[2er RPG] The Lesser Evil [Winterhauch & NicolasDarkwood]

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    • Vertrauen.
      Welch ein merkwürdiges Konstrukt, wenn man die Tatsache bedachte, dass der Elf beinahe völlig hilflos war. Seine Arme und Beine fühlten sich schwer an und sein Blick glitt unstet durch den Raum, suchend nach einem Anker im Nichts. Schwer atmend ob der Anstrengung nickte er und versuchte ruhig zu bleiben.
      Ob Viola wusste, dass sie hier beinahe verbotene Magie praktizierte. Schon bei ihrer Frage hätte ihm bewusst sein müssen, dass sie erneut diese Grenze überschreiten würde. Obgleich er ihr geraten hatte, es nicht wieder zu tun. Dies war ein schwieriger, ein dunkler Pfad, den nicht wenige gegangen waren. Und nie zurückkehrten.
      Dem entgegen war die Heilung durchaus effektiv. Der Elf keuchte leise auf, als sie nach seinem Kern griff und ihn umschloss. Seine Hände bohrten sich regelrecht in die Auflage des Bettes und knüllten diese zusammen, während seine Augen starr auf Viola gerichtet waren. Ein winziges Bisschen mehr der Kraft, die ihn gerade umschlang und sie würde ihn vermutlich töten oder schlimmer: In eine Art Bewusstseinslosen verwandeln. Ob sie es wirklich wusste was sie da tat oder ob er ein Versuchskaninchen darstellte?
      Irritation schlug sich auf seinem Gesicht nieder während er abwartete.
      Und tatsächlich: Langsam und fahrig erschien seine Kraft zurückzukehren. Sein Herzschlag wurde nicht schneller aber kräftiger, als entschiede sich das Herz, Viola zu unterstützen. In seinem Bein herrschte eine neue Art der Hitze, welche den Schmerz zu betäuben schien und wenn er genau hinspürte, bemerkte er, wie die Wundränder sich zu schließen begannen. Mit diesem merkwürdigen Gefühl der Wärme und Vertrauens.
      Erst nach einer Weile bemerkte Lhoris, dass er den Atem angehalten hatte und begann wieder hektisch und heilssuchend nach Luft zu schnappen, während Viola die Magie in sein Bein leitete. Mehr und mehr kehrte das Gefühl darin zurück, sodass er sich eine Sekunde fragte, wen er dort vor sich hatte.
      War es immer noch dieselbe junge Frau, die er daeinst aus Milan entführt hatte? Dies schüchterne Mädchen?
      Eine Weile verblieb die heilende Wirkung ehe sich Viola nach hektischen Gesten in den Eimer übergab, welchen Greneau reichte. Mit der gleichen Sekunde erlosch der Klammergriff ihrer Auge und Lhoris fühlte eine angenehme Kühle durch seinen Leib strömen. Der Schmerz war zu einem dumpfen Pochen geworden und ungläubig richtete sich der Elf auf seine Ellenbogen auf, um sein Bein hinab zu sehen.
      Es sah immer noch schlimm aus, aber diese Wunden würden heilen, nicht verfaulen. Eine Weile an einer Krücke und vermutlich würde er in ein paar Tagen wieder gehen können. In 2 Tagen wenn er hier Königskraut bekam. Ungläubig schüttelte er den Kopf und sah zu Viola. die noch immer die Hand an seiner Brust hatte.
      "Das...Das war beeindruckend...", murmelte er mit rauer, tiefer Stimme. "Höchstgradig verboten und wenn ich die Kraft hätte, würde ich dich maßregeln, aber beeindruckend..."

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    • "Du kannst mich maßregeln so viel du möchtest, sobald du wieder eigenständig auf zwei Füßen stehen kannst, Lhoris.", antwortete Viola und grinste dabei ein wenig zu erheitert angesichts dessen, was gerade innerhalb dieser vier Wände geschehen war. Ob der Heilerin wirklich bewusst war, dass sie verbotene Magie wirkte und direkt in den Lebensquell eines Lebewesens eingegriffen hatte? Ja, auch wenn der Zusammenhang bisher eine schwammige Theorie in ihrem Kopf gewesen war.
      "Es war das letzte Mal. Versprochen." - War es das?
      Ein zwiespältiges Echo in der hintersten Ecke ihres Verstandes erklang, das von Viola für den Augenblick ignoriert wurde. Welche Macht sie dort tatsächlich in den Händen hielt, ließ sich nicht vollständig greifen. Der jungen Frau war dennoch zweifellos bewusst, dass es sicherlich kein gutes Ende nahm, wenn jemand diese Kräfte zu seinem Vorteil missbrauchte. An der reinsten Existenz einer Person oder eines Wesens herum zu werkeln, konnte keine alltägliche Magie sein und hatte schlussendlich nichts in den Händen eines Menschen zu suchen.
      Dennoch hinterließ das Gefühl der rohen Energie ein summendes Gefühl der Macht unter ihren Fingerspitzen.
      Ein vorsichtiger Seitenblick huschte zu Meister Greneau, der sie misstrauisch beäugte, als hätte sie gerade mit einer der verbotenen Schriften vor seinen Augen herum gewedelt. Es war das erste Mal, dass sie diesen Blick in seinen Augen sah und es fühlte sich an als hätte jemand einen Eimer mit eiskalten Wasser über ihrem Kopf ausgekippt. Was Greneau gesehen hatte, war nicht das zarte Mädchen gewesen und auch nicht die gelehrige Schülerin, nicht die verantwortungsbewusste Heilerin seiner Zunft. Was er gesehen hatte, war etwas gänzlich anderes gewesen.
      Schweigend stand Viola vom Bett auf und nahm ihrem alten Lehrmeister den stinkenden Eimer ab, um ihn draußen vor der Tür an frischer Luft abzustellen. Sie war sich sicher, dass sie die schwarze, teerartige Masse nicht einfach in das nächste Blumenbeet kippen konnte.
      Auf ihrem Weg zurück schwankte die erblasste Frau kurz und war, trotz der Skepsis in seinem Blick, dankbar als der Baptiste Greneau ihr den Arm anbot und sie zurückführte.
      Viola fuhr sich seufzend durch die matten, rötlichen Strähnen. Erneut stand sie neben dem Bett und ließ sich von Greneau ein Tablett mit verschiedensten Utensilien reichen.
      "Ich hole jemanden der die Scherben beseitigt.", murmelte der Alte in seinen Bart und schickte sich an zu gehen.
      Viola überkam das mumlige Gefühl, dass er froh war für einen Augenblick den Raum verlassen zu können. Die Heilerin spürte noch das Knistern der Magie in der Luft und vermochte nicht zu sagen, wie es sich für den Meister anfühlte. Vielleicht wollte er auch den beunruhigenden Gefühlen entfliehen, die die zierliche Rothaarige auslöste.
      Nachdenklich betrachtete Viola die beinahe gänzlich verheilte Wunde und fuhr prüfend mit der nüchternen Professionalität einer Heilkundigen Wundränder entlang. Mit einem feuchten Tuch wischte sie letzte Überreste getrockneten Blutes und übelriechender Sekrete fort um keine erneute Entzündung zu riskieren.
      "Woran erinnerst du dich, bevor du das Bewusstsein verloren hast?", fragte Viola um sein Gedächtnis zu überprüfen. Eine Routine, für die sich dankbar war, denn jetzt wo alles still war, fehlten der Heilerin zum ersten Mal seit langer Zeit die Worte. Sorge und Angst fielen langsam von ihr ab und hinterließen eine erschöpfte Leere.
      “We all change, when you think about it.
      We’re all different people all through our lives.
      And that’s OK, that’s good, you gotta keep moving,
      so long as you remember all the people that you used to be.”
    • Für einen Moment war es wirklich schwer zu sagen, was dort in den Augen der jungen Frau blitzte.
      So mancher Laie hätte wohl gedacht, es sei die Erleichterung gewesen, dass dies tollkühne Unterfangen ein wohliges Ende gefunden hatte. Jedoch war es mehr. Da war etwas Tieferes, etwas Böses, das sich in den hellen Augen der jungen Heilerin widerspiegelte und eine Sekunde lang widerstand Lhoris dem Drang, nach seinem Schwert zu greifen, welches nicht an seiner Seite war.
      Ob sie wusste, was sie dort getan hatte?
      Langsam sah er zu ihr und richtete sich vollends auf, während er seufzte.
      "ich will nicht dein Versprechen", sagte er und sah sie ernst an. "Ich will dein Wort. Auf alles geschworen, was dir heilig ist. Auf die Liebe zwischen dir und Andvari geschworen. Diese Kunst ist Verderbnis, Viola. Schwarze Magie, schwärzer als das finsterste Tal, glaub es mir!"
      Wie hätte er ihr sagen können, dass es Erfahrungen gab ohne sich selbst angreifbar zu machen?
      Greneau hatte sie beide bereits verlassen, als er dies sagte und seufzend fuihr er sich über die schmerzenden Glieder. Sachte schüttelte er den trüben Kopf und sah umher. Versuchte die Farben zu erfassen und seine Sinne zu begreifen. Noch immer ganz der Soldat, nicht wahr? Zumindest dachte er dies als er an sich herunter sah.
