[2er RPG] The Lesser Evil [Winterhauch & NicolasDarkwood]

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    • Gustave wandte sich wieder um und stützte sich mit den Händen auf der schmalen Reling des Treppenabgangs ab.
      Sein Gesicht zierte ehrliches Mitleid und beinahe ein Ausmaß der Betroffenheit, dass es einem Menschen zu viel werden konnte. Doch schwer wog die Last eines Menschen, wenn er zu gestehen hatte. Das hatte schon sein Vater immer gesagt.
      "Elfenblut, fürwahr", murmelte er und trat einen Schritt auf sie zu. Nicht bedrohlich, sondern vielmehr gebeugt und vom Alter gezeichnet. "Ihr habt Recht in der Annahme, dass daher Euer Erbe stammt, Frau Viola. Und auch, dass Euer Elfenfreund sich fürchtete. Die Töchter der Meriel waren dafür bekannt, mit dem Kern zu experimentieren. Ich weiß nicht viel darüber, aber ich weiß, dass sie angesehen dafür waren...Gefürchtet möchte ich sagen..."
      Ehe er weiter Luft holen konnte und weiter sprechen konnte, fuhr ihm Viola dazwischen und der alte Mann nickte schweigend.
      "Ja, das ist wahr", flüsterte er betroffen. "Ich schäme mich, es zuzugeben und die Schmach darüber währt bereits Jahrhunderte. Und doch muss ich gestehen, dass meine Familie, mein Vater und ich an diesem Angriff beteiligt waren. An diesem Tag schlugen wir Dutzende von Töchtern nieder, verblendet von der Angst, die in uns gesäht wurde. Und deren Herr wir nicht wurden. Ich kann mich nicht mehr als entschuldigen, Frau Viola und dennoch gibt es nichts, was ich sagen oder tun könnte, um diese Sünde von mir zu waschen."
      Sachte trat er einen weiteren Schritt vor und seufzte schwer.
      "Ich schämte mich...", flüsterte er. "Ich wollte...Ich konnte es nicht zugeben, Ehrenhafte...Ich..Vergebt einem alten, schwachen Mann. Als ich bemerkte, wer Ihr wart, habe ich alles notwendige in die Wege geleitet, um Euch zu Diensten zu sein. Die Schuld reinzuwaschen. Ja, cih wollte Euch zu einem Gelübde mit Lucien bringen, das gebe ich zu. Aber nicht, um Euch zu schaden. Ich wollte, dass Ihr erstarkt! Denn wir hätten bereits vor so vielen Jahren auf Euren Urgroßvater hören sollen! Dann hätte es vielleicht keinen Krieg gegeben..."
      Eine einsame Träne lief über seine Wange, als er an ihr vorbei sah.
      "Der Name des Retters dieser beiden war Undwyn Silberhand", sagte er. "Er war der Vorfahre Eures geliebten Andvari. Großvater seiner Mutter Ayla. Die Lichtrufer schritten ein, als wir begannen. Es dauerte eine Weile, bis sie die Tempel erreicht hatten, doch gerade als wir die Letzten von ihnen dahinschlachteten, griffen sie ein und attackierten uns. Euer Urgroßvater schwor für die Hilfe einen Blutschwur mit der Familie Eures Geliebten, auf dass man sich auf ewig helfe und in der Schuld stehe. Wir mussten uns zurückziehen, da die Lichtrufer der Magie der Töchter zumindest gleich, wenn nicht rücksichtsloser waren. Seit diesem Tag steht Eure Familie mit der Familie der Lichtrufer im Bunde. Getragen von einem Blutschwur, den zwei Männer nach einer heillosen Schlacht schlossen..."

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    • Pompidou erschien um Jahrzehnte gealtert.
      Die stolze Haltung machte dem Anblick eines alternden Mannes Platz, dessen Gewissen schwer auf der Seele lastete. Obgleich Viola schier unendliches Mitgefühl im Herzen trug, empfand sie bei dem Anblick eine bedrückende Leere. Eine Geschichte über Verrat, Furcht und Mord erfüllte die ehrwürdige Bibliothek und lediglich verstaubte Bücher verblieben als stumme Zeugen einer grausamen Tat. Die Heilerin sah mit dem leeren Blick einer Erblindeten zu Pompidou auf. Ein vollkommenes Nichts, dass den Geist vor der erdrückenden Erkenntnis schützte. Viola trauerte nicht um ein verlorenes Leben, eine Existenz in Frieden umgeben von Gleichgesinnten und mit der Gewissheit, wer sie wirklich war. Still beklagte sie die Leben die genommen wurden, für die aberwitzige Furcht eines Königs.
      Mit einer unendlich langsamen Bewegung kehrte etwas Leben in die erstarrten Glieder zurück und Viola schob mit einem leisen Knarzen, das wie ein Urknall durch die friedliche Stille der Bibliothek hallte, den Stuhl zurück. Mittlerweile hatte das unaufhörliche Zittern ihren gesamten Leib erfasst und wäre jemand in den Gewölben anwesend, der es vermochte die ureigene Magie der Elfen zu spüren, könnte er den seichten aber deutlichen Puls spüren. Für alle anderen flatterten lose Pergament und Dokumente von Geisterhand zu Boden.
      "Bittet mich nicht um Vergebung, Pompidou.", antwortete Viola flüsternd. "Die, die Euch vergeben könnten, sind seit langer Zeit bereits fort. Ich kann Euer Gewissen nicht von der Last befreien. Wenn Ihr wirklich etwas für mich tun wollt, schickt einen Eurer Getreuen an die Grenzen zum Niemandsland um Andvari eine Nachricht von mir zu überbringen. Ich muss mit ihm sprechen. Ich..."
      Was sollte sie ihm mitteilen?
      Dass sie gefunden hatte, wonach sie gesucht hatte? Dass eine uralte Magie ihre Schicksale miteinander verknüpfte, dass ein Blutschwur ihre Familie zur Treue gegenüber den Lichtrufern gemahnte? Was war es gewesen, dass Viola dazu veranlasst hatte einem Feind und Fremden zur Flucht zu verhelfen? Die Güte, die sie in Andvari gesehen hatte und alles, was er zu sein vermochte oder war es schlicht und ergreifend die Verpflichtung des Blutes.
      In ihrer Brust zersplitterte etwas.
      Viola löste sich von dem Tisch, der ihr als Halt diente, und bewegte sich vorsichtigen Schritten Pompidou entgegen. Zweifellos kostete die junge Frau jeder Schritt eine enorme Kraft, denn die rosigen Wangen waren erblasst und die Heilerin strahlte eine tiefgreifende Erschöpfung aus. Das erhoffte Wissen um ihre Vergangenheit sorgte nicht ausschließlich für Erleichterung sondern brachte neue Gedanken mit sich, die sich wie ein Lauffeuer durch ihren Verstand brannten. Sie waren verzehrender und schmerzlicher als jedes Feuer das Lhoris mit seiner Macht zu erschaffen vermochte.
      Ein Zweifel, der gierig alles zerfraß, dass Viola in den letzten Wochen und Monaten zur ungeahnter Stärke verholfen hatte.
      Ein weiteres Mal ergriff Viola die Hand des Mannes, der ihr soeben das Schrecklichste offenbart hatte und eine Zweifel säte, den er möglicherweise nicht beabsichtigt hatte.
      "Angst lässt uns schreckliche Dinge tun.", sagte sie ruhig und hielt das Haupt erhoben, wie eine gefallene Königin. "Und ich glaube Euch, dass Ihr aufrichtig bereut. Helft Lhoris und mir am Hof zu überleben bis wir einen Weg zurückfinden. Seit an diesem Punkt der Geschichte mein Verbündeter und nicht mein Feind. Für die Leben, die ihr genommen habt."
      Viola zog sich zurück und kritzelte mit Feder und Tinte rasch ein paar wenige Zeilen auf einen leeren Fetzen Papier. Sorgfältig rollte sie das Beschriebene zusammen und überreichte es Pompidou. Die Nachricht für Andvari.
      "Und nun, bringt mich zurück. Bitte."


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      Mein Liebster,

      verzeih mir, aber bis zu diesem Zeitpunkt fehlte mir die Möglichkeit dir eine Nachricht zu überbringen
      und ich bete zu den Göttern, dass sie dich über die Grenzen des Niemandslandes hinweg erreicht.
      Sei gewiss, dass es Lhoris und mir gut geht. Er hat sein Leben für mich riskiert, aber wir erholen
      uns von den Strapazen der Reise.
      Du ahnst nicht, wo wir sind.
      Lucien hat uns nach Bourgone geführt ins Herz der Kaiserstadt.
      Zeitweilen stehen wir unter seinem Schutz, aber es ist ungewiss, wie lange diese Scharade aufrecht erhalten werden kann.
      Es gibt so Vieles, das ich dir erzählen muss, aber nicht auf diesem unsicheren Weg.
      Bitte Meliorn um Hilfe. Sein Flüstern wird den Weg zu uns finden.

