[2er RPG] Dusk & Dawn [Asuna & Nico]

    • Embers Augen verengten sich nur minimal als Hawthorne ihr vorherbestimmte, was sie unlängst wusste. Selbstverständlich würde man sie als Erstes vor den Richter ziehen, wenn diese ganze Aktion nach hinten losging. Noch immer unterstellte man ihnen, dass August wie eine unkontrollierbare Macht sich freischlagen und wieder Amok laufen würde. Wenn Ember so recht überlegte, dann wusste sie nicht einmal, warum August schier alle hohen Tiere bei der Executive kannte.
      Folglich bedachte die Frau Hawthorne mindestens genauso eindringlich wie August es gerade tat. Die besagte Geschichte von vor dreißig Jahren kannte sie ebenfalls nicht. Aber sie wusste, dass der Rogue neben ihr seine Warnungen nicht ohne Grund aussprach. Sie hatte mehrfach gesehen, was passierte, wenn man seinen Hinweisen nicht folgte. Ihr Blick wurde eine Spur anklagender als der Commissioner wie ein bockiges Kind weiter blockierte.
      "Hör doch ein einziges Mal auf einen Rat, den man gibt", warf Ember Hawthorne hinterher, als sich dieser entfernte.
      Sie seufzte leise. Aktuell stellte sich das ungleiche Duo doch besser da als beim ersten Tatort. Eigentlich hatte die Detective auf etwas mehr Kooperation gehofft. Stattdessen blickte sie August überrascht an, als der ihr das Amulett reichte. Was trug der Mann eigentlich nicht in seinen Taschen mit sich herum oder erweckte den Eindruck, auf alles mögliche vorbereitet zu sein?
      "Kein Problem", fügte sie an, hängte sich das Schmuckstück um und ließ den Arcana seine Arbeit tun.

      Eigentlich war Ember drauf und dran gewesen, ihre kleine Brille wieder auf die Nase zu setzen. Als ein Beamter neben ihr aber plötzlich aufschrie und sich die gesplitterte Brille aus dem Gesicht riss, verging ihr der Gedanke. Die ersten anderen Anzeichen wurden bemerkbar, doch Embers Miene blieb unberührt. Aufmerksam sah sie August zu und wunderte sich über die Tatsache, dass sie immer noch nichts fühlte. Lebhaft hatte sie im Gedächtnis wie es sich angefühlt hatte, als er den ersten Baum aufgelöst hatte.
      Erst im zweiten Schritt bemerkte sie etwas. Das Kettchen an ihrem Knöchel hatte wieder Lichtgeschwindigkeit angenommen, aber es war eine erdrückende Schwere, die um sie zu legen schien und ihr etwas Luft nahm. Langsam hatte sie das Gefühl, den Kontakt zum Boden zu verlieren. Sich zeitgleich eingeengt und grundlos zu fühlen war eine abstruse Erfahrung.
      Als August den ersten Kristall aus seiner Verankerung riss, taumelte auch Ember wie von einem kräftigen Windstoß getroffen zurück. Doch das war nichts im Gegensatz zu den armen Castern, die einfach wie Schachfiguren umfielen. Auf der anderen Seite hatte sie genau gesehen, dass der Arcana wieder seine Gestalt wechselte. Nun würde er nicht mehr um eine Frage dahingehend herumkommen. Erschrocken sah sie zu dem erbärmlichen Menschenteppich herüber und war sichtlich froh, das Amulett um ihren Hals zu wissen.
      Vielleicht sollte sie ja doch ein bisschen mehr Abstand halten.
      Spätestens Augusts Kommentar dazu bekräftigte ihren Gedanken woraufhin sie etliche Schritte Abstand von ihm einnahm. Er trug wieder diese Vorfreude in seiner Stimme, die ihr nicht wirklich gefiel. Zumindest nicht in diesem Kontext. Inständig hoffte sie nur, dass sie falsch lag und nicht wirklich alles in die Luft flog, wenn August es nicht hinbekam.

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    • Schon als er dem Artefakt nahe kam, begann die Luft in merkwürdigen Spiegelfäden zu flimmern. Die linke Hand des Toten, die von dem Kristall befreit worden war, schien sich beinahe aufzulösen. Als würde Haut und Knochen sich voneinander abstoßen, fielen plakatgroße Stücke der Hand zu Boden und verdampften in einer Staubblase auf dem Boden. Selbst Knochen blieben nicht an Ort und Stelle, sondern begannen, sich in Staubfäden aufzulösen, die eigenartige konzentrische Kreise um den Leichnam zogen. DIe Magie sammelte sich...

      Schweigsam trat der Rogue an den Leichnam zurück und legte seine Magie zurecht. In seinem Kopf wanderte er durch die Reihen von Repertoire, das er besaß. Und auch wenn er nicht danach aussah: Es war gewaltig. Seien Aura bündelte sich genauso wie die Aura des Kristalls vor seiner Nase und die Rückkopplung der beiden Wellen verursachte ein merkwürdiges Brummen in der Luft. Als würde sich eine elektrische Ladung aufbauen, knisterte es und Hawthornes erloschene Zigarette fing wieder Feuer, trotz der Schilde um sie herum. Die Auramengen wurden mehr und dichter, als verdichtete sich der Raum um die beiden Artefaktträger, wenn man es genau nahm. Die ersten Caster der ersten Reihe begannen mit wackeligen Knien zu kämpfen, als der erste Puls kam. Beim zweiten Puls fielen sieben von zehn Castern mit schäumendem Mund zu Boden und die Schilde erstarben. Zuckend blieben die Leiber vor ihnen liegen während Hawthorne den Kopf schüttelte.
      Doch das wahrlich erschütternde war das Aussehen des Arcanas, den man den Teufel nannte.
      August schien größer geworden zu sein. Zumindest seine Hände machten den deutlichen Eindruck als sie die Ärmel seiner Hemden zum Platzen brachten und die weißliche Panzerhaut auch darunter zu finden war. Schweigend trat er heran und legte seine Hand auf den verbliebenen Kristall. Bei Kontakt der Haut mit dem Edelstein schienen bereits Splitter in seine Haut zu schneiden und sich mühelos Wege durch den Panzer zu bahnen. Wenn er ihn heraus riss...
      August warf einen Blick zu Ember zurück und grinste aufmunternd, ehe er den Kristall hinaus riss.

      Erstaunlicherweise tat sich erst mal nichts.
      DIe Luft lag still da und selbst Hawthorne wirkte zweifelnd, während sich die übrig gebliebenen Caster hervor wagten. Zumindest soweit, bis die Welt in einem Farbenspektrum von Rosa und Violett zu explodieren schien. Urplötzlich und doch nicht unerwartet explodierte der Kristall in der Hand des Arcana und wurde von einem gewaltigen Schmerzensschrei des Teufels begleitet. Unzählige Splitter schienen wie in einer Glasexplosion auf die Polizisten zuzufliegen, ehe sie in der Luft stehen blieben. Schwere, ja geradezu gewaltige, goldene KEtten schossen aus Augusts Rücken und banden einen Kreis um die Explosion die mit jeder Sekunde mehr Aura zu generieren schien. Wellenartig pulsierte diese wie gegen einen unsichtbaren Käfig aus Stein und wieder und wieder ging ein Rumsen durch die Erde. DIe Caster, welche sich vorgewagt hatten erstarrten in ihrer Bewegung und blickten entgeistert zum GEschehniss. Ihre Körper begannen zu brennen und zu frieren gleichermaßen und nicht nur einer begann, sich kleinkindhaft einzunässen. Selbst Hawthorne sah bleich wie eine Kalkwand zu, wie der Arcana die wirbelnden Einzelteile zu fassen bekam und die Explosion immer gewaltiger zu werden schien. Die Panzerhaut brach und gestaltete sich wieder und wieder neu während unzählige Klingen sich ihren Weg in die Haut fraßen.
      "Komm schon...", zischte August und blickte nochmals zu Ember.
      Jedoch nicht mit seinen Augen.
      Diese hatten sich regelrecht verändert, waren zu weißen Abklatschen ihrer bisherigen Farbe geworden und wie ein splitternder Spiegel zogen sich weiße, panzerartige Strukturen durch sein Gesicht. Die Lippen des Rogues verfärbten sich schwarz und wurden dünner, während sich seine Haut aufzulösen begann und unter dem Panzer blankes Fleisch freisetzte udn die Welt in sattes Rot tauchte. EIn wirbelnder Tornado aus Blut umzog ihn vielmehr und hietl sich nur innerhalb der Ketten, die ausgelegt zu Boden fielen.
      Erst nach einer gefühlten Ewigkeit gab es einen letzten, mächtigen Puls, der die Fassaden der Häuser mit Rissen versah, ehe der Tornado kleiner und kleiner wurde und gänzlich in Augusts Hand verschwand.
      Der Dreiteiler war ein Fetzen von Kleidung, während der Arcana blutverschmiert aus dem Bannkreis trat, den Körper wieder völlig normalisiert und zu Hawthorne sah, der zwischenzeitlich auf einem Stummel Zigarette herum kaute.
      "Das nächste Mal", murmelte August schwer atmend und wischte sich Blut aus dem Gesicht. "Hörst du auf mich..."

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    • Wäre Ember auch nur etwas magisch bewandert, dann hätte sie Augusts Arbeit vielleicht mit dem nötigen Verständnis und Anerkennung beobachtet. So sah sie nur beklemmt dabei zu, wie sich Teile es Toten buchstäblich in Rauchschwaden auflösten. Geschah das mit dem ganzen Körper hatte die Familie, sofern es denn eine gab, nicht mal etwas zum verabschieden.
      Sie konnte nicht verhindern, die Arme vor der Brust zu verschränken, die Schultern hochzuziehen und mühsam den Drang zu bekämpfen, sich nach den gurgelnden Geräuschen umzudrehen. Der Anblick vor ihren Augen machte es ihr deutlich einfacher. Prompt fühlte sich Ember an letzte Nacht erinnert, wo sie das erste Mal seine leicht veränderte Gestalt in Form seiner Hand gesehen hatte. Das vor ihren Augen erweiterte diesen Horizont lediglich.
      Dann warf August ihr einen Blick zu der dafür sorgte, dass sie kurz vergaß, zu atmen.
      Im nächsten Moment war der nächste Kristall schon draußen und suggerierte eine Art Frieden, der nur wenige Augenblicke lang anhielt. Die folgende Explosion ließ selbst Ember die Hände über dem Kopf zusammenschlagen und wegtauchen, obwohl es eh nichts gebracht hätte. Aber es war Augusts Schmerzensschrei der dafür sorgte, dass sie augeblicklich aus ihrer Schutzhaltung wieder auftauchte und ihren Blick wieder an den Arcana heftete.
      Wäre die Situation nicht so prekär, hätte man sie durchaus als schön beschreiben können. Die Geschosse hätten wunderschöne Edelsteine sein können, die wie Schmuck in der Luft glitzerten. Die Ketten verbanden die Einzelteile zu einem Gesamtkunstwerk und die regelmäßigen Pulse ließen die Oberflächen in verschiedenen Farben reflektieren. Als wäre das nicht genug driftete Embers Blick wieder zu August, der ihren dieses Mal erwiderte.
      Damals, als er aufgebrochen wie ein Stück Wild vom Jäger aus dem Untergrund zurückkam, war sie schockiert gewesen. Das hier übertraf es aber bei Weitem. War damals August noch als solcher zu erkennen, war es nun schwierig zu behaupten, man erkannte ihn noch unter der Fassade. Es war keine Angst, die ihre Glieder gefrieren ließ sondern lediglich die Tatsache, was sich unter der ihr gewohnten Gestalt tatsächlich verbarg. Und wenn man genau hinsah, dann erkannte man die Faszination am Rande ihrer grünlichen Augen. Weil sie sah, was mit diesem Mann in ihren Händen möglich sein könnte.
      Dann legte sich das Spektakel und hinterließ ein Schlachtfeld ohne Schlächter und nur mit Gefallenen. An ihrer Seite nahm Ember Hawthorne wahr, der auf seinem Glimmstängel rumkaute und genauso angewurzelt dastand wie sie selbst. Erst als der Arcana zu ihnen aufschloss, völlig zerrupft und entstellt, kam auch wieder Leben ihn ihre Glieder. Prompt wartete gar nicht erst ab, wie der Commissioner auf die Spitze reagierte, sondern ergriff direkt selbst das Wort: "Tatort ist gereinigt würde ich sagen. Wir machen uns wieder auf den Weg zurück, wenn Cunningham anrufen will, dann bitte erst in einer Stunde. Vorher fahre ich noch."
      Mit diesen Worten trat sie vor, legte eine Hand sanft, aber bestimmt, an Augusts Oberarm, um ihn mit sich zu ihrem Auto zu führen.

