[2er RPG] The Curse of Time {TobiMcCloud & Codren}

    • Die Kette wurde bereits an der zweiten Stelle mit Mitleidenschaft gezogen, als Jarku und Valterri einschritten und Aradan mit vereinter Kraft eine Flüssigkeit einflößten, die ihn - bzw. Minerva - augenblicklich ruhig stellte. Damit war die Sache wohl erstmal erledigt: Minerva bekam ihre fünf Minuten in Aradans Körper, aber unter einem kräftigen Gemisch Drogen, das ihr jeglichen Unsinn austreiben konnte und die Truppe wieder in Sicherheit wog. Daikata ging wieder zu seiner vorherigen Beschäftigung über und auch Renera ließ sich von ihm verarzten, wenngleich sie sich erst darüber informierte, ob es allen anderen schon gut ging. Sie ließ sich von Daikata nur die nötigste Salbe auftragen und beteuerte, dass es gar nicht sehr weh tue, obwohl der Fluss sich beim Auswaschen rot färbte.
      Nach einer halben Stunde war die Wirkung der Droge verflogen und Minerva, die gerissener schien als jeder von ihnen angenommen hatte, wagte sich an eine andere Strategie heran, mit der sie sogar unmittelbar Erfolg hatte. Sofort war die Sicherheit der Truppe verflogen und sie richteten sich alle in Alarmbereitschaft auf, um sich Minerva vereint entgegen zu stellen. Allerdings waren es Jarku und Valterri, die, ohne sich dafür abgesprochen zu haben, die Führung übernahmen und sich dabei vor den anderen positionierten. Ihr Verhalten war außerordentlich diszipliniert und überstieg sogar die Umgebungswahrnehmung eines Soldaten, was Renera beeindruckte. Sie zog dennoch ihr Schwert mit dem unverletzten linken Arm, weil sie niemanden für sich kämpfen lassen würde. Erst der Tag, an dem sie ihre Waffen nicht mehr halten konnte, würde der sein, an dem sie den anderen den Vortritt überließ.
      Zu einem Zusammenstoß kam es dann allerdings doch nicht. Minerva verlor wenige Meter vor der Gruppe ihr Bewusstsein und schlug mit Aradans Körper auf dem Boden auf, was jeden von ihnen ein bemitleidendes "Uh" entlockte, ehe Jarku und Valterri auch schon zur Stelle waren, um Aradan hochzuhelfen und zurück zum Wasser zu befördern. Sie würden wohl noch einen Moment hier bleiben, um Aradan abkühlen zu lassen und derweil konnte er ihnen ja erzählen, welche Antworten Minerva ihm gegeben hatte. Renera hatte ihren Blick auf Aradan gerichtet und Khil hatte ihren auf Renera gerichtet.
      Aradan brauchte einen Moment, um in die Wirklichkeit zurückzukehren, ehe er von seinem Ausflug erzählen konnte und Renera ergriff die Gelegenheit, um etwas auszusprechen, was ihr in den vergangenen Minuten auf der Seele gelegen hatte.
      "Das waren keine normalen Läufer", begann sie, blickte auf Jarku, der es wohl auch bemerkt hatte, und presste sich den von Salben verschmierten Arm an den Bauch. "Ich bin schon mehrmals solchen Kreaturen begegnet, als sie Erathis überrannten und dann auch Melora. Sie verhalten sich nicht vom Instinkt getrieben, sondern als würden sie ein Ziel verfolgen. Ich glaube", sagte sie zögernd und sah jedem einzelnen ins Gesicht, letztlich Aradan, "dass sie in diesen speziellen Fällen von etwas anderem geleitet werden. Von etwas oder jemand."
    • Der ganze Vorfall hatte die ganze Gruppe so in Mitleidenschaft gezogen, dass ein weiterer Angriff jeglicher Art wohl Verluste kosten würde. Zumal manche schon von Arznei beeinflusst wurden, welche im Kampf klare Nachteile mit sich bringen würden. Allem waren es wohl aber die argen Wunden welche von großem Nachteil wären. Gerade mal Jarku wäre nun die letzte wirkliche Verteidigungslinie gewesen.
      Aradan schien ebenso kaum brauchbar zu sein. Jedes mal wenn er sich aufrichten wollte, wankten seine Arme und Beine. Minerva hatte seine Muskeln so dermaßen überreizt, dass er sich fühlte als wäre das Heben eines Stein genug um etwas in ihm reißen zu lassen. Doch war das nicht genug. All das was er erlebt und gesehen hatte, bewirkte etwas in seinem Kopf was wohl noch länger anhalten würde. Es hatte nun zwei Vergangenheiten in seinem Kopf gebrannt und so viele Informationen in sich als hätte er sie selbst erlebt. Sein Kopf spielte ihm beinahe im Sekundentakt Erinnerungen ein, die sich mit seinen eigentlichen vermischten. Im ersten Moment sah er seinen Vater vor seinem inneren Auge, wie dieser dem damaligen Bürgermeister von Melora die Hand schüttelte, doch dann war es eine Frau die ihm ebenso bekannt vor kam, welche einem Kind ein Laib Brot reichte.
      Schnell sorgte das für einige Kopfschmerzen und das unvermögen auch nur ein klares Wort von sich zu geben oder allgemein der Truppe zuzuhören als sie über etwas zu reden anfingen.

      "Da hast du wohl etwas ziemlich offensichtliches Angesprochen.. Wenn das normale Läufer waren, bin ich die Prinzessin von Esken.."
      Des weiteren hatte Renera eine Theorie entwickelt, welche alle aufmerksam zuhören ließ. Im ersten Moment wirkte dabei jeder als wäre es etwas zu viel des guten. Nur Puppenspieler waren in der Lage etwas mit einem Verstand zu kontrollieren, doch wie konnte man sich das alles sonst erklären?
      "Was auch immer diese beiden Läufer dazu befähigt hat intelligent zu handeln.. eine äußerst gefährliche Angelegenheit. Erinnert euch an diesen großen Läufer. Hat sich auch anders verhalten. Hat nicht angegriffen. Hat alle ignoriert. Die Monster wandeln sich und wir müssen erfahren was dahinter steckt. Möglicherweise hat Aradan eine Antwort.."
      Doch der prüfende Blick nach Aradan, welcher im Fluss von Daikata begutachtet wurde, lies vorerst die Erwartungshaltung geringer werden. So schnell würde man aus ihm wohl nichts rauß bekommen.
      "Was auch immer im Zwielicht geschah, hat ihn ziemlich geschafft. Minerva hat seinen Körper ans Limit gebracht und in diesem Augenblick scheint er lauter Dinge zu sehen. Er fixiert sich immer wieder auf andere Dinge und flüstert zusammenhangslosen Kram. Und mal ganz von ihm abgesehen, geht es euch allen auch nicht gut. Hat jemand eine Idee was wir nun tun sollen? Ich glaub kaum dass uns das Dorf wieder aufnehmen würde nachdem wir Blut und Gefahr zurück bringen würden und das nächste ist dank unserer alten Karte kaum mit Verlass ansteuerbar."
    • Renera hätte gerne Aradans Meinung zu den beiden Läufern gehört, aber Aradan schien vollkommen ausgelaugt. Letzten Endes war es wohl doch keine so gute Idee, Minerva so viel Zeit in seinem Körper zu überlassen und beim nächsten Mal würden sie sich sogar nochmal etwas anderes einfallen lassen müssen, um sie zurückzuhalten. Bei jedem Ausbruchsversuch verletzte sie auch ihn auch zum Teil.
      Aber ehe er nicht wieder wohlauf war, konnten sie sich nicht damit befassen und so brachte es auch nichts, wenn sie weiter darüber redeten. Vorerst mussten sie sich um das Hier und Jetzt kümmern und daher nickte Renera Daikata zu.
      "Wir werden die Gegend ausspähen. Wenn wir ein paar Sicherheitsvorkehrungen treffen, werden uns schon keine Kreaturen zu nahe kommen."
      Das war ein recht dürftiger Plan, der noch dazu einige Lücken aufwies, aber in Anbetracht ihrer dürftigen Kampfkraft war es wohl das beste, was sie aufweisen konnten. Also schulterten Jarku und Valterri Aradan, Daikata stützte mit Reneras Hilfe Kiliak und Khil behielt die Gegend im Auge, während sie sich langsam auf den Rückweg machten.


