[2er RPG] Vessels [Asuna & Winterhauch]

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    • Cains Arme um sie lenkten Syleas Blick fort von der Decke hin zu den Stellen, wo sie ihn sich berühren sah. Früher hätte sie felsenfest behauptet, es fühle sich wie ein Käfig an, dem man immer mehr Platz mithilfe von zusätzlichen Eisenstäben nahm. Wie ein Tier wäre sie dort eingepfercht und würde die glühende Stäbe sehen noch bevor man sie zwischen die Gitter rammen würde.
      Noch immer zuckte hier und da verräterisch ein Muskel, sobald ihr Körpergedächtnis auf die Idee kam, sich zu erinnern. Doch sie hielt sich in Schach, strafte ihren Körper Lügen indem sie einfach nur Cains Herzschlag lauschte, der immer langsamer wurde und sie schließlich wusste, dass er eingeschlafen war. Langsam schlossen sich auch die Augen des Vessels, nicht weil sie müde war. Sondern weil sie einfach nur lauschen wollte auf das rhythmische Pochen unter ihr.
      Jäh schlug sie die Augen wieder auf.
      Wir sollten vielleicht ein paar Angelegenheiten besprechen.
      Er war so lange ruhig und unbemerkt gewesen, dass Sylea Anifuris schon vergessen hatte. Jetzt genau war der Moment, vor dem sie sich am meisten gefürchtet hatte. Keine Ablenkung, keine Fluchtmöglichkeit. Nur die andere Stimme in ihrem Kopf, die vehement ihre Aufmerksamkeit forderte.

      Stunden später war Sylea nicht für eine einzige Sekunde weggenickt. Stattdessen hatte sie ein Gespräch mit der alten Seele führen dürfen, die alle anderen in ihrer bisherigen Intensität überstieg. Nicht nur hatte sie wertvolle Lektionen gelernt, vielmehr hatte er Dinge angesprochen, die sie zum nachdenken zwangen. Zum Beispiel, ob der Mann in ihrem Rücken das alles nur tat, um sie emotional zu stabilisieren und davon abzuhalten, Amok zu laufen.
      Als sie spürte, wie Cain sich langsam mehr bewegte, verdängte sie Anifuris gedanklich in die hinterste Ecke. Anstelle dessen wartete sie regelrecht ab, was nun geschehen mochte. Flippte er nun aus, nachdem er ein wenig Ruhe bekommen hatte und realisierte, dass er sich gerade an ein mordendes labiles Bündel geschmiegt hatte oder tat er genau das gleiche wie sie und wartete einfach ab?
      Alles, was Sylea wahrnahm war eine warme Berührung auf ihrem Kopf. Verwirrt zuckte ihr Kopf etwas umher und verriet damit, dass sie tatsächlich nicht schlief. Prompt kommentierte sie ihr Auffliegen: "Immerhin schnarchst du nicht."
      Beste Reaktion, die einem in diesem Moment über die Lippen kommen konnte. Aber solange sie nicht sein Gesicht sah oder sich klar vor Augen führte, wie sie beiden gerade hier lagen, dann konnte sie ihre Fassade halbwegs aufrecht erhalten. In den Stunden, in denen Cain geschlafen hatte, wandte sie Blutrunen an, um ihr Knie immerhin zu versteifen. Es half nichts, wenn sie angegriffen werden würden und sie nicht einmal humpeln konnte.
      Stattdessen horchte sie in sich und das Flackern ihrer Aura. Da sie beiden so nah waren, konnte sie leicht mit ihrem Silber ertasten, wie es um das Gold von Cains Aura stand. Es waren seichte Berührungen, mit denen ihre Auren übereinander hinweg flossen, fast wie zarte Streicheleinheiten. Ganz kurz schüttelte sich Sylea und biss sich auf die Lippe, die unterdessen schon lange verheilt war.
      "Machst du das nur, um mich emotional zu stabilisieren?"
      Diese Frage hatte sich seit Stunden in ihr festgebrannt. Schwelte wie ein Glimmspan durch die hölzerne Fassade, die ihr Wille war. Es war eine Sache, sich etwas einzureden. Eine andere, sie von jemand anderem bestätigt zu bekommen oder auch nicht. Allerdings hatte sie aufrichtige Angst, dass er eine unterschwellige Angst über ihr Gewaltpotenzial mit falsch angebrachter Zuneigung verwechselte. Allerdings wusste sie selbst nicht mal, wie sie sich selbst diese Frage beantworten sollte.
      Fühlte Sylea ihr Herz nur deshalb flattern, weil er ihr wie kein Anderer die Zuneigung schenkte, nach der sie sich so verzehrte? Oder gar der Erste war, der sie derart berühren konnte und wollte?

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      "I rather trust and regret than doubt and regret"
    • Verräterisch anmutend war das Zucken ihre Kopfes unter seiner Wange. Slyea war also wach, darüber war sich Cain binnen Sekunden im Klaren. Obwohl sein Kopf bereits nach Wachsamkeit und einer gewissen Vorsicht drängte, wollte sich sein Körper einfach nicht bewegen. Die Wärme des anderen Körper hüllte ihn ein und doch waren es ihre Worte, die einen ungewohnten Laut von ihm forderten. Ein vom Schlaf tiefes und raues Lachen erklang aus seiner Kehle und vibrierte durch seinen gesamten Brustkorb. Selbst seine Stimme klang noch belegt vom Schlaf. Cain wirkte in diesem Augenblick unfassbar menschlich. Nicht wie eine Person die stets ihre Umgebung kleinlichst im Auge behielt und versuchte sich von allem abzuschotten.
      "Das beruhigt mich ungemein...", brummte er nur und klang dabei herrlich verschlafen. Die Hand aus ihrem Nacken entfernte sich und mit einem mürrischen Brummen rieb er sich über die Augen. Als er jene auschlug, blinzelte er gegen das taghelle Licht, das mittlerweile durch die staubigen Fensterscheiben schien. Wie lange hatte er geschlafen? Noch verhielt sich sein Körper trügerisch still, angesichts der unausweichlichen Bedrohung durch den Entzug des Blind Eye.
      Etwas ließ ihn erschaudern. Sein träger Verstand registrierte ihre Aura wie ein sanfte Berühung, die ihm bis unter die Haut ging. Ob sie wusste, welche Wirkung dieses Handeln auf ihn hatte? Für ihn selbst war es neu, die Aura eines anderen Menschen so nah an seiner eigenen zu spüren. Es war beinahe...intim. Cain erschauderte sanft unter sie Sylea und hätte sich beinahe in seinem Zustand wzischen völligem Erwachen und der lockenden Schwere des Schlafes dazu verleiten lassen, sie fester an sich zuziehen. Aber da stellte sie ihre Frage. Und vermutlich war es unausweichlich, dass sie gerade diese Antwort von ihm haben wollte.
      Aber hatte der Seeker ihr nicht absolute Ehrlichkeit versprochen? Cain seufzte schwer und wagte einen Blick zu Sylea, deren Kopf noch immer regungslos auf seiner Brust ruhte.
      "Nein.", war die erste, schlichte Antwort aus seinem Mund und er wusste, dass es nicht reichen würde. Die Hand in ihrem Rücken wanderte federleicht hinauf zwischen ihre Schulterblätter, wo Cain bei jedem Atemzug das Heben und Senken spüren konnte.
      "Ich tue das, um mich emotional zu stabilisieren.", gab er er ihre eigenen Worte zurück und fühlte den Herzschlag schwach unter seiner Hand, immerhin lag sie nur auf ihrem Rücken. "Es beruhigt mich zu spüren, wie du atmest und dein Herz schlägt. Es erinnert mich daran, dass wir es lebendig aus diesem Gefängnis geschafft haben. Das ich nicht deine Leiche hinaus tragen musste. Du hingst so leblos in meinem Armen. Hättest du nicht geatmet, hätte ich das Schlimmste vermutet.."
      Bei jeder Silber streifte sein warmer Atem ihren Scheitel. Cain zögerte, ehe er noch einmal das Wort ergiff.
      "Die Wirkung des Blind Eye wird bald aussetzen. Ich bin bald nicht mehr Herr meiner Sinne. Es wird...hässlich. Verurteile mich bitte nicht dafür, dass ich mich an das einzig Gute klammere, das mir in den letzten Jahren wiederfahren ist. Trotz allem was geschehen ist."
      “We all change, when you think about it.
      We’re all different people all through our lives.
      And that’s OK, that’s good, you gotta keep moving,
      so long as you remember all the people that you used to be.”
    • Wenn sich so Menschen anhörten, nachdem sie frisch aufgewacht waren, dann wollte Sylea nur noch schlafende Menschen wecken. Cains Stimme klang anders, so sehr, dass sie sich fast umgedreht hätte um sich zu vergewissern, dass er es war, der da gerade gelacht und gesprochen hatte. Dann spürte sie, wie er unter ihr leicht zusammenfuhr, seine Aura schlug leichte Wellen so als wolle sie sich ihrer entziehen, und dann doch wieder nicht.
      Seine Hand wanderte ihren Rücken aufwärts und kitzelte sie dabei leicht. Sie bewegte sich leicht unter dieser Berührung bis seine Hand zum Stillstand kam. Er wollte sich selbst damit stabilisieren? Wenn sie sich recht entsinnte, wusste sie gar nichts von ihm. Wer sagte der Rubra denn, dass es mindestens genauso viele andere Menschen auf dieser Erde gab, die ein schweres Schicksal gezogen hatten. Hatte sie sich unterbewusst erdreistet und angenommen, dass sie das schlimmste Los von allen gezogen hatte? Denn das war eine unfassbare Anmutung. Immerhin war sie noch am Leben.
      ....das einzig Gute, das ihm in den letzten Jahren widerfahren war.
      Genau diese Worte schlugen nur in die Kerbe hinein, die sich bedrohlich an dem Ast auftat, auf dem Sylea gerade saß. Weder würde sie den Mann dafür verurteilen für das, was ihm andere angetan hatten noch dass er nun etwas festhielt, wie sie es ebenfalls tat. Auch sie hielt sich krampfhaft an etwas fest, um nicht vollends in der Dunkelheit der schwarzen Zukunft unterzugehen. Ihr Silberstreif vibrierte kurz, um sich dann wieder suchend nach Cain auszustrecken. Sie wollte wissen, fühlen, dass er die Wahrheit sprach. Dass da kein Zweifel war, er seine Worte so meinte, wie er sie sagte. Dass es im jetzt gerade verhältnismäßig gut ging.
      Endlich löste sich Sylea aus ihrer Starre. Sie drehte ihren Oberkörper sowie die Hüfte bis sie auf der Seite lag, das verletzte Bein noch immer auf dem Sitzteil des Sofas liegen. Das andere Bein hatte sie etwas darüber vorgezogen, um nicht nach vorn runterzufallen. Zwar hatte sie nun sein eines Bein im Rücken, aber das war ihr egal. Dafür hatte sie ihre rechte Hand nun rechts an der Rückenlehne aufgestellt, damit sie Cain ansehen konnte. Ihr linke ruhte auf seinem Beckenknochen.
      "Wieso sollte gerade ich jemand anderen verurteilen? Ich verstehe besser als alle anderen, wie sehr man sich an etwas festkrallen kann weil es das Einzige ist, das einem bei Verstand hält."
      Syleas Augen spiegelten ganz kurz den Schmerz wider, der tief in ihren Knochen saß. Sich in ihr Herz gebohrt hatte und schwarzes Blut darauf hervortropfen ließ. Passend dazu erzitterte ihre Aura, die sich asbald darauf wieder glättete und wieder damit begann, das Gold nach Lücken abzusuchen.
      "Wir bringen dich da durch", fügte sie leiser hinterher als sie sich langsam wieder in Cains Augen verlor.

