the witch and the hunter [rambow x yumia]

    • Ich schwieg einen Augenblick und sah zu ihm hinüber. „Er war streng und konnte einem das Leben bisweilen recht anstrengend machen, doch er war gutmütig, geduldig und hat mich stets unterstützt. Er hat mir vieles beigebracht.“ Damit war für mich genug gesagt, und ich wandte mich wieder meinen Kräutern zu, während seine Worte noch in meinen Gedanken nachhallten. Ich wusste sonst nicht was ich über ihn erzählen sollte. Die komplizierte Art vom alten Mann war nicht einfach zu beschreiben, mir fehlten durchaus auch die Worte dazu. Doch ich war der Meinung, dass das Gesagte ziemlich präzise zusammen gefasst hat.
      Dennoch bemerkte ich bald, dass seine Atmung noch immer etwas flacher ging und er sich schwer gegen die Wand lehnte. Die wenigen Schritte durch die Hütte hatten ihn mehr angestrengt, als er vermutlich zugeben wollte. Ich nahm den Becher vom Tisch, füllte ihn mit frischem Wasser und stellte ihn neben ihn. „Trinkt erst einmal. Ihr habt heute bereits genug getan.“ Danach setzte ich mich wieder und begann, die getrockneten Kräuter vor mir zu sortieren. Eine Weile kehrte Ruhe ein, nur das Knacken des Feuers und das leise Rascheln der Blätter war zu hören. Mein Blick fiel dabei immer wieder auf seine Ausrüstung. Das Leder war noch feucht und an einigen Stellen bereits hart geworden, während die metallenen Teile deutliche Spuren des Sumpfes trugen. Er wolle es mir ohnehin zeigen, zu einem späteren Zeitpunkt, daher bestand keine Eile. Immerhin konnte er gut einschätzen, wann er eine Pause einlegen sollte. Da schien der Jäger zumindest vernünftig genug zu sein, sich selbst vor zu viel Anstrengung zu schützen. Der Tag lag noch lange vor uns, daher konnte der Jäger sich ausgiebig seine Aigen schließen und seinen Körper die Ruhe geben, die notwendig war.
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    • Ich schloss die Lider und ließ den Kopf schwer gegen das kühle Holz der Wand sinken.
      Ihre knappen Worte über den alten Mann hingen noch eine Weile in der dichten Luft der Hütte nach. Sie hatte nur das Wesentliche gesagt, ohne Schnörkel und ohne verlegenes Abschweifen. Streng, gutmütig, geduldig. Für jemanden wie sie war das vermutlich mehr als genug Erklärung. Ein Mann, der sie geformt hatte, ohne große Reden zu schwingen. Ein Leben, das in wenigen Sätzen zusammengefasst war, weil manche Bindungen schlicht in Taten und nicht in Geschichten fortlebten. Ich spürte das leise Ausweichen in ihren Handgriffen, als sie sich wieder den Kräutern zuwandte, und beschloss stumm, den Schatten der Vergangenheit ruhen zu lassen.
      Der Becher mit dem frischen Wasser, den sie mir wortlos hingestellt hatte, war eine willkommene Linderung. Die Kälte des Wassers lief angenehm durch meine trockene Kehle, als ich einen kleinen Schluck nahm, ehe ich mich vollkommen der aufsteigenden Müdigkeit ergab.
      Ich schlief nicht gänzlich ein. Es war jener dämmerige Zwillingszustand zwischen Wachen und Träumen, in dem die Außenwelt wie durch eine dicke Decke gedämpft an das Bewusstsein dringt. Das stetige Knacken des Scheitholzes im Kamin, das trockene Rascheln der getrockneten Kräuterblätter unter ihren Fingern und das ferne, stetige Rauschen der Fichtenkronen da draußen fügten sich zu einem schützenden Teppich zusammen. Mein Atem verlangsamte sich. Das heiße Pochen an meiner Flanke, wo die Heilsalbe unter den Binden arbeitete, wandelte sich in ein gleichmäßiges, dumpfes Drücken. Mit jeder Minute, die die Schatten langsam über die Dielen wandern ließen, spürte ich, wie die verbrauchte Energie ganz allmählich in meine Muskeln zurückkehrte. Der Körper nahm sich schweigend, was er brauchte.
      Als ich die Augen wieder öffnete, hatte sich das Licht im Raum spürbar gewandelt. Die helle Steilheit des Vormittags war der kühlen, goldenen Wärme des späten Nachmittags gewichen. Lange Lichtstreifen fielen durch das kleine Fenster und tauchten den aufsteigenden Rauch des Kaminfeuers in ein schimmerndes Band.
      Ich richtete mich langsam auf. Der Brustkorb schmerzte noch immer bei der kleinsten Unachtsamkeit, doch die Steifheit der Muskeln hatte nachgelassen. Ich griff nach dem Becher, trank den Rest des kühlen Wassers in gierigen, tiefen Zügen aus und stellte das Gefäß leise beiseite. Der Kopf war wieder klar, der Geist wach.
      Mein Blick wanderte hinab zu dem Haufen Ausrüstung, der noch immer unberührt neben dem Bett auf dem Boden lag.
      Es war ein beachtlicher Stapel aus Leder, Eisen und Schnallen, der die Spuren meiner tagelangen Reise und des blutigen Zwischenfalls im Sumpf über deutlich trug. Da waren die schweren Satteltaschen, deren Leder durch das Moorwasser dunkel und stellenweise hart getrocknet war. Daneben lag der lederne Rucksack, prall gefüllt mit all den Werkzeugen, Ölen, Rationen und Seilen, die ein Jäger auf den Pfaden brauchte. Etwas abseits ruhten die verstärkten Armschienen und der Lederbrustschutz – Rüstungsteile, die das Eisen der Bestie zwar abgewehrt hatten, nun aber dringend einer reinigenden Hand bedurften. Und schließlich das Herzstück: das lange Schwert in seiner mit Leder bezogenen Holzscheide. Die Eisenteile des Gehänges und der Mundbleche zeigten den berüchtigten rötlichen Schleier von Rost, den die Feuchtigkeit in der klammen Hütte binnen weniger Tage gefressen hatte.
      Ich hob den Kopf und sah hinüber zum Vorbereitungstisch, wo sie noch immer mit ihren Arbeiten beschäftigt war.
