the witch and the hunter [rambow x yumia]

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    • Ich las weiter, während die Zeit außerhalb der kleinen Hütte still und unbemerkt verstrich. Meine Augen wanderten über die vertrauten Zeilen, blieben bei sorgfältig gezeichneten Blüten und Blättern hängen und folgten den Beschreibungen, die ich längst schon beinahe auswendig kannte. Dennoch war es etwas anderes, die Worte erneut vor sich zu sehen, als sie nur aus der Erinnerung hervorzurufen. Manche Einzelheiten waren mit den Jahren verblasst, kleine Hinweise über die beste Zeit zum Sammeln oder die richtige Art, eine Pflanze zu trocknen, und so nahm ich mir die Zeit, mein Gedächtnis wieder aufzufrischen. Meine Finger glitten über eine Zeichnung, die eine zarte Blume mit schmalen, hellen Blättern zeigte. Ich erinnerte mich daran, sie weiter südlich am Bach gefunden zu haben, dort, wo die Erde selbst im Sommer feucht blieb und das Moos die Steine bedeckte. Das Buch beschrieb ihre Wirkung auf Fieber und Entzündungen, doch auch die Warnung, sie niemals in zu großer Menge zu verwenden. Ich blätterte weiter und blieb bei den nächsten Kräutern hängen. Unwillkürlich begann ich in Gedanken, das eine oder andere miteinander zu verbinden. Diese Blätter könnten sich vielleicht mit den getrockneten Wurzeln vermengen lassen. Vielleicht würde ein wenig von jener Blüte den bitteren Geschmack einer anderen Pflanze mildern. Ich spielte die Möglichkeiten in meinem Kopf durch und stellte mir vor, wie die Kräuter im Mörser zermahlen und anschließend in warmem Wasser aufgekocht wurden. Doch nach einer Weile schüttelte ich kaum merklich den Kopf. Ich hatte keinen Nutzen für eine neue Mischung. Zumindest keinen, den ich gegenwärtig erkennen konnte. Es wäre töricht gewesen, meine wenigen Vorräte für etwas zu verbrauchen, das ich am Ende vielleicht gar nicht benötigte. Also ließ ich den Gedanken wieder ziehen und wandte mich den nächsten Seiten zu.
      So verlor ich mich erneut zwischen den Zeilen des alten Buches. Das Knistern des Feuers begleitete mich, ebenso wie das gelegentliche Rascheln der Seiten, wenn ich eine davon umblätterte. Draußen musste die Welt ihren gewohnten Gang genommen haben, doch ich schenkte ihr keine Beachtung. Erst als sich nach einer Weile ein ziehender Schmerz in meinem Nacken bemerkbar machte, hob ich den Kopf und streckte ihn vorsichtig. Ich hatte wohl zu lange in derselben Haltung gesessen. Mit einem leisen Atemzug rieb ich mir den Nacken und sah zum Fenster hinüber. Erst da bemerkte ich, wie spät es geworden war. Das Licht, das noch vor einiger Zeit durch das Fenster gefallen war, hatte sich vollkommen verändert. Die Sonne war längst hinter den Bäumen verschwunden, und über dem Wald hatte sich die Dämmerung gelegt. Nur die letzten schwachen Spuren des Tageslichts lagen noch zwischen den dunklen Baumstämmen, ehe auch sie allmählich von der Nacht verschlungen wurden. Wie lange hatte ich gelesen? Ich vermochte es nicht zu sagen. Die Zeit hatte sich mir gänzlich entzogen. Mein Blick wanderte beinahe von selbst zu Leonard hinüber. Der Jäger lag noch immer in seinem Bett und hatte sich seit meinem letzten Blick kaum bewegt. Seine Augen waren geschlossen, und an seinem ruhigen Atem erkannte ich, dass er eingeschlafen war. Für einen Moment betrachtete ich ihn schweigend. Es war vermutlich das Beste. Sein Körper brauchte die Ruhe mehr als alles andere, und auch wenn ich nicht wusste, ob seine Gedanken ebenso rastlos waren wie meine, so schien der Schlaf ihn zumindest für eine Weile von allem fernzuhalten. Ich hatte nicht vor, ihn zu wecken.
