[2er RPG] The Lesser Evil [Winterhauch & NicolasDarkwood]

    Aufgrund einer größeren Serverwartung kann es aktuell zu vereinzelten Fehlern kommen. Meldet diese gerne unter: https://www.anime-rpg-city.de/index.php?board/7-fragen-ideen-und-probleme/

    • Lange war es her, dass Andvari die Nähe dieser Frau genießen konnte. Es glich einem Verbrechen sie aus ihrem Schlaf zu wecken und die herrliche Ruhe zu brechen, die es mit sich brachte. Doch irgendwann - und es war eine grausame Vorstellung - brach jeder Traum und Realitäten stürzten über die Träumenden herein wie zusammenfallende Schlösser.
      Seine rechte Hand hatte sich auf das übergeworfene Bein gelegt und auch dort die Wärme regelrecht aufgesogen die dieser lebendige, zierliche Körper ausstrahlte. Selbst die kalte Nase hatte ihm nichts ausgemacht.
      Als Viola erwachte und einem Gefühlsausbruch nahe rückte, wirkte sie dennoch lebendiger als je zuvor. Seinem Grinsen tat es keinen Abbruch, dass sie ihn ansah, als wäre ein Geist auferstanden und würde wieder unter den Lebenden wandeln. Trotz seiner Heilung wie es schien, fühlte sich Andvari steif und schwerfällig. Als würde sein Körper ihm den Dienst noch eine Weile verweigern, auch wenn er das nicht glauben mochte.
      Immerhin...Ihr Lächeln war noch da. Schwach, aber zugegen. Und so wunderschön wie das letzte Mal, als sie gemeinsam in diesem Zimmer in Beleriand verweilten. Es schien Jahre her zu sein, fand der Elf und versuchte gar nicht erst, seine Position zu verändern. Mit einem Mal huschtre die Stirn der Frau an seine und ihre Augen fraßen sich regelrecht in seine. Eine zarte Hand glitt an seiner Schläfe hinab. Wenn er nicht so schwach und seine Arme schwer wie Blei gewesen wäre, hätte er es erwidert. So ließ er es geschehen und lächelte.
      "Hey", wisperte er mit rauer Stimme zurück.
      Das Schreien auf dem Schlachtfeld hatte offenbar Spuren hinterlassen.
      "Wo...Wo bin ich?"
      Wenn du hier bist, dachte er. Dann konnte es nur eine Menschenstadt sein,. SIe war am Leben. Das war alles was zählte.
      "Hab...Hab gefürchtet, dass sie dich erwischt hätten. Ich wusste nicht..."
      ICh war nicht sicher, ob du lebst...
      "Ich hab dich vermisst", sagte er leise und endlich ließ sich seine Hand zu ihrem Gesicht bewegen. Sachte legte er seine Hand auf ihre Wange.

      The more that I reach out for heaven
      The more you drag me to hell
    • Geflüsterte Worte und ein erschöpftes Lächeln, mehr brauchte es nicht.
      Viola lauschte der vertrauten Stimme, die sie seit Ewigkeiten vermisst hatte, und hörte geduldig den schleppenden Silben zu. Zwischen den Zeilen blieben Sorgen unausgesprochen, aber die junge Frau spürte seine Erleichterung. Es musste das gleiche Gewicht sein, dass auch von ihren Schultern abgefallen war. Die Ungewissheit hatte sie eine lange Zeit geplagt.
      "Ich habe dich auch vermisst. Jede einzelne Stunde nach meinem Erwachen.", flüsterte sie.
      Seufzend schmiegte Viola die Wange in die kühle und schwielige Hand, an der trotz aller Bemühungen noch ein kaum merklicher Hauch getrockneten Blutes haftete. Ein liebevoller Kuss drückte sich in seine Handfläche und die Heilerin hob leicht den Kopf.
      "Du bist in Bourgone, In der Abtei, in der ich heilte nach dem Angriff auf mein Dorf", murmelte sie und fuhr augenblicklich fort, um die Beunruhigung im Keim zu ersticken. "Es ist sicher, für den Moment. Die heilkundigen Ordensbrüder, die mich die Heilkunst lehrten, kümmern sich um unsere Freunde und die Verletzen. Sie tun, was sie können. Lucien und Pompidou, ein verbündetes Ratsmitglied, haben den Adel und den regierenden Rat ordentlich aufgemischt."
      Viola richtete sich auf, obwohl es ihr beinahe physische Schmerzen bereitete sich von Andvari zu lösen. Mitfühlend blickte die Heilerin hinab und erkannte das Echo einer altvertrauten Angst. Die dieselbe Sorge hatte auch Viola gequält.
      "Sie haben mich erwischt", erklärte sie. "Vaeril, er war dort. Er hat mich gefunden und es zur Kapelle geschafft, bevor ich den Schild vollständig schließen konnte. Hast du...?"
      Hast du ihn gesehen und weißt zu welcher Grausamkeit ich fähig bin?
      Vorsichtig drehte Viola den Körper ein Stück weiter von Andvari weg und zerrte das zweckmäßige Hemd aus dem Bund ihres Rockes. Mit einem kurzen Nicken lenkte sie seinen Blick zwischen ihre aneinander geschmiegten Leiber und entblößte die bleiche Haut ihre Bauches. Eine wulstige, dunkle Brandnarbe geformt wie eine Hand mit gespreizten Fingern prangte auf der Haut. Die Stellen, an denen die schattenartigen Klauen sie durchbohrt hatten, waren unter dem verbrannten Gewebe kaum noch zu erkennen.
      "Lhoris hat mir das Leben gerettet. Ohne seine Hilfe wäre ich verblutet.", murmelte sie. "Danach ist alles dunkel und meine Erinnerungen sind bruchstückhaft. Ich war nicht oft bei Bewusstsein, nachdem Vaeril mich mit seinen Schatten vergiftete. Ich erkläre es dir später, wenn du zu Kräften gekommen bist. Es gibt so Vieles, dass ich dir sagen muss."
      Für den Augenblick wollte sie das Gefühl ihn endlich wieder an ihrer Seite zu wissen so lange wie möglich auskosten bevor sie ihm beichtete, was sie in der Bibliothek zu Tage gefördert hatte. Die unterschwellige Furcht, die Erkenntnis über die Verbindung ihrer Familienzweige, könnte sie entzweien, war allgegenwärtig.
      “We all change, when you think about it.
      We’re all different people all through our lives.
      And that’s OK, that’s good, you gotta keep moving,
      so long as you remember all the people that you used to be.”
    • Es war schön, die sanften Berührungen der Heilerin nicht mehr missen zu müssen. Gerne hätte er mehr Zeit gehabt, mehr Ruhe. Andvari fühlte die Schwere seines Körpers beiernd auf ihm lasten und atmete tief ein und aus, ehe er sie anlächelte und sich der Ereignisse ins Gedächtnis rief.
      Sachte drehte der Elf seinen Kopf und zuckte kurz zusammen. Sein Nacken und Rücken schmerzte von den Aufprallen vom Drachenkörper. Schwach kam die Erinnerung an einen schwarz geschuppten Drachen zurück, der sich brüllend auf ihn geworfen hatte. Dem Feuer war er ausgewichen aber der Kralle..Sie hatte ihn voll erwischt und zurück geschleudert.
      "Bourgogne also...", murmelte Andvari grinsend und schüttelte den Kopf. "Wer hätte gedacht, dass ich mal in einer Menschenstadt in einem Bett liegen würde, ohne dass man mich festkettet.
      Ja, er hatte Vaeril gesehen. Nach seinem Tod. Bitterlich ertrunken durch Wasser an einem trockenen Ort, an dem es kein Nass geben sollte. Und auch wenn die Ansicht, dass eine Heilerin derartige Grausamkeit an den Tag legte, ihn erschrecken sollte, so tat es das nicht. Sie alle hatten Dinge in diesen Kriegen Dinge getan, auf die sie nicht stolz waren. Es gab nichts zu entschuldigen in Zeiten der unendlichen Grausamkeit.
      "Ich sah Vaeril", bestätigte er ihr dennoch und nickte leicht. "Er hat erhalten, was er verdient hat.."
      Dennoch verstummte der Elf kurz als die junge Heilerin ihren Bauch - den wunderbar weichen - vor ihm entblößte. Die wulstige Narbe glich tatsächlich einer Hand und hatte sich tief eingebrannt. Etwas ging von dieser Wunde aus, das er nicht recht greifen konnte, aber wie ein Flüstern in der Stille war es da. Seufzend sah Andvari hinab und erlaubte sich den Gedanken, dass sie selbst in diesen Lumpen und Gebrauchsklamotten beinahe unwiderstehlich für ihn aussah. Wie ein lange vermisstes Bild von etwas, das einem lieb und teuer war. Ein Zuhause, dass er fürchtete verloren zu haben.
      Schweigsam glitt seine Hand unter der Decke hervor und berührte zart die empfindliche raue Haut der Narbe, ehe er sie vollends auf ihren Bauch legte und die Narbe größtenteils abdeckte. Sylvar hätte ihr helfen können. Doch er...Er konnte nicht heilen oder regenerieren. Er konnte nur bedauern.
