[2er RPG] The Lesser Evil [Winterhauch & NicolasDarkwood]

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    • Andvari grinste breit als sie danieder lagen und ließ seine Hand gemächlich auf ihrer Hüfte ruhen, während er den Kopf ins Kissen zurückprallen ließ.
      Sein Seufzen wurde von dem Geruch von frischem Schweiß begleitet, der ihm eigentlich hätte unangenehm sein sollen. Auch das regelrechte Kleben seines Leibes sollte ihm Unbehagen verschaffen und tat es nicht. Nichts war schöner in diesem Moment, als er kichernd nickte als gäbe es nur eine Selbstverständlichkeit auf der Welt.
      "Natürlich vier Mal", bekräftigte er. "Und tragen würde ich dich vermutlich bis ans Ende der Welt wenn es mir dieses Vergnügen gibt."
      Einen Moment lang hielt er inne und sah an die Decke über ihnen, die baufälligen Dielen und die rieselnden Putzreste. Sollte es diesen Tag wirklich einmal geben? Wo sie friedlich wie normale Liebende aufwachten und einfach in den Tag hinein leben konnten? War es möglich, für einen Menschen und einen Elfen?
      Als Viola sich aus dem Bett schwang spürte er eine dräuende Kälte nach Alltag seine Glieder hinauf fahren. Als würden die eisigen Finger der Realität nach seinem Bein greifen, sah er sie dennoch anzüglich grinsend und wäre beinahe aus dem Bett gestolpert.
      "Wage es dich nicht!", rief er aus seiner unglücklichen Position heraus und verfing sich in der Decke, ehe er zu Boden stürzte um ihr hinterher zu eilen.
      Er würde um nichts in der Welt ihren nassen Körper verpassen.
      Welcher Prinz dachte so?

      Der Morgen brach wie eine Sturmflut nicht nur über die Liebenden.
      Rainalt, der Torwächter und Gregory, seines Zeichens ehemals Torwächter der Stadtwache, betrachteten die außenliegenden Bezirke und Straßen die zu der langsam erwachenden Stadt führten. Die Menschen hinter ihnen erwachten langsam und einige Frühaufsteher waren bereits auf dem Weg zu ihrem Tagewerk oder einem eiligen Frühstück. Beneidenswert, dachte Rainalt und seufzte schwer, während er sich auf seinen Speer stützte und dem eisigen Wind widerstand, der sich ihm entgegen schlug.
      "Es ist doch wirklich kaum zu fassen...", grummelte er vor sich hin.
      "Was meinst du?", fragte Gregory.
      "Hast du gehört, dass neulich die gute Sylvis einen Wächter verführt hat?"
      "Wie kommst du darauf? Habe aber Sylvis länger nicht gesehen. Ist sie noch so schön wie früher?"
      "Atemberaubend, sag ich dir...Mit Mörderti-"
      "Rainalt!", empörte sich Gregory und rückte seinen zu großen Helm gerade, unter dem die roten Haare hervorlugten. Immer dieses Gerede...
      "Ja, ja, Entschuldigung. Na jedenfalls ist sie noch atemberaubend. Und ich komme darauf, weil ich den besagten Wächter neulich gesehen habe und ihn bat uns heute abzulösen. Und was soll ich sagen: Die Stunde des Taus hat angebrochen und ich würde meinem Weibe auch gern das Bett wärmen, wenn du verstehst."
      Der Wächter gab ein klickendes Geräusch von sich und Gregory verzog das hagere Gesicht. Dass er immer nur an die Vergnügungen dachte, wenn er in Glanz und Rüstung stand. Der Hauptmann wäre nicht begeistert.
      "Er wird schon kommen", murmelte er und starrte auf die Straße.
      "Erscheinen reicht."
      "Rainalt!"
      "Ja, ja."
      Im Eifer ihrer Empörung und Müdigkeit übersahen die zwei Gestalten, die sich im Schatten der noch grassierenden Morgenblindheit des Tages durch das Tor schlichen.

      Es dauerte noch eine ganze Zeit, ehe die Menschen zahlreicher auf den Straßen wuselten.
      Der Große Mann und der kleine Mann standen in ihren Reiseumhängen und kapuzenverhangen auf der Straße und wussten wie immer nicht, wohin. Ein großes Manko, das man überwinden musste.
      "Un' jetz?", keifte der Kleine und fuhr sich immer wieder in den Schritt, als suche er etwas Wichtiges.
      "Ich würde sagen, wir machen uns bemerkbar. Es ist besser, das ohne Widerstand zu tun und ohne schwerwiegende Opfer, findest du nicht auch, werter Reisekumpan?"
      "Wie hast du mich jenannt?", der Kleine sah zu dem Großen hinauf. "Ick jeb dir jleich Kumpan. Kumpan auffe Schnauze! Dreivierdel ins Jedicht, wa?"
      "Ein anderes Wort für Kamerad, mein unterbelichteter Freund", lächelte der Große und begab sich auf den Weg zur Taverne. Dort zumindest war ein großer Platz, wo eine Ansprache gehalten werden konnte.
      "Unnerbelichtet will ick ooch meinen, wa? Richtig düsta isset bei mir! So wie sich det jehört!"
      "Was immer du sagst."
      Das schwere Bündel eines hoffentlich noch ohnmächtigen Elfen tragend schleppten sie sich zwischen den Menschen vorbei auf den großen Platz vor der Taverne, wo der Große ohne Zögern auf einen Karren stieg, sodass die Pferde wieherten und das Holz unter seinem Gewicht ächzte.
      Einige der Menschen sahen bereits zu ihnen. Für die anderen bauchte es mehr. Und so blieb dem Großen nicht viel mehr, als sich den Mantel in einer schwungvollen Bewegung vom Leib zu reißen. Wie von Zauberhand (und einem lieblichen "EY!") riss es ebenso den Mantel seines kleineren Begleiters in die Höhe und siegesgewiss breitete der große Mann, der sich als Mensch entpuppte die tellergroßen Hände aus.
      Es war für Viele dort wahrlich der größte Mann den sie jemals gesehen hatten. Größer als manche Tür und jenseits der zwei Meter Marke, waren seine Arme muskulös und definiert. Sein Alter war kaum zu schätzen und seine Hände wiesen Metallelemente auf, die seine Fingerknöchel ersetzten. Sein muskulöser Körper lag in einem grünlichen Gewand der Mönche aus dem westlichen Menschenreich und um seinen Hals lag eine schwere Eisenkette. Unbemerkt plumpste mit einem lauten Krachen und gleichsam einem Stöhnen das Bündel auf den Karren.
      "IHR BRAVEN BÜRGER VON BELERIAND! FROHLOCKET, JAUCHZET UND FÜRCHTET EUCH NICHT! DENN WIR SIND JETZT DA!", rief er mit einer Stimme, die einem unwirklichen Organ gleich kam. "MEIN NAME IST VOLGAST TENEBRIA! SO HELFET MIR IN MEINEM STREBEN, EINEN ELFEN ZU FINDEN; DERER WIR HABHAFT WERDEN WOLLEN!"
      Grummelnd und keifend befreite sich der Kleine aus seinem Umhang und entpuppte sich als waschechter und grantiger Zwerg, der sich immer noch den Schritt hielt. Seine Frisur glich einem wilden Wischmopp und in seinem Gesicht mit dem viel kurzen Bart, thronte ein bläuliches Tattoo, das ihn bedrohlich wirken ließ.
      "Du imma mit Dein' Ansprachen, Mann. Jeh mir aus dem Weg, ick muss pullern!"
      Eilig schleifte er sein Bündel auf dem Rücken mit sich und schien sich eine Ecke suchen zu wollen. Während dessen schrie ein Mensch bereits auf und wies mit dem Finger auf die beiden.
      "Wat denn??"
      Einige weitere Augenpaaren folgten und weiteten sich auf die gleiche Weise. Man kannte diese beiden. Und leider zu gut. Von Plakaten, Meldungen und Wachen.
      "TILDA! WECK SIE! SCHNELL!"
      "DIE VERRÜCKTEN SIND IN DER STADT!!!"
      "RETTET DIE KINDER; FRAUEN UND VORRÄTE!"
      "D-d-d-d-das sind Volgast, die Faust des Westens und Symon, der Bohrer. Zwei der größten Schwerverbrecher des Kontinents...", ergänzte eine keuchende Stadtwache. "Zwei der fürchterlichen Sieben Generäle der Streunenden Armee."

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    • Das Unglück lauerte mit gebleckten Zähnen hinter jeder Ecke.
      Jedenfalls genoss das Niemandsland weithin diesen fragwürdigen Ruf und machte dieser üblen Nachrede an diesem winterlichen Morgen alle Ehre. Der Himmel kleidete sich in einem tristen Grau und selten gewann ein wärmender Sonnenstrahl die Oberhand. Der Landstrich galt allgemein als karg und unbewohnbar, durch die Spuren des Krieges verwüstet und für die Menschen verloren. Obwohl auch Beleriand bessere Tage gesehen hatte, tummelte sich das pure Leben in den verzweigten Straßen. Am Ende führten sie alle zum Marktplatz. Tilda erinnerte sich an die prachtvollen Feste und Märkte aus ihrer frühen Kindheit. Zahlreiche fahrende Händler aus allen Teilen des Kontinents hatten lautstark ihre Waren angeboten. Kostbare Stoffe, exotische Gewürze, seltene und wertvolle Metalle und Kleinod hatten jedes Jahr unzählige Besucher und Reisende in die Stadt gelockt. Die Feste lang und ausschweifend gefeiert unter der tiefstehenden Sommersonne.
      Ein fröhliches Summen erfüllte die klirrend kalte Winterluft, während Tilda gutmütig die spielenden Kinder beobachtete. Sie hatte nie die Gelegenheit bekommen, selbst Mutter zu werden. Kein Umstand, der sie grämte. Die Wirtin hatte bis zum ersten unheilvollen Tag des Krieges ein von Freude erfülltes Leben geführt, verliebt und kurz davor vermählt zu werden. Als die Unruhen begannen, war ihr Verlobter mit anderen Männern ausgezogen, um sich den Widersachern entgegen zu stellen. Ein naives Unterfangen, denn keiner der Männer war je zurückgekehrt.
      Etwas traf sie dumpf zwischen den Schulterblättern und das kindliche Gelächtermachte es ihr schwer nicht ebenfalls lautstark aufzulachen. Ein Schneeball hatte sie mit erstaunlicher Präzision getroffen. Stattdessen setzte die resolute Frau die von allen erwartete harsche Miene auf und wirbelte mit erhobenem Reisigbesen zu kichernden Horde herum.
      „Oh, ihr frechen Giftzwerge!“, keifte die Schankdame mit etwas zu hoher Tonlage und deutete mit dem zerrupften Besen auf die flüchtenden Kinder. „Wartet bis ich euch in die Finger bekomme! Dann ziehe ich euch die Ohren lang, bis euch selbst die eigene Mutter für zu klein geratene Elfen hält!“
      Das Lachen hallte überschwänglich über den mittlerweile gut besuchten Marktplatz.
      Beleriand war mehr als eine Zuflucht für die verschiedensten Wesen geworden, sondern auch ein Zuhause. Der zentrale Marktplatz füllte sich mit den Angehörigen der verschiedensten Handwerke. Jäger sammelten sich zum Aufbruch, um den kargen Landstrich zu durchstreifen. Albert und seine Männer unterhielten sich angeregt. Es galt ein nicht unerhebliches Problem zu lösen. Ein Punkt, den Tilda mit dem weißhaarigen Elf unbedingt besprechen musste. Ein mürrischer, geifernder Nachtelf blockierte die Scheune und wurde im Moment von Meliorn mit Argusaugen bewacht. Eine Lösung auf Dauer war das allerdings nicht.
      In dem geschäftigen Tumult fielen die Fremden zunächst gar nicht auf.
      Aus dem Augenwinkel entdeckte Tilda mit skeptischem Blick eine breitschultrige Gestalt, die sich wie selbstverständlich einen erhöhten Stand suchte. Ohne sich wirklich umzudrehen, lehnte sie den Besen gegen die rissige Hauswand und trat ein paar Schritte vor, um zu hören, was der Fremde zu sagen hatte. Die Gestalt war ohne Zweifel imposant, aber das war es nicht, was der Schankdame Sorgen bereitete. Das achtlos fallen gelassene Bündel hatte beunruhigende Ähnlichkeit mit einem Körper, der sich nicht ganz freiwillig in dieser misslichen Lage befand.
      Und dann überschlug sich die Situation binnen weniger Sekunden, als aufgeregte und ängstliche Stimmen ihren Namen riefen. Tilda hatte die beiden Männer erkannt, Karawanen und Schwarzhändler hatten die Steckbriefe mit nach Beleriand gebracht. Ein eiskalter Hauch erfasste die unbeugsame Frau und sie straffte die Schultern, als sich viele Augenpaare in ihre Richtung bewegten.
      Ruhiger als die in Panik versetzten Menschen um sie herum, zog Tilda den vorbei Albert am Ellbogen zu sich.
      „Albert, bring sie zur Ruhe.“, flüsterte sie. „Sorg dafür, dass die Kinder von der Straße kommen. Es hilft uns nicht wie eine Schar kopfloser Hühner umher zu laufen. Beeil dich, aber bewahre die Ruhe.“

