spellbound. (earinor & akira)

    • Wussten sie nicht beide, dass es nichts gab, das sie noch hatten? Wenn sie sich auch noch dazu entschieden, getrennte Wege zu gehen, dann hatten sie nicht einmal einander und verloren die wenigen Fetzen an Besitztümern, die ihm eigentlich noch übrig blieben. Nayantai wusste, dass er sich eigentlich auch Hals über Kopf in den Tod stürzen konnte, Rain bitten konnte, ihn gehen zu lassen, oder aber ihm zumindest seinen Körper - seine leere Hülle - zu überlassen und zu hoffen, dass sein Geist irgendwann aufgab und er bald nicht mehr wäre. Was er jedoch nicht wollte, war, die Finger von Rain zu lassen, sich selbst einzureden, dass er es nicht verdiente, frei zu sein und weiterhin zu glauben, dass der Süden nicht mehr als eine Einbildung war, die es lediglich in seinen Träumen gab. "Wenn ich mich belügen würde ... dann würde ich es merken. Und du auch. Ich bin überhaupt nicht gut darin, zu lügen", und eben das entsprach der Wahrheit. Oftmals hasste er sich dafür, aber er war schon immer ein ehrlicher Mensch gewesen, selbst dann, als er anfing, sich zu verändern, jemand zu werden, der er nicht war und zu vergessen - theoretisch war er noch immer ein und dieselbe Person. "Ich würde dir nicht mein Herz schenken, würde ich lügen", denn noch immer würde er lieber die Hand des Blonden um dieses spüren, als sich weiterhin mit ihm über diese Dinge zu unterhalten - es tat ihm leid, mehr als nur einmal.

      Nayantai wusste, dass er keine schwere Krone auf seinem Kopf balancieren musste, dass er keinen Speer in seinen Händen halten musste und diejenigen, die sich gegen ihn und sein Volk auflehnten, töten musste. War es nicht gut, dass er tot war? Seinen Willen hatte man gebrochen, gleich wie seinen Körper und seine Aussicht darauf, wieder nach Thria zurückzufinden war, wenn er mit sich selbst im Reinen wäre, gleich null. Hier brauchte man ihn jedoch - ein krankes Schaf wollte seine Aufmerksamkeit, seine Zuneigung und Nähe noch immer genießen, kaum wurde sie ihm einmal offeriert. Eine müde Hand strich über den schmalen Rücken und Nayantai selbst schloss die Augen, in die Rain in diesem Moment sowieso nicht sehen konnte. "Das ... ist in Ordnung. Du bist nicht allein", wisperte der Wolf, der nicht mehr wollte, als zu ergründen, was sie beide dazu motivierte, zu überleben, sich von ihren Fesseln zu lösen und wieder in die Arme voneinander zu finden. "Wir beide haben Angst." In Thria gab es nicht mehr, als der Tod, der auf ihn wartete und für Rain gab es, wenn er hier blieb, auch nicht mehr als die Schmerzen und sein frühzeitiges Ende, das er sich vermutlich nicht herbeisehnte. "Deswegen ... kann ich dich nicht belügen." Von Grund auf wäre es falsch, sich gegenüber dem Lamm auszusprechen, zu behaupten, es interessiere sich nicht für ihn, oder seine Worte - sie beide gehörten einander, waren nicht nur ein Mittel zu Zweck, sondern so viel mehr, als sie sich eingestehen wollten.
      Looking back, it maybe is like the toy carts you rode when you were a kid. But those toy carts could never go beyond the walls of the lawn. We want to follow the rugged concrete road beyond the wall. As we've grown, we've decided to leave behind the toy cart.
    • Nayantai brachte Rain beinahe zum Lachen, zumindest entlockte er ihm ein kurzes Glucksen, das doch besser war, als schluchzte er vor sich hin. Wieso war Nayantai überhaupt gerade dabei Rain zu trösten, er hatte doch selbst genug Probleme. War Nayantai es nicht der sich wieder zusammen setzen wollte? Wieso half er dann die kleinen, dürren Überreste eines Lammes aufzusammeln und versuchte ihn irgendwie wieder zusammen zu setzen. Erneut zog Rains Brust sich zusammen, als er hörte was Nayantai noch sagte, dass er wiederholte, dass er Rain sein Herz schenken wollte. Was bedeutete das, was meinte er damit? Niemand konnte behaupten, dass sie nur Freunde waren und doch waren sie nicht mehr als Fremde, aber woher kamen dann diese ganzen Gefühle, die scheinbar in ihnen beiden aufkamen. Konnte er Nayantai denn glauben? Ja, wenn er selbst dazu in der Lage war so zu empfinden, dann war es auch der Wolf.

      "I...ich... hab mich noch nie... so gefühlt... wie mit dir...", murmelte Rain, zwang sich dazu nicht noch mehr Tränen zu vergießen, oder zumindest nicht anzufangen zu schluchzen. Wieso fühlte sich die Hand auf seinem Rücken so gut an, während er glaubte, dass ihn all dies irgendwann umbrachte? "Ich... bin verwirrt... ich weiß nicht was... Wieso... ist das alles so... kompliziert...?" Rain wusste, dass er Fragen stellte, auf die der Wolf vermutlich keine Antwort kannte. Ob der Wolf sich vor den selben Dingen fürchtete? Vor den selben Gefühlen und vor der Einsamkeit? Was war das, was er fühlte? Wäre es tatsächlich Liebe, würde er dann so viel Schmerz empfinden, Angst, Trauer,...? War es nicht außerdem viel zu früh, an so ein Wort überhaupt zu denken? Und doch wollten sie einander ihre Herzen schenken, warum sollte sie so etwas sonst sagen, wenn nicht aus Liebe? Nur aus Einsamkeit heraus? Verwechselten sie beide einfach die Einsamkeit und Leere die gefüllt wurde, mir einem Konzept, das zumindest Rain gar nicht kannte? "Und was... soll... was soll ich machen... wenn du wieder gehst...? Was wenn... was wenn ich dich zu sehr... mag und... und dann lässt du mich... alleine...? Ich habe Angst....d-davor..."
    • Der Wolf hatte sich noch nie leicht damit getan, Leute von sich wegzustoßen und zu behaupten, er würde sich nicht für das Leid eines Anderen, egal wie fremd er sein mochte, interessieren. Wenn er es nicht besser wüsste, dann glaubte er, er war oftmals mehr als einfühlsam genug und es freute ihn, dass Rain zumindest Gefallen daran fand, umarmt zu werden - wenn auch nur für den Moment, in dem die Unsicherheit ihnen beiden schon weit über den Kopf hinaus gewachsen war. Sich aneinander zu klammern, die eigenen Fehler vergessen zu wollen, es war fast leicht, sich aufzugeben und eine verlorene Seele in einem endlosen Meer zu sein, dessen Anfang und Ende man noch nie gesehen hatte. Mehr als einander hatten sie nicht, aber brauchten sie das? Es schien fast so, als würde es reichen, sich gegenseitig aufzuopfern - seine Lippen auf die eines fremden Schafes zu legen, als würde ein einfacher Kuss dazu in der Lage sein, ihn all die erlebten Dinge wieder vergessen zu lassen, damit er es wagen konnte, seine Vergangenheit gänzlich hinter sich zu lassen. Rain hatte Recht - Nayantai mochte zwar nicht mehr er sein, aber jetzt konnte er über sich hinauswachsen und jemand werden, der so gänzlich anders war - vermutlich war das gar nicht so schlecht.