      "Ich werde Lhoris erneut danken müssen", flüsterte er. "Du hast grausiges durchgestanden, mein Licht. Und ich würde mich freuen dir bei allem zuzuhören. Aber...Aber was meinst du mit vergiftet mit Schatten?"

      The more that I reach out for heaven
      The more you drag me to hell
    • "Vielleicht. Nein, er hat es gewiss verdient. Aber ich habe die Kontrolle verloren und das macht mir Angst.", gestand Viola.
      Die Zerstörungskraft, die ihrer Magie inne wohnte, war beunruhigend und verstörend. Die Lehrmeister des Ordens hatten die Heilerin stets für ihre Besonnenheit und Ruhe gelobt. Die Angst und der Schmerz hatten ein Ergebnis zu Tage gefördert, das Viola erschreckte. Wer wusste schon, welchen Knoten dieses Ereignis in Beleriand gelöst hatte. Vielleicht lag in der Verschwörung des Elfenkönigs gegenüber den Töchtern der Meriel ein Körnchen Wahrheit. Vielleicht waren sie gefährlicher gewesen, als es den Anschein hatte. Nachdenklich kaute Viola auf ihrer Unterlippe, bis sie rötlich schimmerte.
      Sanft bedeckte sie Andvaris Hand über ihrem Bauch mit der Eigenen. Die Berührung linderte den allgegenwärtigen Schmerz, den sie kaum noch wahrnahm. Sie hatte daran gedacht, die wulstige Narbe zu mildern. Letztendlich akzeptierte Viola sie als eine Erinnerung. Ein Mahnmal um nicht zu vergessen, was sie getan hatte. Kaltblütig ein Leben zu nehmen und im Anschluss die höchstpersönlichen Grenzen eines anderen Lebewesen zu durchbrechen, zählten sicherlich nicht zu den Sternenstunden ihres Daseins. Sie konnte die Abscheu in Lhoris' Blick nicht vergessen, als sie unkontrolliert und von Instinkt getrieben nach seiner Aura gegriffen hatte. Niemand sollte eine derartige Macht besitzen.
      Viola schüttelte den Kopf über das Bedauern in den Augen des Elfen.
      Sie fürchtete nicht, dass der Anblick der Brandnarbe seine Sehnsucht nach ihr schmälerte, aber Andvari verschwendete zu viele Gedanken an etwas, das bereits vergangen war.
      "Es geht mir gut. Was macht eine weitere Narbe mehr.", lächelte sie und zog demonstrativ die gespaltene Augenbraue in die Höhe. Ob es der richtige Augenblick für leichtfertige Scherze war, stand auf einem anderen Blatt. Violas Fingerspitzen streichelten über die aufgesprungenen Fingerknöchel seiner Hand. Auf seine Frage hin stieß sie ein langgezogenes Seufzen aus.
      "Das ist schwierig zu erklären.", murmelte sie. "Nachdem Vaeril mich mit seinen Schatten durchbohrte, hat er etwas zurückgelassen. Eine Dunkelheit, die sich über mein Bewusstsein und meine Aura legte. Es hat meine Magie infiziert, wie eine Krankheit. Die Heiler hier sagten, dass ich möglicherweise nie erwacht und dahin gesiecht wäre, wenn Lhoris das Sternenlicht nicht gefunden hätte. Sylvar trug eine Phiole flüssigen Sternenlichts bei sich. Wir hatten Glück, dass seine Habseligkeiten nicht in der Stadt zurückgeblieben sind. Es war ein Risiko als er es mir einflößte. Anstatt mich zu verbrennen, hat die Schatten vertrieben. Das Meiste davon zumindest."
      Ja, weil ihr Blut seit Generationen damit vertraut war. Vieles ergab nun Sinn.
      Vorsichtig legte Viola den Kopf auf Andvaris Brust ab, dort, wo die schreckliche Wunde bis auf seine Knochen gereicht hatte.
      Die Haut war warum unter ihrer Wange. Lebendig.
      "Ich kann ihn manchmal immer noch spüren.", flüsterte sie. "Vaeril. Seinen Schatten. Meine Kräfte erschöpfen viel zu schnell und scheinen nicht mehr die gleiche Wirkung zu haben, wie zuvor. Es ist frustrierend und beängstigend."
      Viola drehte den Kopf und drückte die Lippen auf den starken Knochen des Brustbeins. "Wir finden eine Lösung. Aber als Erstes, musst du heilen. Unsere Freunde brauchen dich. König Oberons Armee dringt in die Menschenlande ein und wird keinen Halt machen, bis sie vor unseren Toren steht."
      “We all change, when you think about it.
      We’re all different people all through our lives.
      And that’s OK, that’s good, you gotta keep moving,
      so long as you remember all the people that you used to be.”
    • Auch wenn die Berührung ihrer Hand auf seiner Hand eine gewisse Zärtlichkeit nicht vermissen ließ, war dort etwas, das der Elf nicht benennen konnte. Etwas dunkles in ihrem Blick, ein Schatten vielleicht. Etwas, das ihr die Stimmung verhagelte und den Geist verschleierte. Und auch wenn es dreist war und Andvari selbst noch schwach, richtete er sich leicht auf, um sie anzusehen.
      "Etwas stimmt nicht, oder?", fragte er besorgt und sah sie eindringlich an. "Was ist geschehen? Man kann die Luft um dich beinahe schneiden."
      Ein Grinsen huschte über das bleiche Gesicht, nur um gleich weider im Äther zu verschwinden, wärhend er ihr lauschte. Und mit jeder Sekunde wurde ihm klar, wie knapp es um ihr Leben gestanden hatte. Wie knapp sie der Katastrophe entronnen war. Sorgsam hielt er seine Hand bei ihr und mehr und mehr stahl sich Wut in sein Gesicht.
      "Sylvar...", brummte der Elf und grinste mit seinem hager gewordenen Gesicht. "Selbst im Grab schafft es dieser Wahnsinnige noch, unsere Leben zu retten. Es ist ein Glück, dass Lhoris diese Phiole bei sich hatte. Nicht auszudenken, was geschehen wäre wenn..."
      Nein, Andvari wollte daran nicht denken, dass er beinahe die Frau verloren hätte, für die er in den Krieg gezogen war. Doch die Erkenntnis, dass Vaeril eine Vergiftung herbei geführt hatte, war eine andere. Sicherlich, Andvari spürte die Unruhe in ihrem Kern. Das Übereinanderschlagen der Auren, eine verzehrend, die andere kämpfend. Doch eine Heilung wusste er nicht. Wie auch. Er war nie zum Heiler erzogen worden.
      "Ich...ich weiß gar nicht was ich sagen soll", murmelte er leise und sah sie mit Mitleid in den Augen an. "Vaerils Gift ist spürbar. Und es ist einem Verbrechen ähnlich, in die Aura eines anderen Lebewesens einzugreifen. Es ist tiefschwarze Magie und bedarf einer Menge von Übelwille, um dies durchzuführen. Dass er so weit gehen würde...Nach allem was er dir schon angetan hat..."
      Knurrend wandte er sich kurz ab und verfluchte den Umstand, dass dieser Bastard bereits tot war.
      Schnaubend wandte er sich zu Viola.
      "Heilung...", sagte er und lächelte. "Heilung werde ich genug erfahren. Leider findet sich keine Zeit dafür. Wenn Oberon die Armee bereits auflaufen lässt, wird es zwar noch etwas dauern aber dann haben wir eine Streitmacht vor uns, die selbst der Menschenarmee beikommt..."
      Wenn sie nicht sogar größer war.

      The more that I reach out for heaven
      The more you drag me to hell
    • "Vor dir kann ich nichts verstecken, hm?", lächelte Viola, doch das Lächeln auf ihren Lippen war blass.
      Natürlich merkte Andvari, dass etwas nicht stimmte. Sie bemühte sich nicht darum es abzustreiten, behielt aber zunächst die Antwort für sich. Viola war nie gut darin gewesen die Gefühle und Sorgen aus ihrem Blick zu verbannen. Für den Elf war sie ein offenes Buch und es behagte ihr nicht Geheimnisse vor ihm zu haben. Andererseits fürchtete sie mehr als andere, was die Wahrheit anrichten konnte. Sie hörte Andvari zu und seufzte niedergeschlagen. Ein Gedanke ließ das Blut in ihren Adern gefrieren. Der Elf vergaß, dass Viola und Vaeril in einem Punkt gar nicht so verschieden waren.
      "Vaeril handelte böswillig und blind von Rachedurst.", murmelte sie. "Aber du vergisst etwas, mein Liebster. Wenn er sich dieses Frevels schuldig gemacht hat, gilt dasselbe auch für mich. Ich habe das schon einmal gemacht, mehrfach eigentlich, als wir in Beleriand..."