      8:57 Uhr

      Nachdem sich Embers Wagen brummend unter ihnen in Bewegung gesetzt hatte, entspannte sich die Frau merklich. August neben ihr sah einfach nur geschunden aus was sie darin bestärkt hatte, ihn einfach von dem Ort des Geschehens wegzubringen. Außerdem hatte sie wieder so viel mehr gesehen, dass mehr Fragen auffwarf als beantwortete. Sie fand ihre Stimme wieder, nachdem sie auf dem Highway waren.
      "Du mochtest ihn, oder?", stellte sie eher fest als dass sie wirklich fragte und klang dabei wieder butterweich. "Mein Beileid. Ungeachtet dessen, wie gut ihr euch kanntet oder wie es passiert ist. Du sahst nicht geschockt aus, eher... betroffen."
      Wie auf der Hinfahrt überholte sie geflissentlich einen anderen PKW ehe sie weitersprach.
      "Ich habe den Eindruck, jedes Mal mehr Fragen aufgezeigt als Antworten präsentiert zu bekommen. Bezogen auf dich. Das wollte ich dich eigentlich gestern schon fragen, was es genau da mit deiner Gestalt auf sich hat. Hüllst du dich wieder in Schweigen oder bekomme ich da endlich mal etwas mehr zu?"
      Keine Anklage. Eher der unausgesprochene Wunsch, es verstehen zu wollen.
      "Wieso kennst du gefühlt jedes hohe Tier der Exekutiven? Auch den jungen... wie hieß er noch.... ah, Richardson, kannstes du auch noch von einem Zwischenfall. Woher kennst du Hawthorne oder eher wie lange? Selbst ich geb' ihm keine Kosenamen."
      Wollte sie auch gar nicht. Hawthorne hatte mehr Ärger mit ihr als alles andere, wobei das auch ein wenig seiner Art geschuldet war. Wenn Cunningham schlimmer war als er, dann würde es schwierig werden der Dame nicht auch noch ans Bein zu pissen.
      "Vielleicht solltest du mir einfach mal erklären, was genau für eine Magie du eigentlich beherrschst. Was war das gestern Abend im Keller? Das Buch, der Spiegel mit dem du geredet hast? Wahrscheinlich kann ich dir gar nicht helfen, aber lass mich wenigstens ein bisschen teilhaben."
      Ember musste nicht alles wissen. Aber diesen Funken einer flehenden Bitte konnte sie nicht gänzlich aus ihrer Stimme schälen. Nur zu gut erinnerte sie sich an seinen Schmerz, den er ihr in einer wunden Stunde gezeigt hatte. Wenn sie sich wirklich gegenseitig vertrauen wollten, dann musste nicht nur sie aus ihrer Nussschale steigen.

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    • Der brummende Wagen überzog ihn alleine mit diesem Geräusch mit einer Nähe zu sich selbst, dass er kurz davor, dem Schlaf anheim zu fallen. Mühsam hielt er die Augen aufrecht, während sein Körper die Magie verarbeitete, die er aufgelöst hatte. Die Tatsache, dass dieser Angelus bereits Arcana töten konnte, bereitete ihm mehr Sorgen als er zugeben wollte. Nachdenklich kaute er auf seiner Unterlippe, während er sich Blutreste aus dem Gesicht wischte. Seine Hände waren noch immer zerschnittene Fleischballen, die langsam, aber zischend zu heilten, wenn er sich darauf konzentrierte.
      Seufzend lehnte er sich in dem Sitz zurück während sich die Wunden auf angenehme Weise schlossen. Es war so mühsam, dies alles aufrecht zu halten, dass er Embers Frage erst nach einer Zeit bemerkte. Sein Blick driftete ab, während er sprach, als befände er sich nicht in der diesseitigen Welt.
      Er nickte hinsichtlich ihrer Feststellungen und Beileidsbekundungen.
      "Danke", murmelte er. "Emmett war nicht der Typ Rogue, den man zu den Stärksten oder Willensstärksten zählte, aber er war ein netter Kerl, wenn man es auf dies herunter brach. Wir kannten uns einige Jahre, seitdem er in die Arcana gewählt wurde. Verdingte sich damals an kleineren Geschäften, ehe man ihm den Süden Englands übergab. Nun..."
      Er seufzte nochmals.
      "Wir alle kennen das Risiko des baldigen Todes auf der Türschwelle. Von daher trage ich es keinem nach, wenn er oder sie einen von uns tötet."
      Glatt gelogen. August hatte sich bereits einige Foltermethoden für dieses Biest angeeignet, die er ihm aussetzen würde. Es wäre das erste Wesen seit langer Zeit, dem er mit all seiner Kraft entgegen treten würde.
      Embers weitere Fragen wurden problematisch, auch wenn er diese schon erwartet hatte. Und auch wenn er ihr einen Brotkrumen zuwerfen wollte, so war das Wissen um seine Kräfte ein gänzlich anderes Kaliber.
      "Ich lernte James Hawthorne vor einigen Jahren kennen, als ich mich gerade emporarbeitete, wenn man es so nimmt. Und Richardson war bei meiner Verhaftung damals dabei. Als junger Frischling. Die Frage nach meiner Magie allerdings..."
      August seufzte erneut und kam aus seinem Delirium zurück, ehe er sie ansah. Es lag ein flehentlicher Wunsch in dem Blick, auch wenn er das ungern zugab.
      "Ich würde dir gerne mehr sagen, aber dieses Geheimnis ist noch nicht reif für die Enthüllung", murmelte er. "Frag mich andere Dinge, aber dieses kann ich nicht verraten. Verriet ich es dir, würde man dich jagen. Selbst unter Rogues ist es ein gut gehütetes Geheimnis und es gibt mindestens 4 Arcana, die dich und deine Lieben erbarmungslos jagen würden, wenn sie wüssten, was du wüsstest."
      Er lehnte sich in dem Sitz zurück und sah auf die Straße.
      "Der Raum gestern...Es ist eine Forschung, die ich betreibe. Das war nicht gelogen. Ich erforsche ein magisches Konstrukt, dass sich das Sieben-Wege-Tor nennt.", erklärte er. "Und zuweilen ist dies von Frustration und Wut geprägt, da es nicht einfach ist, das Konstrukt auch nur in Worte zu fassen. Das Buch dient als Katalysator meiner Suche und findet das Tor und bringt es zu mir. Aber...Auch ich bin nicht unfehlbar...Und der Spiegel...Nun, ich denke, das war meinem Delirium zu verdanken."

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    • In aller Ruhe hörte sich Ember an, was August als Antwort zurück gab. Einiges davon hatte sie bereits erwartet, andere Dinge waren seltsamer formuliert und ließen ihre Augenbrauen ein Stückchen näher zusammenrücken. Autofahren hatte etwas meditatives für die Detective und das ließ sie die Tatsachen anders verarbeiten. Also sprach sie den Elefanten im Raum direkter an.
      "Einige Jahre also? Ich muss sagen, dass ich drei Jahrzehnte Minimum nicht als nur einige Jahre betiteln würde. Da müsste Hawthorne noch ziemlich am Anfang seiner Karriere stehen."
      Schlagartig verstummte Ember. Es klickten mehrere Zahnräder auf einmal während sie in wahnwitziger Geschwindigkeit die Gespräche am Tatort vor dem Auflösen Revue passieren ließ. Unweigerlich weiteten sich ihre Augen während sie einem voranfahrenden Auto verdammt nah auffuhren und EMber sich willentlich daran erinnern musste, vorzeitig zu bremsen. Als sie wieder auf mehreren Metern Abstand waren, trat der entspannte Ausdruck auf ihr Gesicht zurück. Das änderte aber nichts an dem Puls, der ihr lautstark im Ohr widerhallte.
      Du fragst das nicht während der Fahrt. Du bist schlauer als das.
      Embers Finger lagen noch immer unverändert am Lenkrad, doch ihre Finger wirkten steifer als sie wieder zu sprechen anfing. Entgegen dieser Reaktion klang ihre Stimme völlig unverändert.
      "Es spielt doch keine Rolle, wie ein Mensch geschaffen ist wenn man Sympathie für ihn hegt. Man kann auch völlige Idioten lieben." Manchmal zählte sie ihren jüngeren Bruder in diese Riege, lag aber vielleicht auch nur an dem geschwisterlichen gewöhnlichen Zwist. "Wenn du möchtest kannst du mir ja erzählen, wie er so war. Damit es noch jemanden gibt, in dessen Erinnerungen er bleibt."
      Das war eine kleine kitschige Eigenart, an die Ember glaubte. Sie war nicht religös oder glaubte an ein Leben nach dem Tod. Aber sie folgte der Einstellung, dass die Menschen weiterlebten, wenn man sie in guter Erinnerung oder gar im Herzen behielt. Vielleicht auch nur eine Trotzreaktion, damit sie doch mit Emilys Tod umgehen konnte.
      Da die Frau vollends auf den Verkehr konzentriert war hatte sie den Ausdruck in Augusts Blick natürlich nicht mitbekommen. Deswegen konnte sie ein wenig der erwarteten Enttäuschung nicht gänzlich kaschieren.
      "Ich vermute, dann wird es nie reif dafür sein. Du wirst es mir nicht verraten wenn du weißt, dass es mein Todesurteil sein wird", stellte Ember fest und entschied in genau diesem Moment, dass sie nicht mehr dahingehend direkt fragen würde. Es wäre anmaßend von ihr weiter zu fragen, auf Vertrauen zu bestehen und somit von dem Rogue zu verlangen, sie wissentlich in einen grausamen Tod zu schicken. Ergo musste sie einfach das tun, worin sie gut war. Was ihr täglich Brot war.
      "Kannst du mir denn verraten, was genau das Tor tut? Sonst nehme ich einfach an, dass du versuchst, deine toten Freunde wiederzubeleben. Oder irgendwas in dieser Richtung. Sofern ich dir glaube, dass du wirklich nur im Delirium mit dem Spiegel gesprochen hast."
      Sie machte eine Pause während sie wieder ein Fahrzeug überholte und prüfend in den Rückspiegel blickte. Der weiße Passat war schon seitdem sie auf den Highway gefahren waren hinter ihnen her. Normalerweise war Ember nicht paranoid, aber das Kennzeichen stammte auch nicht aus dieser Gegend.
      "Oder du warst nicht im Delirium und hast etwas oder jemanden im Spiegel, mit dem du gesprochen hast. Und verheimlichst mir das. Ist auch dein gutes Recht, immerhin geht mich das eigentlich nichts an. Aber du hast Rem erwähnt... War das nicht Jeremiahs Tochter?"

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    • Es war immer dasselbe mit Geheimnissen. Sie spalteten Menschen schlimmer als Mauern, wenn man nicht darauf achtete, sie rechtzeitig sicher zu verstecken. August sah eine Weile auf die Strasse und wäre vermutlich auch wieder abgedriftet, wenn Ember nicht urplötzlich sehr nah an ein Auto heran gefahren wäre. Die leicht plötzliche Bremsung riss ihn aus seiner Konzentration und fragend sah er zu ihr, den Ausdruck des Erkennens auf ihrem Gesicht. Na wunderbar, dachte er. Ein Geheimnis schien durchschaut. Er beschloss, nichts zu dem Thema zu sagen, obgleich er sich sicherlich hätte herauswinden können. Und doch widerstrebte etwas in ihm dieser Vorgehensweise. Als würde er es aus einem Grund nicht wollen, sie zu belügen. Sie würde ohnehin hinter alles kommen wenn sie sich sein Alter ansah.
      Als sich das Gespräch zu Emmett wandte, witterte er Morgenluft. Es war leichter über andere zu reden als über sich selbst. August lächelte schwach und schnaubte über die Angewohnheit. Wie Emmett war...Das war beinahe noch schwieriger zu beantworten als die Frage nach seiner Erfahrung.
      "Emmett...Emmett war ein guter Mann. Gütig, beinahe ein wenig zu naiv um einer von uns zu sein. Viel weiss ich nicht über ihn, da Arcana die Art pflegen, ihre Geheimnisse nicht offen preis zu geben. Zumindest wenn sie lange leben wollen. White hat das nie begriffen. Hat offen in die Welt hinausgetragen dass er ein Arcana war. Dachte, er würde so Frauen abgreifen können. Das Gegenteil war der Fall."
      Ein schwaches Kichern begleitete Augusts Erzählung.
      "Ich erinnere mich an ein vorkommnis, da er eine Schauspielerin, auf die er gerade stand, zu einer Versammlung von Arcana mitbrachte. Sie gute wusste gar nicht, wie ihr geschah, als die meistgesuchtesten Schwerverbrecher des Landes vor ihr standen. Der Richter drohte sie aufzuknüpfen und der Turm wollte sie aufessen. Sie ist schreiend aus dem Haus gerannt."
      Schweigsam lehnte er sich zurück und sah zu ihr als sie das Tor ansprach. Das war gefährlicher Boden, dachte er und seufzte. Wenn er ihr das gesamte Ausmaß dessen verkündete wozu das Tor fähig war, würde sie sich auch darin verlieren...
      "Nun, so erstaunlich es klingt: das Tor tut das, was eben ein Tor tut. Es öffnet Dinge und gewährt Zugänge. Es ist ehrlich gesagt ziemlich viel zu erklären und ziemlich abstrakt. Und es gibt mehr Legenden dazu als wirkliche Tatsachen."
      Erstaunlich gar nichts gesagt, August, dachte er und seufzte. Wenn er sallow richtig einsetzte würde sie nicht aufgeben, auch wenn es besser war..
      Anschließend sah er nach vorne, blickkontakt vermeidend und sagte:
      "Meine Freunde sind tot. Es gibt nichts, um sie wieder lebendig zu machen. Auch Zauberei hat Grenzen, die man nixht überschreiten sollte."
      Lüge Nummer 2. Gott, wie er sich dafür hasste, immer wieder Menschen belügen zu müsse . Aber kein Ton seiner Stimme noch ein augenzucken verriet ihn.
      Als Ember ihren Namen aussprach, versteifte sich der Rogue an ihrer Seite. Es war schwer, ihren Namen auch nur zu hören auch wenn sie nicht...
      "Das ist richtig ", bestätigte er nach gefühlten Minuten des Schweigens. "Sie war Jeremiahs Tochter und galt lange Zeit als beste Zauberin ihrer Generation. Sie war eine brillante Zauberin, eine noch bessere Taktikerin und genial wenn es um den Rest ging. Sie..."
      Er hielt inne und schluckte einen kloss im Hals hinab.
      "Sie war besser als ich...in jedweder Hinsicht. "