      Vorsichtig schloss ich das Kräuterbuch und legte es zurück auf das Regal, wobei ich darauf achtete, keinen unnötigen Lärm zu machen. Danach wandte ich mich dem Tisch zu. Es war inzwischen Zeit, mich um das Abendessen zu kümmern. Ich nahm die Zutaten zur Hand, die ich noch besaß, und begann, sie mit ruhigen Bewegungen zu schneiden. Das Messer glitt über das Holz, während ich darauf bedacht war, nicht mehr Lärm zu machen, als nötig war. Leonard mochte tief schlafen, doch ich wollte sein wenig erholsames Ruhen nicht durch unnötiges Klappern stören. Die Stücke fielen nach und nach auf das Brett, ehe ich sie beiseitelegte. Anschließend nahm ich den Eimer und füllte den Kessel mit dem Wasser, das mir noch zur Verfügung stand. Morgen würde ich neues holen müssen. Der Gedanke daran ließ meinen Blick für einen Augenblick zum Eimer wandern. Das Wasser würde nicht ewig reichen, und mit einem weiteren Menschen unter meinem Dach verbrauchte ich ohnehin mehr als gewöhnlich. Leonard konnte mir dabei gewiss nicht helfen, zumindest noch nicht. Also würde ich den Weg zum Bach selbst antreten müssen. Vielleicht konnte ich die Gelegenheit zugleich nutzen, um nach einigen der Kräuter Ausschau zu halten, die mir im Buch erneut in den Sinn gekommen waren. Doch das war eine Sorge für den kommenden Tag. Für den Augenblick stellte ich den Kessel über das Feuer und begann, das Essen langsam zu kochen.
      Der aufsteigende Dampf erfüllte nach und nach die Hütte und vermischte sich mit dem warmen Geruch des Feuers und den Kräutern, die noch immer von der Decke hingen. Während ich mit dem Löffel vorsichtig im Kessel rührte, glitt mein Blick erneut zu Leonard. Er schlief noch immer. Vielleicht würde er erst später erwachen, wenn der Geruch des Essens ihn aus seinem Schlaf lockte. Meine Gedanken wanderten jedoch bereits weiter. Nachdem wir gegessen hatten, würde ich seine Verbände erneut kontrollieren müssen. Die Wunden sollten sauber bleiben, und ich wollte nicht riskieren, dass sich etwas darunter entzündete. Es war besser, vorsichtig zu sein, auch wenn ich wusste, dass ihm der Wechsel der Verbände alles andere als angenehm sein würde. Mein Blick blieb einen Moment länger auf dem schlafenden Jäger liegen. „Ihr werdet wohl kaum Freude daran haben“, murmelte ich so leise, dass es eher ein Gedanke als wirkliche Worte waren. Dann wandte ich mich wieder dem Kessel zu und rührte weiter. Draußen hatte die Nacht den Wald nun gänzlich eingenommen, und die Hütte lag nur noch im flackernden Licht des Feuers. Die Schatten bewegten sich über die Wände, während das leise Blubbern des kochenden Wassers die Stille durchbrach. Ich atmete langsam aus und setzte meine Arbeit fort. Der Abend war gekommen, und so würde bald auch eine weitere Nacht beginnen, in der ein Jäger unter meinem Dach schlief und ich darauf achten musste, dass er bis zum nächsten Morgen noch immer atmete. Eine seltsame Wendung für einen Tag, der einst so gewöhnlich begonnen hatte.
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    • Das verhaltene Blubbern des Kessels und das leise Schaben des Holzlöffels waren die ersten Geräusche, die sich durch den dichten Schleier meines Schlafes arbeiteten.
