[2er RPG] The Lesser Evil [Winterhauch & NicolasDarkwood]

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    • Die Höchsten des Dorfes...
      Für Andvari war es schwer, dies in Worte zu verpacken, welche die Menschen verstanden. Im Elfenreich gab es in jedem Dorf eine Art Ältestenrat, der sich aus den Weisesten zusammensetzte. Hier waren das eindeutig Tilda und Albert, aber die Anderen? Bereits eine ganze Weile hatte er dem Streit gelauscht, während er selbst dem Feuer am Nächsten am Tisch saß und einen Becher Met sachte in sich hinein goss. DIe Lage war verfahren, ja. Aber derlei Streitigkeiten brachten sie auch nicht weiter. Gerade wollte er Luft holen, da VIola bereits (zu seinem milden Erstaunen) eingriff und sich für die Sache stark machte.
      Volgast befand sich direkt am Feuer und bürstete seinen Bart ein wenig durch, ohne das Geschehen aus dem Auge zu lassen, während Symon ain der Nähe der Theke saß und ein Pfeifchen schmauchte.
      Gerade als Viola die Klinge auf den Tisch knallte horchte er auf und sah mit einem bösartigen Funkeln zu dem Jägersmann herüber.
      "Wenn de an ihr zweefelst, hau ick dir op de Glocke, Bursche!", knurrte der Zwerg und fing sich einen bösen Blick von Andvari ein, der sich nun ebenfalls erhob.
      "Es ist, wie Viola sagt"; bestätigte der Elf und sah die Streithähne an. "Ja, die Streitmacht ist gewaltig. Nicht viele, aber durchaus fähige Soldaten. Soldaten, die es in entsprechender Zahl mit einem von Uns aufnehmen könnten. Jedoch ist es ebenso möglich, die Stadt zu evakuieren. Viola ist in der Lage, dieses Schild zu manifestieren und zu halten. Unseren Berechnungen zufolge stark genug um eine Welle auszuhalten, damit die Bewohner der Stadt friedlich fliehen können."
      "Un' wir halten den Rest zurück, wa?", sagte Symon grimmig und drehte sich zu den Anderen.
      Volgast nickte erneut.
      "Ich kann mir vorstellen, dass Ihr Euch alle fürchtet. Und Furcht ist nichts Schlechtes, liebe Freunde. Aber dennoch: Woran es uns fehlt, ist eine schlagkräftige Truppe. Ich vermag die Horden eine Weile aufzuhalten, aber selbst dann werde ich fallen. Die Frage ist was dann..."
      "Zumal damit zu rechnen is, dat dieser Hirnlose Faolan wieda mit seenen Würmen ankommt, wa?!"
      "Tatzelwürmer...", flüsterte Andvari und durch seine Gefährten ging ein Raunen. "Die wohl größte Gefahr ist Zwietracht. Wie viele Männer und Frauen wären bereit zu kämpfen? Derzeit erwarten wir noch die Ankunft eines Schwertes. Sollte sich Lysandra unserer Sache verschreiben, hätten wir vielleicht eine kleine Chance..."
      Aber nur vielleicht...

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    • Dankbar und gleichzeitig verwundert nickte Viola in Richtung des Zwerges.
      Die Heilerin war angenehm überrascht über den unererwarteten Zuspruch, den sie von Symon bekam, obwohl er ihr bereits bei der Meinungsverschiedenheit am Morgen den Rücken gestärkt hatte. Die ungehaltene Drohung des Zwerges förderte nicht den gewünschten Frieden des Gespräches - der böse Blick von Seiten Andvaris war durchaus verständlich- aber sorgte dafür das Viola das Haupt entschlossen erhoben hielt. Sie würde vor den Männern nicht klein beigeben.
      Tilda blickte zwischen den streitenden Parteien hin und her, ehe sie seufzend die Arme vor der Brust kreuzte.
      In dieser Haltung sah sie ihrer skeptischen Schwester beinahe zum verwechseln ähnlich, auch wenn Marlena trotz ihres jüngeren Alters verhärmter wirkte als die Wirtin. Mit einem undefinierbaren Ausdruck zwischen Dankbarkeit und Bedauern in den Augen sah sie die rothaarige, junge Frau an. Dass Viola sich wie ein lebendinges Schlild vor sie alle werfen würde, passte der älteren Frau nicht, aber eine bessere Idee hatte sie nicht.
      Mit selbstbewussten Schritten umrundete die Schankdame den Tisch und drückte den aufbrausenden Jäger zurück in seinen Stuhl, der protestierend knarrte, als dieser gerade erneut los poltern wollte nachdem er mit der lautstark auf den Tisch geschlagen hatte.
      Tilda konnte durchaus furchteinflößend sein. Daran bestand kein Zweifel.
      "Habe ich dir Großmaul nicht großzügig Zuflucht angeboten, trotz deiner fragwürdigen Geschichte? An jedem anderen Ort hätte jeder vernunftbegabte Mensch dich auf der Stelle am nächsten Baum aufgeknüpft", knurrte sie. Ein Nicken. "Und habe ich euch allen jemals Grund gegeben mir nicht zu vertrauen?"
      Bedrücktes Kopfschütteln von allen, die verbissen gegen den Elfenprinzen uns seine Gefährten angegangen waren. Mit einem zuckersüßen Lächeln blickte Tilda in misstrauische Gesichter, auch in das ihrer Schwester.
      "Gut. Offenbar besteht die drohende Gefahr, dass die Armee bereits in wenigen Stunden hier sein könnte. Also hört euch meinen Vorschlag an.", furh sie ungerührt fort. "Ich stimme Prinz Andvari zu. Wer sein Heil in der Flucht suchen will, packt noch heute sein Hab und Gut und begibt sich für den Ernstfall in die Kapelle. Wir sorgen für Feuer damit niemand in dem gottverlassenen Gemäuer friert."
      "Der Großteil der Männer will bleiben. Sie werden Heim und Hof mit ihrem Leben verteidigen wenn es dazu kommt", fügte Albert brummend hinzu. "Von den Frauen bleibt nur eine Hand voll. Sie haben sie um Kinder und die Alten zu kümmern."
      Viola ließ sich auf der alten Holzbank nieder, der mystische Schimmer der Augen verblasste und das Schild über ihrer Hand verschwand.
      "Tatzelwürmer?", fragte die Heilern und legte den Kopf schief, während sie Andvari ahnungslos ansah.
      Tilda beobachtete das Paar ihr gegenüber am Tisch mit den wissenden Augen der Erfahrung.
      "Habt ihr bereits über die Möglichkeit nachgedacht mit uns zu fliehen?.", sprach sie ruhig. "Ich glaube Eurer Einschätzung, Andvari. Wenn ihr sagt, die Armee ist nicht aufzuhalten, dann müssen wir uns vielleicht mit dem Gedanken anfreunden unserer Heimat den Rücken zu kehren. Albert sagte bereits, dass nur wenige bleiben werden und Meliorn wartet oben auf den Dächern auf eine Antwort und das Versprechen von Hilfe, dass vielleicht nie kommen wird."
      Richtig. Bisher hatte kein Wort des Kronprinzen sie erreicht. Keine Sichtung von Isobelle oder einem anderen Boten.
      "Ihr mögt die Armeen Eurer Brüder zu uns geführt haben, aber deshalb verlangt niemand von euch bei der Verteidung unserer Stadt zu sterben.", beendete die Wirtin ihren Satz und bemerkte aus dem Augenwinkel zustimmendes Nicken.
      Nicht von allen, aber es waren genug.
      “We all change, when you think about it.
      We’re all different people all through our lives.
      And that’s OK, that’s good, you gotta keep moving,
      so long as you remember all the people that you used to be.”
    • Andvari blickte zu Tilda und schüttelte langsam den weißen Schopf, ehe er sich lächelnd auf dem Stuhl ein wenig zurücklehnte. Das Lächeln war mehr entschuldigend als alles andere und doch erschien es ihm unsauber und beinahe falsch.
      Es gab nichts zu lachen hier. In dieser schaurig anmutenden Taverne mit dem hereinfallenden fahlen Mondlicht und der kalten Luft, die durch die Ritzen der Bauten wehte, erinnerte dies Konglomerat an eine Art Runde, die ihren Untergang zu feiern schien. Slebst die Mienen waren grimmig gespannt als Andvari seine Stimme gen Tilda erhob.
      "Flucht stand und steht nicht zur Debatte", bemerkte er. "Sicherlich ist es eines, eine Armee zu einem Ort zu führen, da stimme ich Euch zu, Frau Tilda. Jedoch würde meine Flucht weitere Verfolgung bedeuten und keiner wäre mehr sicher hier. Nie wieder. Sie würden jagen und sie würden Euch wie Schlachthausvieh aufknüpfen nur um zu erfahren, wo mein Elfenhintern sich verbirgt. Und ehe ich das zulasse, mögen mich die sieben Teufel holen..."
      Es hatte keinen Wert mit den Menschen zu fliehen. Es würde rein gar nichts bringen. Vielleicht war es auch Andvaris Schicksal, in dieser Stadt zu sterben. Es gab schlechtere Tode, dachte er. Und wenn er in Volgasts Gesicht sah, sah dieser es zumindest ähnlich.
      "Immerhin sind es eine ganze Anzahl Männer, das ist gut"; bemerkte der Hüne beinahe fröhlich. "Besser als nichts."
      Symon nickte und sah dann Viola an.
      "Aye, Tatzelwürmer..."
      "Alptraumkreaturen", zischte Volgast und schüttelte sich.
      Andvari räusperte sich und sah die Runde an.
      "VIelleicht ist es an der Zeit, euch allen zu sagen, was mein Bruder in der Lage ist zu tun...Faolan Valverden ist in der Lage, Kreaturen seiner Fantasie Wirklichkeit werden zu lassen. Bereits als Jüngling erdachte dieser kleine Sadist eine Reihe von Kreaturen, die regelrechten Alpträumen entsprangen. Darunter Frostwyrms und Tatzelwürmer. Tatzelwürmer sind halb Schlange, halb katzenartige Kreatur mit langen Reißzähnen. Sie zeichnen sich durch Schnelligkeit und Grausamkeit aus. Im Grunde ist mein Bruder allein eine wirksame Legion. Weshalb wir dringend erwarten müssen, dass Lysandra sich zu uns gesellt..."
      Schweigsam sah ANdvari in die Runde und seufzte.
      "Also...Volgast und Symon haben einen Plan erarbeitet. Und es ist wichtig, die Palisade am Haupttor geschlossen zu halten. So lange bis die Würmer auftauchen. Denn nur dann können wir sicher sein, dass sie all ihr Puvler auf dem Felde haben. Das Gute: So schrecklich die Fähigkeit meines werten Bruders auch ist, umso weniger kann er sie kontrollieren, wenn es zu viele werden. Die ANzahl wird überschaubar bleiben..."