      „Wenn Ihr noch immer die Muße dazu habt“, begann ich ruhig, meine Stimme wieder fester und ohne das brüchige Rascheln des Vormittags, „könnten wir uns nun gemeinsam an mein Zeug machen. Die Pause hat ihren Zweck erfüllt.“
      Ich wies mit einer leichten Kopfbewegung auf den Haufen am Boden.
      „Es ist einiges zusammengekommen“, fuhr ich fort und ließ den Blick über die verschiedenen Teile gleiten. „Die Satteltaschen, der Rucksack, die Rüstungsteile... und das Schwert. Das Metall fängt an zu fressen, und das Leder wird brüchig, wenn wir es nicht bald fetten. Ich kann die Arbeit im Sitzen erledigen, ohne meine Rippen zu belasten. Und wenn Ihr mögt, zeige ich Euch an den Gürteln und Taschen, wie man das Eisen wieder blank bekommt, bevor es den Stahl beschädigt.“
      Es war eine schlichte Einladung. Kein Drängen, kein Aufzwingen einer Aufgabe. Doch die Vorstellung, den späten Nachmittag gemeinsam über den kühlen Riemen und dem Geruch von Lederfett und Öl zu verbringen, fühlte sich richtig an. Es war ein Handwerk, das keine großen Worte verlangte, sondern lediglich Geduld, eine ruhige Hand und ein wenig Fleiß – Dinge, die ihr keineswegs fremd waren.
      Ich stützte mich mit einer Hand an der Bettkante ab, schob die Füße fest auf die Dielen und wartete gelassen auf ihre Reaktion, während draußen am Zaun der Wallach ein kurzes, tiefes Schnauben vernehmen ließ und der Spätnachmittag den Wald langsam in ein friedliches Dunkelrot tauchte.
    • Ich hob den Kopf, als seine Stimme die Stille der Hütte durchbrach, und sah zu ihm hinüber. Er wirkte nach der Ruhe sichtlich erholter, doch noch immer achtete ich darauf, wie vorsichtig er sich bewegte. Als er nach seiner Ausrüstung deutete, wanderte mein Blick ebenfalls zu dem Haufen aus Leder und Eisen. „Wenn Ihr Euch dabei wirklich nicht überanstrengt, können wir es versuchen“, antwortete ich und erhob mich von meinem Platz. Ich trat zu seinen Sachen und kniete mich davor, ohne eines der Stücke gleich anzufassen. Das Leder sah tatsächlich mitgenommen aus, und an einigen der metallenen Schnallen zeigte sich bereits der rötliche Rost. „Dann zeigt mir, womit ich anfangen soll.“ Ich setzte mich auf den Boden neben die Ausrüstung und nahm eine der beschädigten Schnallen zwischen die Finger, betrachtete sie prüfend und drehte sie ein wenig im Licht. Es war ungewohnt, solches Handwerk vor mir zu haben, doch zugleich erinnerte es mich an die vielen kleinen Arbeiten, die ich im Laufe der Jahre gelernt hatte. Geduld und eine ruhige Hand waren schließlich nicht nur bei Kräutern von Nutzen. Leonard begann mir zu erklären, worauf ich achten musste, und ich hörte aufmerksam zu. Ich selbst arbeitete wenig mit Metall, doch es war ein Wissen, was mir zukünftig behilfrich sein konnte. Der alte Mann hatte mir nichts von gelehrt, ich besaß daher kein Funken Wissen über dieses Thema. Ich schämte mich darüber nicht, vielmehr sah ich meinen eigenen Ansporn etwas Neue szu lernen, auch wenn es nicht viel Nutzen in meinem Alltag finden wird. Ohnehin waren meine Arbeiten erledigt und hatte nichts besseres zu tun, daher erschien mir dieses kleine Zusammenkommen als eine gute Abwechslung, der sicherlich auch den Jäger dabei half nicht nur seinen Körper in Arbeit zu setzen, sondern auch sein Haupt.
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    • Ein leises, zufriedenes Nicken entwich mir, als sie sich zu den Sachen kniete und das rötlich angelaufene Eisen der ersten Schnalle vorsichtig zwischen die Finger nahm. Es war eine einfache, unaufgeregte Geste, doch die Ernsthaftigkeit, mit der sie das Stück betrachtete, verriet mir mehr über sie als viele Worte. Sie ging an dieses Handwerk genau wie an ihre Pflanzen heran: ohne falsche Hast, mit wachsamen Augen und dem stummen Respekt vor der Materie.
      Ich rutschte ein Stück auf der Kante der Pritsche vor, achtete penibel darauf, meine Flanke nicht zu verdrehen, und beugte mich leicht nach vorne. Der Schmerz in den Rippen war zu einem stumpfen, erträglichen Pochen abgeflacht, das sich gut kontrollieren ließ, solange ich keine ruckartigen Bewegungen machte.
      „Das Wichtigste kommt ganz zu Beginn“, begann ich, während meine Stimme ruhig und getragen durch die friedliche Hütte schwebte. „Man arbeitet niemals an zusammengesetzten Stücken. Wenn Metall und Leder miteinander verbunden bleiben, fritt das Fett das Eisen an, oder das Wasser lässt das Leder unter den Beschlagen verrotten. Beides zerstört die Ausrüstung auf Dauer von innen heraus. Wir müssen zuerst alles trennen, was sich trennen lässt.“
      Ich dehnte mich vorsichtig aus, griff nach den Riemen des Gehänges und begann mit der rechten Hand – deren Finger nun wieder deutlich ruhiger gehorchten –, die kleinen, eisernen Dornen aus den Schnallen zu fädeln. Schritt für Schritt zeigte ich ihr den Prozess. Ich erklärte ihr, wie man die ledernen Schlaufen mit sanftem Druck aufhebelte, ohne die alten Nähte zu sprengen, wie die dicken Gurte des Rucksacks aus ihren Halterungen gelöst wurden und wie man die schweren Armschienen vollkommen von ihren Schnürungen befreite.
      Es war eine geduldige, systematische Arbeit. Stück für Stück zerlegten wir den eindrucksvollen Haufen vor unseren Füßen. Aus dem bedrohlichen Berg aus Waffen, Rüstung und Taschen wurde langsam eine geordnete Reihe einzelner Elemente: hier die klammen, steifen Lederstreifen, dort die kleinen und großen Schnallen, die Ringe, die Mundbleche und schließlich die blassen, kalten Klingen von Schwert und Dolch.
