[2er RPG] The Curse of Time {TobiMcCloud & Codren}

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    • Schließlich war Elraya mit ihrem Quengeln so weit gekommen, dass der Giftmann sich ihrer tatsächlich wieder annahm. Fast schon vorfreudig grinste sie zu ihm hoch, als er sich neben sie stellte und sich dann an ihren Fesseln zu schaffen machte. Allerdings nur an ihrem verletzten Arm.
      "He, was machst du da?!"
      Sie zuckte vor seiner Grobheit zurück, die das ununterbrochene Brennen in ihrem Arm nur verschlimmerte, und unternahm einen erneuten Versuch sich zu befreien. Da ging er auch schon wieder weg. Sie hörte es hinter sich plätschern.
      "Was machst du da?! Warn mich wenigstens vor, wenn du mir wieder irgendwas spritzen willst!!"
      Ihre Meinung darüber, sich doch wieder lieber vergiften zu lassen anstatt herumzugammeln, änderte sie schlagartig in Aussicht seines vorherigen Giftes. Entsprechend nervös wurde sie, als er wieder neben ihr auftauchte.
      "Was ist das?!"
      Anstatt einer Antwort, tröpfelte er ihr den Inhalt auf den Arm und vor Überraschung hätte Elraya beinahe aufgestöhnt. Der Schmerz zog langsam dahin, bis schließlich überhaupt nichts mehr davon übrig blieb, als die bloße Erinnerung.
      Sie sah mit zusammengekniffenen Augen zu ihm auf. Man könnte meinen, dass sie mittlerweile diejenige war, die den Giftmann folterte und nicht andersrum. Könnte sie das zu ihrem Vorteil nutzen? Vermutlich nicht. Zum Schluss würde er sie auch noch knebeln.
      "Siehst du, wie viel du schon durch mich weißt?! Ich war dir also doch hilfreich, gib' es zu! Das waren mindestens… drei hilfreiche Details soweit! Wie viel willst du denn noch wissen?!"
      Da ging er zu ihrer Empörung schon wieder zu seinem Tisch zurück.
      "Du verfluchter Dreckskerl! Du Bastard! Du hässliche Hure! Lass mich sofort gehen!!"
      Sie zappelte auf und mit ihrem Stuhl.
      "... Bitte?!"
      Er kam nicht zurück. Schließlich fluchte sie vor sich hin und versuchte die Fesseln an ihrer Brust zu erreichen, um sie durchzubeißen. Sie versuchte es etwa zwei Minuten lang, dann gab sie es auf und wurde schließlich still.
      Das Klappern seiner Schalen nervte sie. Es nervte sie nicht sehen zu können, was er tat. Es nervte sie, Lodoz' Leichnam aus dem Augenwinkeln zu sehen und ihr eigenes Blut zu riechen. Es nervte sie, wie ihr die Fesseln ins Fleisch schnitten. Es nervte sie, dass es bis auf die Tür keinen anderen Ausgang mehr gab, auch wenn sie frei gewesen wäre. Es nervte sie, so untätig zu sein. Es nervte sie, dass sie noch nichtmal mit ihrer Waffe spielen konnte.
      Nach einer Weile fauchte sie:
      "Hör auf mit diesem Lärm!!"
      Aber er hörte nicht auf. Also versuchte sie ihn zu ignorieren.
      Was waren die Chancen, dass sie lebend zurückkehrte? 50/50 schätzte sie mal: Entweder sie kam lebend zurück, oder eben nicht. Wenn sie starb, war eh alles egal. Aber was wenn sie lebte?
      Sie würde Berek sagen müssen, dass sie Lodoz umgebracht hatte. Sie würde die Verantwortung auf sich nehmen müssen, die Meloraner angegriffen zu haben und sich dann auch noch von ihnen gefangen nehmen zu lassen. Berek würde aus ihr leichter herauskitzeln können, was sie ihnen erzählt hatte, als der Giftmann. Er würde ihr nichts mehr übrig lassen als Qualen.
      Sie wollte nicht zu ihm zurück, aber sie konnte auch sonst nirgends hin. Berek war die Stadt, wenn auch nur der kriminelle Teil, in dem sie aber schließlich auch tätig war. Es gab kein Entkommen für sie.
      Sie spielte eine Weile mit ihren Gedanken herum, untermalt von dem ständigen Klappern des Geschirrs, ehe sie schließlich zögernd das Wort wieder erhob.
      "Giftmann? Ich hab' deinen Namen vergessen. Irgendwas mit J… Jork? Ne. J… Jarku? Jarku! Was für ein scheiß Name. Hört sich an wie ein Gewürz."
      Sie rutschte ein bisschen herum, aber nur, damit die Fesseln nicht so schmerzten.
      "Jarku, habt ihr echt vor, euch Berek vorzunehmen? Sogar, nachdem ihr wisst, dass er ein Magier ist? Halt, der Weißhaarige ist ja auch einer… oder sowas ähnliches. Kann der Weißhaarige es echt mit ihm aufnehmen? So wirklich?"
      Sie druckste auf seine Antwort hin ein wenig herum und war sogar froh, ihn nicht sehen zu müssen.
      "Würdest du… äh… hm."
      Sie kratzte auf dem Holz herum.
      "... Wenn ich dir sage wo er ist und wohin er überlicherweise geht und was für Zaubertricks er beherrscht und wo er seine Männer stationiert hat, wirst du mich dann aus der Stadt schmuggeln? Und wirst du auch seine Männer umbringen? Weil, wenn er schon fällt, muss gleich das ganze Netz mit abbrennen, sonst wird jemand anderes seinen Platz einnehmen und die Bestechungsgelder einstecken und dann fängt alles von vorne an. Würdest du das machen? Aber lass Pria in Ruhe! Versprich mir das, sie hat eine 8-jährige Tochter in Bereks Gewalt, das wär' irgendwie nicht fair."

      Pria blickte selbst auf Khil hinab, die wie ein Häufchen Elend auf dem Boden lag. Eigentlich sah sie vielmehr wie eine Leiche aus und der Anblick ging ihr gänzlich gegen den Strich.
      "Sie sieht nicht aus wie jemand, der überzeugend lügen kann. Sie hatte mit allem anderen recht, warum hat sie mit der Kiste gelogen und uns damit davonkommen lassen?"
      Sie starrte zurück auf die Truhe und ergriff sie erneut, während sie Bereks Überlegung überdachte. Sie suchte die Kiste nach irgendwelchen Fallen ab, aber auch das war natürlich sinnlos. Sie sah nur auf, als er nach einer Zigarette verlangte, die sie selbst nicht mehr hatte. Sie musterte für einen Moment sein Gesicht, um nach Anzeichen zu suchen, dass das Fass gleich am Überlaufen war, aber er hatte sich mit Khil wohl ein wenig abgekühlt. Also widmete sie sich kurz wieder der Truhe, ehe sie wieder abließ.
      "Du bist der Experte mit Waffen, wie viel werden sie wert sein?"
      Sie ergriff das Langschwert und musterte die Klinge. Sie wirkte hochwertig auf ihr ungeübtes Auge, aber darin konnte sie sich auch täuschen.
      "Lass uns die Sachen zum Markt bringen und gleich rausfinden, wo El und Lodoz stecken. Vielleicht existiert das Kryss ja wirklich und sie haben es nur irgendwo in Sicherheit verstaut - in einem Lagerhaus oder sowas. Du könntest deine Fühler nach sowas ausstrecken."
    • Es sollte wohl einfach nicht sein. Diese Frau hatte ein unsagbares Talent darin nicht die Klappe halten zu können egal wie man es auch anzugehen versuchte, so zumindest in Jarku's Kopf.
      "Du brauchst dir keine Mühe geben, du wirst keine Informationen aus mir bekommen. Aradan und Berek dürfen nicht aufeinander treffen, mehr musst du gar nicht wissen. Umso stärker du diesen Berek einschätzt, desto größer ist die Gefahr für alle."
      Doch was Elraya dann sagte unterbrach Jarku bei seiner Arbeit. Er sah auf und legte den Kopf in den Nacken als sei es nun unmöglich noch beim üblichen Plan zu bleiben. Aber es ärgerte ihn nicht mal. Viel mehr sah er sich in seiner Pflicht aufgerufen seine Gifte wieder in Phiolen zu füllen, alles in einem kleinen Etui fest zu machen und wieder in seiner Gürteltasche verschwinden zu lassen.
      Kurz darauf löste sich jedes Seil dass um Elraya gebunden war. Jarku öffnete dabei nicht mal den Knoten. Er durchtrennte die Rückseite komplett und machte die Seile damit unbrauchbar für die Wiederverwendung.
      Erst als er vor Elraya stand, bereit für den direkten Aufbruch und einem entschlossenen Blick, hielt er Elraya sogar eines ihrer Messer mit dem Griff voran hin.
      "Steh auf. Wenn es stimmt was du sagst, werden wir uns nun auf dem Weg zu ihrer Tochter machen. Wenn du mich verarschst, reden wir nochmal über die Folter. Nur werde ich dann nicht bei null anfangen."
      Daraufhin holte er eine Augenklappe hervor, welche er sich über sein rechtes Auge legte und aus dem Lager hinaus ging, bereit um die Stadt nach einem unbekannten Kind abzusuchen welches aus einem Netz befreit werden musste.

      "Wenn ein Plan gut ausgearbeitet ist, erkennt man nicht warum er Sinn ergibt. Alles was passiert ist könnte noch genau nach ihrem Plan laufen. Oder deren. Stell dir einfach vor sie wären Kopfgeldjäger. Sollen sie in einer Stadt auf den Busch klopfen? Das würde jeden mit einem Kopfgeld sofort untertauchen lassen. Haben sie aber eine gute Schauspielerin dabei und legen Fallen aus, geht alles leise und schnell über die Bühne. Und jetzt führe dir mal vor Augen wie es bisher gelaufen ist. Plötzlich taucht wer auf der uns Reichtum anbietet, plötzlich wissen wir exakt wo die Truppe ist und genau so leicht ergattern wir auch noch die Beute."
      Berek hatte sich in seiner Rage komplett darauf festgesetzt dass Khil eine Verräterin sein musste. Für diesen Moment hatte er noch keine Zeit um in Ruhe darüber nachzudenken also folgte er seiner ersten Vermutung, was wohl besser war als in ein offenes Messer zu laufen indem er nichts unternehmen würde.
      So schmiss er all den Plunder wieder in die Truhe hinein, schloss diese und verstaute sie in einer Ecke die noch voll mit leeren Holzkisten und anderem unnützen Kram stand.
      "Gut. Verkaufen wir den Mist."
      Er stimmte zu und kam zu Pria um ihr das Schwert abzunehmen.
      "Hmm..."
      Ihm fielen sofort ein paar Dinge auf. Was seine Stimmung verbesserte.
      "Das wird sicher mehr Gold einbringen als ich erst dachte. Diese Klinge ist perfekt ausbalanciert. Sieh her."
      Er balancierte das Schwert ohne Scheide mit einem Finger exakt in der Mitte, dabei fiel es ihm nicht mal schwer das Gewicht zu halten. Ein übliches Schwert aus Eisen wäre viel zu schwer um es mit einem Finger zu halten, obendrein war dieses Schwert nur auf einer Seite geschärft, was es sehr unüblich für die hiesige Schmiedekunst war.
