[2er RPG] The Lesser Evil [Winterhauch & NicolasDarkwood]

    • Pompidou wirkte einen Moment lang verloren in sich selbst. Seine Augen fuhren in das Leere des Bades und frönten alten Erinnerungen an weiche Haut und leuchtende, blaue Augen, die in seine stachen. Niamh...Wie lange mochte es her sein? Ob sie noch lebte? Oder hatte sie auch der Fluch der lahmen Knochen und der runzligen Falten ereilt?
      Vermutlich nicht.
      Gustave winkte ab, als Viola ihre Entschuldigung preis gab und lächelte.
      "Schicksal...", murmelte er alt und regelrecht gebrechlich klingt. "Schicksal ist nur ein Wort, Mademoiselle Viola. Ein wahrhaft Mächtiges, aber nur ein Wort unter Vielen. Was damals geschah, geschah zu meinem Willen und war mir zu Diensten in Zeiten, wo ich dieser Dienste bedurfte. Macht Euch also keine Gedanken. Und ich stimme zu, dass Lhoris ein guter Mann zu sein scheint. Er hatte Erbarmen mit einem Menschen, der ihm fremd war, obgleich ein ganzes Land diesen Menschen jagte. Es erscheint mir noch heute so wirr..."
      Murmelnd erging er sich in Brummen während das Wasser plätscherte und die Luft des Bades langsam stickig wurde. Es wurde Zeit, dieses zu verlassen, aber etwas sagte ihm, dass Viola das Bad nicht ohne den Elfen verließ.
      Er nickte Lucien zum Abschied zu und wartete ab, bis der Prinz entschwand und seufzte lächelnd. DIe Jugend...Es war immer wieder schön. Noch einmal der Jugend wilden Geist erleben und in den jungen Gefühlen baden. Seufzend sah er dem Prinzen nach und erwachte regelrecht, als Viola ihre letzte Frage stellte.
      Erneut glitt ein wissendes Grinsen durch das Gesicht des alten Mannes während er Viola ansah.
      "Wisst Ihr...", begann er und stützte sein Gesicht auf seinen Handballen ab. "Manchmal - und nur manchmal - sehnt sich ein jeder Geist nach etwas, das er nicht haben kann. Ich habe über Jahre hinweg diesem Land beim Sterben zugesehen. Ja, ich war ein Ratsmitglied und ja, ich habe dies mit beschlossen. Aber dennoch habe ich nie verlernt, den Stimmen zu lauschen, die der Wind trägt, wisst Ihr? Und manchmal, da trägt er auch einen Hauch von Schicksal in sich. Einen Hauch von Veränderung, von Neuem, von Schönem, das uns erwarten kann, wenn wir mutig sind und ihm entgegen eilen. Ich würde lügen, wenn ich sagte, dass es viele tun. Die meisten ignorieren die Zeichen, aber die Tatsache, dass ein Elf in Bourgogne ist und ein anderer Beleriand verteidigt, ist bereits eine Neuerung, die ich nicht ignorieren möchte.
      Ich liebe dieses Land, wisst Ihr, Mademoiselle? Habe ich immer. Und ich würde alles für dieses Land tun."

      The more that I reach out for heaven
      The more you drag me to hell
    • Prüfend huschte der Blick in Richtung Tür.
      Pompidou spielte offensichtlich mit dem Gedanken die Räumlichkeiten bald zu verlassen und Viola fühlte eine seltsame Erleichterung.
      Es war nicht so, dass sie dem älteren Mann Böswilligkeit oder Spionage für den Rat unterstellte, dazu waren seine Antworten offen und eine Spur zu gefühlsbestimmt. Ein Spitzel stellte seine Fragen ohne geschickte Umwege über tragische Liebesgeschichten um das Herz zu bewegen. Ein Blick sagte bekanntlich mehr als tausend Worte und in den Augen Pompidous erkannte Viola keine Lügen aber etwas, das viel gefährlicher war als die scharfe Zunge eines Spions: Hoffnung.
      Keine hübsch verpackten Worte beendeten die blutigen und schmutzigen Kämpfe im Niemandsland. Sie verhinderten auch nicht, dass Lhoris möglicherweise sein Bein verlor. Worte befreiten Viola nicht von der erdrückenden Last, die auf ihren Schultern ruhte oder von dem schwermütigen Stein auf ihrem Herzen, der sie quälte und die Luft zum Atmen raubte.
      Erschöpft hob die Heilerin die zittrigen Finger an das eigene Gesicht und fuhr in einer gewohnten Geste der Unsicherheit und des Selbstzweifels über die Narben, die ihr Antlitz zierten. Sie hatte seit sehr langer Zeit keinen Gedanken mehr an die verfluchten Zeichnungen verschwendet. Die Männer und Frauen, denen sie in den letzten Wochen begegnet war, hatte die Narben mit einer nie da gewesenen Selbstverständlichkeit hingenommen als ein Zeichen ihres Überlebenswillens. In Bourgone war das anders. Hier trug sie die Überbleibsel der Schande zur Schau und erntete neben dem gewohnten Mitleid auch abschätzige Blicke. Der Umstand, das Viola einem Elfen zugetan war, schürte lediglich die Gerüchte über Verzauberung und Manipulation. Viola bezweifelte, dass außer Pompidou irgendjemand gewillt war der Wahrheit aus ihrem Mund zu glauben.
      "Mut aufzubringen, erfordert immer Opfer, Monsieur.", erwiderte sie mit einem Flüstern. "Ich habe gute Männer und Frauen und Beleriand sterben sehen. Einer davon war mir sehr lieb und teuer. Ihr sprecht von Veränderung und dem Wandel der Zeiten, aber ich weiß nicht, ob ich es ertrage den Preis dafür zu bezahlen."
      Zaghaft löste die erschöpfte Frau die unsteten Händen von der erhitzten Haut des Elfen. Im Augenblick vermochte sie nicht zusagen ob ein Fieber oder das erwärmte Wasser die Ursache dafür war. Verbissen sah sie auf ihre Hände, gezeichnet von der Magie des Sterns verfluchte die Tatsache, dass sie nicht einmal in ihrem kleinen Finger genug Zauberkraft besaß um einem Freund zu helfen.
      "Andvari wollte weggehen.", fuhr sie fort. "Fort von den Kriegen und dem Zerwürfnis zwischen Elfen und Menschen. Wir haben ihn ermutigt zu bleiben, uns Hoffnung gemacht etwas zu verändern. Nun ist Sylvar tot, der einzige Bruder seines Blutes, der seinen Kopf nicht auf einem Speer aufgespießt sehen wollte und ein anderer kämpft auf dem schmalen Grad zwischen Tod und Leben. Verzeiht, wenn meine Sicht auf unsere Welt etwas getrübt ist. Es ist ein schlechter Tag für schöne Worte. Ich danke Euch trotzdem, Monsieur."
      Viola legte die Hände in den Schoß und schloss kurz die Augen.
      Das Gespräch ermüdete sie und sie spürte die Schwere in jedem einzelnen Knochen, aber sie hatte auf dem steinernen Boden ihre Wurzeln geschlagen. Bei den Bäumen, sie würde erst ruhen, wenn sie wusste, dass Lhoris den eisigen Klauen der Nachwelt entflohen war.
      "Geht ruhig, wenn Ihr das wünscht. Es gibt nichts, was Ihr im Augenblick tun könnt.", bot Viola an. "Ich bleibe unter den wachsamen Augen unserer Gardisten und laufe nicht fort."
      Abgesehen davon, dass sie nicht einmal alleine aufstehen konnte.
      “We all change, when you think about it.
      We’re all different people all through our lives.
      And that’s OK, that’s good, you gotta keep moving,
      so long as you remember all the people that you used to be.”
    • Schweigend lauschte das Ratsmitglied den Ausführungen der jungen Heilerin. Und einmal mehr lächelte er nachsichtiger, als er sich als Ratsmitglied verhalten sollte. Doch auch in ihrem Blick schien der Schmerz und die Schuld vorzuherrschen, obgleich sich die junge Frau nichts zu schulden hatte kommen lassen.
      Auch wenn ein Wunsch so manche Festung einzureißen wusste, so barg er inhärent die Gefahr der Selbstsucht. Zumindest hatte ihn das einst sein Vater gelehrt, weshalb er jahrzehntelang damit verbracht hatte, keine sonderbaren Wünsche zu haben. Dennoch schüttelte er leicht den Kopf, sodass sein mittlerweile leicht verschwitztes Haar leicht wippte.
      "Meine Liebe...",begann er schwach lächelnd. "Es ist nichts Falsches daran, einen Wunsch zu formilieren. Ihr habt eine bessere Welt im Auge gehabt und vermutlich ebenso den Hauch von Schicksal gespürt, den so Mancher mit sich trägt. Es wäre fahrlässig gewesen, sich dem Krieg zu entziehen, denn das Elfenreich braucht einen starken, guten Herrscher. Ich frage mich an dieser Stelle nur eines, Mademoiselle Viola:"
      Es war Zeit, das unvermeidliche zu erfragen. Kurz räusperte er sich und sah sie anschließend ernst und stechend an.
      "Habt Ihr Euch einmal über die Zukunft GEdanken gemacht? Ich gebe zu, in den Wirren des Krieges erscheint dies zu mancher Zeit fern von Gut und Böse, aber dennoch dürfen die Gedanken nicht fehlen. Andvari wird lange leben. Vermutlich mehrere Menschenalter lang und ich frage mich, ob Ihr Euch dessen bewusst seid? Euer Leben ist gleich einem Wimpernschlag für das Leben eines Elfen. Schaut...Ich bin bereits so alt und dieser Elf dort sieht noch genauso aus wie vor vielen Jahren. Als habe ihn das Alter nicht erreichen können..."
      Er wusste nicht einmal genau, was er damit sagen wollte. Sicherlich war es klüger, einen Menschen zu ehelichen. Gerade weil Prinz Lucien eine Gemahlin brauchte, die seinen Status erhielt. Und ein Elf...Trotz aller Gutmütigkeit verursachte eine Liaison mit einem Elfen nur Schmerzen, die er Niemandem wünschte.
      Dem Wunsch der jungen Frau gemäß nickte er anschließend und zuckte mit den Achseln.
      "Vergebt mir...", flüsterte re. "Es stand mir nicht zu. Ich werde mich zurückziehen. Solltet Ihr etwas brauchen, zögert nicht, zu fragen."
      Gustave neigte das Haupt und verließ anschließend das Bad.
      Ungesehen von allen blieb das schmallippige Grinsen, das er zur Schau trug. Die Saat des Zweifels war ein teuflisches Gift. Und wer sie zu säen wusste, würde wahrlich Erfolg ernten.

