[2er RPG] The Lesser Evil [Winterhauch & NicolasDarkwood]

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    • Eine kurze Weile lang sah Nuala die Menschenfrau an und spielte mit dem Gedanken, ihr Schwert in ihren Hals zu rammen. Wie konnte diese impertinente Frau es wagen, sie diese Frage zu fragen?! Jetzt?! Offenkundig war sie nicht dafür ausersehen, an Andvaris Seite zu sein, sonst wäre sie es doch.
      Nuala rümpfte die Nase und schüttelte den Kopf.
      "Ich bin nicht ausersehen, dort zu sein", sagte sie kalt. "Ich bin unter meine Feinde gegangen, um für meinen König ein Auge und ein Ohr zu sein. Es obliegt den Wesen seines Herzens an seiner Seite zu sein."
      Und nicht mit meinen blutigen Händen, dachte sie schuldvoll und wandte sich um. DIe Antwort nahm sie mit einem Nicken zur Kenntnis und warf einen letzten Blick auf die illustre Runde.
      "Ich überbringe deine Nachricht", sagte sie. "Einen Tag."
      Schweigsam wandte sie sich um und schlug den Mantel über ihr Schwert, ehe sie wieder mit den Schatten verschmolz, die sie einst entlassen hatten.

      Gustave brauchte eine Weile, um die neuen Gegebenheiten zu verarbeiten, die sich in seinem Gehirn ausgebreitet hatten. DIese Wendung war allerdings bedenklich und schwächte das Land zusehends, wenn Viola wirklich alleine,...Das konnte nicht in ihrem Sinne sein!
      Der alte Mann richtete sich wieder auf und sah zu Viola.
      "Ich stimme Prinz Lucien zu", sagte er. "Das Unternehmen ist überaus riskant und leider überwiegen die Nachteile den Vorteilen, Mademoiselle. Ich kann wirklich nicht ermessen, welche Gefahren sich für Euch auf dem Wege ausbreiten werden. Und drei Männer als Leibwache würden nur dann ausreichen, wenn sie einen Rang eines Generals hätten. Und selbst dann ist es gefährlich. Wie man hört, soll Faolan selbst eine Armee sein..."
      Der Zwergenkönig nickte und seufzte schwer.
      "Es stimmt, Heilerin", knurrte er. "Dieser Mistkerl beschwört aus den Schatten. Selbst mit Dreien seid Ihr unterlegen. Selbst mit einer Armee. Es ist eine Falle, sage ich!"
      "Mit Sicherheit!", stimmte Pompidou zu, lehnte sich aber zurück und seufzte. "Doch ich vermute, dass Frau Viola sich davon nicht aufhalten lassen wird, nicht wahr?"
      Getreu ihrem Großvater, wenn man es genau nahm, dachte der alte Mann und lächelte verhalten.
      "Ihr werdet Euren Liebsten und seinen besten Freund täuschen müssen", sagte er noch. "Und wenn Euch etwas zustieße, würdet Ihr uns alle dem Zorn eines Lichtrufers aussetzen, dass wir Euch nicht aufhalten konnten."
      "Ich sage, wir binden sie fest!"
      "Na, na, Herr Zwerg", mahnte Pompidou kopfschüttelnd. "Es gibt eine andere Möglichkeit...Die Zwillinge. Yoki und ihr Bruder. Ihre Fähigkeit erlaubt es ihnen, eins zu werden für eine gewisse Zeitdauer. Zwei Seelen in einem Körper. Und dadurch übermenschlich stark und schnell. Bitte nehmt einen der beiden mit, sodass der andere die Kunde weitergeben kann, wenn etwas passiert..."
      "Und einen Zwerg! Nehmt einen Zwerg!"
      "Also wollt ihr doch, dass sie geht?", grinste Gustave.
      "Ich...Also...Humbug! Ich möchte, dass...Also...Ach, ich habe verflucht nochmal keine Ahnung.!"

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    • Die Bedeutung der eisigen Worte durchbohrten das Herz wie ein grausam und präzise geführter Dolch.
      Natürlich sollte Viola an der Seite ihres Liebsten sein, der sich an einem ihm fremden und gefährlichen Ort von seinen Verletzungen erholte. Andvari war umgeben von Feinden und Meuchelmördern, die in der Dunkelheit auf die perfekte Gelegenheit hofften und das Erste Schwert, Beschützerin und Schild des Lichtrufers, spatzierte im Klostergarten umher. Die Hände an den Seiten der Heilerin krümmte sich zittern bis sie sich schließlich zu Faust ballten. Nägel drückten sich mit einem scharfen, kurzzeitigen Schmerz in ihre Handfläche.
      "Einen Tag", wiederholte Viola nickend und sah zu, wie Nuala in ebenso lautlos in den Schatten verschwand wie sie gekommen war.
      Lautlos. Ungesehen. Tödlich, wenn sie gewollt hätte.
      Kaum war die Elfenkriegerin fort, erhob sich im Rücken der Heilerin eine hitzige Disskussion.
      Andvari zu diesem denkbar ungünstigen Zeitpunkt eine Lüge aufzutischen, gefiel Viola nicht. Die Notwendigkeit ließ sich dennoch nicht von der Hand weisen. Er würde sie nicht ziehen lassen. Ein neues Geheimnis zwischen sich und dem Mann, den sie mehr liebte als ihr eigenes Leben, zu stellen, würde das zarte Band zwischen ihnen auf eine harte Probe stellen. Andvari würde es erfahren. Spätestens sobald sie in die Hauptstadt zurückkehrte, aber sofern seine Wut bedeutete, das er für den Moment außer Gefahr war, nahm Viola diese auf sich. Sie konnte mit dem Zorn und der Enttäuschung leben, so lange sie dafür Faolans finstere Mächte eine Weile länger von ihm fernhalten konnte.
      Seufzend lauschte sie dem Streitgespräch und wartete bis der Redefluss ins stocken kam.
      Zuerst sah sie Lucien mit einem zögerlichen Blick an, denn sie riskierte nicht nur das eigene Herz bei diesem Vorhaben. Nur wusste, dass niemand der Anwesenden. Naja, viellicht Pompidou. Etwas vor ihm zu verbergen, schien so gut wie unmöglich.
      "Ich werde Meliorn bitten mich zu begleiten. Für den Fall, dass uns etwas geschieht, kann er euch alle mit einer Botschaft über den Wind warnen. Schneller ist kein Vogel und kein Reiter", sagte sie.
      Ihr Blick wanderte weiter zum Zwergenkönig.
      "Mit Freude hätte ich Symon um diesen Gefallen gebeten, aber er hat bereits alles für den Mann geopfert, in den wir alle unsere Hoffnung setzen. Mehr kann niemand verlangen", antwortete sie und neigte respektvoll den Kopf. "Ich werde den Mut der Zwerge nicht vergessen, Arukh."
      Dann sah sie zu Gustave.
      "Ich werde Volgast aufsuchen. Seine Stärke könnte im Notfall von großem Nutzen sein", sagte sie und runzelte verwirrt die Stirn. "Ihr wollt Eure Enkel wirklich dieser Gefahr ausetzen? Meliorn und sein Windgeflüster sind schneller als jeder Bote, aber ich gebe zu, dass sicherlich niemand damit rechnet, dass aus einem Reiter plötzlich zwei werden. Das verschafft uns einen Vorteil."
      Viola seufzte schwer und ihre Schultern sackten herunter.
      "Redet mit Euren Enkeln, Gustave", gab sie nach. "Wenn ihr Euch morgen bei Sonnenaufgang noch sicher seid, erwarte ich Alarion und Yoki hinter den äußersten Feldern hinter der Abtei. Es gibt dort einen versteckten Pfad an der westlichen Grenze die Klippen herunter, breit genug für Pferde."
      "Was wirst du jetzt tun?", fragte Lucien.
      "Volgast und Meliorn suchen und dann", seufzte sie. "wenn ihr alle erlaubt, gehe ich zu Andvari zurück."
      Lucien nickt verstehend.
      Die Chancen standen hoch, dass Faolan sein Wort brach und die verlangte Unterhaltung sich als Hinterhalt entpuppte. Wo also würde sie die letzten Stunden vor dem Aufbruch lieber verbringen, als an der Seite ihres Liebsten, wenn das Risiko bestand, dass sie nicht zurückkehrte.

      Meliorn und Volgast hatte ohne Zögern eingewilligt.
      Der elfische Bogenschütze hatte Andvari bereits bedingungslose Treue und sein Leben geschworen. Die Schuld an Sylvars Tod wog schwer und Viola wurde das eisige Gefühl nicht los, diese Schuld unbeabsichtigt zu ihrem Vorteil zu nutzen. Obwohl es nicht so war. Volgast hatte ebenfalls nicht lange gezögert.
      Von allen Generälen der streunenden Armee, hatte er am wenigsten abbekommen. Symon ruhte in einem tiefen Schlaf und Farryn wich nicht von seiner Seite. Auf Lysandra und ihre Magie konnte niemand in einer Schlacht verzichten. Eyrik war verschwunden und Lhoris nicht in der Verfassung für einen langen Ritt.
      Es wurden Gespräche geführt und Pläne geschmiedet.
      Viola nahm einen tiefen Atemzug, ehe sie am frühen Abend zurückkehrte und beinahe zögerlich an die Tür klopfte.
      Mit einem leisen Knarren drückte sie die Türklinke herunter und trat in das Zimmer ein, in dem sie Andvari gegen Mittag zurückgelassen hatte. Sie fragte sich, ob sie denselben Zweifel immernoch in seinen Augen sehen würde.
      “We all change, when you think about it.
      We’re all different people all through our lives.
      And that’s OK, that’s good, you gotta keep moving,
      so long as you remember all the people that you used to be.”

