[2er RPG] The Lesser Evil [Winterhauch & NicolasDarkwood]

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    • Andvaris Gedanken überschlugen sich. Banner! Sie waren zu früh. Viel zu früh.
      "WIe weit sind sie entfernt?", fragte er donnernd während er Angrist an seine Hüfte gürtete und sich straffte. Der Leib des Elfen wirkte mit einem Mal nicht mehr locker und fröhlich. Es erschien einem Menschen so, als sei Andvari nochmals einen halben Stein größer geworden und das Haar erschien beinahe wellenartig im leichten Wind der Nacht. Seine Augen brannten sich lodernd in Lysandras, sodass diese ihr Geranze unterbrach und sie beide ansah.
      "Vielleicht eine Stunde entfernt. Ist schwer zu sagen bei der Witterung."
      "Bereite alles vor. Ruf deine Leute in den Krieg, es gibt zu tun. Sag Volgast und Symon, sie sollen Position beziehen und sag Meliorn, er soll eine Warnung durch das Dorf schicken."
      Lysandra nickte und verneigte sich leicht, ehe sie von dannen zog.
      Andvari indes sah zu Viola, die sich ihm anhängte und lächelte kurz.
      "Wir sehen uns wieder", sagte er und nutzte die Gunst, um einen letzten, schmerzlich guten Kuss von ihren Lippen zu stehlen.
      Und wenn er es nicht besser gewusst hätte, so hätte der Elf schwören können, dass just in der Sekunde der Hauch von Schicksal durch die Lande zog, die sie einst auch nach den Menschenlanden geführt hatte. DIeser kleine, verräterische Hauch...
      Schweigsam löste er sich nach einer gefühlten Ewigkeit von der zarten Menschenfrau und lächelte aufmunternd.
      "Komm. Lass uns sehen was sie uns anbieten", grinste er und griff nach ihrer Hand. Es wurde Zeit, dem Feind ins Auge zu sehen.

      Draußen erschien die Welt in hellem Aufruhr.
      MEnschen hasteten durcheinander, ihrer wenige Habe habhaft geworden und in Säcken oder Koffern verpackt, so sie denn welche besaßen. Die Gesichter wiesen gehetzte Gesichtsausdrücke auf und innerlich wusste Andvari, dass nur wenige von ihnen zurückbleiben und die Heimat verteidigen würden. Eine Heimat, die bereits schon jetzt keine mehr war, wenn er die ausgestorbenen Häuser und Bauten betrachtete, die einfach zurück gelassen wurden. Krieg war ein grausiges Geschäft und kannte keine Sieger, hatte seine Mutter immer gesagt. Vielleicht hatte sie mehr als Recht, dachte Andvari und sah sich dem ausgewachsenen Chaos gegenüber.
      "Wir müssen sie ordnen", sagte er und sah zu Viola. "VIelleicht sollten wir Tilda rufen. Wir brauchen Raison hier, sonst wird es keine Evakurierung sondern eine Flucht."
      Gerade wollte er sich nach den Seinen umsehen und Tilda ansprechen, als er plötzlich den Kopf nach hinten warf. Eine Störung im Gefüge der Auren um ihn herum bereite ihm Sorgen. Vor allem, da diese Störung aus der westlichen Richtung kam und nicht aus der Nördlichen. Schweigsam sah er zur Westseite der Stadt und tippte Viola an.
      "Beeilt euch", flüsterte er. "Da kommt etwas auf uns zu. Und es ist schnell..."
      Der Sieben Teufel wussten welche Gefahr dort auf sie zuraste, wenn sie schon Musik mitbrachte.
      Warte...Musik?
      Der Elf legte den Kopf schief und bemerkte, dass auch einige Menschen die seltsame Melodei im Wind offenbar zu hören wussten. Eine Stimme lag darüber, sanft wie ein Reibeisen auf Stahl, wenn man es genau betrachtete. Aus dem Flüstern wurde mit der Zeit und dem fallenden Schnee ein Gröhlen als würde man von einem Berg herunter brüllen. Und es kam näher!
      "Von Luft und Liebe, elbt das Barden-Herz allein
      Und Ruhm und Ehre, sind sein Lohn, sein Brot, sein Wein
      Erhebt die Stimme, fröhnt dem Tanz, spendet Applaus..."
      "das kann nicht wahr sein", flüsterte der Elf und wusste nicht ob er weinen oder lachen soll.
      Denn inmitten des Chaos', das sie umgab. Inmitten der umherwuselnden Menschen, die eilig ihre Habe packten und ihre wenigen Sekunden noch darauf verwendeten, sich zu verabschieden und ihre Heimat zu beweinen, rauschte ein wackeliger Planwagen durch die Stadt. Gezogen wurde er von einem doppelköpfigen Pferd namens Frida, dessen Köpfe einen schaurigen Hintergrundgesang anstimmten. Auf dem Kutschbock saß - zu aller Erstaunen Herr Bert, der Halbling mit der schrecklichen Laute auf seinem Rücken. Das rotblonde Haar stach in alle Richtungen ab und er selbst hielt den Wagen auf die Taverne an.
      "DAS SPIELMANNSLEEEEHEEEEBEEEEEEN IST EIN FEEEEEST IN SAUS UND BRAUS!", donnerte seine schiefe Stimme, während er die Zügel anzog.
      Aber außer einem beträchtlich höhen Wiehern der Pferde errreichte er nichts.
      "Ach du verdammter Hodensack meiner bärtigen Mutter!", keifte der Halbling als er blindlings in eines der leerstehenden Lagerhäuser fuhr. Mit einem Krachen, Schreien und einem herausrollenden Rad blieben sie in der Tür zum Lager stecken und verharrten dort.
      Andvari indes fuhr sich mit der Hand vor die Stirn. Das war doch alles ein Alptraum.
      "Das halbvolle Dutzend...", murmelte er, während sich die sechs Halblinge aus den Trümmern schälten und zwei GEstalten sich dahinter aufmachten aus den Schatten zu treten,.
      "HALLO ANDVARIIII!", rief Eyrick und winkte eifrig, während sich Farryn noch wütend aus einem Seil befreite.
      Erstaunt öffnete der Elf die Augen und wirkte einen Moment lang völlig überrascht.
      "Was macht..."
      "Wir hier?", fragte Eyrik und kam auf die beiden übrigen zu. "WIr haben die Armee versammelt und dann gedacht, dass die Generäle vielleicht vorgehen sollten. Also haben wir Hogav aus dem Gefängnis geholt und sind vorgeeilt. Kaum zu spät, wie ich denke!"
      Das Lachen des Elfen erfüllte den Platz, wärhend die Menschen inne hielten.
      "Wartet...", sagte Andvari und wurde erneut bleich. "Hogav ist hier?!"
      "Ja, da hinten!", sagte Farryn und wies auf einen Abschnitt im Westen.
      Genau der ABschnitt wo jetzt großes GEschrei groß wurde, als sich ein gewaltiger Schatten aus dem Unterholz des Waldes erhob. Beinahe so groß wie ein ganzes Haus erhob sich eine unförmige Gestalt daher. Breite Schultern auf einem groben, dicklichen Körperbau mit schweren kräftigen Armen und einem kugelrunden Kopf. Bissige Knopfaugen starrten aus den Höhlen heraus und betonten den schweren Überbiss, den er besaß und den dadurch hervorgerückten Unterkiefer, aus dem die Zähne hervor stachen. Und dieses Wesen rummste bei jedem Schritt durch die Straßen, sodass Fassaden erzitterten. Und er lief auch noch auf sie zu! Mit eifrig großen Schritten und einer heulernden Stimme.
      "AUF MICH WARTEN! AUF MICH WARTEN!", donnerte das Wesen und stieß gegen eine leerstehende Häuserwand, die krachend zusammenbrach. "UPSI!", murmelte Hogav und sah zu Andvari. Erst dann blitzte Erkenntnis auf seinem Gesicht auf. "ICH KOMMEN! HOGAV HIER! HOGAV STARK!"
      "Ach du heilige...", begann Andvari und wollte sich bereits vor Viola stellen, als Hogav auf dem Platz schlitternd zum Stehen kam und herab sah. Ein Lächeln zierte das unförmige Gesicht.
      "Tja...MEin König...", begann Eyrik und grinste breit. "Und liebes Volk von Beleriand. Die 6 fürchterlichen Generäle der Streunenden Armee grüßen Euch!"
      "HOGAV GRÜßEN!", donnerte der Oger und lachte kehlig.
      "DAs....ist dann wohl der Letzte, den ich dir vorstellen muss", murmelte ANdvari und sah zu Viola. "Das ist Hogav Trommelfeuer, König der Oger aus den westlichen Kaltherzbergen."

      The more that I reach out for heaven
      The more you drag me to hell
    • Ein bedrückendes Gefühl von Abschied haftete dem Kuss an.
      Ein Abschiedskuss, der vor einer Trennung von ungewisser Dauer gegeben wurde und einen süßlich, bitteren Geschmack auf den Lippen hinterließ. Viola senkte die Augenlider bis die geschwungenen Wimpern sachte über ihre Wangenknochen streiften. Feste klammerten sich die Finger um das weiche Leider des Waffengurtes, als wolle sie verhindern, dass Andvari sich entfernte. Schweren Herzens sank die Heilerin auf den Boden der Tatsachen zurück und löste den Klammergriff um den Liebsten. Viola nahm die Erscheinung des Elfen in Augenschein und fühlte sich an den widerspenstigen, knurrenden Mann erinnert, den sie einst traf. Unter Schichten aus Blut und Schlamm des Schlachtfeldes war der Krieger deutlich zu erkennen gewesen. Obwohl kein Spritzer blaues Blut in diesem Augenblick sein Gesicht zierte und sein Gesichtszüge im Feuerschein weicher wirkte, erkannte sie die Veränderung in Haltung und Ausdruck.
      Viola reckte mutig das Kinn und nickte letztendlich mit einem blassen Lächeln. Was blieb ihr anderes übrig?
      Wie einst ergriff die Frau die dargebotene Hand und folgte Andvari ohne Gewissheit, wohin das Schicksal sie führte.

