spellbound. (earinor & akira)

    • "Ich kann es dir natürlich beibringen, wenn du willst aber ... ich glaube, das will keiner", murrte der Wolf, der eigentlich gar nicht dafür verantwortlich sein wollte, dass Rain schlussendlich jemanden tötete, geschweige denn sich selbst mit dessen Blut benetzen lassen musste. Zwar wusste er, dass es ohnehin nicht unausweichlich war, wenn er das Lamm einfach verschleppte - irgendwann wäre der Punkt erreicht, wären die Ressourcen ausgeschöpft und sie beide hatten nichts mehr, das sie miteinander teilen konnten. Was also, wenn Rain doch eine stumpfe Klinge erheben musste, damit er sich selbst vor seinem Tod retten konnte? Würde er den Mumm dazu besitzen? Ein Mensch war, zumindest in den Augen des Wolfes, leichter zu erlegen als ein Tier, das rein aus Instinkt zu handeln schien. "Davor, dass du einsam bist - mehr nicht", gab er zurück. Nein, ihm war klar, dass Rain für sich selbst zu lernen hatte und dass es hirnrissig war, wenn er dem Lamm immer nur half - er musste auf eigenen Beinen stehen. "Gegen alles andere musst du dich selbst wehren können - ich helfe dir lediglich, wenn du es brauchst", ließ er Rain wissen. Würden sie jemals voneinander getrennt werden, dann war auch vermutlich sein Herz nicht das Einzige, das mit dem Lamm verbleiben sollte. Oder?

      Nayantai wusste nicht, wie ihm geschah - wirklich wütend war er nicht, das war ihm klar, und doch brodelte irgendetwas in seinem Inneren, einfach nur weil er den Grund für ein Gemetzel erfahren hatte, der vermutlich möglichst vielen Wölfen vorenthalten wurde. Was brachten sich leere Entschuldigungen, wenn man die Wurzel des Übels nicht entfernen konnte und was würde es bringen, wenn sie beide sich nur darauf konzentrieren, was für sie wichtig war, wenn es so viele Wölfe und Schafe gab, die tagein und tagaus ihr Leben ließen? Wäre er nicht hier, dann könnte er zumindest versuchen, den Krieg zu beenden, aber selbst das schien - zumindest von hier aus - unmöglich. Unfähig war er, irgendetwas zu tun - er konnte seine Hände nicht an Rain legen, so lange er an sein Volk denken musste und doch tat er genau das, griff nach dem Lamm, zog es näher an sich heran, weiter nach oben. "Du ... bist der Letzte, der sich entschuldigen sollte", meinte der Wolf, als er sich an das Lamm kuschelte, das er auch gar nicht mehr loslassen wollte, so, wie es jetzt stand. "Wenn es dir wirklich leid tut, dann kann ich dich ja mit in den Süden nehmen, wo wir beide vergessen können, wie schlimm es hier ist." Dort, wo sie keine Regeln zu befolgen hatten und es nichts gab, das sie davon abhalten würde, sie selbst zu sein.
      Looking back, it maybe is like the toy carts you rode when you were a kid. But those toy carts could never go beyond the walls of the lawn. We want to follow the rugged concrete road beyond the wall. As we've grown, we've decided to leave behind the toy cart.
    • "Ich... nein. Ich glaube nicht, dass ich es könnte... und ich will es auch nicht.", murmelte Rain. Ganz abgesehen davon, dass er vermutlich zu schwach wäre, um eine Waffe zu halten, oder ein Messer in jemandes Körper zu stoßen, glaubte er nicht, dass er sich dazu durchringen könnte. Wenn er sich vorstellte wie ein namenloser, gesichtsloser Mensch vor ihm saß, der nur darauf wartete, dass Rain ihm einen Dolch in die Brust stieß... er könnte es nicht, nicht einmal wenn etwas auf dem Spiel stehen würde. Er war so schwach, dass er nicht einmal ein Tier töten wollte, geschweige des es ausnehmen, auch hier davon abgesehen, dass er gar nicht wusste wie das ging. "Danke... Nayantai. ich bin weniger einsam mit dir." Auch wenn der Wolf schon bald wieder verschwinden würde, im Moment war es schön und angenehm. Wehren konnte er sich jedoch noch nie und er glaubte nicht, dass er es lernte, oder gar lernen musste. Er hatte aber vieles nicht kommen sehen, nicht dass der Wolf hier auftauchte, nicht dass er so viel für ihn empfand und nicht, dass er nach mehr als 20 Jahren überhaupt noch am Leben war. Bald wurde er 21.

      Rain wurde noch fester gedrückt, obwohl der Wolf doch eigentlich wütend sein musste. Vielleicht war ja auch das der Grund, vielleicht war er wütend und wollte beruhigt und getröstet werden und Rain war nun einmal der Einzige der da war, so wie immer. Er hoffte, dass dies nicht der einzige Grund war, warum sie aneinander klebten. Rain sollte sich gar nicht für die Morde an den Wölfen entschuldigen? Und das obwohl er selbst mitverantwortlich war, seinen Vater nicht aufhielt und die Armee weiter in den Krieg führen würde, auch wenn er der Fürst von Fhaergus werden würde. War Nayantai das überhaupt klar? "Was ist mit unseren Völkern?", fragte Rain erneut, als der Wolf schon wieder vom Süden anfing, in den er ihn verschleppen wollte. Nur weil sie weg liefen, hieß das noch lange nicht, dass ihre Verpflichtungen verschwanden, nein. "Und was ist mit dir? Wenn ich es nicht über die Berge schaffe? Oder wenn ich nur ein paar Monate später sterbe... dann wärst du ganz alleine in einem fremden Land."
    • "Wir alle haben wohl etwas, wozu wir uns nicht überwinden können, huh", sprach der Wolf doch noch verwundert aus. Er konnte sich nicht dazu bringen, sein bisheriges Leben einfach weiterzuleben, während Rain es war, der sein eigenes Leben noch nie im Griff gehabt zu haben schien. Wer nicht dazu bereit war, jemanden zu töten, der würde selbst irgendwann getötet werden - war es nicht genau so? Rain konnte nicht auf ewig beschützt werden, nicht bis ans Ende seiner kurzen Tage und auch nicht, bis der Wolf tief ins Innere Thrias vorgedrungen war. Absurd war es, wenn er glaubte, dass es möglich war, für sie beide zu sorgen - und noch absurder schien es, zu glauben, er würde sie beide aus allen Problemen reißen können, wenn er es nur versuchte. "Und ich erst ... aber du musst dich nicht bedanken. Allerdings ... höre ich meinen Namen gerne aus deinem Mund", lachte Nayantai. Noch nie fühlte er sich wohl wohl an der Seite eines anderen Menschen, noch nie hatte er geglaubt, dass es so schön sein konnte, einfach nur atmen und die Zeit miteinander genießen zu können - hier gab es nichts und niemanden, der sie stören würde, zumindest nicht für den Moment, aber auch das war in Ordnung. Die verbleibenden Wochen oder Monate würden nicht ewig andauern, das wusste er, aber eigentlich wünschte er es sich doch.

      Wie lange noch? Würde er das Sonnenlicht überhaupt irgendwann wieder auf seiner bleichen Haut spüren? Was war mit dem kalten Wind Thrias, der sich in seine Haut, sein Fleisch und sein Leben fressen würde? Wollte er diesen denn weiterhin auf seiner Haut spüren? Oder wich er alledem lieber aus, indem er hierbleiben würde, so lange man ihn duldete und nicht einsehen wollte, dass er nichts weiter war, als Rain's treuer Schoßhund? "Willst du dich denn überhaupt noch mit ihnen herumplagen?", fragte der Wolf sogleich und seufzte, kuschelte sich aber weiterhin an Rain heran. "Glaubst du denn, dass ein Haufen verblendeter Schafe noch gerettet werden kann?" Konnte er Rain überhaupt noch vor sich selbst retten? Oder war er nicht mehr als Kollateralschaden, der mit seinem Volke zusammen unterging? Womöglich waren es die eigenen Gedanken, die viel zu sehr umherkreisten, sich auf unwichtige Dinge fokussieren wollten und dem Wolf auch keine Ruhe ließen. "Denk nicht so negativ. Wir werden das beide überleben- egal, wohin wir gehen. Du wirst nicht sterben ... dieser Pessimismus passt nicht zu dir. Sei positiv. Hinter diesen Bergen gibt es mehr als Schnee - dort gibt es vermutlich auch genug Wiesen, durch die du einfach spazieren kannst, oder in die wir uns legen können, damit wir den Sternenhimmel betrachten können!"
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    • "Ja?", fragte Rain fast schon etwas neugierig und ließ sich in den Armen des Wolfes etwas zur Seite rutschen und lehnte sich an einen der starken Arme, die um ihn geschlungen waren, auch wenn sie bestimmt nicht einmal die Hälfte des Gewichts stemmen konnten, wie einst. "Wozu... kannst du dich nicht bringen?", fragte Rain, aber vielleicht sollte er so etwas gar nicht fragen. Er öffnete seine Augen langsam wieder, blinzelte gegen das helle Licht das von draußen herein schien und vom Schnee reflektiert wurde, der vor dem Fenster lag. Er sah auf seine Hände, die ebenso das Licht von draußen reflektierten und das Buch auf seinem Schoß festhielten. Er blickte auf die zarten Finger, das schmale Handgelenk, alles, das nie mehr halten würde können, als ein Buch, oder eine Feder, kein Schwert, kein Messer und vor Allem nicht das Schicksal von Fhaergus, das aus starken, zähen Menschen bestand, die einen starken Anführer gewohnt waren. Er blickte auf die bleiche, ebene Haut, die sich bis auf die paar Flecken von gestern, überall an seinem Körper erstreckte, die ein Zeichen dafür war, dass er nichts von der Welt kannte und niemals schmerz erfahren hatte, zumindest nicht durch eine Klinge, oder einen Pfeil in seinem Fleisch. Wie sollte er eine Armee führen, mit einem Körper, der schon von selbst auseinander brach? Und wie sollte er ein hart arbeitendes Volk führen, wenn seine Hände so weich waren, wie die eines Kindes? Nicht einmal Nayantais Lachen riss ihn wirklich aus seinen Gedanken, sein Lächeln, das der Wolf sowieso nicht sehen konnte, war nicht ganz ehrlich. "Ja? Nayantai... ich mag deinen Namen... ich kann ihn gerne öfter sagen..."