      Obwohl ich tief in die Erholung eingetaucht war, blieb der Instinkt eines Mannes, der Jahre auf den Pfaden der Zunft verbracht hatte, selbst im Traum wachsam. Wenn man oft genug im Unterholz geschlafen hatte, wo jedes Knacken eines Zweigs den Unterschied zwischen Leben und Tod bedeuten konnte, war ein lautloses Aufwachen keine bewusste Entscheidung, sondern eine körperliche Notwendigkeit.
      Die feinen, vorsichtigen Bewegungen drüben an der Feuerstelle, das sanfte Plätschern des Wassers und das fast unhörbare Klacken des Messers auf dem Holzbrett – all diese behutsamen Laute hatten gereicht, um meine Sinne wieder ins Bewusstsein zu rufen.
      Ich lag noch immer auf der linken Seite, das Gesicht zur Holzwand gewandt, und ließ die Augen zunächst geschlossen.
      Der Raum roch verändert. Das kühle, bläuliche Tageslicht war gänzlich geschwunden. Stattdessen spürte ich auf der nackten Haut meines Nackens das warme, unruhige Flackern des Kaminfeuers, das lange Schatten über die Wände warf. Der Duft von frisch geschnittenem Gemüse, kochendem Wasser und dem herben Harz des brennenden Holzes lagerte dicht und behaglich in der Luft.
      Draußen herrschte die tiefe, undurchdringliche Nacht des Waldes. Kein Windstoß rüttelte mehr an den Laden; nur das gelegentliche, ruhige Durchatmen meines Wallachs vor der Hütte drang ab und zu durch die Ritzen der Dielen.
      Und dann durchbrach ihr leises, fast verwehtes Murmeln die Stille: „Ihr werdet wohl kaum Freude daran haben.“
      Ein tiefes, raues Glucksen stieg unwillkürlich in meiner Kehle auf – ein trockenes, grunzendes Lachen, das sofort meine Rippen erschütterte und mir ein leises, ersticktes Ächzen abverlangte. Der Versuch, das Lachen zu unterdrücken, machte es nur schlimmer. Das Gewebe an meiner rechten Flanke spannte sich schmerzhaft an, als würde mich die Klauenspur der Bestie noch einmal ermahnen, dass frohe Gemütsausbrüche derzeit nicht auf meinem Speiseplan standen.
      Ich spannte die Kiefer aufeinander, atmete flach durch die Nase aus und ließ das Grumpfen in ein leises, tiefes Brummen übergehen.
      „Erwischt...“, brachte ich schließlich hervor, die Stimme noch heiser und schwer von der stundenlangen Ruhe, aber vollkommen klar im Geist.
      Ich drehte mich nicht sofort um. Ich wusste aus Erfahrung, dass eine übereilte Bewegung mein Muskelgewebe wieder zerreißen würde. Stattdessen schob ich mich millimeterweise auf den Rücken, winkelte das linke Bein an und stützte mich vorsichtig mit dem linken Ellbogen auf der Strohmatratze ab. Das dumpfe Pochen in meiner Brust meldete sich sofort zurück, aber es war ein vertrauter, beherrschbarer Schmerz.
      Ich wandte den Kopf langsam in Richtung der Feuerstelle, wo der Dampf des Kessels im rötlichen Feuerschein tanzte.
      „Eure leisen Schritte... haben mich geweckt“, fuhr ich leise fort, während meine grau-blauen Augen das flackernde Licht reflektierten. „Ihr müsst Euch nicht vorzuwerfen haben, Ihr hättet zu viel Lärm gemacht. Ein Mann meiner Zunft wacht auf, wenn eine Fliege an der Wand die Richtung wechselt. Es ist... eine Marotte, die man schwer wieder ablegt, wenn man ein paar Jahre zu oft im Freien übernachtet hat.“
      Ich ließ den Kopf ein Stück weit ins Kissen zurücksinken, hielt aber die aufgerichtete Haltung bei. Mein Körper fühlte sich nach dem langen Schlaf seltsam schwer an, aber die brennende Hitze der Entzündung war nicht zurückgekehrt. Die Wunden waren ruhig. Das Fieber hielt sich im Zaum.