      "An nicht viel", gab er schließlich zu während Viola seine Wunde versorgte. Es roch nicht gut und schmerzte, doch verzog der Elf stoisch keine Miene. "Ich kam in den Kerker und irgendwann kamen Männer zu mir. Sagten mir ich sei verfaultes Leben und schlugen mich. Ich hatte gesagt ich würde mich wehren wenn es zu viel wurde, jedoch entschied ich mich dagegen. Hätte ich diese Unholde ihrem Ende zugeführt, wärest du niemals so weit gekommen.
      Und das nächste, an das ich mich erinnere ist das Gesicht von diesem Ratsmitglied und deinem. Und dann wurde es dunkel."
      Sachte den Kopf drehen sah er sie an und lächelte.
      "Was habe ich verpasst?"

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    • Beim Anblick der trägen Bemühungen des Elfen eine aufrechte Haltung auf dem Krankenlager anzunehmen, öffnete Viola unter Protest den Mund um den Verletzen daran zu erinnern, dass er Ruhe brauchte. Die ernsten Silben, die der Heilerin wie ein esiger Ostwind entgegen schlugen, erstickten jeden Tadel im Keim. Mit einem leisen Klicken der Zähne schloss Viola den Mund wieder wobei sie die Kiefer dermaßen nachdrücklich aufeinander presste, dass der Kieferknochen unterhalb den Ohren unter der blassen Haut hevortrat.
      Die ablehnende Kälte verwandelte sich in heiße Scham und sie fühlte den beschämten Rotschimmer auf den Wangen.
      "Ja, doch. Du hast mein Wort, Lhoris.", antwortete Viola mit ein wenig zu viel Schärfe in der Stimme.
      Warum wollte Lhoris nicht begreifen, dass es eine Notwendigkeit gewesen war, um ihn vor dem Verlust seines Beines zu schützen und die Prozedur möglicherweise sogar sein Leben gerettet hatte? Ein wenig Dankbarkeit war sicherlich nicht zu viel verlangt.
      Bestürzte über die eigenen Gedanken löste Viola die Hände von der Verletzung und entfernte sich etwas vom Bett unter dem fadenscheinigen Vorwand sich die Hände in einer Schale zu waschen. Anschließend nahm sie endlich einen erlösenden Schluck aus einem verwaisten Becher um die Bitterkeit von der Zunge zu spülen. Fahrig strich sie das Haar zurück und klaubte saubere Verbänder zusammen. Ein letztes Kopfschütteln und der seltsame Ausdruck verschwand aus den leuchtend grünen Augen.
      Sie atmete tief ein und aus. Ein und wieder aus.
      Lhoris hatte Recht.
      "Ich schwöre dir bei allem, das mir lieb und teuer ist, dass ich diese Form der Magie kein weiteres Mal verwende. Und ich schwöre es auf meine Liebe zu Andvari. Ich werde diese Verbindung nicht dadruch besudeln, dass ich mein Wort breche. ", sagte Viola kleinlaut, der schneidende Ton war aus der sanften Stimme verschwunden. Vielleicht waren es die Nerven und der Stress, die auf das aufgezehrte Gemüt schlugen.
      Behutsam und mit gesenktem Haupt verband die Heilerin die Wunde am Oberschenkel des Elfen.
      "Warte noch ein paar Tage, bis du das Bein voll belastest. Die Magie wirkt zwar nach, aber es benötigt dennoch seine Zeit um zu verheilen.", murmelte sie und knotete mit geschickten Fingern die Stoffstreifen sorgsam fest. "Das war leichtisinnig, Lhoris. Die Männer hätten dich töten können. Ich bezweifle, dass es wirklich jemanden intressiert hätte, wäre Lucien nicht gewesen. Was du verpasst hast? Nicht viel, denke ich außer die regelmäßigen Besuche unseres Prinzen und dem Vetreter des Rates Pompidou. Wobei sich die Gespräche mit Pompidou meistens anfühlten wie Zähneziehen. Er ist geschickt mit Worten, ohne Zweifel."
      Tatsächlich verfiel Viola in eine muntere Plauderei und bedeute Lhoris mit einer flüchtigen Geste still zusitzen. Mit routinierten Handgriffen begutachtete sie den Heilungsfortschritt der Striemen auf seinen Armen und der Schnitte auf seiner Brust. Als letzte fasste sie, nach kurzem Warten auf die Erlaubnis, nach seinem Kinn und drehte die bereits abgeschwollene aber kunterbrunt verfärbte Gesichtshälfte in ihre Richtung.
      "Ach, da fällt mir ein, ich könnte auf eine wichtige Spur gestoßen sein. Eigentlich hatte ich vorgehabt diese Nachforschungen mit Andvari zu unternehmen, aber ich musste die Gelegenheit beim Schopf packen. Bevor Beleriand in Feuer und Blut versank, haben wir darüber gesprochen in der Kaiserstadt nach den Lücken in meiner Familiengeschichte zu suchen. Du weißt besser als jeder andere, das ich Kräfte besitze, die ich nicht haben sollte. Andvari und ich wollten herausfinden, warum. Ich glaube er hat etwas geahnt."
      Im Anschluss berichtete sie Lhoris über die spärlichen Informationen zum Verschwinden ihres Urgroßvaters.
      "Das ist leider alles bisher, fürchte ich."
      “We all change, when you think about it.
      We’re all different people all through our lives.
      And that’s OK, that’s good, you gotta keep moving,
      so long as you remember all the people that you used to be.”
    • Mit einem trägen Nicken nahm er ihren Schwur zur Kenntnis. Ihm entging nicht die Wut und Schnippigkeit ihres Tons, den er mit bedenklichem Augenzucken wahrnahm.
      Eine Faszination, die er nur zu gut kannte. Die schwarzen Künste übten eine magische Anziehungskraft auf jene aus, welche ihnen zu verfallen drohten. Sie lockten mit Macht und gaben den Schmerz zurück.
      "Ich vertraue dir", gab er zu verstehen und seufzte als er sich wieder ein wenig entspannte. "Vor Jahren...Machte ich denselben Fehler wie du. Ich fand heraus, dass es möglich war, den inneren Kern eines magischen Wesens zu kontrollieren. In meinem Wahn und meiner Forschersucht habe ich versucht, die Grenzen dieser neuen Macht auszuloten und bin vorgestoßen in Tiefen, die noch nie Jemand vor mir erblickte. Daher kann ich dir verraten, dass ein derartiges Unterfangen nur Leid mit sich bringt, Viola. Ob Macht oder nicht. Kontrollieren kann diese Kräfte niemand."
      Und ich möchte nicht, dass auch du deinen Liebsten tötest, dachte er nur bei sich und sah wieder in die Leere des Raumes, während er ihren Geschichte lauschte und sich untersuchen ließ. Die Berührungen taten wohl, obgleich er dies niemals zeigen würde. Alleine aus Anstand zu Andvari. Als sein Gesicht dem Ihren zugwandt war, sah er ihr in die Augen, nach der Schwärze darin suchend. Aber er fand nichts.
      Den Himmeln sei Dank!
      "Ja, das ist wahr", gab er zu und nickte. "Deine Kräfte sind wahrlich ungewöhnlich und eigentlich zu tief verankert für euer Volk."
      Er lauschte auch ihren sicherlich noch spärlichen Kenntnissen über ihre Familie und seufzte am Ende, als er sie wieder ansah und sich aus ihrem Griff befreite.
      "Ich fürchte, das ist wirklich nicht viel. Die Tatsache ist merkwürdig, dass dein Urgroßvater einfach verschwand. Ich glaube viel eher an einen bestimmten Grund, den er gehabt haben musste. Gab es vielleicht Korrespondenz aus dieser Zeit? Einen Namen vielleicht, den wir suchen könnten?
      Vielleicht solltenw ir noch einmal offiziell in die Bibliothek und nach dem Namen deiner Familie suchen...Oder gibt es andere Stellen, die wir befragen könnten?"

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    • Schweigend horchte Viola in sich und fand ein letztes Tröpfchen von Magie an diesem Tag, dass sie für Lhoris erübrigen konnte ohne eine weitere Ohnmacht ihrerseits zu riskieren. Langsam wurde es Zeit, dass sie aufhörten sich gegenseitig in die Schwärze eines traumlosen Schlafes zu befördern. Mit einem versöhnlichen Lächeln strich die Fingerkuppe ihres Daumens über das bunte Farbspektrum auf seiner Haut und etwas Magie floss warm wie ein erster Sonnenstrahl in die ramponierte Gesichtshälfte. Viola ignorierte das irrationale Gefühl der Kränkung, als Lhoris sich ein wenig zu energisch aus ihrem Griff befreite und hielt das Lächeln aufrecht.
      Ein Déjà-vu - denn Lhoris tat es jedes einzelne Mal wenn sie ihn zu lange berührte. Trotzdem beobachtete die Heilerin zufrieden, wie die hässlichen Flecken auf seinem Gesicht verblassten und auch das letzte Bisschen der Schwellung verschwand.
      Viola begriff mit einem schlechten Gewissen, dass der Elf durchaus nachvollziehbare Gründe besaß sie für ihr unbedachtes Spiel mit diesen zweifelhaften Mächten zu tadeln. Es reichte ein Blick in sein Gesicht um zu verstehen, wie sehr die Erinnerung schmerzte, obwohl Viola nicht wusste, was genau vorgefallen war. Sie bohrte nicht. Es war nicht ihre Art.
