Where Suns Meet [Asuna & Codren]

    • Where Suns Meet [Asuna & Codren]

      Die unendliche Wüste wurde unterbrochen von einer einzelnen Karawane, die sich ihren Weg über die Dünen bahnte. Nicht mehr als 20 Menschen waren es, um im Sand keine zu großen Spuren für die Kreaturen zu hinterlassen, und mit ihnen zogen 16 Kamele, bepackt mit wertvollem Gut und Ausrüstung, zu vier Zügen aneinander geleint. Es war eine kleine Truppe, gemessen an den weiten Ausmaßen der Wüste. Doch es war eine Truppe, die das Überleben in der Wüste sicherte.

      Momo hieß der tragende Händler dieser Karawane und war ein gedrungener Mann mit einem nervösen Blick, der lieber einmal zu oft über die Schulter blickte. Sein Haar war dünn und an einigen Stellen kahl, seine Schultern waren oft hochgezogen, sodass sein Rücken bereits einen kleinen Buckel bildete. Er war schon viele Jahre als Händler tätig, aber wo er in der Stadt selbstbewusst und intelligent auftrat, war er in der unbarmherzigen Wüste wie ein altes und ängstliches Kind. Das hier war nicht seine erste Karawane und es würde auch nicht die letzte sein, doch trotzdem setzte ihm die Wüste sichtlich zu. Er schien nicht dazu gemacht, einen Fuß hinter schützende Sandmauern zu setzen.
      Demgegenüber stand Wael, der Hauptmann ihrer wachtragenden Soldaten und der Verantwortliche für ihre Sicherheit. Er war wie eine Bastion in der Wüste, ein unbrechbarer Stein, der sich gegen Sand, Sonne, Sturm und Kreatur zu helfen wusste. Er war groß und kräftig, seine Beine wie geschaffen zum Laufen und seine Arme wie geschaffen zum Kämpfen, ein Vorbild für all jene, die sich hinter schützende Mauern wagten. Sein Blick war scharf und konnte selbst die kleinste Bewegung am Horizont ausmachen, eine Fähigkeit, die unsagbar wertvoll war. Entsprechend hoch ließ er sich den Dienst als Begleitschutz auch auszahlen.
      Und dann gab es noch Begleiter wie Rihmun, die nicht besonders ängstlich und nicht besonders mutig waren, Rihmun und etwa auch Azhar. Sie waren einfach nur da, um das Gefolge zusammen zu halten.

      Rihmun war nicht das erste Mal mit einer Karawane unterwegs, doch es war sein erstes Mal mit dem Händler Momo und dem Soldaten Wael. Er hatte seine Dienste angeboten, nachdem er gehört hatte, dass eine weitere Karawane losziehen würde und Momo war erst überrascht, dann misstrauisch gewesen, dass Rihmun ihn nicht zuerst nach dem Lohn gefragt hatte. Normalerweise ließ man sich königlich auszahlen, um die Gefahren der Wüste aufzunehmen und eine Reise wie diese anzutreten, doch Rihmun hatte zuerst nach der Anstellung, dann nach dem Geld gefragt. Und nachdem er ein bisschen gefeilscht hatte, damit Momo ihn vor lauter Misstrauen nicht doch stehen ließ, hatte der Händler ihn schließlich mitgenommen. Abgesehen von einer Überfahrt, erhielt er nun also auch ein anständiges Sümmchen, dafür, dass er erste Anzeichen der Sand-Krankheit früh genug entdeckte, dass er Hautausschläge behandelte, schlaflose Nächte milderte und im Falle eines Konflikts dafür sorgte, dass alle Beteiligten den nächsten Sonnenuntergang miterleben würden. Sollten sie ohne Begegnungen durch die Wüste kommen, nun, dann war es eine Arbeit wie auch in der Stadt. Und wenn nicht, dann hatten sie schließlich einen Priester dabei, den Rihmun darum bitten konnte, bei den Göttern ein gutes Wort für ihn einzulegen. Vielleicht sogar ein fantastisches Wort.
      Besagter Priester interessierte Rihmun, aber er konnte den Grund dafür nicht ganz deuten. Er war ihm bereits aufgefallen, als Momo die Truppe zusammengestellt und alle miteinander vorgestellt hatte, dieser kleinere Mann mit den lockigen Haaren und den lachenden Augen. Er war hübsch, hatte Rihmun befunden, der die Schönheit eines Menschen durchaus zu schätzen wusste. Anders hübsch als der raue Wael oder der kompakte Momo. Auf eine Weise hübsch, die Rihmun faszinierte, denn Azhar hatte irgendetwas eigenartiges an sich. Vielleicht lag es an der Art, wie er mit den Menschen sprach oder seine priesterlichen Gewänder trug, aber irgendetwas an ihm erregte Rihmuns Aufmerksamkeit. Vielleicht würde er es noch herausfinden, bevor die Reise zu Ende war. Genug Zeit dafür blieb ihm jedenfalls noch.

      Im Moment hatte Rihmun jedoch andere Gedanken als der Priester in der Karawane.
      “Trink das”, orderte er und drückte dem Soldaten eine Lehmschale mit einer zähen Flüssigkeit in die Hand. Karim, von Waels Gefolge, war vor zwei Tagen mit einem Husten aufgewacht, der nicht wieder abgeklungen war. Kleine Erkältungen waren nicht unüblich in der offenen Wüste, wo es nachts nur den Schutz der Zelte gab und kein Feuer, das sie zusätzlich warmhalten konnte, doch normalerweise verschwanden die Symptome über den Tag wieder, wenn die Beschwerden heraus geschwitzt wurden. Dass es bei Karim anhielt, beunruhigte Rihmun, doch das zeigte er niemandem. Stattdessen lächelte er ruhig, als gäbe es nichts zu befürchten. “Ich habe ein wenig Zimt hinein gestreut, damit es nicht so streng schmeckt.”
      Karim verzog das Gesicht. “Dann ist es genauso schlimm wie das Zeug von gestern?”
      “Manchen Leuten schmeckt es sehr gut, sogar den Kindern. Ich werde dir nicht sagen können, was dein Mund davon hält.”
      Karim sah ihn finster an, dann unterdrückte er ein Husten und kippte das Zeug hinab. Sein Gesicht verwandelte sich in eine Grimasse, sein Adamsapfel hüpfte beim Schlucken, dann würgte er und erschauderte. Und dann setzte das Husten wieder ein.
      Rihmuns Lächeln verblasste und er sah zu, wie Karim sich krümmte und hustete, so trocken wie der Sand, als hätte die Wüste ihn innerlich ausgezehrt. Er hustete und hustete und Rihmun wartete, mit einem Ohr dem Husten lauschend, mit dem anderen dem Lager. Es war noch früh am Morgen, kurz vor ihrem Aufbruch. Der Navigator würde gerade dem Stand der Sonne folgen, nachdem er nachts die Position der Sterne betrachtet hatte, um zu bestimmen, ob sie sich noch auf dem richtigen Kurs befanden. Wael würde die Ausrüstung überprüfen und Momo schlief vermutlich noch. Mit etwas Glück bekam niemand den Husten mit, der sich über Nacht wieder etwas verschlimmert hatte.
      Karim richtete sich bald wieder auf und nahm tiefe Atemzüge. Rihmun bedeutete ihm, sich zurückzulegen, und hielt für ein paar Sekunden das Ohr an seine Brust. Karims Herz raste, aber seine Lunge gab keine Geräusche von sich, auch dann nicht, als er auf Rihmuns Geheiß den Mund beim Atmen öffnete. Rihmun nickte, zog sich zurück und schrieb alles auf.