      The more that I reach out for heaven
      The more you drag me to hell
    • Viola blickte in den frostigen Morgen hinaus.
      Die schwermütigen, grauen Wolken waren vom frischen Wind davon getragen worden und das zarte Licht der Wintersonne erwärmte ihr Gesicht. Wie die ersten zerbrechlichen Knospen der Frühlingsblüten reckte Viola ihr Haupt der Sonne entgegen. Seufzend schloss die junge Frau die Augen während sie bewusst langsam die kühle Luft einatmete. Ein vertrauter Duft getrockneter Kamille erfüllte die Luft, legte sich beruhigend auf spröde Nerven. Ein Hauch von Lavendel mischte sich unter die dezenten Duftnoten, was ein Lächeln auf ihre Lippen zauberte. Die Sorge Meister Greneaus ehrte die ehemalige Novizin des Ordens, der penibel darauf achtete, dass sie genug Ruhe bekam und unter keinen Umständen die fragile Genesung gefährdete. Es war ein harter Kampf gewesen den ehrwürdigen Heiler davon zu überzeugen, dass Viola nicht bereits nach drei wackeligen Schritten stürzte und gleich Kristallglas zersplitterte. Um die Zerbrechlichkeit ihrer Erscheinung wusste sie, aber sie weigerte sich wie eine Sterbende im Bett dahin zu siechen. Vor allem da sie den finsteren Klauen des Todes entkommen war, wenn auch lediglich um Haaresbreite.
      Behutsame Schritte näherten sich langsam und der feine Geruch nach frisch aufgebrühtem Tee verstärkte sich. Ein intensives Aroma, das sich wie Balsam über ein aufgewühltes Gemüt legte. Das Lächeln auf ihren Lippen bekam einen amüsierten zu, da sie genau wusste, dass Greneau heimlich ein paar kostbare Tropfen der Lavendelblüte in ihren Tee schmuggelte. Zuerst hatte es ihren Unmut geweckt, aber die entspannende Wirkung barg auch Vorteile und vertrieb die anhaltende Kälte aus ihren Gliedern, die seit des Erwachens ein ständiger Begleiter war und die nichts mit dem eisigen Frost des Winters gemein hatte. Die Vergiftung der Schatten war vom Sternenlicht getilgt worden, aber anstellte der Schatten blieb einen kalte Leere zurück. Viola fühlte sich ausgebrannt.
      Die letzten Tage waren von nachdenklicher Stille geprägt gewesen.
      Manchmal sahen die Ordensbrüder Viola durch die tristen Kräutergärten wandern, die den Beginn des Frühlings sehnsüchtig erwarteten. Bei diesen keinen Spaziergängen war sie nie allein. Die Gerüchte verbreiteten sich wie ein Lauffeuer, dass der Kronprinz ihrer stolzen Nation seine Nachmittage mit einer Blutsverräterin im Frieden der Gärten verbrachte. Die Besuche waren rein freundschaftlicher Natur, aber wie üblich erfand die feine Gesellschaft ihre eigene Geschichte mit einer Prise mehr Skandal und weniger wahrheitsgetreuem Realismus. Böse Zungen streuten das Gerücht von der geschickten Elfenhure, die es Verstand den Prinzen um den Finger zu wickeln oder gar zu verhexen. Weder Viola noch Lucien gaben fiel auf den Unsinn, den sich gelangweilte Edelleute zur Unterhaltung erdachten.
      Das Gute war, dass Meister Greneau außer den Wachen, die den Bedingungen von Lhoris Freilassung aus dem Kerker unterlagen, keinerlei Mitglieder des Hohen Rates oder anderweitiger Institutionen duldete. Das Heim der Kleriker war ein Ort der Heilung und der Besinnung. Höfische Intrigen und neugierige Blicke sah er nicht gern innerhalb seiner Mauern.
      Lächelnd und mit einem dankenden Nicken nahm Viola den wärmenden Tee entgegen und schnupperte genüsslich daran.
      Der Heiler, eindeutig jünger als Viola und noch in der kräftezehrenden Ausbildung, neigte ein wenig zu ehrfürchtig das Haupt was die Frau mit einem Kopfschütteln quittierte. Er war jung, aber talentiert weswegen sie ihn vertrauensvoll die Verletzungen des Elfen behandeln ließ, der hinter ihr in einem von Licht durchfluteten Zimmer schlief. Die sorgfältige Behandlung der entzündeten Beinwunde übernahm allerdings Meister Greneau persönlich. Täglich reinigten knorrige aber durchaus noch geschickte Finger das gerötete Fleisch, entließen durch geschickte Schnitte überschüssige, faulige Sekrete um die Entzündung einzudämmen und die Gifte aus dem Körper zu ziehen.
      "Er ist stark, Viola.", hatte Greneau einmal gesagt. "Ein Mensch uns längst wie Sand durch die Finger geronnen."
      Die rothaarige Frau warf einen Blick über die Schulter in das Zimmer. Hinter ihr öffnete sich eine meisterlich gearbeitete Flügeltür aus klarstem Glas und geschnitzten Sprossen, denen der Künstler die Form von Efeuranken gegeben hatte. Beide Flügel standen offen und ließen frische Luft hinein. Der großzügige Durchlass erlaubte einen wunderschönen Blick auf die Gärten und ließ genug Sonne hinein. Leise raschelten die Vorhänge im sanften Wind und erzeugten neben den flachen Atemzüge eines der wenigen Geräusche.
      Viola senkte den Blick auf die Tasse.
      Jeden Morgen saß sie auf der Bank vor Lhoris Zimmer, trank Tee und wartete auf das ersehnte Erwachen. Üblicherweise gesellte sich irgendwann im Verlauf der Stunden Lucien zu ihr, oder Greneau und von Zeit zu Zeit auch Pompidou. Bei Letzterem wusste Viola nicht gänzlich einzuordnen ob seine Gesellschaft sie beruhigte oder ihren unsteten Verstand mehr aufwühlte als notwendig. Pompidou zeigte sich höflich und durchaus charmant, aber besaß ohne Zweifel die spitze Zunge eines Politikers, auch wenn er von sich selbst behauptete nicht in dieses Schema zu passen. Die Gespräche ließen Viola zumeist mit mehr Fragen als Antworten zurück und ganz bestimmte Worte hatte sich wie ein Parasit in ihre Gedanken gefressen. Und die Tage unter dem Dach des Ordens ließen ihr viel Zeit zum Nachdenken. Zu viele Stunden allein und in Stille mit nichts als den Erinnerungen.
      Andvari, gesegnet mit einem langen Leben, würde Viola unweigerlich überleben.
      Viola hatte dieses Wissen nur allzu bereitwillig verdrängt und die Tragik der vergänglichen Liebe, gebunden an ihr kurzes Dasein in dieser Welt, war bisweilen nie ein großer Bestandteil der Gespräche mit Andvari gewesen. Ihr Liebster scheute das Aussprechen ihrer Vergänglichkeit ebenso wie die Heilerin selbst.
      Mit einem dezenten Klappern stellte Viola die dampfende Tasse neben sich auf der Steinbank ab, die bereits eine natürliche, grünliche Verfärbung zur Schau trug, und widmete sich wieder dem fast vergessenen Buch in ihrem Schoß. Lucien hatte es aus der Bibliothek im Palast besorgt, ein alter und verstaubter Einband mit besorgniserregenden Rissen. Es beinhaltete die Geschichte über den Ursprung des Rates und die Namen der Gründerfamilien aus dem Adel.
      Sie hatte nicht lange suchen zu müssen um den Namen de Clairmont zu finden.
      “We all change, when you think about it.
      We’re all different people all through our lives.
      And that’s OK, that’s good, you gotta keep moving,
      so long as you remember all the people that you used to be.”
    • Gustave hatte nicht geschlafen.
      Es hieß, der Schlaf der Gerechten ereilten nur Jene, die ihn verdienten. Und vielleicht war er doch ein wenig ungerechter als gedacht vorgegangen. Pompidou hatte sich seit seiner Rückkehr aus den Fängen dieser Nymphe mit der Tatsache auseinander gesetzt, das Land der Bourgogne zu stärken und zu erhalten. Freilich konnte man sagen, dass er ein Mann war, der alles dafür tat, seinem Land zu dienen. Wirklich alles...
      Er dachte an eine Tat zurück, die er ungerne ansprach und gar bedachte, wenn er ehrlich war. Aber all dies geschah zum Wohle des Landes. Und irgendwann - so dachte der alte Mann - als er den lauschigen Garten der klerikalen Hochburg durchschritt, würden sie es alle verstehen. Würden begreifen, warum er tun musste, was er getan hatte. Schweigsam genoß er den Duft von Lavendel und Kräutern während er langsam und in ein rotes Schuckgewand gehüllt seinen Weg fortsetzte. Seine Füße steckten in braunen Lederpantoffeln, die er gerne trug, da sie ihn an etwas erinnerten, das er zu vergessen glaubte. Seufzend betrachtete er die einträchtige Schönheit der Pflanzen um sich herum und der herrlichen Symbiose, die sie mit der steinernen Einrichtung eingingen. Es war ein wahrgewordener Traumort der Ruhe und des Friedens. Gleich seinem Zweck.
      Er grüßte den alten Greneau und setzte seinen Weg unbeirrt und stur fort, bis er die junge Heilerin erblickte.
      "Einen schönen guten Morgen wünsche ich, Mademoiselle Viola", nickte er beinahe ehrfürchtig und kam ein paar Schritte näher.
      Ungefragt und doch nicht einnehmend nahm er neben ihr auf der Bank Platz und seufzte schwer.
      "Ach je", murmelte er und hielt sich den Rücken. "Ich fürchte, ich werde alt, nicht wahr? Meine Knochen gleichen mehr und mehr einem alten Radschloss, was nicht mehr durchgeht."
      Ein schmales Kichern durchlebte sein Gesicht während er die Stelle mit seiner großen Hand rieb. Als er fertig war, schlug er die Beine übereinander und lehnte sich gegen die Außenwand des Bades und sah zu Viola.
      "Nun? Wie geht es Euch und dem Patienten? Gab es eine Änderung?", fragte er lächelnd und blickte dann beinahe erstaunt und zugleich ehrfürchtig zu dem Buch vor sich.
      "Aber was sehe ich...", flüsterte er. "Ist dies nicht ein Buch aus...Woher habt Ihr dies? Und viel eher...Warum?"