      Vor der Taverne herrschte das blanke Chaos.
      Unzählige Menschen eilten kopflosen und ängstlichen Hühnern gleich über das rutschige Kopfsteinpflaster des Markplatzes. Andvari hatte Recht. Es musste schnell Ordnung her, wenn sie alle lebend die Stadt verlassen wollten. Ein stummes Nicken war ihre einzige Antwort, ehe sie den Blick suchend über den Platz schweifen ließ. Wo waren Tilda und Albert? Die Bewohner würden gewiss auf ihre Stimmen der Vernunft hören.
      Beunruhigt drehte Viola den Kopf wieder in Richtung des Elfenprinzen an ihrer Seite und drückte zart seine Hand, die ihre noch umklammerte. Sie spürte nichts, aber der alarmierte Blick des Elfen reichte als Bestätigung völlig aus. Was dann passierte, hätte sich niemand in den kühnsten Träumen ausmalen können.
      Viola riss ungläubig die Augen auf, als ein wackeliger Planwagen mit beunruhigender Geschwindigkeit die von Schnee matschige Straße herunter polterte. Flüchtende Menschen sprangen vor der zweiköpfigen Bestie eines Zugtieres zur Seite davon, um weder unter Hufen noch unter die Wagenräder zu kommen. Ein Gemisch aus Flüchen und erschrockenen Aufschreien erklangen auf dem Markplatz, ehe der Wagen samt Zugtier mit voller Wucht in eines der baufälligen Häuser krachte. Ein leerstehendes Lagerhaus zum Glück aller Beteiligten. Wie aus der Komödie eines Barden gegriffen, kullerte ein einsames Wagenrad über den Platz.
      Die Heilerin schlug eine Hand vor den Mund und war sich nicht sicher ob sie in die bunten Flüche einstimmen oder lachen sollte. Die Hoffnung bestätigte sich als Eyrik und Farynn der Trümmern entstiegen. Bei den Göttern, war sie froh die beiden lebendig und an einem Stück zu sehen. Und die Halblinge hatten das Desaster in Telerin ebenfalls heil überstanden. Die Erleichterung war Viola anzusehen, als sie die Hand von ihrem Gesicht senkte, erstrahlte ein für die bedrohliche Lage ungewöhnlich herzliches Lächeln auf ihren Lippen.
      Zu ihrer größten Verwunderung waren Barde und Kriegerin nicht allein gekommen. Zum Schrecken aller Umstehenden stellte sich der bisher unbekannte Begleiter als riesiger Oger heraus, unter dessen Schritten der gesamte Boden erzitterte. Reflexartig wich Viola einen Schritt zurück, als sich der ungestüme Riese sich mit schnellen, gewaltigen Schritten näherte. Schlitternd und wenig elegant bremste er rechtzeitig ab und begrüßte alle mit donnernder Stimme, die selbst Volgast mit Leichtigkeit übertönte.
      Die Heilerin wagte sich einen Schritt vor und blickte in das unförmige Gesicht und die winzigen Knopfaugen.
      "Ich grüße dich, Hogav. Mein Name ist Viola", antworte sie mit sanfter Stimme, die gegenüber der Lautstärke des Oger eher wie das klägliche Fiepsen einer Maus wirkte. Den ersten Schock verdaut glitt ihr Blick zu Eyrik und Farynn. Das Lächeln auf ihren Lippen erwuchs zu einem Grinsen, als sich ihre Füße vom Boden löste und sie den beiden Neuankömmlingen förmlich entgegen flog.
      Ob sie es wollten oder nicht, die zierliche Heilerin zog erst Farynn und dann Eyrik in eine freundschaftliche Umarmung. Obwohl sie beide lediglich flüchtig kannte, fühlte sich Viola den beiden verbunden.
      "Es tut gut euch beide zu sehen!", murmelte sie.
      "Einen Augenblick...Sagtest du Armee? Ihr habt eine Armee mit gebracht?", die junge Frau blickte Eyrik an und trat einen Schritt von ihm zurück. Sie fasste kurz nach seine Arm. "Habt ihr auf Eurem Weg hier her noch andere gesehen? Reiter mit schwer gepanzerten Pferden unter einem blauen Banner mit dem Kopf eines Wolfes darauf?"
      Vom anderen Ende des Platzes her erklang die aufgebrachte Stimme der Schankwirtin über den Marktplatz, die allen wohl ebenso viel Angst einjagte wie ein tollpatschiger Oger.
      "WAS ZUM HENKER IST HIER LOS?!", wetterte Tilda und marschierte mit gerafften Röcken auf die Gruppe zu. "DER FEIND IST NOCH NICHT GANZ VOR MEINER HAUSTÜR UND IHR FANGT SCHON AN DIE STADT ZU ZERLEGEN!"
      Schnaufend wechselte ihr Blick zwischen Elfen, Menschen und Oger wobei ihre Augenbrauen gefährlich zuckten.
      "Weitere Freunde von Euch, Andvari?", fragte sie und wischte sich eine ergraute Strähnen aus der Stirn.
      "Ja, sind es.", mischte Viola sich ein und die aufgehellt Miene der Rothaarigen schien Tilda etwas milde über das Chaos zu stimmen. "Tilda, kannst du die Leute zur Ruhe bringen. Sie sollen alle sofort in den Tunnel gehen, ruhig und ohne übereinander her zu trampeln."
      Der Ernst der Lage war der älteren Frau durchaus bewusst. Sie seufzte schwer und nickte.
      Dann holte sie tief Luft.
      "OHREN AUFSPERREN IHR KOPFLOSEN HÜHNER! ALLE ZUR KAPPELLE, JETZT! UND DAS GEORDNET UND OHNE GEZETER! DAFÜR HABEN WIR KEINE ZEIT. MARSCH, MARSCH!"
      “We all change, when you think about it.
      We’re all different people all through our lives.
      And that’s OK, that’s good, you gotta keep moving,
      so long as you remember all the people that you used to be.”
    • Es war schon eine Art Hohn, diese Gestalten als die legendären Sieben Schwerter zu bezeichnen. Zumal nicht mal alle eins trugen. Hogav trug mehr eine Art Baumstamm auf dem Rücken. Es passte eher, dass diese Wesenheiten die sechs schlimmsten Schwerverbrecher der Geschichte waren und sich unter einem Banner von Spinnern und Narretei zusammen getan hatten. Diese sechs GEstalten standen nunmehr vor dem Elfen und grinsten der Reihe nach in die Gesichter der verschreckten Menschen, die sich um sie versammelten.
      Farryn und Eyrik erwiderten die herzliche Umarmung und gerade Farryn sah sie bewundernd an und grinste.
      "Siehst gut aus, Viola", murmelte sie und wies auf die Rüstung. "Und die Rüstung steht dir auch. Kommt mir vor als wärest du irgendwie stärker geworden...Aber am Rande:"
      Sie beugte sich verschwörerisch herab. "Wo gibts hier Bier? Oder Met?"
      Eyrik seufzte und klopfte ihr auf die Schulter, um zu der Taverne zu zeigen, die sich noch immer direkt vor ihr befand.
      "Oh! WIe wunderbar! Ein Hoch dem Schankwirt!", rief sie und wollte sich bereits auf den Weg machen, als Andvari sie am Kragen packte.
      "Nein, die Armee haben wir nicht mitbringen können, aber sie ist auf dem Weg. Von deiner anderen Armee haben wir leider nichts gesehen. Wir kamen von Norden herab", murmelte Eyrik und sah nebenbei zu seinen Halblingen, die sich asu den Trümmern schälten und ihre Instrumente retteten.
      "Gottverfluchter Scheißdreck, Artus!", rief Herr Bert. "Das Ganze ist ein Desaster! Raimung, befrei Frida aus den Trümmern sonst singt sie sich noch selbst in den Schlaf! Gunter, die VOrräte! Ohne ein drittes Frühstück werde ich unleidlich! UND WO IST MEINE PFEIFE, VERMALEDEITE AFFENSCHEISSE!"
      Hogav indes ging in die Hocke und sah Viola an.
      "DU NEU. ICH HOGAV!", grinste er zahnlos und nickte. "FFIIE-OOLAH. KLINGT WIE EINTOPF! ICH MÖGEN EINTOPF!"
      "Hogav!", mahnte Andvari und schüttelte den Kopf. "Es ist schön, dass ihr alle hier seid, aber ich fürchte es ist keine Zeit für Nettigkeiten oder Austausch! Wir haben eine Stadt zu evakuieren und ich brauche jeden Hammer und jedes Schwert, um die Menschen zur raiso-"
      Noch ehe er wusste, warum er sich erschrak, zuckte der Elf zusammen und griff nach seinem Schwert. Selbst die übrigen Generäle zuckten zusammen und aus dem Trümmerhaufen des Karrens hörte man sechs Mal die Hacken knallen und sah salutierende Halblinge, die halbgar zwischen den Resten ihres Lebens standen.
      Tilda hatte sie zumindest zur Raison gerufen, das war etwas...
      "DU AUCH OGER?"; fragte Hogav und blickte mit leuchtenden Augen herab. "DU LAUT WIE OGER! ICH MÖGEN LAUT!"

      Spoiler anzeigen
      hogav.jpgHogav Trommelfeuer

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    • Die Angst unter den flüchtenden Stadtbewohner, die samt spärlichem Hab und Gut über den Marktplatz stolperten, war allgegenwärtig. Ein ganzes Leben in einem winzigen Beutel zu verstauen, erschien unmöglich. In die grimmigen und angsterfüllten Gesichter mischte sich beim Anblick der meckernden Halblinge etwas Neues: die Neugier. Die meisten Anwesenden hatten in ihrem ganzen Leben noch nie einen Halbling zu Gesicht bekommen. Das Gezeter sorgte für ein wenig dringend benötigte Ablenkung, ehe Tildas Stimme über den Platz hallte und die kopflose Ansammlung von Menschen und Völkern aller Art zur Ruhe aufforderte.
      Ein empörtes Schnauben erklang wenig damenhaft von der Wirtin, die den Oger in Augenschein nahm. Ein paar Männer und Frauen um Tilda hielten angespannt den Atem an und warteten auf die möglicherweise wenig freundliche Antwort.
      Stattdessen schüttelte die Schankdame den Kopf und wenige Augenblicke später, als ein kehliges Lachen erklang und über den Platz hinweg fegte, schien der angespannte Knoten geplatzt zu sein. Füße setzte sich mit eiligen Schritten und geordneter als zuvor in Bewegung. Familien rauften sich zusammen und eilten in Richtung des hübschen Gebäudes mit dem höchsten Turm am Marktplatz und den von moosbedeckten Zinnen. Wilder Efeu rankte die Fassade hinauf und durch eines der zerbrochenen Buntglasfenster ins Innere. Die Kapelle war wie alle Gebäude in Beleriand zerfallen und fasste mehr rissige Wände als Unversehrte. Die Fassade musste einst von strahlendem Weiß gewesen sein und die kunstvollen Fenster hatten im Sonnenlicht gefunkelt.
      Viola nickte verstehend zu Eyrik, während sie noch grinsend über Hogav schmunzelte. Die Hoffnung blieb, dass der Kronprinz sein Wort hielt und ebenfalls rechtzeitig zurückkehrte. Vorzugsweise mit der ersten Garde unter dem blauen Wolfsbanner.
      Der Blick der Heilerin wanderte über alle anwesenden Schwerter, die wohl zum ersten Mal seit langer Zeit alle an einem Ort versammelt waren. Viola vermisste unter ihnen den Anblick von Sylvar, wie er sich wissend und mit einem Grinsen auf seinen Stab stützte.
      Tilda gesellte sich zu Ihnen und blickte in die Runde, wobei ihr Blick schlussendlich bei Andvari und Viola hängen blieb.
      Mit gezielten Schritten näherte sich die ältere Frau dem Elf, der Chaos und Verwüstung in ihre Stadt gebracht hatte. Die Hände in die ausladenden Hüften gestemmt, sah sie Andvari eindringlich und beinahe grimmig an. Aus der verdrießlichen Miene wurde ein freundliches Lächeln. Mit einem Seufzen streckte sie dem Elf die Hand entgegen.
      "Fürs Erste heißt es wohl Abschied nehmen.", grummelte die Wirtin. "Ich habe Eurem Bruder gesagt, dass ich mich nur an den Haaren aus meiner Heimat schleifen lasse. Dabei habe ich vergessen, dass es Menschen gibt, die sich auf mich verlassen. Wir finden ein neues Zuhause."
      In ihrer Stimme schwang nichts als Ehrlichkeit mit.
      Neben Andvari befreite Viola das legendäre Elfenschwert Dandelost aus dem Gurt um ihre Hüfte und der Klang gläserner Schwingungen erfüllte die Luft. Sie blicke sich um, doch der Strom an Flüchtenden war versieht. Sie erkannte Mael und seiner kleine Schwester Elise am Eingang der Kapelle. Marlena war bei Ihnen. Albert, der gute Albert, hob die Hand zum Abschied und begleitete jene, die blieben, zum gesicherten Haupttor. Die Heilerin wusste, dass sie den raubeinigen Gildenmeister zum letzten Mal gesehen hatte. Und Tilda wusste es auch, ihrem traurigen Blick nach zu urteilen. Niemand rechnete damit, dass einer der Männer zurückkehrte, die sich am Kampf beteiligten.
      "Ihr mögt den Feind an unsere Haustür gebracht haben, aber anstatt zu verschwinden und uns unserem Schicksal zu überlassen, bleibt Ihr. Ich wünsche Euch viel Glück und ich verspreche Euch, dass wir gut auf Eure Viola achtgeben werden, Prinz Andvari."
      Augenblicke wie diese verlangten nach offiziellen Titeln und einem gewissen Maß an Förmlichkeit.
      “We all change, when you think about it.
      We’re all different people all through our lives.
      And that’s OK, that’s good, you gotta keep moving,
      so long as you remember all the people that you used to be.”
    • Die Geschäftigkeit kehrte zurück nach einem bellenden Gelächter, dem sich einige der Generäle anschlossen. Doch als aus dem Gelächter allmählich wieder das gezielte Umherstreifen der Menschen wurden, fühlten sich alle Generäle unwohl. Die Halblinge waren noch immer damit beschäftigt, ihre Habe aus den Trümmern zu ziehen, während sie Befehle bellten, dass man sich bewaffnen möge. Zumindest einen kleinen Schutz mochten die kleinen Wadenbeißer bieten.
      Andvari indes fand sich nach einer kurzen Ansage an seine Kumpane kurzzeitig in den Fängen von Tilda wieder. So unangenehm ihre Unterhaltung zumeist waren, so herzlich war diese. Grinsend kratzte er sich den weißen Schopf und nickte.
      "Danke", sagte er. "Glück können wir wahrlich brauchen. Und davon reichlich. Ich achte Euren Mut, Tilda und bete, dass Ihr es alle schafft. Achtet auf Euch und auf alle Menschen dieser Stadt. Und auch auf sie."
      Er wies mit dem Daumen schelmisch zu Viola und nickte, als er sich zu den anderen um sah.
      "Die Posten wurden bereits bezogen. Hogav, für dich ist das Haupttor vorgese-"
      "WO HAUPTTOR?", donnerte der Oger und kratzte sich geräuschvoll am Kopf.
      "Das große Tor!"
      "AH! JA HOGAV GROßES TOR! WEIL HOGAV GROß. UND HOGAV STARK!"
      "Wir wissen es", murrt Farryn, die sich noch gerade von Viola verabschiedete. Erneut, wie man bemerken musste und grinste, während sie ihren Hammer schulterte.
      "Farryn, Westseite, Palisade. Eyrik, Ostseite, Palisade. Achtet darauf, dass niemand durchbricht!", sagte Andvari und fing sich von allen Drei ein Nicken ein, während er lächelnd zu ihnen sah, wie sie sich aufmachten.
      "Und wir?", fragte einer der Halblinge, die sich mit Schwertern und Schilden gegürtet hatten. Sie sahen beinahe lächerlich aus in ihren Plattenrüstungen aber Andvari wusste aus Erfahrung, dass sie nicht zu unterschätzen waren, wenn sie sich einmal an einem Gegner verbissen.
      "Ihr schützt die MEnschen hier vor der Kirche. Alles, was durchbricht, sei Eures!"
      "Aye!", donnerte Herr Bert, der einen schiefen Topf als Helm auf dem Kopf trug. "Wir schützen die Menschen und frönen dem Schmause auf den Leichen unserer Feinde!"
      "Joho, und ne Buddel voll Rum!", tönte ein Anderer der Halblinge im Vorbeigehen.
      "Raimund, falscher Vers! Wir sind nicht auf einem Schiff!"
      "Und ich hab ein Glas voll Dreck..."
      "RAIMUND, IN DREITEUFELSNAMEN UND DEINER MUTTER SPECK! BLEIBST DU WOHL HIER UND HÖRST DIR MEINE SCHIMPFE AN?"
      Seufzend sah Andvari zuletzt zu Lysandra und nickte ihr nur zu.
      Für ihre Magie wurde es ZEit und es erschien notwendig. Die Zauberin nickte nur und sah zu den Menschen. Sicherlich würden sie gleich zu schreien beginnen, aber es ließ sich nicht ändern. Lysandra erhob den Stab, den sie am Herzen getragen hatte und beinahe in der gleichen Sekunden erstrahlten ihre AUgen in einem hellen Türkis in der hereinbrechenden Nacht. Von unsichtbaren Winden getragen erhob sich die Zauberin, als der Boden leicht zu vibrieren begann und die Wolken um sie herum eine Art Zentrumskreis bildeten, der das Wetter beeinflusste und anhielt.
      Nur leise noch drang die Zauberformel an die Ohren der Zusehenden, während sich der Wind um sie intensivierte und ein heiseres, gar meckerndes Lachen von oben erklang.
      "ERFÜLLT EUREN SCHWUR! ICH RUFE EUCH IN DEN KRIEG!", schrie die Zauberin und eine Art Puls verließ sie in gleichem Moment.
      Ein Puls, der für alle Anwesenden durchaus spürbar erschien und durch jedes Lebendige fuhr, das sich noch auf den Straßen befand. Und die ersten Menschen begannen zu schreien, als sich mit einem Mal das sanfte Rumpeln im Boden zu einem ausgewachsenen KNarzen erhob.
      Aus dem nahen Walde erhoben sich die Bäume, die mit Schnee bedeckten Tannen und Fichten, und rissen wie störrische Kinder ihre Wurzeln fußartig aus dem Boden heraus. Auf ihren Rinden waren Augen erschienen und borkengleiche Münder. Die schweren Äste waren zu Armen und Schultern mit egwaltigen Pranken geworden und einem grausigen Tenore gleich wandelten sie wackelig und beinahe schleudernd durch die Straßen Beleriands, das sie durch das Westtor betraten. Ein ganzer Wald als Legion marschierte an den Menschen, die noch verblieben waren vorbei und raschelte wie ein Banner im Wind.
      "In den Krieg. In den Krieg. In den Krieg", tönte es in einem grausig tiefen Ton. Beinahe klang es so, als rieben Holzbretter aneinander und erzeugten ein grausiges Schwingen. Als Waffen ergriffen sie sich Palisaden, die herum lagen oder Steine, die sie fanden.
      Aus dem Süden rumpelte es ebenso, als sich Wurzeln zu verselbstständigen schienen. Wie Adern brachen sie aus dem weichen Boden hervor und knüllten sich wie Papier zusammen, ehe sie Beine ausbildeten und kleine Arme.
      Nicht lange und Myriaden kleiner Wurzelmänner waren erschienen und marschierten im Gleichschritt auf das Haupttor zu. Immer wieder intonierend, wohin sie gingen.
      "Zum Tor. Zum Krieg. Zum Tor. Zum Krieg."
      In ihren knorrigen Händen trugen sie angespitzte Äste, die sich sicherlich nicht durch eine Rüstung bohren konnten, aber zumindest richteten sie Schaden an, wenn sie die Verbindungsstücke trafen.
      Das gewaltigste jedoch erhob sich im Osten. Dort wo die Berge ein Ufer trafen und der Wind pfiff, wenn es dunkelte, bröckelte die Steinwand eines Berges bedrohlich ab. IM Berge selbst thronte eine Quelle, berichteten die Alten der Menschen und so mancher hatte sie für selbstverständlich empfunden. Als jetzt aber wirbelnde Windhosen in beinahe menschlicher GEstalt aus dem Innersten des Berges brachen und sturmflutgleich die Ostmauer bezogen, wirkte es surreal wie präzise sich die Wesenheiten bewegten.
      Ihre Stimme war ein Plätschern frischen Regens, das Rauschen des Wassers und das Tropfen der höhle zugleich und selbst Andvari durchfuhr eine Gänsehaut als er die Hexe aus dem Sumpf betrachtete. Eine Macht jenseits des Vorstellbaren, dachte er und seufzte erneut, als er zu Viola sah.
      "Es wird ZEit"; murmelte er und lächelte. "Ich sage nicht Leb wohl. Wir sehen uns wieder! Ich finde dich!"