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    • Eilig flogen die Stunden.
      Für Andvari war es nicht mehr als ein Wimpernschlag, glitt ihm immer wieder das Bewusstsein fort. In Geduld und Spucke hatte er sich alles der letzten Tage und Wochen berichten lassen und auch seinerseits berichtet. Es war nicht einfach, von Symons Verletzung, seinem Scheitern und den Augen des Drachen zu berichten, den Faolan aus dem Nichts heraufbeschworen hatte, als wäre es ein einfaches Sonntagsessen.
      Eine ganze Weile hatten sie beisammen gesessen Und Andvari hatte Lhoris von den Umständen berichtet, die Viola ihm angetragen hatte. Es erschien merklich schwer, über derartige Dinge zu sprechen, zumal Lhoris bereits zu wissen schien, um was es sich handelte. Und trotz der guten Worte, der Einigkeit und der Gefühle, die der Elf in sich wahrnahm, war er unsicher. Was wenn das alles hier nur ein Trugbild war? Eine Illusion, geschaffen durch ein magisches Band?!
      "Ich sehe deine Zweifel", sagte Lhoris und grinste breit. Etwas, das man an ihm selten sah.
      "Was soll ich sagen...Es ist nicht einfach einzugestehen, dass man sich fürchtet. Und ich habe Angst, dass es alles nur ein Schein ist, Lhoris."
      "Sind deine Gefühle Schein?", fragte der Schmied. "Oder euer Beisammensein? Ich denke, du machst dir damit zu viele Gedanken, Andvari."
      Nickend seufzte der Elf und strich die weißen Haare nach hinten. Man hatte ihn gebadet und gewaschen, ehe er sich wieder aufs Bett gelegt hatte. Noch immer war sein Körper ein Schatten seiner selbst, aber durchaus in der Lage, sich zu wehren. Er saß aufrecht in seinem Bett und blickte auf, als die Tür geöffnet wurde.
      Violas Gesicht war das erste, was er sah. Und den Zweifel in ihren Augen, auch wenn sie es nicht zugab. Fragen lagen in der Luft, die gestellt werden musste, aber...Hatten sie den Mut dafür`?
      Lhoris jedenfalls deutete die Situation recht und erhob sich in diesem Moment.
      "Alsdann", sagte er grinsend. "Ich lasse euch mal alleine und sehe was die Zwillinge treiben."
      Nickend verabschiedete Andvari seinen Freund und sah zu Viola, die mit ihm zurückblieb, als die Tür ins Schloss fiel.
      "Ist alles in Ordnung?", fragte er besorgt und wies auf die Bettkante, indem er darauf klopfte.

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    • Viola schenkte Lhoris ein dankbares Lächeln, als er sich an ihr vorbei durch die Tür schob.
      Jedes Mal aufs Neue war die Heilerin erstaunt darüber, wie alles im Orden der Heilkundigen von Bourgone zu winzig und gedrungen für die hochgewachsenen Elfen wirkte. Sie hatte das Gefühl, dass Lhoris sich jedes Mal umsichtig ducken musste, bevor er durch einen Türbogen spazierte. Andvari, der selbst den schwarzhaarigen Schwertkämpfer noch überragte, wirkte zu groß und ungelenk für sein derzeitiges Schlaflager. Der Anblick entlockte ihr ein vorsichtig amüsiertes Lächeln, wobei sie die Fingerspitzen gegen ihre Lippen drückte um es ein wenig zu verstecken. In der augenblicklichen Lage über derartige Kleinigkeiten zu lachen, kam er schrecklich unpassend vor. Die Tür fiel leise ins Schloss und ließ Viola mit der drückenden Stille zurück bis Andvari entschied zu sprechen.
      Sie beobachtete seine Hand, die auffordernd auf die mit Stroh gefüllte Matratze klopfte und spürte wie ein Lächeln ihr Gesicht erhellte. Dieses Mal konnte sie es nicht kaschieren und wollte es auch nicht. Die Geste erfüllte sie mit der Vertrautheit, die sie vermisst hatte, und sie erlaubte sich für einen Augenblick das Gefühl zu genießen. Sie hatte viele Stunden Zeit gehabt um ihre Gedanken zu sortieren. Es war eine unumgängliche Notwendigkeit gewesen um den eigenen Plan nicht zu gefährden, um Andvari nicht zu gefährden. Wie sie ihren Verbündeten bereits gesagt hatte: Sie würde Faolan für keine Sekunde in die Nähe von Andvari lassen.
      Ein völlig anderer Gedanke hatte gleichzeitig in ihrem Hinterkopf gepocht wie eine schmerzhafte Erinnerung.
      Sie war so in Furcht vor seiner Reaktion gewesen, dass sie ihn nach dem Aufwachen einfach damit überrumpelt hatte. Viola hatte ihn so schmerzlich vermisst und hatte die ersten Sekunden mit ihren eigenen Sorgen vollkommen überschattet.
      Nicht einmal einen Kuss hatte sie ihrem Liebsten gegönnt bevor sie ihm die entdeckte Wahrheit ins Gesicht geschleudert hatte.
      Sie kam sich vor wie eine Närrin.
      Langsam folgte sie der Einladung des Lichtrufers und ließ sich auf der Bettkante nieder, die Hände in ihrem Schoß verschränkt. Nach allem Gesagten war sie nicht mehr sicher, ob sie überhaupt noch das Recht hatte sich die vertraute Nähe und die vermissten Zärtlichkeiten zurück zu wünschen. Sie war sich nicht einmal sicher, ob Andvari sie überhaupt noch wollte. Viola nagte unschlüssig an ihrer Unterlippe, ehe sie stieß ein langgezogenes Seufzen aus.
      "Ich bin eine Katastrophe, Andvari", würgte sie hervor. Das hatte sie schon einmal gesagt, damals in dem kleinen Haus am See. "Verzeih mir, dass ich dich gleich mit diesen alten Geschichten überfallen habe. Ich hatte das Gefühl, ich müsste sonst platzen. Jetzt habe ich alles kaputt gemacht, aber ich konnte dich nicht belügen, nur weil ich dich noch ein wenig länger behalten wollte."
      Dabei wartete die nächste Lüge gleich um die Ecke.
      Danach, würde er sie verstoßen. Viola zweifelte nicht daran.
      Sie würde diese Stunden vor dem Aufbruch zu Faolan nicht mit Streitereien verschwenden.
      "Und ich bin besorgt. Die Comtesse, das höchste Mitglied unseres regierenden Rates hier in Bourgone missfällt Luciens Entscheidung. Uns ist zu Ohren gekommen, dass sie ihre Attentäter in Stellung bringt. Es ist nicht ausgeschlossen, dass sie versuchen werden, dir etwas anzutun. Lucien hat die bisherigen Wachen bereits durch Männer seines Vertrauens ersetzen lassen."
      Viola zögerte.
      "Ich würde besser schlafen, wenn ich bei dir bleiben könnte", murmelte sie mit gesenktem Blick. "Wenn du mich noch willst...Ich meine, wenn es dir nichts ausmacht?"
      Sie spürte die Hitze in ihren Wangen und die unerwünschte Verlegenheit. Es fühlte sich an wie am Anfang. Zurückhalten und unsicher.
      “We all change, when you think about it.
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    • Ruhig betrachtete der Elf die herannahende Heilerin. Etwas in ihrem Tun und Gebahren wirkte falsch und beinahe fehl am platze, wenn er es gebau betrachtete. Doch ließ es sich nichz wirklich benennen, dieses etwas. Schweigsam sah er sie an und lächelte warmherzig und versuchte, den Rat seines besten Freundes zu beherzigen.
      Was zählte, war nicht die Tatsache des gesagten. Was zählt waren die Taten eines jeden von ihnen. Es wäre dumm, Viola nach etwas anderem zu beurteilen als das.
      Als sie sich setzte war Andvari einen Moment lang erstaunt, über ihre Zurückhaltung und die damit einhergehende peinliche Stille, bis sie diese schließlich selbst brach.
      Auf das gesagte folgte ein Moment lang nichr, ehe der Elf zu kichern begann. Ja, er kicherte. Der lichrufer, General der streunenden Armee, begann leicht zu kichern, was schließlich in Gelächter mündete. Beinahe übergriffig griff er nach ihren Händen und führte sie in seine, sodass sie sich zu ihm drehen musste.
      "Du bist mitnichten eine Katastrophe, Viola ", grinste er und stellte mit erstaunen fest, dass es auch seine Augen erreichte. Sicher, die Zweifel waren nicht beseitigt und noch immer flüsterte eine Stimme in seinem Hinterkopf, die ihn zur Achtsamkeit gemahnte. Er durfte nicht leichtsinnig sein, aber die Tatsache war, dass die Gefühle exht waren. Zumindest so lange bis man lhm das Gegenteil bewies.
      "Rede nicht si einen Unsinn. Es gibt Dinge, die gesagt werden müssen. Und wir können uns nicht vor allem verstecken. Das haben wir schon im Holzhaus gemerkt, nicht wahr?"
      Grinsend zog er sie etwas näher an sich heran und legte seine Hand an ihre Wange, ehe sie weiter sprach und er sich der Konzentration halber wieder auf ihre Hände beschränkte. So sehr sein Geist auch nach einem Kuss verlangte.
      "Die Comtesse scheint ein garstiger Charakter zu sein" murmelte der Elf und seufzte. "Ich bin des Gefühls der Attentäter um mich herum nicht neu, aber es ist natürlich beunruhigend, bedenkt man in welcher Lage ich mich befinde. Ich glaube nicht, dass ich mich derzeit zielführend verteidigen kann."
      Auf ihren letzten Satz hin musste er wieder grinsen, wobei sich diesmal neben dem Schalk auch eine frivole Note ausbreitete.
      "Fragst du wirklich gerade, ob du bei mir liegen darfst? " fragte er und lachte erneut. "Wir haben glaube ich schon frivoleres als schlafen miteinander zwischen Laken getrieben. Von daher ist die Antwort natürlich ein ja."
      Auch wenn 3r sich der Reaktion auf ihrem Gesicht freute, schien doch etwas nichz zu stimmen. Ein undefinierbarer Schatten auf der Welt, so erschien es ihm beinahe.
      Andvari beschloss, es zu ignorieren.
      "Und jetzt küss mich bitte. Ich warte schon seit Wochen darauf."