      Auf der Straße zur Taverne ging ein Mann.
      Sein Name war Ulfbert und er gehörte der Gilde der Schmiede an. Gerade war der bullige Kerl mit den breiten Schultern von seinem Tagewerk zurückgekehrt und fühlte sich zufrieden ermattet, da bemerkte er eine Merkwürdigkeit auf der Straße, unweit des Brunnens. Eine Tatsache, die manch Auge sicherlich übersehen hätte, aber nicht Ulfbert, nein nein. Denn Ulfbert sah immer genau hin. Außer er trank. Oder er arbeitete.
      Denn nun war die Luft neben dem Brunnen verzerrt und erschien merkwürdig aufgeladen. Und inmitten dieser Unruhe in der Luft, tja...Da befand sich eine Tür.
      Eine schwere, reichlich ornamentierte Holztür, die einfach in der Luft schwebte und ihresgleichen suchte. Als trübe sie kein Wässerchen in dieser kalten Nacht. Das fahle Licht stand noch gerade so am Himmel und warf einen letzten Schimmer darauf ehe Ulfbert sich eilte, zur Taverne zu gelangen.
      Alle Höflichkeit über Bord werfend, riss er die Tür auf und sah in den Raum, wärhend Andvari und die anderen beiden Generäle alarmiert zum Eingang sahen.
      "VErzeiht...", murmelte der Schmied und verneigte sich. "Frau Tilda...ICh...Äh, nun...Ich möchte ungern stören, aber...DA wäre etwas Ihr Euch ansehen solltet..."
      Symon nahm gerade einen Schluck seines Ales, als er es ausspuckte, während der Mann weider sprach:
      "Da ist eine Tür, die in der Luft schwebt."
      Prustend verschluckte sich der Zwerg und Volgast zuckte regelrecht zusammen, ehe er sich eilig erhob. Andvari indes wurde bleich und machte ein verkniffenes GEsicht, als habe man ihm in den Magen gehauen.
      "Nun, äh...Dit wirste schon schaffen, wa, Spitzöhrchen?", murmelte Symon und wischte sich den Bart, während Volgast ihm seine Hand auf die Schulter legte.
      "Alles Gute, mein Freund", flüsterte er und eine Träne sammelte sich in seinem Auge..
      Und Andvari wusste, dass er die beiden irgendwann ermorden würde...
      "Ich befürchte, Lysandra ist angekommen."