      Eine zarte Röte legte sich über ihre Wangen. Andvaris Aura hatte vertrauensvoll in ihren Händen gelegen, eng umschlungen in einem Augenblick der Leidenschaft. Damals hatte sie nichts gewusst, dass sie mit seinem Leben spielte. Sie würde dieses Risiko nicht noch einmal eingehen.
      Viola seufzte und drückte die Hände in die Matratze um sich aufzurichten. Erneut nahm sie seine Hand zu sich und betrachte die verschlungenen Finger in ihrem Schoß. Sie saß neben ihm auf dem schlichten, harten Bett und schien nach den richtigen Worten zu suchen.
      "Als Lhoris mich fand und meine Wunden versengte um mich zu retten, griff ich verzweifelt nach seiner Aura um mir sein Feuer zu Nutze zu machen und die Blutungen zu stillen, die seine Hitze äußerlich unmöglich erreichen konnte. Vaeril hatte mich durchbohrt. Ich hatte Angst und wollte nicht sterben. Nicht so. Nicht durch ihn."
      Die Heilerin knirschte beinahe frustriert mit den Zähnen.
      "Und ich tat es erneut, als er beinahe an den Verletzungen starb, die ihm im Kerker dieser Stadt zugefügt worden waren. Lhoris hat mir bereits das Versprechen abgenommen, es nie wieder zu versuchen. Was hätte ich anderes tun können? Ich konnte ihn nicht sterben lassen."
      Viola drückte seine Finger. Sie sah Andvari nicht an, weil sie sich vor dem Urteil in seinem Blick fürchtete.
      "Ein wenig Zeit bleibt uns", antwortete sie. "Allerdings kenne ich nur einen Ort, an dem wir die Chance auf Heilung bekommen, die wir benötigen. Wir müssen noch einmal zurück zum Tempel der Meriel, aber dafür benötigen wir Hilfe. Niemand wird uns einfach durch das Tor reiten lassen. Und selbst zu Pferd könnte der Weg uns zu viel Zeit kosten."
      Nachdenklich kaute sie auf ihrer Unterlippe. Sie war hin und her gerissen.
      "Da ist noch mehr", gestand sie. "Aber ich habe Angst, dass du mich mit anderen Augen ansiehst, wenn ich dir die Wahrheit sage."
      “We all change, when you think about it.
      We’re all different people all through our lives.
      And that’s OK, that’s good, you gotta keep moving,
      so long as you remember all the people that you used to be.”
    • Die zarte röte ihrer Haut ließ ihr Gesicht nur noch strahlender erschienen, auch wenn die Thematik nicht recht dazu passen wollte. Ja, es stimmte. Sie selbst hatten sich dieses Frevels schuldig gemacht, jedoch erschien es Andvari eher wie ein Experiment als wirkliche Praxis. Und es war kein Übelwille damit verbunden gewesen, wenn man es so wollte.
      Also schüttelte der Elf den Kopf und schmollte.
      "Es ist etwas anderes", murmelte er. "Wir lieben uns und es war mehr ein Greifen nach dem anderen als wirkliches Infiltrieren eines Geistes. Wir haben nichts übles gewollt und ich habe dich eingelassen. Ich hätte es verhindern können..."
      Tief im Inneren wusste der Elf, dass es nichts anderes war. Freilich war es auf freiwilliger Basis geschehen, aber dennoch war es ein Vermischen zweier Auren die nicht zueinander gehörten. Violas Kräfte und die Absorption anderer Auren machte dies jedoch eigentlich erst gefährlich. Wenn man dies verhindern konnte...
      "Du schwebtest in Gefahr, Liebste", flüsterte Andvari und sah sie sanft an. Sicherlich hatte auch Lhoris das gewusst. "Und Lhoris wusste das. Jeder hätte nach einem Strohhalm gegriffen. Ich selbst habe nach dem letzten Strohhalm gegriffen als es mir nicht gut ging. Das macht uns..."
      Ja, was? Menschlich? Elfisch? Kontinental?
      Schweigsam lauschte er weiter ihren Worten und das Verständnis stahl sich nicht aus seinem Blick, als er sie ansah und seufzte.
      "Viola", begann er mit krächzender Stimme. "Du hast getan, was getan werden musste. Lhoris ist ein Krieger, seitdem ich denken kann und auch er weiß, was Kriege aus Menschen wie Elfen machen können. Und du bist ein Mensch mit besonderen Kräften, der diese erst noch beherrschen muss. Niemand wird dir deswegen einen wahrhaftigen Strick drehen können."
      Seufzend drückte er ihre Hand und verzog kurz das Gesicht vor Schmerz als er sich ihr zuwandte und ihren letzten Worten lauschte. Er bemerkte die Nervosität und das Zaudern in ihrem Blick, doch entschied sich, geduldig zu warten, bis sie bereit war.
      "Nein", sagte er und nickte. "Der Tempel ist wahrlich eine große Strecke, die wir zeitlich kaum schaffen können. Die Frage ist eher: Weshalb genau dahin? Der Tempel war nicht gerade hilfreich in seiner Weisheit und ich verstehe nicht..."
      Bei ihrem letzten Satz hielt er inne und zog die Augenbrauen hoch.
      "Und weshalb sollte ich das?", fragte er grinsend. "Welche Wahrheit könnte ich in Kriegszeiten fürchten? Und warum fürchtest du meine Reaktion?"
      Andvari schüttelte den Kopf und grinste weiter.
      "Hab keine Angst. Gemeinsam werden wir schon eine Lösung finden. Was bedrückt dich?"

      The more that I reach out for heaven
      The more you drag me to hell
    • "Etwas anderes ist es nur solange bis ich jemanden damit verletzte", murmelte Viola.
      Mit der freien Hand angelte sie einen Becher mit kühlem Wasser von dem kleinen Tisch neben dem Bett, Sie half Andvari ein paar kühlende Schlucke zu nehmen um das Krächzen seiner Stimme ein wenig zu lindern.
      Dennoch verfehlten die tröstlichen Worte nicht die gewünschte Wirkung. Die Anspannung in den schmalen Schultern ebbte ein wenig ab und sie schenkte Andvari ein dankbares Lächeln. Sie war dankbar für sein Verständnis und die Geduld, die er jedes Mal aufs Neue aufbrachte, sobald die Heilerin mit sich selbst und ihrem Platz in seiner Welt haderte. Andvari verzog unter Schmerz das Gesicht und erinnerte Viola daran, dass er erst vor wenigen Minuten aus seinen tiefen Schlaf erwacht war. Behutsam kreisten ihre Fingerspitzen über die aufgesprungenen Knöchel. Was für eine miserable Heilerin sie doch war, die ihren Patienten in diesem Zustand mit Bedenken und Sorgen überschüttete. Für den Bruchteil einer Sekunde spielte Viola mit dem Gedanken, das Gespräch zu einem anderen Zeitpunkt fortzusetzen bis Andvari sich erholt hatte. Die friedliche Aura des Tempels könnte ihnen dabei zu Gute kommen. Hier, in Hallen der heilkundigen Ordensbrüder waren sie umgeben von Tod und Leid. Kein gutes Omen für das, was Viola zu sagen hatte.
      "Was mich bedrückt ist eng mit dem Tempel der Meriel verknüpft, befürchte ich", antwortete Viola und ließ ihre Fingerspitzen federleicht über seinen Handrücken tanzen. Vorsichtig drehte sie seine Hand und fuhr die tiefen Linien in seiner Handfläche nach bis sie die Innenseite seines Handgelenkes streifte. Das Leben pulsierte gleichmäßig unter ihren Fingerspitzen und mit einem sanften Seufzer ließ sie einen Funken ihrer Aura durch seine Adern fließen, wärmend und schmerzlindernd. Violas Blick ruhte auf der Berührung und der Verbindung zwischen ihnen, gleichzeitig schien sie weit in die Ferne zu sehen.
      "Magie ist ein merkwürdiges Gefüge, findest du nicht?", flüsterte sie. "Wir wissen, dass Magie ganze Völker entzweien kann, aber sie kann Wesen auch miteinander verbinden. Glaubst du, dass eine Verbindung, die durch Magie geschmiedet wurde, echt ist?"
      Viola sah ihn einen Moment lang an.
      "Während meiner Zeit hier habe ich Nachforschungen über meine Familie angestellt", fuhr sie fort. "Nachdem wir in Beleriand bereits darüber gerätselt haben, was es mit meinen Kräften auf sich hat, wollte ich nach Spuren in den Memoiren der de Clairmonts suchen. Ich weiß jetzt, warum mein Urgroßvater seine Titel niederlegte. Erinnerst Du dich daran, was ich dir über ihn erzählt habe? Dass er der Liebe willen, seiner Heimat den Rücken kehrte?"
      Viola zögerte und grub erneut die Zähne in die bereits malträtierte Unterlippe.
      "Mein Urgroßvater liebte ein Elfe, Andvari. Deshalb ging er fort, um mit ihr in Frieden leben zu können", flüsterte sie. "Sie war eine Tochter der Meriel. Sie war die Letzte."
      “We all change, when you think about it.
      We’re all different people all through our lives.
      And that’s OK, that’s good, you gotta keep moving,
      so long as you remember all the people that you used to be.”