      Wenn Rain Fhaergus nicht führen konnte, wer sollte es dann aber tun? Es war niemand da, der den Platz seines Vaters einnehmen konnte, sie beiden waren die letzten ihrer Blutlinie, die eigentlich nicht mit Rain aussterben sollte und doch, konnte er sich nicht einmal dazu bringen, dafür zu sorgen, dass das nicht passierte. "Diese Schafe... sind mein Volk... sie sind nicht alle Soldaten, wollen Sicherheit und Frieden... sie haben es verdient gerettet zu werden...", murmelte Rain, aber der Krieg würde weiter andauern, mehr Väter, Ehemänner und Söhne fordern, auf allen Seiten. Selbst wenn die Wölfe wider erwarten aus den Schatten empor krochen und das Blatt in diesem Krieg wendeten, selbst dann konnte Rain Fhaergus nicht einfach im Stich lassen. Rain ließ sich noch ein Stück zur Seite sinken und hob seinen Kopf ein wenig, so dass er Nayantai ansehen konnte, all diese Gedanken zehrten an ihm und er fragte sich, wie sie überhaupt darauf gekommen waren. "Es ist ein schöner Traum... aber nicht mehr.", erwiderte er, auch wenn er die Hälfte gar nicht verstanden hatte. "Obwohl es zu mir passen würde, einfach wegzulaufen."

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    • "Zu viel", gab der Wolf als Antwort, die vermutlich verflucht kryptisch wirkte und gar nicht so, wie sie sich eigentlich anhören sollte. Es entsprach der Wahrheit, dass er nicht wusste, ob er einfach wieder töten konnte, seinem Hass freien Lauf lassen konnte und alles darauf schieben konnte, dass die Welt sich nun einmal nicht um ihn drehte, sondern um die Schafe, die es sich zur Aufgabe gemacht hatten, ihm alles zu nehmen, das er haben könnte. "Wer weiß, ob ich wieder der Alte werden kann. Wer weiß, ob ich wieder Schafe töten kann." Was, wenn dem nicht so war? Würde er es dann überhaupt schaffen, sich wieder auf das Schlachtfeld zu hieven und dort zu tun, was man von ihm verlangte? Was, wenn er Zuhause ankäme, mit Rain im Schlepptau, und sein Vater würde ihn wieder dazu zwingen, seine Hand gegen ihre Peiniger zu erheben? Einem Lamm den Schädel abzureißen sollte einfacher sein, als es im Endeffekt war und doch konnte er sich nicht dazu durchringen, Rain etwas anzutun - geschweige denn würde er es also schaffen, einem normalen Schaf etwas zu tun. "Du magst meinen Namen? Das freut mich!", rief er überrascht aus und nahm das Lamm, das nun eher neben ihm als auf ihm lag, in den Arm. Nayantai war glücklich und er grinste beinahe schon über beide Ohren hinweg.

      Entkäme er seinem Schicksal in Thria, würde einfach weiterhin alle glauben lassen, er wäre tot, dann wäre das doch halb so schlimm - Niemand würde versuchen, ihm einen undankbaren Thron auf zu zwängen und er müsste sich keine neue Verlobte suchen, damit er seinen Stamm stärken konnte, ohne, dass er es wollte. Sein Herz hatte nicht Tei gehört, das tat es noch nie, aber mittlerweile gehörte es auch keinem mehr, der in Thria lebte, sondern viel eher einem scheuen Schaf, das sich mit ihm ein Bett teilte. "Und du glaubst, dass das richtig ist? Glaubst du denn nicht, dass es auch Wölfe gibt, die mitsamt ihren Zelten niedergebrannt werden, weil sie existieren?" Rain hatte nicht Unrecht - Zivilisten sollten sich nicht in einen Krieg involvieren lassen, aber das wurden sie so oder so, auch, wenn sie nicht direkt daran beteiligt waren. Lichterloh brannten sie am Horizont, die Zelte vereinzelter Stämme - und in ihrem Inneren ihre Bewohner, zusammen mit ihrem Hab und Gut verließen sie die Welt. "Dann lass uns diesen Traum in die Wahrheit verwandeln!", brummte der Wolf, der sein Gesicht lieber gegen die Schulter des Lammes drückte, sich auch dort an ihn schmiegte und strich. "Das meine ich damit auch nicht! Ich will einfach, dass uns beiden nichts passiert - ich will bei dir sein, so lange ich kann!"
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    • Rain blickte den Wolf an und fragte sich, was 'zu viel' wohl bedeuten sollte. "Ärgerst du dich, weil du mich nicht töten kannst? Weil du mich nicht töten willst, obwohl du es solltest?", fragte Rain den Wolf. Wenn er Rain tötete, dann hätte er den Erben von Fhaergus ausgelöscht, die Zukunft des Fürstentums womöglich, wenn sein Vater nicht doch eine neue Frau fand und noch einen Erben zeugte. Es brauchte nur zwei Menschen, die ihr Leben ließen, damit Fhaergus unterging und sich die Schafe gegenseitig bekriegten, um das wertvolle Metall in den Bergen zu bekommen, zumindest war das eine Theorie, die nicht sehr abwegig war. Es würde den Wölfen vielleicht eine Chance geben, eine größere Chance, als einfach nur zu hoffen, dass die Schafe ihre Meinung änderten. Rain zu töten und womöglich auch auszuharren und dasselbe mit seinem Vater zu tun brauchte Mut und Nayantai würde womöglich selbst dabei umkommen, aber es war keine schlechte Idee. In den Armen des Wolfes solche Fragen zu stellen schien absurd und doch tat Rain es. Wäre er Nayantai böse, wenn er ihm doch einfach den Hals umdrehen würde? Nein, er würde es verstehen. "Mhm... hat dein Name eine Bedeutung?"

