[2er RPG] Vessels [Asuna & Winterhauch]

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    • Anifuris bewegte sich keinen Zentimeter. Sein entspannter Blick war verschwunden, stattdessen beäugte nun er leicht misstrauisch den Seeker, der sich ihm einfach immer weiter näherte. Der Widerspruch zu dem, wie er die vergangenen Male gehandelt hatte, war einfach zu groß. Ja, er wusste wie es aussah, wenn Menschen verzweifelt nach dem letzten Strohhalm der Hoffnung griffen. Aber das hier war lebensmüde.
      Du hast selbst gesagt, er tut alles für seine Schwester. Sylea brummte diese Bemerkung, beäugte die Situation aber ebenso misstrauisch.
      Sicher. Aber er weiß, dass wir ihn einfach zerfetzen können. Das bringt ihm sein Ziel nicht näher.
      Sylea spürte aufrichtige Verwunderung. Das ist nicht mehr der letzte Strohhalm an dem er festhält. Er befindet sich schon längst im freien Fall.
      Sachte hoben sich Anifuris Augenbrauen, als ihn und Cain nur noch fünfzig Zentimeter trennten. Der Anspannung des jungen Mannes war so groß, dass selbst das alte Bewusstsein sie spüren konnte. Täte er eine verdächtige Bewegung, wäre der Seeker handlungsbreit. Das führte seine Gedanken in eine gänzlich neue Richtung: Wie kampferprobt ist der Junge eigentlich?
      "Wenn du deine Freiheit erlangst," begann Cain nun mit gedämpfter, rauer Stimme in den Raum zwischen ihnen zu sprechen. "Was geschieht mit Sylea? Ich vermute sie freizugeben, ist nicht Teil deiner Zukunftsplanung?"
      Sylea sah in ihrem geteilten Geist eine schier unendliche Masse an Worten vorbeiziehen. Anifuris überlegte, welche Worte er nutzen wollte und sollte, um das auszudrücken, was er nun brauchen würde. Wäre Sylea nicht in ihrem Kokon gefangen, würde die Flut an Worten über sie hereinbrechen und vermutlich jede Synapse durchbrennen lassen. Sie schluckte unwillkürlich. Das war gemeint, als man nach ihrer geistigen Verfassung gefragt hatte.
      "Ich nehme an, du möchtest die Wahrheit hören?", erwiderte Anifuris, sein Tonfall war jener, der für alle Parteien völliges Neuland war. Er sprach mit Vorsicht, wählte seine Worte mit Bedacht und sprach sie langsam aus. Seine Augen verweilten auf dem jungen Seeker, um jederzeit zu reagieren, sollte er sich vor ihm in Bewegung setzen.
      "Du müsstest ihre Akte gelesen haben. Steht da nicht drin, was genau geschehen ist, nachdem man sie mir vorgesetzt hat? Ihr kindlicher Geist hat meinem nicht standhalten können. Sie ist damals bereits gestorben. Sie lebt nur deshalb noch weil unsere Seelen so sehr miteinander verwoben wurden, dass meine Unsterblichkeit auf sie übergegangen ist. Verlasse ich ihren Körper, kehrt sie zu dem Zustand zurück bevor ich sie wiederbelebt habe."
      Sylea wich jede Farbe aus dem Gesicht. Das hatte ihr so niemand berichtet. Kraftlos sackte ihr Arm nach unten und verschwand hinter den Fäden des Kokons. Sie hatte das Gefühl, keine Luft mehr zu bekommen.
      Wenn sie Anifuris austrieb, war das ihr sicheres Todesurteil.

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      "I rather trust and regret than doubt and regret"
    • Cain Desraeli fühlte, wie eine eiskalte Welle durch seinen Körper ging, als habe jemand einen Eimer mit Eiswasser über seinem Kopf entleert.
      Also würde Sylea sterben, wenn jemand den törichten Versuch unternahm Anifuris aus ihrem Körper zu bannen. Der fremde Eindringling hielt das Mädchen zwangsläufig mit seiner eigenen Kraft am Leben. Oder handelte es sich nur um eine kluge Schutzbehauptung, um sich vor möglichen Konsequezen zu schützen.
      Der Seeker presste die Kiefer so fest aufeinander, dass die Knochen beinahe weiß unter der gebräunten Haut hervortraten. Das konnte nicht stimmen. Cains rasender Verstand weigerte sich die Worte als Wahrheit aufzufassen. Obwohl er die Akte gelesen hatte und sich die Aussage von Anifruis wie ein fehlendes Puzzleteil in das gesamte Bild einfügte, sperrte sich Cain dagegen. Wie sich Sylea in diesem Moment fühlte musste, mochte er sich gar nicht vorstellen. Es musste niederschmetternd sein, wenn es keine Aussicht mehr darauf gab den eigenen Kopf und Körper jemals wieder für sich alleine zu haben. Und es war allein Anifuris Wohlwollen, dass sie noch bei klarem Verstand war.
      Für einen Augenblick rückte der aberwitzige Plan seine Schwester zu befreien in den Hintergrund. Der Seeker verlor die Kontrolle über seine angespanten Muskeln und überbrückte die letzten Zentimeter zu Anifruis. Mit beiden Händen fasste er nach dem dünnen Kragen des T-Shirts und spührte am Rande die Wärme, die der Körper vor ihm ausstrahlte. Bei jedem Atemzug streiften sich ihre Körper fast.
      "Du lügst...", knurrte Cain und die bernsteinfarbenen Augen, in denen die Aura förmlich aufflammte, fixierten Anifuris.
      Die goldene Aura um den Seeker geriet außer Kontrolle und dehnte sich unter dem Zorn um ihn aus. Wilde Wirbel aus Gold schlugen pulsierend in alle Richtungen aus.
      Als er in die braunen Augen blickte, suchte er nicht Anifuris sondern das Mädchen, dass ihn ebenso hören konnte.
      "Sylea. Du musst kämpfen.", versuchte er sie zu ermutigen. "Ich weiß, dass du mich hörst. Kämpfe, verdammt nochmal."
      Sie würden eine Lösung finden. Irgendetwas musste sie tun können, aber zuerst musste Sylea die Kontrolle über ihren Körper wieder bekommen. Es plagte ihn das schlechte Gewissen und er war ebenfalls bereit ihre Wut zu empfangen, sobald sie wieder Herrin über ihren eigenen Körper war.
      “We all change, when you think about it.
      We’re all different people all through our lives.
      And that’s OK, that’s good, you gotta keep moving,
      so long as you remember all the people that you used to be.”
    • Anifuris seufzte kaum hörbar als er sah, dass sich ein neuer Farbton unter das Bernstein in Cains Aura mischte. Das matschige Braun war erst nur spärlich zu sehen, doch es schwoll mit jeder Sekunde an. Bis es plötzlich in Zinnober umschlug und mit dem Bernstein um die Vorherrschaft kämpfte. Cain packte ihn so schnell am Kragen, dass die alte Seele überrascht aufkeuchte. So schnell hatte er den Jungen nicht eingeschätzt. Umgehend ergriff er mit beiden Händen Cains Handgelenke und hielt sie vorerst an Ort und Stelle.
      "Meinst du nicht es ist unklug, dich absichtlich in direkten Körperkontakt mit mir zu begeben?", flüsterte er leise, eine unausgesproche Warnung stand im Raum.
      Sylea im Inneren war auf ihre Knie gesunken und starrte das Innere ihres Kokons an. War dieser Ausgang wirklich so festgeschrieben? Lag es daran, dass sie eine Rubra war und ihr Schicksal erfüllte? Würde sie ihr Leben lang mit der Seele zusammen existieren oder war sie wirklich nur auf seine Willkür angewiesen?
      Anifuris stöhnte leise, als das Zinnober wie eine Flamme auf sein Königblau überschlug. Was für eine gewöhnliche Person einfach wie die Verletzung seiner Privatspähre war, löste bei ihm Unbehagen aus. Seelen wie seine waren übersensibel wenn sich zwei Auren ungeschützt trafen. Und Zorn war eine extrem starke Emotion.
      "Es tut mir leid dich enttäuschen zu müssen, aber deine Fragerunde hat sich nicht sonderlich gut auf ihre Psyche ausgewirkt", klärte er den Seeker auf, der ihn noch immer am Kragen gepackt hatte. Statt des spöttischen Lächelns hatte er seine Augen nun zu Schlitzen verengt. Cains Zorn brannte wie Feuer auf Anifuris Haut. Er musste Abstand zwischen sich gewinnen.
      Er schnaubte, als er seinen Griff verstärkte. Statt sich gegen das Zinnober zu wehren griff er gezielt danach. Er ballte die gesamte Farbe zu einem Ball, entriss sie Cain, nur um ihm den ganzen Zorn wie ein Baseball vor den Kopf zu werfen. Sein Griff um die Handgelenke löste sich als der Seeker schwer getroffen nach hinten taumelte. Es reichte, um ihn kurz von sich weisen zu können. Da es sich aber um seine eigene Emotion handelte, gliederte sie sich schnell in seine Aura ein und der junge Mann bekam sein Gleichgewicht beinahe umgehend zurück.