      "Es ist so scharf dass man sich schon schneiden könnte wenn man es nur falsch ansieht. Das stammt ganz sicher nicht aus diesen Ländern. Wenn wir einen Händler finden, der sich auf ausländische Waren spezialisiert hat, könnten wir hier tatsächlich einen kleinen Jackpot vor uns haben. Möglicherweise so viel wert wie ein Kryss?"
      Behutsam nahm er Pria die Scheide ab und steckte die Klinge wieder ein ehe er sie in einem alten Tuch einwickelte, welches grade groß genug war.
      "Wie dem auch sei. Pack die anderen Waffen auch ein. Ich will nicht dass wir auf der Straße über einen der Typen laufen die uns anhand ihrer Waffen erkennen.
    • Mit dem letzten Angebot schien Elraya nun endlich Erfolg zu haben, aber niemals hätte sie damit gerechnet, dass Jarku einfach so leicht nachgab. Sie starrte ihn mit offenem Mund an, als er ihre Fesseln durchtrennte und ihr sogar ihren Dolch hinhielt.
      "Einfach so? Und was, wenn ich dich unterwegs absteche?"
      So sehr sie sich darüber freute endlich herauszukommen - und dabei nicht gezwungen zu sein zu Berek zurückzukehren - so erstaunt war sie über die ganze Situation. Zumindest hatte sie gewonnen... oder?
      Jarku war schon zielstrebig auf dem Weg nach draußen.
      "He, warte mal! Was ist denn dein Plan?!"
      Sie rannte ihm nach.
      Nachdem Elraya jetzt mehr als jemals zuvor darauf achten musste, nicht entdeckt zu werden, führte gar kein Weg an den Dächern vorbei. Sie konnte es sich noch nichtmal leisten, die abgelegenen Seitenstraßen und versteckten Gassen zu nutzen, denn überall konnte irgendjemand von Bereks Leuten auftauchen und dann wusste er, wo sie sich herumtrieb. Es blieb besonders zu hoffen, dass niemand Lodoz' Leichnam entdeckte.
      Ob Jarku ihr dabei über die Dächer folgte oder die Straßen nahm, war ihr herzlich egal. Sie war sowieso nicht schnell genug um davonlaufen zu können, also versuchte sie es erst gar nicht.
      Sie leitete den Giftmann zum Marktplatz in der Stadtmitte, über den Starksplatz, an dem noch immer die Stände des Festes herumstanden, weiter am Arzt vorbei - da achtete sie besonders darauf, von keiner Seele erkannt zu werden - und schließlich in den Hinterhof einer kleinen Häusergruppe. Obwohl es mitten am Tag war, war es in diesem Teil der Stadt ziemlich leise und bis auf ein paar herumlungernde Männer, gab es hier auch kein Anzeichen von Leben.
      Elraya zeigte auf den zweiten Stock eines der Häuser.
      "Da oben wohnen sie: Eine Frau und zwei Männer. Ist eigentlich sowas wie ein Stützpunkt, um die Lage im Blick zu behalten, aber für ein Kind haben sie wohl auch noch Platz, was weiß ich."
      Sie zuckte die Schultern.
      "Ich darf da nicht rein ohne einen triftigen Grund und Pria darf sowieso gar nicht erst in dieses Viertel, außer Berek erlaubt es ihr, also wird wohl die Luft rein sein. Was hast du denn vor, etwa anklopfen und fragen, ob du dir die Göre mal ausleihen darfst?!"

      Pria und Berek zogen, ausgerüstet mit den ausländischen Funden, aus auf dem Weg zum Schwarzmarkt. Ihr erstes Ziel führte sie in die Schenke "Zum Goldenen Löwen".
      Der Wirt leitete sie diskret weiter in ein Hinterzimmer, wo der Rauch von Zigarettenqualm die Fenster beschattete und die fünf Personen verdeckte, die an dem runden Tisch Karten spielten. Sie begrüßten Berek, nickten Pria zu und boten ihm einen Platz zum Spielen an, ehe er ihnen schon die Schwerter präsentierte und sich nach einem geeigneten Händler erkundigte. Pria kaufte sich während seiner Unterredung gleich ein paar Zigaretten und tauschte mit der schwarzhaarigen Frau, die sie ihr gegeben hatte, ein paar Belanglosigkeiten aus. Dann gingen sie auch schon wieder hinaus, die Waffen wieder bei sich und ihr nächstes Ziel vor Augen.
      Berek bestach in einer Seitenstraße einen Jungen, der ihnen vorauslief und den Rüstmeister holen ging, der sich bei einem der Trainingsplätze herumdrückte und sich sofort auf dem Weg zu ihnen machte. Sie empfingen ihn in einer Sackgasse, die nach Pisse und Erbrochenem stank.
      Er ließ sich äußerst viel Zeit die Schwerter eins nach dem anderen zu beäugen und grunzte schließlich.
      "Ist 'ne gute Qualität, bekomm' ich ganz sicher weg. Die hier sind Ashkenia, das erkenn' ich gleich an der Verarbeitung, und das kommt aus dem Osten - ist 'n ganzes Stück weg. Sollte machbar sein."
      Er sah zu Berek auf.
      "2.000 für jede Waffe und nochmal 2.000, wenn ich sie verkauft hab'. Leben die Besitzer noch? Dann muss ich runtergehen auf 1.500 je Waffe. Berufsrisiko, versteht sich. Kann man nichts machen."
    • Auch nach den eindringlichen Fragen, was sein Plan wäre, verriet Jarku kein Wort. Der Grund dahinter war recht einfach. Er hatte keinen. Tatsächlich ging er meist Planlos durch sein Leben, es sei denn die anderen Jungs tüftelten etwas aus. In diesem Fall sah er einfach nur ein fest gehaltenes Mädchen dessen Umstände er nicht kannte, nur um als Druckmittel zu existieren. Bei sowas wäre wohl jedem in der Gruppe die Hutschnur geplatzt. Jarku war sich sogar ziemlich sicher dass einer aus der Gruppe direkt abgestellt worden wäre um das Kind raus zu holen.
      Schnell stand er mit der Frau vor dem Gebäude auf welches sie hinwies und sogar das Stockwerk wurde ihm gesagt. Elraya kannte Jarku nicht, was ihm dann ein leichtes grinsen raus lockte als sie exakt das vorher sah, was er nun tun wollte. Anklopfen.
      "Jup. Genau das hab ich vor. Wolln mal sehen was passiert."
      Und schon machte er sich auf zur Tür. Sie stand offen, was kein Wunder war, immerhin war es wohl ein kleiner Laden für Werkzeuge. Zumindest im Erdgeschoss. Nur eine Fassade oder wusste der Inhaber auch nicht was über ihm vor sich ging? Jarku war das recht egal. Er ging einfach durch den Laden, ignorierte den Hinweis nicht einfach in den Privatbereich zu gehen, doch genau dort fand sich die Treppe.
      Schnell stand er exakt im zweiten Stockwerk vor einer verschlossenen Tür samt Schiebluke auf Augenhöhe, was ihm wieder ein Grinsen hervor lockte. Es war als wollte man schon mit der Tür aussagen dass sich etwas illegales dahinter befindet. Er kannte diese Art von Türen nur zu gut, da sie meist für zwielichtige Schuppen genutzt wurde, hinter welchen Glücksspiel betrieben wurde. In diesem Fall klopfte er aber wie erwähnt einfach an und legte ein freundliches Gesicht auf.
      Die Luke schob sich auf, war jedoch mit einem schwarzen, sehr dichten Netz dahinter ausgestattet um die Personen nicht erkennen zu können. Geschickt, das gab Jarku zu.
      "Hey. Alles gut bei euch? Ich machs kurz. Ich soll nachsehen ob die Kurze von Pria noch hier ist. Ist n direkter Befehl von Berek. Zur Zeit gehen ein paar komische Dinge ab. Lodoz ist verschwunden und nun wurde ich mit Elraya los geschickt um nach dem Rechten zu sehen. Ein kurzes Zeichen von ihr und ich kann diesen Stützpunkt von meiner Liste streichen."


      Berek hatte bisher einen miesen Tag gehabt also fragte er sich ob er die ein oder andere Karte ausspielen sollte um mehr aus dem Händler hinaus zu bekommen, doch würde es gegen seine Grundregel gehen einen Händler niemals zu erpressen oder zu bedrohen. Diese Leute waren einfach ein zu großes Risiko. Man konnte sie nicht permanent unter Beobachtung halten und sie waren im ständigen Warenaustausch. Für solche war es einfach Nachrichten zu übermitteln oder auch das Angebot von Waren falsch darzustellen.
      "Ist gut. 1500 für jede Waffe und 2000 wenn du sie verkauft hast. Und ich sag dir was. Wenn du sie schnell los wirst, ist eine davon geschenkt."
      Der Händler funkelte und schlug direkt ein.
      "Auf ein gutes Geschäft."
      "Auf ein gutes Geschäft."
      "Ach und ein kleiner Tipp. -"
      Berek gab die Beschreibung von jedem in der Gruppe von Aradan wieder
      "- solltest du die Waffen nicht erwähnen. Es könnte sein dass sie etwas gegen den Verkauf haben, wenn du verstehst."
      So verlief alles Weitere wie am Schnürchen. Berek bekam einen saftigen Batzen Gold, welchen er direkt an Pria weiter gab und verabschiedete sich vom Händler ehe er sich Pria zu wandte.
      "Verfluchter Halsabschneider. Ich wette sie waren mehr wert aber wenigstens hat er die anderen Waffen ebenso abgekauft. Also. Du wirst dich jetzt auf die Suche nach Elraya und Lodoz machen. Ich muss mich noch um andere Dinge kümmern. Pass auf deinen Arm auf und lass dich mal beim Arzt blicken."
      Und schon verschwand Berek in den Gassen.
    • Elraya hätte vor Schreck fast ihre ganze Deckung auffliegen lassen. Das meinte Jarku doch nicht etwa ernst, oder?
      "Du willst echt anklopfen?!"
      Da marschierte er auch schon los und sie huschte ihm nach.
      "Hey, du bringst Pria noch in Schwierigkeiten, Flacharsch!"
      Sollte sie ihn doch hinterrücks abstechen? Jetzt wäre womöglich die Gelegenheit dazu, hier würde sie keine Aufmerksamkeit auf sich ziehen. Aber dann musste sie auch zu Berek zurück und sich ihm stellen. ... Sollte das etwa heißen, dass sie sich also offiziell mit dem Giftmann verbündete? Das hielt sie für eine genauso schlechte Idee, schließlich hatte sie immernoch vor sein Kryss zu stehlen - oder eher das des Weißhaarigen.

      Vielleicht würde es vorübergehend nicht schaden, zumindest, bis die Sache erledigt war. Also dackelte sie ihm nach und spielte mit.
      Vor der Tür angekommen klopfte er doch wahrhaftig an und log der Person drinnen etwas vor. Elraya lugte hinter seiner Schulter hervor und winkte zur Bekräftigung.
      "Hi."
