklich schlimmer als ein schneller Tod war, kam erst jetzt in ihren Sinn. Gerade wenn sie August dabei beobachtete, wie sich seine Fingerknöchel verfärbt hatten und er wieder diesen subtilen Unterton in der Stimme annahm. Als sich ihre Blicke ein weiteres Mal trafen, wich sie seinem Blick nicht aus. Dafür war sie bereits in Gedanken mit dem beschäftigt, was er ihr aufgetragen hatte.
      "Meinst du, ich krieg' das allein hin oder soll ich sie hierher entführen?", fragte Ember August als offensichtliches Zeichen, dass sie ihn nicht noch einmal ausschließen würde. "Ich bin mir allerdings sehr sehr sicher, dass du dieser Schreckschraube eigentlich nicht über den Weg laufen möchtest."
      Zumal Ember Cunnigham nun wirklich nicht traute. Lieber verbarrikadierte sie sich in deren Büro und zwang sie im Notfall auf unschöne Weise zur Kooperation als sie in Fleisch und Blut August gegenüber zu stellen. Sie konnte nicht abschätzen, was für eine Reaktion dabei entstehen würde aber allein wie diese Frau schon über ihn gesprochen hatte ließ alle Abwehrmaßnahmen im Geiste der Detective aktivieren.
      Außerdem war Ember erst einmal raus aus jeglichen Rechnungen. Weder spielte sie im Machtspiel der Arkana eine Rolle, noch würde der Sharokh vorzeitig agieren. Einzig und allein dieser Unfall vor einer Woche war zu bedenken, da sie immer noch nicht wussten, was es mit den Männern auf sich gehabt hatte und wer nun ihr eigentliches Ziel gewesen war. Ergo war sie unter dem Radar und auch wenn August sie eigentlich nicht rausgehen lassen wollte, würde sie vermutlich am Leichtesten ungescholten agieren können.
      Mit einer konzentrierten Miene zog sie ihr Handy hervor und suchte bereits Cunninghams Telefonnummer heraus. Dann warf sie einen Blick zum Rogue hinüber.

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      "I rather trust and regret than doubt and regret"
    • War das die Spur eines Schmunzeln, als sich ihre Blicke trafen?
      August verstand das Signal ihrerseits und nickte seufzend.
      "Das Wort gehört dir in diesem Fall. Aber ich werde dich auf das Revier begleiten. Wir müssen zeitgleich deine Glaubwürdigkeit vor den Kollegen wieder herstellen, damit Cunningham dir nicht an die Karre pinkelt, während du selbst nicht dort bist. Sie wird versuchen, dir die Ermittlungen zu entreißen. Das muss verhindert werden, Ember", murmelte er eindringlich. "Ich brauche dich hierfür. Nur du kannst es sein."
      Eva sah ihn verwirrt an und schüttelte den Kopf. Wenn er Angst oder Nervosität verspürte, plapperte dieser Rogue einfach zu viel. Viel zu viel.
      Anschließend nickte er dem Gesprächswunsch zu und wartete kurz ab, ehe Cunningham den Termin bestitätigte. Sie hatten eine Stunde. Eine Stunde, um den Fall, die Welt und ihren Bruder zu retten. Eine Stunde, um die größte Farce aller Zeiten in Gang zu setzen, die ihn seinen Posten bei den Arkana und schließlich auch sein Leben in Gefahr bringen sollte.
      Und dennoch verspürte Foremar nicht den Anflug eines Zweifels, als er zuhörte, wie Ember ihr Telefonat führte.
      Anschließend wand er sich zu Eva.
      "Ich möchte, dass du die Operation beginnst. Fange mit dem Richter an. Er ist in Nord-London in einem Lagerhaus an einem Nebenfluss der Themse. Er ist verletzt. Bring ihm eine Flasche des Heiltrankes, den ich dir bei unserem letzten Treffen gab."
      "Wird er nischt böse sein?", fragte sie mit heraufgezogener AUgenbraue.