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    • Das schmale Lächeln, das auf Embers Lippen erschien, wirkte teils belustigt, teils angespannt. Immer wieder sah sie in den Rückspiegel um sich zu vergewissern, dass der Passat immer noch hinter ihnen war. Er fuhr soweit von ihnen entfernt, dass sie im Rückspiegel die Menschen im Wagen zwar erahnen, aber nicht erkennen konnte. Jedes Mal, wenn sie den Wagen ein wenig rollen ließ, fiel auch der Passat zurück.
      "Gut, wenn ich an der Stelle der Frau gewesen wäre, wäre ich vermutlich auch schreiend davon gelaufen. Allerdings wundert es mich, dass man wildfremde Leute einfach zu so einer Versammlung mitnehmen kann. Hätte gedacht, ihr seid da etwas verschwiegener."
      Was hatte sie denn erwartet? Ein geheimes Versteck, zu dem man ging wenn man eine verschlüsselte Nachricht erhielt? Wieder überholte Ember ein anderes Fahrzeug, dieses Mal jedoch einen LKW. Somit verschwand der Passat aus ihrem Sichtfeld.
      "Eigentlich finde ich Legenden hin und wieder auch mal ganz spannend", sagte sie beiläufig. Immer noch kein Auto in Sicht. "Du musst mir ja nicht haarklein erzählen, wie es funktioniert. Aber zum Beispiel, zu was genau es Zugänge gewährt? Einfach, damit ich irgendwas Greifbares hab."
      Langsam entspannte sich Ember, was sich auch dadurch zeigte, dass sie ihren Kopf an der Kopfstütze wieder anlehnte. Sie hatte sich aufgerichtet gehabt während sie immer wieder den Rückspiegel im Auge behalten hatte. Sie glaubte August ohne Zweifel, dass auch Magie ihre Grenzen hatte. Aber nicht, dass der Rogue an ihrer Seite diese Grenzen nicht längst lokalisiert und versucht hatte, auszuweiten. Über das Mögliche hinaus. Aus dem Augenwinkel bemerkte sie seine erste unterbewusste physische Reaktion, als sie den Namen Rem ausgesprochen hatte. Sie ließ das Schweigen sich entfalten, gab ihm Zeit sich zu fassen und wenn er denn mochte zu antworten. Als er schließlich über Rem etwas erzählte, wurde das dezente Lächeln auf Embers Lippen bleiern. Sie kannte die Beziehung zwischen Jeremiahs Tochter und August nicht, aber das was er erzählte klang für sie mehr als nur einfache Freundschaft. Was vielleicht auch erklären würde, warum er sie angesprochen hatte und niemanden sonst aus seinem Freundeskreis der Verstorbenen.
      "Mit anderen Worten, ihr standet euch unglaublich nah. Hattest du zu ihr ein innigeres Verhältnis als zu dem Rest deiner Gruppe?"
      Ember beendete gerade ihre Frage, da tauchte der weiße Passat in ihrem Seitenspiegel wieder auf. Er holte auf dank der Überholspur und näherte sich soweit an, dass Ember endlich einen Blick auf die Insassen erhielt. Das Auto war voll mit Insassen, sowohl Fahrer als auch Beifahrer waren fast bis zur Unkenntlichkeit vermummt. Man sollte sie nicht identifizieren können.
      Prompt drückte sie das Gaspedal auf Anschlag durch.
      Die nächste Ausfahrt kam schon in anderthalb Kilometern, was ihr Glück sein mochte. Mit einer nicht mehr legalen Geschwindigkeit nahm sie die Ausfahrt, bremste gerade so hart herunter, dass sie nicht mehr aus der Kurve zu fliegen drohten, und linste in den Rückspiegel.
      Der weiße Passat folgte ihnen.
      "Dachte mir schon, dass da was faul ist", murrte Ember, das Lenkrad fest in ihren Händen, als sie nach einem kurzen Blick über die rote Ampel raste und einen viel zu engen Bogen fuhr, um die angrenzende Auffahrt auf die gleiche Autobahn, nur in die andere Richtung, zu nehmen.
      Die Reifen quietschen erbärmlich als sie die Auffahrt wieder hochraste und ihrem Wagen alles abverlangte, was er zu bieten hatte. Sie würde zwei Ausfahrten warten, dann abfahren und über Land zurück nach London fahren. Nach etwa fünf Kilometern tauchte der weiße Passat wieder im Spiegel auf, was Ember leise fluchen ließ. Sie nahm eine Abfahrt zu früh und hatte dieses Mal Glück mit einer grünen Ampel und nur einem Auto vor sich. Kurz vergewisserte sie sich, dass die Straße frei war, dann überholte sie den PKW vor sich und bog die nächst beste Straße ab. Alles, um den Passat abzuhängen.
      "Keine Ahnung, seid wann die uns folgen. Kein regionales Kennzeichen und allesamt vermummt. Was machen die Wunden?", fragte die Detective erstaunlich ruhig während sie sich immer wieder vergewisserte, dass der Passat hinter ihnen nicht auftauchte.

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    • August kicherte noch immer bei der Vorstellung der jungen Dame und ihrem erschrockenen Gesicht, als der Richter auf sie los ging. Ein wahrhaftiges Fest der Sinne. Für alle Beteiligten.
      "Oh, wir sind verschwiegen, wie du weißt. Normalerweise sind derlei Zusammenkünfte streng geheim und dulden keine Besucher. Zumal Besucher auch nicht lange durchhalten würden unter 21 Klasse "SS"-Zauberern. Aber lustig war es schon. Nur für Emmett danach nicht mehr. Wurde beinahe rausgeworfen."
      Während sie dahin fuhren bemerkte August wieder und wieder die nervösen Blicke in den Spiegel. Damit er sie nicht beunruhigen musste, fragte er nicht nach, aber da sie bisher noch ruhig fuhr, schien es keinen Grund für eine Flucht zu geben. Dieser sollte erst später folgen.
      Er fuhr sich mit der frisch ausgeheilten Hand durch die verschwitzten und blutverschmierten Haare, während er seufzte.
      "Auch das ist nicht so einfach zu erklären. Es heißt, es gäbe ein sogenanntes Tempus-Tor. Ein Tor, das die Zeit beherbergt. Fürderhin gibt es ein Ultramundus-Tor, das einem einen Zugang in Jenseits ermöglicht, so heißt. Ein sogenanntes Seelentor und mehr weiß ich nicht. Die Zugänge sind verschieden und die Erforschung gefährlich und keinesfalls angeraten, Miss Sallow", murmelte er ernsthaft und grinste dabei schwach.
      "Rem und ich standen uns nahe, ja. Sie war nicht das, was man eine normale Frau nennen würde, aber sie brachte mich zum Lachen. Wir waren fernab der Tatsache, ein Liebespaar zu sein, aber wir hätten es sein können, wenn nicht der Unfall dazwischen gekommen wäre..."
      Die weitere Antwort wurde von der plötzlichen Beschleunigung des Wagens beendet. Also hatte er sich doch nicht geirrt. Es waren offenbar Verfolger, wenn er einen Blick über die Schulter warf. Doch er sah sie nicht. Zumindest nicht das, was Ember zu sehen schien.
      "Was zum Geier...", fluchte er und sah Ember an. "Den Wunden gehts gut. Noch."
      Er drehte sich nochmals um und sah kein Auto, das ihnen verdächtig folgte. Konnten sie es geschafft haben?
      "Wer war das?"

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    • "Wenn ich wüsste, wer das war, hätte ich schon längst telefoniert", bemerkte Ember nüchtern, noch immer huschte ihr Blick in sämtliche Spiegel, nur um nichts finden zu können.
      Sie hatte den Wagen weg von dem offenen Land in ein Waldstück gelenkt, die nächst beste Siedlung war noch etwas weiter weg. Sie musste sich zuerst aus dem offenen Blickfeld bringen, sollten die Verfolger nach ihnen Ausschau halten. Da kam ihr ein dichter Wald mit ordentlich Gestrüpp gerade gelegen. Folglich reduzierte sie ihr Tempo für den unwahrscheinlichen Fall des Gegenverkehrs auf der uneinsichtlichen Strecke.
      "Am Tatort waren zu viele Menschen, mir ist erst was komisch vorgekommen als wir losgefahren sind. Da war ein weißer Passat, vollgestopft mit Leuten hinter uns seitdem wir auf den Highway gefahren sind. Sie haben einen gleichbleibenden Abstand einbehalten, sodass ich erst nicht sehen konnte, wer da drin saß. Keine Ahnung was deren Problem war."
      Hier und da zwackten kleinere Seitenstraße von dem Weg ab, den sie durch das Waldstück fuhren. Ember fuhr nicht mehr in einem extrem halsbrecherischen Tempo die Straße entlang und hoffte, dass die Zeit ausreichte, damit ihre Verfolger sie verloren. Warum sich allerdings Unbekannte an ihrer beiden Fersen geheftet hatten, war ihr nicht klar. Ein flüchtiger Blick ging zur Seite zu August hinüber. Vielleicht hatten die falschen Leute mitbekommen, dass sie den Arcana aus Evenstar geholt und bei sich einquartiert hatte. Vielleicht machte jemand Jagd auf ihn, aber das müsste einem Selbstmordkommando nahekommen.
      "Fällt dir adhoc jemand ein, der dir nachstellen würde und weiß, dass ich dich im Schlepptau hab? Ich glaube, mich würde man weniger -"
      Zu mehr kam Ember nicht mehr, deren Worte in einem höllischen Knirschen unterging. Aus einem kleinen Waldweg, der in die Straße mündete, brach ein weißer Wagen hervor. Er fuhr ohne Licht und mit einer höllischen Geschwindigkeit, dass Ember ihn viel zu spät gesehen hatte. Mit einem gewaltigen Ruck prallte der Passat mit der Schnauze ungebremst in die Fahrerseite von Embers Wagen. Ein Ruck ging durch das Fahrzeug als es sich drehte, vom Weg abkam und einmal über das Dach rollte, ehe ein Baum den Wagen stoppte und eine weiteren Überschlag damit verhinderte.
      Sofort stieg Qualm unter der Motorhaube auf. Die Airbags waren ausgelöst worden und hatten verhindert, dass Detective und Rogue sich die Köpfe aufschlugen. Die Frontscheibe war gesplittert, die Beifahrertür war nur marginal engedellt. Dafür sah die B-Säule auf Embers Seite deutlich schlimmer aus. Die Karrosserie war eindrückt, soweit, dass Ember aus ihrem Sitz nach vorn gedrückt worden war und nur dank des Anschnallgurtes nicht durch den Innenraum geflogen war. Mit dem Gesicht lag sie im Airbag und rührte sich nicht mehr.