      Es dauerte ein paar Sekunden, während einige Schlösser entriegelt wurden, ehe die Tür aufschwang und eine bullige Gestalt enthüllt. Der Mann hatte eine Glatze, trug eine gewöhnliche Arbeitshose, roch nach Bier und war - wie Elraya fand - ultra hässlich. Er lehnte sich gegen den Türrahmen und wirkte gänzlich gelangweilt. Sein Blick wanderte teilnahmslos zwischen den beiden Besuchern hin und her.
      "Wieso denkt Berek, dass die Kleine nicht mehr hier sein könnt, hä? Vertraut er uns etwa nicht mehr?"
      "Ich würd' dir auch nicht vertrauen, Fettsack."
      "Dann sin' wir ja schon zu zweit. Und wer bist du?"
      Er starrte Jarku an.
      "... Ist mein Cousin."
      Der Mann grunzte.
      "Ah, echt."
      "Uh-huh."
      "Sieht man. Ihr seid beide potthässlich."
      Dann blickte er über die Schulter nach hinten.
      "Saijah! Komm' her, Mädchen!"
      Man hörte das Scharren eines Stuhles, dicht gefolgt von dem Klirren einer Flasche und gedämpften Stimmen, die man nicht recht verstehen konnte. Es folgten ein paar Sekunden der Stille, in denen der Mann über seine Schulter nach hinten blickte, ehe das Mädchen neben ihn trat.
      Saijah ging ihm bis zur Hüfte und war ein dürres, schmächtiges Kind mit langen, dunklen Haaren und eingefallenen Wangenknochen. Sie trug braune Lumpen, die ihr eine Spur zu groß waren und war barfuß. Ihre Arme waren so dünn, dass man fast die Knochen darunter erkennen konnte.
      Sie sah mit einer gewissen Ausdruckslosigkeit zu den Besuchen auf. Ihr Anblick rief für gewöhnlich gemischte Gefühle in anderen hervor: Ihr rechtes Auge war gänzlich grau, als hätte man sämtliche Farbe aus den Pupillen gezogen, während das linke Auge gestochen scharf wirkte, als würde ihm zu keiner Zeit etwas entgehen können.
      Saijah sah erst zu Jarku auf und dann zu Elraya. Ihr gesundes Auge, ein grünes, erstrahlte hinter der Emotionslosigkeit ihrer restlichen Erscheinung.
      "Hallo Tante El."
      "Hey."
      Der Mann legte dem Mädchen die Hand auf die Schulter.
      "Sag' den beiden, dass es dir gut geht."
      "Mir geht's gut."
      Er sah zu Jarku auf.
      "Hat Läuse, aber sonst geht's ihr prächtig. Und Läuse haben noch nie jemanden umgebracht. Sag' Berek, dass er Pria wieder vorbeischicken soll, mir geht die ganze Babysitterei auf den Sack. Sie war schon seit zwei Wochen nicht hier, langsam wird's wieder Zeit."
      Er schnaubte verächtlich.
      "Gibt's sonst noch was? Oder seit ihr nur hergekommen um zu nerven?"

      Pria steckte den Goldbeutel von Berek ein, murmelte ihm ein Abschiedswort zu und zog in die andere Richtung davon. Ihr Weg führte sie zurück zum Goldenen Löwen, wo sie den Großteil des Goldes im Hinterzimmer ablieferte mit dem Befehl, dass es weitergeleitet werden sollte, ehe sie wieder hinausging und nach dem nächstbesten Informanten Ausschau hielt. Von ihm bekam sie die Information zugesteckt, dass Elraya und Lodoz irgendwo bei den Kasernen gesehen worden waren, also ging sie den ganzen Weg wieder zurück und schnappte sich den Rüstmeister, dem sie sein eigenes Gold zusteckte, um zu erfahren, dass die Geschwister vor ein paar Stunden auf dem Übungsplatz gekämpft hätten - mit einem Weißhaarigen und einer Braunhaarigen. Lodoz sei besiegt worden und Elraya wäre abgehauen.
      Das waren überaus beunruhigende Neuigkeiten, die Pria veranlassten, sich ihre nächste Zigarette anzuzünden. Die Geschwister schienen sich wohl in ihrem Spionageauftrag etwas übernommen zu haben und waren in die Offensive gegangen, was ganz offensichtlich gegen Bereks Befehl ging. Jetzt hatten sie sich in irgendeine Scheiße geritten und mussten wahrscheinlich, wie Pria selbst noch vor einem Tag, gerettet werden.
      Sie seufzte und ließ die verwundete Schulter kreisen. Vielleicht sollte sie die Suche ein wenig hinauszögern, um ihnen eine Chance zu geben, doch noch nachhause zu kommen, aber eigentlich hätten sie das eh sein sollen, wenn ihnen nichts zugestoßen war. Also lieber gleich nach ihnen suchen und es hinter sich bringen. Außerdem schuldete sie Lodoz sowieso noch was, nachdem er sie gerettet hatte.
      Sie musste drei weitere Informanten bestechen, ehe sie die vage Auskunft bekam, dass man Lodoz in den Norden der Stadt entführt haben sollte. Von Elraya gab es keine Spur, also musste sie sich irgendwo versteckt haben. Elraya konnte man nicht finden, außer sie wollte es.
      So führte ihr Weg sie zur Mauer im Norden, wo sie in einem abgelegenen Viertel landete, in dem es noch nichtmal richtige Geschäfte gab. Ein paar leerstehende Häuser, Lagerhäuser und eine einzelne Kaserne bildeten keine gute Grundlage für irgendeine Art von Aktivität. Wahrscheinlich hatte ihr Informant sie angelogen.
      Sie schritt die Häuser trotzdem ab, um sich zumindest sicher zu sein, dass sie nichts übersehen würde, als ihr eines davon ins Auge stach. Bretter vor den Fenstern waren eine ziemlich auffällige Art, den Inhalt zu verbergen, und darüber hinaus konnte sie von der Seite ein zerbrochenes Fenster am oberen Rand erkennen. Vielleicht hatte sie ja Glück und würde etwas Wertvolles finden, davon würde sie sich gleich einen Abstecher ins Bordell leisten.
      Sie schlich um das Gebäude herum, suchte nach einem Hintereingang, versuchte durch die Bretter zu linsen und griff schließlich zur konventionellen Methode, wonach sie ihren Dietrich hervorholte und sich am Schloss zu schaffen machte. Es dauerte keine zwei Sekunden, ehe die Tür aufsprang.
      Sie fand Lodoz auf einem Stuhl sitzend, mit seinem eigenen Blut beschmutzt. Ihre Augen weiteten sich in Erstaunen, ihre gleichgültige Haltung verflüchtigte sich.
      "Lodoz?"
      Sie marschierte zu ihm und hob seinen Kopf an. Die Bewegung verursache ein schmatzendes Geräusch, dicht gefolgt von einem zähflüssigen Blutfaden, der sich von seinem Kinn löste und ihm auf die bereits durchnässte Brust tropfte. Sie hob seinen Kopf bis in den Nacken, aber eigentlich wäre das nicht nötig gewesen, denn sie konnte das Loch in seinem Schädel schon von diesem Blickwinkel aus sehen.
      "Scheiße."
      Sie ließ ihn los, wodurch der Kopf wieder nach vorne sackte und es erneut schmatzte. Sie wischte sich das Blut an den Fingern an seinem Knie ab und sah sich dann im Raum um. Ein Tisch, zwei Stühle, einer davon mit abgerissenen Seilen, auf dem anderen saß Lodoz. Die Hülle einer Rauchbombe auf dem Boden, eines von Elrayas Wurfmessern. Pria musste sich gar nicht über die Situation vergewissern, aber sie starrte doch für einen Moment länger in den Raum hinein.
      "Scheiße El, was hast du getan?"
      Sie schritt den Raum ab, suchte nach weiteren Hinweisen nach dem tatsächlichen Vorgang. War sie entführt, geflohen oder ermordet? Wenn sie ermordet worden wäre, hätte man sie wohl hier bei Lodoz gelassen. Wenn sie entführt wäre, hätte man wohl kaum die Seile durchgeschnitten. Also geflohen? Aber wieso kam sie dann nicht nachhause? War sie verletzt? Aber Pria fand keine Blutspur bis auf Lodoz'.
      Also ging sie wieder nach draußen und machte sich auf den Rückweg. Sie würde Berek über Lodoz' Verbleib Bescheid geben müssen, aber erst musste sie El finden. Sie würde sich beim Marktplatz ein paar Informanten erkaufen und wenn das nichts brachte, würde sie den Weißhaarigen finden und beobachten müssen, in der Hoffnung, dass er etwas über El erwähnte.
      Sie zündete sich im Gehen eine zweite Zigarette an.
    • Cousin? Gut. Ganz so abwegig war das wohl nicht. Wenn man bedachte wie anders beide aussahen und bis auf den roten Haaren nichts gemeinsam hatten, war das wohl eine glaubwürdige Lüge für Leute mit mittelmäßigem Grips in der Birne. Und es lief auch noch alles wie am Schnürchen. Wer hätte das gedacht.
      Dann sah Jarku das kleine Kind. Er schenkte der Kleinen ein lächeln und nickte ihr zu. Selbstverständlich konnte er in diesem Moment nicht mehr sagen außer sich wieder dem komischen Kerl zuzuwenden, welcher ihn einfach immer wieder an einem Mops in Menschengestalt erinnerte.
      "Um zu nerven?"
      Jarku verschärfte seinen Ton.
      "Soll ich Berek ausrichten dass seine angewiesene Kontrolle für dich nervig ist? Soll ich ihm ausrichten dass du während der Aufsicht eines wichtigen Druckmittels gesoffen hast? Und wo sind die anderen Beiden? Ihr solltet hier eigentlich zu dritt sein."
      Grob verschaffte sich Jarku nun selbst Eintritt indem er dem bulligen Typen mit einem Schulter an Schulter stoß signalisierte dass Jarku seine Art nicht tolerierte.
      "Geht mir aus dem Weg!"
      Der Mann sah Jarku nach mit einem Gemisch aus Angst dass diese Informationen tatsächlich an Berek weiter gegeben werden und Überraschung, wie der Rothaarige plötzlich von freundlich auf durchsetzend geschaltet hat.
      Dann legte Jarku zwei Finger in den Mund um einmal laut zu pfeifen als er mitten in den Räumlichkeiten stand, welche versifft rochen und noch schlimmer aussahen.
      "Los. Antanzen. Alle drei! SO--FORT"
      Sofort zersprang ein Glas in einem anderen Raum, ein Stuhl fiel um und leises Geflüster huschte zwischen zwei Personen hin und her als würden sie versuchen schnell Beweise zu verstecken. Wenige Sekunden danach kamen die zwei anderen Personen in den gleichen Raum und sahen Jarku etwas verwundert an. Schon witzig. Dieser zweite Mann hätte von der Statur beinahe der Zwilling des ersten sein können, nur sah sein Gesicht deutlich runzliger aus und dieser hier hatte noch eine prächtige Halbglatze. Was die Frau betraf wollte Jarku nicht dass sie ihm näher als 2 Meter kam. Die schlechten Zähne sahen aus als hätte er sie mal mit Gift behandelt. Alles in allem sahen die drei genau so aus wie diese Wohnung. Man hätte sie in die Ecke stellen können und sie wären perfekt mit der Umgebung verschmolzen. Absolut widerlich. Und dennoch war es ein gefährlicher Ort. Hinter der Eingangstür stand ein rostiger Streitkolben. Hier im Raum sah er auf Anhieb zwei Schwerter und eine Armbrust. Und die Frau versteckte etwas hinter ihrem Rücken. Wäre er in diesem Moment aufgeflogen, wären diese bulligen Kerle trotz ihrem schäbigen Auftreten ein Problem gewesen. Solche waren dafür bekannt wie Metzger auf einem zu zu preschen, was es meist schwerer machte als gegen trainierte Soldaten zu kämpfen, diese konnte man wenigstens in ihrem nächsten Zug einschätzen.
