@Sakura10
@Rambow
Die Nacht über dem Zauberwald lag stumm und tonlos da, gequetscht unter einem Himmel, der viel zu dunkel schien, um echt zu sein. Es war diese Art von Kälte, die sich nicht langsam über die Haut legte, sondern augenblicklich in die Knochen biss, scharf wie zerbrochenes Glas und bitter wie altes Eisen. Ein Windzug pfiff durch die kronenlosen Wipfel der Uralten, doch er trug kein Rauschen von Blättern mit sich, sondern nur das trockene, hohle Knacken von gefrorenem Holz.
Ich saß auf einem ausladenden, moosbewachsenen Ast einer mächtigen Fichte, die Beine gelassen über den Abgrund baumelnd. Meine Hand lag fest um das verwitterte, dunkle Holz meines Hirtenstabs geschlossen. Das Biegungsende des Stabs war vom Alter und unzähligen Zaubern gezeichnet, die Rinde an manchen Stellen tief eingeritzt und von schimmernden Rillen durchzogen. Ich ließ die Fingerspitzen über das Holz gleiten, spürte das vertraute, dumpfe Pulsieren der Magie, die tief in seinem Inneren schlummerte – und doch war da heutzutage immer dieses feine, giftige Schaudern, das mich begleitete.
Es war nicht mehr die reine, spielerische Kälte früherer Tage. Kein einfacher Winterzauber, der Schneeflocken auf Kinderhasen zauberte oder Eisblumen an Fensterscheiben malte. Seit diesem verdammten Tag, an dem der Himmel aufgeplatzt war, hatte sich alles verändert.
Ich hob den Blick und sah hinauf. Der Himmel war von tiefblauen, violetten und rußschwarzen Schlieren durchzogen. Wie eine Narbe zog sich die Spur des Meteoritensturms über das Firmament. Damals war das Licht nicht einfach nur gefallen; es hatte die Luft verbrannt. Ich erinnerte mich noch genau an den Moment, als die glühenden Brocken durch die Erdatmosphäre gebrochen waren. Sie hatten keinen warmen Sternenstaub gebracht, sondern etwas Altes, Verderbtes, das tief aus den lichten Abgründen des Kosmos stammte.
Als ich damals versucht hatte, den Einschlag aufzuhalten, hatte die Fremdartigkeit dieser kosmischen Energie nach meiner Magie gegriffen. Mein einst makellos weißes, silbrig leuchtendes Eis war vor meinen Augen umgeschlagen. Es hatte sich dunkel gefärbt, tiefblau, fast pechschwarz an den Kanten, durchsetzt mit scharfen Schatten. Seitdem trug ich diese Veränderung wie einen Fluch unter der Haut. Wenn ich mich zu sehr anstrengte oder die Kälte tief aus meiner Brust hervorholte, zeichneten sich feine, bläulich schimmernde Frostadern unter meiner blassen Haut ab. Meine eigenen Kräfte forderten ihren Tribut, tranken von meiner Lebensenergie und hinterließen ein nie endendes, melancholisches Brennen in meinen Adern.
Ein leises Knistern riss mich aus meinen Gedanken. Ich blickte hinab auf den Waldboden direkt unter meinem Baum. Wohin auch immer meine Sohlen den Boden berührten oder wo das Holz meines Stabs auflag, kroch ein rauer, krebstartiger Teppich aus schwarzem Frost über die Erde. Er erstarrte das Moos, ließ die Gräser knistern und mit einem leisen Klirren zerbrechen.
Ein spöttisches Schmunzeln stieg auf meinen Lippen auf, doch es erreichte meine Augen nicht. Schattenfrost. So würde man es wohl nennen, wenn es da draußen noch jemanden gäbe, der Namen für Dinge wie mich hatte. Für die Welt da draußen war ich ohnehin längst ein Mythos, ein Gespenst, eine Schauergeschichte, die man sich am Kaminfeuer erzählte, um die Kinder vor dem tiefen Wald zu warnen. Der Einsame. Der Gefallene.
Plötzlich erbebte die Erde.