      Einen Augenblick später fiel die altersschwache Tür der Taverne hinter Tilda quietschend ins eingerostete Schloss.
      Ein tiefer Atemzug erfüllte den menschenleeren Gastraum, ein Anblick der ihr keineswegs gefiel. Eigentlich sollte sich um diese Zeit eine große Anzahl hungriger Menschen hier befinden, die sich ein deftiges Frühstück abholten. Die tatkräftige Stimmung weckte üblicherweise auch die Lebensgeister des letzten Morgenmuffels.
      Mit eiligen Schritten durchquerte Tilda den weitläufigen, urigen Raum und sprang die Treppe unters Dach beinahe empor. Die alten Knochen protestierten darunter, obwohl Tilda sich nie darüber beklagen würde. Von dem klirrenden Schlüsselbund an ihrem Gürtel, zog sie mit unzweifelhafter Sicherheit einen kleinen Schlüssel hervor. Der Ersatzschlüssel für die Wohnräume über der Taverne. Es behagte ihr nicht einfach mit der Tür ins Haus zu fallen, aber die Schonfrist für die Turteltäubchen war bedauerlicherweise vorbei. Mehr Zeit konnte sie ihnen an diesem Morgen nicht erkaufen.
      Mit der nötigen Eile betrat die Wirtin schwungvoll den Wohnraum und zog die Nase kraus. Sofort schlug ihr der vertraute und stickige Geruch einer morgendlichen Liebelei entgegen. Ihre Ohren funktionierten also doch noch tadellos.
      Mit einem Stapel frischer Kleidung unterm Arm lugte Tilda flüchtig durch den geöffneten Türspalt in eines der Zimmer. Die Laken waren zerwühlt, Kleidung war überall im Raum verstreut und die Luft schien noch schwerer als zuvor. Erneut rümpfte Tilda die Nase, aber sie war nicht hier um die Räume zu durchlüften. Abgesehen davon, war sie nicht das Hausmädchen und in dringender Eile.
      Ohne anzuklopfen, polterte Tilda in den nächsten Raum.
      „Meine Lieben, ich befürchte wir haben ein schwieriges Probl…VERLFUCHT NOCH EINS! BEIM GRAB MEINER GROSSTANTE, DIESER GARSTIGEN VETTEL, MÖGE SIE IN DER HÖLLE VERFAULEN! HÄNDE DAHIN WO ICH SIE SEHEN KANN!,“ polterte Tilda, als sie von dem Anblick einer pitschnassen Viola begrüßt wurde, die gerade mit Hilfe des Elfenprinzen – ebenso nackt, wie am Tag seiner Geburt – aus dem Badezuber stieg. Reflexartig warf sie den beiden entblößten Turteltauben die mitgebrachte Kleidung entgegen.
      Anstatt sich abzuwenden, stemmte die Wirtin die Fäuste in die Hüften. Das Einzige, das noch fehlte, war das ungeduldige Scharren mit den Füßen.
      „Ti..Tilda…“, stammelte Viola und betrachtete die unerwartete Besucherin mit großen Augen.
      „Könntet ihr euch bitte etwas anziehen?“, unterbrach Tilda die Heilerin unwirsch und das glucksende Lachen in ihrer Stimme war kaum zu überhören. „Bedauerlicherweise haben wir ein kleines Problem auf dem Marktplatz und ich bezweifle, dass ihr zwei nackt vor die Leute treten wollt.“
      Anstatt höflich darauf zu warten, dass sich die Heilerin und ihr Elf präsentabel zeigten, lehnte die Frau mit den ergrauten Haaren ungeduldig im Türrahmen und schilderte ihren Schützlingen die Lage. Hastig schlüpfte Viola in die mitgebrachten Kleidungsstücke. Ihr Kopf warf so hochrot angelaufen, dass es bedenklich aussah.
      „Kurzum, ein großer Haufen stinkender Kuhmist, der sich da vor meiner Türe auftürmt…“
      “We all change, when you think about it.
      We’re all different people all through our lives.
      And that’s OK, that’s good, you gotta keep moving,
      so long as you remember all the people that you used to be.”
    • Wenn man auch glaubte, man hatte einen friedlichen morgen in einer friedlichen Kleinstadt, wo war es beinahe Gesetz, dass dies irgendwann unterbrochen wurde.
      Zumeist waren es Wetterumschwünge oder dergleichen anderes, was den Frieden ihres geheimen Stelldicheins störte, als Andvari bereits aus dem Zuber gestiegen war und sich der Nässe entledigt hatte. Er hatte Viola etwas mehr Zeit im wunderbar warmen Nass gegönnt, da der Tag noch jung und die Strapazen der Nacht nicht unerheblich erschienen. Von draußen klopfte der Tag sein beträchtliches Lied in den Himmel. Man hörte Stimmengewirr und Schritte im Schlamm, während die Karren knirschend und knarrend über die schlammüberzogenen Wege rumpelten.
      Der Schnee hatte sich gelegt und doch würde es sicherlich kein einfacher Tag werden. Er musste mit Tilda über die Befestigung des Dorfes und gleichsam die Ausbildung der Männer sprechen und dies würde nicht angenehm. Zumindest nicht so angenehm, wie seiner Liebsten aus der Wanne zu helfen. Als er gerade nach ihr griff und ihr heraushalf flog die Tür auf und eine kolportierende ältere Dame betrat fluchend ihr Gemach.
      Anhand der Tirade hätte er beschämt sein müssen, doch stemmte er die Hände ebenso in die Hüften und sah der Schankwirtin in die Augen, während er die Klamotten fing.
      "Was soll dieser Aufstand?", fragte er während er eine schmale Lederhose und Stiefel an seine Beine bugsierte. "Was bringt Euch so in Rage?"
      Noch während er Viola schnell in ein paar Kleider half (man konnte es ihm nicht verübeln. Dieser Körper war einfach himmlisch), sah er immer wieder zu Tilda, die berichtete. Von einem Mann, größer als ein Karren und einem Zwerg, der an eine Ecke pinkelte. Von schreienden Menschen, deren Hektik jetzt erst an Andvaris Ohren drang. Waren dies die Stimmen gewesen, die sie vernommen hatten bei geschlossenen Fenstern und Kichern am Morgen?
      "Kuhmist trifft es...", murmelte er und wartete auf die Namen der Fremden, die ihnen Tilda in ihrer Geschichte erst zum Schluss mitteilte.
      Erst danach lief ein Ruck durch den Elfen.
      Blitzartig hob er seinen Kopf und man hätte meinen können, die Augen traten aus den vorgesehenen Höhlen. Das Gesicht, ohnehin bereits blass, wirkte beinahe leichenfarben und grau, ehe sein Mund ein breites Lächeln zeigte.
      "Entschuldigt mich!"; rief er und rannte los.
      Elegant schoss er an Tilda vorbei und achtete darauf, sie nicht umzuwerfen. Die Holzdielen der Treppen knarrten in einem Stakkato von Schritten die abwärts hasteten und einen weißhaarigen Elfen, der ohne Wams und Gürtel auf die Straße schoss, das Haar noch nass am Kopf klebend.
      Konnte es wahr sein?

      "KOMMT SCHON; SEID NICHT SO UNFREUNDLICH!", rief Volgast lautstark über den Platz und übte sich am Lächeln. "WIR WOLLEN NUR WISSEN WO ANDVARI IST! EIN ELF MIT WEIßEN HAAREN!"
      Er schrie noch immer und sprang erst dann vom Karren, als er genug hatte. Das Gewicht des Holzkontrukts hatte sich bereits merklich verschoben und das Pferd war darunter hervor genommen worden, sodass der große Mann nicht merkte, wie der Rest des Karrens zu einem besseren Katapult wurde.
      Mit einem vermummten Schrei schoss der eingehüllte Leib von Lhoris einer Kugel gleich durch die Luft und klatschte gegen die nächste Hauswand wo er mit einem dumpfen "UMMPF" zu Liegen kam. Gleich dahinter kletterte Symon aus seinem Abortsversteck und blickte auf dein eingewickelten Körper.
      "Ach du dickes Ei", murmelte er und griff nach dem Ende, das er für den Kopf hielt, um ihn wieder zum Platz zu schleifen. "Musst du jleich wieda so Aufhebens machn? Ick meen, der is nüsch hier, wa? Hamwa die richtije Stadt?"
      "Volgast?", fragte eine Stimme, die sie beide zu gut kannten.
      ein tiefes, zufriedenes Brummen über das Geschrei der Leute hinweg. Und Symon war beleidigt, dass die Stimme zuerst nach Volgast rief. Andvari stand vor einer alten Klitsche von Haus, dessen Tür fast aus den Angeln gerissen wurde, als er auf die Straße trat, mit nichts am Leibe als einer dünnen Hose. Der verfluchte Elf hatte schon einen Nerv für Auftritte.
      Doch Volgast brauchte nicht mehr als eine halbe Sekunde, sein Gesicht zum Elfen zu richten. Gleich einem Blumenmädchen auf der Weide, das fröhlich Blüten ausstreute, hüpfte er in langen, wenig grazilen Schritten über den Platz und übersprang mit Leichtigkeit einen Händler, der sich schreiend davon machte.
      Kanonenartig schlug er auf dem Boden auf und fiel sogleich auf die Knie, wo er seine Stirn in den Schlamm presste.
      "MAIN GRÖNIFF!"
      "Mein guter Volgast", flüsterte Andvari und wollte ihm aufhelfen. Doch der schwere Mann ließ es nicht zu. Beinahe lustig sah es aus wie der Elf versuchte, den tonnenschweren Mann aus dem Dreck zu ziehen und dieser sich nicht rührte.
      "EFF FUT MIR WEIF!", gurgelte dieser mit Schlamm, während er sich tiefer in den Schlamm presste.
      Symon indes schleifte das bewusstlose Bündel hinter sich her und trat näher an die Veranstaltung. Grimmiger hatte noch nie ein Zwerg dreingesehen.
      "Hör auf den Schlamm zu jurgeln, du alta Irrer. Alberich!", knurrte er und nickte Andvari zu.
      "Andvari, Symon."
      "Druff jeschissen. Du heißt Alberich für mich! Wir ham janz schön jebraucht, dich zu finden, wa."
      MIt einem Ruck riss Volgast den Kopf aus der Schlammpfütze und bespritzte alle mit einer Ladung Tiefenschlamm.
      "JA! WIR HABEN EWIG GEBRAUCHT!", schrie er aus voller Kehle und fing sich dafür einen Nackenklatscher von Symon.
      "HÖR UFF ZU SCHREIEN DU SCHRAUBKOPF!"