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    • "Meine Großmutter, die garstige Vettel, pflegte zu sagen: Die Lebenden soll niemand ins Grad reden. Und noch sehe ich keine Toten an diesem Tisch. Es sei denn Ihr habt Euch noch eine Überraschung für uns aufgehoben, Andvari."
      Tilda, die liebenswürdige und gleichzeitig angsteinflößende Tilda, klopfte dem mürrischen Jägersmann nachdrücklich auf die breiten Schultern. Unter der Geste schien der grobschlächtige Mann mit dem Spitzbart etwas in sich zusammenzusinken. Mit der Wirtin wollte sich niemand so recht anlegen. Jedenfalls machte es den Anschein, dass die ältere Frau mit den Lachfältchen und den deutlichen Krähenfüßen um ihre Augen, selbst den Respekt der größten Halunken verdient hatte. Auf die eine oder andere Art standen sie alle in der Schuld der Schankdame.
      "Das klingt ohne Zweifel sehr beunruhigend...", murmelte Albert, als der Elfenprinz die Fähigkeiten seines Bruder beschrieb.
      "Beunruhigend?", knurrte Marlena von ihrem Platz aus. "Das ist eine ausgewachsene Katastrophe. Wie sollen wir eine Chance gegen diese heidnischen Kräfte haben? Das ist das Werk gottloser Zauberkräfte. Du verdammst alle die bleiben, Schwesterherz."
      Viola biss sich auf die Zunge und presste die Lippen zu einer schmalen Linie zusammen. Die Kräuterfrau war kein schlechter Mensch, aber geblendet von Zorn und Furcht. Marlena hatte ihren festen Platz in den Reihen der Stadtbewohner, obwohl sie die Stille der Wälder bevorzugte. Nicht jeder hieß die alten Bräuche gut. Umso verwerflicher war es, dass gerade sie mit allem Eifer gegen Andvari und seine Gefährten wetterte wie eine Gewitterhexe.
      "Vielleicht sollten wir uns erst einmal anhören, was Volgast und Symon zu ihrem Plan zu berichten haben?", erklang Viola gezwungen ruhig von ihrem Platz neben Andvari.
      Bevor jedoch ein weiteres Wort fallen konnte, wurde die Tür förmlich aufgerissen und erzitterte in der maroden Befestigung.
      Die rothaarige Heilerin zuckte leicht zusammen und beobachtete überraschte Gesichter, deren Blicke sich alle Richtung Tür wandten.
      "Nun spuck es schon aus, Ulfbert!", herrschte Tilda ihn ungeduldig an.
      Überraschung verwandelte sich in ehrliche Schrecken, als der Störenfried von einer mysteriösen, schwebenden Tür sprach.
      Erneut wunderte sich Viola über die Reaktion ihrer Gefährten.
      Sicherlich hatte Andvari ihr von dem Hintergrund der Elfenzauberin berichtet und über ihre Verbindung zu Sylvar, aber angesichts der ehrlichen Furcht in den Augen der drei Männer fragte sie sich, wie heftig Lysandras Vergeltung wirklich ausfallen mochte.
      Bedächtig lehnte sich Viola in die Richtung des weißhaarigen Elfen und sprach so leise, dass kein menschliches Ohr ihre Worte je verstehen würde bei der ganzen Unruhe. Sie wollte seine Autorität nicht untergraben und der Elf benötigte gewiss kein Kindermädchen.
      Zwischen ihnen gab es sicherlich noch Ungereimtheiten zu ihrer Rolle während des Kampfes, auch wenn Andvari hier kein weiteres Mal widersprochen hatte. Dennoch bedeutete das nicht, dass sie ihm ihren Beistand versagte.
      "Möchtest du, dass ich dich begleite?", flüsterte Viola und legte ihre Hand federleicht auf seinen Arm.
      “We all change, when you think about it.
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      And that’s OK, that’s good, you gotta keep moving,
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    • Andvari sah Viola an und nickte ihr dankbar zu. Selbst Volgast und Symon wirkten eine Spur verhaltener als sonst, denn sie hielten sich wie zwei Schatten im Rücken des Elfen, der sie zweifelnd ansah.
      "Alsdann...", murmelte Andvari und sah kurz zu der merkwürdigen Tafelrunde. "Ihr entschuldigt mich. Ich muss eine Freundin begrüßen."
      Ein leichtes Nicken, ein kurzes VErneigen und ein Stoßgebet zu den Bäumen später war er auf dem Weg in die Kälte der Nacht, die ihn wie einen Freund umfing und beinahe umschlungen hielt.
      Und während er durch den schlammverschmierten Boden trappste und sich die Schritte wie Griffe nach seiner Seele anhörten, blickte er zu der reich verzierten Holztür, die schwer in der Luft stand und sich beinahe nicht zu bewegen schien. Wenn man von dem sachten Zittern um die Holzfassade absah.
      Schweigsam trat der Elf nebst seiner Gefährtin näher und seufzte, ehe er einen letzten Schritt nach vorne machte und entschieden an die Tür klopfte. Erst nach einer grausigen Sekunde der Stille, die Volgast und die anderen nutzten, um ebenfalls näher zu rücken sahen sie zur Tür, die sich langsam und knarrend öffnete.
      Mit einem Mal kroch ein Hauch von modrigem Morast aus dem Dunkel des Nichts heraus, das die Tür beherbergte. Als würde man Vögel kreischen und Tiere jaulen hören, erklangen abertausend Stimmen aus dem Nichts heraus. Ein eisiger Hauch zog durch den Platz und wirbelte den frischen Schnee auf der sie frösteln ließ. Erst danach wurden sie der Gestalt gewahr, die im Türrahmen stand.
      Nein.
      Sie schwebte.
      Im Holzrahmen der Tür schwebte eine jung aussehende Frau, die beinahe einem Kinde glich. Ihr Haar war lockig und schulterlang und estrahlte in einem warmen Erdton. Die Ohren der Frau waren spitz und standen stärker ab als Andvaris. Es zeichnete sie als Hochelfe aus, einer ausgestorbenen Rasse, die die Menschen nur aus LEgenden kannten. Die ersten Dagdas, so hieß es, waren Hochelfen gewesen, ehe sie das Wissen um diese Fähigkeit weitergaben. Ihr magerer Körper steckte in einem violett anmutenden Gewand, das einer Borkenrinde ähnelte und ihre Augen blitzten beinahe schwarz aus ihren Höhlen.
      In der Hand hielt sie einen knorrigen Stab, der Sylvars zum Verwechseln ähnelte, als sie sachte aus dem Rahmen schwebte und sich Andvari näherte. Die Unterlippe der jungen Frau zitterte leicht als sie auf seiner Höhe zum Stehen kam und zu ihm hochsah, war sie doch kaum so groß wie Viola.
      "Lysandra, ich-"
      KLATSCH.
      Mit einer blitzartigen Geschwindigkeit hatte die junge Frau ausgeholt und dem Prinzen des Elfenreiches eine Ohrfeige verpasst. Eine gesalzene, geneigter Leser. Andvaris Kopf schnappte nach links, ehe er sich nach einer Schrecksekunde wieder zu Lysandra drehte. Nun standen Tränen in den Augen der Elfe, die sich vornüber in seine Arme stürzte und hemmungslos zu schluchzen begann...
      "Ja...Ich freue mich auch...", flüsterte Andvari und zuckte die Achseln in Violas Richtung.

      lysandra.jpg

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    • Viola hatte schon vieles auf dieser Reise erblickt, das ihr zuvor fremdartig gewesen war.
      Eine kunstvoll verzierte Holztür auf dem verschneiten Marktplatz, die durch Zauberhand mehrere Zentimeter über dem Boden schwebte, versetzte sie dabei dennoch in einen Zustand milder Überraschung. Der Anblick war schmerzlich vertraut und das sachte Zittern der Luft um das magische Gebilde herum erinnerte die junge Heilerin ein wenig zu sehr an die Magie des verstorbenen Erzmagiers.
      Jedoch zauberte die Gestalt, die letztendlich in der verzierten Tür erschien, den Ausdruck ehrliche Verblüffung auf ihr von Kälte gerötetes Gesicht. Sie bildete sich ein, dass die Temperaturen weiter gefallen waren, als die Tür sich knarzend geöffnet hatte.
      In dem hölzernen Türbogen erblickte Viola die zierliche Silhouette einer Frau.
      Die mädchenhafte Ausstrahlung der Zauberin Lysandra überraschte die Heilerin. Die jugendlichen Gesichtszüge waren von solcher Zartheit, wie sie nur die fähigsten Barden in Worte fassen konnte. Die Elfe war das Ebenbild zeitloser Schönheit in den verträumten Versen eines Poeten. Eine Hochelfe aus den märchenhaften Legenden und lange vom Angesicht der Welt verschwunden. Und soweit von der Beschreibung einer rachsüchtigen Furie entfernt, wie Volgast und Symon sie beschrieben.
      Viola verblieb in der Rolle einer stillen Beobachteerin mit einem gebührenden und respektvollen Abstand hinter Andvari.
      Die Rothaarige zuckte unwillkürlich zusammen, als die Ohrfreige ungebremst und zweifelsohne schmerzhaft das Gesicht des Elfenprinzen traf. Die Wucht riss den Kopf des Weißhaarigen zur Seite, dass Viola sich aus Solidarität beinahe selbst an die Wange gefasst hätte. Erst als sich Lysandra schluchzend gegen die Brust Elfen warf, wagte sie auszuatmen.
      Ein vorsichtiges Lächeln ruhte auf ihren Lippen, als ihr Gefährte sich offenbar ratlos zu ihr umdrehte. Sie würde Lysandra den Respekt erweisen und geduldig warten bis die Tränen für den Augenblick versiegten.
      Trauer und Wut waren Dinge, die Viola verstehen konnte.
      “We all change, when you think about it.
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    • Eine Weile lang wirkte das Bild so surreal wie ein Gemälde auf einem bloßen Steinkonstrukt.
      Eine Hochelfe, spinnefeind der Talelfen um Andvari und seine Familie. Ein Mensch, ein Zwerg und eine weitere Horde verschiedenster Gestalten standen beieinander während ein Talelf und eine Hochelfe sich in den Armen lagen und zumindest eine davon weinte. Lysandra schluchzte zwei, dreimal lautstark und griff Andvaris Wams, ehe sich ihr Atem beruhigte und die Welt wieder ein wenig Fahrt aufnahm.
      Volgast trat heran und legte eine Hand auf die schmale Schulter der Frau.
      "Schön, dich zu sehen...", sagte er lächelnd.
      "Ebenso", bemerkte Lysandra. "Wo ist der stinkende Starkarm?"
      Symon verkroch sich in der Menge bei Tilda und wurde regelrecht heraus geboten. Seufzend trat er vor und kratzte sich unwirsch am Hintern, während er sie ansah.
      "Allet im Lot, wütendes Mädchen?"
      "Halt den Rand, Stinkezwerg!", zischte Lysandra und grinste doch schief, während sie die Tränen von ihren Wangen wischte.
      Anschließend warf sie einen Blick auf die illustre Runde um sich. Ein pfeifender Ton glitt über ihre Lippen. Das braune Haar warf sie zurück und sah erst Andvari, dann Viola forschend an.
      "Da habt ihr aber eine gute Armee zusammen gestellt, meine Herren!", bemerkte sie sarkastisch und zeigte mit dem Daumen auf die Meute hinter sich. "Bauern, Handwerker und Frauen. Wirklich eine beängstigende Masse an Unfähigkeit."
      "Lysandra!", mahnte Andvari und verdrehte die Augen.
      "Nein, ich verstehe schon. Du hast mal wieder Todessehnsucht und versucht gegen deinen Vater aufzubegehren. Und mal wieder ziehst du Leute mit hinein, die nichts damit zu tun haben. Wie zum Beispiel diese machtlosen Menschen hier. Oder sehe ich das richtig?"
      "Nun...", begann der Elf doch hielt inne.
      "Also..", knurrte Symon und kaute auf der Pfeife herum.
      "Volltreffer!", sagte Volgast und nickte resignierend, während Lysandra kicherte.
      Anschließend trat sie an Viola heran und sah ihr in die Augen.
      "Und das ist das neue erste Schwert?", fragte sie und grinste beinahe bösartig. "Na ich bin gespannt, ob du es länger machst als der Rest vor dir. Wird sonst eine elende Plackerei, deine Eingeweide zuzuordnen."