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    • "Die Comtesse ist eine widerwärtige und machthungrige Frau, die vor keiner Greueltat zurückschreckt. Die fürchterliche Vermutung, sie könnte Luciens Vater bereits seit geraumer Zeit langsam vergiften, steht wohl hinter vorgehaltener Hand schon länger im Raum. Allerdings wagt keiner gegen diese schreckliche Frau vorzugehen. Der letzte Mann, der gegen die Comtesse protestiert hat, ist spurlos verschwunden."
      Viola versuchte das peinliche Gestammel im Zaum zu halten, denn die unerwartete Belustigung und das Gekicher des Elfen überraschte sie. Andvari Valverden, Lichtrufer und Bastard des Elfenkönigs, Feldherr und gefürchteter Schwertkämpfer...kicherte wie ein kleiner Schuljunge. Es passte nicht zur grimmigen Verbissenheit, die Andvari noch vor ein paar Stunden an den Tag gelegt hatte. Die Kälte wich etwas Vertrautem, aber die Heilerin blieb zurückhaltend. Auch als raue Hände ihre Finger umschlossen, ihre Wange zärtlich streichelten und die Wärme seines Körper durch ihre Kleidung sickerte. Viola wandt sich unter dem amüsierten Funkeln in den bernsteinfarbenen Augen, ohne dabei ernsthaft in Erwägung zuziehen, sich aus seinem Griff zu befreien.
      Andvari lachte über ihre Frage und Viola schlug ihm tadelnd mit der flachen Hand auf die Brust.
      "Hörst Du wohl auf mich auszulachen!", schnaubte die Heilern und sah ihn anklagend an.
      Ihre Mundwinkel zuckten.
      Sie würde ihm nicht die Genugtuung gönnen, sich von seinem Lachen anstecken zu lassen und verzog die Lippen zu einem hübschen Schmollmund. Viola begriff erst einige Sekunden später, dass sie Andvari einen Schlag gegen die gerade frisch verheilte Wunde verpasst hatte. Die Kraft dahinter war für Andvari vermutlich nicht mehr als der Flügelschlag eines Schmetterling und damit weder erwähnenswert noch sonderlich schmerzhaft.
      Die Hitze in ihren Wangen stieg an und zauberte einen tiefroten Schimmer auf die blasse Haut, das selbst die zarten Sommersprossen um die Nase darin verschwanden. Und während Viola erneut Entschuldigungen stammelte und mit hektischen Fingern nach der blassrosa Narbe über seinem Torso tastete, sprach der Elf breits munter weiter.
      Viola blinzelte.
      Sie erstarrte mitten in der Bewegung.
      Für einen Augenblick sah es so aus, als hätte seine Aufforderung sämtliche Gedanken aus ihrem Kopf gefegt. Dann löste sich etwas in der Heilern. Die versteiften Schultern sanken und der angespannte Zug um ihre Mund verschwand. Ohne Vorwarnung legte sie die Hände um sein Gesicht. Viola verlagerte ihr Gewicht und drückte die Knie tief in die weiche Matratze während ihre Daumen über seiner Wangenknochen fuhren. Heißer Atem streifte ihre Gesicht. Sie überbrückte die wenigen Zentimeter bevor der Zweifel an die Tür klopfen konnte. Sie hatte ihn vermisst. Sie hatte um ihn gefürchtet und auf seine Rückkehr gewartet. Und all das brach nun über ihrem Kopf zusammen.
      Viola küsste ihn.
      Kaum berührten sich ihre Lippen, entfloh ihr ein zartes Seufzen.
      Der Seufzer klang dermaßen sehnsüchtig und bedürftig, dass Viola unter anderen Umständen vermutlich voller Scham im Boden versunken wäre. Ihre Stimme sollte nicht der einzige Verräter bleiben. Auch ihr Körper entzog sich überwältig ihrer Kontrolle und obwohl sie selbst noch die Stiefel an den Füßen trug, schmiegte sich Viola an seine starke Brust.
      “We all change, when you think about it.
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    • Es brauchte viel und gleichsam derer mehr, um ein Geräusch seinerseits zu unterdrücken, als Viola ihm regelrecht um den Hals fiel.
      Sicherlich hatte er die schüchtern wirkenden Berührungen bemerkt, die sich auf seine Brust geschlängelt hatten. Den vorherigen leichten Schlag bereits vergessen und noch halb verfangen in ihrem unterdrückten Lächeln, verfing er sich neuerlich an ihren Lippen, die seine sicher versiegelten.
      Es wirkte besonnen, dass der Elf lediglich seine Arme um sie schlug, doch ignorierte er eine Reihe von Schmerzreaktionen, die alleine die Umarmung noch auslöste. Auch wenn es lächerlich klang, war doch ihr Kraftunterschied schon merkbar, so hatte ihn Faolans Monströsitäten durchaus mitgenommen. Er würde auf einige Tage das Bett kaum verlassen können.
      Es dauerte eine ganze Weile, in denen er den Kuss erwiderte und sanft mit seiner Hand über ihren Rücken glitt, während er versuchte, sich standhaft gerade zu halten. Obschon nicht einfach, gelang es ihm mehr schlecht als recht.
      Als sie sich voneinander lösten, war selbst auf seiner elfenbeinfarbenen Haut ein sanfter rötlicher Schimmer erschienen und der Atem ging ihm schwerer als zuvor.
      "Darauf habe ich lange warten müssen", wisperte er und Andvari merkte, dass er für nicht mehr die Kraft hatte.
      Sanft nahm er ihre Hände von seinem Gesicht und legte die Arme um ihren Leib, während er ihren Scheitel sanft küsste und den Geruch einsog, den er so vermisst hatte.
      Lächelnd legte er seine Stirn an ihren Scheitel und kniff die Augen kurz vor Schmerzen zusammen. Es stimmte etwas nicht und der Elf wusste es. Die Knochen schmerzten ihm und letztlich erschien seine Aura fast gar nicht vorhanden. Macht hin oder her, aber wenn sie nicht rufbar war, war sie nicht nützlicher als ein Kropf.
      Er würde einige Nachforschungen anstellen müssen, brauchte hierfür aber Magie. Die Frage war eher, wo er diese finden mochte.
      "Die Comtesse ist ein Feind, den wir zu berücksichtigen haben, aber ich werde nicht verschwinden", murmelte er nachdenklich und löste sich leicht von ihr. "Ich werde hier sein und ich werde mich ihr stellen müssen, wenn ich verhindern will, dass sie mich überfällt. Nur wenn sie sieht, was sie vor sich hat, wird sie bemerken, dass ihre Attacken mitunter nutzlos sind."
      Sanft glitt seine Hand über ihr Gesicht und es überkam ihn ähnlich wie Viola erneut. Sanft und beinahe vorsichtig küsste er sie erneut, diese warmen, ihm so nahen Lippen. Diesen Erdbeermund, nach dem er sich verzehrt hatte, in den rauen Nächten der Schlacht. Und die er nicht mehr missen wollte, komme was da wollte.

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    • Viola spürte, das etwas nicht stimmte.
      Dabei dachte sie nicht an ihre mangelnde Selbstbeherrschung, für die sie sich eindeutig schämen sollte. Einem Verletzten derartig um den Hals zu fallen und dabei die sämtliche Rücksicht zu vergessen, war einer Heilerin dieses Ordens wirklich nicht würdig. Die Gefühle hatten sie schlichtweg übermannt und obwohl Andvari versucht, sich keinerlei Schmerz anmerken zu lassen, spürte Viola nah an ihrem Leib das unkontrollierte Zucken überanstrengenter und frisch verheilter Muskeln. Der Elf berührte sie mit befremdlicher Zurückhaltung und schenkte seiner Liebsten dennoch eine kraftlose Umarmung. Sein Wispern zauberte ein sanftes Lächeln auf ihre Lippen und es gab ihr die Hoffnung, das noch nicht alles verloren war. Blutschwur hin oder her. Sie würden das Thema nicht ewig umschiffen können, aber sie hatte ihn erst seit ein paar Stunden zurück und würde ihn im Morgengrauen bereits wieder verlassen. Viola dachte nicht daran, die restliche Nacht mit Streitereien zu füllen.
      Widerstandslos ließ Viola zu, dass er ihre Hände von seinem Gesicht fortzog und seufzte leise, als sich endlich beide Arme um sie schlangen. Endlich mehr darauf bedacht seine schlechte Verfassung im Auge zu behalten, lehnte sich Viola nicht mit ihrem vollständigen Körpergewicht gegen den Elf. Eine Weile genoss sie die Wärme, bis sie das selbstsüchtige Bedürfnis nach Nähe in den Hintergrund verdrängte. Mit dem festen Vorsatz, Andvaris Heilung nicht länger zu stören, lehnte sich die junge Frau aus der ungelenken Umarmung zurück.
      Kopfschüttelnd sah sie Andvari eindringlich an.
      Alle guten Vorsätze nutzten nur wenig, wenn Andvari sie aus dem Nichts heraus auf diese vorsichtige und zarte Weise küsste und damit alle Widerworte im Keim erstickte. Viola seufzte und ihr Selbstbeherrschung drohte dahin zu schmelzen. Etwas zwickte auch in diesem Augenblick an der hintersten Ecke ihres Verstandes. Andvari hatte sie immer angesehen, als könnte sie jeden Augenblick zerbrechen. Obwohl sie ihm mehrfach das Gegenteil bewiesen hatte. Die Vorsicht schien nicht allein aus dem körperlichen Schmerz zu erwachsen. Die Ungewissheit trieb sie beide um, ob sie zu zugeben mochten oder nicht. Sie schob den Gedanken dahin zurück, wo er hergekommen war.
      Mit gesenkten Lidern suchte ihre Hand die Schulter des Weißhaarigen. Als die Heilerin ihr Ziel fand, drückte sie ihren Geliebten ein winziges Stückchen zurück.
      "Sei mir nicht böse, Andvari", brachte sie trotz der Zartheit atemlos hervor. Die Röte auf seinen Wangen stand ihm unverschämt gut. "Du könntest Dich ihren Attätern erwehren, wenn du im Vollbesitz deiner Kräft wärst. Dein Körper ist schwach, deine Aura zu blass und brüchig. Ich halte es für zu gefährlich hier zu bleiben. Du kannst Dich ihr stellen, wenn du Dich erholt hast."
      Ganz sachte verstärkte sie den Druck auf seine Schulter bis er zwangläufig nachgeben musste. Das Mannöver war nicht fair hinsichtlich seiner Schmerzen, aber er konnte sich im Augenblick nicht recht gegen sie wehren. Somit beförderte Viola ihren Geliebten mit sanfter Gewalt auf den Rücken. Kurzerhand schwang sie die Beine aus dem Bett und streifte die Stiefel und das schwere Oberkleid ab. Sie kletterte neben ihn zurück auf die Matratze und erlaubte sich sogar unter die dünne Decke zu schlüpfen. Viola drehte sich vorsichtig auf die Seite, um ihn nicht allzu sehr zu erschüttern.
      "Schlaf", wisperte sie und beugte sich über ihn. Ein Kuss berührte seine Stirn.
      Dann stützte sie das Kinn in die Hand und sah ihn mit einem Schmunzeln auf den Lippen und auf der Seite liegend an. "Ich halte Wache."
      “We all change, when you think about it.
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    • Andvari bemerkte das Zögern bereits bevor sie seine Schultern zart, aber bestimmt zurück schob und die Trennung ihrer Lippen nur allzu früh veranlasste. Ob es der Gedanke war, nicht ihrer sein zu können? Ob es sie genauso quälte wie ihn, dass dies alles hier, diese brennende Sehnsucht in seinem Leib und dieses Feuer, das nicht zu ignorieren war, alles nur Schall und Rauch sein mochte? Eine Illusion?
      Wohl kaum, oder?!
      Schweigsam ließ er die Trennung zu und sich zurückdrücken und obschon das Lächeln nicht von seinen Lippen wich, büßte es etwas an Kraft und Stärke ein, ehe er sich wieder auf den Rücken legte.
      Nickend gab er Viola Recht.
      "Das ist wohl leider wahr", murmelte er. "Ich könnte, aber so nicht. Die Frage ist nur, was tu ich, wenn deine wachsamen Augen einmal nicht über mich wachen?"
      Grinsend warf er die Decke wieder über sich und sah ihr dabei zu, wie sie einen Großteil ihrer Kleidung von dannen warf. Wie gerne hätte er ihre Zweisamkeit noch vertieft, aber der Elf fürchtete, dass seine Muskeln nicht nur ihren Dienst quittierten sondern ihm vermutlich auch mehr denn je gerissen wären. Schweigsam lächelte er als sie sich neben ihn legte.
      Der Kuss auf der Stirn brannte angenehm von der Wärme, die sie ausstrahlte und Andvari fühlte sich einen Moment mit seinen Gedanken leichter. Auch wenn mancher Zweifel seinen Verstand vergiftete, war es doch immer noch sie, die dort war. Die neben ihm lag und ihn anlächelte.
      "Wie kann ich da gefährdet sein", murmelte er schwer und schloss die Augen nach einem kurzen, tiefen Atmen. Sie hatten Zeit, nichgt wahr?
      Wenn das alles vorbei war und er wieder bei Kräften war, hatten sie Zeit. Zeit, das alles aufzuholen, was sie versäumt hatten. Vielleicht war es auch alles, was benötigt wurde. Zeit.
      Auch wenn Andvari etwas im Hintergrund seines Verstandes ziepen spürte, so glitt er schwer hinüber in den erholenden Schlaf, der seinen Körper alsbald bleischwer machte.
      Hätte er nur geahnt, dass es eine der letzten friedlichen Nächte war...