      Als alles sauber auf den Dielen aufgeteilt lag, wies ich zuerst auf die Lederstapel.
      „Wir fangen mit dem Leder an“, sagte ich und deutete auf einen kleinen, tiefbraunen Tiegel, den ich zuvor aus einer der Seitentaschen meines Rucksacks gefischt hatte. Der Topf war mit einem dicken Pfropfen verschlossen, der nach altem Harz, Bienenwachs und Talg roch. „Das Leder ist verhältnismäßig schnell erledigt, aber es verträgt keine Nachlässigkeit. Das Wasser des Sumpfes hat die natürlichen Öle herausgewaschen. Wenn wir es jetzt einfach so trocknen lassen, wird es spröde wie altes Holz und bricht beim ersten Zug.“
      Ich zeigte ihr das Mischungsverhältnis. Aus dem Wasserkessel, der noch immer lau warm über der Glut hing, goss ich einen kleinen Schluck in ein flaches Holzschälchen und fügte eine messerspitze der festen Paste aus dem Tiegel hinzu. Das Fett schmolz im warmen Wasser mit einem leisen Zischen und verwandelte sich in eine milchige, seidig glänzende Emulsion.
      „Man trägt es nicht dick auf“, wies ich sie an, während ich einen kleinen Lappen in die Mischung tauchte und ihn gründlich ausrang. „Nur nebelfeucht. Das warmgelöste Fett zieht tief in die Poren der Haut ein. Nach einer kurzen Weile wird das Leder wieder vollkommen weich und geschmeidig, ohne dass es seine Festigkeit oder seine Robustheit einbüßt. Wenn man zu viel nimmt, wird es seifig; nimmt man zu wenig, bleibt es hart. Es braucht nur diesen einen, gleichmäßigen Film.“
      Ich sah zu, wie das Leder unter der Behandlung rasch seine dunkle, klamme Kälte verlor und wieder diesen satten, warmen Braunton annahm, den gutes Sattlerleder besitzen sollte. Die Arbeit ging leicht von der Hand, verlangte keine Kraft und bot dem Geist eine ruhige Beschäftigung, während der Spätnachmittag draußen langsam in die Dämmerung überging.
      Doch als das Leder versorgt war und auf einem sauberen Tuch zum Trocknen ruhte, wandte ich mich den metallenen Teilen zu.
      „Das Metall...“, begann ich und meine Stimme nahm einen etwas ernsteren Ton an, „...das ist wesentlich mehr Arbeit. Und hier müssen wir vorsichtig sein.“
      Ich griff zuerst nach dem Schwert und dem Jagdmesser. Die langen Klingen lagen blass und stumpf auf dem Holz, gezeichnet von den feuchten Nebeln der letzten Tage, doch frei von tiefem Lochfraß. Aus den Rucksachtaschen zog ich einen feinkörnigen, grau-grünen Polierstein hervor, der mit einer öligen Schicht überzogen war.
      „Die Klingen brauchen heute nur den Stein“, erklärte ich, während ich den Stein mit gleichmäßigen, kreisenden Bewegungen über den Stahl gleiten ließ. Das schabende Geräusch erfüllte die Hütte mit einer metallischen Melodie. „Wir nehmen nur den Oberflächenfilm und den leichten Flugrost ab. Das Schärfen lassen wir heute ganz bewusst aus. Dafür braucht man einen festen Stand, Kraft im Oberkörper und eine völlig ruhige Flanke – Dinge, die mein Körper mir heute noch verweigert. Die Schärfe läuft uns nicht davon. Wichtig ist nur, dass der Stahl wieder atmen kann und blank ist.“
      In wenigen Minuten reflektierten die Breitklingen wieder das dämmrige Licht des Kaminfeuers. Sie waren nicht rasiermesserscharf, aber sie waren geschützt.
      Dann wandte ich mich dem eigentlichen Problem zu: der bunten Schar aus Schnallen, Ringen, Nietköpfen und den Beschlägen der Satteltaschen. Sie alle waren über und über mit einer fiesen, rötlichen Rostschicht überzogen, die sich tief in die Rillen der Verzierung gefressen hatte. Mit einem Polierstein alleine hätte man Stunden gebraucht, um auch nur die Hälfte der kleinen Kanten sauber zu bekommen.
      Ich griff tief in den Rucksack und holte ein kleines, fest verwickeltes Ledersäckchen hervor. Daraus entnahm ich ein feines, blassgelbes Pulver, das stechend nach verbranntem Stein und altem Schwefel roch.
      Ich nahm eine tiefere Ton-Schale, die am Rande des Tisches stand, gieß frisches Wasser hinein und streute eine großzügige Handvoll des Pulvers hinein. Das Wasser begann augenblicklich leise zu brodeln. Kleine, feine Bläschen stiegen an der Oberfläche auf, und ein beißender, scharfer Dampf stieg in die Luft.
      Ich sah sie direkt und eindringlich an. Die Beiläufigkeit in meinem Blick war vollkommen verschwunden.
      „Hört mir jetzt genau zu“, sagte ich und meine Stimme schnitt durch das leise Brodeln der Schale. „Berührt diese Flüssigkeit unter keinen Umständen mit den blassen Fingern. Nicht einmal mit der Spitze eines Nagels. Das ist ein Ätzmittel der Zunft. Es frisst den Rost vom Eisen in wenigen Minuten herunter, aber es unterscheidet nicht zwischen altem Metall und menschlicher Haut. Wenn Ihr hineingreift, brennt es Euch die Haut bis auf das Fleisch weg.“
      Ich wiederholte die Warnung noch einmal mit ruhigem Nachdruck, um sicherzugehen, dass das Gewicht meiner Worte bei ihr ankam. Ein solches Mittel war ein Werkzeug der Feldapotheke der Jäger – nützlich, aber unbarmherzig, wenn man fahrlässig damit umging.
      Mit einer kleinen Holzzange, die ich aus den Taschen zog, nahm ich die verrosteten Schnallen einzeln auf und ließ sie vorsichtig in das brodelnde Bad gleiten. Kaum trafen die eisernen Teile auf die Flüssigkeit, verstärkte sich das Zischen. Der rötliche Belag auf den Beschlägen begann sich sichtbar aufzulösen, wölbte sich in kleinen, dunklen Flocken ab und stieg als dunkler Schaum an die Oberfläche.