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    • "Die Neue, richtig.", antwortete Viola.
      Die schönste Rose besaß sprichwörtlich auch die längsten Dornen. Die ätherische Schönheit täuschte nicht allzu lange über die spitze Zunge hinweg. Sie bekam das Gefühl erst einen winzigen Einblick bekommen zu haben. Das Lächeln im Gesicht der Heilerin wirkte wie versteinert während sie Worte sprach, die sie mit Bedacht gewählt hatte. Die Vorstellung eine Weitere in einer Reihe von Vielen zu sein, hinterließ einen ungewollt, bitteren Beigeschmack. Wie viele hatte Lysandra kommen und gehen sehen?
      Viola wollte unter keinen Umständen mit dem bedauernswerten Tropf in der Scheune tauschen. Das Ende des Nachtelfen kündigte sich an und es war kein leichter Tod, der ihn erwartete. Darauf hätte Viola die letzten Überbleibsel ihres Familienschmucks verwettet.
      Alles an Lysandra verlangte den umstehenden Schaulustigen einen gehörigen Respekt ab, trotz der zierlichen Statur. Keiner wagte sich einen unnötigen Schritt näher. Bereitwillig hatten sie den gesuchten Zwerg dem suchenden Blick der Hochelfe preisgegeben. Die Tatsache, dass ein raubeiniger Zwerg wie Symon sich vor einer gefühlt winzigen Elfe verkroch, sorgte für einiges an Unbehagen.
      Die Art, mit der Lysandra sie ansah, war ebenso herzerwärmend wie die Feindseligkeit die Nuala ihr entgegenbrachte.
      Die Anspannung in der Luft hätte mit dem richtigen Messer durchschnitten werden können.
      Die Versuchung Stärke aus einem Blick in das Gesicht ihres Gefährten zu ziehen war groß, aber sie hielt den Blickkontakt mit der Elfe aufrecht. Hinter hier hielten die neugierigen Stadtbewohner den Atem an.
      Die hauchzarte Andeutung goldschimmernder Tupfen glühte in dem tiefen Grün ihrer Iris. Ein letztes Echo der Magie Andvaris, die noch durch ihre Adern strömte bevor es endgültig erlosch.
      "Hoffen wir das Beste. Es wäre doch sehr bedauerlich sollte mein etwaiges Ableben dir unnötige Umstände bereiten."
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    • Lysandra zog geräuschvoll die Nase hoch und zuckte die Achseln. DIe Neue war zumindest ein ganzes Stückchen schlagfertiger als diese friedliebenden Idioten vor ihr. Götter, wie sehr hatte sie diese Baumumarmer gehasst. Schrecklich. Beinahe beiläufig wandte sie sich ab und fand sich in den Fängen von Andvaris goldenen Augen wieder, der sie anfunkelte.
      "Meinst du nicht, es reicht langsam?", fragte er ruhig, aber dennoch gehorsamsgebietend.
      Ihr lieben Bäume, sie mochte es, wenn er so mit ihr sprach.
      "Vielleicht reicht es fürs Erste. Doch bevor ich es vergesse: Da ihr alle schon eine kleine Armee zusammengestellt habt, habe ich zwei Überraschungen mit. Habe mir gedacht, dass die beiden Idioten als Erste hier sind, also..."
      Lysandra schob die Ärmel ihres Gewandes zurück und klatschte zweimal in die Hände. Wie von Geisterhand schwebten zwei schwere Rüstungsständer aus dem Dunkel der Tür in die kalte Nacht Beleriands. Auf diesen beiden lagen jeweils eine schwere Plattenrüstung von der Größe des Zwergs und zwei schwere Handschuhe mit Eisenverstärkung in Volgasts Größe. Beide Ständer schwebten zu ihren jeweiligen Besitzern, die sie erstaunt betrachteten.
      "Das...Das sind unsere Sternenstahlrüstungen", murmelte Volgast während Symon nur ehrfürchtig über die Oberfläche rieb.
      "Geistreich erkannt, mein schwachsinniger Freund. Dachte, ihr könntet sie brauchen. DIe Tür ist Sylvars letzte Magie, die er mir überließ um ihn zu erreichen..."
      Eine kurze Weile sank ihre Stimme ins Dunkel während sie zu Boden blickte und sich sammelte. Doch dann schüttelte die Elfe ihren Kopf und sah wieder zu Andvari hoch.
      "Ich habe auch noch ihre mitgebracht", sagte Lysandra und wies auf Viola.
      Sogleich schwebte eine weitere Rüstung heran. Diese war graziler und vollkommener gefertigt als die übrigen beiden und glänzte weißlich im Schimmer des fahlen Mondes. Symons und Volgasts Rüstungen wirkten dagegen beinahe fahl. DIe Ornamente und Kettenelemente waren kunstvoll gearbeitet und beinhalteten alle den BAum als Symbol. Die Schnittstellen wurden von Eisenblättern überdeckt und beinahe wirkte dies wie ein kunstvolles Kleid als eine sichere Rüstung.

      "Sie sei dein", sagte die Magierin zu Viola und nickte. "Und jetzt sagt mir, wo dieses vermaledeite Stück Dreck ist, das meinen Sylvar tötete..."
      Schweigsam sah Andvari hinunter und schüttelte leicht den Kopf, ehe er zur Scheune zeigte. Jedermann wusste, was Lysandra tun würde als sie sichz in Bewegung setzte und in Richtung der Scheune schwebte. Eine ganze Weile lang sah er ihr hinterher und wunderte sich, wie sehr sich manche Elfen ändern konnten. Früher hätte sie nie getötet...