    • Immerhin dies vermochte er zu erreichen. Violas Gesichtsausdruck veränderte sich zwar nur unmerklich, aber zumindest die Anspannung ihrer Schultern ließ beinahe umgehend nach, nachdem er gesprochen hatte. Es tat dem Elfenprinzen weh, die Frau die er liebte, so leiden zu sehen. Und doch waren es Erfahrungen, die er zumindest im praktischen Sinne mit ihr teilen konnte. SIe war demselben Krieg unterworfen gewesen wie er. Sie waren es noch. Die Frage war eher, wann dieses Schlachten, dieses Töten endlich enden würde?
      Erst als sie von dem Tempel und der Magie zu sprechen begann, war es an Andvari, die Augenbrauen fragend zusammen zu ziehen. Das Wasser, welches kalt und beinahe schmerzhaft seine geschundene Kehle hinab lief, schien nur wenig von dem Durst zu stillen, den er besaß. Er fühlte sich als habe er monatelang nicht getrunken. Dabei waren es nur Tage gewesen. Violas Aura glitt unter seine Haut und erfüllte die Stelle mit Wärme und Ruhe. Doch etwas stimmte an dem Blick nicht. Dort lag keine Freude, keine Leidenschaft fürs Heilen drin. Hier war es anders. Sie sah nicht ihn. Oder seine Hand. Sie sah etwas anderes.
      "Eine magische Verbindung?", fragte er erstaunt und sah sie überrascht an. "Nun, ich denke, dass es durchaus real ist, ja. Wenn man ein Metall magisch an ein anderes bindet, wird diese Verbindung sie halten. Was eine Verbindung zwischen Geistern oder Schicksalen angeht...Da bin ich im Zweifel. Sicherlich mag eine Verbindung real werden, wenn sie einen Zweck erfüllt, aber gerade das Schicksal ist ein unberechenbares Ding."
      Er überlegte eine Weile, ehe er Viola lauschte. Und mehr und mehr erbleichte. Sicherlich, es war nicht unüblich, dass sich Menschen mit Elfen einließen. Ganz und gar nicht. Aber Töchter der Meriel? Diese monströs mächtigen Heilerinnen? Und bedeutete das...
      Erst jetzt wurde ihm klar, was sie ihm da sagte. Ihr Bäume, wieso war er da nicht früher drauf gekommen?! Natürlich mussten die Kräfte irgendwo herrühren. Eine Laune der Natur war es mitnichten. Er war so dumm...Blind und dumm...
      "Es würde so manches erklären"; begann er vorsichtig und sah sie weiterhin durchdringend an. Als suche er Antworten in ihrem Blick. "Ich erinnere mich an deine Geschichten. Und ich meine...Also, es war und ist nicht unüblich, dass Menschen und Elfen...Nun...Gewisse Dinge miteinander tun. Der Sklavenhandel in beide Richtungen ist florierend gewesen zu dieser Zeit und...Also was ich sagen will ist, es ist nichts verwerfliches in meinen AUgen. Allenthalben ungewöhnlich. Zumindest erklärt es, wo du deine Kräfte herhaben könntest. Die Heilkräfte der Töchter waren legendär. Die Frage ist nur: Warum bedrückt dich dies so? Es ist doch nichts dabei, eine Viertelelfe zu sein. Oder?"

      The more that I reach out for heaven
      The more you drag me to hell
    • Kopfschüttelnd sah Viola ihn an. Sie lächelte.
      Natürlich war nichts Verwerfliches daran zu einem Viertel elfisches Blut zu besitzen. Ebenso wenig war eine Verbindung zwischen Elfen und Menschen etwas Schändliches. Sie waren das beste Beispiel dafür. Viola hatte sich in Andvari verliebt ungeachtet seiner Herkunft, seines Titel oder dem Blut in seinen Adern. Sie hätte ihn ebenso geliebt, wäre er ein Mensch gewesen. In ihren Gedanken klang es furchtbar kitschig, aber es war die Wahrheit. Die Unsicherheit in seinen Worten war fast liebenswert, wäre die eigentliche Situation nicht so schrecklich ernst. Die Heilerin spürte im stolpernden Rhythmus seines Pulses, wie sich Andvaris Gedanken überschlugen und von einer Schlussfolgerung zur Nächsten hüpften. Viola fürchtete sich vor den Worten, die auf ihrer Zunge lagen, aber dennoch verspürte sie eine innere Ruhe. Sie war die Geschichte ihrer Vorfahren oft genug im Geiste durchgegangen, um eine gewisse Vertrautheit dabei zu fühlen. Jedes Mal fühlte es sich weniger fremd an.
      "Die Töchter der Meriel starben in den Erzählungen durch einen heimtückischen Überfall von Soldaten aus den Königreichen der Menschen", begann sie. "Das ist eine Lüge. König Oberon selbst gab den Befehl die Heilerinnen in ihrem Allerheiligsten zu ermorden und den Tempel zu zerstören. Eine Macht, die er selbst begehrte aber niemals besitzen würde. Die Töchter der Meriel geboten über die Quelle des Lebens. Sie konnten Leben schenken aber es ebenso verdammen. Ja, sie waren mächtig. Also verurteilte er sie zum Tode. Er bediente sich der Furcht seiner Feinde vor den magischen Kräften der heilkundigen Frauen. Die einzige Überlebende entkam durch die Hilfe meines Urgroßvaters Mathieu, der sich auf Mission in den Elfenlanden befand, aber sie wurden entdeckt."
      Viola sah ihn die ganze Zeit über an.
      "Dein Vorfahre Undwyn Silberhand rettete den Flüchtigen das Leben, als die Lichtrufer der Schwesternschaft zur Hilfe eilten", erzählte sie und ihre Stimme wurde zu einem Flüstern. "Aus Dankbarkeit über die Rettung seiner Geliebten und seines ungeborenen Kindes, von dem niemand wusste und das bereits in ihrem Leib heranwuchs, schwor Mathieu einen Blutschwur. Seine Familie sollte auf Ewig in der Schuld der Lichtrufer stehen. Sie schufen ein magisches Bündnis zwischen unseren Blutlinien, das darauf beruhte sich gegenseitig zur Hilfe zu eilen und in der Not Seite an Seite zu stehen."
      Viola blinzelte nicht einmal
      "Deswegen verbrennt dein Licht mich nicht. Deswegen droht dir von meinen Kräften keine Gefahr. Unsere Schicksale, wir, sind durch Magie verbunden."
      “We all change, when you think about it.
      We’re all different people all through our lives.
      And that’s OK, that’s good, you gotta keep moving,
      so long as you remember all the people that you used to be.”
    • Für einen ganzen Moment lang war Andvari kalt.
      Eiskalt.
      Die Brise im Raum schien zu versiegen und sein Atem stand still, während er der Geschichte lauschte, die mehr und mehr ins Fantastische abzudriften schien. Der ganze Verstand des Elfen fuhr in Kreisen als dieser den Blick von Violas Lippen nahm und einen Moment lang in die Leere des Raumes sehen musste, um alles zu ordnen, was er gehört und geschlossen hatte.
      Konnte das wirklich sein? Das alles? Sein Vater verdammte die Töchter? Nun, es lag im Bereich des Möglichen, aber würde er ein solches Wagnis wirklich tun? Denn das war es. Ein Wagnis. Die Töchter waren neben ihrer Macht hoch angesehen im ganzen Land. Ein Mord an ihnen kam einem Thronverbrechen gleich und wäre von den Clans niemals geduldet worden. Das alles ergab keinen Sinn...
      "Aber wenn...", begann er stotternd und schüttelte kurz den Kopf. "Ich verstehe das nicht, ich...Ich meine, mein Vater ist grausam, ja. Er würde auch einen Mord an den Töchtern befehlen. Aber das käme einem Thronverbrechen gleich. Niemals würden die Clans zulassen...Also..."
      Kopfschüttelnd starrte er Viola an.
      "Und was meinst du mit Undwyn...", begann er erneut und dieses Mal veränderte sich etwas in seinem Blick, als er Viola ansah. Da war etwas unverständliches, etwas gebundenes, in Ketten gelegt wie der Hofhund eines reichen Mannes. Das Gefühl, erneut ein Spielball zu sein zwischen Mächten brachte ihm beinahe die kalte Wut zurück, die er einst verspürte, als man ihn in den Krieg geschickt hatte.
      "Was für ein Bündnis..."
      Erneut wurde ihm die Stimme schwach und schwer sank sein Kopf in die Kissen zurück, ehe er durchatmete.
      "Also willst du mir sagen...Dass all das hier...All das aufgrund eines magischen Bundes entstanden ist, entstehen musste, den unserere Ahnen miteinander geschlossen haben?"
      Konnte das wirklich alles sein?
      Nein, oder? Ruhig sah der Elf an die Decke und seufzte schwer. DAs konnte nicht alles sein. Das durfte nicht alles sein!