      "Er wird sogar sehr böse sein", sagte August und nickte. "Aber dennoch...Das alles hier ist größer als jeder Einzelne. Wenn der Sharokh erneut zu Kräften kommt, haben wir eine Armee gegen uns...WIr müssen den verfluchten Rufer finden."
      Langsam erhob er sich und ging um den Tisch herum, um eine Hand auf Embers Schulter ruhen zu lassen, als er vorbei kam.
      "Du brauchst eine Waffe. Eine gute", sagte er. "Eine, die mich töten könnte und die du verwenden kannst."
      Und mein Leben beenden kannst, wenn es zum Äußersten kommt, dachte er und blickte grimmig zu ihr ehe er zu Shawn sah.
      "Und Shawn: Ich wäre Ihnen dankbar, wenn Sie vorerst das Haus nicht verlassen würden. Dennoch könnten SIe das Netz nach Auffälligkeiten in den Stadtteilen Londons durchsuchen. Ungewöhnlich viele Morde, Entführungen in hoher Zahl, Verschwinden von Menschen... Alles was aus der Reihe tanzt und in größerer Anzahl vorkommt."

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      The more you drag me to hell
    • Es war einzig die logische Konsequenz, den 'flüchtigen' Arkana im Department vorzuführen, um das Ruder zu ihren Gunsten drehen zu können. Vermutlich würde Ember bei diesem Versuch eine Massenpanik auslösen, aber etwas anderes blieb ihr wirklich nicht übrig. Allerdings kam sie nicht drum herum kurz zu schmunzeln als sie seine Worte hörte und den verwirrten Blick der Hohepriesterin sah.
      Das Telefonat stellte sich als unerwartet unspektakulär heraus. Vielleicht weil man die Anspannung auf beiden Seiten vernahm wodurch die Ermittlerin erstaunlich leicht den Termin mit Cunnigham bestätigen konnte. Nachdenklich schob sie ihr Handy zurück in ihre Hosentasche und wandte sich Shawn zu während August und Eva ihr weiteres Vorgehen besprachen.
      "Ich brauch' dein Auto."
      "Kein Problem. Ich hab' sowieso nichts anderes vor. Aber fahr bitte nicht wieder so lebensmüde wie sonst." Er schob ihr über den Tisch seinen Autoschlüssel zu.
      "Danke. Schalt' dein Handy auf laut für den Fall."
      In der Zwischenzeit war August aufgestanden und zu den Sallowgeschwistern herüber getreten. Als er eine Hand auf Embers Schulter legte, richtete sie sich unmerklich etwas gerader auf. Wann hatten sie sich zuletzt berührt ohne den Hintergedanken, sich gegenseitig zu Brei zu schlagen?
      "Ich hab' da schon so eine Idee, wenn du ohnehin schon mit ins Department kommst", meinte Ember ruhig und stellte sich bereits einen freudestrahlenden Heyden vor.
      "Wie gesagt, ich harre hier aus, gar kein Problem. Es freut mich, dass ich immerhin etwas beitragen kann und nicht nur wie eine Prinzessin im Schloss tatenlos weggesperrt werde." Shawn leerte seine Tasse und schickte sich an, den Tisch zu verlassen. Seine Aufmerksamkeit glitt ein weiteres Mal zum zweiten Arkana am Tisch. "War mir eine Freude, Ms. Beauregard."
      Damit zog sich Shawn in sein geliehenes Zimmer zurück und Ember machte sich gemeinsam mit August auf den Weg zum Department.

      Donnerstag - 11:02 Uhr
      Special Department


      Wann immer Ember mit einem fremden Wagen fuhr, behandelte sie ihn wie rohe Eier. Folglich fuhr sie für ihre Verhältnisse sittsam und schweigend konzentriert bis sie auf dem Parkplatz vor dem Department angekommen waren und ausstiegen. Schon als sie ihren Fuß auf den Asphalt setzte beschlich sie das Gefühl, dass sie angestarrt wurden. August ohne auch nur die trügerischen Sicherheitsmaßnahmen hier vorzuführen glich einem Attentat und würde höchstwahrscheinlich eine Hysterie auslösen, sofern sie es nicht richtig anstellte.