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    • Viola gewann den Eindruck unter dem eindringlichen Blick der Hochelfe einer Prüfung unterzogen zu werden, deren Regeln sie nicht beherrschte. Der flüchtige Austausch dauerte nur wenige Augenblicke und kam der Heilerin dennoch vor wie eine Ewigkeit.
      Erleichterung durchströmte sie, als die Elfenzaubern ihre Aufmerksamkeit erneut auf Andvari richtete. Sie wusste nicht, wie lange sie den dunklen und unergründlichen Augen standgehalten hätte.
      Unter den neugierigen Blicken von Tilda und den restlichen Schaulustigen, die sich vor der Taverne tummelten, geschah etwas ganz und gar Erstaunliches. Ein überraschtes Murmeln erhob sich in Violas Rücken als aus der endlosen Schwärze der magischen Holztür die ersten Gegenstände schwebten. Von Geisterhand geführt, berührten sie kaum das verschneite Kopfsteinpflaster.
      Trotz der angespannten Stimmung verwandelte sich die versteinerte Miene der Heilerin in ein ehrliches Lächeln, als ihre neuen Verbündeten die Rüstungen in Empfang nahmen. Die Ehrfurcht stand den Männern förmlich ins Gesicht geschrieben.
      Viola horchte auf, als das Gespräch sich ein weiteres Mal in ihre Richtung drehte.
      Fragend ging ihr Blick herüber zu Andvari, doch bevor sie ein Wort äußern konnte, kam erneut Bewegung in die schwebende Tür durch die Lysandra gekommen war.
      Eine kunstvolle Rüstung schimmerte im bleichen Mondlicht wie der nächtliche Frost der ersten eisigen Winternächte. Der Anblick erinnerte sie an das kühle Licht der Sterne, das gleichzeitig wunderschön und unerreichbar war. Sternenstahl, hatte Volgast es genannt.
      Die Rüstung glich einem Kunstwerk, das mit äußerster Sorgfalt und großer Kunstfertigkeit geschaffen war. Viola näherte sich zögerlich und berührte ehrfürchtig die fein gearbeiteten Blätter, die den Übergang der Schulter bildeten. Das Metall fühlte sich glatt und kühl an wie die Oberfläche eines Kristallspiegels.
      Lediglich mit den Fingerspitzen berührte Viola die filigranen Ketten, die das Emblem des Baumes trugen, als fürchtete schmutzige Fingerabdrücke auf der makellosen Oberfläche zu hinterlassen. Etwas Vergleichbares hatten ihre Augen nie erblickt. Sie im Kampf zu besudeln kam einem Vergehen gleich. Viola konnte auf den ersten Blick erkennen, dass die Rüstung ihren Konturen angepasst worden war. Jemand hatte sich größte Mühe damit gemacht.
      "Ist sie wirklich für mich?", murmelte sie leise. "Sie ist atemberaubend, Andvari."
      Viola sah auf und bemerkte, dass Lysandra die Szenerie bereits verlassen hatte. Richtig, Dorynn.
      "Sollten wir sie nicht begleiten?", fragte sie.
      “We all change, when you think about it.
      We’re all different people all through our lives.
      And that’s OK, that’s good, you gotta keep moving,
      so long as you remember all the people that you used to be.”
    • Andvari schüttelte den Kopf als Viola ihre Rüstung in Empfang nahm und ihm die Frage stellte.
      "Ja, sie ist für dich und nein, wir folgen ihr nicht. DIeser Moment gehört ihr."
      Lächelnd fuhren seine Hände über die fein gearbeitete Rüstung und abermals fragte er sich, ob Schönheit einen Namen tragen konnte. War es möglich, derartig Schönes in NAmen zu bannen? Die Sternenstahlrüstungen waren aus speziellem Eisen gefertigt, das nur die Zwerge des Nordens in VErbindung mit den Elfen bearbeiten konnten. Nur die Meister beider Künste zusammen konnten derartige Kunstfertigkeit erschaffen.
      Der weißhaarige Elf sah seinen Freunden und Gefährten zu wie sie die Rüstungen von den Ständern hoben und versenkte die Hände in den Taschen.
      "Vielleicht sollten wir noch über den Plan reden", bemerkte er grinsend.
      Volgast nickte eifrig und räusperte sich.
      "Also...Symon wird den oberen Turm besetzen, hier an der Taverne", begann er und wies auf den höchsten Punkt des Dorfes. "Sein Ziel sind die Offiziere und die Tatzelwürmer wenn sie kommen. Ich werde mich hingegen den einfallenden Horden von der Königsgarde stellen. Dazu brauchen wir die Palisaden, die ihr ausgesägt habt. Für eine Weile werde ich sicherlich ein paar von ihnen damit beschießen können, aber wenn sie mir ausgehen bleibt nur der rohe Kampf eins gegen eins."
      "Und hierzu bräuchten wir eine Armee...", murmelte Andvari. "Eine Armee, die uns Lysandra liefern kann. Zumindest in Teilen. Die Kämpfer, die ihr zur Seite stehen werden ausreichen, um genügend Zeit zu verschaffen, die Stadt zu räumen. DIes ist Violas Verantwortung. Sie wird einen Schild spannen, der euch alle schützen wird. So lange wie nötig, werden wir die Verteidigung halten..."
      Und das Weitere würde man sehen müssen. Im Gesicht des Elfen zeigte sich das erste Mal eine Art Unsicherheit, die er zu kaschieren suchte. Und doch blieb ein Hauch davon zurück, das sich im Gold seiner AUgen spiegelte.
      Niemand wusste, ob er die Nacht und den Tag überlebte. Gar niemand.
      DIe Stille wurde nur unterbrochen durch die Tatsache, dass sie einen Nachtelfen auf bestialische Art und Weise schreien hörten.

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      The more you drag me to hell
    • Verständnis schimmerte in den Augen der Heilerin.
      Mit einem abschließenden Nicken sah Viola ein letztes Mal über die Schulter in die Richtung, in der Lysandra samt ihrem Wunsch nach Rache verschwunden war. Dorynn würde sich vor Anbruch des Tages wünschen, sich den verhängnisvollen Dolch in die eigene Brust gerammt zu haben.
      Während Volgast die Stimme erhob, löste Viola sorgfältig die geschickt verborgenen Verschlüsse aus poliertem Sternenstahl an den Schultern der Rüstung. Flüchtig huschte der Blick über die Anwesenden, doch vor allem der Ausdruck auf Tildas Gesicht war dem der Heilerin zum Verwechseln ähnlich. Die Frauen begriffen schnell, dass der gesamte Plan mehr darauf ausgelegt war notwendige Zeit zu verschaffen als den Sieg zu erringen. Der Gedanke kam nicht überraschend, aber legte sich wie ein schwerer Stein in ihre Magengrube.
      "Woher nimmt Lysandra die Krieger?", fragte Tilda wissbegierig. "Noch besteht die Hoffnung, dass Verstärkung unterwegs ist."
      Die Schankdame erwähnte mit voller Absicht nicht den Namen des Kronprinzen.
      Die überwiegende Anzahl der Anwesenden wusste nicht von der wahren Identität des Falkners und Tilda hielt es für klüger keine großen Wellen zu schlagen.
      Vorsichtig schob Viola die Rüstung von den Querstreben des Rüstungsständers und staunte nicht schlecht über das geringe Gewicht. Tatsächlich erinnerte das fließende Material mehr an ein edles Gewand als eine an eine Kriegsrüstung. Die dazugehörigen Beinkleider und Stiefel fanden allerdings keinen ausreichenden Platz mehr in ihren Armen.
      Mit einem fragenden Blick legte Viola den Kopf schief und sah den Elfenprinzen bittend und gleichzeitig auffordernd an. Wahrscheinlich würde sie nicht nur beim Tragen sondern auch beim anlegen der Rüstung kundige Hände benötigen.
      Die Frage, die aus ihrem Mund erklang, war allerdings eine ganz andere.
      "Und wo wirst du sein?", fragte sie und wusste nicht, ob sie die Antwort hören wollte.
      Bevor sie eine Antwort hören konnte, ertönten die grausigen Schreie des Nachtelfen in der Ferne. Die Heilerin zuckte leicht zusammen und verzog dabei das Gesicht. Nein, sie wollte wirklich nicht wissen, was dort vonstattenging. Die Albträume, die sie hatte, reichten bereits für den Rest ihres Lebens.
      Eilige Schritte näherten sich knirschend über den schneebedeckten Weg.
      Ein gehetzt wirkender Meliorn, der sich nicht einmal die Zeit nahm seine übliche federleichte und lautlose Art an den Tag zu legen, kam auf die Ansammlung.
      "Verrücktes Weibsbild...", presste er knirschend hervor. "An eurer Stelle würde ich im Augenblick einen Fuß in die Scheune setzen."
      “We all change, when you think about it.
      We’re all different people all through our lives.
      And that’s OK, that’s good, you gotta keep moving,
      so long as you remember all the people that you used to be.”
    • Der Schrei des Nachtelfen verklang wie karges Wolfsgeheul in der Finsternis der hereinbrechenden Nacht.
      Ein paar Minuten gequälter Schreie und diese verebbten beinahe so abrupt wie sie begonnen hatten. Nein, Andvari gab Meliorn Recht und schüttelte den Kopf.
      Verrückt war die Frau mitnichten. Sie war nur unendlich traurig. Und Trauer brachte MEnschen wie andere Völker zu Tätigkeiten, die man nicht ermessen mochte. Vermutlich hatte sie ihren Blutsbruder brutal abgeschlachtet und die Innenseite der Scheune in blauem Blut getränkt. Erstaunlich war es dennoch, dass es so lange gedauert hatte. Vermutlich hatte sie es sich nochmals erzählen lassen...Andvari betete, dass der Nachtelf nicht Meliorns Namen in den Mund genommen hatte.
      "Nun", räusperte sich Andvari und sah zu den Menschen. Mit einem kurzen Kopfnicken zu Symon schickte er diesen zur Scheune. Missmutig wie es der Zwergen Eigenart ist, machte sich der Starkarm auf den Weg in Richtung Haupttor. Hörbar murrend und fluchend.
      "VIelleicht wäre es wirklich besser, sich eine Weile von der Scheune fernzuhalten. Davon abgesehen...Zu deiner Frage Tilda: Lysandra ist eine sogenannte Dagda. Sie besitzt eine Affinität für jede Schule der Magie, die unser Volk kennt und kann diese erlernen. Als sie bei Sylvar lernte, war er erstaunt, dass sie eine Magie entwickelte, die die Elfenlande so noch nicht gesehen hatte. Abgewandelt von der Nekromantie ist es die sogenannte Erweckungsmagie. Lysandra kann leblose Gegenstände oder Strukturen zum Leben erwecken. Wenn ihr den Rüstungsständer einmal genau betrachtet, werdet ihr erkennen, dass er nicht nur schwebt. An der Seite finden sich abertausende kleiner Flügel, die das Konstrukt anheben..."
      Wie angesprochen wies er auf das spröde Holz des Rüstungsständers, wo man bei näherem Hinsehen das Wirken vieler und unendlich vieler kleiner, durchsichtiger Flügel sehen konnte. Selbst ein kleines Summen wirkte dort.
      "Und ich..."; begann Andvari und wusste, dass Viola es hassen würde. "Ich werde am Haupttor sein und mich um Faolan kümmern. Lysanthir müsstest du übernehmen, Volgast."
      Schweigsam nickte der Riese obgleich er wusste, das dies ein verlorener Kampf war. Sicherlich konnten sie die beiden Elfen beseitigen, das war möglich. Aber die Tatsache, dass ihnen die Königsgarde entgegen stand wirkte nicht wirklich motivierend auf die Menschen. Dies waren keine normalen Soldaten, so viel war zu sagen. Es waren Elitesoldaten, die jahrelang ausgebildet wurden. Ob sie da wirklich eine Chance hatten? Ohne die kaiserlichen Truppen?