      Vier Tage vergingen, in denen Khil die Lage beobachtete.
      Sie beobachtete, weil das in der Wissenschaft ein wichtiger Schritt war, bevor man zu den Auswertungen der Ergebnissen und den daraus resultierenden weiteren Schritten gelang. Erst musste man beobachten und man musste sich alles notieren, wie unwichtig und unbedeutend es nur sein mochte, und dann konnte man daraus zu einem Resultat gelangen, das wasserdicht war.
      Und Khil notierte sich gedanklich alles. Sie notierte die Gruppenbewegung, die Routinen, die Angewohnheiten, die Zeiten, zu denen sich Dinge ereigneten, die Gespräche, die Ideen, das Essen, die Schlafrhythmen, die Zeitspannen, die Stimmungen, die Aufgaben, die Entscheidungen. Sie notierte sich was es zum Essen gab und ob jemand schlecht geschlafen hatte und sie notierte sich auch, wenn jemand zu oft blinzelte oder seine Haare nicht richtig kämmte. Sie notierte sich alles, denn sie glaubte, dass ihr alles bei der Auswertung der Ergebnisse einen kleinen, weiteren Hinweis geben würde, den sie später brauchen konnte. Sie musste sich einfach alles notieren, denn dieses Gebiet war ihr unbekannt und genau deswegen musste sie vorsichtig an diese Sache rangehen.
      Aber natürlich war ihr Augenmerk nicht auf die Gruppe gerichtet, sie war nur ständig da und zog im Hintergrund wichtige Fäden. Ihr eigentliches Ziel waren Aradan und Renera.

      Sie studierte Aradan wie sie eine seltene Blume studiert hätte, bei der sie Angst hatte, dass eine Berührung sie zu Staub zerfallen lassen könnte: Sie versuchte vorsichtig dabei zu sein. Sie beobachtete wie er sich bewegte und wie er sprach und wie er den Kopf knapp schüttelte, wenn ihm die Haare ins Gesicht fielen und wie er immer, mit allem was er tat, herauszufinden versuchte, ob es jedem in der Gruppe gleichzeitig gut ging und ob irgendjemand etwas benötigte, bevor er sich um sich selbst kümmerte. Das war Aradan. Sie stufte ihn als den Anführer ein, weil er sich als die Anlaufstelle für alles und jeden ausgab. Er war aber auch einer, weil er eine Maske trug, die sie glaubte zu erkennen. Natürlich war es keine richtige Maske, aber es war die Art, bei der man sich selbst verstellte, damit der Geist keinen weiteren Schaden nahm. Renera hatte auch eine Maske, aber Khil hatte das Gefühl, dass die von Renera raffinierter war. Glaubwürdiger. Bei Aradan stach die Ausdruckslosigkeit in seiner Miene manchmal hervor, als würde er tatsächlich laut schreien, aber niemand würde ihn hören - bei Renera wanderte nur der Blick unruhig durch die Umgebung oder sie blinzelte einmal zu viel. Das fiel weniger auf.

      Renera studierte sie anders. Renera kannte sie schon, sie war wie ein Buch, das Khil schon zwei Mal gelesen hatte und dessen Sinn ihr langsam bewusst wurde, ohne dass sie es ein drittes Mal lesen musste. Sie kannte Reneras Angewohnheiten, wusste, wann sie schlecht geschlafen und wann sie einfach nur schlecht gelaunt war und sie konnte auch ihren Körper deuten, konnte den Blick einordnen, den Renera manchmal in den Himmel warf und die Art, wie sie manchmal ihren Rücken durchstreckte, um größer zu wirken. Sie kannte Reneras Gedanken, die sie meistens einfach nur wegschob, um sich nicht mit ihnen befassen zu müssen und sie konnte auch einschätzen, wann einer dieser Gedanken doch an die Oberfläche zu dringen versuchte und Renera sich dann beherrschen musste, um ihre Maske aufrecht zu erhalten. Renera war eine gute Schauspielerin, zumindest, solange sie sich selbst belog.

      Genau wegen diesem Vorwissen fielen Khil die Merkwürdigkeiten auch gleich auf, die sich seit ihrer Ankunft in Melora gezeigt und in den letzten Tagen verstärkt hatten, diese Abweichungen im Protokoll, als habe etwas - oder jemand - einen Teil in Renera hervorgebracht, der nicht von der Maske beeinflusst werden konnte, sondern sich ungesehen daran vorbei mogelte. Khil sah es nur in Reneras Augen und auch nur dann, wenn sie in Aradans Richtung blickte. Ihr Blick wurde dann immer weich und schien einem Gefühl zu weichen, das Khil selbst kannte, eine Art Sorglosigkeit, die man nur in Kinderzeiten erfahren hatte. Das Gefühl, dass einem die Last des Alters und der Erfahrungen von den Schultern genommen und man wieder zwanzig Jahre jünger war mit nichts weiter als der Sorge, was es wohl zum Abendessen geben mochte.
      Khil kannte dieses Gefühl, deswegen konnte sie auch diesen Blick zuordnen, als sie ihn erstmals entdeckte. Es war, als ob man sich in frühere Zeiten zurückversetzt fühlte, in denen es nicht die heutigen Probleme gab, und hätte Renera Khil nur darauf angesprochen, hätte sie gesagt: “Khil, kennst du das, wenn du dich manchmal so fühlst, als wärst du wieder ein Kind?”, dann wäre Khil begeistert gewesen, denn alles, was Fragen aufwarf, begeisterte sie, und sie hätte geantwortet: “Ja, das kenne ich sehr gut, erinnerst du dich an die Professoren am Hof, mit den irrsinnig langen Roben und den Spitzhüten, die jederzeit und überall anzutreffen waren in Begleitung ihrer Schreiber, die ständig ihr irrsinnig wichtiges Zeug notierten? Sie erinnerten mich mit den hochgereckten Nasen und dem strengen Blick immer an meine Eltern und ich habe mich wie ein Kind gefühlt; Eigentlich haben mich alle ständig wie ein Kind fühlen lassen, weil ich bin doch so klein und niemand traut mir irgendetwas zu. Nichtmal du, Renera.”
      Das hätte sie ihr gesagt und sie hätte eine Antwort von Renera erwartet, denn Antworten waren gut, sie waren ein weiterer wichtiger Schritt zur Erkenntnis.
      Aber Renera hatte sie nicht darauf angesprochen und sie würde es auch nie tun. Dieses Gefühl brachte sie nur mit Aradan in Verbindung und er war auch derjenige, den sie - wenn überhaupt - darin einweihen würde. Wann immer der Blick in ihre Augen trat, sah sie immer gleich wieder weg und schien dann erst zu bemerken, dass Khil bei ihr war und es fiel ihr immer etwas ein, das sie zu Khil sagen oder mit ihr tun konnte. Aber es war nie das, was Khil sagen oder tun wollte. Eigentlich wusste Khil gar nicht, ob sie sich tatsächlich so sicher sein konnte, was sie wollte.

      Nach diesen vier Tagen kam sie zu der Auswertung ihrer Notizen und des daraus resultierendem Zwischenergebnis. Es war etwas, womit sie sich zufrieden gab, denn eigentlich hatte sie schon seit Melora damit gerechnet, seit dem Moment, an dem sie den Mann kennengelernt hatte, der Reneras Gehirn verpestete.
      An diesem Abend ging Khil früh ins Bett. Sie behauptete, dass sie das Reisen langsam müde wurde und es ausnutzen wollte, dass sie sich zwischen vier Wänden aufhalten konnte. Natürlich äußerte Renera ihre Sorge und ebenso die ganze Gruppe, die nichts lieber wollte, als dass es Khil gut ging, aber sie lächelte nur und behauptete, dass sie über ein paar Dinge nachdenken musste. Dann wurden sofort die Fragen eingestellt, denn niemand wollte Khil nach diesen Dingen fragen und dabei riskieren, dass sie denjenigen in ihre Analysen mit einbezog. Insgeheim ärgerte sie dieses Verhalten, aber sie tat stets so, als würde es ihr nicht auffallen.
      Sie verzog sich ins Zelt, traf ein paar Vorbereitungen und döste schließlich ein. Als sie aufwachte, war es bereits dunkel und Renera lag zu ihr gewandt und hatte den Arm um sie gelegt. Sie döste erneut ein und beim zweiten Erwachen lag Renera auf dem Bauch. Das war das Zeichen, dass sie vollständig eingeschlafen war.
      Khil erhob sich langsam, um Reneras Instinkt nicht zu wecken, und kletterte ebenso vorsichtig über sie hinweg. Dann schlüpfte sie nach draußen und huschte in den Schatten des Nachbarzeltes.
      Jarku hielt mit dem Rücken zu ihr Wache. Dort wollte sie aber sowieso nicht hin, also machte sie sich um ihn keine Gedanken. In der Federhaltung floss sie von einem Schatten zum nächsten, immer darauf bedacht ihre geringe Körpergröße dazu einzusetzen, um mit ihrer Umgebung zu verschmelzen - gelobt sei die aufmerksame Ausbilderin in Renera - und näherte sich Aradans Zelt. Dort schob sie ihm ein Blatt Papier durch den Schlitz im Eingang, was ewig dauerte, nachdem sie nicht das geringste Geräusch von sich zu geben versuchte, ehe sie auch beim Lagerfeuer vorbeihuschte und sich, nach gründlicher Untersuchung der Umgebung, von den Essensresten des Abends bediente. Dann schlüpfte sie durch die Schatten der Nacht davon, hielt sich an Bäume und Felsen und Sträucher, in denen sie verschwinden konnte, und war nach nur zwanzig Minuten so weit entfernt, dass sie das Lager schon nicht mehr sehen konnte.