      Wir saßen eine Weile schweigend vor der Schale. Das leise Zischen des Mittels war das einzige Geräusch im Raum. Es dauerte nicht lange – kaum zehn Minuten –, bis das Metall unter der Flüssigkeit wieder silbrig und dunkel schimmerte. Der Rost war vollkommen aufgefressen.
      „Nun kommt der letzte Schritt“, sagte ich leise. „Die Säure muss neutralisiert werden, sonst frisst sie das Eisen in den nächsten Tagen vollends auf.“
      Ich griff nach einem langen, trockenen Fichtenstock, der neben dem Kamin lag. Mit der zugespitzten Seite fischte ich die ersten Schnallen geschickt aus dem ätzenden Bad. Die Metalle waren heiß und dampften leicht in der kühlen Raumluft.
      Ohne zu zögern, schob ich den Stock über die Kante der Feuerstelle und warf die nassen, säuregestränkten Schnallen direkt in die glühende Asche des Kaminfeuers.
      Es gab ein plötzliches, fauchendes Rauschen.
      Ein lautes Knistern fuhr durch die Scheite, und für einen faszinierenden, kurzen Augenblick veränderte das Feuer seine Farbe. Die sonst friedlich rot-orange lodernden Flammen schlugen in ein leuchtendes, tiefes Violett um, das an den Rändern in ein grelles, giftiges Grün überging. Der stechende Geruch des neutralisierten Pulvers verflüchtigte sich augenblicklich in den Zug des Schornsteins. Ein paar Sekunden lang erstrahlte die kleine Hütte in diesem bizarren, fast magischen Lichtspiel, ehe das Fauchen abebbte und die Flammen wieder in ihr gewohntes, warmes Rotgelb zurücksanken.
      In der Asche lagen die Schnallen – vollkommen blank, sauber, frei von jedem Makel und durch die Hitze des Feuers gehärtet.
      Ich lehnte mich langsam wieder an die raue Holzwand zurück. Der Brustkorb zog ein wenig von der gebückten Haltung, aber die Anstrengung war gering gewesen.
      „Das war es schon“, sagte ich mit einem leisen, zufriedenen Schmunzeln und wies auf die abgekühlten, glänzenden Beschläge und die geschmeidig gewordenen Lederriemen. „Das ganze Theater um die Ausrüstung eines Jägers ist im Grunde nichts weiter als ein bisschen Chemie, ein gutes Fett und das richtige Feuer im rechten Moment.“
      Ich schloss für einen Augenblick die Augen. Die Dämmerung hatte den Raum nun vollends eingeholt. Draußen im Garten war es dunkel geworden, und der Wind trug das kühle Rauschen der Nacht herbei. Die Hütte roch nach gepflegtem Leder, heißem Eisen und dem verbleibenden Duft des Feuers. Der Tag neigte sich seinem Ende zu, und der Haufen, der einst steif und verrostet auf den Dielen gelegen hatte, war wieder zu dem geworden, was er sein sollte: eine verlässliche Ausrüstung, bereit für die Pfade, die irgendwann vor mir liegen würden.
    • Ich hatte seine Anweisung aufmerksam verfolgt und meine Finger sogleich von der Schale ferngehalten. Der beißende Geruch ließ mich ohnehin instinktiv ein wenig zurückweichen. All seine bisherige Erklärungen und Bewegungen hatte ich zutiefst verinnerlicht. Jeden Satz aufgezogen. Es war nicht kompliziert gewesen, es waren einfache Schritte und einfache Materialien, die er benutzte. Es war einfacher gewesen, als ich es mir vorgestellt habe. Es war eine angenehme Überraschung. „Das hätte ich auch ohne Eure Warnung nicht angefasst“, murmelte ich, wenngleich mein Blick noch immer neugierig auf der brodelnden Flüssigkeit ruhte. Ich kannte viele Kräuter und Mittel, doch mit einem solchen Zeug hatte ich noch nie gearbeitet. Als die ersten Schnallen in der Schale zu zischen begannen, beobachtete ich schweigend, wie der Rost sich von dem Eisen löste. Es war wirkungsvoll, wenn auch keineswegs etwas, das ich in meiner Hütte gern unbeaufsichtigt stehen hätte. Dann jedoch veränderte sich plötzlich das Feuer. Ich hielt mitten in der Bewegung inne und starrte auf die violetten Flammen, deren Ränder für einige Augenblicke in einem seltsamen Grün aufflammten. „Was... war das?“ fragte ich leise und rückte ein kleines Stück näher zum Herd, ohne die Schale aus den Augen zu lassen. Für einen kurzen Moment erinnerte mich das Licht an etwas, das ich nicht recht zu benennen vermochte, und ich spürte ein merkwürdiges Kribbeln in meinen Fingerspitzen. Vielleicht war es nur die Hitze oder die ungewohnte Reaktion des Mittels. Ich schob den Gedanken beiseite und sah stattdessen auf die nun blanken Schnallen. „Es ist jedenfalls erstaunlich“, stellte ich fest und nahm eine der abgekühlten Schnallen vorsichtig zwischen zwei Finger. Sie glänzte beinahe wie neu. Ich strich mit dem Daumen über das glatte Metall und legte sie wieder zu den übrigen Teilen. „Das hätte ich allein wohl kaum herausgefunden.“ Mein Blick fiel auf Leonard, der sich inzwischen wieder gegen die Wand lehnte. „Und Ihr habt Euch dabei tatsächlich kaum bewegt.“ Ich musterte ihn prüfend, ehe ich zufrieden nickte. „Dann war das wohl eine der wenigen guten Ideen von Euch.“ Ein kaum merkliches Lächeln huschte über mein Gesicht.
      Draußen war es inzwischen vollkommen dunkel geworden, und die Kälte drang langsam durch die Ritzen der alten Hütte. Ich erhob mich, legte die gepflegten Riemen ordentlich beiseite und begann, die übrigen Dinge vom Boden auf den Tisch zu räumen. „Für heute reicht es“, sagte ich ruhig. „Ihr habt Eure Ausrüstung gerettet, ohne dabei eine weitere Wunde zu bekommen. Mehr kann man wohl nicht verlangen.“ Ich legte noch ein Scheit Holz ins Feuer und setzte einen kleinen Topf darüber. Ich schien mehr Worte auf der Zunge zu haben als sonst, was wohl an die lehrreiche Stunde vom Jäger, der meine Neugier gestillt hatte.