      The more that I reach out for heaven
      The more you drag me to hell
    • Ein neugieriger Blick folgte den gedämpften Schritten auf moosbedecktem, groben Kopfsteinpflaster.
      Die verschlungenen Wege der Kräutergärten zeugten ebenso von einem stolzen Alter wie das gesamte klosterähnliche Bauwerk. Die Kaiserstadt selbst wirkte zuweilen wie ein spitzer Dorn, der sich mit genügend Kraft in die Landschaft bohrte. Das Heim der Kleriker fügte sich naturbelassen in das zarte Grün der ersten sprießenden Fauna des beginnenden Jahres ein.
      "Guten Morgen, Monsieur.", grüßte Viola höflich.
      Sie hatte das Ratsmitglied bereits erkannt bevor sie den Blick angehoben hatte.
      Die Schrittfolge war nicht annähernd so federleicht und beschwingt wie bei Lucien oder schwerfällig und ohne Takt wie bei Meister Greneau. Jeder Schritt war zielgerichtet aber mit Bedacht gesetzt.
      Pompidou näherte sich dem gewählten Zufluchtsort der jungen Heilerin, deren blasses Gesicht nach wie vor den schattenartigen Ausdruck der Erschöpfung trug. Zu Violas Leidwesen schritt die Heilung mit langsamen Schritten voran. Greneau mahnte seine ehemalige Schülerin zur notwendigen Geduld, was die sture Frau nicht davon abhielt in unbeobachteten Momenten mit den kläglichen Fünkchen ihrer Magie die Schmerzen des Elfen zu lindern. Ein klitzekleiner Zauber, der ihr mehr Energie abverlangte als sie je zugeben würde. Ein Preis, den sie bereitwillig zahlte, um das nagende Gefühl der Schuld zu tilgen. Die Beschädigung ihres Magiekerns durch die zerstörerischen Schatten spürte Viola in jeder Faser ihres Körpers. Die Kräfte, an die sie sich so sehr gewöhnt hatte, fühlten sich zerfasert und brüchig an.
      Die Heilerin senkte den Blick wieder auf das Buch und nahm mit gemischten Gefühlen zur Kenntnis, dass es kein kurzer Höflichkeitsbesucht wurde.
      "Ich kann Euch als Heilerin versichern, dass ihr euch unnötige Sorgen um das fortschreitende Alter macht. Ich habe Männer gesehen, die sich in Eurem Alter nicht einmal mehr aus einem Stuhl erheben konnten. Und diese Männer hatten nicht das Privileg sich keine Sorgen um einen Hungertod im Winter zu machen, wenn sie nicht auf dem Feld arbeiten konnten", kommentierte sie beiläufig und schenkte ihm schließlich einen entschuldigenden Blick. Viola mochte von einem Adelsgeschlecht abstammen aber war das harte Leben der ländlichen Bevölkerung gewöhnt. Vielleicht tat sie Pompidou unrecht, aber ihre Stimmung war zumeist nicht die Beste. Greneau bezeichnete den zerbrechlichen Gemütszustand als eine vorübergehende Phase der Schwermütigkeit.
      "Lhoris schläft. Das ist etwas Gutes.", antwortete sie beinahe mechanisch. Es stand außer Frage, dass sie sich diesen Satz in minutiöser Regelmäßigkeit selbst vorsagte. "Sein Körper braucht die Ruhe um zuheilen. Zumindest ist das Fieber seit letzter Nacht abgeklungen. Ich kann immer noch nicht fassen, wie sie ihn in wenigen Tagen so zurichten konnten."
      Sorgsam schlug sie das Buch zu und sah zum ersten Mal an diesem Wintermorgen Pompidou unvermittelt ins Gesicht.
      "Zeit ist etwas, über das ich im Augenblick mehr als reichlich verfüge. Langeweile zermürbt den Verstand. Ich habe Prinz Lucien gebeten mir etwas Lektüre aus der Bibliothek herein zu schmuggeln. Nehmt es ihm nicht übel, dass er sich am Bestand des Hohen Rates bedient. Ich weiß, dass diese Aufzeichnungen eigentlich nicht öffentlich zugänglich sind. Aber ich dachte, es könnte nicht Schaden etwas über meine Familie zu lernen, wo doch niemand mehr von ihr übrig ist, der mir davon berichten könnte."
      Viola bemühte sich um eine neutrale Miene.
      "Was führt Euch an diesem schönen Morgen zu mir, Monsieur? Ihr habt kaum den Weg auf Euch genommen um über Eure Rückenschmerzen zu sprechen."
      “We all change, when you think about it.
      We’re all different people all through our lives.
      And that’s OK, that’s good, you gotta keep moving,
      so long as you remember all the people that you used to be.”
    • Gustave lauschte den Worten der jungen Heilerin und kam nicht umhin, das Gefühl des Schmeichelns in seinen Verstand Einzug halten zu sehen.
      Mit Sicherheit war er noch rüstig und seinem Alter gemäß beweglich, aber dennoch bemerkte er mit den neuen Frühlingen mehr und mehr die Ermüdung seiner Knochen. Lächelnd seufzte er und schloss kurz die Augen, um seine doch recht falkenartige Nase in den aufkommenden Wind zu halten. Auch wenn der Morgen durchaus der frostigen Natur war, beinhaltete der Wind eine gewisse Frische, die sich nicht verleugnen ließ. Etwas, das alte Knochen wieder belebte, wie es schien.
      "Ihr seid freundlich wie eh und je, Mademoiselle Viola. Und auch wenn Ihr sicherlich Recht habt, so plagt mich doch die Kälte ein wenig zu sehr, fürchte ich. Mit Verlaub...Ich komme nicht umhin festzustellen, dass ihr immer noch recht erschöpft ausseht. Ist alles in Ordnung? Oder versucht Ihr erneut, unserem Lhoris zu helfen, obgleich Ihr selbst Ruhe benötigt?"
      Ein Lächeln schmeichelte die schmalen Lippen, obgleich der Ton seiner Aussage durchaus mit liebevoller Strenge beschrieben werden konnte.
      "Hass belebt so manchen Geist, Frau Viola. Leider auch die Niederen. Vielleicht erfreut es Euch zumindest im Grunde, dass die Wachen entsprechend befragt werden. Es bleibt sicherlich der Tatsache unbenommen, ob sie einer Verurteilung entgegen sehen, aber ich verspreche, dass ich mich dafür einsetzen werde. Jedoch ist auch hier der Hass auf die Elfen ein großer, nicht zu übersehender Faktor..."
      Er schüttelte entsetzt den Kopf, sodass seine ordentlich frisierten Haare ihre Form verloren. "Ich werde vermutlich selbst nicht mehr schlau aus unserem Volk, nicht wahr?"
      Neugierig betrachtete er mit heraufgezogenen, buschigen Augenbrauen das Buch und erging sich mehr und mehr in einem starren, beinahe stoischen Grinsen. Wer konnte es jugendlichen Geistern verübeln, dass sie das Wissen ersehnten? Wer mochte dem Suchenden seinen Weg streitig machen? Wenn Gustave recht bedachte, war er selbst einst so gewesen, also wer wäre er...
      Daher winkte er ab und grinste vor sich hin.
      "Schon in Ordnung. Die alten Folianten verstauben ohnehin nur in den Archiven, ohne das man ihnen die nötige Beachtung schenkt. Sagt mir nur: Was habt Ihr herausgefunden? Wurdet Ihr schlauer, Eure Familie betreffend?"
      Die Frage entbehrte nicht einer gewissen Neugierde, obschon alles aus seinem Munde so klang wie eine Frage, deren Antwort er bereits kannte.
      "Ah, was führt mich her. Kunde, meine Liebe, Kunde vom Kriegsgeschehen. Auch wenn ich fürchte, dass es keine allzu gute Kunde ist. Meine Späher haben nach einigen Tagen einen Weg über den Pass nach Beleriand gefunden. Sie berichteten von einem ausgewachsenen Schlachtfeld mit Opfern auf beiden Seiten. Bevor sie ihre Mission abbrechen mussten, sandten sie einen Vogel los. Offenbar schafft es Euer Liebster, den Feind in angemessener Entfernung zu halten. Es hat bereits den ein oder anderen Zweikampf zwischen ihm und seinem ältesten Bruder gegeben, jedoch konnte kein Sieger bislang ermittelt werden. Ebenso berichten sie von einem General, der schwer verwundet sein soll. Jedoch nannten sie keinen Namen."