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      "I rather trust and regret than doubt and regret"
    • Hinter der bernsteinfarbenen Iris flackerte ein das falmmende Glühen seiner Aura auf. Es war ihm unmöglich zu verhindern, dass sich das vorsichtige Tasten ihres eigenen Silberstreifs sich in seinem Blick wiederspiegelte. Die goldene Aura öffnete sich mit jeder suchenden Berührung mehr und mehr. Für Cain fühlte es sich an, als würde Sylea seine blanken Nerven berühren. Auf ihrem Rücken zuckten seine Finger ruhelos über den dünnen Stoff ihrer Shirts. Überdeutlich fühlte er die Wärme ihrer Haut selbst durch den Stoff hindurch.
      Sanfte Wellen schlug ihre Aura über die Oberfläche seiner eigenen, wie zwei Meeresströmungen, die in der unendlichen Weite des Ozeans aufeinander trafen, sich umspielten und in einem Wirbel umeinander tanzten. Nein, Sylea konnte unmöglich ahnen, was sie damit in dem Seeker auslöste. Die feinen Härchen auf seinen Unterarmen stellten sich schaudern auf. Es war nicht unangenehm. Viel mehr fühlte es sich zu gut an, zu verlockend. Erst die Bewegung ihre Körpers schien ihn aus der Trance zu reißen und beförderte ihn gleich in das nächste Chaos. Anstatt nur ihre Aura so unglaublich nah an ihrer eigenen zu fühlen, war es auch nun auch ihr zierlicher Körper, den er überdeutlich wahrnahm.
      Im selben Augenblick, als sich ihre Blicke trafen, spürte er die Hand so warm auf seinem Beckenknochen. Durch den Stoff seines T-Shirts brannte sich die Wärme in seine Haut und verewigte sich tief in der Struktur seiner Knochen. Sie war so nah, dass er ihren Atem auf seinem Gesicht spüren konnte. Die Tatsache, dass er jede kleinste Regung ihres Körpers auf seinem eigenen fühlen konnte, machte es nun mal nicht besser.
      Die überwältigende Nähe ihrer Auren, ihre noch immer suchend und fast streichelnd über seiner, und der physischen Nähe ließ den letzten Knoten in seinem Kopf platzen. Behutsam schob er seine Hand in ihre braunes Haar und schob die verwirrten Strähnen aus ihrer Stirn.
      "Ich wünsche, ich könnte daran glauben so wie du.", murmelte er nur leise und blickte in die tiefen ihrer Augen. Das glühen seiner eigenen schien sich von Sekunde zu Sekunde mehr zu verstärken. Sylea hüllte ihn ein, körperlich wie seelisch, vermutlich ohne es zu wissen.
      Ein langezogenes Seufzen entkam ihm und er schloss kurz die Augen, um ihrem Blick zu entkommen.
      "Bitte hass mich nicht dafür...", murmelte er beinahe geistesabwesen und hob den Kopf von der steifen Armlehne. Blind aber zielsicher fand sein Mund den ihren. Es war ein zarter Kuss, den er auf ihre Lippen drückte. Im selben Moment strömte seine goldene Aura in alle Richtungen aus, bis er die Verbindung zu dem zarten Silberstreif fand. Er griff nach Syleas Aura, prüfend und so vorsichtig. Jeder Zeit bereit sich komplett zurückzuziehen, sobald er eine verdächtige Regung bemerkte.
      Und doch stahl er diesen einen Kuss von ihren Lippen.
      “We all change, when you think about it.
      We’re all different people all through our lives.
      And that’s OK, that’s good, you gotta keep moving,
      so long as you remember all the people that you used to be.”
    • Sie wollte derjenige sein, der Cains Stütze in diesem Moment war. Wenn er nicht daran glauben konnte, es durchzustehen, dass würde Sylea es an seiner Stelle tun. Ihr entging nicht, dass seine Augen stetig stärker zu leuchten begannen. Für einen Moment befürchtete das Mädchen bereits, er würde Anifuris in ihr vermuten. Oder sonst ein Grund, warum er seine Fähigkeiten benutzen musste. Dass sie der Grund war, wie sie über seine Aura streichte, kam ihr nicht einen Moment lang in den Sinn. Dafür lag seine Hand gerade viel zu spürbar an ihrer Wange, strich mit einer Zärtlichkeit verwaiste Strähnen aus ihrer Stirn, die sie gar nicht für möglich gehalten hatte.
      Als Cain seufzte und die Augen schloss, wollte Sylea gerade nachfragen, ob alles gut sei. Doch dazu kam sie gar nicht mehr. Seine leisen Worte hörte sie nur ganz entfernt, hinterfragte nur einen Augenblick lang, was er damit meinte. Die Antwort kam kurz darauf. Es war ein unglaublich zarter Kuss, den der Seeker dem Vessel schenkte und dafür sorgte, dass ihre Arme weich wurden. Ihre Lippen berührten sich nur einen winzigen Moment lang, doch dieser erste Kuss war für Sylea bahnbrechend. Eine Schande, dass er nur so kurz angehalten hatte.
      Es lief ihr bereits jetzt abwechselnd heiß und kalt den Rücken hinab. Als Cain dann noch seine goldene Aura nach ihrer ausstreckte, keuchte Sylea überrascht auf.
      Oh, bitte.
      Mit geweiteten Augen starrte sie Cain unter sich an. Ihr Atem ging schwer, stoßweise. Das war das erste Mal, dass jemand an ihrer Aura bewusst manipulierte. Urplötzlich fand sich Sylea schuldig. Vermutlich hatte sie dies die ganze Zeit unbeabsichtigt bei dem Mann unter ihr getan und ihn damit bis zur Kante getrieben. Doch eine Entschuldigung würde niemals ihre Lippen verlassen.
      Stattdessen nahm sie die Flucht nach vorn.
      Ihre rechte Hand, mit der sie sich noch immer tapfer an der Rückenlehne abgestützt hatte, wanderte zur Seitenlehne, direkt neben Cains Kopf. Dann rutschte sie ein Stückchen aufwärts, ihr Brustkorb lag nun vollständig auf seinem. Kurz betrachtete sie die regelrecht glühenden Augen, die es selbst mit den Sonnenstrahlen aufnehmen mochten. Dann überbrückte sie das letzte bisschen Distanz und legte ihre Lippen auf seine. Länger, intensiver. Sie saugte jeden Moment, jede Empfingung wie ein Schwamm in sich auf. Ein gigantisches Loch, das sich über Jahre in ihr aufgetan hatte, wollte schließlich gefüllt werden mit all dem, was sie nie erfahren hatte. Ihre Aura verriet diesen Drang, indem sie sich zwischen die kleinsten Ritzen im Gold schoben, dort kurz verweilten und dann mit kleinen Sprenklern goldenes Glitzern wieder zu ihr zurückkehrte. Sylea war selbst überrascht, dass sie scheinbar doch nicht so zurückhaltend war, wie sie gedacht hatte.