      Aradan,

      ich schreibe dir, weil Renera nicht lesen kann und ich nicht gehen kann, ohne mich zu verabschieden. Denke nicht, dass ich dich dadurch bevorzugen würde, denn wenngleich ich dich gut leiden kann, hasse ich dich.
      Ich habe euch beide seit Melora beobachtet und mir gefällt nicht, was du mit Renera tust. Es mag egoistisch sein und vielleicht haben mich meine Auswertungen auch betrogen, aber ich sehe es in ihrem Blick und ihre Augen lügen nicht. Du bist wie ein Pestizid, das sich in ihrem Gehirn eingenistet hat und jeden Gedanken beschmutzt, der nach draußen will. Ich erkenne jetzt, dass ich nie eine Chance gehabt habe, denn du warst wahrscheinlich schon immer dort drinnen. Ich gehe sogar so weit zu behaupten, dass sie ihre Männer nach deinem Vorbild ausgewählt hat, aber das ist nur Spekulation.
      In diesem Sinne tut es mir leid, deinen Auftrag nicht erfüllen zu können. Du hattest nach den Namen der Männer gefragt und ich habe sie nicht in Erfahrung gebracht. Ich hasse es, Dinge unerledigt zu lassen, aber manchmal geht es nicht anders.
      Ich gehe, um nicht länger Teil des Spiels zu sein, das Renera mit mir spielt. Sie hat mich benutzt, weil ich ihr gegeben habe, was sie gebraucht hat, aber dafür wird sie mir jetzt geben, was ich von ihr gebraucht habe: Den Zugang in die Welt. Ich werde meine Erfahrungen sammeln, aber ohne mich von ihr binden zu lassen. Ich hoffe, mein Abgang wird ihr das Herz genauso brechen, wie mir die Erkenntnis ihres Spiels meins gebrochen hat. Ironischerweise bist du es, durch den ich es erst realisieren konnte, daher muss ich mich wohl auch bei dir bedanken. Ich hoffe noch immer, dass ihre Liebe zu dir auch Teil eines Spiels ist, aber ich fürchte diese Liebe geht sehr viel tiefer, sogar tiefer als ich es jemals geschafft hätte.
      Wir hätten uns wohl viel ersparen können, wenn sie über die Jahre eingesehen hätte, dass sie dich nicht loslassen konnte. Aber dann wäre ich auch immer noch in Ashkenia und würde mir die Finger wundschreiben. Ich verdanke ihr wohl doch ein bisschen mehr, als andersherum, aber das wird meine Entscheidung nicht umkehren.

      Lebe wohl. Es war interessant, mit euch zu reisen. Ich werde vor allem Jarku vermissen und Daikata ebenso. Richte Jarku aus, dass ich seine Rezeptur in Ehren halten werde. Ich bewundere sein Wissen.

      Letzte Grüße,
      Khil
      Die Freie
    • Ganze 3 Tage hatte es gebraucht bis Aradan unter der beschleunigenden... und klar aus einem Medizinbuch interpretierten Arznei von Daikata, wirkung wieder besser ging. Zumindest so gut dass er wieder selbst laufen konnte und sich mehr oder weniger auf seine echte Gegenwart konzentrieren konnte. Die Geschwister fanden es lustig sich mit ihm zu unterhalten, da ständig so ein wirscher Kram von ihm geäußert wurde. An einem Nachmittag hatte sich Aradan sogar mal mit einem Baum unterhalten, welchen er Wilk nannte und nach dessen weisen Ratschlägen fragte.

      Am vierten Tag war es dann soweit dass sich etwas drastisch zu ändern drohte.
      Aradan, der nach wie vor von seinem Schlaf abgehalten wurde, durch all den Bildern die ihm permanent durch den Kopf schossen wie eine wild gewordene Herde an Läufern, bemerkte inmitten der späten Nacht wie sich etwas durch sein Zelt schob. Er richtete sich leise und bedacht auf seine Knie, ergriff sein Schwert und wartete nur auf den richtigen Moment. Es musste ganz klar ein Bandit sein, welcher sich Eintritt in sein Zelt verschaffen wollte, immerhin konnte er ganz klar erkennen dass es eine Klinge war, welche langsam ins Zelt drang.
      Einen kleinen Satz zog er sein Schwert schon hinaus, doch sah er verblüfft zum Eingang seines Zeltes als dieser Bandit den Dolch komplett in das Zelt steckte und daraufhin fallen lies.
      Mit geweiteten Augen blickte er auf den Dolch hinab und wusste einfach nicht was er denken sollte. War das eine Falle? War dieser Dolch mit Gift am Griff versehen? Und.... Warum zum teufel war der Dolch nun ein gefaltetes Stück Papier?!
      Sofort ergriff Aradan was auch immer dort vor ihm lag und schritt aus seinem Zelt hinaus, sah aber im Anschluss nur ein Reh in den Wald flüchten.
      "Hmmm..."
      Brachte er unbewusst hervor, was Jarku's Wache störte und diesen sofort zum Geräusch blicken ließ.
      "Ah, du bist es nur. Gibt es einen Grund warum du so aus deinem Zelt hinaus reißt?"
      Fragte Jarku beruhigt und fixierte den Zettel, welchen Aradan als Erklärung hoch hielt.
      "Tut mir Leid. Ich muss im Halbschlaf gewesen sein. Ich habe gedacht mir hätte Jemand diesen Dolch langsam ins Zelt gesteckt und wäre dann schnell weg gelaufen aber es war scheinbar nur ein Reh."
      Im ersten Moment wollte Jarku etwas sagen, hob dann aber nur mit verkniffenem Lächeln die Hand hoch als wäre von seiner Seite aus alles klar auch wenn er sich insgeheim Sorgen um Aradan's Verfassung machte. Es war noch nie wirklich leicht sich in seinen Kopf hinein zu versetzen aber seit dem Plan mit Minerva zu verhandeln, wäre er beinahe als Verrückter durch gegangen, welcher in so ziemlich jeder Stadt direkt in eine Klinik gesteckt worden wäre. In jedem Fall war es wohl aber besser Aradan von seinem "Dolch" zu befreien, also ging Jarku zu ihm und nahm ihm Schwert und "Dolch" ab, mit der Erklärung dass dieser ohne besser schlafen könne.
      Selbstredend öffnete er den Brief nicht. Erst als Aradan am nächsten frühen Morgen als erster aus seinem Zelt kam, übergab Jarku ihm wieder seine Sachen nach einem prüfenden Blick. In diesem Moment hatte Aradan wieder etwas normaler gewirkt, was morgens immer den Eindruck machte.

      So fand Aradan auch die Zeit den Brief in ruhe zu lesen und dachte einen Moment darüber nach was er mit diesen Informationen machen sollte. Dieser wurde ganz klar geschrieben um Dinge aufzuklären, doch wie ihm schien, waren das Angelegenheiten die viel mehr Renera galten als nur ihm. Immerhin wandte sich Khil nicht an Renera da diese nicht lesen konnte, also fasste sich Aradan so gut er konnte und fragte an Renera's Zelt an ob diese schon erwacht sei um ihr jedes einzelne Wort in diesem Brief vor zu lesen.
    • Die nächsten Tage vergingen schleichend langsam. Renera plagte sich mit der Sorge um die Verfassung der ganzen Gruppe, schlief schlecht mit ihrem verbundenem Arm, der noch immer höllisch schmerzte, und machte sich nebenher Gedanken um Aradans Ausflug in das Zwielicht. Mittlerweile schien ihr, dass er mit irgendetwas zu weit gegangen war, denn Minervas Einfluss hätte schon längst abgeklungen sein und trotzdem verhielt er sich wie ein Wahnsinniger. Sie hatte ihn dabei erwischt, wie er einen Baum mit Wilk verwechselt hatte und hatte ihn nur wegbringen können, als sie ihm erzählte, dass der Unterricht anfangen, er zu spät kommen und das sicherlich seinen Mentor ärgern würde. Allerdings war er dann in Panik ausgebrochen und ein wahnsinniger, panischer Aradan hatte eine solch beachtliche Geschwindigkeit drauf, dass man ihn auch gut für einen Läufer hätte halten können. Renera war ihm nachgelaufen, bis sie ihn schließlich eingeholt hatte, weil er stehengeblieben und in die Luft gestarrt hatte.

