spellbound. (earinor & akira)

    • Malträtiert war Rain auf alle Fälle worden, aber dass er noch in einem Stück war - zumindest soweit es ging - zeigte Nayantai zumindest, dass er nicht sterben würde und dass es wohl durchaus möglich war, dass das Lamm mehr konnte, als es sich selbst zutraute, zumindest glaubte er das. Was im Endeffekt der Wahrheit entsprach, das wusste Nayantai selbst nicht zu genau, aber unendlich viel Zeit darüber nachzudenken hatten auch sie nicht - während Rain sich also dort auf den Boden setzte, hatte er genug Zeit, zusammenzupacken und die Spuren des Feuers verschwinden zu lassen, damit ihnen keiner mehr auf die Schliche kam. "Welchen Weg? Ich ... habe keine Ahnung, ich glaube, dass du dich besser auskennst", bemerkte er und kratzte sich am Hinterkopf. Nayantai faltete die Decken zusammen, verwischte die Asche des gestrigen Feuers mit seinen Schuhen und den Dreck am Boden und dann, kaum hatte er die Decken zurück in den Rucksack gestopft und zumindest etwas des Proviants für Rain hervorgefischt. Der kalte Luftzug erinnerte ihn daran, dass er seine Kleidung wohl wieder fest verschnüren sollte und eben das tat er, damit er nicht derjenige von ihnen beiden war, der sich etwas einfing. Die bessere Frage war jedoch, was sie nun wirklich zu tun hatten.

      "Also ... meinst du, wir sollten hier drinnen bleiben und einfach die Beschriftungen nutzen?", wollte der Wolf wissen, der dem Schaf schon bald über die Schulter auf die unleserliche Karte lunzte und nicht genau verstand, was Rain eigentlich von ihm wollte. War dieses ... Höhlensystem miteinander verbunden oder gab es doch noch einen Trick, den er nicht ganz verstand? Und was, wenn sich in irgendeinem dieser Gänge dann doch ein menschliches Wesen aufhielt, das davon wusste, dass sie alle beide davonrannten? "Geht es dir gut? Ich meine ... so gut wie es dir gehen kann", fügte er hinzu, wohlwissend, dass er es nicht unbedingt besser machte. Es war wohl auch die Macht der Gewohnheit, die ihn selbst ein kleines bisschen hinters Licht führte und ihm aufzeigte, dass er sich zwar um Rain sorgte, aber seine Wortwahl eher unbeholfen klang. "Ich glaube, wir beide sind nicht unbedingt ... naja, du kennst dich hier nicht aus, weil du noch nie draußen warst und ich kenne mich nicht aus, weil ich noch nie hier war. Wäre ich ein Schaf, dann hätten wir wohl einige Probleme weniger", seufzte Nayantai schließlich. Was sollte er auch großartiges anstellen, außer sich selbst zu verteufeln?
      Looking back, it maybe is like the toy carts you rode when you were a kid. But those toy carts could never go beyond the walls of the lawn. We want to follow the rugged concrete road beyond the wall. As we've grown, we've decided to leave behind the toy cart.
    • Rain konnte auch nicht sagen, dass er sich hier auskannte, das einzige das er wusste war, wie die Minen angelegt wurden, welche still lagen und wie ihr Zustand war, aber er war noch nie selbst in einer gewesen. Er wusste das auch nur, weil er sich um Fhaergus Finanzen und Rohstoffe gekümmert hatte und eben das zu seinen Aufgaben gehört hatte, aber er konnte ja nicht einmal selbst ein Feuer entzünden, geschweige denn reiten. Rain schüttelte jedenfalls erst einmal den Kopf auf Nayantais Frage. "Nein... ich meine nur, wir... wissen wo wir sind und... wir können andere Minen als... Nachtlager nutzen... zum Schlafen.", erklärte er, war sich aber nicht sicher, ob Nayantai überhaupt wusste was eine Mine war. Tatsache war, dass sie sich über den gesamten Berg erstreckten und sie hoffentlich nicht im Freien schlafen mussten. Selbst Minen weiter oben, die nicht stillgelegt waren, durften sicher sein, da sie erst in Betrieb genommen wurden, wenn das Wetter es zuließ. "Manche Minen sind verbunden, aber... ich weiß nicht wie... sicher sie sind und ich denke... das Pferd müssten wir dann zurück lassen..." Er mochte außerdem vielleicht eine Karte lesen können, aber ob er tatsächlich einen guten Orientierungssinn hatte, war eine andere Frage und der Wolf war bestimmt noch nie in einer Mine gewesen. Rain stellte es sich außerdem schwer vor mit dem langen Speer in so einem engen Schacht zu kämpfen, sollte es nötig sein.

      "Ich... komme zurecht...", entgegnete Rain, das tat er doch schon sein ganzes Leben lang oder? Was er gerade fühlte, hatte er noch nie zuvor gefühlt, er konnte nicht behaupten, jemals solche Schmerzen gehabt zu haben und er war sich sicher, dass der Schweiß auf seiner Stirn davon kam und nicht von einem aufkeimenden Fieber, oder etwa doch? Er hoffte es nicht. Der leichte Husten den er hatte war auch noch nicht zu beunruhigend, er war sich nur nicht sicher, ob er selbst ein paar Schritte laufen könnte, wenn er musste. Solange sie das Pferd hatten, würde es aber gehen, oder etwa nicht? Rain neigte seinen Kopf ein wenig nach hinten und griff schließlich nach Nayantais Hand, die er für einen Moment betrachtete. Er hatte sie sich wohl höchstens im Schnee abschrubben können, aber zumindest ein wenig Blut schien noch daran zu kleben und das war wohl Rains. Er hatte noch nie zuvor geblutet... sich nicht einmal ein Knie aufgeschürft, oder mit einer Nadel in den Finger gestochen. "Nayantai... ohne dich... wäre ich bereits tot... du hättest nicht zurück kommen müssen...", erklärte er. Rain wusste doch selbst, dass er sich eher freuen sollte, dass er noch lebte. Für Trauer war Zeit, wenn sie in Sicherheit waren, auch wenn Rain nicht sicher war, ob sie das jemals wären. "Ich werde versuchen... dir keine Last zu sein. Und ich will lernen... was auch immer du mir beibringen kannst." Aber auch das musste wohl warten, bis er sich zumindest ein wenig besser fühlte, sofern ihn die Kälte nicht doch noch in die Knie zwang. Zumindest fürs Karten lesen war er noch gut und jetzt wo es draußen ein wenig wärmer wurde, dürften sie bestimmt auch irgendwo einen Bach finden, der mit Schmelzwasser gefüllt war.
    • Nayantai hatte von alledem keine Ahnung, aber er war auch derjenige, der sich selbst im Winter dazu zwingen würde, in einer Baumkrone zu übernachten, insofern es nötig war. Was hätte er auch sonst tun sollen? Hier hatte er nichts, nicht einmal die Aussicht auf das Zelt eines fremden Nomaden, der sich entweder bereitwillig dazu erklärte, ihn zu beherbergen, oder aber sich wenigstens dazu zwingen ließ, eine Behausung für einen seiner Leidensgenossen bereitzustellen. In Wahrheit war all das allerdings hier nicht der Fall, immerhin zwang er sich jetzt schon mit Rain durch einen Teil seines Lebens, den er gar nicht für möglich gehalten hatte - vor ein paar Wochen hatte er noch davon gefaselt, dass er nicht länger lebte, dass er tot war und doch wusste er jetzt, umso besser, dass genau das nicht der Fall war. "Ah ... du meinst, diese Höhlen, oder?", fragte er etwas verwirrt. Natürlich hatte der Wolf keinerlei Ahnung, wie er diese Minen überhaupt zu nennen hatte - nicht, dass es ihn interessierte, aber in Wahrheit war er dann doch irgendwo darüber verblüfft, was einem Wolf alles entging, wenn er nur in Thria liebte. Vielleicht hätten sie von dem Wissen der Schafe profitieren können, vorausgesetzt, ihre Völker würden endlich lernen, sich zu verstehen. "Heißt also, wir können sie nicht benutzen. Hm, mies", seufzte der Wolf lediglich, der für einem Moment zu ihrem Pferd sah, ehe seine Aufmerksamkeit wieder Rain galt.