      "Ich verspreche es, Lhoris. Keine Experimente mehr mit Mächten, die ich nicht verstehe.", bekräftigte sie ein weiteres Mal und versuchte den Gedanken zu verdrängen, dass sie einen Freund förmlich als Versuchskanninchen missbraucht hatte.
      "Wir werden uns in der Bibliothek umsehen und ich werden Pompidou nach Aufzeichnungen fragen. Wenn ich sein Interesse an mir richtig eingeschätzt habe, sucht er möglicherweise schon selbst danach.", antwortete Viola und betrachtete die Hände in ihrem Schoß ehe sie wieder zu Lhoris aufsah. "Aber ich möchte seine Hilfe nicht übermäßig in Anspruch nehmen. Dieser Mann verfolgt seine ganz eigenen Pläne. Ich weiß nicht ob wir ihm trauen können und ob es am Ende klug ist in seiner Schuld zu stehen."
      Langsam erhob sich die Heilerin von dem alten Stuhl neben dem Bett des Elfen und begann die Scherben vom Boden aufzuklauben. Etwas sagte ihr, dass Greneau aufgehalten wurde oder der alte Heilkundige sich wissentlich fern hielt. Der Blick huschte hin und her, als erwartete sie Augen und Ohren in den Zimmerecken zu entdecken, die sie aus grobem Stein anstarrten.
      "Aber zuerst...", fuhr sie fort und beförderte die Schwerben in einen weitere Eimer. "...musst du auf die Beine kommen. Lucien wird sicherlich versuchen uns bei der Suche zu unterstützen und einen Weg aus der Stadt zufinden. Der Hof wird uns vorführen, Lhoris. Die feine Gesellschaft zerreißt sich bereits das Maul über uns und ich habe nicht vor länger als nötig zwischen hungrigen Wölfen zu sitzen, die uns in der Luft zerreißen sobald sich Langeweile und Desinteresse einstellt."
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      so long as you remember all the people that you used to be.”
    • Für einen Moment lang blitzte in der Miene des Elfen eine irrationale Wut auf. Sekündlich gar, beinahe schattengleich, verschwand sie wieder im Dunst seiner nebeligen Augen als er die Heilerin ansah und sachte, aber bestimmt mit dem Kopf schüttelte.
      "Du hast Recht mit der Tatsache, dass wir nur als lang wie nötig hier verweilen sollten", begann er leise. "Jedoch: Wenn wir auf meine Heilung warten, werden wir Wochen verschwenden. Ich kenne derartige Wunden und ich spüre, dass auch du am Ende deiner Kräfte bist. Ich schlage vor, dass ich noch eine Nacht ruhe und du vielleicht mit diesem Ratsmitglied den Kontakt suchst. Ich weiß, es ist womöglich ein riskanter Wurf, aber letzten Endes bleibt uns nicht viel, wenn wir hier alsbald verschwinden wollen."
      Innerlich zitterte Lhoris bei dem Gedanken, noch länger unter diesen Wölfen zu verweilen. Mit Sicherheit waren die Elfen selbst nicht unschuldig an so manchem Massaker und keine Seite hatte sich in diesen Kriegen mit Ruhm bekleckert. Aber diese Tiere, die über ihn hergefallen waren, wollte ihm nicht aus den Träumen entweichen. Viel eher fragte sich Lhoris, wie er sie finden und möglichst qualvoll einem Ende zuführen konnte.
      "Die Bibliothek", murmelte er und begann quälend und schmerzverzerrt zu husten. "Wie weit ist sie fort? Kommen wir dorthin, ohne großes Aufsehen zu erregen? Ich habe irgendwie ein merkwürdiges Gefühl bei dieser Sache. Und ich kann dir nicht mal sagen wieso. Wie ich damals schon sagte: es ist ungewöhnlich, dass ein Mensch derartige Fähigkeiten ausbildet. Zumal du Dinge beherrschst, die selbst nur wenige Elfenmagier zu nutzen wissen. Und bislang gibt es für mich nur eine Erklärung..."
      Elfisches Blut. Irgendwo. Vielleicht auf dem hinterletzten Ast des Stammbaumes, aber es war dort. Lhoris war sicher.
      Ein Zittern durchfuhr seinen Körper und suchend blickte er sich um. Wachsam durchglitt er den Raum mit seinen Augen und seufzte erleichtert, als er keine Augen und Ohren fand. Dennoch verblieb ein fades Gefühl in seinem Geist.
      "Kümmer dich nicht zu sehr um die Deinen", sagte er. "Hab Acht, aber kümmer dich nicht zu sehr. Erst dann bist du wahrlich unsichtbar. Zumindest war das der Grundsatz meiner Familie."
      Das Lachen, was anschließend folgte, wirkte seltsam gepresst und unehrlich. Aber was sollte er machen? Ihr sagen, dass er Augen spürte, wo keine waren?

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    • "Schön, ich werde Pompidou um ein Treffen bitten.", stimmte Viola zähneknirschend zu und beförderte die letzte Porzellanscherbe in den Eimer. Seufzend erhob sich die Heilern und nahm sich eine Sekunde um den sicheren Stand auf den unsicheren Beinen wiederzufinden. Beiläufig stellte sie den Eimer auf einem alten Holzschemel ab um ihn zu einem späteren Zeitpunkt zu entsorgen und kehrte an das Krankenlager des Elfen zurück.
      "Die Bibliothek liegt im Herzen des Palastes, aber ohne entsprechende Genehmigung werden wir nicht einen Fuß hineinsetzen. Auch dabei könnte uns Pompidou als Mitglied des Hohen Rates helfen.", überlegte Viola und fühlte sich unwohl bei dem Gedanken sich gezwungenerweise freiwillig in ein politisches Netz zubegeben, mit dem sie nie das Geringste zuschaffen haben wollte.
      "Mit Meister Greneau ist vereinbart, dass wir uns innerhalb der Zitadelle ungestört und frei bewegen können. Selbstverständlich mit der notwendigen Bewachung. Vor der Tür stehen bewaffnete Soldaten, ebenso in der Gärten vor diesen Fenstern. Ohne Hilfe können wir keinen Schritt machen, der nicht an den Hohen Rat übermittelt wird. Lucien sagte es war eine der Bedingungen, um dich aus dem Verließ zu holen."
      Ein tiefer Seufzer ließ die zierlichen Schultern erzittern.
      Sie fühlte sich hilflos und der Willkürlichkeit der Mächtigen ausgeliefert. Lhoris konnte ihr nicht in jeder Situation zur Seite stehen, so groß die Verlockung auch war sich auf den Elfen zu stützen. Das Elfenvolk war ihr fast vertrauter als ihr eigenes Volk, obwohl sie nur einen Bruchteil davon wirklich kannte. Sie verstand woran Lhoris dachte und schenkte ihm daraufhin einen zweifelnden Blick, obwohl es auf absurde Weise durchaus Sinn ergab. Viola würde es herausfinden.
      "Unsichtbarkeit ist ein Luxus, den wir nicht haben, Lhoris.", antwortete sie. "Ein Feind hinter den eigenen Stadtmauern, für den der Kronprinz bürgt? Eine von den Toten auferstandene Heilerin, die mit ihren Entführern sympathisiert? Ich verspreche dir, wenn sie könnten, würden sie sich die Lästermäuler am Hof die Nasen an diesen Fenstern platt drücken."
      Viola schritt mit erhobenem Kinn zurück zu dem Eimer voller Scherben und griff nach dem Henkel.
      "Ich werde Pompidou eine Nachricht schicken und ihn noch heute Abend um eine weitere Unterredung bitten.", sprach sie mit mehr Entschlossenheit, als sie wirklich fühlte, ehe sie Lhoris ein sanftes Lächeln schenkte. Sie sah wieder ein wenig mehr aus wie Viola.
      "Ruh dich aus.", sagte sie und dachte an den ungebändigten Hass in seinen Augen von zuvor. "Und, Lhoris? Rache hat noch nie die versprochene Genugtuung gebracht. Vergiss die Männer. Als ich zusah wie Vaeril vor meinen Augen erstickte und sein Leben aushauchte habe ich nichts gespürt außer Leere. Es ändert nicht, was passiert ist und bringt das Verlorene nicht zurück."
      Mit dem letzten Anflug eines Lächeln schlüpfte die Rothaarige durch die Tür aus dem Zimmer um einen Boten zu suchen.

      Am späten Abend.

      Viola blickte angespannt in Richtung der Tür.
      In der kurzen Nachricht an Pompidou hatte sie die spartanische Lehrbibliothek der Kleriker als Treffpunkt gewählt. Der Ort war öffentlich genug um den Anstand zu wahren, aber vor neugierigen Augen und Ohren weitgehend geschützt. Das letzte Licht der untergehenden Sonne leuchtete in dem herbstroten Haar während ihre Finger ziellos über die Seiten eines geöffneten Buches über Kräuterkunde fuhren. Sie wusste, dass ihre Korrespondez höchstwahrscheinlich überwacht und gelesen wurde, weshalb sie keine ausführliche Erklärung geschildert hatte. Lediglich, dass sie Pompidou um Rat bitten wollte, was angesichts ihrer Situation nicht ungewöhnlich war. Über ihrem Kopf schwebte ein ungewisses Urteil, dass noch nicht gesprochen war. Der Versuch jemanden zu finden, der für sie sprach, war realistisch genug auch wenn es keinesfalls Schutz war, den sie bei Pompidou suchte.