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      "I rather trust and regret than doubt and regret"
    • Cain's Verstand malte sich bereits jede nur erdenkliche Reaktion in den buntesten Farben aus. Die Erwartung lag auf Emotionen von Schock und vielleicht einem Funken Angst. Sylea hatte überwiegend eine recht heftige Reaktion auf seine Berührungen gezeigt und vielleicht ging er hier einen Schritt zu weit. Am Rande seines Denkens hätte der Seeker es ihr nicht einmal verübelt, wenn sie ihm für seine Dreistigkeit eine Ohrfeige verpasst hatte. Obwohl aus der Ohrfeige wohl eher ein Schlag ins Gesicht geworden wäre, wenn er so recht über die Vessel nachdachte.
      Der Kuss war kurzweilig und nicht mehr als ein zarter Hauch. Es war Alles in diesem Augenblick und doch nicht genug, aber mehr erlaubte sich der Seeker nicht. Die silbrige Aura unter seiner eigenen wirkte friedlich und gleichzeitig aufgewühlt. Ein ertauntes und ebenso sanften Keuchen stieß heißen Atem an seine Lippen und allein dieses Geräusch kratzte an seiner hart trainierten Selbstbeherrschung. Er hatte nicht nach ihr greifen oder die Umarmung verstärken wollen, um ihr das Gefühl von Freiheit zu lassen. Das Letzte, was er wollte, war Sylea zu drängen nur weil er seine Gedanken nicht im Griff hatte.
      Seine Augen waren halbgeschlossen und sah er die Vessel über unter gesenkten Augenlidern an, das glühen von Gold flackerte leicht in seiner Iris. Er registrierte ihren schweren Atem und das schnellen Heben und Senken ihrer Schultern. Das sie still war, beruhigte ihn keineswegs. Gerade, als er den Mund öffnete, um sich seinerseits zu entschuldigen für sein unbedachtes Handeln, da kam Leben in den erstarrten Körper über ihn. Überdeutlich spürte er jeden Zentimeter ihres zierlichen Körpers auf sich und vergaß für einen Augenblick wie Atmen funktionierte. Nun war es Cain der Augen überrascht aufschlug. Das Gold seiner Aura vibrierte förmlich unter der Anspannung. Reflexartig schlang der Seeker den Arm fester um ihren Rücken und als Sylea ihn mit einem zweiten Kuss geradezu überfiel, schien das leuchtende Aura um ihn zu explodieren. So wie sie seinen Körper gefangen nahm, bei dem physischen Differenz war die Vorstellung beinahe schon absurd, so drang der Silberstreif ihrer Aura tief unter die goldene Hülle und nahm winige Partikel mit sich.
      Und Cain ergab sich seinem Schicksal. Und es gab weitaus Schlimmere. Tatsächlich verzog ein Lächeln seine Lippen, ehe er die Hand fest in ihren Nacken schob und sie mit seinem sanften Ruck unmöglich näher an sich, bis von der Hüfte aufwärts kein Blatt mehr zwischen sie passte.
      “We all change, when you think about it.
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    • Sylea brummte kurz, als Cain sie noch näher sich presste. Ihre Lippen trennten sich voneinander, doch sie blieb so nah an seinem Gesicht, dass sich ihrer beiden Nasenspitzen fast berührten. Mit halb gesenkten Lidern legte sie drei Finger an seine Kieferlinie, fuhr die Kontur bis zum Ohr entlang, um sich dann ihren Weg an seinerm Hals abwärts zu finden. Unter ihren Fingerkuppen spürte sie seinen Puls, der scheinbar noch nicht so dermaßen beschleunigt war wie ihr eigener. Dass ihr auf diesem Weg wie ein kleiner Rinnsal ihre Aura durch die Finger bis unter die Haut des Seekers glitt, merkte sie gar nicht. Die Energie bahnte sich durch seinen Körper ihren Weg bis sie an Cains Hüftknochen, wo sich Sylea mittlerweile eher festhielt als abstützte, durch ihre Hand wieder zu ihrem Ursprung zurückkehrte.
      Langsam schoben sich ihre Finger unter den schwarzen Stoff von seinem Shirt. Ihre Finger fühlten sich kalt auf seiner warmen Haut an während sie sein Schlüsselbein ertastete und dort dem Schwung des Knochen auf und ab fuhr. Mehr traute sie sich jetzt gerade nicht. Allein schon das Gefühl, wie seine Atmung ihren leichten Körper hob und wieder senkte, war schon phänomenal genug für sie. So nah war sie kaum jemanden gewesen. Und erst recht nicht auf diese Art und Weise.
      "Heißt das, das hier sind schon erste Entzugserscheinungen?", fand Sylea nach einer gefühlten Ewigkeit ihre Sprache wieder. Ihre Worte waren mehr gehaucht und deuteten trotz der Frage an, dass sie sie mit nein beantworten würde.
      Irgendwann würde sie für sich noch herausfinden müssen, was das hier eigentlich für sie bedeutete. War das hier nur eine Folge von der Anspannung, die sie beiden gerade verließ und sich ein Ventil dafür suchen musste?