      The more that I reach out for heaven
      The more you drag me to hell
    • "König Oberon schloss einen kurzweiligen Pakt mit den Menschen. Ein Mittel zum Zweck, um sich einer Macht zu erledigen, die er nicht kontrollieren konnte. Die Töchter hätten sich seinem Willen nie gebeugt und die Kriegstreiberei unterstützte. Wenn er sie also nicht besitzen konnte, sollte es niemand", murmelte Viola nachdenklich, aber ernst. "Zumindest sofern wir den Worten von Pompidou Glauben schenken können. Es ist eine lange Geschichte, aber er war zum Zeitpunkt der Überfalls ebenfalls anwesend."
      Viola zog die Augenbrauen zusammen und überlegte, ob Andvari ein wenig darüber wusste. Nicht über das Schicksal des Tempels und den ermordeten Töchtern, aber über Pompidous wahres Alter. Immerhin reisten seine Enkel mit der Streunenden Armee. Die flüchtigen Gedanken verstummten, als mit jeder Silbe die Erkenntnis ins Andvaris Augen deutlicher wurde. Langsam verstand der Elf worauf die verzweifelte Frau an seinem Bett hinaus wollte. Sie wollte es selbst nicht glauben, aber der Zweifel bohrte sich tief in ihren Verstand. Einmal gesät, war es schwierig ihn wieder los zu werden. Viola ließ die kühlen, rauen Finger nicht los. Sie konnte nicht, weil sie die lächerliche Furcht beschlich, damit die letzte Verbindung zwischen ihnen zu durchtrennen.
      "Ich weiß es nicht", antwortete Viola aufrichtig. "Obwohl ich viel Zeit hatte darüber nachzudenken. Die Aufzeichnungen der kaiserlichen Bibliothek sind lückenhaft, aber Pompidous Erzählung fügt sich nahtlos ein. Ich verstehe seine Beweggründe nicht und ich traue ihm nicht sonderlich, aber ich glaube nicht, dass er in diesem Fall gelogen hat. Ich hatte ihm bereits mein Wort gegeben, also gab es keinen Grund mehr mir ein Märchen aufzutischen."
      Viola nagte zum wiederholten Male an ihrer Unterlippe und versuchte nicht in dasselbe finstere Loch zufallen, dass gerade mit eisiger Kälte nach Andvari griff. Sein Blick hatte sie verlassen und klebte an der alten und mit Spinnenweben bedeckten Holzdecke.
      "Ich weiß es nicht. Erinnerst du dich daran als du den Bastard Lemaire enthauptet hast? Blut überall auf dem Boden. Sein Blut. Mein Blut, nachdem er mich geschlagen hatten. Ich sah das erste Mal einen kleinen Bruchteil wozu deine Magie fähig ist und als du mir die Hand gereich hast, wusste ich, dass ich dir überall hin folgen würde. Ich wusste es einfach.", wiederholte sie flüsternd. "Aber ich möchte daran glauben, das es echt und keine von Zauberhand und alten Mächten geschaffene Illusion. All das hier."
      Viola versuchte ein zaghaftes Lächeln.
      "Meine Liebe zu dir. Deine Liebe zu mir. Sie hat mich am Leben gehalten. Seid ich bei dir bin, wachse ich jeden Tag ein wenig mehr über mich hinaus. Trotz all der schlimmen Kämpfe und Verluste, war ich in meinem Leben nie glücklicher."
      Viola drückte zum Abschluss ein weiteres Mal die Lippen gegen die aufgesprungenen Fingerknöchel. Die Geste schien ihr Trost zu bringen.
      "Ich sollte Lhoris wissen lassen, dass du erwacht bist. Er hat sich Sorgen gemacht und nicht geruht, seid die Streunende Armee eingetroffen ist."
      “We all change, when you think about it.
      We’re all different people all through our lives.
      And that’s OK, that’s good, you gotta keep moving,
      so long as you remember all the people that you used to be.”
    • Einen langen Atemzug lang wusste Andvari nicht wirklich, was er denken sollte.
      Pompidou? Elfen? Meriel und sein Vater? Undwyn und sein verfluchtes Licht? Das alles ergab zwar Sinn und die GEschichten mochten auch plausibel sein, aber der Elf fühlte sich überfahren und geradezu an die Wand gespielt. Wie sollte er verstehen, was es kaum zu erklären gab?
      "Pompidou...", murmelte er nachdenklich und sah an die Decke. "Es würde erklären, warum er so erpicht darauf war uns zu helfen, wenn man seinem Boten glauben konnte. Und warum die Zwillinge bei uns sind."
      War das alles hier ein abgekartetes Spiel? Andvari hasste es, ein Spielball zwischen Mächten zu sein, wenn er ehrlich war. Hatte es schon immer gehasst. Und noch mehr, dass er an eine Macht glauben sollte, die man Schicksal nannte. Eine Macht, die man sich auserdacht hatte, um seine eigene Machtlosigkeit in Worte zu kleiden.
      Schweigsam lauschte er den Worten seiner Liebsten und beschloss einen Moment zu schweigen. Es gab so viele Fragen. Hunderte. Vielleicht Tausende. Und doch würde er hier keine Antworten finden. zumindest keine zufriedenstellenden.
      Ruhig sah er sie an und ihr zu wie sie seine Fingerknöchel küsste.
      "Ich erinnere mich", flüsterte er. "Aber woher wusstest du es? Ich meine...War dort ein Drang, ein Gefühl, ein...Ein Wink? Ich verstehe es einfach nicht Viola und ich möchte nicht glauben, dass es dem Pakt geschuldet ist, den unsere Familien schlossen, aber wie kann ich es nicht? Wie kann ich sicher sein, dass dem so ist?"
      Die Frage verhallte im Raum und er sah sie mitleidig an. Er konnte ihren Schmerz fühlen, verstehen. Aber was sollte der Elf tun? An einen Wink des Schicksals glauben, der ihm nichts gutes verhieß?
      Noch ehe er auf ihre letzte Ansage reagieren konnte, wechselte sie das Thema und sorgte mit einem neutralen Ton für das Ende dieser Unterhaltung. Einer Unterhaltung, die mehr Fragen als Antworten aufgab.
      "Ja...", nickte Andvari und seufzte. "Ja, das wäre gut. Müssen wir dem Rat vorstellig werden?"

      The more that I reach out for heaven
      The more you drag me to hell
    • Viola zuckte ratlos mit den Schultern.
      Sie konnte ihm die Frage nicht beantworten, obwohl sie Andvari gerne von der quälenden Ungewissheit erlöst hätte. Mit diesem Wissen kämpfte die Heilerin bereits seit geraumer Zeit. Die böse Vorahnung über die Reaktion des Elfen über die gewonnenen Informationen schien sich leider zu bewahrheiten. Viola konnte förmlich sehen, wie es hinter seiner Stirn arbeitete. Ja, wie konnte er sicher sein? Die folgenden Worte fühlten sich schwer wie Blei auf der Zunge an.
      "Das kannst du nicht", würgte Viola schweren Herzens hervor. "Niemand wird uns diese Frage beantworten können. Der einzige Zaubrer, der dazu mächtig und erfahren genug gewesen, ist tot. Es ist nicht das erste Mal, dass ich mir wünsche, mit Sylvar sprechen zu können."
      Viola entließ seiner Finger aus ihrem zarten Halt und erhob sich langsam von dem armseligen Krankenlager, dass für einen Elfenprinzen völlig ungenügend war. Er sollte sich nicht unter Kranken verstecken und im Hintergrund halten müssen. Andvari und die übrigen Helden der Streunenden Armee verdienten mehr, als wie Bittsteller innerhalb Stadtmauern auf die Gnade eitler Männer und machtgieriger Frauen zu hoffen.
      Mit einem bedrückten Gesichtsausdruck, der sie um Jahre älter erscheinen ließ, blickte Viola durch das karge Zimmer und lächelte schwach, als sie die Schwerter am Mauerwerk lehnend entdeckte. Langsam ging sie auf Dandelost zu und legte die schlanken Finger zärtlich um den verzierten Griff. Bisher hatte sie nicht gewagt, die gläserne Elfenklinge zu berühren. Die vertraute Wärme durchtränkte ihre Handfläche und schenkte ihr ein wenig Erleichterung. Sie empfand ein seltsames Gefühl der Vollständigkeit. Dandelost verstieß die Heilerin nicht, obwohl ihr Magiekern verunreinigt war.
      "Wenn du nichts dagegen hast, behalte ich Dandelost so lange bei mir, bis wir Gewissheit haben", erklärte sie. "Du sagtest Dandelost lässt sich nur von einer Person führen, die ein gebrochenes Herz liebt. Glaubst du, dass eine Klinge mit solch einem starken Willen, einen Träger akzeptiert dessen Gefühle nicht wahrhaftig sind?"
      Viola wirkte nachdenklich während sie sich an einen dünnen Seidenfaden der Hoffnung klammerte.
      "Wenn sich herausstellt, dass wir einem Zauberbann unterliegen, gebe ich meinen Anspruch auf Dandelost auf. Und nur dann."