      Der weiße Passat war nach dem Zusammenstoß ebenfalls von der Straße abgekommen und frontal gegen einen Baum geknallt. Aus dem Wagen stiegen fünf Personen - alle mit Schutzkleidung ausgerüstet, was bedeutete, dass sie mit so einer Aktion bereits gerechnet hatten. Sie trugen Überwurfe, doch man konnte Schusswaffen in Holstern an Brust und Hüfte der Männer erkennen. Niemand sprach ein Wort sondern verständigten sich mit Handzeichen, wodurch die fünf Männer ausschwärmten und Embers Wagen einkreisten. Nach außen hin wirkten sie wie ein eingespieltes Sondereinsatzkommando, doch es war schwierig zu erkennen, ob sie auch magisch gewappnet waren. Ihre Vorsicht, mit der sie sich dem Unfallwagen näherten, ließ allerdings darauf schließen, dass sie zumindest genau wussten, wem sie da gerade nachstellten.

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      "I rather trust and regret than doubt and regret"
    • Die Welt stand Kopf.
      Für ein paar Sekunden seines Lebens schien das Leben, das er zu kennen glaubte, nicht mehr existent zu sein. Gerade wollte er Ember auf ihre Frage antworten und hatte den Mund geöffnet, ehe er diesen weißen Rausch zu sehen glaubte. Ein Blitz, geradezu unsichtbar, brach durch das Unterholz und rammte das Auto. Danach erschien seine Welt eine Welt aus Rot und Weiß zu sein. Wie eine Puppe wurde er im Auto hin und her geschleudert, als es sich überschlug und hart prallte der Kopf des Rogue auf den Airbag, der ihm die Brille im Gesicht zerdrückte. Es brauchte eine Weile, bis er sich von dem Schlag erholte, der ihn nur marginal erreicht hatte. Er schmeckte Blut auf seinen Lippen und warme Flüssigkeit tropfte seine Stirn hinab, als habe man ihn frontal mit einem Ofenrohr geschlagen.
      Eine Weile hörte er nur das Dröhnen seiner Ohren und die Schmerzen in seinem Nacken wurden übermächtig, als er ächzend den Kopf nach links drehte.
      August vermied es, sie anzusprechen. Vermutlich hätte er nur knurren können. Stattdessen glitt seine Hand zu ihr, fuhr in die kurze Beuge ihres Halses und berührte diesen kurz. Er war noch nie gut in Heilung gewesen. Er konnte nicht mal einen Puls ertasten. Stattdessen spürte er nur weitere fünf Personen um das Auto herum.
      Er betrachtete Embers leblosen Körper noch gute drei Sekunden, ehe er der Wut in sich nicht mehr Herr wurde, die wie ein Sturm über sein Bewusstsein fegte. Vor seinem geistigen Auge verwandelte sich der Körper der Polizistin in einen anderen, liebsameren Körper. Einen Leib in einem schwarzen Kleid, hochgeschlossen bis zum Hals. Der Leib, der auf dem Rücken lag und ihn mit anklagenden Augen ansah, ihn um Erlösung bat und gleichsam vor Angst weinte. Der seine Hand hielt und nicht losgelassen werden wollte, obgleich der Leib mehr und mehr zu fallen drohte. Und August ihn loslassen musste.
      Oh, sie würden ihn kennen lernen. Und wenn es das Letzte war, was er tat!
      Seine Hand glitt schwerfällig an seinem Oberkörper entlang und fuhr über den Gurt, der ihn im Sitz hielt. Wie Staub zerfloss das Kunststoffgemisch unter seinen Berührungen und gab ihn frei, sodass er schwer in den Sitz zurücksank. Seine rechte Hand glitt zur Tür des Autos und umhüllte diese mit seiner Aura, die sich termitengleich daran machte, die Tür zu zersetzen. Beinahe nur eine Sekunde später zerfiel auch diese zu einer Art glitzerndem Metallstaub der sich im Wind zerstäubte. Sachte schwang er seine Beine aus dem Auto und drückte den schmerzenden Rücken durch.
      Als August seine zerdrückte Brille von der Nase zog und diese achtlos auf den Boden warf, sah er zum ersten Mal zu den Verfolgern, die sich wie Spinnen um ihn wandten. Sie kommunizierten durch Signale und Laute, aber nicht durch Sprache. Schlaue Menschen. Doch Worte würden sie weder retten noch schützen. Es war dem Rogue gleich, wer sie waren und warum sie waren. Es glich einer Ameise, die vor einem Bären flieht. Die Lage war aussichtslos, ehe sie auch nur begriffen was hier vorging.
      Die Wut in ihm und das innere Auge, das August noch immer Rems blutverschmiertes Gesicht zeigte, türmte sich auf und brach sich als Aura durch den Körper. Mit einem Mal legte sich ein Netz von drückender Schwerkraft über die Verfolger, die allesamt ins Straucheln gerieten, während Foremar sich genüsslich und langsam mit dem Ärmel über die blutverschmierte Stirn wusch.
      Bis der erste das Zeichen zum Angriff gab.
      Ein stummes, beinahe formloses Signal mit einer Hand und die Spinnchen stoben los. August beachtete sie nicht, denn er wusste wo sie waren. Sie liefen durch seine Aura und jeder ihrer Schritte zeigte ihm, wo der jeweilige Verursache zu finden war. Diese haltlosen Idioten...
      Da! Ein Schuss!
      Ein Ruck ging durch den Leib des Rogues und riss seine Schulter nach vorne, die ein fünf-Cent-großes Loch aufwies. Ein brachiales Knurren entfloh sich seinen Lippen, ehe er zum Schützen sah. Doch Augen waren es nicht, was den Mann ansah. Sogleich ließ dieser sein Gewehr fallen und fasste sich an den behelmten Kopf. Jämmerlich begann er zu schreien, während die weißen Augen des Rogues ein neues Ziel suchten.

      "Ihr sollt angrei-"
      Erst dann sah der erste Kämpfer rechts von ihm die Augen des Zauberers. Kleine, schwarze Hände klopften von innen an die Iris und ließen das ganze unirdisch werden...Beinahe Teufelsgleich...
      Auch dieser begann zu schreien, als er das Gesicht sah, das sich durch die Augen des Zauberers brach und fasste sich vor den Helm. Beinahe zärtlich wanderte August zu ihm herüber und legte ihm eine Hand auf die Schulter. Die Schreie intensivierten sich, als er wie von selbst ein gewaltiges Stück Fleisch aus dem Körper des Mannes riss. Als würde er ein Stück von einer Sahnetorte brechen, riss er die Schulter des Mannes aus der Verankerung und ein Arm fiel nutzlos zu Boden, während das Stück Fleisch wie Staub in seiner Hand verdampfte.
      Der Erste, welcher in der Illusion gefangen war, sah nun leblos zu August und legte den Kopf schief. Das letzte, was er sah, war der Rogue, der mit seinen Fingern eine Bewegung vollzog, die er nicht nachvollziehen konnte. Mit einem saftigen Geräusch platzte der Kopf des Mannes im Helm und verdampfte anschließend, womit der Körper wie ein Sack Reis zu Boden fiel.
      Der Nächste rannte.
      jedoch nicht weit. Schreiend warf er seine Bewaffnung nieder und fand sich gleichsam im Auge des Rogues, als dieser plötzlich vor ihm stand und seine Hand auf die Brust des Soldaten gelegt hatte.
      Er konnte nur zusehen wie der Brustkorb des Soldaten platzte und eine Wolke von Rot über das satte Grün der Wiese streute. Ein weiterer feuerte mehrere Salven von Schüssen ab, unter denen sich August fort duckte. Die Leiche des Mannes als Schild nehmend fuhren die Einschläge wie kleine Bomben hernieder, doch es kümmerte ihn nicht. Als der Körper bereits zu durchschlagen war, trat der Rogue ins Nichts und tauchte hinter dem Mann wieder auf.
      Den letzten Schrei hörte nur noch Foremar, als dieser ihm mit der weißen, vielgliedrigen Hand um das Gesicht fasste und den Kopf samt Helm vom Körper riss.
      "Bitte..."
      Eine letzte Stimme in der drückenden Leere, die das Waldstück umgab. Augusts Augen hatten die zersplitterte Version von vorher angenommen. Die Lippen des Mannes waren schwarz verfärbt und das Grinsen wirkte beinahe abartig fröhlich und gleichsam freudlos. Als blicke einen der Teufel an.
      Wutberauscht und schweigend richtete er seine Finger auf den Mann, der gebeten hatte.
      "Bitte deinen Gott um Vergebung...", flüsterte August und lachte wiehernd, als der Mann wie ein Ballon zerplatzte.
      Erst nach dem Letzten atmete August tief durch und zwang seinen Körper in die normale Haltung zurück ehe er an Embers Tür trat.
      "Ember!", rief er und vernichtete die Tür des Autos. "Komm schon, Sallow!"

      The more that I reach out for heaven
      The more you drag me to hell
    • Man hörte immer wieder so schön, dass der Adrenalinrausch während eines Unfalles dafür sorgen konnte, dass die Zeit wie in Zeitlupe verging. Jetzt konnte Ember sicher sagen, dass dem nicht so war. Sie merkte noch den Aufprall des Wagens, wie sie mit unheimlicher Kraft durchgeschüttelt wurde und der Ohren betäubende Lärm...
      Dann war alles weg.
      Als sie wieder zu sich kam, sah sie nur dunkel. Ihr Körper fühlte sich so schwer an wie Granit und ebenso kalt. Dumpf hatte sie etwas hören können, das in weiter Ferne in ihren Ohren rauschte wie ein Radio mit schlechtem Empfang. Testweise bewegte sie die Finger, spürte die Bewegung ihrer Hände und dabei keinen Schmerz. Langsam drehte sie den Kopf, stockte kurz und machte dann weiter, bis sich Licht in ihren Augen brach. Ihr Blick konnte keinen klaren Fokus fassen, aber sie sah die fehlende Tür und jemanden davor stehen, der August sein musste.
      Der erste tiefere Atemzug brannte wie Feuer. Anstelle eines Wortes drang nur ein Stöhnen über ihre Lippen während sie versuchte, die Welt vom Drehen abzuhalten. Als sie ihre Beine bewegen wollte, spürte sie sie nicht. Panik war die nächstbeste Emotion, die die Blutbahnen ihres geschundenen Körpers fluteten. Mühsam hielt Embersich davon ab, überhastete Atemzüge zu machen obwohl ihr Körper nach Luft zu schreien begann.
      "Weg?", schaffte sie ein Wort zu formulieren und ihre rechte Hand zu bewegen
      Irgendwo blieb Ember hängen und ein Schmerz so stechend, dass sie nicht wusste ob es heiß oder kalt sein sollte, schoss durch ihren Geist. Scharf sog sie Luft zwischen den Zähnen ein und verfluchte sich direkt dafür. Nach etlichem Blinzeln schien sich ihre Sicht ein bisschen zu bessern, sodass sie August halbwegs gut erkennen konnte.
      "Handy", kam als nächstes über ihre Lippen als sie ihn träge anblinzelte.
      Niemand wusste, dass sie hier waren. Niemand ahnte, dass sie in einen Unfall verwickelt worden waren. Und da sich Ember daran erinnern konnte, dass August einst gesagt hatte, er sei nicht gut in Heilung, brauchten sie einen Notarzt. Sie brauchte einen Notarzt.
      Langsam begann jede einzelne Bewegung einfach nur wehzutun. Immerhin hatten sie beide den Aufprall mehr oder weniger gut überstanden. Dass es um sie herum aussah wie auf einem Schlachtfeld kam ihr vorerst gar nicht in den Sinn.