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      "I rather trust and regret than doubt and regret"
    • Mit etwas Ähnlichem wie Wunder in den glühenden Augen blickte Cain zu ihr hinauf und hatte sichtliche Mühe, die Augen offen zu halten, während ihre Fingerspitzen eine ebenso heiße Spur über seine Haut zogen. Eine Wärme die tief unter seine Haut drang. Ihm war nicht bewusst, dass es ihre Aura war, die sich ihren verschlungenen Weg suchte. Selbst als ihre Hand stoppte, spürte er die kriechende Wärme seinen Körper hinab gleiten. Scharf sog er die Luft ein, als sich die Energie unter der Hand an seinem Beckenknochen sammelte nur um ihn dann wieder zu verlassen. Unbewusst drückte sich der Seeker ihrer Hand entgegen, die sich an ihm festhielt.
      Als die Reaktion seinen Verstand erreichte, sah er fast ein wenig ertappt aus. Bevor er den Mund öffnen konnte, verschluckte er sich an den Worten. Neugierige Finger schoben sich unter den Kragen seines Shirts, nur um über sein Schlüsselbein zu streicheln.
      Die Hand in ihrem Nacken zuckte, als wollte der Seeker sie erneut an seine Lippen ziehen, doch nichts passierte.
      Warmer Atem streifte seine Haut, während sie flüsternd sprach und ihn nicht aus den Augen ließ. Eine Antwort ließ ein wenig auf sich warten, denn Cain blickte sie nachdenklich an, als würde er ernsthaft über die die Antwort nachdenken. Allerdings schlich sich recht bald ein amüsiertes Grinsen auf seine Lippen, dass ihm etwas Jungenhaftes und Scherzendes verlieh.
      "Ich denke nicht," brummte er nur, ehe sich die Hand ihrem Rücken in Bewegung setzte und sich streichelnd ihren Wirbelsäule hinab bewegte. Knapp über dem Bund der geliehenen und einfachen Jogginghose stahlen sich seine Finger prüfend unter das T-Shirt. Obwohl ihre Hände kalt auf seiner Haut waren, war der Rest ihres Körpers herrlich warm. Die Haut weich und nachgiebig unter seinen Fingern. Er schob sie ihren Rücken hinauf bis sie wieder zwischen ihren Schulterblättern ruhte, nur dieses Mal im direkten Hautkontakt.
      "Aber vielleicht sollte ich das noch einmal nachprüfen..."
      Vielleicht war es der Mangel an Sauerstoff durch ihren Kuss oder er Anifuris hatte ihm wichtige Teile seines gottgebenen Vertsandes geraubt, doch Cain reckte den Hals und überbrückte erneut die lächerlich winzige Entfernung zwischen ihnen. Er neigte den Kopf leicht zur Seite um den Kuss tiefer werden zu lassen, als den zuvor. Sie musste spüren, wie das Herz in seiner Brust sich besorgniserregend beschleunigte. Er fühlte sich wie ein Teenager, küssend auf einem durchgelegenen Sofa.
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    • In dem Moment, als Cain scharf einatmete, stockte Syleas Bewegung. Sofort beschlich sie die Angst, etwas falsch gemacht zu haben. Ihm wehgetan zu haben. Allerdings spürte sie, wie er seine Hüfte unter ihr verlagerte und sich ein bisschen ihrer Hand entgegendrückte. Mit einem Mal verstand das Vessel, woher dieses fließende warme Gefühl kam, das von ihrer einen Hand zur anderen ging.
      Das war der andere Teil der Wahrheit. Auren können auch in dieser Weise nützlich sein.
      Da nahm sie wahr, wie seine Finger in ihrem Nacken zu zucken begannen. Kurz hatte sie damit gerechnet, dass er das bisschen Luft zwischen ihnen umgehend auslöschen würde. Doch ihre Vermutung bestätigte sich nicht und rief ein schmerzliches Gefühl in ihrer Brust hervor. Sie hatte sich gewünscht, dass er sie wieder zu sich gezogen hätte. Ihr gezeigt hätte, dass das Verlangen in seinen Augen noch immer nicht erloschen war.
      Langsam setzte sich Cains Hand an ihrem Rücken wieder in Bewegung. Sylea konnte ein leichtes Lächeln nicht unterdrücken während sie mit ihrem Körper den Weg verfolgte, den seine Hand beschrieb. Als sich seine Finger unter ihr Shirt schoben, erschauderte dieses mal ihr Körper. Auf dem Weg nach oben bog sie ganz automatisch ihren Rücken leicht durch, so als wolle sie seinen Berührungen völlig zwecklos entfliehen. Auf seinem Weg zu ihren Schulterblättern zog er den Stoff mit, sodass ihr Bauch nun freilag. Leise Nervosität mit einer Prise Sorge mischte sich in ihren Geist als sie befürchtete, dass die Hand des Mannes unter ihr direkt den Bogen von ihren Schulterblättern hinab über ihre Rippen wagten. Doch noch verriet nichts diese Absicht.
      "Aber vielleicht sollte ich das noch einmal nachprüfen..."
      "Mhm", bestätigte Sylea bevor Cain ihre Distanz wieder zunichte machte.
      Sie ahmte ihn ein wenig nach, indem sie ebenfalls den Kopf etwas neigte. Jetzt hatte sie den Eindruck, dass ihre Herzen so schnell schlugen, dass sie ihre Brustkörbe sprengen mochten. Es war ihr nicht möglich so bestimmen, wessen Herz nun heftiger schlug. Alles, was sie wusste war, dass sie nicht vergessen wollte, wie sich seine Lippen anfühlten. Sie löste den Kuss, um nur hauchzart mit ihren Lippen über seine zu streichen. Sein Atem mischte sich mit ihrem und erzeugte eine wundervolle Mischung, die Aufregung versprach. Anschließend küsste sie seine Unterlippe, die Oberlippe und schloss dann mit einem leisen Seufzer ab.

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      "I rather trust and regret than doubt and regret"
    • Mit jeder Berührung, dem sanften Begegnungen ihrer Auren, entwickelte Cain ein besseres Gefühl für ihre Aura. Bewusst strömte sein Gold in ihren Silberstreif, suchte nach einem Zögernd oder gar Unwohlsein. Auf der anderen Seite zog er sich völlig zurück und überließ ihr das Feld seine Absichten zu prüfen. Obwohl er nichts davon mit den Augen sehen konnte, war er sich überdeutlich dieser Verbindung bewusst und fragte sich wie viele Spuren sie auf der Aura des jeweils anderen zurückließen.
      Demnach blieb ihm auch ihre aufkeimde Befürchtung, er mochte nicht zu deuten wovor genau, nicht verborgen. Aus einem Instinkt heraus hielt er seine Hand auf ihrem Rücken still, bis auf die leichte kreisenden Bewegungen seiner Finger. Cain hoffte sie würde es als beruhigende Geste empfinden. Viel zu früh für seinen Geschmack löste sich Sylea aus dem Kuss, der seine flache Atmung zu verantworten hatte. Die zwarten Küsse zum Schluss ließen eine sanfte Wärme in seiner Brust zurück, die ihn beinahe völlig ausfüllte. So viel Leid war der jungen Rubra zugestoßen und doch war sie zu solcher Zärtlichkeit imstande.
      Die Hand in ihrem Nacken löste sich und abschließend strich Cain ihr noch einmal durch das braune Haar.
      Seufzend richtete er sich ein wenig auf, bis er mit dem Rücken etwas höher rutschte. Vorsichtig nicht gegen das verletzte Knie zu stoßen. Die wohlige kleine Blase, die sie eingehüllt hatte, verschwand mit jeder Sekunde. Cain konnte sich nicht für Ewigkeiten mit ihr auf diesem Sofa verstecken.
      "Bist du okay?", brummte er. Obwohl sie nicht gegen ihn protestiert oder zur Gegenwehr angesetzt hatte, brauchte er die Sicherheit. Er würde es sich nie verzeihen etwas gegen ihren Willen zu tun oder sie gar zu verletzen. Die Hand auf ihrem Rücken war indessen tiefer gerutscht und ruhte nun auf der nackten Haut ihrer Hüfte. Er hielt sie nicht, sie lag nur federleicht dort.
      "Ich muss dich leider gleich für ein oder zwei Stunden alleine lassen. Ein paar Besorgungen erledigen. Aber ich beeil mich, versprochen."
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    • "Ähm, ja? Alles gut."
      Syleas Antwort kam verwirrt über ihre Lippen. Der harte Bruch zwischen der engen Zweisamkeit, die sie gerade noch zusammen verbracht hatten und dem fast schon sachlichen Tonfall, den Cain gerade anschnitt, war für das Vessel zu abrupt. So schnell konnte sich ihre Gefühlswelt nicht von einem Extrem auf ein anderes einstellen. Das Resultat war ein Gefühl von Ablehnung, das Gefühl, etwas getan zu haben, das den Seeker von statt zu ihr führte.
      "Du kannst dich einfach draußen bewegen ohne Probleme?", fragte Sylea, nachdem sie einmal geschluckt hatte und den Wunsch, sich einfach wieder in die Arme des Seekers zu begeben, unter den Steinen der Verantwortung zu vergraben.
      Auch wenn sie es nicht wollte, rückte sie von Cain ab, damit er aufstehen konnte. Als seine Hand schließlich ihre Hüfte verließ, fand sich das Mädchen seltsam verlassen. Als über die fehlende Wärme eines anderen Körpers ihr physischen Schaden zufügen.
      Oh, das hält man doch im Kopf nicht aus.
      Geh wieder in deine hinterste Ecke wie den ganzen Tag bisher.
      Wenn er gleich weg ist, möchtest du bestimmt Ablenkung von deiner Fantasie haben,oder?
      "Pass auf, dass dir nichts geschieht...", fügte Sylea leise hinterher, da war Cain bereits aufgestanden und zur Tür gegangen.
      Sie hatte keine Zweifel, dass er zu ihr zurückkehren würde. Dessen war sie sich sicher. Trotzdem konnte sie sich vor ihren eigenen Wünschen, ihrem eigenen Herzen, nicht verstecken. Und dieses wollte am liebsten die Zeit in dieser Hütte einfrieren, sie von all dem Druck befreien, der nun nicht mehr nur auf ihren Schultern allein lag. Sie hatte den Seeker zu einem Mittäter gemacht, also hatte sie für diese Schuld auch Last zu tragen. Wo sie waren hatten sie gar nicht nachgefragt, aber zweifellos konnten sie nicht hier für immer bleiben. Von nun an würden sie höchstwahrscheinlich auf der ständigen Flucht sein, bis sie ihre Spuren unauffindbar verwischen konnten. SOfern dies überhaupt möglich war.
      Als sich die Tür schloss, wurde sich Sylea der Stille und Einsamkeit erst wieder richtig bewusst. Nachdenklich legte sie ihre Finger an ihre Lippen. Seine Berührungen hallten immer noch auf ihren Synapsen nach, ein verlockendes Echo von liebevollen Berührungen. Langsam verstand sie, wieso Menschen durchdrehten, wenn ihnen dieses Gefühl entzogen wurde. Vielleicht wäre es besser gewesen, sie hätte es ebenfalls nie kennengelernt und somit niemals missen gelernt.