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    • Fieberhaft und mit einer ordentlichen Portion an Verlegenheit ließ sich Viola in das mitgebrachte Kleidungsstück helfen.
      Ein Kleid aus weicher, heller Wolle bedeckte ihre eilig ihre Blöße und klebte etwas ungeschickt an der noch feuchten Haut. Fahrig zupfte sie den wärmenden Material an die richtigen Stellen und versuchte sich trotz der absurden Szenerie auf Tildas Worte zu konzentrieren.
      Beunruhigt erstarrte die Heilerin in der gebückten Haltung, als sie nach einem paar gefütterter Stiefel greifen wollte.
      Welche Schergen hatten sich Zutritt in die Stadt verschafft ohne die Aufmerksamkeit der Wachen zu erregen?
      Zugegeben beim letzten Ausflug vor das Stadttor hatten die gelangweilten Männer wenig wachsam gewirkt, als sie in die eintönige Ebene aus Schnee und Kargheit gestarrt hatten. Vermutlich wäre ein ganzer Tross aus Reitern unbemerkt in die Stadt gelangt.
      Erstaunlich war jedoch die Reaktion des Elfen, der mit einem Mal sehr still und sehr blass wurde. In das Bild aus Fassungslosigkeit wollte nur das Lächeln nicht recht passen. Die junge Frau öffnete den Mund zu einer Frage und klappte in der nächsten Sekunde denselben wieder zu. Verwirrt blickte sie einem Wirbel aus nassen, weißen Haaren hinterher und dem dazugehörigen Elf, der sich gekonnt an der sprachlosen Wirtin vorbeischob und polternd die Treppe herunter verschwand. In nichts weiter bekleidet als in Hose und Stiefel.
      "Euch beiden verdanke ich es noch, dass mir irgendwann das Herz stehen bleibt.", murrte Tilda ungehalten und betrat das Zimmer mit zielstrebigen Schritten. "In den letzten Tage habe ich mehr graue Haare bekommen, als in den letzten zehn Jahren. Moment, Kindchen! Wo willst du in diesem Aufzug hin?"
      Verständnislos blickte Viola an sich herunter und betrachtete die dünne Wolle, die ihren Körper umhüllte und ihre Füße, die in den Stiefeln steckten. Mit welcher Berechtigung war die Etikette ihrer Kleidung gerade wichtig. Zugegeben, für die standesgemäßen Verhältnisse der Menschen, trug sie augenscheinlich nicht mehr als ein zartes Unterkleid, auch wenn dieses für die kältere Jahreszeit gewebt worden war. Die tiefgesetzte Naht an ihrer Brust war bei näherer Betrachtung sicherlich etwas gewagt.
      "Tilda, ist das jetzt wirklich wichtig?", fragte Viola und tippte unruhig mit den Finger auf den Holzrahmen der Tür.
      "Es mögen mehr Landstreicher als ehrbare Bürger hier leben, deshalb musst du nicht wie ein leichtes Freudenmädchen herumlaufen.", schnaubte die Wirtin und griff nach einem weiteren Bündel aus Kleidungsstücken. Mütterlich sah Tilda die junge Frau an und winkte sie wieder in das Zimmer zurück.
      "Dein Liebster wirkte zum Ende nicht sehr unglücklich über die Anwesenheit dieser Fremden, also vermute ich, bleibt Zeit um die vernünftig herzurichten. Nicht trödeln, Kind.", herrschte sie Viola an und halb ihr in ein weiteres Gewand in einem sehr dunklen Grün, das sie um die schmalen Hüften mit eine einfachen Gürtel befestigte.
      Ungeduldig ließ die Heilerin zu, fass Tilda die Verschnürungen in ihrem Rücken festzog. Kaum löste die ältere Frau ihre Hände von ihrem Rücken stürmte Viola auch schon davon. In gleicher ungestümer Manier übersprang die Heilerin jede zweite Stufe auf der wackeligen Stiege, wobei sie sowohl Angrist als auch Dandelost mit den Hände festumklammerte und an ihre Brust drückte.
      Tilda folgte ihr und stieß dabei die buntesten Flüche aus, die die Heilerin je gehört hatte.

      Viola stolperte durch die geöffnete Tür, die besorgniserregend wackelig in den Angeln hing.
      Dabei wirkte die junge Frau mit den noch feuchten Haaren, die ihr wild im Gesicht klebte, mehr wie ein ungeschickter Bauerntrampel und weniger wie eine elegante Dame. Die Schwerter an die Brust gepresst, flog ihr Blick gehetzt über die Menschenansammlung. Da entdeckte sie Andvari, der versuchte einen Berg von einen Mann von den Knien zu holen. Es nach nicht nach einem Kampf aus, was für die Frau noch mehr Fragen aufwarf. Was bei den Göttern war hier los?
      Langsam näherte sie sich der seltsamen Konstellation und warf einen ersten Blick auf die beiden Fremden. Der Große von breiter und wirklich beachtlicher Statur, hatte sich vor den Elfenprinzen förmlich in den Schlamm geworfen. Das tat niemand, der Andvari an den Kragen wollte. Der kleine Zwerg daneben wirkte auf den ersten Blick überaus grimmig und wenig freundlich.
      Viola zuckte unter dem lauten Aufschrei zusammen und hätte beinahe die Schwerter fallen lassen.
      "And..Andvari, was..?", stammelte Viola.
      Der perplexe Ausdruck auf ihrem Gesicht wechselte zwischen Verwirrtheit und Sorge in solche beeindruckender Geschwindigkeit hin und her, dass Tilda - die außer Atem bei Viola stand - ganz schwindelig davon wurde.
      Tilda musterte die Gesuchten, deren Gesichter auf dutzenden Steckbriefes prangten, mit den nötigen Argwohn.
      Um sie herum, war das chaotische Stimmengewirr verstummt und hatte stillem Erstaunen Platz gemacht.
      "Ihr besitzt wirklich merkwürdige Freunde, Andvari.", sagte Tilda.
      “We all change, when you think about it.
      We’re all different people all through our lives.
      And that’s OK, that’s good, you gotta keep moving,
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    • Zugegeben, die Szenerie war durchaus nicht gebräuchlich für die meisten.
      Da stand ein Elf, die Arme in den Armen eines Riesen verknotet und diesen hinaufziehend neben einem Zwerg, der ein Bündel, das zwischenzeitlich zappelte hinter sich her schliff und mit einem weiteren Bündel auf dem Rücken beladen war. Der Zwerg, seines Zeichens Symon Starkarm, Dritter Fürst unter dem Berge und Herr des 11. Zwergenclans der Starkarme, trat näher an die Szenerie heran und warf einen grimmigen Seitenblick zu Tilda und Viola.
      "Wat denn?", keifte er. "Kann ma nüsch ma 'nen alten Freund begrüßen, wa?"
      Andvari indes unterließ sein Streben und richtete den Blick zu Symon, den er mit einem ebenso grimmigen Blick strafte. Anschließend sah er zu Tilda und Viola.
      "Das, Tilda und Vioa, sind Volgast Tenebria aus dem Westen eures Reiches und Symon Starkarm, den man "den Bohrer" nennt. Sie sind zwei der Sieben Schwerter und zwei der -"
      "Fürchterlichen Sieben Generäle!"; rief Gregory, der Wachmann dazwischen und richtete seinen Speer auf Symon. "Berufsverbrecher! Ausgestoßene! Hundsfotte!"
      "Ick wür' dir ratn, den Zahnstocher hinzulejen, Freundchen...Sonst kannste ma kieken wie de kieken tust."
      Die Aura des Zwergs veränderte sich und es schien, als würde der Winter aus einer zugigen Miene herausbrechen. Beinahe war es den Anwesenden als hörten sie rhythmische Hämmer im Schlage und einen grausigen Gesang in der Luft, ehe Gregory den Speer beinahe fallen ließ.
      "Wir sind weit gereist, werte und gute Leute!", rief Volgast und erhob sich, wobei er selbst Andvari um ein gutes Stück überragte. "Farryn fand mich in meiner Meditation und Eyrik fand Symon. Als wir gerade berieten, wie es weitergehen sollte, erreichte uns die Nachricht im Winde..."
      Ein betretenes Schweigen entstand, als sich selbst Andvaris Blick verdunkelte. Die Nachricht vom Tode Sylvars. Und dem Ruf nach den Schwertern.
      Andvari wollte den Mund öffnen, da trat Symon an ihn heran und schlug sich zweimal behände auf die Brust. Volgast tat es ihm gleich, während Andvari zu grinsen begann. Traurig zwar, aber erleichtert. Die alte Ehrerbietung der Toten. Im Elfenreich eine normale Geste, im Menschenreich beinahe unbekannt.
      "Dank Euch...", flüsterte er.
      "Wir haben den Ruf weitergeleitet", begann Volgast erneut und sah auch Tilda und Viola an. "Die Streunende Armee wurde zusammengerufen, mein Prinz. Die Elfen und Völker schließen sich in Scharen an und warten nur auf den Angriff. Farryn und Eyrik haben beschlossen, die Truppen zu sammeln und nach Süden zu geleiten und uns vorgeschickt."
      "Jo, un' wir sin' jereist, wa. Janz schöner Schleif bis hierhin. Jibt was zu fressen hier? Hab Hunger!", keifte Symon und wanderte in Richtung der Taverne.
      "Das ist fantastisch, dass ihr hier seid!", grinste Andvari und sah zu Viola. "Mit diesen Beiden haben wir zwei Drittel der stärksten Angriffskraft der Streunenden Armee vereint!"
      "Ach, ehe ichs vergesse. Lysandra wird auch bald anreisen."
      Und das -
      Das war der Moment des Schweigens und der weißen Gesichter. Selbst ANdvari erhielt einen versteinerten Ausdruck auf dem Gesicht und sah sich ungläubig zu Volgast um...
      "Ly-ly-ly-Lysandra?", fragte er zitternd und schlang die Arme um sich. "Weiß sie..."
      "Oh ja..:Sie weiß von Sylvars Tod..."
      "Verfluchte Bockmist..."