      Es war egoistisch und kurzsichtig von Rain, wenn er nur an sein eigenes Volk dachte, aber hatte Nayantai je an die Schafe gedacht, die ebenso ihr Leben ließen, wenn die Wölfe eine Grenzsiedlung nieder brannten? Vermutlich nicht, denn jede Seite glaubte sie hätte recht damit zu tun, was sie taten. "Die Wölfe verdienen auch gerettet zu werden, aber das ist nicht meine Aufgabe, das ist deine.", erläuterte Rain, fast schon streng, als müsse er den Wolf maßregeln, weil er so oft daran dachte, sein eigenes Volk im Stich zu lassen und nur an sich selbst dachte. Womöglich hatte er Angst und wer konnte ihm das übel nehmen, aber das änderte nichts an seiner Stellung und seinen Verpflichtungen. Es wäre wohl einfach für ihn in Vergessenheit zu raten, wenn die Wölfe ohnehin schon glaubten, er wäre gestorben und womöglich war ein einziger Wolf nicht in der Lage dazu, sein Volk zu retten und dennoch sollte er es zumindest versuchen. "Du hast Angst nach draußen zu gehen, so wie ich.", stellte Rain fest, "Angst davor die Berge zu überqueren und zurück nach Thria zu reisen, weil da draußen scheinbar nichts weiter als der Tod auf uns beide wartet. Nayantai... ich will nicht, dass dir etwas passiert, aber es wird nirgends sicher sein, nicht hier, nicht im Süden und nicht in Thria. Du solltest also das tun, das du am wenigsten bereuen würdest, auch wenn du nur nach Thria gehst, um deine Familie noch einmal zu sehen." Es war aussichtslos und verzwickt, sie konnten keinen Ort finden, an dem sie friedlich zusammen existieren konnten. Die Schafe würden Nayantai in der Luft zerreißen und die Wölfe würden dasselbe mit Rain tun, wenn der kalte Wind es nicht tat. Um in den Süden zu gelangen, mussten sie über die Grenze gelangen, ohne entdeckt zu werden, oder über die vielen Berge im Süden reisen und beides würden sie nicht schaffen... nicht wenn Rain mitkam.
    • "Nein, das ist es gar nicht ich ... ärgere mich über mich selbst. Ich weiß nicht, ob ich jemals wieder überhaupt jemanden töten kann", wisperte er. Was, wenn ihm der Speer aus den Händen gleiten würde und was, wenn er wie versteinert vor seinem Feind stehen würde, der ihm eigentlich nicht mehr als den Tod wünschte? Die Krone eines Königs war schwer, selbst dann, wenn Wölfe eben diese gar nicht erst besaßen - konnte er sich denn überhaupt um sein Volk kümmern, oder würde er lieber - wie ein getretener Hund - den Schwanz einziehen und mit einem Schaf über die Berge hinweg verschwinden? Davonlaufen war wohl wirklich das Einzige, was Nayantai wahrlich konnte - er konnte nicht auf dem Schlachtfeld stehen, er konnte Freunde und Feinde mittlerweile vermutlich nicht mehr voneinander unterscheiden und er konnte weder sich noch einem kranken Lamm helfen - er war erbärmlich geworden. "Mein Name?", fragte er und sah Rain etwas verwirrt an - man hatte ihn aus seinen eigenen, selbstbemitleidenden Gedanken gerissen. Nayantai ... das war sein Name, da hatte das Schaf wohl recht - er war immerhin kein Stück Dreck, das namenlos und gesichtslos durch die Straßen irrte. "Er hat keine Bedeutung, von der ich wissen würde ... und deiner?"

      Am liebsten wäre es ihm gewesen, wenn er im Kerker des Königs einfach umgekommen wäre - wenn er all das Leid, das ihm bevorstand, gar nicht erst in seinen Knochen und seinem Fleisch spüren musste, für sich selbst zu realisieren hatte, dass er noch immer nicht mehr war, als ein einfaches Spielzeug, das sich in den Fäden verfangen hatte und noch immer lose nach den Befehlen tanzte, die man ihm gar nicht gegeben hatte. "Das ist aber auch nicht meine Aufgabe, sondern die meines Vaters - ich bin nicht König, das war ich nie", murrte der Wolf etwas unzufrieden. War er denn jemals mehr als ein Krieger gewesen? So sehr sein Vater auch versucht hatte, im Anstand und Etikette beizubringen, so sehr war er daran gescheitert und wusste, dass selbst sein eigener Sohn nicht mehr sein würde, als das Produkt seiner - von vorne herein - fehlerhaften Beziehung. "Habe ich nicht!", fauchte er das Lamm beinahe schon an. "Ich habe ... keine Angst vor der Welt da draußen! ... ich ... ich ... du hast recht. Ich will nicht sterben, aber das werde ich - irgendwo, irgendwann, ohne, dass ich jemals wirklich gelebt habe", murrte der Wolf, der seinen Kopf an den des Lammes drückte. "Ich kenne fast nichts, außer diesen verfluchten Krieg und ... den Tod, den er mit sich bringt." Wieso war das denn so schwer zu verstehen? "Lieber hätte ich, dass mich ein Schaf hier und jetzt tötet, als dass ich mich noch ein paar Monate dazu zwingen muss, anderen Wölfen dabei zuzusehen, wie sie sterben - ich will ... das alles nicht und ich will auch erst recht nicht wieder nach Hause kriegen und einfach sterben, weil man das von mir verlangt!"
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    • Was sollte Rain also tun? Nayantai wusste nicht, ob er noch töten konnte und wollte es womöglich auch gar nicht, also wie konnte Rain ihn zurück in einen krieg schicken, von dem er nichts verstand? Wie konnte er ihn aber gleichzeitig darum bitten, ihn tatsächlich mit in den Süden zu nehmen, wenn sie doch auch bestimmt da, nicht einfach friedlich ankommen können würden? Hier bleiben konnte der Wolf auch nicht, sollte Rains Vater zurück kommen, oder die falsche Person Wind davon bekommen, dass der Wolf hier war und so freundlich behandelt wurde, dann würde Nayantai kurz darauf sterben. Rain hatte versprochen Nayantai zu beschützen, aber konnte er dieses Versprechen überhaupt einhalten? "Solange du hier bist... musst du das nicht.", murmelte Rain und mehr konnte er auch gar nicht versprechen, ebenso wenig wie er Nayantai für immer hier behalten konnte. War es überhaupt richtig ihn zu drängen, zurück nach Thria zu reisen, sobald der Schnee schmolz? Nein, aber hier bleiben konnte er auch nicht."Regen...", murmelte Rain plötzlich und schüttelte den Kopf, er sollte das wohl erklären. "Rain... bedeutet Regen und Regen ist... Schnee... nur warm... also... Wasser, das vom Himmel fällt. Mh...", gab es denn keine bessere Erklärung?

      "Ich bin auch nicht Fürst von Fhaergus... aber ich werde es irgendwann sein, wenn mein Vater mich nicht überlebt.", seufzte Rain, aber wieso versuchte er auch Nayantai davon zu überzeugen, dass er seinen Platz einnehmen sollte, wenn Rain selbst seinen Platz als zukünftiger Fürst von Fhaergus auch nicht einnehmen wollte. Vielleicht sollten sie wirklich in den Süden reisen, nur sie beide und einfach vergessen, was in Adrestia geschah. "Tut mir Leid...", murmelte Rain, als der Wolf offenkundig wütend wurde. Trotzdem drückte er seinen Kopf gegen Rains und Rain streckte eine Hand aus, um sie dem Wolf in den Nacken zu legen und ihn sanft zu kraulen. "Sag...sowas nicht... niemand soll dich töten, aber ich... es tut mir Leid. Ich hätte das alles nicht sagen sollen, vor Allem weil... ich dich doch nur zu gut verstehen kann, auch wenn wir bestimmt nicht dasselbe erlebt haben. Wir beide wollen den Platz nicht einnehmen, den diese Welt für uns vorgesehen hat... und wir beide wollen keinen sinnlosen Tod sterben, wir beide wollen aber auch nicht leiden, also wieso weiter machen...? Bevor du hier aufgetaucht bist hätte ich fast... aber jetzt ist es anders! Ich... kann den Gedanken nicht ertragen, dich alleine zu lassen... also mache ich weiter und ich will es richtig machen... aber das ist mein Leben und meine Entscheidung, ich sollte mich nicht in dein Leben einmischen. Es tut mir Leid."
    • Das Blut in seinen eigenen Adern gefror, wenn er auch nur einen Gedanken daran verschwendete, dass er wieder auf dem Schlachtfeld stehen müsste - dass er nicht anders können würde, als sich seiner Aufgabe zu stellen und dass es nur recht wäre, wenn er - der Kronprinz - sein erbärmliches Leben für sein sterbendes Volk ließ. Nayantai wusste, dass sie nicht glaubten, dass er erbärmlich war - er wusste, dass all das nur Einbildung war und dass es unmöglich war, dass sie ihn wahrhaft hassten. Dennoch war sein Leben ein verschwendetes und dennoch musste er sich eingestehen, dass die Schmerzen, die er verspürte, nicht nur von seinen Emotionen ausgingen, sondern auch von seinem Körper, der nun einmal nicht länger zusammengehalten wollte. "Ich weiß ... so lange ich hier bin, bin ich für die Wölfe tot", nuschelte Nayantai. Aber wenn Rain ihn vor die Tür werfen würde, was dann? Dann wäre er es, der auf sich allein gestellt war und dann war er es, der nicht mehr konnte, also abzuwarten, zu sehen, wohin ihn seine Füße schlussendlich trugen und wie sein Körper darauf reagierte, wenn er erst zur Ruhe käme. Vielleicht wäre es auch gar nicht so schwer, wieder zu töten, oder einfach zu akzeptieren, dass sein Ende bevorstand. "Regen?" Wer nannte sein Kind so?