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      "I rather trust and regret than doubt and regret"
    • Ein Gefühl von Zerrissenheit und Enttäuschung erfüllte seine Sinne und beinahe hätte er sich dazu hinreißen lassen, einfach wieder auf das unbequeme Möbelstück zu sinken und Sylea für den Rest des Tages in den Armen zu halten. Sie zu küssen und ihren Körper zart auf seinem zu spüren. Für Cain wirkte die junge Rubra wie etwas Zebrechliches, dass er unter allen Umständen beschützen musste. Zur Not auch vor sich selbst und seinen Wünschen. Ein wenig mehr und sein verräterischer Körper hätte sich nicht länger unter Kontrolle gehabt.
      Seufzend sah der Seeker zur ihr herunter und fuhr sich mit der Hand durch die wirren, dunklen Haare.
      Obwohl er vermutlich gehen sollte, um sich um die Vorbereitungen zu kümmern, hockte er sich noch einmal vor das Sofa und goldene Augen suchten sanft aber eindringlich ihren Blick.
      "Keine Sorge. Ich hab das im Griff.", murmelte er leise und streichelte ihr liebevoll über die Wange.
      Etwas in ihrem Blick gefiel ihm nicht. Vermutlich würden sie reden müssen, wenn er zurückkam. Es war niemandem geholfen, wenn er in ein paar Stunden keinen klaren Gedanken mehr fassen konnte. Cain streckte ein letzten Mal die feinen Ausläufer seiner Aura nach ihr aus, es waren zarte Berührungen fast wie eine Bitte um Verzeihung. Er konnte nicht in Worten ausdrücken, wie sehr es bedauerte, sie alleine zu lassen.
      Der Seeker erhob sich und verließ die Hütte, wobei er ihr noch ein Lächeln über die Schulter zu warf. Natürlich würde er wieder kommen.

      Drei Stunden später...

      Der schwarze Jeep ruckelte über die zugewachsene Einfahrt zur Jagdhütte, während Cain regelmäßig die ganze Fahrt über Blicke hinter sich geworfen hatte. Die gesamten drei Stunden hatte er permanent das Gefühl verfolgt zu werden. Vermutlich lag das aber mehr an der wahnwitzigen Situation in der sie sich befanden. Das Bargeld, dass er im Jeep gefunden hatte und der klägliche Rest seines Eigenen, hatte für ein paar Konserven, Medikamente und ein paar schlichte und qualitativ mangelhafte Klamotten gereicht. Mehr saß einfach nicht drin, er konnte schlechte einfach am nächsten Bankautomaten Geld ziehen. Wenn sie die Umgebung sofort verlassen hätten, wäre er das Risiko womöglich eingegangen, doch noch waren sie an diese Hütte gekettet. Die Bewegung würde man sofort zurück verfolgen. Aber immerhin konnten sie sich jetzt für ein paar Tage über Wasser halten.
      Er parkte das gestohlene Fahrzeug, es war ein Risiko gewesen mit dem Jeep in den nächsten Ort zu fahren, und ließ sich vom Fahrersitz gleiten. Voll bepackt mit schweren Plastiktüten und Taschen betrat er die kleine Hütte.
      Cain wirkte unverändert, nur ein wenig blasser als zuvor. Auf seiner Stirn hatten sich kleine Schweißperlen gebildet, die allerdings auch vom Stress oder der Anstrengung kommen konnten. Der Seeker wusste es allerdings besser, bemühte sich aber um ein Lächeln, als er Sylea genau dort entdeckte, wo er sie zurück gelassen hatte. Er stellte alles in der kleinen Kochnische ab und zog eine Büchse mit Dosenravioli hervor. Versteckt ganz unten in der Plastiktüte lagen eine Reihe an schweren Beruhigungsmitteln, Schmerz- und Schlaftabletten. Mehr ließ sich ohne Rezept nicht auftreiben.
      "Kein Fünf-Sterne-Menü aber wir sind ewas knapp bei Kasse." Er hoffte nur, dass später noch niemand auf die Idee gekommen war, ihm den Geldhahn abzudrehen.
      “We all change, when you think about it.
      We’re all different people all through our lives.
      And that’s OK, that’s good, you gotta keep moving,
      so long as you remember all the people that you used to be.”
    • Die erste Stunde hatte Sylea damit zugebracht, einfach in der durchgelegenen Couch mit geschlossenen Augen zu ruhen. Es kostete sie einiges an Kraft, ihre Gedanken gewaltsam leer zu fegen, damit sie ein bisschen regenerieren konnte. Die absolute Stille im Raum machte es nicht zwangläufig besser, weshalb sie irgendwann begann, die Decke anzustarren und sich schließlich aufrichtete. Nach ein bisschen Probieren beschloss das Vessel, dass sie immerhin etwas humpeln konnte. Das sollte reichen, um bis zum Fenster zu kommen und zu schauen, wo sie eigentlich war. Ächzend kam sie auf das Bein und humpelte zum Fenster hinüber. Alles, was sie sah, war Wald. Bäume, Büsche und ein wenig Himmel direkt über ihrem Haupt. Wo auch immer Cain sie hingefahren hatte - es sah schon verdammt abgelegen aus.
      Sylea seufzte, als sie sich zurück zur Couch schleppte. Eigentlich hatte sie gehofft, dass ihr Bein dank der Blutrunen vielleicht schon etwas mehr zu beanspruchen war. Doch wie vermutet brauchten Brüche deutlich länger und zwangen sie dazu, ihr Tempo etwas herunterzuschrauben.
      Sieh es positiv. Dann haben wir endlich etwas Zweisamkeit.
      "Du könntest dich auch einfach nützlich machen und mir sagen, ob ich was gegen seine Entzugserscheinungen machen kann." Sylea sprach es laut aus, damit immerhin etwas die Stille durchbrach. Ansonsten würde sie wahnsinnig werden, denn bei jedem Blick auf die Couch sah sie Bilder von sich und Cain.
      Natürlich kannst du. Aber ob du und er das wollen, ist fraglich.
      "Ich weiß nicht, wie lange er weg ist. Aber ich würde sagen, genug Zeit damit du mir das erzählen kannst."
      Wenn du bereit bist den Preis zu zahlen?