      Mein Blick fiel auf das kleine Kräuterbuch, das nun wieder an seinem angestammten Platz im Regal stand, genau ausgerichtet an den anderen Bänden. Sie hatte stundenlang darin gelesen. Ich hatte das leise Blättern im Schlaf registriert, wie einen gleichmäßigen Taktstock, der die Zeit strukturierte.
      „Und was das Wechseln der Verbände angeht...“, meinte ich nach einem kurzen Atemzug, wobei sich die Falten um meine Augen leicht entspannten, „...Ihr habt recht. Eine Freude ist es sicher nicht. Flüssiges Feuer auf offenen Fleischwunden gehört nicht zu den Dingen, auf die man sich den ganzen Tag freut. Aber ich bin kein kleines Kind, das vor der Salbe davonläuft. Was getan werden muss, wird getan.“
      Ich wusste, dass sie die Dämmerung und die Nacht dazu nutzen würde, meine Verletzungen erneut zu säubern. Es war die logische, konsequente Fortführung ihrer Arbeit. Wenn sie einmal eine Aufgabe übernommen hatte, führte sie sie zu Ende – völlig egal, wie sehr sie die Anwesenheit des Fremden auf ihrer Pritsche verabscheute oder wie trocken sie ihre Absagen formulierte.
      Ich ließ den Blick einen Augenblick im Raum schweifen. Die Schüssel und das Messer vom Nachmittag waren verschwunden, der Vorbereitungstisch blitzblank geschrubbt, die Kleidung sauber gefaltet bei meinen Taschen aufgebahrt. Sie hatte eine eiserne Ordnung aufrechterhalten, während ich im Kissen gelegen und mich meinen düsteren Gedanken hingegeben hatte.
      „Ihr verbraucht viel Wasser wegen mir“, merkte ich leise an und nickte schwach in die Richtung des fast leeren Eimers nahe der Tür. „Zwei Personen, frische Aufgüsse für die Verbände, das Reinigen der Tücher... Der Eimer wird morgen früh leer sein.“
      Ich machte eine kurze Pause und spürte das gleichmäßige Heben meines Brustkorbs unter der strammen Bandage.
      „Wenn Ihr morgen zum Bach geht... stellt Euch darauf ein, dass der Pfad aufgeweicht ist. Das Unwetter von gestern hat den Boden im Oberlauf meistens tückisch gemacht. Nehmt eine feste Harke oder einen starken Stock mit. Wenn die Erde unter den Stiefeln nachgibt, greift man lieber ins Leere mit Holz in der Hand als mit einem vollen Wassereimer.“
      Es war kein belehrender Rat, sondern der schlichte Hinweis eines Mannes, der die Wege im Wald bei jedem Wetter gegangen war. Ich verlangte nicht, dass sie darauf antwortete, und ich erwartete nicht, dass sie nickte. Ich wusste inzwischen, dass sie Hinweise verarbeitete, ohne große Worte darüber zu verlieren – genau wie bei dem Häuten des Hasen am Nachmittag.
      Der Dampf, der aus dem Kessel stieg, roch köstlich. Es war dieselbe schlichte, ehrliche Brühe wie am Morgen, aber der Hunger meldete sich erneut in meinem Magen. Ein gutes Zeichen. Der Körper verlangte nach Treibstoff, um das Gewebe zu reparieren.
      Ich verschränkte die Finger der linken Hand über der Decke und sah zu, wie das Feuer im Kamin knisterte.
      Die Nacht war lang, der Wald da draußen schwarz und undurchdringlich. Aber in diesem kleinen Raum aus Holz, Rauch und Kräuterduft war die Welt für einige Stunden zum Stillstand gekommen. Wir waren zwei Fremde, getrennt durch Welten aus Misstrauen, Erziehung und Schicksal, gefangen in einem stummen Abkommen aus Pflege und Duldung.