      The more that I reach out for heaven
      The more you drag me to hell
    • Die Neuankömmlinge gehörten also zu den Sieben Schwertern.
      Verbrecher und Betrüger, auf deren Köpfe ein großzügiges Kopfgeld ausgesetzt war. Ein gewöhnlicher Bauer konnte davon bis an sein Lebensende beruhigt den Pflug im Graben liegen lassen. Ein wenig Erkenntnis zeigte sich in Violas Blick. Vermutlich waren ihr die Namen zu Dienstzeiten in der kaiserlichen Garde zu Ohren gekommen. Allerdings war die Heilerin genug mit den Verletzten beschäftigt gewesen und steckte zumeist bis zu den Handgelenken in tiefen Wunden, um sich mit derlei Angelegenheit zu befassen. Für Gerüchte und Wunschträume blieb in den Lazaretten wenig Zeit. Die zierliche Frau straffte die Schultern, als sich neugierige Blicke in Richtung der Frauen bewegten.
      Volgast warf einen wahrlich beeindruckenden Schatten. Ein Berg von einem Mann, der augenscheinlich sogar die spärliche Wintersonne verdunkelte. Allein des Nachts auf einem dunklen Pfad hätte sie vermutlich ein Stoßgebet an alle ihr bekannten Götter geschickt. Der Hüne überragte sogar Andvari spielend und die Frau an der Seite des Elfen fühlte sich mehr denn je wie ein Winzling, umgeben von Riesen. Nicht der einzige Mensch in diesem bunten Haufen zu sein, beruhigte sie auf seltsame Art.
      Der Zwerg, Symon, mit seinem eigentümlichen Dialekt und den blumigen Wortschatz, wirkte zunächst weniger bedrohlich. Hunde die bellten, bissen bekanntelich nicht. Die eisige Aura, die sich um den Zweg erhob, veränderte den ersten Eindruck innerhalb weniger Sekunden. Vor Schreck ließ die anklagende Woche den Speer beinahe aus den zitternden Fingern fallen. Das beklemmende Gefühl schnürte Viola allmälich die Kehle zu.
      Volgast ergriff erneut das Wort mit lautstarker Stimme und zerstörte zu den bedrückenden Moment.
      Erleichtert atmete Viola auf, als sie hörte, dass Farryn und Eyrik wohl auf waren. Zumindst waren sie die bei der letzten Begegnung mit ihren polternden Gefährten gewesen. Jedenfalls eine gute Nachricht, die sie wohl verdient hatten.
      Unsicher, wie viel die alten Freunde den anderen Schwertern verraten hatten, über den Elfenprinzen und seine sterbliche Gefährtin, blieb Viola ein wenig im Hintergrund. Es war immer noch fraglich, ob jeder mit derselben Herzlichkeit wie die Kriegerin und der Barde oder mit der Selbstverständlichkeit von Lhoris reagierte. Und ehrlich gesagt, waren die beiden Neuzugänge ihr unheimlich.
      Allerdings erfüllte sie die stumme Geste der Ehrerbietung ihren Geist mit Ruhe und das Herz mit Wärme.
      Keiner würde das Andenken des Erzmagiers vergessen und der Verlust hatte ein großes Loch in ihre Reihen gerissen.
      Zunächst stumm um den Augenblick nicht zu stören, befreite sie Angrist aus dem klammernden Griff ihrer Arme und reichte das Schwert im Anschluss an den weißhaarigen Elfen herüber. Im Gegensatz zur Herzensschneide war diese Elfenklinge von beachtlichem Gewicht und ihre Arme wurden langsam müde. Erst dann ergriff die Rothaarige das Wort.
      "Ich bin erleichtert, dass Meliorns Nachricht Euch erreicht hat. Die Sorge war groß, dass niemand rechtzeitig eintreffen würde. Und mein Name ist Viola.", sagte sie mit ruhiger Stimme, obwohl Andvari ihren Namen bereits erwähnt hatte und senkte das gläserne Elfenrelikt, das sie umklammerte wie einen Anker.
      Lysandra. Der Name war ihr neu.
      Scheinbar stand sie ihn Verbindung mit Sylvar. Zumindest bereitete der Name dem Elfenprinzen sichtliches Unbehagen.
      "Wer ist Lysandra?", fragte Viola ahnungslos und sah zwischen den Parteien hin und her.
      Hinter schien auch Tilda endlich aus der Starre zu erwachen und näherte sich Fremden, aber wohl nicht ungebetenen Gästen. Mit aller der Unruhe und dem Unmut, der zwischen den verängstigen Stadtbewohnern munter köchelte, würde es schwierig die gerechtfertigte Anwesenheit dieser Männer zu erklären. Die Situation glich einem Pulverfass, dass jeder Sekunde hochgehen konnte.
      Beiläufig und mit steil empor gehobener Augenbraue reichte sie dem zitternden Elfenprinzen den sauberen Wams, den sie ihm offensichtlich hinterher getragen hatte.
      "Nennt mich Tilda. Wer in Beleriand bleiben will, sollte darauf achten, mir nicht auf die Füße zutreten, meine Herren. Und wo wir gerade dabei sind: Keine Geiseln hinter meinen Stadttoren, also lasst den armen Tropf aus dem Sack. Aber dalli.", schnaubte die Wirtin Dabei stemmte sie in vertrauter Manier die Hände in die ausladenden Hüften und setzte ihre grimmigste Miene auf. Dabei machte sie sogar ihrer missmutigen Schwester wahre Konkurrenz. Offenbar hatte niemand außer ihr Notiz von dem armseligen Tölpel genommen, der wie ein lästiges Anhängel über den Boden geschleift wurde. Dabei stellte sich die forsche Dame ohne mit der Wimper zuzucken dem schimpfenden und keifenden Zwerg entgegen.
      Um sie herum, schienen die Schaulustigen die Luft anzuhalten.
      “We all change, when you think about it.
      We’re all different people all through our lives.
      And that’s OK, that’s good, you gotta keep moving,
      so long as you remember all the people that you used to be.”
    • Einen Moment lang erzitterte die Luft regelrecht, als der Zwerg Tilda ansah und sich kurz fragte, wie er die Frau am besten aufessen konnte. Erst danach entspannte sich merklich das Gesicht des Zwergs und er ließ das Bündel, das erneut stöhnte, zu Boden fallen.
      "Wenn ick 20 Jahre jünger wär...Würd ick dir ausführ'n, ick sach dir!", murmelte er und zuckte die Achseln.
      Andvari nahm sein Schwert dankbar und leicht verwirrt entgegen und grinste sie an.
      "JA; MELIORNS NACHRICHT HAT UNS WOHL-", schrie Volgast und fing sich dafür erneut einen Nackenschlag des Zwergs. "Ich meine, die Nachricht hat uns wohl erreicht. Die einzige Tatsache, dass wir nicht alle hier sind, ist lediglich Hogav zu verdanken. Er sitzt in einem Gefängnis der Zwerge und muss erst befreit werden. Aber Farryn und Eyrik kümmern sich."
      Anschließend neigte er höflich den Kopf und lächelte.
      "Ich bin Volgast Tenebria. Und dieser missmutige kleine Saftsack ist Symon Starkarm", sagte der Riese während der Zwerg einen Schrei der Empörung entließ, während er die Laken auswickelte.
      "Ick bin jefälligst der größte Saftsack hier, wa?!", donnerte er und schüttelte fluchend und grummelnd den Kopf. Erst nach einiger Zeit kam Andvari ob der merkwürdigen Situation wieder zu sich und sah Viola weißlich an.
      "Lysandra...Ja nun...", begann er und kratzte sich am Kopf. "Lysandra ist auch eines der Sieben Schwerter. Das zweite Schwert, um genau zu sein."
      Volgast nickte.
      "Und wir alle SCHEIßEN UNS VOR IHR EIN, KAZEHAHAHAHAHAHAHAHA!"
      ein weiterer Schlag des Zwerges, der mühelos in die Höhe sprang und den Glatzkopf mit einem klatschenden Geräusch beglückte.
      "Jetz machma leiser, du alta Knochenkopp!"
      "ist doch wahr...", murmelte Volgast und sah wieder zu Viola. "Lysandra Maculya ist die erste Schülerin von Sylvar gewesen. Aufgrund ihres Jähzorns hat sie einen Fehler gemacht weshalb Sylvar sie verstoßen musste und seither lebt sie alleine in einem Sumpf. Wir nennen sie "die Königin des Jähzorns" "
      Das Lachen des Priesters wirkte unecht und gleichsam erleichtert, dass er die Bürde los war.
      Erst anschließend durchfuhr einS chrei seine Glieder, als Andvari mit geöffnetem Mund vor einem zu einem Bündel verschnürten Lhoris sah, der mit einer Platzwunde am Kopf am Boden zappelte.
      Der Zwerg hatte die Laken entfernt und sah zu Andvari, der sich nicht mehr rührte.
      "Wawawawawawawawawawawawa..."
      "Spitzohren", grummelte Symon. "Kaum sehn se einen Kameradn verschnürt, is direkt die Hölle los..."
      "Was habt ihr getan????", fragte Andvari und ging langsam auf Lhoris zu, ehe er sich hinkniete um ihn zu befreien.
      Symon indes bohrte hemmungslos in der Nase, während Volgast schuldbewusst zu Boden sah.
      "War uns im Wech, der alte Schnüffla, wa. Hat uns uffjespürt und dann jab es ein Handgemenge, weil wa dich überraschn wollte, weeßte. Und er wollt nüsch hörn und ja...Dann lag er da..."
      "Ohnmächtig", sagte Volgast.
      "Jefesselt", ergänzte Symon.