      Nach zwei weiteren Stunden hörte Sylea das Brummen eines Motors. Sie hatte sich auf der Couch mehr oder weniger ausgebreitet als ihr Kopf in die Höhe schoss. Gedanklich machte sie sich bereit, dass es nicht nur Cain sein konnte, der gleich durch diese Tür trat. Als sich aber die Kontur des Seekers hereinschob, entspannte sich das Vessel merklich. Man sah regelrecht, wie sie erleichtert in ihre liegende Position zurücksackte.
      Ihr Blick allerdings war wach. Verdammt wach und aufmerksam als sie den jungen Mann nicht nur optisch musterte. Selbstverständlich entgingen ihr nicht die Schweißperlen, die auf seiner Stirn glitzerten. Dass er blasser war als zuvor und sein Puls durch seine Aura hindurch einen anderen Rhythmus anschlug.
      "Kein Fünf-Sterne-Menü aber wir sind ewas knapp bei Kasse."
      Das Lächeln, das er ihr gerade noch geschenkt hatte, wirkte falsch. So falsch, dass es in Syleas Magengegend schmerzhaft zog. Sie biss sich auf die Zunge, wollte nichts sagen, und verlor schließlich den Kampf: "Bitte, quäl dir kein Lächeln ab, wenn dir nicht danach ist. Deine Aura ist so instabil, dass dir niemand das Lächeln abkauft."
      Sie zog sich an der Rückenlehne nach oben, um in eine aufrechte Position zu kommen. Es missfiel ihr, dass sie jetzt akut so eingeschränkt war. Sie kannte es nicht. Für jemanden, der ständig in Bewegung gewesen war, von jetzt auf gleich quasi zum Stillstand gezwungen zu werden, war schlichtweg grausam. Aber noch schrecklicher musste sich der Seeker fühlen. Mehr als einmal hatte er betont, dass er den Entzug fürchtete. Es ihn um den Verstand bringen konnte. Zu wissen, dass die ersten Anzeichen buchstäblich um die nächste Ecke bereits auf ihn lauerten, musste furchtbar sein.
      Doch Sylea war nicht unvorbereitet. Wie angedeutet war sie bereit, den Preis dafür zu bezahlen und dem Seeker zu helfen, kam es Knall auf Fall. Doch sie wusste, dass sie ihm diese Option erst anbieten würde, wenn wirklich nichts mehr ging.

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      "I rather trust and regret than doubt and regret"
    • Das Lächeln auf seinen Lippen schmälerte sich bis es schließlich ganz gefror. Cain wirkte ein wenig ertappt. Vermutlich hätte er daran denken sollen, das Sylea die Veränderungen in seiner Aura sofort spürte. Schweigend stellte er die Dose auf der alten Küchenzeile ab, die Folierung der Arbeitsplatte blätterte an manchen Stellen bereits ab und machte einen recht armseligen Eindruck. Der Seeker durchquerte den kleinen Raum der Jagdhütte mit wenigen Schritten und setzte sich vorsichtig auf das Sofa. Prüfend glitt sein Blick über ihr Knie. Das Geräusch der brechenden Knochen verfolgte ihn noch immer in seinen Erinnerungen. Das Geschehene war noch frisch im Vordergrund seines Verstandes. Ebenso wie die Zartheit ihrer Lippen auf seinen.
      "Du hast recht. Entschuldige.", seufzte er und wischte sich mit dem Handrücken über die Stirn. Missmutig betrachtete er die Feuchte von Schweiß auf seiner Haut und bemerkte das minimale Zucken seiner Hände. Prüfend krümmte er die Finger, um sich der Kontrolle über seine Muskeln zu vergewissern. Er hatte nicht die Kraft ihr zu widersprechen und der Wunsch sich einfach zur Seite in ihre Arme fallen zulassen, war beinahe übermächtig. Die Müdigkeit griff gnadenlos nach seinem Körper, obwohl er ein paar Stunden geschlafen hatte.
      "Was macht dein Knie?", fragte Cain besorgt und legte seine Hand behutsam über den verletzten Teil ihre Beines. Die Wärme, die er selbst durch den Stoff spürte, beruhigte und erdete ihn. Er würde sich so lange auf den Beinen halten, wie möglich. Das sein Körper zwangsläufig den Kampf irgendwann verlieren würde, daran ließ sich nicht rütteln.
      Als er den Kopf hob, sah er ihr das erste Mal seit er die Hütte betreten hatte, wieder in die Augen. Das Gold wirkte verblasst und weniger intensiv als zuvor. Die Erschöpfung darin ließ sich nicht verbergen. Ohne Scham breitete sich die instabile Aura zuckend um ihn aus. Ein Spiegelbild zu den unkontrollierten Zuckungen seiner Finger auf ihrem Bein. Erst als er das Silber streifte, schien ein tiefer und ruhiger Atemzug seinen Körper zu verlassen. Seit er ihr Versteck verlassen hatte, fühlte er ein Ungleichgewicht ohne die vertraute Aura, die nicht seine eigene war. Er spürte ihr Missfallen, das nicht ihm galt und darunter ehrliche Sorge.
      "Du musst dir das nicht mit ansehen.", murmelte er. "Ich kann mich in das Schlafzimmer zurückziehen."
      “We all change, when you think about it.
      We’re all different people all through our lives.
      And that’s OK, that’s good, you gotta keep moving,
      so long as you remember all the people that you used to be.”
    • Tatsächlich war sich Sylea nicht sicher, wie sie auf Cain reagieren sollte, als er sich ihr näherte und sich schlussendlich neben sie auf die Couch setzte. Sie spürte, dass die Löcher in seiner goldenen Aura zwar verschwunden waren, sie aber so fragil war wie nie zuvor. Ein nervöses Vibrieren deutete an, dass sich etwas anbahnte, das den kompletten Fluss seiner Aura stören würde.
      Unglücklich verzog das Vessel das Gesicht. "Tut nicht mehr so schlimm weh. Ich hab's versteift, aber Laufen ist noch nicht so super", gab sie zu.
      Seine Hand auf ihrem Bein machte sich als kalte Stelle bemerkbar. Zum einen lag es daran, dass er gerade von draußen kam, zum anderen an seiner labilen Aura. Er hatte sich immer noch nicht von Anifuris Übergriff erholen können. Das spürte sie, als sich seine Müdigkeit in seiner Aura bemerkbar machte. Und nicht nur da; die Bernsteinfarbe in den Augen des Seekers sah auch weniger lebendig aus, erschöpfter. Als er seine Aura nach ihrer ausstreckte, konnte sie ein Erschaudern nicht unterdrücken. Gepaart mit den Zuckungen in seinen Fingern auf ihrem Bein wuchs ihre Sorge lediglich weiter an. So gern sie sich an den Zauber vor ein paar Stunden zurückerinnert hätte - nun war es ein anderes Bild, das ihre Gedanken dominierte.
      "Du hast zwar gesagt, wir sollten reden, aber...", Sylea unterbrach sich, um ihre Finger an Cains Wange zu legen. Zart wanderten ihre Finger über seinen Wangenknochen. "Du bist müde. Was fühlt sich für dich am besten an? Ist ein Bett nicht besser zum Schlafen?"
      Es war ihr völlig gleich, welches Bild sich ihr bieten mochte, sobald der Entzug bei dem Seeker einsetzte. Sie hatte ihm versprochen, ihm dadurch zu helfen und sie würde alles tun, was ihm half. Ihre eigene Bedürfnisse schraubte sie für diesen Zeitraum zurück. Die Sorge übermannte sogar den Hunger, den sie mittlerweile entwickelt haben müsste.
      "Weißt du, wenn es ganz hart auf hart kommt, kann ich dir helfen. Können wir dir helfen", erinnerte sie ihn vorsichtig an die Unterhaltung, die Cain mit Anifuris in der Zelle geführt hatte. "Wenn du nicht willst, dass er etwas tut, dann gibt es auch etwas, das nur ich tun kann. Aber das sollte das letzte Mittel sein..."
      Sie würde ihm nicht verraten, wie sie ihm helfen konnte. Sollte Sylea Cain je verraten, dass sie ihm mit ein paar Blutrunen und dem passenden Opfer Erleichterung verschaffen konnte, würde er sicherlich nicht darauf eingehen. Egal, was sie opfern würde um ihm dadurch zu helfen - sie kannte ihn mittlerweile so gut und wusste, dass er nicht auf Kosten eines Anderen dadurch gehen wollte.
      Langsam zog Sylea ihre Hand wieder zurück. Noch immer war am Rande ihrer Wahrnehmung ein goldener Schimmer, der die kläglichen Überreste von Cains Aura darstellten. Sie schmiegten sich an ihr Silber, als bräuchten sie eine Stütze um zu funktionieren.
      "Wenn... ich dir etwas Gutes tun kann, geben kann, sag es. Wir sind jetzt nicht mehr allein."
      Worte, die ihr selbst schon ungemeine Linderung verschafften.