      "Mhm", gab er nur knapp zurück und lauschte den restlichen Worten, hörte zu, wie Rain sich in seinen eigenen Worten verlor und strich ihm dabei weiterhin sanft über den Rücken. Sie gehörten zueinander, daran war vermutlich nichts mehr zu rütteln, als würden seine Fesseln dort anfangen, wo Rain begann und Rain's dort aufhören, wo er endete. War es denn so schlimm? "Gefühle sind widersprüchlich. Sie machen keinen Sinn", entgegnete ihm der Wolf. Nayantai fühlte sich nicht anders, hatte das Gefühlschaos in seinem Inneren schon akzeptiert und sich selbst vermutlich oft genug gefragt, woher es kam und wieso ausgerechnet er es war, der solche Dinge spüren und fühlen musste. "Liebe ... ist nicht immer schön", murmelte er, als er sich weiterhin an das Lamm schmiegte und versuchte, es mit diesen wenigen Worten zu beschwichtigen, die alles bedeuten konnten. War er denn selbst jemals verliebt gewesen? Wenn er ehrlich war, dann bezweifelte er es. Es waren kurze Glücksgefühle gewesen, aber nichts, das ihn in eine solche Situation getrieben hatte. Konnte er so etwas überhaupt empfinden? Seine Hand wanderte nach oben, zu Rains Hinterkopf, bevor er ihm über das noch nasse Haar strich, ihn besänftigen wollte. "Ich gehe nicht ... nicht jetzt, oder bald. Wenn ich dich nicht mitnehmen kann, dann ... dann bleibe ich hier. Du hast mein Wort - ich werde nicht mit deinem Herz verschwinden, Rain." Solche Dinge sollte er nicht sagen - er machte ihnen beide falsche Hoffnungen, wusste, dass das Lamm eine Reise nach Thria unmöglich überleben konnte, gleich wenig, wie er sich auf Ewigkeiten von einem einfachen Steinzaun einpferchen ließ. "Ansonsten müsste ich mein Herz nämlich auch hier lassen ... und das ... das wäre schmerzhaft."
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    • Es war also in Ordnung, dass gerade nichts Sinn machte? Es war in Ordnung sich geborgen zu fühlen, aber gleichzeitig Angst zu haben? Wenn man das als Liebe bezeichnete, wieso wollte irgendjemand das überhaupt? Vielleicht lag auch nur zu viel in Rains Vergangenheit, in der alle verschwanden, denen er sich Nahe gefühlt hatte. Natürlich blieben seine Bediensteten, aber denen konnte er sich nicht anvertrauen. Erst waren es seine Großeltern gewesen, dann seine Mutter und seinen Vater bekam er ohnehin nie zu Gesicht. Die Menschen die er in seinem Leben geliebt hatte, die waren eine überschaubar kleine Zahl und trotzdem hatte ihr Tod Spuren hinterlassen und die Angst noch jemanden zu verlieren, fraß sich in jede Zelle seines Körpers. Aber war es nicht schon zu spät? Schon jetzt fühlte er sich elend, wenn er daran dachte den Wolf zu verlieren, ob es nun jetzt war, oder in ein paar Wochen. Er hatte sich bereits zu tief in Rains Herz gegraben, irgendwie und Rain konnte ihn von dort nicht einfach aussperren.

      "Liebe...?", fragte er, weil er das Wort nicht kannte und gerade nicht wagte seine Bedeutung zu erraten. Wenn es bedeutete was er glaubte, obwohl er es sich vielleicht nur wünschte, dass es das hieß, griffen sie beide nicht viel zu voreilig danach? War das wirklich was sie füreinander empfanden? Rain wusste es nicht, konnte es nicht wissen, woher auch? Er war noch nie verliebt gewesen, er hatte sich nicht einmal zu jemandem hingezogen gefühlt, vielleicht... weil er immer an der falschen Stelle gesucht hatte? Andererseits hatteer auch kaum jemanden kennen gelernt, höchstens jemanden, den seine Eltern als zukünftige Frau im Sinn gehabt hatten... vielleicht war es auch so, dass eine Frau gar nichts für ihn war? Wieso aber? Ein Mann liebte eine Frau... wieso schmiegte er sich dann an einen anderen Mann, einen Wolf? Er musste gänzlich verrückt geworden sein, weil er wollte, dass Nayantai für immer hier blieb. "Sag... das nicht...", murmelte Rain, der wusste, dass der Wolf sich nun tatsächlich selbst belog und ihm damit Hoffnung machte, die gar nicht erst existieren sollte, weil er enttäuscht und es nur noch mehr schmerzen würde. "Sechs... oder sieben Wochen... dann sind die Pässe wieder frei und damit gibt es... mehr als tausend Gründe... warum du gehen musst." Rain drückte sich aus der Umarmung, er konnte nicht zulassen, dass sie beide versuchten diese Hoffnung irgendwie wahr werden zu lassen, denn es würde nur ihrer beider Ende bedeuten. "Wenn du... wenn du schon jetzt mit dem Gedanken spielst zu bleiben... dann... dann... dann kann ich... das hier nicht zulassen." Er hasste es diese Worte auszusprechen, aber es wäre besser sie lebten nebeneinander her und der Wolf würde es so leichter haben in ein paar Wochen einfach zu verschwinden. ohne das Gefühl zu haben, etwas zurück zu lassen. Er stand auf und trat einen Schritt aus der Reichweite des Wolfes, obwohl er es nicht wollte. Er wollte in seinen Armen liegen, aber... er konnte nicht zulassen, dass der Wolf sich am Ende nur selbst hier verlor, dafür mochte er ihn zu sehr.
    • Konnte er sein Herz - sich selbst - denn einfach so verschenken? Gehörte er wirklich Rain, oder war er nicht mehr als jemand, dessen gesamte Existenz darauf beruhte, herauszufinden, was sein eigentliches Ziel sein sollte? Aus der Brust müsste er es sich erst reißen, damit er es verschenken konnte - sich aufopfern, damit Rain wirklich verstand, was der Wolf von ihm wollte - und dann? Was, wenn er all das, was er noch hatte, an ein Lamm verschenkt hatte? Dann konnte er nicht mehr gehen, dann gehörte er dem Lamm, war vermutlich eins mit ihm - etwas, wovon er nie zu träumen wagte, weil es seiner Natur nicht entsprach, weil er Rain nicht mögen sollte, sondern lieber hassen lernte, sich ihm nicht öffnete und sein Herz vor ihm verschloss, selbst dann, wenn er es bereits in Händen hielt. Mehr als blutig sollte diese Angelegenheit nicht sein und doch war es so schwer, seine Gefühle von dem zu separieren, das er tat - oder tun sollte. Niemals könnte er Rain verletzten, konnte nicht nachträglich sein, konnte ihm nichts antun - er war schwach, so schwach, dass er sich all das gefallen ließ und vielleicht war es gut so. Nayantai brauchte nicht mehr, würde sich hier mit Rain einsperren lassen, wenn es sein musste, bis sich irgendwann die Zeit selbst an den beiden verging.

      "Liebe ... dein Herz ... dein Herz gehört ... nicht mehr dir" , gab der Wolf zu verstehen. Gehörte sein eigenes Herz denn noch ihm? Hatte er sich schon an Rain verschenkt, oder gab es noch stille Hoffnung, dass er - früher oder später - wieder zu Sinnen kommen würde? Nayantai wollte sich nicht damit abfinden, wollte nicht, dass er losgelassen wurde und wollte schon gar nicht, dass Rain diese Gefühle nicht erwiderte - es war töricht, zu glauben, das Lamm konnte nicht tun was es wollte, konnte sich dem Wolf nicht erkenntlich zeigen oder, dass es gar andere Flausen im Kopf hatte. "Wenn ... wenn ich wieder nach Thria gehe ...", der Wolf seufzte und ließ seine Hände sinken, behielt sie bei sich und machte keine Anstalten, sie wieder nach Rain auszustrecken, der zurückgewichen war. "Dann sterbe ich doch sowieso.", das war die Wahrheit. Die Wölfe, wenn es sie denn noch gab, waren dabei, einen ohnehin aussichtslosen Krieg zu verlieren und ob er nun zurückkehrte oder nicht, spielte dabei keine Rolle - er war auch nur eine Person, die nicht mehr tun konnte, als was sein geschundener Körper ihm erlaubte. "Ich will mich hier nicht einsperren lassen. Ich will auch nicht wirklich hier sein. Das Einzige, was ich will, ist, in deiner Nähe sein - und wenn ich dafür noch ein paar Wochen mehr hier ausharren muss, damit ich dich mitnehmen kann, dann ist das auch nicht schlimm."
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    • Rain wusste nicht was er tun sollte und was die Wahrheit war und was nicht. Was wollte der Wolf wirklich, tief in seinem Inneren? Rain konnte sich nicht vorstellen, dass er es war, dass er eine Leere in Nayantais Herz ausfüllen konnte, warum sollte er auch? Er war weder ein Wolf, noch war er wirklich ein Schaf. Er war ein Kind, nicht mehr, er wusste nichts von der Welt, freute sich über banale Dinge wie Schnee und sein Körper spiegelte ebenfalls wieder, dass er niemals ein Mann werden würde. Wie sollte jemand wie er, einem Wolf geben können, was er brauchte, nein, es war nicht er den Nayantai wollte, das konnte so nicht sein. Vielleicht war Nayantai auch nicht das, was Rain wollte, sondern war tatsächlich einfach jemand, der ihn anders behandelte und trotzdem irgendwie tun musste, was Rain von ihm verlangte. Nayantai war im Rang weit unter ihm, hatte eigentlich gar keinen und sein Körper und Geist waren gebrochen. Vielleicht wollte Rain sich einfach nur einmal stärker fühlen als ein anderer Mensch. Aber war er so?