      "Bist du dir sicher?", fragte er nach, aber in Wahrheit hatte er sich schon eine eigene Meinung gebildet. Rain redete sich all das sicher nur ein, er wusste, dass er Schmerzen hatte und Nayantai wusste, dass es eigentlich besser wäre, ihm unter die Arme zu greifen, aber er konnte nicht viel für ihn tun, außer ihm Dinge zu versprechen, die eventuell bald passieren können. Wozu all das führte, das wusste er selbst nicht, aber das wollte er auch gar nicht ergründen. Müde war er nicht, dafür hatte er wohl zu gut geschlafen, aber sein Rücken verdankte ihm die undankbare Position nicht, auch wenn er es gewohnt war, dass er die letzten Tage größtenteils im Dreck gelegen hatte. Das kurze Ziehen an seiner Hand war plötzlich, aber er ließ Rain das tun, was er tun wollte, auch, wenn er wusste, dass seine Hände nicht gerade etwas ansehnliches waren - Rain hatte ihn doch dabei gesehen, was er mit zwei seiner Wachen getan hatte, weil sie ihm zu nahe gekommen waren und er sich nicht danach gefühlt hatte und doch, er griff bereitwillig nach einer der Pranken. "Und dich einfach so sterben lassen? Eigentlich wollte ich früher bei dir seiner, aber das ging sich nicht ganz aus. Sei nicht albern." Wohin hätte er auch gehen sollen, nachdem er die Männer aus Lavern erspäht hatte? Schlechten Gewissens in seine Heimat? Genau. "Gut, aber vorher musst du dich ausruhen, ich will nicht, dass sich deine Wunden entzünden ... also sollten wir uns vermutlich auf den Weg machen und keine Zeit vergeuden, sie wissen vermutlich schon, dass wir beide weg sind, oder zumindest du." Grayson hatte er zwar nicht erwürgt, aber er war verdammt kurz davor gewesen.
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    • Nayantai nannte es Höhle, aber Rain bezweifelte, dass das wirklich die richtige Übersetzung war. Er hätte ihm erklären können wozu die Minen gut sind, was darin gemacht wurde, so wie er ihm vieles versucht hatte zu erklären, als sie beide noch im Anwesen waren, in Sicherheit. Aber hier draußen war für so etwas albernes vermutlich keine Zeit und Rain sollte seine Kräfte für Besseres aufparen, statt vor sich hin zu plappern, um dem Wolf Informationen zu geben, die er gar nicht brauchte. "Ich weiß nicht wie weit... wir an einem Tag kommen, oder wie... man den Rest der Karte richtig liest, aber... vielleicht können wir uns danach richten, wenn wir einen Unterschlupf brauchen." Zu wissen wo man war und zu wissen wohin man gehen musste waren zwei verschiedene Dinge. Rain konnte nicht sagen wo Westen lag, oder wie er das feststellen konnte. Er wusste, dass die Sonne im Westen unterging, aber er wusste ja nicht einmal wie spät es gerade war und was tat man, wenn man die Sonne gar nicht sehen konnte? Natürlich man konnte sich auch an den Sternen ausrichten, aber den Weg in einem Wald, auf einem berg, oder durch irgendein Gestrüpp zu finden? Er glaubte kaum, dass er das schaffen würde.

      "Ich muss... also ja. Ich will nicht, dass sie uns finden...", erklärte Rain. Er selbst würde es nicht lange überleben und Nayantai würde zurück in den Kerker geschleift werden, wenn er sich nicht vorher selbst das Leben nahm. Das konnte Rain nicht zulassen, also musste er mithelfen, so gut er konnte, so lange er konnte, auch wenn sein Körper sich anfühlte, als würde er jeden Moment zerspringen können, auch wenn ihn jede Bewegung zucken ließ und sein Körper nicht mehr aufhören wollte zu zittern. Er hatte sein ganzes Leben im Luxus verbracht, damit war jetzt Schluss und er hatte endlich Gelegenheit allen zu beweisen, was wirklich in ihm steckte. Rain strich mit seinem Finger sanft über Nayantais geschundene Hand, auf der noch Spuren dessen zu sehen waren, was passiert war. Hätten sie Zeit dafür gehabt, hätte Rain sich für einen Moment in seine Arme gelegt, aber Zeit war das Letzte das sie hatten. "Es tut mir Leid, dass du in das hier auch noch hinein gezogen wurdest..." Nayantai hatte das alles nicht verdient, aber bevor Rain wieder in Tränen ausbrach, sollten sie lieber aufbrechen. "Du hast Recht. Ich kann unterwegs essen."
    • Sich hier länger aufzuhalten und über Kleinigkeiten zu reden war wohl fatal, immerhin hatten sie ohnehin keine Zeit, schon gar nicht dann, wenn man ihnen eventuell auch noch auf den Fersen war. Nayantai wusste nur zu gut, dass sie sich in Bewegung setzen sollten und dass es von Vorteil wäre, zumindest Rain etwas essen zu lassen - er selbst könnte noch eine Weile ausharren und, wenn sich die Möglichkeit vielleicht bot, ein wildes Tier erlegen, damit sie sich nicht nur von ihrem Proviant ernähren mussten, der ihnen früher oder später sowieso ausgehen würde. "Mach dir darüber keine Sorgen, so lange wir einen Unterschlupf haben wenn es dunkel wird, sollten wir keine Probleme haben - das ist zumindest das Wichtigste." Außerdem ging er nicht davon aus, dass sie im Kreis rannten, oder anderweitige Problemen begegnen würden, wenn sie sich wirklich an eine Karte hielten - warum auch? Es machte keinen Sinn, mit dem Kopf gegen die Wand zu rennen und zu behaupten, sie alle wussten nicht wirklich, was sie taten. "Früher oder später werden wir das schon herausfinden", murmelte der Wolf, der sich kurzerhand dazu entschied, Rain hochzuheben, so gut er konnte, und auf das Pferd zu setzen, damit er sich selbst nicht überanstrengen musste, oder gar das Dilemma an seinem Rücken schlimmer machte.