      "Achte darauf, nicht ein einziges Mal vor mir her zu gehen. Das erweckt sofort den Anschein, dass du führst und etwas planst. Bleib also bitte hinter mir und gestikuliere nicht so viel, okay?"
      Es mochte durchaus seltsam aussehen, wie der deutlich größere Mann wie im Windschatten hinter Ember herlief und erst dank der Treppen hinauf ins Department kurz auf Augenhähe mit ihr war. Kaum hatten sie den Parkplatz verlassen und waren zu den Stufen getreten, gafften die ersten Beamten sie an. Manche verfielen in Tuscheln, andere schauten sie einfach nur ungläubig an und wieder andere ergriffen ruckartig die Flucht. Doch Embers Miene blieb hart als sie durch die Eingangstür trat und man ihr Platz machte, so wie Mose das Meer geteilt hatte. Sie würden direkt als Erstes Cunningham aufsuchen müssen und danach einen Abstecher bei Heyden machen können. Andernfalls würde das Wort schneller zu der Leiterin durchsickern als sie Arkana hätte sagen können.
      Nur entfernt drangen Worte an Embers Ohren, der gesamte Eingangsbereich des Departments war in eine gespenstische Stille verfallen. Duzende Augenpaare lagen auf dem ungleichen Duo während sie scheinbar seelenruhig zum Aufzug ging, der sie in die Etage von Hawthornes Büro führte, wo sich nun Cunningham kurzzeitig eingenistet hatte. Sie nutzte den Glaskasten absichtlich damit jeder sie drei darin beobachten konnte. Eine gute Taktik wenn man versuchte, sein Gegenüber zu kontrollieren und zu limitieren.
      Erst als sie beide im Aufzug waren und sich die Türen geschlossen hatten, sanken Embers hochgezogenen Schultern etwas herab. Die Anspannung war regelrecht zu schmecken gewesen. Es half, wenigstens einmal tiefer durchatmen zu können.
      "Ich bin schwer begeistert, dass noch niemand schreiend geflüchtet ist", murmelte Ember leise und ließ sich seitlich an die Wand des Aufzuges fallen, die Arme vor dem Körper verschränkt. "Cunningham ist ein Stück menschlichen Abfalls. Sie ist unglaublich anklagend, also versuch nach Möglichkeit nirgends drauf einzugehen. Sie wird uns unterstellen, dass wir eine Affäre haben. Das könnte mitunter ihr Hauptmotiv sein, um mich aus dem Fall zu schieben. Nur damit du schon mal gewarnt bist."
      Dann ertönte ein leises Piepen und die Tür des Aufzuges schwang auf. Den gewohnten Gang zu Hawthornes Glaskasten bestritt die Detective mit gleicher Haltung wie unten im Engangsbereich bis sie den Glaskasten sah und darin Cunningham entdeckte, die am Schreibtisch des suspendierten Commissioners saß. Ein Anblick, der Ember einen ungewöhnlich faden Beigeschmack auf der Zunge bescherte ehe sie die Tür öffnete, eintrat und sie hinter August wieder schloss. Keiner von ihnen bewegte sich weiter in den Raum oder nahm auf einem der Stühle vor dem Tisch Platz.
      "Danke, dass Sie so schnell Zeit finden konnten. Wie angekündigt habe ich August Foremar aufspüren können. Allerdings müssen wir eine dringliche Angelegenheit besprechen, die den Angelus betrifft."

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      "I rather trust and regret than doubt and regret"
    • Die Fahrt zur Met verlief beinahe grausig unspektakulär. Gesprächig waren beide Parteien nicht wirklich. Zu sehr verharrte die angestaute Spannung in der Masse von grauen Geräuschsfetzen, die so unwichtig erschienen. In seinem Kopf versuchte August, das Auskommen zu berechnen, dem sie sich stellen mussten, doch schien Julia Cunningham mal wieder erpicht darauf, den Preis als Vollsympathin des Jahrhunderts zu gewinnen.