      “Es ist nicht die Sand-Krankheit, oder?”, fragte Karim besorgt, während er sein Hemd wieder schloss. Rihmun schüttelte den Kopf.
      “Nein. Mach dir keine Sorgen.”
      Aber Rihmun sorgte sich. Denn wäre es die Sand-Krankheit gewesen, hätte er gewusst, wie sich die Symptome entwickelten. So wusste er gar nichts.
      Vielleicht sollte er mal die Götter danach fragen.


      @Asuna
    • Samas („Schamasch“ gesprochen, hab keine Lust, immer das Sonderzeichen über die S zu kopieren) hielt seine schützende Hand über sie alle. Samas sah alles und schickte sein Augenlicht während des Tages über sie und bat seinen Vater Nannar Sin des Nachts, seinen Blick auf die Erde zu spiegeln. Samas war die Gerechtigkeit, Samas kannte die Zukunft. Und Azhar war sich sicher, dass Samas ihm im Traum eine Vision gezeigt hatte, wie er die elendige Sandkrankheit ein für alle Male bannen können würde.
      Azhar hatte sich als Knilch bereits dem Gott Samas verschrieben und war nach seiner Ausbildung von Siedlung zu Siedlung gepilgert, um seinen Glauben zu verbreiten und die Kranken zur Erlösung zu führen. Seine Gewandung verriet seinen Status auch schon ohne Worte und Priestern wurde zumeist eine kostenfreie oder -günstige Reise geboten, da sie angeblich Schutz und Glück der Karawane brachten. So geriet er dieses Mal auch in die Gruppe, getragen durch Momo, der einem Priester schlecht etwas entgegenzusetzen hatte. Generell waren die reisenden Priester mittlerweile Mangelware geworden. Nachdem die Dünen außerhalb der Siedlungen unbewohnbar und von Monstern infiziert waren, die zumeist des Nachts unter Nannar Sins Geleit aus ihren Löchern stiegen, glichen Reisen wie diese einem Selbstmordkommando. Doch Azhar hatte eine Mission und von dieser ließ er sich nicht abbringen.
      Als guter Mann fällte Azhar keine Urteile über die Mitreisenden. Prinzipiell glaubte er an das Gute im Menschen, doch er wusste aus erster Hand, dass nicht nur Licht aus einer Seele scheinen konnte. Das empfindliche Gleichgewicht musste eingehalten werden, sodass neben Gut immer Böse existieren musste. Aus der Gruppe kannte Azhar einzig Wael, der ihn während eines Angriffs in der Nacht sicher durch die Dünen zu all denen unglücklichen Seelen geleitet hatte, deren Seelen sich in Form von Löwen, Samas‘ Zeichen, erheben würden. Seine Härte und Azhars Sanftheit formten einen perfekten Gleichklang, so unterschiedlich sie auch aussehen mussten. Entsprechend angenehm überrascht war der Priester zu hören, dass der Hauptmann als Geleitschutz die Karawane begleiten würde.

      Die Nacht hatte allmählich ihr Ende gefunden. Die ersten Sonnenstrahlen deuteten sich am Horizonte an, der von nachtschwarz zu violett gewechselt hatte. Das Signal Samas, dass Azhar endlich aufhören konnte, Nannar Sin zu dienen und stattdessen seinem Sohn wieder zu huldigen. Müde und nackt schleppte er sich über die riesigen Dünen weiter ab von der Karawane, wo selbst Wael ihn nicht so schnell erspähen würde. Kalte Briesen strichen über seinen sehnigen Leib, der dieses Mal nicht blutgetränkt war. Ebenfalls waren ihm dieses Mal Wunden, Bisse und Prellungen erspart geblieben. Hier draußen war er gütiger Weise nicht auf solche wie er getroffen. So wie die Karawane ruhig lagerte, war auch die Nacht für ihn verlaufen: Unspektakulär.
      Sein Atem stob in kleinen Wölkchen aus seinem Mund – das Zeichen, dass er wahrlich noch lebte. Sein Ziel war eine kleine Felsformation, wo er sich seiner Gewandung entledigt hatte, bevor es losgegangen war. Es war immer die gleiche Zeit und immer vom Stand des Mondes abhängig, ganz als würde Samas‘ Einfluss an Macht verlieren. Dort angekommen kleidete er sich ächzend wieder ein, wartete einen kurzen Zeitraum lang ab und machte sich dann auf den Weg zurück zur Karawane. Er war früh genug dran, dass die meisten gerade erst in ihren Zelten erwachten.
      Außer bei einem Zelt.
      Azhar hatte sich auf den kalten Schweiß auf seiner Stirn soweit gefangen, dass er fast unbescholten wirkte. Eigentlich hatte er geplant, direkt zu seinem Quartier zu gehen – als Priester gehörte ihm ein eigenes Zelt nur für seine Wenigkeit. Aber der Husten und die leisen Stimmen ließen ihn innehalten und lauschen, nur um festzustellen, dass der Mediziner einen Besuch abhielt. Rihmun, wenn er sich nicht täuschte, und das Zelt durfte einem von Waels Untermännern gehören. Namen zu merken gehörte an die Tagesordnung, aber nach der Nacht war sein Verstand oftmals etwas diffus. So diffus, dass er am Eingang des Zeltes den Stoff beiseite zog und einen Blick hinein warf.
      Wie erwartet entdeckte er den Mediziner, der sich Notizen machte und dessen Blick zu Azhar schoss, kaum hatte sich das Laken am Zelt nur bewegt. Vor ihm lag der Mann, der offensichtlich vorhin noch gehustet hatte und geradewegs dabei war, sich das Hemd zu zuknöpfen. Azhar lebte im Zölibat – das gehörte sich als Priester so – und war nicht unbedingt erfahren. Aber er war oft genug bei Menschen zugegen gewesen, als sie körperliche Zuneigung ausgetauscht hatten. Nicht zuletzt, weil es andere Kulturen gab, die dieser Zuneigung gar huldigten. Azhar machte keinen Unterschied zwischen Mann und Frau, für ihn waren es die Seelen, die sich zueinander hingezogen fühlten. Angesichts der Tatsache, dass Rihmun ein Mediziner war, hatte er die beiden wohl kaum bei etwas gestört.
      „Das klang eher hartnäckig“, bemerkte der Priester vorsichtig und beobachtete die Reaktionen in den Gesichtern der beiden anderen Männern. Während der eine aussah, als tröge er die perfekte Maske, war der andere bleich, als wäre der Schreck in seine Glieder eingekehrt. Der Schmuck um Azhars Hals und Handgelenken klimperte, als er sich in das winzige Zelt hineinschob. „Soll ich Samas darum bitten, auf Euch ein Auge zu haben?“ Darauf schien niemand etwas einzuwenden zu haben, sodass sich Azhar nebst dem Mann in den Schneidersitz fallen ließ und aus einer seiner Taschen eine Sonnenscheibe mit 12 wellen- und 8 dreiecksförmigen Strahlen hervorzog. Er legte sie auf die sich in stakkatoartigen Zügen hob und senkte. Azhars Bewusstsein war noch immer träge von der Wandlung der Nacht, aber das Gebet, welches er in antiker Sprache an Samas richtete, kannte er im Schlaf. Es war wie die Laterne in finsterer Nacht, die ihn mit ihren warmen Strahlen zu sich rief und den Weg vor ihm erhellte. Gedankenverloren sank er tiefer in den Singsang ein, während sich seine Arme ruckartig, aber rhythmisch bewegten, wann immer er die Bewegung einer Säge nachahmte. Wie Samas auch sägte er sich durch das Hindernis, durch das Übel, durch die Krankheit und die Angst hindurch. Nach einigen Minuten war es vollbracht und Azhar kam atemlos zum Ende. Die Scheibe verschwand wieder in seiner Tasche und er hielt sich kurz mit Dankesspruch den Anhänger des eingerahmten Wüstenlöwens an die Stirn, den er stets nahe seines Herzens trug.