      "Und ich werde irgendwann König von Thria, wenn ich nicht vorher sterbe", murrte er, bekannte sich offen, dass er diesen Krieg nicht nur als unsinnig, sondern auch als absolut nicht gewinnbar ansah. Was, wenn Rikiya sein Leben schon gelassen hatte? Dann hatten die Wölfe wohl bald keinen Strang mehr, an dem sie gemeinsam ziehen konnten - dann wären sie noch leichtere Beute, als sie es ohnehin schon waren. Ihren letzten Atemzug würden sie in ihrer Heimat lassen und die Wahrheit über diesen Krieg würde mit ihnen ertrinken, würde auf den Grund des Brunnens sinken und nie wieder das Tageslicht erblicken. "Hör ... hör auf dich zu entschuldigen!", brummte der Wolf, der aufgrund der Hand in seinem Nacken zusammenzuckte und versuchte, seinen warmen Atem nicht mehr durch zusammengebissene Zähne entfleuchen zu lassen, sondern sich auf eben jene Berührung zu konzentrieren. "Du redest doch auch nur von der Wahrheit, dass ich dich nicht mitnehmen kann, also sage ich dir die Wahrheit, dass ich sterben werde, wenn ich zurück nach Thria gehe! Das weißt du!" Besser als jeder andere wusste es aber noch immer der Wolf. Nayantai wusste, wusste so viel und doch fühlte er sich, als würde er gar nichts wissen. "Wenn du mich schon nicht alleine lassen willst, dann ... geh zumindest mit mir in den Süden, wenn all das hier vorbei ist."
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    • Es sah nicht so aus, als könnten die Wölfe ihr Land zurück erobern, aber mussten sie das? Vielleicht war es besser, sie gaben ihre Heimat auf und zogen weiter ins Landesinnere von Thria, dort hin, wo kein Schaf ihnen folgen konnte. Wieso kämpften sie noch? War es nicht falscher Stolz nicht aufgeben zu wollen? Thria war riesig, es musste Orte geben, an denen sich die Wölfe verstecken konnten. Vielleicht konnten sie einfach warten, bis der König das Interesse an ihnen verlor. Aber egal was die Wölfe tun würden, war nicht Nayantai derjenige, der dies zu entscheiden hatte und der sie eines Tages anführen sollte? Er glaubte wohl nicht, dass er gewinnen könnte, oder dass er es noch erleben würde, gekrönt zu werden, aber durfte er davor weg laufen? Rain wusste nicht, wie die Wölfe damit umgehen würden und wer ihm schlussendlich nachfolgte. Rain hatte Ideen, die vermutlich dumm waren und genau deshalb sprach er sie nicht aus, er wollte nicht wirken als verhöhne er Nayantai, wenn er ihn fragte, warum die Wölfe nicht einfach weg liefen.

      Rain nahm die Hand von Nayantais Nacken, fast so als wäre er ein bissiger Hund, der zu viel gehört hatte und nicht mehr still sitzen wollte. Rain hatte keine Angst vor Nayantai, aber trotzdem hatte er ihn verärgert und empfand es deshalb als unangebracht, ihn weiter zu berühren, wenn er es vielleicht gar nicht wollte. Zudem fühlte Rain einen Stich in seinem Herzen, als der Wolf ihm so ins Gesicht sagte, dass sie beide wohl wissen mussten, dass er sterben würde, wenn er nach Thria zurück ging und Rain würde es sein, der ihn in ein paar Wochen vor die Tür setzte, alleine und ohne ihn zu begleiten. Rain biss die Zähne zusammen und wusste nicht was er darauf erwidern sollte, wenn es doch stimmte, dass er den Wolf nur in den Tod schicken würde, sobald er die Tür hinter ihm schloss, aber gleichzeitig wollte er doch gar nicht wirklich hier bleiben. "Was soll ich also tun?", fragte er Nayantai. Der Süden war es, an den sich der Wolf klammerte und den er unbedingt mit Rain erreichen wollte, aber... "Ich würde sterben, bevor wir den Süden überhaupt erreichen. Das ist die Wahrheit, auch wenn sie dir nicht gefällt.", murmelte er, drehte sich ein wenig zur Seite und vergrub sein Gesicht an Nayantais Brust. Er wollte diese Gedanken an Freiheit nicht haben, er wollte nicht wieder ständig daran denken, nur um enttäuscht zu werden. Er konnte das Gefühl von Gefangenschaft hier drinnen nicht mehr aushalten, wenn er sich erst wieder vorstellte, wie es draußen war. Rain hatte nie gesehen, was dem Wolf in seiner Zeit im Kerker verwehrt geblieben war, aber das bedeutete noch lange nicht, dass er sich nicht auch fühlte, als wäre er eingesperrt und als fehle ihm die Luft zum Atmen. Manchmal dachte er, es wäre vielleicht besser, der Wolf nähme ihn doch mit und Rain starb unter den Sternen, die er zum ersten Mal im Freien erblicken würde. "Es tut mir Leid...", murmelte er erneut, ohne zu wissen warum er sich schon wieder entschuldigte. Alles tat ihm Leid, der Krieg, ihre Situation, Nayantais Schicksal, dass er Nayantai nicht träumen ließ, dass er nicht helfen und Nayantai nicht retten konnte, alles... "Ich will nur... in deiner Nähe sein... das ist alles was ich will. Vielleicht... vielleicht reicht das um da draußen..." Aber was wenn nicht? Was wenn er starb und Nayantai alleine zurück ließ, in dem Wissen, dass er dafür verantwortlich war? Diese Welt schien schon lange kein Ort mehr für sie beide zu sein.
    • Wovor lief er davon? Vor sich selbst? Oder doch vor seinen Verpflichtungen, so wie Rain es gesagt hatte? Wieso tat er das? Warum konnte er nicht einfach die Zähne zusammenbeißen, Thria aufgeben und alleine in den verfluchten Süden stapfen, ohne dass er sich fragen musste, wieso sein Körper sich so sehr an ein Lamm klammern wollte, wieso sein Kopf ihm beinahe schon zuschrie, dass er Rain mit sich nehmen sollte - er würde auch allein glücklich werden, wenn er nach Hause ging. Brauchten ihn die Wölfe nicht ohnehin? Ein Toter mehr wäre auch nichts, das sie nicht erwarten würden und jemand wie er, der schon so viel gesehen und gespürt, aber eigentlich so wenig von der eigentlichen Welt erlebt hatte, würde wohl auch nicht mehr verdienen, als das, was er gewohnt war. Nayantai lebte beinahe schon auf dem Schlachtfeld, kannte keinen Frieden und doch war es ihm zu viel - irgendwann musste all das aufhören, war es so schnell wie möglich, dann war es umso besser. Nur, wie wollte er das bewerkstelligen? Sein Vater war noch immer derjenige, der die Zügel in seinen Händen hielt - Rikiya würde nicht so schnell sterben, das wusste Nayantai vermutlich am besten von ihnen allen. Aber was wollte sein Vater auch mit einem sterbendem Volk? Seinem verlorenen Stolz hinterher hasten?

      Wenn er nicht schon gefallen war, was tat er dann? Interessierte er sich dafür, wo sein Sohn war, oder hatte er damit abgeschlossen, dass er in seinem Leben nicht haben konnte, das ihm Freude bereitete? War sein Vater bereits alt und verbittert geworden, oder hoffte er doch noch inständig darauf, Nayantai würde einfach auftauchen und die Wölfe aus ihrem Leid befreien? Selbst, wenn er seinen wunden Körper nach Hause hievte, was würde ihm das denn bringen? Der Tod wartete in Thria auf ihn - und dabei war es egal, ob man ihm tausende Pfeile in den Rücken rammte oder ob sein eigener Vater ihm den Kopf abschlug. "Die Wahrheit gefällt keinem. Was du tust, das weiß ich nicht, aber was ich tue, das weiß ich sehr wohl ... davonrennen, weil ich mein eigenes Leben nicht für ein sterbendes Volk geben will, wenn die Lage ohnehin aussichtslos ist. Entweder, ich sterbe für sie oder ohne sie", schnaubte der Wolf, der einsehen musste, dass Rain tun und lassen konnte, was er wollte, dass es grundsätzlich absolut egal war, was er wollte, weil er für sein Volk leben sollte und doch wollte er diese Tage als gezählt abstempeln. Zittrig war seine Hand, als er sie auf Rains Hinterkopf legte und anfing, sanft über diesen zu streichen. "Hör auf, dich zu entschuldigen", waren seine Worte, aber er konnte Rain auch nicht wirklich davon abhalten, solche Dinge zu sagen. "Du willst nicht mehr hier sein, ich weiß ... ich glaube, wir beide wollen nur nach draußen, aber du meintest, dass du stirbst, wenn ich dich mitnehme. Kann ich denn nicht warten, bis es wärmer wird? Dann kann ich dich überall hin mitnehmen, wo auch immer du willst", erklärte er Rain. Fand man sie schlussendlich zusammen, als zwei Skelette, irgendwo im letzten Schnee des Landes, dann würde ihn auch das nicht stören. Wenigstens starb er nicht allein. "Ich kann dich schlecht einsam und allein hier zurücklassen!"
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    • Rain hatte eigentlich arbeiten wollen und hätte darüber nachdenken sollen, wie er sein eigenes Volk retten konnte und wie er es bewerkstelligte, die Forderungen des Königs zu erfüllen, ohne sein Volk leiden zu lassen. Er hätte darüber nachdenken sollen, was sein Vater in dieser Situation wohl gemacht hätte, der zwei Mal den beschwerlichen Weg über die Berge genommen hatte und nun in Thria war, obwohl es tiefster Winter war. Niemals hatte sein Vater im Winter dort gekämpft, denn ganz offensichtlich waren die Wölfe die Kälte gewohnt und die Schafe nicht. Ihre Waffen blieben in der Scheide stecken, die metallenen Rüstungen wurden zu kalt und speicherten keine Wärme und Stürme waren es, die die meisten Schafe dahin rafften, wieso also war sein Vater jetzt dort? Rain glaubte, dass er und seine Männer das harsche Wetter überleben konnten, aber das galt bestimmt nicht für die Bauern aus Myriad, die verletzten Soldaten aus Wezette, oder die Elite Kämpfer aus dem warmen Osten in Olette.