      Sie hatte die schlichten, gräulichweißen Gewänder gegen ein ebenso einfaches Kleid getauscht, dass sich mehr für eine Unterredung ziemte und die langen Haare in einem geflochtenen Zopf gebändigt. Eine abgestellte Zofe hatte ihr geholfen sich einigermaßen zivil herzurichten, damit sie nicht länger aussah als wäre sie mit den Wilden im Wald herumgetollt.
      Die Tür knarrte und als sie die Silhouette des älteren Mannes erkannte, nahm sie ein gerade Haltung an und verschränkte die Arme hinter dem Rücken. Sie neigte respektvoll den Kopf, nachdem sie sich an ein gewisses Maß der Etikette erinnert hatte.
      "Vielen Dank, dass ihr meiner Bitte gefolgt seid.", sprach sie in den Raum, der von flackernden Kerzen erhellt wurde, die sich unter alten Glasglocken befanden um die kostbaren Bücher nicht zu gefährden.
      "Ich habe über Euer Angebot nachgedacht mich bei den Nachforschungen zu meiner Familie zu unterstützen. Könnt ihr mir Zutritt zur kaiserlichen Bibliothek verschaffen? Ich weiß, dass es angesichts meiner momentanen Situation keine einfache Bitte ist."
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    • Lhoris betrachtete Viola noch eine Weile, ehe er nickte. Er hatte verstanden, was sie ihm zu sagen suchte.
      Eine freie Bewegung war für Seinesgleichen und Viola selbst nicht möglich. Nur wenn man das Wohlwollen der hohen Herren besaß, war man frei. Eine ekelhafte Art, die Geschäfte zu führen, aber leider nicht unbekannt für den Elfen.
      "Unsichtbarkeit ist keine Fähigkeit, Viola", murmelte Lhoris und grinste. "Es ist eine Folge. Gerade weil sie uns so sehr im Auge behalten, werden wir unsichtbar sein. Vertrau mir. Nicht jedes Auge ist zu jeder Zeit wachsam."
      Auf ihren letzten Satz hin nickte er und lächelte.
      "Danke. Ich werde ruhen. Und wir werden uns alsbald wieder sehen. Auf den Beinen, versteht sich", lachte er leise und legte sich auf die Bahre zurück.
      Ihren letzten Satz in den Ohren seufzte er. Wie hätte er ihr sagen können, dass dies alles nur eine Farce war? Noch immer dröhnten Befürchtungen in seinem Kopf, die er für sich behielt. Er hatte ihr nicht erzählt, dass er Andvaris Aura bereits seit geraumer Zeit nicht mehr spüren konnte. Sie war einfach fort und der Himmel wusste, was geschehen war.
      Gott, was war, wenn er ihn verlor? Wie sollte er je wieder unter die Augen von Nuala treten?


      Pompidou ging beherzten Schrittes in Richtung der Lehrbibliothek.
      Um den Schein zu wahren, hatte er bei beinahe jedem Kleriker, den er auf dem Wege getroffen hatte, um Weisung gebeten und so getan, als würde er nicht wissen, wohin er ging. Dies mochte einerseits daran liegen, dass er nicht wollte, dass die weisen Herren wussten, wie gut er sich hier auskannte und zum anderen, damit Jemand wusste, wo er war. Auch wenn er von Viola nichts befürchtete, so mahnte ihn doch die gute alte Vorsicht, stets einen Schritt voraus zu denken.
      Sachte drückte er die schwere Holztür auf und betrat den sonderbaren Raum. Eine Silhouette stand am anderen Ende des Raumes und beinahe hätte er auch hier um Weisung gebeten, ehe er Violas rotes Haar erkannte. Nicht zu glauben!, dachte er und lächelte freundlich, ehe er die TÜr hinter sich schloss.
      Auf seinem Gesicht stand eine Mischung aus Bewunderung und Erstaunen, während seine Blicke ihr Antlitz auf und ab wanderten.
      Sachte trat er näher und neigte ebenso den Kopf vor der jungen Dame, ehe er die Hände vor dem Bauch faltete.
      "Nicht dafür, meine Teuerste", brummte er und lächelte offen. "Ich weiß, es geziemt sich nicht für einen alten Mann, aber ich komme nicht umhin zu bemerken, dass Ihr wunderbar ausseht. Das Kleid steht Euch famos! Es ist, als habe ich eine andere Frau vor mir. Wahrlich erhaben, Frau Viola."
      Er nickte anerkennend und trat näher an sie heran, als sie ihre Bitte vortrug.
      Für einen Moment glaubte man Wut oder gar Hass in seinen Blick schleichen zu sehen, ehe sich dieser normalisierte und einem neutralen, beinahe gelassenen Gesichtsausdruck wich.
      "Es ist fürwahr keine einfache Bitte", bestätigte er und überlegte eine kurze Weile. Erst dann legte er den Kopf schief und grisnte schwach. "Aber gegen einen Gefallen würde ich Euch den Zutritt nur allzu gern verschaffen. Es ist an der Zeit, dass Ihr Euer Erbe seht und erfahrt, was geschehen ist. Und ich weiß genau, welches Buch Euch dort helfen kann. Also? Was sagt Ihr? Ich werde Euch nicht sagen, welcher GEfallen es sein wird. Es wird Euch nicht die Seele kosten, so viel sei gesagt. Aber eines Tages werde ich Eure Hilfe brauchen und den Gefallen einfordern. Seid Ihr bereit, Euch derart zu verfpflichten?"

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    • Eine andere Frau hätte die hübschen Komplimente mit einem höflichen Lächeln beantwortet.
      Vielleicht wäre eine Silbe des Dankes über die Lippen gekommen aber Violas Gesicht zeigte keinerlei Reaktion auf Pompidou schmeichelnde Worte. Stattdessen blieb ein Ausdruck vorsichtiger Neutralität auf ihrem Gesicht und kein Muskeln zuckte, als ein flüchtiger Schatten nicht greifbarer Wut über das Gesicht des Ratsmitgliedes huschte. Die Befürchtung, dass ihre Bitte möglicherweise zu forsch gewesen war, füllte den Raum mit einer beklemmenden Stille. Nervös zupfte die Heilerin am Saum des linken Ärmels und senkte schließlich mit der Erwartung einer Ablehnung den Blick. Sie verstand nicht, was den Hass ausgelöst hatte.
      Pompidou bestätigte die Schwierigkeit der Lage und fast hätte die Heilerin die Bitte zurück gezogen.
      Der Groschen fiel heftiger als das Sprichwort vermuten ließ.
      Natürlich, Pompidou verlangte für die Erfüllung der Bitte eine angemessene Gegenleistung.
      Sie hatte das Gefühl wie sich langsam eine unsichtbare Schlinge um ihren Hals legte und sich gemächlich zuzog. Eine Gefühl, so subtil, dass sie erst merken würde, das es zu spät war, sobald ihr die Luft ausging. Viola fürchtete nicht, dass der intelligente Mann von ihr das Vorhaben anstrebte ihr nach dem Leben zu trachten. In geschickten Worten hatte er bereits mehr als deutlich dar gelegt, welchen Weg er sich für die Erbin eines gefallenen Adelshauses vorstellte. Ein Schicksal, dem sie freiwillig einen echten Strick vorziehen würde, als sich in einen kostbaren, goldenen Käfig stecken zulassen und das Gewicht einer ungewollten Krone auf dem Kopf zutragen. Alles, was sie wollte, war nach Hause zurück zu kehren. Ein Ort zwischen Trümmern und Ruinen, Blut und Tränen, im kargen Ödland des Niemandslandes oder wo immer es Andvari auf der Suche das seinen Brüdern hinführte.
      Sie fragte sich, ob der ominöse Gefallen wirklich das Äußerste von ihr fordern würde.
      Andererseits...hatte sie eine andere Wahl? Sie musste mit Lucien sprechen, falls Pompidou bereits mit denselben spekulativen Ideen an ihn heran getreten war.
      Viola nahm sich eine Minuten und umrundete den Tisch während ihre Hände über die schwerbelasteten Regalböden fuhren. Staub wirbelte auf und tanzte in feinen Partikeln durch den sanften Lichtschimmer. Sie reckte entschlossen das Kinn und kehrte an ihren vorherigen Platz vor Pompidou zurück.
      "Einverstanden.", antwortete die Heilerin letztendlich. Sie zwang das Wort Silbe für Silbe über die Lippen. Sie benötigten Verbündete hinter den Palastmauern und Lucien allein konnte ihnen nicht helfen. Die Schritte des Kronprinzen belauerten neugierige Augen ebenso. Mit Pompidous Unterstützung ergaben sich neue Mittel und Wege.
      "Ich gebe Euch mein Wort.", bekräftigte sie den Entschluss. "Wenn die Zeit kommt werde ich den Gefallen erfüllen, den Ihr fordert."