      Rihmun war während der Zeremonie nicht von ihnen gewichen.
      „Mit dem Steigen der Sonne wird auch Samas seine Hände schützend um Euch legen“, versicherte der Priester, als er sich anschickte, aufzustehen. Jedoch strauchelte er kurz, sodass der Mediziner ihn abfangen musste. Warm schloss sich die fremde Hand um seinen Arm und die Wärme schaffte es durch die Stoffschichten hindurch direkt zu Azhams Haut. „Verzeiht. Die Nacht war anstrengend mit Gebeten verbunden“, entschuldigte sich der Priester, der sich des Nachts stets rar machte und dafür des Tages manchmal schlafend anzutreffen war. Als würde die Nacht auch von ihm einen Tribut zollen und ihn für seinen Glauben an Samas strafen.
    • Der Zelteingang klappte auf und der Priester Azhar steckte den Kopf herein. Rihmun freute sich, den Mann zu sehen; nicht nur hatte er gerade noch an ihn gedacht, sondern es war außerdem nicht Momo, der hier herein lugte. Der ängstliche Händler konnte dem Husten schnell etwas entgegen zu setzen haben.
      „Das klang eher hartnäckig“, stellte Azhar vorsichtig fest und sah von einem Mann zum anderen. Rihmun fiel auf, wie dunkel die Augenringe des Priesters wieder geworden waren, während er selbst ein unbekümmertes Lächeln aufsetzte. Azhar war zwar noch nicht zu ihm gekommen, aber es war offensichtlich, dass er an Schlafproblemen litt. Er hätte Rihmun deswegen jederzeit nach Hilfe fragen können.
      "Es ist ein fester Husten, aber nichts, worum man sich Sorgen machen müsste", sagte er unbekümmert und machte sich eine letzte Notiz, bevor er das Buch zuklappte. Er würde es in der Stadt gleich zum Sanatorium bringen und abgleichen lassen. Da wollte er ja sowieso hin.
      "Es ist auch keine Sand-Krankheit, bevor irgendjemand fragt. Macht euch alle keine Gedanken."
      „Soll ich Samas darum bitten, auf Euch ein Auge zu haben?“
      "O ja, das wäre fantastisch! Ich habe gerade eben schon daran gedacht. Möge Samas eine schützende Hand über Karim und unsere Karawane halten. Bitte."
      Azhar kam herein und setzte sich. Die kühle Luft von draußen legte sich wieder und alle drei Männer verfielen in das ruhige Gebet, das Azhar anleitete. Er benutzte dafür eine Sonnenscheibe und ein gebräuchliches Gebet, das Rihmun weder verstand, noch verstehen wollte. Der Kontakt mit den Göttern war etwas sehr heiliges, wofür Rihmun als einfacher Mediziner nicht auserwählt war. Er überließ solche wichtigen Sachen lieber den Männern, die dafür geeignet waren. Männer wie Azhar, die die nötige Kraft besaßen.
      Unwillkürlich ließ er den Blick über Azhars Portrait wandern. Der Schlafmangel war dem Priester deutlich anzusehen und zusätzlich waren seine Haare zerrauft. Rihmun wollte es ihm bereits sagen, aber dann belehrte er sich eines besseren. Nur, weil er den Mann als hübsch empfand, hieß das nicht, dass er sich ihm in irgendeiner Weise annähern durfte. Der Priester war dazu erkoren, sein Leben in Einsamkeit den Göttern zu widmen.
      Dennoch sahen seine Haare zerrupft aus. Wie schade.
      Azhar endete in einem Gesang, den er mit einer weichen, wohltönenden Stimme vortrug, dann steckte er seine Utensilien wieder ein.
      „Mit dem Steigen der Sonne wird auch Samas seine Hände schützend um Euch legen.“
      "Gepriesen sei Samas", sagten Karim und Rihmun gleichzeitig. Rihmun stand auf und Azhar tat es ihm gleich, verlor das Gleichgewicht und machte einen Ruck zur Seite. Entgegen seiner vorangegangenen Gedanken, war Rihmun gleich zur Stelle und bewahrte den Mann vor einem Sturz. Seine Hand legte sich um einen straffen, aber schmalen Arm.
      Er lächelte. "Huch."
      „Verzeiht", sagte der Priester gleich. "Die Nacht war anstrengend mit Gebeten verbunden.“
      "Ihr leistet vortreffliche Arbeit, Sangu. Ohne Euch hätte uns Samas schon längst den Rücken zugekehrt, da bin ich mir sicher."
      Er zwinkerte ihm zu.
      Karim war jetzt auch aufgestanden.
      "Ich muss nach meiner Ausrüstung sehen. Äh, danke, Rihmun."
      Er schien noch etwas sagen zu wollen, womöglich, ob er am Abend wieder bei Rihmun vorbeisehen sollte wie die letzten Tage, aber nach einem Blick auf Azhar schwieg er lieber. Rihmun wollte ihm sagen, dass Azhar als Priester genauso zur Verschwiegenheit verpflichtet war wie er selbst, aber er wollte den armen Mann nicht drängen. Der Husten setzte ihm schon genug zu.
      "Immer gerne."
      Karim ging nach draußen und Azhar machte Anstalten, ihm zu folgen. Seine Gelegenheit witternd, sagte Rihmun schnell:
      "Einen Moment noch, Sangu."
      Azhar blieb stehen und sah ihn an. Seine braunen Augen waren wie schöne Murmeln.
      "Ich sehe doch, was Euch jede Nacht plagt. Ihr könnt es vielleicht vor den anderen verheimlichen, aber nicht vor mir. Ich habe dafür, sagen wir, einen besonderen Riecher."
      Geheimniskrämerisch lächelte er, dann wandte er sich ab und suchte in seiner Arznei-Tasche.
      "Es ist mir schon in der ersten Nacht aufgefallen, aber ich wollte damals noch nichts sagen. Ihr seid schließlich ein erwachsener Mann und ich werde mich nicht in die Angelegenheit anderer Leute einmischen. Aber jetzt sind wir so weit draußen und Ihr habt mich noch immer nicht darauf angesprochen. Ich würde Euch niemals für so etwas verurteilen, glaubt mir das. Ich erzähle es auch niemandem weiter, ganz bestimmt nicht. Ah, hier ist es. Ich habe es gestern schon präpariert."
      Er zog ein Fläschchen hervor und drehte sich damit wieder zu Azhar um. Er präsentierte ihm das gekorkte Gefäß, das mit Kräutern gefüllt war.
      "Nehmt das und behaltet es. Am Abend, vor dem Einschlafen, entkorkt ihr es und riecht daran. Es beruhigt das Herz und lichtet Eure Gedanken. Außerdem kann ich nur empfehlen, mit uns anderen im großen Zelt zu schlafen. Es ist dort wärmer in der Nacht und nicht so einsam."