      The more that I reach out for heaven
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    • Träume blieben Viola in dieser Nacht fern. Sie gab den Bildern der Vergangenheit und den Warnungen ihres Unterbewusstsein keinerlei Gelegenheit ihr leichtsinniges Vorhaben in Frage zu stellen. Die Heilerin verweilte wie eine stumme Wächterin neben ihrem Liebsten. Sie war so still und bewegungslos wie eine der hübschen Statuen aus weißem Stein in den kaiserlichen Gärten. Manchmal, wenn Andvari sich unruhig vom Schmerz bewegte, berührte sie mit den Fingerspitzen seine Stirn und fuhr die tiefen Linien darauf nach, bis sich die Haut wieder glättete. Sanft brührte sie mit dem Daumen die tiefen Furchen zwischen seinen Augenbrauen und schickte einen zarten Impuls ihrer Magie durch sein schlafendes Bewusstsein bis sich die zusammen gezogenen Brauen wieder entspannten. Viola ließ nicht zu, dass der Schmerz ihn aus der erholsamen Ruhe katapultierte. Und so verharrte sie, Stunde um Stunde, bis zum Morgengrauen. Der Horizont zeigte sich in einem nebligen Grau und beinahe farblosem Blassblau, als Viola beschloss, dass es Zeit war. Hauchzart bedachte sie seine Gesicht mit flüchtigen Küssen auf seiner Stirn, den Augenbrauen, den geschlossenen Lidern und den Lippen, die sie sehnsüchtig vermisst hatte. Ein Kuss für jedes Versprechen, dass sie ihm im Stillen gab. Sie würde sicher zu ihm zurückkehren. Sie würden gemeinsam herausfinden, was es mit ihrer Geschichte auf sich hatte. Schweigend versprach sie Andvari, ihn zu lieben, egal welche Erkenntnisse ihre Nachforschungen zu Tage fördern würden. Sie versprach, die Bitterkeit nicht überwiegen zu lassen. Und viele kleine Versprechen mehr, die ihre Gedanken erfüllten. Viola wollte Andvari an ihre Lieblingsorte in den Gärten führen. Sie wollte ihm den Ort näherbringen, der ihr Leben gerettet hatte. Der Elf sollte ihren Mentor kennenlernen, den Mann, der ihr ein Vater gewesen war. Sie versprach Andvari, ihn nie wieder zu belügen und auch das letzte Geheimnis zu offenbahren, das sie mit sich trug.
      Viola verließ das Zimmer ohne sich ein letztes Mal umzudrehen.
      Sie wäre nicht gegangen, hätte sie es getan.

      Die Heilerin schritt durch das taufeuchte Gras.
      Heimlich hatte sich Viola aus den Gemäuern der Abtei geschlichen und durchquerte nun die geliebten Gärten, die ein paar der wenigen schönen Erinnerungen beherbergten. Ein sanftes Schnauben ließ sie aufblicken. In der Nähe des kleines Schlupfloches, das sie die Steilklippe herunter führen würde, wartete ihre ausgewählten Gefährten mit den Pferden. Meliorn hielt zwei zierliche, aber flinke Stuten am Zügel. Die Tiere mit dem unscheinbaren, braunen Fell besaßen einen sicheren Tritt und ein zuverlässiges Gemüt. Sie grüßte ihn mit einem dankbaren Nicken. Auf dem Sattelknauf saß Isobelle und putzte sich scheinbar gelangweilt das seidige Gefieder. Viola drückte die Lippen zu einer schmalen Linie zusammen und schluckte das schlechte Gewissen herunter beim Anblick des Milans. Lucien musste dem Bogenschützen die treue Gefährtin überlassen haben. Volgast saß bereits auf einem stämmigen Schalchtross, weniger flink aber deutlich beeindruckender als die Stuten. Sie nickte auf ihm zur Begrüßung zu. Viola wusste, was sie ihnen allen abverlangte. Auf dem letzten Pferd erkannte die Heilerin die Gestalt von Alarion. Dass Pompidou seine einzigen Enkel auf diese gefährliche Mission schickte, hätte Viola zur Umkehr bewegen müssen. Die Zwillinge waren zu jung. Obwohl sie genau genommen sogar älter waren als Viola. Für Elfen, waren die beiden allerdings noch furchtbar jung.
      Sie nahm die Zügel von Meliorn entgegen und sah ihre Freunde, neue und alte, an.
      "Ich werde nicht vergessen, welche Gefahr ihr auf euch nehmt an diesem Tag und was es euch allen abverlangt, Andvari im Dunkel zu lassen", erhob Viola die Stimme. "Aber wir müssen verhindern, dass Faolan seinen Bruder in die Finger bekommt. Ich habe in Tirion gesehen, was Andvari erwartet und ich bekomme bis zum heutigen Tag noch Ablträume davon. Wenn wir ihn durch diese Heimlichkeit beschützen können, bin ich bereit seine Wut und seinen Unmut auf mich zu laden. Ich werde alle Schuld von euch auf mich nehmen. So lange er lebt, ist es nicht von Bedeutung, ob er mich verabscheut oder liebt."
      Meliorn nickte schweigend und schwang sich grazil auf den Rücken seines Pferdes. Viola tat es ihm eine Moment später gleich.
      Niemand bemerkte die verhüllte Reiter, die sich langsam die Steilklippe entlang bewegten. Der verschlungene Pfad führte bis zum Fuß der scharfkantigen Felsen und hinaus aus der kaiserlichen Stadt. Lucien hatte ein paar der Wachen großzügig bestochen, um die maskierten Reiter aus den Toren zu lassen. Danach zogen die Gefährten das Tempo deutlich an. Der Ritt bis an die ersten Ausläufer der Schneegebirge würde Stunden in Anspruch nehmen und sie hatten keine Zeit zu verlieren. Viola wollte Faolan keinen Grund liefern, mit seinen Schattenläufern und Albtraumkreaturen durch die Mauern in die Stadt einzudringen.
      Die Landschafft verschwamm in einem Wirbel aus trostlosen Farben und dem Licht der aufgehenden Sonne.

      Die Luft kühlte merklich ab, als sie die ersten Gebirgsausläufer erreichten.
      In der Ferne glitzerte der letzte Schnee des Winters auf den kleineren Gipfeln und Viola wusste, dass auf den höchsten Gipfeln, die die Wolkendecke durchbrauchen immerwährendes Eis die felsige Landschaft überzog. Das friedvolle Plätschern eines Baches erfüllte die klirrend kalte Frühlingsluft. Der Bach floss aus den Bergen hinab und mündete in dem großen Fluss, der das Niemandsland vom restlichen Reich der Menschen trennte. Erynn Vâr und Beleriand im Westen. Bourgone als Zentrum im Osten. Eine Grenze, die dieser Tage verschwamm und keine Sicherheit mehr bot. Die Quele befand sich weit oben in den Bergen und war ohne entsprechende Ausrüstung nur unter Lebensgefahr zu erreichen. Aber bis dahin würde Viola nicht gehen müssen.
      edc12a5ae8c68c24251df076b0e9f334.jpgAn einem verfallenen, turmähnlichen Gebäude hielt der kleine Tross von Reitern an. Die alte Wassermühle hatte schon vor langer Zeit ihren Dienst eingestellt und war von der Natur zurückerobert worden. Das gölzerne Rad war komplett im bereites Gewässer verschwunden, dort wo der Bach in den Fluss mündete. Viola stieg vom Pferd ab und alle anderen taten es ihr gleich. Es war furchtbar still geworden. Allegemein hatte niemand viel gesprochen. Die Pausen waren kurz gewesen und die Anspannung zu allgegenwärtig.
      "Ich halte es noch immer für eine denkbar schlechte Idee, Viola", gab Meliorn zu bedenken.
      "Wir haben nicht den ganzen Weg hinter uns gebracht um jetzt umzudrehen", antwortete Viola.
      "Es stinkt nach einer Falle!", versuchte es der Bogenschütze noch einmal.
      "Denkst du, dass weiß ich nicht!? Aber ich habe nicht vor mich tatenlos hinter Mauern zu verstecken und darauf zu warten, dass Faolan sich holt, was er will."
      "Viola...", raunte Meliorn.
      "Wenn ich bei Sonnenuntergang nicht zurück bin, schickt Nachricht nach Bourgone", wies sie an.
      Meliorn schüttelte ein wenig den Kopf ehe er sich geschlagen gab und sich auf einem alten Baumstumpf in der Nähe der Mühle niederließ. Er fuhr sich durch die Haare und sah der Frau nach. Viola war ein Mensch, ein Bauernmädchen, das in ihrem Leben zu viel gesehen hatte und doch marschierte sie mit erhobenem Haupt den schmalen Trampelpfad am Bach entlang.
      Das Mädchen mit dem wilden, herbstroten Haar und den Narben in dem hübschen Gesicht, sah aus wie eine ungekrönte Königin, die gefallen war bevor sie eine Chance gehabt hatte. Er konnte sich nicht vorstellen, dass sie jemals ängstlich in einer Ecke gekauert hatte. Aber diese Entwicklung hatte sie wohl Andvari zu verdanken. Meliorn hatte sich in den frühen Morgenstunden alle Mühe mit ihrem Erscheinungsbild gegeben.
      Viola würde Faolan nicht als zerlumpte Bäuerin entgegen treten.
      Kunstvolle, geflochtene Zöpfe hielten die rebellischen Haare aus dem Gesicht zurück. Zum Großteil fiel das Haar weich und glänzend über ihren Rücken, durch gewirbelt vom harschen Wind während des Ritts, aber noch ansehnlich. Die eflische Kunst in den filigranen Zöpfen und den schimmernden Perlen darin ließ sich kaum verleugnen. Als Zeichen ihrer Zunft der Heiler und ihrer Verbundenheit zur Weißen Hand hatte Meliorn das erste Frühlingsgrün mit eingewebt. Zarte, grüne Blättchen und die ersten frühen Blütenknospen schmückten das Kunstwerk. Es hatte erstaunlich gut gehalten, aber vielleicht hatte er mit einer Verbundenheit zum Wind auch ein wenig nachgeholfen. Viola selbst hatte den leichten Brustpanzer der Sternenstahlrüstung angelegt und einzelne Ornamente in ihre Reitkleidung übernommen. Sie war die Gefährtin und Geliebte des Lichtrufers, Erstes der berühmten Zwölf Schwerter, dann konnte sie auch so aussehen.
      Sie wusste nicht, wie lange sie dem Bauchlauf folgte, als sie eine schattige Lichtung zwischen kargen Bäumen erreichte.
      Viola wartete und legte ihre Hand zur eigenen Beruhigung auf Dandelost silbrige Klinge.
      Faolan würde sie aufspüren, daran zweifelte sie nicht.
      “We all change, when you think about it.
      We’re all different people all through our lives.
      And that’s OK, that’s good, you gotta keep moving,
      so long as you remember all the people that you used to be.”
    • Eine Unterhaltung mit der jungen Frau während es Ritts zu führen, erschien bislang ausweglos.
      Viola hatte ihren Weg gewählt und ging ihn zumindest mit erhobenem Haupt. Noch während er Reise versuchten die Zwillinge und auch Volgast selbst noch die Eindrücke der vergangenen Schlachten mitzuteilen, damit sie zumindest ansatzweise wusste, was auf sie zu kam. Doch auch wenn es Meliorns verzweifelter Versuch war, die Heilerin aufzuhalten, wussten die anderen drei, dass man eher einem Esel das Tanzen beibringen konnte.
      Lediglich das Kommando der jungen Frau, die Nachricht nach Bourgogne zu schicken, nahmen sich sowohl Volgast wie auch die Zwillinge vor, nicht an zunehmen.
      Grinsend versorgten die Zwillinge die Pferde, während Volgast dem jungen Elfen auf die Schulter klopfte und grinste.
      "Mach dir keine Sorgen", murmelte er. "Wenn Faolan sie töten wollte, hätte er es schon in den Ebenen getan, wo wir schutzlos waren. Er ist ein Monstrum, aber er ist nicht dumm."
      Sorgsam entzündeten sie ein kurzes Feuer und scharten sich anschließend darum, um der Dinge zu harren, die dort kommen mochten. Eine Aura, die sie erspürten, ließ die Zwillinge jedoch aufhorchen.
      "Sie sind da", flüsterten sie. "Wir spüren sie."
      Es mochte beginnen...