      "Du stirbst auch wenn du hier bleibst.", erwiderte Rain beinahe schon kalt und schroff. Nayantai suchte ausreden, um nicht zurück in einen aussichtslosen krieg zu müssen, um nicht feststellen zu müssen, dass sowieso niemand mehr lebte, den er einst geliebt hatte. Es gab so viele Gründe, warum Nayantai sich an Rain klammerte und keiner davon hatte etwas mit Liebe zu tun. "Du wirst getötet werden, wenn du hier bleibst." Das war die Wahrheit. Rain konnte Nayantai nicht ewig beschützen. Wenn die falschen Leute von ihm erfuhren, dann waren sie vielleicht beide bald tot, nur jetzt machte Rain sich nicht zu viele Gedanken, weil Fhaergus vom Rest des Landes abgeschnitten war. Spätestens wenn Rains Vater zurück kehrte, würde er den Wolf entweder selbst töten, oder ihn zumindest wegsperren, dann hatte Nayantai auch nichts mehr davon hier zu bleiben. "Und meine Nähe ist..." Die Stärke von vorhin schwand wieder, er wollte all das eigentlich nicht sagen, wollte lieber eine Lüge leben, aber es war nicht richtig. Irgendwann mussten sie sich den Tatsachen stellen. "Denkst du wirklich... dass es meine Nähe ist die du willst? Würdest du nicht jeden Wolf vorziehen, oder auch jemand anderen nehmen, der dich einfach als Menschen behandelt...? Du solltest dein Herz... nicht leichtfertig verschenken..."
    • Womöglich hatte Rain recht - wollte er das hier denn überhaupt? Sollte er seine Hände nicht an jemanden legen, der ihm glich und nicht an jemanden, den er hassen sollte? Rain war noch immer ein Schaf, noch immer jemand, den er nicht lieben sollte und doch war er hin und her gerissen, verwirrt und irgendwo war Nayantai sich einfach nicht mehr sicher, was er wollte. War er nicht nur hierher gekommen, weil er nicht länger Zeit damit verbringen sollte, sich zu grämen, sich vor Rain zu verstecken und ihn für die Vielzahl an Problemen verantwortlich zu machen, die ihn plagten? Jetzt faselten sie von ihren triefenden Herzen, von der Liebe, die sie beide nicht kannten, aber glaubten, zu spüren, wenn sie einander ansahen. War es das? Wollte er das denn? Der Wolf wusste, besser als jeder andere, dass er tot war und dass es egal war, wann auch immer seine fleischliche Hülle ihm in sein Grab folgen würde, so lange sie sich noch mit irgendwelchen Trivialitäten begnügen konnte, die wohl auch ihn selbst belustigt hätten. Wäre er noch er, dann hätte er Rain vermutlich winseln lassen, hätte ihm zugehört, wie er solche Worte eventuell auch noch über aufgeschundene Lippen gebracht hatte, nur um ihn auszulachen - und doch, jetzt fühlte es sich so, als wären es abertausende Nadeln, die sich in ihn - in das wenige Fleisch, das an seinen Knochen hing - bohrten.

      "Also ist es egal", sprach er und sah zur Seite. Nayantai wusste, dass es das nicht war - hier würde er sterben, ohne, dass er irgendetwas zum Krieg beigetragen hatte, ohne, dass er seine schmerzenden Gliedmaßen ein letztes Mal dazu bewegen konnte, sich zu wehren. Würde er sich nach Thria schleppen, dann starb er wenigstens dort, wo sein Körper hingehört - und dann? Dann gab es weder ihn, noch sein Volk. Was sollte er auch tun? Zurück zum König kriechen und wieder zu seinem Schoßhund werden? Ihm jeden Wunsch von seinen Augen ablesen und weiterhin alles verdrängen, das man ihm antat? Wäre das ein Leben, das er wollte? "Ich muss so oder so sterben", fauchte er beinahe schon durch zusammengebissene Zähne und griff nach dem Stoff seiner Hose, in dem sich nun seine Hände verkrampften. Kein Gott und auch kein anderes Lebewesen konnte ihm seine Entscheidungen abnehmen, er musste auf sich selbst hören - auf seinen Kopf, oder auf sein Herz - etwas, das nicht im Tandem funktionierte. "Rain", brummte Nayantai schließlich und sah wieder zu dem Schaf, das von banalen Dingen redete. "Ich will in deiner Nähe sein - ich will bei dir sein. Was will ich mit einem Wolf? Sie lassen sich alle auf mich ein, aber schlussendlich glauben sie nur an das, was man ihnen beigebracht hat - an ihre Regeln, ihre Traditionen. Das ist keine Liebe. Ich weiß, dass ich vielleicht voreilig bin, aber ... ich bin gerne bei dir, zu gerne." Seine Vergangenheit mochte sich ihm noch nicht gänzlich erschlossen haben, aber musste er das denn überhaupt wissen? Nayantai wusste so viel und doch war es so wenig davon, das auch nur für eine Minute wichtig war. Rain hingegen ... Rain war ihm wichtig.
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    • Der Wolf hatte recht, der frühe Tod war womöglich ihrer beider Schicksal, aber Nayantai sollte nicht in diesen Mauern sterben, nicht einmal Rain wollte hier sterben. Im Gegensatz zu ihm konnte der Wolf sich aber zusammen reißen und es irgendwie zurück in seine Heimat schaffen, so wie er es sollte. Obwohl sollte er das? Dort wartete womöglich nur Schmerz auf ihn, Tod und vielleicht fand er niemanden mehr. Vielleicht würde er dort alleine sterben, ohne jemanden der ihn liebte... Was war richtig? Rain wusste nicht was er tun sollte, noch nie in seinem Leben war er sicher gewesen, hatte gewusst, dass er das Richtige machte und was er hier entschied oder auch nicht, das war sowieso falsch.

      Rain ließ sich wieder auf die Knie sinken, seufzte tief und ließ den Kopf hängen. Er hätte das eben nicht so sagen sollen und Nayantai bestand weiter auf seine Gesellschaft. Je öfter er es wiederholte, desto schwieriger war es für Rain auf dem Standpunkt zu bleiben, auf den er sich eingeschossen hatte. Er war es nun, der eine Hand auf die verkrampften Finger des Wolfes legte und entschloss ehrlich zu sein, so ehrlich er sein konnte, ohne die Sprache des Wolfes sprechen zu können. "Ich... mag dich... sehr...", gab er zu und blickte auf ihrer beide Hände. Auf seine kleine zierliche Hand, die die große Pranke des Wolfes kaum verdecken konnte, auf Nayantais gezeichnete Haut und seine eigene, die noch nie verletzt wurde, höchstens gezwickt von den Zähnen des Wolfes und er blickte auf ihrer beider weißer Haut, die davon zeugte, dass sie beide eingesperrt wurden. "Ich mag dich... Und ich will nur das Beste für dich... Ich habe nur Angst... Dass ich das nicht bin, im Gegenteil...Ich...will nicht, dass du dich und dein Volk vergisst. "
    • Egal wohin er gehen würde, seine Götter hatten ihn verlassen und sein Schicksal hatte es noch nie gut mit ihm gemeint. Rain war der Einzige, den es augenscheinlich kümmerte, wie es einem verletzten, wilden Tier ging, das selbst nicht mehr wusste, wo ihm der Kopf stand und wohin er gehen wollte, wenn er erst wirklich frei war. Starb er nicht auf dem Weg nach Thria, dann würde man ihn dort töten - entweder, weil er in eine Schlacht geriet oder aber weil sein eigener Vater realisieren würde, dass er keinen Wert mehr hatte, dass er keine Waffe mehr halten konnte und kein Schar mehr töten würde, weil sich seine Erinnerungen immer mehr an ihm vergingen und immer tiefere Löcher in seinen Körper bohrten. Dementsprechend machte es nicht viel Unterschied, ob es nun Rikiya wäre, der ihm den Kopf abhacken würde oder der Vater des Lammes, dem er sein Herz schenkte - sie beide waren an Regeln gebunden, aus denen es kein Entkommen gäbe, egal wie sehr sie auch versuchen würden, sich dagegen zu wehren. Was also, wenn er wirklich zurück in seine Heimat kroch? Wollte er das überhaupt noch? Würde sein Volk ihn akzeptieren? Oder war er doch nicht mehr als ein Fragment der verdrängten Vergangenheit, dessen Name schon ewig keiner mehr ausgesprochen hatte? Was auch immer es sein sollte, die Realität war es, die ihn so oder so umbringen würde.