      Gedanklich wandte sich Anifuris zu Sylea um. Er hatte gespürt, wie sich ihr Blick gehoben hatte, als sich ihre Atemzüge vermischt hatten. Das bisschen hatte gereicht, damit die Seele begriff, wie sich das Mädchen am ehesten erden ließ. Er rümpfte abschätzig die Nase.
      Selbst wenn ihr einen Weg findet uns zu trennen - du kannst den Lauf der Natur nicht umkehren.
      Sylea schwieg. Das Gesetz der Natur war ihr durchaus bewusst. Wenn ihr Dasein davon abhing, dass Anifuris als Quelle fungierte, dann musste sie damit umgehen. Damit arbeiten.
      Schön. Dann trennen wir uns eben nicht. Dann muss ich dich halt wegsperren.
      Er lachte lauthals auf, so ungebremst, dass es sich sogar in der Realität widerspiegelte. Du schaffst es doch nicht mal aus deinem Gefängnis da raus. Wie willst du mich dann bitte bannen?
      Frustriert schrie sie auf. Er hatte Recht. Sie konnte sich nicht mal aus ihrem eigenen Gefängnis befreien.
      Da stockte sie. Es war ihr eigenes Gefängnis.
      Sie hatte den Kokon das erste Mal erstellt, um das andere Bewusstsein von sich zu isolieren.
      In dem Moment taumelte Anifuris in ihrer Gefängniszelle rückwärts. Er stolperte über seine eigenen Füße, das Gesicht sichtlich angepisst verzogen. Unsanft fiel er auf den Sandsteinboden, seine Hände schossen zu seinen Schläfen. Sie hatte durch ihn erkannt, wie sie die Kontrolle zurückbekam.
      Innerhalb Sekunden begann sich der Kokon aufzulösen. Dieses Gefängnis stammte aus Syleas eigener Hand. Sie hatte sich buchstäblich selbst damit gebunden, so sehr wünschte sie sich die Trennung von dem anderen Bewusstsein. Aber wenn sie ohne ihn sterben musste, dann müsste sie ihn als Teil ihrer Selbst akzeptieren. Das war der erste Schritt zu Coexistenz. Wie konnte sie die Worte Farinas vergessen?
      Anifuris stöhnte schmerzerfüllt auf, als er von Syleas Bewusstsein verdrängt wurde. Seine Aura schrumpfte, wurde zu der dünnen Linie, die zuvor Syleas Silberstreif gewesen war. Sie tauschten die Positionen, ganz offensichtlich zum Missfallen der alten Seele. Als Sylea wieder ihre Füße, ihre Hände auf dem rauen Stein spürte, sie diejenige war, die blinzelte, hob sie den Blick. Auf der andren Seite des Raumes stand Cain mit dem Rücken zur Wand. Es musste furchtbar ausgesehen und sich angehört haben, als sie Anifuris in seine Schranken wies. Er war noch immer da, als stünde er nur einige Schritte hinter ihr. Allerdings war da nicht mehr der Kokon von vorhin. Stattdessen hatte sie ihm Fesseln angelegt.
      Als Syleas und Cains Blicke sich trafen, beide schwer atmend, brach das Mädchen in Tränen aus. Es waren keine Tränen des Zornes oder der Erschöpfung. Sie wusste, dass das alte Bewusstsein die Wahrheit gesprochen hatte.
      "Ich bin eigentlich schon tot", schluchzte sie, mischte sich mit einem unkontrollierten Aufheulen.
      Anifuris in ihrem Inneren schwieg. Man hätte sogar fast sagen können, dass er für einen Moment andächtig den Blick gesenkt hatte.

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      "I rather trust and regret than doubt and regret"
    • Um seine Handgelenke spürte Cain den eisernen Griff von Anifuris. Offensichtlich passte es dem feindlichen Bewusstsein nicht, dass sich der Seeker so nah in seinen persönlichen Raum vorgewagt hatte. Ein triumphierendes Gefühl endlich einen Weg gefunden zu haben Anifruis ein wenig aus dem kalkulierten Gleichgewicht zu bringen. Obwohl der klammernde Griff jetzt beinahe schmerzhaft wurde, strafte Cain die Seele mit völliger Ignoranz.
      "Du bister stärker als er er.", sprach er nur an Sylea gewandt und hoffte, dass die kleine Ablenkung ihr einen Weg ermöglichte sich wieder an die Oberfläche zu kämpfen und aus ihrem Gefängnis zu befreien. Vorauf er nicht vorbereitet war, war die Tatsache, dass Anifuris ihm nun seine eigene Wut wie ein Wurfgeschoss entgegen schleuderte. Blinder Zorn erfüllte seinen Kopf und ließ den Seeker ruckartig zurück taumeln. Es fühlte sich beinahe an, als hätte ihn ein Schlag mitten ins Gesicht getroffen. Für einen kurzen Moment verlor er fast den Boden unter den Füßen und fand erst Halt an der kalten Betonwand in seinem Rücken. Scharf atmete er ein und schüttelte den Kopf, um seinen Verstand zu klären und die brennende Wut wieder unter Kontrolle zu bekommen. Cain wollte sich erneut auf Anifuris stürtzen und ermahnte sich gedanklich, nicht so grob zu sein. Immerhin war es immer noch der Körper einer zierlichen jungen Frau und er wollte Sylea nicht verletzen. Zumindest nicht mehr, als er es eh schon getan hatte.
      Da fuhr ein Ruck durch besagten Körper und Anifuris taumelte seinerseits, wankte auf den Füßen wie ein dünner Zweig im Sturm.
      Cain zwang sich regungslos zu bleiben und beobachtete mit Schrecken, wie sich der Körper krümmte und unter scheinbaren Schmerzen bog. Wie ein wildes Tier brüllte und fauchte das Bewusstsein, als ihm langsam aber stetig die Kontrolle entglitt. Auf allen Vieren sackte Syleas Leib zu Boden. Seine Hände zuckten an seinen Seiten, als er nach ihr greifen wollte, um sie vor dem Aufprall auf den Beton zu schützen.
      Erst das verzweifelte Schluchzen weckte Cain aus seiner selbstauferlegten Starre. Obwohl er die besagte Tür zu seinem Kopf sorgsam verschlossen hielt, benötigte er nicht seine Empathie um ihre Trauer und ihr Leid zu spüren. Es reichte ihr ins Gesicht zu sehen und die heißen Tränenspuren auf ihren Wangen zu erblicken. Was hatte er getan?
      Die junge Rubra trug bereits eine tonnenschwere Last auf ihren Schulter und er hatte rücksichtslos noch mehr dazu getan.
      Was dann kam, dagegen konnte sich auch Cain nicht wehren. Vorsichtig stieß er sich von der Wand ab und näherte sich langsam der kauernden Gestalt am Boden, die ihn mit tränenverschleierten Augen ansah.
      "Es tut mir so, so leid, Sylea.", brachte er würgend und mit Abscheu auf sich selbst hervor. Bedächtig ging er vor ihr ebenfalls auf die Knie. Sie konnte versuchen ihn zu schlagen oder nach ihm treten, er hätte sie gelassen. Cain nahm all das in Kauf, als er einen Arm um ihre bebenden Schultern legte und das weinende Mädchen an sich zog. Er konnte einfach nicht anders.
      “We all change, when you think about it.
      We’re all different people all through our lives.
      And that’s OK, that’s good, you gotta keep moving,
      so long as you remember all the people that you used to be.”
    • Wenn man eine bildliche Vorstellung davon brauchte wie es aussah, wenn jemand bis auf die Grundfeste seiner Selbst erschüttert wurde, dann musste man nun nur Sylea anschauen. Sie hatte sämliche Fassung verloren und weinte hemmungslos die Tränen, die sie über Jahre angesammelt hatte. Ihr bislang sorgsam aufgebautes Kontrukt aus selbsterzählten Lügen und aufgezwungenen Wünschen brach ins sich zusammen und riss alles um sich herum mit sich. Diese Reaktion war so stark, dass selbst Anifuris sich davor nicht vollends verschließen konnte und den Blick abwenden musste. Er gewährte ihr in diesem Moment die Einsamkeit in ihrem Geist, den sie seit 10 Jahren vermisste.
      Zunächst realisierte Sylea gar nicht, dass Cain seinen Arm um sie gelegt hatte. Ihr ganzer Körper bebte unkontrolliert als wollte jede einzelne Muskelzelle ihren eigenen Willen durchsetzen. Irgendwann dämmerte es ihr, dass sie noch nicht ganz geerdet war. Erst als sie spürte, wie Cains Körperwärme durch ihre Shirts drang und sie daran erinnerte, dass sie beide noch lebendig waren, kam sie vollends in der Realität an.