      "Bevor ihr euch das Gleiche fragt was Glatze uns schon gefragt hat.. Ich bin der Ersatz für Lodoz, welcher derweilen als Verschwunden gilt. Um sicher zu gehen dass die wichtigsten Druckmittel noch an Ort und stelle sind, checken wir das. Es sollte eigentlich schnell gehen aber Glatze war unfreundlich. Gut. Also."
      Jarku wedelte mit der Hand herum um den Saustall aufzuzeigen
      "Wie ich sehe habt ihr den Job nicht sonderlich ernst genommen. Ich will aber mal nicht so sein und lasse euch das durchgehen. Berek wird das nicht erfahren und ich setze sogar noch einen obendrauf. Sauft, besorgt euch was zum vögeln und fresst bis ihr ins Koma fallt, natürlich nur solange ihr die Kleine weiterhin im Auge behaltet, denn ab nächste Woche, komme ich noch mal vorbei und dann will ich diese Wohnung hier sauber sehen. Ah und selbstverständlich wird ab dann nicht mehr während der Arbeitszeit gesoffen. Nutzt die Zeit also gut aus. Der heutige Abend geht auf mich."
      Dann schmiss Jarku eine Hand voll Gold in den Raum. Den Moment nutzte er aus, ging in Richtung Eingang, packte sich den Arm von Elraya und zog sie hinter sich her bis nach draußen von wo sie Jarku das Haus gezeigt hatte.
      "Na das lief doch super. Jetzt warten wir bis die Nacht einbricht. Dann sollten sie kaum noch eine Gefahr abgeben. Die Tür hat auf jeden Fall 4 Eisen Scharniere. Da frisst sich mich gift spielend durch. Hinter der Tür befindet sich dann ein Streitkolben und im Aufenthaltsraum befanden sich Schwerter und eine Armbrust dessen Sehne gerissen ist. Ich würde sagen dass das kein Problem wird die Kleine da raus zu bekommen. Das größere Problem ist, einen Ort zu finden der noch nicht korrumpiert ist. Kennst du zufällig Orte wo seine Macht aufhört?"
    • Elraya hätte Jarku am liebsten wieder zurückgerissen und aus dem Haus gescheucht, als er sich nun auch noch Zugang zu der Wohnung verschaffte - als hätte es nicht ausgereicht, den Klotz in der Tür zu provozieren. Aber das wäre schließlich auch für sie selbst viel zu auffällig gewesen, also beschränkte sie sich auf einen Fluch und schob sich ihm nach.
      Er entpuppte sich in seiner Rolle als Botenjunge als äußerst fähig, was auch einen bleibenden Eindruck auf die drei anderen zu machen schien. Er wirkte tatsächlich überzeugend gut wie einer von Bereks Jungs.
      Die Frau schien drauf und dran sich zu beschweren, aber in Aussicht auf Jarkus Angebot klappte sie ihren Mund dann doch wieder zu. Sie stierte gierig auf das Geld, das er ihnen vor die Füße warf und machte sich gleich daran, die Münzen alle einzusammeln, ein beschwichtigendes Gemurmel auf ihren Lippen, nach dem sie sich wohl um seine Forderung kümmern wollte.
      Elraya ließ sich an der teilnahmslosen Saijah vorbei nach draußen ziehen und fuhr sich durch die Haarstoppeln.
      "Du willst die echt da rausholen? Daran merkt man, dass du nicht von hier kommst, man, sonst hättest du dich nichtmal in deren Nähe getraut, geschweige denn geplant, eins von Bereks Druckmitteln zu entführen."
      Sie sah sich in dem kleinen Hinterhof um, in den sie sich zurückgezogen hatten, und zog Jarku dann zurück zur Straße, wo sie sich weniger lauschende Ohren erhoffte.
      "Da wo Bereks Macht aufhört, fängt die des Herzogs an. Berek kann überall sein, aber nicht da, wo sein eigenes Leben in Gefahr ist. Ich glaube allgemein ist alles sicher, was irgendwie öffentlich und undurchsichtig ist, weil er sich da am liebsten selbst fernhält. Oh, ich glaube der Starksplatz ist das richtige Ziel, solange das Fest noch im Gange ist. Ein Haufen Wachen und ein Haufen Durcheinander, solange wir an der Oberfläche bleiben, kann er keinen Radau veranstalten. Ich weiß, wo es die wenigsten Eingänge zur Kanalisation gibt, ich zeig's dir."
      Ihre Augen erstrahlten bei der Gelegenheit, auch mal ihr Wissen präsentieren und einsetzen zu dürfen und sie scheuchte Jarku schon ungeduldig voran.

      Pria erfuhr, dass Elraya auf dem Weg zum Oberlaiks-Viertel gesichtet worden war. Zwar hatte der Junge nicht ihr Gesicht gesehen, aber es gab nicht viele Individuen, die über Dächer huschten und dabei fluchten, wenn sich ihr Mantel in der Dachrinne verfing.
      Oberlaiks-Viertel. Was zum Teufel hatte sie dort zu suchen? Und wie sollte Pria sie da finden? Sie durfte ja die unsichtbare Grenze nicht überschreiten.
      Langsam war sie es leid, ihr hinterherzujagen. Ihr schmerzten die Füße vom vielen Laufen, sie war hungrig und musste sich jetzt mit dem Gedanken beschäftigen, was El in der Nähe ihrer Tochter zu suchen hatte. Das ganze schien ihr für diese hohle Birne viel zu auffällig.
      Aber eben deswegen musste sie die Sache aufklären, bevor sie damit zu Berek gehen würde. Zum Schluss wäre, was auch immer passierte, noch Prias Schuld, weil sie sie nicht schnell genug gefunden hatte.
      Also machte sie zum dritten Mal kehrt und schlug den Weg in Richtung Oberlaiks-Viertel ein, wobei sie gründlich darauf achtete, nicht zu weit zu laufen. Bei einem Schneider verließ sie die Straße, zog durch ein paar Hinterhöfe und fand schließlich einen Aufgang zum Dach, den sie sich entlang nach oben quälte, ehe sie ihren Posten auf einer Dachkante bezog und sich eine Zigarette anzündete, den Blick in Richtung des besagten Viertels. Wenn sie El finden wollte, blieb sie am besten über den Häusern.
      Tatsächlich dauerte es keine fünf Minuten, bis fünf Dächer weiter eine Gestalt auf der Kante auftauchte, auf der anderen Seite herunterrutschte, den letzten Teil Anlauf nahm und über den leeren Abgrund zum anderen Dach sprang. Pria beobachtete für einen Moment die Mühelosigkeit, mit der Elraya das Dach hinaufschlenderte, Kamine und Gauben und Wäscheleinen umrundete und auf der anderen Seite wieder hinabschlitterte, den Schwung nutzend, um sich dann auf das nächste Dach zu befördern. Sie bewegte sich mit einer solchen Leichtfertigkeit, dass Pria sich im Vergleich dazu klobig anfühlte, bei der Anstrengung, die sie unternommen hatte, um überhaupt erst auf das Dach zu gelangen. Elraya war schon manchmal beneidenswert. Aber nur manchmal.
      "El!"
      Sie sah, wie die andere Frau zusammenzuckte, für einen Moment das Gleichgewicht verlor und dann in Prias Richtung herumwirbelte. Pria konnte ihren Fluch bis über die Dächer hören.
      "Oh scheiße!"
      Die rothaarige Frau drehte sich um und rannte vor ihr davon.
      "El?!"
      Pria richtete sich auf und versuchte die Verfolgung aufzunehmen, als sie sah, wie Elraya das Dach verließ und sich nach unten hangelte. Das war nun wirklich verdächtig: Elraya gab die Sicherheit ihres Daches auf? Da stimmte doch was nicht.
      Pria schwang sich selbst vom Dach hinab und rannte die Gassen entlang in die Richtung, in der Elraya verschwunden war. Sie dachte schon, die Orientierung und El endgültig verloren zu haben, als sie keine zwei Straßen später um die Ecke bog und fast mit Elraya zusammengeprallt wäre. Die rothaarige kreischte auf und suchte dann Schutz hinter einem rothaarigen Mann. Ihr Cousin?
      "Pria!! Äh... hi! Gar nicht gesehen!"
      Pria blieb stehen und warf sich die Haare aus dem Gesicht.

      "El, was zum Teufel machst du hier? Und wer ist das? Du hättest vor zwei Stunden schon wieder zurück sein müssen, Berek sucht nach dir! Kannst du mir einmal erklären, was zur Hölle im Lagerhaus passiert ist?!"
      Elraya wurde eine Spur bleicher im Gesicht.
      "Berek sucht nach mir?"
      "Natürlich sucht er nach dir! Ich dachte schon, du wärst verreckt! Und wer bist du, etwa ihr Cousin?"
      Sie starrte Jarku mit zusammengekniffenen Augen an.
    • Jarku hörte Elraya aufmerksam zu auch wenn sie von purer Angst geblendet zu sein schien. Alles was er daraus entnehmen konnte war, dass dieser Berek sein Handwerk verstand. Sein einziges Problem schien bisher nur zu sein, dass er zu viel auf einmal kontrollieren wollte und in der Ausführung zu schlampig zu arbeiten schien wenn man bedenkt welche Leute seine Druckmittel bewachten. Wäre das für jedes so, hatte Jarku schon die ein oder andere Idee um mehreren Leuten zu helfen, doch dafür würde er ganz klar die Hilfe der ganzen Gruppe brauchen.
      "Hör zu. Ich weiß du kennst mich nicht oder die Anderen in der Truppe und ja wir sind zum ersten Mal in dieser Stadt, kennen also die ganzen Abläufe nicht. Aber eines kann ich dir sagen. Wenn wir sehen dass Leute so unterdrückt werden, ob von einem schmierigen Halunken oder einem Herzog selbst, versuchen wir alles um das Gleichgewicht wieder herzustellen. Wir haben alle unsere Geschichte. Einer von uns verlor seine ganze Familie, darunter auch ein Mädchen im selben Alter wie die dort oben. Du kannst mir also glauben dass ich grade sehr bedacht und vorsichtig an die Sache ran gehe und bestens weiß welche Gefahren dahinter stecken. Wäre die besagte Person an meiner Stelle, würde dort oben vermutlich schon alles Tod in der Ecke liegen. Und fangen wir gar nicht erst bei Aradan an. Ein Wort von einer Geisel und er hätte die verantwortliche Person vermutlich öffentlich auf dem Marktplatz ausgerufen. Aradan ist unser Anführer und ganz klar nicht von diesem Planeten. Ich meine, einst befreite er zwei kleine Mädchen die an ein Bordell verkauft wurden. Ein Edel-Bordell welches nur für die wichtigen Leute reserviert war. Er spazierte hinein just in der Sekunde als er davon erfahren hat. Vertrau mir also dass mein bestes geben werde um dieses Mädchen dort raus zu holen und mich so lange mit euch zu verbünden bis ihr in Sicherheit seid. Das gilt sogar für dich."