      Sie war zerrissen und traurig, aber nicht hoffnungslos genug um einfach aufzugeben. Der Gedanke, den Tempel aufzusuchen und die Mächte dort um Hilfe anzuflehen, verfestigte sich mehr und mehr. Dafür würde sie Hilfe brauchen und sie zweifelte, ob Andvari sie am Ende wirklich begleiten würde. Aber sie musste für eine Weile fort, weg von Blut und Tod um einen Augenblick zu atmen. Die Welt würde nicht ins Chaos stürzen, wenn sie für eine kurze Zeit einen anderen Weg einschlugen. Die Frage war nur, wie?
      Viola trat an das Bett heran, nachdem sie Dandelost sicher an ihrem Gürtel befestigt hatte und berührte sanft Andvaris Wange. Sie dachte an einen Kuss, den sie bereits zu lange vermisste, entschied sich aber dagegen. Sollte das der letzte Kuss sein, sollte er nicht nach Verzweiflung und Bitterkeit schmecken.
      "Ruh dich aus. Ich versuche etwas über den Rat in Erfahrung zu bringen und suche Lhoris", murmelte sie und verließ das Zimmer.
      Fündig wurde Viola im weitläufig Garten der Abtei.
      Lucien, Pompidou, Lhoris und alle die sich auf den Beinen halten konnten, saßen auf auf der niedrigen Brunnenmauer oder auf dem ersten, frischen Grün dieses Frühlings am Boden. Der Kies knirschte unter ihren Schuhen, als sie sich näherte.
      Sie lächelte zurückhaltend.
      "Andvari ist wach", teilte sie den anderen mit. "Lhoris? Ich denke, er würde dich gerne sehen und ich weiß, dass du vor Sorge gleich umfällst."
      “We all change, when you think about it.
      We’re all different people all through our lives.
      And that’s OK, that’s good, you gotta keep moving,
      so long as you remember all the people that you used to be.”
    • Lhoris saß mit Pompidou, Lucien und dem Zwergenkönig Alberich auf der niedrigen Brunnenmauer.
      Der Zwerg hatte sich bereits seit einer geraumen Zeit regelrecht echauffiert, da man die Seinen und den Großteil der Armee vor der Stadt hatte lagern lassen. Sicherlich mochte es verständlich sein, nicht unnötig die Angst zu schüren, aber dennoch stieß es dem Zwerg bitter auf, der seinerseits auch einen Verband um den Kopf trug.
      Offenbar hatte doch ein Schlag den Weg durch die schimmernde Rüstung gefunden.
      "Es ist unsäglich!", donnerte der Zwerg und schnaubte.
      Lhoris seufzte und lehnte sich neben Pompidou leicht zurück, der nun seinerseits die Hände beschwichtigend hob. Das Gesicht des Ratsmitgliedes wirkte nochmals älter als zuvor, als er müde zu dem Zwerg saß, der willenlos herum marodierte.
      "Arukh, die Gründe wurden Euch bereits mehrfach erläutert. Und ich bin mir sicher, dass kein Übelsinn hierfür ursächlich ist. Es ist die schiere Größe der Truppen!"
      "Pah! Größe! Ich rieche Angst, Mensch!", knurrte Alberich und wies mit einer ausladenden Bewegung auf die Straßen der Stadt.
      Menschenleere empfing sie hierbei und zumeist lauernde Augen hinter den Vorhängen und Fenstern. Ein Umstand, den das Volk der Zwerge allzu oft hatte durchstehen müssen. Beobachtet, geradezu angeglotzt zu werden, Furcht in den Augen der Anderen.
      Lhoris schüttelte den Kopf und erhob seinerseits die Stimme.
      "Ob gerecht oder nicht, Alberich", sagte er und schlug das schwarze Haar zurück. "Wir haben uns darauf eingelassen, die Bedingungen der Stadt anzunehmen. Ob es Euch nun passt oder nicht, wir werden es akzeptieren müssen..."
      "Das ist ein einziger Hohn, ich werde-"
      Ehe der Zwerg noch weiter schimpfen und maulen konnte, erschien Viola im GArten der Abtei. Beinahe unhöflich hoben sowohl Pompidou als auch Lhoris die Köpfe und ignorierten den Zwerg, der sich fragend umsah.
      "Ah! Frau VIola!", rief er und wies mit der Hand zu ihr.
      Die freudige Nachricht entgegennehmend, grinsten die Beteiligten einhellig und selbst Pompidou konnte nicht umhin, sich dreimal auf den Oberschenkel zu klopfen und breit zu lächeln.
      Lhoris ließ es sich nicht zweimal sagen und sprang regelrecht auf, ehe er in Richtung des Krankenlagers eilte. Das Ratsmitglied sah zu Viola indes und lächelte breit.
      "Es sind wahrlich freudige Nachrichten für Euch", sagte er und nickte, ehe er ihr etwas Platz schaffte.
      "Ja, eine Freude", knurrte Alberich und nickte. "Aber dennoch sind noch so viele Verletzte vor der Stadt. Sagt mir, Frau Viola, Herr Lucien. Wann kann ich meine Leute nachholen? Wann können wir die ganzen Krieger verarzten? Sofern die Elfenmonstren hier auftauchen brauchen wir eine schlagfertige Truppe und derzeit sind wir mehr eine Invalidensammlung."

      The more that I reach out for heaven
      The more you drag me to hell
    • Unglückliche Gesichter begrüßten Viola im Kräutergarten der Abtei.
      Der Zwergenkönig blickte verdrießlich in die bunt durcheinander gewürfelte Runde, die kein Geschichtsschreiber in dieser Konstellation jemals in den letzten Jahrhunderten beschrieben hatte. In einem idyllischen Garten saßen ein Menschenprinz und sein Berater, ein Zwergenkönig und ein Elfenkrieger friedlich beisammen. Der Anblick untermalte die Verzweiflung, die alle Ländereien des Kontinents heimsuchte aber gewährte gleichzeitig auch einen hoffnungsvollen Ausblick auf einen möglichen, zukünftigen Frieden. Wenn ein paar wenige Angehörige der verschiedenen Völker es schafften, ohne Blutvergießen an einem Ort zu verweilen, gab das Viola neue Hoffnung. Dennoch lag der Gedanke in weiter Ferne und es gab Dringlichkeiten, um die sich gekümmert werden musste. Das vermittelten der Heilerin auch die Wortfetzen, die der auffrischende Frühlingswind durch den Garten trug. Sie sah zu Lucien.
      Der Kronprinz wirkte müde dieser Tage.
      Die tiefen, dunklen Augenringe sprachen Bände und das spitzbübische Funkeln in seinen Augen wirkte blass und halbherzig. Der Druck der auf dem zukünftigen Regenten lag war mitterweile zu einem enormen Berg angewachsen. Als Heilerin würde sie ihm Ruhe und mehr Schlaf verordnen, vielleicht ein Aufenthalt außerhalb der Palastmauern. Sie wusste mittlerweile, dass Lucien nie den Wunsch verspürt hatte, zu regieren. Darin waren Andvari und der Menschenprinz sich sehr ähnlich. Keiner von beiden hatte das Erbe gewollt.
      Dennoch nickte Lucien ihr erleichtert zu. Auch er war mehr als froh darüber, dass sein Verbündeter sich erholte. Ohne Andvari als zukünftigen Elfenkönig war die Chance auf einen dauerhaften Frieden beinahe unmöglich. Kein anderer Herrscher würde sich auf einen Pakt mit den Menschen einlassen, die für das Elfenvolk zumeist nicht mehr waren als unzivilisierte Wilde ohne jegliche Magie im Blut. Merkwürdig, dass die Menschen dasselbe über die Elfen sagten. Die Völker waren sich ähnlicher, als sie zugeben würden. Dennoch blieb ein Fakt unumstritten, die Elfen hatten die erste Klinge erhoben und den Kontinent in den Krieg gestürzt. Brandschatzend, plündernd bis nichts mehr übrig war.
      "Arukh, der Rat ist nicht glücklich über das Herrlager vor den Stadttoren. Er...", begann Lucien. Er hatte bereits den respektvollen Titel für den Zwergenkönig adaptiert. Er war immer gut darin gewesen, sich fließend anzupassen wohin er auch ging.
      Viola nahm es sich heraus hinter Lucien zu treten und ihm eine Hand auf die Schulter legen.
      Lass mich, sagte sie stumm und sah Alberich an.
      "Arukh," begann auch sie sanft. "Ich verstehe Euren Unmut, aber die heilkundigen Ordensbrüder haben schlicht und ergreifend nicht genug Kapazitäten, um alle gleichzeitig zu versorgen. Von dem Mangel an Platz ganz zu schweigen. Es war nötig uns zuerst um die Verletzen zu kümmern, die Hilfe am dringesten benötigten."
      Sie seufzte und nahm neben Pompidou Platz.
      "Ein paar der Ordenbrüder haben sich dazu bereit erklärt ins Heerlager zu reiten und dort bei der Versorgung der Verwundeten zu helfen, aber unsere Mittel sind begrenzt. Die Heilkundigen der Abtei sind nicht magiebegabt und meine Kräfte sind nicht mehr das, was sie vor dem Kampf in Beleriand waren", antwortete Viola ehrlich.