      Die plötzliche Berührung des Schaffes verwirrte ihn, zwang ihn fast schon, zuerst nach unten und dann aufzusehen, zurück in die blauen Iriden, zurück zu Rain, der ihn wohl doch nicht mehr von sich stoßen konnte. Oder tat er das nur, um ihm zu vermitteln, dass er nicht mehr wert war, als das Stück Dreck, das das Lamm von seinem großen Fenstern aus sehen konnte? Positiv zu sein, das war in solchen aussichtslosen Situationen noch nie seine Stärke gewesen - aber konnte man es ihm auch verübeln. „Ich mag ... dich auch. Zu gerne“, schwafelte er, realisierte, dass diese Situation eine ganz andere war - dass nicht nur er es war, den die Unsicherheit am Schopfe gepackt hatte und die ihm vermitteln wollte, dass er ehrlicher zu sich - zu seinen Gefühlen, sein musste. Der Wolf sank nach vorn, drückte seinen Kopf gegen die Brust des Lammes und lauschte - plötzlich war er es, der sich so erschöpft und ausgelaugt fühlte, der seine Hand nur leicht aus dem Griff Rain‘s löste, damit er sie besser halten konnte. „Ich ... ich weiß, was du meinst“, war seine Antwort. Nayantai konnte sein Volk nicht einfach dem Tod überlassen und den Rest seines Lebens damit verbringen, sich zu verstecken- allem voran vor sich selbst. „Du bist ... das Beste, das mir passiert ist“, antwortete er ihm, schmiegte sich eher an die Brust vor sich, als sich dagegen zu lehnen. „Ich ... weiß. Aber mein Volk ist so weit weg von hier - gleich, wie die Person, die ich war. Ich will dich nicht hier lassen, einsam und allein kit einem fremden Herzen - ich will dich mitnehmen, irgendwohin wo wir alleine sein können.“
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    • Von hier weg zu laufen klang schön, selbst wenn Rain nur in ein anderes steinernes Haus gebracht würde, durch einen unterirdischen Tunnel den sie gruben und er dennoch nichts von der Welt sehen würde, es klang trotzdem gut, er wollte doch auch weg laufen, immer schon. Rain wollte das Erbe seines Vaters nie antreten, er fühlte sich dazu nicht in der Lage, er war zu schwach und zu krank. Genau genommen war Rain sich nicht einmal sicher, ob er seinen Vater überleben konnte. Er hatte sich immer gefragt, warum er nicht versucht hatte noch einen Sohn zu bekommen, oder warum er nicht einfach jemanden adoptiert hatte, der Rains Platz einnehmen konnte. Was sollte Rain erst tun, wenn sein Vater nicht mehr da war und er ein Jahr später selbst starb? Er hatte keine Frau, keine Kinder... er wusste er musste heiraten und doch weigerte er sich beharrlich, ließ sich zu dem Thema nie etwas sagen. Lief er nicht jetzt schon genug vor seiner Verantwortung davon? Hieß das, dass es sowieso schon egal war, oder dass er sich endlich mal zusammen reißen sollte?

      Rain sah nach unten, als der Wolf seinen Kopf auf seine Brust drückte. "Ich verstehe nicht... wieso... wir einander mögen...und ich habe Angst es zu ergründen...", murmelte Rain, der nicht feststellen wollte, dass alle seine Befürchtungen stimmten, dass sie sich auch an jeden anderen geklammert hätten, wenn er ihnen nur etwas von dem gab, was sie beide vermissten. Er wollte nicht merken, dass seine Gefühle für den Wolf eigentlich nicht real waren, er wollte ihn mögen und er wollte, dass der Wolf auch etwas für Rain empfand. Es fühlte sich gut an zu hören, dass es jemanden gab, der ihn lieben konnte und das ganz ohne eine Blutsverwandschaft. Das Beste, sagte der Wolf und hatte vermutlich insofern recht, weil Rain ihn am Leben ließ, ihm nichts antat und vorhatte ihm die Freiheit zu schenken, aber war da mehr als das? War es genug? "Wir dürfen nicht vor unserer Verantwortung davon laufen...", erwiderte Rain, hob aber trotzdem eine Hand, legte sie auf Nayantais Kopf und strich ihm sanft durchs Haar, das er vorhin noch frisiert hatte. "Wir haben beide ein Volk, das uns braucht... ich will auch weglaufen, aber... das dürfen wir nicht. Lass uns lieber von einer Zukunft träumen, in der unsere Völker koexistieren können. Wo Schafe und Wölfe keinen Krieg mehr führen... vielleicht..." Rain stoppte, nein, er wollte den König vor Nayantai nicht erwähnen, aber trotzdem hatte er die Hoffnung Adrestia als Fürst womöglich überzeugen zu können, Frieden mit den Wölfen zu schließen. Dieser Traum war nicht weniger realistisch als der vom Süden...
    • Abertausende Nadeln waren es, die sich tief und fest in seinem Fleisch verankert hatten, die bei jeder falschen Bewegung wie Feuer brannten - Nayantai wusste, dass er sie herausziehen konnte, würde er den Mumm dazu besitzen, sich seiner Vergangenheit zu stellen. Sich dazu aufzurappeln, zu leben, zu atmen - zu akzeptieren, dass er mehr als nur ein Spielzeug war, das keinen wahren Wert in den Augen der Schafe hatte; wenn er das geschafft hatte, so glaubte er, dann würden auch die Schmerzen vergehen, dann würde er für sich selbst schließlich realisieren, dass er hier nicht her gehörte, dass diese Worte und Gefühle nicht für Rain bestimmt waren, sondern für Tei - für jemanden, den es nicht mehr gab und die er nie geliebt hatte. Wieso wollte er sich auch selbst dazu zwingen? In Wahrheit war er doch froh, sich nicht mehr wie ein angeleinter Hund zu fühlen, sondern lediglich etwas eingepfercht, obwohl er die Freiheit beinahe schon spüren konnte - so lange er sich hier befand, so lange er den Weg nach Thria im Kopf behielt, war er frei. Nayantai war nicht darauf aus, sein Leben leichtfertig wegzuwerfen, auch, wenn es ihm momentan egal wäre, ob Rain ihn früher oder später festketten würde, ihn nicht mehr gehen lassen wollte - vielleicht war das sein Schicksal? Hatte er denn überhaupt eines?