      "Eben, das will ich genau so wenig. Ich glaube, ich hätte kein Problem damit, wenn ich noch ich wäre, aber dafür bleibt jetzt keine Zeit - ich bin einfach nicht stark genug, mich mit so vielen von ihnen gleichzeitig anzulegen", murrte der Wolf etwas widerwillig, als er dem Schaf dann noch sein Essen reichte und den Rest ihres Hab und Guts an dem Sattel des Pferdes befestigte. Wie lange sie nach Thria brauchen würden, das wusste er selbst nicht, aber es war wohl zu hoffen, dass es keine endlos lange Reise war - zumindest nicht, bis sie in Sicherheit waren. Wären sie erst über die Grenzen zu seiner Heimat hinweg, dann waren sie vogelfrei und sie mussten sich nicht mehr so sehr beeilen, wie sie es jetzt taten - zumindest befanden sie sich dann in seiner Heimat und die Wölfe, die ihnen in die Quere kamen, hatten nach seiner Pfeife zu tanzen. "Muss es nicht, wenn ich das nicht wollen würde, dann wäre ich doch gar nicht erst zurückgekommen", lachte der Wolf schließlich, der sich fragte, ob Rain irgendetwas an seinen Händen fand, bevor er sich selbst auf das Pferd schwang und es antrieb, damit sie nicht länger damit beschäftigt waren, sich Beine ein den Bauch zu stehen. "Halt dich ja fest, ich will nicht, dass du mir vom Pferd fällst!" Und auch, wenn Nayantai davonrannte, dann fühlte es sich sichtlich gut, wieder die Freiheit zu haben, die ihm vor viel zu langer Zeit genommen wurde - die Freiheit, die er schon immer haben wollte.
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    • Rain wünschte er wäre nützlicher, auch wenn Nayantai sagte es machte ihm nichts aus, auch wenn er sogar so dachte, Rain bremste ihn nur, hielt ihn zurück und machte diese Reise um einiges gefährlicher. Im Moment konnte er vielleicht noch ein wenig an Informationen bieten, ihm sagen welche Route sie nehmen sollten, wenn sie erst einmal über Fhaergus Berge geklettert waren, vorausgesetzt er schaffte es so weit. Bis dahin sah er vielleicht auch nicht mehr wie ein reicher, verwöhnter Junge aus und konnte eventuell etwas kaufen, oder etwas verkaufen, obwohl sie im Moment höchstens ihr Pferd eintauschen konnten. Wenn sie nur etwas Geld hätten mitnehmen können, aber dafür war dann wohl keine Zeit mehr gewesen. Rain fragte sich ob er den Fürsten von Wezette aufsuchen sollte, aber er wollte ihn nicht in Schwierigkeiten verwickeln und Rain wusste nicht, ob er ihm tatsächlich helfen wollte und konnte. Es wäre wohl besser so schnell wie möglich nach Thria zu kommen, bevor sie irgendjemand aufspürte.

      Als Rain auf das Pferd gesetzt wurde hielt er sich etwas unsicher an dem Sattel fest, gestern hatte er keine Zeit dazu gehabt, aber heute ging es ihm gut genug, um zu merken, dass er gerade zum ersten Mal auf einem Pferd saß. Um genauer zu sein, begegnete er zum ersten Mal einem Tier, er musste zugeben, dass er sich ein wenig vor dem Pferd fürchtete und sich lieber kein Stück bewegte, bis Nayantai auch auf dem Sattel Platz nahm. "Sie kennen die Berge genau so wenig wie wir... vielleicht haben wir Glück."; murmelte Rain, der sein Frühstück entgegen nahm, das aus getrocknetem Fleisch bestand. Auch so etwas hatte er noch nie gegessen und er steckte sich ein Stück in dem Mund. Es war zäh, aber er nagte weiterhin daran, damit er etwas in seinen Magen bekam. Seine freie Hand nutzte Rain um sie um Nayantai zu legen und sich festzuhalten. Er kaute weiter an dem Fleisch, während sein Rücken sich nicht für das Auf und Ab bedankte, aber zumindest konnte Rain sich heute ein wenig an der Landschaft erfreuen. An dem Berg der sich vor ihnen auftürmte und den Bäumen und Büschen, an dem Schnee der langsam schmolz, aber auch immer noch vom Himmel regnete. "Nayantai... ich lebe noch...", stellte er erneut fest, murmelte es nach vorne zu seinem Wolf. Er lebte noch, obwohl er sich nach draußen gewagt hatte. Er lebte noch und konnte die frische Luft atmen, die kalt und beißend war, aber auch frisch und angenehm roch. Rain vergaß die Schmerzen beinahe, als er so die Landschaft betrachtete die an ihm vorüber zog, die er nie hätte betreten sollen, zumindest im Moment schien ihn das Wetter und die Kälte noch nicht zu töten und er war fasziniert von dem was er sah, auch wenn er eigentlich andere Sorgen haben sollte.
    • Wie weit sie noch laufen konnten, bevor sie sich selbst die Zähne an ihrem eigenen Fleisch ausbissen, weil ihnen bitterkalt war? Nun, das Pferd, das sie dazu zwangen, sie auf ihrer kleinen Reise zu begleiten schien in der Lage zu sein, die Kälte einfach wegzustecken und Nayantai fragte sich, ob es nicht doch dumm wäre, würden sie das Tier an irgendeinem Punkt gegen etwas eintauschen müssen - aber was blieb ihnen schon über? Für den Moment hatten sie nicht viel und wer wusste, ob sich ein Pfeil und Bogen nicht als nützlich erweisen würde, damit sie doch noch Essen jagen konnten, das ihnen für den ein oder anderen Tag reichen würde? Vielleicht sollte er, sobald sie sich einigermaßen außer Reichweite befanden, nach irgendwelchen Kräutern oder wildem Gemüse umsehen, damit er sich später nicht um knapp werdende Vorräte kümmern musste, wenn alles soweit war und sich der erste Wind des Umschwungs gelegt hatte. Nayantai wusste allerdings nicht, wie viel er seinem Körper zutrauen konnte und wie einfach es wäre, sein Leben in Thria weiterzuführen, dort anzuknüpfen, wo er aufgehört hatte, nachdem, was passiert war und nachdem, was er ertragen musste. Gab es denn überhaupt etwas für ihn zu tun, etwas das für sie beide Sinn machte, wenn er erst wieder seine Füße auf heiligen Boden setzte? "Da ... hast du recht", sprach der Wolf.

      Die kalte Brise und der Schnee, der mit ihnen durch die Welt zog, mehr brauchte der Wolf auch gar nicht - es gab nichts, das er tun konnte, außer sich daran zu halten, was der Wahrheit entsprach und nichts davon war sonderlich brauchbar oder aber für den jetzigen Moment bestimmt. Erinnerungen, so alt wie er selbst, kamen in ihm hoch, wenn er daran dachte, was er einst gehabt hatte und was man ihm genommen hatte, aber für den Moment war all das egal - irgendwann würde er sich mit etwas konfrontiert sehen und selbst dann, wenn er für eine Sekunde innehalten musste, dann wusste Nayantai, dass es nicht sonderlich sinnvoll war, sich selbst all das hier anzutun. Man schimpfte ihn ohnehin schon einen Verräter oder eine Bestie, obwohl er nicht mehr wollte, als einem Lamm nahe zu sein, das gar nicht leben sollte - einem Lamm, dessen bloße Existenz wohl Unmut in denjenigen auslöste, sie davon wussten. "Ja ... Ja! DU LEBST!", rief er plötzlich aus und konnte ein kurzes Lachen nicht unterdrücken. Rain mochte zerpflückt worden sein, zerrissen und geschunden, aber er lebte und die Kälte hatte ihn noch nicht umgebracht. "Siehst du!? Und, wie gefällt dir die Welt?" Natürlich waren sie nicht hier draußen, weil sie es wollten, sondern weil sie dazu gezwungen wurden, aber das bedeutete nicht, dass Rain das hier nicht genießen konnte! Wenn sie erst in Thria wären ... wie wäre es dann mit einer richtigen Schneeballschlacht?
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    • Das Lachen des Wolfes überraschte Rain, aber seine Aussage war wohl ebenso überraschend gewesen. Die Tatsache, dass er bereits eine Nacht im freien überlebt hatte ließ ihn außerdem hoffen, dass er vielleicht doch stärker war als man von ihm glaubte, dass sein Rücken heilen würde und sein Körper lernen würde mit der Kälte auszukommen. Vielleicht war es möglich Thria zu sehen, so wie es unerwarteter Weise möglich war seine eigene Heimat zu betrachten, sich die sanften Hügel und hohen Berge anzusehen, alles woraus es bestand. All das war seinem Vater so wichtig gewesen, oder etwa nicht? Wenn er nicht in Thria hatte kämpfen müssen, dann war er oft einfach ein paar Tage in die Wildnis geritten. Wenn er wieder nach Hause gekommen war, dann hatte er meist ein wenig glücklicher ausgesehen. Auch Rains Mutter liebte ihren Garten, den ihr Sohn nie betreten hatte dürfen, aber jetzt war er hier und konnte vielleicht endlich verstehen, warum auch Nayantai so gerne draußen herum tollte.