      "Vielleicht... könnt ihr gewinnen, oder zumindest... überleben..." Rains Gedanken galten Nayantai und den Wölfen, wollten einen Weg finden sie alle zu retten, das Blatt in diesem Krieg zu wenden und zu überleben, aber... das konnte er doch gar nicht. Er hatte nur über Kriege gelesen, nie selbst gekämpft, oder einen Krieg geführt, wie konnte er also glauben, dass er eine aussichtslose Schlacht gewinnen könnte. Abgesehen davon, waren es die Schafe die verlieren würden und die waren doch eigentlich Rains Brüder und Schwestern, also sollte er nicht darüber nachdenken, wie sie sterben konnten, damit Platz für die Wölfe war. "Ich kann nicht...", erwiderte Rain tonlos, wie sollte er es dem Wolf auch erklären? Eine offene Tür, oder ein offenes Fenster hatte ihn nicht umgebracht, obwohl eines davon ihn tagelang ans Bett gefesselt hatte. Wie wäre es erst, wenn er sich vor der Kälte nicht mehr zurück ziehen konnte, weil er draußen unterwegs war? "Die Kälte ist nicht... alles... ich... ich kann nicht raus...ich..." War es töricht etwas zu glauben, das ihm von Geburt an eingetrichtert wurde? Warum sollte er an etwas anderes denken? Würde er es ausprobieren, einen Schritt nach draußen setzen und tot umfallen, was hatte er dann davon, außer die Gewissheit, dass die Außenwelt ihn tatsächlich umbrachte? Er hatte Angst, Angst davor es auch nur zu versuchen, egal wie unlogisch das alles klang und egal wie sehr er alles da draußen sehen wollte. Am Ende hing er doch zu sehr an seinem Leben, als dass er es leichtfertig aufs Spiel setzte.
    • Wölfe waren nicht mehr als die Kinder der Natur und doch war es durchaus auch so, dass eben jene Natur es nie gut mit ihnen gemeint hatte - dort, wo sie lebten gab es kaum Boden, der sich großartig dazu eignete, Pflanzen anzusäen, geschweige denn gab es genug Wärme, damit sie überleben konnten. War das denn nicht erst recht egal? Sie hatten sich ihren Umständen angepasst, lebten ihr Leben so, wie sie es wollten und verließen sich aufeinander - und der Dank ihrer Götter, dafür, dass sie nicht endlich durch die Kälte ihr Leben ließen, war schlussendlich der Tod durch den eisigen Stahl, den die Schafe nur viel zu gerne in ihre Körper bohrten. Wie lange, bis sich auch die Letzten von ihnen geschlagen gaben und nicht länger daran interessiert wären, für einen sinnlosen Krieg zu sterben? Viele von ihnen waren nicht für das Eismeer geschaffen, auch, wenn sie die kalten Temperaturen gewohnt waren - auf Dauer würde es ihnen nicht gut tun, gleich wenig, wie sein Vater es wohl wieder einige Jahre dort aushalten wollen würde. Nayantai wusste, dass es für ihn keinen Thron gab, keine Krone und auch keinen wirklichen Ort, an dem er verbleiben konnte - auch, wenn die Siedlungen am Meer seine Heimat waren, war das nicht die Wahrheit für jeden von ihnen.

      "Das ist unmöglich. Wir können nicht gegen so viele Schafe gewinnen - und überleben können wir auch nicht. Wohin auch? In den Kerker eures Königs und darauf hoffen, dass er uns nicht aufschneidet und ausweidet?", knurrte der Wolf unzufrieden. Rain hatte keine Ahnung von diesem Krieg, das wusste er nur zu gut - Rain hatte noch nie Ahnung von irgendetwas gehabt, wie es schien. Kannte sich das Lamm selbst überhaupt, oder verdrehte und verbog auch er sich nur, um im Endeffekt dem Rest seiner Welt zu gefallen? "Du willst nicht", schnaufte er, beinahe schon patzig als Antwort. Nayantai sollte sich benehmen, am Riemen reißen und derjenige sein, der schlussendlich Angst vor dem Lamm hatte - nicht etwa umgekehrt, auch wenn das nie der Fall gewesen war. "Du meintest, du warst noch nie draußen - wieso glaubst du, dass du nicht kannst? Wer redet dir so etwas ein?" Zerbrechlich, mehr war das Lamm ohnehin nicht, aber es würde kein angenehmer Sommerwinde sein, der ihn schließlich umfegen und töten würde, nein - das glaubte der Wolf nicht. "Was willst du tun, wenn du mich wieder nach dort draußen schickst? Hier versauern und darauf hoffen, dass du noch ein paar Jahre lebst, ohne, dass du jemals irgendetwas gesehen oder gespürt hast!?" Er drückte Rain etwas fester an sich, wollte ihn nicht gehen lassen. "Willst du, das Angst dein Leben beherrscht?" Was redete er auch so groß? Seine gesamte Existenz basierte auf der Angst davor, doch in Vergessenheit zu geraten und nichts für sein Volk getan zu haben - da war ein Knoten in seiner Brust, der ihm die Luft nahm.
      Looking back, it maybe is like the toy carts you rode when you were a kid. But those toy carts could never go beyond the walls of the lawn. We want to follow the rugged concrete road beyond the wall. As we've grown, we've decided to leave behind the toy cart.
    • Rain zuckte leicht zusammen, als der Wolf seine Antwort knurrte und kniff die Augen zusammen. "Es tut mir Leid...", murmelte er erneut. Nayantai hatte Recht, es war vermutlich unmöglich und Rain wusste nichts, gar nichts. Wie viele Leben würde es kosten, etwas auszuprobieren, das Rain für erfolgsversprechend fand, nur weil er über andere Kriege gelesen hatte und glaubte, intelligenter zu sein als alle anderen, die bisher gescheitert waren? Warum sollte er überhaupt helfen, wenn entweder Wölfe, oder Schafe, oder gar beide starben, wieso sollte Nayantai auf jemanden hören, der noch nie einen Fuß vor die Tür gesetzt hatte, wenn es darum ging, in einem Krieg zu kämpfen, den Rain noch nie gesehen hatte? Er konnte dem Wolf nicht helfen, er konnte niemandem helfen und der Krieg würde enden, indem auch noch der letzte Wolf ausgerottet wurde und ganz Thria zu Adrestia gehören würde, während Rain in seinem Haus in Fhaergus saß, sicher und unbehelligt von all dem, aß was auch immer er wollte und die Frechheit besaß sich über seine fehlende Freiheit zu beschweren.

      Rain sollte nicht nach draußen wollen? "Nein... das stimmt nicht...", wisperte er und wusste gar nicht, wieso er sich noch immer so fest in den Fängen des Wolfes befand. Seine Brust zog sich unangenehm zusammen und er wusste nicht, was er sagen sollte. Wieso bestand der Wolf darauf, dass Rain nach draußen gehen konnte? Selbst wenn... er konnte hier trotzdem nicht weg, das hier war seine Heimat, so wie Thria die des Wolfes war und er... er war der letzte Erbe von Fhaergus. "I-ich... jeder... jeder sagt mir das...", antwortete er leise auf Nayantais Frage und warum auch sollte Rain anfangen daran zu zweifeln, was sollte es für einen Grund geben, ihn dermaßen zu belügen? Das machte keinen Sinn. Warum sollte man ihn hier einsperren, wenn es nicht nötig war? Seine Großeltern und seine Eltern hatten gesehen wie sehr es an dem jungen Rain gezehrt hatte, sie hätten ihn nach draußen gehen lassen, wenn es möglich gewesen wäre. Warum sollte ein Wolf, der ihn noch nicht lange kannte, es besser wissen? Ein Wolf, der nichts weiter war als ein Krieger und ein Prinz, kein Arzt. "I-ich weiß nicht...", war alles was er noch sagen konnte. Was sollte oder wollte er tun, wenn Nayantai erst wieder fort war? Angst jedoch war etwas Gutes, oder nicht? Sie beschützte Rain davor in seinen Tod zu laufen...
    • "Hör auf dich zu entschuldigen", fauchte der Wolf, unzufrieden darüber, dass Rain nicht mehr als leere Worte wiederholte, die sie sich gegenseitig eigentlich gar nicht mehr an den Kopf werfen wollten. Wovor hatte das Lamm Angst? Vor mehr, als nur der Welt da draußen? Oder davor, einen eingepferchten, verängstigten Wolf zu verärgern und ihn davonzuscheuen? Nayantai konnte von hier aus keinen Krieg gewinnen, kam von hier aus nicht nach Hause und war von eben diesem Bett aus nicht mehr als ein Opfer dieses Krieges, das seine Heimat nicht auch nur einmal wiedersehen wollte, weil auch das seinen Tod bedeuten würde. Ein Lamm hingegen war hier sicher, konnte alles haben, was es haben wollte und musste sich nur um sein Volk kümmern und manchmal um mehr als das. Rain kannte seinen Schmerz nicht, verstand nicht, wie der Krieg funktionierte und Nayantai würde ihn dafür nicht verteufeln. Viel eher wollte er sich selbst dafür hassen, dass er hier herumhockte und nichts tun konnte, dass es nahezu unmöglich schien, irgendetwas mit seiner Zeit anzustellen, oder sich daran zu gewöhnen, dass die schweren Fesseln, die er gar nicht mehr an seinem Körper trug, ihn retroaktiv gen Boden drückten, als wären sie noch immer dort, wo man sie angelegt hatte, als er in den Kerker gestolpert war.