      The more that I reach out for heaven
      The more you drag me to hell
    • "Eurem Blick entgeht wirklich nichts, Monsieur. Bis vor wenigen Sekunden war ich felsenfest davon überzeugt, dass niemand etwas bemerkt. Offenbar bin ich nicht so geschickt wie ich dachte.", antwortete Viola und besaß zumindest den Anstand wenigstens ein klitzekleines Bisschen ertappt dabei auszusehen. Meister Greneau allerdings schien von den Heimlichkeiten seines Schützlings nichts zu ahnen, andernfalls hätte der alte Greis sie längst aus den Gärten verbannt und gründlich dafür gesorgt, dass sie keinen Fuß mehr an das Bett der verletzten Elfen setzte.
      Mit einem erheiterten Grinsen auf den blassrosa Lippen, als könnte sie kein Wässerchen trüben, sah sie Pompidou von der Seite an.
      Es war ganz und gar unmissverständlich, dass sie nicht davon absah in Zukunft weiter ihrem bewusstlosen Beschützer beizustehen so gut es ihr kränklicher Magiequell ermöglichte. Die fast fröhliche Miene verblasste marginal, als Pompidou seine Erzählung fortführte und mit gespitzen Ohren drehte die Heilerin sachte ihren Oberkörper ins eine Richtung um kein verräterisches Zucken in seinem Gesicht zu verpassen. Sie versuchte sich nicht anmerken zu lassen, dass seine Reaktion auf das verbotene Schriftstück für Verwunderung sorgte. Viola hatte seit ihrer Ankunft in den schützenden Mauern der Kleriker nie ein großartig gesteigertes Intresse an der Familiengeschichte gezeigt. In all den Jahren hatte sie kein einziges Mal nach dem Ursprung ihrer Herkunft gefragt. Es war ihr schlichtweg egal gewesen.
      "Ich hoffe das bleibt unser kleines Gehemnis.", sprach Viola augenscheinlich erheitert über Pompidous Erfolg sie erwischt zu haben. Dabei blieb unklar ob sie sich nur auf ihre kläglichen Versuche zu zaubern bezog oder das Buch in ihrem Schoß mit einschloss.
      "Ich danke Euch für Eure Bemühungen für Lhoris' Leben.", kommentierte sie lediglich knapp, wirkte dabei aber aufrichtig. "Und nein, es gibt nichts in dieser Chronik außer blanken Namen und die Abfolge der verschiedenen Ratsmitgleider über die letzten Jahrhunderte. Aber...es gibt eine Lücke. Der Sitz der Familie de Clairmont blieb zur Amtszeit meines Urgroßvaters ein Weile unbesetzt. Ich schließe daraus, dass der Hohe Rat mit seiner Rückkehr in ihre Mitte gerechnet hat. Findet Ihr das nicht merkwürdig? Wieso sollten die Ratsmitglieder über Monate eine begehrte Position freihalten, nur um sie letztendlich anderweitig zu vergeben?"
      Bei der angekündigten Hiobsbotschaft zeigte sich Viola ungewöhnlich gefasst. Nur ihre Finger drückten sich etwas fester um den alten Ledereinband des Buches.
      "Schlechte Nachrichten mussten irgendwann kommen.", murmelte sie und richtete den Blick in Richtung Westen. "Bitte sagt mir, sobald Euch eine Name zu Ohren kommt. Ich sorge mich um eine Freunde. Eigentlich sollte ich dort bei ihnen sein und kämpfen. In Beleriand."
      Viola atmete tief ein.
      Farryn. Eyrik. Volgast. Symon. Lysandra.
      Wie so oft in den vergangenen Tagen wiederholte sie die Namen wie ein geistiges, wortloses Mantra. Trotz der Bedrohung, dass es einen ihrer neugewonnen Freunde an die Schwelle der jenseitigen Welt geführt hatte, spürte Viola bei einem bestimmten Gedanken eine tiefe Erleichterung, die sich zu dem unermesslichen Haufen aus Schuld gesellte:
      Andvari lebte.
      “We all change, when you think about it.
      We’re all different people all through our lives.
      And that’s OK, that’s good, you gotta keep moving,
      so long as you remember all the people that you used to be.”

      Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von Winterhauch ()

    • Ihre Bemerkung hinsichtlich seiner Beobachtungsfähigkeit ließ er lächelnd unkommentiert und nickte nur schwach. Man musste einer jungen Frau, der man die Strapazen der Jahrzehnte ihres Leben regelrecht aus dem Gesicht lesen konnte, nicht beschreibem, welch ein Haifischbecken die Politik sein konnte.
      Jede Bewegung, jede Unsicherheit des Geistes war gefundenes Fressen für die Feinde. Und kamen die Falschen an die Macht, veränderte dies ein Land auf Jahrhunderte. Wie man sah.
      "Meine Liebe...", begann er mit tiefer, beinahe eindringlicher Stimme zu brummen. "Geheimnisse sind mein Beruf, fürchte ich. Freilich ist das Eure bei mir sicher. Habt keine Furcht. Auch wenn ich Euch zur Einsicht gemahnen möchte, mit Euren Kräften hauszuhalten. Denn wenn unser langohriger Freund erwacht, wird er Vieles von Eurer Kraft benötigen. Auch wenn ich keine Ahnung von Medizin und dem Heilen besitze, so sagen mir die Gesichter unseres Freundes Greneau, dass es nicht gut um das Bein des Elfen steht."
      Ihren Ausführungen zu dem Buch indes lauschte er gespannt und drehte tatsächlich auch den Kopf zu ihr, um ihr mit scharfen Augen ins Gesicht zu sehen.
      War dies die Chance, die er nutzen konnte? Freilich deutete der Name bereits einen kleinen Adelskreis an, aber war es möglich...
      "Was Ihr nicht sagt...", murmelte er nachdenklich und legte einen Finger an sein behaartes Kinn. Er wirkte dabei wie ein Großvater, der seiner Enkelin einen schwierigen Sachverhalt zu verdeutlichen suchte. "ICh denke schon, dass es ungewöhnlich ist. Die Politik dieser Tage ist schnelllebig und war es früher nicht weniger. Die Plätze wurden rasch und zielstrebig neu vergeben. Es ist in der Tat merkwürdig. Ich kann mir nur vorstellen, dass sie die Rückkehr Eures Großvaters oder dessen Erben erwarteten. Vielleicht gab es auch ein Abkommen?"
      Ihre letzte Bemerkung nahm er mit einem Nicken zur Kenntnis.
      Krieg war überall gleich. Geschichte schreibt der Sieger, aber wirkliche Gewinner gab es nicht im Kriege. Es gab nur die armen Seelen, die den Teufel suchten und diejenigen Gepeinigten, die zurückblieben, um ihre Körper zu betrauern. Nichts ehrbares war daran.
      "Ich werde Euch unterrichten", nickte er betroffen und sah von ihr fort, um zu seufzen. "Mit Verlaub...Vergebt einem alten Mann, aber ich denke das nicht, Frau Viola. Euch sandte das Schicksal nach Bourgogne zurück, um Euer wahres Erbe zu finden. Und ich denke, es hat einen guten und sinnigen Zweck! Die Welt braucht mehr Menschen wie uns, wisst Ihr? Menschen, die beide Seiten der Medaille kennen und bereit sind, neue Wege zu gehen."

      The more that I reach out for heaven
      The more you drag me to hell
    • "Viel weiß ich nicht, Monsieur.", wisperte Viola. "Die Geschichte über meinen Urgroßvater ist eben genau das: Eine Gute-Nacht-Geschichte, die mein Vater uns Kindern erzählte. Ein nobler Fürst, der Titel und Reichtümer aufgab, um einer Bürgerlichen den Hof zu machen. Es klang zu wundervoll um wahr zu sein und rückblickend betrachtet, bin ich davon überzeugt, dass wir Kinder und auch meine Mutter zur die verklärte, romantisierte Version erzählt bekommen haben. Ein hübsches Märchen über Liebe, die alle Grenzen überwindet. Ein wenig zu gefühlsselig, für die rauen Zeiten, in denen mein Urgroßvater aufwuchs. Wenn ich mich richtig an meine Studien erinnere, muss das kurz, vielleicht ein paar Jahre vor Beginn des Feindseligkeiten zwischen dem Elfenreich und den Menschen gewesen sein."
      Dabei tippte sie mit dem Zeigefinger auf die Stelle der aufgeschlagenen Seite, die zweifellos dem neugierigen Auge eine unscheinbare Lücke präsentierte ohne eine Erklärung dafür zu liefern.
      "Ich frage mich, wohin er gegangen ist.", murmelte Viola. "Und warum er nicht zurückgekommen ist. Es steht hier, dass Monate nach seinem 'Aufbruch' kein Lebenszeichen mehr vermerkt wurde. Also ging der gesamte Besitz der de Clairmonts an den Hohen Rat. Das Vermögen, die Ländereien, einfach alles. Denn mein Urgroßvater war der letzte Erbe seines Hauses."
      Sorgfältig fuhr die Heilerin mit den Fingerspitzen über die verblichenen Seiten, ehe sie endgültig den Einband schloss und den Blick erneut in die Ferne richtete. Das Schimmern von Sehnsucht begleitete jedes Blinzeln. Das Lächeln auf ihren Lippen war halbherzig, auch wenn Pompidous Versuch, ihrer geschwächten Lage einen Sinn zu geben, ihr Mut machen sollte.
      "Mein Erbe?", sagte sie kopfschüttelnd und tauschte das Buch gegen den sträflich vernachlässigten Tee. "Der Titel der de Clairmonts wäre an mich verschwendet, Monsieur. Ich kann keinen Nachkommen das Leben schenken, aber mich beschleicht der Gedanke, dass Meister Greneau in Plauderstimmung war und ich Euch nichts Neues erzähle."
      Pompidou erweckte den Eindruck eines Mannes, der mehr wusste, als sein freundlicher fast großväterlicher Ausdruck ihm zugestand. Hüte sich die arglose Seele vor Politikern, hörte sie das Echo eines alten Lehrmeister, der schon lange unter der Erde verweilte.
      Schuldbewusst warf sie letztendlich einen Blick über die Schulter auf den bewusstlosen Elf unter bleichen Leinendecken. Sie hatte ihm zwei weitere übergeworfen, um ihn vor der eindringlichen Kälte zu schützen.
      Außer Prinz Lucien und Lhoris wusste niemand über Details ihrer Fähigkeiten Bescheid. Und der Elf besaß ein Wissen darüber, dass weitaus umfangreicher war, als das des Prinzen. Lucien wusste lediglich, dass sie die Magie nutzt um zu heilen, aber auch Mächte besaß die darüber hinausgingen. Er hatte gesehen, was sie mit Vaeril Baumschatten angestellt hatte. Ebenso seine treuen Reiter.
      "Ich weiß nicht, ob ich sein Bein retten kann.", gab sie zu und betrachtete ihre kühlen Hände. "Was ist Euch über meine Kräfte zu Ohren gekommen? Und bitte spart Euch die Mühe, ich weiß wie schnell sich Gerüchte am Hof verbreiten."
      “We all change, when you think about it.
      We’re all different people all through our lives.
      And that’s OK, that’s good, you gotta keep moving,
      so long as you remember all the people that you used to be.”
    • Interessiert beugte sich Gustave Pompidou über das ausgebreitete Buch und förderte einen kleinen Glasbaustein zu Tage, den man selbst in der Königsstadt nur selten sah. Ein Gestell aus feinem Eisen und sanft geschliffenen Gläsern, welche die Form von nach unten gedrehten Halbmonden offenbarte, fand seinen Weg auf seine Adlernase und man sah seine wachen Augen über die Zeilen huschen. Erst danach lehnte er sich wieder zurück und blickte Nachdenklich in den Raum.
      "Es ist schon merkwürdig", gab er zu und nickte. "Normalerweise werden Ratsplätze nicht derart lange frei gehalten. Ich kann mir höchstens vorstellen, dass er einer Mission anhängig wurde, die es im Auftrage des Rates zu erfüllen galt. Vielleicht hat er aber auch eine Art von...Rast...von seiner Arbeit angekündigt und sich zurück gezogen. Vielleicht hängt es auch mit dem seinerzeit beginnenden Problemen mit dem Elfenvolk zusammen, dass Euer Urgroßvater verschwand."
      Anschließend sah er zu Viola und musste erneut nachsichtig lächeln.
      "Meine Liebe...", begann er erneut. "Mitnichten war Euer Urgroßvater der letzte Erbe. Ihr tragt seinen Namen und ich möchte meinen, noch ein ganzes bisschen mehr von ihm in Euch. Mitnichten wäre der Titel an Euch verschwendet. Im Gegenteil: Er steht Euch zu, Mademoiselle."
      Bekräftigend nickte er und sah wieder zum Teich hinter ihnen und seufzte.
      "Wisst Ihr...AUch wenn es vielleicht Euer Schicksal ist, keine eigenen Erben zur Welt zu bringen, so kann durchaus eine Linie erhalten werden. Es ist nicht unüblich, dass Adelstitel nach langer Zeit wieder aufgenommen werden, um gewisse - wie sage ich es - politische Abkommen einzugehen. Natürlich hat Greneau geplaudert, aber weitaus weniger als Ihr glaubt, Mademoiselle. Ich sehe nur ein krankes Land mit einem schwachen Herrscher, der alsbald zu Grunde geht. Und Lucien...Lucien ist ein guter Mann voll edlem Gemüt und Geblüt und dennoch wird auch er freiwillig keine eigenen Nachkommen zeugen, wenn Ihr versteht..."
      Es war der Moment, den er nutzen musste. Auch wenn es verfrüht erschien. Aber Viola war die Hoffnung, die er brauchte. Keinen Elfen oder derartige Völker. Auch wenn er nichts dagegen hatte. Aber dieses Land brauchte einen starken Herrscher. EInen Herrscher mit einer Frau. Auch wenn keine Liebe dort herrschte.
      Zuletzt sah er Viola offenherzig an und grinste verhalten. Sie war klug. Er mochte kluge Frauen. Sie gaben die gewisse Würze einer jeden Unterhaltung.
      "Ich hatte niemals vor, Euch zu belügen, Mademoiselle. Habe ich bisher nicht einmal gemacht. Man spricht über Euch in der Stadt, fürwahr. Allerdings sind es Gerüchte, hanebüchener Humbug, Stuss im Volksmunde. Sie sprechen von Euch als Heilerin, als Frau, die die Elemente bewegt und die selbst die größten Gebrechen heilen. Und mehr nicht. Auch wenn es tragisch ist, dass Ihr sein Bein vermeintlich nicht retten könnt. Ich hätte ihm ein anderes Auskommen gewünscht, dem armen Kerl."