      "I-ich... ich weiß nicht.", gab er als Antwort. Ja wie gefiel ihm das alles? Es war neu, die Sonne war so hell, ließ alles erstrahlen und konnte direkt auf ihn herunter scheinen. Es gab auch so viele Geräusche hier draußen, abgesehen vom Hufgetrappel des Pferdes. Für einen Moment steckte Rain sich das Fleisch in den Mund, hielt es nur mit seinen Zähnen fest und streckte seine Hand nach den herab rieselnden Schneeflocken aus und betrachtete auch seinen Arm, an den sich die kleinen Flöckchen geklammert hatten. Er konnte das alles nicht so sehr genießen wie er gerne gewollt hätte, aber dennoch freute er sich und sich darauf zu konzentrieren, dass er doch noch sehen konnte, was die Welt bereit hielt, das munterte ihn zumindest auf. Rain zog seinen Arm wieder zurück und kaute weiter an dem Fleisch, zupfte es mit seinen Zähnen auseinander und zwang es schließlich in seinen Magen. Er vermisste bereits die Wärme seines Heimes, das weiche Bett und der Gedanke daran, dass er niemals dort hin zurück kehren konnte machte es ihm schwer, aber gleichzeitig hatte er hier draußen doch trotzdem etwas, über das er sich freuen konnte und er war nicht allein. Egal wie viel Schmerz er noch ertragen musste, oder durch welche Krankheit er sich zu kämpfen hatte, er musste durchhalten, immerhin hatte Nayantai ihm noch so vieles zu zeigen. "Sie gibt mir Hoffnung..."
    • "Du weißt es nicht?", fragte der Wolf, verwirrt über das, was das Lamm ihm sagen wollte, aber nicht konnte. Ja, was war es denn, das sie beide bestürzte und was war es denn, dass er, der große böse Wolf, für sich selbst festzustellen hatte? Vermutlich wusste Rain einfach nicht, womit er anfangen sollte, oder wo vorne und hinten war, aber auch das war nicht weiterhin verwerflich. Sie beide hatten einen langen Weg vor sich und Rain hatte ebenso genug Zeit, sich einfach nur darauf zu konzentrieren, sich mit der Welt anzufreunden, die sie beide umgab. Die Wahrheit war, dass Nayantai eigentlich gehofft hatte, ihm all das hier in Ruhe zeigen zu können, aber plötzlich hatte sich ihr Leben ruckartig geändert und sie beide konnten nicht mehr tun, als auf einen Tag hoffen, an dem selbst Rain die Kälte gewohnt war. "Hoffnung? Wieso das?", wollte der Wolf wissen, der sich grundsätzlich darauf konzentrierte, das Pferd anzutreiben, wenn gleich auch er viel lieber die Landschaft genießen würde - sie mussten den Vorsprung, den Sara ihnen verschafft hatte, ausnutzen und sie mussten tun, was sie konnten, um sich so weit wie möglich von Fhaergus zu entfernen. So schnell es ging, natürlich. Die Natur stand, zumindest momentan, auf ihrer Seite und der fallende Schnee war genug, um ihre Spuren zu verdecken, gleich wie es die Irrläufer waren, die Nayantai gestern ausgestreut hatte.

      Wie lange sie schließlich unterwegs waren, das wusste selbst der Wolf nicht, aber es war doch eine ganze Weile, die sie sich aufhielten, während er nach Wasser Ausschau hielt. Als er ein kleines Bächlein fand, gefüllt mit stetig fließendem Schmelzwasser, hielt er an - es musste um Mittag herum sein, zumindest stand die Sonne auf einer ähnlichen Position, wie er sie in Erinnerung hatte und durch die dichten Baumkronen erhaschen konnte. Nayantai stieg ab, griff nach Rains Hand, damit dieser ihm nicht vom Pferd kippte und führte besagte Pferd an den Bach heran, um es trinken zu lassen - der Wolf selbst half dem Lamm herunter und machte sich danach daran, selbst etwas zu trinken. Danach hielt er inne und sah zu Rain, der nun dort stand und vermutlich nicht mehr viel Ahnung vom Rest der Welt hatte - was sollte sonst auch noch passieren? "Willst du ... auch etwas trinken, bevor ich mir deinen Rücken ansehe?", fragte er beinahe schon unverschämt, wohlwissend, dass Rain die Schmerzen so oder so aushalten musste, wenn der Wolf die mit Blut angesogenen Stofffetzen seines Hemdes von seinem Körper riss. Im Endeffekt war es ohnehin egal, sie hatten sich so oder so um die Verletzungen zu kümmern, nicht mehr und auch nicht weniger - da half es auch nicht, weiter darauf zu warten, bis irgendetwas gravierendes passierte.
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    • Rain wusste nicht recht ob er sich in einem Traum, oder in einem Albtraum befand. So vieles war passiert, so plötzlich. Wenn er sich die Welt da draußen ansah, dann konnte er nicht glauben, dass er all das hier mit eigenen Augen sehen konnte, wollte er das nicht schon immer? Zur selben Zeit wurde ihm schmerzlich bewusst, dass als das ihm gehört hatte, es jetzt aber nicht mehr sein Land war. Niemand konnte ihm nehmen, dass es seine Heimat war, aber würde sie überhaupt überdauern können, jetzt da seine Blutlinie vertrieben wurde und mit Rain früher oder später der Letzte der Linie Fhaergus starb? Was hielt er also von der Welt die er nun sah? Sie war kalt, hart, unerbittlich, aber auch wunderschön. Der Schnee der sich auf dem Boden und den Ästen der Bäume festhielt glitzerte im Sonnenlicht und die paar Sonnenstrahlen die auf Rain trafen wärmten ihn angenehm auf, auch wenn die Luft sich für ihn eiskalt anfühlte.