      Lautes Scheppern war es, das seinen Tag normalerweise begleitete, wenn er seinen schmerzenden, wunden Körper rühren wollte - das war hier nicht so, eher war es so, dass sein Körper kaum noch Schmerzen aufwies, geschweige denn von einem Mosaik blauer Flecken verunstaltet worden war. "Wieso zierst du dich dann so!? Wenn es nicht stimmt, warum tust du dann nicht einfach, was du willst?" Weil Rain nicht anders war als er, weil auch ihm alles weh tat, weil es unmöglich war, sich auf irgendetwas anderes zu konzentrieren. Nayantai war, wenn er ehrlich war, nicht sicher, ob er wahrhaft fuchsteufelswild war oder eher nicht einsah, wieso er es sein musste, der wieder nach Thria zu kriechen hatte, wo er so oder so sein Ende finden würde. "Und jetzt? Es ist keiner von ihnen da! Woher willst du wissen, ob sie recht haben oder dir nur irgendetwas einreden wenn du es nie ausprobierst!?", knurrte der Wolf, der sich von Rain löste, nach seiner Schulter griff und das Lamm gegen die Matratze drückte, damit er sich über dieses beugen konnte und von oben herab in sein Gesicht starrte. "Ja. Du weißt absolut gar nichts! Du weißt weder, was du willst, noch weißt du, was du mit dir selbst anstellen sollst - du tust nur das, was man von dir verlangt! Du bist keinen deut besser als ich!" Wenn er ein Stück Dreck war, das nach Befehlen eines Schafes tanzte, dann war Rain nicht mehr als eben das - dann waren sie beide nicht besser, egal, in welcher Position sie sich befanden. Egal, wer von ihnen ein Fürst war und wer nicht. "Wieso lässt du dir all diese Sachen einreden? Warum tust du nicht, was DU willst? Weil du es nicht weißt? Hör auf, dich selbst anzulügen! Wir beide wissen doch, dass wir nichts mehr wollen, als diesen Käfig endlich zu verlassen!"
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    • Rain schwieg also, statt sich erneut zu entschuldigen, weil sie das ja ohnehin nicht mehr tun wollten. Der Wolf war offensichtlich wütend auf ihn, weil er am Ende doch etwas gesagt hatte, das er nicht hätte sagen sollen, weil er sich einredete, er wüsste mehr über den Krieg, als der Wolf, der in ihm gekämpft hatte. Sie beide wollten nichts von falschen Hoffnungen wissen, die am Ende nur enttäuscht werden würden und Rain sollte sich nicht anmaßen, über Dinge zu sprechen, die ihn nichts angingen und über die er nichts wusste. Wie viele Menschen der Wolf wohl verloren hatte wegen dieses Krieges? Wenn Rain nun Mutmaßungen darüber anstellte, wie das hätte verhindert werden können, dann würde er ihn dafür nur noch mehr hassen, weil es keine Garantie gab und Nayantai nur vorwarf, dass die Wölfe etwas falsch gemacht hatten und nur bekamen, was ihnen dafür zustand. Am Ende hätten sie vielleicht noch mehr Wölfe verloren, wenn Rain die Entscheidungen getroffen hätte, die er gar nicht treffen wollte und selbst ein Wolf gewesen wäre, der etwas zu sagen hatte. Er war eingebildet, wenn er glaubte, er könne den Wölfen tatsächlich helfen.

      "Ich sagte doch... ich kann nicht...", winselte Rain beinahe schon, mit wollen hatte das alles nichts zu tun, wieso wollte Nayantai das nicht verstehen? Der Wolf war aufgebracht, packte Rain und drückte ihn auf die Matratze, der keuchte, als sein Rücken auf der Unterlage aufkam, die dann doch härter war als gedacht. Er sah in die dunklen Augen des Wolfes, die nach Antworten verlangten, die Nayantai nicht hören wollte und die Rain auch gar nicht aussprechen wollte, weil er sich lieber gar nicht mit diesen Fragen beschäftigte. Dennoch war er gerade nicht in einer Position, in der er weglaufen konnte, auch wenn er sich am Liebsten versteckt hätte. Hatte Rain nun tatsächlich Angst vor dem Wolf? Er glaubte nicht, dass er ihn verletzte, aber das braucht er auch gar nicht, damit der Kloß in Rains Hals größer wurde und sein Herz schneller schlug als es sollte. "Warum sollten sie... mich anlügen...? Meine Familie... all die Ärzte...?", fragte Rain mit zitternder Stimme. Es machte keinen Sinn, wäre es so, er hatte nie an dieser Tatsache gezweifelt, wieso sollte er nun auf einen fremden Wolf hören, der ihm sagen wollte, dass das alles nicht stimmte? Sein Blick fiel auf die Pratze an seiner Schulter, die ihn auf den Rücken drückte und ein schwacher Versuch sich aufzurichten war alles, was Rain versuchte, der genau wusste, dass er erst hier weg kam, wenn Nayantai das auch wollte. "Ich will nicht... was wenn..." Rain biss die Zähne zusammen, er konnte kaum aussprechen was er dachte und seine Gedanken überschlugen sich. "Ich will nicht sterben...", murmelte er tonlos und kniff die Augen zusammen, als könne ihn das vor dem Blick des Wolfes schützen. "Was wenn... ich raus gehe und..." Wieso bestand der Wolf überhaupt darauf? Er konnte ihn nicht begleiten! "Du kannst doch gehen... nach Thria, in den Süden, wohin auch immer du willst... aber ohne mich..."
    • Nicht weniger wahr war es, dass der Wolf nicht mehr hatte als sich selbst - als seinen schwindenden Verstand und als das Wissen, dass es für ihn auf diesem Planeten nichts mehr gab. Nayantai hatte weder eine Familie, noch ein Volk, noch ein Land - zumindest nicht, wenn der Krieg weiterhin wüten würde und er sich lieber in ein Schaf verliebte, das von den Problemen und Leiden der Wölfe keine Ahnung hatte. Würde er sich besser fühlen, wenn er Rain erst verletzt hatte? Oder war es doch eine dumme Idee, seinen stätig fluktuierenden, verwirrenden Gefühlen freien Lauf zu lassen, nur weil er glaubte, dass eben das gerade - in diesem Moment - das Richtige war? Nayantai war jetzt schon über Rain gebeugt, konnte mit ihm tun und lassen was er wollte, weil die wenige Kraft, die das Lamm nun einmal aufwies, nicht dazu ausreichen würde, einen großen, bösen Wolf von sich zu drücken, auch, wenn er momentan nicht mehr als ein verwundeter Hund war, der sich angesichts seiner Situation die Wunden stetig lecken musste, während er darauf hoffte, er würde wieder zu Kräften kommen. Was war es denn, dass ihn hier und jetzt so plagte? Die besserwisserischen Worte, die aus dem Mund des Lammes rutschten, das keine Ahnung von irgendetwas hatte? Oder doch eher das Wissen darüber, selbst unfähig zu sein?