      Ich wartete schweigend ab, bis die Suppe fertig war und sie die Schüssel nehmen würde. Ich war bereit für die nächste Dosis ihrer bitteren Salbe, für den Schmerz der frischen Bandagen und für das kühle Schweigen, das diese Hütte so verlässlich erfüllte.
    • Seine Worte ließen mich für einen kurzen Augenblick innehalten, auch wenn ich dies nach außen hin kaum erkennen ließ. Ich hatte seinen Rat vom Nachmittag keineswegs ausgeschlagen. Im Gegenteil. Er hatte mir gezeigt, dass ich das Messer bisher mit mehr Kraft geführt hatte, als es nötig gewesen war, und die Arbeit war mir danach deutlich leichter von der Hand gegangen. Es wäre töricht gewesen, hilfreiche Worte allein deshalb von mir zu weisen, weil sie aus dem Mund eines Jägers kamen. Ich mochte vieles an ihm noch immer nicht wissen, und noch weniger wusste ich, was ich von ihm halten sollte, doch das bedeutete nicht, dass ich jeden Rat unbeachtet lassen musste. Der alte Mann hatte mir stets gesagt, dass man von jedem etwas lernen konnte, solange man verstand, die Worte eines anderen mit Bedacht zu betrachten. Und so würde ich mir auch das merken, was Leonard mir über das Häuten des Wildes gezeigt hatte. Es schadete nicht, etwas Neues zu lernen. „Ich habe Euren Rat nicht abgelehnt“, sagte ich schließlich ruhig, während ich den Löffel durch den Kessel führte. „Ich werde es mir merken.“ Mehr Worte hielt ich darüber nicht für nötig. Dennoch war es wohl meine Art, ihm zu zeigen, dass ich seine Hinweise durchaus gehört hatte. Der Duft der Suppe hatte sich inzwischen in der ganzen Hütte ausgebreitet. Das Fleisch, das ich am Morgen beiseitegelegt hatte, hatte ich diesmal mit in den Kessel gegeben. Lange genug hatte ich es kochen lassen, bis es weich geworden war und sich beinahe von selbst auseinanderzog. Leonard sollte sich beim Essen nicht unnötig anstrengen müssen. Seine Wunden bereiteten ihm bereits genug Mühe, und ich wollte nicht, dass er sich nun auch noch beim Kauen verspannte. Ich prüfte mit dem Löffel ein letztes Mal die Konsistenz der Suppe, ehe ich den Kessel vom Feuer nahm. Vorsichtig schöpfte ich die warme Brühe in eine Schüssel und wartete einen Augenblick, damit sie nicht zu heiß war. Der Dampf stieg mir entgegen und nahm mir für einen kurzen Moment die Sicht, ehe ich die Schüssel aufnahm und mich wieder dem Bett zuwandte. Leonard lag noch immer dort, und diesmal war ich mir wenigstens sicher, dass er wach war.
      Ohne viele Worte setzte ich mich auf den kleinen Hocker neben seinem Bett und stellte die Schüssel zunächst auf meinen Schoß. „Esst langsam“, sagte ich leise. Ich nahm den Löffel zur Hand und schöpfte etwas von der Suppe auf. Ehe ich sie ihm reichte, pustete ich behutsam darüber, bis der Dampf nicht mehr ganz so heiß aufstieg. Dann hob ich die freie Hand und legte sie vorsichtig an seinen Nacken, um seinen Kopf ein wenig anzuheben. Ich hatte bereits am Morgen gelernt, dass es mit einem Mann seiner Größe keine leichte Aufgabe war, ihn zu versorgen. Dennoch hatte ich mich inzwischen an die Bewegungen gewöhnt.