      Liebliches, friedliches Zwitschern erfüllte die Luft auf der Lichtung.
      Obschon die Bäume nicht nach dem blühenden Leben aussahen und die Erde zu ihren Füßen bereits bessere Tage gesehen hatten, blies ein kühler, aber frischer Wind durch die Wipfel. Zartes Zittern der Blätter folgte einem betörenden Rauschen, ehe die junge Heilerin auf der freien Lichtung sichtbar wurde.
      Ach wie gut sie sich frisiert hatte. Und wie edel die Rüstung im Licht des Tages schimmerte. Es war beinahe zum Würgen. Als ob sie ein Schwert, das sie nicht recht führen konnte, helfen würde.
      Es vergingen noch einige Minuten, ehe Bewegung in das gräulich-grüne Unterholz. Aus dem schwarzen Untergrund der Lichtung schälte sich eine Gestalt aus den Schatten, welche ihresgleichen noch in den Verkündigungen der Barden suchte. Manch ein Lied wurde über das Wesen geschrieben, das aus dem Schatten brach und sich zu voller Größe aufrichtete. Die meisten Menschen wie auch Elfen kannten den Leibwächter Faolans als den "blutroten Ignis". Dies mochte zum einen an seiner merkwürdig schlanken Gestalt, aber auch an der Rüstung aus ochsenblutrotem Stahl liegen, welche er am Leibe trug. Die schwere Plattenrüstung zierte ein prunkvoller Helm, der ab dem Augenschlitzen mit westlichen Löwen ornamentiert war. Seine Waffe - ein langer Zweihänger aus schimmerndem Stahl, gleich dem der Heilerin - schleifte er wie ein unnötiges Laster hinterher.
      Sachte tätigte drei Schritte auf die Lichtung hinaus, sprach jedoch kein Wort. Vielmehr traktierten die Augen des Leibwächters die Heilerin und vor allem das Schwert an ihrer Seite. Mochte es eine Legende sein oder nicht, aber Dandelost war eine Bekanntheit unter Schwertkämpfern. Ein Jeder wollte es gern besitzen. So auch Ignis.
      Schweigsam sah er sich um und fixierte den Raum um die Heilerin herum, ehe er nickte.
      Die zweite Gestalt, welche sich aus den Schatten schälte, war niemand anderes als Faolan selbst. Der Geißelprinz aus dem Norden zeichnete sich als kaum größer als Viola aus. Seine Schultern waren schmal, gemessen derer seiner Brüder und sein Gesicht beinahe unverfroren jugendlich. Das dunkle Haar fiel ihm in langen Locken über die Schulter und die Augen des jungen Elfen schienen zu funkeln als er die Lichtung betrat.
      Sachte setzte er sich auf einen Baumstumpf und schlug die Beine zu einem Schneidersitz zusammen, ehe er Viola bedeutete, näher zu kommen.
      "Du hast dich an dein Wort gehalten", sagte er und selbst seine Stimme klang bubenhaft schön. "Das freut mich. Es freut mich zu sehen, dass es noch Ehre unter Euresgleichen gibt. Setz dich! Setz dich zu mir, Viola de Claimont."
      Er wies lächelnd auf einen weiteren Stumpf, der sich ihm gegenüber befand und nickte einladend.


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    • Faolan's Antlitz war unverändert. Die edlen Gesichtszüge, jungenhaft und beinahe lieblich anzusehen, täuschten nicht über die eisige Kälten in seinen Augen hinweg. Viola hatte die Bosheit in seinem Blick nicht vergessen. Sie hatte ihn nur ein einziges Mal gesehen: In den Kerkern Tirions als sie Andvari aus den grausamen Klauen seines Bruder befreiten. Für Bruchteil einer Sekunde hatte sie Faolan erblickt ehe sie durch das Portal entschwunden war. Selbst Faolan's Stimme erklang gefällig zwischen den kargen Bäumen. Er war wie seine älteren Brüder von außergewöhnlicher Anmut und strahlte eine zeitlose Schönheit aus, die lediglich das Elfenvolk besaß. Viola, jung aber mit Erfahrungen gesegnet, die niemand erleiden sollte, ließ sich von einem hübschen Gesicht nicht täuschen. Sie kannte die Wahrheit. Sie hatte gesehen, was er Andvari angetan hatte.
      Der Leibwächter beunruhigte sie. Viola erlag nicht dem Irrglauben eine echte Chance gegen den herzlosen Elfenprinzen zu haben, aber nun musste zwei Feinde im Blick behalten. Wachsam folgte sie den federleichten Schritten des Elfen, der im Gegensatz zu seinem Leibwächter in schwerer Rüstung kein einziges Geräusch erzeugte.
      Viola blieb auf Abstand bis der Elfenprinz offenbar beschloss, dass ein alter Baumstumpf den perfekten Sitzplatz abgab. Elegant ließ er sich nieder und bedeutete der Heilerin gönnerhaft näher zu kommen. Jeder Instinkt sträubte sich davor nur einen Schritt näher als notwendig in seine Nähe zu kommen. Faolan sollte sagen, was er zu sagen hatte und sie wieder ihrer Wege ziehen lassen.
      Die Heilerin ging mit ruhigen Schritten zu dem übrigen Baumstumpg herüber um sich zögerlich darauf niederzulassen. Kein Lächeln ruhte auf ihren Lippen, keine Freude schimmerte in den grünen Augen. Selbst ein Blinder hätte erkannt, dass nicht hier war, weil sie es wollte sondern weil Faolans kleine Machtdemonstration in Form von Nuala ihr keine andere Möglichkeit gelassen hatte.
      "Hätte ich gewusst, dass Ihr Gesellschaft mitbringt, hätte ich Eurem Leibwächter einen Spielkameraden mitgebracht, Prinz", antwortete Viola und beobachtete Den Leibwächter, Ignis, misstrauisch aus dem Augenwinkel.
      Der gefürchtete Elfenprinz selbst strahlte eine unnatürliche Kälte aus. Viola fühlte den Puls ihrer eigenen Aura, deren Magie unter der Präsenz des Prinzen erzitterte. Das Kräfteverhältnis in dieser Begegnung war denkbar schlecht.
      "Wir sollten nicht über Ehre sprechen. Ich fürchte, das würde zu keinem Ende führen", fuhr sie fort. "Sagt, was Ihr zu sagen habt, Prinz Faolan. Verschwenden wir unsere Zeit nicht damit vorgespielte Höflichkeiten auszutauschen. Warum wolltet Ihr mich treffen?"
      Um Andvari das zu nehmen, das er liebte.
      Die Heilern legte einen Unterarm locker vor ihren Bauch in den Schoß. Die Fingerspitzen der anderen Hand trommelten sachte auf ihrem Knie.
      "Ich habe nichts, was ich euch geben kann. Und wenn ich es hätte, würde ich es Euch nicht aushändigen."
      “We all change, when you think about it.
      We’re all different people all through our lives.
      And that’s OK, that’s good, you gotta keep moving,
      so long as you remember all the people that you used to be.”
    • Der Blick des jungen Elfen glitt amüsiert über das Gesicht der Heilerin und haftete kurz an den Narben in ihrem Gesicht. Ach, welch zeitlose Anmut ein Gesicht auch haben mochte, so entstellte eine Narbe beinahe jegliche Schönheit. Und Faolan Valverden liebte Schönheit und Schönes. Nichts durfte eine Ästhetik unterbrechen, nicht einmal bei einem Feind. Ein vernarbtes Menschenkind...Und das in diesem Alter. Der Prinz versuchte sich geflissentlich zurück zu halten, sich nicht auf den Boden zu seinen Füßen zu erbrechen, kaum erblickte er die funkelnden Augen der Heilerin. So amüsant die Worte waren, die sie sprach, so sicher war er sich, dass er sie binnen eines Sekundenbruchteils ihrem Ende zuführen konnte.
      Ihrem wohlverdienten Ende wohlgemerkt!
      "Spielkameraden...", wiederholte er genüsslich, als würde er das Wort auf verspeisen wollen. Die dunklen Augen glänzten in der schwachen Sonne des Tages und wirkten unnatürlich kalt zu seinem Stimmton. "Ihr meint Volgast, die Axt im Walde, die Zwillinge und den mickrigen Bogenschützen dort unten an der Mühle? Das wäre wohl kaum Spaß für Ignis. Zumal gerade die Zwillinge sich noch gut an das Schwert erinnern dürften, das ihnen beinahe das Leben gekostet hat. Nein, ich schätze es sehr, dass Ihr meiner Einladung allein gefolgt seid. Ignis ist hier lediglich um zu prüfen, ob ich mich in Gefahr begebe. Ihr müsst wissen, meine Berater waren dagegen, dieses Treffen zu arrangieren."
      Kichernd winkte er ab und wippte vor und zurück, als müsste er sich selbst beruhigen.
      "Als würde ich etwas auf Meinungen und Ehre geben, Miss de Clairmont. Ich habe Euch hergebeten, da ich Euch für die würdigste Vertreterin der menschlichen Rasse halte und als diejenige, mit dem meisten diplomatischen Geschick. Auch wenn Ihr Euch nicht gerade mit Ruhm bekleckert."
      Der Blick des Prinzen wurde anders als Viola ihren letzten Satz vorbrachte. Aus der Kälte schimmerte tatsächlich eine tiefschwarze Wut, die er nur mühsam zügeln konnte. Denn auch wenn das Schöne und Wundersame sein Bestreben war, so hielt es Prinz Faolan nicht allzu genau mit den Impulsen, die ihn wieder und wieder heimsuchten wie die Geister Verstorbener.
      "Die Höflichkeiten sind keinesfalls vorgespielt", merkte er an und hob einen Finger mahnend gen Himmel. "Mein Vater lehrte mich, meinen Feind zu ehren und das tue ich zu jeder Stunde. Dass Ihr nicht bei Eurem ersten Schritt auf dieses Areal gestorben seid, liegt an dieser Erziehung, Frau Viola. Und mit dem Geben ist es so eine Sache...Ihr habt etwas oder viel eher Zugriff auf Etwas, das ich begehre."
      Grinsend beugte er sich verschwörerisch vor und stützte sich auf die Knie auf.
      "Ich biete Euch einen Handel. Die Weiße Armee ist auf dem Weg hierher. Tausende und Abertausende Elfen unter Waffen, die Euer prosperierendes Reich mühelos überrennen und es in Blut tunken werden. Tausende von Euch werden sterben, ehe auch nur einen Hauch von Gegenwehr spürbar sein wird. Ja, Ihr werdet tapfer kämpfen, ich weiß. Aber was wäre, wenn es einen Ausweg gibt? Ich weiß, Ihr denkt es wird ein einfacher Handel wie "Gebt mir Andvari und ich gehe". Zum Teufel, nein. Es ist einfacher. Schaut."
      Aus seiner Manteltasche pflückte er rasch und mit findigen Fingern einen kleinen Stein zutage, der einem Diamanten gleich erschien. Gläsern schimmernd brach sich das Licht in tausend Teile als es auf den Stein traf und selbst das geschulte Auge vermochte zu sagen, dass es sich um ein meisterhaft gefertigtes Stück handelte.
      "Ihr braucht mir Andvari nicht zu geben. Nehmt ihn. Flieht und lebt Euer Leben wie es Euch gutdünkt. Ich verlange nicht seine Herausgabe oder dergleichen. Alles, was ich will, ist das Licht, das er ruft. Ich will das Sternenlicht haben und besitzen. Dies hier ist ein Extraktor. Ein Artefakt, das den Kern einer Aura herauszieht und das Wesen mit einer normalen Aura zurück lässt. Gebt mir den Stern des Lichts in diesem Stein und ich lasse die Armee umkehren. Kein Krieg mehr. Ich schwöre, so wahr ich hier sitze, dass mein Vater noch an diesem Tag eine Vereinbarung des Friedens unterzeichnet. Einen Magiekern gegen Abertausende Leben, Viola. Wie sieht es aus?"