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      The more you drag me to hell
    • Eine Leichenblässe zierte Meliorns Gesicht.
      Es war das Erste, das Viola beim Anblick des herannahenden Bogenschützen ins Auge fiel. Welche Bestrafung die trauernde Elfenzauberin für angemessen hielt, hatte jegliche Farbe aus dem Gesicht des Mannes gewischt. Vermutlich ahnte Meliorn bereits, dass sein Schicksal unter einem schlechten Stern stand, sollte der Nachtelf tatsächlich seinen Namen ausgeplaudert haben. Beruhigend legte sie eine Hand federleicht auf den Unterarm des Elfen, der sich zu der Ansammlung auf dem verschneiten Marktplatz gesellte. Viola nickte verstehend und erntete dafür ein dankbares Lächeln. Sie gab ihm keine Schuld.
      Alle Aufmerksamkeit richtete sich erneut auf Andvari, dessen Erklärung in unzählige Gesichter die reinste Form von Verwirrung zauberte.
      Es herrschte eine gespannte Stille, die nur von einem abfälligen Schnauben unterbrochen wurde, dass ohne jeden Zweifel von Marlena stammte als der Weißhaarige das Wort Nekromantie in den Mund nahm.
      Tilda, die weniger Vorbehalte als ihre mürrische Schwester hatte, näherte sich tatsächlich mit Albert im Rücken den schwebenden Rüstungsständern und begutachtete mit großen Augen die winzigen Flügel. Das Erstaunen in ihren Augen erinnerte ein wenig an Viola, als sie das erste mal die schlichte Lichtkugel erblickte hatte, die Andvari beschworen hatte um Wärme zu spenden. Tatsächlich entsprach es der Wahrheit, dass wenige Menschen den Anblick von Magie gewöhnt waren. Für Tilda und auch für Viola zum damaligen Zeitpunkt waren es kleine Wunder. Bisher war der Einsatz elfischer Magiekunst für alle mit Krieg und Leid verbunden gewesen.
      Andvari erhob erneut die Stimme und eine schaurige Kälte umfing die junge Heilerin.
      Es kam nicht überraschend, dass ihr Gefährte sich seinem jüngsten und wohl grausamsten Bruder allein stellen wollte. Der Wunsch entgegen der versprechenden Worte doch an der Seite des Elfen in erster Reihe beim bevorstehenden Kampf zu stehen, bohrte sich geradewegs in ihre Stirn. Sie sollte sein Schild sein, aber im Gegensatz zu den Bewohnern der Stadt konnte Andvari kämpfen. Vielleicht, wenn sie sich beeilten und alle in Sicherheit waren, konnte sie sich zum Haupttor durchschlagen.
      Viola konnte nicht verbergen, dass sie wenig erfreut über diese Details des Plan war. Der Krieg hatte noch nie Rücksicht auf die Wünsche der Kämpfenden genommen. Sie konnte nur hoffen, dass sie alle lange genug am Leben blieben. Tote konnte sie nicht heilen.
      "Sobald alle im Fluchttunnel in Sicherheit sind, versuche ich zu euch zu kommen.", bekräftigte die Rothaarige, fraglich wie viel Kraft sie im Anschluss noch übrig hatte und welche Hindernisse sich ihr in den Weg stellten.
      "Tilda?", sagte Viola an die ältere Frau gewandt. "Sag allen Bescheid. Sie sollen augenblicklich damit beginnen das nötigsten zu packen und sich in der Kapelle versammeln. Wir können nicht warten."
      Grimmig nickte die Schankdame und klang beinahe ein wenig wie ihre jüngere Schwester, als sie mit bellenden Kommandos Albert, Marlena und ein paar andere auf den Weg schickte. Es würde nicht lange dauern, bis sich Unruhe in den Straßen ausbreitete.
      Und es wurde Zeit sich vorzubereiten.
      Viola korrigierte den Halt der Sternenstahlrüstung über ihren Armen, damit nichts davon in den matschigen Schnee fiel und sah Andvari eindringlich an.
      "Hilfst du mir? Ich habe in meinem Leben noch nie eine Rüstung getragen.", fragte sie und versuchte sich an einem aufmunternden teils amüsierten Lächeln.
      “We all change, when you think about it.
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    • Für einen Moment war sich Andvari unsicher, wie er auf die Tatsache reagieren sollte, dass Viola ihm folgen wollte. Ein kurzer Blick zus einen Gefährten, die anwesend waren, reichte aus, um festzustellen, dass jeder wusste, dass dies vermutlich nicht geschehen würde. Einen Schild für derart lange Zeit aufrecht zu erhalten und gleichsam auch noch Angriffe abzuwehren war beinahe unmöglich. Vermutlich würde Viola danach ohnmächtig zu Boden gehen. Von einem Weiterkämpfen ganz zu schweigen, war es ein Himmelfahrtskommando. Aber anderes konnten sie nicht tun.
      Andvari sah den anderen hinterher wie sie sich entfernten und sah seine Gefährten an.
      "Symon, Krähennest beziehen und den Blick gen Norden. Volgast, Hilf bei der Koordinierung und tu was Tilda sagt. Anschließend postierst du dich am Tor. Ich stoße alsbald zu dir."
      Nachdem beide Angesprochenen nickten und ihn betreten ansahen, lächelte er.
      "In diesem Leben oder im Nächsten", grinste Andvari und zwinkerte ihnen zu, ehe er sich Viola zuwandte. Beide Gefährten wandten sich mit grimmig entschlossenen Gesichtern ab und schnappten sich ihre Rüstungen. Es galt, die Schlacht zu bereiten. Denn morgen war Krieg...

      Andvari trat zu Viola und nickte ihr zu.
      "Natürlich, komm", flüsterte er und wies ihr den Weg zurück in die Taverne. Mittlerweile ausgestorben prsasselte noch immer das Feuer an dem runden TIsch, an dem sie eben noch gesessen und beratschlagt hatten. Nunmehr war es eine verlassene Ebene. Der Rüstungsständer war sorgsam hinter ihnen hergeschwebt und postierte sich rechts vom Feuer, während Andvari zwei der Stühle wegschob.
      "Die Rüstung ist einfach anzulegen", erklärte er und löste zunächst die Blätter von den Schnittstellen. Darunter kamen Lederbänder zum Vorschein, die sorgsam geknüpft werden mussten.
      Er nahm den Bauch und Rückenteil ab und trat damit zu Viola. Beginnend mit dem Brustschutz legte er ihr das Metall an die warme Brust und drückte leicht darauf, um ihr mitzuteilen, dass sie es festhalten sollte. Als er den Rückenteil ansetzte, zeigte sich, dass die Lederbänder beider Teile wie Zauberhand zusammen fanden. Sachte und sorgsam zog er die Knoten über den Schultergelenken fest und befestigte die Blätter wieder über den Schnittstellen.
      "Ist alles in Ordnung?", fragte er, während er den Rock und die Eisernen Beinkleider vom Ständer nahm.