      Es quält mich nicht an deiner Seite zu sein.
      Jede Nacht richte ich meinen Blick zu den Sternen und fühle Trost in dem Gedanken, dass du an einem anderen Ort in denselben Nachthimmel hinauf blickst. Ich bin verloren an diesem Ort ohne dich.

      In Liebe,
      Viola
      “We all change, when you think about it.
      We’re all different people all through our lives.
      And that’s OK, that’s good, you gotta keep moving,
      so long as you remember all the people that you used to be.”
    • Pompidou musste einsehen, dass die junge Frau leider Recht behielt. Vergebung fanden die Sünder nur in den Gesichtern jener, die sie geschädigt hatten.
      Und keines davon würde Gustave je wieder sehen können. Schweigsam nickte das Ratsmitglied und seufzte schwer, als Viola ihre erste Bemerkung tätigte. Was gab es dazu zu sagen? Sie hatte Recht. Sie hatte einfach Recht.
      "Natürlich", nickte er schließlich während er ihr zusah, wie sie eine geisterhafte Nachricht auf ein Pergament schrieb. Es gehörte sich nicht, aber Gustave kam nicht umhin, Teile der Nachricht erblicken zu können. "Ich werde Euch ein Verbündeter sein und Euren Aufenthalt so angenehm wie möglich machen. Das Überleben ist eine Kunst für sich, aber auch das sollte zu bewerkstelligen sein, Mademoiselle."
      Ergeben wartend zog er sich anschließend zurück und nahm die Schriftrolle mit anhaltender Sorgfalt entgegen. Das Pergamentpapier fühlte sich merkwürdig leicht auf seiner Haut an und für eine Sekunde lang widerstand er dem Drang, die Nachricht ins nächste Feuer zu werfen.
      Doch Gustave besann sich. Es war nur eine Nachricht, oder?

      Der Rückweg war nicht ganz so beschwerlich wie der Hinweg, bedachte man die Tatsache, dass kaum Menschen auf den Straßen waren. Die Nachtlaternen waren entzündet worden und der Gesang der Grillen begleitete ihren Weg zurück. Pompidou machte eher durch Schweigen auf sich aufmerksam, während das Pergament wie Feuer in seinem Gewand brannte. In seinem Kopf rotierte der Gedanke an die Nachricht, die er alsbald zu lesen gedachte. Mit Sicherheit war es für Viola ein Schock, die Verwicklungen ihrer beider Familien zu erfahren, doch musste verhindert werden, dass sie alsbald mit Andvari Kontakt aufnahm. Ein verfrühter Kontakt würde weniger Zeit für Pompidou bedeuten, die Weichen für alles Kommende zu stellen.
      Als sie bei der Zitadelle der Kleriker ankamen, begrüßte sie das warme Licht der Nachtfackeln zu beiden Seiten des Tores. Leichte Schweißperlen zogen sich über sein Gesicht und Pompidou merkte erneut den Ballast des Alters auf seinen Schultern. Vor dem Tore hielt er inne und stand still, während Viola noch weiter ging.
      "Ich wünsche Euch eine geruhsame Nacht", murmelte er und neigte den Kopf. "Seid sicher, dass die Nachricht umgehend überbracht wird."
      Er wartete nicht auf ein abschließendes Gespräch, denn zu sagen gab es nichts mehr.
      Zumindest nicht zu De Clairmont.

      Wenige Gassen weiter erwachten die Schatten zum Leben, als Gustave seine Schritte - nun wieder behänder als vorher - in die Gasse lenkte. Die Seidenpantoffeln waren wahrlich nicht das rechte Schuhwerk für einen derartigen Besuch und so wunderte es Niemanden, dass die Blicke neugieriger und die Finger länger wurden.
      Just als einer dieser Finger sein Gewand berührte, hielt der alte Mann inne.
      "Wenn du es wagst, verlierst du Hand und Zunge, du Bastard", knurrte Pompidou und fuhr herum.
      Das Gesicht des Fremden war vernarbt und wirkte seltsam schief. Grenzgänger waren eine eigene Volksgruppe für sich. Die Ausgestoßenen unter den Dieben und Mördern. Man verachtete sie, weil sie die Grenzen der Elfen allzu oft überquerten und dabei so manches Mal vergaßen, wem ihre Treue gehörte.
      "Wusste nicht das du es bist, Maitre", flüsterte der Mann und neigte seinen buckeligen Leib zu einer verhöhnten Verbeugung. "Ein Fehler, ein schaler..."
      "Natürlich", murmelte Gustave und machte sich gerade, sodass er weit über dem Grenzgänger, den man Pierre Le Fou nannte, aufragte. "Bedenke deinen Platz, Pierre...Ihr seid am Leben, weil ich es erlaube und zu keinem anderen Zweck, verstanden?"
      Der Ton in der Stimme des Alten wurde bedrohlicher, beinahe knurrend unmenschlich, als er sich hinab beugte und die Nachricht aus seinem Gewand zog.
      Mit einer schnellen Bewegung rollte er das Pergament auf und las aufmerksam und eilig über die Zeilen. Nicht ein Funke eines Gefühls zog sich über die bleichen Augen des Mannes, als er es zusammen rollte und dem Mann übergab.
      "Geh damit zur Grenze", murmelte er Pierre zu. "Verbrenne das Papier und überquere die Grenze. Dort nächtigt ihr zwei Tage. Anschließend setzt ihr eine Nachricht in Elfensprache auf. Sie soll folgende Worte beinhalten: "Komm nicht her. Zu unsicher. Ich melde mich. Ich liebe dich, Andvari."
      "Ist das nicht dieser Elfenkriegsherr?"
      "Nicht denken, Pierre. Behalte nur die Worte, verstanden? Schreib sie eilig und mit Kleksen. Und benutz keine edle Tinte. Nimm das, was aus den Tintensteinen fördern kannst."
      "Jawohl Maitre. Und..
      Pompidou zog die Augenbrauen hoch.
      "Meine Frau, Maitre...Ist sie..."
      "Es geht ihr gut, Pierre. Wie versprochen. Du bist bald mit ihr vereint."
      "Ich danke dir!"; murmelte der Mann ergeben und verschwand in den Schatten der Nacht, während Gustave seufzend in den Himmel sah.
      Wann würde das endlich aufhören?