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    • "Das Süßholzgeraspel wird Euch nichts nützen, Herr Zwerg.", antwortete Tilda. "Angesichts des Umstandes, dass ihr ohne Erlaubnis in die Stadt geschlichen seid. - Mit den beiden Holzköpfen vom Wachdienst habe ich dahingehend noch ein Hühnchen zu rupfen."
      Ein finsterer Blick schweifte über die neugierigen Zuschauer von denen zwei Wachen kreidebleich dreinblickten und offensichtlich Mühe hatten, sich unter Tildas aufgebrachter Art nicht vor Angst selbst zu bepinkeln. Ein Ausdruck, der die Wirtin offensichtlich zufrieden stimmte und die wieder den Zwerg namens Symon kritisch unter die Lupe nahm. Tilda verlangte jedem Mann egal ob Elf, Mensch oder Zwerg den nötigen Respekt vor ihrer Person ab. Eine Eigenschaft, die Viola ein wenig beneidete.
      "Also...", holte sie Luft und erhob mahnend einen Zeigefinger. "Behaltet Eure unangebrachten Schmeichelein für Euch. Ihr seid nicht der erste Zwerg, der versucht war mir seinen Hammer zu präsentieren und ich bezweifle, dass ihr besser darsteht als Eure Verwandschaft."
      Weit hinten in der schaulustigen Menge erklang ein verhaltenes Kichern, dessen Herkunft nicht zu bestimmen war.
      Die Aufmerksamkeit wanderte erneut in Richtung des hünenhaften Volgast.
      Ein Riese, ein Zwerg und die Aussicht auf eine unegstüme und unberechenbare Zauberin ware keine Aussichten, die Tilda glücklich stimmten. Allerdings war in diesen düsteren Zeiten jede Hilfe, gleich wie fragwürdig sie war, besser als nichts.
      "Augenblick," unterbrach Viola das Gewirr aus Stimmen. Unter Volgast dröhnendem Organ, ging die sanfte Stimme beinahe wie ein Flüstern untern.
      "Das verstehe ich nicht.", versuchte sie es lauter und wartete bis sie die kurzweilige Aufmerksamkeit der Männer gewonnen hatte. "Ich dachte Sylvar trug den Titel des Zweiten Schwertes?"
      Die Erinnerung an das Gespräch über die Angehörigen der Schwerter erschien undurchsichtig. Hatte sie selbstverständlich angenommen, dass Sylvar in den engen Kreis aus Vertrauten gehörte trotz seines schwerwiegenden Verrats in der Vergangenheit?
      Lysandra klang bei Weitem nicht wie eine angenehme Person. Selbst Andvari schien es vor einer Begegnung zugrauen und es reichte definitv eine Elfe aus, die die Heilerin mit Blicken durchbohrte. Mit Nuala wurde sie schon fertig, aber Lysandra klang...uneheimlich.
      Eine Antwort bekam sie letztendlich nicht sofort.
      Hinter ihr stieß Andvari einen erschrockenen Aufschrei aus und alle Blicke richteten sich auf das stöhnende Bündel im matschigen Schnee.
      Mit Bestürtzung erkannte auch Viola den schwarzhaariegen Krieger unter dreckigen und durchnässten Laken. Selbst ohne die blutverklebte Platzwunde am Kopf sah der Schwertkämpfer arg mitgenommen aus.
      "Lhoris!," klang es im Chor von den Frauen.
      "Herrje, da wird ja das Wildschwein im Kochtopf verrückt.", schnaubte Tilda und warf den beiden recht furchteinflößenden Männern einen vernichtenden Blick zu.
      Viola näherte sich mit eiligen Schritten dem kläglichen Bündel und zögerte nicht, ebenfalls auf die Knie zu sinken. Während Andvari sich an den Fesseln zu schaffen machte, zog die Heilerin mit geschäftigen Fingern den Knebel aus dem Mund des armen Lhoris. Behutsam legte sie die Hände seitlich an sein Gesicht, um den Kopf etwas zu stützen. Aus Erfahrung wusste sie, dass Kopfwunden heftig bluteten, aber oftmals weniger gefährlicher waren als sie aussahen. Trotzdem begutachtete sie die Verletzung mit größter Sorgfalt.
      "Bringen wir ihn hinein. Ich muss die Wunde reinigen.", sprach sie ruhig zu Andvari, ehe sie sich wieder an den besinnungslosen Elf wandte. "Könntest du aufhören zuzappeln? Bitte."
      Mit dem Daumen fuhr sie unter der der verkusteten Platzwunde entlang. Vor Blut graute es die Heilerin dank ihrer Berufung schon lang nicht mehr, der eigentümlich Geruch nach Metall war ein stetiger Begleiter. Sie hatte of genug in Lachen davon gekniet, ob rot oder blau spielte dabei keine Rolle.
      Um sie herum begann Tilda die Leute nach Hause zu schicken. Zuerst musste sie sich ein Bild machen, bevor sie damit an die Bürger trat. Das konnte noch heiter werden.
      "Natürlich? Ein unglücklicher Zufallen...", murmelte Viola kofpschüttelnd, auf das Gestammel von Volgast und Symon.
      “We all change, when you think about it.
      We’re all different people all through our lives.
      And that’s OK, that’s good, you gotta keep moving,
      so long as you remember all the people that you used to be.”
    • Man konnte von diesem Szenario halten was man wollte.
      Lhoris, der an Andvari und Viola gebunden dalag und mittlerweile aus seinem Koma erwachte, war jedenfalls nicht erfreut. Kaum war der Knebel aus seinem Mund gehoben, fixierte er seine beiden Peiniger und knurrte wütend auf, während Andvari kurzerhand die Fesseln zerriss.
      "Ihr beiden Verrückten!"; zischte er. "Habt ihr eigentlich euren erbärmlichen Verstand verloren?"
      "Nu bleib ma ruhig, Spitzöhrchen", murmelte Symon und popelte wieder in der Nase. "Wir ham dir nu nüsch wehtun wolln, wa? Du has' dich aber jewehrt, wat solltn wa machen?"
      "Reden?!?!", antworteten Andvari und Lhoris unisono, während viola ihre Erstdiagnose stellte.
      Unter mühsamen Ächzen des Elfen, hoben Andvari und Viola ihn auf die Beine, nachdem er Volgast als seine Unterstützung abgelehnt hatte (ein wütendes "Fass mich an und du sammelst deine Finger einzeln auf!")
      "Na, mir redn war da nüsch viel, wa?"
      Symon war das Ganze herzlich egal. Er fixierte Andvari mit einem vernichtenden Blick und wanderte an der merkwürdigen Szenerie vorbei in die Taverne. Sollten diese Menschen sich aufregen. Es gab mehr und wichtigeres zu tun als so was hier.
      Volgast trat an die Seite der Heilerin und seufzte.
      "Er nimmt es mir übel, oder?", fragte Andvari traurig während sie sich ebenfalls in Richtung der Taverne bewegten.
      "Sehr", bestätigte Volgast, diesmal in Normallautstärke. "Er hat den Tod seiner Frau nicht überwunden. Spricht jeden Tag abends mit ihrem Geist und sehnt seinen eigenen Tod herbei."
      "Ich werde mit ihm sprechen...", flüsterte der Weißhaarige und sah anschließend zu Viola. "Deine Frage. Ja, Sylvar war das zweite Schwert. Aber da bereits damals sein Spiel mehr als gefährlich und doppelt war, haben wir den Posten des 2. Schwertes vorsichtshalber doppelt besetzt. Lysandra war mehr der Ersatz, aber kam bei unserer Zerstreuung damals doch recht gut zum Tragen."
      Volgast nickte und sah lächelnd zu Viola hinab.
      "Du bist also das neue Erste, nicht wahr?", fragte er erwartungsfroh und nickte für sich selbst. "Es ist mir eine wirkliche Ehre und eine Freude, endlich einen zweiten Menschen in unseren Reihen begrüßen zu dürfen. Darf ich fragen, aus welchem Teil des Reiches du stammst?"
      Er wirkte ehrlich interessiert, während Lhoris ihn nur giftig anstarrte. Innerlich ärgerte sich der schwarzhaarige Elf darüber, dass es nicht mehr als einen Schlag von Volgast gebraucht hatte, um ihn zu entwaffnen und kampfunfähig zu machen.
      Im Inneren platzierte Andvari Lhoris vor das Feuer in der Mitte der Taverne und setzte sich selbst auf einen der Schemel. Symon hatte sich am Feuer einen Platz gesucht und eine runzlige Pfeife aus der Tasche gefördert, die er eifrig und sorgsam stopfte.

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    • Die Neue...
      Viola hielt den Blick auf das rutschige Kopfsteinpflaster gesenkt.
      Keinesfalls wollte sie unter der Last des schwarzhaarigen Elfen, dessen Arm sie sich ohne Zögern über die Schultern gelegt hatte, das Gleichgewicht verlieren. Sicherlich trug Andvari das meiste Gewicht seines Schwertbruders, dennoch gruben sich ihre Stiefel tief in den Schnee bis sie den von Tilda frei gefegten Trampelpfad vor der Taverne erreichten. Das vertraute Gewicht der Elfenklinge lag beruhigend an ihrer Seite und vermittelte der jungen Frau ein Gefühl von Sicherheit. Im Augenwinkel spiegelte die gläserne Schneide das einzigartige Glitzern der frischgefallenen Eiskristalle.
      Zunächst war ein vorsichtiges Nicken die einzige Antwort, die Volgast auf seine Frage erhielt.
      Mit einigermaßen sicherem Boden unter den Füßen wagte sie einen Blick zur Seite und sah als erstes nur die breite Brust, die sich direkt auf ihrer Augenhöhe befand. Mit einem frustrierten Stirnrunzeln reckte Viola das Kinn und fragte sich, warum sie nicht ein paar wenige Zentimeter größer sein konnte. Abgesehen von Symon und den Halblingen um Eyrik war sie der Zwerg unter den Riesen.
      "Meine alte Heimat liegt im Norden des Niemandslandes nahe des Schneegebirges. Ein Kind des Grenzlandes, wenn Ihr so wollt. Früher trug der Landstrich den Namen Rouen und war eine winzige Bauernprovinz. Heute ist es unbewohnbar.", antworte Viola mit einem undeutbaren Ton in der Stimme, der ein wenig an Sehnsucht und Heimweh erinnerte. Die Erinnerungen würden nie leichter werden, egal wohin der Weg sie führte.
      "In den vergangenen Jahren war Heimat allerdings ein Fremdwort für mich. Ich zog als Heilerin der Ersten Garde durch die Lande, nachdem meine Lehre in Bourgone beendet war und die Pflicht mich rief.", fügte sie beinahe sachlich hinzu.
      Vorsichtig half sie Andvari den verletzten Lhoris auf einer Bank niederzulassen und entschuldigte sich kurz, um in die Küche der Taverne zu verschwinden. Mit einer Schale gefüllt mit klarem und warmen Wasser kehrte die Heilerin in den Schankraum zurück, flankiert von Tilda. Die Schankdame trug saubere Leinen über den Unterarm gelegt und ließ den Blick aufmerksam wie ein Wachhund über ihre Gäste schweifen.
      "Leg den Kopf zurück.", forderte sie Lhoris auf und reinigte ihre Hände bevor sie eines der Tücher ins Wasser tauchte und an ihn herantrat.
      Umsichtig tupfte sie über das verkrustete Blut, um es sanft von der Haut zu löse bis das weiße Leinen zwischen ihren Fingern eine langsam verfärbte. Zwischendurch wusch sie das Tuch aus und legte zwei Finger an den Kiefer des Schwertkämpfers, um den Kopf etwas ins Licht zu drehen. Das Blut war weitgehend fortgewaschen und offenbarte eine tiefe und sicherlich schmerzhafte Kopfwunde.
      Mit der Professionalität einer heilkundigen Frau fuhr sie mit dem Daumen unter der Wunde entlang.
      "Schmerzhaft, aber nicht gefährlich. Kopfschmerzen? Schwindel?", murmelte sie und zog die Brauen konzentriert zusammen. "Mit was um Himmelswillen habt Ihr ihn niedergeschlagen, Volgast?"
      Viola hielt Tilda das besudelte Leinen hin, die es überraschend folgsam aus den Händen der jungen Frau nahm.
      Anscheinend war die Sorge der aufbrausenden Wirtin groß genug, um selbst eine weitere Schimpftirade in Schach zu halten.
      Große Augen machte die ältere Frau in dem Augenblick, als Viola konzentriert die Platzwunde betrachtete und wiederholt sanft mit den Daumen darüber fuhr. Unter den Fingerspitzen spürte sie ein altbekanntes Kribbeln, während sich die heilende Aura durch die schlanken Fingerglieder suchend und prüfend über die offene Verletzung legte. Die Anwendung der Magie erfüllte sie jedes Mal mit einem herrlich lebendigen Gefühl, als wäre sie erst in diesem Moment wirklich vollständig.
      "Ist es ein unpassender Moment zu fragen, was mit Symon vorgefallen ist?", fragte Viola und blickte aus dem Augenwinkel zu Andvari und Volgast. Der besagte Zwerg saß etwas weiter weg und hatte sie vermutlich nicht gehört.
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    • Volgast gesellte sich zu der Gruppe um Lhoris und platzierte sich so, dass Symon ein wenig abseits blieb wie er es mochte. Bald war das Zwiegespräch mit seiner Frau fällig und das wollte wirklich niemand hören. Seine riesigen Hände ruhten auf seinen Knien während der Schemel unter seinem Gewicht zu ächzen begann. Unter den wulstigen Augenbrauen und dem flauschigen Bart fand sich ein Glitzern und ein freundliches Lächeln, ehe das Lächeln mit der Zeit irhes Berichtes erstarb.
      "Ich hörte von Rouen", murmelte er. "Es ist schrecklich was dort geschah...Unsagbar schrecklich. Ich habe viele Jahre lang für die Elfen Krieg geführt und auch in jungen Jahren gegen sie gekämpft. Aber die Grausamkeit die dort an den Tag gelegt wurde, war sondergleichen...Du hast mein Beileid..."
      Zweimal schlug auch er sich auf die Brust, wobei es jedes Mal ein dumpfes "WUMP" durch den Raum hetzte.
      Lhoris indes ließ sich schweigsam behandeln, während er missmutig zu Volgast linste. In seinem Blick lag missbilligung und Scham?
      "Keine Kopfschmerzen. Kein Schwindel", bestätigte der Elf und blickte sogleich wieder von dannen, um sich von der Heilmagie durchströmen zu lassen.
      "Unpassend in keinem Fall"; murmelte Andvari und seufzte. "Dennoch nutze ich die Gunst der Stunde. Ich rede kurz mit ihm. Könntest du..."
      Volgast nickte und begann zu berichten, während Andvari sich entfernte.
      "Es ist so: Symon trat damals Andvari nach einem Kampf bei, den die beiden ausfochten. Symons Familie ist die Dritte Fürstenfamilie der Zwerge und somit recht mächtig. Als Andvari um Hilfe ersuchte bei seinem Putsch gegen seinen Vater kämpfte er gegen Symon und gewann diesen Kampf knapp. Simon hat eine Tätowierung über die Narbe seiner Niederlage stechen lassen, damit es nicht aussieht, als sei er schwach, wenn ihr versteht. Nun..:Das Auskommen des Putsches kennt ihr ja. Wir wurden verraten und zerschlagen. Jedoch gab es eine Schlacht vorher. Die Schlacht vor Tirions Toren, über die nicht mehr berichtet wird. Wir lagen gut auf und hatten die Übermacht gewonnen, wenn es nicht eine katastrophale Fehlentscheidung gegeben hätte. Andvaris Frau, sie geriet in Gefahr und wurde von einem Speer getroffen. Andvari verlor den Kopf und verließ seinen Posten als Anführer der zweiten Flanke, unter der auch Symons Frau und Sohn dienten. Die Flanke wurde durch Andvaris Flucht kopflos und komplett ausgelöscht...", berichtete der Riese und sah betroffen zu Boden,. "Dem nicht genug...Als Andvari verschwand mussten wir auch fliehen. Und was soll ich sagen...Sie jagten uns wie Schlachthausvieh. Und die Zwerge fanden sie in den Bergen. Beinahe das komplette dritte Volk wurde ausgelöscht, als sie die Überlebenden fanden, sodass auch noch Symons Verwandte das Zeitliche segneten..."