      "Hab keine Sorge", murmelte er und grinste. "Ich weiß schon, wie man sich zurückhält. Außerdem bin ich nicht das erste Mal in diesem Termitennest. Mach dir keine Gedanken.."
      Ein boshafter Ausdruck glitzerte durch seine Augen und wärhend Ember den Wagen parkte, fühlte er sich regelrecht befreit. Die kühle Vormittagsluft die nach Abgasen und derlei anderem Krempel stank, glitt in seine Lunge und erinnerte ihn daran, wie schön das Landleben war. Doch dies war nicht die Zeit. August richtete seinen Hemdskragen und tappste hinter Ember Sallow her, die eiligen Schrittes ihren Weg durch das Gebäude machte. Die Blicke von links und rechts fraßen ihn beinahe unsäglich auf und sein frotzelnder Verstand ließ es zu, dass er einigen Gaffern unbarmherzig zuwinkte. Zusammenzuckend fuhren sie herum und taten so, als seien sie schwer beschäftigt. Eine herrliche Komödie.
      Im Aufzug angekommen, nickte er zu Embers Ausführungen.
      "Wir sind uns bereits das ein ums andere Mal begegnet...", wisperte er mehr zu sich als zu ihr. WIe konnte man auch der Leiterin der magischen Strafverfolgung aus dem Weg gehen wenn man derlei Verbrechen am Fließband begang?
      Der Raum der sie empfing hätte aus einem klassischen Polizistenthriller stammen können. Ein Großraumbüro voller Tische, die unter der LAst von Papier und Fotos einzuknicken schienen. Schmale Trennwände, an denen persönliche Fotos drapiert waren und unfreundlich wenngleich spärlich möblierte Gesichter, die in den vierten Kaffee des Morgens starrten und sich fragten was sie hier sollten.
      August nickte allen freundlich zu, während die übrigen Polizisten einen gewaltigen Bogen um ihn machten. Er erkannte Richardson ganz hinten und wollte winken, da sie an das Glasbüro kamen.
      Und Gott...Die Zeit hatte Cunningham nicht gut mitgespielt...
      "Ms Sallow!", begrüßte die ältere Frau die beiden Ankömmlinge und blickte von ihrem Laptop auf. "Und August! Schön, Sie nach all den Strapazen wieder zu sehen..."
      "Julia...", nickte August und verschränkte die Arme vor der Brust.
      "Ich würde Ihnen beiden einen Platz anbieten, aber das käme Gastfreundlichkeit gleich. Und da ich nicht behaupten kann, froh zu sein, dass auch nur einer von ihnen hier ist, vermeide ich das für heute..."
      AUgust zischte und richtete den Blick zur Seite und nach draußen, wo sich die Leute tummelten.
      "Es zeugt von viel Mut, Ms Sallow, auch nur ansatzweise von einem "Aufspüren" Ihrerseits zu reden. Bevor Sie über Ihre sogenannte Dringlichkeit sprechen, gibt es da doch ein, zwei Fragen, die ich gerne beantwortet wüsste:"
      Cunningham sah sie mit ihrem blinden Auge an und lächelte süßlich.
      "1. Frage: Haben Sie Gefühle für August Foremar? Oder war es nur ein einmaliger Sex?"
      August blick wurde kalt und von dem Glas des Büros ging ein kalter Ton aus.
      "Na, na. Immer mit der Ruhe, Foremar", mahnte Cunningham. "Ich befrage Ms Sallow und dann sind Sie auch gleich dran!"
      "2. Frage, Ms Sallow: Können Sie mir erklären, warum ihre Aurensignatur an einem Tatort in East London in einem Park gefunden wurde, wenn Sie doch nach Mr Foremar gesucht haben?"