      "Kannst du nicht oder willst du nicht?", brummte der Wolf, der nur auf die blauen Augen herabstarrte, herausfinden wollte, wo das Lamm so verloren hinblicken wollte. Nayantai konnte auch nicht - konnte nicht hier weg, konnte Rain nichts antun, konnte nicht aufhören, seine Wut über Trivialitäten zu vergießen, die in wenigen Minuten schon keine Relevanz mehr für sie beide haben würden. "Keine Ahnung - vielleicht wollen sie auch einfach nicht, dass du nach draußen gehst - vielleicht sind sie viel vorsichtiger, als sie sein sollte. Woher weißt du denn, was die Wahrheit ist, wenn du noch nie dort draußen warst!? Willst du ihnen einfach bis an dein Lebensende aus der Hand fressen und dann endlich sterben, ohne jemals auch nur dort draußen gewesen zu sein!?", zischte der Wolf, der nicht ganz wusste, ob seine Wut verging, oder mit jedem Wort erneut aufflammte. Nayantai war es, der behauptete, nicht mehr er zu sein, aber jetzt - ausgerechnet hier und jetzt - war er ganz der Alte. "Ich will auch nicht sterben! Wieso bestehst du dann so vehement darauf, dass ich zurück nach Thria krieche und meinen Vater anbettle, dass ich leben darf? Wieso glaubst du, will ich nicht zurück nach Hause!? Alles ist besser, als den Rest meines Lebens in der Angst zu verbringen, dass jeder Atemzug mein Letzter sein könnte!" Angst war es, die sie beide im Griff hatte, die sie alle beide nicht loslassen wollte - das war es, nicht mehr, nicht weniger. Nayantai wusste genau das, nicht mehr, nicht weniger. "Ich kann hingehen, wo auch immer ich will - so lange mich mein verfluchter Körper noch trägt! Und dann? Was mache ich dort? Alleine auf das Ende meiner Tage warten, oder doch lieber an der Seite meines Volkes sterben? Glaubst du, das ist eine Existenz, die ich haben will!? Egal wohin ich gehe, sie werden mich früher oder später töten wollen, nur weil ich aus Thria komme!" Der Griff um Rains Schultern wurde fester, weil es dem Wolf zunehmend egal wurde, wo seine Hände waren, weil er glaubte, dass es auch in Ordnung wäre, würde er seine Hände irgendwann um die Kehle es Lammes legen und zudrücken. "Und du? Du kannst weiter hier herumhocken und in deinem Selbstmitleid baden, während du es nicht einmal schaffst, zumindest bei wärmeren Temperaturen einen Fuß vor dein Haus zu setzen! Bist du nicht derjenige, der meinte, dass du hierbleiben musst, weil du dich um dein Volk kümmern musst!? Im Moment redest du nur von dir selbst und davor, dass du nicht sterben willst - wenn du dir so sicher bist, dass du ohnehin stirbst, willst du hier sterben, ohne jemals etwas getan zu haben, das du wirklich willst, oder willst du lieber dort draußen sterben, wo du so viel mehr sehen kannst als das, was du schon kennst!?"
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    • "Ich...!" Rain konnte nicht nach draußen, nein. Er konnte nicht, weil er sterben würde, er konnte nicht, weil sein Körper es nicht erlaubte, weil er vor der Tür stand und zurück wich, wenn auch nur ein bisschen Schnee hinein purzelte, oder ein paar Blätter vom Wind hinein getragen wurden. Er konnte nicht, weil sein ganzer Körper sich dagegen sträubte und ihm sagte, dass er sterben würde, er konnte genau so wenig nach draußen gehen, wie er sich ein Messer an die eigene Kehle halten konnte, um endlich zu sterben, aber er konnte nichts davon sagen. Er wagte es kaum sich zu bewegen und die glasigen, blauen Augen blickten dem Wolf flehend entgegen, dessen Griff fester und schmerzhaft wurde. Würde ihn da draußen überhaupt etwas anderes erwarten als noch mehr Schmerz und Leid, nur dass es eines war, das er nicht kannte und mit dem er noch nicht umzugehen wusste? So wie er den Wolf herein gelassen hatte, nur um jetzt zu versuchen ruhig zu bleiben, den Druck seiner Finger zu ignorieren und nicht aufzuhören zu atmen, hätte er ihn besser da draußen erfrieren lassen? "Bitte...", murmelte er, während er noch damit beschäftigt war den Schwall an Worten der auf ihn einprasselte zu ordnen und zu verstehen, obwohl die Sprache eine völlig fremde war, oder wäre es besser, er versuchte es gar nicht erst und sagte Nayantai, dass er nicht verstand, was er überhaupt von ihm wollte?

      Was war Rain schon? Er war schwach, egoistisch und eingebildet, eine seltsame Kombination, doch er vereinte das alles. Vermutlich hatte er recht, Rain wollte nicht nach draußen, weil er Angst hatte zu sterben und weil er Angst hatte, vor dem was da draußen war, vor dem das Nayantai so verletzt und zugerichtet hatte, vor der Welt die die Wölfe tötete, dem Krieg, der so viel forderte und selbst seinem Vater so viel abverlangte. Wie sollte Rain das alles auch überleben? Wie sollte er da draußen zurecht kommen, wenn er sah, wie grausam die Welt wirklich war? Was er da dachte war erneut nichts weiter als feige und egoistisch... "Du hast recht...", murmelte Rain mit zitternder Stimme, wollte den Wolf nicht mehr ansehen, oder sagte er womöglich gerade nur alles, damit er hier weg konnte? Weg von dem großen bösen Wolf, der ihn festhielt und ihm all das sagte, was sich sonst schlicht und einfach keiner traute. "Ich will nicht nach draußen...", gab er zurück und suchte verzweifelt eine Möglichkeit, sein Gesicht irgendwie vor Nayantai zu verstecken, weil er sich schämte und ihm nicht sagte, was er hören wollte. "Ich bleibe hier... so wie es für mich vorgesehen ist... und ich sterbe in diesem Haus... das ist... was ich will... weil ich für mehr nicht... stark genug bin. Ich will nicht... mehr wollen... ich will nichts riskieren..." Aber ging es in all dem was der Wolf da von sich gab, überhaupt auch nur mit einem Wort wirklich um Rain? War der Wolf derjenige, der egoistisch war, oder war nur Rain der Meinung, wieder alles besser zu wissen? War er egoistisch, wenn ihm nicht auffiel, dass der Wolf oft von ihnen beiden sprach, auch wenn er es nicht so sagte? "A-aber wieso... interessiert dich das? Nayantai bist du wütend auf mich... oder a-auf dich selbst...? Weil du... weil du nicht König... sein willst, sondern lieber... in den Süden...?", fragte er vorsichtig, auch wenn er das vermutlich besser nicht getan hätte und die Frage ihn bereits so viel Überwindung gekostet hatte. Rain aus seiner Gefangenschaft zu befreien, würde dem Wolf nicht helfen selbst befreit zu werden, aber war das überhaupt seine Intention? Was wenn Rain falsch lag? Der Wolf wollte nicht nach Thria und nicht alleine sein und doch wollte Rain ihn ständig dazu bewegen. "Es tut... mir Leid... dann... ich... dann geh nicht! Bleib mit mir hier, für immer!" Rain streckte nun eine Hand aus, wollte nach dem Wolf greifen der über ihn gebeugt war, ihn festhalten, als könne er sonst jederzeit einfach verschwinden. Aber konnte er den Wolf hier wirklich beschützen? Nein, jetzt war er es, der sich etwas vormachte. "I-ich muss nicht mehr sehen, wenn ich dich habe!"
    • "Was? Was willst du?", hauchte der Wolf, dessen jedwede Bewegung wohl nicht mehr als ein Angriff auf das Lamm angesehen werden konnte. Egal, was er nun tat, mehr, als Rain töten zu wollen, war es nicht. Könnte er sich dazu bringen, seine vermaledeiten Finger zu bewegen, sie um den Hals des Lammes zu legen und zuzudrücken, so fest er konnte, dann war dieser Albtraum vorbei, nicht? Dann würde er aufwachen, in einem Berg aus Fellen, irgendwo in einem Zelt in Thria, mit einer ungeliebten Frau an seiner Seite, die ihn gleich wenig heiraten wollte, wie er es tat. Stattdessen kniete er über einem Schaf, auf das er herabstarrte, von dem er nichts erwartete - und doch gefror das Blut in seinen Adern und der Wolf hatte wohl keine Chance, seine Finger wieder zu rühren. "Willst du den, dass ich dich endlich von deinem Leid befreie?", zischte er - und doch wanderten seine Hände nicht, waren steif und starr in die Schultern Rains gebohrt, während ein ähnlich aggressiver Blick auf ihn herab glitt, beinahe schon penetrant nach seinen Augen suchte, damit er sich in seinen Iriden verlieren konnte und das Lamm ihm nicht entkäme. "Oder hast du doch Angst vor mir?" Das Grollen, das seine ohnehin nicht leise Stimme mit sich zog, tat ihm wohl auch keinen einzigen Gefallen, wenn es darum ging, Rain in seine Einzelteile zu zerlegen.