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    • Viola's Schweigen umhüllte sie wie ein Schild während der Elfenprinz seine Beweggründe vortrug. Zu diesem Zeitpunkt wurde der Heilerin eines ohne Zweifel bewusst: Prinz Faolan, jüngster Spross des Elfenkönigs, mit seinem spitzbübisches aber hübschen Gesicht, den funkelnden Augen und all seiner Erhabenheit, die er glaubte zu besitzen, hörte sich selbst wohl am liebsten reden. Welle um Welle aus präzise gewählten Worte erfüllten die karge Lichtung. Viola lauschte den abwertenden Belehrungen und den offenherzigen Drohungen. Sie ließ zu, dass Faolan sie behandelte und vorführte wie ein ahnungsloses Kleinkind. Sie sah den exakten Moment, in dem die simple Kälte in Wut umschwang. Er war es nicht gewohnt, dass jemand so mit ihm sprach. Keine Frau und schon gar kein sterbliches Menschenkind.
      "Euren Feind ehren?" Viola hätte beinahe gelacht. "Erzählt das den Menschen, die eure Greueltaten überlebt haben. Die Menschen, die aus ihrer Heimat fliehen mussten. Die Kinder, die gesehen haben, wie ihre Eltern neider gemetzelt wurden. Den Frauen und Männern, die unter euren marodierenden Truppen so furchtbare und grausame Taten erdulden mussten. Es liegt keine Ehre darin einem Feind der bereits am Boden liegt auch noch das Gesicht in den Dreck zu drücken, Prinz Faolan."
      Einfacher. Keine Forderung, die der Elfenprinz im Sinn hatte, würde jemals einfach zu erfüllen sein.
      Die Gewissheit erhielt Viola, als Faolan mit geschickten Fingern einen mysteriösen Stein zutage förderte. Der Stein war wundervoll geschliffen und könnte von einem Laien mit einem kostbaren Diamanten verwechselt werden. Die Heilerin wusste, noch bevor Faolan die Bestimmung des Juwels erläuerte, dass es sich nicht um ein beliebiges Kleinod handelte. Der schimmernde Stein erinnerte an die gläserne Klinge von Dandelost. Auch das Elfenschwert speicherte einen Bruchteil des Sternenlichts, das der Elf vor ihr mehr begehrte als alles andere auf dieser Welt.
      Tatsache war, das Viola ihm kein einziges Wort glaubte
      Das Licht der Sterne war ein essenzieller Teil von Andvari und seiner Aura. Sie konnte ihm nicht einen Teile seiner Selbst rauben und erwarten, dass es keine Folgen hatte. Doch für einen winzigen Augenblick konnte sie eine andere Zukunft sehen.
      Viola sah eine hübsches und gemütliches Häuschen an einem plätschernden Fluss. Es war noch nicht gänzlich fertig gestellt und neben dem Haus erblühte ein kleiner aber prächtiger Kräuter- und Gemüsegarten. Bienen und Hummeln summten in dem farbenprächtigen Blütenmeer. Sie konnte Andvari auf dem Dachfrist sitzen sehen. Er summte und hatte dabei einen Nagel zwischen den Zähnen, einen Hammer in der einer Hand. Viola saß unter einem schattigen Baum am Flussufer, die Füße in das Wasser getaucht, mit zart gewölbtem Bauch. Viola sah das 'Was-wäre-wenn'. Ein Leben, das hätte sein können, wenn ihnen das Schicksal besser gewogen gewesen wäre. Eine Zukunft, die weit entfernt, aber nicht gänzlich unmöglich war. Sie hatten verträumt darüber gesprochen in Beleriand. Darüber einfach dem Krieg und den Intrigen den Rücken zu kehren, derer sie überdrüssig geworden waren.
      Viola wusste, dass Faolan keine magsichen Fähigkeiten brauchte, um sie unerfüllte Sehnsucht nach einem friedlichen Leben in ihren Augen sehen zu können. Es war verlockend, aber fühlte sich falsch an.
      "Ihr wünscht, dass ich Eurem Bruder das Sternenlicht stehle und Euch bringe?", wiederholte sie schlicht. "Und ihr verlang das von mir, weil ich ihm als Einzige nahe genug dafür komme. Ihr bietet mir das Leben meines Volkes gegen die Essenz die Andvaris Aura ausmacht."
      Es ging nicht um die Magie.
      Viola würde Andvari ebenso bedingungslos lieben ohne das sagenumwobene Sternenlicht.
      Er könnte ein Bauer sein, ja, oder wieder ein Zimmermann und sie würde ihn noch genauso begehren.
      Und Andvari hatte dieses Leben als Lichtrufer stets verflucht. Er hatte diese Bürde nie gewollt.
      Dennoch, ohne den letzten der Lichtrufer zerfiel die Streunende Armee und Viola glaubte Faolan nicht. Sie konnte ihm nicht trauen.
      "Ihr wollt, dass ich ihn für das höhere Wohl verrate?", fuhr sie fort. "Ein großzügiges Angebot, für einen erschreckend kleinen Preis, nicht wahr? Aber was beinhaltet dieser Frieden für mein Volk? Ein Leben unter der Herrschaft Eurer Familie? Unterjocht statt getötet? Eure Armeen mögen umkehren, aber ich bezweifle das Euer Bruder, Prinz Lysanthir sich davon beeindrucken lässt und euer Vater wird sich nicht lange daran binden lassen. König Obereon verabscheut das Volk der Menschen. Etwas, das er mit seinen Söhnen gemeinsam hat. Es wird immer Krieg geben mit den Nachkommen des Hauses Valverden. Früher oder später."
      Viola streckte vorsichtig die Hand aus, die Handfläche nach oben.
      "Diese Entscheidung steht mir nicht allein zu", sagte sie. "Ein Woche. Gebt uns eine Woche um eine Entscheidung zu treffen."
      “We all change, when you think about it.
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      Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von Winterhauch ()