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      "I rather trust and regret than doubt and regret"
    • Vermummte Mumienpisse!, dachte August als er in Embers leicht erwachendes Gesicht blickte.
      Sie sah schlecht aus. Ramponiert beinahe, wenn man es gemein formulieren würde. Aber zumindest lebte sie. Nach quälenden Sekunden des Aufwachens sah sie ihn an und doch nicht, wie ihm schien. Auch wenn sie versuchte, sich zu bewegen, es würde vermutlich einige Stunden oder Tage brauchen, bis sie wieder unter den Lebenden weilte.
      "Ja, sie sind weg", murmelte er und strich ihr die verklebten Haare aus dem Gesicht. "Nicht schlappmachen, Sallow. Und nicht so hektisch. Immer ruhig, bis die Kavallerie da ist."
      Sie versuchte sich zu bewegen aber stöhnte vor Schmerzen und dies wiederum besorgte August. Vor sich hin fluchend rannte er kurz ums Auto um sich die Schäden anzusehen. Er konnte nicht einmal sicher gehen, dass dies hier funktionieren würde. Er konnte sie nicht befreien ohne zu riskieren, ihre Beine aufzulösen.
      "Ochsenschädel und Katzenscheiße!", donnerte er und begab sich wieder zum Auto, just als als sie ihn wieder ansah. Das Handy. Natürlich.
      Sachte berührte er sie an ihrer Jacke und suchte nach dem Handy. Das er natürlich nicht fand. Warum gab er nicht einfach etwas darauf, dass er darauf achtete, wo dieser ganze neumodische Mist immer verstaut wurde?
      "Ja...Einen Moment...Krankenwagen, Krankenwagen...", murmelte er und versuchte vergeblich an tragende Teile zu kommen, um das AUto aufzulösen.
      Frustriert und schwer atmend richtete er sich auf und lächelte sie aufmunternd an.
      "Durchhalten, Dickkopf", flüsterte er. "Bin gleich wieder da."
      Langsam erhob er sich und nahm ein paar Schritte Abstand von dem Wagen, ehe er einen freien Baum erreichte.
      Kurze Bestandsaufnahme:
      Zustand der Patientin: Kritisch bis sehr kritisch, auch wenn es besser aussah als gedacht. Auto: Schrott. Rettung: Magische Rettung ausgeschlossen, manuelle Rettung möglich. Krankenwagen? Nur unter erheblichem Zeitverlust.
      Nach dieser Bestandsaufnahme sah er nochmals zu dem Wrack und hörte auf die sachten Stöhner aus dem Auto und hasste sich. Zerstören kannst du gut, dachte er wütend und drehte sich zu dem Baum.
      "Zerstören konntest du immer.", murmelte er und schlug seine Faust wie eine Kanonenkugel in das Holz. Ächzend splitternd gab das Holz nach und die vor Wut verzerrte Miene des Zauberers blickte auf seine Faust und beinahe nebensächlich wollte er in die Dimensionen greifen, um...
      Dimensionen!
      Mit neuer Hoffnung sah er zum Auto und huschte über das Unterholz, ehe er mit einem lauten Knall mit den Händen aufs Dach schlug. Er war gestolpert und konnte sich gerade abfangen, aber die Berechnungen waren wichtig. Langsam ging er wispernd um das Auto herum und maß jeden Millimeter mit seinen Augen. Es würde eine ungeheure Menge Energie verschlingen. Und er würde Chaos auslösen. Mehr als gewollt. Und Ember würde ihm anschließend die Ohren langziehen...
      Warum grinste er bei den Gedanken? Dummkopf!
      Doch es war machbar.
      Sachte beugte er sich an der Fahrerseite hinab.
      "Okay..:", murmelte er. "Das wird jetzt eine holprige Fahrt, Liebes...Halt dich fest und versuch für zehn Sekunden die Luft anzuhalten, okay? Ich sage dir Bescheid."
      August erhob sich und legte eine Hand auf das Auto. Zeitgleich aktivierte er die Aurareserven seines Körpers und legte wieder diesen Druck über die Anlage, sodass selbst die Vögel verstummten und das Wasserplätschern geringer wurde. Langsam, quälend langsam legte sich die Aura um das Metall, erfasste jeden Winkel, jede Schraube. Und wie eine liebende Hand auch den geschundenen Leib der Polizistin.
      Die Theorie über Dimensionssprünge mit Vehikeln war nicht neu, aber mit Menschen war es gefährlich wenn man sich verschätzte. Aber August kannte nur ein Krankenhaus in London.
      Das Hospital in den Spitalfields in Whitechapel. Ein altes Areal, aber genauso gut wie jedes Andere. Jetzt mussten sie es nur schaffen.
      "Jetzt!"; rief er und aktivierte den Zauber.
      Er hatte das Loch unter sich projiziert, sodass sie hinein fielen. Es war schwer, die Hand auf dem Auto zu halten, während es sich anfühlte, als führte man ein Kantholz durch ein Nadelöhr. Seine Innereien wurden gepresst und gequetscht und rebellierten nach Luft, wärhend seine Sicht dunkel wurde.

      Spitalfields wurde von einer wunderbaren Grünanlage gesäumt. Dort, wo normalerweise die Auffahrt der Notfallwagen stand, war nunmehr gähnende Leere und eine himmlische Ruhe, sodass Henry, der Torwächter, seiner Lieblingsbeschäftigung nachging: Sudoku. Nicht, dass er verstand, was er dort tat. Meistens fühlte er irgendwelche Zahlen in die Kästchen ein, sodass hier neben einer 4 eine 233 stand, weil er fand, dass die Zahl gut aussah.
      Und Henry Johnson wäre kein guter Torwächter gewesen, wenn er nicht hin und wieder einen Kontrollblick über den Parkplatz werfen und...
      sich vor einem aus dem Nichts ploppenden Autowrack erschrecken würde.
      Lautstark schrie der Wächter seine Überraschung heraus und blickte starren Blickes zu dem hochgewachsenen dürren Mann, der sich jetzt blutverschmiert umdrehte.
      "Heilige Maria..."
      "Andere Baustelle", murmelte dieser, obgleich Henry das Gesicht bekannt vorkam. "Ich benötige Hilfe. Das ist Ember Sallow, sie hatte einen Unfall und benötigt dringend und akut Hilfe!"
      Henry nickte während er Kaffee verschüttete und aus dem Starren nicht heraus kam.
      "Jetzt!", rief der Mann ihm ärgerlich zu und Johnson wählte eine Nummer. Die Nummer des Chefarztes. Man wusste ja nie wen das Wetter so anspülte, aber du meine Güte...
      Erststaunlicherweise erreichte er sogar jemanden, sodass er kurz darauf laut verkünden konnte.
      "He, Mister!", kam er hinter der Absperrung hervor. "Die Notärzte sind auf dem Weg, Sie müssen nur - "
      Doch der Mann war verschwunden.

      The more that I reach out for heaven
      The more you drag me to hell
    • Die Schmerzen nahmen in jeder Sekunde zu. Mit jeder Bewegung des Zeigers auf der Uhr intensivierte sich das Gefühl und holte Ember gewaltsam aus ihrem Dämmerschlaf. Noch immer bewegte sie sich kaum, atmete nur flach zumal sie das Gefühl hatte, wirklich tief einatmen funktionierte nicht mehr.
      Dass August in ihren Augen vielleicht ein wenig hektisch erschien mochte auch einfach nur an ihrer verzerrten Wahrnehmung. Auch das Krachen des Holzes drang nur stark gedämpft an ihre Ohren, der Aufprall von vorhin pfiff immer noch nach. Ebenso erschrak sie kaum, als der Rogue wieder auftauchte und irgendetwas plante, zu dem sie keinen Kommentar abgeben konnte. Ihr war kalt, der Schock ließ langsam ihre Glieder zu zittern beginnen. Und ihr Kopf war ein einziger dröhnender Hammerschlag nach dem anderen.
      Augusts Worte ergaben keinen Sinn. Luft anhalten? Wie sollte sie das denn bewerkstelligen? Am liebsten hätte sie gelacht, aber außer einem verzogenen Mundwinkel bekam sie nichts mehr hin. Sei es drum. Dann schlossen sich ihre Lider als sie ein Jetzt! hörte und das bisschen Luft in ihren Lungen zu verschließen suchte. Einzig die warme Welle, die über ihren bebenden Körper rollte, deutete auf etwas Gutes hin.
      Als sie dann sprangen konnte Ember nichts mehr entgegensetzen. Sie schaffte vielleicht ein paar Sekunden, dann war der Schmerz überpräsent und ließ sie ohnmächtig werden. Dass sie auf dem Platz des Krankenhauses in Whitechapel ankamen erlebte die Detective nicht mehr mit.



      Eine Woche später
      Whitechapel Hospital - Mittwoch - 9:43 Uhr



      Sichtlich genervt lag Ember in ihrem Krankenbett auf ihrem Einzelzimmer. Der Unfall hatte in drei gebrochenen Rippen, die ihre Lunge punktiert hatten, und einem gebrochenen Becken resultiert. Was bedeutete, dass sie allein das Krankenhaus nicht verlassen würde. Eigentlich hätte sie noch mindestens eine weitere Woche bleiben sollen, aber ihr Handy war bereits am ausflippen gewesen einen Tag später, als sie es wieder in die Finger bekommen hatte. Das Massaker im Wald und das eindeutige Fehlen eines zweiten Wagens hatte für ordentlich Tumult gesorgt. Darüber hinaus hatte Ember den Anruf von Cunningham verpasst, ebenso wie mehrfache Anrufe von Hawthorne, Peacock und schließlich ihrem Bruder Shawn.
      Auf eben jenen wartete Ember. Sie musste so schnell es ging zurück ins Büro und zumindest versuchen, die Wogen zu glätten. Sie hatte ihren Bruder gebeten, kaum war sie wach, in ihrer Wohnung nachzusehen. Nur um festzustellen, dass nichts mehr auf August hindeutete.
      Effektiv hatte Ember August verloren und ihr Kopf würde wie versprochen als erster rollen.
      Leise seufzte sie, als es klopfte und sich die Tür öffnete. Herein trat ein junger schlacksiger Mann, der Ember um einiges überragte. Seine dunkelbraunen Haare in Kombination mit den grünen Augen, die jenen seiner Schwester verblüffend ähnlich waren, sah Shawn aus wie ein zu groß gewachsenes Reh aus. Wo Embers Gesicht scharf geschnitten war und vielleicht dank des Stresses Furchen aufwies, war ihr Bruder zwar kantig aber weicher als sie.
      "Sorry, eher durfte ich dich nicht rausholen", entschuldigte er sich und hatte Gott sei Dank keine Blumen dabei. Die hätte seine Schwester ihm um die Ohren gehauen.
      "Super Überzeugungsarbeit. Ich hab gedacht, du bist besser als die ganzen Juristen."
      "Hey, wenn es danach ginge, dann wärst du nach der Narkose bereits ins Special Department gekarrt worden. Hast du eigentlich eine Ahnung, was da gerade abgeht?"
      Hatte Ember. Teilweise. Sie hatte mehrfach mit Peacock telefoniert, der ihr die Lage grob umrissen hatte und Hawthorne sowie Cunningham irgendwie davon abgehalten hatte, sie in Dauerschleife anzurufen. Der Mann musste eine Macht besitzen, von der seine Kollegin nichts wusste.
      "Deswegen bleib ich keine zwei Wochen sondern nur eine. Und jetzt hol den Rollstuhl her. Wenn ich noch länger diese Wände anstarren muss, werde ich wahnsinnig."



      Special Department - 11:19 Uhr

      Erst auf der Autofahrt entspannte sich Ember. Sie hatte ihren Bruder schon Monate nicht mehr gesehen und hatte eigentlich nicht geplant, ihn unter solchen Umständen wiederzutreffen. Im Gegensatz zu ihr hatte er eine ruhigere Karriere als Makler eingeschlagen und hatte sich ebenfalls von dem Landleben verabschiedet. Sie telefonierten hin und wieder mal, aber irgendwann ging man seines Weges. Nach Embers Trennung von Alex, ihrer letzten Beziehung, hatte sich ihr Kontakt ein wenig im Sand verlaufen, um erst etliche Zeit später wieder neu aufzublühen als Shawn ihr von seinen aktuellen Plänen berichtete.
      Etwas schwerfällig half er seiner Schwester aus seinem Seat Leon und bugsierte sie in den mitgebrachten Rollstuhl. Zu gern hatte er Widerworte angebracht, aber Ember bestand darauf ins Department zu fahren und die Heilkundigen hier direkt aufzusuchen. Sie hatte keine vier Wochen zum Auskurieren. Sie musste den Sitz ihres Kopfes sichern bevor jemand die Guillotine aufbaute.
      "Der Eingang sieht nicht wirklich barrierefrei aus..."
      "Ach Shawn, ist doch scheißegal. Rüttel mich da im Notfall irgendwie hoch, Hauptsache, ich komm' da rein. Sobald du drin bist folgst du meinen Anweisungen und betest, dass wir keinem hohen Tier über den Weg laufen. Sonst wird's unschön."
      "Ich dachte, du wärst jetzt in einer höher gestellten Position?"
      "Das bin ich auch. Allerdings bin ich auch diejenige, die einen Arcana aus Evenstar geholt und nun aus den Augen verloren hat." Ihr wurde noch immer bei dem Gedanken schlecht. August hatte nicht mal ihre Nummer. Es lag ganz allein in seiner Hand, sie aufzusuchen. Ihr blieb nichts anderes übrig, als zu warten. Sofern er noch lebte und nicht dem Angelus zum Opfer gefallen war. Oder sonst wem.
      "Warte. Du hast was?", fragte Shawn verdattert und hielt abrupt inne.
      Wild begann Ember zu gestikulieren und ihm zu zu zischen: "Nicht stehen bleiben, weiterfahren! Ja, hab ich! Erzähl ich dir ein ander Mal aber nicht jetzt auf dem Hof wo uns jeder sehen kann!"
      Widerwillig nahm Shawn sein Tempo wieder auf, um sie beide ins Gebäude zu bekommen.