      Das Pferd wurde langsamer und schließlich stieg Nayantai ab, während er noch darauf achtete, dass Rain nicht herunter fiel und das Pferd ihn auch nicht abwarf. Als ihm schließlich herunter geholfen wurde wagte er es nicht sich einfach in den Schnee zu setzen, auch wenn ihn seine Beine eigentlich nicht tragen wollten. Er blieb also stehen, mit gebührendem Abstand zu dem riesigen Tier, das aus dem Bach trank, genau so wie der Wolf. Selbst das plätschernde Geräusch des Baches war neu für ihn und er blickte in die Baumkronen um eventuell ein Tier zu erblicken, einen Vogel, oder ein Eichhörnchen. Er fand nichts, sah nur zu Nayantai, der ihn ansprach und nickte schließlich, um sich ebenfalls auf die Knie sinken zu lassen. Auf halbem Weg gaben seine Beine bereits nach und seine Hand landete im kalten Schnee. Es war nicht das erste Mal, dass er ihn berührte und doch war er überrascht. Anzufangen bei jeder Kleinigkeit zu starren wäre wohl töricht, also lehnte er sich lieber vorsichtig nach vorne, tat es Nayantai gleich und steckte seine Hand in das eiskalte Wasser. Weder sein Rücken dankte ihm diese Position, noch seine Hand, die zu brennen anfing. Er ignortierte die Kälte und beugte sich nach vorne um das Wasser aus seiner Hand zu schlürfen. Er war durstig genug um die Kälte und den Schmerz den die frischen Wunden verursachten zu ignorieren, hielt aber schließlich inne und stütze sich mit seinen Händen auf dem kalten Grund ab. Er hatte wohl noch mehr zu ertragen, als das brennen und ziehen, das ihn schon die ganze Zeit begleitete, mehr als der Schmerz der ihn durchzuckte, wenn die Haut an seinem Rücken spannte, weil er sich zu sehr nach vorne lehnte. Er wusste, dass er eine Infektion, oder gar eine leichte Entzündung womöglich nicht erlebte, auch wenn dasselbe für die Kälte galt, die ungehindert an seine Haut dringen konnte, zog er sich erst einmal aus. Trotzdem löste er die Knöpfe seiner Kleidung ohne ein weiteres Wort zu sagen und ließ schließlich jeglichen Stoff von seinen Schultern rutschen. Er hustete als die kalte Luft auf seine Brust traf und er hatte nicht geglaubt, dass ihm noch kälter werden konnte, als ihm schon war, aber er würde auch das ertragen können.
    • Hätte er erst den Weg von hier nach Thria überwunden, dann lag ihm beinahe die gesamte Welt zu Füßen. Nayantai wusste, wer er war und wer er schon immer sein musste - dass sein Vater ihn dabei in eine Rolle zwingen wollte, eben das gefiel ihm noch immer nicht. Was war es auch wert, jemanden zu heiraten, den man nicht liebte, weil man krankhaft eine Era aufrechterhalten wollte - aber war es überhaupt das, was Rikiya versuchte? Eigentlich war er sich dabei gar nicht mehr so sicher, vor allem weil er sich nicht entsinnen konnte, wann er das letzte Mal wirklich um sein Leben gekämpft hatte. Sicher, seine Natur versiegte nicht einfach, aber schlussendlich wirkte es eher so, als wollte sein Vater ihn und seinen geschundenen Körper vom Krieg, vom Schlachtfeld und vom Tod fernhalten, weil er Muhan die Welt und sein Herz versprochen hatte, weil er bereit gewesen war, an seiner Seite zu sterben. Hatte sein Vater Angst, er würde es wirklich tun, würde ihm noch einen Menschen entreißen? Auch das machte keinen Sinn, aber gerade jetzt hatte er keine Lust und auch keine Sekunde, die er dafür verschwenden konnte. Der Wolf wartete darauf, auf irgendeine Reaktion Rains, der das tat, was man ihm auftrug - und Nayantai selbst sah sich gezwungen, ein paar der übriggebliebenen Fetzen der Kleidung zu nehmen, die er noch hatte und sie mit Wasser zu benetzen.

      "Bereit?", fragte er nur, bevor er anfing, mit dem kalten, zusammengeschusterten Lappen über den blutigen Rücken des Lammes zu fahren - zum einen, weil er das getrocknete Blut loswerden wollte und zum anderen, weil er so verhindern wollte, den Stoff von den Wunden reißen zu müssen. Präventiv, bevor er noch daran dachte, die Stofffetzen von Rains altem Hemd zu lösen, stopfte er den letzten Rest der gelb-weißen Kleidung in Rains Mund, ehe er den Stoff lockerte. "Ich werde versuchen, so vorsichtig wie möglich zu sein - aber es wird wehtun", versprach er dem Lamm, bevor er anfing, die angefeuchteten Fetzen aufzuknüpfen und behutsam vom Rücken Rain's zu ziehen. Ihm dabei nicht wehzutun war wohl kein leichtes Unterfangen, aber er machte unbeirrt weiter und legte sie im Schnee neben sich ab, wohlwissend, dass sie ohnehin keine Spuren zurücklassen konnten - also würde das als Brennstoff dienen, sobald es getrocknet war, wann auch immer das wäre. Nayantai wischte das Blut vom Rücken des Schafes, fuhr über die Wunden, nachdem er den Stoff nochmals ausgewaschen hatte und versuchte sein Bestes, Rain nicht zu viel auf einmal anzutun, geschweige denn dafür zu sorgen, dass er noch mehr Blut vergoss. Schließlich holte er das Verbandszeug aus ihrem Gepäck und, nachdem er dafür gesorgt hatte, dass der Rücken des Schafes wieder einigermaßen trocken war, fing er an, ihn ordentlich zu verarzten. Erst, als all das getan war, war Nayantai es, der Rain seine Kleidung wieder anzog, die Spuren im Schnee versteckte, die sie durch die blutigen Fetzen hinterlassen hatten und eben jene einsteckte. Erst dann hockte er sich zu Rain, wusch seine Hände im plätschernden Bach und krümmte sie leicht, um Wasser aufzufangen, und es schließlich Rain anzubieten - "Wie geht es dir?"
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    • Rain war nicht wirklich bereit für das was kam, aber er hatte ja ohnehin keine Wahl, weswegen er einfach nur nickte. Hatte er nicht ohnehin schon viel in seinem Leben ertragen müssen? Dann konnte er das hier auch noch überstehen. Er war dem Tod so oft von der Schippe gesprungen, wieso sollte er es entgegen aller Erwartungen nicht noch einmal versuchen? Auch wenn der Tod manchmal nach einer besseren Alternative aussah. Die Frage war wohl trotzdem wie lange er das Leben auf der Flucht und in der freien Wildnis tatsächlich überleben konnte, dies hier war eine Welt für die er nicht gemacht war, er war weder wie sein Vater, noch wie Nayantai, oder ein anderer Wolf. Selbst in seinem warmen Heim, eingewickelt ihn tausende Decken und mit Menschen die nichts anderes zu tun hatten als sich um ihn zu kümmern, war er schon so oft beinahe gestorben. Hier draußen hatte er nur Nayantai, von dem er nur hoffen konnte, dass er ihm nicht leid wurde. Es war weder warm, noch bequem, noch hatte er Zeit sich auszuruhen. War das das Leben, das die Wölfe seit Jahren führen mussten?

      Rain zitterte schon jetzt und die kalte Luft einzuatmen ließ ihn immer öfter husten. Er zuckte zusammen als der kalte Stoff seinen Rücken berührte. Die verletzten Stellen fühlten sich warm an, während alles darum herum brannte, weil die feuchte Haut die Kälte noch mehr anzog. Erneut bekam er etwas Stoff auf den er beißen konnte, damit er sich nicht selbst verletzte und damit er niemanden auf sie aufmerksam machte, sollte er doch einen Mucks machen. Rain nickte noch einmal und ließ seinen Kopf hängen. Er stützte sich mit den Armen auf dem Boden auf, während Nayantai die Fetzen von seinem Rücken zog. Rain versuchte still zu halten und sich nicht unter den Berührungen zu winden. Nachdem der erste Streifen herunter gezogen war, blickte Rain für einen Moment auf die Seite und betrachtete wie der zuvor helle Stoff alles andere als das war. Ihm wurde ein wenig übel und er wandte den Blick wieder ab, kniff die Augen zusammen und versuchte jegliches Wimmern und Stöhnen einfach herunter zu schlucken. Seine Finger gruben sich in den Schnee und die Erde darunter und auch gegen die vereinzelten Tränen die ihm in die Augen schossen konnte er nichts tun. Sie fielen ungehindert in den Schnee und verschmolzen dort mit den weißen Flocken. Seine Finger waren schon bald taub, ebenso wie der Rest seines Oberkörpers, der von der Kälte betäubt wurde. Nur die heißen, verletzten Stellen konnte er noch fühlen. Als Nayantai fertig war half Rain so gut er konnte dabei, sich selbst wieder anzuziehen, aber sein Körper war ausgelaugt, dabei war es gerade mal Mittag. Selbst als er all die Schichten Kleidung wieder an hatte, zitterte er immer noch und der Stoff der zuvor in seinem Mund gewesen war, fehlte nun um Rains Zähne davon abzuhalten aufeinander zu klappern. Er fühlte sich schwach, schwächer als ein Mann seines Alters sein sollte, selbst nachdem was ihm zugestoßen war. Wäre es Nayantai der verletzt gewesen wäre, hätte er Rain vermutlich immer noch durch den Schnee getragen. Als Nayantai sich wieder zu ihm gesellte und ihm etwas Wasser anbot, wollte Rain sich eigentlich nicht bewegen, aber er musste essen und trinken, das wusste er selbst. Er beugte sich also nach vorne und trank noch ein paar Schlucke, auch wenn ihm übel war und er sich am Liebsten nicht bewegt hätte. Danach lehnte er sich gegen Nayantai, er wollte nur für einen Moment seine Nähe und Wärme spüren, auch wenn sie hier vermutlich schon viel zu viel Zeit vergeudet hatten. Ja wie ging es ihm denn? Dass es ihm nicht gut ging war wohl offensichtlich, aber darauf konnten sie nicht allzu viel Rücksicht nehmen, eine Lüge wollte Nayantai aber bestimmt auch nicht hören. "Mir ist kalt... und ich bin müde, aber... wir können weiter."
    • Nayantai war das Leben hier draußen ohnehin gewohnt, auch, wenn sich Thria ein wenig von Fhaergus unterschied. Dennoch, davonzurennen war noch nie seine Lieblingsoption gewesen, aber hier draußen hatte er nur Rain, der vermutlich nicht einmal genug Kraft in den Armen hatte, um den Speer überhaupt zu halten. Wonach sehnte er sich also, wenn nicht seine Heimat? Eigentlich hatte er behauptet, nein, sogar vorgeschlagen bei Rain zu bleiben und doch gab es so viele Dinge, die er an seiner Freiheit missen müsste - und selbst wenn er bei ihm geblieben wäre, dann wäre er wohl der Erste gewesen, der seinem eigenen Tod beiwohnen durfte. Ob er es nochmals ausgehalten hätte, in den Kerker des Königs zu wandern? Vermutlich nicht, eher hätte er sich jeden Funken Leben aus seinem Körper gerissen, als überhaupt einen Gedanken daran zu verschwenden - was auch sonst hätte er tun sollen? Zumindest hatte er Rain noch, musste ihn - an und für sich - mit keinem teilen und bevor er das jemals tun würde, würde er vermutlich einigen Personen den Kopf abschlagen, aber auch das war noch etwas, das weit entfernt lag. Momentan war es wohl eher wichtiger, das Lamm am Leben zu erhalten und nicht alles auf eine Karte zu setzen - wieso auch, wenn er selbst genau wusste, dass sie ohnehin in ihren Optionen eingeschränkt waren?