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    • Ein leises, tiefes Lachen entwich meiner Brust, als ich die Neugier in ihren Augen sah und das fast schon kindliche Staunen spürte, mit dem sie die nun schimmernden Schnallen betrachtete. Es war ein seltenes, unverfälschtes Bild: Die sonst so kühle, pragmatische Heilerin, die den Gefahren des Waldes mit stoischer Gelassenheit begegnete, war für einen kurzen Augenblick von der schlichten Magie der Wandlung fasziniert worden.
      „Es ist keine Zauberei“, sagte ich leise, während mein Schmunzeln noch immer auf den Lippen lag. Meine Stimme klang entspannt und getragen von der behaglichen Wärme, die der Kamin nun in den Raum abstrahlte. „Es ist Alchemie. Ein altes Handwerk der Zunft, das wir auf den langen Wegen nutzen, um Werkzeug und Waffen rasch wieder einsatzbereit zu machen.“
      Ich wies mit einer leichten Handbewegung auf das kleine Ledersäckchen, aus dem ich das gelbliche Pulver entnommen hatte.
      „Das Pulver stammt aus einem gelblichen Gestein – Schwefel, der tief in den Spalten brennender Berge gewonnen wird. Wenn man den Stein fein mörsert, bleibt er zunächst vollkommen harmlos und trocken. Seine ätzende Kraft entfaltet er erst in dem Augenblick, in dem er mit reinem Wasser zusammenstößt und die Säure freigesetzt wird. Das grüne und violette Licht im Feuer... das ist nichts weiter als der Rest der Säure, der beim Verbrennen im Harz des Fichtenholzes augenblicklich zerfällt. Es sieht beeindruckend aus, aber es ist reine Natur.“
      Ich sah, wie ihr Blick noch immer auf dem Säckchen ruhte, während sie die frischen Holzscheite auf die Glut legte. Die lehrreiche Stunde hatte die verbliebenen Mauern zwischen uns wieder ein Stück weiter aufgeweicht, und das leise Prasseln des neu entfachten Feuers schuf eine vertraute, fast heimelige Atmosphäre in der kleinen Holzstube.
      Ich griff nach dem Ledersäckchen, lockerte die Schnur und hielt es ihr ein kleines Stück entgegen.
      „Wenn Ihr das Schauspiel noch einmal sehen wollt“, schlug ich ruhig vor, während ein warmer Glanz in meinen Augen lag, „dann nehmt eine kleine Prise dieses trockenen Pulvers – nur ganz wenig zwischen Daumen und Zeigefinger – und werft es direkt in die heiße Glut. Ganz ohne Wasser. Ihr werdet sehen, wie die Flammen augenblicklich wieder in diesem tiefen Violett und Grün aufflackern. Es tut dem Herd nichts, hinterlässt keinen Schaden und gibt Euch die Antwort auf Euer Wundern.“
      Ich hielt inne und beobachtete, wie das Licht der Flammen über die Holzoberflächen wanderte. Die Kälte der Nacht, die draußen durch die Wipfel der Fichten strich, schaffte es nicht mehr durch die dicken Holzbalken. Das Knistern des Kaminfeuers und der Duft von frischem Fichtenholz, gepflegtem Leder und Kräutertees hüllten den Raum in eine tiefe Geborgenheit.
      Ich lehnte mich ein Stück weiter zurück, spürte das feste Holz der Wand an meinem Rücken und sah sie ernst, aber von tiefem Respekt erfüllt an.
      „Ich danke Euch“, sagte ich leise, und meine Stimme verlor jeden Anflug von Beiläufigkeit. „Ich danke Euch für Eure Hilfe an diesem Nachmittag. Für Eure Geduld... und dafür, wie Ihr mich hier ertragt. Ich weiß sehr wohl, dass ich als unerbetener Gast in Euer Leben getreten bin. Ein verletzter Jäger, der Unruhe in Euren Alltag gebracht hat und Eure Vorräte beansprucht.“
      Ich machte eine kurze Pause und ließ meine Worte in der Stille der Hütte wirken.
      „Ihr hättet mich im Sumpf liegen lassen können. Oder Ihr hättet mich vor Eurer Tür abweisen können, sobald Ihr gesehen habt, wer ich bin. Dass Ihr es nicht getan habt, dass Ihr meine Wunden gepflegt habt und mir heute Abend sogar hier am Boden geholfen habt, meine Ausrüstung vor dem Verfall zu retten... das ist keine Selbstverständlichkeit. Ich habe in meinem Leben viele Orte gesehen, aber nur wenige Menschen getroffen, die eine solche Barmherzigkeit besitzen.“
      Der kleine Topf über dem Feuer begann leise zu summen, als das Wasser darin seine Siedehitze erreichte. Draußen in der Dunkelheit hörte man nur das vereinzelte, tiefe Schnauben meines Wallachs, der sicher und satt am Zaun stand. Die Arbeit des Tages war getan. Die Ausrüstung lag geordnet, gesäubert und gefettet auf dem Tisch, bereit für die Zukunft. Meine Wunden ruhten unter den frischen Verbänden, und der ständige Schmerz war einem erträglichen, heilenden Pochen gewichen.
      Ich schloss für einen Augenblick die Augen und genoss das Gefühl der tiefen Ruhe, die sich über uns beide gelegt hatte. Die Nacht mochte kalt und dunkel über dem Wald liegen, doch hier drinnen, im warmen Schein der Glut, war der Frieden für diesen Tag vollkommen.
    • Ich nahm das kleine Ledersäckchen vorsichtig entgegen und betrachtete es einen Augenblick, ehe ich die Schnur wieder sorgfältig darum band. „Dann werde ich es wohl morgen einmal versuchen“, sagte ich leise und ließ meinen Blick noch einmal zu den Flammen wandern. Irgendetwas an den Farben hatte mich gefesselt. Das tiefe Violett, das so unvermittelt zwischen dem Rot und Gold der Glut aufgeleuchtet hatte, dazu jene seltsamen grünen Ränder, die für einen kurzen Augenblick beinahe wie fremdes Licht gewirkt hatten. Es war nichts, was ich bislang gesehen hatte, und gerade deshalb wollte ich wissen, ob es sich tatsächlich so wiederholen ließ. Ich legte das Säckchen zu den übrigen Sachen auf den Tisch, doch ehe ich mich weiter damit beschäftigte, fiel mein Blick auf den kleinen Topf über dem Feuer. Es gab schließlich Wichtigeres, und für das Schauspiel würde sich auch morgen noch Zeit finden.