      Der Prinz der Wölfe, der sich nach so vielen Dingen zu sehnen schien, die ihm allesamt nicht gehören sollten - der ein Leben wollte, das nicht das eigene war, der danach verlangte, geliebt und gehalten zu werden, nicht weggeworfen und in einen schmalen Käfig gezwängt zu werden. Nayantai wusste, dass er derjenige war, der wieder gehen musste, dessen Körper es war, der nicht immer mitmachen wollte und doch würde er ihn - selbst wenn es sein musste - so weit nach Thria hieven, wie er konnte. Wie käme er über die Grenze? Wo war sein Volk überhaupt? Nicht hier, gleich wenig, wie sein Platz hier war - das stand fest. Er, das verlorene Kind, lauschte dem verblendeten Jungen, der nicht sprach, weil er endlich für sich selbst einen Entschluss fasste, sondern weil er vermutlich nicht klar dachte. Seine Hände rührten sich endlich, wanderten zum Kragen des Hemdes, zogen Rain daran hoch, wenn auch nicht viel. "Das meinst du nicht ernst", zischte der Wolf, der genug von dem Spiel hatte, das sie beide spielten. Seine Finger verkrampften sich beinahe schon im Hemd des Lammes, was war das nur für ein dumpfes Gefühl? "Das redest du dir ein, weil du nicht weißt, wie du mit dieser Situation umgehen sollst!" So, als hätte er den Verstand verloren, schlug er Rain doch tatsächlich - wenn auch nur mit der flachen Hand, in dessen Gesicht. Wirklich fest war es nicht gewesen, aber hoffentlich würde es das Lamm daran erinnern, dass es noch nicht tot war und nicht so bald sterben würde.

      "Wen interessiert es schon, ob ich König sein will oder nicht - ich will, dass du endlich aufhörst, nur vor dich hinzuträumen und dich in Dinge einzumischen, wenn du nicht einmal einen Fuß vor deine verfluchte Tür setzt!", knurrte Nayantai und ließ den Kragen des Lammes langsam wieder los, ließ ihn zurück auf die Matratze unter ihnen sinken und starrte ihn an, hörte, was für tote Worte aus seinem Mund krochen. Sollte er weinen? Lachen? Wütend sein? "Für immer? Hier?", sprach er, sah Rain verwirrt an - die Worte hallten in seinem Kopf wieder, hörten sich so vertraut an, aber ... nein. Der Wolf schüttelte den Kopf. "Du hast selbst gesagt, dass ich nicht hierbleiben KANN und ich sage dir jetzt, dass ich dir die Welt von hier aus auch nicht zeigen KANN. Irgendwann würde ich dir leid werden - irgendwann wirst du wieder träumen und dir wünschen, wir wären in den Süden gegangen! Hör auf, dich selbst zu belügen!" Belogen sie sich nicht beide? War es nicht das, was sie so unglaublich interessant füreinander machte? Schöne Worte waren es gewesen, die sie miteinander geteilt hatten - und das sollte es gewesen sein? Nicht mehr? "Wenn du wirklich hierbleiben willst und nicht mehr willst, als hier drinnen zu versauern, dann ... fass mich nicht an!"
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    • Nayantais Finger bohrten sich weiterhin in Rains Schulter und er hatte keine Chance zu entkommen, während der Wolf ihn anstarrte, seine Beute nicht aus den Augen ließ, denn als mehr als das fühlte sich Rain im moment nicht. Sein Herz fing an schneller zu schlagen und er fühlte, wie sein Körper der Aufregung nicht gewachsen war und doch, riss er sich noch zusammen. Nicht aus Angst wollte er nicht anfangen zu Husten, sondern weil er dem Wolf diesen Moment nicht rauben wollte, der mehr ihm galt als er Rain gelten sollte. Gleichzeitig jedoch, hatte er Angst, ja, natürlich wollte er nicht sterben, das hatte er doch eben erst gesagt. Jedoch traute Rain sich kaum noch ein Wort zu sagen, nachdem der Wolf ihn so angeschnauzt hatte, weil er seinen Satz nicht einmal zu Ende führen hatte können und das donnern in Nayantais Stimme ließ ihn beinahe erstarren. "Nein! Ich... bitte lass mich los.", flehte er, ohne sich jedoch auch nur ein Stück zu bewegen. Was hatte es denn für einen Sinn, wenn er versuchte sich zu befreien? Selbst der abgemagerte Wolf hatte ein leichtes Rain festzuhalten und wenn er sich jetzt auch noch anstrengte, dann würde er gar keine Luft mehr bekommen, er wusste, dass sein Körper an der Grenze seiner Möglichkeiten schlitterte, so einfach war es ihn zu töten, also was sollte er da draußen auch?

      Nayantais Griff löste sich, aber nicht etwa um ihn los zu lassen, nein sie wanderten zu Rains Kragen, hievten ihn daran nach oben, näher an Nayantai heran, dessen Augen nicht mehr funkelten wie die eines Kindes und der auch nicht nur grimmig schaute, damit er Rain etwas vormachen kannte. Nun wanderten Rains Hände selbst nach oben, ohne dass Rain ihnen das befohlen hatte und krallten sich an die großen Hände, die ihn festhielten und die er von sich wissen wollte. Er sah den Schlag nicht kommen, hatte trotz der Situation nicht gerechnet und wusste nur, dass seine Wange auf einmal brannte und er sich selbst auf die Zunge gebissen hatte. Für einen Moment war sein Kopf wie leer gefegt von den sich überschlagenen Gedanken und er wusste, dass der Wolf recht hatte, aber trotzdem nicht, was er eigentlich von ihm hören wollte. Das war das erste Mal, dass irgendjemand seine Hand gegen ihn erhoben hatte und für den Augenblick konnte er den Worten des Wolfes gar nicht mehr folgen. Er spürte wie der Griff um seinen kragen sich lockerte und er zurück auf die Matratze plumpste, die ihm die Luft aus den Lungen drückte und ihn ein paar Mal Husten ließ.

      Nun lag Rain wieder auf der Matratze, ohne die Hände des Wolfes an sich und rollte sich ein wenig zur Seite, um den Druck auf seiner Brust zu bessern und den Wolf nicht mehr ansehen zu müssen. Tränen stiegen ihm in die Augen, nicht unbedingt, weil der leichte Schlag weh getan hätte, sondern vielmehr einfach nur weil er geschehen war, aber davon wollte er Nayantai nichts zeigen, er wollte ihm seine Schwäche nicht noch mehr präsentieren, als ohnehin schon, aber vielleicht war genau das, was ihn einsehen ließ, dass Rain nirgendwohin gehen konnte. Er war immer noch wütend, knurrte ihn in seiner Sprache an und ließ Rain keinen Ausweg etwas zu sagen, das er auch tatsächlich so meinte. "Was... willst du von mir...?", murmelte er, schluchzte beinahe und machte sich etwas kleiner, als er ohnehin schon war. Er hatte nicht vor, seine Hand noch einmal nach Nayantai auszustrecken, da brauchte der Wolf sich keine Sorgen zu machen. Rain schluckte, sein Mund fühlte sich trockn an und er wusste nicht mehr, was er noch sagen sollte. Nichts schien Nayantai tatsächlich zufrieden zu stellen, außer vielleicht Rain rannte jetzt in diesem Augenblick nach draußen und bewies ihm, dass er so stark sein konnte, wie Nayantai ihn aus irgendeinem Grund haben wollte.

      Nayantai hatte Rain tatsächlich geschlagen... auch wenn es nicht fest war und Rain sich sicher war, dass Nayantai mit Leichtigkeit hätte mehr Schaden anrichten können, hätte er gewollt. Trotzdem hatte es Rain verletzt und er konnte sich nun auch nicht mehr sagen, dass der Wolf ihm bestimmt nichts antun würde. Der Griff um seine Schulter war ebenfalls so fest gewesen, dass er ihn immer noch an seinerm Körper spürte, als würde er immer noch festgehalten werden. "Das einzige das du willst, ist einem Traum hinterher zu jagen, der nie mehr war als das... weil du vor dem weg läufst, was du eigentlich tun solltest. Wenn ich sagen würde, ich begleite dich, dann hättest du eine Rechtfertigung für deine Flucht und wärst nicht der Einzige der weg läuft...", seufzte Rain, auf die Gefahr hin sich noch eine Ohrfeige einzufangen, aber er war der Ansicht, dass das die einzige Wahrheit war, die hinter all dem steckte. Er hatte Nayantai so viele Gründe geliefert, warum er nicht mit ihm in den Süden konnte, sein Volk, seine Verpflichtung, sein Zustand... selbst der warme Sommer ließ den Schnee von Fhaergus Bergen nicht schmelzen, wie also sollte er überhaupt aus seinem Land heraus kommen, wenn es tatsächlich nur die Kälte war, die ihn töten konnte? Rain drehte sich wieder auf den Rücken, blickte Nayantai entgegen, er hatte... Mitleid mit ihm und das spiegelte sich in seinen Augen wieder. "Du bist es, der sich selbst belügt, wenn du denkst eine Zukunft mit mir im Süden wäre eine Option, oder tatsächlich das, was du willst.", gab er ruhiger von sich, als er gedacht hatte, auch wenn er am Liebsten angefangen hätte zu weinen. Er biss sich selbst auf die Lippe um das zu verhindern und wandte den Blick wieder von Nayantai ab. Wollte Rain, dass der Wolf ging und ihn alleine ließ? Er wusste nicht was er wollte...