      "Vielleicht gerade deshalb", gab der Wolf zurück. Hatten sie nicht beide Angst, alleine zu sterben? Alleine zu sein, bis sie vom Rest der Welt eingeholt wurden? Lebten sie denn überhaupt noch, weil sie wollten, oder taten sie es nur, weil ihre Verpflichtungen sie am Leben erhielten? "Weil wir gerade Angst davor haben", sie wollten beide nicht alleine sein, klammerten sich an das erstbeste Stück Fleisch, das ihnen in ihre wunden, schmerzende Hände rutschte und proklamierten - für sich selbst - das es so sein musste, das sie keine andere Wahl hatten als sich ihren Ängsten zu stellen, sich umeinander zu kümmern, weil ihre pechschwarzen Herzen es voneinander verlangten. Rain's Berührungen fühlten sich, so klein und sanft sie auch waren, viel zu gut an - auch, wenn das Lamm durchgehend kalt zu sein schien, waren seine Gesten es, die durchgehend Wärme ausstrahlten und seine Berührungen es, die den Wolf verleiteten. "Und was willst du tun, wenn es keine Wölfe mehr gibt?", fragte der Wolf etwas schroff, wusste allerdings, das Rain es anders gemeint hatte. "Soll ich dann wieder hierherkommen, meinen Weg in deine Arme suchen? Du könntest ... du könntest einfach mitkommen", sprach der Wolf, der von der Idee nicht abgeneigt war, zumindest zu seinem Volk zurückzukehren - aber nicht mit leeren Händen, nicht alleine. "Wir sollten nicht träumen. Wir sollten ... etwas tun. Einen Krieg zu beenden ist nicht leicht ... nur ... wenn ich ... wenn wir ... hm", seufzte Nayantai, der sein Gesicht wieder gegen die Brust des Lammes drückte, als wolle er sich verstecken. Könnte er einem König überhaupt den Kopf abschlagen? Wäre er dazu in der Lage, das Biest zu töten, das in seinem Kopf weiterleben würde?
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    • "Reicht Angst denn aus... als Grundlage für... für irgendetwas...?", fragte Rain nach und seufzte. Was auch immer sie hier versuchten aufzubauen, oder am Leben zu erhalten, sollte das Fundament Angst und Einsamkeit sein? Rain wollte nicht, dass sie sich selbst belogen, er wollte sich sicher sein, dass seine Gefühle Nayantai gegenüber mehr waren, als nur die Angst alleine zu sein und die Freude darüber, dass er es für den Moment nicht war. Andererseits sollte er die Gefühle vielleicht ganz vergessen, es schien ihn zu sehr aufzuwühlen und machte ihn noch verwundbarer als er ohnehin schon war, ebenso wie es den verletzten Wolf noch tiefer in die Knie zu zwingen schien. Halfen sie einander wirklich, wenn sie sich im Arm hielten, oder was die Freude nur temporär und würde sie am Ende in ein noch tieferes Loch stürzen? "Ich werde dich... nie vergessen...", murmelte Rain ohne darüber nachzudenken, aber es war die Wahrheit. Selbst wenn der Wolf von hier verschwand und selbst wenn Rain in der Lage wäre, doch noch eine Frau zu finden die er lieben konnte, dann würde der Wolf dennoch stets in seinem Gedächtnis verweilen und vielleicht sogar in seinem Herzen. Ein Teil davon gehörte vermutlich schon ihm und das für immer...

      Rain hätte keinen unrealistischen Traum anfangen sollen, dessen Verwirklichung so viel schwieriger sein würde, als eine Reise in den Süden. Wie sollte ein schwacher, junger Fürst seinen Vater davon überzeugen den krieg einzustellen? Wie sollte er den König überzeugen, der ganz offensichtlich ein verblendeter, egoistischer Fanatiker war, der die Wölfe aus absurden Gründen abschlachtete und dabei seine eigenen Landsleute scharenweise in den Tod schickte? Wieso machte Rains Vater da noch mit, wieso machte irgendjemand da noch mit? Was war Ehre wert, wenn sie einem Mann galt, der so ehrlos war? Rain konnte sich an den Frieden nicht erinnern, aber er wusste, dass sein Vater den alten König geschätzt hatte, aber so wenig wie Rain sein Vater war, genauso wenig glich der jetzige König seinem Vorgänger. Rain drückte die Hand des Wolfes, die Gedanken die er da immer weiter führte konnten ihm sein Leben kosten, er durfte nicht an so etwas denken und er wusste auch, dass selbst wenn er Fhaergus irgendwann übernahm, er einen Kampf gegen den Rest des Landes nicht gewinnen konnte... Er war schwach, weich und unerfahren und er wollte sein Volk nicht in einen blutigen Krieg stürzen um Nayantais zu retten, er konnte es nicht. "Es wird immer Wölfe geben...", murmelte Rain, der nicht wusste wie viel Nayantai von den Geschehnissen am Schlachtfeld wusste, vermutlich nicht so viel. Wollte er es überhaupt wissen? "Die Bewegungen der Truppen...", Nein das verstand Nayantai nicht, er musste es einfacher erklären. "Den Schafen wird zu kalt. Sie kommen nur langsam weiter und Thria ist groß... Ich weiß, dass das andere Ende von Thria nicht deine Heimat ist und ihr euer Land zurück wollt, aber... ihr müsst nicht sterben." Rain schüttelte leicht den Kopf und drückte Nayantai enger an sich. "Mir ist auch zu kalt... außerhalb dieser Mauern...", murmelte er, obwohl Nayantai es längst wusste, obwohl er wusste, dass er Rain nirgendwo hin bringen konnte und das er vor Allem nicht einfach alles zurück lassen konnte. "Wenn du etwas tun willst... dann musst du trotzdem erst einmal zurück nach Thria. Wenn du gehst... wenn du es einmal durch Adrestia geschafft hast, dann schaffst du es auch zurück hier her, du... könntest mich besuchen...?"
    • "Hin und wieder", nuschelte der Wolf in das wenige Fleisch des Lammes hinein, in den Stoff, den er trug, damit er sich vor der Kälte schützen konnte, während er hoffte, er müsste nie wieder frieren. Nayantai wusste es allerdings nicht - reichte es denn? War es denn eine Wahrheit, mit der er leben wollte? Mochten sie einander nur, weil die Angst in ihrem Inneren loderte wie eine Flamme, die nach neuem Feuerholz suchte? Oder gab es doch einen anderen Beweggrund dafür? "Aber vielleicht ... sind wir einfach nur verrückt", sprach er schließlich aus. Rain würde ihn vermutlich nicht verstehen, kannte das Wort in der fremden Sprache gar nicht erst, aber was kümmerte es ihn? Sie beide waren nicht mehr als das Resultat ihres Lebens - ihrer Schmerzen, ihrer Trauer und ihren Ideologien. Wohin also mit ihnen? Hier waren sie nicht willkommen, Thria war keinen Steinwurf entfernt und würde sie auch nicht mit offenen Armen empfangen - aber der Süden, dort, wo sie keiner kannte, wäre kein schlechter Ort, auch, wenn er nicht mehr als ein Traum war. Was wohl zuerst kam? Die Wahrheit, die auf sie herabprasselte oder doch eher die Erfüllung ihrer Wünsche und Träume? "So lange ich hier bin, kannst du mich auch gar nicht vergessen." Immer wieder würde er Rain auf der Nase herumtanzen, also war es vollkommen egal, wie sie miteinander umgingen - Nayantai würde nicht so schnell verschwinden, auch, wenn er es vermutlich sollte, bevor er sich noch mehr Gefühle einfing, die er nicht haben durfte.

      Hatte er sein Herz schon verschenkt? War er noch in einem Stück? Der Wolf richtete sich wieder auf, suchte nicht länger die Nähe eines einfachen Lammes, sondern wollte es wieder ansehen, als würde es alle Antworten in seinen Augen beherbergen, die er hören wollte - und was dann? Rain konnte ihm nicht mehr sagen als das, was er hören oder nicht hören wollte; sie beide gehörten einander, das vermochte war zu sein, aber was dann? Mehr als sich anzusehen, sich zu fragen, wieso sie sich ihr Leid teilten, das konnten sie nicht. Sich gegenseitig Steine in den Weg zu werfen, das war vielleicht einen Versuch wert, aber was dann? "Mhm, aber es sind nicht wirklich Wölfe", antwortete er dem Lamm und schüttelte den Kopf. Egal wo, oder egal wie - sie waren keine Kinder Thrias mehr, wussten nichts von dem, was ein echter Wolf durchlebte - sie würden den blutigen Krieg nicht kennen, doch mehr als Schoßhunde für Schafe wären sie auch nicht. Was war besser? Eine Welt aus Schmerz und Leid nicht zu kennen, oder aber nicht zu wissen, wer man selbst war? "Die Schafe schaffen es nie bis zum Meer", antwortete ihm der Wolf, der seinen Blick wiederum der Schulter des Lammes zu wandte. "Es wird bitterkalt ... und auch, wenn uns nur ein Fetzen Land bleibt, dann ist es immer noch Thria ... aber ... nicht jeder will dort hin." Wölfe verstanden sich auch untereinander oft nicht und selbst, wenn er Rain sagen würde, er war am Eismeer aufgewachsen, dass es eigentlich seine Heimat war, machte es wenig Sinn - Thria war seine Heimat, alles davon. "Das lässt sich lösen", auch, wenn es aufwendig war - wenn es Rain dort draußen zu kalt war, dann lag es eben an ihm, das Lamm warm zu halten, auch, wenn es umständlich sein könnte, eben genau das zu tun. "Ich nehme dich mit - glaubst du wirklich, ich lasse dich hier, nur, damit ich dich besuchen kann? Etwas frische Luft wird dich nicht umbringen, geschweige denn würde es dir schaden, wenn du Erfahrung sammelst."
      Looking back, it maybe is like the toy carts you rode when you were a kid. But those toy carts could never go beyond the walls of the lawn. We want to follow the rugged concrete road beyond the wall. As we've grown, we've decided to leave behind the toy cart.
    • Angst reichte vielleicht um weg zu laufen, oder zu kämpfen, aber beides waren keine Optionen die Rain gerne in Erwägung zog. Er lief schon immer fort und er war zu schwach, um zu kämpfen, abgesehen davon sollte doch der ganze Krieg und die Uneinigkeit einfach enden. Er konnte mit einem Wolf in einem Raum sein, ohne dass dieser ihn tötete, sie waren keine Monster, nicht alle von ihnen und die Schafe waren es auch nicht. Wie viele Soldaten gab es schon, die tatsächlich gerne in den Krieg zogen? Warum taten sie das alles?
      Rain schüttelte den Kopf, diese Gedanken brachten alle nichts. "Das... meine ich doch nicht. Wenn du weg bist, dann bleibst du trotzdem in meinem Herzen...", murmelte Rain, war sich aber sicher, dass der Wolf schon wusste, was er gemeint hatte. Er zog ihn nur wieder auf und Rain lächelte, weil es in dieser Situation trotzdem natürlich wirkte und sie nicht nur von Trauer und falschen Hoffnungen umgeben sein mussten.