      The more that I reach out for heaven
      The more you drag me to hell
    • "Meine Familie wird den Adelstitel nicht ohne guten Grund abgelegt haben.", gab Viola zu Bedenken. "Dieser Titel bedeutet mir nichts."
      Das Gesagte beruhte nicht auf dem Anschein falscher Bescheidenheit sondern war begleitet von nichts als der blanken Wahrheit.
      Die edle Herkunft und ein schlummernder Adelstitel mit Privilegien und versteckten Reichtümern gar Ländereien hatte ihrer bescheidenen Familie in harten Wintern wenig genützt. Bevor die Heillerin allerdings ins Grübeln verfallen konnte, schlug Pompidou eine Gesprächsrichtung an, die kein anderes Gefühl als sichtliches Unbehagen auslöste. Beunruhigt, noch bevor sie die Worte richtig deutete, scharrte Viola mit den Spitzen ihrer mit Pelz gefütterten Lederschuhe über den steinigen Untergrund. Das Plätschern des Teichufers war plötzlich unnatürlich laut in ihren Ohren. Es rauschte wie ein tosender Wasserfall bis Viola begriff, dass sie dem Klang ihres eigenen Blutes lauschte.
      Letztendlich erklang ein zweifelndes und gleichzeitig auf verwirrende Weise belustigtes Lachen durch den Klostergarten.
      Ein Ton, der sich spielerisch leicht in das Gezwitscher der Drosseln einfügte und die Geräusche der Stadt zu ihren Füßen übertönte. Mit bebenden Schultern neigte die Heilerin den Kopf und fuhr sich über die zusammen gekniffenen Augen.
      Viola mochte Vieles sein, aber begriffsstutzig war sie nicht.
      "Ich mag ein einfaches Bauernmädchen sein, Pompidou, und ich verstehe worauf Ihr hinaus wollt. Aber was Ihr dort andeutet ist schlicht und ergreifend verrückt.", antwortete sie, obwohl sie wusste, dass sie dieses Mädchen lange hinter sich gelassen hatte, und sog scharf die Luft ein, da das herzliche Lachen an den Wundrändern der Brandnarbe über ihrem Bauch zog.
      "Und meine Antwort auf Eure ungestellte Frage ist: Nein."
      Das politische Abkommen war eine schnöde Umschreibung für eine lieblose Ehe, denn es würde beide Parteien auf Dauer unglücklich machen, die eine in Ungande gefallene Frau läuterte und einem fragwürdigen Thronfolger von den Gerüchten befreite. Das Königreich der Menschen hätte eine Königin, die durch ihre Verbundenheit zur Magie eine Bindeglied zwischen den Völker formte ohne dabei verfrüht das Tabu eines Bündnisses mit dem Fein zu brechen. Kleine Schritte zur Sicherung des gewünschten Friedens.
      Damit verschloss sich die offenherzige und neugierige Miene der Heilerin, die mit Pompidou grübelnd und rätselnd über einem alten Buch gebeugt gegesessen hatte. Vorsichtig und ohne Hektik erhob sich Viola von ihrem Sitzplatz, das Buch blieb an Ort und Stelle. Das Wissen darin brachte sie nicht weiter, doch sie musste wissen, was passiert war. Schweigend starrte sie auf ihre Hände und die blassen Leylinien auf der Haut. Sie wurden mit jedem Tag heller und würden bald verschwinden.
      Bei den letzten Worten des Mannes, der sich nun in ihrem Rücken befand, während sie auf den Teich hinaus sah, zeigte sich ein ungesehenes Lächeln auf den Lippen. Er wusste also nicht alles.
      "Ich habe nicht gesagt, das ich sein Bein nicht retten kann. Nur, dass ich es nicht weiß. Vaerils Schatten haben die Quelle meiner Magie geschwächt und zerfressen.", murmelte sie und beließ es dabei. Zittrige Finger streckten sich aus und formten aus den unsichtbaren Wasserpartikeln in der Luft die kleinen Kugeln, mit denen sie im Refudium der Weißen Hand geübt hatte um ihre Magie wie einen Muskel zu stärken.
      Sie drehte sich langsam zu Pompidou um und ließ die drei Kugeln in gleichmäßigen Kreisen über ihrer Handfläche schweben.
      "Wunderschön nicht?", frage Viola. "Es stimmt. Während meiner Zeit in Tirion habe ich unter den wachsamen Augen von Sylvar Valverden gelernt und studiert. Ich heile, ja, aber ich habe entgegen meiner Eide einen Mann getötet. Versteht mich nicht falsch, Vaeril Baumschatten hatte den Tod verdient. In meinen Augen mehr als jeder andere und ich habe ihn auf dem Trockenen ertränkt. Mit dieser hübschen Spielerei aus dem niederen Wunsch nach Rache."
      Was für eine Königin würde das aus ihr machen?
      Das glitzernde Wasserspiel erstarrte und zerfiel zu kleinen Tröpfchen auf ihrer Handfläche.
      Trotz der Erschöpfung ihres Körper schritt Viola an Pompidou vorbei und hielt auf seiner Höhe kurz inne. Ihr Blick ruhte auf dem scheinbar leblosen Elfen im Zimmer vor ihr.
      "Ich bin kein guter Mensch, Pompidou. Nicht mehr. Nicht nach allem, was ich gesehen habe. Und ich kann Euch nicht helfen."
      “We all change, when you think about it.
      We’re all different people all through our lives.
      And that’s OK, that’s good, you gotta keep moving,
      so long as you remember all the people that you used to be.”
    • Nun, das helle, wenig damenhafte Lachen war durchaus unerwartet und freilich nicht höflich.
      Aber konnte Gustave es ihr verdenken? Ein Leben wie ihres, gebrandmarkt durch Verlust, Verrat und derlei weiteren Dingen, derartig umzukrempeln..Was war er nur für ein Mann, nicht wahr?
      Mit einem mysteriösen Lächeln sah er Viola an und nickte schließlich. Auch war ihm nicht entgangen, dass die Miene der jungen Frau sich urplötzlich verschloss. Es war schade, dass die heutige Jugend nicht mehr über derlei Dinge sprechen konnte, ohne gleich einen Dolchstoß zu fürchten. Es mochte an der Tatsache liegen, dass zu vieles in diesem Krieg verloren wurde. Allenthalben eben auch die Menschlichkeit und der Gedanke an das Notwendige.
      "Manchmal ist eine Antwort nicht endgültig und eine Entscheidung nicht in Stein gemeißelt, Frau Viola. Ich habe Euch nicht vorgetragen, damit Ihr Euch eingefesselt vorkommt. Vielmehr dient es einer Art Warnung...Manchmal, so ist es leider!, nimmt das Schicksal uns Entscheidungen hab. Ich hoffe, Ihr könnt bei Eurer bleiben..."
      Nachdenklich fuhr er sich durch den Bart und seufzte schließlich. Was sollte er noch tun? Ein guter Politiker wusste, wann er einen Kampf verloren hatte. Auch wenn Viola die denkbar schlechteste Alternative für sich wählte.
      Pompidou erhob sich ebenfalls von der Bank, die merkwürdig kalt geworden war und klopfte sich kurz die Falten aus dem Stoff seines Gehrocks. Anschließend legte er die Hände hinter dem Rücken zusammen und sah Viola hinterher, die zu reden begann. Offenbar, um ihm nicht ihre Mimik zu zeigen.
      Cleveres Mädchen, grinste er nachsichtig.
      Wunderschön funkelnd fuhren sie in ihrer zarten Hand hin und her und bildeten ein merkwürdiges Mobile, das er nur allzu gern in seinem eigenen Blick zu verlieren schien. Es hatte Zeiten gegeben, da hätte Gustave alles dafür getan, das Geheimnis dieser Macht zu ergründen und sie ebenfalls zu beherrschen. Doch heute erwies er sich besser als stiller Beobachter dieser Kunst. Wenngleich ihm das Beschworene zumindest einen erstaunten Ausdruck auf das Gesicht zauberte.
      Schweigsam lauschte er und nickte, während sie sprach und weitete die Augen so gut er konnte.
      "Wahrlich", nickte er. "Es ist wunderschön. Eine famose Art, Magie zu wirken. Wirklich erstaunlich! Nie sah ich etwas vergleichbares bei einem Menschen..."
      Hinsichtlich ihres Einwurfes mit dem guten Menschen konnte der alte Politiker nur lachen. Beinahe kratzend glitt das Gelächter durch seine Kehle und er schüttelte den Kopf.
      "Ihr missversteht die Eigenschaft von Gut und Böse, wenn Ihr glaubt, ein Mord mache aus Euch einen schlechten Menschen. Ihr habt gekämpft und Rache geübt. Es hat Könige vor Euch gegeben, die weitaus grausamer waren und dennoch gute Herrscher. Ich fürchte, man muss unterscheiden zwischen dem Herrscher, den das Land braucht und den es verdient. Mit Sicherheit verdient dieses Land einen Herrscher, der weise und gerecht den Frieden wahrt. Jedoch braucht es einen Herrscher, der die Zügel in die Hand nimmt und einen Krieg nicht scheut um sein Land zu schützen. Ich würde also - hypothetisch betrachtet natürlich - nicht sagen, dass Ihr eine schlechte Königin währet. Vielmehr würde ich vermuten, dass Ihr Euch nicht schlecht schlagen würdet."
      Er zuckte mit den Schultern und seufzte.
      "Nun, ich weiß, wann ich einen Kampf verloren habe, meine Teuerste. Ich werde mich sogleich zurückziehen und Euch Eurer Wacht überlassen. Jedoch...Was geht gedenkt Ihr wegen Eurer Familie zu tun?", fragte er und wies auf das Buch.