Es war kein normales Erdbeben. Es war ein tiefes, strukturelles Erschüttern, das tief aus dem Gestein drang, als würde die Welt selbst vor Schmerz aufkeuchen. Die Fichte unter mir schwankte dramatisch, und der Schnee, der auf den oberen Ästen gelegen hatte, stürzte in dichten Kaskaden herab. Ich stieß mich mit einer fließenden, fast gewichtslosen Bewegung vom Ast ab, spürte den Auftrieb des eisigen Winds, der sich blitzschnell um meinen Körper legte, und glitt lautlos ein Stück höher auf eine benachbarte Felsnase.
Aus der Ferne, tief aus der Richtung, wo einer der größten Meteoritenkrater das Land aufgerissen hatte, drang ein Geräusch durch den Forst. Ein schreckliches, schabendes Schreien. Es klang wie Knochen, die auf Schleifsteinen aneinandergerieben wurden, gepaart mit einem unnatürlichen, metallischen Fauchen.
Die Schattenkreaturen.
Sie waren mit den gefallenen Sternen gekommen. Gestalten aus Ruß, Verzweiflung und knöchernen Strukturen, die alles verschlangen, was ihnen an Leben begegnete. Seit Wochen jagte ich sie. Oder besser gesagt: Wir umkreisten uns wie Wölfe im Nebel. Ich suchte nach Antworten in den Kratern, und diese Biester bewachten die Trümmer ihrer eigenen, zerstörten Existenz.
Doch heute Nacht war etwas anders. Die Luft schwirrte von einer fremden, unberührten Energie. Es war keine kosmische Fäulnis und auch nicht der verbrannte Gestank der Krater.
Ich schloss für einen Augenblick die Augen, verengte die Pupillen unter den geschlossenen Lidern und atmete tief durch die Nase ein. Die Kälte zog durch meine Lungen. Und da war es: Ein feiner, beinahe süßlicher Duft von reinem Schnee, von klarem, unberührtem Gletschereis und einer Magie, die so makellos und hell war, dass sie mir fast in den Augen brannte, obwohl ich sie nur spürte.
Eine andere Eismagie.
Mein Herz schlug einen harten, unregelmäßigen Takt gegen meine Rippen. Seit Jahrhunderten hatte ich geglaubt, der Einzige zu sein. Der einzige Geist, das einzige Wesen, das die Kälte nicht nur ertrug, sondern sie formte, sie atmete, sie gebot. Wer auch immer dort draußen durch den Wald streifte, besaß eine Macht, die das direkte Gegenstück zu meinem rußigen Schattenfrost darstellte.
Mit einer geschmeidigen Drehung schwang ich meinen Hirtenstab durch die Luft. Die kühlen Luftströmungen gehorchten meinem stummen Befehl sofort. Sie griffen unter den Saum meines tiefblauen, abgewetzten Kapuzenmantels, hoben mich an und ließen mich schwerelos durch die Baumkronen gleiten. Der Wind war mein einziger Gefährte, eisig und treu, während er mich geräuschlos über die dunklen Wipfel trug.
Ich steuerte auf eine kleine, von alten Hinkelsteinen umgebene Lichtung zu. Von oben konnte ich sehen, wie die silbrigen Strahlen des Vollmonds durch die Wolkenlücken brachen und den tiefen Schnee erhellten. Und dort unten, inmitten der schimmenden Stille, sah ich sie.
Sie wirkte wie eine Erscheinung aus einer längst vergessenen Sage. Ihr langes, platinblondes Haar fing das Mondlicht auf wie flüssiges Silber, und ihr gewandtes Kleid aus gefrorenem Licht schimmerte bei jeder Bewegung. Sie war nicht allein gekommen; eine Spur aus reinem, weißem Frost zog sich hinter ihren Schritten her – so anders als meine eigene, zerstörerische Fährte. Doch was mich am meisten faszinierte, war die Macht, die von ihr ausging. Sie war die Quelle der reinen Magie. Eine Herrscherin über den Winter, unberührt von der Verderbnis, die mich gezeichnet hatte.
Ich ließ mich tiefer sinken, landete völlig lautlos auf einem niedrigen Felsvorsprung am Rande der Lichtung und zog die schwere Kapuze tiefer in mein Gesicht. Das dichte Tuch warf tiefen Schatten über meine Züge, nur das stechende, leuchtende Saphirblau meiner Augen schimmerte in der Dunkelheit hervor.