    • Faolans Augen blitzten wütend auf, als Viola ihm Widerworte gab. Zugegeben, er war es nicht gewohnt, dass man seinen Wünschen in irgendeiner Weise den Abschlag erteilte. Ganz und gar nicht gewohnt! Vielmehr glich es einem Frevel in seinen Augen, auch nur ansatzweise daran zu denken, seine Wünsche zu befolgen. Und dann kam dieses...dieses...Schandmaul von einem Menschen und versuchte es beinahe diplomatisch? Geschick lag einem Bauernweib nun einmal fern, wie Faolan befand und seufzte gespielt.
      "Ihr glaubt wirklich, dass dieser Krieg alleine ein Spiel aus Schwarz und Weiß ist, nicht wahr?", fragte er schließlich und das erste Mal war die Wut in seinen Augen greifbar. "Denkt Ihr wirklich, die Elfen haben aus reiner Machtgier einen Staat wie den Euren überfallen und halten diesen Krieg einfach nur aus Laune? Ihr wisst zu wenig, um wirklich derartige Vorwürfe zu äußern, Frau Viola. Ja, wir haben Euch Schreckliches angetan, das stimmt. Aber fragt einmal Euren brillierenden Herrscher Lucien, was die Menschen den Grenzvölkern unseres Landes angetan haben. Sicherlich, ich sehe ein, dass wir den Krieg begannen. Aber geführt habt auch Ihr ihn. Also verschont mich mit Eurer Doppelmoral und Eurem scheinheiligen Moralkodex, Menschenkind."
      Gerade bei den letzten Sätzen spie regelrecht der Hass aus seiner Stimme, sodass selbst Ignis einen Schritt nach vorn machte. Auf ein Zeichen des Elfenprinzes hielt er inne und verzog sich wieder an seinen Platz.
      Amüsiert betrachtete der Prinz die Menschenfrau, während sie sich die vermeintliche Zukunft mit einem Elfen ausmalte. Unwichtig war zu erwähnen, dass des Todes eisige Finger alsbald nach ihr greifen würde, während Andvari eine erheblich längere Lebensspanne erwartete. Grinsend legte er das Juwel nach einem kurzen Sprung vom Baumstumpf in ihre Hand. Selbst jetzt aus der Nähe sah der junge Prinz zart und verletzlich aus. Sein Körperbau war schlicht als "schmächtig" zu bezeichnen und doch lag Grausamkeit in jeder seiner Gesten.
      "Ich wünsche mitnichten ein Stehlen oder Verrat", bemerkte er als er sich zurück zog. "Ich biete Euch einen Ausweg, Viola. Beratet Euch mit den Euren. Aber Ihr alle werdet einsehen müssen, dass die Weiße Armee der Menschenarmee an Größe und Qualität überlegen ist. Auch die Streunende Armee von zusammengewürfelten Waisenkindern ändert daran nichts. Ich persönlich habe kein Interesse an dem Morden von Schönheiten. Der Preis für dieses Unterfangen liegt in Eurer Hand. Es ist das Sternenlicht, das ich begehre und mein Vater fürchtet. Und ich habe nicht vor, ewig unter meinem Vater zu dienen. Mit dem Licht in der Hand bin ich in der Lage ihn zu stürzen und nur allzu gerne lasse ich Euch einen Schwur da, dass du meinen Lebzeiten kein weiterer Krieg zwischen unseren Völkern herrschen wird. Was nach mir ist, kann ich nicht sagen, aber ich garantiere, dass ich Anweisungen an meine Nachkommen hinterlassen werde. Es böte sich für Euch ein Leben in Frieden, Viola...Abscheu oder nicht, es ist eine valide Option. Und ich ehre meine Feinde."
      Faolan nickte besonnen und gab Ignis ein Zeichen. Langsam setzte sich der Leibwächter in Bewegung und verschwand im nahen Unterholz. Beinahe schien es als verschmelze er mit den hereinwerfenden Schatten.
      "Beratet Euch", nickte er ihr zu. "Ich gebe Euch die eine Woche. Trefft mich nach dieser Woche wieder hier und übergebt mir das gefüllte Juwel und der Frieden sei Eurer. Trefft mich nicht und die weiße Armee wird alsdann den Kontinent überrennen."
      Mit einem letzten abfälligen Blick wandte sich der Prinz zum Gehen, in den Schatten zu verschwinden.

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    • Viola beobachtete wie die Wut in seinen Augen anwuchs. Die anfängliche Glut entwickelte sich zu einem alles verzehrenden Feuer. Das Temperament eines Jungen, der ein Nein nicht akzeptierte. Der Vorwurf, die Augen vor den Grausamkeiten des eigenen Volkes zu verschließen, prallte an der Heilerin ab. An diesem Punkt konnte Viola nicht aus ihrer Haut. Die Greueltaten des elfischen Heeres hatten unübersehbare Spuren auf ihrem Körper hinterlassen und Narben, die weit tiefer reichten als die grässlichen Linien die ihr Gesicht verunstalteten. Verbitterung schnürte ihr die Kehle zu bis sie ätzende Galle auf der Zunge schmeckte. Der Gedanke klang auf so viele Arten falsch, doch die Worte bohrten sich dennoch mit aller Bitterkeit in ihren Verstand:
      Warum sollte es anderen besser ergangen sein als ihr?
      Sie presste die Lippen zu einer blassen, dünnen Linie zusammen und schluckte den Kloß darin mühe voll herunter bis sie fast daran erstickte. Viola war nie ein boshafter Mensch gewesen, aber sie konnte sich nicht von düsteren Gedanken freisprechen. Wie oft hatte sie die Welt, das Leben und ihr Schicksal verflucht in den ersten Wochen und Monaten.
      Die alte Furcht spiegelte sich in ihrem Blick, als Faolan ihr all seinen Zorn entgegen schleuderte. Nun, vielleicht nicht bis zum Äueßrsten. In diesem Fall wäre Viola nicht lebendig von der Anhöhe zurück gegekehrt. Sie zuckte vor dem Elfenprinzen zurück, der schön und furchterregend zugleich erschien. Ein Ziespalt zwischen Abscheu und Faszination. Ihr Herzschlag beschleunigte sich und die Atmung stockte in ihrem Brustkorb. Die Heilerin wagte erst wieder zu atmen, als Faolan sich zurückzog.
      Schweigend kürmmten sich ihre Finger um den gläsernen Stein, der sich kühl in ihre Handfläche schmiegte bis er langsam die Wärme ihrer Haut absorbierte.
      Der Leibwächter in der blutroten Rüstung, Ignis, und der gefürchtete Elfenprinz zogen sich zurück. Die Schatten verschluckten sie und ließen augenscheinlich keine Spuren ihrer Anwesenheit zurück. Viola blieb sitzen, da sie ihren Beinen nicht traute. Angstschweiß klebte in ihrem Nacken und sie fröstelte als der seichte Wind am Berghang zunahm. Die bedrohlichen Überbleibsel von Faolans Aura durchtränkten die kühle Bergluft und hafteten an der Heilerin. Sie schüttelte den Kopf, als würde sie Staubpartikel aus ihrem Haar abschütteln wollen.
      Ein Deal mit dem Teufel ging selten gut aus.

      Der Rückweg den schmalen Pfad hinab begleitete eine bedrückende Stimmung.
      Die dunklen Gewitterwolken schienen sich förmlich über ihrem Kopf zusammen zu brauen. Viola brach fröstelnd durch das Unterholz und entdeckte in der Ferne die lockenden Flammen eines Feuers. Im Schattenspiel der Flammen konnte sie die Umrisse ihrer Gefährten ausmachen und stieß einen erleichterten Atem aus. Die Sonne war gerade hinter den Berggipfeln versunken und beinahe hätte die Heilerin ihre eigene Frist nicht eingehalten. Mit voller Absicht trat sie auf einen Zweig um ihre Rückkehr anzukündigen. Drei Köpfe drehten sich ruckartig in ihre Richtung und sie hörte wir knirschend eine Bogensehen gespannt wurde. Meliorns leuchtende Augen blitzten im Flammenschein aus und weiteten sich, als er die Heilerin erkannte. Isobelle schlug aufgeregt mit den Flügeln, als wolle sie mit den Männern schimpfen, weil sie ihre Waffen zogen.
      Beschwichtigend hob Viola die Hände.
      Sie hatte bisher kein einzeiges Wort gesprochen und näherte sich auch weiterhin still dem provisorischen Lager. Vor Morgengrauen würden sie nicht zurück in Bourgone sein, selbst wenn sie die ganze Nacht durchritten. Mittlerweile sollte ihr Verschwinden aufgefallen sein und sie empfand tiefes Mitgefühl für Lucien und Pompidou, die sich dem Zorn des Lichtrufers stellen musste, weil sie dem waghalsigen Plan zugestimmt hatten. Aber Viola lebte. Sie war mit dem Schrecken davon gekommen, der ihr ganzen Gesicht überschattete. Die Haut war bleich und im flackernden Licht des Lagerfeuers erschienen die Narben prominenter und verzerrter.
      Viola setzte sich nicht.
      Lange, eine gefühlte Ewigkeit, sah sie in die Runde ehe sie die Hand hob und die krampfhaft geschlossenen Finger öffnete.
      "Faolan will das Sternenlicht", verkündete Viola.
      Über den Köpfen aller zeigten sich die ersten Sterne funkelnd am Firmament während das letzte Licht des Tages starb.
      In ihrer Hand schimmerte der Stein im rotglühenden Lichtschein des Feuers.
      "Andvaris Sternenlicht als Preis für das Ende des Krieges", sprach sie weiter. "Und ich soll es ihm bringen."
      “We all change, when you think about it.
      We’re all different people all through our lives.
      And that’s OK, that’s good, you gotta keep moving,
      so long as you remember all the people that you used to be.”
    • Sie hatten gewartet.
      Geharrt und gehofft, sich gefragt, was dieser Teufel in Elfengestalt von einer Heilerin verlangte. Das Feuer geschürt, gegessen und sich unterhalten. Über Götter und Welten, über Herkünfte und Zukünfte und letztlich auch über das, was sie alle beschäftigte: den Krieg. Bei jedem Geräusch fuhren sie zusammen. Bereit, einem Feinde die Stirn zu bieten, wenn es opportun erschien und doch bekämpften sie Geistergestalten.
      Schweigsam harrten sie aus, ehe die Nacht hereinbrach und das Knistern des Feuers die einzigen Flammenfinger waren, die ihre Haut verätzten. Erst bei dem leisen Knacken fuhren die Köpfe erneut herum.
      Während Meliorn einen Bogen spannte, sprang Volgast vollends auf und vollzog bereits einen Schritt in Richtung des Geräuschs. Alarions Hand war die einzige, die sich nicht bewegte und nur gespannt auf die Stelle starrte. Man mochte es jugendlichen Leichtsinn nennen, aber auch Kampferfahrung. Denn der junge Mann wusste, dass ein Feind sich nicht derart offenkundig bemerkbar machte.
      Nach einer kurzen Begrüßung lauschten sie Viola und blickten anschließend auf das Juwel in ihrer Hand. Überirdisch schön und gleichsam so verhängnisvoll hoch im Preis.
      Das Sternenlicht. Die Quintessenz von Andvaris Magie. Eine ausgestorbene Art des Rufens. Weshalb unter allen Sternen wollte der junge Prinz diese Magie? Obschon es so viele nützlichere für ihn gab?
      "Der Preis ist gering", sprach Volgast das aus, was sie alle dachten. "Die Lichtrufer werden seit Jahrhunderten verfolgt wegen dieser Künste. Wenn er es hätte, wäre Andvari frei. Er wäre ein ganz normaler Elf ohne wirkliche Kräfte, aber immer noch fähig zu leben und zu lieben..."
      Alarion schüttelte den Kopf.
      "Opa sagte immer, dass eine Extraktion von Magie gefährlich ist. Sie ist mit der Aura verwoben und birgt Risiken. Wenn Faolan ein Fehler unterlaufen sollte, stirbt Andvari und nichts hat es gebracht. Und woher wissen wir, dass dieser Bastard es ernst meint? Er war nicht mal alleine! Ich habe Ignis gespürt genauso wie ihr. Er kommt mit seinem schlimmsten General und wir müssen Viola alleine gehen lassen? Ich finde das unfair."
      Volgast nickte und schürte das Feuer. Er wärmte ein wenig des Essens und von dem Met auf, den sie sich geteilt hatten. Sachte reichte er Viola eine Portion und lächelte.
      "Die Frage ist, was willst du tun? Sie werden bereits bemerkt haben, dass wir fort sind. Und die Götter mögen uns vor Andvaris Zorn schützen..."