      “We all change, when you think about it.
      We’re all different people all through our lives.
      And that’s OK, that’s good, you gotta keep moving,
      so long as you remember all the people that you used to be.”
    • Hach, die Windungen der Gefallen.
      Immer wieder ein wunderbares Momentun, wie der Politiker befand, als er sich Violas Gesicht ansah, das keine Regung zeigte. Mitnichten war das die erhoffte Reaktion, aber er hätte sich auch sehr täuschen müssen, wenn die junge Dame derart leicht becirct werden konnte. Vor allem nicht von einem alten Mann. Dennoch wunderte er sich, dass sie auf den Handel einging. Zum einen war es ein Segen, den er nicht vernachlässigen wollte, auf der anderen Seite musste er davon ausgehen, dass sie eine Hintertür anstrebte.
      "Sodann bin ich der Eure", lächelte er und überging ihre Unhöflichkeiten. Sachte neigte er den Kopf und streckte eine Hand aus, mit der er den Weg nach draußen wies.
      "Wollen wir?"
      Eine Weile lang gingen sie schweigend nebeneinander her und durchquerten die Zitadelle. Wachen ihrer Majestät hatten sich in dem Moment an ihre Fersen geheftet, als sie den wunderbaren Garten verlassen hatten und ihnen die kühle Abendbrise ins Gesicht schlug. Wie aus dem Nichts glitt eine der Wachen nach vorne und reichte Viola einen warmen Mantel aus Schafsfell, wie sie in den Grenzlanden des Südens verwendet wurden.
      Pompidou nickte und schnippte mit den Fingern.
      Und sei es Wunder oder nicht, die Wachen verschwanden an der nächsten Kreuzung. Als hätten sie geschäftiges zu tun, drehte der eine nach links, der andere nach rechts ab und die beiden waren allein. Sachte atmete der Politiker durch und grinste breit.
      "So lässt es sich freier atmen, nicht wahr?", lachte er und faltete die Hände hinter dem Rücken. "Ihr müsst dies kleine Rädelsspiel entschuldigen, aber wie Ihr sicherlich wisst, beobachtet man Euch. Und ich möchte Euch die Geheimnisse der Bibliothek nur ungerne offenbaren, wenn Ihre Hoheit ihre Äugelein und Öhrchen überall hat. Ich habe mir die Freiheit genommen, ein paar Wachen mit meinen Männern zu ersetzen."
      Erneut gingen sie eine Weile durch die Straßen, beinahe unbeobachtet. Die Bewohner der Stadt sahen hier und dort einmal herüber, gingen aber sonst weiter ihrem Tagwerk nach. Was erstaunlich war, für eine derartig große Stadt. Als würden sie beiden nicht existieren. Auch wenn es nur ein kleines Kettenrasseln des alten Mannes war, so grinste er dennoch.
      "Ihr seid so ruhig", bemerkte er. "Ich weiß, dass Ihr fürchtet, ich würde Euer Äußerstes verlangen. Habt keine Furcht. Ich werde nichts derart an Euch herantragen."

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    • Viola stellte bereits nach wenigen Minuten des einseitigen Gespräches fest, dass Pompidou wie erwartete sorgsame Vorkehrungen getroffen hatte um die spähenden Blicke der Comtesse geschickt zu blenden. Ein kluger Schachzug, der sie nicht im Geringsten verwunderte. Ohne die grimmigen Wächter an den Fersen entstand ein zerbrechliches Gefüge der der Freiheit, als wäre sie eine gewöhnliche Frau die für einen abendlichen Spaziergang durch die vom Winterschlaf befallenen Gärten schlenderte. Ein falsches Gefühl von Sicherheit, dass wenig über die neblige Vorstellung hinweg täuschte aus der lähmenden Umschlingung einer Viper in das Netz einer Spinne gefallen zu sein. Ein Netz, das sie auffing aber gleichzeitig gefangen hielt.
      Der steile Pfad am Felshang führte das ungleiche Paar hinunter zum Herz des Stadt und am Fuße des massiven Palastes erreichten Viola die vertrauten Geräusche der Stadt. Das Klingen eines Hammers auf einem Amboss, die verblassenden Stimmen der Händler, die vor Ende das Tages versuchten mit blumigen Worten ihre Waren an den Mann zu bringen. Allerdings wurde es zunehmend stiller und im ringförmig angelegten Adelsviertel zu den Füßen des Kaiserpalstes entflammten die züngelnden Flämmchen in den Laternen. Ein Mann in schlichter Uniform zündete jede Laterne einzeln ein und summte dabei eine leise, fröhliche Melodie. Es war ein unwirkliches Gefühl über das Kopfsteinpflaster zu spazieren.
      "Bei allem Respekt.", antwortete Viola und klang dabei weniger bissig, als ihre Worte den Anschein erregten. "Ihr habt nicht den blassesten Schimmer wovor ich mich fürchte."
      Die Heilerin biss sich nervös auf die Lippe und stieß letztendlich ein langezogenes Seufzen aus.
      Sie trat etwas zur Seite als ein prächtiges Kutschegespann mit zwei hübschen Apfelschimmeln vorbei trabte. Aus dem Inneren erklang ein erfreutes Lachen und die hohen Piepsstimmen kleiner Kinder. Ein Spaziergänger mit adrettem Hut und einem polierten Gehstock aus dunklem Holz hielt kurz inne und sah Pompidou und Viola nach. Die Heilerin erkannte an seinem Blick das er versuchte zu verstehen, ob er wirklich gerade die Frau sah, die in aller Munde war. Dabei war es doch lachhaft, das eine eigentlich Gefangene freimütig durch die Stadt spazierte.
      Die Wachen waren fort, aber die Blicke im Nacken verschwand nicht.
      "Verzeiht, aber wieder in dieser Stadt zu sein, bedrückt mich mehr als angenommen. Ich fühle mich wie eine Fremde in der eigenen Heimat.", murmelte sie.
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    • Pompidou lächelte, je näher sie dem Palast kamen. Die Geräusche der Stadt, die auch für den alten Mann recht vertraut waren, umfingen seinen Geist mit einem ungeahnten Wohlwollen. Auch wenn es langsam sicherlich ruhiger wurde, so erschien ihm dennoch das Leben der STadt beinahe allunfänglich. Und selten hatte er sich so frei durch die Straßen bewegen können. Für eine Sekunde lang erschien es ihm beinahe so perfekt, ehe Viola den Mund aufmachte und eine Anmerkung tätigte, die ihn verstummen ließ.
      Nur eine Sekunde langh, die sie brauchten, um der heraneilenden Masse auszuweichen. Selbst den einen Mann bemerkte das Ratsmitglied und beschloss, sich nicht wirklich darum zu kümmern.
      Erst danach begann er sich zu sammeln und hörte ihr weiter zu.
      Auf Violas Ausbruch hin, musste er jedoch lachen. Nicht aufgrund der Entschuldigung sondern vielmehr aufgrund der Tatsache, dass ihre wahren Gefühle wie ein Schwall aus ihr hervorbrachen. Erst sammelte sich ein Prusten, ehe es in ein freies und doch jugendlicheres Lachen überging als man dem Mann hätte zugetraut.
      Als er sich nach einem kurzen Ausbruch erholte und sich eine Träne aus dem Augenwinkel wischte, grinste er sie runzelig an und winkte ab.
      "Ist schon vergessen, Teuerste", lachte er. "Ich kann Euch recht gut verstehen, müsst Ihr wissen. Als ich seinerzeit nach meiner Zeit im Elfenreich zurück kehrte und über 100 Jahre vergangen waren, da ging es mir haargenau so. Und nun bin ich so eingefahren, dass ich nicht einmal daran gedacht habe. Aber Ihr habt Recht: Ich habe keine Ahnung, wovor Ihr Euch fürchtet. Ich kann Euch auch leider nicht das Gefühl geben, dass Ihr mir vertrauen könnt, wie es mir scheint, sodass ich dies Wissen hätte erwerben können. Doch egal, welche Furcht Ihr hegt: Meine Geschäftspartner haben selten Leid davongetragen wenn sie mit mir gehandelt haben."
      Er richtete eine Hand aus und wies den Weg weiter. Ihr Weg führte sie weiter durch die Stadt und das Adelsviertel, das sich auf den Abend vorbereitete, in Richtung des Palastes.
      Auf diesem Wege überlegte Pompidou jedoch fieberhaft, wie er der jungen Heilerin eine Information geben konnte, die ihr Leben vermutlich veränderte.

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    • Ein wenig fassungslos beobachtete Viola den älteren Mann, der sich ganz offenbar köstlich auf ihre Kosten amüsierte.
      In jenem Augenblick überdauerte das Gefühl wieder im Körper eines kleines Mädchen zu stecken, dass von der Welt der Erwachsenen nicht die geringste Vorstellung hatte. Dazu gesellte sich die unleidliche Tatsache, dass sie aus Pompidou einfach nicht schlau wurde. Der Mann besaß mehr Facetten als ein kunstvoll geschliffener Diamant und die Heilerin konnte sich nie wirklich sicher sein, welche Seite von Pompidou das Licht gerade erhellte. Das freimütige Lachen hinterließ ähnliche gemischte Gefühle, wie die flüchtigen Ausdrücke der Wut in seinen Augen während des letzten Gesprächs.