      Das Ergeschoss lief ohne Probleme. Man schaute sie vereinzelt nur etwas verwirrt an, da die meisten die Nachricht noch nicht gehört hatten, aber stellten keine Fragen. Ohne Zwischenfälle schob Shawn seine Schwester in den Aufzug, wo sie sich nach vorn lehnte, fluchte, und auch den Knopf für das zweite UG drückte. Surrend setzte sich der Aufzug in Bewegung.
      "Wir hatten einen Mordfall, den wir ohne ihn nicht lösen können. Es muss ein Arcana sein, alle anderen kommen mit der dort präsentierten Magie nicht klar."
      "Und dann holst du einfach so aus dem Gefängnis einen Massenmörder raus, ja?" Der Hohn triefte nur so in seiner melodischen Stimme.
      Ember rieb sich derweil die Oberschenkel. "Hör auf immer nur die Medien zu verfolgen und glaub der Detective im Senior Rank wenn sie dir sagt, dass da mehr hintersteckt als nur die Zahl der Todesfälle. Mehr kann ich dir nicht sagen, also frag nicht weiter."
      Unzufrieden brummte Shawn kurz bevor es piepte und die Aufzugtür zur Seite glitt. Nun hatten sie Einblick in einen geradlinigen Flur, von dem etliche Türen abgingen.
      "Bis nach hinten durch, dann rechts und dann die fünfte Tür rechts."
      "Aye, aye."
      Einträchtig schoben sich die Geschwister durch den Gang. Hin und wieder tauchten plötzlich Menschen aus den Türen auf, nickten ihnen zu und zogen von dannen. Langsam aber sicher beschleunigte sich Embers Puls. Es war immer wie in den Filmen - kurz vor dem Ziel passierte doch noch irgendetwas. Ihr Blick war jedes Mal leicht gehetzt, kaum trat jemand Neues auf den Flur. Und jedes Mal musste sie demjenigen freundlich zunicken.
      Bis sie um die erste Ecke bogen und Ember direkten Blick auf eines der hohen Tiere hatte, denen sie nicht bewegen wollte.
      Prompt schlug sie ihrem Bruder stumm auf die Hand hinter sich am Griff und bedeutete ihm, die zweite Tür auf der linken Seite zu nehmen. Dort hinten am Ende des Ganges stand Mitchell, der deputy head of special department. Gänzlich der gelehrige Bruder driftete Shawn umgehend ab, ignorierte alles andere und brachte sich und Ember in die besagte Tür, die satt hinter ihnen schloß.
      Augenblicklich entspannte sich Ember, als sie die gewohnte Einrichtung sah, die mehr von einem Wohnzimmer als einem Büro hatte. Der Boden war mit rotem Teppich ausgelegt, die Wände sandfarben gestrichen. Bilder von Personen, die sie gut kannte, hingen an den Wänden, ein dekoratives Bücherregal prangte ausladend an einer Seite des Raumes. Auf der anderen war ein Schreibtisch, ein massiver Sekretär, und davor eine gemütliche Couchgarnitur in Creme mit zwei Sessel und einem Tisch dazwischen.
      Am Sekretär saß ein alter Mann, sicherlich über 60 Jahre, das Gesicht faltig und trotzdem glatt rasiert. Seine weißen Haare schienen ihm nie ausgefallen zu sein und seine stechend grauen Augen musterten die Besucher, kaum hatten sie den Raum betreten. Er trug eine Weste ähnlich wie August es manchmal tat mit einem hellen Hemd darunter und einer braunen Stoffhose. Er war gerade dabei gewesen, durch irgendwelche Unterlagen zu gehen, die er beiseite legte und mit einem Fingerzeig auf die Sessel deutete. Oder zumindest einem.
      "Du bist nach einer Woche schon aus dem Krankenhaus entlassen worden? Ich habe gehört, dir ist dein Arcana abhanden gekommen." Seine Stimme hörte sich so alt an wie er es vermutlich war, aber jedes einzelne Wort war überdeutlich betont sorgsam ausgesprochen worden. Kein Stottern, kein Lispeln. Nichts.
      Embers Lächeln wurde beim Klang seiner Stimme breiter. "Abhanden gekommen ist gar nicht so verkehrt. Dürfen wir uns hier ein wenig verstecken? Draußen steht Mitchell und dem will ich eigentlich nicht über den Weg fahren."
      Langsam setzte sich Shawn in Bewegung und rollte seine Schwester näher zu dem Sekretär, um sich dann selbst etwas verunsichert auf den nächsten Sessel zu setzen. Etwas skeptisch musterte er den alten Mann.
      "Dann wirst du Shawn sein, richtig?", fragte der Mann und lächelte gütig, als Shawns Gesichtsausdruck etwas finsterer wurde, "du bist deutlich größer als Ember mir gezeigt hat."
      "Da war er auch noch deutlich jünger", schaltete sich die Detective ein und fischte nach der kleinen Dose, in der der Mann immer Bonbons aufbewahrte. "Shawn, das ist Noland."
      Nolands Lächeln wurde breiter, sodass Shawn irgendwann nicht mehr anders konnte, als seine skeptische Ader fallen zu lassen.

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      "I rather trust and regret than doubt and regret"
    • Wenn es etwas gab, dass James Hawthorne hasste, dann war es Bingo. Bingo, der Geruch von Nagetieren und Julia Cunningham, die beinahe zehrend nervend in sein Büro stürmte und dieses nicht mehr verlassen wollte. Diese Frau glich einem hässlichen Ausbruch von Herpes, den man nicht mehr los wurde. Und jetzt saß dieses vermaledeite Weibsstück ins einem Büro und hielt ihm einen Vortrag über Sitte und Moral!
      Wer war hier eigentlich der Boss?!
      "Ich weiß nicht, James. Also einer daher gelaufenen Polizistin auch nur ansatzweise zu gestatten einen Schwerverbrecher mitzunehmen...Und diesen dann auch noch zu verlieren..."
      "Erstens!", donnerte Hawthorne und schlug mit seiner gewaltigen Faust auf den Holztisch, sodass die Unterlagenstützen bebten und der Flatscreen einen Wackelkontakt bekam. Das Büro war nur mit einer leichten Verglasung umhüllt, weshalb man es liebevoll "das Terrarium" nannte, aber immerhin konnte man die Wut des Chiefs sehen, während er auf Julia mit dem Finger zeigte.
      "Ember Sallow ist keine Dahergelaufene!", zischte er. "Zweitens: Der Verlust war nicht beabsichtigt und ich habe das glaubhaft vermittelt bekommen. Und Drittens!"
      "Kein Drittens, James. Der Verlust mochte nicht beabsichtigt sein, aber zumindest wurde er schadhaft in Kauf genommen, nicht wahr? Foremar ist bekannt dafür, der Herr der Illusionen zu sein. Es war also zumindest hinlänglich wahrscheinlich, dass er ihr irgendwann entkommen würde, oder nicht? Da war der Mord an diesem Arkana ja beinahe ein willkommenes Ereignis!"
      Hawthorne schnaubte und lehnte sich zurück. Gott, er hasste diese überhebliche Zauberin, der man so einiges nachsagte. Die Wände um ihn herum, sofern sie fester Natur waren, glichen einer Chronik seiner größten Fälle. Die Alva-Morde, die Morales-Entüfhrung...Alles große Fälle, die er gelöst und erledigt hatte. Und er sah gern darauf, wenn er sich beruhigen und seinen Puls auf ein normales Niveau bringen musste.
      "Weißt du, Julia..."; begann er und kaute auf einem Zigarettenstummel herum, während er sich umdrehte. "Du kannst mir gerne viel erzählen über Ethik, Moral und Sitte. Aber wenn ich ehrlich bin wüsste ich erst einmal gerne, warum zum Geier alleine in der letzten Woche drei Auseinandersetzungen mit dem Richter und Foremar unter deiner Nase ereignet haben und ich bereits seit vier Tagen der Politik versuche zu erklären, warum wir dreißig Zaubererleichen auf der Themse vorzuweisen haben."
      Einen Moment lang schien Cunningham um Worte verlegen, ehe sie sich räusperte und zurücklehnte.
      "Ich finde eigentlich nicht, dass es da großer Erklärungen bedarf. Irgendetwas hat die Arkana aufgescheucht und der liebe Himmel weiß was. Die Gerüchte besagen einen Führungswechsel und interne Grabenkämpfe, aber mehr weiß ich auch nicht, James...", murmelte sie und seufzte.
      "Wir sollten langsam Sallow auftreiben, damit wir endlich ein klares Bild erhalten und ich diesen...ZAuberer zu Gesicht bekomme. Es verzehrt mich geradezu danach..."
      Der letzte Satz wirkte komisch ins einen Ohren und seufzend schüttelte Hawthorne den Kopf, während er sich auf dem Gang umschaute. Und gerade noch einen Rollstuhl erblickte, der in Windeseile in ein Büro kurvte.
      Grinsend wählte er eine Nummer.
      "Mitchell? Schaffen Sie Sallow in mein Büro. Ja, Sallow. Ja, die Sallow! Sind Sie bescheuert? SChwingen Sie Ihren Hintern zu ihr und schleppen Sie ihren versehrten Arsch in mein Büro!"

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    • "Und du hast wirklich keine Vermutung, wer euch da angefahren hat?"
      Noland war ein Stück von seinem Sekretär abgerückt, hatte die Beine überschlagen und die Arme vor der Brust verschränkt. Mit aufmerksamen Augen hatte er die Schilderung der Detective verfolgt, die geradewegs dabei war, seine heiligen Bonbondose im Alleingang zu leeren.
      "Alle vermummt, Kennzeichen war von außerhalb. Ich hab' keine Ahnung, was genau nach dem Zusammenstoß passiert ist. Foremar war zu dem Zeitpunkt noch da gewesen, ich gehe stark davon aus, dass das Massaker auf seine Kappe geht."
      Hinter Ember schnaubte Shawn abfällig. Ein stummes 'war absehbar'. Doch sie reagierte nicht darauf.
      "Sie müssen abgepasst haben, wann wir die Wohnung verlassen haben. Entweder hatten sie schon vorher einen Einbruch geplant, fanden den Tatort schneller als gedacht oder waren einfach zum richtigen Zeitpunkt vor Ort. Bei nichts bin ich mir wirklich sicher."
      Ember sah eindeutig, wie Noland immer wieder zu ihrer Hand schielte, als sie nach der Dose griff. Sie wusste ebenfalls, dass er dies nicht tat um sie vom Stibitzen abzuhalten.
      "Du lässt mich nicht nachsehen, richtig?", fragte er nach einer kleinen Pause leise nach und erntete nur ein stummes Kopfschütteln der Frau ihm gegenüber.
      Dann klopfte es an der Tür.
      Ember verharrte in der Bewegung, aber es war ihr Bruder, der wie ertappt zur Tür schaute. Unsicher glitt sein Blick zurück zu seiner Schwester und Noland. Im Gegensatz zu den Geschwistern wirkte der alte Mann herrlich ruhig und tiefenentspannt.
      "Ich fürchte, man hat eure Fluchtaktion gesehen", merkte er überflüssigerweise an und versuchte nur mit Blicken zu erörtern, was Ember davon hielt. "Möchtest du versuchen, einfach zu schweigen und zu hoffen, dass er wieder geht?"
      Mitchell würde nicht gehen. Wenn es denn Mitchell war, der vor der Tür stand und brav wartete. Niemand stürzte einfach so in Nolands Privatzimmer, aus er riskierte damit am nächsten Tag seine heikelsten Geheimnisse ausgebreitet zurück zu bekommen. Der Rogue war alles andere als eine Tratschtante, aber wenn man ihm arg gegen den Strich ging zögerte er nicht, delikates Wissen einzusetzen. Vielleicht war der Mann in diesem Raum mit mehr Macht gesegnet, als die gesamte Einrichtung zusammen.
      "Shawn, mach die Tür auf", seufzte Ember schließlich und es dauerte einen Augenblick ehe sich ihr Bruder erhob und die Tür öffnete.
      Mitchell starrte Shawn, der den Anfang 50er sogar noch überragte, regelrecht nieder. Schweigend trat Embers Bruder zu Seite, sodass der viel zu früh ergraute deputy head freie Sicht auf Embers Rücken bekam. Er räusperte sich noch bevor Shawn zurück zum Rollstuhl gegangen war, um seine Schwester umzudrehen.
      "Hi, Noland. Ich wollte euer kleines Stelldichein nicht stören, aber Sallows Typ wird verlangt", grüßte Mitchell mit seiner kratzigen Stimme den Rogue, der ihm belanglos zum Gruß die Hand wedelte.
      "Habe mir schon fast gedacht, dass es die Runde macht, sobald sie auch nur ein Rad ins Haus gebracht hatte. Oder hatte bringen lassen." Noland schmunzelte das Reh im Raum an, das unsicher zwischen zu vielen Fronten stand.
      Ember sah unterkühlt zu Mitchell herüber. Im Endeffekt war der Mann mit seiner Halbglatze und den viel zu kleinen Brillengläsern nichts anderes als ein Lakei, der nur von A nach B rannte und Befehle weiterreichte. Wie er es zu dem Posten gebracht hatte, war ihr nie völlig aufgegangen.
      "Ich nehme an, Hawthorne hat seinen dritten Aschenbecher angefangen seitdem man mich hier gesichtet hat?"
      "Na ja, wenn er nur allein wäre, bestimmt. So sind es sicherlich fünf bis sechs. Du kennst den Weg."
      Seufzend gab Ember Shawn ein Zeichen, damit er sie aus dem Raum in den Flur schob. Eine theatralische Geste machend verabschiedete sie sich von Noland, der ihnen aufmunternd zulächelte, ehe sein Gesichtsausdruck kalt wurde, kaum hatte sich die Tür geschlossen.