      Er blinzelte.
      "Wegen Eurer Schlaflosigkeit, natürlich."
    • Azhar schenkte dem Mediziner ein ehrliches Lächeln. Er spürte instinktiv die Freundlichkeit in anderen Menschen, ganz so wie einen siebten Sinn. Wann immer er den Mediziner berührte, spürte er nichts als Wärme und Licht unter seinen Fingerspitzen. Einem Heiler unterstellte man natürlich nichts anderes, aber es war für den Priester eine zusätzliche Versicherung. Eine, auf die er zurückkommen würde, früher oder später, wenn die Nacht ihn nicht unbescholten entlassen würde.
      Karim wirkte bei seiner Verabschiedung etwas unentschlossen, was Azhar mit einem fragenden Blick quittierte. Dann verschwand der Untermann aus dem Zelt und Azhar folgte ihm bereits auf dem Tritt.
      „Einen Moment noch, Sangu.“
      Der Priester hielt in seiner Bewegung inne und wandte sich dem Rihmun zu. Wieder trat der fragende Ausdruck auf sein Gesicht. Als der Mediziner andeutete, zu wissen, womit sich der Priester die Nächte um die Ohren schlug, wurde sein Gesicht bleicher und die Augenringe traten prominenter hervor. Das Lächeln wurde steif und die akute Sorge, wie er sich jetzt verhalten sollte, schrie in ihm auf. Niemand kannte sein Geheimnis. Wenn es jemand erfahren sollte, dann würden sie ihn verstoßen oder gar exekutieren. Der Verlust seines Standes war das geringste Problem, wenn sein Leben auf dem Spiel stünde. „Was, ähm, ist Euch denn aufgefallen?“ Er hüstelte leicht verlegen mit vorgehaltener Faust.
      Doch da lächelte Rihmun so seltsam und ließ den Priester stutzen. Niemand lächelte, wenn sein Geheimnis aufflog. Es wäre mit Angst oder Abscheu verbunden, nichts weiter. Also beruhigte sich sein Herzschlag wieder etwas und die Farbe kehrte zurück in sein Gesicht.
      Azhars Augen wurden groß, als er das Fläschchen in Rihmuns Hand entdeckte. Gepaart mit den Worten, die der Mediziner als Verdacht äußerte, schoss ihm noch mehr Farbe in die Wangen. Oh, bei Samas‘ Gnade, dachte Rihmun etwa, er würde sich des Nachts unschicklich vergnügen oder dergleichen? Diesen Eindruck erweckte er gerade?! „Uh… Also… Ich glaube, das ist nicht, was… Ihr habt da vielleicht etwas missverstanden, Medjab…“ Er druckste herum, nicht wissend, ob er diese Annahme mehr favorisierte als die Wahrheit.
      Mit langen Fingern nahm er das Flakon entgegen, das weder Beschriftung noch sonstige Zierde trug. Es war wirklich nur mit Kräutern gefüllt – also nichts, was er konsumieren müsste und seinen Geist beeinflusste. Seine Finger befühlten den rauen Korken ehe er das Flakon in seinem Gewand verschwinden ließ. „Das ist sehr aufmerksam von Euch. Ich danke hierfür und verspreche, es auszuprobieren. Allerdings muss ich ablehnen was das große Zelt betrifft. Ein Priester lebt von Solidarität und des Nachts sind wir ohne Samas‘ Schutz besonders anfällig für Niederträchtiges.“ Wieder lächelte er Rihmun an. „Falls Ihr versteht.“ Vielleicht war es wirklich besser, einfach diese Unterstellung zu akzeptieren. Alles war besser, als sein wahres Geheimnis zu enthüllen. Deswegen verabschiedete sich Azhar kurz darauf auch von Rihmun und pilgerte zurück zu seinem Zelt, bis der Morgen soweit vorangeschritten war, dass die Karawane weiterziehen konnte.
      Azhar war Pilgerreisen gewohnt und sein Schuhwerk entsprechend gestaltet. Sein Haupt konnte er gegen die sengende Hitze zur Gänze verhüllen, aber die Nächte zehrten an ihm. Dank seiner Stellung hatte Wael ihm gestattet, in einem der Wagen zu sitzen, anstatt durch die Wüste zu laufen und die Karawane im schlimmsten Fall noch aufzuhalten. Seine Habe war sowieso sehr spärlich und das zusammen mit seinem zusammengerollten Zelt nahm nicht einmal die Hälfte eines überdachten Wagens ein.
      So saß er im Schatten des wackelnden Karrens, der von Kamelen gezogen wurde, und spielte mit dem Fläschchen, das Rihmun ihm gegeben hatte. Das rhythmische Wackeln und die Laute von rufenden Menschen beruhigte ihn immer, weil es bedeutete, dass keine Monster in der Nähe waren. Er entkorkte das Fläschchen und hielt es sich unter die Nase, schnupperte kurz daran. Der Duft von ‚Wüstenregen‘ umfing ihn prompt und da verstand er, was Rihmun gemeint hatte. Es war der Duft eines Allheilmittels, welches oft genutzt wurde, und einen an die wenigen Tage erinnerte, an denen wirklich Tropfen vom Himmel in den Sand fielen. Schnell verkorkte er das Gefäß wieder, als er spürte, wie ihm langsam die Lider zufielen.
      Das war wirklich eine nette Aufmerksamkeit gewesen.
      Er würde sich mit einem speziellen Gebet bei dem Mediziner bedanken müssen.
    • Azhar stammelte ein wenig herum, offensichtlich peinlich berührt von Rihmuns Observation. Hatte er da gerade einen Nerv getroffen? Aber was konnte an Schlaflosigkeit so schlimm sein? Jeder litt mal daran, aus den unterschiedlichsten Gründen. Hier draußen in der offenen Wüste fielen Rihmun auf den Schlag sogar zehn davon ein, darunter die trockene Luft, die Kälte, die Bedrohlichkeit der Nacht. Das war nichts, wovor man sich schämen müsste.
      Allerdings nahm er das Fläschchen dennoch entgegen und bedankte sich dafür. Rihmun strahlte; vielleicht war der Priester einfach etwas nervös, Medizinern gegenüber. Das sollte es schon auch mal geben.
      "Allerdings muss ich ablehnen was das große Zelt betrifft. Ein Priester lebt von Solidarität und des Nachts sind wir ohne Samas‘ Schutz besonders anfällig für Niederträchtiges", sagte Azhar weiter, bevor er mit einem Lächeln hinzusetzte: "Falls Ihr versteht."
      Rihmun blinzelte, dann fiel ihm unvermittelt ein elfter Grund ein, weshalb man hier draußen keinen Schlaf finden könnte. Bei einem Priester hätte er es nicht in Erwägung gezogen, natürlich nicht, aber so wie Azhar lächelte, tat sich Rihmun plötzlich das Bild auf, wie Azhar des nachts nicht alleine blieb. Wie sich in der Dunkelheit die Plane seines Zelts öffnete und eine Gestalt sich hereinschob, verdeckt von den Schatten, lediglich erhellt vom Mond am Himmel. Wie sie sich klammheimlich unter seine Decken schob, ein großer Körper - wieso war er groß? Keine Ahnung - gegen Azhars kleineren, wie sie sich über ihn wälzte, eine Hand in den hübschen, braunen Locken, das Gesicht an seinem schlanken Hals. Und wie Azhar dann -
      Stop. Das war immernoch ein Priester, über den Rihmun gerade nachdachte. Natürlich tat er sowas nicht und ganz sicher auch nicht mit Männern. Allgemein nicht. Azhar hatte ganz bestimmt etwas anderes gemeint und Rihmun hatte sich seinen eigenen Reim daraus gemacht.