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    • Mit einem letzten, zuversichtlichen Nicken beugte Tilda respektvoll das Haupt.
      Der Elf mochte nagende Zweifel an dem erfolgreichen Ausgang dieser Schlacht hegen, aber die Wirtin besaß genug Vertrauen, dass sich diese bunt durcheinander gewürfelte eines schönes Tages wieder an einem Ort versammeln würde. Für den Fall, dass das Schicksal ihnen gewogen war, besaß sie eine neue, gemütliche Taverne, in der sie alle ihr Wiedersehen feiern konnten. Und bei den Göttern, das würde ein festliches Gelage werden, das Seinesgleichen suchte. Der Met und das Bier sollte in Strömen fließen während sie die abenteuerlichen Geschichten um ein geselliges Feuer erzählten. Mit lautstarker Stimme scheuchte Tilda die Bürger Beleriands, die heimatlosen Kinder des Niemandslandes, die sie alle nun waren, über den Marktplatz. Der Ort barg wunderschöne Erinnerungen an rauschende Feste, ein reges Markttreiben und vergangene Leben in sich. Es schmerzte die ältere Frau das liebgewonnene Zuhause den feindlichen Horden zu überlassen. Dennoch war Heimat kein Ort, sondern die Menschen, die jeden Ort zu einem Zuhause machen konnten. Eine ungewisse Zeit harter Arbeit und Hoffnung wartete auf sie alle.
      Ein panisches Aufschreien erfüllte die Straßen und Gassen der einst blühenden Handelsstadt, als die Elfenmagierin Lysandra ihre Macht wirkte. Viola beobachtete das Spektakel mit angespannter Ruhe und hoffte, dass Tilda die flüchtenden Bürger im Zaum halten konnte. Der Anblick war durchaus beängstigend, aber die Heilerin verstand, warum Sylvar die Hochelfe als Schülerin auserwählt hatte. Ein heftiges Beben brachte auch Viola ein wenig aus dem Gleichgewicht, während andere Beutel und Habe fallen ließen und zu Boden stürzten. Der Wind trug ein unheimliches Murmeln heran. Ein Chor an unmenschlichen Stimmen, der allen Anwesenden durch Mark und Bein fuhr. Lysandra machte ihrem Ruf alle Ehre. Panische Männer und Frauen eilten als Nachzügler in Richtung Kapelle und berichteten von einer wandernden Armee von Bäumen und Sumpfmonstern, von Wesen jenseits aller Vorstellungskräfte. Verschwommenen Schemen gleich rauschten sie an der jungen Frau vorbei, deren vollständige Aufmerksamkeit auf Andvari und den Gefährten lag.
      Wehmütig blickte Viola den neu gewonnen Freunden nach, wie sie verbissen und mit der kommenden Schlacht vor Augen den Markplatz verließen um ihre Positionen am Haupttor bezogen. Die Heilerin sandte ein stummes Gebert an alle bekannten Götter, elfischer oder menschlicher Natur, dass die List funktionierte und sich die nahende Feind auf das präsentierte Tor konzentrierte. Sie musste daran glauben, dass sie alle mehr Glück als Verstand besaßen und ihnen ein Wiedersehen vergönnt war.
      Sie wusste, dass auf einem der löchrigen Dächer Meliorn bereit stand und wachsam zum Tor sah, begleitet von den Bogenschützen seiner alten Truppe und den Jägersmännern. Bereit jedem Gegner einen Pfeil zwischen die Augen zu verpassen, der das Tor überwand.
      Sie dachte an Lhoris. An Albert. An Nuala, die sich irgendwo mitten unter Lysanthirs Männern befand.
      Die liebgewonnene, raue Stimme riss die Heilerin aus den bekümmerten Gedanken und weckte eine tiefe Betrübnis über den unvermeidbaren Abschied. Es bekümmerte Viola, dass sie zurückblieb. Ihr war bewusst, dass sie den Anstoß zu diesem Vorhaben gegeben hatte, dass sie die letzte, schützende Bastion bildete, die sich dem Feind entgegen warf. Sie zuckte zusammen, als Menschen in Panik um sie herum stolperten und hektisch nach ihren Familien riefen.
      In Windeseile hatte sie einen Schritt nach vorn gemacht und den Elf sanft aber bestimmt am Kragen gefasst. Den Höhenunterschied überbrückend zog Viola den Liebsten zu sich herab und stellte sich geschwind auf die Zehenspitzen. Umgeben von heillosem Chaos, der drückenden Schwere von Magie in der Luft und der drohenden, symbolischen Klinge die über ihren Köpfen schwebte, erlaubte sich die Rothaarige einen letzten, schmerzlichen und zugleich sehnsüchtigen Kuss. Die Berührung der Lippen war fern von jeglicher Sanftheit und spiegelte alle Leidenschaft wieder, die Viola sich ins Gedächtnis rief. Es schmeckte nach Abschied, aber auch nach einem Versprechen. Süß und bitter zu gleichen Teilen.
      "Ich weiß.", antworte Viola ohne Zweifel atemlos mit einem zarten Flüstern und wagte keinen Blick in das vertraute Gesicht.
      Sie wusste nicht, ob sie dann noch hätte gehen können. Ein letztes Mal drückte sie mit gesenktem Blick ihre Stirn gegen Andvaris, ehe sie herum wirbelte und den elfischen Prinzen aus ihrem klammernden Griff entließ. Viola drehte sich nicht um, ehe sie an der vorgesehen Position angekommen war. Im Zentrum des Platzes nah beim Brunnen konnte sie mühelos den gesamten Markplatz mit ihrem Schild umspannen.
      "Alles zurück zur Kapelle. Hinter die Halblinge!", hallte die Stimme der jungen Frau ungewohnt kraftvoll über den Platz.
      Dort stand sie. Eine menschliche Frau, eine Sterbliche, umgeben von bis an die Zähne bewaffneten Halblingen als letztes Schild zwischen den Feinden und wehrlosen Bürgern. Viola fuhr herum und als sie die Augen weit aufriss, glühten diese von zarten und goldenen Tupfen. Dandelost in ihrer Hand glühte im gleißenden Licht und ein durch den aufsteigenden Lärm vor den Toren erhob sich ein leises Summen. Ein Gewirr aus Stimmen, weiblich wie männlich. Mit jedem Anstieg der summenden Klänge breitete sich glühende Linien über ihre Körper aus und schimmerten unter dem Sternenstahl gedämpft hindurch. Ein Anblick, der selbst Tilda für eine Sekunde inne halten ließ.
      Als alle, die der Schlacht beiwohnen würden, außer Reichweite waren, fegte ein Energiepuls über den Platz. Steinchen und Schnee wirbelten auf und stoppten schlagartig an einer unsichtbaren Mauern zu allen Seiten des Marktplatzes. Für einen Augenblick schienen die wirbelnden Teilchen zu schweben, ehe sich mit dem klirrenden Geräusch von splitterndem Kristallglas eine leuchtende Mauer aus dem Erdboden erhob. Glühende erhob sich der Schild in den Himmel und bildete ein gleißenden Leuchtfeuer. Die Kuppel umfasste wie geplant den gesamten Stadtkern. Viola ließ die Magie ihren Körper durchströmen, akzeptierte die einst angsteinflößende Hitze unter ihrer Haut wie einen alten Freund. Sie würde nicht ewig standhalten, aber lange genug.
      "Schaff die Leute hier weg, Tilda. Bitte.", raunte die Heilerin mit Nachdruck und nickte jeweils nach Recht und dann nach Links den Halblingen zu.
      Viola hielte die Elfenklinge am ausgestreckten Schwerarm von sich und sah mit einem wehmutsvollen Blick in Richtung Andvari.
      Bevor sie Dandelost zielsicher in den gefrorenen Boden rammte und den Schild fest versiegelte, formten ihren Lippen stumme Worte.
      Ich liebe dich.
      “We all change, when you think about it.
      We’re all different people all through our lives.
      And that’s OK, that’s good, you gotta keep moving,
      so long as you remember all the people that you used to be.”
    • Haupttor

      Es heißt, der Nebel der Schlacht kündigt das vorausgehende Verderben an.
      So auch heute, als Volgast neben der Stadtwache an das Tor trat und in die beunruhigten Gesichter der Meschen blickte. Sicherlich hätte er sich wohl eine andere Zusammensetzung der Streitmacht gewünscht, aber was woltle man machen? Das Schicksal war zumeist ein Feind des Guten.
      Tief holte der Mönch Luft, als er am Himmel endlich die Banner der Königsgarde sehen konnte. Der Silberne Baum von Tirion leuchtete in der Schlacht und bei jedem anderen Grunde wäre es vermutlich ein freudiger Anlass gewesen, die hohen Herren zu sehen, doch heute war es das Verderben schlechthin.
      Mehrere Tausend Elitesoldaten seiner Hoheit unter dem Baume waren sicherlich ein Grund sich zu fürchten, nicht wahr?
      In einer nicht unerheblichen Entfernung bezogen sie Stellung und warteten auf etwas. Erst nach einer geraumen Zeit des Wartens und Windgepfeife erschienen auf einer kleinen Anhöhe dahinter zwei schwarze Reiter. Gehüllt in garstige Reiseumhänge und unter dem Schnauben ihrer Rösser wirkten sie beinahe fehl am Platze inmitten dieser schimmernden Rüstungen. Der erste von ihnen nahm die Kapuze vom Kopf und darunter flaumte grellgoldenes Haar auf, das in sanften, langen Wellen herabfiel. Der eiskalte Blick des Elfen fixierte die Bruchbude von Stadt und ein Grinsen flammte auf dem hageren Gesicht auf. Ein Grinsen, das er später noch bereuen sollte.
      Mit einem kurzen Kommando setzte sich die Meute der Soldaten langsam in Bewegung. Erst im Schnellen Gang, anschließend im Trab, bis sie unter Schreien und Kreischen heranstürmten. So gar nichts mehr von einer Elitetruppe besitzend.
      "Hach, was ist das schön, nicht wahr? Fürchtet euch nicht, werte Mitstreiter!", tönte Volgast und grinste. "Denn ich bin ja da! ABER IHR DORT!"
      Er wies mit dem Zeigefinger zu den herannahenden Soldaten, die seiner Gestalt jetzt erst gewahr wurden. Auf ein paar Gesichtern entflammte Erkenntnis während andere wiederum nur in Erstaunen verfielen, dass ein einzelner Mann sich ihnen entgegen stellte.
      "Ihr dort draußen vor dem Tore!", rief er mit tönendem Organ, während um seinen Leib herum eine Aura von schwarzen Flammen zu entstehen begann. Zumindest erweckte sie den Anschein, als der Mönch nach seinen Ketten um den Hals und die Handgelenke griff. Mit einem leichten Klicken lösten sich diese von den Gliedmaßen und fielen schwer zu Boden. Mit einem groben Krachen rissen sie den schlammigen Boden auf und sanken gut um die Hälfte in den Matsch ein, während zumindest Andvari nicht schlecht staunte, als er dies von der Ferne aus sah. Volgast hatte wohl wieder die schweren Ketten aufgefahren.
      "Ihr dort vor dem Tore...", murmelte er nur noch für die Nächsten hörbar. "Fürchtet Euch...Fürchtet Euch sehr!"
      Mit einem grimmigen und doch bedachten Blick griff er nach den ersten Palisadenstäben, die sie zurecht geschnitten hatten. Die Aura um seine Arme schien sich zu verstärken und der Wind begann um ihn herum zu pfeifen wie eine Schlange die nach Essbarem suchte. Beinahe mühelos hob der Riese die Palisaden an und richtete sie Wurfspeerartig aus. Die Linke hielt den Stamm auf der Hand, während Windböen ihn stabilisierten und die Rechte formte eine Faust.
      "So nehmt denn...", murmelte er und schlug mit einem gewaltigen Ächzen zu.
      Unter Knarren und Knarzen schlug die Faust in den Boden der Palisade ein und beförderte diese wie einen Pfeil von sich. Mit einem gewaltigen Sirren rauschte sie durch die einfallende Nacht und traf auf die überraschten Soldaten. Unter Scheppern und Stöhnen nahm sie den ein oder anderen mit sich, aber Volgast sah bereits jetzt, dass er sie nicht aufhalten konnte.
      "Macht euch bereit!"; rief er hinter sich und nahm die nächste Palisade während die ersten die Anhöhe zur Stadt erklommen.
      Krachend schlugen Schilde an einander, während Volgast die erste Reihe mit einer Palisade beiseite wischte. Mit der freien Hand und die Drehung des Schwungs ausnutzend, entfachte er eine Sturmböe um seine Faust und riss die Schwerter hinauf.
      Dies nutzte wiederum Symon aus.
      Mit einem Knall fielen die ersten drei Soldaten vor Volgast um. Gerade rechtzeitig, wie man befand. Ein weiterer Knall und erneut fielen zwei Soldaten aus den Reihen, die jetzt bedrohlich nahe an den Mönch kamen.
      "Nun kommt doch, ihr feigen Hunde!", rief dieser und grinste breit.
      Nur um danach im Tumult unterzugehen. Ein Gewusel aus Schild und Schwert entbrach und mit Getöse drängten die Soldaten nach vorne um das Haupttor zu nehmen.
      Von oben schoss Lysandra einen Schwall von Blitzen herab, die die Rüstungen durchfuhren und zwei ganze Reihen in das Land jenseits des Flusses entsandten. Sie flog auf einer Art Papierdrachen, wenn man es so betrachtete. Vielleicht war es aber auch Tinte.
      Mit sattem Geheul befreite sich Volgast aus einem Pulk von Soldaten, die er mit einer Palisade unter dem Arm zurückdrängte. Es wurden zu viele. Einfach zu Viele.
      "HOGAAAV!", rief Volgast und schlug erneut um sich. Mittlerweile rückten sie mit Speeren an.
      Im Westen konnte man ebenso bereits die ersten Schlachtgeräusche vernehmen. Andvari tat gut daran, die anderen zu den entfernteren Toren zu schicken. Eine Explosion zeigte ihm, dass sie die Garde ausgetauscht hatten.
      "Konzentration!", rief Andvari, der inzwischen auf eines der Dächer geklettert war. "Hogav zum Haupttor! Lysandra, schau im Westen nach was dort ist. Schick die Bäume dorthin. DIe Knollenmänner sollen hier bleiben! Schützen ans Tor!"
      Hogav nickte und begann nach einigen Sekunden loszustürmen.
      "HIER IST HOGAAAAV!", donnerte er als er durch das Haupttor hetzte.
      Unter donnerndem Aufschlag seiner gewaltigen Füße riss er den Boden auf auf dem er lief und rannte, Kopf voraus, in die Soldaten hinein, die mit schreiendem Getöse auseinander stoben. Pfeile in mannigfaltiger Gestalt richteten sich auf den Oger, der sich brüllend erhob und seine Keule schwang. MIt einem Zug schossen sie ab und prallten jedoch an der dicken Haut des GEnerals ab. Nur um gleich von einem gewaltigen Keulenstreich niedergemäht zu werden. Leiber flogen durch die Luft und kamen scheppernd auf dem Boden auf. Auch wenn sie sicherlich lebten, da der Boden einfach zu aufgeweicht war, erhoben sich manche nur unter dem Ächzen ihres ganzen Körpers.
      Und dies waren erst die ersten fünf Minuten.
      Nach sieben Minuten durchbrach die erste Legion das Westtor. Farryns Einheit schien es nicht geschafft zu haben.