      Ich wandte mich dem Essen zu und bereitete eine einfache, warme Mahlzeit zu, während draußen die Dunkelheit dichter zwischen den Bäumen lag. Als Leonard mir schließlich seinen Dank aussprach, sah ich kurz zu ihm hinüber und winkte mit einer kleinen Bewegung ab. „Das war selbstverständlich“, erwiderte ich ruhig. „Ich hätte Euch wohl kaum im Wald liegen lassen können.“ Mehr vermochte ich dazu nicht zu sagen, denn für mich war es tatsächlich nichts, worüber viele Worte verloren werden mussten.
      Ich stellte ihm das Essen hin und wartete, bis er sich etwas bequemer gesetzt hatte, ehe ich mich daran machte, seine Verbände zu wechseln. Vorsichtig löste ich die alten Tücher und betrachtete die Wunden im Schein des Feuers. Diesmal musste ich nicht lange suchen, um eine Veränderung festzustellen. Die Schwellung war deutlich zurückgegangen, die Haut wirkte ruhiger, und auch dort, wo die Verletzungen zuvor noch recht tief gewesen waren, begann sich neues Gewebe zu bilden. Ich strich nur behutsam mit den Fingerspitzen über die unversehrte Haut daneben und nickte zufrieden. „Es wird besser“, murmelte ich mehr zu mir selbst als zu ihm. „Deutlich besser.“
      Nachdem ich die Wunden erneut gereinigt und mit frischer Salbe versorgt hatte, legte ich ihm einen sauberen Verband an und achtete darauf, ihn nicht zu fest zu binden. Erst als alles zu meiner Zufriedenheit war, räumte ich die wenigen Dinge zusammen und löschte später das Feuer so weit, dass nur noch eine schwache Glut zurückblieb.
      Der Tag hatte mehr von mir gefordert, als ich zunächst gedacht hatte, und so zog ich mich schließlich zur Ruhe zurück. Noch ehe ich die Augen schloss, kam mir das gelbliche Pulver wieder in den Sinn und mit ihm die seltsamen Farben der Flammen. Morgen würde ich es ausprobieren. Ganz gewiss. Doch nun war die Nacht hereingebrochen, und mit dem ersten Licht eines neuen Tages würden andere Dinge auf mich warten. Schon bald umfing mich der Schlaf, während draußen der Wald still unter dem dunklen Himmel lag.
      Als am nächsten Morgen das erste fahle Licht durch die Ritzen der hölzernen Fensterläden drang, erwachte ich und wusste sogleich, dass ein neuer Tag begonnen hatte. Mir kam in den Gedanken, dass ich bald wieder ins Dorf gehen musste und es die Überlegung gab, ob der Jäger dazu bereit war mich zu begleiten.
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    • Als das fahle Morgenlicht durch die Ritzen der Holzläden drang und sich als schmale, goldene Streifen über die Dielen legte, zeugte die Stille der Hütte von einem völlig neuen Tagesanbruch. Das Bett an der Wand war leer. Das Laken lag glatt gestrichen und das flache Kissen ruhte ordentlich an seinem Platz. Auch die schwere Hüttentür stand weit offen, und ein frischer, kühler Luftzug strömte herein, der den schweren Duft von Kräutersalben und Holzrauch der vergangenen Tage im Nu vertrieb. Draußen verriet das leise, feuchte Knirschen von Halmen, dass der Morgen seine Arme weit ausgebreitet hatte.
      Ich stand barfuß im taunassen Gras des Gartens, den Oberkörper leicht aufgerichtet und die Beine schulterbreit ins kühle Grün gestemmt. Die Kälte der Erdtropfen kroch von den Fußsohlen aufwärts und weckte jede einzelnen Faser meines Körpers, die in der Enge des Raumes eingerostet schien. Meine Blickrichtung war starr nach Osten gewandt, direkt in das feurige Scheibenlicht der aufgehenden Sonne. Ich hielt die Augen sanft geschlossen und ließ mir die ersten, warmen Strahlen über die Haut fahren, saugte die Frische des Herbstmorgens gierig in die Lungen und spürte, wie der Wind mir stetig durch das Haar strich.
      Neben mir trat mein Wallach einen Schritt näher. Die dicken Hufe sanken tief in den weichen, feuchten Boden des Beetsaums. Das große Tier hob den mächtigen Schopf, senkte die Nüstern vorsichtig ab und schnupperte leise an meiner Schulter und meinem Hals. Der warme, feuchte Atem des Pferdes dampfte in der kühlen Morgenluft und bildete kleine, weiße Wolken vor unseren Gesichtern. Ich hob nicht einmal die Hand, um ihn wegzustoßen; das vertraute Gewicht seines Kopfes an meinem Rücken war die einzige Stütze, die ich in diesem Augenblick brauchte und zuließ.
      Meine Rippen spürte ich noch immer bei jedem tieferen Atemzug. Es war ein dumpfer, ehrlicher Schmerz, der mich daran erinnerte, wie knapp ich dem Abgrund entronnen war. Doch das ständige, fiebrige Stechen war vollends gewichen. Die frischen Verbände, die sie mir gestern Abend mit so geübter, ruhiger Hand angelegt hatte, hielten den Brustkorb stabil, und das Gefühl der Kälte an den Füßen gab meinem Gleichgewichtssinn seine alte Schärfe zurück.
      Der Weg ins Dorf, den sie tags zuvor beiläufig erwähnt hatte, schwebte noch immer greifbar in der kühlen Luft. Ich spürte das feste Holz der Dielen nicht mehr unter mir, sondern den freien, offenen Grund der Welt. Mein Körper war bereit für den ersten Schritt über die Grenze dieses Zufluchtsortes hinaus.
      Ich atmete tief ein, öffnete langsam die Augen und blickte über das im Morgentau glitzernde Dach der Hütte hinweg in den tiefen, erwachenden Forst. Der Wind trug den Duft von feuchter Mooserde und Fichtennadeln heran, und an der Seite meines Pferdes stehend, mitten im Sonnenlicht, war der Abschied von der hilflosen Reglosigkeit der vergangenen Woche endgültig besiegelt.