      Er lächelte zurück und zwang sich, das innere Bild verrauchen zu lassen.
      "Ich verstehe natürlich. Das wollen wir lieber nicht riskieren."
      Er würde später eigenhändig zu Samas beten und ihn um Entschuldigung bitten müssen. Es kam ihm vor, als habe er Azhar mit seinen Gedanken beschmutzt.

      Doch die Tage waren lang und ereignislos und die Wüste sah immer gleich aus. In einer Schlange liefen sie dahin und wechselten sich mit dem Fahren der Wagen ab, damit jeder ein paar Stunden sitzen konnte. Rihmun suchte den freundlichen Kontakt zu seinen Mitreisenden, mehr aus Langeweile als aus wirklichem Interesse. Er würde diese Leute vermutlich niemals wiedersehen, doch ihnen standen noch einige Tage Reise voraus und in der monotonen Wüste gab es nichts besseres zu tun. Die Sonne brannte unaufhörlich auf sie herab und gestaltete die Reise besonders öde.
      Er lernte von Familien und Freunden, von Wünschen und Träumen, von Plänen und vergangenen Geschichten. Sein Lächeln und seine Fragen lockten die Antworten hervor, so wie er sie auch bei seiner Arbeit anwandte, um seinen Patienten die nötigen Informationen zu entlocken. Es war ein Zeitvertreib, mehr nicht. Waren sie einmal in der Stadt angelangt, würde er all diese erzählten Leben hinter sich lassen.
      Und dann gab es wieder die Ruhepausen, in denen nicht großartig gesprochen wurde und jeder seinen eigenen Gedanken nachhing. Rihmun dachte viel an Karim und den Husten, den er nicht einordnen konnte. Er beobachtete den Mann, wie er etwas abseits der Karawane lief, in Wachposition, die Brust herausgestreckt und den Blick in die Wüste gerichtet. Er hüstelte manchmal und räusperte sich und jedes Mal spitzte Rihmun besonders die Ohren, um auf eine Veränderung zu lauschen. Er durchforschte seine Erinnerung nach ähnlichen Fällen und machte sich einen Plan, was er dem Mann am nächsten Tag verabreichen wollte, sollte es sich über Nacht wieder nicht geändert haben. Aber er kam immernoch auf kein Ergebnis. Wenn es die Sand-Krankheit sein sollte, dann helfe ihm Samas, denn dann hatte sie ihre Symptome geändert.
      Und dann dachte er auch wieder an Azhar.
      Der Priester durfte in einem der Wagen voraus mitfahren, schon vom ersten Tag an. Rihmun war ihm deswegen nicht böse, er wünschte sich aber durchaus in der Hitze der gleißenden Sonne, dass er seine Berufung anders gewählt und Priester geworden wäre, um jetzt auch dort mitfahren zu dürfen. Dann müsste er aber auch auf alle Freuden des Lebens verzichten und nach kurzer Überlegung zog er diese dann doch dem Fahren in der Kutsche vor.
      Apropos alle Freuden des Lebens...
      Er zwang sich zu Azhars Ehren nicht wieder an das Bild zu denken, das ihm am Morgen in den Sinn gekommen war, aber dafür beschäftigte er seine Gedanken anderweitig. Mal angenommen - nur mal angenommen - an dem Bild lag etwas Wahres daran. Es musste ja nicht sexuell sein, nein, nur... jemand ging des nachts in Azhars Zelt. Nur mal angenommen.
      Sein erster Gedanke galt Momo, der so begeistert gewesen war, den Priester mitnehmen zu können. Auch Momo musste unglaubliche Langeweile haben und in der Nacht fühlte er sich im Lager vielleicht sicher genug, etwas von seiner Angst abzulegen und Azhar aufzusuchen. Um dann... was zu machen? Rihmun konnte sich die beiden schlecht vorstellen, ganz besonders nicht im sexuellen Sinn. Nein, wirklich nicht. Es war ja auch nicht sexuell, aber wenn es das wäre, dann sicher nicht mit Momo. Was es schließlich nicht war!
      Karim? Er hatte sich in Azhars Gegenwart etwas eingeschüchtert verhalten und vielleicht war das mehr auf den Priester bezogen als gedacht. Rihmun versuchte es sich vorzustellen, wie die dunkle Gestalt in seiner Fantasie Karim war, der sich durch den Eingang schob und sich unter Azhars Decken - nein, sich, äh, setzte. Und dann hustete. Und dann... hm...
      Irgendwie auch nicht richtig.
      Rihmun ließ den Blick schweifen, betrachtete seine Mitreisenden und blieb schließlich an Wael hängen, der vorausging. Hauptmann Wael, der Azhar es gestattet hatte, im Wagen mitzufahren. Großer, kräftiger Wael mit dem breiten Rücken und dem harten Gesicht.
      Hmmm...
      Rihmun stellte sich die nächtliche Gestalt etwas größer und etwas breiter vor. Sie duckte sich, als sie sich in Azhars Zelt schob, lautlos trotz ihrer beachtlichen Größe. Sie schob sich unter seine Decken und Azhar reckte das Kinn zu ihr auf. Seine Fingerspitzen glitten über ihr Gesicht und ertasteten die harten Kanten, wanderten tiefer, befühlten starke Muskeln. Die Gestalt legte eine schwielige Hand an seine Hüfte, drückte ihn nieder, presste sich an ihn. Azhars braune Augen weiteten sich, wie sie sich bei Rihmun geweitet hatten, aber jetzt stand Entzücken in ihnen geschrieben. Lust. Er öffnete den Mund, ohne dass ein Laut entwich - sie mussten still sein. Sein Adamsapfel hüpfte, während er schluckte, was ein Keuchen hätte sein können. Seine Lippen warteten darauf, geküsst zu werden. Wael beugte sich nieder und -
      "Bewegung!"
      Rihmun fuhr bei dem Klang von Waels Stimme zusammen und sah sich ertappt um. Grundgütiger, er wollte doch aufhören damit! Das waren jetzt zwei Gebete, die er Samas schuldig war. Verstohlen blickte er zu Azhars Wagen, aber der schlief noch. Das war kein unüblicher Anblick.
      Dann sah Rihmun zu Wael nach vorne, der den Arm ausgestreckt hatte und in die Ferne deutete. Rihmun folgte seinem Finger und kniff die Augen zusammen, aber er konnte in der Weite der Wüste nichts erkennen. Überall nur Dünen oder Fels, die sich in mehr oder weniger regelmäßigen Abständen bis zum Horizont erstreckten. Kein Anzeichen von irgendetwas, geschweige denn einer Bewegung.
      Aber Wael hatte etwas gesehen und die ganze Karawane glaubte ihm. Momo kam zu ihm geeilt und die beiden berieten sich. Der Navigator beteiligte sich einen Moment später. Rihmun sah weiter in die Wüste hinaus.
      Irgendwann glaubte er etwas zu erkennen, einen wirklich winzigen Punkt, der sich kaum von dem Rest absetzte. Er hatte aber keine Ahnung, ob der Punkt näherkam oder sich überhaupt bewegte. War es eine Kreatur? Eine andere Karawane? Ein harmloses Tier?