      Er selbst wurde von Gedanken geplagt, wusste, dass all das hier nicht gut für Rain war und doch freute er sich immens, dass er ihm zeigen konnte, dass die kühle Luft hier draußen und ein wenig Schnee ihn nicht umbrachten, auch, wenn das Husten gerade jetzt eine andere Sprache sprach. Was Nayantai mit ihm anstellen würde, wurde er krank, das konnte er selbst nicht sagen, geschweige denn wusste er es - einfach deswegen, weil Rain wohl so ziemlich durch alle Optionen, die sie im Moment hatten, krank werden konnte. Beinahe schon behutsam legte der Wolf seine Arme um das Schaf, wünschte sich, er könnte ihm besser Wärme spenden, aber sie beide hatten nicht mehr als das und in Wahrheit war es wohl auch verwerflich daran zu denken, dass er daran schuld war, was alles in den letzten Tagen passiert war. Natürlich, Nayantai trug Mitschuld, aber er war - grundsätzlich - nicht die einzige Person, die sich etwas eingestehen musste, geschweige denn sollte - zumal es dumm klang, alle Schuld von sich zu weißen. "Bist du dir sicher?", fragte der Wolf, der eigentlich viel lieber innehalten würde, aber auch er wusste, dass es dumm war, länger hierzubleiben als überhaupt nötig.
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    • Hätte Rain noch ein zu Hause, dann hätte er wohl die nächsten Tage, oder vielleicht sogar Wochen damit verbracht in seinem Bett zu liegen und sich auszuruhen. Er hätte ein Feuer gehabt, sich unter die Decke gekuschelt und wenn er hunger hatte, dan kam jemand vorbei, der ihm etwas brachte. Er hätte seinen Arzt gehabt, der sich um die Verletzungen gekümmert hätte und ihm vermutlich auch etwas gegen die Schmerzen geben hätte können, aber das alles gab es nicht mehr und ob all die Menschen in dem Anwesen überhaupt noch lebten, wusste er nicht. Hier draußen hatte er keine Zeit sich auszuruhen, kein warmes Bett, das ihn vor der Kälte schützte, nicht einmal ein Feuer, wenn sie nicht gerade eine Rast einlegten. Die Kälte die sich in seinen Körper gefressen hatte wollte nicht mehr weichen, da half auch die warme Kleidung nicht, nicht einmal Nayantais Umarmung. Rain hasste es anderen Umstände zu machen, aber hier draußen war es noch viel schwerer Nayantai keine Probleme zu bereiten, als es zu Hause jemals war und doch kümmerte er sich so um ihn.

      "J-ja...", erwiderte Rain, er wollte nicht aufstehen, er wollte sich nicht bewegen, aber noch viel weniger wollte er, dass sie beide doch noch geschnappt wurden, dass Nayantai wegen ihm den Tod fand, obwohl er schon Tage weit entfernt sein könnte. Rain war nicht sicher, ob er überhaupt alleine aufstehen konnte und er klammerte sich noch für einen weiteren Moment an den Wolf. Unauffällig wischte er sich ein paar Tränen aus dem Gesicht, er wollte nicht weinen, auch wenn er sichtlich überfordert mit der ganzen Situation war und sein Körper ihn anflehte sich einfach nur auszuruhen, sich irgendwo hin zu legen und zu hoffen, dass die Zeit seine Wunden tatsächlich heilte. Er fragte sich ob er die Welt die ihm bisher verwehrt geblieben war irgendwann auch tatsächlich wertschätzen und betrachten konnte, oder ob der Schatten, der ihn hier raus gezwungen hatte ewig über ihm schwebte und alles was er ansah trist und tot wirken ließ. Unter anderen Umständen hätte er den kleinen Bach betrachtet und sich über das fließende Wasser gefreut, das über die Steine hüpfte. Er hätte sich den glitzernden Schnee angesehen und die vereinzelten Blumen, die sich in der Frühlingswärme ihren Weg unter dem Schnee hervor kämpften und er hätte Nayantai auf jedes Tier aufmerksam gemacht das er sah.
    • Die Wahrheit war, dass sie beide nicht mehr viel hatten - keinen Namen, keinen Titel, keine Familie und auch kein Zuhause. Sie beide existierten auf einer Schwebe, in einer Welt, die so viel Sinn ergab, wie ein Puzzle dem tausend Teile fehlten. Nayantai wusste nur zu gut, dass sie sich nicht ewig hier aufhalten konnten, das jede Minute, die sie hier saßen, verschwendete Zeit war und das jedes Wort, das über seine Lippen kam, vermutlich nicht mehr als eine dreiste Lüge war, um dem Lamm die Sicherheit zu geben, die es gerade brauchte, um nicht auch noch den letzten Splitter Hoffnung in den Sand zu setzen. Was war diese Welt auch schon wert? Wieso lebten sie beiden noch, wenn sie genau so gut tot sein konnten und es keinen kümmerte, wie es ihnen erging? Das wusste selbst der Wolf nicht, der schließlich durch das blonde Haar fuhr. "Zieh' nicht so ein Gesicht", scherzte er. Unmut von Seiten Rains war ungewohnter als die Tatsache, dass er wirklich nach Hause konnte - vielleicht war auch dass der Grund, wieso er sich selbst - mit dem Schaf in den Armen - auf die Knie stemmte und nicht weiter hier herumsitzen wollte, nicht weiter dabei zusehen wollte, wie sie beide bloß existierten und nichts anderes taten außer das. Sie hatten noch Dinge vor sich, Momente, deren Ausgang nicht sonderlich klar war und doch gab es seinerseits nichts, das er tun konnte, nichts, außer das, das er ohnehin schon tat.