      Sie machte sich keine Gedanken darum, was sie nun tat. All ihre Gedanken kreisten um den Fakt, dass sie laut Naturgesetz das Recht verwirkt hatte, hier auf Erden zu wandeln. Dass eine fremde Seele sie zuerst getötet und anschließend wiederbelebt hatte. Dass sie nie das Leben führen würden, was sie sich gewünscht hatte.
      Syleas Körpergedächtnis ließ ihren schmächtigen Rumpf unter der Berührung zusammenfahren. Er erinnerte sich schmerzlich daran, was vor Jahren geschehen war, als man sie so angefasst hatte. Erinnerungen, zu verstörend für ein Kind, durchliefen ihren Körper und schrien ihn an, zu fliehen. So weit es geht zu weichen, um dem Terror zu entgehen.
      Doch Syleas Psyche siegte über ihren Körper. Es war das erste Mal, dass jemand ihr Trost spendete, sie in den Arm nahm. Das tat, wonach sie sich schon immer gesehnt hatte. Es war ihr egal, ob es nur aus Mitleid war. Egal, dass das alles ein perfider Plan sein konnte nur um sie später endgültig über die Klippe zu treiben. Da streckte sie die Arme aus und schlang sie um den Brustkorb des Mannes, den sie nicht mal eine Woche kannte und der darüber entscheiden sollte, wie es mit ihr weiterging. Es fühlte sich für sie so unwirklich an, einen anderen warmen Körper zu berühren. Der sich mit jedem Atemzug unter ihr bewegte. Sie hatte ihr Gesicht in seiner Schulter vergraben damit kein Licht an ihre Augen drang. Sie wollte nur die Wärme spüren, den Herzschlag eines anderen Menschen. Der Beweis des Lebens.

      Es hatte beinahe fünfzehn Minuten gedauert bis sich Sylea beruhigt hatte. Als sie es wieder ertragen konnte loszulassen, tat sie es umgehend und robbte ein wenig nach hinten, weg von Cain. Nach ihrer Panikattacke gewann das Körpergedächtnis die Oberhand und zwang sie dazu, sich aus der Umarmung zu lösen. Es war eine Mischung aus Erleichterung und Schmerz zugleich.
      Schwer atmend strich sie sich die Haare aus dem Gesicht, ihre Augen brannten wie Feuer. Sie konnte sich nicht daran erinnern, wann sie jemals so heftig geweint hatte. Noch immer war das zweite Bewusstsein in ihr in schier weiter Ferne abgerückt.
      "O...okay...Es geht wieder", sagte sie leise als Bestätigung mehr zu sich selbst. Sie hatte ihre Arme um sich geschlossen in dem traurigen Versuch, die Erinnerung an die Umarmung aufrecht zu erhalten. "Naja, immerhin bin ich wieder da."

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      "I rather trust and regret than doubt and regret"
    • The silence between them was dark water. He could not cross it.
      He couldn’t walk the line between the decency she deserved and
      the violence this path demanded.
      If he tried, it might get them both killed.


      Beinahe hätte Cain den Arm von ihren zarten Schultern gelöst, die Anspannung unter seiner Hand nur all zu sehr spürbar. Die stille Frage in seinem Kopf erklang, ob Sylea jemals eine Umarmung erfahren hatte. Auf seine letzte Berührung hatte sie so heftig reagiert und auch jetzt musste der Seeker nicht lange auf eine ensprechende Reaktion warten. Allerdings war diese gänzlich anders als erwartet. Mit einem Schluchzen streckten sich ihm Arme entgegen, die sich fest um seinen Brustkorb schlangen. Der zierliche Körper des Mädchen sackte gänzlich gegen den eigenen und er hätte fast vergessen zu atmen.
      Aus Reflex hob Cain seine freie Hand und legte sie an den Hinterkopf Slyea's, als jene ihr Gesicht in seiner Schulter vergrub. Heiße Tränen sickerten durch den dünnen Stoff seines T-Shirts, bis die salzigen Tropfen in seine Haut sickerten. So musste es sich anfühlen, wenn das Herz brach. Wie hatte er jemals auch nur daran denken können, einen Pakt mit Anifuris zu schließen. Der Seeker verzog angewidert das Gesicht, ehe er seufzte und Sylea noch ein wenig näher an sich zog. Cain würde einen Weg finden, irgendwo zwischen dem Schwarz und Weiß, aus dem er eigentlich wählen musste.
      Der harte Bruch folgte, als das Beben ihrer Schultern verebbte und das Schluchzen an seiner Schulter verstummte. Ohne Zögern gab er Sylea frei und zog seine Arme und Hände von ihrem Körper zurück. Ohne Zweifel war alles gerade etwas zu viel und womöglich mehr als sie ertrug. Die Kälte der Zelle grub sich selbst doch das T-Shirt, als ihm die Wärme entrissen wurde. Leere Hände sanken kraftlos in seinen Schoß.
      "Ich hätte das nicht tun dürfen.", murmelte Cain in die nun befremdlich wirkende Kälte der Gefängniszelle, während er Sylea mit einem undefinierbaren Blick zwischen Reue und Ärger über sich selbst ansah. Mit dern Worten meinte er zu keinem Zeitpunkt sie in den Armen gehalten zu haben, sondern seinen überaus dämlichen Versuch Anifuris Hilfe zu gewinnen. Er sparte sich die Frage, ob es ihr gut ging.
      Sylea sah so verloren aus, das der Seeker sich zwingen musste einfach an Ort und Stelle sitzen zu bleiben.
      "Keine Lügen mehr ab jetzt. Ich verspreche es."
      Seufzend schlug beugte er etwas ungelenk die Beine in einen Schneidersitz, da ihm langsam die Knie auf dem harten Betonboden unbequem schmerzten. Sein linker Fuß war während der letzetn 15 Minuten eingeschlafen.
      "Soll ich gehen?", flüsterte er was und wartete eigentlich nur darauf, dass Sylea ihn aus der Zelle warf.
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    • Syleas braungraue Augen schossen zu Cain als dieser fragte, ob er gehen sollte. Für sie ergab es keinen Sinn, warum sie ihn aus der Zelle werfen sollte. Allerdings... konntes es auch sein, dass er selbst am liebsten diesen Ort hinter sich lassen wollte und in weiser Voraussicht statt kann soll benutzt hatte.
      "Ah... ich... zwinge dich nicht, hier zu bleiben. Du kannst auch gehen, wenn du willst. Er schweigt zur Zeit." Sowohl der Ausdruck in ihrem Blick als auch ihre Stimme verrieten, dass Zweisamkeit mit der Stimme in ihrem Kopf das Letzte war, was sie nun gebrauchen konnte. Es grauste das Mädchen davor, die Frage nach dem Warum zu stellen. Aber genau das würde passieren, wenn sie keinerlei Ablenkung hatte und sich mit dem älteren Bewusstsein befassen musste.
      Wenn Anifuris diesen Ausgang längst wusste, warum hatte er ihren Geist nicht unlängst gebrochen? Was hielt ihn davon ab, völlig in seinem neuen Körper aufzugehen, kaum hatte er es aus dem Bannkreis geschafft? Ihr bisheriger Kontakt mit ihm bestätigte ihr, dass er mit ihr kein Mitleid hatte. Ob dieses Wesen überhaupt zu dieser Regung fähig war, war für sie ein Rätsel.
      Anstatt es dem Seeker gleich zu tun, zog Sylea ihre Knie zu sich, ließ von ihrem Oberkörper ab und umschlang nun ihre Beine. Sie machte sich instinktiv klein in der Hoffnung, es zöge an ihr vorrüber. So zerbrechlich ihre Körperhaltung auch wirken mochte, in ihren Augen zeichnete sich langsam etwas anderes als Schock und Trauer ab. Die Bitterkeit war in ihre Augen gekrochen.
      "Weißt du, du musst mit ihm keinen Handel abschließen", ihre Stimme war noch immer zerrüttet. "Ich bringe ihn dazu mir zu zeigen, wie es geht. Wie man Auren trennt. Wenn er ein Teil von mir ist, dann muss ich irgendwie Zugriff auf seine Fähigkeiten haben. Ich brauche nur Zeit zum Lernen."
      Sylea würde Anifuris dafür bluten lassen, dass er versäumt hatte, ihren Geist in Scherben zu zerschlagen. Wenn er es bis jetzt nicht getan hatte, dann würde sie jegliche Versuche dieser Art widerstehen. Das war der erste Schwur, den sich die Rubra selbst schwor.

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      "I rather trust and regret than doubt and regret"
    • Kopfschüttelnd blickte Cain zu der zerbrechlich wirkenden Vessel herüber, als wartete er nur darauf das die Haut Risse und Sprünge bekam, wie angeschlagenes Porzellan. Weder wollte er Sylea nach dieser bitteren Erkenntnis über ihr Leben allein lassen, noch hatte er das Bedürfnis seinen Vorgesetzten und Helyon nun gegenüber zutreten. Die kleine, dunkle Zelle stellte eine Art Zuflucht dar. So makaber dieser Gedanke in seinem Kopf auf klang.