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    • Die Höflichkeit gebot, dass Viola sich respektvoll zum Abschied verbeugte.
      Eigentlich wäre ein damenhafter Knicks wie in die Frauen am Hofe vollführten sicherlich angebrachter gewesen, aber die Heilerin weigerte sich strikt, sich wie eines dieser stolzierenden Hühner zugebärden. Angesichts all den Grausamkeiten, die Viola erduldet hatte, vergaßen die Meisten schnell, dass die junge Frau eben genau das war: furchtbar jung. Der Trotz sei ihr deshalb verziehen. Dazu gesellte sich die Tatsache, dass der Verstand in ihrem Kopf umher wirbelte wie ein tosender Sturm. Vor wenigen Stunden hatte sie rein gar nichts über ihre Herkunft gewusst und nun, da sie in den nächtlichen Sternenhimmel blickte, wünschte sie sich weit fort von Bourgone und zurück in die Ahnugnslosigkeit. Nichts an dieser Geschichte vereinfachte etwas. Stattdessen gestaltete sich alles komplizierte und verworrener als der Heilerin lieb war. Die Worte schwirrten durch die Gedanken in einem einzigen Chaos, dass sie allein nicht bewältigen konnte und mit dieser schlafraubenden Unruhe, all den Zweifeln und der Wahrheit, ließ Pompidou sie zu Beginn der Abtei allein.
      Viola drehte sich auf dem Absatz um und schritt über den knirschenden Kiesweg zurück in gewohntes Terrain.
      Allerdings war ihr Schlafgemach, der letzte Ort an dem sie im Augenblick sein wollte, ganz allein mit dem nagenden Zweifel.
      Das Gefühl einen geschickten Jäger in die Falle gegangen zu sein, ließ sie kaum bis gar nicht abschütteln weshalb ihre Schritte nicht in die sicheren Räumlichkeiten führten sondern dem Schein der Fackeln folgten bis sie den Trakt des altertümlichen Gebäudes erreichte ind em Lhoris ruhte.
      Die bourgonischen Wachen vor der Tür in all dem Prunk und schimmernden Rüstungen beäugten die eintreffende Heilerin mit unverhohlener Neugierde. Gleichzeitig bemerkte Viola in den dunklen Augen verborgen durch das Schattenspiel von flackerndem Feuer etwas gänzlich anderes. Die überhebliche Bestätigung, dass den Gerüchten ein Körnchen Wahrheit innewohnte.
      Armes, naives Ding. Blutverräterin. Elfenhure.
      Wenn ihr wüsstet, dachte Viola ohne jegliche Freude über das erworbene Wissen.
      Längst spielte es keine Rolle mehr, welche Gerüchte sich wie eine Krankheit unter dem Adel in Bourgone verbreiteten. Sollten die Umstände ihrer Herkunft jemals ans Tageslicht kommen, gab es nichts mehr, das sie retten konnte.
      Nicht vor der Comtesse. Nicht vor König Oberon.
      "Geht bei Seite.", forderte die Heilerin mit aller Authorität, die ihre Stellung mit sich brachte. "Ich wünsche meinen Patienten zu sehen."
      Mit einem ruckartigen Kopfnicken deutete die junge Frau auf die gekreuzten Speere vor der alten Holztür. Speere, wie sie einst Andvari durchbohrt hatten und auch Lhoris dieser Tage ähnliches Leid zufügten.
      "Patient. Natürlich, Frau Heilerin.", knurrte einer der Männer während sein Mitstreiter wenig bemüht das hämische Glucksen zu verbergen.
      Eilig schlüpfte Viola durch den Türspalt.
      Es war zu spät, um sich den Kopf darüber zu zerbrechen ob Lhoris bereit im Land der Träume wandelte. Sie mochte seine Verwundung geheilt haben, aber sein Körper war erschöpft und benötigte Ruhe.
      "Lhoris?", wisperte sie in die dämmrige Dunkelheit des Zimmers und entzündete eine einzlne Kerze neben der Tür. Vorsichtig trug sie die winzige Lichtquelle mit sich. Ein freudloses Lächeln ruhte auf ihren Lippen. Die Augen eines Elfen sahen auch bei nächtlicher Schwärze mit nichts als den Sternen als Licht tadellos. Eine Eigenschaft, die ihr dünnen Blut nicht überdauert hatte.
      "Bist du wach?", murmelte sie und nahm auf dem Holzschemel neben dem Bett Platz.
      Es war nicht fair ihn zu wecken.
      Es war nicht fair, dass Andvari weit weg im Niemandsland war.
      Es war nicht fair, dass die ersehnte Wahrheit mehr schmerzte als erlöste.
      Es war nicht fair. Und sie wollte damit nicht allein sein.
      “We all change, when you think about it.
      We’re all different people all through our lives.
      And that’s OK, that’s good, you gotta keep moving,
      so long as you remember all the people that you used to be.”
    • Wenn das Dunkel einen Menschen umfing, so schliefen sie meist und gaben sich hin.
      Das Dunkel im Kopf eines Elfen fühlte sich fremd an. Lhoris Farvalur war durch viele Dunkelheiten der Existenz gereist und hatte nicht vergessen, wie sich das Gefühl nach Watte und Taubheit anfühlte, während es sein Gesicht einnahm und ihn in einen dämmernden Schlaf gesandt hatte.
      Und doch. Die Träume blieben lebhaft bis zum Schluss. Er sah die streunende Armee, wie sie nach Beleriand geritten kam. Da waren die Vettern und Freunde, die einst auf der Seite des Fürsten gestanden hatten. Die Familien Farvalur, Beylamin und auch Andvaris Familie waren dort. Die wenigen, die noch lebten.
      Mit großem Getöse hatten sie die Banner entrollt und die Trompeten geblasen. Waren den Truppen der anderen Brüder gegenüber getreten und hatten dabei das Land veheert. Dutzende waren gestorben, Hunderte verletzt. Ein Massaker der jüngsten Stunde.
      Mit einem Zischen erwachte der Elf beinahe ruckartig aus seinem Schlaf und schlug unter Schmerzen nach oben. In seinem Körper fühlte sich alles fremd an und jede Bewegung verhieß Schmerzen und Unsicherheit. Lhoris fühlte sich unendlich langsam, als er sich sanft aufsetzte und sich unter Ächzen emporhob, sodass er zumindest in seinem Bett sitzen konnte.
      Erst danach bemerkte er den kleinen Tumult.
      Stimmen von außerhalb seiner Bettstatt erklangen und für einen Moment lang fühlte er sich an den Kerker zurück versetzt. Instinktiv griff seine Hand nach seinem Schwert, das nicht da war und er fühlte sich mit einem Mal schwach und nutzlos. Innerlich wollte er zurück. Zu seinem Freund und Herrn. Ein Farvalur kämpfte an der Seite der Lichtrufer und lag nicht verletzt in einem Bett aus Federn, umgeben von Tand und Heilung. Man starb ehrenhaft.
      Aus der Dunkelheit erreichte ihn eine Stimme, die er zuordnen konnte.
      "Ich bin wach", nickte er und bot Viola die Seite seines Bettes an.
      Mit dieser Lichtquelle wirkte sie wie ein Glühwürmchen, wärhend der Elf sanft rutschte um ihr Platz zu machen.
      "Was ist geschehen? Du siehst nicht gut aus! Hast du gefunden, wonach du gesucht hast?"

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    • "Ja...", durchbrach ein sanftes Flüstern die dämmrige Dunkelheit des Zimmers. "Und ich wünschte, wir wären nie her gekommen."
      Mit einem unruhigen Zittern in den Händen stellte Viola die flackernde Kerze zur Seite und sah mit einem schlechten Gewissen, das zweifellos Seinesgleichen suchte, auf die leere Stelle in Lhoris' Bett. Sie ermahnte sich ein zweite Mal im Stillen, dass es zu spät dafür war, da sie ihm bereits des dringend benötigten Schlafes beraubt hatte. Das gequälte Ächzen wenige Sekunden zuvor und die für den Elf zu vorsichtigen Bewegungen ließen die Heilerin auf dem knarzen Holzschemel etwas in sich zusammensinken. Der furchtlose Schwertkämpfer gehörte nicht in dieses notdürftige Bett seiner Stärke und Waffen beraubt mit gerade genug Energie im Leib für die nötigsten Bewegungen. Es schmerzte Lhoris diesem Zustand zu sehen, ebenso wie es Viola gequält hatte, Andvari seiner Würde beraubt zu sehen.
      Wenngleich Viola froh darüber war nicht allein an diesem Ort zu sein, der sich nicht länger nach einem Zuhause anfühlte, schämte sie sich zutiefst für dieses egoistische Gefühl. Nie zuvor in ihrem Leben hatte sie sich einsamer gefühlt als in den vergangenen Tagen und augenblicklich vertrieb lediglich der verletzte Elf den Eindruck, dass die Schatten in jeder Ecke und in jedem Winkel die Klauen nach ihr ausstrecken um sie am Stück zu verschlingen.
      Beabsichtigt oder nicht, Lhoris eröffnete der bedrückten Frau einen Lichtblick aus den düsteren Gedankengängen. Eine Illusion von tröstlicher Nähe, die die klammernde Kälte für einen Moment vertrieb. Im Kerzenschein sah Viola unschlüssig auf die gähnende Leere der verblichenen Laken und gab letztendlich dem Wunsch ihres müden Geistes nach. Knirschend schob sie den Schemel über den groben Steinboden zurück und nahm etwas ungelenk auf der Bettkannte Platz. Mit einem leisen Rascheln sortierte sie die für ihren Geschmack zu üppigen Röcke und zog ein Bein angewinkelt auf das Bett. Seufzend legte sie die Hände in den Schoß. Ohne die Kerze hatten die zittrigen Finger keine Aufgabe mehr, also begann sie damit die Haarnadeln und Schmuckbänder aus dem geflochtenen Zopf zu zupfen.
      "Ich bin eine Närrin, Lhoris.", sagte sie schließlich leise. "Ich war dermaßen begierig darauf die Wahrheit zu finden, dass ich mich leichtfertig von Pompidou zu einer Abmachung überreden ließ. Ein Gefallen seiner Wahl und zu einem Zeitpunkt seiner Wahl für den Zugang zur Bibliothek des Kaisers."
      Mit den Fingern kämmte Viola durch die befreiten Haarsträhnen, die im sanften Kerzenlicht wie eine sterbende Glut schimmerten.
      "Dabei wusste er es die ganze Zeit.", fuhr sie fort und wurde dabei immer leiser. "Der Besucht in den Archiven war vollkommen sinnlos. Ich habe mich von ihm austricksen lassen, Lhoris. Wie konnte ich so dumm sein."
      Und dann erzählte sie Lhoris alles. Von den Töchtern der Meriel und der hinterlistigen Ermordung.
      Von ihrem Urgroßvater und der verbotenen Liebe, die den Ursprung für ihre wunderlichen Fähigkeiten lieferte, die kein Mensch besitzen sollte. Und dem Mitgefühl für Pompidou, was die Naivität in ihren eigenen Augen noch unterstrich.
      Und von dem Blutschwur gegenüber Andvaris Familie.
      Mit jeder Silber war ihr Blick schwermütiger und zweifelnder geworden.
      "Ich wünschte, ich wüsste es nicht.", schloss sie ab und sah Lhoris, die Hände tatenlos in ihrem Schoß vergraben.
      Unschlüssig grub Viola die Zähne in ihre Unterlippe und haderte mit sich selbst.
      Sie hatte einem Fremden geholfen, einem verhassten Feind, zu entkommen.
      Ohne Zögern rettete sie mehrfach sein Leben und folgte ihm ohne die eigenen Gefühle und das für Außenstehende merkwürdige Vertrauen in Andvari, einen Elf und Mann, aufrichtig zu hinterfragen.
      Dabei geschah alles so unglaublich schnell. Und Lhoris wusste das, zumindest das Meiste.
      "Ist es wirklich real, Lhoris?", sprach sie endlich den nagenden Zweifel aus. "Ist es mein freier Wille oder die Magie des Blutschwures?"
      “We all change, when you think about it.
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    • Lhoris sah sie an und tat das, was der Elf am besten konnte:
      Er hörte zu. Jahrelang war er stiller Berater der Familie Valverden gewesen und trug mannigfaltige Geheimnisse im Herzen. Und dennoch war das, womit Viola aufwartete, nichts im Gegensatz zu diesen. Und über die Hälfte der Zeit vermochte der Elf nicht einmal zu begreifen, was sie ihm dort berichtete.
      Die Töchter der Meriel...
      Natürlich kannte er diesen Namen. Jeder im Elfenreich kannte ihn. Es gab Niemanden,d er sie nicht gefürchtet oder bewundert hatte. Oder zumeist beides zugleich...Aber dies alles. Die Verpflichtung Violas, Pompidous Bekenntnis und letztlich auch die Geschichte ihrer HErkunft selbst ließen selbst den Elfen etwas an dem Zweifeln, was er gesehen hatte. Die Frage war nur, würde er es ihr offenbaren?
      Seufzend legte er seine Hand schwach auf ihre ruhelosen Hände und sah sie aufmunternd lächelnd an.
      "Zunächst:", begann er mit ruhiger, leiser Stimme. "Hör auf, dich zu schelten. Du bist keine Närrin. Pompidou ist durch und durch Politiker und wie ich mir habe sagen lassen, kein Unfähiger. Es ist nicht närrisch, Jemandem wie ihm auf den Leim zu gehen. Wie hättest du es wissen können? Du hast gehofft und vertraut und dich verrannt. Das passiert. Und mach dir keine Sorgen wegen dem Gefallen. Wir sind in ein paar Tagen wieder auf dem Weg zu Andvari und dann wird der Gefallen beinahe obsolet."
      Was sollte er mit einer Heilerin, die ihm einen GEfallen schuldete, und viele Kilometer fort war?
      Zu ihrer Geschichte hatte er ein tiefes Seufzen übrig und lehnte den Kopf an die Bettleiste. Sein Blick fuhr ins Leere und er leckte sich über die Lippen, als suchte er etwas Halt in der Tätigkeit.
      "Die Töchter der Meriel...", murmelte er und schüttelte den Kopf. "Bei den Bäumen...Ein derartiges Schicksal hätte ich ihnen nicht gewünscht. Sicherlich kenne ich den Begriff und kenne den Orden. Ich habe zu der damaligen Zeit bereits gelebt, jedoch als niederer Soldat. Meine Aufgabe war der Schutz der Hauptstadt, sodass ich nur davon hörte, dass der Orden vernichtet worden war. König Oberon ließ seinerzeit verbreiten, dass die Menschen einen heimtückischen Angriff auf das Volk der Elfen durchgeführt hatten und schürte die Wut im Land. Dies nun zu hören macht es nicht einfacher, meine damalige Narretei zu verstehen. Ich habe es geglaubt, Viola."
      Entschuldigend blickte er kurz zu deiner Heilerin und drückte ihre Hand.
      "Es ist nicht einfach zu beantworten fürchte ich", begann er langsam und entschied sich doch für die Wahrheit. "Ein magischer Blutschwur, gegeben aus Schuld, ist ein mächtiges Bindemittel für den Verstand und den Körper desjenigen, der ihn erbringen muss. Ein hohes Gut und selten leichtfertig ausgesprochen. Jedoch: Obschon dies besteht, muss dieser Schwur nicht die Ursache für deine Gefühle sein. Du wusstest nichts davon und hast diese Gefühle freiwillig entwickelt. Es wäre schon sehr weitreichend gewesen, wenn Jemand so weit gedacht hätte bei der Entwicklung dieser magischen Bürde."