Ich beobachtete sie. Ich sah die Anspannung in ihrer Haltung, das vorsichtige, aber bestimmte Heben ihrer Hände, wenn sie die Umgebung sondierte. Sie spürte die Anomalie im Wald genau wie ich. Sie war hier, um zu untersuchen, was die Meteoriten angerichtet hatten. Und sie hatte keine Ahnung, wie gefährlich dieser Ort in diesem Moment wirklich war.
Denn die Dunkelheit um uns herum schweig nicht mehr.
Ein tiefes, vibrierendes Thud... Thud... Thud... erschütterte den Boden. Das Geräusch kam näher, rasend schnell. Es war das Stampfen von schweren, ungeheuren Gliedmaßen. Das Unterholz zerbarst mit lautem Knacken, Fichtenstämme wurden wie Streichhölzer zur Seite geschleudert. Der Gestank von geschmolzenem Stein und Verwesung schoss über die Lichtung.
Aus den tiefsten Schatten des Dickichts brach es hervor.
Es war eine der mächtigsten Skelettmonstrositäten, die ich je gesehen hatte – eine Albtraumgestalt, die die schemenhafte Form eines riesigen, schreckenerregenden Pferdes besaß. Doch dieses Wesen bestand nicht aus Fleisch und Blut. Sein Rosskörper war ein Gerüst aus pechschwarzen, verbrannten Knochen, durch deren Hohlräume ein glühendes, kosmisches Feuer brannte. Der Schädel war langgezogen, mit leeren, augenlosen Höhlen, aus denen kalte Schattennebel quollen. Seine Hufe waren massive Blöcke aus geschmolzenem Gestein, die bei jedem Aufprall tief in den gefrorenen Boden schmetterten und kochenden Dampf aufsteigen ließen.
Die Kreatur bäumte sich mit einem ohrenbetäubenden, schrill kreischenden Screeech auf, das das Trommelfell zerriss und die Vögel in meilenweiter Entfernung in Panik versetzte. Die Knochen ihres Halses knackten bedrohlich, als sie den wuchtigen Schädel senkte und die magische Präsenz der platinblonden Frau auf der Lichtung erfasste. Die reine Magie, die von ihr ausging, war für diese Schattenkreatur wie ein brennendes Leuchtfeuer – ein Ziel, das es zu vernichten galt.
Das Schattenpferd senkte den Kopf, schnaufte eine Wolke aus schwarzem Aschendunst aus und setzte zum tödlichen Ansturm an. Die gewaltigen Knochenhufe pfügte den Schnee um, als das Ungeheuer mit rasender Geschwindigkeit direkt auf sie zustürmte, bereit, alles unter seiner eisernen, verbrannten Masse zu zermalmen.
Zeit verlangsamte sich für mich.
Ich sah das Verderben auf sie zustürzen. Ich sah die gewaltige Masse des Knochenrosses, die tödliche Wucht dieses Aufpralls. Und in diesem Bruchteil einer Sekunde entschied mein Instinkt vor meinem Verstand.
Nicht heute. Nicht diese Magie.
Ich stieß mich vom Felsen ab. Ich flog nicht bloß – ich schnellte wie ein schwarzer Pfeil durch die Luft, getrieben von einem eisigen Windstoß, der die Schneemassen um mich herum aufwirbelte. Im Flug wirbelte ich meinen Hirtenstab herum. Meine Finger schlossen sich so fest um das Holz, dass meine Knöchel weiß hervortraten. Die Magie in meiner Brust explodierte mit einem wilden, schmerzhaften Brennen. Meine Adern färbten sich tiefblau, glühten unter der Haut auf, als ich den Schattenfrost tief aus meinem Inneren emporriss.
„Aus dem Weg!“, dachte ich nicht einmal, die Stimme blieb mir im Hals stecken, doch meine Handlung war eindeutig.
Ich landete mit einem hart klingenden Aufprall exakt in der Bahn zwischen der Frau und dem heranstürmenden Schattenungeheuer. Im selben Augenblick, in dem meine Stiefel den Schneeboden berührten, rammte ich das untere Ende meines Hirtenstabs mit ganzer Kraft in die gefrorene Erde.