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    • Eine warme und lebendige Aura umhüllte Viola.
      Das Bedürfnis der Heilung und Hilfe war seit den dunklen Tagen ihrer Jugend tief in der Seele verankert. Es gab keinen Zweifel daran, dass der Weg einer Heilerin mehr für sie darstelle, als nur die Erfüllung einer Pflicht. Unter den furchtbarsten Bedingungen während der Kriegszüge hatte sie sich aufopferungsvoll um jeden gekümmert, der in ihre Obhut übergeben worden war. Sogar den Fein selbst, wie Andvari selbst wusste. Es war ein Teil ihres ureigenen Wesens, obwohl dieses durch die Taten des Baumschattens befleckt und beinahe zerstört worden war.
      Die Anteilname des hünenhaften Volgast überraschte Viola.
      Trotz der harschen Gesichtszüge verbarg sich hinter dem lautstarken Gehabe womöglich eine gute Seele. Das Mitgefühl war ehrlich, daran zweifelte die junge Frau nicht und neigte in dankbarer Geste leicht das Haupt. Vielleicht sollte sich gerade Viola ins Gedächtnis rufen, dass ein Buch nie nach seinem Einband beurteilt werden sollte.
      "Tilda? Wärst du so gut und holst uns etwas zum Aufwärmen? Ein Met, vielleicht. Obwohl es noch früh am Tag ist. Ich denke wir können alle einen Schluck vertragen.", fragte sie und schenkte der Wirtin ein Lächeln.
      "Kind, du hast Glück, dass ihr mir bereits ans Herz gewachsen seid," schmunzelte Tilda und schickte sich an in Richtung der schweren Fässer hinter dem alten Tresen zu verschwinden. Bevor sie allerdings der Szenerie vollständig den Rücken zugekehrt hatte, blickte sie ein weiteres Mal zu Volgast.
      "Ich behalten Euch und Euren Kameraden im Auge, verstanden?", knurrte sie fast.
      In diesem Punkt war das letzte Wort wohl noch nicht gesprochen, denn die Anwesenheit gesuchter Männer wie Volgast und Symon zurechtfertigen, dürfte ein hartes Stückchen Arbeit werden.
      Mit einem Lächeln betrachtete die junge Heilerin die feine, blasse Linie seitlich an Lhoris` Stirn. Eine winzige Narbe, die kaum sichtbar erschien, verschwand bis in die rabenschwarze Haarlinie. Ein letztes Mal fuhr sie mit dem Daumen darüber, ehe sie die Hand fortnahm.
      "Eine kleine Narbe wird bleiben, befürchte ich.", sagte sie. "Besser bekomme ich es im Augenblick nicht hin."
      Als Tilda zurückkehrte und sich ebenfalls einen Platz am Feuer suchte, reichte Viola jedem in ihrer kleinen Runde einen Becher mit gewürztem Met. Nur Andvari und Symon ließ sie vorerst in Ruhe sprechen.
      Die Heilerin nahm an der Seite des schwarzhaarigen Elfen Platz und lauschte nachdenklich der Geschichte des Mannes.
      "Das ist furchtbar.", murmelte sie und warf einen Seitenblick in Richtung des Zwerges. "Ich verstehe seinen Schmerz."
      Schweigend nippte sie an dem Met, der sie von Innen wärmte, während sie dem Rest der Erzählung lauschte.
      Feanore. Dabei kannte sie nur das Ende der tragischen Geschichte.
      "Ich wusste nicht, dass Feanore gekämpft hat."
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    • Volgast lohnte sie für ihren Blick mit einem zarten Lächeln und nickte.
      "Ich weiß, was du denken musst. Schwerverbrecher unter den Schwertern und dann auch noch gesucht auf den Drei Kontinenten. Was soll ich sagen...Andvari hatte immer einen Sinn dafür, die merkwürdigsten Gestalten um sich zu scharen. Aber er gab uns ein Zuhause, einen Ort an den wir gehörten."
      Zu Tilda nickte er nur lächelnd und wartete auf das wärmende Getränk, während Lhoris langsam sie Augen öffnete und sich aufsetzte.
      "Danke. Eine Narbe mehr oder minder wird es nicht ausmachen..."; sagte er zu Viola und sah Volgast böse an. "Bei allen Bäumen und verfaulten Ästen...Wie kann man nur so hart zuschlagen..."
      "Man nennt mich die Faust des Westens", kicherte Volgast und hob seine Faust zum Beweis.
      Nicht nur, dass diese tellergroß war, sondern enthielt gleichsam die Spuren von Metall, das durch die Haut blitzte und sich an die Oberfläche zu fressen drohte.
      Gemeinsam saßen die drei zusammen und nippten schweigsam an ihrem Met, der vorzüglich schmeckte, wie sie alle beide erkennen mussten. Tilda hatte wirklich ein Händchen für Getränke, wenn es darum ging. Der Raum wurde mittlerweile sacht vom einfallenden Sonnenlicht begrüßt und auch Schaulustige wagten sich vor die Fenster. Wirklich eine merkwürdige Stadt, dachte Lhoris grinsend und stellte den Trunk ab.
      "Furchtbar ist es, ja.", gab er zu. "König Oberon war nie wirklich gnädig mit Verrätern. Oder jene, die er dazu machte."
      Volgast nickte.
      "Das ist wahr. Die Zwerge wurden gestraft, die Menschen, die Oger und auch die Elfen selbst. Als würde er alle Völker auf ihren Platz verweisen wollen. Symon hat es hart getroffen und seither war er nicht mehr der Alte...Soviel stand fest."
      "Feanore hat auch nicht wirklich gekämpft"; sagte Lhoris und seufzte. "Sie hat wie du versuchst, ihre Rolle bestmöglich auszuüben, aber sie hat es nicht wirkllich geschafft. Sie war keine Kämpferin wie du. Es hatte passieren müssen aber Andvari war zu sehr auf ihren Schutz konzentriert..."
      "EIn Fehler, den ich nicht mehr machen werde", sagte Andvaris Stimme plötzlich in Volgasts Rücken.
      Lächelnd trat der Weißhaarige zwischen die Anderen und setzte sich neben Volgast und Viola. Sachte bog er den Rücken durch und seufzte tief.
      "Wie ist es gelaufen?", fragte Lhoris.
      "Schlecht. Wie ausgemacht. Die genauen Worte waren glaube ich, dass ich mich ficken solle und er nur hier sei wegen den Anderen. Und weil er noch ein Hühnchen mit Lysanthir zu rupfen hat. Ansonsten fordert er nach dem Kampf einen Zweikampf um die Ehre seiner Frau und seiner Kinder wiederherzustellen..."