      Er warf einen Blick auf die anderen und teilte die Nervosität, die in ihren Gesichtern geschrieben stand. Vorne gab Wael ein paar barsche Worte von sich und die Karawane wurde langsamer. Dann zogen sie aber weiter.
      Über den restlichen Tag hinweg kam der Punkt näher, aber es wirkte nicht, als würde er sie ansteuern. Wael wollte deswegen den Kurs um ein kleines Stück nur korrigieren und ansonsten weiter marschieren. Momo hielt sich an seinen Rat.
      Als sie abends ihr Lager aufschlugen, war der Punkt wieder nähergekommen und gewachsen, aber es war unmöglich zu bestimmen, um was es sich dabei handelte. Wael stellte sicher, dass sie ihr Lager im Schatten einer Düne aufschlugen, wo das Feuer nicht zu sehen war und sie auch kein erkennbares Ziel mehr darstellten. Die Stimmung war trotzdem nervös.
      Rihmun nahm einen Schluck kostbaren Wassers und aß von seiner Ration. Er beäugte die Düne und fragte sich mit steigender Anspannung, ob es zu einem Kampf kommen würde. Er war kein besonders guter Kämpfer.
    • Ein kräftiger Ruck riss Azhar aus seinem Schlaf, der die Anstrengungen der letzten Nacht nicht gänzlich tilgen wollte. Weiter als je zuvor hatte sich der Priester vom Lager entfernt und irgendwann hatte der altbekannte Riss in seinen Erinnerungen eingesetzt. Das war immer so. Bis zu einem bestimmten Punkt erinnerte er sich, nur um Stunden später, kurz bevor Samas sein Antlitz über der Welt erhob, irgendwo desorientiert wieder zu sich zu kommen, meist nackt. Es muss die Gnade des Gottes gewesen sein, die dafür sorgte, dass Azhar jedes Mal während der Todesqualen seine Erinnerungen pausierte, ein Schutzschalter für seine Seele. Aber das hieß nicht, dass er nicht wusste, was geschah. Manchmal träumte er von grausamen Szenen, von den Monstern, die die Wüste des Nachts heimsuchten, von einzelnen Fragmenten von Momenten. Manchmal erinnerte er sich zwischenzeitlich doch an das, was gerade geschah, und nahm ihm die Möglichkeit zu ignorieren, was mit ihm geschah. Und manchmal wachte Azhar mit Wunden an seinem Körper auf, Finger und Mund mit klebrigem Blau verschmiert.
      Jetzt hingegen kraxelte er hastig durch den Wagen nach vorn und streckte den Kopf zwischen den Stoffbahnen hindurch, die das Innere gegen Sandflug schützen sollte. Die Karawane war plötzlich langsamer geworden und es brauchte nicht viel, damit Azhar verstand, dass es Probleme gab. Eine kurze Nachfrage später war klar, dass Wael etwas erspäht hatte. Krampfhaft versuchte Azhar in der Ferne zu erkennen, was der Wachmann wohl entdeckt hatte, doch seine Augen schnappten keine Sonderbarkeit auf. Irgendwann gab der Priester erschöpft und mit trockenen Augen auf. Generell fragte er sich, ob er seit der Strafe der Götter einfach nicht mehr für den Tag und die Sonne geschaffen war. Also zog er sich in den Schatten seines Wagens zurück und setzte sich wieder hinten an den Rand des Wagens, wo er den Blick zurückwerfen konnte.
      Wo sich sein Blick mit dem des Mediziners kreuzte.
      Für einen Moment hielt der Priester es für genau das – einen Blickaustausch. Aber er hielt länger als gewöhnlich an, fast so, als hätte Rihmun ihn die ganze Zeit schon beobachtet. Seine Gedanken drifteten an die seltsame Unterhaltung von vor einigen Tagen zurück. Natürlich… Vermutlich hinterfragte der Mediziner gerade seine Seriosität und Hingabe zu Samas. Immerhin ging Rihmun davon aus, dass sich Azhar nachts mit Mitgliedern der Karawane vergnügte. Etwas peinlich berührt schlug er den Blick nieder und zog sich seine Kapuze tiefer ins Gesicht.
      So hatte er sicherlich nicht dastehen wollen.

      Am späten Nachmittag hatten sie begonnen, die Zelte wieder aufzuschlagen und Rast anzusetzen. Den Punkt, den Wael entdeckt hatte und den nun auch Azhar zum ersten Mal wirklich erkannte, war etwas gewachsen. Eine gewisse Nervosität hatte sich in die Knochen der Reisenden eingenistet, von der sich der Priester auch nicht gänzlich lossagen konnte. Immerhin hatte er es geschafft, Momo erneut dazu zu bewegen, das Lager besser früher als später aufzuschlagen. Sollte es jemals dazu kommen, dass sie noch während der Nacht zu reisen gedachten, hätte Azhar ein Problem. Weder würde er sich ungesehen der Karawane anschließen noch sie verlassen können. So jedoch hatte er in Ruhe sein Zelt aufschlagen können und die Sonne dabei sehr gut im Auge behalten, damit er sein Timing nicht verpasste. Und vielleicht würde diese Nacht eine besonders anstrengende werden.
      „Was meint Ihr, ist es eine Kreatur?“, fragte Azhar Wael, der sich oberhalb der großen Düne auf die Lauer gelegt hatte, um das seltsame Konstrukt im Auge zu behalten.
      „Ich bin mir nicht sicher. Es bewegt sich nicht und ich kenne keine Kreatur, die sich praktisch nicht bewegt.“
      „Und eine Fata Morgana?“
      Wael blickte den Priester verstohlen an. „Ich dachte, Ihr seid ein Priester und entsprechend schlau? Die Temperatur ist soweit gefallen, dass es keine Trugbilder mehr gibt und doch ist der Fleck noch da und größer geworden.“
      Azhar spielte an seiner Halskette herum. Das hatte er nicht bedacht. „Habt Ihr schon viele Bestienangriffe erlebt?“
      „Einige.“ Der Wachmann trug sicherlich auch seine Narben am Körper, doch wirklich durchscheinen ließ er sie natürlich nicht. Ob er an Samas glaubte, wusste Azhar nicht, aber sein Respekt vor ihm bewies zumindest eine gewisse Form des Glaubens. „Bei den meisten hatte ich allerdings wesentlich mehr Männer zur Verfügung. Die Route hier ist eigentlich eine eher ruhige.“
      „Mh-hm.“ Azhar ließ den Blick schweifen, denn er wusste es besser. Jeder wusste, dass selbst eine ruhige Route keine sichere bedeutete. Niemand konnte Gefahren weitergeben, wenn es niemanden gab, der die Gefahr überlebte. Die Kreaturen der Wüste kamen nicht nur bei Nacht heraus – sie waren allgegenwärtig, nur tagsüber besser auszuweichen. Nachts standen die Karawanen still, wohingegen die Monster auf die Jagd gingen. Wie die Wüstenlöwen, Samas‘ Zeichen. Eine seltsame Gemeinsamkeit. „Dann halte ich Euch nicht weiter von Eurer Wache ab.“
      „Gebt Acht. Es kann jederzeit zu einem Aufruf kommen, dass wir das Lager abbrechen“, ermahnte der Wachmann ihn und Azhar nickte.