      Nach vier Tagen schien sein Zustand allerdings wieder aufzubauen, nachdem er Renera am Morgen aufsuchte, die ihre Schwerter mit der gesunden Armseite polierte. Sie hatte fürchterlich geschlafen und hatte sogar geträumt, dass eine Gestalt in ihrem Zelt war, aber wahrscheinlich war es nur Khil gewesen, die sich schon so früh vor dem Training drückte.
      Sie blickte ihm prüfend entgegen, als er auf sie zukam.
      "Du siehst besser aus", begrüßte sie ihn, als er bei ihr ankam. "Vielleicht noch ein bisschen verwirrt, aber besser als gestern. Du wirst uns noch erzählen müssen was im Zwielicht vorgefallen ist, das dich so aus der Spur gebracht hat."
      Aber Aradan hatte bereits ein anderes Anliegen, mit dem er zu ihr kam: Ein Schreiben von Khil, das er als Abschiedsbrief betitelte. Renera runzelte die Stirn, während er ihr den Brief vorlas und dann weiteten sich ihre Augen, je weiter er voranschritt.
      Der Brief konnte nicht von Khil sein, das war nicht möglich. Es musste ein irrsinniger Witz sein oder aber Aradan las die Wörter nicht richtig, es konnte in jedem Fall nicht der Wahrheit entsprechen. Es konnte einfach nicht.
      Sie riss ihm den Zettel, ungestümer als geplant, aus der Hand und starrte darauf, als könne sie selbst lesen. Es war Khils Handschrift, das wusste sie, denn die Buchstaben sahen sich noch ähnlicher als sonst und sie glaubte sogar ihren Namen erkennen zu können, aber mehr nicht. Sie musste genug Vertrauen in Aradan haben, dass er ihr das richtige vorgelesen hatte und zu allem Unglück hatte sie genug Vertrauen.
      Sie sah entsetzt zu ihm auf.
      "Sie muss verwirrt sein, etwas anderes ist gar nicht möglich! Vielleicht… nein, ich weiß es nicht. Hast du sie gesehen? Hast du Khil gesehen? Hat sie irgendjemand gesehen?"
      Ihr kam ein Gedanke, nach dem sie einen Blick ins Zelt warf und zu ihrem Grauen tatsächlich feststellte, dass Khils Tasche verschwunden war. Es war ihr beim Aufstehen nicht aufgefallen.
      "Wir müssen sie suchen gehen! Sie kann alleine nicht dort draußen bleiben, sie wird sterben!"
    • Für einen Augenblick entfiel Aradan wer überhaupt mit Khil gemeint war aber kurz darauf war er sich sicher dass es wohl diese rothaarige Sängerin gewesen sein musste. Schon seltsam dass er für einen Moment geglaubt hatte dass es eine kleine Leseratte war die mit Renera durch die Wälder zog. Wäre die Situation nicht so ernst für Renera gewesen, hätte er beinahe darüber lachen können dass ihm scheinbar sein Erlebnis im Zwielicht so nach zu hängen schien. Zum Glück war es wohl aber nicht mehr ganz so schlimm.
      "Hm. Ich weiß nicht wie euer Verhältnis miteinander ist aber ich bin mir sicher dass sie keine voreiligen Entscheidungen trifft und sich selbst in Gefahr bringt. Aber ich verstehe deine Sorge. Komm. Wir fragen einfach eine der Wachen. Die wissen sicher wo sie ist."
      Direkt verließ Aradan wieder das Zelt und erwartete in einer belebten Schlossstadt zu sein, was ihm dann aber recht schnell wieder mit der echten Zeit und Lage in den Kopf gebrannt wurde, als er vor sich nur ein paar Bäume sah. Direkt fing sein Kopf wieder zu schmerzen an. So sehr dass er sich diesen hielt und auf den Boden kniete.
      Daikata bemerkte es und kam Aradan direkt entgegen.

      "Ist alles okay? Möchtest du etwas Verikraut gegen die Schmerzen?"
      "Nein ist gut.. Es geht wieder. Für einen Augenblick glaubte ich in einer großen Stadt zu sein. Wohl noch immer diese verfluchten Nachwirkungen.."
      Dann stand er wieder auf und fand sich wieder zurecht ehe er seine Hand auf Daikata's Schulter legte
      "Habt ihr sie gesehen? Mhiel ist verschwunden und Renera macht sich sorgen. Sie hat uns einen Brief hinterlassen in welchem sie mit ziemlich klaren Worten schilderte dass sie unsere Gruppe verlassen will. Ich weiß nicht was es ist aber Sängerinin scheinen ziemlich sprunghaft zu sein. Noch dazu rothaarige."
      Direkt rollte Daikata mit den Augen.
      "Gut okay. Hab schon verstanden. Geh doch zu den Schwestern und hol dir etwas zu essen okay?"
      Aradan tat was ihm empfohlen wurde. Dann empfing Daikata Renera um sich mit ihrem Problem zu befassen.
      "Ich nehme mal stark an dass Aradan von Khil sprach? Wir haben niemanden gesehen, es muss also schon etwas her sein. Hat sie gesagt warum sie geht?"
      Bedacht und beinahe planend versuchte sich Daikata zurecht zu legen was die folgend besten Handlungen wären, doch sah er schon jetzt beinahe keine Chance Khil aufzuholen oder gar herauszufinden in welche Richtung sie gegangen sein könnte. Noch dazu war Khil nicht dumm. Wenn diese nicht gefunden werden wollte, hätte sie sicher einen Weg gefunden ihre Spur zu verschleiern.
    • Aradan schien es wohl doch nicht so gut zu gehen, wie Renera eigentlich angenommen hatte, und es frustrierte sie zusätzlich, dass er keine Hilfe war. Ganz im Gegenteil, sie hätte ihn am liebsten vor den Kopf gestoßen.
      "Du weißt nicht, wie unser Verhältnis zueinander ist? Hast du etwa keine Augen im Kopf? Aradan!"
      Aber der stakste schon davon wie irgendein erhobener Prinz - es hätte nur noch gefehlt, dass er wieder mit Geistern sprach. Renera blieb gar nichts anderes übrig als ihm zu folgen, wobei sie allerdings nicht weit laufen musste. Draußen angekommen war er schon auf den Boden gesunken und lockte mit seiner Haltung den wachsamen Daikata an. Der bekam auch nichts vernünftiges aus Aradan heraus und Renera warf ihm einen Blick zu.
      "Er hat wieder seine fünf Minuten."
      Das bemerkte Daikata auch ohne ihre Hilfe und schickte Aradan gleich fort, damit er wenigstens die Zwillinge unterhalten konnte. Dafür war Renera ihm sogar dankbar und sie bemühte sich darum, Daikata die Situation zu schildern, ohne dabei die Teile in Khils Brief zu erwähnen, die schmerzten, wenn sie darüber nachdachte.
      "Sie hat nichtmal Feuersteine dabei! Ich habe ihr auch nicht das Jagen richtig beigebracht, geschweige denn sie gegen eine Kreatur kämpfen lassen! Sie wird da draußen sterben, wenn wir sie nicht finden, Daikata!"
      Und es würde alles ihre Schuld sein. Sie hatte Khil ein Schwert in die Hand gedrückt, sie hatte sie aus dem Hof geschleust, sie hatte ihr gezeigt sich zu verteidigen und jetzt würde Khil wegen ihr sterben. Sie hätte niemals nach draußen ziehen sollen, sie hätte bei ihren Büchern und bei ihren Schriften bleiben sollen und dann wäre sie hier auch nicht gestrandet. Sie hatte ja nichtmal Gold dabei! Renera raufte sich die Haare.
      "Wir müssen die Gegend ausspähen! Sie kann noch nicht weit gekommen sein, wenn sie in der Nacht gegangen ist. Sie muss irgendwo eine Pause machen, sie kann nicht sechs Stunden durchmarschieren, und dort werden wir ihre Spuren finden. Irgendwo muss sie eine Feuerstelle hinterlassen - nein, sie hat ja keine Feuersteine dabei. Sie wird erfrieren!!"
    • Es war gar keine leichte Aufgabe für Daikata noch alles ordnen zu können. Erst zeigte Aradan nachvollziehbare menschliche Gefühle seit Renera und Khil in Melora hinzu gestoßen sind, dann waren sie plötzlich Teil der Gruppe, dann verlor Aradan wieder Wärme, dann die Theorie dieser groß gewachsenen sonder Monster, die anders handelnden Kleinen, dicht gefolgt von einem Aradan der in die Irrenanstalt gehörte und nun noch ein plötzlich getrenntes Pärchen.
      Trotz allem versuchte Daikata sein Bestes und verabreichte Renera die einzige Medizin die beim überschnappen wirkte. Er sprach die Wahrheit unverblümt aus.
      "Renera. Du kannst gerade nicht klar denken. Ich kann verstehen wie du dich fühlen musst, doch denk nach. Selbst wenn sie nur 2 Stunden in eine Richtung marschiert ist, ist es beinahe unmöglich sie zu finden, selbst wenn wir uns alle aufteilen. Khil hat diese Entscheidung getroffen und sie hat nicht überstürzt gehandelt, sie war bei vollem Bewusstsein, sonst hätte sie ihre Tasche nicht dabei und hätte noch das restliche Essen mitgenommen. Sie hat es geplant, verstehst du? Und wenn sie es geplant hat, wird sie auch nicht planlos umher irren. Sie wird ein Ziel haben. Und du sagst es doch selbst, du hast ihr beigebracht sich zu verteidigen. Möglicherweise nicht wie ein Soldat, doch ganz sicher genug um zu wissen welchem Kampf man aus dem Weg geht und wie man solche meiden kann."
      "Daikata hat Recht."
      Der große Valterin kam dazu, welcher über die Zelte hinweg sehen konnte und sich dabei einmal im Kreis drehte während er nach auffälligen Merkmalen ausschau hielt.
      "Der kleine Vogel hat die Spuren verwischt. Kann keine erkennen."
      Daraufhin kam die nächste Person zu Renera. Es war eine der beiden Schwestern, welche Renera zum Trost wortlos eine Blume in die Hand drückte und wieder zurück zum Feuer ging.