WUUUSCH!
Eine Welle aus pechschwarzem, kristallinem Frost schoss in einer Wucht aus dem Holz hervor. Der Boden riss auf. Aus der Erde zackten meterhohe, rasmesserscharfe Stacheln aus dunklem Eis empor, die sich wie eine undurchdringliche, schimmernde Barrikade direkt vor der Schnauze des Schattenpferdes aufbäumten.
Das Ungeheuer knallte mit voller Wucht gegen den Schutzwall aus Schattenfrost. Das Geräusch von splitterndem Eis und berstenden Knochen dröhnte durch die Nacht. Die Kreatur wurde durch den abrupten Stopp zurückgeworfen, wiegelte wütend ab und stieß ein rasendes Brüllen aus, während dunkle Eiskristalle wie ein Hagelschauer über die Lichtung regneten.
Der kalte Nebel der Explosion hüllte die Lichtung in ein undurchsichtiges, blau-schwarzes Dämmerlicht.
Ich stand da, den Rücken zu der Frau gewandt, den Hirtenstab fest in beiden Händen vor mich gehalten. Mein Atem ging schwer und weiß, dampfend in der Nachtluft. Unter meinen Füßen breitete sich die schwarze Frostspur weiter aus, und die tiefblauen Adern auf meinen Händen verblassten nur langsam wieder.
Ganz langsam drehte ich den Kopf zur Seite. Unter dem tiefen Schatten meiner Kapuze blickten meine leuchtenden, blauen Augen über die Schulter hinab zu ihr. Die Luft zwischen uns war geladen mit einer elektrisierenden, fast schmerzhaften Spannung – das Aufeinandertreffen von hellem Licht und dunklem Frost.
Ich senkte die Spitze meines Stabs nur ein ganz kleines Stück, spannte die Muskeln an, bereit für die nächste Attacke der Bestie, und durchbrach die drückende Stille der Nacht mit einer tiefen, rauen Stimme:
„Steh nicht einfach nur da... Sie zu das du weg kommst.“
@Rambow
Die Nacht über dem Zauberwald lag stumm und tonlos da, gequetscht unter einem Himmel, der viel zu dunkel schien, um echt zu sein. Es war diese Art von Kälte, die sich nicht langsam über die Haut legte, sondern augenblicklich in die Knochen biss, scharf wie zerbrochenes Glas und bitter wie altes Eisen. Ein Windzug pfiff durch die kronenlosen Wipfel der Uralten, doch er trug kein Rauschen von Blättern mit sich, sondern nur das trockene, hohle Knacken von gefrorenem Holz.
Ich saß auf einem ausladenden, moosbewachsenen Ast einer mächtigen Fichte, die Beine gelassen über den Abgrund baumelnd. Meine Hand lag fest um das verwitterte, dunkle Holz meines Hirtenstabs geschlossen. Das Biegungsende des Stabs war vom Alter und unzähligen Zaubern gezeichnet, die Rinde an manchen Stellen tief eingeritzt und von schimmernden Rillen durchzogen. Ich ließ die Fingerspitzen über das Holz gleiten, spürte das vertraute, dumpfe Pulsieren der Magie, die tief in seinem Inneren schlummerte – und doch war da heutzutage immer dieses feine, giftige Schaudern, das mich begleitete.
Es war nicht mehr die reine, spielerische Kälte früherer Tage. Kein einfacher Winterzauber, der Schneeflocken auf Kinderhasen zauberte oder Eisblumen an Fensterscheiben malte. Seit diesem verdammten Tag, an dem der Himmel aufgeplatzt war, hatte sich alles verändert.
Ich hob den Blick und sah hinauf. Der Himmel war von tiefblauen, violetten und rußschwarzen Schlieren durchzogen. Wie eine Narbe zog sich die Spur des Meteoritensturms über das Firmament. Damals war das Licht nicht einfach nur gefallen; es hatte die Luft verbrannt. Ich erinnerte mich noch genau an den Moment, als die glühenden Brocken durch die Erdatmosphäre gebrochen waren. Sie hatten keinen warmen Sternenstaub gebracht, sondern etwas Altes, Verderbtes, das tief aus den lichten Abgründen des Kosmos stammte.