      "Vertrauen ist ein Luxus, den ich mir augenblicklich nicht leisten kann, Monsieur.", antwortete sie schlicht. "Und bevor ihr etwas sagt: Ja, mir ist die Ironie bewusst, dass wir einen Handel geschlossen haben und ich darauf vertrauen muss, dass ihr Euer Wort auch haltet."
      Viola nickte verstehend und verfiel für eine ganze Weile in ein tiefes Schweigen. Erst als der Kaiserpalast sich über ihnen auftürmte wie ein Riese aus weißem Gestein samt seiner beeindruckenden Struktur und den glühenden Augen aus Buntglasfenstern, schien die junge Frau ihre Stimme wieder zu finden. Die postierten Wachmänner sahen sich durch die Visiere der Helme skeptisch an, stellten aber nicht in Frage, dass ein Ratsmitglied zu später Stunde eine weibliche Begleitung in den Palast würde. Sie hatten die seltsamsten Dinge und Menschen durch dieses Tor kommen und gehen sehen. Da stellte sich die Frage nach dem Warum kaum mehr. Viola wurde in diesem Moment bewusst, dass nicht viele Angehörige des Palastes ihr Gesicht erkannten. Eigentlich war es kein Wunder, da sie nach ihrer Rückkehr beinahe sofort in die Obhut der Kleriker gegeben worden war, noch hatte es eine offizielle Anhörung gegeben. Und selbst vor ihrer spektakulären Entführung war sie zumeist nicht mehr gewesen als ein Schatten. Ein unauffälliges Gesicht mit entstellenden Narben, aber immer noch hübsch anzusehen und doch lediglich eine flüchtige Erinnerung in den Köpfen der Menschen, die ihr begegneten. Ein lebendiger Geist unter den Lebenden und wenn Viola ehrlich zu sich selbst war, hatte sie sich bis zum Tag am Erynn Vâr auch wie ein Geist gefühlt, der von einem verfluchten Ort zum anderen zog auf der Suche nach etwas, dass es nicht gab.
      Je tiefer sie in die verschlungenen Korridore des Palastes vordrangen umso unruhiger schien die Heilerin zu werden.
      Der Weg führte hinab in die unterirdischen Gewölbe. Bald verschwanden lichtspendende Fenster von den Wänden und machten Platz für sorgfältig entzündete Flämmchen hinter gläsernen Kuppeln. Die Temperatur fiel mit jedem Meter in die Tiefen der Erde und Viola strich sich über die fröstelnden Arme. Sie hatte die Bibliothek des Palastes nie persönlich gesehen, aber der Anblick musste einmalig auf der Welt sein. Die Tür zur Bibliothek war mit schweren Eisenriegeln versperrt und bis auf die Wächter war niemand in den Korridoren zu sehen. Kein Wunder, zu dieser späten Stunde waren Studien eher ungewöhnlich. Der gelangweilte Soldat vor der Tür warf Viola einen prüfenden Blick zu, wobei er sich keinerlei Mühe machte das anzügliche Grinsen von seinem Gesicht zu wischen.
      "Monsieur Pompidou, Studien zu später Stunde?", brummte er und legte die behandschuhten Finger auf die Sperrriegel. "Eine Nachhilfestunde für eine eifrige Schülerin?"
      Das glucksende Lachen glich eher dem stotternden Abklatsch eines Gackerns.
      Viola presste die Lippen zu einer schmalen Linie zusammen und beobachtete angespannt, wie die schweren Riegel bei Seite geschoben wurden. Der Geruch von Pergament und alten Büchern breitete sich augenblicklich im Korridor aus, als ein seufzender Windzug erklang und die schwere Eichentür aufschwang.
      ArchivBourgone.jpg"Bitte sehr, Monsieur.", schnarrte der Soldat und Viola folgte eiligen Schrittes dem geschätzten Ratsmitglied in das Herz des Palastes. Ein erschrockenes Einatmen erklang, als der Wächter aus dem Nichts nach einer Strähne ihres Haares griff und daran witterte wie ein ausgehungerter Räuber. Die Heilerin beschleunigte ihre Schritte um zu Pompidou aufzuschließen und fühlte dabei, wie die Farbe ihr Gesicht verließ. Der Schreck währte einen Moment bis sie an ein Geländer gelangte und den außergewöhnlichen Anblick in sich aufnahm.
      Die Bibliothek von Bourgone, Heimstatt für Wissen und Forschung, Aufbewahrungsort für Gesetz und Recht angelegt in einer weitläufigen Spirale schraubte sich zu ihren Füßen weiter in die Tiefe. Die Seiten des offenen und einzigen Ganges waren gesäumt mit Büchern und Pergamentrollen. Vereinzelten fanden sich Arbeitstische wieder und gesäumt wurde alles ebenfalls von kleinen Flämmchen sicher unter gehärtetem Glas. Der Aufbau war nicht nur ungewöhnlich sondern hatte auch einen praktischen Nutzen, wie Viola schnell erkannte. Es gab keine versteckten Winkel in diesem Archiv. Von hier oben hatten die Bibliothekare alles genaustens im Blick, da es keine Regale oder Nischen gab die Schutz vor den wachsamen Augen gewährten. Etwas hinaus zu schmuggeln war schier unmöglich.
      "Das...das ist atemberaubend.", flüsterte sie und lehnte sich mit kindlicher Freude in den Augen als hätte sie kurz vergessen aus welchem Grund sie eigentlich hier war. Viola lächelte mit einer Freude, die selten geworden war.
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    • Je näher sie dem Palast kamen, umso umsichtiger und gleichsam verwunderter wurde der ältere Mann. Seine wachen Augen fuhren über die groben Straßen der Stadt und versuchten, die verborgenen Augen auszumachen, die aus den Schatten tanzten, wenn man nicht hinsah. Doch nichts schien sie zu verfolgen an diesem staubigen, kalten Tag. Als wären sie beide Geister. Das weiße Ungetüm von Palast erhob sich drohend wie ein Mahnmal aus dem Nichts heraus und wirkte beinahe surreal fremd inmitten der bodenständig wirkenden Bauten drum herum. Als würde man einen Diamanten aus einer Schlammpfütze ziehen.
      Gemeinsam durchforsteten sie die Eingeweide des wundersamen Baus wie zwei Termitenkönige, die sich durch das Holz fraßen. Und doch erschien mit jedem Schritt der Druck auch auf den Schultern des Ratsmitglieds spürbar. Wachen, die ihnen entgegen kamen grüßte Pompidou fröhlich und mit einem herzlichen Lächeln, wenn sie nicht bereits lachend auf ihn zu kamen und kurz das ein oder andere Wort sprachen. Es erschien, als sei der alte Mann niemals fort gewesen aus den Herrscherhallen der Bourgogne.
      Während er sie in die Katakomben des WIssens führte, fragte er sich durchgehend, ob man sie bereits erkannt hatte und berichten würde. Vielleicht sogar ihrer Wahrhaftigkeit auf dem Throne? Wenn schon, dachte Gustave und seufzte ein wenig, während er langsam die Treppen hinab glitt. Seine Knie taten ihm weh. Das Alter. Es erreichte einen jeden Mann und eine jede Frau zu später wenn nicht falscher Stunde. Und war doch so unabweisbar wie ein Heiratsantrag eines Königs.
      An der Eingangstür angekommen, erwartete sie eine letzte Wache. Freilich eine letzte. Es gab immer eine. Pompidou kam ächzend unten an und drückte isch die Hände in den Rücken.
      "Ach, diese Treppen", seufzte er und atmete kurz durch, nur um sich Zeit für Gedanken zu verschaffen. Was mochte er sagen, wenn-
      Dieses Glucksen widerte ihn an. Als würde ein Mann nur aus der Fleischeslust und der Sehnsucht danach bestehen. Dies war der Grund, warum die Bourgogne weiterhin unterlegen blieb den Elfen gegenüber. Mit Männern wie ihm, die sich beim GEdanken an eine Vereinigung von zwei Menschen derartig in Gelächter ergab, war nicht mehr als Hohn für die Entwicklung des Königsreich. Beinahe ertappte er sich dabei, wie er die Hände um sein mitgebrachtes Messer im Gürtel schließen wollte. Im letzten Moment unterließ er es und beschloss stattdessen zu lächeln.
      "Was soll ich sagen, mein Junge?"; grinste er vielsagend, auch wenn ihm die Galle hoch kam. "Manche sind gelehriger als Andere, nicht wahr?"
      Nach einem kurzen Nicken ließ er sich die Tür entsperren und folgte dem Geruch nach Papier und Kellermuff, wenn man es ernst nahm. Erst in einem letzten Moment bemerkte er, dass der Soldat an Violas Haaren zu geifern gedachte. Dieses vermaledeite Schwein von einem Mann! Ein bösartiger Blick huschte zu dem Wachposten, ehe sich die Tür schloss. Nun, das war etwas für später. Wenn die Waffen schwiegen und die Feuer brannten konnte man sich zu manchem Zwiegespräch wiederfinden. Nur dass man derartige Gespräche am besten mit einem Dolch führte. Er konnte nicht zulassen, dass man seine wertvollste Investition geringschätzte. Dies musste unterbunden werden.