      The more that I reach out for heaven
      The more you drag me to hell
    • Eine beängstigende Stille begleitete die trägen Minuten bis zum Beginn der unvermeidlichen Schlacht.
      Die ersten Kriegsschreie ertönten im Wind und unter den flüchtenden Menschen entlud sich die vorherige Anspannung in blanke Panik. Viola hatte keine Zeit über die Schulter das Chaos zu erblicken, hörte aber Tilda mit lauter und unmissverständlicher Bestimmtheit die Flüchtenden zur Ruhe mahnen. Mit wenig Erfolg, denn das Stimmengewirr erhob sich in seiner Lautstärke und mischte sich mit dem Schluchzen und dem Weinen der Kinder in ihrer Mitte. Es ging alles zu langsam, denn die mühevoll errungene Ruhe war mit einem Schlag dahin.
      In dem Durcheinander bemerkte niemand die unnatürlichen Zuckungen im gewaltigen Schatten des Kirchturms.
      Ein ohrenbetäubendes Getöse erhob sich aus der Richtung des Stadttores im Westen. Ein Flüstern im Wind trug die atemlose Stimme des Elfen Meliorn mit sich und erreichte Viola mit der niederschmetternden Nachricht, dass Farryn und ihre Einheit dem Feind nicht standhalten konnten. Der Bogenschütze flog förmlich über die Dächer der Stadt und versuchte Lücken in den Reihen der Angreifer zu finden, aber wie erwartet war ein Aufmarsch von Elitesoldaten eindeutig besser organisiert als ein chaotischer Haufen aus Bauern und magischen Kreaturen. Es erschien unmöglich, dass selbst die berüchtigten Sieben Schwerter unter dem Lichtrufer auch nur die geringste Chance hatten.
      Unter den schweren Stiefeln bewaffneter, elfischer Krieger erbebte das brüchige Kopfsteinpflaster unter ihren Füßen.
      Viola warf den Kopf herum in Richtung Westen und hielt unwillkürlich den Atem an. Durch den gewaltigen Energieschild lief ein wellenartiger Impuls, als sich ein Großteil der schützenden Magie im Westen der Kuppel sammelte um auf die Einheiten vorbereitet zu sein. Niemand durfte hindurch kommen.
      Für einen Sekundenbruchteil erkannte die Heilerin lediglich eine leere Straße, dann zeichneten sich die ersten Silhouetten ab.
      Der Anblick war furchteinflößend und Viola begann an ihrem Vorhaben zu zweifeln. Die Schattenkreaturen verbrannten sich an der glühenden Magie des Lichtes, aber für die Soldaten war es nur eine Mauer in anderer Form, die es zu überwinden galt.
      Das Tempo der herannahenden Kompanie verlangsamte sich, als teils erstaunte und teils schockierte Gesichter einem schier unzerstörbaren magischen Energiefeld gegenüberstanden. Die Elfen kamen zum Stillstand.
      Aus den Reihen löste sich ein Krieger in schimmernder, nobler Rüstung. Viola wusste, ohne eine Ahnung der Ränge zu besitzen, dass der Krieger mit dem bleichen Haar, dass zu einem strengen Zopf gefasst war und dem wehenden Umhang über seiner Schulter, der Heerführer dieser Männer sein musste.
      Ein abfälliges Grinsen umspielte seine Lippen, als er die menschliche Frau in der kunstvollen aber elfischen Rüstung erblickte.
      Die Stimme war glatt und kühl, die Abneigung darin kaum zu ignorieren.
      "Das ist die Frau.", erhob er das Wort. "Magier nach vorn. Zerstört den Schild. Verteilt euch an allen Seiten. Sie ist nur ein Mensch und wird die Magie nicht ewig aufrecht erhalten können. Denkt daran: Gefangen nehmen, nicht töten. Es sei denn Ihr möchtet eine persönliche Audienz mit Prinz Faolan."
      Ein Schaudern ging durch die Reihen.
      "Und der Rest?" Viola konnte nicht ausmachen, aus welcher Richtung die Stimme kam, als eine überwältigende Anzahl an Kriegern in schimmernden Rüstungen Stellung um den Marktplatz bezog. Bevor mit lautem Getöse die ersten von Magiern geformten Blitze gegen den Schild geschleudert wurden, vernahm Viola noch einmal die Stimme des Generals.
      "Tötet sie alle."
      “We all change, when you think about it.
      We’re all different people all through our lives.
      And that’s OK, that’s good, you gotta keep moving,
      so long as you remember all the people that you used to be.”
    • Die Wirren der Schlacht erlaubten kein Zaudern und Zweifeln.
      Andvari hatte sich mit einem letzten Blick auf das noch intakte Schild auf den Weg zum Haupttor begeben, wo der Ansturm bei Weitem am größten erschien. Lhoris war wortlos an seiner Seite aufgetaucht und beide zogen unisono ihr Schwert aus den Scheiden. Grinsend sahen sich die Schwertbrüder an, während sie ihre Umhänge abstreiften und Andvari bereits von Lichtfäden umspannt war.
      "Für alles was wir hätten denken müssen und niemals gedacht haben", begann Lhoris leise.
      "Für alles was wir hätten sagen müssen und niemals gesagt haben", führte Andvari fort. Das letzte sprachen die beiden gemeinsam.
      "Für alles was wir hätten tun müssen und niemals getan haben, bitten wir die Bäume unter den strahlenden Sternen Elús um Vergebung. Denn heute ziehen wir in den Krieg."
      Angreifer waren hindurch gebrochen und rannten mit Geschrei auf sie zu, die Schwerter und Schilde erhoben. Sie waren nicht fern, vielleicht zehn Schritt weit.
      "Wir nehmen Leben", murmelten beide Elfen, während Lhoris den ersten Gegner schreiend niederstreckte. "Wir atmen Blut. An diesem heutigen Tag des Nehmens. Wir bitten um Vergebung..."
      Andvari streckte den nächsten nach einem kleinen Duell nieder, da dieser sich mit dem Schild zu verteidigen wusste. Mittlerweile hatten die Lichtfäden ein starres Netz um ihn gebildet und eine Rüstung erstehen lassen. Leuchtend und wunderschön stand er inmitten von Silver, das sich auf sie zubewegte und seufzte.
      "Es könnte das letzte Mal sein", murmelte er Lhoris zu und grinste.
      "Dann aber mit einem Knall, nicht wahr?", lachte sein Gefährte und holte mit seinem glühenden Schwert aus. "Alsdann...Wollen wir?"
      "Nach dir."


      Haupttor - 15 Minuten nach Schlachtbeginn

      Symon hasste die Aussicht eines Schützen. Man sah gute Männer und Frauen sterben und war auf seinen Posten gebannt als wäre man festgeschnallt. In seinem Falle war es das Dach der Taverne unter ihm, während er seine Waffe nachlud und scharf machte. Die Magie durchströmte sie während er die Formeln zu murmeln begann und anlegte.
      Lysandra schwebte zum Westtor und mit ihr folgten die Bäume. Er konnte aus dem Augenwinkel erkennen, dass sie sich wacker dort schlugen, aber auf eine große Masse an Gegnern zu stoßen schienen. Äste und Wipfel bewegten sich laut raschelnd und das Geschrei nahm Überhand. Irgendwann, nach einer Ewigkeit wie es erschien, fiel der erste der Baumsoldaten zu Boden. Ein weiterer ging in Flammen auf. Sie hatten Zauberer dabei. Hundsverdammtes Volk!
      Mit einem klickenden Geräusch seiner Zunge quittierte er die Tatsache, dass er kaum Zeit hatte um sich darum Gedanken zu machen. Hogav und Volgast hielten die Truppen war gut in Schach, aber die Pfeile der Schützen gingen langsam zur Neige. Die Rüstugnen der Elfen hielten dem nicht stand, aber die Schilde waren besser gearbeitete als einfaches Eisen. Wie eine Schidlkröte rückten die Bastarde an und Symon legte an.
      Der Schuss ging ihm durch Mark und Bein als er sekündlich später erkannte, dass die Schildkröte keinen Kopf mehr hatte. Ein Loch war gerissen worden und wie auf Kommando flogen Pfeile der Schützen in die Lücken und brachten die Elfen zu Fall.
      Erst danach sollte der Zwerg sich siegessicher wähnen.
      Doch nicht allzu lange.
      Denn aus dem Huintergrund waren sie gekommen. Der Schattenreiter auf dem Ross war wieder aufgetaucht und hatte Kreaturen entsandt, die der ewigen Essen entsprungen waren, wenn man sie ansah. Der Körper glich einem wurmartigen Wesen und war übersäht mir harten beinahe stählern wirkenden Schuppen. Der Schwanz der Ungetüme endete in einem dornigen Stachel, den sie wohl einzusetzen wussten und der Kopf glich der einer geschuppten Katze, obgleich man es eher mit einem Drachen vergleichen mochte.
      Dieser Bastard...
      Eilig schossen sie über die Ebene und machten keinen Unterschied zwischen Freund und Feind. Auf zwei kräftigen Beinen zogen sie ihren schwerfälligen, aber kräftigen Körper hinter sich her und bewegten sich in erstaunlicher Geschwindigkeit.
      "TATZELWUUUUURM!", schrie der Zwerg donnernd herab.
      Hogav riss den Kopf herum und verengte die schwarzen Knopfaugen zu einem zornigen Grunzen.
      Volgast hieb gerade einen Angreifer nieder und sandte ihn einige Meter zurück in die Meute, ehe er sich verschwitzt umsah und die Kreaturen nahen sah.
      "Bei Mahindra...", flüsterte er und seufzte. "SCHÜTZEN! KONZENTRIERT EUCH AUF DIE SOLDATEN! ÜBERLASST DIE WESEN UNS!"
      Sieben.
      Sieben Würmer bahnten sich ihren Weg durch Feindesheere und geiferten nach Blut, während Symon anlegte. Ein gezielter Schuss an Volgasts Ohr vorbei traf den ersten Wurm. Es rührte ihn kaum. Er schlug zurück und rappelte sich wieder auf, den Panzer gesprengt, aber am Leben.
      Zwei für jeden, dachte der Zwerg und sah besorgt auf die Munition. Das konnte heiter werden. Drei konnte er niedermähen. Der Rest würde so bekämpft werden müssen.
      Während Volgast den ersten wie einen Ringer in Empfand nahm und zu Boden fiel, hieb Hogav bereits nach zweien zu seinen Füßen.


      The more that I reach out for heaven
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      “There are so many worse things than death.
      Not to be loved or not to be able to love: that is worse.”