      The more that I reach out for heaven
      The more you drag me to hell
    • Mit gespitzten Ohren hörte Viola den Gefährten zu, die sich nach der kurzen Aufregung wieder um das prasselnde Feuer versammelten.
      Dankbar nahm sie die angebotene Mahlzeit und den Met entgegen, wobei sie letzteres nach einem vorsichtigen ersten Schluck, fast gierig herunter kippte. Sofort reichte sie Volgast den Becher zurück, damit er ihn wieder auffüllen konnte. Der Met vertrieb die eisige Kälte der noch kühlen Frühlingsnächte aus den Knochen. Lustlos stocherte die Heilerin in ihrem Essen herum und schob die Fleischbrocken von einer Seite zur anderen.
      "Alarion hat recht", flüsterte Viola beinahe. "Wenn es wirklich so einfach wäre, hätte Faolan die Magie längst selbst extrahiert. Die Chance dazu hatte er in Tirion. Gefangen in seiner Zelle, gefoltert durch dieses Monster, war Andvari am Ende seiner Kräfte. Er hätte sich nicht wehren können, selbst wenn er gewollt hätte."
      Ein garstiger Schauer durchlief Viola und sie zog die Beine enger an den Körper, als könnte sie sich vor der Erinnerung schützen wenn sie sich nur klein genug machte. Den kaum angerührten Teller stellte sie beiseite und zog erneut den Stein aus der Tasche ihres Umhanges, den sie sich zum Schutz vor dem eiskalten Wind um die Schultern gelegt hatte. Der Stein glitt beinahe spielerisch durch ihre Finger, als wäre ein hübsches Schmuckstück.
      "Faolan wird kein Fehler unterlaufen, weil wir die Dreckarbeit für ihn erledigen sollen", murmelte sie, die Erkenntnis auf der Zunge. "Er kommt damit zu uns, dass heißt er kann es nicht selbst tun. Folter und Brutalität hat ihm nicht das gewünschte Ergebnis geliefert. Was, wenn Faolan hofft, dass wir Andvari zu Gunsten des Friedens dazu überreden das Sternenlicht freizugeben? Das heißt, er kann die Extraktion nicht erzwingen. Andvari muss sich freiwillig dazu entschließen, nicht wahr?"
      Viola schnaubte.
      "Und wer könnte ihn besser überreden als ich?", fügte sie bitter hinzu.
      Der Schlüssel zum Frieden, einem brüchigen zwar, lag in ihren zierlichen Händen und das Gewicht auf ihren Schultern drohte die Heilerin langsam zu erdrücken.
      "Alarion hat noch bei einer anderen Sache recht. Ich glaube nicht, dass Faolan sein Wort halten wird. Beim ersten Schlupfloch, dass sich ihm bietet, wird er uns allen in den Rücken fallen. Faolan hat gesagt, dass er seinen Vater, König Oberon, stürzen will. Er will die Herrschaft über die Elfenreiche und alle eroberten Ländereien."
      Violas Augen weiteten sich.
      "Das Volk wird zum jetzigen Zeitpunkt, da Andvari sich für sein Geburtsrecht erhebt, nur einen Lichtrufer auf dem Thron akzeptieren. Faolan benötigt das Sternenlicht um seinen Anrecht auf den Thron zu sichern."
      Sie verstummte.
      Meliorn seufzte und hörte die Worte in ihrem Schweigen.
      "Sie wird gar nichts tun. Es ist nicht ihre Entscheidung", ergänzte der Bogenschütze und sah Volgast an. "Wenn Faolan den Weg auf den Thron in Tirion findet, ist Andvaris Zorn unsere geringste Sorge, Volgast."
      “We all change, when you think about it.
      We’re all different people all through our lives.
      And that’s OK, that’s good, you gotta keep moving,
      so long as you remember all the people that you used to be.”
    • Gebannt lauschten die Gefährten den Ausführungen der jungen Heilerin und der daraufhin entstehenden Diskussion. Und wahrlich gab es Vieles, das sie berücksichtigen mussten. Volgast füllte den Becher erneut mit Met aus dem Schlauch, den sie mitgebracht hatten und reichte ihn der Heilerin zurück. Noch immer schien Faolans Präsenz an ihr zu haften. Wie ein lästiger Pilz, den man nicht fort bekam.
      Gemeinsam sahen sie eine Weile ins Feuer und lauschten dem Knistern, während Viola sprach und ihre GEdanken preis gaben. Und wahrlich waren dies keine schönen. Vor allem die Vorstellung der Heimtücke und der Hinterlistigkeit erschien beinahe garstig gegenüber den schönen Gedanken, die sie mit Andvari verbinden sollte.
      Volgast beugte sich leicht und nickte, während Alarion das Wort erhob.
      "Ich befürchte beinahe, du hast Recht", nickte er. "Magie kann extrahiert, von der Aura fortgewoben werden. Es ist ein langwieriger und schwieriger Prozess, den nicht viele Zauberer wirklich beherrschen. Ich fürchte, wir müssen Opa oder Andvari selbst fragen, aber ich meine, es gab bis vor einigen hundert Jahren die übliche Prozedur, eine Magie aus dem Körper eines sterbenden Elfen herauszunehmen und sie einem anderen einzusetzen. So sicherte man seltene Magiekünste. Opa sagte immer, dass dieses Procedere sehr grausam war und dass es nur wenige Überlebende gab, aber es ist möglich..."
      "Gut, aber ich stimme Viola zu", entgegnete Volgast. "Faolan wird keinen Fehler machen. Zu meinem Bedauern muss ich sagen, dass der Junge durchaus fähig ist, was Magie und magischen Schmieden angeht. Vermutlich würde der Stein Erfolg haben. Könnte Sie mit der Freiwilligkeit Recht haben?"
      Alarion nickte bedächtig. "Ich denke schon. Das Aufgaben der Magie macht es sicherlich einfacher, es ist aber nicht zwingend notwendig."
      Volgast grunze und warf ein Stück Holz ins Feuer, während das bärtige Gesicht des Mannes um Jahre zu altern schien.
      "Es ist kein Geheimnis, dass im Lande der Elfen ein Zwist herrscht. Das Volk sehnt sich nach dem gerechten König, dem wahren König des Landes. Sicherlich würden wir alle gerne Andvari auf dem Thron sehen, aber die Brüder halten allesamt eigene Ansprüche. Lysanthir hatte hierbei die besten Chancen, da er durch seine Kriegsverdienste zumindest unter der Soldatenschaft beliebt ist. Faolan hingegen ist in der Bevölkerung beliebt wie Fußpilz. Ich stimme zu, dass seine Inthronierung das Schlimmste wäre, was dem Land geschähe. Und auch, dass er jedes Schlupfloch nutzen wird. Wir dürfen eines nicht unterschätzen: Faolan ist klug. Für manche Gelehrte gilt er sogar als genial, was seine bloße Intelligenz angeht. Er hat die Ostfront beinahe alleine gehalten, nachdem Andvari in der Schlacht vermeintlich gefallen war."
      Alarion seufzte und sah in den beinahe dunklen Himmel hinauf.
      "Wie man es dreht und wendet: Die Lage bleibt verzwickt. Sicherlich ist es nicht allein Violas Entscheidung, aber die Frage ist eher, welche Alternative haben wir? Das Menschenreich wird keinen Krieg mit der Weißen Armee überleben. SO zahlreich die MEnschen sind, es wird tausende von Toten geben. Und die Städte und Dörfer werden brennen.."

      The more that I reach out for heaven
      The more you drag me to hell
    • Viola überließ die chaotischen Gedanken der Stille in ihrem Kopf.
      Unaufhörlich wirbelten Wortfetzen und Gedankenschnipsel hinter ihrer Stirn durcheinander und wollte sich nicht zu einer Lösung zusammenfügen. Es war schlichtweg unmöglich binnen einer Nacht eine Lösung für das Problem zu finden. Andvaris Leben zu gefährden und ihm einen Teil seines Wesens zu rauben um des Friedens Willen, stand völlig außer Frage. Andererseits, konnte sie wirklich für den Rest ihres sterblichen Lebens mit den Konsequenzen leben für ihre bedingungslose Liebe das eigene Volk geopfert zu haben. Sie erinnerte sich an Sylvars zornige Worte im Tempel der verblassten Göttin, der ihr Egoismus und Blindheit vorgeworfen hatte. Bereits damals wusste der Zauberer um eine erschütternde Wahrheit, der Viola sich verweigerte. Die Fassade bröckelte während sie in die knisternden Flammen sah.
      Viola würde die Welt brennen lassen, wenn es bedeutete, dass Andvari überlebte.
      Schweigend leerte sie den Met und stellte den Becher achtlos neben sich auf den Boden. Der Blick wanderte zu Alarion, der die alles entscheidende Frage stellte. Welche Alternative hatten sie? Nachdenklich legte sich ihre Stirn in zarte Fältchen, ehe sie eine gedehnten Seufzer ausstieß und die Hände auf die Knie aufstützte. Langsam kam sie auf die Füße und sah dabei in überraschte und fragende Gesichter.
      "Die Alternative ist denkbar schlecht", flüsterte Viola in den eisigen Nachtwind.
      Die Heilerin verstummte erneut. Unschlüssig schwankte ihr Gewicht von Seite zu Seite während ihr Blick dem von Alarion in den dunklen, aber sternenklaren Nachthimmel folgte. Es verging ein kurzer Augenblick bis Viola schließlich stocksteif stehen blieb und der Frost die kargen Zweige der Baumwimpfel mit einer Schicht aus dünnem, schimmernden Eis überzog. Entschlossenheit legte sich auf ihren Gesichtszügen nieder.
      "Reitet bei Sonnenaufgang zurück nach Bourgone", sprach Viola schließlich mit fester Stimme. "Andvari, Lucien und der Rest müssen erfahren, was Faolan im Schilde führt. Aber...ich komme nicht mit euch zurück. Ich nehme den langen Weg zurück nach Hause. Der zerstörte Tempel der Meriel liegt ungefähr zwei Tagesritte von hier entfernt. Mit dem heiligen Quellwasser können wir die Verwundeten heilen. Symon, Andvari und die anderen müssen zu Kräften kommen, sollte Faolan sein Wort brechen oder wir uns dazu entscheiden, seinem Wunsch nicht nachzukommen. Wenn ich die Rast kurz halte, schaffe ich es reichtzeitig zurück nach Bourgone."
      Andvari ging es nicht. Viola ging es nicht gut.
      Die Schatten verzehrten das Geschenk der heilenden Magie und beschränkten Viola in ihren Fähigkeiten. Auch Andvari wirkte unnatülrich angeschlagen, als hafteten die Albträume Faolans an seiner Aura. Die magischen Kräfe der heiligen Quellen war ihre letzte Hoffnung.
      Sie hob die Hand als Meliorn fassungslos aufsprang.
      "Ich reite allein", bekräftigte sie und sah dabei in die Runde. Sie zögerte und gab ein Geheimnis an ihre Freunde und Verbündete frei.
      "Die Göttin wird den Hilferuf ihrer letzten Tochter erhören. Hoffentlich."
      “We all change, when you think about it.
      We’re all different people all through our lives.
      And that’s OK, that’s good, you gotta keep moving,
      so long as you remember all the people that you used to be.”