      Bereits von Weitem sah Ember durch die Glasscheiben Hawthorne und den zusätzlichen Besuch, der ihr so ziemlich jegliche Lust und Laune in den Keller trieb.
      "Du sagst gleich kein Wort. Wenn sie dich rausschicken, geh einfach und warte in der Nähe. Wenn nicht, stillschweigen. Egal, was sie sagen. Du hast nichts gehört noch gesehen, verstanden?" Embers Tonfall war nicht mehr als jener einer Schwester zu erkennen. Die kalte Berechnung war in ihre Stimme zurückgekehrt, die sie bitter nötig hatte, wenn sie sich mit gleich zwei Schwergewichten messen durfte.
      Man öffnete ihnen die Tür zu dem Glaskasten, damit die Sallows gemeinsam in Hawthornes Büro eintreten konnten. Geflissentlich schloss man sie wieder hinter ihnen und ließ die Beiden in der buchstäblichen Höhle des Löwens zurück. Shawn bekannte sich umgehend zu seiner Daseinsberechtigung als Säule, nicht gewillt, seine Schwester hier allein zu lassen. Schweigend, aber dickköpfig.
      "Commissioner", nickte Ember erst Hawthorne zu, dann richtete sich ihre Aufmerksamkeit auf die Frau, die für sie selbst noch eine Unbekannte war. Durch die reine Erscheinung hatte Ember in Sekunden aber eine sehr gute Vermutung, wer es war. "Ms. Cunningham. Ember Sallow zu Diensten. Verfrüht aus dem Krankenhaus abgereist, wenn ich so sagen darf. Wie kann ich helfen?"
      Sie ahnte bereits, wohin sie diese Frage bringen würde. Gedanklich wappnete sich Ember gegen den mentalen Kampf, den sie gleich vermutlich ausfechten durfte. Sollte sie es nur versuchen. Leicht würde es auf jeden Fall nicht werden.

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    • Wenn es eine Situation gab, die als unangenehm bezeichnet werden konnte, so war es diese. Inmitten des Glaskastens, der von einem wuchtigen Schreibtisch und einem höchstgradig verärgerten Hawthorne eingenommen wurde, saß auch noch Cunningham vor dem Tisch.
      Hawthornes stechende Augen ruhten auf Ember, während er sie in dem Rollstuhl von oben bis unten musterte. Und auch die Salzsäule, die mit ihr den Raum betrat und den er erstmals erstaunt ansah.
      Cunningham indes beschränkte sich auf ein abfälliges Nicken, ehe sie sich im Stuhl zurücklehnte und die Arme verschränkte. Es kam nicht oft vor, dass man den beiden ranghöchsten Polizisten einen Zivilisten unterjubeln wollte.
      „Sie“, sagte Hawthorne und wies auf Shawn. „Das ist eine interne Besprechung ich fürchte, ich muss darauf bestehen, dass Sie draußen warten.“
      Und auch wenn die Worte gewählt und ruhig erschienen, duldeten sie keinerlei Widerspruch oder Widerstand. Geduldig warteten die Parteien, bis Shawn das Zimmer verlassen hatte, ehe sie beide Ember ansahen.
      „Zunächst einmal…“, murmelte Hawthorne und seufzte. „Wie geht e…“
      „Wussten Sie von August Foremars Plänen?“, fragte Julia schneller und beugte sich vor.
      Quer über ihrer rechten Gesichtshälfte prankte eine hässliche Narbe, die eines ihrer Augen erblindete. Dieses weiße Auge, was erschreckende Ähnlichkeit mit dem hatte, was Hawthorne von Foremar kannte, fixierte Ember während das andere ebenfalls seinen Weg in ihr Gesicht suchte.
      Ein Donnern ließ sie jedoch zusammenfahren.
      Hawthorne hatte erneut auf den Tisch gehauen. Nunmehr war der Aschenbecher gänzlich von der wuchtigen Tischplatte gekippt und hatte sein Innerstes auf dem Boden verteilt. Doch nichts davon war unangenehmer, als der Blick, mit dem der Commissioner seine Mitleiterin betrachtete.
      „Es tut mir Leid, dass wir Sie so überfallen müssen, Ember“, murmelte Hawthorne und sah sie wieder an. „Wie ist es Ihnen ergangen? Was machen die Verletzungen?“
      Gleichsam als würde sie auf ihr Kommando warten, seufzte Julia und lehnte sich zurück.
      „Und die nächste Frage, James?“
      „Julia…Mein Büro. Wir sprachen darüber.“
      Seufzend lehnte auch er sich leicht zurück. Er hätte sie gerne noch nach dem Unfall gefragt, aber das war wohl etwas für später.
      „Haben Sie eine Ahnung, was genau in der Woche nach ihrem Unfall passiert ist?“
      er schob ein paar Zeitungsausschnitte und Fotos von Tatorten herüber, die Kriegsschauplätzen glichen. Und nur eines davon war der Untergrund, der nunmehr völlig in Schutt und Asche gelegt worden war. Leichen türmten sich selbst auf diesen Bildern und starrten zwischen den Steinen hervor, die nieder gerissen schienen.
      Ein paar weitere zeigten andere Stadtteile und eben gleiche Zerstörungen…
      „einen Tag nach Ihrem Unfall begann es. Es glich einem kleinen Bürgerkrieg, wenn ich ehrlich bin. Dem Vernehmen nach sollen drei Arkana nach einem kurzen Intermezzo aufeinander losgegangen sein.“
      Sachte schob er zwei weitere Bilder über den Tisch. Eines zeigte einen grauhaarigen, bärtigen Mann mit stechenden blauen Augen und ein anderes eine blutjunge Frau mit blonden lockigen Haaren, die einen Teddybären trug.
      „Glaube, diese beiden sollten selbst Ihnen ein Begriff sein“, murmelte Cunningham und wies mit dem Kinn auf diese.
      „Kjetil Prestegard, Alter unbekannt, man schätzt ihn auf über 50. Geboren in Norwegen und nach England immigriert in den frühen Siebzigern. Sie kennen ihn vermutlich als den Arkana „Richter“. Und die andere Dame ist besagte Amerikanerin, die über das Meer getrudelt kam. Susannah Bones, genannt der „Hierophant“.“
      Hawthorne brachte sie kurz zum Schweigen.
      „Jedenfalls sollen diese drei in wechselnden Abständen immer wieder in der vergangenen Woche auf einander losgegangen sein. Es wird von einem Gefügewechsel und einem Machtwechsel gesprochen. Wussten Sie, dass August Foremar von den meisten Arkana als deren Anführer angesehen wird?“

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    • Ember hatte schon damit gerechnet, dass man Shawn aus dem Büro werfen würde, denn ein Zivilist hatte hier wirklich nichts verloren. Folglich gab er keine Widerworte, so wie seine Schwester es ihm eingetrichtert hatte, und verließ das Büro. Er blieb allerdings in Sichtweite, steckte die Hände tief in die Hosentaschen und beobachtete das Dreigespann von außen.
      Die ersten Worte, die Ember von Julia Cunningham hörten waren genau das, was man sich hinter ihrem Rücken erzählte. Es entlockte der Detective nicht mal ein verräterisches Zucken ihrer Augenwinkel als sie bei der Frage ihre Aufmerksamkeit auf die Leiterin richtete. Schweigend überflog sie das Gesicht der Frau in Bruchteilen einer Sekunde und beschloss augenblicklich, dass diese Frau anstrengender sein würde als alle anderen hier.
      Noch bevor Ember etwas antworten konnte, schaltete sich Hawthorne ein und erntete von Ember einen überraschten Ausdruck. Sie hatte nicht erwartet, dass er die Leiterin in Schranken weisen würde, die sie selbst nicht einmal kannte. Offensichtlich hatte bis jetzt nicht Ember das Problem mit Cunningham sondern der Commissioner selbst.
      Erst jetzt ergriff Ember das Wort, nachdem sie sicher war, dass die Fotos ihr etwas Luft zum Sprechen gewährten. "Drei gebrochenen Rippen, punktierte Lunge und ein gebrochenes Becken. Ich wollte zu den Heilern und den ganzen Spuk etwas beschleunigen. Peacock hat mich im Krankenhaus ein wenig in Kenntnis gesetzt nachdem ich wieder halbwegs beisammen war."
      Erkenntnisse und Geschehnisse per Stimme mitgeteilt zu bekommen, war eine Sache. Aber auf Fotos zu sehen, wie es in der Realität abgelaufen war, verlieh dem ganzen eine völlig neue Tragweite. Sie war etwas näher an den Schreibtisch gerollt, um mit den Fingern durch die Bilder zu wischen und mit jedem Blick neuen Terror zu sehen. Das war keine Meinungsverschiedenheit mehr sondern ein Kleinkrieg. Dass das alles so kurz nach ihrem Unfall ausgebrochen war hatte man ihr nicht gesagt. Plötzlich war ihr klar, warum Cunningham solch ein Interesse an ihr hegte. Auch ohne einen Namen zu nennen wusste die Detective sofort, welche drei Arkana gemeint waren. Und einen davon hatte sie auf die Welt losgelassen.
      Die Bilder, die man ihr von zwei Personen zeigte, inspizierte sie etwas eingehender. Weder die eine Person noch die andere waren ihr in natura über den Weg gelaufen. Den Hierophanten hatte Ember so ähnlich eingeschätzt wenn man bedachte, was ihre Fähigkeit war. Der Richter hingegen wirkte... anders. Als könne sie sich kein richtiges Bild zu diesem Mann machen.
      Nachdenklich begann Ember mit ihren Fingerspitzen auf der Oberfläche des Tisches zu trippeln. Sie hatte bereits geahnt, dass es chaotisch werden würde, wenn sie eine komplette Woche praktisch von der Außenwelt abgeschnitten worden war. Eine Woche, in der ein Mann wie Foremar viel zu viel anstellen würde und sie hatte keine Chance, irgendwie an ihn heranzukommen, wenn er es nicht wollte. Sie zermaterte sich das Hirn während sie darüber spekulierte, warum er noch nicht versucht hatte, mit ihr Kontakt aufzunehmen. Prompt schoss ihr in den Sinn, dass jedes einzelne seiner Worte gelogen gewesen sein könnte. Er mit ihr gespielt hatte bis ihm langweilig wurde und sich nun wichtigeren Dingen widmete.
      Es dauerte eine ganze Weile ehe Ember das Schweigen brach. Noch immer behielt sie das Trippeln bei, den Blick sturr auf die Bilder gerichtet. "Das war mir neu. Zumindest hat er wenig Worte über sein Dasein als Arkana verloren und ich möchte sagen, dass ich in den paar Tagen verdammt viel über den Mann herausfinden konnte. Aber wussten Sie beide eigentlich, dass wir im Untergrund Bones praktisch in die Arme gelaufen sind? Foremar war sich nicht ganz sicher, warum sie hier ist. Eigentlich wollte er sich mit dem Richter deswegen kurzschließen und eine Allianz bilden. Würde mal schätzen, dass das nicht geklappt hat."
      Das war ein Problem, aber nicht ihr Hauptproblem. In der gesamten Woche hatte Ember nichts von einem Angelusopfer gehört. Keinen Todesfall, keinen Schauplatz. Die Auseinandersetzung der Arkana hatte alles in den Schatten gestellt. Wenn es denn die Arkana waren.
      Embers Blick hob sich und traf auf Hawthornes. "Ich weiß, dass Foremar eigentlich diese Bilder verhindern wollte. Das glaube ich ihm sogar. Ebenso wie die Hilfe, die er uns für die Tatorte des Angelus, des Sharokh, geleistet hat. Zur Hölle, er hat mich mit meinem kompletten Wagen buchstäblich vor ein Krankenhaus geportet. Er hätte mich einfach da verrecken lassen und hat es nicht."
      In ihrem Blick stand die volle Überzeugung hinter ihren Worten. Der Arkana hatte genug geleistet, als dass man ihn als etwas anderes hatte betrachten müssen als ein Monster zu sein.
      Ruhig löste sie ihren Blickkontakt mit dem Commissioner, um zur Leiterin hinüber zu sehen. Gesichter mochten so entstellt sein, wie sie wollten. Es erzeugte bei der Detective nicht den Hauch einer Reaktion.
      "Wer kann bestätigen, dass Foremar Auslöser und treibende Kraft hinter diesen Bildern ist? Wieso habe ich kein einziges Wort mehr über weitere Fälle gehört, die mit dem Sharokh zu tun haben? Wir sind nicht der Guardian, also könnten Sie mir einfach klar schildern, was jetzt der aktuelle Stand der Dinge ist? Ich muss eine Woche erst mal wieder aufarbeiten können."