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      "I rather trust and regret than doubt and regret"
    • Die Tatsache, dass sie bereits weniger Schmerzen empfand und sogar schon die ersten Laufversuche gewagt hatte, beruhigte Cain. Es freute ihn zu hören, dass es ihr offensichtlich bereits besser ging. Es würde die Anstrengungen erleichtern, die in wenigen Stunden auf sie zukamen. Offensichtlich würde sich die junge Rubra nicht davon abbringen lassen, an seiner Seite zu bleiben, während er seinen persönlichen Albtraum durchlebte. Der Seeker lächelte schwach, ein klägliches Glimmen in seinen Augen. Er war ihr unendlich dankbar dafür, aber der Gedanke sich in diesem erniedrigenden Zustand zu zeigen, kostete ihn große Überwindung.
      Cain nickte zustimmend. Er war müde und es fühlte sich an, als könnte er aufrecht im Sitzen einfach einschlafen. Seine Aura spielte den Verräter, also machte es keinen Sinn seine Erschöpfung zu überspielen. Sylea würde es am Ende sowieso merken. Dafür waren ihre Auren zu eng mit einander verwoben und suchten sich wie selbstverständlich. Für kein gleichte es fast einem Automatismus, dafür benötigte er nicht einmal mehr größere Mühen.
      "Hmhm...", murmelte er undeutlich, ehe er die kratzige Stimme etwas anhob. "Ich leg mich hin, sobald wir etwas gegessen haben, weil ich nicht weiß, was ich das nächste Mal etwas herunterbekomme." Schon jetzt bereitete ihm der Gedanke Übelkeit, sich zum Essen zwingen zu müssen. Es brachte nicht schön zureden und er war ab dem Augenblick, an dem sein Körper und sein Kopf nachgaben, auf Sylea angewiesen. Die Hand an seiner Wange fühlte sich angenehm kühl an. Obwohl seine eigene noch sehr eisig erschien, spürte er bereits die unangenehme Hitze die sich in seinem Körper ausbereitete und durch seine Adern brannte. Sich dem Wunsch nach der zarten Berührung ergeben, lehnte sich Cain vor und schmiegte die Wange gegen ihre Handfläche.
      Wachsamkeit schlich sich stetig in seinen Blick, während Sylea sprach. Natürlich erinnerte er sich daran, was Anifruris gesagt hatte. Ob er ihm wirklich trauen konnte, stand allerdings unerreichbar in den Sternen. Der Seeker hob eine Hand und umfasste ihren Arm, sein Daumen zog sanfte Kreise über die zarte Innenseite ihres Handgelenks.
      "Versprich mir, dass du nichts unternimmst, das die schadet. Das bedeutete auch, mich allein zu lassen, wenn ich eine Gefahr für dich darstelle. Ich werde für eine Weile nicht ich selbst sein."
      Widerwillig gab er ihren Arm frei, als sie ihre Hand zurückzog und fühlte sich um die tröstende Berührung betrogen. Die erneute Frage, was er brauchte, riss den stoischen Widerstand in seinem Kopf ein. Ein schwerer Atemzug ließ seine Schultern zusammensacken, ehe er den Rücken krümmte um die Stirn auf ihre Schulter zu legen. Er versuchte nicht sein ganzes Gewicht gegen sie zu lehnen.
      "Nur einen Moment...", murmelte und schloss die Augen.
      “We all change, when you think about it.
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      so long as you remember all the people that you used to be.”
    • Wusstest du, dass der Entzug aus Süchtigen wahre Tiere machen kann?
      Sylea kannte sich das Ausmaß vom Suchtpotenzial. Zwar konnte sie sich ein grobes Bild ausmalen nach Cains Erzählung aber es live zu erleben würde eine andere Erfahrung werden. Allerdings kam sie nicht drum herum zu bemerken, dass er nicht mehr davon sprach, den Entzug nicht zu überstehen, sondern nur noch wie hässlich es werden würde. Diese Erkenntnis trieb ein dezentes Lächeln auf ihre Lippen. So weit hatte sie ihm also schon geholfen.
      Unwillkürlich zuckte Sylea zusammen als Cain nach ihrem Handgelenk griff. Umgehend entspannte sie sich aber wieder etwas, kaum zog sein Daumen vorsichtige Kreise über der dünnen Haut. SIe hätte schwören können, dass er fühlen konnte, wie sich ihr Puls beschleunigte. Zunächst schwieg sie auf seinen Wunsch hin, dann reagierte sie doch auf ihn. "Ich glaube, ich kann mich ganz gut wehren mittlerweile..."
      Kein Versprechung traute sich über die Lippen der Rubra. Sie ahnte bereits, dass sie es nicht halten können würde und würde kein Versprechen geben, das sie zu brechen bereit war. Wer wusste überhaupt, wann Anifuris in ihr sich wieder aufspielen würde und seine Agenda verfolgte. Bei diesem Gedanken stutzte das Vessel. Richtig. Er machte sich hier und da mit einem Kommentar bemerkbar, aber im Allgemeinen war er ungewöhnlich passiv. Jetzt, wo sie genauer darauf achtete, nahm sie ihn lediglich wie einen weiter entfernten Nebel wahr, der am Rande ihres Sichtfeldes seine Kreise zog und sich nicht traute, dem Mittelpunkt näher zu kommen.
      Missinterpretiere das nicht. Du bist nicht die Einzige, die sich erholen muss.
      Syleas hob die Augenbrauen in aufrichtiger Überraschung. Damit hatte sie in der Tat nicht gerechnet. Unterbewusst hatte sie der alten Seele angedichtet, dass ihre Macht schier grenzenlos sein mochte. Dass sie sich jedoch ebenfalls regenerieren musste, war ihr bis zum jetzigen Zeitpunkt nie in den Sinn gekommen. Prompt fühlte sie sich deswegen schuldig.
      Da riss ein schwerer Atemzug Sylea aus ihren Gedanken. Ihr Blick fixierte sich wieder auf Cain, dessen Schultern plötzlich zusammensackten und sich ihr näherte. Seine Stirn an ihrer Schulter brannte wie Feuer, die Wärme grub sich ihren Pfad durch ihr Tshirt bis auf ihre Haut. So heiß war er vorhin noch nicht gewesen. Vorsichtig hob Sylea ihre Hand und gewährte sich, seine strähnigen schwarzen Haare an seinem Hinterkopf zu streicheln. Dabei ließ sie hier und da ein paar Strähnen zwischen ihren Fingerspitzen dahingleiten.
      "Wo genau sind wir eigentlich?", fragte sie nach ein paar Minuten der Stille, die nur von ihren gemeinsamen Atemzügen gestört wurde. "Ich hab nur Wald gesehen. Gibt's hier fließend Wasser? Vielleicht solltest du dich etwas abkühlen."
      Am liebsten hätte Sylea Cain vollends in die Arme geschlossen. Doch sie ließ ihm die Freiheit zu entscheiden, was er gerade brauchte. Wenn er sich in dieser Haltung nur ein paar Minuten gönnen wollte, würde sie den Teufel tun und ihn an sich drücken. Zumal sie gar nicht sicher war, ob er das jetzt wollte. Sie kannte nur zu gut das Gefühl, wenn man eine Nähe ertragen konnte. Dieses Gefühl konnte sie jedoch nicht gut auf andere projezieren.