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    • Die Hände des Elfen waren eiskalt und die Kraft in den schwieligen Fingern gering.
      Besorgt nahm Viola die kühle Hand zwischen die Ihren um ein wenig Wärme zurückzugeben und gleichwohl mit sanften Druck stumm die unendliche Dankbarkeit auszudrücken, die sie beim Klang seiner Worte empfand. Tröstlich besänftigte das Gesagte die wirren und lauten Stimmen in ihrem Kopf, die den Zweifel und die Hilflosigkeit schürten. Die Überforderung spiegelte sich in dem Winkel des ihre Gesichts und leuchtete im Kerzenschein in den unergründlichen Tiefen ihrer Augen.
      Dennoch schüttelte Viola verneinend den Kopf.
      "Ich sorge mich nicht um meine Sicherheit. Pompidou will etwas von mir und das bekommt er nur wenn ich am Hof überlebe.", antwortete die Heilerin, ohne davon zu berichten, dass der geschickte und wortgewandte Mann mit dem Gedanken liebäugelte sie an Lucien zu binden, und drückte ihre Fingerspitzen behutsam gegen die kalten Handflächen.
      Diesen kleinen Trick erlernte sie von Greneau, um den Blutfluss in ausgekühlten Gliedmaßen in den Feldzügen während des harschen Winters anzuregen. Ein Schwertkämpfer ohne die vollstände Anzahl von Fingern bekam arge Schwierigkeiten. Natürlich sorgte sich Viola nicht, dass Lhoris die Gefahr drohte einen seiner Finger zu verlieren, aber es war die einzige Geste an Freundlichkeit und Fürsorge, die sie geben konnte ohne auf die Magie zurückzugreifen. Nachdem sie aus fehlgeleitetem Mitgefühl Pompidou etwas Linderung verschafft hatte, fühlte sich ihr Kern und der magische Schimmer der Aura dürftig und ausgebrannt an. Außerdem hatte Viola bereits im Stillen ganz allein für sich beschlossen, Lhoris mit ihrer Zauberkraft zu verschonen. Bisher hatte keiner ihrer Zauber seine Wirkung verfehlt, aber sie hatte jede einzelne Mal willentlich eine persönliche Grenze überschritten. Viola würde nie wieder ungefragt ihre Magie an Lhoris wirken, es sei denn sein Leben hing an einem seidenen Faden.
      "Aber ich sorge mich um dein Leben, Lhoris.", gestand sie. "Du bist hier nicht sicher. Lucien kann nicht ewig die Hand schützend über dieses Haus halten. Die Wachen vor der Tür sind keine Garantie für den wahrscheinlichen Fall, dass sie zu den Vertrauten der Comtesse gehören. Eine schreckliche Frau getrieben von Machtgier. Sie begehrt den Thron und umgarnt den den Kaiser mit allen verfügbaren Mitteln, wobei sie ein leichtes Spiel haben dürfte. Lucien hat mir bestätigt, dass der Geist seines Vaters schwach und brüchig ist."
      Das Kopfschütteln schien zu einer nicht enden wollenden Schleife zu werden.
      "Entschuldige dich nicht.", widersprach Viola und schenkte ihm ein versöhnliches Lächeln. "Es ist nicht dein Schuld und es war auch nicht deine Willkür, die ihr Schicksal besiegelte. Oberon wir dafür bezahlen, wenn die Zeit gekommen ist. Daran glaube ich fest, auch wenn ich davon überzeugt bin, dass gewisse Dinge besser verborgen bleiben. Die Elfen haben die Töchter der Meriel verehrt aber auch gefürchtet. Am Ende war die Furcht größer als die Verehrung. Es ist geschehen, Lhoris, wir können nur hoffen, dass unser Blut - Andvaris, deines, meines und das aller anderen - nicht umsonst vergossen wurde und wir keine weitere Tragödie heraufbeschwören."
      Viola spitzte die Ohren.
      Der Blutschwur musste nicht die Ursache sein, aber er könnte es sein.
      "Trotzdem. Bestünde die Möglichkeit, dass der Blutschwur mich auf den Pfad zu Andvari geführt hat? Unsere Familien sind durch den Zauber miteinander verwoben. Vielleicht war es weder Zufall, noch Schicksal. Ich hätte in jedem anderen Kriegstross sein können. Es existieren hunderte Lager überall an der Grenze zum Niemandsland..."
      Viola suchte die Nadel im Heuhaufen und die Antwort auf eine Frage, die sie höchstwahrscheinlich für den Rest ihres Lebens nichts bekommen würde. Magie war niemals berechenbar und gehorchte allein ihren eigenen Gesetzen.
      "Verzeih mir.", unterbrach sie sich selbst. "Ich sollte dich ausruhen lassen."
      “We all change, when you think about it.
      We’re all different people all through our lives.
      And that’s OK, that’s good, you gotta keep moving,
      so long as you remember all the people that you used to be.”
    • Eine Weile lang betrachtete der Elf ihrer beider Hände und musste grinsen, als er die merkwürdige Massage bemerkte, die sie ihm angedeihen ließ. Zumindest enthielt sie keine Spuren magischer Energien, sodass sie dies offenbar einfach nur mit ihren mechanischen Fähigkeiten tat. Erstaunt und gleichsam wohlig berührt, ließ der Elf es geschehen und sah sie aus dem Augenwinkel an, während sie sprach.
      "Mach dir nicht so viele Gedanken um den Gefallen", bemerkte er. "Ich weiß, dass es nach einer gewaltigen Verpflichtung klingt, jedoch ist ein Wort nur so viel wert, wie der, der es empfängt. Pompidou erscheint mir mit Sicherheit zwielichtig, jedoch nicht bösartig. Und sollte der Gefallen zu groß oder zu unsittlich sein, werde ich ihn töten."
      Lhoris sagte dies beinahe so lapidar daher, als würde er seine Waffe reinigen wollen. Als wäre dies ein alltäglicher Akt der Nächstenliebe, gleich einer Spende der hiesigen Kathedrale.
      Als sie weitersprach hob Lhoris einmal kurz die Hand, um sie zum Schweigen zu bringen.
      "Zunächst: Sorge dich nicht unnötig um meine Sicherheit, Viola", begann er mit ruhiger Stimme. Und auch wenn diese noch schwach klang, so waren die dunklen, fast schwarzen Augen beinahe wieder feurig lebendig. "Ich heile derzeit. Gib mir noch eine Nacht und einen halben Tag und ich werde soweit wieder einsatzfähig sein. Und auch wenn ich nur ein Bein und meinen linken Arm hätte, würde ich diese Witzfiguren von Wachen dort draußen mühelos niederringen können. Wobei ich dir zustimme, dass die - wie hieß es? - Comtesse?- nichts gutes verheißt. Wenn der Kaiser schwach ist und dem Verstande nach brüchig, kann das Vorhaben, die Comtesse nicht an die Macht zu bringen nur auf zwei Arten gelingen..."
      Er sah Viola ernst an und anschließend zur Tür, die immer noch geschlossen wie ein riesiges Mahnmal vor ihnen thronte.
      "Durch den Tod der Comtesse oder dem Besteigen des Thrones durch den Sohn."
      Hinsichtlich des Blutschwures bemerkte er weiterhin die Sorge der jungen Frau und wünschte sich, er hätte Anderes sagen können. Mehr sagen können. Doch die Magie des Blutschwurs war eine geheime, fast vergessene Kunst, die mit den Lichtrufern beinahe ausstarb.
      Seufzend sah er sie an.
      "Die Möglichkeit besteht, ja", nickte der Elf und der Blick wandelte sich zur Besorgtheit hin. "Es wäre unwahr, dir vorzuenthalten, dass die Familie der Lichrufer durchaus öfter die Hilfe eines Blutschwurs oder eines Wortschwurs in Anspruch genommen. Verwoben mit ihrer Magie war dies das wirksamste Mittel, um sich Getreulichkeit zu versichern. Und ja, du hättest überall sein können. Aber du warst es nicht. Du warst dort an diesem Tag und die Götter haben es so gewollt, dass ihr beide euch trefft! Stell nicht in Frage, was das Schicksal, die Götter oder an welche Macht auch immer du glaubst, für dich geplant haben! Deine Gefühle können nicht falsch sein!"
      Oder?, dachte er und schüttelte den Kopf bei ihrem letzten Satz.
      "Ich bin nicht müde."