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      The more you drag me to hell
    • Für einen flüchtigen Augenblick überlegte Viola, worauf die Frage des Elfen anspielte.
      Die Frage ließ sich auf zwei Arten beantworten. Eine Antwort umschiffte die nagende Furcht, die Viola nie so deutlich vor einem Kampf gespürt hatte. Die andere Antwort machte jener Luft. Und die Heilerin zweifelte nicht daran, dass Andvari nicht den Sitz der Sternenstahlrüstung meinte.
      Der Blick der grünen Augen glitt in Richtung Feuer, das wärmend prasselte und das Gefühl von Behaglichkeit verströmte. Der Schankraum wirkte trostlos und leer ohne die polternden und singenden Gäste, die lebhafter wurden je weiter der Abend voranschritt. Die Theke mit den alten Holzfässern verwaist zu sehen ohne die lachende Tilda dahinter, die den Jungsprunden mit ihrem selbstgebrannten Schnaps das fürchten lehrte. Der großzügige Raum wirkte aufeinmal seltsam drückend und klein.
      Beinahe gehorsam legte Viola die Hand auf den glatten Stahl der Rüstung, über deren federleichtes Gewicht sie sich erneut wunderte. Die Rüstugnsteile passten sich perfekt den Wölbungen und Kurven ihres zierlichen Körpers an. Entweder war Magie dabei im Spiel oder der Schöpfer der Rüstung besaß äußerst scharfe Augen. Ein überraschter Laut entfuhr Viola, als sich die Leder von Geisterhand selbst zusammen knüpften und Brust- sowie Rückenteil eng an ihren Oberkörper schmiegten. Für die Eingebung vor ihrem kleinen Ausflug mit Marlena das Kleid gegen Winterkleidung aus leichter aber wärmender Wolle zu tauschen und den Rock gegen eine entsprechende Hose zu tauschen. Das Anlegen der Rüstung gestaltete sich so wesentlich einfacher.
      Ein sanfter Ruck durchlief ihre Schultern, als der Elf die Schnüre sorgfältig zuzog und die ersten eisernen Blätter zurück an ihren Platz setzte. Die kunstvollen Gebilde behinderten die Bewegung ins keinster Weise als, Viola kurz mit der linken Schulter eine rollende Bewegung vollführte.
      Viola, im vollen Bewusstsein ihrem Gefährten noch immer eine Antwort schuldig zu sein, richtete den Blick auf den breiten Rücken an die Stelle zwischen seinen Schulterblättern.
      "Ich fürchte mich.", antwortete sie schließlich mit einem Wispern. "Es fühlt sich an, als wären wir unserem Schicksal in den modrigen Kerkergemäuern von Tirion nie entkommen. Wir sind im Kreis gelaufen um an Ende des Weges wieder genau dort anzukommen und der Willkür deiner Brüder ausgeliefert zu sein. Mit gefällt es nicht, dass du dich Faolan alleine stellst ebenso wenig, wie es dir gefällt, dass ich aus mir ein leichtes Ziel mache. Die Chancen stehen schlecht, ich bin keine Närrin und habe genug Schlachten begleitet um das zu wissen."
      Viola näherte sich auf leisen Sohlen und drückte ihre Stirn an die Stelle zwischen seine Schulterblätter.
      "Die Möglichkeit dich zu verlieren, jagt mir mehr Angst ein als alle Albtaumkreaturen die Faolan je erschaffen könnte. Alles, was ich mir wünsche, ist dich ein letztes Mal zu sehen bevor das Ende kommt und die Welt schwarz wird."
      “We all change, when you think about it.
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      so long as you remember all the people that you used to be.”
    • Ein jeder Krieger lernt im Laufe seiner Ausbildung, dass die Hoffnung ein zweischneidiges und gefährliches Schwert ist. Ebenso weiß ein jeder Krieger, dass man realistisch und objektiv eine Situation bewerten sollte, die sich vor einem ausbreitet. Und Andvari selbst war derjenige, der nunmehr auf eine verlorene Schar von Bauern sah, die sich einer Elitegarde der Elfenarmee widersetzen sollte. Sicherlich konnten er und drei der 6 Fürchterlichen Generäle der Streunenden Armee Schaden anrichten und sich eine Weile erwehren, aber auch er wusste, sie würden fallen. Heute, morgen oder darauf den Tag. Und Rettung erschien ferner als ein Sommermorgen in diesem kalten Winter.
      Als er ihre Stirn an seinen Schulterblättern fühlte, ließ er kurz den Kopf hängen und wog die BEinteile der Rüstungen in den Händen, ehe er sie sinken ließ. Ein schweres Seufzen durchfuhr den drahtigen Körper, ehe er sich herum drehte und sah sie an. Ein Lächeln fuhr über die Lippen und eine Sekunde lang wusste er, was er zu tun hatte. Was richtig war. Und dennoch beschloss er das zu tun, was jedem General den Hals brach:
      "Ich fürchte mich ebenso", gab er zu und schloss die Arme um sie, damit sie nicht direkt den Zweifel in seinen Augen sehen konnte. "Aber ich weiß, dass wir es schaffen werden. Der Plan mag hoffnungslos klingen aber ich traue den Meinen wie dir. Sie sind gute Kämpfer und haben schlimmere Situationen durchgestanden als diese. Und wir sind diesen Mauern entkommen, Viola. Wir sind fort, in einem Land wo man frei sein kann. Aber es ist richtig, dass die Vergangenheit und vielleicht Zukunft uns mehr verfolgt als gedacht. Ich bin sicher, wir werden es schaffen..."
      Anschließend löste er sich kurz und lächelte, während er ihr den Weg zu einem Stuhl wies, um ihre Beine zart anzuheben und sie mit den Beinteilen zu versehen.
      "Ich mag es nicht, dass du ein Ziel bist, ja. Aber ich sehe, dass es notwendig ist. Mehr als notwendig. Ich kann diese Menschen nicht schützen, so sehr ich es wollte, aber du...Du kannst es...", murmelte er und sah sie an, als er die letzte Gürtung an ihren Beinen vornahm und ihr die Stiefel hinstellte.
      Sachte griff er nach ihren Füßen und striff die schweren Stiefel ab. Achtlos fielen die Lederballen auf den Boden und seine Hände fuhren kurz über ihren Fuß, ehe er nach dem Stahlstiefel griff und ansetzte.
      "Egal was passiert...Ich bitte dich: Wenn alle fort sind, geh mit ihnen. Ich komme nach sobald ihr fort seit. Wir werden uns mit euch zurückziehen, aber können den Schild nicht durchdringen. Geh und lauf. Wir verschließen den Tunnel..."