    • Als ich erwachte, war das erste Licht des Morgens bereits durch die schmalen Ritzen der Holzläden gedrungen und zeichnete blasse Streifen auf den Boden der Hütte. Einen Augenblick blieb ich noch reglos liegen und lauschte der Stille, die nur vom leisen Rascheln der Bäume und dem vereinzelten Schnauben des Wallachs draußen unterbrochen wurde. Dann erinnerte ich mich an den vergangenen Abend, an die gereinigte Ausrüstung, an Leonards Dank und vor allem an das kleine Ledersäckchen mit dem gelblichen Pulver. Ein kaum merkliches Lächeln huschte über mein Gesicht. Das Feuerschauspiel wollte ich mir heute unbedingt ansehen. Doch ehe ich mich darum kümmerte, gab es anderes zu tun. Ich schlüpfte in meine Kleidung, band mir die Haare zusammen und trat aus der Hütte.
      Die kühle Morgenluft schlug mir sogleich entgegen und ließ mich fröstelnd die Schultern anheben. Der Garten lag noch feucht unter dem Tau, und die Kräuter, die ich am Vortag gegossen hatte, glänzten im ersten Sonnenlicht. Erst als ich einige Schritte gegangen war, bemerkte ich Leonard und blieb stehen. Er stand barfuß im nassen Gras, neben seinem Wallach, und wirkte auf den ersten Blick beinahe so, als wäre er niemals schwer verletzt gewesen. Nur sein vorsichtiger Atem und die leichte Spannung in seiner Haltung verrieten mir, dass sein Körper noch nicht wieder vollkommen genesen war. Ich musterte ihn eine Weile, ehe ich näher kam. „Ihr solltet nicht barfuß im kalten Gras stehen“, sagte ich ruhig und blieb vor ihm stehen. Mein Blick glitt kurz zu seinen Füßen und dann zu seinem Gesicht. „Und schon gar nicht so früh am Morgen.“ Ich seufzte leise, ehe ich mich dem Pferd zuwandte, das mich neugierig beschnupperte. Vorsichtig strich ich über seinen Hals. Dann wandte ich mich wieder Leonard zu. „Wie fühlt Ihr Euch?“ Ohne seine Antwort abzuwarten, trat ich näher und deutete auf seine Brust. „Nein, sagt es mir nicht einfach. Ich sehe es mir selbst an.“ Behutsam kontrollierte ich den Verband und prüfte, ob sich irgendwo neue Blutspuren oder eine Schwellung gebildet hatten. Nichts davon war zu erkennen. Die Wunde sah noch immer besser aus als am Vorabend, und auch sein Gesicht wirkte nicht mehr so blass wie in den ersten Tagen. Dennoch legte ich die Stirn leicht in Falten.
      Ich löste mich wieder von ihm und ging zurück zur Hütte, um einen kleinen Krug Wasser zu holen. Dabei fiel mein Blick auf die Ausrüstung, die wir am Abend zuvor sorgfältig gereinigt hatten. Alles lag ordentlich an seinem Platz, und neben dem Ledersäckchen befand sich auch das Werkzeug, das Leonard mir gezeigt hatte. Für einen Moment dachte ich an die seltsamen violetten und grünen Flammen zurück. Die Erinnerung daran ließ meine Neugier erneut erwachen. Ich trat wieder hinaus und reichte ihm den Krug. „Trinkt erst einmal. Danach könnt Ihr Euch anziehen.“ Mein Blick fiel auf seine nackten Füße, und ich fügte trocken hinzu: „Und zieht Euch etwas an die Füße. Sonst verbringt Ihr den Abend wieder in meinem Bett und ich darf Euch erneut verarzten.“
      Bevor ich mich um das Dorf oder das seltsame Pulver kümmern konnte, gab es noch genug zu tun. Der Tau lag schwer auf den Blättern, und einige der Kräuter hatten sich unter der Kühle der Nacht zur Erde geneigt. Ich ging zwischen den schmalen Beeten hindurch, hob vorsichtig die jungen Triebe an und richtete jene wieder auf, die unter dem Gewicht der feuchten Blätter beinahe auf dem Boden lagen. Mit einer kleinen Schere schnitt ich verwelkte Blüten und abgestorbene Stängel ab und legte sie in einen Korb, den ich später zum Trocknen neben dem Herd ausbreiten wollte. Bei manchen Pflanzen genügte es, nur die äußeren Blätter zu entfernen, während andere bereits dringend zurückgeschnitten werden mussten, ehe sie zu viel Kraft verloren.
      Die Arbeit war mir vertraut und beruhigte meine Gedanken. Ich musste nicht darüber nachdenken, was im Dorf geschehen mochte, oder welche Blicke Leonard dort auf sich ziehen würde. Meine Hände wussten von allein, was zu tun war. Ich lockerte mit den Fingern die feuchte Erde um die Wurzeln der kleineren Kräuter und zog vorsichtig das Unkraut heraus, das sich über Nacht wieder zwischen ihnen ausgebreitet hatte. Die jungen Pflanzen für Salben und Aufgüsse lagen mir besonders am Herzen, denn manche davon brauchten noch einige Wochen, ehe ich sie ernten konnte. Andere hingegen waren bereits weit genug, sodass ich ein paar Blätter abnahm und sie zum Trocknen auf ein Tuch legte. Dabei achtete ich darauf, niemals mehr zu nehmen, als ich tatsächlich brauchte.
      Der Garten war klein, doch er versorgte mich mit vielem, was ich zum Leben benötigte. Kräuter für Tee, Pflanzen für Salben, einige Gewürze und manches, dessen Wirkung ich selbst erst durch die Bücher des alten Mannes kennengelernt hatte.
      Während ich arbeitete, bemerkte ich aus dem Augenwinkel, dass Leonard noch immer draußen stand. Ich sah kurz zu ihm hinüber, sagte jedoch nichts. Wenn er glaubte, mir beim Gärtnern zusehen zu müssen, sollte er das meinetwegen tun, solange er dabei nicht auf die Idee kam, mir zu helfen.
      Schließlich richtete ich mich auf, strich mir etwas Erde von den Händen und betrachtete die Beete noch einmal prüfend. Für den Augenblick war alles in Ordnung. Ich stellte den Korb mit den abgeschnittenen Kräutern an die Hütte, nahm den kleinen Wassereimer und begann, die Pflanzen zu gießen, die bereits unter der ersten Morgensonne standen. Das Wasser glitt in schmalen Rinnsalen über die dunkle Erde und verschwand zwischen den Wurzeln. Erst als auch das erledigt war, stellte ich den Eimer beiseite und atmete tief durch. Der Morgen war noch jung, und doch hatte ich bereits einen guten Teil meiner gewöhnlichen Arbeit verrichtet.