      Ein endloser Regen aus knisternden Blitzen schlug gegen den Lichtschild.
      Jeder kräftige Einschlag erzeugte einen wellenartigen Impuls über die leuchtende Kuppel, ähnlich eines unruhigen Sees nachdem ein Stein die Wasseroberfläche durchbrach. Bei der imposanten Größe des Schildes war selbst aus der Entfernung gut zu erkennen, dass Viola und die flüchtenden Bewohner von Beleriand unter Beschuss standen. Der angestrengte Ausdruck auf dem Gesicht der Heilerin ließ keine Zweifel daran, dass sie jeden heftigen Einschlag am eigenen Leib zu spüren bekam. Viola war so eng mit den Kräften des Elfenschwertes und dessen Wirken verbunden, dass die sie exakt spüren konnte, an welchen Stellen die geschleuderten Blitze drohten durch den Schild zu stoßen. Die filigranen Lichtfäden unter der blassen Haut erzeugten eine glühende Hitze und ragten mit ihren Verästelungen bereits über den schmalen Kiefer herauf und umrahmten beinahe kunstvoll selbst ihre Augen. Es war lediglich eine Frage der Zeit bis ihr Körper seinen Dienst versagen würde. Die Hoffnung blieb, dass sie bis zu diesem verhängisvollen Augenblick genug unschuldigen Seelen die sichere Flcuht ermöglicht hatte. Sie musste durchhalten bis es eine ausreichende Möglichkeit gab den Fluchtweg durch die Kapelle für die feindlichen Krieger abzuschneiden.
      Viola verlor das Zeitgefühl.
      Außer dem zischenden Lärm der Blitze der Elfenmagier drang kein Geräusch an ihre Ohren. Die Geräuschkullisse untermalte der eigene pochende Herzschlag, alarmierend schnell und langsam aus dem Rhytmus geratend. Über die heiße Stirn perlten die ersten Schweißtropfen vor Anstrengung und verbissen griff Viola nach der Magie in ihren Adern um alles, was sie geben konnte, in den Schild umzuleiten. Keiner hatte sie diese Techniken je ausführlich gelehrt, aber instinktiv lauschte sie auf das Summen des Schwertes in ihrer Hand.
      Ein Aufschrei durchbrach die eiserne Konzentration der atemlosen Heilerin.
      Hektisch warf sie den Kopf zur Seite und erblickte zu ihrem großen Entsetzen, dass ich einzelne Ausläufer aus dem Schatten des Kirchturms lösten und über den Marktplatz griffen wie albtraumhafte Klauen. Die Schatten gewannen an Sturktur und bäumten sich auf dem Kopfsteinpflaster auf. Ein altvertrautes, klickendes Geräusch erfüllte den aufgewirbelten Schnee und in abstrakten Zuckungen lösten sich die ersten verdrehten Gliedmaßen aus der Schwärze. Angsterfülltes Wimmern durchtränkte die Luft gefolgt von weiteren erschrockenen Schreien. Ein ekelerregendes Knacken drang zur Viola herüber und sie brauchte keinen direkten Blick in Richtung der Kapelle zu werfen um zu wissen, dass sich die Schattenkreaturen aus Telerin in ihrem Rücken erhoben. Vaeril Baumschaten und seine unglücklichen Schergen - unwiderruflich in grausige Kreaturen verwandelt - befanden sich in Beleriand.
      Im Augenwinkel entdeckte Viola die weinende Elise, die schluchzend nach ihrem großen Bruder rief.
      "Mael! Mael!", weinte das Mädchen, das hübsche Kleid vom Schnee und Matsch bereits klitschnass. "Lasst meinen Bruder los!"
      Schattenhafte Arme hatten sich um den Körper des Jünglings geschlungen und ohne Gnade Knochen zertrümmert bis schließlich das Genick brach.
      Ausdruckslose, toten Augen der Schattenbestien richteten sich auf die kleine Elise.
      Was dann geschah, passierte unter angehaltenem Atem der letzten Menschen, die einen abschiednehmenden Blick auf ihre Heimat warfen.
      Viola fuhr herum, stieß die Fersen in den gefrorenen Boden und hechtete in Richtung des blonden Mädchen. Die Verbindung zu Dandelost und dem Schild war dennoch ungebrochen. Schützend warf sich die Heilern neben Elise auf die Knie und zog das schreiende Kind an ihre Brust. Viola führte ihre Hand an den wilden Haarschopf und wisperte beruhigende Worte an Elise' Ohr.
      Aber nichts geschah.
      Viola blinzelte ungläubig und warf einen vorsichtigen Blick empor durch wirre, herbstrote Strähnen.
      Die Schattenbestie war mitten im tödlichen Schwung ihrer Bewegung erstarrt. Seltsam, denn alle Kreaturen standen völlig regungslos da während die magischen Anrgiffe ohne Unterbrechung niederegneten.
      Verwirrt schob die Rotthaarige das Mädchen ein kleines Stückchen von sich und wischte ihr die Tränen von den geröteten Wangen.
      "Wenn ich dir sage du sollst laufen, rennst du so schnell wie du kannst zu Tilda, verstanden?", flüsterte Viola.
      "Machen wir ein Wettrennen?", schluchzte Elise begleitet von einem Schluckauf.
      "Ja, ein Wettrennen, meine Kleine", antwortete die Heilerin und versuchte zu Lächeln. "Wir zählen zusammen bis Drei, in Ordnung?"
      Das Mädchen nickte.
      "Eins." Elise lächelte zaghaft mit ihrer großen Zahnlücke.
      "Zwei." Viola drehte das Kind an den Schultern in die richtige Richtung.
      "Dr..." Ein Ruck fuhr durch den Körper der jungen Frau, die Elise einen kleinen Schubs gab und zusah wie das Kind in Sicherheit rannte.
      Es war fürchterlich still geworden.
      "Drei.", raunte eine vertraute und zugleich gefürchtete Stimme an ihrem Ohr. "Hab dich, Liebes."
      Viola schnappte erschrocken nach Luft. Etwas stimmte ganz und gar nicht, denn ihr Körper fühlte sich wie gelähmt an.
      Ein vorsichtiger Blick nach unten hätte ihr beinahe das Bewusstsein geraubt. Knapp über ihrem Bauchnabel ragten vier dolchartige, schattengleiche Klauen aus ihrem Körper und waren benetzt mit rotem Blut, dessen Farbe von der Dunkelheit der Schatten fast verschluckt wurde.
      "Baumschatten!", keifte es jenseits des Schilds. "Das ist gegen den Befehl des Prinzen!"
      Die Angriffe gegen den Schild ebbten langsam ab und unzählige Augenpaare richteten sich gen Himmel.
      Glühende Lücken klafften in dem leuchtenden Schild, der sie alle schützend umgab. Wie verglühendes Pergemant, das jemand unachtsam zu dicht über eine Kerze hielt. Asche fiel vom Himmel herab und färbte den Schnee in einem hässlichen Grau.

      Es war 21 Minuten nach Beginn der Schlacht, als der Schild fiel.
      “We all change, when you think about it.
      We’re all different people all through our lives.
      And that’s OK, that’s good, you gotta keep moving,
      so long as you remember all the people that you used to be.”
    • Westtor - 21 Minuten Nach Beginn der Schlacht

      Der Schild fiel.
      Diese drei Worte manifestierten sich in Lysandras Hirn als sie nach Osten blickte und den Schild wie blutiges Pergament vergehen sah. Mit einem Mal schien die Meute nicht mehr so wichtig, die sich eisern den Weg in das Zentrum erkämpfen wollte. Tapfer hieben die Baummänner darauf ein, jedoch unterlagen sie Feuermagiern, die sie mit Flammen beschossen. Eine standhafte Gruppe von Menschen hielt die Stellung, wurden jedoch alsbald überrannt und in Stücke gehackt. Von Ehre lag hier nichts in der eisengeschwängerten Luft.
      Lysandra reichte es.
      Ein letzter Ruck ging durch ihren Körper und sie schleuderte einen Blitz auf die Zauberer, die ihn gerade so abblocken konnten.
      "RÜCKZUG!", schrie sie nach unten und sah Farryn gerade noch aus dem Graben klettern.
      Sie sah fürchterlich aus. Mit der Rechten führte sie noch ihren Hammer, aber blutete aus einigen Wunden und der Linke hing nutzlos an der seite herab. Ein Nicken bezeugte das Verstehen.


      Osttor - selbe Zeit

      Eyrik sah es genauso, während er einen der heranstürmenden Soldaten mit einem kurzen Pfiff von den Zinnen beförderte.
      Noch ehe er den Wassermenschen das Signal geben konnte, kommandierte auch er den Rückzug und sah zu, wie sie sich ihren Weg durch die Soldaten suchten. Er selbst jedoch blieb zurück und nutzte seine Schallmagie um die herannahenden Horden ein wenig zu bändigen.
      "EYRIK!"
      Eine vertraute Stimme ließ ihn herum fahren und er blickte in zwei dunkle Knopfaugen, die ihn von unten herab ansahen. Der Halbling, den sie Herr Bert nannten, stieß zu ihm und hielt seine Laute gespannt vor dem Bauch.
      "Was tust du hier?", fragte der Elf, während er einen Soldaten parierte und zur Seite stolpern ließ.
      Herr Bert schlug ihn mit der Laute in Ohnmachtslage, ehe er sich aufrichtete.
      "Potzdonner! Ich bin hergekommen um dich zu warnen! Sie haben uns überrannt, diese verfluchten Aasgeier!"
      "Ich weiß. Ich halte sie auf so lange ich kann. Geh zum Zentrum und schütz die Menschen!"
      "Vergiss es!", polterte der Halbling und begann auf der Laute zu spielen. "Ich bleibe hier."
      Eyrik nickte grinsend und merkte wie eine Veränderung durch seinen Körper ging.
      Die Eigenart der Barden war es, die Kräfte ihrer Kameraden zu verstärken wenn sie eins mit ihrer Kunst waren. Und Herr Bert verstand es meisterlich, einen Schmauch der Ermutigung zu bereiten.
      MIt einem Mal kehrte Kraft in die Arme des Elfen zurück und beinahe mühelos wurde der eiserne Schild unter einem seiner Hiebe eingedellt.
      "Alsdann...In die Schlacht mein Freund."


      Zentrum - 22 Minuten nach Schlachtbeginn

      Als der Schild fiel hatten Andvari und Lhoris bereits eine kleine Anzahl an Soldaten niedergestreckt. Sie hörten das Geifern der Tatzelwürmer und kamen zu dem Schluss, dass es besser war sich zu trennen.
      Ehe der Schild fiel.
      Andvaris Blick wurde fahrig und beinahe wäre er verwundet worden, wenn Lhoris den Angreifer nicht niedergestreckt hätte. Schweißgebadet sah er zurück und atmete schwer. Er konnte nicht...Er durfte nicht...Wenn er ginge, würde das Faolan auf ihre Fährte bringen. Also sah er zu seinem Freund.
      "Lhoris!"
      Der Elf verstand wortlos und streckte einen weiteren nieder.
      "Auf ein Wiedersehen!", rief er Andvari zu während er sich auf den Weg zum Zentrum machte.
      "In dieser oder der nächsten Welt!", rief Andvari zurück und sah zu den Angreifern. Bereits zwei wurden von einem Tatzelwurm nieder gebissen, sodass dieser jetzt zwischen der Armee und Andvari stand.
      "Alsdann..", murmelte auch Andvari und spuckte aus. "Komm lass uns ringen..."
      Der Tatzelwurm umkreiste im Halbkreis seine Beute und setzte in einer weiteren Sekunde zu einem Sprung an. Ob es nun die Wut über das Schicksal war, das ihm seine Liebste erneut zu entreißen drohte oder die Tatsache, dass der Wurm von der plötzlichen Ausgangslage selbst überrascht war, wusste Andvari nicht. Aber just in dem Moment, als die KReatur zum Sprung ansetzte und die Klauen tief in den Boden grub, leuchtete Andvaris Schwert in grellweißem Sternenlicht auf. Als hätte es darauf gewartet.
      Mit einem satten, saftigen Hieb durchteilte der Weißhaarige den Wurm der Länge nach und wartete auf das schmatzende Geräusch als sich die Teile hinter ihm zum Liegen kamen. Zischend und dampfend verbreitete das Fleisch einen fauligen Gestank und Andvari sah zu den Seinen.
      "Wollt ihr weiter kämpfen und sterben?", fragte er grinsend, während das weiße Licht adergleich seine Augen erreichte und diese zum Erglühen brachte. "Dann kommt!"