      Er sah auf, als Nayantai seinen Kopf von Rains Brust entfernte und blickte ihm in die tiefen, dunklen Augen. "Nicht wirklich... Wölfe...?", fragte Rain ein wenig verwirrt, er verstand nicht was Nayantai damit meinte, aber vielleicht wollte er auch nur sagen, dass es nicht seine Wölfe waren, nicht seine Familie, sondern entfernte Verwandte die er nicht kannte. "Ich weiß... es ist nicht einfach, aber ihr werdet überleben, das wollte ich sagen...", murmelte Rain, aber vermutlich war es nicht sein Platz das zu sagen und er schüttelte den Kopf. "Vergiss es, tut mir Leid. Ich will nur nicht, dass du deine Hoffnung verlierst..." Erneut musste er den Kopf schütteln, weil Nayantai einfach nicht locker lassen wollte, weil er ihn unbedingt mit nach Thria, oder vielleicht tatsächlich in den Süden nehmen wollte. "Nayantai... Fhaergus wird eines Tages mein sein. Ich kann nicht... weg.", widersprach er und legte nun seine eigenen Hände aufeinander, drückte seine Finger, als könnte es ihn beruhigen. "Und ich... glaubst du... glaubst du ich sperre mich gerne hier ein? Bei meiner Geburt habe ich keinen Mucks von mir gegeben... ich habe kaum geatmet, ich war immer schon schwach und man sagte meinen Eltern, dass ich da draußen nicht überleben kann, ich... ein offenes Fenster kann mich töten! Selbst wenn ich es bis zu den Wölfen schaffen würde, was mache ich denn dort? Du hast selbst gesagt, jemand der eine Last ist, der sollte sich lieber selbst die nächste Klippe herunter werfen! Willst du mich den ganzen Weg nach Thria tragen?! Ich kann nicht einmal die Treppe am Eingang hinauf laufen und ich besitze nicht einmal irgendwelche Fähigkeiten, die in Thria nützlich wären! Du hast mich vorhin im Bad gesehen... sieh mich jetzt an! Glaubst du wirklich, dass du mich den ganzen Weg mit dir schleppen willst? Dein restliches Leben, weil ich nicht alleine überleben kann, wie ein Kind?!" Rain wusste nicht, was plötzlich in ihn gefahren war, aber ein Husten unterbrach seinen Redeschwall, als würde sein Körper seine Worte untermalen wollen. Er wandte sich ab, legte eine Hand auf seine schmerzende Brust... er musste sich beruhigen, bevor er in ein tiefes Loch fiel, in das er schon lange nicht mehr gefallen war. Das pochende Herz unter seiner Brust machte ihn jedoch nur noch aufgeregter. Er schloss die Augen, biss die Zähne zusammen und zwang seinen Körper herunter zu fahren.
    • Angst, Schmerzen, vielleicht auch die Vergänglichkeit der Menschen - war das nicht erst, warum sie sich an ihre Regeln gebunden sahen, weswegen sie sich so fühlten, als müssten sie sich Dinge versprechen und eben diese auch erfüllen? Nahm man erste Worte in den Mund, dann mussten sie fast der Wahrheit entsprechen - dann konnte man sich nicht länger belügen, nicht länger behaupten, man wäre jemand, der man nicht sein konnte - ein Wolf konnte kein Schaf sein, ein Schaf konnte kein Wolf sein und doch wäre es vermutlich nicht das erste Mal, das jemand sein Herz an die falsche Person verschenkt hatte. Schwere Schritte würden seinen Körper zurück nach Thria bringen, abertausende Geschichten wären es, die man ihm erzählen könnte und viel zu viele davon waren darüber, wie viele seiner Waffenbrüder ihr Leben gelassen hatten - wie viele von ihnen verschleppt wurden, oder niedergebrannt - dass dieser Krieg ein aussichtsloser war und, dass er jedes Recht dazu hatte, sich schlecht zu fühlen, überhaupt noch zu leben. Der Geruch von Schwefel lag in der Luft und klebriges Blut würde seine Fingerspitzen benetzen, sein Hass würde wachsen - Nayantai wäre schneller, als man glauben wollte, wieder die Person, die er verabscheute. "Das weiß ich", entgegnete der Wolf, der lediglich den Kopf schüttelte und sich eine zweite Erklärung sparte. Rain konnte vermutlich versuchen, ihn einfach loszuwerden, konnte sein Bestes geben - und Nayantai würde ihm nachrennen, wie ein Welpe, der nicht ganz verstand, was man von ihm wollte.

      "Sie wären nicht mehr als Hunde"
      , sprach er, wusste aber nicht, ob das wirklich die Situation war, in der er ein Bellen imitieren sollte, nachdem sie beide wieder an einem unangenehmeren Punkt eben dieser Konversation ankamen - sie beide waren nicht mehr, als verloren und verwirrt, war es das? Oder redeten sie sich all das nur ein, damit sie vergessen würden, wer sie eigentlich waren und sich weiterhin die Welt schönreden durften? "Die, die die Kälte überleben, ja", denn nicht jeder Wolf würde die Temperaturen am Eismeer überleben. Der Wind war rau, kalt und fühlte sich so an, als könnte man sie nicht atmen, ohne in seinem Inneren zu erfrieren, sobald man auch nur nach ihr schnappte - sie war nicht dünn, aber so fühlte sie sich an. Sichtlich war es jedoch egal, die Schafe würden viel zu spät merken, dass sie an der falschen Stelle in Thria angekommen waren - dass auch die wärmste Kleidung sie nicht retten konnte und das die Wölfe, die sich zum Meer davonstahlen, die Überhand hatten, insofern sie dort blieben, wo sie waren. "Mach dir keinen Kopf darüber, ich ... will noch nicht sterben, also werde ich auch keine falschen Hoffnungen haben." Gelogen war es nicht, aber im Umkehrschluss hieß genau das, dass er alles, was er sagte, ab da auch einhalten musste. Er müsste Rain also wirklich nach Thria bringen, müsste wirklich überleben, müsste so viel mehr tun, als ein einfacher Mann bewerkstelligen konnte - so viel mehr, als jemand wie er tun konnte. Und dann?