Als ich damals versucht hatte, den Einschlag aufzuhalten, hatte die Fremdartigkeit dieser kosmischen Energie nach meiner Magie gegriffen. Mein einst makellos weißes, silbrig leuchtendes Eis war vor meinen Augen umgeschlagen. Es hatte sich dunkel gefärbt, tiefblau, fast pechschwarz an den Kanten, durchsetzt mit scharfen Schatten. Seitdem trug ich diese Veränderung wie einen Fluch unter der Haut. Wenn ich mich zu sehr anstrengte oder die Kälte tief aus meiner Brust hervorholte, zeichneten sich feine, bläulich schimmernde Frostadern unter meiner blassen Haut ab. Meine eigenen Kräfte forderten ihren Tribut, tranken von meiner Lebensenergie und hinterließen ein nie endendes, melancholisches Brennen in meinen Adern.
Ein leises Knistern riss mich aus meinen Gedanken. Ich blickte hinab auf den Waldboden direkt unter meinem Baum. Wohin auch immer meine Sohlen den Boden berührten oder wo das Holz meines Stabs auflag, kroch ein rauer, krebstartiger Teppich aus schwarzem Frost über die Erde. Er erstarrte das Moos, ließ die Gräser knistern und mit einem leisen Klirren zerbrechen.
Ein spöttisches Schmunzeln stieg auf meinen Lippen auf, doch es erreichte meine Augen nicht. Schattenfrost. So würde man es wohl nennen, wenn es da draußen noch jemanden gäbe, der Namen für Dinge wie mich hatte. Für die Welt da draußen war ich ohnehin längst ein Mythos, ein Gespenst, eine Schauergeschichte, die man sich am Kaminfeuer erzählte, um die Kinder vor dem tiefen Wald zu warnen. Der Einsame. Der Gefallene.
Plötzlich erbebte die Erde.
Es war kein normales Erdbeben. Es war ein tiefes, strukturelles Erschüttern, das tief aus dem Gestein drang, als würde die Welt selbst vor Schmerz aufkeuchen. Die Fichte unter mir schwankte dramatisch, und der Schnee, der auf den oberen Ästen gelegen hatte, stürzte in dichten Kaskaden herab. Ich stieß mich mit einer fließenden, fast gewichtslosen Bewegung vom Ast ab, spürte den Auftrieb des eisigen Winds, der sich blitzschnell um meinen Körper legte, und glitt lautlos ein Stück höher auf eine benachbarte Felsnase.
Aus der Ferne, tief aus der Richtung, wo einer der größten Meteoritenkrater das Land aufgerissen hatte, drang ein Geräusch durch den Forst. Ein schreckliches, schabendes Schreien. Es klang wie Knochen, die auf Schleifsteinen aneinandergerieben wurden, gepaart mit einem unnatürlichen, metallischen Fauchen.
Die Schattenkreaturen.
Sie waren mit den gefallenen Sternen gekommen. Gestalten aus Ruß, Verzweiflung und knöchernen Strukturen, die alles verschlangen, was ihnen an Leben begegnete. Seit Wochen jagte ich sie. Oder besser gesagt: Wir umkreisten uns wie Wölfe im Nebel. Ich suchte nach Antworten in den Kratern, und diese Biester bewachten die Trümmer ihrer eigenen, zerstörten Existenz.
Doch heute Nacht war etwas anders. Die Luft schwirrte von einer fremden, unberührten Energie. Es war keine kosmische Fäulnis und auch nicht der verbrannte Gestank der Krater.
Ich schloss für einen Augenblick die Augen, verengte die Pupillen unter den geschlossenen Lidern und atmete tief durch die Nase ein. Die Kälte zog durch meine Lungen. Und da war es: Ein feiner, beinahe süßlicher Duft von reinem Schnee, von klarem, unberührtem Gletschereis und einer Magie, die so makellos und hell war, dass sie mir fast in den Augen brannte, obwohl ich sie nur spürte.
Eine andere Eismagie.