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    • Marktplatz - 22 Minuten nach Schlachtbeginn
      Unmittelbar vor der Kapelle

      "Dieses Mal fliegst du mir nicht davon, mein Rotkehlchen.", zischte er. "Eine wahre Verschwendung, aber ich will diesen Bastard leiden sehen, wenn ihm deinen wertlosen Kadaver vor die Füße werfe."
      Vaeril Baumschatten beugte sich mit selbstzufriedener Miene über die zitternden Schultern der Heilerin vor.
      Die Lippen streiften beinahe das menschliche Ohr, während er mit freudiger Erwartung den gequälten Atemzügen lauschte. Dieser Bastard von Prinz würde für den Verlust seines Armes bezahlen vom dem nicht mehr als ein Stumpf ab dem Ellenbogen übrig war. Eine Schmach für den gefürchteten Schattenkrieger, der unter Schimpf und Schande in das Regiment zurückgekehrt war. Faolan war kein gnädiger Prinz, aber Vaeril war der festen Überzeugung mit dieser Verfehlung und Missachtung der Befehle davonzukommen, sobald er sich in der allumfassenden Sicherheit der tiefsten Schatten befand. Der Durst nach Rache vernebelte zuweilen auch den Verstand des größten Kriegers.
      "Hast du nichts zu sagen, Liebes?", raunte er süffisant an ihr Ohr und drehte die dolchartigen Klauen in der blutenden Wunde.
      Ein schmerzerfüllter Schrei löste sich aus der Kehle der Heilerin gefolgt von einem mitleidigen Wimmern, dass wie die wundervollste Musik in seinen Ohren erklang. Sie würden bezahlen. Für sein Auge. Für seinen Arm. Für die Schande, die er erlitten hatte.
      Der zierliche Körper vor ihm erzitterte und Vaeril begriff mit Verzögerung, dass es nicht allein der Schmerz war sondern ein kraftloses Lachen. Dieses Miststück wagte es ihn selbst jetzt noch zu verspotten.
      "Dafür wirst du sterben, Vaeril Baumschatten.", flüsterte Viola mit brüchiger Stimme. "Ich habe keine Angst mehr vor dir. Nicht mehr."
      Vaeril in ihrem Rücken räusperte sich aufgrund des unerfindlichen Grundes einen Kloß im Hals zu haben.
      "Niemand wird sich an deinen Namen erinnern. Einsam, vergessen und aus der Geschichte getilgt wie lästiges Ungeziefer. Erinnerst du dich daran, was ich in Telerin zu dir gesagt habe?"
      Hinter der Heilerin zuckte der Körper des Elfen, als hätte ihn der Schlag getroffen. Die Schattenklauen zogen sich schmerzhaft und mit einem ekelerregenden Geräusch aus ihrem Leib, als Vaeril mit einem keuchenden Röcheln von der zierlichen Frau abrückte. Viola fiel nach vorn und schaffte es nicht sich aufrecht zu halten. Seitlich schlug sie auf dem vereisten Boden auf, während rotes Blut den Schnee tränkte.
      Die grünen Augen leuchtend mit goldenen Tupfen fixierten Vaeril wie ein Jäger seine Beute. Die Heilerin hatte den Spieß umgedreht.
      Mit der Überhand vor Augen hatte der boshafte Elfenkrieger einen großen Fehler begannen. Er hatte sie unterschätzt.
      "Fahr zur Hölle.", zischte Viola mit rasselndem Atem, währen sie eine Hand auf die blutige Wunde in ihrem Bauch presste.
      Die Hölle kam und riss Vaeril Baumschatten vom Angesicht der Welt.
      Der Tod kam nicht mit knisternden und alles zerfressenden Flammen, die Haut und Knochen vertilgten. Das Ende kam schleichend und unbemerkt bis es zu spät war. Würgend griff sich der Elf an die Kehle, die Nägel fuhren über die Haut als wollte er sie in seiner aufkeimenden Panik abziehen. Als der erste Schwall glasklaren Wassers aus Nase und Mund quoll, erkannte Viola nichts als Todesangst in den fast schwarzen Augen. Die winzigsten Wassertropfen, die Feuchtigkeit der Luft, die er mit jedem Atemzug aufgenommen hatte, hatte sich Stückchen für Stücken in seinen Lungen gesammelt.
      Vaeril Baumschatten ertrank armselig und wimmernd auf dem Trockenen.
      Als das letzte, lebendige Zucken verging, fühlte Viola sich leer und ausgebrannt. Die erhoffte Genugtuung der eigenen Rache blieb aus.
      Das Leben rann warm und unaufhörlich aus ihrem Leib. Mit jedem Tropfen fühlte sie eine erlösende Leichtigkeit. Sie verblutete, als Heilerin wusste sie das.
      Die Schattenkreaturen um sie herum zerstoben im Nichts und der Wind trug die Überreste davon.
      Viola spürte nichts. Nicht die Kälte des Schnees. Keinen Schmerz.
      Auch die warmen Hände, die ihr Gesicht umfassten, nahm sie nicht wahr.
      Tilda war über den Platz geeilt und hatte den regungslosen Körper an sich gezogen um ebenfalls die Hände auf die blutige Wunde zu legen, während das Rot zwischen ihren Fingern hervor quoll.
      Im Augenwinkel erblickte die Heilerin zwei Gestalten: Ein Mann mit wilder roter Mähne und eine Frau mit weizenblonden Haar, das ein feingeschnittenes Gesicht und grüne Augen umrahmte. Aus der Ferne erklang das sachte Klopfen eines Stabes auf Stein. Für den Bruchteil einer Sekunde schoben sich lange Strähnen blonden Haare in ihr Blickfeld. Sie hatte nicht genug Kraft um aufzusehen.
      Viola war bewusst, dass die halluzinierte. Aber der Gedanke, dass jemand auf sie wartete, beruhigte sie.
      "Bleib wach, Kind.", flehte Tilda und verspürte Angst beim Anblick der flatternden Augenlider. Die grünen Augen sahen bereits eine andere Welt herbei eilen. Eine Welt, die die Lebenden nicht sehen konnten. Und die Welt der Lebenden hielt den Atem an.
      Bald würde der Schild bis zum Boden zerfallen sein und nichts trennte die verängstigten Menschen mehr vor ihren Häschern.
      "Verschließt den Tunnel.", befahl Tilda und strich Viola eine Haarsträhne aus der Stirn.
      Es blieb keine Zeit mehr, aber sie selbst würde nicht von der Seite der jungen Frau weichen.
      “We all change, when you think about it.
      We’re all different people all through our lives.
      And that’s OK, that’s good, you gotta keep moving,
      so long as you remember all the people that you used to be.”
    • Lhoris - Kiche 23 Minuten nach Schlachtbeginn

      Lhoris erreichte den Kirchenplatz, als Tildas Stimme über den Platz hallte. Man sollte den Tunnel verschließen. Na wunderbar.
      Neben einem noch immer leicht zuckenden Leichnam von diesem Bastard VAeril wunderte sich Lhoris über zwei Dinge: Warum griffen die Elfen weiter an? Und warum verschwand Violas Aura? Er betete zu den Bäumen, dass Andvari glaubte, dass sie vielleicht nur fortgebracht wurde. Doch Lhoris wusste es besser.
      Den Blutspuren zu urteilen, die zum Tunnel führten ahnte er das Schlimmste voraus, wärhend er seine Geschwindigkeit beschleunigte. Die Menschen wollten innehalten, doch er gab das Zeichen weiter zu verschließen. Brüllend sprang er einen der Elfensoldaten an, die vor dem Schild noch warteten und riss ihm brachial den Kopf herum, sodass sein Genick brach. Einen zweiten spießte er mit zischendem Schwert auf. Mit einem grazilen Sprung auf zwei Leichname machte er eine Lücke im Schild aus die er ausnutzen und bespringen konnte. Dies leider zur Last dessen, dass einige Soldaten es ihm nachtaten. Noch wärhend er sich aus den Winden der anderen befreite, wusste Lhoris dass es knapp würde. Ein Schlag mit dem Heft seines Schwertes ließ einen weiteren Soldaten zusammenbrechen und ein Dritter wurde erneut Opfer des glühenden Schwertes, da er ein Bein verlor.
      So schnell ihn seine Füße trugen riss er sich zusammen und erreichte mit brenennder Lunge und schmerzenden Muskeln noch gerade so den Tunnel, ehe er verschlossen wurde.
      Schlitternd und mehr oder minder schleifend schleuderte er in den Tunnel hinein und kam beinahe elegant auf seinen Knien auf, wo er sich kurz sammelte.
      "Was...zum Donner...", murmelte er und blickte auf. Blutverschmiert wie er war musste er ein tolles Zeichen von Elf abgeben.
      Erst dann sah er zu den anderen hin und entdeckte Viola. Und vor allem das Blut, das aus vielen Wunden heraus brach.
      "Hinfort!", donnerte er mit bleichem Gesicht wärhend er sich zu ihrem Körper schleppte.
      "Ich bin kein Heiler Viola. Und ich bin nicht gut darin, schöne Worte zu finden. Aber das wird weh tun. Sehr weh."
      Er öffnete seine Handfläche und ließ das Schwert zu ihrer Rechten fallen. Erst danach wurde es den anderen gewahr, dass seine Handfläche rotleuchtend zu glühen begann. Er konnte die Blutung zumindest stoppen, aber Narben würden sichtbar sein.
      "Es tut mir leid", flüsterte er und drückte seine erhitzte Hand auf die blutenden Wunden.

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      The more you drag me to hell
    • Morgengrauen - 30 Minuten nach Schlachtbeginn

      Vor dem Haupttor

      Ein Ausdruck entrückter Leere erfüllte die halbgeöffneten Augen.
      Violas Blick glitt in den Himmel, der in satten Farbtönen von Rot und Orange den Beginn eines neuen Tages ankündigte. Die ersten Strahlen der Wintersonne erhoben sich über den Horizont und vertrieben die Dunkelheit über dem blutigen Schlachtfeld. Über den Dächern Beleriands ertönte der schrille Schrei eines Raubvogels, der auf eleganten Schwingen durch die Lüfte glitt. Bedeutungslos für die tapferen Krieger, die in den Straßen und vor den Toren um ihre Leben kämpften.
      Meliorn riss den Kopf herum und sah empor.
      Über den Dächern der einst prachtvollen Handelsstadt stand die Zeit für einen Augenblick still. Mit einem weiteren Jagdruf stieß der zierliche Raubvogel in einer waghalsigen Drehung in die Tiefe. Meliorn hatte gerade genug Zeit den Arm hochzureißen, ehe das gefiederte Tier mit einem für die winzige Größe heftigen Aufprall auf seinem Unterarm landete. Der Elf blinzelte und starrte den Vogel an, als wäre er eine Halluzination. Völlig unvermittelt zwickte ihn das Tier harsch in den Arm und plusterte das seidige, bläuliche Gefieder auf.
      Der Bogenschütze verspürte nicht den üblichen Groll sondern stieß den angehaltenen Atem aus.
      "Isobelle...", murmelte er. Er war noch nie so froh gesehen dieses verdammte Federvieh zu sehen.
      Der Klang silberner Hörner erschallte über der kargen Ebene vor Beleriand, da war der Elf bereits über den nächsten Dachvorsprung gehechtet und folgte Isobelle in Richtung Haupttor.
      Schlitternd und auf den Knien bremste Meliorn auf den vereisten Dach ab und wäre um ein Haar über den Rand gerutscht. Die scharfen Augen suchten über dem Schlachtgetümmel und dem Lärm klirrender Schwerter den Horizont ab.
      Quälende Sekunden verstrichen, ehe seine Stoßgebete erhört wurden. Über eine kleine Anhöhe mit der aufgehenden Sonne im Rücken erhoben sich die Umrisse einer Reiterschar. Hoch über den Köpfen flatterten die kaiserlichen Banner im Wind. Die Farbe von einem satten Royalblau und darauf prangte der Wolfskopf der Kaiserfamilie. Die Wölfe von Bourgone hatte das Schlachtfeld erreicht und das Donnern der schweren Hufen ließ die den Boden zu den Füßen erzittern. Die massigen Schlachtrösser wirkten durch die schwere Panzerung einschüchternder als in den Geschichten. Im vollen Lauf hielt der Wucht nichts und niemand stand. Die Rüstungen der Männer zu Pferd war von hoher Schmiedekunst, hart und beständig, aber ließ ausreichend Bewegung zu. Wieder erklangen die Hörner und schickten ihren Kriegsklang bis an die Tore Beleriands, als sich ein Reiter aus den schnaubenden Reihen von Pferden löste.
      Lucien von Bourgone blickte mit ernstem Gesichtsausdruck über die blutgetränkte Ebene und gab den Befehl zum Angriff, denn er hatte noch nie sein Wort gebrochen. Die Erste Garde floh vor keinem Feind.
      Rösser bäumten sich auf und sprangen unter kreischendem Wiehern aus dem Stand in einen mörderischen Galopp die Anhöhe herab.

      Kirche/Fluchttunnel aus Beleriand

      Mühevoll trugen Tilda und eine kräftige Bauersfrau den leblosen Körper der Heilerin in die Tiefen des Tunnels hinab.
      Keiner konnte es über sich bringen, den Körper der jungen Frau achtlos im Schnee zurückzulassen. Niemand konnte den Anblick vergessen, wie sich Viola schützend vor das Kind geworfen hatte, das nicht einmal von ihrem Blute war.
      Verängstigt und besorgt sammelten sich die Überlebenden in den stickigen, modrigen Tunneln und harten aus. Tilda flüsterte stetig beruhigende Worte und sah mit bleichem Gesicht zu, wie das Blut durch ihre Finger quoll. Sie hatten den kunstvollen Brustpanzer entfernt und das darunterliegende Hemd über die Wunde gezogen, um das gesamte Ausmaß in Augenschein zunehmen. Angesichts des schrecklichen Anblicks schüttelte Marlena den Kopf. Etwas, dass Tilda nicht im Entferntesten beruhigte und der eher gefassten Wirtin ein ersticktes Schluchzen entlockte.
      Unruhe mischte sich unter die Angst, als ein blutverschmierter Elf mit wildem Blick in den Tunnel hineinbrach. Die panischen Aufschreie verwandelte sich in einen murmelnden Chor aus Verwunderung. Die Menschen erkannten Lhoris, der stets beim Schmied anzutreffen gewesen war. Bereitwillig machten sie dem Elfenkrieger einen Pfad frei, um zu Tilda zu gelangen, die den Kopf der Heilerin in ihrem Schoß gebettet hatte.
      "Lhoris..." flüsterte Tilda.
      Marlena, erstaunlicherweise die in diesem Augenblick gefasstere der beiden Schwestern, rappelte sich auf und eilte mit gerafften Röcken zum Eingang des Tunnels. Sie legte die Finger an die Lippen und gab mit einem schrillen Pfeifen das erwartete Signal. In ihrem unergründlichen Hexenkessel hatte die Kräuterfrau ein explosives Gemisch zusammengebraut, dass bei der Berührung mit Feuer das gesamte tragende Ständerwerk der Kirche über ihren Köpfen zum Einsturz bringen würde. Einer der Gesellen Alberts eilte herbei und warf mit Schwung eine Fackel durch die geöffnete Luke in das schlichte Kirchenschiff.
      "Alles zurück!", rief Marlena und eilte tiefer in den Tunnel zurückals ein ohrenbetäubender Lärm sich erhob.
      Über ihren Köpfen bebte die Erde und einzelne Steinchen rieselten zu Boden. Die Explosion legte die Kirche in Schutt und Asche, ein undurchdringlicher Berg aus Geröll, der ihnen einen großzügigen Vorsprung gewährte. Die Menschen kauerten sich sich auf den Boden und klammerten sich aneinander.
      Eine unheimliche Stille blieb zurück.
      Viola reagierte nicht auf die vertraute Stimme des Elfen und zeigte keinerlei Lebenszeichen außer das flache Heben und Senken ihres Brustkorbes. Die Atmung kam beinahe zum Erliegen, als sich eine glühend heiße Hand über die blutigen Wunden presste. Der Gestank von verbranntem Fleisch erfüllte schlagartig den Tunnel. Zunächst passierte nichts ehe ein heftiger Ruck durch den zuvor leblosen Körper lief. Eine fürchterlich schwache Hand begleitet von einem kläglich Wimmern krallte sich in Lhoris Arm und die Quelle des sengenden Schmerzes. Erfolglos versuchte sie die Hand von ihrem Körper zu zerren und sehnte sich nach der betäubenden Leere.
      Viola riss die Augen auf und starrte gepeinigt in das Gesicht des Schwertkämpfers.
      Ein leidvoller Aufschrei durchbrach die Stille und ohne jegliche Vorwarnung oder gar Kontrolle griff die Quelle ihrer Magie nach Lhoris Aura.
      Die gleißende Hitze, die in ihren Körper strömte, hatte nichts mit Andvaris Licht gemein. Es war verzehrend und schmerzvoll. Aber Andvaris Theorie sollte sich ein weiteres Mal bewahrheiten. Violas Aura nahm sich durch die unkontrollierte Verbindung zu Lhoris was sie brauchte und verödete die verletzen Blutgefäße tief in dem durchbohrten Leib an Stellen, die die versengende Glut seiner Hand nicht erreichte.
      “We all change, when you think about it.
      We’re all different people all through our lives.
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      so long as you remember all the people that you used to be.”

      Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von Winterhauch ()

    • Haupttor

      Als die Hörner erklangen rang Volgast Tenebria gerade einen der Tatzelwürmer nieder und gab ihm mit einem veheerenden Schlag den Rest.
      Hogav indes hatte sich nur unter Mühen von zweien der Würmer befreit und war auf die Knie gefallen. Beide Achillessehnen waren durchgekaut und ließen den Oger nicht mehr aufstehen. Mühevoll verteidigte er sich gegen die anfallenden Horden und wäre unter ihnen gebrochen, wenn nicht ein Lichtpfeil gleich drei von ihnen aufgespießt hätte.
      Sein massiger Kopf ruckte nach rechts und sah Andvari blutverschmiert aus dem Tor stürmen. Weißgolden glühte seine Rüstung in der anhaltenden Nacht und ein zahnloses Grinsen verteilte sich auf seinem Gesicht.
      "ANDVAA-"
      Der Kopf des Ogers schnappte in der Sekunde wie von einer Kugel erfasst zurück und der massige Körper prallte donnernd auf den Boden. Andvari hielt eine Sekunde inne, ehe er sich unter Geschrei auf den Weg zu seinem Freund machte. Über dem Körper des Ogers stand Lysanthir Valverden, erster Prinz des Reiches und grinste auf das Wesen herab. Erst danach richtete er sein Schwert auf Andvari und forderte ihn zum Tanze auf. Lysanthir war der einzige, dem die hereinfallenden Horden nichts ausmachten.
      Die Tatzelwürmer machten sich auf, die herannahende Kavallerie zu stürmen und ihre Zähne in die Flanken der Pferde zu rammen. Ob sie es schafften blieb abzuwarten, aber Andvari wollte es nicht herausfinden. Aber ein Kampf mit Lysanthir war sinnlos...Denn selbst unter diesen Umständen musste der Weißhaarige erkennen, dass der Erste Prinz ihm deutlich überlegen war.
      Erst als die Pferde schon herannahten und der Geruch der Schlacht sich veränderte, ergriff Lysanthir ind en nahen Wald die Flucht, nicht ohne seinen Männern den Befehl zum Kampf bis zum Tod zu geben.
      Andvari riss sein Schwert hoch um den Leib seines Freundes zu schützen. NUr noch ein bisschen. Nur noch ein bisschen durchhalten...


      Fluchttunnel

      Innerlich war Lhoris erleichtert, dass Viola zumindest eine Reaktion zeigte. Auch wenn es merkwürdig war, ihre Aura an seinem magischen Kern herumtasten zu fühlen. DIes führte zu dem, zu was es führen musste.
      Einer Abstoßung. Beinahe mit angeekeltem Gesicht riss er ihre Hand von seinem Arm und seine Hand von ihrem Bauch fort. Im Gesicht des Elfen stand das blanke Entsetzen geschrieben, während er sich umsah und erfreut zur Kenntnis nahm, dass der Tunnel verschlossen war. Es blieb nicht mehr als Beten zurück, dass seine Brüder und Schwestern den Kampf überstanden.
      Er beugte sich hinab zu Viola, wie um zu prüfen, dass seine Behandlung Erfolg hatte und wisperte an ihrem Kopf.
      "Mach das niemals wieder."
      Seine Stimme war dabei ein kaltes Zischen und er erhob sich anschließend, um Tilda anzusehen.
      "Die Wunde ist verschlossen. Bringen wir sie den Tunnel hinab und nichts wie raus hier. Wir haben kaum Zeit."
      Innerlich schauderte es ihn als er nochmals zu Viola sah und mithalf, sie stabil und tragfähig zu machen. Eine gruselige Fähigkeit, die sie dort entdeckt hatte. Und eine gefährliche noch dazu. Beinahe hatte er das Gefühl, Andvari vor sich zu haben, der einfach eine Magie ausprobierte anstatt diese vorher auszuloten. Ob er ihr sagen sollte, dass sie sein Leben damit gefährdete?

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    • Vor dem Haupttor - Sonnenaufgang

      Ein Sturmflut aus donnernden Hufen brandete in die feindlichen Elfenkrieger.
      Die gepanzerten Schlachtrösser trampelten gnadenlos alles nieder während die Reiter die im Sonnenaufgang glühenden Schwerter in die übrigen Widersacher führten. Blut besprenkelte die polierten Rüstungen und schweißnasses Fell. Knochen brachen unter beschlagenen Hufen. Mitten im blutigen Gewirr aus Pferden und Soldaten ertönte ein kreischendes Wiehern, als die ersten Rösser den monströsen Bestien zum Opfer fielen. Dolchartige Zähne bohrten sich durch Metall und Fleisch, aber die Flut ebbte nicht ab.
      Lucien riss sein Pferd grob am Zügel herum und späte über das Schlachtgetümmel in der Hoffnung ein bekanntes Gesicht zu sehen.
      Egal in welche Himmelsrichtung der Prinz seinen Blick richtete, überall erkannte er lediglich gegnerische Banner und Rüstungen. Es war die Suche nach der Nadel im Heuhaufen bis ein gleißendes Licht durch das Getümmel erstrahlte.
      Mit dem notwendigen Nachdruck presste Lucien die Absätze in die Flanken des tänzelnden Hengstes unter sich und trieb das Tier durch die kämpfenden Reihen. Als er Andvari erreichte, wirkte dieser dermaßen erschöpft, dass Lucien befürchtete der weißhaarige Elf würde sich keine weitere Minuten auf den Beinen halten. Zügel und Schwert in einer Hand stoppte er den mörderischen Galopp des Hengstes, dessen Hufen sich dabei dem ruckartigen Manöver tief in die blutgetränkte Erde gruben.
      "Andvari!", rief er durch den Lärm der Schlacht.
      Bläuliches Blut schimmerte auf den edlen Zügen, ehe er sich mit dem Handrücken über die Wange wischte.
      Auffordernd streckte er die Hand in Richtung des Lichtrufers aus, der über einen gewaltigen Körper stand, den er verbissen verteidigte. Was ein Oger zwischen Menschen und Elfen suchte, war ihm in diesem Augenblick schleierhaft.
      "Kommt, wenn ihr nicht niedergetrampelt werden wollt!", erhob er die Stimme und nickte zu der angebotenen Hand. Die blauen Augen hatten jeden Schalk abgelegt. "Wir ziehen uns in die Stadt zurück!"
      Tatsächlich hatte die Reiterschar die Reihen der Elfen durchbrochen und sammelte sich schnaubend vor den Toren der Stadt. Drohend stiegen einige Rösser auf die Hinterbeine. Luciens Männer drängten die Elfen zurück auf die Ebene, fort von Beleriand aus dessen Herz Rauch emporstieg.

      Der Fluchttunnel

      Mühselig sog Viola die stickige Luft des modrigen Tunnels ein.
      Die eisige Abscheu, die urplötzlich über das sorglos geknüpfte Band entgegenschlug, ergab für die Frau am Rande der Bewusstlosigkeit keinen Sinn. Obwohl Viola Erleichterung verspürte, als die glühende Hitze von der pochenden Wunde verschwand, fühlte sie gleichzeitig eine alles verzehrende Verzweiflung als ihr der fragwürdige Halt entzogen wurde. Zurückblieb allein die Schwere ihres geschwächten Körpers, den sie kaum fühlte als gehörte er einer Fremden.
      Halbgeöffnete Augen hatten große Mühe in das Gesicht des schwarzhaarigen Elfen zu blicken, der sich über sie beugte. Die kalten Worte hätten ihr eine Warnung sein sollen, aber sie verstand kaum den Sinn und Zweck seiner Worte. Ein einziger Nebel herrschte in ihrem Kopf. Zäh sickerte die Erkenntnis in den flackernden Blick der Heilerin.
      "Lhoris...?", wisperte sie kaum hörbar. Warum war er hier und nicht bei Andvari?
      Der Wunsch erneut nach dem Elf zu greifen und eine Antwort auf die ungestellte Frage zu verlangen, war groß. Wahrscheinlich war es ihr Glück, dass ihr Körper ihr nicht gehorchte und die wenigen Silben sie bereits genug Energie kosteten.
      Über das Echo der unfreiwilligen Verbindung schlug ihr eine Welle aus Argwohn und Entsetzen entgegen, die sie verwirrte. Was hatte sie getan?
      Ein Ruck fuhr durch den geschundenen Körper, der eilig auf eine notdürftige Trage gebettet wurde.
      Tilda warf einen letzten Blick zurück in den dunklen Tunnel, der unwiderruflich verschüttet war. Der Elf an ihrer Seite hatte Recht. Es galt keine Zeit zu verlieren.
      Fragend sah sie aus dem Augenwinkel zu Lhoris.
      "Was war das? Du hast für einen Moment ausgesehen, als hättest du einen Geist gesehen.", murmelte sie leise.
      Marlena hatte sich zu der Trage gesellt und begutachtete die versengten Stichwunden. Effektiv aber ohne jeglichen Feinschliff. Die Kräuterfrau schnalzte unzufrieden mit der Zunge. Sie gab es nur ungern zu, aber der Elf hatte der jungen Frau wohl das Leben gerettet. Trotzdem...
      "Wir müssen dringend an sauberes Wasser kommen und raus aus diesem Dreck hier unten. Die Wunden dürfen nicht verunreinigt werden. Oder Eure Mühen waren für die Katz, Elf.", gab sie grimmig über die Schulter zurück und unterbrach damit ihre Schwester.
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    • Haupttor

      Andvari kämpfte verbissen. Und auch wenn die Schlachtrösser der kaiserlichen Armee, die er vor einigen Monaten noch bis aufs Blut bekämpft hatte, durch die Feinde pflügten wie ein frisches Erntewerkzeug, wirkte es für ihn dennoch als kämen immer mehr auf ihn zu. Die ersten nutzten bereits den Oger als Angriffsmomomentum, sodass es ihn von den Füßen riss, als sie ihn hinterrücks angriffen. Ihre Waffen verfehlten wie durch ein Wunder seinen Leib und bohrten sich in den Matsch, ehe er eine Stimme hörte, die nach ihm rief.
      War dieser verrückte Falkner tatsächlich zurück gekehrt!
      "Ich bin hier!", rief er ihm zu und schoss sieben Lichtpfeile in die Luft, die die Soldaten mit sich rissen. "Nicht ohne ihn!"
      Er wies mit dem Kinn zu den gewaltigen Oger, der noch immer mit verdrehten Augen auf dem Rücken lag. Ein Schlag von Lysanthir mochte vieles bedeuten, aber nicht zwingend immer den Tod. Weiter versuchte der Elfenprinz die Stellung zu halten, doch musste alsbald einsehen, dass es ein verlorener Kampf war.
      Es sei denn...
      "GEHT VOR!"; rief er Lucien zu und gab Symon ein Zeichen, den Weg frei zu schießen. Wie die Kegelfiguren fielen die Soldaten einer nach dem anderen um, während sich ein Pfad zum Tor auftat. "VOLGAST!"
      Mit einem unirdischen Gebrüll warf der Mönch zwei tote Tatzelwürmer von sich und beklagte selbst einige tiefe Wunden durch die Zähne. Seine linke Schulter ähnelte einem Zwergenkäse, war sie gleichsam durchlöchert. Aber ein Arm war besser als keiner. Mit wütendem Knurren bahnte sich der General einen Weg zu seinem Prinzen. Erst als die beiden zusammen waren, förderte Andvari einen kleinen Blitz zu Tage, der ihnen zumindest Zeit verschaffte, da er die herannahenden Soldaten zu blenden wusste.
      Gemeinsam griffen sie in Hogavs Hose und schafften es nur dank Volgasts Windstößen, den massigen Körper in Richtung Tor zu schleifen.

      Tunnel

      Lhoris betrachtete Viola noch eine Weile mit einem undefinierbaren Ausdruck auf dem Gesicht, während er sich die blutverschmierten Haare aus dem Gesicht strich.
      Tilda wirkte ein wenig fahrig, während sie ihm Fragen stellte und er schüttelte den Kopf.
      "Schon gut", bemerkte er. "Muss eine Nachwirkung der Schlacht sein. Ich werde schnell paranoid."
      Er konnte ihr unmöglich mitteilen, dass Viola gerade versucht hatte, nach seinem Kern zu greifen. Es war eine Sache, dies bei Liebenden (offenbar) zu tun, aber bei Freunden oder Fremden gar? Es galt als hochgradig schändlich, wenngleich nützlich. Zu denken, dass sie derartige Künste von Sylvar erlernt haben sollte, gingen ihm fern. Der Zauberer hätte ihr dies nicht beigebracht.
      "Ich gebe Marlena Recht", sagte er ungern und sah zu der missmutigen Kräuterfrau. "Wenn sich die Wunden entzünden, hilft kein Ausbrennen dieser Welt mehr."
      Schweigsam griff er nach Viola und hob sie beinahe mühelos auf die Arme, ehe er zu den beiden Frauen sah.
      "Eilt euch!", sagte er. "Zeigt mir den Weg. Wir brauchen Süßwasser und Abstand zur Schlacht, damit wir das alles versorgen können."