      The more that I reach out for heaven
      The more you drag me to hell
    • Die Worte Pompidous hallte wie eine unterschwellige, dunkle Vorsehung durch die überfüllten Räume ihres Verstandes.
      Ja, das Schicksal ließ sich nicht in Stein meiseln, aber sie würde alles dafür tun, um Bourgone als freie Frau zu verlassen, mit Lhoris an ihrer Seite und ohne das erdrückende Gewicht einer ungewollten Krone. Das Pompidou wirklich darüber nachdachte, ein Mädchen mit einer Lebensgeschichte wie ihrer ohne jegliche höfische Erziehung oder gewünschter Etikette neben den Kronprinzen auf den Thron zu setzen, ließ Viola an seinem scharfen Verstand zweifeln. Und den besaß er ohne Zweifel.
      Allerdings... trat Pompidou ein wenig zu schnell den Rückzug an, was das Misstrauen der jungen Heilerin in der Skala nach oben beförderte. Fragend zuckte eine der geschwungenen Augenbrauen, als traute sie ihren Ohren nicht. Da sie aber keinerlei Verlangen versprüte, das Thema zu vertiefen, bließ sie es bei seinen abschließenden Worten.
      Viola hatte es sich zur Aufgabe gemacht, gegenüber Pompidou ein gesundes Misstrauen zu hegen. Die stümperhaften Gerüchte zu bestätigen, die sich ganz von allein in der Kaiserstadt ausbereiteten, richtete keinen weiteren Schaden an. Weswegen Viola keine Reue empfand, den älteren Mann vor sich einen kleinen Einblick zu gewähren. Es waren Taschenspielertricks, nicht mehr.
      Was sie für sich behielt, waren die Eigenschaften die Dandelost ihr verliehen hatte oder die Tatsache, dass sie den Aurakern eines Lebewesen berühren konnte. Über letzteres wusste sie nicht genug und Spekulationen halfen nicht weiter. Sie wusste nur eines mit Sichereit: Lhoris verächtliche und zugleich erschrockende Reaktion sagte ihr bereits genug. Sie hatte Zugriff auf einer Macht, die nicht für den arglosen Verstand bestimmt war und mit Vorsicht zu genießen war. Und Viola würde herausfinden warum sie diese Kräfte besaß.
      Ein schiefes, halbherziges Grinsen erschien auf ihrem Gesicht.
      Pompidou reagierte ein wenig zu überschwänglich, dafür dass er mächtige Zauber am eigenen Leib erfahren hatte.
      Sie wusste nicht ob er sie zu seiner persönlichen Belustigung zum Narren hielt oder sie einfach nicht weiter bedrängen wollte.
      "Der Kronprinz hat Euch und dem Rat mitgeteilt, welcher Natur meine Verbindung zu Andvari ist.", antwortete sie, als Pompidou erneut über ihre theoretischen Möglichkeiten als zukünftige Königin in den Mund nahm. "Denkt ihr wirklich der Hohe Rat würde Euer Vorhaben unterstützen eine Frau wie mich neben den Kronprinzen auf den Thron zu setzen? Die Comtesse würde Gift und Galle versprühen. Ja, ich weiß wer die Comtesse de Beaufort ist: Eine Schlange, die ihr Gift als süßen Honig verkauft. Ich habe vor diese Stadt lebend zuverlassen und nicht als Bauernopfer im Fluss versenkt zu werden."
      Viola betrat die kleine Schlafkammer mit nachdenklicher Miene.
      "Ich liebe Andvari, Monsieur.", sprach sie ruhig weiter ohne Scheu. "Ich habe nicht vor das, ihn, für ein politisches Komplott zu opfern."
      Andvari hatte genug gelitten und verloren, aber das sprach sie nicht aus.
      Damals, es kam ihr vor wie Jahrzehente, hatte Sylvar ihr Egoismuss vorgeworfen und sie sah eine Erinnerung des Erzmagiers im Augenwinkel, der tadelnd aber mit einem Grinsen den Kopf schüttelte. Viola schmunzelte still.
      Auf leise Sohlen näherte sich Viola dem Bett und verweilte einen Augenblick schweigend am Kopfende ehe sie den kühlen Handrücken behutsam an die Stirn des Elfen legte. Er fühlte sich immer noch zu warm an, aber nicht fiebrig.
      Über die Schulter sah sie zu Pompidou.
      Viola war eine schlechte Lügnerin, also beließ sie es bei der schlichten Version der Wahrheit.
      "Ich möchte herausfinden, was mit meinem Urgroßvater passiert ist und wo der Ursprung meiner Gaben liegt."
      Bevor sie außer Kontrolle gerieten, blieb ungesagt.
      “We all change, when you think about it.
      We’re all different people all through our lives.
      And that’s OK, that’s good, you gotta keep moving,
      so long as you remember all the people that you used to be.”
    • Ach, diese Jugend.
      Gustave hegte viel Verständnis für die Ausuferungen der jugendlichen Ideen. Und sicherlich waren auch die Überzeugungen der jungen Heilerin nicht unerheblich. Pompidou sah ihr hinterher und seufzte lautlos, während er leicht die Schultern hängen ließ. Was die wenigsten über das Ratsmitglied wussten, war die Tatsache, dass er schlicht und ergreifend alles für das Land tun würde. Man konnte dies als blinden Idealismus ansehen, aber das Ratsmitglied war sich dieser einen Sache sicher: Das Land musste fortbestehen. Bourgogne war das Bollwerk der Menschenlande und durfte nicht dem Laster zum Opfer fallen, das es jetzt regierte.
      "Das hat er", bestätigte er nickend und gleichsam schwach lächelnd. Auch wenn die junge Frau ihn nicht ansah, würde man den warmen Ton seiner Stimme hören. "Und ich respektiere Eure Verbindung zu Andvari, Frau Viola. Es respektiere sie fürwahr. Und bitte deutet meine Bemerkung von vorher nicht als Drohung. Mir ist sehr wohl bewusst, welche Lage sich hernach eröffnen würde und was gesprochen würde. Und dennoch: Die Comtesse wird dieses Land vergiften ehe Lucien auch nur das Zepter erahnen kann. Sie würde ihr Gift derartig präzise unter die Leute bringen, dass ich es nicht verhindern könnte und am Ende würde dieses Land unter der Hand Eures Prinzen zu Grunde gehen."
      Er räusperte sich und trat näher an die junge Frau heran.
      "Ich weiß, in Euren Augen bin cih ein alter Mann, der eine veraltete Form der Verehelichung preist. Dies bin ich jedoch nicht. Es muss Niemand geopfert werden und kein Komplott geschmiedet werden. Jedoch bedenkt eines: Sicherlich könnt ihr mit Andvari leben. Und sicherlich würdet Ihr das Glück erfahren. bei den Göttern, es sei Euch gegönnt! Aber: Glaubt Ihr wirklich, dass Andvari den Thron verlassen würde, wie er es ankündigt? Ihr Seid klug und müsst es auch spüren! Das Elfenreich braucht Andvari Valverden mehr als einen leeren Thron. Und dieses Reich braucht einen starken Fürsten mit einer Gemahlin. Begierden und Liebschaften seien Jedem von Euch gegönnt, aber ich befürchte, dieses Gönnen kann nur gelingen, wenn die Reiche einen Frieden halten. Und dies kann nicht garantiert werden, wenn die Comtesse weiterhin an der Macht bleibt."
      Es war genug. Für diesen einen Tag musste es reichen, die Argumente derart auszutauschen. Sie würde ihm nicht aus der Hand fressen wie so viele vor ihr, so viel stand fest. Jedoch mussten Dinge ausgesprochen werden. Alleine die Tatsache, dass Elfen länger lebten als Menschen mussten ihr doch bewusst machen, dass es vielleicht Andvari sein könnte, der das Band löste?!
      Schweigsam sah er ihr zu wie sie den Elfen untersuchte und atmete durch.
      "Das erscheint mir angebracht, Frau Viola", sagte er und neigte leicht den Kopf. "Wenn ich zu Diensten sein kann, scheut nicht zu fragen."