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      The more you drag me to hell
    • Lieber die schreckliche Wahrheit, als eine freundliche Lüge.
      Zu jedem anderen Zeitpunkt hätte sich alles in der jungen Heilerin gegen die Illusion eines Hoffnungsschimmers gesträubt. Hatte sie nicht bereits genug im Leben erlebt, um mit der Realität umgehen zu können? Dennoch nahm Viola die Worte des Elfen als das, was sie letztendlich waren: Eine tröstliche Lüge, die einen gefährlichen Funken Hoffnung entzündete und die aufkeimende Furcht milderte. Mit einem Seufzen, das Andvaris in Schwere an Nichts nachstand, schmiegte sie ihre Wange gegen den groben Leinenstoff und verbarg das traurige Lächeln an seiner Brust. An ihrem Ohr erklang der vertraute Rhythmus seines Herzens und der unverkennbare Geruch nach Feuer, Rauch und dem einzigartigen Duft des Waldes erfüllte ihre Nase.
      Ein Sprichwort besagte: Traue niemals der Vertrautheit einer Umarmung, Kind. Es ist nur ein Weg sein Gesicht zu verbergen.
      Die Wärme seiner Arme verschwand und ließ Viola trotz des knisternden Feuers mit einer frostigen Kälte zurück. Tapfer lächelte sie und rang sich ein zögerliches Nicken ab. Vielleicht konnten sie es schaffen, wenn das Schicksal ihnen gewogen war.
      Andvari folgend ließ sich Viola auf dem angewiesenen Stuhl nieder und beobachtete den Weißhaarigen mit neuer Neugierde wie er Stückchen für Stückchen die Rüstung zusammenfügte. Die zarten Berührungen lösten dabei nicht die altbekannte, leidenschaftliche Hitze unter der Haut aus, sondern erfüllte Viola mit einer allumfassenden Wärme der Geborgenheit während sie sich den erfahrenen Händen überließ. Die Muskeln ihrer Beine zuckten kaum merklich bei jedem sorgsamen Zug an Gürtung. Erst das eine Bein, dann war das andere an der Reihe.
      "Ich hoffe, du hast Recht.", erwiderte sie und ihr Blick glitt herüber zu Dandelost, dass wie ein vergessenes Relikt auf dem runden Tisch ruhte und darauf wartete in die Schlacht geführt zu werden.
      Prüfend stellte sie die Füße auf dem Boden ab und spannte die Muskeln unter dem Sternenstahl an. Obwohl sie bereits einen Großteil der Rüstung trug, fühlte es sich nicht beengt an. Die rauen Fingerspitzen über ihren nackten Fesseln, ließen den Fuß in seinem Griff zucken.
      Viola sah auf, als die Bitte an ihr Ohr drang.
      Der erste Reflex war mit allem, was sie aufbringen konnte, zu widersprechen. Ein tiefer Atemzug ließ die schmalen Schultern unter den blättrigen Strukturen der Sternenstahlrüstung erbeben. Die Rothaarige wog ihre Antwort mit Bedacht ab und presste die Lippen zu einer schmalen Linie aufeinander. Es war ein kleiner Strohhalm, an den sich Viola klammerte. Ein winziger Funken, der ihr gesamtes Schild zum Einsturz bringen konnte.
      "Du weißt, dass ich euch durch den Schild lassen kann. Eine kleine Öffnung, mehr braucht es nicht. Wir können den Tunnel von Innen verschließen wenn wir alle in Sicherheit sind."
      “We all change, when you think about it.
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    • Sachte stülpte der Elf den Stiefel über ihren Fuß und wiederholte das Spiel bei dem anderen Bein.
      Sicherlich, eine Einfuhr der anderen war möglich. Aber sie beide wussten, dass es nicht möglich war. Eine Armee die einfiel war ein zu großer Gegner und die Gefahr, dass sie frühzeitig fielen war hoch. Kampferfahrung hin oder her.
      Sachte schüttelte er den Kopf.
      "Das ist zu gefährlich", sagte er bestimmt und sah sie an, mit einer Mischung aus Trauer und Ernst im Blick wirkte er beinahe hilflos in sich verloren. Die weißen Haare lagen sanft um seine Schultern und erinnerten an vergangene Sommer. Tausende von Sommern.
      "Wenn du das Schild öffnest, birgst du die Gefahr, den Feind einzulassen. Und das ist zu riskant. Bring die Menschen in Sicherheit und überlass uns das Feld. Ich finde dich wieder. In Tausend Leben und dem Einen. Ich finde dich", murmelte er und erhob sich sachte.
      "Komm..."
      Ein Wink mit der Hand und er wartete, bis sie sich erhob um das letzte Teil um ihre Lenden zu legen. Sachte kniete er vor ihr und schwang den rockartigen Hüftschutz mit dem eisenbewährten Saum um ihren dünnen Leib und legte diesen in die obere Falte der Beinkleider an. Wie so oft schon. Auch wenn es Jemand Anderes war, dem er dies gegürtet hatte, so tat er es geschickt und fest bindend, damit es nicht abfiel. An der seite fand sich eine kleine Schnalle, wo Dandelost seinen Platz finden konnte.
      "Wir können nicht sicher sagen, ob es funktioniert", murmelte er nachdem er fertig war.
      Der Elf blieb auf den Knien sitzen und sah zu Boden, beinahe als bitte er um Vergebung bei einer hohen Herrin. Das Feuer prasselte im Halbdunkel der Taverne und innerlich wünschte er sich an die Tage des Friedens zurück, in denen ihre Sorge war, ob man ihr Liebesspiel entdeckte.
      "Ich denke, wir sollten...", begann er doch unterbrach sich als die Tür aufflog und eine wütende, staubige und blutig verschmierte Hexe hereinbrach.
      "Gott, diese verfluchten Nachtelfen! Schmecken wie ein alter Hintern, meine Gü- Oh! Störe ich?", fragte Lysandra vielsagend grinsend.
      "Nein. Was kann ich für dich tun?", fragte Andvari und erhob sich stöhnend.
      "Wollte nurBescheid sagen, dass ich Banner gesehen habe. Am Nordende der Schlucht. Sie kommen!"

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      The more you drag me to hell
    • In tausend Leben und dem Einen.
      Ein flüchtiges Leben, das den Fluch der Sterblichkeit mit sich trug. Die Zeit kannte keine Gnade für die Existenz eines Menschen, die binnen eines Wimpernschlages ein Ende fand. Und Viola würde warten bis zum Schluss.
      Betrübt senkte die Heilerin den Blick auf die geschickten Hände, die sich der Aufgabe angenommen hatte, die Stiefel fest um Knöchel und Waden zu legen. Der perfekte Sitz war kein Vergleich zu den groben Wanderstiefeln, die aus mehr fadenscheinigen Löchern bestanden als festem Leder. Prüfend krümmte Viola die Zehen und erhob sich.
      Die Sternenstahlrüstung beeinflusste bereits im unvollständigen Zustand die Haltung der unscheinbaren Heilerin, die es gewohnt war den eigenen zierlichen Körper unter lageweisen schweren Kleidungsstücken zu verstecken. Der Rücken erschien gerade und ihre Körperhaltung insgesamt weniger zurückgezogen. Ein einfaches Bauernmädchen mit erhobenem Haupt, das im flackernden Feuerschein mehr Erhabenheit ausstrahlte als alle herausgeputzten Damen am kaiserlichen Hof. Das Licht des Feuers tanzte über die herbstrote Mähne als stünde das Haar selbst in Flammen und spiegelte sich glühend auf dem schimmernden Metall der Rüstung wieder. Ihr Atem stockte, als Andvari auf die Knie sank.
      Schweigend sog Viola den Anblick des Elfen in sich und prägte sich jedes noch so winzige Detail ein.
      Die Art und Weise wie das weiße Haar in seidigen Strähnen über seine Schultern fiel, als er das Haupt neigte und mit konzentriertem Ausdruck in den Augen die blätterartigen Rüstungselemente um ihre Hüften legte. Die geschickten Bewegungen seiner Finger, die Erinnerungen an zarte und doch forschende Berührungen weckten. Vernarbte und von harten Leben geformte Hände, die sich ihr einst im zerbrechlichen Vertrauen entgegen gestreckt hatten anstatt sie einem ungewissen Schicksal zu überlassen. Bernsteinfarbene Augen, die ein Anker und Hoffnungsschimmer geworden waren. Jeder Narbe und jede Unebenheit brannte sich in ihr Gedächtnis ein.
      Für Viola stand außer Frage, dass sie nie wieder einen anderen Mann auf diese hingebungsvolle Art lieben würde.
      "Ich glaube dir.", antwortete Viola mit einem sanften Flüstern. "Und ich werde warten. Monate. Jahre. Jahrzehnte. Für den Rest meines Lebens, Andvari, wie lange es auch dauern mag. Wenn der Zeitpunkt kommt und meine Kräfte mich verlassen, ich alt und grau bin, werde ich mich nicht grämen. Sei gewiss, dass ich dich im nächsten Leben ebenso lieben werde. Und in allen Leben danach."
      Ein sanftes Lächeln ruhte auf den Lippen.
      Die Traurigkeit ließ sich kaum verbergen und doch sollten die Tränen, die sie mühevoll zurückhielt, nicht das Letzte sein an das er sich in dieser verhängnisvollen Nacht erinnerte. Viola spitzte die Ohren und versuchte einen Blick in sein Gesicht zu erhaschen. Kaum hatte sie ihre Hand erhoben, um die weißen Haarsträhnen aus seinem Gesicht zu streifen, flog die Tür der Taverne schwungvoll auf.
      Vermutlich würde sie nie erfahren, was Andvari ihr hatte sagen wollen.
      Angesichts der Ankündigung der Elfenzaubern, die gerade mehr Ähnlichkeit mit einer blutverschmierten Furie hatte, verwandelte sich das warme Blut in ihren Adern zu Eis. Das war zu früh!
      Viola straffte die Schultern und schritt auf den runden Holztisch zu. Ohne Zögern griff sie nach Dandelost und führte die Elfenklinge an ihre Hüfte. Draußen vor der Taverne erwachte die Unruhe zum Leben. Ein summenden Stimmengewirr erhob sich und der Boden schien unter eiligen Schritten zu erzittern. Aus allen Ecken und Winkeln strömten die Menschen auf den Marktplatz.
      Die Heilerin ging zurück zu Andvari und schob ihre Finger unter den ledernen Waffengurt, der Angrist fest an seiner Hüfte hielt als würde sie sich des sicheren Sitzes vergewissern. Eine fadenscheinige Entschuldigung in der Gegenwart der Elfe.
      "Versprich es mir.", forderte Viola. "Versprich mir, das ich dich wiedersehe."
      “We all change, when you think about it.
      We’re all different people all through our lives.
      And that’s OK, that’s good, you gotta keep moving,
      so long as you remember all the people that you used to be.”