      "Du musst es akzeptieren und weiter machen. Das ist die einzige Chance sie wieder zu sehen. Nicht unbedingt heute, vielleicht nicht in der dieser Woche oder gar diesem Monat, aber irgendwann werdet ihr euch wieder begegnen und dann kannst du ihr all die Fragen stellen, all deine Wut hinaus lassen, welche jetzt gerade versuchen deinen Kopf zu kapern. Ich denke..."
      Der Blick fiel kurz rüber nach Aradan, welcher den Zwillingen zusammenhangslosen Kram erzählte
      "...wir werden deine Hilfe brauchen um den wieder zurecht zu biegen."
    • Renera starrte die beiden verständnislos an und sah dann auf die Blume hinab. Hatten sie Khil einfach so aufgegeben? Sie konnten sie immerhin noch finden, egal was Daikata sagte! Sie war nicht zu weit weg, um die Hoffnung aufzugeben.
      Aber wo sollten sie anfangen? Wohin würde Khil gehen? Sie kannte sich ja nicht aus - nichtmal eine Karte hatte sie! Je länger Renera darüber nachdachte, desto mehr Möglichkeiten schienen ihr einzufallen, wie Khil sterben konnte. Erfrieren, verhungern, verdursten, vergiften, von Kreaturen zerfetzen, verirren, von Räubern aufspießen oder alle möglichen Verletzungen. Mit jeder Sekunde fiel ihr mehr ein und alles hörte sich schlimmer an als das vorherige.
      Aber wenn sie allein nach Khil suchen würde, würde sie nichts erreichen und so wie es aussah, wollten die anderen es gar nicht erst versuchen. Sie rieb sich mit der gesunden Hand über das Gesicht und versuchte das letzte bisschen Fassung zu bewahren, das ihr noch blieb.
      "Wir sollten wenigstens noch einen Tag warten, bis wir abreisen. Vielleicht... vielleicht kommt sie ja zurück."
      Allerdings glaubte sie es selbst nicht. Daikata hatte recht und Khil hatte recht gehabt. Khil hatte womöglich mit allem recht gehabt, was sie geschrieben hatte. Aber das war etwas, worüber sie nachdenken würde, wenn es nicht mehr so sehr schmerzte.
      Sie folgte Daikatas Blick nach Aradan, der sich wieder in sein Gebrabbel gesteigert hatte und damit die Zwillinge beglückte. Nachdem Renera ihn so erfolgreich vom Baum-Wilk abgebracht hatte, schien jeder der Ansicht zu sein, dass sie ihm am besten in die richtige Welt zurückhelfen konnte und für diesen einen Moment war sie sogar froh, diese Pflicht auferlegt zu bekommen. Wenn sie noch einmal darüber nachdachte, wie sie Khils Leiche auffinden würde, würde sie vermutlich einen Nervenzusammenbruch erleiden.
      "Ich hab's verstanden, ich geh schon zu ihm. Aber wir werden weiter nach Khil Ausschau halten!"
      Oh, Khil. Sie drehte sich von ihnen weg und schlurfte auf Aradan zu.
      "Aradan! Lass die beiden Mädchen in Ruhe."
      Sie trat an ihn heran und legte ihm von hinten die Hand auf die Schulter. Seit ihrem gemeinsamen Kuss waren ein paar Tage vergangen, doch es fühlte sich noch immer merkwürdig an ihm so nahe zu treten.
      "Komm mit mir hinter und äh... wir setzen uns... hm... an den Fluss. Komm zum Fluss, den in Melora, weißt du? Dann stören wir niemanden."
      Es gab keinen Fluss und es gab natürlich auch kein Melora, aber Kindheitserinnerungen schienen Aradan in diesem Zustand am besten zu beeinflussen. Außerdem könnte sie ihn dann womöglich dazu bringen, ihr den Brief noch einmal vorzulesen.
    • Daikata war beruhigt dass Renera sich nach ihrer anfänglichen Hysterie wieder fing. Er wusste genau wie sich so plötzliche Trennungen anfühlten, doch hatte Renera wenigstens noch die Möglichkeit Khil irgendwann wieder zu sehen. Ein Trost der wohl dazu beitrug dass sie sich überwinden konnte und sich mit einer anderen Aufgabe ablenkte. Viel mehr als auf die zu achten, hätte er in diesem Moment ohnehin nicht tun können. Solche Dinge konnten nur mit Zeit und Geduld überwunden werden. Schon lustig dass es genau das war was auch Aradan nun brauchte.
      Dessen Körper hatte sich zwar von der Anstrengung erholt, doch war der psychische Schaden noch nicht überwunden, auch wenn er schon wieder umher laufen konnte ohne ständig wen anzurempeln.
      Renera's Wunsch wurde ihr selbstverständlich gewährt und wohl kaum Jemand hätte etwas dagegen sagen wollen, höchstens mit Ausnahme von Kiliak, welcher aber noch starke Schmerzmittel bekam und aus diesem Grund kaum etwas über den Tag hinweg an seine miesen Laune preis gab.

      Aradan war grade dabei den Zwillingen von einer alten Geschichte zu erzählen als Renera sich ihn annahm und regelrecht entführte. Beim aufstehen selbst schmerzte ihm der Kopf wieder leicht und lies ihn Vögel durch die Luft fliegen sehen, welche aber immer wieder verschwanden, ebenso wie das sonnige Wetter immer wieder zu einem trüben wechselte.
      Kurz darauf, als sich die Kopfschmerzen gelegt hatten, konnte er aber wieder klar sehen und wollte erst etwas dazu sagen als Renera versuchte ihn mit vergangenen Tagen zu locken als sei er nicht ganz dicht. Er hätte das wohl als Beleidigung aufgefasst, wüsste er nicht selbst wie es grade in seinem Kopf aussah. Dieses ständige Wechseln von Sichtweisen und Gefühlen war tatsächlich zum verrückt werden, also folgte er ihr schweigend bis Renera stoppte.