      Nur Momente später geschah dann aber doch etwas überraschendes. Eine neue Frau fiel ihm vor die Füße. Was war das hier für eine Stadt? Sogar in solchen Gassen regnete es scheinbar Frauen und diese hier sah nicht mal so runter gekommen aus. Doch der fakt dass sich Elraya hinter ihm einreihte, als hätte sie Angst, lies Jarku schon seine Hand hinter sich schleichen um den Griff seines Dolches zu umfassen.
      Erst als er den Namen hörte, sah er verwundert aus dem Augenwinkel zu Elraya
      "Pria? Ist das die Frau die wir unter allen Umständen verschonen sollen? Moment mal.."
      Dann sah er die neue Frau an und hob sein Kinn an
      "..Bist du die Pria mit einem 8-jährigen Kind? Etwa so groß?"
      Die Hand noch immer am Dolch, versuchte er die Lage irgendwie einzuschätzen
      "Sag Elraya, wird uns diese Frau ärger machen oder lässt sie sich helfen?"
      Die Frage ging klar an Pria gerichtet, eine Antwort hätte er aber von beiden gerne gehört.
    • Prias gesamte Körpersprache veränderte sich schlagartig, kaum als Jarku ihr Kind ansprach. Sie versteifte sich, richtete sich auf und griff selbst in einer ähnlichen Bewegung wie er zu ihrem Dolch - nur dass Elraya wusste, dass das nur ein Täuschungsmanöver war. Die eigentliche Gefahr ging von den Katalysatoren in ihren Ohrringen aus.
      "Was ist mit meiner Tochter?", knurrte sie Jarku an, als Elraya schon hinter ihm hervorgeschossen kam und sich zwischen beiden aufstellte. Sie wirkte irgendwie gehetzt.
      "Ähh - wartet mal. Wir entspannen uns alle mal ein bisschen, okay?"
      Dann huschte sie zu Pria und zog sie einen Schritt nach hinten, was sie sich nur widerwillig gefallen ließ. Ihr Blick hatte sich regelrecht auf Jarku festgesessen.
      "Deiner Tochter geht's gut, wir haben... ähm... hm..."
      Pria hätte sie am liebsten geschlagen.
      "Hör auf rumzudrucksen und sag mir was verdammt nochmal los ist, El!"
      "Ich kann nicht zu Berek zurück, Pria, er wird mich umbringen. Ich kann einfach nicht, nicht dieses Mal. Ich hab' Lodoz umgebracht und ich hab' vielleicht die ein oder andere Sache über Berek preis -"
      "Was hast du getan?"
      "... Ich hab' Lodoz umgebracht."
      Da wandte Pria erst den Blick von Jarku ab und starrte Elraya verblüfft an.
      "Du hast Lodoz umgebracht?"
      "Ja."
      "Warum?"
      "Er hätte es so gewollt."
      Das hätte Pria in fünfzig Jahren noch nicht verstanden. In welcher Welt brachten sich die Geschwister tatsächlich um? Sie hatte es für unmöglich gehalten.
      "Jedenfalls kann ich nicht zu Berek zurück, weil ich ihnen ein paar Sachen erzählt hab."
      "Wer ist "ihnen"?"
      Elraya wich ihrem Blick aus.
      "Wer ist "ihnen", El?"
      "Ihnen eben."
      Da sah Pria auf Jarku zurück und erkannte es plötzlich: Die roten Haare, die Augenklappe, die Dolche, die schlanke Statur. Die Erkenntnis traf sie wie ein Schlag ins Gesicht und sie wich einen Schritt zurück. Sie fühlte sich, als habe sie freiwillig ihren Kopf ins Maul eines Raubtiers gesteckt.
      "Du bist Jarku?!"
      Elraya zog ihr nach.
      "Er hat gesagt, er würde uns helfen! Ich hab' ihm von deiner Tochter erzählt und da hat er ges -"
      "DU HAST IHM VON MEINER TOCHTER ERZÄHLT?!"
      Fast hätte sie Elraya tatsächlich abgestochen - aus reiner Panik, die in ihr hervorkroch. Der Dolch war bereits gezogen, aber Elraya sprang eilig rückwärts, sie war zu schnell für sie, natürlich.
      "Er hat gesagt, er kann sie da rausholen! Seine Truppe, die... ah... wie hast du es genannt?" Sie drehte sich hilfesuchend nach Jarku um. "Sie wollen den Unterdrückten helfen!
      Sie wollen das... das Gleichgewicht wiederherstellen, oder so! Er kann sie da rausholen!"
      Pria starrte auf Jarku und drehte unschlüssig den Dolch in ihrer Hand. Die ganze Situation stieg ihr gänzlich über den Kopf: Erst Lodoz' Tod, dann hatte Elraya irgendwas zu viel ausgeplaudert, dann boten ihr die Leute, die sie ausgeraubt hatte, ihre Hilfe an und Elraya glaubte ihnen, ohne eine Sekunde darüber nachzudenken. Nun, zumindest das letzte war wohl eher typisch, allerdings war es doch auffällig, dass sie sich so sehr dagegen sträubte, zu Berek zurückzukehren. Sie musste ganz schön einer Gehirnwäsche unterzogen worden sein.
      "Warum solltet ihr uns helfen, nach dem, was wir euch angetan haben? Was verlangt ihr als Ausgleich? Ich werde nicht zulassen, dass meine Tochter in irgendein anderes Spiel mit reingezogen wird, nur, damit Berek sie zum Schluss doch findet."
    • Uuuund es ging los. Die beiden Frauen keiften sich und ignorierten Jarku fürs erste komplett. In solchen Momenten malte er sich immer aus wie leicht es wäre beide Personen zu überwältigen. In diesem Fall setzte sich Jarku aber nur auf ein altes Stück Gemäuer und holte ein Stück Trockenfleisch hervor um ein wenig zu essen während er dieses Theater gespannt mit ansah.
      Erst als alles doch etwas mehr aus dem Ruder lief, was wohl ziemlich nachvollziehbar seitens Pria war, wedelte er mit dem halben Stück Fleisch
      "Entschuldigung? Können wir kurz mal diesen Berek vergessen?"
      Direkt bekam er die Aufmerksamkeit da seine Worte wohl für die Zwei so undenkbar war, als hätte er gefragt ob sie kurz eine Grillparty schmeißen könnten. Wenigstens war es für diesen Augenblick ruhig, was Jarku nutzte um langsam seine Hände auf seine Brust zu legen
      "Also ICH bin Jarku. Schön dich kennen zu lernen."
      Nach wie vor blieb er entspannt dort sitzen und biss nochmals ab ehe er mit halb vollem Mund zu erklären began
      "Ehm. Elraya hats so ziemlich auf den Punkt gebracht. Sie und ihr Bruder haben unser Chefchen und dessen Frauchen angegriffen. Ich, und zwei aus unserer Gruppe kamen rechtzeitig zur Hilfe, Elraya ist davon gelaufen und unser Bulle hat es gestattet. Daraufhin hat Aradan eurem Lodoz seine Meinung zur ganzen Geschichte erklärt und wir haben ihn mitgenommen um ein kleines Verhör zu starten. Elraya funkte dazwischen also haben wir sie auch gefesselt und verhört. Kannst dir ja gar nicht vorstellen wie sehr sie mir auf die Nerven gegangen ist.. Aaaaaber sie wollte fliehen, konnte ihren Bruder nicht mit nehmen, hat ihn recht effektiv daran gehindert weitere Informationen Preis zu geben, nur um festzustellen dass ihr Fluchtversuch überstürzt war. Kurzum - Ich hab noch etwas mehr aus ihr raus geholt, hab vom eurem Berek Problemchen erfahren und das hat am Ende doch ziemlich was verändert. Erst gingen wir von simplen Dieben aus die uns überfallen haben um unser Gold zu bekommen, dann wusstet ihr aber um unser Kryss und hattet Informationen die nur ein Insider haben kann. Nun wart ihr also keine simplen Diebe mehr, die wir in ruhe ausquetschen können. In diesem Moment wart ihr die Entführer von Khil. Und dann Überraschung~~ war sogar noch mehr dahinter. Ihr seit nur Lemminge die tun was ihnen unter schamloser Erpressung befohlen wird."
      Nun sprang er von seinem Mäuerchen ab und sah sich Pria an als wollte er damit einen Punkt machen
      "Und ganz offensichtlich werdet ihr nicht sonderlich gut behandelt. Mal ganz zu schweigen davon dass dieser Kerl sogar Kinder mit ins Spiel zieht. Über sowas können wir nicht hinweg sehen. Nicht nur werden in dieser Stadt Menschen versklavt, sondern auch noch Kinder als Druckmittel missbraucht. Ich hab gesehen wie es dort oben aussieht, also. Halt mich auf wenn du willst aber dieses Kind wird bei Einbruch der Nacht frei sein und so lange in meiner Nähe bleiben bis wir diesen Berek sein Handwerk gelegt haben. Habs deiner Freundin hier auch schon gesagt. Wenn Aradan davon erfährt, wird hier kein Stein mehr unberührt bleiben. Kriegen wir unsere Kiste wieder, würde sich das alles möglicherweise sogar über Nacht ändern. Es liegt also ganz bei euch. Verbünden wir uns und lassen Berek ausbluten oder seit weiterhin unsere Feinde und kämpft gegen uns und eure Freiheit, reizt dabei weiterhin diese widerwärtige Spinne die ihr euren Boss nennt und verliert noch das letzte bisschen was euch etwas bedeutet."
      Er zuckte mit den Schultern und zog die Mundwinkel kurz nach unten
      "Also ich wüsste was ich tun würde"
    • Pria bekam von Jarku schließlich das zu hören, womit Elraya die ganze Zeit versuchte herumzudrucksen, und leider passte es genau in diese völlig wirre Geschichte, die sich ihr an diesem Tag aufzwängte. Dabei hatte sie geglaubt, dass Elraya unempfänglich gegenüber Folter war - was sollte für sie denn schließlich eine Tortur sein? Sie konnte sich ja nichtmal schneiden lassen, ohne sich in ihren Angreifer zu verlieben. Jarku schien aber wohl eine Methode gefunden zu haben, diese offensichtliche Schwachstelle zu umgehen. Zumindest der Part, dass sie ihm wohl auf die Nerven gegangen war, konnte nur wahr sein.
      Sie musterte ihn einmal eingehend. Er wirkte gänzlich losgelöst von der ganzen Szene, als würde es ihn kein bisschen interessieren, dass er sich gerade gegen den zweitmächtigsten Mann der ganzen Stadt verschwören wollte. Die Art und Weise, wie er so entspannt an seinem Mäuerchen herumhing, wirkte auf Pria so vertraut, dass sie keine Sekunde daran zweifelte, dass er tatsächlich völlig entspannt war - im Gegensatz zu ihr, die noch immer ihren Dolch in der Hand drehte. Wusste er nicht genug um Berek, um die Lage richtig einschätzen zu können, oder hatte er genug Vertrauen in sein Können, um jederzeit die Oberhand gewinnen zu können? War er einfach nur nachlässig, und würde er sie damit alle in den Untergang treiben, oder war er gefährlich?