      Seine Augen ruhten auf Rain, seine Ohren lauschten der empörten Worte, dem Wortschwall, der immer größer, immer schneller und immer mehr wurde - verstand er denn überhaupt alles, was das Lamm über die Lippen brachte? Vermutlich nicht, das musste er aber auch nicht. Nayantai schloss, ungefragt, die Nähe zwischen den beiden und legte seine Hand auf den Rücken des aufgeregten Lammes. "Rain", murmelte der Wolf. "Bis Fhaergus dir gehört ... dauert es noch eine ganze Weile", der Vater des Schafes lebte noch, hatte sich über die Berge, vermutlich zurück in den aussichtslosen Krieg geschlagen, dorthin, wo er sich wohl fühlte, wo er im Blut der Wölfe baden konnte - doch wenn er den Weg hierher überlebt hatte, dann würde wohl selbst kein Wolf es schaffen, ihn alsbald zu töten. "Wenn ich dich nach Thria oder in den Süden tragen muss, dann tue ich es eben - hör auf, dir Schwachsinn einzureden. Niemand hat behauptet, dass du nichts kannst, niemand erwartet von dir, dass du das kannst, was ich kann - du bist du, ich bin ich", brummte er und strich dem Lamm sanft über den Rücken, wollte den Zerfall dessen Körpers ignorieren - wollte sein Husten nicht mehr hören, sondern nur hoffen, er würde zu sich selbst finden. "Wenn du noch nie dort draußen warst, woher willst du wissen, dass es dich umbringt? Fhaergus ist kalt, Thria ist kalt - aber wenn dir nur kalt ist, dann glaube ich nicht, dass sommerliches Wetter das Schwert sein wird, das dich in die Knie zwängt", erklärte er Rain. Was kam danach? Eine Lektüre darüber, dass er eindeutig den Verstand verloren hatte, dass er Rain nicht so behandeln konnte, wie er es wollte? "Meintest du nicht, du gehörst mir? Dann kann ich dich dorthin mitnehmen, wohin ich will."
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    • Die Worte des Wolfes halfen Rain nicht dabei sich zu beruhigen, sie machten keinen Sinn und wenn er ehrlich war, wollte er hier überhaupt weg? Seine Pflicht hielt ihn hier und ein Leben mit Nayantai klang schön, aber konnte niemals Realität werden. Wie lange würde es wohl dauern, bis das Lamm ihm zu anstrengend wurde und er es einfach irgendwo liegen ließ, wenn es nicht schon gestorben war, nachdem es das erste Mal die Luft da draußen geatmet hatte. Wie lange würde es dauern, bis der Wolf merkte, dass das Objekt seiner Begierde nutzlos war, dass es mehr Arbeit machte, als es Freude bereitete und dass er ohne es besser dran wäre? Rain konnte keine Berge erklimmen, er konnte keine Wanderung nach Thria antreten, er konnte ja nicht einmal vor die Tür gehen. Zwanzig Jahre waren es, zwanzig Jahre in denen ihm Tag ein tag aus eingebläut wurde, dass die Welt da draußen ihn töten würde, dass er niemals Gras unter seinen nackten Füßen spüren konnte, weil eine Krankheit sich ihren Weg durch seine Haut, in seinen Körper graben würde. Wie oft musste er erst krank werden, weil er sich nicht von der Kälte fern gehalten hatte und wie oft musste er keuchend auf dem Boden liegen, weil er mehr aus seinem Körper heraus holen wollte, als er konnte. Nicht einmal anbrüllen konnte er den Wolf, ohne dass ihm die Luft aus ging.

      "Ganz... Fhaergus... wird dich... jagen...", keuchte er und beugte sich nach vorne. Er stützte eine Hand auf den Boden, der von dem dicken Bärenfell bedeckt war, seine Augen fingen an zu tränen und dieses Mal nicht, weil er schon wieder traurig war, oder so glücklich, dass er weinte. So vieles wollte er erwidern, aber ihm fehlte die Luft um zu antworten. Alles was der Wolf sagte, klang wie eine Lüge, um das arme, schwache Lamm zu beruhigen. Wie oft hatte man ihm gesagt, dass er sowohl etwas konnte, dass er das Zeug zum Fürsten hatte und nun saß er hier mit einem Feind und ließ ihn sich umarmen, küsste ihn... welcher Fürst würde das tun? Rains Hand klammerte sich in das Fell, er war wütend, wütend darüber, dass er dem Wolf nicht einmal seine Meinung sagen konnte. Was wollte der Wolf von ihm? Sollte er nur testen ob er da draußen nicht starb, damit er es wusste? Was wenn es stimmte und er tot umfiel, was hätte irgendjemand davon? Wieso sollte er auf einen Wolf hören, der augenscheinlich keine Ahnung von Rains Zustand hatte und auch kein Mediziner, oder Priester war, warum sollte er auf einen Wolf hören, der keinerlei Qualifikation besaß und einfach nur nicht von seinem Spielzeug ablassen wollte, in das er sich verbissen hatte. Wie wollte der Wolf mit Rain im Schlepptau überhaupt nach Thria kommen? Wenn ihn so viele Menschen suchten und er langsam war, weil er das Lamm mit sich schleppen musste? Er bekam keine Luft, nur weil er sich aufregte, wie sollte das erst sein, wenn er durch die gefährliche Welt da draußen marschierte? Nein! Langsam bekam er das Gefühl, als wollte der Wolf ihn töten, aber diese Gedanken halfen nicht dabei, sich selbst wieder zu fangen. Jedes Mal wenn er Luft ein sog, blieb sie einfach stecken, wollte nicht in seinen Körper gelangen. Ausatmen musste er... sich beruhigen... aber das war nicht so einfach, wenn man seinen eigenen Körper mit jeder Faser hasste und wenn man nichts hatte, woran man sich klammern konnte. Er kniff die Augen fester zusammen, wollte alles ausblenden, bis er sich schließlich mühsam aufrichtete und sich anschließend in die Richtung kippen ließ in der er Nayantais Körper vermutete. Er wollte seine Nähe, er wollte seine Wärme spüren, damit er sich darauf konzentrieren konnte nicht zu ersticken.
    • "Na und? Es ist ja nicht so, als ... würde man mich ... und mein Volk nicht jagen", war die schroffe Antwort des Wolfes. Es war bloß die Wahrheit, die er nur ungerne aussprach. Sie Wölfe hatten keinerlei Existenzberechtigung mehr, geschweige denn kümmerte man sich darum, wie es ihnen eigentlich gehen sollte - sie waren Schandflecken in diesem Land, die ein fanatischer König beseitigen wollte, doch wenn er es schon wagte, nach einem Traum zu greifen, wieso behielt er sich dabei nicht das ein oder andere Andenken? Nayantai war nicht mehr als das gewesen, hätte nicht mehr als die Erinnerung an ein vergangenes Volk sein sollen und doch war es wohl der König gewesen, der sich nicht dazu imstande gesehen hatte, los zu lassen - der geglaubt hatte, er könnte auf ewig mit seinem Spielzeug verkehren, bis auch dieses nicht mehr als ein blutiger Haufen an triefendem Fleisch war, das sich nicht mehr rührte. Wie lange noch? Wie oft noch? Er schluckte den Kloß in seinem Hals herunter, war sich dessen bewusst, dass das hier kein Zeitpunkt dafür war, sich an eine verlorene Existenz zu erinnern - an einen sterbenden Geist, der vermutlich noch immer, irgendwo, angekettet in einem Bett lag und die Sekunden zählte, die es noch dauerte, bis er entkommen konnte, bis sein unwilliger Körper sich bewegte und seinem unzufriedenen Geist gehorchte.