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      The more you drag me to hell
    • Mit einem gedehnten Seufzer gefüllt mit einer schier unendlichen Frustration ließ Viola das Kinn auf die Brust fallen.
      Die Situation stellte sich als ausgesprochen verzwickt heraus und brachte die junge Frau dazu ihren gesunden Menschenverstand in Frage zu stellen. Der tröstliche Versuch des Elfen ihre Bedenken fortzuwischen, ließ sie eine tiefe Dankbarkeit empfinden, aber Lhoris war nicht Andvari. Möglicherweise hätte es der Heilerin eher geholfen die Versicherung aus dem Mund des Lichtrufers zuhören.
      "Wir sollten uns mit dem Gedanken anfreunden, dass die Comtesse uns nicht lange in Frieden lässt. Sie wird uns an die Öffentlichkeit des Hofes ziehen und uns den Wölfen zum Fraß vorwerfen. Es ist wichtig, dass wir uns auf keine Provokation einlassen, da Lucien den Kopf für uns hinhält. Dieses garstige Miststück wird ihn für jeden unserer Fehltritte verantwortlich machen."
      Ein winziges Problem ließ sich vermutlich dennoch recht einfach lösen und Viola hob den Blick an, bemüht die Schwermütigkeit etwas aus dem Gesicht zu vertreiben. Hinsichtlich Lhoris' Schutz konnte sich etwas arrangieren lassen.
      "Hm, ich könnte Lucien bitten deine Waffen ausfindig zu machen. Vielleicht bekommen wir die Gelegenheit dein Schwert in die Abtei zu schmuggeln. Mir wäre wohler, wenn du etwas bei dir hättest, womit du dich im Notfall verteidigen kannst. Und bis dahin besorge ich dir etwas, vielleicht ein Messer, dass sich leicht verbergen lässt.", murmelte sie, obwohl sie wusste, dass der Elf ganz und gar nicht wehrlos war auch ohne die vertraute Klinge in seinen Händen. Und Lhoris benötigte neue Gewänder. Sie würde sich am nächsten Morgen gleich darum kümmern, er konnte nicht für den Rest einer Zeit in einem Bettlaken durch die Korridore wandern.
      Zweifelnd sah Viola ihn an und verspürte erneut den unnachgiebigen Stich des schlechten Gewissens.
      "Du brauchst den Schlaf.", widersprach sie störrisch und wirkte gleichzeitig sehr erleichtert, dass die Einsamkeit der eigenen Gemächer noch eine unbestimmte Zeit erspart blieb. Nichts in der Körperhaltung der Frau deutete an, dass sie vorhatte in den nächsten Minuten den Raum zu verlassen. Sie hatte sich noch nie so schrecklich allein gefühlt.
      "Lhoris, ich möchte dich etwas fragen und bitte dich ehrlich zu antworten, wenn es dir Unbehagen bereitet.", forderte sie zögerlich "Kann ich heute Nacht hierbleiben?"
      Befangen verschränkte Viola die eigenen Finger miteinander, bis die Knöchel weiß unter der Haut hervortraten.
      "Ich schlafe auch auf dem Boden.", fügte sie schnell hinzu. Sie war schlimmere Umstände für ein Nachtlager gewöhnt.
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      so long as you remember all the people that you used to be.”
    • Schweigsam lauschte der Elf der jungen Frau und lächelte versonnen in die Dunkelheit des Raumes. Eher das Dämmerlicht, betrachtete man die schwache Kerze im Raum, die selbst seine blasse Haut lebendig ausschauen ließ.
      Sein Körper fühlte sich noch immer recht schwer an auch wenn langsam und mit jeder Sekunde des Gesprächs mehr das Leben in ihn zurückkehrte und die müden Glieder belebte. Auch wenn er noch einige Stunden würde ruhen müssen, berechnete der Elf recht präzise, dass er bereits morgen wieder soweit auf dem Damme war, dass er die ersten Schritte würde tätigen können.
      Ruhig sah er Viola an und lächelte schwach, auch wenn man es kaum sah.
      "Nein, das wird sie wohl nicht", murmelte er und kicherte verhalten. "Aber es wäre auch verwunderlich wenn sie den Klassenfeind derart freundlich in ihrer Stadt aufnehmen würde. Als würden wir hier hingehören, nicht wahr? Ich erinnere mich nicht gut, aber ich weiß, dass es Zeiten gab, wo wir einander nicht Feinde waren. Da säumten auch Elfen diese Straßen und verkauften Schmuck. Meine Familie zum Beispiel. Die Familie Farvalur waren Schmiede, musst du wissen..."
      Erst danach hielt er einen Moment inne und schüttelte den Kopf.
      "Verzeih. Ich wollte nicht abschweifen. Besorge mir keine Waffe, Viola", sagte er schließlich ernst. "Mein Schwert sollte genügen. Aber keine zusätzliche Waffe. Je mehr wir Aufsehen erregen umso mehr geben wir ihnen einen Grund, uns zu jagen. Ich bin durchaus in der Lage mich zu verteidigen, wenn ich nicht gerade darauf achten muss nicht aufzufallen."
      Auf ihre letzte Frage hin sah er sie einen Moment an und das erste Mal sah man in dem Gesicht des Elfen eine Art Überraschung, das sein Alter ein wenig kaschierte. Beinahe jungenhaft grinste er und prustete schließlich los, ehe er die Decke zurück schlug und die junge Frau zu sich auf die Matratze einlud.
      "Kein Unbehagen", murmelte er. "Ruh dich aus. Ich wache über dich."