      Sie konnte diese Frage nicht beantworten, nicht zu diesem Zeitpunkt. Ihr Blick wanderte rüber zu Elraya, aus deren Miene sie einen Haufen Gefühle herauslesen konnte, allen voran eine tiefsitzende Panik, die Pria selbst verspührte. Berek nichts von der ganzen Sache zu sagen, war schlichtweg Verrat und sie wollte keine Sekunde über die Bestrafung nachdenken, die auf Verrat folgte.
      Also tat sie das, was sie immer tat, wenn sie nachdenken musste, und fischte sich eine Zigarette hervor. Sie drehte Jarku den Rücken zu, entzündete sie, warf einen Blick in die angrenzenden Straßen und drehte sich wieder zurück. Sie begegnete den Blicken der beiden anderen und zog die Stirn in Falten.
      "Ihr seid wahnsinnig, wenn ihr es mit Berek aufnehmen wollt. Ich hab's zuletzt vor vier Jahren versucht, aber damals hatte ich auch noch zwei Töchter."
      Sie schüttelte den Kopf und nahm einen tiefen Zug. Die Zigaretten verschafften ihr an diesem Tag nicht gänzlich die benötigte Erleichterung.
      Dann schwieg sie und rauchte. Elraya versuchte ihre Nervosität im Zaum zu halten und Jarku wirkte genervt. An einem anderen Tag hätte Pria womöglich darüber nachgedacht, dass er sich als einen von Bereks Jungs eignete, mit der Art, wie er dieses Problem anzugehen versuchte, aber an diesem Tag versuchte sie ihm ihr Vertrauen zu schenken. Er machte einen selbstbewussten Eindruck, dem sie sich nur allzu gerne angeschlossen hätte.
      "...Ich will nicht in diese Sache mit hineingezogen werden. Wenn Berek herausfindet, dass ich beteiligt war, wird er sie umbringen... oder schlimmer. Deswegen: Wir haben uns nie getroffen", sie deutete auf Jarku, "und ich habe dich nie gefunden", sie deutete auf Elraya. "Ich werde ihm sagen, dass es keine Spur von dir und Lodoz gibt. Ihr bekommt alles zurück, was wir euch gestohlen haben und sobald meine Tochter in Sicherheit ist, werde ich alles in meiner Macht stehende tun, um Berek zu vernichten. Haben wir einen Deal?"
      Sie streckte ihm die Hand entgegen.
      "Du wirst unser Botenjunge sein, El. Gib' mir ein Zeichen, wenn Saijah in Sicherheit ist und ich gebe dir dafür eins, wenn Berek für euch eine Gefahr darstellt. Achja, wir haben Khil übrigens nicht entführt, Jarku. Sie hat sich uns quasi aufgezwängt."
    • Jarku hörte aufmerksam zu bis ihm die Hand gereicht wurde. Schnell packte er das letzte Stück Fleisch wieder in die dafür vorgesehene Tasche, welche sich hinter ihm am Gürtel befand, wischte sich die Hand an seinem Oberschenkel ab um mit Pria den Deal zu besiegeln, doch lies er nicht sofort los, blickte sie etwas schärfer an und ergänzte
      "Nur damit wir uns verstehen. Ich habe bisher noch nicht mit meiner Gruppe gesprochen. Alles was ich euch jetzt versprechen kann ist, dass ICH euch helfe. Ich sehe zwar keinen Grund warum einer von meinen Leuten dagegen sein könnte aber nagelt mich im Nachhinein auf nichts fest was die machen werden. Ihr habt jetzt nur mein Wort und das werde ich halten."
      Dann lösten sich wieder die Hände.
      "Macht euch mal keine Sorgen. Wir wandern viel umher, kämpfen regelmäßig gegen Wanderer und anderes Zeug. Ich kann mir kaum vorstellen dass Berek eine schlimmere Nummer wird als ein wahnsinniger Geist aus einem Paralleluniversum welcher den Verstand von einem übernehmen kann und alles töten will was ihm in die Quere kommt."
      Jarku lachte amüsiert und ging wieder rüber zu seinem Mäuerchen, nickte Pria noch mal entgegen und hob doch noch mal kurz den Finger
      "Ach und sag ihm ruhig das mit Lodoz. Keiner sollte in einer Lagerhalle vor sich hin rotten. Ich weiß zwar nicht was das für ein Kerl war aber er hat ganze 3 Tropfen durchgehalten und fiel nie in Ohnmacht. So bringst du diesem Berek wenigstens etwas worauf er reagieren kann. Scheint ja ne ganz schöne Zeitbombe zu sein dieser Kerl. Und bevor ich es vergesse, FALLS du Einfluss darauf haben solltest, halte ihn von Aradan fern. Wie ich erfahren habe kann dieser Berek Magie nutzen. Solange Menschen in der Nähe sind, darf er diese nicht gegen Aradan nutzen oder es werden unschuldige Leiden. Denk an all die Kinder der anderen. Aber eine direkte Konfrontation werden wir wohl eh nicht suchen. Versuch vorerst uns das Kryss wieder zu geben, alles weitere wird sich dann schon ergeben."
    • Also war es beschlossene Sache: Die Feinde verbündeten sich gegen den gemeinsamen Erzfeind, eine Geschichte wie aus dem Bilderbuch. Pria war sich sicher, dass sie es Berek nicht einmal erzählen konnte, wenn sie es gewollt hätte. Er hätte es ihr schlichtweg nicht abgekauft.
      Sie entfernte sich von den anderen beiden, die weiterhin zusammenbleiben würden, damit Elraya Jarku den Unterschlupf zeigen konnte, in den sie Saijah bringen konnten, und schlug den Weg zum Arzt ein. Währenddessen dachte sie über diese ungewöhnliche Zusammenkunft nach.
      Sie glaubte nicht daran, dass irgendein Mensch sich aus reiner Nächstenliebe in Gefahr brachte und es war offensichtlich, dass die Truppe - oder Jarku - nur ihre gestohlenen Sachen zurückhaben wollten. Sollten sie doch, die Kiste war sowieso wertlos und die Waffen waren zwar schon verkauft, aber das war nichts, was nicht wieder rückgängig gemacht werden konnte. Solange Pria dazu noch in der Lage war.
      Es bestand kein Zweifel darin, dass Berek stärker als sie war. Er hatte ein deutlich größeres Talent im Umgang mit Magie und sein Körper war noch immer in der Armeeausbildung geschult. Er war schneller als sie, er war stärker als sie und wenn es darauf ankam, war er womöglich sogar mächtiger als sie.
      Aber er wusste nicht, wie viel mächtiger er war. Das letzte Mal, als sie vor vier Jahren gegeneinander gekämpft hatten, hatte Pria in ihrer Panik ihre Magie entfesselt, ein lächerlicher Feuerball, der kaum groß genug gewesen war, um ihm die Haut vom Leib zu brennen. Damals hatte ihr dieser Ausbruch das Leben gerettet, nachdem er ihr angeboten hatte, ihre zweite Tochter zu verschonen, wenn sie in seine Dienste trat. Sie hatte sich gefügt - und dann hatte sie sich zurückgelehnt.
      Seither hatte sie den Anschein erweckt, als würde sie immer nur beobachten, bevor sie sich an die Arbeit machte. Lieber mit mehr Grips an die Sache gehen, anstatt Muskelschmalz zu verwenden. Lieber noch eine Runde rauchen, bevor eine schwerwiegende Entscheidung gefällt wurde, lieber eine Sekunde länger an dem Tisch gammeln, bevor ausgezogen wurde. Lieber ignorieren, anstatt einzugreifen. Pria, die den ganzen Tag unbeteiligt auf ihrem Stuhl faulenzte, Pria, die teilnahmslos zusah, wenn Lodoz Elraya vergewaltigte, Pria, die ihren Lohn kassierte und die nächsten Stunden im Bordell verschwand. Pria genoss das Leben, ohne sämtliche Dramen, und so wollte sie auch herüberkommen.
      Niemand hätte ihr zugetraut, dass sie in den letzten vier Jahren trainiert hatte. Sie wusste um Bereks Macht Bescheid, sie konnte sie sehr gut einschätzen, aber er hatte keine Ahnung, was sie in den letzten Jahren alles gelernt hatte. So ein mickriger Feuerball war nur der Anfang.
      Sie bezahlte den Arzt, machte einen Umweg über den Markt, kaufte sich stärkere Zigaretten und trat den Heimweg an. Sobald ihre Tochter in Sicherheit war, würde sie die Hölle über Berek hereinregnen lassen.
      Sie fand ihn im Unterschlupf. Khil war verschwunden, aber an ihrer Stelle war eine kleine Blutspur.
      "Berek."
      Sie musste sich bemühen, zu ihrer Lässigkeit zurückzufinden. Einen tiefen Zug von ihrer Zigarette, die Schultern entspannen, die Muskeln lockern. Kleinere Schritte, während sie auf den Tisch zuging. Ihr eigener Rauch verwehrte ihr für einen Moment die Sicht auf ihn.
      "Ich habe Lodoz gefunden, er ist tot. Irgendjemand hat ihn in einem Lagerhaus im Norden gefoltert, umgebracht und liegen gelassen. Hat ein ziemlich übles Loch im Schädel. Ich glaube, dass Elraya auch da gewesen war, aber von ihr ist keine Spur übrig geblieben. Ich schätze mal, sie wird zurückgekommen, wenn die Luft rein ist."
      Sie blieb beim Tisch stehen und musterte Berek flüchtig, versuchte seine Stimmung einzuschätzen. Sie musste ihn von Aradan fernhalten und die Kiste zurückbringen, zwei Aufgaben, die sich kaum auf einmal erledigen ließen.
      "Soll ich jemanden bezahlen, um ihn da wegzuschaffen? Lodoz?"
    • Geschafft trat Berek im Unterschlupf ein und hing seinen Mantel über den Stuhl, ebenso wie seinen Hut. Hätte ihm heute Morgen jemand vorher gesagt was für ein Tag auf ihm warten würde... er wäre ganz klar im Bett geblieben. Mit den Beinen auf dem Tisch, rutschte er ein bisschen in den Stuhl und atmete tief aus während er sich eine Zigarette gönnte und die Ruhe genoss. Es bereitete ihm wahrlich Kopfschmerzen wie teuer diese Welt wurde. Händler nahmen mehr, gaben weniger. Bestechungsgelder waren deutlich höher als zuvor und dann war diese nervtötende Tugend groß im kommen. Früher hätte es das nicht gegeben dass man einem aufsprießenden Soldaten nicht bestechen konnte. Heute glauben immer mehr an ihren König, Herzog oder sonst wen und würden auf Wohlstand verzichten um dienen zu können... Berek konnte nicht anders als dem ein zynisches grinsen zu schenken und sich seiner Zigarette langsam hin gab.
      Nach knappen 5 Minuten war es dann um seine Ruhe getan als die Tür auf sprang und Pria den Raum mit Leben füllte. Sie bekam von Berek nur ein kleines Handzeichen der Begrüßung ehe er auch schon den Bericht zu hören bekam.