      Erneut sah er Renera ganz kurz als eine vollkommen andere Person in einer Magiertracht vor sich, doch als er sich arg konzentrierte, war wieder alles beim alten.
      "Was gibt es? Ich weiß ich bin momentan sehr anstrengend. Tut mir wirklich leid aber ich kann mich einfach nicht erinnern was du mit der Sängerin zu tun hattest..."
    • Renera entfernte sich mit Aradan so weit, dass er die anderen nicht belästigen würde, wenn er wieder seine Wahnvorstellungen bekam, und wandte sich ihm wieder zu. Fast wirkte er sogar normal, abgesehen davon, dass er sich die Haare nicht kämmte und gelegentlich sein Blick abdriftete, als würde er etwas beobachten, das Renera nicht sehen konnte. Anfangs hatte sie das noch nervös gemacht, aber mittlerweile rührte sie sich schon gar nicht mehr, wenn er so eindringlich an ihrer Schulter vorbeisah, als würde dort jemand stehen. Stattdessen versuchte sie an dem bisschen Verstand anzusetzen, der noch mit der Realität verknüpft zu sein schien.
      "Es ist keine Sängerin, sondern eine Gelehrte", brummte sie und warf dabei einen Blick auf den Horizont, so als könne sie Khil rein durch Zufall dort entdecken.
      "Du weißt schon - etwa so groß, dunkelbraune Haare, große Augen? Will immer alles und jeden hinterfragen?"
      Sie seufzte und rieb sich den Nasenrücken, ehe sie wieder zu Aradan sah. Wenigstens schien er nicht mehr ganz so merkwürdig zu sein wie nach ihrem Kuss, aber in seinem Zustand konnten sie sich trotzdem schwer unterhalten.
      "Eigentlich will ich gar nichts von dir, sondern dich nur von den Mädchen fernhalten. Wir machen uns Sorgen um dich und wenn du wieder einen Aussetzer hast so wie Vorgestern, könntest du sie vielleicht noch erschrecken. Was ist im Zwielicht passiert, Aradan? Du bist fast… du bist fast wie Minerva, nur ohne den gewalttätigen Teil. Hat es etwa mit ihr zu tun?"
    • Was sagte Renera da? Misstrauisch blickte er sie an und verschränkte seine Arme vor sich.
      "Keine Sängerin? Bist du dir sicher? Warum hat mich dann bis jetzt keiner korrigiert?"
      Aber er wedelte es, seiner Verfassung durchaus bewusst, direkt ab.
      "Gut okay. Dann halt die braunhaarige Gelehrte.."
      Er seufzte und rieb sich frustriert die Stirn. Bei all den verwirrenden Bildern und Gefühlen war er sich bei diesem Fall so sicher gewesen es richtig zugeordnet zu haben. Wie lange würde es ihm wohl noch an Zeit kosten bis er alles richtig verstehen wird?
      Was Renera dann aber sagte, traf ihn. Und das nicht zu knapp.
      Einen ganzen Schritt ging er zurück als hätte sie ihm eine schlimme Botschaft übermittelt.
      "Wir?"

      Ein kurzer Blick zurück von wo sie kamen später, sah er Renera wieder an und löste dabei seinen Gürtel, welcher sein Schwert bisher trug und warf es ihr vor die Füße.
      "IHR habt Angst dass ich euch erschrecke? Du kannst mir die Wahrheit sagen. Die Zwillinge sind weitaus schlimmeres gewohnt als einen Kerl der mit seinem eigenen Verstand kämpft. Wenn ihr glaubt ich sei eine instabile Gefahr, könnt ihr mir das gerne direkt sagen."
      Aradan drehte sich um, blickte zum Boden und seufzte als er eine Maus über den Boden rennen sah, welche kurz darauf ein Eichhörnchen war. Doch wie lange sollte er noch um seinen Verstand kämpfen ohne nicht mindestens eine Person einzuweihen? Zumindest war er sich nun sicher Aradan und nicht Jherl zu sein, was am ersten Tag noch schwer zu unterscheiden war.
      "Ngh... Ich wollte es erst selbst verstehen. Aber ja du hast schon recht vermutet. Minerva steckt dahinter. Aber nicht wie es scheint. Sie hat eine unglaubliche Macht, von der ich niemals glaubte dass diese existiert. Und da hört es nicht mal auf.. Ich..."
      Er drehte sich wieder zu Renera und blickte sie warnend an, als würde eine Erklärung folgen die man nur schwer verarbeiten kann.
      "Ich habe die Erinnerungen und das Leben einer Person namens Jherl in meinem Kopf. Ein Magier der zur Zeiten der Hochkultur lebte und vermutlich etwas mit den Wesen zu tun hatte. Ich habe Urudin und Minerva zu ihren Lebzeiten gesehen und verarbeite momentan all das Wissen dieser Jherl Person. Ich kann es nicht kontrollieren dass sich sein Leben permanent mit meinem vermischt. Ich kenne all seine Zauber, seine bevorzugten Speisen.. ich weiß dass er mit Minerva eine Romanze führte, ich weiß sogar wie es in seiner Stadt ausgesehen und gerochen hat. Herrgott ich vermisse sogar manche Speisen aus seiner Zeit die ich selbst nie gesehen oder gekostet habe."
    • Auf Aradans sensible Reaktion ihrer Worte war Renera nicht gefasst. Sie starrte auf den Gürtel hinab, den er ihr vor die Füße geworfen hatte und wog ab, ob sie ihre Sorgen nicht vielleicht zu heftig rübergebracht hatte. Schließlich hatte sich sein Zustand stetig wieder verbessert, aber ganz sicher konnte man sich da nie sein. Im einen Moment redete er normal, im nächsten wieder nur unzusammenhängendes Zeug, das keiner verstehen konnte, als hätte er es absichtlich darauf angelegt, sie mit seinen Handlungen zu verwirren.
      Zumindest schien es hierfür eine Erklärung zu geben, oder zumindest waren es keine Auswirkungen des Zwielichts, aber die Erklärung brachte kein wirkliches Licht in die Sache. Eigentlich bewirkte es das genaue Gegenteil. Renera starrte Aradan verständnislos an.
      "... Was?"
      Sie versuchte seine Erzählung zu verarbeiten.
      "Du hast das Leben eines bestimmten Jherl im Kopf, der seit mindestens vierhundert Jahren tot sein muss und dessen Erinnerungen sich mit deinem Leben vermischen?"
      Sie legte die Stirn in Falten.
      "Bist du auch der richtige Aradan, der mir das erzählt, oder bist du der, der einen Baum mit Wilk verwechselt?"
      Auf seine Reaktion hin hob sie abwehrend die Hände.
      "Ich nehme es ernst, ich versprech es dir, aber es hört sich einfach so... weit hergeholt an. Wie bist du denn an die Erinnerungen von jemandem gekommen und auch noch jemandem, der schon lange tot ist? Und wieso vermischt sich das mit deiner Realität? Und wieso..."
      Sie winkte ab.
      "Ich geh' Khil holen, sie wird am besten - achja, richtig. Stimmt ja."
      Sie warf einen Blick über Aradans Schulter auf die Ländereien um sie herum und zog eine Grimasse.
      "Ich wollte sagen, dass sie am besten wissen wird, wie wir das herausfinden, aber das hat sich ja erledigt."
      Sie sah wieder zu Aradan.
      "Kannst du denn nicht...? Ach, ich weiß nicht..."
      Sie kratzte sich am Kopf. Was würde Khil jetzt vorschlagen?
      "... Kannst du denn nicht etwas finden, mit dem du beide Erinnerungen auseinander halten kannst? Irgendwas, was es bei Jherl nicht gibt oder andersrum. Wenn du Aradan bist, dann hast du... ich weiß ja nicht..."
      Sie sah an ihm hinab.
      "... Du hast dieses kleine Muttermal am linken Unterarm, das hat Jherl sicher nicht. Wenn es da ist, bist du Aradan. Funktioniert sowas nicht?"
    • Renera reagierte wie Aradan es schon erwartet hatte. Natürlich war es schwer seinen Worten zu glauben, er selbst hätte wohl nicht anders reagiert wenn er so etwas von einer anderen Person gehört hätte. Nicht mal wenn es eine Person aus seiner Truppe gewesen wäre.
      Aber wie hätte er sich besser erklären können? Immerzu musste er das Risiko bedenken nicht alles genau so wiedergeben zu können wie er es gesehen hat, zumindest noch nicht.
      Auch die Vorschläge die Renera ihm nahe legte konnte er nur mit einem schüttelnden Kopf im Keim ersticken.
      "Nein so funktioniert das leider nicht. Minerva hat erst versucht während der Fragerunde in meinen Körper zu kommen, bis ich ihr ein schmackhafteres Angebot machen konnte. Daraufhin hat sie eine Art Teleportation auf uns gewirkt um mir einen entfernten Ort zu zeigen. Das war schon ziemlich unangenehm und überraschend, doch dann folgte was ich dir selbst kaum erklären kann. Urudin tauchte auf und versuchte mir entgegen Minerva's Willen etwas zu sagen. Er formte sich dieses Mal von ganz allein und suchte meine Anwesenheit. Nach einem ziemlich wirschen Gespräch wirkte er dann irgendeine Art von Magie die mich in die Erinnerung des Mannes brachte, welcher auf den Namen Jherl hörte. In dieser Zeit lebte Urudin und Minerva und sie kämpften gegen eine andere Armee von Magiern und Soldaten. Sie nutzten einen unerforschten aber vielversprechenden Zauber welcher ihre Feinde in die Knie zwingen sollte, doch schien er mehr wie eine gleißende Explosion zu wirken die sich langsam immer weiter auszubreiten wagte, entgegen des Nutzers Willen.. Dieser Jherl hat daraufhin Regeln der Magie gebrochen, welche unter Todesstrafe lagen. Irgendwie ironisch wenn man bedenkt, dass diese so verheißungsvoll waren, dass sie ohnehin dem Selbstmord gleich kamen. Ebenso geschah es auch. Jherl wurde zu einer Art Überwesen um die Ausbreitung einzudämmen und diese Welt zu retten, doch weiß ich einfach nicht was danach geschah. Ich war in seinem Kopf, lebte den Moment mit und... ich glaube ich starb, genau wie Jherl an diesem Tag. In Anbetracht dessen, dass Minerva und Urudin an seiner Seite standen und ich eben diese Beiden nun wie eine Klette an mir habe, spricht es schon für eine glaubhafte Verbindung.
      Ja sogar unsere Kindheit ähnelt jener zwischen Jherl und Minerva.. Es ist als hätte man nie eine echte Wahl gehabt. Als wäre alles vorherbestimmt und würde sich nun wiederholen. Ich meine.. Das was Jherl tat um diese unglaubliche Macht zu erlangen war... seine Katalysatoren zu verzehren um seine Macht zu vervielfachen. Und nun denk drüber nach, ICH bin ein wandelnder Katalysator der Magie in ungeahnte Dimensionen steigern kann. Ich bin also genau das was Jherl am Ende so stark machte."
      In seinem Redefluss fing Aradan an immer auf und ab zu laufen. Dabei sah er immer in die Leere, als würde er versuchen sich alles selbst zu erklären.