Mein Herz schlug einen harten, unregelmäßigen Takt gegen meine Rippen. Seit Jahrhunderten hatte ich geglaubt, der Einzige zu sein. Der einzige Geist, das einzige Wesen, das die Kälte nicht nur ertrug, sondern sie formte, sie atmete, sie gebot. Wer auch immer dort draußen durch den Wald streifte, besaß eine Macht, die das direkte Gegenstück zu meinem rußigen Schattenfrost darstellte.
Mit einer geschmeidigen Drehung schwang ich meinen Hirtenstab durch die Luft. Die kühlen Luftströmungen gehorchten meinem stummen Befehl sofort. Sie griffen unter den Saum meines tiefblauen, abgewetzten Kapuzenmantels, hoben mich an und ließen mich schwerelos durch die Baumkronen gleiten. Der Wind war mein einziger Gefährte, eisig und treu, während er mich geräuschlos über die dunklen Wipfel trug.
Ich steuerte auf eine kleine, von alten Hinkelsteinen umgebene Lichtung zu. Von oben konnte ich sehen, wie die silbrigen Strahlen des Vollmonds durch die Wolkenlücken brachen und den tiefen Schnee erhellten. Und dort unten, inmitten der schimmenden Stille, sah ich sie.
Sie wirkte wie eine Erscheinung aus einer längst vergessenen Sage. Ihr langes, platinblondes Haar fing das Mondlicht auf wie flüssiges Silber, und ihr gewandtes Kleid aus gefrorenem Licht schimmerte bei jeder Bewegung. Sie war nicht allein gekommen; eine Spur aus reinem, weißem Frost zog sich hinter ihren Schritten her – so anders als meine eigene, zerstörerische Fährte. Doch was mich am meisten faszinierte, war die Macht, die von ihr ausging. Sie war die Quelle der reinen Magie. Eine Herrscherin über den Winter, unberührt von der Verderbnis, die mich gezeichnet hatte.
Ich ließ mich tiefer sinken, landete völlig lautlos auf einem niedrigen Felsvorsprung am Rande der Lichtung und zog die schwere Kapuze tiefer in mein Gesicht. Das dichte Tuch warf tiefen Schatten über meine Züge, nur das stechende, leuchtende Saphirblau meiner Augen schimmerte in der Dunkelheit hervor.
Ich beobachtete sie. Ich sah die Anspannung in ihrer Haltung, das vorsichtige, aber bestimmte Heben ihrer Hände, wenn sie die Umgebung sondierte. Sie spürte die Anomalie im Wald genau wie ich. Sie war hier, um zu untersuchen, was die Meteoriten angerichtet hatten. Und sie hatte keine Ahnung, wie gefährlich dieser Ort in diesem Moment wirklich war.
Denn die Dunkelheit um uns herum schweig nicht mehr.
Ein tiefes, vibrierendes Thud... Thud... Thud... erschütterte den Boden. Das Geräusch kam näher, rasend schnell. Es war das Stampfen von schweren, ungeheuren Gliedmaßen. Das Unterholz zerbarst mit lautem Knacken, Fichtenstämme wurden wie Streichhölzer zur Seite geschleudert. Der Gestank von geschmolzenem Stein und Verwesung schoss über die Lichtung.
Aus den tiefsten Schatten des Dickichts brach es hervor.
Es war eine der mächtigsten Skelettmonstrositäten, die ich je gesehen hatte – eine Albtraumgestalt, die die schemenhafte Form eines riesigen, schreckenerregenden Pferdes besaß. Doch dieses Wesen bestand nicht aus Fleisch und Blut. Sein Rosskörper war ein Gerüst aus pechschwarzen, verbrannten Knochen, durch deren Hohlräume ein glühendes, kosmisches Feuer brannte. Der Schädel war langgezogen, mit leeren, augenlosen Höhlen, aus denen kalte Schattennebel quollen. Seine Hufe waren massive Blöcke aus geschmolzenem Gestein, die bei jedem Aufprall tief in den gefrorenen Boden schmetterten und kochenden Dampf aufsteigen ließen.