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    • Haupttor - Sonnenaufgang

      Lucien von Bourgone schüttelte angesichts der Hartnäckigkeit den dreckigen, blonden Haarschopf.
      Die Willenstärke war durchaus bewunderswert und es dauerte zu seiner Schande ein paar Augenblicke, bis er begriff, dass Andvari tatsächlich vorhatte den grobschlächtigen Oger aus dem Schlachtgetümmel zu retten. Offbar ein weiterer Freund des Elfenrpinzen, der die Reihe ein seltsamen Gestalten und fragwürdigen Verbündeten erweiterte. Zwischen den eigenen Männern entdeckte Lucien altvertraute Gesichter, die sich gegen die unerbittlich anrückenden Elfen entgegenwarfen. Gesichter, die normalerweise von Steckbriefen in die neugierige Menge hinabgrinsten oder mit bitterböser Miene den Kindern Albträume bescherten.
      Der blutbefleckte Menschenprinz nickte knapp und gab seinem Ross die Sporen.
      Über die Köpfe der kämpfenden Menschen und Elfen hinweg brüllte er mit erstaunlicher Kraft in seiner Stimme Befehle gegen den Lärm. Einige Soldaten der ersten Garde drängten sich zu Andvari und Volgast vor, die einen bewusstlosen Oger in Richtung des Tores schleiften. In manchen der vom Kampf hitzigen Blicke spiegelte sich erkennen wieder. Die Erinnerung Erynn Vâr und die blutige Niederlage der Elfen, aber auch an den gefürchteten Feldherrn, der sie trotz mehrerer Speere im Leib noch verflucht hatte.
      Mit vereinten Kräften erreichte die ungewöhnliche Konstellation aus Elfen, Menschen und Oger das rettende Haupttor.
      Die schwergepanzerten Schalchtrösser hatten bereits die Linie an feindlichen Kriegern soweit zurück gedrängt, dass es beinahe möglich wäre das Tor zu schließen und wenigstens einen Eingang zum Stadtinneren zu verschließen.
      In den Straßen herrschte sprichwörtlich Krieg.
      Pferde galoppierten durch die Gassen und verwinkelten Straßen, gnadenlos trieb die Erste Kaiserliche Garde die Feine hinaus vor die Tore und tränkten das Kopfsteinpflaster mit blauen Blut.
      Schweratmend und mit verschwitzte Strähnen an Stirn und Schläfen, steig Lucien von dem schnaubenden Hengst hinab, der unruhig auf der Stelle tänzelte.
      "Meliorn hat nicht zu viel versprochen, mein Freund.", rief er herüber, als er sich auf den Weg zu Andvari machte. "Es ist gut euch an einem Stück wiederzusehen. Ein Freund von euch?"
      Mit einem Kopfnicken deutete er auf den besinnungslosen Oger, ein schwaches Abbild eines vertrauten Grinsens auf den Lippen.
      Durch das heillose Chaos von Reitern und Kriegern drängte sich der vertraute Haarschopf eines Bogenschützen.
      Keuchend und schlitternd kam er vor Andvari und Lucien zum Stehen. Vornübergebeugt schnappte er gierig nach Luft.
      "Die Kirche liegt in Schutt uns Asche. Keine Spur von den anderen.", würgte er hervor.
      Sein erster Blick glitt jedoch nicht zu Lucien sondern in Richtung seines zukünftigen Königs.
      Die Miene des Bogenschützen war ernst, als er sich aufrichtete.
      Und während um sie herum die Geräusche des Kampfes langsam leiser und dumpfer wurden, die Straßen leerer und die Sonne sich hoch über den Himmel erhob, verfinsterte sich Luciens Miene.
      In Meliorns Händen lag Dandelost in all seiner gläsernen Schönheit.
      “We all change, when you think about it.
      We’re all different people all through our lives.
      And that’s OK, that’s good, you gotta keep moving,
      so long as you remember all the people that you used to be.”
    • Selten musste der Elf zugeben, dass es gut tat, ein vertrautes Menschengesicht wieder zu sehen. Auch wenn er dieses seinerzeit mehr bezweifelt hatte als sein eigenes.
      Der Lärm der Schlacht war zwischenzeitlich verebbt und alle Parteien hatten sich eine kleine Feuerpause gegönnt, nachdem sie hinausgedrängt wurden. Symon erklärte feierlich von oben, dass die "widerlichen Spitzohren - keine Ursache - sich vaziehn, wa? -". Andvari atmete schwer und wischte sich abermals das Blut der Seinen aus seinem Gesicht. Zweifel waren nicht für die Schlacht gemacht, hatte es immer von seiner Mutter geheißen und doch durchfuhr ihn der Blitz des Zauderns, als er auf das Blut an seinen Händen sah. Seines Volkes Blut. Blut von guten Elfen, die nur einen Befehl befolgten, den grausame Herrscher gaben. Wütend ballte er die Fäuste um erst dann Lucien entgegen zu treten und ihm die Hand entgegen zu strecken. Er hatte beobachtet, wie die Menschen sich derart begrüßten.
      "Ich war selten so erfreut, einen Freund zu sehen", gab der Weißhaarige zu und kicherte kurz. "Wenn er bei Sinnen ist, ist er Hogav Trommelfeuer, aus dem Stamm der Feilzähne. Zu Zeiten des Ersten Bürgerkrieges stellte seine Familie die Könige der Oger. Er ist der Letzte einer stolzen Ahnenreihe, die weit zurück reicht. Auch wenn es mit seinem gescheiten Verstand nicht allzu weit her ist."
      Zwischenzeitlich hatten sich die übrigen Parteien mithilfe der einfallenden Armeen auch der Angreifer weitestgehend entledigt und ein wenig Ruhe in der Stadt gefunden. Die belebten Bäume raschelten neben den Soldaten durch die Straßen und die Knollenmänner reparierten sich so gut sie konnten.
      Eyrik hatte den Vorplatz des Haupttores nur mit Hilfe erreichen können, da sein Körper regelrecht ermattet dalag. Auf Sorge von Lysandra hin gab er jedoch zu verstehen, dass es nur durch die Hilfe des Halblings Bert Feuerfinger gelungen war, die seitlichen Horden zurück zu schlagen.
      Herr Bert jedoch war während der Schlacht verschieden, nachdem er heldenhaft einen Elitesoldaten gestellt und besiegt hatte. Zum Beweis wurde sein kleiner Leib mitsamt seiner Laute vor den Eintreffenden her getragen.
      Andvari begutachtete den kleinen Leichnam mit unverhohlener Trauer, während Farryn mit den Ihren von der anderen Seite eintraf. Beinahe gierig griff sie einem Zurückgebliebenen den Krug mit Ale aus der Hand und schüttete das Gesöff beinahe gierig in sich hinein.
      "Was für eine verfluchte Schifferscheiße!", grunzte sie und sah Andvari und den Prinzen des Menschenreichs an. "Und wer seid Ihr?"
      "Farryn!", donnerte Andvari und schlug sich vor den Kopf.
      Symon - zwischenzeitlich herab gestiegen von seinem Krähennest - trat durch die Tür der Schenke und sah den Prinzen ebenso an.
      "Würd ick ooch jern ma wissen, wa?!"
      "Symon...", flüsterte Volgast, der am Rande saß und seinen Arm verarztete.
      "Damit wären wir dann beinahe komplett. Herr - das sind Farryn Iapetor, Symon aus dem Hause Starkarm und Volgast Tenebria, den Ihr kennen solltet, zu meiner Schande", murmelte Andvari und wies auf Eyrik, der gerade von anderen umsorgt wurde. "Und Eyrik, der Barde."
      GErade wollte er Luft holen, da Meliorn durch die Menge stieg, völlig außer Atem Kunde bringend.
      Andvari brauchte eine Sekunde, ehe er verarbeiten konnte, was der Elf dort trug und verkündete. Mit zwei Herzschlägen erschien das Kämpfen und die eisige Luft unwichtig, beinahe obsolet in dieser Welt. Alle Farbe wich dem Elfen aus dem blassen Gesicht und die Hand von Symon an seiner Hüfte spürte er kaum, als er seine Hand auf Dandelost legte.
      "Viola...", flüsterte er.
      "Ihr jeht et jut", murmelte Symon. "Lhoris is bei ihr, wa?!"
      Jede Beruhigung verfehlte ihr Ziel, als Andvari den Elfen, dann Lucien ansah.
      "Verzeiht, ich...Wir sollten das sehen...Zeigt mir den Weg, Meliorn. Würdet Ihr mich begleiten, Lucien?"

      The more that I reach out for heaven
      The more you drag me to hell
    • Einen Augenblick lang senkte Lucien den Blick auf die blutige Hand.
      Bevor er nach der angebotenen Hand griff, zerrte er den besudelten Handschuh mit den Zähnen und einem kräftigen Ruck über das Handgelenk. Achtlos fiel das runigerte Untensiel zu Boden in den Matsch. Ein breites Grinsen erhellte das Gesicht des Prinzen, das wenig hoheitlich vor Dreck und Blut strotzte, ehe sich Lucien zu einer respektvollen Verneigung hinreißen ließ. In der Geste lag kein Spott, sondern ehrlicher Respekt vor seinem Gegenüber. Der zukünftige Herrscher der freien Menschenvölker, wobei Freiheit in diesem Punkt eine Sache der Auslegung war, verneigte sich nicht vor einem Spitzohr. Lucien schenkte den neugierigen und skeptischen Blicken aus den Reihen seiner eigenen Männer keine große Beachtung. Jeder Einzelne von ihnen wusste, worauf sie sich bei diesem Mannöver eingelassen hatte, war Lucien doch ohne die Zustimmung seines Vaters und Herrschers gen Beleriand gezogen. Im Zweifelsfall drohte ihnen das Kriegsgericht.
      "Haltet Eure Freude im Zaum, Andvari. Sonst steigt es mir womöglich noch zu Kopf.", scherzte Lucien.
      Das Grinsen erstarb beim Anblick der blutverschmierten und vom Kampf erschöpften Gesichter nicht. Eine bunte Ansammlung aus Elfen, Menschen und Halblingen sammelte sich hinter dem gesichterten Stadttor. Einen Zusammenschluss dieser Art hatte Lucien bisweilen für völlig ausgeschlossen gehalten. Überwiegend blickte er in müde aber fremde Gesichter, bis Volgast Tenebria ihm gegegnüber stand. Der Prinz der Menschen schnalzte erkennend mit der Zunge.
      "Eine Bande aus Unruhestiftern und gesuchten Kriminillen. Zu meiner Schande muss ich gestehen, dass ich nicht sonderlich überrascht bin. Alleine gegen Elitekrieger des Elfenreiches zu kämpfen setzt wohl ein gewisses Maß an Wahnsinn voraus.", grinste er und streckte zu guter Letzt sogar Volgast zum Gruß die Hand hin.
      "Ich beneide Euch um so gute und treue Gefährten, mein Freund.", fügte Lucien hinzu während nichts als vollkommende Ehrlichkeit seine Stimme begleitete. Er hatte nicht vor den Mut und die Hingabe dieser Männer und Frauen damit zu bestrafen, ihnen einen Strick um den Hals zu legen.
      Bevor er die geringste Chance bekam, die Ungewissheit um seine eigene Identität zu enthüllen und den fragenden Gesichtern die Gewissheit zu verschaffen, schnaubte Meliorn neben ihm fast empört und beäugte Farryn Iapetor und Symon mit geschmälerten Augen. Ah, der Zorn des nachträgenden Elfen schien ein wenig verflogen zu sein.
      "Das...", setzte Meliorn an und richtete sich dabei auf. "Das ist seine kaisierliche Hoheit, Kronprinz Lucien von Bourgone, Heerfrührer der Ersten Kaiserlichen Garde und zukünftiger Herrscher über die Menschenvölker."
      "Meliorn...", murmelte Lucien und fuhr sich in beinahe verlegener Manier mit der Hand über das Gesicht und bemerkte aus dem Augenwinkel wie blass der weißhaarige Elf geworden war. Verwundelich, da Andvari gewöhnlich nicht viel Farbe besaß. Die Leichtigkeit verflog ebenso schnell, wie sie gekommen war.
      "Natürlich, mein Freund.", nickte er und bedeutete Meliorn mit einem Kopfnicken, voran zu gehen.
      Eine eisige Faust grub sich in seine Magengrub während sie die vertrauten Straßen durchschritten. Einzählige Leichnahme säumten den Weg und nicht alle Körper waren bereits erkaltet. Unter ihnen entdeckte Lucien das freidliche Gesicht von Albert, den Körper sorgsam an eine brüchige Hauswand gelehnt und von Pfeilen durchsiebt.
      Der Marktplatze weckte nicht länger Erinnerungen an sorglose Feierlichkeiten und buntes Treiben, sondern glich einem Trümmerfeld. Ein Zischen erklang über die Lippen des Prinzen, als er den verdrehten und zerschmetterten Leib von Mael entdeckte. Das Genick verdreht und die leeren Augen gen Himmel gerichtet.
      Die schlichte aber hübsche Kapelle war ein einziger, großer Haufen Geröll und Schutt. Einzelne Flammen leckten an den herausstehenden Dachbalken und Rauch stieg zwischen den Trümmern empor. Gesprengt, dachte Lucien.
      Es war unschwer zu erkennen an welcher Stelle Dandelost den harten Untergrund durchschlagen hatte, denn der Boden war aufgebrochen und Risse wanderten von der Einstichstelle über in alle Himmelsrichtungen. Unweit davon lag ein weiterer Körper, der aus der Menge hervorstach: Ein Elf mit rabenschwarzen Haaren und in den Höhlen verdrehten Augen, aus dessen Mund und Nase vereinzelte Wassertropfen quollen wie aus einer versiegenden Quelle. Der verbliebene Arm mündete in eine groteske und klauenartige Absurdität. Die schwarze, wulstige Haut glänzte von rotem Blut.
      Über den Marktplatz verteilt entdeckte er schwarze, teerartige Flecken auf dem Kopfsteinpflaster. Tatsächlich kochte und gärte in manchen Pfützen beunruhigend. Der allgegenwärtige, süßliche Gestank von Verwesung verpestete die Luft und erschwerte das Atmen.
      "Bei allen Heiligen...Was ist das?", murmelte Lucien.
      “We all change, when you think about it.
      We’re all different people all through our lives.
      And that’s OK, that’s good, you gotta keep moving,
      so long as you remember all the people that you used to be.”