      Der Seeker schloss die Augen verhielt sich für einen langen Augenblick ganz still. Die Minuten schienen wie Sandkörrner durch seine Sanduhr zu laufen. Cain öffnete die geistige Tür in seinem Kopf und tastete sich mit einer Aura, die er nicht sehen konnte, in den Raum. So sah er auch nicht wie sich seine Aura ausdehnte bis sie silberne Hülle der jungen Frau flüchtig streifte. Aber er spürte es, eine Bitterkeit und Frustration, die sich schwer auf seine Zunge legte während die Muskeln in seinem Brustkorb sich so stark zusammenzogen, als wollten sie die Luft aus einen Lungen drücken. Es war das erste Mal das er sich friedlich und ohne Hast gestattete, sich auf Auraebene direkt nach ihr auszustrecken. Einerseits wollte er ihren Gemütszustand überprüfen und andererseits sicherstellen, dass Anifruis sich im Augenblick tatsächlich zurückgezogen hatte.
      Prüfend öffnete er die Augen einen Spalt und blickte Sylea direkt an. Er ließ zu, dass sie goldene Aura seine Augen flutete. Die Iren glühten im fahlen Licht der Gefängniszelle. Es war leicht seine Sinne nach ihr zu strecken, auch über die paar Meter hinweg und gleichzeitig mit ihr zu sprechen, wenn er die nötige Ruhe dafür hatte.
      "Zeit ist genau der Faktor, den wir nicht haben.", sprach er mit ruhiger Stimme während seine Aura einen schwachen Puls abgab. "Dieser Helyon. Bei seiner Anwesenheit sträubt sich alles in mir. Wer auch immer er ist, er ist gefährlich und hat offensichtlich Informationen über meine Schwester. Oder er blufft. Es wurde nicht im einzelnen besprochen aber ich befürchte, wenn ich ihnen nichts Neues oder einen Schwachpunkt zu Anifuris liefern kann, wird der Rat mich hier abziehen. Und sie werden diesen Helyon auf die loslassen. Er schien sehr angetan Anifuris zu begegnen. Dass er Farina nahesteht beruhigt mich in der Sache auch nicht wirklich."
      Cain reckte das Kinn in ihre Richtung, die Augen nun gänzlich geöffnet. Doch der Ausdruck in ihnen schien ein wenig weggetreten, während seine Aura sich fließend im Raum bewegte. Vielleicht, wenn sie einen Ort finden konnten, an dem sie eine Weile untertauchen konnten. Ein sicheres Versteck unter dem Radar für Sylea wo sie er Training beginnen konnte und er konnte damit beginnen zu recherchieren um den Aufenthaltsort seiner Schwester ausfindig zu machen. Jocelyn würde sichherlich helfen, aber wusste nicht, ob er seine Freundin da mit hineinziehen wollte. Aber die Probleme türmten sich ebenso auf. Wie sollten sie aus Hollow Point entkommen? Und es blieb das lebensbedrohliche Problem bezüglich des Blind Eye. Wenn Cain sich vom Nachschub abschnitt, war es nur eine Frage von Tagen oder Wochen, je nachdem wie viel er stehlen konnte. Anifuris war augenblick seine einzige Chance das ganze zu überleben.
      "Ich fasse es nicht, dass ich das sage.", brummte er. "Aber wir müssen dich hier raus holen."
      “We all change, when you think about it.
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    • Sylea erschauderte just in dem Moment, als Cains Aura die ihre streifte. Der Kontakt war so flüchtig wie ein Windhauch, leicht und unbeschwert. Trotzdem war das hier etwas anderes. Seitdem sie Anifuris als einen Teil von sich anerkannt hatte, fühlte sie sich entblößter als zuvor. Der gedankliche Panzer, mit dem sie sich von dem anderen Bewusstsein abgeschirmt hatte, war zeitgleich ein Schutzwall um sie selbst gewesen. Sie konnte es zwar nicht sehen aber sie spürte, dass man ihren Silberstreif nun etwas besser greifen konnte.
      Sylea blinzelte lediglich während sie Cains Worten lauschte. Stillschweigend beobachtete sie, wie sich die Augen des jungen Mannes ihr gegenüber beim nächsten Augenaufschlag veränderten. Seine Augen brannten alte Feuer und verwehrten dem Vessel, den Blick abzuwenden.
      "Wenn ich das richtig verstanden habe, dann ist Anifuris an das Weiterbestehen dieses Körpers gebunden. Er wird also vermutlich alles dafür tun, dass man uns nicht verstümmelt. Einen abgerissenen Arm kann er, glaube ich, nicht einfach so regenerieren." Sie machte sich weniger Gedanken um diesen ominösen Helyon. Sofern er sie nicht in Stücke riss, sah sie wenig Gefahr in einem Namen, dessen Person sie nicht kannte.
      Noch immer lag ein Gefühl in der Luft, unsichtbar und nicht in Worte zu fassen. Die Schwere im Raum, akkumuliert durch die letzten Minuten, schien immer weiter zu weichen und etwas Neuem Platz zu machen. Später wusste Sylea, dass sie Cains Aura auf diese Weise wahrgenommen, wenn auch nicht gesehen hatte. Fast hätte sie gesagt, sie würde eine Süße auf ihrer Zunge schmecken, die gar nicht da war. Ihre geschundenen Nerven wurden von einer Ruhe überlagert, als würde Honig über sie rinnen.
      "Du hast echt schöne Augen, wenn du das machst", murmelte Sylea leise, leider gab es da kein Geräusch, was ihre Stimmte überdecken konnte. Allerdings schenkte sie ihren eigenen Worten nicht die Aufmerksamkeit, wie sie vielleicht es hätte tun sollen. Stattdessen starrte sie Cain immer noch seltsam verträumt an.
      Könntest du dich bitte nicht einlullen lassen?
      Da schreckte Sylea kurz zusammen und wachte aus ihrem Tagtraum auf.
      "Ich fasse es nicht, dass ich das sage.", brummte er. "Aber wir müssen dich hier raus holen."
      "Das klingt jetzt vielleicht etwas seltsam. Sag dem Rat, was ich dir vorhin erzählt hab. Dann sollten sie darauf achten, dass unserem Körper nicht viel passiert. Sie wissen nicht, dass ich mich schnell regeneriere. Wenn du mir dann also einen Arm brichst oder so, holt man mich vielleicht kurz raus?" Vielleicht eine bessere Alternative als der Versuch zu türmen, wenn sie zu den Waschräumen unterwegs war.

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      "I rather trust and regret than doubt and regret"
    • Der eigenen Aura so viel Spielraum zu lassen, fühlte sich seltsam befreiend an. Cain spührte eine überraschende Leichtigkeit dabei als wäre seine Aura ein physischer Teil seines Körpers, den er für Jahre unter schweren Ketten fest an sich gebunden hatte, ohne ihm jeglichen Freiraum zur Bewegung zu geben. Seine Aura glich einem verkümmerten Muskel, der viel zu selten genutzt wurde. Der Seeker, selbst wenn er bewusst die Tür in seinem Kopf geöffnet hatte, hatte seine Aura stehts gut sorgsam kontrolliert. Nun breitete sie sich frei und beinahe neugierig in der kargen Zelle aus.
      Cain spürte einen sanften Puls in seiner Aura, der nicht von seinem eigenen Bewusstsein ausging. Die einzige andere Quelle im Raum war Sylea. Der flüchtige Kontakt ihrer Auren schlug seichte Wellen, wie sie entstanden wenn ein kleiner Stein über eine stille Wasseroberfläche sprang. Der Seeker erschauderte imselben Augenblick wie die junge Rubra. Bei ihren Worten kräuselte sich ein vorsichtiges Lächeln auf seinen Lippen. Als schön hatte seine Augen bisher niemand bezeichnet. Unheimlich, befremdlich, verstörend...Er hatte sie alle schon tausende Male gehört. Cain öffnete den Mund, um etwas zu erwidern, als ein Zucken durch den Körper der jungen Frau ging.
      Wie ein gespanntes Gummiband schnappte seine Aura mit aller Kraft zurück zu ihrem Besitzer, um sich wieder wie ein blassgoldener Schimmer um seinen Körper zu legen. Er wünschte er könnte es sehen, aber dazu fehlte ihm das Training. Cain blinzelte und versuchte das schwammige Gefühl in seinem Kopf loszuwerden, damit er ihren Worten folgen konnte.
      "Ich werde dir definitiv nicht den Arm brechen. Es muss einen anderen Weg geben." sagte Cain fassungslos und wunderte sich gleichzeitig über den rauchigen Ton seiner Stimme. Allerdings würde ein vorgetäuschter Schwächeanfall auch niemanden überzeugen. Man würde Sylea nur unter drastischen Bedingungen aus der Zelle holen und an die Oberfläche lassen. Der Gedanke Jocelyn um Hilfe zu bitten, kam ihm in den Sinn. Aber konnte er wirklich jemanden in diese Sache mit hineinziehen? Allerdings war dort noch eine ganz andere Sache, die ihm unter den Nägeln brannte.