      The more that I reach out for heaven
      The more you drag me to hell
    • Die Entschlossenheit im Blick der Heilerin wandelte sich.
      Die Veränderung geschah und verflog in einem flüchtigen Augenblick, dass es einem Außenstehenden belanglos erscheinen müsste. der vebissene Zug der Beharrlichkeit um ihren Mundwinkel verblasste, als sich diese wenige Millimeter nach unten verzogen. Für den Bruchteil einer Sekunde verspannten sich die schmalen Schultern, als erwartete sie den Angriff durch einen unsichtbaren Gegener. Die kühlen Finger der Hand, die fürsorglich auf der Stirn des Elfen ruhte, zuckten unruhig als wüssten sie nicht, was sie mit sich selbst und ihrer Existenz anfangen sollten. Viola verlagerte das eigene Körpergewicht unbewusst von einem Bein auf das andere, als bereitete sie sich darauf vor, jeden Moment die das Heil in der Flucht zu suchen.
      Es war kein körperlicher Anrgiff, den sie fürchtete, denn kein Schwerthieb und keine brutal geschwungene Faust hätten ihr mehr Schmerzen zufügen können, als das Körnchen von Zweifel, da sich wie eine winzige Glasscherbe glühend im Herzen einnistete.
      Bereits das erste Gespräch mit Pompidou hatte ein Gefühl von Verbitterung und Ungewissheit hinterlassen, das ihr unter die Haut kroch und sich tief bis in die Knochen fraß. Kein Feind war gefürchteter, als der eigene Selbstzweifel. Eine unstrittige Unzulänglichkeit ihres menschlichen Daseins, das jeder glücklichen Empfindung und jedem freudigen Gedanken einen bitteren Beigeschmack gab.
      Viola war ein Mensch. Daran ließ sich nicht rütteln.
      Die Vergänglichkeit des Alters verschonte sie nicht aufgrund unerschütterlicher Hoffnung nicht. Letztendlich würde Keine bedingungslose Liebe oder glühende Zuneigung die frühe Sterblichkeit ihres Volkes aufhalten, nur weil Viola es sich von ganzem Herzen wünschte.
      Während ihre Lebenszeit unaufhörlich durch die Sanduhr des Lebens fiel, stand Andvaris Zeit beinahe still.
      Konnte sie wirklich von ihm verlangen, die Bürde ihres lächerlich, kurzen Lebens zu tragen?
      Dabei hatte sie selbst Andvari ermutigt seinem Schicksal entgegen zu treten. Sie hatte geradezu gepredigt wie sehr das Elfenvolk einen gerechten und gütigen Herrscher verdiente und nicht die eiserne Hand mit der König Oberon sein Volk führte.
      Konnte sie wirklich von ihm verlangen, die Zukunft seiner Heimat, seines Königreiches, für die vergängliche Liebe einer Sterblichen zu opfern? Hatte sie die blühende Liebe und die glühende Leidenschaft als dermaßen selbstverständlich betrachtet, dass sie nie einen Gedanken daran verschwendet hatte, dass Andvari sich aufgrund ihrer Vergänglichkeit von ihr abwandte?
      Der Verlust einer sorglosen Jugend hatte sie nicht klüger gemacht, als die naiven und verliebten Gänse, die dem ersten Mann hübsche Augen machten, der ihnen Beachtung schenkte.
      Kein Worte verließ ihre Lippen, während sie Pompidou lauschte.
      Langsam ging sie um das Krankbett herum und verbarg die Erschöpfung in jedem Schritt mit großer Mühe. Eine Erschöpfung des Körpers und des Geistes. Bedächtig hob sie die wohlig warmen Decken an, gerade genug um die grausige Verletzung im Oberschenkel des Elfen zu betrachten. Die Wunde sah schlimm aus und der faulige Gestank abgestrobenen Fleiches schlug ihr entgegen. Vermutlich hätte sich Viola in den nächsten Kübel übergeben, wenn sie derartige Angriffe auf ihre Nase nicht gewöhnt wäre.
      Ein weiterer Punkt, in dem Pompidou recht behalten sollte, die Heilkunst der Kleriker reichte zu diesem Zeitpunkt nicht mehr aus. Viola konzentrierte sich auf den eigenen, geschwächten Aurakern und stieß ein tiefes, sorgenvolles Seufzen aus. Ein verräterisches Brennen drohte ihre Augen zuerobern.
      "Ich danke Euch für euer Angebot, Monsieur.", sprach sie nach gefühlten Ewigkeiten der schweren Stille. "Aber die Nachforschungen müssen warten und auch wenn es mir widerstrebt, Ihr habt Recht. Er verliert sein Bein, wenn ich nichts unternehme, aber ich brauche mehr Zeit um genügend Kräfte zusammeln. Ich spreche mit Meister Greneau."
      “We all change, when you think about it.
      We’re all different people all through our lives.
      And that’s OK, that’s good, you gotta keep moving,
      so long as you remember all the people that you used to be.”
    • Pompidou wartete noch einen Moment des Anstandes ab, ehe er sich den Argumenten der jungen Frau geschlagen gab. Es gab nicht viel zu besprechen, was eiliger gewesen wäre und die Saat war ausgesäht worden. Jeder gute Bauer wusste, dass diese erst einmal keimen und gedeihen musste, ehe sie wirklich Früchte trieb und erntereif war. Gustave lächelte schwach und zog sich einen weiteren Schritt zurück, während seine Gedanken nur um das Land kreisten, das er zu schützen gedachte. Irgendwann würde auch Viola einsehen, dass dieser Schritt unvermeidlich und gleichzeitig notwendig war. Es ging hier um so viel mehr als das bloße Land, in dem sie lebten. Wieso die Jugend immer dachte, dass es bei einer freien Entscheidung blieb. Ja sie waren frei, aber die Entscheidungen wurden vorherbestimmt durch Räte und Politik. Eine grausige, wenngleich einfache Wahrheit, wenn man es genau betrachtete.
      Pompidou nickte und empfahl sich nun endgültig.
      Mit einer kurzen Verneigung wandte er sich um und verließ die Heilstatt des Elfen, um sich anderen Geschäften zuzuwenden, die seiner Aufmerksamkeit bedurften.


      Es dauerte nochmals drei Stunden länger, ehe der Elf die Augen öffnete.
      Erst flatternd und beinahe doppelt erscheinend, bewegten sich die Lider in schneller Abfolge auf und ab. Sein Gesicht war fahl geworden und gräulich, als er sich mit einem schwachen Ächzen auf der schmalen Liegestatt zu drehen suchte. Ein Unterfangen, was er mit sofortiger Wirkung bereute, als ein scharfer Schmerz durch sein lädiertes Bein schoss. Zischend riss er die Augen auf und griff sich schweigend an das Bein, das man nur grob bandagiert hatte, um offenbar Luft hinan zu lassen. Eine kluge Wahl, wie er befand. Der Wundbrand hatte sich zwar ausgebreitet, aber zumindest ließ sich so sagen, dass er das Bein noch hatte.
      Seine Kehle fühlte sich rau und beinahe wie eine Sandwüste an,. als er zu sprechen anhob. Ein mildes Krächzen war der Lohn für den Versuch, zusammenhängende Worte zu produzieren. Aber wer mochte es ihm verübeln?
      Das Haar klebte ihm im Gesicht und er wandte die Augen durch einen Raum, den er nicht kannte. Hohe Wände aus weißlichem Stein und ein Duft von so vielen Kräutern, dass es ihm die Tränen in die Augen trieb. Der kräftige Leib des Hauptmannes fühlte sich schwer und unbeweglich an, als er seine Finger versuchsweise bewegte und die Augen drehte. Ein einfacher Funktionstest, den er bei der Garde gelernt hatte.
      "Wo...", krächzte er. "Wo bin...ich?"
      Ob Jemand da war? Er hörte Niemanden. Das Sehen war noch eingeschränkt, die Sichtränder unscharf. Sein Körper lebte in Notfallfunktionen, wie es ihm schon einmal ergangen war. Damals als ihm Lysanthir seinen Speer durch den Leib gerammt hatte.
      "Wie...lange...", wisperte er und suchte den Blick eines Anderen.