      "Wenn du meinst", bemerkte Nayantai, der es geschafft hatte, sie beide aus dem Schnee zu heben, der nicht länger tatenlos herumsitzen wollte und darauf hoffen mochte, dass etwas passierte, das zu einem Umschwung führte, den sie beide besser gebrauchen konnten, als alles andere. Der Wolf war sich dessen bewusst, den offensichtlichen Tatsachen, die vor ihm lagen - und den Gedanken, die ihn heimsuchten. Er setzte Rain behutsam auf das Pferd, beinahe schon so, als hatte er keine Ahnung, ob ihm der junge Fürst aus den Händen fallen würde, ließ er ihn für eine Sekunde los und tat es ihm danach erst gleich - sie hatten einander, nicht mehr und sie hatten ein Ziel das es, koste es was es wolle, zu erreichen galt. Sie beide waren töricht genug zu glauben, dass sie dem Schicksal entfliehen oder davonrennen konnten, aber was blieb ihnen auch übrig, wenn nicht das? "Wenn ich könnte, dann würde ich dir vermutlich mehr zeigen", seufzte er, wohlwissend, dass für allerlei Träume und Hirngespinste kein Platz in dieser Welt war, geschweige denn, dass er wirklich die Chance haben würde, um kurz zu verschnaufen. Nayantai akzeptierte all das, als er das Pferd wieder antrieb - wer nicht gefunden werden wollte, der bemühte sich immerhin, möglichst keine Spuren zu hinterlassen.
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    • Hatte Nayantai jemals einen Tag erlebt, an dem Rain nicht gelächelt hatte? Er glaubte nicht, Nayantai war derjenige der eine ganze Weile mit nach unten gezogenen Mundwinkeln dagesessen hatte, bis er sich doch auf Rain einlassen wollte. Rain war noch nie jemand gewesen der allzu viel von sich selbst nach außen trug, weil das Meiste ohnehin offensichtlich war und sich genug Leute um ihn sorgten, einfach nur deshalb, weil er dürr und kränklich war. Ein Husten hatte immer sofort mehrere Leute auf den Plan gerufen, die ihm sogleich eine Decke und einen Tee brachten und Rain hatte gelächelt und ihnen versichert, dass er noch nicht sterben würde, aber jetzt konnte er das nicht so einfach. Er hätte eigentlich schon vor langer Zeit sterben sollen, oder eben am Tag zuvor, durch die Hände des Fürsten aus Lavern, oder als er die kalte Luft von draußen zum ersten Mal eingeatmet hatte, als er Stunden auf einem Pferd verbracht hatte. Aber er lebte noch, das sollte ihm Hoffnung geben, aber stattdessen fragte er sich gerade, wie lange er dem Tod noch davon laufen konnte. Im Moment fühlte er sich nicht besonders lebendig. "Mhm... okay...", murmelte er als Antwort und versuchte sowohl seine Gedanken aus seinem Kopf auszusperren, als auch die Müdigkeit un den Schmerz zu bekämpfen. Aber er war nun mal müde und selbst ohne die Verletzungen hatte er seinem Körper schon mehr zugemutet, als er jemals zuvor ertragen musste.

      Er ließ sich von Nayantai auf die Beine heben und schließlich auf das Pferd setzen, auf dem er sich zwang aufrecht sitzen zu bleiben, bis der breite Rücken vor ihm wieder auftauchte, an den er sich lehnen konnte. Rains Arme fanden ihren Weg wieder um Nayantais Körper, die schmerzenden Finger klammerten sich an seine Kleidung und Rain schloss die Augen. Alles was er tun musste war sich festzuhalten und sitzen zu bleiben, aber selbst das wurde zunehmend schwerer, waren doch seine Arme so viel Arbeit gar nicht gewohnt. Hätte er im Anwesen nicht irgendetwas tun können, um auf diese Situation besser vorbereitet gewesen zu sein? Hätte er weiterhin darauf beharren sollen sich selbst anzutreiben? Vielleicht musste er nicht so schwach sein wei er es jetzt war, aber er wusste auch selbst, dass er noch nie so sein konnte wie Nayantai, oder andere seines alters. "Schon...gut... das machen wir später...", murmelte Rain der die Sprache der Wölfe mit Mühe und Not noch in seinem Kopf übersetzen konnte, aber seine eigenen Worte umzuwandeln vermochte er nicht mehr, er war zu müde. "Nayantai...", murmelte er noch einmal um seine Aufmerksamkeit zu bekommen. "Wir können uns... endlich zusammen die Sterne ansehen..." Das war immerhin etwas, auf das Rain hinarbeiten konnte. Ein Ziel, das einfacher zu erreichen war als Thria.
    • Sie beide, nein er, hatte durch seine bloße Existenz einen Stein ins Rollen gebracht, der eigentlich fest im Boden verankert war. Vermutlich war es eigentlich nur ein dummes Unterfangen, irgendeinem von ihnen die eigentliche Schuld in die Schuhe zu schieben - Nayantai wusste genau, dass keiner von ihnen beiden eigentlich viel Schuld daran trug, dass Rain seine Heimat verlor. Der Wolf war eben auch nur ein Mittel zum Zweck, eine Figur, mit der man spielte und ein Spielzeug, das einen anderen Nutzen zu haben schien, als den Launen des Königs zu widerstreben. Ob er sich wohl einen Spaß daraus gemacht hätte, den Wolf nochmals in all seine Einzelteile zu zerreißen? Nun, Nayantai hätte vermutlich nicht gewusst, ob er nicht die Schnauze voll davon gehabt hätte und sich dieses Mal dazu entschieden hätte, einfach irgendwann nicht mehr aufzustehen, anstatt dem König der Schafe zu demonstrieren, wie durchaus stur er sein konnte, wenn ihm etwas nicht passte. Rain war derjenige, der ihn wiederum aus den Gedanken riss, von denen er gar nicht wusste, dass er sie hatte - zumindest nicht bis jetzt, als er merkte, wie sehr er sich eigentlich an die Zügel des Pferdes geklammert hatte und wie angespannt er plötzlich wirkte - verdaute er gerade seine eigene Art von Stress oder bildete er sich gerade lediglich ein, dass ihnen etwas schlimmes zustoßen könnte?

      "Später, ja", nuschelte der Wolf, der nicht genau wusste, wann später überhaupt wäre - sie hatten viele Dinge, an die sie sich halten mussten und wenige davon waren überhaupt umsetzbar. Wie lange, bis sie sich mit dem konfrontiert sahen, vor dem sie zu flüchten versuchten? Wie lange, bis sie Fhaergus zumindest verlassen konnten und das Schlimmste ihrer Reise hinter sich hatten? Und wie lange, bis sie Thria erreichten, über die Grenze kamen und sich dort der Natur und der unwegsamen Welt stellen mussten, die Nayantai seit klein auf kannte? "Die ... du hast recht!", stieß er überrascht aus - nur hieß das, dass sie nicht im Gras liegen konnten, nicht das tun konnten, was sie tun wollten und einen Moment lang entspannen konnten. Es war zu kalt dafür und sie beide wären bald zu ausgelaugt dafür, aber sobald sie in Thria waren, sobald sie diesen verfluchten Ort verlassen hatten, stand ihnen doch nichts mehr im Weg, oder? Lediglich eine Frage der Zeit war es, die sich dennoch alsbald erübrigen würde. Wonach sonst sollten sie suchen, wenn nicht dem Sternenmeer, dass irgendwo eins mit dieser Welt wurde? "Kannst du so lang wachbleiben?", fragte er das Lamm, nach dessen Händen er griff, als müsste er bestätigen, dass Rain sich weiterhin festhalten konnte, während sie Wind und Wetter trotzten. Was würde er nur machen, wenn er diese Reise alleine zu bestreiten hatte?
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    • Rain fragte sich, ob es Nayantai überhaupt bewusst war, dass der König nach ihm suchte, oder dass Rains Vater ihn eigentlich hatte töten sollen, es aber nicht getan hatte. Was war sein Plan gewesen? Im Frühjahr wieder zu kommen um zu Ende zu führen, was ihm aufgetragen wurde? Warum hatte er Nayantai am Leben gelassen? Ausgerechnet ihn, den Kronprinzen der Wölfe? War Rains Vater den Krieg Leid, oder wollte er doch nur militärische Informationen? Oder vielleicht einen Austausch, um die Wölfe endgültig zur Kapitulation zu zwingen? Aber stünde er immer noch so hinter diesem Krieg, hätte er seine Pläne dann nicht einfach teilen können? Hätte es dann überhaupt einen Grund gegeben ihn aus dem Weg zu räumen? Rain konnte immer noch nicht glauben, dass sein Vater tot sein sollte und wie seine Mutter, war auch er alleine und ohne seine Familie gestorben, war das nicht unfair? Auch wenn Rain es ihm nachgetragen hatte, dass er nicht nach Hause gekommen war, als seine Mutter krank geworden war, er hatte sich nicht dasselbe Schicksal für ihn gewünscht, eigentlich fühlte er sich gerade viel mehr so, als hätte er nicht genug versucht ihn zu verstehen und tatsächlich ein Sohn für ihn zu sein.