      Als sie hinabsahen in die spiralischen Gänge der Bibliuothek und der Geruch von Feuerlampen und Bücherseiten die Luft einnahm, war er immer wieder aufs Neue begeistert. Es fand sich nicht häufig ein Ort, der gleichsam Frieden wie Wissen ausstrahlte. Zumindest nicht im Reich der Menschen.
      Sachte atmete das Ratsmitglied durch und sah zu Viola, ein Lächeln auf den Lippen.
      "Alsdann, meine Liebe", murmelte er. "Wollen wir? Seht Euch nur um. WIr haben nicht allzu viel Zeit, aber es müsste reichen, um die Suche nach Euren Anverwandten zu absolvieren. Geht voraus, geht! Ich bin alt, ich folge Euch."

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    • Im Verborgenen, ungesehen von der abgelenkten Viola, die nur noch Augen für die schieren Unmengen an Wissen besaß, zuckte der unverschämte Wachposten unter dem Blick Pompidous zusammen. Ein Schleier der Angst zog sich über seine Augen, als wüsste, dass er gerade einem Löwen auf den Schwanz getreten war. Geflüsterte Gerüchte beschrieben einen anderen Pompidou, der eine durchaus gefährliche Seite hinter einem charmanten Lächeln und klugen Worten verbarg. Eilig verschwand er aus dem Sichtfeld des bösartigen Blickes und hoffte dem Unmut des Ratsmitgliedes zu entkommen. Das Geräusch der sich schließenden Tür erklang wie eine Erlösung.
      Viola sah auf, als die Worte in ihrem Rücken durch das spiralförmige Gewölbe hallten.
      Eine schuldbewusste Miene huschte über das blasse Gesicht, denn sie hatte bei all der Aufregung und dem ständigen Misstrauen vergessen, dass Pompidou kein Jungspund mehr war. Mit der beruflichen Sorge einer Heilern näherte sich Viola ihrem Begleiter und hob zögerlich die Hand mit der Handfläche nach oben, die sie tatsächlich dem Ratsmitglied anbot.
      "Wenn Ihr erlaubt...?", fragte Viola zurückhaltend und wartete geduldig bis der ältere Mann seine Hand in ihre legte. Ein schmales Lächeln ruhte auf den Lippen während sie die vertraute und tröstliche Wärme ihrer Magie fühlte. Es erfüllte sie jedes Mal auf Neue mit einem Gefühl der Geborgenheit und der kleinen Einbildung besser gar freier Atmen zu können, wie ein Fisch der endlich wieder ins Wasser eintauchen konnte.
      Behutsam legte sie die zweite Hand über Pompidous und umschloss die vom Alter gezeichneten Finger mit den Ihren. Es war sicherlich unangebracht, aber Misstrauen hin oder her, es lag nicht in ihrer Natur die Schmerzen eines Anderen zu ignorieren. Prüfend spähte die Heilerin unter einem dunklen Fächer geschwungener Wimpern zu ihm auf und lenkte einen flüchtigen, vorsichtigen Puls durch ihre Fingerspitzen. Die lindernde Kraft floss in Pompidous Körper und würde die schmerzenden Knochen für eine Weile in Schach halten. Niemand konnte das Alter aufhalten, es gehörte zum Leben dazu, wie die Geburt und der Tod.
      Obwohl es nicht recht stimmte... der Mann vor ihr war älter als er aussah und hatte viele Jahrzehnte unter den Folgen von Magie kein Lebensjahr verloren.
      Letztendlich trat Viola zurück und lenkte den Blick nach Vollendung ihres Werkes in den Schlund des gewaltigen Archives.
      Wo sollte sie anfangen? Die Heilerin steuerte die erste Treppe an, um sich weiter in die Tiefe zu begeben. Während jedes Schrittes überflog sie die Titel der Buchrücken, fuhr mit den Fingerspitzen über Pergament und Papier. Die Zeit saß ihr im Nacken.
      "Ha!", erklang es nach einer ungewissen Zeit, Viola hatte schon zwei Ebenen hinter sich gelassen, da fuhr ihr Zeigefinger über eine Messingplakette an der Seite eines Regales. "Die Stammbäume der Adelshäuser Bourgones."
      Um keine Zeit zu verlieren, zog sie gleich mehrere schwere Bücher aus dem Regal und trug das Gefundene zu einem Tisch in der Nähe. Im flackernden Lichtschein begann sie die Register im Buchdeckel nach dem Verbleib der de Clairmont abzusuchen.
      "Das ist merkwürdig. Seht Euch das an.", murmelte Viola gerade laut genug, vertieft in die Aufzeichnungen. Sie tippte mit dem Finger in die untersten Verzweigung eines Stammbaumes. "Erkennt Ihr es? Jemand hat das Papier mit einer Lösung bearbeitet um die Tinte zu entfernen. An dieser Stelle sollte mein Urgroßvater stehen. Er hat seine Titel aufgegeben, das ist richtig, aber wieso tilgt man dann seine gesamte Existenz aus den Büchern, als hätte er nie existiert? Keine Spur von Mathieu de Clairmont. Ich brauche die Aufzeichnungen aus dem Jahr, in dem er verschwunden ist."
      Viola sah auf und musterte Pompidou eingehend.
      "Ich frage mich die ganze Zeit...warum diese Bemühungen um meine Person? Es gibt genug Edelmänner mit hübschen Töchtern, die ihr Lucien präsentieren könnt, die einen weniger schlechten Ruf genießen oder mit dem Feind im Bunde sind. Was wisst Ihr und sagt es mir nicht?"
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    • Pompidou gab es nicht gerne zu, aber der Zahn der Zeit machte vor nichts und Niemandem halt. So auch heute. Es war das erste Mal seit sehr langer Zeit, dass er sich erneut alt und unnütz fühlte, obgleich er wusste, dass sein Leib noch rüstig für sein Alter erschien.
      Mit einem nickenden Lächeln ließ er sich hinab führen und murmelte bei fast jedem Absatz:
      "Danke, Teuerste, danke..."
      Dagegen wirkte der Gang durch die Stadt wie ein Spaziergang und ihm graute regelrecht vor dem Rückweg. Doch bis dahin gab es ein weiteres unangenehmes Fiasko zu durchstehen. Auch wenn die junge Frau ihm sicherlich durch ihre sonderbare Magie half, so war es doch eine Tatsache, der er sich nicht mehr entziehen konnte. Und wo ging das besser, inmitten von staubigen Folianten und einer stummen Luft, die vor Staub regelrecht bewohnt war.
      Die flackernden Lampen an den Seiten des Abganges wiesen den Weg hinab und immer tiefer stiegen die beiden. Bis Viola einen Schrei der Erkenntnis von sich gab. Und jener Schrei entpuppte sich leider als Anfang vom Ende.
      Schicksal, mein Freund, ist ein grausamer Verräter. Und spielt zumeist nicht fair, nein nein.
      So auch an diesem Tage, an dem es Gustave bereits mehrfach überkommen hatte, so überkam es ihn auch jetzt, als Viola das staubige Buch aus dem Regal zog und begann, die Pergamentseiten zu durchblättern. Zielstrebig und eilig wie einst der Mann, den sie suchte. Zu seinem Leidwesen suchte. Mit Sicherheit war es ihr gutes Recht und nur allzu verständlich, dass sie ihren Urgroßvater finden wollte, aber war es bereits Zeit, das grausige Geheimnis zu lüften, was diese Luft verbrannte?
      Auf ihr Geheiß blickte er wortlos nickend in die Bücher und wandte sich anschließend ab. Es war nicht so als interessierte es ihn nicht, aber er nutzte den kleinen Zwischenabsatz, um ein wenig Abstand von Viola zu erhalten, da er die Frage vorhersah, die sie zu stellen gedachte.
      Pompidous Gesicht zeigte eine Fratze der Unbehaglichkeit, während der Klang der Frage durch den Raum geisterte und mit einem Mal ließ er die Schultern hängen, ehe er - Viola abgewandt - zum Abgrund zu sprechen begann.
      "Wisst Ihr...", murmelte er mit tiefer sonorer Stimme. "Meine Familie war schon immer recht verbandelt mit dem Schicksal, so erschien es mir einige Zeit lang. SIe Silberfäden, welche die kleinen Göttinnen flochten, vereinten sich nur allzu häufig mit den Meinen. Und es bleibt dabei nicht aus, das man dieses Schicksal immer wieder herausfordert und vergisst, welche Macht es über einen hat...
      Ihr tut Recht daran, Eure Rolle in Frage zu stellen, Viola de Clairmont."
      Er nickte unentwegt während er sprach und sah in die Schwärze des Abganges hinab, die Hände hinter dem Rücken verschränkt.
      "Es ist nicht so, dass Euer Urgroßvater seine Titel freiwillig aufgab. Was zutreffend ist, ist die Tatsache, dass er es aus Liebe tat. Wenn auch anders als Ihr es vermutlich ahnt. Euer Urgroßvater Mathieu zog es wie meine Familie dereinst ins Elfenreich. ALs die Reiche noch Frieden trugen und man einander nicht Feind war. Dort trieb meine Familie dem Augenschein nach Handel, obgleich ich Euch hier belog. Meine Familie bestand aus Soldaten. Von meinem Vater über meine Frau Mutter und auch meine Geschwister...Wir waren alle Soldaten für das Reich der Bourgogne, bereit zu tun, was zu tun war, um das Reich zu schützen.