      The more that I reach out for heaven
      The more you drag me to hell
    • Mit einem Seufzen schob Viola eine verirrte Haarsträhne hinter das Ohr.
      Die herbstrote Mähne türmte sich in einem schiefen, unordentlichen Knoten in ihrem Nacken, aus dem sich weitere Strähnen durch mangelnde Beachtung gelöst hatten. Die Spitzen kitzelten die Heilerin hinter ihren Ohren und im Nacken und kringelten sich zu kleinen Locken. Mit dem Handrücken wischte sich Viola über die Stirn und ignorierte dabei den feinen Schweißfilm auf der Haut. Der besorgte Blick von Meister Greneau bohrte sich seitlich in ihren Schädel. Sie benötigte keinen prüfenden Blick um zu wissen, dass er von ihrem Vorhaben alles andere als begeistert war. Stattdessen widmete sich die junge Frau ganz den Phiolen und Tiegeln vor ihr auf dem fleckigen Holztisch. Spuren von Messerkerben und eingetrocknete Kleckse diverser Tinkturen bildeten ein eigenartiges Muster auf rauen und grob bearbeiteten Oberfläche. Der übermäßige Geruch der Kräuter wirkte auf Viola mehr beruhigend als beißend und die vertrauten Handgriffe vermittelten ihr ein Gefühl von Sicherheit.
      Ein schmerzerfüllten Zischen weckte Viola aus ihrer geschäftigen Trance und vor Überraschung glitt ihr ein Kännchen mit frischem Wasser aus der Hand. Das Tonkännchen zerschellte auf dem steinernen Boden und verteilte Tröpfchen und Scherben in alle Himmelrichtungen. Mit gerafften Röcken huschte die Heilerin über das Missgeschick hinweg und eilte an das Bett des Elfen.
      Beherzt doch gleichsam mit der nötigen Behutsamkeit legten sich die zierlichen Hände auf die Schultern des Elfen, ehe sie ohne Zögern auf der Bettkante Platz nahm. Sie gab es ungern zu, aber das lange Stehen bekam ihren erschöpften Gliedern noch nicht sonderlich gut. Meister Greneau sah sie wissen mit hochgezogener, fragender Augenbraue an, was sie mit einem stummen Kopfschütteln kommentierte.
      "Lhoris...", wisperte sie stattdessen und berührte das stoppelige Kinn mit den Fingerspitzen um den Fokus seines suchenden Blickes auf sich zu lenken. Ein sanftes Lächeln ruhte auf ihren Lippen, doch der Blick wirkte äußerst besorgt im blassen Gesicht der Zauberin.
      "Willkommen zurück.", fuhr sie mit ebenso ruhiger Stimme fort und warf einen flüchtigen Blick auf das zuckende Bein. Anstatt die unnötige Frage zu stellen, woran er sich erinnerte, beantwortete sie geduldig seine Fragen. "Du bist im Heim der Kleriker, die Heilkundigen Bourgones. Du warst ein paar Tage bewusstlos. Der Wundbrand hat es uns das Leben schwer gemacht."
      Im Stillen hatte Viola gehofft, dass ihr mehr Zeit der Erholung vergönnt war. Von der alten Form war sie meilenweit entfernt und es ließ sich unmöglich sagen, welche Auswirkungen ihre spärlich erholten Kräfte überhaupt hatten. Der Aurakern fühlte sich unverändert wie ein hohles Gefäß an, dass kaum eine Energieresonanz durch ihren Körper sandte. Ein Versuch der Heilung würde Zeit in Anspruch nehmen und je länger es dauerte, umso zehrender wurde es.
      Stumm reichte Meister Greneau seinem Schützling einen Becher mit kühlem Wasser, von dem Viola ihrem Patienten vorsichtig ein paar Schlucke einflößte und dann bei Seite stellte, um den Magen damit nicht zu überfordern. Es reichte um das unangenehme Kratzen im Hals zu lindern. Prüfend berührte sie mit dem Handrücken seine Stirn. Die Geste war ihr mittlerweile in Fleisch und Blut übergegangen.
      "Lhoris, ich weiß es ist mühsam, aber du musst mir genau zuhören.", murmelte sie. "Der Wundbrand zerfrisst dein Bein. Mit Kräuter allein können wir den Schaden nicht rückgängig machen. Ich werde versuchen es zu retten, aber meine Magie ist durch Vaerils Übergriff gestört. Wenn ich es nicht wenigstens versuche, verlierst du dein Bein. Vertraust du mir?"
      “We all change, when you think about it.
      We’re all different people all through our lives.
      And that’s OK, that’s good, you gotta keep moving,
      so long as you remember all the people that you used to be.”
    • Jede Bewegung seines geschundenen Leibes entlockte dem Elfen ein markerschütterndes Stöhnen. Als bestünde sein Unterleib ab dem Bauchnabel aus einem einzigen, freigelegten Nerv, den er nicht blockieren konnte, ohne ihn abzutrennen. Wortlos versuchte er, nach der Stimme zu greifen und wurde sanft in die Richtung gedreht, zu der sich seine Augen fokussieren konnten. Es dauerte eine ganze Weile, bis er Viola im Dämmerlicht erkannte. War es überhaupt ein Dämmerlicht?
      "Zu....rück...", flüsterte er mit schmerzendem Hals und lauschte den Ausführungen der jungen Frau.
      Es war merkwürdig, sie lebendig und mit leuchtenden Augen zu sehen. Vor einiger Zeit (wie lange mochte es her sein?) war es genau anders herum gewesen. Da hatte er an ihrem Bette gewacht und ihr Wunden versorgt. Hatte ihr zugeredet und gehofft, sie möge erwachen. Und nun sah er in ihre Augen und wusste nicht, wo er war.
      Das Heim der Kleriker...Lhoris hatte nicht den Hauch einer Ahnung, was das war, aber die Zeitdauer, die sie beschrieb, ließ ihn leicht frösteln. Ein paar Tage? Ein paar Tage, die sie verschwendet hatten, damit er aufwachte. Ein paar Tage, die er bereits hätte nutzen können. Für was auch immer.
      Als er das Wundbrand hörte, zuckte er zusammen und verzog das Gesicht unter einer Schmerzwelle. Das erklärte zumindest die Schmerzen an seinem Bein. Und so wie es sich anfühlte, war es höchste Zeit, das man das Bein abnahm, ehe er starb.
      Das Wasser an seinen Lippen fühlte sich an wie das Eis der Kalten Berge des Nordens. Kalt udn wohltuend rann es seine trockene Kehle hinab und ließ seine Stimmbänder kurz baden, ehe er es hinunter schluckte. Beinahe zeitgleich wurde ihm übel.
      "Wundbrand...", wiederholte er mit kräftiger, aber immer noch krächzender Stimme. Was machte es, ein Bein zu verlieren? Er war ein Krieger und der Verlust eines Beines schreckte ihn nicht. Warum auch. Er hatte noch eines und zwei seiner Hände! Aber dennoch regte sich eine Stimme in seinem Geist, die ihm riet, dem Rat der jungen Frau zu folgen. Auch wenn er nicht wusste, warum.
      Schließlich nickte der Elf und seufzte.
      "Vertraue...dir...", brachte er mühsam hervor und sah sie an.
      Was hatte diese Frau wieder vor?

      The more that I reach out for heaven
      The more you drag me to hell
    • "Gut.", flüsterte Viola mit einem entschlossenen Nicken. "Du musst für mich wach bleiben. Schaffst du das?"
      Mit brüchigen Nerven wartete die Heilerin erneut geduldig auf eine Antwort und löste die Fingerspitzen erst von seinem Gesicht, als sie das schwache Nicken mehr spürte als wirklich mit den Augen sah. Wortlos streckte Viola die Hand in Richtung Greneau aus, der auf das Zeichen hin mit einem ominösen und schlichten Holzkübel an das Bett trat. Die Missbilligung nahm beinahe sein vollständiges Gesicht ein und täuschte mehr schlecht als recht über die tiefen Sorgenfalten auf seiner Stirn hinweg. Aber was nützte es, kannte er doch die Sturheit seiner ehemaligen Schülerin zur Genüge. Dem Mädchen aus vergangener Zeit hätte er vielleicht Vernunft einbläuen können, aber nicht der Frau, die sich auf dem Bett neu auf Höhe des freigelegten Beins positionierte.
      Federleicht legte Viola die linke Hand über die entzündete Wunde, deren Fleisch faulig wirkte und einen beißenden, unangenehmen Gestank verströmte. Die hohle Hand verdeckte die eitrige Verletzung vollständig während sie ihre rechte Hand über den starken Knochen des Brustbeines auf dem Oberkörper des Elfen ablegte. Flache Atemzüge drückten die Muskeln gegen ihre Handfläche und sie spürte den unregelmäßigen Herzschlag darunter, der durch den Torso pulsierte. Viola schloss die Augen und lauschte beinahe andächtig, woraufhin alle anderen Geräusch im Hintergrund schlagartig für sie verstummten.
      Viola atmete langsam und tief ein, dann wieder aus.
      Bewusster als je zuvor suchte die heilkundige Frau nach der verborgenen Gabe und der vertrauten Energie der Aura. Eine zarte Wärme kroch auf den Tiefen ihres Magiekerns hervor und bahnte sich einem natürlichen Fluss gleich den Weg durch die Leylinien ihres Körpers.
      Viola hoffte, dass Lhoris ihr das Unverzeihliche vergab, wenn er wieder bei Kräften war.
      Unter der Hand auf der Brust des Elfenkriegers durchströmte die heilende Wärme ihrer Magie den Pfad in den Leib des Elfen. Dieses Mal suchte sie bewusst nach dem Aurakern des Elfen. Dieses Mal griff sie nicht fahrig und in Verzweiflung danach, sondern umhüllte den glühenden, feurigen Kern mit der eigenen Energie. Was sie tat, war recht simpel von Außen betrachtet. Viola stabilisierte Lhoris mit ihrer eigene Kraft und riss nicht die Seine an sich, wie in den zerstörten Tunneln unter Beleriand. Sie gab.
      Wenn ihre Theorie sich bewahrheitete, sollte der gleißende Schmerz zu einem dumpfen Pochen verkommen und Atmung und Herzschlag gestärkt werden.
      Ohne die Augen zu öffnen, nickte Viola und Greneau schien sich für das Unbekannte zu wappnen.
      Mit einem weiteren tiefen Atemzug spaltete die Heilerin den Fluss ihrer Aura auf und ließ einen anderen Teil in das betroffene Bein fließen. Die Linien unter ihrer Haut schimmerten silbrig wie Sternenlicht. Es war mehr Glück als Berechnung, dass ein winziges Überbleibsel des Sterns noch in ihrem Körper schlummerte und ihr eine willkommene Energiequelle lieferte.
      Viola spürte das fiebrige Gewebe unter ihren Fingern, das schmerzhafte Zucken zerstörter Muskeln und den hoffnungslosen Kampf des Körpers sich selbst zu heilen. Ihre Magie grub sich tief in die Wunde und verleibte sich nekrotische Zellen sowie die Vergiftung des Blutes ein. Ausgehungert verschlang die Aura der Heilerin alles schädliche in mühsamer Arbeit. Schweiß perlte von ihren Schläfen ab und der zierliche Körper erbebte unter der Anstrengung. Viola kämpfte unablässig gegen die bittere Galle, die sich ihre Kehle hinauf kämpfte während gleichzeitig der geteilte Magiefluss das Gefühl erweckte in zwei Teile gerissen zu werden.
      Es war zu früh. Es war noch nicht genug.
      Endlose Minuten vergingen und das unkontrollierte Zucken des Beines unter ihrer Hand ebbte langsam ab.
      Die Hitze der Wunde verklang und erlosch wie ein ersticktes Feuer. Sie schaffte es nicht die Wunde komplett zu schließen, aber es sollte fürs Erste genügen. Weitere Minuten schritten voran als Viola schließlich würgend auf keuchte.
      Greneau hielt er wie auf Stichwort den Eimer hin und in einem beißenden Schwall erbrach sich Viola in den Holzkübel.
      Was sie hervor würgte war keine farblose Galle, sondern eine ekelerregende und stinkende Flüssigkeit. Ein zähflüssiges Gemisch mit dunkler, fast schwarzer Färbung tröpfelte auf den Boden des Eimers. Der verdächtige Geruch einer mit Wundbrand infizierten Wunde waberte über den Rand hinweg. Violas Kraft hätte niemals genügt um die tödliche Verseuchung der Wunde zu neutralisieren, aber um sie dem Körper langsam zu entziehen und wortwörtlich auszuspeien. Sie entließ Lhoris Magiekern aus ihrer Umhüllung, da sie die Verbindung nicht länger halten konnte.
      Der Kopf sackte erschöpft nach vorn und Greneau verzog angewidert das Gesicht.
      Viola räusperte sich und spürte das gereizte Brennen in ihrer Kehle. Die Fingerspitzen zuckten unstet über der Brust des Elfen, tastend den Herzschlag prüfend.
      "Das...ist das Widerlichste, das ich je getan habe.", krächzte sie ehe sie den Blick hoffnungsvoll in Richtung des Elfen hob. "Lhoris?"
      “We all change, when you think about it.
      We’re all different people all through our lives.
      And that’s OK, that’s good, you gotta keep moving,
      so long as you remember all the people that you used to be.”

      Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von Winterhauch ()