      "Bist du gar nicht wütend auf mich? Wieso vertraust du mir noch?", sprach der Seeker ruhig und sah sie dabei direkt, die Augen in ihrem Normalzustand zurück versetzt. Er hatte ernsthaft in Betracht gezogen, sich mit Anifuris zu verbünden. Scheinbar war sein Geist schwächer als er gedacht hatte. Anifuris hatte ihm einen winzigen Körper angeboten und er hatte verzweifelt angebissen.
      “We all change, when you think about it.
      We’re all different people all through our lives.
      And that’s OK, that’s good, you gotta keep moving,
      so long as you remember all the people that you used to be.”
    • Syleas nachdenklicher Gesichtsausdruck wich Erstaunen.
      "Ich war wütend auf dich weil du mich erst in diese Lage gebracht hast. Auf der anderen Seite hast du mir dein Wort gegeben, keine Lügen mehr zu erzählen. Du willst mir helfen, darüber sind wir uns einig. Dass du aber noch immer deine Schwester retten willst, kann dir doch keiner vorhalten." Diese Unterhaltung sorgte dafür, dass sie abgelenkt wurde. Langsam, aber stetig, lockerten sich ihre starren Glieder, die sie wie ein Käfig umgaben.
      Was hat er vorhin mit seiner Aura gemacht?
      Er hat sie expandiert. Ausgeweitet und auf die Suche geschickt. Als sie deine berührt hat, hast du darauf reagiert.
      Kann ich das auch?
      Natürlich. Mit meiner Hilfe siehst du sie auch im Gegensatz zu ihm.
      "Außerdem nehme ich es niemanden übel, wenn er auf die zuckersüßen Worte einer alten Seele reinfällt." Sylea lächelte etwas entschuldigend zu Cain. "Aber ich wüsste wirklich nicht, wieso man mich sonst hier rausholen sollte. Außer vielleicht, man lässt diesem... Helyon?... freie Hand. Ich weiß nicht, wer von beiden stärker ist. Aber ich würde fast wetten, dass Anifuris ihm zumindest ordentlichen Schaden zufügen könnte." Auf Kosten ihrer geistigen Gesundheit vermutlich.
      Dann blinzelte Sylea ein paar Mal verdächtig so, als hätte sie etwas im Auge. Sie löste ihre Haltung auf und hielt sich die eigene Hand vors Gesicht.
      "Oh. Hätte nicht gedacht, dass das meine Farbe ist." Leicht verdutzt ließ sie die Hand sinken und richtete ihren Blick wieder auf Cain. Dann zog sie ihre Augenbrauen zusammen, so als müsse sie sich extrem konzentrieren.
      Dank Anifuris sah sie das Silber ihrer eigenen Aura, ebenso wie das goldene Flimmern um den Seeker herum. Deswegen kam ihr also das Bild von Honig in den Sinn. Der Farbton war sehr ähnlich. Es fiel dem Vessel mittlerweile leichter, ein Gespräch zu führen und nebenbei der Stimme in ihrem Kopf zu lauschen. Diese erklärte ihr gerade Sachverhalte teilweise per Stimmte, manchmal aber auch mit Bildern. Es war seltsam. War sie Anifuris nur deswegen so negativ gegenüber eingestellt gewesen weil man es ihr so weißgemacht hatte?
      Plötzlich verlagerte sie ihr Gewicht nach vorne und befand sich auf allen Vieren. Sie näherte sich dem jungen Mann etwas an, setzte sich auf ihre Knie und streckte die rechte Hand aus.
      "Mach du das auch mal. Ich kann sie noch nicht so weit expandieren", sagte Sylea in einem Kontext, der ohne Anifuris Worte kaum Sinn ergab.
      Als Cain seine Hand ebenfalls langsam hob, vielleicht weil er zögerte aufgrund des unbekannten Ausgangs, ließ Sylea ihre nur ein paar Zentimeter vor seiner in der Luft schweben. Sie sah, wie sich Silber und Gold annäherten und schließlich berührten. Sie beide zuckten zurück, es fühlte sich seltsam intim an. Zumindest intimer als es sollte. Fasziniert musterte Sylea ihre Handinnenfläche.
      "Cool..."
      Der Austausch unter Auren ist zeitgleich wunderbar als auch gefährlich. Jemand wie ich könnte dir deine Aura mit Leichtigkeit entziehen, wenn du sie so ausstreckst. Ein Lebewesen ohne Aura stirbt. Deswegen sind jene Seelen, die Aurenmanipulation beherrschen so gefährlich.

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      "I rather trust and regret than doubt and regret"
    • Ein solches Verständnis für seine Situation hatte der Seeker wirklich nicht erwartet, aber die Erleichterung, die wie eine Welle über ihn kam, hatte etwas äußerst Tröstliches. Außer Jocelyn hörte sonst niemand zu und es tat gut, mit jemandem zu sprechen.
      Das Lächeln auf seinen Lippen wirkte dennoch ein wenig blass, als er sich in gewohnter Geste an die Einstiche an seinem Hals fasste.
      "Uns wird schon etwas einfallen und bis dahin habe ich hoffentlich das Problem gelöst, nicht bereits nach 48 Stunden im Entzug zu verrecken. Bedauerlicherweise muss ich zugeben, dass wir dafür vermutlich doch die Hilfe von Anifuris benötigen." Der Gedanke behagte ihm nicht, aber die Worte der Seele hatten durchaus Sinn gemacht. Und vielleicht hatten sie auf lange Sicht alle etwas von ihrer riskanten Unternehmung.
      Verwirrt blickte Cain auf, als Sylea scheinbar zusammenhanglos zu sprechen begann und begriff erst verzögert, dass sie mit den fremden Seele in ihrem Kopf sprach.
      Mit einer Mischung aus Neugierde und einer deutlichen Frage in den golden Augen beobachtete der Seeker, wie sich Sylea auf allen Vieren auf ihn zu bewegte. Was hatte sie vor. Direkt vor ihm stoppte die junge Frau und streckte ihm auffordernd die Handfläche entgegen. Erst ihre nächsten Worte ergaben wieder Sinn für ihn und er begriff.
      Behutsam hob er seine Hand an und spiegelte ihre Geste, in dem er die eigene Handfläche ihrer gegenüber hielt. Er konnte nicht sehen was passierte, aber er spürte wie ihre Aura zögerlich seine eigene streifte. Ein Zucken lief durch seinen Körper, ehe er scharf die Luft einsog. Die Berührung war ein wenig unbeholfener als zuvor und einen Hauch zu stark, dass er die Schwingung bis in seine Knochen spürte. Aber es hatte ebenso eine ungeahnt wärmende Wirkung auf ihn. Die Haut seiner Handfläche kribbelte unter der Annäherung.
      Mit einem Schmunzeln auf den Lippen sah er Sylea an und vergaß ihre brenzlige Lage für ein paar Sekunden, als er den Kopf schief legte und blind seine Aura ein paar Zentimeter ausdehnte und eine Erwiderung gegen ihre schickte. Als würde man seinen Gegenüber mit dem Finger anstupsen.
      "Was sagt er?", sprach Cain und schien ehrlich interessiert an dem inneren Gespräch der beiden. Er konnte an ihren Augen erkennen, dass sie sich unterhielten.
      “We all change, when you think about it.
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    • "Mh, eigentlich nichts Neues?", antwortete Sylea mit fraglichem Unterton. Hin und wieder drifteten ihre Pupillen weg, so als würde sie kurz über etwas nachdenken. Ein deutliches Zeichen, dass sie sich mit Anifuris unterhielt. Abermals zuckte ihr Körper unter Einwirkung der fremden Aura.
      "Lebewesen ohne Auren sterben. Das wussten wir. Er zählt sich selbst anscheinend zu denen, die Auren manipulieren und scheinbar entziehen können. Das einen wiederum tötet. Also nichts, was wir uns nicht bereits dachten."
      Du verschweigst ihm einen anderen Punkt.
      Sylea runzelte die Stirn. "Und er scheint auf etwas anderes hinauszuwollen. Ich kann fühlen, dass er es uns erklären wollen würde aber sich davor sträubt, es zu zeigen. Warte mal. Seit wann sträubt er sich, die Kontrolle zu übernehmen und macht es nicht einfach?"
      Eine Mischung aus Irritation und Sorge überkam die junge Rubra. Das war so ziemlich der mit Abstand gefährlichste Moment für sie. Sie hatte es als selbstverständlich wahrgenommen, dass er einfach die Kontrolle forderte, wenn ihm danach war. Dieses Zögern, das seitens der alten Seele bestand, war neu.