Die Kreatur bäumte sich mit einem ohrenbetäubenden, schrill kreischenden Screeech auf, das das Trommelfell zerriss und die Vögel in meilenweiter Entfernung in Panik versetzte. Die Knochen ihres Halses knackten bedrohlich, als sie den wuchtigen Schädel senkte und die magische Präsenz der platinblonden Frau auf der Lichtung erfasste. Die reine Magie, die von ihr ausging, war für diese Schattenkreatur wie ein brennendes Leuchtfeuer – ein Ziel, das es zu vernichten galt.
Das Schattenpferd senkte den Kopf, schnaufte eine Wolke aus schwarzem Aschendunst aus und setzte zum tödlichen Ansturm an. Die gewaltigen Knochenhufe pfügte den Schnee um, als das Ungeheuer mit rasender Geschwindigkeit direkt auf sie zustürmte, bereit, alles unter seiner eisernen, verbrannten Masse zu zermalmen.
Zeit verlangsamte sich für mich.
Ich sah das Verderben auf sie zustürzen. Ich sah die gewaltige Masse des Knochenrosses, die tödliche Wucht dieses Aufpralls. Und in diesem Bruchteil einer Sekunde entschied mein Instinkt vor meinem Verstand.
Nicht heute. Nicht diese Magie.
Ich stieß mich vom Felsen ab. Ich flog nicht bloß – ich schnellte wie ein schwarzer Pfeil durch die Luft, getrieben von einem eisigen Windstoß, der die Schneemassen um mich herum aufwirbelte. Im Flug wirbelte ich meinen Hirtenstab herum. Meine Finger schlossen sich so fest um das Holz, dass meine Knöchel weiß hervortraten. Die Magie in meiner Brust explodierte mit einem wilden, schmerzhaften Brennen. Meine Adern färbten sich tiefblau, glühten unter der Haut auf, als ich den Schattenfrost tief aus meinem Inneren emporriss.
„Aus dem Weg!“, dachte ich nicht einmal, die Stimme blieb mir im Hals stecken, doch meine Handlung war eindeutig.
Ich landete mit einem hart klingenden Aufprall exakt in der Bahn zwischen der Frau und dem heranstürmenden Schattenungeheuer. Im selben Augenblick, in dem meine Stiefel den Schneeboden berührten, rammte ich das untere Ende meines Hirtenstabs mit ganzer Kraft in die gefrorene Erde.
WUUUSCH!
Eine Welle aus pechschwarzem, kristallinem Frost schoss in einer Wucht aus dem Holz hervor. Der Boden riss auf. Aus der Erde zackten meterhohe, rasmesserscharfe Stacheln aus dunklem Eis empor, die sich wie eine undurchdringliche, schimmernde Barrikade direkt vor der Schnauze des Schattenpferdes aufbäumten.
Das Ungeheuer knallte mit voller Wucht gegen den Schutzwall aus Schattenfrost. Das Geräusch von splitterndem Eis und berstenden Knochen dröhnte durch die Nacht. Die Kreatur wurde durch den abrupten Stopp zurückgeworfen, wiegelte wütend ab und stieß ein rasendes Brüllen aus, während dunkle Eiskristalle wie ein Hagelschauer über die Lichtung regneten.
Der kalte Nebel der Explosion hüllte die Lichtung in ein undurchsichtiges, blau-schwarzes Dämmerlicht.
Ich stand da, den Rücken zu der Frau gewandt, den Hirtenstab fest in beiden Händen vor mich gehalten. Mein Atem ging schwer und weiß, dampfend in der Nachtluft. Unter meinen Füßen breitete sich die schwarze Frostspur weiter aus, und die tiefblauen Adern auf meinen Händen verblassten nur langsam wieder.
Ganz langsam drehte ich den Kopf zur Seite. Unter dem tiefen Schatten meiner Kapuze blickten meine leuchtenden, blauen Augen über die Schulter hinab zu ihr. Die Luft zwischen uns war geladen mit einer elektrisierenden, fast schmerzhaften Spannung – das Aufeinandertreffen von hellem Licht und dunklem Frost.
Ich senkte die Spitze meines Stabs nur ein ganz kleines Stück, spannte die Muskeln an, bereit für die nächste Attacke der Bestie, und durchbrach die drückende Stille der Nacht mit einer tiefen, rauen Stimme:
„Steh nicht einfach nur da... Sie zu das du weg kommst.“