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    • Beim Anblick der gewaltigen Faust lehrte es selbst Viola das Fürchten.
      Volgast war keine Gefahr für sie, aber die Vorstellungskraft reichte aus um sich auszumalen, welchen Schaden der riesige Mann damit anrichten konnte. Unter der Haut der Fingerknöchel schien ein metallischer Schimmer hindurch, als läge blankes Eisen darunter. Ein gezielter Schlag beförderte sicher die unglückliche Seele sofort ins Jenseits. Andererseits blitzte eine berufliche Neugierde in den sanften, grünen Augen auf. Etwas derartiges war der Heilerin noch nie unter die Augen gekommen. Die Frage, ob der Zustand seiner Hände magischer Natur drängte sich auf. Jedenfalls schien das Metall die Haut von innen heraus nicht zu beschädigen.
      Geduldig lauschend stellte Viola den Met auf einen wackligen, rundlichen Tisch in der Mitte dieser sonderbaren Gesprächsrunde und streckte eine zierliche Hand Richtung Volgast aus.
      "Darf ich?", fragte sie zögerlich. "Eure Hände. Sowas habe ich noch nie gesehen."
      Die Tatsache ohne Andvaris Beisein über seine verstorbene Frau zu sprechen, behagte ihr nicht. Das Gefühl am Ende mehr zu erfahren, als der weißhaarige Elf wirklich preisgeben wollte, blieb ein stetiger Begleiter. Keine Sekunde zweifelte die junge Frau an seiner Liebe zu ihr noch verspürte sie Eifersucht wenn der Name von Feanore fiel. Die Elfe musste eine wunderbare Frau gewesen sein, so viel wusste sie. Jedoch, nicht wenige Wunden blieben wohlweislich unangetastet.
      "Ich war auch keine Kämpferin, Lhoris", antwortete sie still und nachdenklich. "Bis ich es sein musste."
      Viola hatte andere Art von Kriegen gefochten, lange bevor sie der Garde bei getreten war. Nicht dem Wahnsinn zu verfallen, war einer davon gewesen. Erst in den vergangenen Tagen und Wochen war sie sich der inneren Stärke, die ihr inne wohnte, erst wirklich bewusst geworden. Selbst unter gefürchteten Banditen und Verbrechern blieb sie aufrecht und hielt das Kinn erhoben. Die Reise hatte sie verändert.
      "Das erste und einzige Mal, dass ich dem König der Elfen gegenüberstand, wäre ich beinahe vor Angst im Boden versunken. Er hat mich angesehen, als würde er mich mit größer Freude in das dunkelste Loch werfen, dass er finden konnte.", murmelte Viol und schauderte bei der Erinnerung.
      Die Hand der Heilerin schwebte noch wartend in der Luft, als Andvari von seinem schwierigen Gespräch zurückkehrte. Etwas ertappt sah Viola zu ihrem Geliebten aus und lächelte schuldbewusst.
      Und der Ausgang des Gespräches mit Symon klang in ihren Ohren mehr als unglücklich. Flüchtig sah Viola in Richtung des Zwerges, der es vorzog alleine vor dem prasselnden Feuer zu sitzen und seine Pfeife zu rauchen. Die mitfühlende Frau konnte es dem Witwer nicht verdenken. Der grausame Verlust der Familie fraß tiefe Wunden, die von Bitterkeit genährt wurden. Niemand wusste das besser als die Heilern, ebenso wie Andvari. Mit einem schwachen Lächeln blickte sie in die Runde und würde zehn Jahre ihres kurzen Menschenlebens darauf verwetten, dass jeder einzelne von Ihnen hier am wärmenden Feuer einen herben Verlust eingesteckt hatte.
      "Wirst du dich auf den Zweikampf einlassen?", fragte sie Andvari.
      “We all change, when you think about it.
      We’re all different people all through our lives.
      And that’s OK, that’s good, you gotta keep moving,
      so long as you remember all the people that you used to be.”
    • Volgasts Lächeln auf die Frage der Heilerin war beinahe nachsichtig liebevoll. Wie an der Trapezstange geführt, legte er seine gewaltige Hand in ihre Hände und ließ sie erforschen, was es zu erforschen galt.
      An einigen Stellen der Fingerknöchel stach das Metall bereits durch die Haut und sah aus, als fräße die Haut das Metall auf. Als wären sie beide untrennbar verbunden, was ja auch der Wahrheit entsprach.
      "Das wunder mich nicht, Heilerin", sagte Volgast und lachte kehlig. "Es ist auch nicht üblich, derartige Waffen zu besitzen. Aber der Orden, dem ich diente, betrachtete mich als neue Hoffnung seinerzeit..."
      Lhoris stimmte zu und rieb sich den Kopf unheilsschwanger.
      "Das stimmt"; murmelte er. "Sie nannten ihn damals "Meister Hemmungslos". Weil Volgast unabhängig vom Rang und Farbe unbarmherzig zuschlug, als würde man einer Kanone gegenüberstehen. Gepaart mit seiner Fähigkeit war dies gleich nochmal gefährlicher."
      Volgast nickte und erhänzte.
      "In einer langen Prozedur legten sie meine Hände in glühendes Metall, was sich bis in die Knochen fraß. Und naja, hier sitzen wir und betrachten Hände, die es nicht geben dürfte. Und die schwerer sind, als die Götter erlauben; KAZEHAHAHAHAHA".
      Eine Weile verblieben sie stumm, während sie Viola lauschten und beide überfuhr ein Grinsen auf der Haut.
      "Vielleicht hast du damit nicht einmal Unrecht. Ich glaube, er hat Menschen noch nie gemocht.."
      Lhoris wollte gerade auf Violas Anmerkung antworten, als Andvari zurückkehrte und ihnen berichtete.
      Das Auskommen war denkbar schlecht, aber nicht so schlecht wie es sein konnte. Zumindest wenn man es relativ sah.
      Doch der Weißhaarige wirkte gefasst, wenn man es genau betrachtete und zuckte auf Violas Frage die Achseln.
      "Ich weiß es nicht", gab er zu. "Ich halte ein derartiges Duell für unnötig und barbarisch, aber wenn es das ist, was eine Freundschaft retten kann und mir seine Vergebung bringt..."

      The more that I reach out for heaven
      The more you drag me to hell
    • Viola schüttelte mit einem tiefen Seufzer den Kopf.
      Die Qual dieser Prozedur musste unsagbar schmerzhaft gewesen sein und allein bei der wagen Vorstelleng wurde Viola ein wenig blass um die Nase. Welche Verzweiflung oder gar Wahnsinn hatte den namenlosen Orden dazu getrieben auf diese Art mit seinen Kriegern zu verfahren? Von Nahem erkannte die Heilerin, dass die Haut in einem langwierigen Heilungsprozess über das Metall gewachsen war. Prüfen warf sie einen Blick in Volgast Gesicht, während sie mit vorsichtigen Fingerspitzen über das freiliegende Eisen fuhr. Im Vergleich zu seinen Händen wirkten Violas eigene wie die eines Kindes. Für den Hünen wäre es ein Leichtes beide Hände der jungen Frau in seiner gewaltigen Pranke verschwinden zu lassen.
      "Verzeiht meine Neugierde, Volgast.", sagte Viola sanft. "Für welchen Orden habt Ihr eure Dienste verdingt? Die Heilung Eurer Hände muss ohne den entsprechenden Zauber Monate gedauert haben. Von den Gefahren einer Entzündung, den Schmerzen und dem temporären Verlust des Gefühl in Euren Händen ganz zu schweigen."
      Viola wirkte aufrichtig geschockt über die Grausamkeit dieses Vorgehens. Keine Gilde und kein Orden, der etwas auf sich hielt, würde dieses Mittel in Betracht ziehen.
      Hellhörig geworden, hob die junge Frau das Kinn empor und warf einen fragenden Blick Richtung Lhoris.
      "Von welchen Fähigkeiten sprichst du?", fragte sie nach.
      Die Gewalt einer Kanonenkugel erschien der Heilerin ein passender Vergleich zu sein. Kein Schädelknochen überlebte einen Schlag von Fäusten, die mit Metall verstärkt und beschwert waren. Die Wucht musste enorm sein. Entweder der schwarzhaarige Schwertkämpfe hatte Glück und einen extrem harten Schädel oder Volgast hatte sich bewusst zurück gehalten. Die robusten Knochen der Elfen hielt einiges aus, aber ein ungebremster Schlag mit dieser Faust...Viola verzog den Mund zu einem schiefen Lächeln.
      Am Ende waren sie alles Verbündete.
      Eine bunt zusammengewürfelte Familie aus Vagabunden, Kriminellen und Ausreißern.
      Andvaris Antwort überraschte die Heilerin nicht.
      Die Dickköpfigkeit der Zwerge war legendär und mit der weißhaarige Elf besaß zu viel Ehre im Leib, um einem treuen Begleiter diesen Wunsch abzuschlagen. Ein Duell, obwohl nicht auf Leben und Tod geführt, barg dennoch gewisse Risiken. Gedanklich stimmte sie Andvari wiederwillig zu. Vielleicht waren ein paar wenige Blessuren ein geringer Preis, um eine alten Freundschaft zu retten.
      Schweigend begutachtete die wissbegierige Frau weiterhin die riesige Hand zwischen ihren.
      "Ein Glück für jeden Einzelnen von euch Dickschädeln, dass ihr jemanden dabei habt, der sich mit allerlei Blessuren auskennt, wenn ihr euch wieder prügelt wie die Kesselflicker.", murmelte sie.
      “We all change, when you think about it.
      We’re all different people all through our lives.
      And that’s OK, that’s good, you gotta keep moving,
      so long as you remember all the people that you used to be.”
    • Die drei Herren um sie herum begannen einträchtig zu lachen, als sie ihren letzten Satz vollbrachte.
      "Es ist wahrlich ein Segen, dass du hier bist", sagte Lhoris und nickte. "Vor allem für Andvari. Ich glaube, ich habe ihn noch nie so gelassen und...ausgeglichen erlebt."
      Der vielsagende Blick des Elfen wurde von einem amüsierten Lächeln begleitet, während Volgast beide nur breit angrinste. Das Lächeln verschwand unter seinem Bart und den gewaltigen Augenbrauen als er zu sprechen begann.
      "Das Traurige ist ja: Symon weiß, dass er verlieren würde. Andvari ist zwar kein Krieger, aber mit Hämmern und Äxten besser bewandert als er. Er würde gnadenlos untergehen. Aber ich glaube, es ist das einzige, wie er wieder zu sich kommt..."
      Lhoris und Andvari nickte und nahmen sich jeder einen Becher des Mets, der bereitstand. Er brannte so schön im Hals, dass sie beianhe vergaßen, wo sie eigentlich waren.
      "Mein Orden...", begann Volgast und seufzte schwer, während er seine Hand betrachtete. "Mein Orden ist ein Mönchsorden der kalten Berge. Wir beten den Einen an, der sich unter Wolken und Licht verbirgt und seine Macht nicht spricht. Wir sind der Orden der Winterblüte. Ich wurde in diese Strukturen hinein gewoben, als ich mich entschloss, meinem Leben zu entfliehen und Gutes zu tun. Und solches tat ich auch. Bis man meine Kraft erkannte. Und mich dieser Prozedur aussetzte. Und du hast nicht Unrecht. Der Orden brachte mit Meister Wortlos einen Heiler hervor, der die Kräfte der Elfenmagier noch übertrumpfte. Er heilte meine Hände unentwegt, während man mich übergoß. Die Schmerzen litt ich trotzdem. Erst als alles verheilt war und man mich erprobte gab man mir den Namen Meister Hemmungslos."
      Volgast nickte eifrig und man merkte, dass das Thema ihm unangenehm war. Der Orden war eine Sache, aber die Dinge, die er tat, waren besser verschwiegen und sicherer, wenn man sie gar nicht kannte.
      Als Viola ihre zweite Frage stellte, lächelten alle beteiligten und diesmal war es Andvari, der die Stimme erhob.
      "Volgast ist ein Manipulator", sagte er und wies mit dem Daumen auf die Hand in ihren.
      WIe auf Kommando schien eine Böe durch den Raum zu ziehen, die sich in der Hand des Riesen zu einer Art Sturm auftürmte und einem Tornado glich.
      "Volgast kann Windströme manipulieren und sie verdichten. Daher hatte er im Süden eures Landes Namen "Sturmfaust". Durch die verdichtete Luft kann er seine Schläge nochmals um ein Vielfaches verstärken."