      Ein paar Sekunden schwieg Sylea, die Irritation hatte sich nur verfestigt, als sie wieder das Wort hob: "Er sagt, wenn er sie gewaltsam zu sich reißt, hat es nicht dieselbe Wirkung. Mehr erklärt er nicht, er - Hey, komm zurück!" Sie rief Anifuris hinterher, der sich eigenmächtig von ihrem Geist abgekapselt hatte und scheinbar wirklich kein Wort mehr darüber verlieren wollte. "Scheint ein altes Verfahren zu sein...", murmelte Sylea gedankenverloren. Mit Anifuris' Verschwinden lösten sich auch ihre bunten Aurenfarben buchstäblich in Luft auf.
      Ein tiefes Seufzen kam von dem Vessel während sie sich einmal kurz das Gesicht rieb.
      "Ich bin hier unten ja etwas limitiert. Macht es Sinn hier zu überlegen, wie wir vorgehen oder meinst du, du hast draußen einen besseren Einfall?"
      Sie richtete ihren Blick wieder auf Cain und stellte fest, dass sie fast schon vergessen hatte, wie schlecht es um sie stand. Vielleicht sollte sie einfach mehr im Jetzt leben, solange es noch ging.

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      "I rather trust and regret than doubt and regret"
    • "Vielleicht benötigt Anifuris eine gewisse Einwillung von seinem Gegenüber. Keine Ahnung, ob das Sinn macht."
      Beiläufig zuckte Cain mit den Schultern und seine Stirn legte sich nachdenklich in tiefe Falten. Ab diesem Punkt auch er nur noch spekulieren. Jedenfalls hatte Anifuris ihn bereits fühlen lassen, wie es war, wenn die eigene Aura durch eine fremde Macht manipuliert wurde. Und dem besagten Augenblick war er nicht gerade im Verteidigungsmodus gewesen. Er hatte sich Anifuris sogar freiwillig genähert.
      Aber dieser Gedanke brachte sie gerade nicht weiter. Der Seeker war sich nicht sicher, ob er im Ernstfall die junge Frau vor sich wirklich eine so schwere Verletzung zufügen konnte, dass ihren Bewachern keine andere Wahl blieb als sie auf die Krankenstation zu bringen. Helyon erschien ihm ebenfalls als schlechte Wahl. Wenn die beiden Entitäten aufeinander trafen, konnte niemand sagen, was am Ende noch von Sylea übrig blieb.
      "Es gibt da jemanden, der uns eventuell helfen kann, dich hier heraus zu bekommen. Aber ich weiß nicht, ob es wirklich fair ist, noch jemanden in dieses Chaos mit hineinzuziehen." Grübelnd legte er die Hände in den Schoß. Er würde sich etwas einfallen lassen müssen.
      Erst da fiel Cain auf, dass die junge Rubra ihn mit einem undeutbaren Blick ansah. Ein Schatten huschte über ihr Gesicht während sie scheinbar angestrengt einen Gedanken verfolgte. Der Seeker stützte die Ellbogen auf seinen Knien ab und lehnte sich leicht nach vorn.
      "Stimmt etwas nicht? Sylea?", fragte Cain mit Neugierde aber auch Besorgnis in der Stimme. Der Tag war für beide bisher keine leichte Nummer gewesen. Es gab vielen worüber sie nachdenken musste und so viele neue Gefahren, die sie umschiffen mussten.
      “We all change, when you think about it.
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    • Zu Cains Nachteil konnte er keine Gedanken mitanhören. So bekam er auch nichts von der Auseinandersetzung mit, die sich Sylea gerade mit Anifuris lieferte. Erste Anzeichen waren die blauen Streifen, die sich verdächtig durch Syleas Silberstreif zu graben begannen. Die war dabei zu dissoziieren.
      "Er... findet unsere Grundidee... nicht schlecht", presste sie zwischen den Lippen hervor, die sich nur noch als schmale Linien in ihrem Gesicht abzeichneten. Ihr Blick war unfokussiert - offensichtlich waren gerade beide Bewusstseine präsent. Wenn auch nicht unbedingt freiwillig. Als sich ihr Blick schärfte, hatte Nachtblau ein großes Stück Silber geschluckt. Ihre Augen verengten sich minimal.
      "Aurenmanipulatoren benötigen keine Einwilligung um zu tun, was sie wollen."
      Die Worte waren hart, schnitten förmlich durch die Luft in der kleinen Zelle. Noch immer schlug das Silber Wellen, kämpfte sich durch das Nachtblaue Meer, nur um immer und immer wieder von Wellen in die Schranken gewiesen zu werden. Allerdings war ihr Streif um ihren Körper dicker als die letzten Male, als sie die Kontrolle verloren hatte.
      Die Atmosphäre in der Zelle schlug von einem Moment auf den andren um. Anifuris Aura strahlte dieselbe Bosheit aus wie beim ersten Mal im Transporter, als er den armen Hunter in den Wahnsinn getrieben hatte. Genau das lag nun auch in Syleas, oder eher Anifuris Augen. Kaum hatte sein Satz geendet langte er in Cains Richtung. Er wusste ganz genau, dass der Überraschungsmoment der Einzige war, in dem er dem Seeker nah genug kommen konnte. Er packte ihn an einem Handgelenk und riss daran. Da der Körper des Mädchens deutlich leichter war, zog er sich an den jungen Mann heran statt andersherum. Für den Bruchtteil einer Sekunde sah es so aus, als wollte er die Umarmung von vorhin wiederholen. Wäre da nicht die schiere Mordlust in seinen Augen gewesen. Er gab Cains Handgelenk frei und presste seine Hand auf die Brust seines Gegenübers.
      "Wir brauchen keine Zustimmung, um das zu tun", grollte er, ein Geräusch, das die zarte Kehle gar nicht hätte erzeugen dürfen.
      Anifuris war nun nah genug dran, er hatte den Körperkontakt, den er brauchte um seine volle Wirkung entfalten zu können. Sein Nachtblau schlug in windeseile auf das Berstein über, legte sich wie ein Schatten darüber und schien sich an sie zu heften. Als er seine Aura zurückholte, riss er fast Cains komplette Aura mit sich. Anifuris Blick bohrte sich in Cains Augen, und da blizte Sylea für einen Moment durch: Ohne Aura stirbst du! Tu was! Blanke Panik flimmerte in den braungrauen Augen auf, die sich der uralten Mordlust geschlagen geben musste.
      "Du wirst fahrlässig, kleiner Seeker", hauchte er beinahe verführerisch in Cains Gesicht.

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      "I rather trust and regret than doubt and regret"
    • Beunruhigt beobachtete Cain die Veränderungen im Gesicht der jungen Rubra. Der Fluchtinstinkt seines Verstandes schrillte in einem ohrenbetäubenden Ton und doch bevor er reagieren konnte, durchschnitt die Stimme Syleas den Raum. Nur klang es gar nicht nach ihr, denn in den Worten schwang ein kalter Widerhall mit. Anifuris hatte sich aus seinen Ketten befreit und zurück an die Oberfläche gekämpft. Zu spät erkannte der Seeker die Gefahr, die sich gerade vor ihm manifestierte.
      Mit einem erstaunlichen kraftvollen Griff hatte das Wesen sein Handgelenk und riss daran. Wäre nicht die Hand auf seiner Brust gewesen, wäre der zierliche Körper direkt gegen ihn geprallt. Die Wucht brachte ihn aus dem Gleichgewicht und die Welt vor Cains Augen kippte. Hart schlug sein Rücken auf dem kalten Betonboden auf, ebenso wie ein Hinterkopf mit einem dumpfen Aufprall.
      Reflexartig griff Cain nach dem Handgelenk der Hand, die sich gegen das rasende Herz drückte. Wie ein Schraubstock umschlangen seine Finger das Handgelenk, während er mit glühenden, goldenen Augen in das verzerrte Gesicht ausah. Der Schock stand ihm förmlich ins Gesicht geschrieben. Und der Vorwurf in seinen Ohren war so wahr, dass er sich nicht dagegen wehren konnte. Er wurde nachlässig und vor allem leichtsinnig.
      Ein Ruck ging durch seinen Körper, als eine fremde Macht nach seiner Aura griff. Er konnte es nicht sehen aber spüren, als würde eine gewaltige Kraft an einem Teil von ihm reißen. Der Schmerz des Zuges war so stark, das für den Bruchteil einer Sekunde weiße Blitze vor seinen Augen zuckten. Ein Keuchen entfloh seiner Kehle und fast sah es so aus, als würde Cain sich seinem Schicksal ergeben. Er hatte mental nichts gegen Anifuris in der Hand. Zumindest nicht das er wüsste. Dafür war sein Wissen zu spärlich.
      Aber was er hatte war der Vorteil an körperlicher Kraft. Anifuris hatte den Überraschungsmoment auf seiner Seite gehabt, aber der Kraftunterschied ihrer Körper war dennoch auf seiner Seite. Syleas Gestalt war immer noch leichter und zierlicher als sein Eigene.
      Der flehende Blick, der kurzzeitig durch die braunen Augen zu ihm hinab blitzte, wirkte sie an Katalysator.