      Seine Augen ruhten erneut auf dem Schaf, das kein einziges Wort mehr über die Lippen zu bringen schien. Nayantai mochte des Öfteren behaupten, dass die Taten und Worte von bestimmten Personen nicht zusammenpassten, aber Rain verhielt sich so, als würde irgendetwas nicht stimmen - so, als hätte er Schmerzen. Konnte er ihm überhaupt helfen? Wollte er das? "G-geht es dir gut?", fragte er, aber seine Frage schien auf taube Ohren gefallen zu sein, als die Stille sie beide einnahm. Gab es denn mehr, das er tun konnte, außer hier sitzen und zu hoffen, dass Rain es schaffte, seine Worte zu hören? Was war nur plötzlich in den jungen Fürsten gefahren? "Rain?" Kaum sprach er den Namen des Lammes aus, landete es in seinen Armen - sein Rücken an ihn gelehnt und sein Gesicht noch immer aus seinem Sichtfeld entfernt. Ein mulmiges Gefühl machte sich in seinem Magen breit, als er die Arme locker um ihn legte, zu ergründen versuchte, was Rain ihm mitteilen wollte, oder was genau sein Körper sprach. "Beruhig' dich", faselte er vor sich hin und, so ungeschickt er auch war, fing er an, einen und dann zwei Knöpfe am Hemd des Lammes zu öffnen, als würde es eben dadurch ersticken und nicht, weil es sich zu sehr aufgeregt hatte. "Atme tief ein und dann aus", aber was half das auch?
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    • Da war er, der warme Körper des Wolfes der Rain in den letzten Tagen so viel Trost gespendet hatte und es auch jetzt sollte. Er spürte die Arme die sich um ihn legten wie eine wärmende Decke. Das war alles woran er denken wollte, nicht an ihren Streit, nicht an die Diskussion eben. Er wollte nicht an die sterbenden Wölfe denken, oder die waghalsigen Ideen, die er dem Wolf ausreden musste. Rain wollte nur Nayantais Wärme spüren und seine Stimme hören. Während er versuchte Luft zu bekommen und nicht gänzlich in Panik zu verfallen, merkte er, wie sich an seiner Brust irgendetwas tat und obwohl kurz darauf kalte Luft auf seine Haut drückte, fühlte er sich freier. Immer wieder drängten sich andere Gedanken in seinen Kopf, aber Rain sperrte sie aus, konzentrierte sich weiter auf den Wolf und das was er gesagt hatte. Atmen, ja, er musste atmen und sich beruhigen. Er riss sich zusammen, wollte Luft holen, nur um an dieser beinahe schon wieder zu ersticken. Nicht verunsichern lassen. Nun versuchte er tief auszuatmen, die Luft verließ zitternd und in Stößen seine Lunge, von einem Husten begleitet, aber beim nächsten Mal einatmen, fand sich tatsächlich auch wieder Sauerstoff in seinem Körper. Er wiederholte das, atmete tiefer und tiefer, bis er sich schließlich wieder einigermaßen normal fühlte.

      Rain zitterte leicht, aber es ging ihm besser. Er nahm sich noch ein paar Atemzüge und schloss die Augen. Sein Kopf schmerzte und er war müde, aber sonst... war es in Ordnung. Er legte seine Hände auf die Arme die um ihn lagen, wollte sie genau dort haben und drehte seinen Kopf ein wenig, damit er Nayantai zumindest ein wenig ansehen konnte. "Siehst...du...?", war das erste das er keuchte, schluckte das aufkommende Husten herunter und schloss erneut die Augen. Sein Kopf war schwer, er wollte ihn nicht halten und ließ sein ganzes Gewicht auf Nayantai ruhen. "Es...tut mir Leid...", murmelte er. Er wollte ihre Diskussion nicht so beenden und vor Allem wollte er Nayantai keine Angst machen. Er konnte sich gar nicht an das letzte Mal erinnern, dass er so einen Anfall bekommen hatte, aber er konnte nicht sagen, dass er es vermisst hätte. Dennoch zeigte ihm sein Körper erneut, dass er definitiv nirgends hin reisen konnte, als ermahnte er ihn dafür, dass er sich solche Ideen überhaupt angehört hatte.
    • Beinahe klischeehaft war es zu behaupten, dass der Wolf sich so fühlte, als hätte er diese Situation schon mehrmals durchlebt - als wäre es nicht das erste Mal gewesen, dass er Rain in seinen Armen hielt - und das war es auch nicht. Normalerweise hielt er immer einen gewissen Sicherheitsabstand zu einem Schaf ein - so weit, dass er es zwar noch mit der Spitze eines Speeres erstechen konnte, aber es ihm nicht zu nahe käme. Hier hingegen schien es eher so zu sein, als ob der Wolf es nicht schaffen würde, sich besagtes Schaf vom Leib zu halten, sondern es auch noch begrüßte, wenn es sich ihm annäherte und liebend gerne die Arme um es schlang, als empfand er mehr für ihn - als würde er nicht glauben, dass Rain lediglich gefundenes Fressen für ihn wäre, wenn es bitterkalt werden würde und die Schafe ihr Leben ließen. Und dann? Könnte er Rain einfach so beißen, sich einfach so überwinden und ihn fressen? Sollte er nicht lieber den Abstand zu ihm wahren, daran denken, dass das, was das Lamm noch eben gesagt hatte, der Wahrheit entsprach? Glaubte er wirklich, er konnte die Bürde auf sich nehmen, ihn verschleppen, noch mehr Zorn und Hass für sein Volk erlauben, nur, weil er als Kurzschlussreaktion einem Lamm mehr gab, als es haben sollte? Rain konnte dennoch nicht recht haben - er würde die Träume, die sie sich beide aus der Luft gegriffen hatten, in die Wahrheit verwandeln.

      "Ja? Und?", antwortete der Wolf, der seine Arme um das Lamm hängen ließ, das sich wieder einigermaßen beruhigte, das wieder herausfand, dass seine eigentliche Aufgabe es war, zu leben. Zu leben ... hier zu bleiben und vor sich hin zu vegetieren, bis er irgendwann keine Luft mehr bekäme, bis es irgendwann unmöglich für ihn war, seinen Körper weiterhin zu Dingen zu zwingen, die eben dieser nicht wollte. Nach was verlangten sie beide? Der Freiheit - der Möglichkeit, dieses Gebäude hinter sich zu lassen, sich nicht länger von steinernen Mauern eingepfercht zu fühlen und zu glauben, jeder Atemzug konnte ein Letzter sein. Nayantai legte seinen Kopf auf die Schulter des Lammes, auch, wenn es gerade versuchte, ihn anzusehen. "Es ist in Ordnung", murmelte er als Antwort und drückte seine Arme etwas mehr an ihn, als wolle er ihn gar nicht erst loslassen - als hätte er umso mehr den Drang dazu, ihn zu beschützen. War es das? Waren es die Gefühle, die er mit Liebe verwechselte? Ließ er Rain alleine zurück, dann hatte er noch immer Bedienstete, die sich um ihn kümmern würden - es wäre egal, Nayantai schuldete ihm nicht mehr als sein Leben, das sich das Schaf nicht nehmen wollte. Er war, im wahrsten Sinne des Wortes, unsicher. "Geht es dir besser?"
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    • "Du bist...stur...", murmelte Rain, dessen Körper erst absolut nichts unternehmen wollte und lieber in sich zusammen fiel und sich nun so anfühlte, als wären Rains Arme und Beine mit Blei gefüllt. Er ließ seine Hände von Nayantais Armen einfach nach unten rutschen, ließ locker und wollte sich keinen Millimeter mehr bewegen. Seine Hände landeten auf dem dichten Fell unter ihnen und Rains Finger griffen danach, als würde es ihm halt geben. Er wollte die Fasern spüren, als müsse er sicher gehen, dass er noch hier war, dass er noch lebte und er nicht eben in den Armen des Wolfes gestorben war. Es schien jedoch, als wäre das irgendwann sein Schicksal und es war irgendwie schöner, als alleine zu sterben. Außerdem, war es nicht Aufgabe eines Schafes zu kämpfen, solange, bis sie gewonnen hatten, oder die Wölfe sie nieder streckten? Vielleicht machte er dann auf eine verdrehte Art und Weise doch etwas richtig.

      "Es... ich... kann wieder atmen...", murmelte Rain etwas erschöpft und war sogar zu müde, um sich über seinen Körper zu beschweren, oder daran zu denken, den Wolf wieder von sich zu schieben, damit er ihm sagen konnte, dass er sich besser von ihm fern hielt. Sein Verstand hatte gerade nichts mehr zu melden und hatte ihn erst in diese Lage gebracht, weil Rain sich eben zu viele Gedanken gemacht hatte. Hätte er die Worte des Wolfes einfach angenommen, dann wäre vermutlich gar nichts passiert. "Egal... wie sehr ich mich wehre, ich... lande doch sowieso wieder in deinen Armen. Also ja... tu mit mir was du willst...", seufzte Rain. Und wenn Nayantai ihn nach draußen brachte, Rain seine Atemnot überwand und am Ende mit dem Wolf genau wie jetzt da saß, nur um die vielen Sterne zu beobachten...? Wenn er dann sterben würde, wäre es so schlimm? Wäre es nicht sogar besser, als mehr Zeit in seinem eigenen kleinen Gefängnis zu verbringen?