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    • Entgegen Augusts Reaktion behielt Ember ihren auf Cunningham gerichteten Blick eiskalt bei. Blickduelle mit Höhergestellten waren für sie schon lange kein Problem mehr und somit verzog sie nicht einmal einen Muskel in ihrem Gesicht, als die Leiterin ihre Feindseligkeit dermaßen offenkundig kundtat.
      Allein schon Cunninghams süßliche Lächeln sorgte dafür, dass Ember rigoros alles in ihrem Gefühlszentrum abtötete, was ihr in irgendeiner Art und Weise jetzt die Tour vermiesen konnte. Jetzt gerade war nicht die Zeit um Säure zu spucken, die der Leiterin auch noch das andere Augenlicht ausgebrannt hätte. Selbstverständlich spürte auch Ember die Kälte, die unweigerlich zu ihrer Seite von August zu ihr hinüber glitt. Sie hoffte nur, dass er dieses Mal verstand, warum sie die folgenden Worte sagen musste, ob es der Wahrheit entsprach oder nicht.
      "Nein und ja", beantwortete Ember gelassen die erste Frage und beherrschte ihre Mimik bis zum kleinsten Detail perfekt. "Sie haben bereits gehört, dass meine Methoden durchaus als kontrovers angesehen werden können."
      An dieser Stelle hätte Ember ihren Punkt weiter ausbauen und untermauern können. Jeder wusste, wie oft man ihr schon Disziplinarverfahren hatte anhängen wollen und wie sie es häufiger als üblich gerade noch so schaffte, ihren Hals aus der Schlinge zu ziehen. Das war einzig der Tatsache geschuldet, dass sie Methoden in Anspruch nahm, die meist verschrien wurden, dafür aber meist brauchbare Resultate lieferten. Üblicherweise zählte es nicht dazu, wie eine Bordsteinschwalbe den eigenen Körper zu verkaufen. Allerdings war es ein offenes Geheimnis, dass Intimitäten in kürzester Zeit eine Beziehungsebene schafften, die für die Bindung eines freilaufenden 'Kriminellen' gar nicht mal so unnütz war.
      Dennoch betete Ember, dass August es nicht so auffassen würde, als wäre dies ebenfalls ihr Standpunkt. Darüber war sie längst hinaus.
      Deswegen sprang sie auch rigoros auf die zweite Frage an, um das Thema zu deckeln und sich weiter in die Richtung zu bewegen, in die sie argumentieren musste. Sie trat ein paar Schritte vorwärts bis sie ihre Hände auf die Rückenlehne des Stuhls vor ihr legen konnte.
      "Meine Signatur dürften Sie eigentlich nicht in East London nachgewiesen haben sondern im Süden. Ich war im High Elms Country Park. Das war der schnellste Weg, wie ich Foremar habe aufspüren können. Die entstandene Erschütterung durch den immensen Aurenpuls hat so ziemlich alles im Umkreis angelockt, was sich auch nur ein wenig dafür interessiert. Ich habe den Park östlich von Croydon ausgewählt, weil wir dort den letzten Tatort des Angelus untersucht haben. Wo wir bei dem Thema sind: Sie haben mir doch das Bild gezeigt mit dem Text an der Wand. Das stammte vom Sharokh. Er hat nach mir gerufen und treibt nun sein Unwesen in der Stadt."
      Ember sah, dass sich etwas in Cunninghams Oberstübchen zusammenbraute und fuhr direkt fort.
      "Sie wissen, wie mächtig ein Sharokh ist. Ich habe ihn im Park getroffen und ich sage Ihnen, das will ich ganz bestimmt nicht noch einmal wiederholen. Das nächste Ziel des Sharokhs wird mein Bruder sein, das hat er verkündet. Ich brauche also keine weiteren Ermittlungen, wir brauchen eine konstante Überwachung, wenn wir das Ding stoppen wollen. Dazu sind Sie befugt - und nicht ich. Ansonsten wird er Samstagabend auftauchen, ihn mitnehmen und dann systematisch jeden töten, den ich kenne. Wir müssen das stoppen."

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