      Cain begann sich unter Anifuris zu regen, als der Überlebenswille einsetzte. Er musste sich befreien und Abstand gewinnen.
      "Sorry..." würgte er gequält hervor und riss das Knie nach oben, um es mit voller Wucht in Slyeas Magengrube zu rammen. Gleichzeitig mit der Bewegung hob er den Oberkörper vom Boden ab, um den schlanken Körper von seinem zu werfen.
      “We all change, when you think about it.
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    • Ein Grinsen erschien auf Anifuris Lippen kurz bevor Cains Knie sich in seine Magengrube grub. Es war so flüchtig gewesen, dass es genauso gut eine optische Täuschung gewesen sein mochte. Er flog regelrecht von dem Seeker herunter und krümmte sich auf dem Boden. Ein trockenes Husten erfüllte den Raum, doch da schoss sein Kopf bereits wieder in die Höhe. Ruckartig zog er seine Beine unter seinen Torso und richtete sich in einer Hocke auf. Er kauerte fast schon wie ein Tier auf dem Sandsteinboden, die Hände als Stütze zu den Seiten auf dem Boden aufgestellt. Noch immer brannten seine Augen. Es war noch nicht genug.
      Im Inneren schrie Sylea Anifuris an, nicht das zu tun, was er nun vorhatte. Sie riss an ihrer gemeinsamen Kontrolle über den Körper, was in einem abstrusen und unwirklichen Zucken des zierlichen Körpes resultierte.
      "Denkst du, Abstand reicht?", blaffte er Cain an und streckte seine Aura wieder nach ihm aus.
      Dieses Mal suchte er nach einer bestimmten Farbe. Tief unter der Anspannung und dem Schock vergraben lag sie, die Farbe, so mächtig wie jene der Liebe: Angst.
      Anifuris isolierte Cains Angst, ließ sie wachsen, bis sie fast das komplette Gold seiner Aura vereinnahmte. Entgegen jeglicher Annahme konnte er keine bestimmten Bilder in dem Geist seiner Opfer erzeugen. Er verstärkte nur das, was lediglich schon da war. Als würde man etwas von klein auf vergiften. Folglich wusste Anifuris nicht, welche Horrorszenarien sich in dem Kopf des Seekers nun abspielen mochte. Ob es seine Schwester war, die auf grausamste Art dahingerafft wurde. Ob es etwas mit Sylea zu tun hatte. Ein Entzug vielleicht.
      Es war so stark, dass es einem die Luft abschnüren konnte. Die Farbe der Angst umgab Cain vollständig, das war es gewesen, was den Hunter im Wagen dazu getrieben hatte, sich selbst zu richten. Der Hunter war schwach, wie stand es um den Seeker?
      Die allmächtige Vorstellungskraft schien zumindest ihre Wirkung bei ihm nicht zu verfehlen. Seine Körperhaltung wurde schwammig, zeigte Lücken. Lücken, die Anifuris nutzte um den Abstand zwischen sich wieder zu überbrücken. Abermals stürzte er sich auf Cain mit allem, was der dürre Körper hergab. Wieder schlug der junge Mann mit dem Rücken auf dem Boden auf, dieses Mal saß Anifuris aber breitbeinig auf seiner Hüfte. Blitzschnell hatten sich seine kalten Finger um Cains Kehle geschlungen. In Anifuris Augen stand nun allerdings nur Leere - als würde er nicht denken.
      Sylea hielt ihn davon ab, seinen Griff zu verstärken. Ihre eigene Angst untergrub das Nachtblau, auch wenn sie wusste, warum Anifuris dies gerade tat. Sie konnte den Anblick nicht ertragen. Nicht heute, nicht er.

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      "I rather trust and regret than doubt and regret"
    • Der unsagbare Druck auf seinem Brustkorb ließ für einen kurzen Augenblick nach. Gierig schnappte Cain nach Atem und rollte sich auf die Seite, nur um sich mühevoll auf Hände und Knie aufzustemmen. Die ruckartige Bewegung sorgte dafür, dass Sterne vor seinen Augen tanzten während sein Kreislauf versuchte irgendwie mit plötzlichen Angriff zurechtzukommen.
      Grauenhaft und unwirklich muteten die Zuckungen an, die den zierlichen Körper fest im Griff hatten. Der Seeker konnte den Blick nicht von dem schrecklichen Bild abwenden, als würden zwei unsichtbare Parteien an den Gliedmaßen zerren. Wo Anifuris bei ihrem vorherigen Gespräch nur zivilisiert gewirkt hatte, blickte er jetzt direkt in die Augen einer gefährlichen Bestie. Cain kam nicht einmal dazu, seine eigene Nachlässigkeit zu bedauern. Wenn er hier und heute starb, hatte er es aufgrund seiner mangelnden Wahsamkeit sicherlich verdient. Aber so leicht würde er es Anifuris nicht machen.
      Cain war kaum auf die Knie gekommenund richtete den Oberkörper auf, da drangen die drohenden Worte an seine Ohren. Was dann geschah, würde er später nur schwerlich in geordnete Silben fassen können. Etwas Fremdes zerrte an seinem Inneren und für einen winzigen Moment glaubte der Seeker, das sein Schäde zu zerspringen drohte. Das Glühen in seinen Augen flackerte noch einmal protestierend auf, brannte geradezu und erlosch dann völlig.
      Eine Flut aus Bildern, vielleicht auch Erinnerungen, prasselte auf ihn nieder wie der eiskalte Regen eines Gewittersturms. Und sie zogen und zerrten an seinem Geist. Die Stimme von Cordelia ertönte mit einem spitzen, panischen Schrei in seinem Kopf, als würde sie Höllenqualen leiden. Tatsächlich sah er, als er den Kopf hob, wie ihr kindlicher Leib in Flammen stand und von der Hitze quälend verzehrt wurde. Sie schrie um Hilfe, doch als Cain die Hand ausstreckte, erkannte er schwere Eisenketten, die seinen Körper wie gelähmt am Boden hielten. Das Bitten und Betteln war fast zu viel für seinen Verstand. Doch etwas passte nicht. Es konnte nicht echt sein. Cordelia müsste wesentlich älter sein zu diesem Zeitpunkt. Cain blinzelte und gerade, als er den vertrauten Betonboden unter seinen Handflächen erkannte, stürtzte sich der zierliche Körper des Mädchen wieder auf ihn wie ein wildes Tier.
      Als Cains Kopf erneut auf dem Boden aufschlug, verschwamm wieder das Bild vor seinen Augen. Panik erfüllte seinen ganzen Körper, als er sich in einem leeren Raum wiederfand, die Wände klinisch weiß und steril, bis auf das leuchtende, rote Blut über dem weißen Fließenboden. Leere braungraue Augen starrten zu ihm auf. Slyea zerfetzt und in Stücke gerissen, um das Monster aus ihrem Körper zu locken.
      Du hast es mir versprochen... Totenbleiche Lippen bewegten sich abstrakt und verzogen sich zu einem abartigen Grinsen.
      Nein, er hätte das nie zugelassen. Das hier war nicht echt. Nicht die Wirklichkeit.
      Der Seeker schlug die Augen auf und blickte in das verzerrte Gesicht Syleas, die Augen leer und ausdruckslos. Fast glaubte er sich in einer neuen Horrorvorstellung zufinden, ehe sein Gehirn wieder zu arbeiten begann.
      Eine Hand lag in eindeutiger Weise um seine Hals und das federleichte Gewicht Syleas drückte auf seine Hüften.
      "Sylea..." krächzte er und war sich hundertprozentig sicher, dass die Seele des Mädchen, der einzige Grund war, warum noch nich tot war. Der Leib über ihm war regungslos und Cain begriff, dass das hier seine letzte Chance war. Sein ganzer Körper schmerzte und brannte. Zittrige Finger schoben sie zwischen ihre Körper und Mann am Boden berührte beinahe zärtlich ihre Wange.
      "Es ist nicht deine Schuld...", presste er zwischen den Zähnen hervor. "Und es tut mir leid. Es tut mir wirklich leid." Cain nutzt die Starre des Mädchen und stieß sich mit aller Kraft vom Boden ab. In einem Gewirr aus Armen und Beinen brachte Sylea zu Boden, ein Knie in ihren unten Rücken gedrückt und eine Hand zwischen ihren Schulterblättern. Es war zwar kein gebrochener Arm, er wusste aus eigener Erfahrung wie sehr eine ausgekugelte Schulter schmerzte und zur Not konnte er sie selbst wieder richten. Mit der freien hand griff er nach ihrem linken Arm.
      "Tut mir leid," murmelte er erneut mit Schweißperlen auf der Stirn. Er war leichenblass. Dann zog er ihren linken Arm mit einem kraftvollen Ruck zurück bis ein ekelerregendes Knirschen erklang und das Schultergelenk aus der Gelenkpfanne sprang.
      “We all change, when you think about it.