      Sein Weg zurück zu seinem Zelt führte Azhar schließlich an Rihmun vorbei. Etwas irritiert blieb Azhar stehen und realisierte in diesem Moment, dass, wenn er so darüber nachdachte, Rihmun sein Zelt immer weiter in Nähe von seinem eigenen aufgeschlagen hatte. Jetzt waren ihre Zelte beinahe benachbart und das würde Azhar das Verschwinden und Wiederkommen höchstwahrscheinlich erschweren. Sollte der Mediziner seinen Rat des Nachts suchen wollen, würde er auf ein leeres Zelt stoßen. Ein absolut ungünstiger Zwischenfall. Er musste sich etwas einfallen lassen.
      Beim Feuer angekommen fand Azhar Rihmun im Sand sitzend etwas abseits des Feuers vor. Er hatte seine Ration gezogen, an die Azhar nicht einmal einen Gedanken verschwendet hatte. Er spürte bereits die Unruhe über die sich senkende Sonne in seinen Gliedern, als er auf den Mediziner zuhielt und sich mit einem Lächeln neben ihm in den Sand setzte.
      „Wie ich sehe, habt Ihr Euer Zelt direkt neben meines aufgeschlagen, Medjab“, sagte Azhar und faltete die Hände in seinem Schoß. „Ich bin noch gar nicht dazu gekommen, Euch für das Fläschchen zu danken. Es funktioniert sonderbar gut. Seitdem sind die Nächte auch besser für mich.“ Gelogen, das wusste er, aber man hatte Azhar praktisch mit dunklen Ringen unter den Augen kennengelernt. Anders kannte man ihn gar nicht. „Üblicherweise bin ich durch Gebete eingespannt, aber dank Eurer Gabe erwäge ich, die Nächte durchzuschlafen bis sich mein Zustand gebessert hat. Ich werde Euch also wohl kaum mit meiner Stimme vom Schlafen abhalten, obzwar vielleicht mit meinem Schnarchen.“ Er lachte dezent, obwohl ihm gar nicht recht danach zumute war.
      Denn sein Herz begann schon wieder schneller zu schlagen.
    • Azhar kam zu ihm und Rihmun sah mit einem Lächeln auf.
      "Sangu."
      „Wie ich sehe, habt Ihr Euer Zelt direkt neben meines aufgeschlagen, Medjab“, sagte Azhar im Plauderton. Rihmun sah an ihm vorbei zu den Zelten; hatte er tatsächlich. Es wäre ihm selber gar nicht aufgefallen.
      Sein Lächeln vergrößerte sich.
      "Nun, seht Ihr, ich dachte mir, sollte es zu einem Kampf kommen, bin ich in Euer Nähe sicher am besten aufgehoben. Nicht, dass ich Hauptmann Wael nicht vertrauen würde! Er macht seine Arbeit ganz ausgezeichnet. Aber man kann hier draußen nie vorsichtig genug sein."
      Er schlürfte von seinem Wasser und betrachtete Azhar. Gerade eben hatte er beobachtet, wie der Priester sich zu Wael auf die Düne begeben und die beiden miteinander gesprochen hatten. Was sie wohl zu sagen gehabt hatten? Ob es etwas mit nächtlichen Besuchen zu tun hatte?
      Rihmun sollte vermutlich nicht so neugierig sein, er war es trotzdem.
      „Ich bin noch gar nicht dazu gekommen, Euch für das Fläschchen zu danken", sagte da Azhar. "Es funktioniert sonderbar gut. Üblicherweise bin ich durch Gebete eingespannt, aber dank Eurer Gabe erwäge ich, die Nächte durchzuschlafen bis sich mein Zustand gebessert hat. Ich werde Euch also wohl kaum mit meiner Stimme vom Schlafen abhalten, obzwar vielleicht mit meinem Schnarchen.“
      Rihmun lachte kurz auf, auch wenn es ihm etwas Mühe bereitete. Er war noch immer ziemlich nervös, was den sich nähernden Punkt betraf, aber Azhar zeigte einen außerordentlich amüsanten Humor. Rihmun gefiel das.
      "Das freut mich zu hören. Ich habe bereits gesehen, dass Ihr die Tage nutzt, um den Schlaf nachzuholen. Es gibt wohl viel Aufholbedarf, nehme ich an?"
      Die Feststellung war als Frage formuliert um Azhar zum Weitersprechen zu ermutigen, aber das tat er nicht. Und weil Rihmun plötzlich Sorge hatte, der Priester sei wirklich nur gekommen, um sich eben kurz bei ihm zu bedanken und würde gleich wieder gehen, sprach er stattdessen selbst weiter.
      "Sagt, Ihr seid doch öfter hier draußen unterwegs, nicht wahr?"
      Viel hatte der Priester ihm nicht anvertraut, aber Rihmun wusste zumindest, dass er Wael bereits kannte und etwas Erfahrung besaß.
      "Wenn es zum Kampf kommt, werdet Ihr Euch verstecken oder zu den Waffen greifen? Ich gestehe nämlich", er senkte die Stimme verschwörerisch, "dass ich Momo zwar versichert habe, auf mich selbst aufpassen zu können, aber was den Umgang mit meinem Messer betrifft bin ich nicht sehr... hm... versiert. Ich würde es lieber vorziehen, nicht zu kämpfen. Aber ich möchte deswegen auch nicht das Leben der anderen gefährden, indem ich Ihnen zur Last falle. Wie macht Ihr das?"
    • Wenn Azhar eines nicht war, dann ein Kämpfer. Sein sehniger Leib, an dem nicht viel dran war und dessen Gewand sämtliche Form verschluckte, eignete sich nicht für eine Konfrontation. Hätte er mit seinem Glauben kämpfen können wäre er vermutlich einer der gefährlichsten Krieger. So jedoch konnte er nicht einmal ein eisernes Schwert allzu lange in Händen halten. Das alles galt jedenfalls für den Priester bei Tage.
      Als Rihmun kurz auflachte, legte Azhar den Kopf leicht schief und betrachtete den Mediziner so aus dem Augenwinkel. Schon immer hatte der Mann locker und wie ein Freigeist auf ihn gewirkt. Sein Wissen war immens und seine Taten ebenso wichtig wie der Glaube an Samas. Wo der Medjab Körper heilte, heilte der Priester die Seele der Menschen. Es war nur ein kurzes Geräusch, das irgendwie nicht ganz angebracht erschien. Selbst Azhar mit seinem rasant klopfenden Herzen bemerkte die Anspannung in der Luft. Wie Bewegungen abgehackter abliefen wie sonst, weil die Unruhe sich festgefressen hatte. Die Mitglieder der Karawane waren durch Waels Beobachtung verunsichert worden.
      „Sehr viel“, bestätigte Azhar, wobei er leicht schmunzelte. Die Melancholie lag in seinen Augen, doch diese waren nichtmehr auf den Mediziner, sondern die kleinen Sandkreise vor seinen Füßen gerichtet. „Ihr könnt Euch nicht vorstellen, wie kräftezehrend es ist, nachts einfach keine Ruhe finden zu können.“ Rihmun wusste ebenso wenig wie alle anderen um Azhars dunkles Geheimnis. Wie sollte er es auch jemals erklären? Es gab keine Erklärung dafür und vermutlich würde er sowieso eines nachts einfach nicht zurückkehren. Dann gäbe es kein Erwachen aus düsterer Schwärze mehr.