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      "I rather trust and regret than doubt and regret"
    • "Die alte Jagdhütte gerhörte meinem Großvater. Ich glaube nicht, dass jemand von der Existenz dieses Ortes weiß. Wir sollten hier eine Weile sicher sein. Zumindest bis wir beide wieder reisefähig sind." Die Zuversicht hielt sich angesichts der schweren Stunden, die vor ihnen lagen in Grenzen, aber Cain hatte tatsächlich nicht vor sich seinem Schicksal zu ergeben. Er hatte genug Gründe zu kämpfen und am Leben zu bleiben. "Die liegt gut versteckt ein paar Kilometer von einer kleiner Ortschaft entfernt. Die nächste große Stadt ist Edinburgh, aber die ist noch ein ziemliches Stück von uns weg."
      Die Klangfarbe seiner Stimme wurde immer rauer und kratziger, als hätte sich über Stunden die Seele aus dem Leib geschrien. Dabei kam nicht mehr als ein Flüstern über seine Lippen. Er ließ sich von der sanften Berührung ihrer Hand in eine Art Dämmerzustand einlullen. Das Sprechen hielt ihn wach. Schlaf war im Augenblick noch keine Option für ihn.
      "Das Filtersystem für Regenwasser der Hütte müsste noch funktionieren. Also sollten wir Trinkwasser haben. Ich habe es allerdings noch nicht überpüft. Ein paar Minuten von hier entfernt gibt es einen kleinen Bachlauf, zumindest erinnere mich wage daran."
      Ein paar beruhigende Atemzüge später, ihren unverkennbaren Duft in der Nase, hob der Seeker den Kopf und richtete sich schwerfällig auf. Die gewohnte aufrechte Haltung fehlte, hatte Cain doch stets unter Spannung gestanden. Die immer alles beobachetenden Augen hatten ihren Fokus verloren. Es würde nun von Stunde zu Stunde rapider fortschreiten. Seine Finger zitterten, als er ihre Hand ergriff und ein Kuss die Knöchel ihrer Finger streifte. Das Lächeln, welches nun auch für den Bruchteil einer Sekunde seine matten Augen erreichte, ließ ihn ein wenig lebendiger wirken. Ihm war nicht entgangen, dass Sylea das Versprechend geschickt umschifft hatte. Genützt hätte es wahrscheinlich eh nichts. Sein Körper fühlte sich heiß und schwer an, die Anziehungskraft des Sofa beinahe zu groß.
      "Danke...", hauchte er an ihre Haut. Mehr brachte er nicht hervor. Ihre Sorge und der Wille, ihn nicht allein zu lassen, war Balsam für seine zerrissene Seele. "Aber erst: Essen. Du musst Hunger haben. Und so lange ich mich noch bewegen kann, sollten wir das ausnutzen." Die lähmende Starre die ihn erwartete, war wohl das Schlimmste an der ganzen Geschichte. Eine Verkrampfung zu stark, dass er sich nicht bewegen konnte, während er bei vollem Bewusstsein litt.
      Etwas ungelenk erhob sich Cain vom Sofa und bemühte sich um einen sicheren Tritt, während er in den Schränken der verstaubten Küche wühlte und versuchte in dem veralteten Ofen ein Feuer in Gang zu bekommen. Man kam sich vor wie im Mittelalter. Prüfend drehte er den Hahn auf und tatsächlich strömte kaltes Wasser aus der Leitung. Er legte die Hände zu einer behelfsmäigen Schale zusammen und benetzte das fiebrige Gesicht mit Wasser. Eine kurzweilige Erleichterung.
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    • Sichtlich getroffen sah Sylea dabei zu, wie der Seeker seinen sonst so geschmeidigen Gang bereits gebüßt hatte. Die Degeneration ging schneller von statten, als sie es sich vorgestellt hatte. Frustriert biss sie die Zähne zusammen. Er versuchte, sie hier beide am Laufen zu halten und sie konnte ihm nur leere Worte entgegenbringen. Wie nutzlos konnte man eigentlich sein.
      Du wolltest, dass er uns etwas bricht.
      Woher sollte ich denn wissen, dass er ausgerechnet das Knie nimmt?!
      Kollateralschaden?
      Mühsam richtete sich das Vessel auf und stellte beide Beine auf den Boden. Wo sie das gesunde Bein noch knicken konnte, war das Verletzte starr wie ein Säule. Zu viel Belastung würde immer noch in Schmerzen resultieren, aber sie hielt es nicht aus, wie Cain mit zittrigen Fingern sich seinen Weg durch die verstaubte Küche bahnte.
      Ein leises Stöhnen kam über ihre Lippen, als sie sich schlussendlich auf die Beine schwang. Sie nutzten den Schwung, um direkt ein paar Schritte nach vorne zu humpeln. Ins Visir hatte sie den Ofen genommen. Wenn jemand Ahnung davon hatte, wie man im Nirvana ein Feuer machte, dann sie. Gekonnt ignorierte sie Cains Blick als sie auf ihn zu humpelte, um sich schlussendlich vor dem Ofen auf den Boden sinken zu lassen. Sie inspizierte die Feuerstelle eingehend und lugte dann über die Arbeitsfläche hinweg, bis sie etwas ausmachen konnte, das aussah wie ein Feuerstahl. Syleas Kopf war etwas unterhalb Hüfthöhe des Seekers, als sie fordernd die Hand ausstreckte und ihn ansah.
      "Gib mir den Stahl. Das ist ja nicht mitanzusehen, wie schlecht du Feuer machen kannst."
      Sie bemühte sich, einen leichten Tonfall anzuschlagen. Das gelang ihr auch besser als gedacht, was ihr etwas Freude schenkte. Emsig damit beschäftigt, die Feuerstelle herzurichten und sich immerhin ein wenig nützlich zu machen, warf sie zwischendurch vereinzelte Blick zu dem Mann neben ihr. Ihn schien eine Wolke aus Hitze zu umgeben. Hatte er Fieber?

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      "I rather trust and regret than doubt and regret"
    • Das Stöhnen in seinem Rücken ließ Cain den Kopf heben, während ihm das kühle Wasser von seiner Nasenspitze und seinem Kinn tropfte. Ob es auf dem Boden oder in dem bereits gesprungenen Waschbecken landete, schien dabei weniger von Bedeutung. Der Seeker unterdrückte den Drang an ihre Seite zu eilen und sie bei ihren humpelnden Schritten zu stützen. Du Narr kann dich selbst kaum aufrecht halten, schallte eine bitterböse Stimme, seine Eigene, tief in seinem Hinterkopf. Das Missfallen über ihr Vorhaben war dennoch sehr gut in seinen getrübten Augen zu erkennen. Außerdem hatte Sylea bereits bewiesen, dass sie keine zerbrechliche Porzellanpuppe war, die ständig auf seine Hilfe angewiesen war. Sie war ihr ganzen Leben lang bevormundet, eingesperrt und in ihren Wünschen eingeschränkt worden. In welcher Position befand er sich nun ihre Freiheit zu begrenzen? Seufzend schüttelte er den Kopf und wischte sich das Wasser aus den Augen.
      "Entschuldige, dass ich nicht in grauer Vorzeit geboren wurde...", murmelte er und verdreht die Augen. Ein schwacher Anflug seines normalen Selbst, ehe er den gewünschten Gegenstand in die Hand drückte und neben ihr in die Hocke ging. Dabei hielt er sich vorsichtshalber an der Arbeitsplatte fest, um nicht einfach das Gleichgewicht zu verlieren. Er nahm jeder Ablenkung dankbar an, während die fiebrige Hitze sich immer weiter durch seinen Körper bis in die letzte Gliedmaße ausbreitete.
      "Bitte.", brummte er und grinste nun ebenfalls. Schweißperlen bildeten sich in seinem Nacken und waren auch bereits auf der Stirn zurück gegekehrt. Cain entging nicht, wie die junge Rubra ihm ständig von der Seite prüfende Blicke zuwarf. Während er ihr zusah und Sylea das Feuer in dem veralteten Ofen entfachte, um die darauf liegende Platte zu erwärmen, schloss er kurz die Augen.
      "Sieh mich nicht so an, Sylea. Ich kipp dir schon nicht einfach um. Keine Angst, du wirst meinen Hintern nicht alleine ins Bett schleifen müssen." Dabei hatte er ein Auge geöffnet und sah sie tatsächlich amüsert an. Ja, Ablenkung war gut.
      “We all change, when you think about it.
      We’re all different people all through our lives.
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      so long as you remember all the people that you used to be.”
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