      Erst reagierte er nicht als es wieder ruhig war. Er zog lediglich in aller Ruhe das letzte bisschen Qualm in seine Lunge und pustete diesen langsam wieder aus bis seine Lunge leer war. Erst jetzt richtete er sich auf um sich an den Beutel zu schaffen zu machen, welcher noch vom Mittag hier herum stand und diverse Lebensmittel inne hatte. Unmittelbar danach ploppte es. Eine neue Flasche Rotwein war geöffnet und da noch die drei Gläser der fälschlichen Feier auf dem Tisch standen, nahm er diese für Pria und sich selbst um diese zu füllen.
      Beide nahm er anschließend in die Hand, ging Pria entgegen und hielt ihr das Glas hin. Erst als sie es ihm abgenommen hatte brach er die Stille.
      "Ich weiß."
      Dann benetzte er seine Lippen mit dem edlen Tropfen und glich beinahe schon Pria als er sich nun die nächste Zigarette ansteckte.
      "Hab meine Leute schon damit beauftragt ihm im Sumpf hinter der nördlichen Mauer versenken zu lassen. Und ja. Elraya war da."
      Einen Moment blickte er Pria nur in die Augen ehe er einen Zug von seiner Zigarette nahm und im selben noch vom Glas trank.
      "In diesem Moment sind schon Leute auf der Suche nach ihr um sie mir zu bringen. Ist übergelaufen das undankbare Stück. Tja naja wir wissen ja was passiert wenn man auch nur an so etwas denkt... nicht war?"
      Als wäre es exakt geplant gewesen, sprang erneut die Tür auf. Zwei Söldner traten ein und zerrten einen Burschen mit sich, welcher nicht auf den eigenen Beinen lief. Der Grund wurde schnell klar. Er wurde grün und blau geprügelt und war von Angst erfüllt.
      "Bitte..! Ich besorg das Geld! Ich brauch nur noch zwei Ta... Nein, einen Tag!"
      Der Geruch von Urin stieg ziemlich schnell in den Raum. Der Junge hatte sich doch tatsächlich in die Hose gepisst. Dann gab Berek mit einem Kopfnicken zu verstehen dass er sich das Gejammer nicht anhören wollte, was dem Jungen schnell einen Schwertknauf an den Hinterkopf knallen lies und ihn in Ohnmacht schickte.
      Anschließend banden die Söldner den Jungen mit seinen Handgelenken an zwei Ketten fest, welche von der Wand hinab hingen und nahmen sich dann je eine Kiste um sich links und rechts des Jungen hinzusetzen, mit der klaren Absicht wohl etwas länger zu bleiben.
      Dann trat Berek noch einen Schritt näher an Pria und sah ihr eine ganze Weile in die Augen.
      ".....nicht wahr?"
    • Für einen Moment begnügte Berek sich damit, mit Pria gemeinsam zu Ende zu rauchen, jeder an einer Seite des Tisches, beide in der regen Bequemlichkeit, für den Augenblick nichts anderes zu tun, als an ihrer Zigarette zu ziehen. Es war fast schon ein idyllisches Zusammenkommen, ein Austausch der Ruhe, die man diesem Gemäuer normalerweise aufzwingen musste. Rückblickend war es wohl der letzte angenehme Augenblick ihrer beidiger Zusammenkunft.
      Pria nahm den Wein entgegen und hätte sich beinahe daran verschluckt, als Berek zwei Wörter fallen ließ, die ganz typisch für ihn waren. Er wusste es. Was wusste er?
      Sie studierte seine Gelassenheit wie man ein Ziel studierte, mit äußerster Sorgfalt und ohne voreilige Schlüsse zu ziehen, denn jedes Ergebnis, auf das man stieß, konnte später der Untergang bedeuten, wenn man falsch lag. Man musste sich Zeit für solche Untersuchungen nehmen und Pria fühlte sich für den Moment, als würde die Zeit still stehen. Sie hatte genug Gelegenheit um in Bereks Haltung ein lauerndes Raubtier zu erkennen, das seine Beute lieber herankommen ließ, ehe es sich selbst bewegte.
      Er wusste also von Elraya. Wie um alles in der Welt hatte er es so schnell herausgefunden? Pria war doch nur ein paar Stunden fort gewesen. Er konnte seine Ohren doch nicht überall haben... oder?
      Was wusste er noch?
      Die Tür sprang auf und Pria beobachtete mit antrainierter Teilnahmslosigkeit, wie Elrayas Bruder hereingeschliffen wurde. Der Junge war kaum aus der Pubertät heraus, geschweige denn mit der groben Behandlung von diesem Berufszweig vertraut, die jeder einmal erfahren durfte. Er heulte und jammerte und zitterte und außerdem hatte er sich noch selbst bepisst. Sie hätte ihm gern eine Ohrfeige verpasst und weis gemacht, dass Berek keine Jammerlappen mochte und er deswegen nur alles schlimmer machte, aber natürlich war das keine Option. Stattdessen beobachtete sie, wie er bewusstlos geschlagen und an die Wand gekettet wurde. Die Söldner blieben an seiner Seite. Sie fragte sich, aus reiner Gewohnheit, ob Berek sie nach Zeitaufwand oder nach erledigtem Auftrag bezahlte - und dann fragte sie sich, ob sie sich das auch leisten könnte.
      Sie drehte sich wieder zu Berek um und da trat er noch einen Schritt auf sie zu. Von allen Menschen dieser Welt war Berek wahrscheinlich der einzige, der allein mit seiner Anwesenheit dafür sorgte, dass man sich bedroht fühlte. Er drohte ihr nicht, er verzog nicht die Miene und er bedrängte sie auch nicht, er stand einfach nur vor ihr und starrte, eine lebende Statue, in dessen Inneren eine Bombe lauerte. Pria fühlte sich, als hätte man ihr den Auslöser dafür in die Hand gelegt und würde ihren Daumen führen.
      Sie wäre gern einen Schritt vor ihm zurückgewichen, hätte Abstand zwischen sie beide gebracht und wäre dem stechenden Blick ausgewichen, der sich ihr ins Gehirn zu bohren schien. Sie hätte gerne die Flucht angetreten wie ein Beutetier, das sie in diesem Moment darstellte.
      Aber sie wusste es besser als das. Berek mochte keine Jammerlappen. Entweder er stellte sie mit seiner Frage auf die Probe, wollte sehen, ob sie sich auch gegen ihn verschworen hatte, oder sie würde an diesem heutigen Tag für ihre Tochter sterben - und dieses Opfer war sie ohne Umwege bereit zu tun.
      Sie hielt seinem Blick stand, beendete ihre Zigarette, schnippte den Stummel weg. Sie mochte den Geschmack von Wein auf Zigarette nicht, aber sie nahm trotzdem einen riesigen Schluck, um ihre Antwort weiter herauszuzögern. Schließlich sprach sie doch, damit Berek endlich damit aufhören würde.
      "Ich weiß."
      Sie studierte seine Miene für einen Moment, dann konnte sie es doch nicht mehr aushalten, wandte den Blick ab und schob sich an ihm vorbei, um ihr Glas auf den Tisch zu stellen.
      "Schade um den Jungen. Schade um El. Schade um Lodoz. Sie haben gute Arbeit geleistet - tendenziell."
      Sie drehte sich zu ihm um, achtete aber darauf, Abstand zu halten.
      "Denkst du etwa, ich könnte auch überlaufen? Denkst du echt, ich würde meiner Tochter sowas antun?"
      Sie nickte zu Elrayas Bruder, der schlaff in seinen Ketten hing.
      "Nach all den Jahren? Komm schon, Berek. Du kennst mich besser als das."
      Zugegeben, es war ein jämmerlicher Versuch ihre eigene, aufsteigende Panik zu verstecken, aber es war ein Versuch nichtsdestotrotz. Sie musste ihn nur bis heute Nacht hinhalten, solange, bis ihre Tochter in Sicherheit war. Das sollte doch wohl nicht so schwierig sein.

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    • Berek war so sehr auf Pria fixiert, dass er nicht mal bemerkt hätte wenn der Herzog neben ihm aufgetaucht wäre. All seine Konzentration fokussierte sich auf jede noch so kleinste Bewegung seines Gegenübers. Zuckte ihre Wange, blinzelte sie, versuchte sie Abstand zu gewinnen, würde sie beim Antworten haspeln oder tat sie sonst irgendwelche Dinge über die sie nun zu viel nach dachte und im normalen Moment nicht tun würde. Die Bestätigung kam schnell. Sie trank nicht nur den Wein, welchen sie beim Rauchen normalerweise nie trank, außer sie musste ihren Kopf beruhigen. Ihrem Pokerface blieb sie treu wie er es schon immer bei ihr gewohnt war, doch wich sie ihm dann auch noch aus um das Glas abzustellen und direkt mit einer Rechtfertigung zu kontern. Das war schon ziemlich verdächtig. Die Pria die nicht unmittelbar um ihre Tochter bangte, hätte sich wohl viel eher in den Stuhl geworfen oder wäre ihm mit Sarkasmus gekommen statt zu versuchen ihm mit Logik zu erklären wie unsinnig es wäre, denn das war ein ziemlich großer Elefant im Raum, den man nicht noch erklären musste, was für Pria, die unnötige Konversationen ohnehin mied wie Feuer das Wasser, sehr ungewöhnlich war.
      "Hm. Ja ich denke du hast recht."
      Nun stellte auch er sein Glas ab. Blieb noch einen Augenblick in der Haltung mit der Hand auf den Glas und sah leicht gebeugt in Pria's Augen
      "Ich bin froh dass ich dich so gut kenne."
      Daraufhin wandte er sich den Söldnern zu und zeigte auf einen der Beiden
      "Du."
      Der Söldner, welcher aussah als hätte er ein Leben auf dem Schlachtfeld hinter sich gehabt nur um nun unehrenhaft von Auftrag zu Auftrag zu leben, stand auf und nickte Berek zu.
      "Hab verstanden."
      Auch Berek nickte und sah dem Söldner zu wie dieser wieder den Raum verließ um etwas zu erledigen was offenbar vorher schon besprochen wurde. Pria beachtete Berek seit dem nicht mehr, wurde stattdessen vom über gebliebenen Söldner angesprochen. Er war ebenfalls scheinbar schon lange in seinem Beruf als Söldner tätig, hatte einen grauen Kurzhaarschnitt, einen ruppigen grauen Bart und nur noch ein Auge. Das andere hielt er stets geschlossen oder konnte es nicht mehr öffnen, zumindest war klar dass er es nicht mehr nutzen konnte, was von einer langen Narbe beschrieben wurde welche sich quer über das Gesicht zierte.
      "Tja dann muss ich dich nun bestrafen Berek. Alleine funktioniert der Plan nicht.."
      Berek sah ihn fragend an, musste dann aber grinsen als der Söldner einen Beutel hervor zog, welcher nach dem Lösen der Schlaufe, ausgebreitet auf der Kiste gelegt doch tatsächlich, ein auf der Innenseite aufgemaltes Spielfeld für das beliebte Brettspiel von Soldaten offenbarte.
      "Das nenne ich mal innovativ. Ist das Latrunculi?"
      Der Söldner nickte und wies Berek mit seiner Hand an sich gegenüber zu setzen.