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    • Verwirrt sah Viola den Elf an, der offensichtlich ihre Frage für überaus belustigend hielt.
      Im sanften Kerzenlicht bemerkte das bloße Auge kaum wie eine peinlich berührte Röte den schlanken Hals herauf kroch. Sie widerstand mit Mühe dem dringenden Bedürfnis das Gesicht in den Händen zu vergraben. Die Verlegenheit über die geäußerte Bitte und die Sorge etwas gänzlich Falsches damit zu implizieren, kamen ihr urplötzlich ziemlich lächerlich vor. Was mochte Lhoris sehen, wenn er sie anblickte? Die Gefährtin seines Bruders und besten Freundes seit mehr Jahren, als Viola an den Fingern abzählen konnte. In der Zeitrechnung des Elfenvolkes war Viola nicht mehr als ein Kind, ein junges Mädchen, dass kaum einen Wimpernschlag lang in der Welt existierte.
      "Hör auf zu lachen, Lhoris Farvalur. Das gehört sich nicht.", stimmte sie in das Lachen mit ein.
      Kopfschüttelnd beugte sich Viola zu den Stiefeln an ihren Füßen. Es gehörte sich auch nicht mitten in der Nacht in das Bett eines Mannes zu kriechen. Zumindest nicht für vernünftige und wohlerzogene Damen aus gutem Hause. Die Heilerin war keines davon, auch wenn ihre verstorbenen Eltern Wert auf eine gute Ausbildung und Erziehung gelegt hatten. Sie war ein Kind des Niemandslandes, widergeborenen aus der Asche der Zerstörung und schon lange kein unschuldiges Kind mehr. Vaeril hatte weitaus mehr angerichtet, als ihre Unschuld zurauben. Wäre es anders gewesen, hätte sie niemals die nötige Wut aufgebracht, ihm das armeselige und grausame Ende zu bescheren, dass er verdient hatte. Hoffentlich verrottete sein Leib in aller Schande auf der trostlosen Erde des Grenzlandes.
      Lhoris war ihr Freund, ihr Beschützer. Alles andere wäre vollkommen an den Haaren herbei gezogen.
      Mit diesem Gedanken befreite sie sich sogar von dem grünen, bestickten Oberkleid und behielt trotzdem noch zwei weitere Lagen wärmenden Stoffes am Leib. Prustend warf sie den roten Haarschopf in den Nacken, als sie das schwere aber weiche Material über den Kopf zog. Damit hätte sie unmöglich schlafen können, zu eng, zu formell. Sie sehnte sich nach den einfachen Trachten zurück.
      Vor dem kühlen Steinboden flüchtend, schlüpfte Viola unter die angebotene Decke.
      Die Erleichterung war ihr deutlich anzusehen.
      "Gut, wie du möchtest. Dann keine Waffen.", murmelte sie bestätigend und drehte sich auf die Seite, um ihn weiterhin im flackkernden Licht der Kerze ansehen zu können, die in ihrem Rücken brannte.
      Bequem schob sie eine Hand unter das Gesicht, die Zweite zog sie nach vor ihre Brust und machte sich allgemein so klein wie möglich.
      Eine Gewohnheit, die schwer abzulegen war.
      "Erzähl mir von deiner Familie...", flüsterte Viola.
      Es war kein Befehl oder harsche Aufforderung.
      Es war eine sanfte Bitte. Sie hatte sein Zögern bemerkt, die Zurückhaltung über seine Famile zusprechen und die zweifelnde Frage ob die Frau, die ungehörigerweise sein Bett teilte, überhaupt etwas davon wissen wollte.
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      And that’s OK, that’s good, you gotta keep moving,
      so long as you remember all the people that you used to be.”
    • Es war erfrischend, zwischen den Zeiten der Trauer und Wut einmal ein ehrliches Lachen zu hören.
      Lhoris gab es nicht gerne zu, aber er genoß den Klang der Frauenstimme in seiner Nähe und verstand gleichsam, weshalb Andvari sich zu dieser Frau hingezogen fühlte. Sie brachte das Leben mit sich.
      So erschien es ihm beinahe natürlich, dass er ihr beim Entkleiden der Schuhe und des Überrocks zusah. Nicht aus Begierde heraus, nein. Es war vielmehr dass man ihr den Einfluss der Meriel durchaus anmerkte. Eine nicht unerhebliche Macht floss durch ihre Adern und bahnte sich einen Weg hinaus, wenn sie nicht acht gab. Die meisten Meister dachten noch heute, dass man nur durch negative Gefühle den Halt verlor. Doch positive Gefühle waren ihnen zumindest ebenbürtig.
      "Danke", murmelte er grinsend und sah sie aus dem Augenwinkel an, während sie sich in das Bett kuschelte.
      Gut, vielleicht war es doch ein wenig merkwürdig, aber nicht so sehr, als dass er dem Bette hätte entfliehen müssen. Ruhig atmete er ein und aus, ehe er sie aus seinem Augenwinkel nochmals ansah. Erneut suchte er das verräterische Funkeln in ihren Augen, dass die Korrumption des Magiekerns anzeigte. Und doch fand er erneut nichts. Nur aufmerksame Augen.
      "Meine Familie...", begann er und seufzte, ehe er wieder an die Decke sah. "Meine Familie waren Juwelenschmiede. Eine ganze Ära, eine ganze Dynastie davon. Ich war tatsächlich der erste Nicht-handwerker seit Jahrtausenden, wenn man es so möchte. Mein Vater...Er war ein grausamer Elf...Er schlug meine Mutter mit seinen tellergroßen Händen und misshandelte meine Schwester bei Leib und Leben. Es galt in dem Teil des Reiches als Sitte, dass die Frauen den Männern zu dienen hatten. Und trotz dieser Grausamkeiten war er geschickt mit dem Hammer und dem Eisen und schmiedete die tollsten Geschmeide. Schliff Steine wie ein ZWerg und fertigte Schmuck wie ein Kobold. So mancher mochte ihn aber ich...Ich hasste meinen Vater. Aus tiefster Seele. Umso mehr erfreute es mich, dass ich seine FÄhigkeiten geerbt hatte. Ich konnte ihn damit regelrecht verhöhnen indem ich die wertvollen Feuerhände für den Kampf einsetzte. Es war mir ein Fest, musst du wissen."

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    • Ein vorsichtiges Lächeln umspielte die Lippen, als Lhoris der geäußerten Bitte nachkam.
      Vermutlich würde Viola nie genug von den Geschichten der Elfen bekommen, denn wenn sie nicht gerade vom Krieg und grausamen Herrschern handelten, besaßen sie genug Potenzial um zahlreiche Märchenbücher damit zu füllen. Legenden und Mythen gefüllt mit zauberhafter Magie. Erzählungen von Nymphen, Zwergen und allerlei magischer Kreaturen. Die Heilerin beschloss am Ende, wenn alle Hürden überwunden und der Krieg vorbei war, alles niederzuschreiben um den Generationen nach ihr ein anderes Bild des Elfenvolkes zu vermitteln. Ein Bild, dass in den vergangenen Jahrhunderten gelitten hatte. Aber sie würde auch die Wahrheit erzählen, von blutigen Fehden und niederträchtigem Verrat, und natürlich vom Schicksal, das alles Lebendige verband. Viola würde der Welt ein Zeugnis hinterlassen und einen weiteren Mythos dem Kompendium hinzufügen.
      Das Lächeln verblasste.
      Binnen weniger Wimpernschläge merkte die Frau bereits, dass es keine schöne Gute-Nacht-Geschichte war, die der Elf zu erzählen gedachte. Schweigsam lauschte sie einer Familiengeschichte, die wenig Licht mit sich brachte. Obwohl Tragik die Silben behaftete, kehrte ein seichtes Schmunzeln auf das friedliche Gesicht der Heilerin zurück.
      "Merkwürdig.", grübelte sie. "Ich vergesse manchmal, dass kein Mann als Soldat geboren wird. Ein Juwelenschmied, also. Ein Zimmermann und Schmied, die sich zu den gefürchtesten Elfenrkiegern entwickeln, die die freien Menschenlande kennen. Das klingt nach einer Heldengeschichte. Je nachdem aus welchem Blickwinkel sie geschrieben wird."
      Viola sprach keineswegs mit einem spöttischen Unterton, sondern eher nachdenklich. Bei der Erwähnung seiner Mutter und Schwester, schlug sie die Augelider erneut vollständig auf und sah Lhoris unverwandt an, während ihr Körper sich langsam an das ungewöhnliche Schlafarragement gewöhnte. Sie hatte keine Angst vor dem Schwertkämpfer, aber unterschwellig versprüte sie stets eine seichte Welle der Kälte, denn ihr Unterbewusstsein vergaß nicht, so sehr Viola auch vertraute. Sie hatte Andvari nie gesagt, dass sie manchmal dasselbe fühlte, wenn sie des Nachts rastlos neben ihm ruhte.
      "Deine Mutter und deine Schwester...Leben sie noch?", fragte sie vorsichtig.
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    • Lhoris verzog kurz nachdenklich das Gesicht, während der bedächtig den Kopf schüttelte. Das schwarze Haar wirkte dabei wie ein unförmiger Teppich um sein Gesicht herum, während er die Hände auf der Brust faltete.
      "So würde ich es nicht sagen", murmelte er. "Es gibt durchaus Elfen wie Menschen, die zu einem Leben als Soldat gemacht sind. Sie werden nicht dazu geboren, das stimmt. Aber bei mir zeichnete sich recht früh ab, dass ich nicht das Feingefühl meines Vaters geerbt hatte, was Schmuck und Metalle anging. Während er Kleinodien und Geschmeide für die Reichen schmiedete, baute ich mir ein Schwert aus grobem Eisen zusammen und rannte damit über die Wiese. Es war schon recht früh klar, dass ich wohl eine militärische Laufbahn einschlagen würde."
      Auf ihre letzte Frage hin nickte Lhoris bedächtig.
      "Ja, meine Schwester ist noch am Leben", sagte er und sah wieder kurz zu Viola, unwissend der Kälte die sie empfand, und wieder hinfort. "An einem Tag...Ich weiß es noch wie gestern. Ein lauer Sommertag, musst du wissen. Die Bäume standen hoch in Blüte und die Sonne schien herab wie ein immerwährender Fackelschein. Meine Schwester und meine Mutter waren zum Markt gegangen und ich blieb mit meinem Vater allein daheim. Er arbeitete an irgendwelchen Dingen und ich beschäftigte mich mit mir selbst. Ich war damals zwanzig Winter alt und versuchte, einen Weg für mich zu finden.
      Als meine Mutter und Schwester zurückkamen, gab es Streit wegen einer Kleinigkeit und mein Vater schlug sie beide erneut. Ich weiß nicht mehr worum es gegangen war, aber ich sah rot. Nahm mir einen Schürhaken der im Feuer lang und tötete meinen Vater auf die grausamste Art und Weise die mir einfiel.
      ich erhitzte den Haken bis er Glut spuckte und stach ihn in seinen hässlichen Leib. Durch die Hitze verschlossen sich die Wunden und er erlitt nur den Schmerz, der damit einherging. Erst nach sieben Stichen ließ ich ihn frei und sterben."
      Lhoris seufzte schwer.
      "Meine Mutter und Schwester wandten sich von mir ab und ich verließ das Elternhaus. Ich erfuhr durch einen Boten, als ich bereits im Dienste des Königs war, dass meine Mutter wohl an den Pocken verstorben war. Meine Schwester betreibt einen kleinen Blumenhandel im Norden, nahe der Zwergengrenze."