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    • Wichtige NPC (Nico)



      Izabella Lynch
      Bella1.jpg

      Bekannte Informationen:

      - ehem. Besitzerin der Kleidersammlung im Koffer
      - aufbrausendes Temperament, jähzornig
      - 1 Schwester (Dolores "Lory" Lynch, Besitzerin des Twisted Mind Palace)

      Magie:
      Devil Takeover



      Rem Chapman
      Rem.jpg

      Bekannte Informationen:

      - Tochter von Jeremiah Old (geb. Chapman)
      - gilt als brillant im Umgang mit Magie
      - entwickelte mit August den Dimensionskoffer

      Magie:
      Dimensionsmagie



      Thomas Watson

      thomas.jpg

      Bekannte Informationen:

      - ritzte das Wort "Teufel" in Augusts Rücken
      - Liebhaber magischer Völkerstrukturen
      - Ersteller der Gehege im Koffer und verantwortlich für die Unterbringung der Wesenheiten

      Magie:
      Enstehungsmagie



      Marya Bishop

      marya.jpg

      Bekannte Informationen:

      - liebt Musik
      - schrieb mit August Lieder und spielte Klavier

      Magie:
      Illusionsmagie


      William Newgate
      William.jpg

      Bekannte Informationen:

      - belesen und hochintelligent
      - ängstlich

      Magie:
      Zerfallsmagie






      Ulysses von Stratenwalde zur Erzsteinhöhle

      goblin-creature-art-magic-artifact-standing-his-curio-shop-digital-fantasy-painting-illustration-159360612.jpg

      Bekannte Informationen:

      - angeblich ist August sein Arbeitgeber, er hat aber keine Wahl
      - ist ein adeliger Bettelgoblin
      - Wärter des Koffers, obwohl er es nicht nötig hat
      - neigt zu unflätigen Beleidungen

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      Dieser Beitrag wurde bereits 5 mal editiert, zuletzt von NicolasDarkwood ()

    • Hawthorne betrachtete sie eindringlich, während sie zu erzählen begann. Und man konnte es nennen wie man es wollte. Für den geübten Beobachter sah es beinahe so aus, als manifestierte sich Sorge in seinem Blick. Doch diese war nicht wirklich vorhanden. Hawthorne wusste nur genau, was er an Sallow hatte. Sie mochte ein Querulant und Klotzkopf sein, aber sie tat ehrliche Arbeit und war darin nicht schlecht. Nur als Führungsperson taugte sie mit ihrer unendlichen Sturheit nichts.
      Da war er ja ganz anders..
      "Eine Ahnung, wer das gewesen sein könnte?", fragte er schließlich und faltete die Hände auf dem Tisch, nachdem er die Ellenbogen auf das Holz gestützt hatte. "Wir haben Ermittlungen angestellt, aber außer dem Massaker um das Auto herum war nichts erkennbar. Nicht zuzuordnendes Nummernschild, nicht registrierter Wagen. Sie waren gründlich, diese Bastarde."
      Er mochte es nicht, wenn seine Leute angegriffen wurden. Sei es von Zauberern oder Menschen. Man griff keinen Polizisten an. Cunningham jedoch schien sich dessen nicht ganz so interessiert zu widmen. Sie hörte Sallows Ausführungen zu und schnaubte verächtlich, während diese erzählte. Ein dummer Kleinjungenstreich, so kam es ihr vor. Als ob dieses Monster jemals zu Gefühlen fähig war. Sie hatte selbst erlebt, wie er ihr ins Gesicht geschaut und das Blaue vom Himmel gelogen hatte. Nur um an sein Ziel zu kommen.
      "Wir wussten davon", bestätigte Cunningham und nickte. "Wir haben nach diesem Massaker die Ermittlungen im Untergrund aufgenommen, aber Bones war entkommen. Dafür konnten wir eines ihrer Schoßtiere erlegen, das sich leider dematerialisiert hat, bevor wir aus ihm schlau wurden."
      "Wenn Sie sagen, Sie haben viel herausgefunden, Ember...", murmelte Hawthorne, wissend, dass er ihren Vornamen nur nutzte, wenn es ernst war. "Dann müssen Sie es uns sagen. Alles, was es zu wissen gibt. Dieser Mann erscheint mir eine wandelnde Naturkatastrophe, wenn ich es recht bedenke."
      Cunningham nickte kalt.
      "Wir dachten zunächst, er wäre ein Arkana unter Ferner liefen. Das Bündnis mit dem Richter ist mir neu, zumal es sich nicht geziemt, zwischen Arkana Bündnisse zu schließen", murmelte sie und lächelte genüsslich. "Offenkundig sind Sie ihm schön auf den Leim gegangen. Arkana schließen untereinander keine Bündnisse. Zumeist sind sie verfeindet und verteidigen ihre Gebiete bis aufs Blut. Siehst du, das ist was ich meine, James. Du hättest ihn mir überlassen sollen. Ms Sallow mag fähig sein, aber ein Arkana ist doch eine Gehaltsklasse zu hoch für sie oder?"
      Hawthorne quittierte dies mit einem Grunzen, ehe er Sallow wieder ansah.
      "Wir haben einen Augenzeugen", seufzte er. "Einen Zeugen, der Stein und Bein schwört, dass er Foremar im Untergrund mit den beiden Arkana sah. Sie haben gesprochen, sie haben gestritten. Und Sekunden später sei ein Kampf losgebrochen, bei dem Foremar gegen den Richter und Bones kämpfte. Und Sie hören keine Worte über den Sharokh, weil dieser sich ruhig verhält seit dem letzten Mord. Wir haben keine Vermisstenanzeigen, keine Toten. Wobei..."
      "Eine Neuigkeit gibt es", bekräftigte Cunningham und schlug die Beine übereinander. Anschließend zog sie mit ihrer Hand ein Foto aus der Jackentasche, das sie bisher verborgen hatte. "Wir haben den Tatort nach Ihrem kleinen Massaker säubern lassen. Als der Leichnam von der Wand genommen wurde, fand man das hier. Können Sie mir das erklären?"
      Das Foto zeigte die Hauswand des Tatortes in Croydon. Und auf dem verschmierten Holz war in klarer, blutiger Schrift geschrieben:


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    • In scheinbarer Seelenruhe hörte sich Ember an, wie Hawthorne ihre Seite und Cunnigham die andere Seite besetzte. Früher wäre sie der Frau in Wort gefallen, hätte korrigiert, was ihr als Angriff auf ihre Person erschien. Doch über die Jahre hatte sie lernen müssen, auf den richtigen Moment zu warten.
      Dass es einen Augenzeugen gab, war vielversprechend. Mit dem konnte die Ermittlerin reden oder ihn schlimmsten Falles zu Noland schleppen, damit dieser die Aussagen auf ihre Stichhaltigkeit überprüfen konnte. Dass der Commissioner allerdings unter der Hand behielt, wie der Zeuge hieß und wer er war, deutete auf eine etwas heiklere Angelegenheit hin. Immerhin musste es eine Person gewesen sein, die regelmäßig im Untergrund agierte. Diese Leute waren nicht gerne in der Wache gesehen. Beunruhigender waren aber die Worte mit denen Hawthorne erklärte, wie der aktuelle Stand zum Sharokh war.
      Wie kann sich das Vieh von jetzt auf gleich einfach still verhalten? Wenn man es aufgehalten hat, sicher... Aber wenn August das geschafft haben soll, dann sicherlich nicht allein. Könnte den Ausbruch im Untergrund erklären. So schnell sollte er den Rufer aber nicht haben... Warum bomben die sich dann weiterhin hoch?
      Es war allerdings das nächste Foto, das der Ermittlerin echte Sorgen bereitete. Schon von Weitem erkannte Ember die Hausfassade eindeutig als jene in Croydon. Sie hatte mit weiteren Aufnahmen des Leichnams gerechnet oder irgendwelchen anderen kleinen Details. Aber ganz bestimmt nicht mit der Nachricht, die nun an dem Mauerwerk prangte und erst zum Vorschein gekommen war, als man den Narr von der Wand gekratzt hatte. Sie las die Nachricht so häufig hintereinander weg bis sich der Schriftzug buchstäblich in ihre Retina gebrannt hatte.
      "Das ergibt überhaupt keinen Sinn", äußerte sich Ember schließlich mit einer Mischung aus Überraschung, Unverständnis sowie angestrengtem Nachdenken. "Das ist auf so vielen Ebenen falsch. Zunächst, warum steht da mein Name? Ich bin nur irgendeine dahergelaufene Ermittlerin. Foremars Namen hätte ich verstanden, aber meinen?..."
      Noch immer starrte sie das Bild nieder als versuche sie es mit bloßer Willenskraft in Brand zu stecken.
      "Dann muss das schon da gestanden haben bevor der Leichnam angenagelt worden ist. Ist das sein Blut? Was sagen die Untersuchungen? Irgendwelche Marker?", fragte sie nach und überging einfach jeglichen Versuch der Ranghöheren im Raum, etwas beizutragen. "Was sagt der Schriftabgleich? Obwohl... Moment."
      Ember lehnte sich etwas umständlich nach vorne, fischte nach dem Bild und hielt es sich näher vor die Augen. Für einen Moment herrschte Stille während ihre Augen etwas mehrfach untersuchten und sie schließlich das Bild wieder auf den Tisch legte.
      "Sie haben einen Abgleich gemacht und keine Übereinstimmung gefunden, richtig? Das ist keine Handschrift von Menschenhand. Dafür sind die Strichstärken zu linear, zu gleichmäßig gezogen. Die ganzen Winkel hier sind identisch, sehen Sie?"
      Was den Umstand nicht wirklich besser machte. Als Ember endlich vom Foto abließ, sie würde sich sonst wirklich sämtliche Gehirnzellen frittieren, lehnte sie sich in ihrem Rollstuhl zurück und richtete ihre Aufmerksamkeit auf Cunningham. In ihrem Gesicht stand dieser ganze bestimmte Ausdruck, den Hawthorne nur zu gut kannte.
      "Ich verbitte mir die Unterstellung, dass ein Arkana nicht in meiner Gehaltsklasse spielt." Das Wort war so kalt ausgesprochen, dass es wie Glas durch die Luft zu schneinden schien. "Ich stelle auch nicht infrage, wie Sie an Ihren Posten gekommen sind und dass sich August Foremar außerhalb Ihrer Expertise liegt. Nur habe ich drei Tage mit diesem Mann auf nicht mal 60 Quadratmetern gelebt und wage zu behaupten, dass meine Menschenkenntnis eine gänzlich andere als die Ihre ist."
      Damit schwenkte ihr Blick hinüber zum Commissioner.
      "Kurze Zusammenfassung für Sie: Keine Ahnung, wer den Unfall verursacht hat. Spielt auch erst einmal keine weitere Rolle, von uns ist keiner ums Leben gekommen. Glauben Sie mir wenn ich sage, dass Foremar wirklich vorgehabt hat mit dem Richter zu sprechen. Im Untergrund hat Bones versucht Foremar zu töten. Erst im Nachhinein zu mir zurückgekommen. Das wussten Sie nicht, korrekt?"
      Sie brauchte nur wenige Augenblicke, um ein winziges, verräterisches Zucken um Hawthornes Augen zu sehen.
      "Dachte ich mir. Sie wissen ungefähr, was da unten passiert ist. Aber nicht, dass August Foremar schwer verletzt zu meiner verdammten Wohnung gekommen ist und fast auf meiner Couch verreckt wäre. Wenn ich nicht so schnell reagiert hätte. Er sprach da schon von der Verschiebung des Machtgefüges unter den Arkana, wenn Bones in Großbritannien auftaucht. Das wollte er rückgängig machen und hat deswegen einen der stärksten Arkana aufsuchen wollen. Das war eigentlich unser Plan gewesen bevor der Narr in Croydon gefunden wurde."

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