      Wenn sie eines mit Sicherheit wusste durch ihre Reise mit Andvari und seinen Gefährten, war es, dass Geheimniskrämerei niemandem eine Hilfe war. Sie alle miteinander sagen unendlich müde aus während sie in die Runde schaute.
      "Wie hat der Hohe Rat den Aufmarsch aufgenommen?", fragte sie vorsichtig.
      "Die Comtesse hat getobt, natürlich", seufzte Lucien. "Sie verlangt den Andvari und die Generäle zu sprechen, aber ich halte das für zwecklos. Wir können uns nicht auf die Unterstützung des Hohen Rates verlassen. Verzeiht, Gustave. Sie werden jede Bitte oder Forderung ablehnen. Mir treue Wachen erzählte mir davon, dass die Streunende Armee notfalls mit Gewalt vertrieben werden soll, jetzt wo sie geschwächt ist."
      "Sie haben vor den Befehl ihres Kronprinzen zu missachten?", fragte Viola erstaunt.
      "Es hat den Anschein, als wollten sie mich in einem Streich mit loswerden. Die Comtesse fürchtet um ihre Stellung", erklärte Lucien und rieb sich nachdenklich mit dem Zeigefinger über die tiefen Furchen zwischen seinen Augenbrauen. "Es gibt Gerüchte über Assassinen. Die Spinnen der Comtesse. Giftmörder. Wir müssen Prinz Andvari und die anführenden Generäle strenger bewachen lassen. Nicht auzudenken, wenn einer von Ihnen durch Menschenhand stirbt. Das Chaos wäre nicht auszudenken."
      “We all change, when you think about it.
      We’re all different people all through our lives.
      And that’s OK, that’s good, you gotta keep moving,
      so long as you remember all the people that you used to be.”
    • Mit Luciens Bericht erbleichte sowohl das Ratsmitglied als auch der Zwergenkönig zusehends.
      Diese Nachrichten waren nicht nur schlecht, sie waren katastrophal. Der Arukh der Zwerge wirbelte zu Lucien und ließ seine stechenden, hellblauen Augen über den Menschen fahren. Zuweilen war es der Zwerge Eigenart über den Horizont der Wirklichkeit hinaus sehen zu können. Manche mochten einen Menschen in gebückter Haltung erkennen, doch Alberich erkannte hinter dem Schemen eines Daseins einen König. Einen wahrhaftigen, wenn nicht sagenhaften König, der er werden würde.
      Seufzend verschränkte er die massigen Arme vor der breiten Brust.
      Gustave indes erhob die Stimme.
      "Es stimmt, was Lucien sagt", gab er zu. "Von den Giftmördern wusste ich nichts, das müsst Ihr mir glauben, Lucien. Ich wusste nur, dass man plant, einen kurzweiligen Streich der Armee zu planen. Meine Leute berichten mir, dass die Armee bereits in Alarmbereitschaft versetzt wurde. Heimlich verladen sie Waffen und Geschirr für den Kampf."
      "Ein Kampf in den eigenen Häuserschluchten ist Wahnsinn!", tobte der Zwerg und schnaubte. "Wenn die Fürstin mich sehen will, soll es so sein. Ich trete erhobenen Hauptes vor Euren Rat!"
      "Und zu Eurer eigenen Beerdigung, wie mir scheint", murmelte Gustave und schüttelte den Kopf. "Viola hat Recht. Lasst uns Eure Truppen versorgen so schnell und gut wir können. Ich werde weitere Spione aussenden, um die Spinnen im Auge zu halten. Wenn Andvari stirbt..."
      Kurz herrschte Stille zwischen den Parteien. Während sie alle sich die Konsequenzen ausmalten, die sie erwarteten, wenn ein Elf durch einen Menschen starb.
      "Nicht auszudenken..:", murmelte Alberich und schüttelte den Kopf, sodass sein Bart wippte. "Oberon würde mit allem, was er hat, über diese Lande herfallen. Und das, das kann ich versichern, wird das mehrfache von dem sein, was Ihr bereits erlebtet."
      Gustave nickte und sah zu Lucien und Viola.
      "Wie können wir helfen?", fragte er. "Es muss einen Weg geben, Vorkehrungen zu treffen. Vielleicht sollten wir Andvari lieber außerhalb der Mauern..."
      Alberich unterbrach ihn wirsch.
      "Humbug! Ein König wird in einem Palast versorgt. So verlangt es der Anstand! Ich würde Prinz Lucien auch in meinem eigenen Bette pflegen. Wir sollten-"
      "Schweigen."
      Die Stimme, die sie ereilte war schneidend und beinahe herrisch. Alberich und Pompidou wirbelten beide herum um in ihren Rücken zu sehen, in dem sich eine Gestalt aus den Schatten geschält hatte.
      Wahrlich, lange war es her, dass diese Gestalt ihre Fähigkeiten derart hatte nutzen müssen. Aus dem Schatten einer Mauer hatte sich eine menschliche, gar zierliche GEstalt herausgehoben, die mehr und mehr an Farbe und Fassung gewann. Aschblondes Haar fiel auf die zierlichen Schultern einer berüsteten Frau, die sie mit wachen, dunklen Augen ansah. Und trotz der Monate der Trennung wirkte Nuala Beylamin noch immer so angriffslustig wie zuvor.
      Doch anstatt den Königen ihren Respekt zu zollen, trat sie aus dem Schatten vor und entblößte die schneeweiße Rüstung, die sie als Leibwache des Prinzen auswies.
      "Du!", sagte sie und wies auf Viola. "Folge mir. Ich habe Nachricht von Faolan."

      The more that I reach out for heaven
      The more you drag me to hell
    • "Wie denkt Ihr, Gustave, ist die Comtesse de Beaufort zur führenden Stimme des Hohen Rates aufgestiegen?", fragte Lucien. "Gleichzeitig hat sich dieses hinterlistige Weibsbild in das Bett meines Vaters geschlichen und vergiftet seitdem seinen Verstand. Habt Ihr wirklich gelaubt, dass die Tode ihrer wohlhabenen Ehemänner ein Zufall war? Tragisches Schicksal oder Pech, vielleicht? Wisst Ihr, wie die Bediensteten im Palast die Comtesse nennen? Die schwarze Witwe."
      Viola lauschte den zornigen Worten des Kronprinzen, der um seine Abscheu gegenüber der Comtesse keinen Hehl machte. Eine Vermutung brannte der Heilerin auf der Zunge, die dermaßen grauenvoll war, dass sie sich kaum traute die Worte auszusprechen.
      "Willst Du damit andeuten, woran ich denke?", fragte Viola.
      Grimmig blickte Lucien in die Runde.
      "Ich vermute, dass der gebrechliche Geisteszustand meines Vaters, unseres Herrschers, kein natürlicher Verfall ist", würgte er die Worte hervor. "Ich glaube, die Comtesse vergiftet ihn und das bereits seit sehr langer Zeit. Mein Vater regiert schon lange nicht mehr über sein Volk, dass wissen wir beide, Gustave. Warum denkt Ihr, spricht sich der Rat regelmäßig dagegen aus, meinen Vater seines Amtes zu entheben und mich als seinen Erben auf den Thron zu setzen. Comtesse de Beaufort hält die Fäden in der Hand und wir sind alle ahnungslose Spielfiguren in ihrem Netz aus Lügen."
      Lucien nickte.
      Die Tatsache, dass Pompidou seine Befürchtungen bestätigte und die Armee sich heimlich zu einem Gegenschlag rüstete, war mehr als beunruhigend. Die Comtesse musste den Verstand verloren haben. Viola sah die Anwesenden ratlos an während Lucien mit den Zähnen knirschte. Sie ahnte, was in seinem Kopf vor sich ging: Die Comtesse musste beseitigt werden.
      "Was der Anstand verlangt, wird Andvaris Leben nicht retten, Arukh", widersprach Viola mit möglichst sanfter und beschwichtigender Stimme. Andvari hatte nie etwas auf höfische Etikette gegeben. Sie konnte sich nicht vorstellen, das Andvari darauf wert legte, ob er in einem bequemen Bett oder auf einem Strohlager gepflegt wurde.
      Bevor die Heilerin ein weiteres Wort ausprechen konnte, denn sie wusste wohin sie gehen konnte, durschnitt eine eisige Stimme die Luft.
      Sie erkannte den kühlen Ton bevor sie das Gesicht sah. Neben ihr sprang Prinz Lucien auf die Füße und griff nach seinem Schwert. Aufhaltend streckte Viola den Arm aus und hielt ihn zurück.
      "Nuala", sagte sie und die Verwunderung ließ sich nicht völlig aus ihrer Stimme verbannen.
      Fragende Blicke bohrten sich in ihren Rücken, denn niemand außer ihr kannte die blonde Elfe in der schneeweißen Rüstung. Sie wusste nicht, ob sie Nuala trauen konnte, aber Sylvar hatte es getan. Sie wünschte sich Andvari und Lhoris wären hier.