      Schließlich hob er seinen Unterarm um sich selbst das Muttermal anzusehen ehe er leider von dieser Idee abweisen musste
      "Und nein. Es ist ein netter Gedanke gewesen aber ich bin einfach nicht in der Lage zu unterscheiden. Wenn mein Kopf in den Zeiten ausufert, komme ich gar nicht auf die Idee dass etwas daran falsch ist. Stell dir vor du gehst bei Nacht in dein Zelt und ziehst die Decke hoch um nicht zu frieren. Genau so ist es bei mir, nur dass ich kurz darauf bemerke, dass ich keine Decke hoch gezogen habe, sondern an meinem Mantel gezogen habe.. und dass ich nicht im Zelt lag, sondern inmitten einer Wiese. Und in diesem Moment herauszufinden was Real und was eine fremde Erinnerung ist, ist wahrlich nicht leicht."

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    • Renera hörte Aradan schweigend zu. Das, was er ihr erzählte, überstieg allerdings ihre Vorstellungskraft. Ihr kamen ein Dutzend Fragen auf, von denen ihr aber keine richtig sinnvoll erschien und nur dafür dienen sollte, ihr eigenes Unverständnis aufzuklären. Wie meinte er das, dass Urudin ihn in die Erinnerung eines Mannes brachte? Was für Regeln der Magie? Und wie sollte das eine Verbindung zu Aradan besitzen?
      Sie wusste einfach zu wenig. Ihr Verständnis ging kaum über ihre eigenen Lehren hinaus, die sie in Melora erhalten hatte, und die beschäftigten sich fast ausschließlich mit Kreaturen. Wie sollte ihr Wissen über Kreaturen helfen, wenn Aradan im Zwielicht wandelte, mit Geistern kommunizierte und nebenher auch noch die Erinnerung eines Magiers verinnerlichte? Es fühlte sich in etwa so an, als wolle sie einen Waldbrand löschen, indem sie kräftig dagegen blies - und zu allem Überfluss steckte Aradan mitten in den Flammen.
      Khil würde jetzt wissen, was zu tun wäre. Und wenn sie selbst keine Ahnung davon hätte, wüsste sie zumindest, wo sie sich dieses Wissen aneignen könnten. Oh Khil, komm zurück und hilf uns.
      "Das hört sich völlig… wirr an. Minerva und Urudin wollen dich doch sicher nur in ihr Vorhaben mit reinziehen, was auch immer das sein mag. Wahrscheinlich wollen sie nur dem Zwielicht entfliehen. Und woher willst du wissen, ob du dasselbe tun kannst wie Jherl? Ich meine, ich weiß es ja auch nicht, aber…"
      Sie schüttelte den Kopf.
      "Das hört sich alles zu gefährlich an. Du solltest dich vom Zwielicht erstmal fernhalten, besonders nachdem es solche Nachwirkungen hat. Und wenn du erstmal wieder gesund bist, kannst du ja Urudin fragen, was es mit Jherl auf sich hat, ohne, dass er dir seine Erinnerungen gibt."
    • "Glaub mir.. das fühlt sich auch völlig wirr an."
      Sich daraufhin gegen einen Baum lehnend, hörte er sich gerne mit verschränkten Armen die Theorie einer unbeteiligten Person an. Auch wenn sie nie im Zwielicht war, könnten Eindrücke durchaus hilfreich sein auf welche er vermutlich selbst nicht kommen würde.
      "Hm.. Was Minerva angeht wird sie sicher versuchen mich in die Irre zu führen. Sie war selbst als Geist noch in der Lage gerissen zu denken. Ich habe versucht ihr Antworten zu entlocken ohne eine Frage zu stellen, doch sie hat die List sofort bemerkt.
      Des weiteren würde ich sogar so weit gehen zu behaupten dass sie im Kern eigentlich kein schlechtes Wesen ist. Beziehungsweise dass sie es nicht immer war. In Jherl's Erinnerungen war sie ziemlich taff und direkt aber nie so Boshaft wie sie jetzt ist. Aber wer kann es ihr übel nehmen.. Stell dir mal vor all die Jahrhunderte alleine in einer grauen Welt existiert zu haben. Und nach all der Zeit gibt es eine Möglichkeit wieder in einer lebhaften Welt zu sein? Wer würde da nicht alle sieben Sinne verlieren.. Sie tut mir beinahe etwas Leid muss ich sagen.."
      Dass er das Zwielicht erstmal meiden sollte, segnete er direkt mit einem Kopfnicken ab als wäre es derzeit der letzte Ort wo er freiwillig hin wollte.
      "Keine Sorge. Erst mal muss ich wieder klar kommen. Allerdings wird das mit Urudin wohl nicht ganz so leicht. Zuvor habe ich ihn angelockt. Beinahe als würde man ein wildes Tier mit einem Köder locken. Ein Fehler und das Wildtier rennt weg. So schwer war es auch Urudin beim ersten Mal zu manifestieren. Er selbst hatte dabei genau so Schwierigkeiten.. zumindest glaube ich das. Aber vor vier Tagen war es etwas anderes. Er hat sich selbst ohne wenn und aber vor mir aufgebaut und hat das direkte Gespräch gesucht ehe er mich in die Vergangenheit riss. Kurz gesagt, habe ich keine Ahnung ob ich ihn auf Wunsch einfach erscheinen lassen kann."
      Daraufhin stieß sich Aradan vom Baum ab und zückte ein Messer
      "Aber mal etwas anderes.. Schau mal her"
      Er ritzte dem Baum ein paar Schriftzeichen ein, welche ihm selbst nicht bekannt waren und auch nicht so aussahen als würden sie aus dieser Zeit stammen.
      "Jedes mal wenn ich die Augen seither schließe, sehe ich diese Zeichen vor mir. Ich weiß nicht ob es eine Schriftart aus der Zeit der Hochkultur ist oder ob es möglicherweise mächtige Runen sind aber... Vielleicht haben sie ja eine Bedeutung. Fass sie doch bitte mal an und konzentriere dich darauf. Ähnlich wie mit der Übung um einen Feuerball zu wirken. Ich weiß wie schwer dir das fiel aber eventuell kannst du ja irgendetwas dabei fühlen."
      Erwartungsvoll ging er ein paar Schritte zurück, nachdem er selbst seine Hand aufgelegt hatte aber rein gar nichts dabei fühlen konnte.
    • Renera nickte zögerlich. Die Sache mit Minerva und Urudin war viel zu kompliziert, um einigermaßen vernünftig damit umzugehen. Sie sollten mehr über beide herausfinden, aber wo sollte man Informationen über zwei beliebige Magier finden, die vor mehr als vierhundert Jahren gelebt hatten? Sie hatten ja wohl kaum Biografien verfasst, die all die Zeit überdauert hatten? Und mit ihrem plötzlichen Tod hatten sie vermutlich auch kein Vermächtnis hinterlassen.
      Aradan fuhr schon fort, ehe Renera ihre Gedanken geäußert hatte. Er ritzte Zeichen in den Baum, welche gut Buchstaben hätten sein können, wenngleich Renera sich relativ sicher war, dass es keine waren. Sie waren viel zu schnörkelig und geschwungen, um wie die anderen Buchstaben auszusehen, die sie bisher gesehen hatte. Und Aradan sprach diese Gedanken auch gleich selbst aus, als er deren Ursprung erklärte. Nun, zumindest schien er stabil genug, dass sie ihm den Gefallen tat. Was sollte schon passieren?
      Sie trat an den Baum heran, legte die Handfläche auf das Zeichen und konzentrierte sich. Sie war skeptisch gegenüber dieser Unternehmung, nachdem sie schon zuvor nicht auf Magie angesprochen hatte, aber dann regte sich plötzlich etwas in ihr. Eine Gänsehaut überkam ihren Körper, die aus dem Nichts zu kommen schien, während sich ein fernes Gefühl in ihr breit machte. Es wirkte fast wie ein Deja Vu, wenngleich sie es keinem bestimmten Moment zuordnen konnte und es eher dumpf wirkte. Irrsinnigerweise glaubte sie für den Bruchteil eines Augenblicks, dass das Zeichen unvollständig war.