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    • Wie erwartet reagierte der Seeker unter Anifuris genau so, dass sich die Welt um sie beide drehte. Seine schiere Körperkraft hob den Körper des Mädchens verdächtig leicht von sich. Die Mischung aus Adrenalin, Angst und Reue verlieh ihm neue Kräfte, die die alte Seele im Körper der Rubra wie den Rauch eines wunderbaren Räucherstäbchens in sich aufsog. Er nahm dafür in Kauf, dass anschließend er mit dem Bauch auf dem Boden lag, ein Knie in seinem unteren Rücken und den linken Arm ausmanövriert.
      Cain konnte es zwar nicht sehen, aber Anifuris lächelte. Eine handgreifliche Auseinandersetzung hatte er seit Jahrhunderten nicht mehr gehabt. Zu schade, dass er nun in einem weichlichen Mädchenlaib steckte. Wobei... es gab ja noch so viele weitere Möglichkeiten, die das Schicksal ihm durch Zufall auf dem Silbertablett serviert hatte.
      In ihrem Geist stand Anifuris allein vor den Fenstern, die ihre geteilten Augen waren. Ein Stück hinter ihm stand Sylea, frei und ungebunden. Die Anspannung stand ihr ins Gesicht geschrieben während sie zuließ, dass das alte Bewusstsein vollkommene Handlungsfreiheit hatte. Allerdings verunsicherte sie Anifuris Blick, den er ihr über seine Schulter zuwarf, zutiefst.
      Das wird dir nicht gefallen. Tu mir den Gefallen und beiß dir auf die Zunge. Ich hasse das hohe Kreischen von Mädchen.
      Sekunden später verstand Sylea, was er damit meinte. Als Cain ihr die Schulter auskugelte, spürten beide Seelen im gleichen Körper den gleichen Schmerz. Anifuris schien kaum davon betroffen, das tiefe, schmerzerfüllte Stöhnen, das plötzlich die Stille in der Zelle auseinanderriss, stammte einzig und allein von Syleas Anteil an ihrem Körper. Anifuris, noch immer in Kontrolle, atemte schwer und stoßweise, als er den Kopf auf dem Boden drehte, damit er aus dem Augenwinkel einen Blick auf Cain erhaschen konnte. Seine Augen widersprachen den geplagten Atemstößen in abstruser Art und Weise. In diesem Augenblick konnte man beide Bewusstseine in einem einzigen Körper sehen.
      "Das reicht nicht", knurrte Anifuris in einer Mischung aus Hohn und Schmerz in der Stimme. Er spuckte nach seinen Worten aus - rosa gefärbter Speichel verteilte sich auf dem Boden. Als er zu grinsen begann und seine nicht fixierte rechte Hand zu seinem Gesicht zog, schwante allen nichts Gutes.
      Sylea war auf die Knie gesackt und hielt sich die Schulter, die in ihrem Geist völlig unberührt war. Ächzend hob sie den Blick, Anifuris strömte eine Aura aus, die sich nie kannte. Lediglich sachte Berührungen, tief in ihren Erinnerungen, sagten ihr, dass er etwas plante. Etwas anstellen würde, was bahnbrechend sein könnte.
      Mit zittriger Hand erreichte sein Zeigefinger seinen Mundwinkel. Wie befohlen hatte sich Sylea auf die Zunge gebissen, und das sogar in der Realität. Das Blut glitzerte auf seinen Fingerspitzen, dunkelrot wie ein unheilvoller Rubin. "Halbherzige Versuche werden dich nicht retten. Eigentlich auch egal", sagte er, blind zog er mit seinem Finger eine Linie auf seiner Wange. Seine Augen waren geweitet, ob eine Spur Wahnsinn darin lag, stand außer Frage. "Vielleicht sollte ich mich erbarmen und dich hier erlösen. Dann siehst du deine Schwester wenigstens wieder."
      Eine weitere Linie wurde vervollständigt.
      "Der kleine Feuerteufel steckt noch in ihrem Körper. Aber als ich dein Blut genutzt habe, fühlte ich nur noch ihren Geist."
      Die nächste Linie war fertig.
      "Scintilla hat den Körper der Schwester so ausgebrannt wie die Stadt, die du gesehen hast. Aber wenn ich dir das gesagt hätte, wärst du nie auf den Deal eingegangen."
      Die Rune war vervollständigt. Mit Schrecken in den Augen spürte Sylea die Wirkung in sich selbst. Von jetzt auf gleich spürte sie, wie sie alle Kräfte in ihren Gliedern verlor. Säße sie nicht bereits auf dem Boden ihres gedanklichen Reiches, dann wäre sie jetzt zusammengebrochen.
      In der Realität erschlaffte ihr gemeinsamer Körper. Es war, als hätte man einer Marionette die Fäden durchgeschnitten. Doch noch immer grinste Anifuris, denn er sah an Cains Aura, dass die Rune wirkte. Er hatte eine Blutrune genutzt, die ihm die Möglichkeit verschaffte, bestimmte Aspekte seines Zieles zu Versiegeln. Er musste nur im Tausch etwas von sich selbst dafür opfern. Diese Rune war endlich, er selbst als Wirker konnte ihre Wirkung lösen. Wissentlich tauschte er seine Motorik ein, die er jetzt sowieso nicht brauchte. Er hatte den Seeker gereizt, ihn versucht bis aufs Blut dahin zu bekommen, dass er an der Kante der Schlucht stand und etwas tat, das er gar nicht wollte.
      Anifuris hatte seine Motorik gegeben, um eine Emotion des Seekers zu bannen: Sein Mitleid samt Mitgefühl für die junge Rubra.

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      "I rather trust and regret than doubt and regret"
    • Warum lächelte Anifuris? Selbst der gleißende Schmerz, den er verspüren musste, sorgte nicht dafür, dass dieses unheimliche Lächeln von seinen Lippen verschwand. Cain atmete schwer und spürte immernoch, wie der Rhythmus seines Herzens in einem unregelmäßigen Takt in seiner Brust schlug. Das Zerren und Reißen an seiner Aura zeigte deutliche physische Auswirkungen. Der Atem ging flach, er schwitzte vor Anstrengung und seine Muskeln fühlten sich schwer an wie Blei.
      Der Schmerzenslaut war für seine Ohren die reinste Folter, auch wenn er deutlich in den graubraunen Augen das boshafte Wesen erkennen konnte. Es war ein abstrakter und undwirklicher Anblick die zweigespaltene Persönlichkeit gleichzeitig wahrzunehmen. Den die gequälten Laute klangen bedauerlicherweise eindeutig nach Sylwa. Anifuris sah ihn direkt durch die Seelenspiegel des gestohlenen Körper an und schien noch lange nicht mit ihm fertig zu sein.
      "Reicht nicht für was?", zischte der Seeker. "Was willst du damit bezwecken?"
      In seinen Augen wechselten sich Verwirrung, Ratlosigkeit und eine unterschwellige Wut auf Anfuris stetig ab. Er begriff einfach nicht, was die fremde Seele mit diesem Anrgiff auf ihn bezweckte. Für was sollte das gut sein? Obwohl Cain sich auf die Rune konzentrieren sollte, die Anifuris gemächlich mit dem eigenen Blut schrieb, richtete sich alle Aufmerksamkeit auf die grausigen Worte, die ihm entgegen geschleudert wurden. Die Kontrolle in seinen Augen begann zu bröckeln, während er unbewusst den ausgekugelten Arm fester packte, als überlege er ihr die Gliedmaße noch weiter zu verdrehen.
      "Du bluffst...", knurrte der Seeker und es war dennoch ersichtlich, dass er selbst an dieser Feststellung zweifelte. Hatte er sich tatsächlich so leicht manipulieren lassen? Für Anifuris war er nicht mehr als ein Spielzeug, dass er ganz nach seinem Willen verborg und Cain spielte mit. Aus seiner Kehle löste sich ein rauen Grollen, dass verdächtige Ähnlichkeit mit einem zornigen Knurren hatten. Unter ihm erschlaffte der Körper der jungen Rubra, als wäre sämtliche Spannung aus allen Muskeln verschwunden. Sie wirkte beinahe leblos, wenn da dieses grausame Grinsen nicht gewesen wäre.
      Anstatt nun von Sylea abzulassen, passierte etwas gänzlich anderes. Ein Schatten huschte über Cains Gesicht, ehe sein Gesicht sich vor Zorn verzerrte. Jegliche Gelassenheit und Kontrolle schien aus ihm herauszufließen und er blickte ohne jegliches Mitleid auf das Mädchen hinab. Es war ein einziger brennender Gedanke in seinem Kopf: Er wollte Anifuris wehtun. Für die Lügen, die Manipulation.
      "Sei still. Nichts als dreckige Lügen...", grollte er und ließ den ausgekugelten Arm, achtlos fallen ehe er seine Finger in dem braunen Haar vergrub und den Kopf so stark in den Nacken riss, dass es schmerzen musste.
      "Halt. Dein. Maul." Mit einem kräftigen Rück ließ er ihren Kopf mit der Stirn voran auf den Betonboden zurückschnellen.
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