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    • Obgleich der Traurigkeit der Familiengeschichte und aller verübten Taten, erzeugte das Bild einer kleineren Version von Lhoris eine wärmendes Gefühl tief in ihrem Brustkorb. Ebenso wie der Gedanke, dass alle Soldaten und Krieger einmal ein anderes Leben geführt hatten, vergaß Viola auch, dass Lhoris und Andvarie, alle Gefährten der letzten Wochen und Monate, einmal Kinder gewesen waren. Elfen besaßen ein langes Leben, dass einem gewöhnlichen Menschen wie eine Ewigkeit vorkam und die Heilerin zwischen verhärteten Kriegsfronten hatte eine sehr lange Zeit hinter den feingeschnittenen und durchaus schönen Zügen nur eines gesehen: Monster, die sich hinter mit einer hübschen Maske versteckten. Selbst Vaeril.
      "Du hast getan, was du konntest, um sie vor deinem Vater zu beschützen.", wisperte Viola.
      Die junge Frau sprach keine falschen, versöhnlichen Floskeln aus, ebenso wie sie es gegenüber Andvari nicht getan hatte als er sie mit den grausamen Details seiner Geschichte konfrontiert hatte. Nichts davon ändern, was geschehen war. Stattdessen spiegelte sich Verständnis in ihrem Blick.
      "Ich kannte Menschen, die diese Stärke nicht besaßen.", fuhr sie fort und schmiegte die Wange in das dürftige Kopfkissen.
      Viola schloss die Augen und lauschte in die Nacht hinaus.
      Vor dem dünnen Fensterglas raschelte es in den Blumenbeeten, vermutlich eine streunende Katze, und das leise Plätschern des Brunnens im Zentrum des Hofgartens drang gedämpft in den Raum. Wenn Sie ganz still war, drangen die Gräusche des nächtlichen Treibens aus dem Zentrum Bourgones bis in die Gärten der Abtei.
      "Wir akzeptieren die Liebe, die wir zu verdienen glauben, Lhoris.", sprach sie leise.
      Sie glaubte bis heute nicht, die bedingungslose Liebe Andvaris zu verdienen. Das Wissen um den Blutschwur nährte die Zweifel, dass ein gefühl wie dieses nicht für sie bestimmt war.
      "Hast du deine Schwester je besucht? Oder wirst du es tun, wenn all das hier vorbei ist?"
      “We all change, when you think about it.
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    • Lhoris sah an die Decke und schloss nun seinerseits die Augen für eine kurze Zeit.
      Sacht drangen die Geräusche des Außen an sein sensibles Ohr und er hörte den Atem der Nacht durch die Lande ziehen. Erneut fühlte er sich fremd in dem Land, dass sie einst bereist hatten. Zu Zeiten, als man noch nicht von der Comtesse oder anderen Würdenträgern sprach. Als das Leben noch einfach und schön war und kein derartiges Kriegstreiben.
      "Stärke...", murmelte er schon halb schlaftrunken. "Es war keine Stärke, einen am Boden Liegenden zu quälen und sich der Dunklen Seite hinzugeben. Es gibt einen Grund, weshalb man gewisse Grenzen nicht überschreiten sollte."
      Seufzend spürte er seinen Körper langsam schwerer werden auch wenn die Worte der Heilerin durchaus einen tröstenden Faktor besaßen. Ja, man akzeptierte die Liebe, die man zu verdienen glaubte. Wenn es danach ging, war er schon immer ein Ausgestoßener unter Unerwünschten gewesen.
      "Das ist auf eine erschreckende Weise wahr", flüsterte er. "Eines musst du mir verraten...Ich habe es nie in Frage gestellt und aufgrund der Unterhaltung von eben kam die Frage wieder auf, aber...Weshalb Andvari? Ich meine, er ist stur, eigen und ein wenig zu überhastet was Entscheidungen und derartiges angeht. Und zudem ein Elf. Mal abgesehen von den Dingen die du heute erfahren hast: Was zieht dich zu ihm?"
      Noch ruhig sah er zu ihr und sah sie aufmerksam an. Die letzte Frage überraschte ihn. Vielmehr die Tatsache, dass er sie sich nicht selbst einmal gestellt hatte.
      "Ich...Nun...", murmelte er und fuhr sich mit der Hand durchs Gesicht. "Ich weiß es nicht. Ich habe mich nie wirklich damit beschäftigt und es ist schon so lange her...Also...Und vielleicht will sie mich auch gar nicht sehen. Sie lebt für die Blumen und ich habe Blut an den Händen..."