      "Ich kenne sie", besätigte Viola ihren Verbündeten.
      "Sie trägt die Rüstung des Feindes!", protestierte Lucien.
      "Vertraut mir", murmelte die Heilerin und sah alle eindringlich an.
      Viola durchquerte den Kräutergarten, die Röcke mit einer Hand gerafft, und trat Nuala entgegen. Die Kriegerin und die Heilerin. Nuala in edler Kriegsrüstung und Viola in den langen Gewändern der Heilkundigen. Eisiges Starren und ein warmer Blick trafen nach langer Zeit aufeinander. Es würde Andvari und Lhoris beruhigend zu wissen, dass sie lebte und offensichtlich unversehrt war.
      Sie folgte Nuala.
      "Also, was will Faolan von mir?", fragte sie ohne Umschweife. Nuala war nicht hier um Höflichkeiten auzutauschen.
      “We all change, when you think about it.
      We’re all different people all through our lives.
      And that’s OK, that’s good, you gotta keep moving,
      so long as you remember all the people that you used to be.”
    • Noch ehe Pompidou auf die Berichte des Kronprinzen reagieren konnte, musste er einsehen, dass dieser zu seinem Leidwesen Recht hatte. Es war ein offenes Geheimnis, dass der König nicht mehr zugegen war und sein Verstand sich im Nebel eines Strudels verlor, der wo weiß woher kommen mochte. Pompidou wollte die Stimme erheben, just in dem Moment wo die Elfin sich hinter ihrem Rücken regelrecht zu manifestieren schien.
      Gesponnen aus seidenem Schatten türmte sich erst die grobe Gestalt auf, immer feiner und feiner werdend. Die Konturen in den Schatten waren zunächst nur gleich einem unförmigen Ding, was sich später zu edlen Zügen und feinen Ohren herauskristallierte. Pompidou musste zugeben, dass die Elfin schön war. Blendend schön. Und doch, er kannte sie nicht. Was eigentlich merkwürdig war, betrachtete man die Tatsache, dass es sein Beruf war, Dinge zu wissen.
      Lucien, der aufgesprungen war und sein Schwert zu greifen suchte, wurde geflankt vom Zwergenkönig, der nach seinem Hammer griff und grimmig zu der weißen Rüstung der Frau stierte. Die Rüstung, die so viele Seiner Brüder umgebracht hatte. Glühende Wut brach durch den Zwergenbart, als er zum Schrei ausrufen wollte, doch eine schmale, aber feste Hand sich auf seiner Schulter wiederfand.
      So geistesgegenwärtig wie Viola reagiert hatte, hatte auch Gustave reagiert, als indem er den Führungsarm des Zwerges zurückriss.
      "Was zum..."
      "Ssh", machte Pompidou und legte die Finger an die Lippen. Hatte er gerade einen Zwergenkönig des Schweigens angeheischt?
      "Ich habe nicht viel Zeit, also spart euch das weibische Gekreische!", zischte die Elfin und trat eilig näher. Unter ihrem Umhang trug sie das Zeug eines Kuriers, um die Brust geschlungen. Sorgsam achtend trug sie eine Schriftrolle in einer Lederhülle, die sie behutsam, aber eilig öffnete.
      Als sie Viola erreichte, hielt sie doch einen Moment inne. Zuletzt waren ihre Wege auseinander gegangen, nachdem Lhoris beinahe getötet und Andvari mit diesem Menschenweib abgehauen war. Erstaunlich, wie tief manche Wunde zu gehen scheint, wenn man ihrer nicht habhaft wird. In dem Blick der Elfin spiegelte sich Wut und gleichsam Hass. Und auch wenn es der falsche Zeitpunkt war, spie sie zunächst vor Viola aus.
      "Verflucht seist du und deine Sippe", zischte sie. "Nur wegen dir und dieser vermaledeiten Menschen ist er jetzt..."
      Sie schüttelte den Kopf, sodass die blonden Haare flogen und sah sie eisern an.
      "Der Prinz wünscht ein Treffen mit dir", sagte sie kalt und reichte ihr das Pergament. "Wenn du es öffnest, wirst du eine Karte vorfinden mit einem Treffpunkt, kurz vor den Bergen. Es ist ein Tagesritt von hier und wird nicht viel Mühe kosten. Faolan, dieses miese Schwein, will, dass du alleine erscheinst. Er selbst wird es auch. Eine Leibwache von drei Mann sei dir gestattet bis zum Fuße des Berges. Das Treffen jedoch ist dir vorbehalten. Du hast einen Tag, so du willst."

      The more that I reach out for heaven
      The more you drag me to hell
    • Die Feindseligkeit, die ihr entgegen schlug wie ein eisiger Ostwind, verwunderte Viola nicht.
      Nuala, die von Anfang an einen Greuel gegen ihre bloße Anwesenheit an den Tag gelegt hatte, zeigte sich von ihrer besten Seite. Viola zuckte nicht zurück, als die Elfin erbost in ihre Richtung marschierte und respektlos vor ihr auf den Boden spuckte. Sie war Nuala ein Dorn im Auge, ein lästiger Stein im Schuh, den sie einfach nicht los werden konnte. Die Tatsache, dass Andvari der verhassten Menschenfrau sein Herz geschenkt hatte, befeuerte den Hass nur noch mehr. Nuala machte kein Geheimnis daraus, dass sie Viola zutiefst verabscheute. Für die Elfenkriegerin war sie die Wurzel des Übels.
      Mit aller Gefasstheit, die Viola angesichts des blanken Hasses aufbringen konnte, streckte sie die ruhigen Finger nach dem zusammengerollten Pergament aus. Sie nahm es Nuala aus den Händen und durchbrach das sorgfältig aufgebrachte Wachsiegel, dass das Wappen des elfischen Königshauses trug. Tatsächlich verbarg sich eine gezeichnete Karte darin, sorgfältig und präzise, aber keine Nachricht, keine einzige Silbe.
      "Das fühlt sich für mich nach einer Falle an, Viola", knurrte Lucien, der über ihre Schulter die Karte beäugte.
      Viola nickte bedächtig.
      "Sag Prinz Faolan, das ich da sein werde", antwortete die Heilerin.
      "Was!? Das kann nich Dein Ernst sein!", mischte sich der Kronprinz ein. "Wenn Andvari davon erfährt, wird er..."
      "Er wird es nicht erfahren", forderte Viola und sah mit entschlossenem Blick in die Runde. "Andvari ist nicht in der Verfassung zu reisen und ich lasse ihn um keinen Preis in Faolans Nähe."
      "Aber..."
      "Denkt nach! Ein Mitglied der Leibwache des Prinzen ist mühelos hinter unsere Mauern geschlüpft. Nuala ist nicht die einzige Kriegerin, die durch die Schatten wandelt. Was glaubt ihr wird Faolan tun, wenn ich mich weigere?", sagte Viola nüchtern und viel zu ruhig.
      Sie konnte gar nicht anders, als auf den Wunsch des grausamen Prinzen einzugehen. Das begriff auch Lucien, der sich zähneknirschend wieder auf die Brunnenmauer setzte.
      "Ich werde Dich nicht begleiten können", murrte er.
      "Das hätte ich auch nicht von Dir verlangt."
      Viola wandte sich wieder Nuala zu.
      "Sag Faolan, ich werde seiner Bitte nachkommen", wiederholte sie, dann wurde ihr Gesichtsausdruck etwas weicher.
      Nuala und sie würden niemals Freundinnen werden. Zeiweillige Verbündete wider Willen durch die geteilten Gefühle für Andvari vielleicht, aber nie mehr als das. Andvari, Lhoris und Nuala waren Freunde und Kriegsgefährten lang bevor Viola geboren wurde. Es war nicht ihr Plan gewesen sich zwischen die Freunde zu drängen, noch hatte sie es gewollt. Die Elfin hatte ihre Waffenbrüder seit lange Zeit nicht mehr gesehen.
      "Wünscht du ihn zu sehen, Nuala?", fragte sie. "Du hast den Weg in diesen Garten gefunden. Ich zweifle nicht daran, dass du weißt in welchem Zimmer er sich befindet. Lhoris ist bei ihm."
      Nuala benötigte ihre Erlaubnis nicht, das wusste Viola, aber sie hatte das Gefühl ihr die Möglichkeit eröffnen zu müssen. Die Elfin war stur und unnachgiebig. Sie würde sich nicht erlauben vor der Heilerin irgendein Gefühl außer Hass zu zeigen.
      "Viola..." Das war Lucien.
      Die Heilerin schüttelte den Kopf.
      "Sie mag mich nicht besonders." Und das war harmlos ausgedrückt. "Aber ich vertraue ihr wenn es um Andvari geht. Sie würde ihn niemals wissentlich in Gefahr bringen oder ihm etwas antun."
      Lucien schnaubte ungläubig, beließ es aber dabei.
      “We all change, when you think about it.
      We’re all different people all through our lives.
      And that’s OK, that’s good, you gotta keep moving,
      so long as you remember all the people that you used to be.”