      „Sagt, Ihr seid doch öfter hier draußen unterwegs, nicht wahr?“
      Für einen Moment zögerte Azhar obzwar der rechten Antwort auf diese Frage. Er hielt es für besser, den Blick nicht zu heben aus Sorge, dass seine Augen eine Wahrheit sprachen, die er zu vertuschen suchte. „Ich bin des Öfteren Gast der verschiedenen Karawanen. Jederzeit auf dem Weg zu entlegenen Siedlungen, um den Menschen dort Seelenfrieden zu gewähren. Als reisender Priester sieht man viel, ja.“
      Doch dann senkte Rihmun plötzlich die Stimme und nötigte den Priester dazu, doch aufzusehen. Er lehnte sich unbewusst näher zu dem Mediziner herüber, um dessen Stimme besser verstehen zu können. Schließlich hob er überrascht die Brauen. „Ihr könnt nicht gut mit einem Messer umgehen? Wie das? Ihr seid Mediziner, niemand sonst sollte mehr Erfahrung und Können mit scharfen Klingen zum Schneiden von Fleisch besitzen als Ihr.“
      Das war ja fast so als würde man einem Kamelreiter unterstellen, nicht reiten zu können. Oder einem Obsthändler seine Früchte nicht zu kennen. Das war ja vollkommen absurd! So absurd, dass das Schmunzeln echter zurückkehrte als zuvor.
      „Stellt Euch bloß vor…“ Jetzt senkte auch er seine Stimme, seltsam mitgerissen von Rihmuns Art und Geplänkel, „… ich sänge keine alten Lyriken, sondern nur irgendein Kauderwelsch, der mir gefällt. Denkt Ihr, es würde auch nur einer Person auffallen, dass ich nicht die heilige Schrift rezitiere? Wie… skandalös…“
      Das Schmunzeln wurde zu einem Grinsen, als Azhar das Amulett unter dem Gewand hervorzog und es in den letzten Sonnenstrahlen schimmern ließ.
      „Selbstverständlich ist jedes Wort echt, das ich spreche. Aber wenn Ihr jemand wie ich seid, der nicht zu den Waffen greifen kann, dann nutzt Euren Kopf.“ Der Priester tippte sich an die Schläfe, wobei das versteckte Geschmeide an seinen Armen leise klimperte. „Überschaut das Gebiet. Findet den Ort mit der größtmöglichen Sicherheit nicht nur für alle anderen, sondern primär für Euch selbst. Sichert zuerst Euch, dann fallt Ihr anderen weniger zur Last. Ihr besitzt doch ein analytisches Denken – nutzt es, um die Lage schnell einschätzen zu können.“
      Azhar blickte an dem Amulett vorbei zur Sonne. Bald brach die kritische Zeit an und er musste sich von der Karawane entfernen. Sein Leben zwang ihn zur Einsamkeit, weswegen er diese kleine Auszeit nutzte, um seine eigene Seele atmen zu lassen.
    • "Das ist etwas ganz anderes!"
      Rihmun spürte die Hitze in sein Gesicht aufsteigen und vertuschte es mit einem schiefen Lächeln.
      "Ein toter Körper - oder, bei der Gelegenheit auch ein lebendiger, der sich freiwillig anbietet - hält in der Regel ganz still. Und - und das ist noch viel wichtiger", er hielt einen Finger in die Luft, "er versucht nicht, einen zurückzustechen. Das ist sogar der zentrale Unterscheidungspunkt, würde ich sagen. Denn Fleisch aufschneiden kann ich sehr gut, aber dabei richtig zielen und einem Messer ausweichen, das ist zu viel für mich. Oder gar Zähnen. Da bleibe ich lieber bei meinen toten Körpern."
      „Stellt Euch bloß vor…“ Azhar senkte jetzt auch die Stimme und für den Moment schien es, als wären die beiden Männer in einer eigenen, kleinen Blase versunken. „… ich sänge keine alten Lyriken, sondern nur irgendein Kauderwelsch, der mir gefällt. Denkt Ihr, es würde auch nur einer Person auffallen, dass ich nicht die heilige Schrift rezitiere? Wie… skandalös…“
      Rihmun weitete die Augen. "Nein...!"
      Dann, weil er das Grinsen richtig deutete, bedeckte er die Hand mit dem Mund, damit man ihn nicht flüstern sah.
      "Habt keine Sorge, guter Sangu, Euer Geheimnis ist bei mir sicher. Ich werde es niemandem weitererzählen und mit ins Grab nehmen. Und dann mit meinem Messer schützen."
      Davon mussten sie beide kichern wie zwei Jungen und Rihmun fühlte seinen Bauch warm werden. Er mochte Azhar, beschloss er in diesem Augenblick. Er genoss seine Gesellschaft und wie intelligent seine Witze waren, selbst als Priester. Er schien nicht wie die anderen Priester, die Rihmun kannte; so verschlossen und in sich gekehrt, als wäre die Verbindung zu den Göttern ein Geheimnis, das sie mit ihren Leben hüteten. Azhar schien in dieser Hinsicht menschlicher.
      Er zog sein Amulett hervor.
      „Selbstverständlich ist jedes Wort echt, das ich spreche. Aber wenn Ihr jemand wie ich seid, der nicht zu den Waffen greifen kann, dann nutzt Euren Kopf.“
      "Hm."
      Das war natürlich, was Rihmun bereits geplant hatte. Die Beine in die Hand nehmen und laufen, irgendwo hin, wo er niemandem im Weg und geschützt war. Dennoch bedeutete das Wegbleiben seiner Person, dass an anderer Stelle ein Mann fehlte. Und wenn es hart auf hart kam, könnte das zwischen Tod und Leben entscheiden.
      Rihmun blickte auf seine Hände hinab. Die ganze Sache gefiel ihm nicht, doch das war, worauf er sich eingelassen hatte. Er musste ja irgendwie nur bis zur Stadt überstehen - und überleben.
      "Was flüstern denn die Herren so verschwörerisch?"
      Momo war zu ihnen herangetreten und lächelte auf charismatische, aber unsichere Weise. Er ließ sich steif auf den Boden fallen.
      "Man könnte fast meinen, Ihr heckt etwas gemeinsam aus. Würdet Ihr den alten Momo daran teilhaben lassen?"
      "Aber sicher!", sagte Rihmun ohne zu zögern. Die nachfolgende Lüge floss ihm wie von den Lippen. "Seht Ihr", und er senkte wieder die Stimme, "ich meinte gerade zu unserem guten Sangu, dass - sollten sich dort draußen widerliche Kreaturen befinden - es doch bestimmt reichen wird, wenn wir Hauptmann Wael auf eine der Dünen stellen und er ein ganz großes und kräftiges Brüllen von sich gibt, um sie zu vertreiben. Ein ganz fürchterliches. Meint Ihr nicht auch, das wird sie von uns ablenken?"
      Er grinste und zwinkerte Azhar brüderlich zu. Momo schnaubte nur.
      "Wohl kaum. Diese Biester werden Hunger haben und unser kleiner Zug hat leider genug Fressen für sie. Wir werden achtsam sein müssen."
      "Ja. Ja natürlich", sagte Rihmun. "Lustig wäre es trotzdem."
      Und er schaute grinsend wieder auf seine Hände zurück, froh um Azhars Gesellschaft.
      Die nächsten Minuten verbrachten sie zu dritt, verstrickt in ein Gespräch nach dem anderen, das meistens von Momo ausging. Die Sonne verabschiedete sich bald und tauchte die Gegend in erste Dunkelheit. Mit dem Licht verschwand auch die Wärme und sie entzündeten die ersten Feuer. Rihmun wickelte sich in die erste von vielen Decken, die er für die Kälte dabei hatte.
    • Benutzer online 3

      3 Besucher