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    • Ein schmales, schiefes Lächeln stahl sich auf meine Lippen, als sie mich so unvermittelt auf die kalten, feuchten Halme ansprach. Ich nahm den Wasserkrug mit beiden Händen entgegen und spürte die eiskalte Glätte des Tons an meinen Fingern.
      „Das kalte Gras hebt die Müdigkeit aus den Knochen besser auf als jede Kräutertinktur“, entgegnete ich leise, doch in meiner Stimme lag kein Spott, sondern die ruhige Gewissheit eines Mannes, der nach einer Ewigkeit der Dämmerung wieder das spüren wollte, was ihn an die Welt da draußen band. Ich setzte den Krug an und trank. Das kühle Bachwasser lief erfrischend durch meinen Hals, spülte den bitteren Geschmack der nächtlichen Salben fort und hinterließ eine klare, wache Schärfe im Geist.
      Ihre geübten, kühlen Finger an meinem Brustkorb hatten mir einmal mehr bewiesen, dass sie keinen Schritt von ihrer Rolle als Heilerin abweichen würde. Doch während sie den Verband prüfte, blieb mein Blick an ihren wachsamen Augen hängen. Da war kein Blut, kein frisches Reißen der Narben, nur die sture Festigkeit von neu zusammenwachsendem Fleisch unter dem Gewebe. Dass sie mich sogleich wieder zurechtwies und mir drohte, mich bei einer Erkältung erneut verarzten zu müssen, nahm ich mit einem stummen Nicken hin.
      „Ich werde Eure Warnung beherzigen“, raunte ich hinter dem Krug hervor und stellte das Gefäß schließlich auf das breite Holzfensterbrett der Hütte ab. „Ich habe keineswegs vor, mir den morgigen Tag wegen einer klammen Sohle zu verderben.“
      Ich kehrte für einen kurzen Augenblick in das schummrige Innere der Hütte zurück. Der Raum roch frisch nach dem Luftzug des Morgenwinds und dem feinen, harzigen Duft des gepflegten Leders. Ich streifte mir die Stiefel über, zog die feste Tunika an und schnallte den breiten Gürtel um meine Hüften – nicht zu stramm, um der gebrochenen Rippe Platz zu lassen, aber fest genug, um dem Oberkörper den gewohnten Halt zu geben. Als die Stiefelschäfte um meine Waden schlossen und das Leder vertraut nachgab, fühlte ich mich wieder wie ein Mann, der seinen eigenen Weg wählen konnte.
      Zurück im Garten blieb ich nahe der Hüttenwand stehen. Mein Wallach hatte sich ein paar Schritte zurückgezogen und rupfte nun mit gleichmäßigem, klappendem Geräusch das feuchte Gras am Zaunrand.
      Ich lehnte mich vorsichtig mit der Schulter gegen die dicken Holzbalken der Wand und beobachtete sie schweigend bei ihrer Arbeit. Es war eine eigentümliche Ruhe, die von ihren Bewegungen ausging. Wie sie die zarten Triebe vorsichtig aufrichtete, die welken Blätter mit der kleinen Schere trennte und die feuchte Erde um die Wurzeln lockerte – all das geschah mit einer selbstverständlichen Hingabe, die keinen Raum für Zweifel ließ. Hier, zwischen den geordneten Beeten und den duftenden Salbeibüschen, war sie vollkommen in ihrem Element. Sie brauchte keine Gesellschaft, die ihr Anweisungen gab, und keine Zeugen für ihr Tun. Der Forst und dieser kleine Flecken Erde waren ihre Welt, eine Welt, in der jede Pflanze ihren eigenen Platz und Wert besaß.
      Ich griff unwillkürlich nach dem kleinen Ledersäckchen mit dem Schwefelpulver, das ich beim Herausgehen aus der Hütte mitgenommen und in die Tasche gesteckt hatte. Das feine Pulver darin fühlte sich trocken und leicht zwischen meinen Fingern an. Ich wusste, dass der Schein der violetten und grünen Flammen noch immer in ihren Gedanken nachhallte, auch wenn sie sich mit ganzer Aufmerksamkeit ihren Pflänzchen widmete. Es war eine faszinierende Eigenschaft: Sie besaß die pragmatische Schärfe einer Einsiedlerin, aber unter der Oberfläche brannte eine aufrichtige, fast unberührte Neugier auf die Dinge, die jenseits ihres Waldes lagen.
      Als sie schließlich den Wassereimer beiseitestellte, sich aufrichtete und tief durchatmete, trat ich einen halben Schritt aus dem Schatten des Dachvorsprungs hervor. Die Sonne stand nun hoch genug, um die Wipfel der alten Fichten in ein goldrotes Licht zu tauchen, und vertrieb die letzte Klammheit aus der Luft.
      „Die Beete stehen gut da“, sagte ich ruhig, und meine Stimme klang nun viel kräftiger als in den vergangenen Tagen. „Man sieht, wie viel Kraft dieser Boden unter Euren Händen behalten hat.“
      Ich machte eine kleine Pause und wies mit einem leichtem Kopfnicken hinüber zu dem Pfad, der sich tief im dichten Grün verlor – jenem schmalen Weg, der hinab in die Täler und zu den Ansiedlungen der Menschen führte.
      „Wenn Ihr noch immer beabsichtigt, heute ins Dorf zu gehen“, fuhr ich fort und sah sie direkt an, „dann bin ich bereit. Die Beine tragen mich, die Verbände sitzen fest, und mein Wallach kann tragen, was immer Ihr auf dem Markt zu beschaffen gedenkt. Ich werde an Eurer Seite gehen, ohne Euch zur Last zu fallen.“
      Ein leiser Hauch von Ernst stahl sich in meine Worte. Das Dorf bedeutete für sie eine Welt voller Blicke, Munkeleien und fremder Menschen; für mich bedeutete es die Rückkehr in die Welt der Lebenden. Doch an ihrer Seite wirkte dieser Schritt nicht wie eine Gefahr, sondern wie der natürliche Lauf der Dinge.
      Ich wartete gelassen an der Wand gelehnt, während der Morgentau auf den Kräutern langsam in der Wärme der Sonnenstrahlen verdunstete und der Tag seinen eigentlichen Anfang nahm.