      The more that I reach out for heaven
      The more you drag me to hell
    • Unter den lieben Worten des Schwertkämpfers senkte Viola verlegen den Blick.
      Das Lächeln auf den Lippen wirkte beinahe scheu, als sie zu Andvari herüber sah und dennoch die Freude in den Augen nicht verbergen konnte. Die bedingungslose Akzeptanz der innigen Verbindung zwischen dem möglichen zukünftigen König des Elfenvolkes und einer Frau aus den Feindeslinien ohne jeglichen Stand erschien ihr von Zeit zu Zeit immer noch fremd aber nicht unwillkommen. Vielleicht sähe alles anders aus, wenn nicht das vertraute Gewicht der magische Elfenklinge auf ihrer Hüfte liegen würde, dachte Viola.
      Das der Elfenprinz kein Krieger sind sollte, zauberte den Ausdruck reinster Überraschung auf ihre Gesicht.
      Bei all den Dingen, die sie bereits erlebt hatten, wäre ihr dieser Gedanke nie in den Sinn gekommen. Sicherlich, die Heilerin wusste um die Leidenschaft, die der Elf seiner Tätigkeit als Zimmerman entgegen brachte und trotzdem erinnerte sie sich an den blutüberströmte und knurrenden Mann, der ihr vor langer Zeit in einem schäbigen Zelt präsentiert worden war. Einem wilden Tier gleich hatten seine bernsteinfarbenen Augen gefunkelt und sie an einen Zähne fletschenden Wolf erinnert.
      "Kein Krieger, hm?", erklang es leise mit einem Lächeln, während sie auf eigensinnige Art und Weise die Nase kraus zog.
      Ein weiteres Mal huschte ihr Blick zu dem grimmigen Zwerg, der auch weiterhin keine Anstalten machte sich an der Unterhaltung zu beteiligen. Manche Wunden konnte selbst der fähigste Heilkundige nicht verschließen, egal wie fleißig er lernte oder wie begnadet sein Talent war.
      "Vielleicht ist es unausweichlich, wenn es ihm seinen Seelenfrieden schenkt.", murmelte sie.
      Volgast begann zu sprechen und Viola kam nicht umhin zu bemerken, dass sie ein schwieriges Gesprächsthema gewählt hatte.
      "Der Orden der Winterblüte?", wiederholte sie unwissend und lauschte den Worten des Priesters.
      Scheinbar hatten die Menschen in den vergangenen Jahrhunderten eine Vorliebe dafür entdeckt die Gemeinschaften und Orden unter dem Himmel nach den Schönheiten der Natur zu benennen. Eine Bezeichnung, die nicht zu der ausgeführten Grausamkeit passte. Sie fragte sich, ob der Orden aus den kalten Bergen in eigenem Ermessen handelte oder der Herrscher hinter den schützenden Mauern seiner Kaiserstadt von den Gräueltaten wusste. Sie gar billigte. Es war unschwer zu erkennen, dass der jungen Frau dutzende von Fragen durch den wachen Verstand wanderten. Hinter den buschigen Augenbrauen des Riesen und der lautstarken Kehle, lag etwas verborgen, das Viola nicht benennen konnte. Schuld oder gar Reue?
      Da schluckte sie ihre neugierigen Fragen herunter und schenkte ihm verstehendes Lächeln.
      Bevor sie Andvari allerdings nach der Art der Manipulation befragen konnte, wirbelte ein Luftzug durch den Schankraum und blies sowohl Tilda als auch der rothaarigen Heilerin die langen Haare ins Gesicht.
      Sie senkte ihre Hände und beäugte den wirbelnden kleinen Sturm in der tellergroßen Handfläche mit offenem Erstaunen.
      Jedes Mal, wenn Viola eine neue Form der mystischen Kräfte entdeckte, stahl sich eine kindliche Neugierde in ihre Augen, als sähe sie das erste Mal in ihrem Leben einen Funken Magie. Sie würde diese Gaben nie als selbstverständlich betrachten.
      "Mir war bis vor Kurzen nicht einmal bewusst, dass wir als Menschen überhaupt derartige Talente besitzen können. Ein glücklicher Zufall und ein umgestoßenes Glas mit Wasser, da habe ich es entdeckt. Wie habt ihr gemerkt, dass ihr derlei Fähigkeiten habt?", fragte sie dennoch, bevor sie sich bremsen konnte.
      "Ihr solltet mit Meliorn sprechen, Herr Volgast", mischte sich nun Tilda ein und überraschte sogar die Heilerin damit. "Seine Gabe ist ähnlicher Natur. Die Botschaften im Wind sind sein Werk gewesen. Wenn ich Lucien richtig verstanden habe, ist Meliorn für einen Elf sehr jung und wurde nie unterrichtet. Und wo wir schon beim Thema sind...Andvari? Wir müssen über den Gefangenen in der Scheune sprechen. Er kann nicht ewig dort bleiben..."
      “We all change, when you think about it.
      We’re all different people all through our lives.
      And that’s OK, that’s good, you gotta keep moving,
      so long as you remember all the people that you used to be.”
    • Andvari grinste verlegen, als Viola ihn wissen anlächelte. Ja, es mochte verwerflich klingen, aber der Elf war selbst nie ein Krieger gewesen. Sicherlich hatte man ihm das Kämpfen gelehrt aber die Tatsache, dass er lieber mit Hammer und Axt arbeitete, war seinem Körperbau nicht abzuerkennen.
      "Vielleicht ist es das", murmelte Andvari und leerte seinen Becher, während Volgast ihr zu nickte.
      "Ja, der Orden der Winterblüte. Es ist ein Orden, der einen Splitterglauben - wie gesagt - verehrt und dessen Ziel eigentlich die innere Einkehr ist. Aber was soll ich sagen...JEdes Motiv ändert sich mit den Tagen des Schlechten, nicht wahr?", fragte Volgast und sah sie weiterhin traurig lächelnd an. Erst danach nahm er seine Hand langsam aus ihrer, während der Sturm von einen auf den anderen Moment erlosch.
      "Es war ebenso ein Zufall wie bei dir. Ich geriet als Kind in den Straßen von Besancon in eine Prügelei unter Jungs. Und was soll ich sagen. Ich war damals nur die Hälfte meiner Statur wenn du verstehst. Und ich wurde geschlagen. Wieder und wieder. Irgendwann legte sich in mir etwas um und ich spürte eine Macht aufsteigen. Bei meinem nächsten Hieb kam es mir vor, als würde meine Faust beschleunigen. Ich brach mir sämtliche Finger und das Handgelenk, aber dem Jungen mir gegenüber sämtliche Rippen der rechten Seite. Und alles andere ist Geschichte..."
      Volgast wollte weiter berichten, als sich Tilda wieder an der Unterhaltung beteiligte und der RIese sich sogleich versteifte.
      "JAWOHL WERTE WIRTIN; SEHR WOHL WERTE WIRTIN!", schrie er und fing sich dafür diesmal einen Nackenschlag von Andvari. "Ich werde Herrn Meliorn aufsuchen, aber ganz gleich, jawohl! Wir müssen unserer Unterredung vertagen Frau Viola! Auf Bald! Ich muss einen Elf suchen!"
      Mit einem eiligen "HEIßAJUCHHEEE" stürzte der Riese aus dem Raum und Andvari schüttelte mit dem Kopf.
      "Der GEfangene...Ja, Ihr habt Recht, ich..."
      "Dat Miststück jehört Lysandra"; knurrte Symon endlich und sah zu den Anderen. "Wenn se hier ufftaucht, kannste ihr wenigstens den Mörder jebn verstehste?"
      Eine Sekunde lang sahen sich die beiden Elfen an, ehe sie gecshlossen nickten. Es war besser, den Schaden zu minimieren.
      "Er hat Recht. Der Gefangene gehört Lysandra", sagte Andvari und erhob sich. "Nichtsdestoweniger müssen wir beginnen, die Stadt zu befestigen. Symon, ich könnte deinen Rat brauchen."
      "Aye, det könnteste, wa?", knurrte er und stopfte die Pfeife in seine Hose. Schwerfällig ächzend erhob er sich und wuchtete sein Bündel über die Schulter. "Jeh voran! Wollnma sehn wat die hier können."

      The more that I reach out for heaven
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    • Stocksteif saß Tilda auf der altersschwachen Bank und hätte schwören können, dass der hünenhafte Volgast allein beim Sprechen einen solchen Wind fabrizierte, dass ihr die Haare nach hinten über die Schultern wehten.
      Die Wirtin war selbst nicht von stiller Natur, aber diese polternde Lautstärke war selbst für die hartgestottene Tilda gewöhnugnsbedürftig. Jeder gröhlende Trunkenbold verwandelte sich angesichts des gesuchten Mannes mit den Eisenfäusten in ein maunzendes Kätzchen. Blinzelnd schüttelte die Schankdame den Kopf und sah zu, wie Volgast aus der Taverne polterte und dabei fast die baufällige Tür aus den Angeln hob. Draußen stieß einer der Schaulustigen einen spitzen Schrei aus, so hoch, dass niemand sagen konnte, ob Mann oder Frau geschrien hatte.
      Viola indes saß kichernd auf der Bank neben Tilda und versuchte ihre Belustigung notdürftig hinter der Hand zu verstecken.
      Dafür fing sie sich von der älteren Frau neben sich einen finsteren Blick ein, der allerdings durch das verräterische Zucken ihrer Augenwinkel gemeindet wurde. Obwohl Tilda die Lippen zu einer mehr als ernsten Linie zusammenpresste, gruben sich die feinen Lachfältchen um ihre Augen tiefer in ihre Gesichtszüge.
      "Euer Freund hat vergesssen zu fragen, wohin er gehen soll, Andvari", bemerkte Tilda trocken.
      "Dann wird er sich wohl nach dem Weg erkundigen müssen...", warf Viola ein und zuckte den Achseln.
      "Oh, ihr Götter...", seufte die Wirtin und ließ das Gesicht in die Hände sinken. "Er wird die Leute noch zu Tode erschrecken."
      Die angespannte Ruhe zwischen dem Elfenprinten und Symon wirkte wie die berühmte Ruhe vor dem Sturm, bei der Viola geradezu das Lachen verging. Genau genommen war ihre Lage auch nicht wirklich zum Lachen, aber ein wenig Freude hat noch niemandem geschadet.
      Beiläufig wischte sie eine Lachträne aus dem Augenwinkel, wobei sie die beiden Männer beobachtete, die sich zum Aufbruch bereit machten.
      Die Frauen taten es ihnen gleich und Tilda leerte in einem großzügigen Schluck den Inhalt ihres Bechers.
      Bei allem, was ihr heilig war, sie würde noch ein paar Becher mehr brauchen.
      Mit ernster Miene gesellte sich die Wirtin den Männern und bedeutete ihnen, ihr nach draußen zu folgen.
      "Ihr werdet feststellen, Herr Zwerg, dass wir uns mit dem Nötigsten über Wasser halten. Der Schutzwall ist morsch und brüchig vom langen, feuchten Winter. Wir sind Bauern, Handwerker und Landstreicher. Es gibt nur wenige Männer und Frauen in Beleriand, die kampferfahren sind.", zählte sie die kläglichen Tatsachen auf und führte die Männer hinaus.
      Als sie nach draußen traten und Tilda sich selbst als auch Viola mit einem wärmenden Umhang bedacht hatte, war die Menschentraube beinahe vollstänidg verschwunden. Albert nickte der kleinen Gruppe zu und verschwand mit seinen Gesellen zwischen den Häusern. Der ergraute Zimmermann hatte wohl für etwas Ordnung gesorgt.
      Viola selbst zupfte leicht an dem Stoff von Andvaris Wams, um seine Aufmerksamkeit zu bekommen. Dabei ließ sie Symon und Tilda vorangehen.
      Mit gesenkter Stimme trat sie neben ihn.
      "Lysandra und Sylvar...", begann sie zögerlich. "Ich meine, war sie lediglich seine Schülerin, oder...?"
      “We all change, when you think about it.
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      so long as you remember all the people that you used to be.”