      So sagt mir...
      Sagen Euch die Tochter der Meriel etwas?"

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    • Die Erzählung Pompidous ergab zunächst keinerlei Sinn für die Heilerin.
      Die Worte ließen sich bestenfalls als kryptisch bezeichnen, doch je mehr Silben das Gewölbe erfüllten umso einfacher war es den wirren Knoten aus Schicksal und Tatsache zu lösen. Sekündlich wanderte Violas Augenbraue ein wenig weiter und verwirrte nach oben. Bis Pompidou die entscheidende Frage stellte und damit einen Lehrzweig der Elfen zur Sprache brachte, über den selbst im Refugium nur widerstrebend gesprochen wurde. Mit den Handflächen stützte sich Viola auf dem Tisch ab und sah die dem älteren Mann herüber, der es offenbar vermied ihr in diesem Augenblick in die Augen zusehen. Merkwürdig.
      Wie lautete das Sprichwort noch so treffend: Wer einmal lügt, dem glaub man nicht.
      Der Triumph darüber, dass sie wirklich Recht behalten sollte und Pompidou in den vergangenen Gesprächen nicht vollkommen ehrlich gewesen war, verblasste angesichts seiner Frage.
      "Die Töchter der Meriel dienten der gleichnamigen Göttin der Heilung und des Lebens. Laut den Aufzeichnungen des Refugiums der Weißen Hand sind sie vor vielen Jahren spurlos verschwunden und der Tempel in all seiner Pracht verwaiste. Für das Elfenvolk ist der Tempel lediglich eine alte Ruine und die Kunst der Heilung zählt zu den weniger hochangesehen Fähigkeiten. Nützlich aber im Vergleich mit anderen Formen sehr gering geschätzt. Viele glauben nicht einmal mehr an die heilende Magie, die den Quellen innewohnt zumal es heißt, dass Meriel für ihre Hilfe einen Preis verlangt. Ein Leben für ein Leben. Blut für Blut. Und es stimmt, ich habe den Tempel und die Quellen gesehen, habe die Energie gespürt, die diesem heiligen Ort zu Grunde liegt. Und ich habe den Preis der Göttin bezahlt um ein Leben zu retten."
      Nachdenklich berührte Viola die Stelle über ihrem Herzen, an der sich die für immer rötlich schimmernde Narbe vom Schlüsselbein hinab zog.
      "Aber was hat eine verschwundene Schwesternschaft mit meinem Urgroßvater zu tun? Und warum befanden sich zu dieser Zeit Soldaten im Elfenreich? Der Krieg hatte noch nicht begonnen, obwohl er sich bereits schleichend ankündigte.", frage sie.
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    • Ach, die alten Muster. Pompidou musste sie nicht ansehen, um den Zweifel in ihrem Gesicht zu erkennen. Er konnte ihn beinahe über die Haut spüren. Und erstaunlicherweise störte es ihn nicht einmal.
      "Ihr wisst viel", bestätigte er und nickte, ehe er sich schwungvoll herum drehte und ihr wieder ins Gesicht sah. Wie sie dort stand...Es war erstaunlich, wie ähnlich sie sich waren ohne es zu wissen. "Und alles davon stimmt. Zu Zeiten Eures Urgroßvaters waren die Töchter der Meriel bereits anerkannt und regelrecht gefürchtet, aufgrund der Macht, die sie inne hatten. Ihr Ruf, einer grausamen Göttin zu dienen und hernach sonderbare und gewaltige Kräfte zu erlangen, erreichte selbst den König seiner Zeit. Und König Oberon begehrte sie, diese Macht.
      Euer Urgroßvater, Mademoiselle Viola, war einer der Unglücklichen, die seinerzeit dasselbe taten wie ich. Noch bevor geschah, was eben geschah, verliebte sich Mathieu in eine der Töchter. Diese Verbindung war, wie Ihr sicherlich ahnen könnt, strickt untersagt und galt als lasterhaft. Wenngleich sie auch verboten war, ergaben sich die beiden in die Liebe. Und es kam,w ie es kommen musste. Ich traf Euren Urgroßvater auf meinen Reisen mit meiner Familie. Und er berichtete von dem Umstand, dass er einer Tochter regelrecht verfallen war und diese womöglich auch in freudiger Hoffnung."
      Gustave schüttelte den Kopf, sein Gesicht eine einzige Maske aus Schmerz und Einsicht. Dinge, die nicht mehr geändert werden konnten.
      "Nun...Es dauerte noch einige Zeit, aber da begehrte König Oberon diese Macht nicht mehr aus der Ferne, müsst Ihr wissen. MIt jedem Tag, den die Töchter in den Tempeln verbrachten, umso mehr wuchs die Angst vor ihnen. MIt Getöse versuchte der Elfenkönig, ihrer habhaft zu werden, doch verboten die Gesetze des schönen Volkes ein Eingreifen seitens der Krone.
      Also kam es - wie Ihr Euch denken könnt - zu einem Bündnis..."
      Er sah Viola an und seufzte.
      "Ein Bündnis zwischen Menschen udn Elfen. Das Einzige, das jemals existierte und nicht lange währte...Und in einer lauen Sommernacht, als die Sonne bereits untergegangen und die Sterne den Himmel noch nicht gegrüßt hatten, wurde der Tempel zerstört und die Töchter der Meriel umgebracht. Alle bis auf Euren Urgroßvater und Eure Urgroßmutter wurden abgeschlachtet im Wahn der Menschen..."

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      The more you drag me to hell
    • Entsetzten zeichnete sich auf dem bleichen Gesicht der Heilerin ab.
      Für eine Sekunde glaubte sie den Boden unter den Füßen zu verlieren, als hätte sich das spiralförmige Archiv in Bewegung gesetzt. Mit geweiteten Augen blickte sie Pompidou an um sich letztendlich mit einem Ausdruck von reinstem Schock in einen der Stühle fallen zulassen. Die Wahrheit traf sie trotz bereits angestellter Spekulationen wie ein unerwarteter Schlag. Mit zittrigen Fingern befühlte Viola die Narbe über ihrem Schlüsselbein, deren rötlicher Ansatz unter dem Kragensaum des Kleides hervorlugte. Tausende Gedanken wirbelten durch ihren Verstand, wie ein versprengtes Puzzle. Die Hinweise waren die ganze Zeit über direkt vor ihrer Nase gewesen: Die Affinität zum Element des Wassers, die Gabe der Heilung und die eindeutige Reaktion der Tempelquellen auf ihre Anwesenheit. Sie erinnerte sich an Sylvar, der gedankenverloren die Reliefs im Tempel begutachtet und dabei eine ernste Miene zur Schau getragen hatte. Hatte der Magier davon gewusst? Er hatte sie geschimpft, die Mächte des Tempels für selbstsüchtige Zwecke zu missbrauchen. Ebenso wie Lhoris.
      Viola neigte das Haupt und verbarg das Gesicht für schier endlose Augenblicke in den Händen. Als sie wieder zu Pompidou aufsah, fand sich noch immer ein Ausdruck der Fassungslosigkeit in ihrem Blick wieder.
      "Elfenblut...", murmelte sie. "Durch meine Adern fließ Elfenblut. Das Erbe der Töchter der Meriel. Natürlich, es ergibt auf einmal alles einen Sinn. Die magische Heilkunst, die Manipulation von Wasser...und warum Lhoris sich fürchtete, als ich nach seinem Aurakern und somit dem Lebensquell seiner Existenz gegriffen habe, als ich nahe dem Tod unter den Straßen von Beleriand lag."
      Und diese Erkenntnis machte sie zur letzten Nachfahrin einer alten Linien von Dienerinnen einer alten und mächtigen Gottheit. Ein Macht die Oberon für sich begehrte und fürchtete solange er nicht der Gebieter darüber war.
      Violas Augen weiteten sich einen Bruchteil mehr, als sie den Rest der Geschichte langsam verarbeitete.
      "Wollt ihr damit sagen, dass Eure Familie für die Vernichtung der Töchter und die Zerstörung des Tempels verantwortlich ist? Ihr habt an einem heiligen Ort das Blut unschuldiger Frauen vergossen aufgrund der Frucht eines Mannes?", murmelte sie fragend und wirkte dabei seltsam resigniert. Der vielleicht erwartete Zorn der Heilerin blieb fort.
      "Ich weiß nicht, was ich sagen soll.", fuhr sie fort und fuhr sich mit der Hand über die Augen. "Wenn ihr wusstet, was meinem Urgroßvater widerfahren war, warum der Umweg über die Bibliothek? Wenn ihr wisst, wie er überlebt hat, sagt es mir. Wie konnten nur Zwei dieses Massaker überleben?"
      Mit den Fingerspitzen strich Viola über die vergilbten Pergamente und wirkte sichtlich neben sich.
      "Ich muss Andvari eine Nachricht schicken...", murmelte sie. "ich muss..."
      “We all change, when you think about it.
      We’re all different people all through our lives.
      And that’s OK, that’s good, you gotta keep moving,
      so long as you remember all the people that you used to be.”