      Nervös zog sie die Hand zurück, aber das Gefühl blieb. Es schwebte in den Tiefen ihres Unterbewusstseins und ließ ihr Herz schneller schlagen. Sie starrte auf ihre Hand, als ob sie eine Veränderung sehen könnte.
      "Ich… habe was gefühlt. Glaube ich. Aber… das Zeichen ist unvollständig. Nein, moment, das ist es nicht, ich glaube das ist nicht das richtige Zeichen."
      Sie sah zu Aradan auf.
      "Wenn das einen Sinn macht. Kennst du noch andere solcher Zeichen? Kennst du sie durch Jherl?"
    • Kritisch beobachtete Aradan alles was passierte. Ob sich die Rinde des Baumes wölbte, ob sich der Fluss der Magie ändern würde oder ob Renera irgendwelche Bewegungen äußerte die auf eine Reaktion hindeuten würden.
      Und tatsächlich. Renera beschrieb eine eindeutige Reaktion, was Aradan doch sehr überraschte.
      "Unvollständig?"
      Fragte er neugierig, schüttelte aber mit dem Kopf
      "Ich weiß nicht. Ich sehe sie einfach vor mir, als würde mir mein Unterbewusstsein etwas sagen wollen."
      An sich hinunter blickend, versuchte er diese Gedankenfetzen zusammen zu setzen, doch war es einfach zu anstrengend und Schmerzhaft die Erinnerungen von Jherl bewusst aufzurufen. Alles was sich immer wieder wiederholte, sobald er den Versuch wagte, waren die letzten Bilder auf dem Schlachtfeld.
      "Ich weiß nicht ich... Diese Erinnerungen rasen einfach zu schnell... Sie brennen... Nein warte!"
      Er ging in die Knie, hielt sich den Kopf mit einer Hand, auf welchem sich schon deutlich sichtbare pulsierende Adern bildeten
      "Da sind... ähnliche auf..."
      Dann lies er die Erinnerung los und atmete wieder tief ein als wäre es ihm schwer gefallen überhaupt zu atmen während er sich konzentriert hatte.
      ".. Da waren welche auf den Klingen der toten Soldaten. Ich konnte sie kaum erkennen aber sie sahen ganz sicher anders aus als diese hier"
      Ein paar mal atmete Aradan tief durch bis er wieder aufstand und die Zeichen an dem Baum betrachtete, kurz darauf sah er Renera an
      "Wie hat es sich angefühlt? Warum glaubst du sie sind unvollständig"
    • Aradan schien einen erneuten Anfall zu bekommen - oder zumindest etwas dergleichen. Ehe Renera es sich versah, sank er schon auf die Knie und sie packte die Panik, als sie zu ihm stürzte und ihm irrsinnigerweise die Hand zu reichen versuchte. Sein Anblick entsetzte sie, seine Adern stachen auf seinen Händen hervor wie unter großer Anstrengung. Das war anders als seine bisherigen Anfälle, aber wie könnte sie bei dem Anblick nicht in Sorge geraten? Sie holte Luft um nach Daikata zu rufen, als es schon wieder vorüber zu sein schien und Aradan nach Luft schnappte. Besorgt musterte sie ihn, ehe er schon davon erzählte, was er gesehen hatte. Es war schwierig sich darauf zu konzentrieren, während sie ihn noch immer im Auge behalten wollte.
      "Ich weiß nicht."
      Sie wandte sich kurz von ihm ab, um das Zeichen zu betrachten, ehe sie ihn wieder ansah. War er bleicher geworden? Aß er überhaupt genug?
      "Es war nur ein kleiner Gedanke, für etwa eine Sekunde. Aber wenn du sagst, du hast solche Zeichen auf Schwertern gesehen, glaube ich, dass es der falsche Untergrund für das Zeichen ist. Oder vielleicht die falsche Umgebung. Die falsche Motivierung? Irgendwas fehlt."
      Sie legte die Hand erneut an das Holz, aber das Gefühl kam nicht wieder, auch nicht, als sie ein paar Sekunden dort verweilte.
      "Es hat sich so angefühlt, als wenn man ein Deja Vu hat, nur ohne den Moment. Irgendwie losgelöst von der Realität - so wie du dich fühlst, schätze ich. Ich dachte, dass ich irgendwas tun müsste, aber es hat nicht lange genug angedauert um es herauszufinden."
      Sie drehte sich wieder zu ihm um.
      "Aradan, du solltest dich hinsetzen, bevor du noch so einen Anfall kriegst. Brauchst du Wasser? Ich bring dir eins. Hast du heute schon gegessen?"
    • Aradan analysierte so gut es ging diese Zeichen im Baum mit all den Informationen die er von Renera bekam. Abgelenkt wurde er nur durch ihre übertriebene Sorge, welche seiner Ansicht nach vollkommen unbegründet war.
      Sich mit weiterhin strengem Blick über den Mund streichend, dachte er darüber nach ob Renera nicht vielleicht recht hatte. Eventuell waren die Zeichen nur auf einem falschen Untergrund. Aber dann löste sich sein Fokus als Renera sich noch etwas mehr um ihn sorgte. Es erinnerte ihn beinahe schon die Zeit aus Melora als seine Mutter ihm ständig nach halten musste etwas zu essen.
      "Essen spielt keine Rolle. Diese Zeichen sind sehr viel wichtiger. Wer weiß was sie unter richtigen Umständen auslösen können. Stell dir mal vor du könntest mit ihnen Magie nutzen. Wir könnten unsere eigene Armee führen, Königreiche in die Knie zwingen.."
      Mit jeder Sekunde schwappte langsam aber sicher Jherl's Bewusstsein in das von Aradan, was mit jedem weiteren Wort zeigte was Jherl zu seiner Zeit anzustreben schien.
      ".. Sie wären uns ausgeliefert."
      Ein durstiges Grinsen legte sich auf seine Lippen als er dann selbst wieder seine Hand auf die Schnitzerei legte und weiterhin vor sich her träumte
      "Alle Probleme wären weg. Keine Kriege mehr, nur jene müssen leiden die sich uns in den Weg..."
      Dann schlug sich Aradan den Kopf gegen den Baum. Er knurrte dabei als würde er mit sich selbst kämpfen. In seinen Ohren dröhnte nach dem ersten Stoß ein lautes Pfeifen, was ihm sehr viel angenehmer war als diese aufkommenden Gelüste die klar nicht seine gewesen sein konnten. Dann folgte ein zweiter Stoß, welcher für eine kleine Platzwunde auf der Stirn sorgte. Das wirkte. Aradan hatte sein Bewusstsein wieder und lehnte sich erleichtert mit dem Rücken gegen den Baum und ließ sich daran runter rutschen. Ihm war klar wie das bei Renera rüber gekommen sein musste, also zuckte er um Vergebung bittend mit seinen Schultern während er Sie ansah als wäre ihm vollkommen bewusst wie schwer es sein musste mit ihm klar zu kommen.
      "Tut mir Leid. Ich hab zu viel in Seinem Bewusstsein herum gestochert.. Ich kann das einfach noch nicht kontrollieren. Aber...
      Er deutete auf die Schwerter Renera's
      "Vielleicht hast du Recht. Ich sah diese Zeichen auf den Waffen der Soldaten. Vielleicht sollte ich diese mal auf ein Ersatzschwert ritzen, was meinst du?"
      Meinte er voller Hoffnung ablenken zu können. Aradan mochte es überhaupt nicht anderen zur Last zu fallen. Und so fand er es in diesem Fall viel eher zum Kotzen es in den Gesichtern aller zu sehen wie sie ihn derzeit betrachteten.
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