      "Hätte ja mit meinem Kollegen gespielt aber der ist weg. Jetzt musst du her halten. Ich kann Langeweile nicht ausstehen."
    • Zu Prias eigenen Überraschung hatte sie Berek tatsächlich überzeugt. Er warf einen letzten, äußerst unbequemen Blick auf Pria, mit dem er sie für einen Moment tatsächlich noch erwischt hätte, ehe er sich von ihr wegdrehte und seine Aufmerksamkeit auf seine Söldner richtete. Pria fischte ihre nächste Zigarette hervor; sie hatte an dem Tag schon viel zu viel geraucht, es hatte eigentlich auch gar keine Wirkung mehr, aber sie musste einfach, sie brauchte etwas, was sie gewohnt war, wodurch sie ihre Kontrolle wiedergewann. Sie nahm einen tiefen Zug, zwang ihr rasendes Herz zur Ruhe und umrundete dann den Tisch, um sich auf einen der Stühle fallen zu lassen, nach hinten zu kippeln und die Füße hochzulegen. Sie beobachtete, wie einer der Söldner sich Berek fast schon freundschaftlich näherte und sie eine Runde Latrunculi begannen, als würden sie das nachmittags immer tun. Sie musterte den Mann für einen Moment eindringlich, konnte sich aber nicht daran erinnern, ob sie ihn jemals zuvor gesehen hatte. Es störte sie, dass dieser Fremde in ihren Unterschlupf kam und sich mit Berek fast schon gelassen unterhalten konnte, ohne dabei Angst vor seinen Wutausbrüchen zu haben; aber was sollte sie schon dagegen machen? Was kümmerte es sie überhaupt? Sie hatte Berek davon überzeugt, dass sie selbst nichts mit Elraya zu tun hatte, die Gefahr war gebannt. Sie konnte sich entspannen bis zum Abend und dann würde sie sich überlegen, wie sie ihn richtig überwältigen konnte.
      Ihr Blick fiel auf die Truhe an der Wand.
      "Was ist mit der Kiste, Berek? Wolltest du sie nicht verkaufen?"
    • "Alles zu seiner Zeit"
      Säuselte Berek, sich viel mehr auf das Spiel konzentrierend als auf Pria. Er empfand es gar nicht mal als ein leichtes diesen Söldner zu besiegen. Es war ganz klar ein Spiel was dieser wohl nahezu pausenlos spielte. Berek verlor in kürzester Zeit schon zum dritten mal bis ihn sein Ehrgeiz so sehr packte, dass sie begannen um kleinere Einsätze zu spielen. Er glaubte den Söldner langsam durchschaut zu haben und gewann tatsächlich die vierte Runde knapp. Um das Spielchen etwas spannender zu gestalten, sahen sich beide bei jeder neuen Runde im Raum um, um nach einem neuen Einsatz ausschau zu halten. Dann fiel Berek ein was Pria eben noch angesprochen hatte. Die Truhe. Natürlich. Die war schon ein klein wenig was Wert. Genug um den nächsten Einsatz liefern zu können. Der Söldner schlug ein, grinste dabei und machte Berek in dieser Runde komplett lang.
      "Immer wieder schön mit dir zu spielen Berek. Hab ohnehin schon nach ner neuen Truhe ausschau gehalten. Kannst den Plunder darin gern behalten, ich brauch nur was für mein eigenes Hab und Gut."
      Berek knurrte und grübelte worin sein Fehler lag. In seinem Kopf hatte er keinen Spielzug falsch gesetzt und dennoch gehörte die Truhe nun dem Söldner.
      "Naaaah.. Ist ja gut. Pria! Mach die Kiste leer und geh den Inhalt irgendwo verscherbeln."
    • Pria hätte ihren Ärger am liebsten laut zum Ausdruck gebracht, aber an der Sache ließ sich nichts ändern. Dann gehörte die Truhe eben dem Söldner, das war nichts, was sich nicht später wieder beheben ließ.
      Sie warf einen erneuten Blick auf den Mann, prägte sich sein Gesicht ein, seine Größe, seinen Körperbau, seine Haare und sogar seine Augenfarbe und dann stand sie langsam auf, pilgerte zu der Kiste, packte den Inhalt in einen Beutel um und marschierte damit mit den Worten: "Ich bin draußen" durch den Ausgang.

      Den restlichen Tag verbrachte sie damit, Berek zu beschatten. Zum einen, nachdem sie sich noch immer an Jarkus Aufforderung halten und Berek von Aradan fernhalten wollte und zum anderen, weil sein durchdringender Blick ihr noch immer im Kopf herumgeisterte und sie, auch Stunden später noch, nervös machte. Das Unerträgliche an Berek war die Tatsache, dass man nicht erahnen konnte, wenn er etwas plante, denn das teilte er meistens erst dann mit, wenn der Plan auch endgültig feststand. Sie konnte also nicht wissen, ob er nicht tatsächlich von ihrer Verschwörung wusste und insgeheim nur auf den richtigen Augenblick wartete, oder ob er ihrer flüchtigen Erklärung geglaubt hatte.
      Aber solange er entspannt blieb, war sie es auch. Sie rauchte und döste auf ihrem Stuhl, sah sich ein paar Karten von Elraya an, aß etwas und beobachtete, wie Berek mit seinen Söldnern und dem Jungen interagierte. Normalerweise wäre sie an Momenten wie diesen ins Bordell gegangen, um die Zeit schneller vergehen zu lassen, aber normalerweise war ihre Tochter auch nicht drauf und dran, aus Bereks Griffen befreit zu werden - also lungerte sie lieber untätig rum, anstatt ein Risiko einzugehen.

      Als der Abend kam und die letzten Sonnenstrahlen hinter der Stadtmauer verschwanden, trafen Elraya und Jarku pünktlich im Oberlaiksviertel ein.
      Elraya hatte den Tag über ihre Wunden versorgt und war Bereks Häschern ausgewichen, die es fast schon zu auffällig auf sie abgesehen hatten. Sie fand sie auf jedem fünften Dach und auch noch in den Gassen darunter, manches vermummte Gestalten, andere auffällig normal, als wollten sie zwanghaft in die Masse passen. Es war äußerst anstrengend gewesen, ihnen allen auszuweichen, und sie hatte mehr als einmal die Gewissheit gehabt, dass sie geradewegs in ihr Ende lief, aber keiner hatte sie gefasst. Elraya war einfach zu flink für die Menschheit.
      Ihre Stimmung hatte sich gegen Abend daher wieder erheblich gebessert, denn ohne Licht konnte man auch schlecht die Dächer absuchen und das Mondlicht erhellte zwar die Umrisse, aber für jemand so geschickten wie Elraya war es kein Problem, in den Schatten zu bleiben. Sie hatte freie Fahrt.
      Sie traf Jarku im Innenhof, den sie auch schon tagsüber besucht hatten, ausgerüstet mit ihren Wurfmessern und ihrer gewöhnlichen Klinge. Leider musste sie ab jetzt auf Bereks Spielzeuge verzichten, aber sie hatte ihren Dolch sowieso immer schon bevorzugt.
      "Hey, Flacharsch."
      Sie winkte ihn unter ein Vordach, wo das Licht der Laterne nicht gänzlich hin scheinen konnte und warf einen Blick in den Hof hinein. Die ganze Verfolgungsjagd von Bereks Leuten hatte sie über die Stunden paranoid gemacht.
      "Ich glaub, ich hab' sie vor einer Stunde zurückkommen sehen. Hast du auch dein... Zeug, mit dem man Türen öffnen kann?"
      Sie musterte ihn neugierig. Wenn sie alleine gewesen wäre, wäre sie über das Dach und durchs Fenster eingestiegen und daher kam ihr der Plan, durch die Eingangstür zu marschieren, äußerst interessant vor. Vielleicht konnte sie sich ja was abschauen.
      "Du gehst vor, ich halt dir den Rücken frei."
    • Der Abend brach so langsam ein. Berek selbst verbrachte die ganze Zeit über mit dem Söldner. Ein paar Male gehörte die Truhe sogar wieder ihm. Ein mal sogar kurz das Schwert des Söldners.
      So ereignislos es im Unterschlupf gewesen war, so intensiv war das Treiben in der Stadt selbst. Oft klebten sich jüngere an Elraya's Versen, waren aber nie in der Lage ihr lange zu folgen. Andere sicherten das Lager in welchem Lodoz sein Leben lies, untersuchten die Umgebung und wieder andere gingen anderen Plänen nach.

      Beinahe im selben Moment, grade mal Sekunden nachdem Jarku wieder an Ort und Stelle der Verabredung war, kam er grade noch dazu sich die Augenklappe aufzusetzen ehe er schon das liebenswerte Wort Flacharsch hörte. Das konnte nur diese rüpelhafte Frau sein, was ihm nach dem ersten Blick auch bestätigt wurde. Nur verwirrte ihn etwas was sie von sich gab.
      "Zurück kommen sehen? Von wem redest du? Nehmen die etwa das Mädchen mit auf ihren Sauftouren und Bordell besuchen? Naja.. Egal. Solange sie nun da sind, ist alles okay und ja. Hab alles was ich brauch. Und bitte nicht direkt erschrecken aber... Dreh dich mal um."
      Elraya hatte es bei ihrem Abstieg der Dächer scheinbar nicht bemerkt, was aber auch kein Wunder war, da die kleine Unterstützung von Daikata und Valteri unter einer kleinen hölzernen Überdachung saßen und auf beide gewartet hatten.
      "Darf ich nun auch offiziell vorstellen? Das da ist Daikata und das ist Valteri. Ich habe der Truppe von allem erzählt. Sie schließen sich uns an unter der Voraussetzung dass du dich beherrschst. Gibt es nur ein Zeichen dass du uns hintergehen willst, wirst du deinen Bruder wieder sehen."
      Genau so ernst wie er die letzten drohenden Worte ausgesprochen hatte, so locker und unbekümmert wirkte er nach einem kurzen Klatschen auch schon wieder.
      "Also. Wollen wir loslegen?"
      Doch schüttelte Daikata den Kopf und trat hervor, musterte Elraya und verschränkte die Arme.
      "Hm.. Ich hoffe für dich dass Jarku's Entscheidung dir zu vertrauen keine falsche war."
      Dann trat auch Valteri hervor, genau hinter Daikata legte dieser seine Hand auf dessen Schulter als wollte er ihn beruhigen, was auch recht gut funktionierte. Daikata seufzte kurz darauf als würde er damit sein Misstrauen von sich pusten.
      "Ist gut Valteri. Ich geb mein Bestes. Also. Elraya war der Name? Wir haben von Jarku gehört in welcher Lage ihr euch befindet. Du und Pria. Obendrein auch noch ein Großteil der Stadt. Wir haben uns mit Aradan beraten und entschlossen euch offiziell zu helfen so gut es uns möglich ist. Aber dieses Vertrauen muss auf Gegenseitigkeit beruhen. Jarku hat euch seine Hand gereicht. Lass mich euch nun also meine Hand im Namen unserer Truppe reichen."
      Und so hob er auch schon seine Hand und wartete wie Elraya reagieren würde. Diese Nacht würde sich noch ganz klar in die Köpfe der Bewohner brennen wenn alles auch nur halb so verlaufen würde wie es geplant war.
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