      "Mhm... ja...", murmelte Rain, der sich sogar ein Lächeln abrang, auch wenn Nayantai es gar nicht sehen konnte. Immerhin hatte er nicht alles verloren, war nicht völlig allein und auch wenn Rain vieles binnen Sekunden verloren hatte, so hatte Nayantai doch seine Freiheit zurück gewonnen. Wenn er erst einmal zurück in seiner Heimat war, dann konnte er vielleicht auch für eine Weile aufhören zu flüchten. Die warmen Finger des Wolfes die sich um seine Hand legten waren Rain ein Trost und anstatt sich weiterhin an seine Kleidung zu klammern, fanden zumindest die Finger einer Hand ihren Weg um Nayantais. "Ich bin froh, dass du bei mir bist... und dass du für mich zurück gekommen bist...", murmelte er, er hatte das Gefühl, dass er sich niemals angemessen dafür bedanken konnte, auch konnte er wohl die Arbeit nicht aufwiegen die auf Nayantai zu kam, weil er Rain mit sich schleppen musste.
    • Wohin sollten sie auch rennen, wenn es keinen Ort mehr gab, der ihnen geheuer war, keinen Ort mehr, der auch nur einen von ihnen beherbergen würde? Rain hatte recht gehabt, er hätte davonrennen können, hätte all das einfach ignorieren können - aber Nayantai war nun einmal eine Person, die sich nicht von Lappalien zurückhalten ließ. Er hatte zu Rain gesagt, er solle auf sich aufpassen, solle Sorge tragen, nicht zu sterben, bevor sie sich wiedersahen und jetzt war er derjenige, der sich darum bemühen musste, eben das Realität werden zu lassen. Natürlich gab es auch einen Punkt, an dem er das Ende seiner Kräfte erreichte, an dem seine frischen und alten Narben, mental und physisch, an ihm nagen würden und ihm bewusst machten, dass er nicht mehr war, als sterblich - aber bis dahin hatte er noch genug Luft, genug Freiraum, damit er alledem ausweichen konnte. Wohin ihre Reise ging, das wusste er gut genug, selbst wenn er den Weg nicht kannte und keine der Karten wirklich lesen konnte, zumindest wenn es um die Schriftzüge ging, die für einen Wolf komplett fremd waren. Tatsächlich wäre es wohl von Vorteil gewesen, hätte er seinem Vater damals - vor ach so vielen Jahre - zugehört und nicht seine Abneigung gegen die Schafe überwiegen lassen, aber genau das hatte er nicht getan, wie der Sturkopf, der er schon immer war.

      "Wieso das?", war wohl die falsche Antwort auf die Aussage, die Rain gerade tätigte und der Wolf wusste auch wieso - aber er korrigierte sich nicht, er konzentrierte sich darauf, dass er selbst die Zügel in einer Hand noch immer einigermaßen lenken konnte, während er Rains Hand in der anderen hielt. Seine Finger waren eiskalt und augenscheinlich hatte sich nichts an ihrer Beziehung zueinander geändert. "Ich tue nur das, was ich mit mir selbst vereinbaren kann - ich könnte dich niemals einfach deinem offensichtlichem Ende überlassen und außerdem, wenn ich schon sage, pass auf dich auf und ich weiß, dass du das nicht kannst ... dann muss ich das wohl übernehmen", lachte der Wolf, der es nicht böse mit Rain meinte. Würde noch jemand sterben, nur wegen ihm, dann wäre wohl Nayantai derjenige, der sich seinen eigenen Kopf von den Schultern pflückte und der darauf hoffte, dass man ihm verzeihen würde. Tei und Khasar, beide taten ihm leid, seine Brüder taten ihm leid und seine Mutter auch, aber sie alle waren nicht mehr als Asche im Wind, Dreck der über besudeltem Boden verstreut worden war und der nicht mehr als keinen wert mehr hatte. Alles, was ihm blieb, war sein Vater und seine Schwester, aber nicht mehr als das - schlussendlich, so lange er aber nicht wusste, wer es war, der die Wölfe regierte, konnte auch er tot sein, oder sie, oder beide - und das würde heißen, Rain war der Einzige, der ihm blieb, dem Kronprinzen ohne Land, Volk, Leben oder Titel.
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    • Wie schaffte der Wolf es nur derjenige zu sein der so gute Laune hatte, dass er die Kraft fand zu lachen und das obwohl er sich gerade auf der Flucht befand? Er war es zwar nicht, der gerade alles verloren hatte, aber irgendwann hatte auch er das, auch er hatte seine Mutter an den Krieg verloren, so wie Rain seinen Vater und er war es, der aus seinem Land hinfort gerissen wurde, in das er endlich zurück kehren konnte. Immerhin gab es Rain Hoffnung, dass auch er irgendwann wieder ein Licht am Ende des Tunnels sehen konnte. Schon jetzt war er nicht alleine, aber er wusste schon jetzt, dass er sich an einem gewissen Punkt auch mit dem Wolf so fühlen würde. Thria war nicht seine Heimat und keiner dort sprach seine Sprache, abgesehen davon, konnte er vermutlich nicht viel mehr tun, als sich in einem Zelt vor der Kälte zu verstecken. Nicht einmal Fhaergus Wälder und Berge fühlten sich wirklich wie seine Heimat an, vermutlich deshalb, weil er auch diesen Landstrich zum ersten Mal besuchte.

      "Du musst aber auch auf dich selbst aufpassen...", erwiderte Rain, der nicht unbedingt alles von dem verstanden hatte, was Nayantai gesagt hatte, aber zumindest das Ende. Rain wollte nicht sehen, dass Nayantai wegen ihm verletzt wurde und die Gründe dafür waren nur allzu offensichtlich. Rain nahm Nayantai nicht übel was vor einigen Tagen passiert war, er war sich sicher, dass er verstehen konnte, was es war, das Nayantai dazu getrieben hatte und am Ende war es doch so gewesen, dass er Rain nie etwas angetan hätte. Nun hatte er sogar das Gegenteil getan und hatte ihn vor dem sicheren Tod gerettet. Rain fühlte sich als stände er tief in seiner Schuld, auch wenn er es war, der Nayantai im Endeffekt aufgenommen hatte, um ihm zu helfen wieder zu Kräften zu kommen. Würde Rain jetzt aufgeben, dann wäre das Risiko das Nayantai eingegangen war umsonst gewesen, also was blieb ihm anderes übrig als sich zusammen zu reißen und sich so lange an dem Wolf festzuhalten, wie er es eben musste.