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    • "Wir haben alle Blut an unseren Händen, Lhoris.", flüsterte sie in die Nacht. "Wenn auch aus unterschiedlichen Beweggründen."
      Viola war Heilerin. Die zierlichen Hände hatte in mehr blutigen und tödlichen Wunden gesteckt, als sie zählen konnte. Ihre Hände waren sprichwörtlich mit Blut besudelt, weil sie versuchte Leben zu retten. Andvari und Lhoris kämpften in schrecklichen Schlachten um ihr Leben. Das Blut an ihren Händen zeugte nicht nur von Grausamkeit sondern auch von Überlebenswillen. Und so egoistisch es in ihren Gedanken klang, sie war froh das beide Männer lebten, obwohl sie dafür einen hohen Preis bezahlt hatten.
      Die schleppenden, müden Worte des Elfen neben ihr verloren an Deutlichkeit, als wäre der Schlaf nur einen winzigen Schritt entfernt.
      "Ich mache weder dir noch Andvari einen Vorwurf aus euren Taten in den Kriegen. Am Ende tun wir alle, was wir müssen, um zu überleben. Und deine Schwester wird es sicherlich auch nicht. Du solltest deinen Frieden mit ihr machen, wenn das hier vorbei ist.", fügte sie hinzu, um das Thema über Blutvergießen, Tod und Verlust abzukürzen, um vielleicht die zu lebhaften Albträume auf Abstand zu halten. Sie hatte nicht vor den Elf um seinen wohlverdienten Schlaf zu bringen.
      Mit einem Seufzen drehte sich die Heilerin auf den Rücken und schlug die Augen auf.
      Der Blick folgte einem bröckelnden Riss hoch oben an der Decke, der sie wie ein abstrakter Fluss durch den gehärteten Lehm zog. Lhoris Frage stimmte sie nachdenklich. Eine einfache Antwort gab es darauf nicht und dennoch erklang ein leises Lachen in der Dunkelheit.
      "Weißt du, ich habe mich fast zu Tode gefürchtet, als Lemaire mich damals in das Zelt rufen ließ um einen Gefangenen zu versorgen. Als Andvari aufwachte, knurrte er mich ein wie tollwütiger Hund, aber auch ich hatte meine Befehle.", erzählte Viola. "Bei meiner Angst blieb mir allein der Weg nach Vorne. Ich glaube es hat ihn überrascht, dass eine Menschenfrau versucht hat ihm die Stirn zu bieten. Lemaire dachte, wenn er Andvari ein unscheinbares und wenig bedrohliches Weib vor die Nase setzt, würde er unvorsichtig werden. Ich sollte sein Vertrauen gewinnen. Ich bin nicht naiv, Lhoris. Mir ist bewusst, dass er mich mit mehr falschen Informationen versorgt hat, als der Wahrheit um mich zu manipulieren. Und am Ende hat es sogar funktioniert: Ich habe euch alle laufen lassen.
      Nur bei einer Sache, war ich mir wirklich sicher: Das war seine Abscheu gegenüber Vaeril und sein Bedauern gegenüber dem Leid, das mir zugefügt wurde. Der Zorn ließ ihn merkwürdigerweise in meinen Augen weniger bedrohlich wirken. Er war weder herzlos noch gänzlich ohne Moral. Zwei Eigenschaften, die ich den grausigen Bestien in meinen Albträumen zuschrieb. Da war etwas Gutes und das hat mich überrascht."
      Wieder lachte Viola leise und versuchte die weiteren Erinnerungen in ihrem Kopf zu ordnen.
      "Er hat mich während deines Schneesturms diese kleine Lichtkugel gefertigt, um mich zu wärmen., "murmelte sie. "Es ist mir gleich, dass er euch damit nur ein Signal schicken wollte, aber zu dem Zeitpunkt hat es mich sehr gerührt. Du hast Recht, Andvari ist stur und eigensinnig wie ein Maultier, aber ist auch loyal und entschlossen. Mitfühlend, wenn man nicht verlernt hat richtig zuzuhören und sich nicht von der grimmige Miene abschrecken lässt."
      Viola drehte den Kopf zu Lhoris, auch wenn sie sein Gesicht nur schemenhaft ausmachen konnte.
      "Nach Lysanthir, nach Faolan und Tirion hat sich etwas verändert.", fuhr sie mit sanfter Stimme vor. "Wir waren an diesem wundervollen Ort voller trauriger Erinnerungen und lernten einander zu verstehen. Ich erfuhr von Feanore und Lyra und erzählte ihm von meiner Familie und Val, meinem kleinen Bruder.
      Wir trauerten, wir lachten. Wir haben einfach gelebt für einen Tag.
      Ein Tag, Lhoris. Ein Tag, der sich anfühlte wie ein ganzes Leben. Da wusste ich, dass ich ihn liebe."
      Viola hob mit einem leisen Rascheln die Hände und drückte die Handballen gegen die Augen, die verräterisch brannten.
      "Er fehlt mir. Lhoris. Er fehlt mir so sehr."
      “We all change, when you think about it.
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      Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von Winterhauch ()

    • Lhoris lauschte den Worten der Heilerin mit großer Aufmerksamkeit. Das ein ums andere Mal während ihrer Geschichte musste er die Augenbrauen heben und gleichsam ein Lachen unterdrücken. Erkannte er da etwa einen wildgewordenen Andvari, weil man ihn an etwas gefesselt hatte?
      "Er knurrte, weil er panische Angst hatte", lachte Lhoris. "Wir sind nicht gefeit vor der Angst vor dem Tode, meine Liebe. Wir schweben in Gefahr von dem ersten Moment der Schlacht bis zum Letzten. Ich kann mir vorstellen, dass er panisch war, als er eine junge Frau sah, die man ihm geschickt hatte."
      Auf Vaeril angesprochen, verdüsterte sich sein Blick zusehends.
      "DIeses Scheusal hat verdient, was es bekam. Der eine Tod war nicht genug, wenn du mich fragst", knurrte der Elf, hörte aber weiter zu.
      Die Beschreibung seines Fürsten war deutlich akkurat und eine beträchtliche Wärme legte sich in den Raum. Es war kein Wunder, dass sie einander verfallen waren, auch wenn sicherlich eine Blutsbande nicht untätig hierbei erschien. Und doch fragte sich der Elf, ob man die Reinheit der Gefühle, die ihm entgegen schlugen, derart in Frage stellen sollte. Schweigsam drückte er die Decke mehr um ihrer beider Körper und seufzte.
      "Die Geschichte der beiden...", murmelte Lhoris und nickte. "Feanore und Lyra. Sie...Es war eine Grausamkeit vor den Bäumen, was ihnen angetan wurde. Noch heute erinnere ich mich an den Tag als Andvari mir davon erzählte. Und genauso bedaure ich deinen Verlust."
      Er neigte leicht den Kopf ehe er sich wieder erhob, um ein Brennen in ihren Augen zu sehen. Ja, es beinahe spüren zu können. Sachte legte er einen Arm um ihre Schultern - ein Unterfangen was er sich vor einiger Zeit nicht einmal getraut hätte. Stattdessen nahm er es hin, dass sie lansgam ihren Gefühlen erlag.
      "Ich weiß", flüsterte er. "Hab keine Sorge. Bereits bald wirst du wieder mit ihm vereint sein. Sobald ich wieder laufen und du alles gefunden hast, was du suchst, werden wir uns auf machen."
      Es war schon viel zu lange her. Lhoris hoffte, dass Andvari noch lebte. Denn wenn er ehrlich war, hegte er Zweifel daran. Bereits eine Weile lang konnte er die Aura des Elfen nicht mehr spüren. Doch er schrieb es der Erschöpfung zu. Es musste so sein, oder?

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    • Eine tröstliche Wärme legte sich langsam um die zitternden Schultern.
      Das Gefühl allein ließ beinahe sämtliche Dämme brechen und doch begriff sie erst nach wenigen Sekunden, dass Lhoris tatsächlich den Arm um sich gelegt hatte. Ihre Gedanken quollen vor Dankbarkeit über und ebenso ließen sich die Tränen nicht aufhalten. Viola drehte sich langsam auf die Seite und folgte der natürlichen Beugung des Armes, bis sie ihr tränenfeuchtes Gesicht gegen eine wärmende Schulter drückte. Stumm nickte die Heilerin, da sie der Festigkeit der eigenen Stimme nicht traute. Erst, als das Beben der Schultern erstarb und das gedämpfte Schluchzen an der Schulter des Elfen verklang, räusperte sich Viola beschämt über den Gefühlsausbruch. Mit von Erschöpfung gezeichneter Stimme, sagte sie ein einziges Wort, bevor ihr Bewusstsein in den Schlaf entschwand.
      "Danke."
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      Geduldig blätterte Viola in dem schlichten Notizbuch.
      Zwischendurch glitt der Blick über die Schulter zurück in Lhoris Zimmer. Es klang bereits im Kopf merkwürdig, den Raum als das Zimmer des Elfen zu betrachten, aber mittlerweile war einige Zeit vergangen. Obwohl das Zeitgefühl die Heilerin im Stich ließ, wusste sie das einige Tage vergangen waren. Der restliche Schnee in den Kräutergärten war geschmolzen und erste frische Triebe reckten sich der Frühlingssonne entgegen. Die Tage vergingen überraschend ruhig und dienten der Heilung, wobei sie das Gefühl nicht los wurde, das Greneau bis auf Weiteres alle Besucher von diesem Bereich der Abtei fern hielt.
      Viola hatte es endlich geschafft ordentliche Kleidungsstücke für Lhoris zu besorgen, die für seine große Statur nicht zur kurz waren. Da der Elf die meisten Kleriker überragte, hatte Lhoris in den zu kurzen Hosen ein unfreiwillig komisches Bild abgegeben. Gedankenverloren richtete die Heilerin den Blick wieder in den Abteigarten und schlug das Notizbuch in ihrem Schoß zu. Jeden Tag hatte sie draußen an der frischen Luft gesessen und hatte die friedliche Ruhe mit Lhoris genossen. Sie hatten nicht viel gesprochen, seit der Nacht, in der sie weinend und schluchzend an seiner Schulter zur Ruhe gekommen war. Viola empfand die wortkarge Stille nicht als bedrückend, viel mehr als ein stummes Verständnis, auch wenn sie danach in keiner Nacht mehr sein Zimmer aufgesucht hatte.
      Die Heilerin hatte sich vorgenommen, die Belastbarkeit des beinahe vollständig verheilten Beins mit einem Spaziergang auf die Probe zustellen. Es wurde Zeit das Lhoris sich wieder mehr bewegte, als nur in seinem Zimmer auf und ab zugehen.
      Von Pompidous Boten fehlte weiterhin jede Spur und auch Meliorns Flüstern im Wind ließ auf sich warten.
      "Lhoris?", horchte sie auf, die Tür zum Garten einen winzigen Spalt geöffnet. "Bist du fertig?"
      “We all change, when you think about it.
      We’re all different people all through our lives.
      And that’s OK, that’s good, you gotta keep moving,
      so long as you remember all the people that you used to be.”