      Löffel für Löffel reichte ich ihm die Suppe und ließ ihm jedes Mal genügend Zeit, ehe ich den nächsten nahm. Das Fleisch war weich gekocht und bereitete ihm keine Mühe, doch gerade deshalb achtete ich darauf, dass er sich nicht verschluckte oder zu hastig aß. Es nahm seine Zeit in Anspruch. Mehr Zeit, als ich für mein eigenes Essen jemals gebraucht hätte. Doch das war nun einmal der Zustand, in dem er sich befand, und solange er nicht wieder selbstständig essen konnte, würde ich mich darum kümmern müssen. Hin und wieder schöpfte ich etwas mehr Brühe auf, dann wieder ein Stück des weichen Fleisches und etwas Gemüse.
      Die Hütte blieb währenddessen beinahe vollkommen still. Nur das Knistern des Feuers und das leise Klirren des Löffels an der Schüssel begleiteten uns. Ich schenkte dem keine weitere Beachtung. Stille war mir vertraut. Sie hatte mich mein ganzes Leben begleitet, und auch die Anwesenheit eines weiteren Menschen konnte daran nicht viel ändern.
      Erst als die Schüssel schließlich leer war, ließ ich seine Schulter wieder vorsichtig zurücksinken und stellte das Geschirr zur Seite. „Wasser“, sagte ich knapp und griff nach dem Becher, den ich bereits vorbereitet hatte. Ich hielt ihn einen Moment in der Hand, ehe ich mich erneut etwas näher zu ihm beugte. Auch diesmal hob ich seinen Kopf leicht an, damit er trinken konnte. Ich gab ihm genügend Zeit und nahm den Becher erst wieder fort, als ich sicher war, dass er genug getrunken hatte. Danach stellte ich ihn auf den kleinen Tisch neben dem Bett. Für einen kurzen Augenblick blieb ich sitzen und betrachtete ihn. Der Tag musste anstrengender für ihn gewesen sein, als er vermutlich zugeben wollte. Allein das Wachsein, das Aufrichten und die wenigen Gespräche hatten ihm mehr Kraft abverlangt, als einem gesunden Menschen bewusst gewesen wäre. Doch bevor er sich wieder vollkommen ausruhen konnte, gab es noch etwas zu tun.
      Ich erhob mich langsam und sammelte die Dinge zusammen, die ich für den Verband benötigte. Frische Leinenstreifen, sauberes Wasser und die Kräuterpaste, die noch immer in einem kleinen Gefäß aufbewahrt wurde. Der Geruch der Salbe war kräftig und herb, doch ich kannte ihn inzwischen so gut, dass ich ihn kaum noch wahrnahm. Mit den Dingen in den Armen kehrte ich zu Leonard zurück und setzte mich wieder neben das Bett. „Nun zu den Verbänden“, teilte ich ihm ruhig mit. Ich erwartete nicht, dass er Freude daran hatte. Der Wechsel würde gewiss nicht angenehm werden, und ich wusste inzwischen, wie sehr selbst kleine Bewegungen an seinen Wunden schmerzten. Dennoch musste es geschehen.
      Ich begann vorsichtig damit, die alten Leinenstreifen zu lösen. Dabei achtete ich darauf, nicht zu hastig vorzugehen, denn an manchen Stellen hatten sich die Verbände bereits leicht an die Haut gelegt. Meine Hände arbeiteten ruhig und bedacht, so wie der alte Mann es mir beigebracht hatte. Ich überprüfte jede einzelne Wunde, betrachtete die Ränder und achtete darauf, ob sich etwas verändert hatte. Zu meiner Erleichterung sah ich nichts, das mich unmittelbar beunruhigte. Die Verletzungen waren noch immer schlimm genug, doch zumindest schienen sie nicht schlechter geworden zu sein. Mit einem sauberen Tuch reinigte ich die Stellen vorsichtig, ehe ich die Kräuterpaste erneut auftrug. Die Bewegung musste ihm Schmerzen bereiten, das wusste ich, doch ich versuchte, so schnell und behutsam wie möglich zu arbeiten. Danach nahm ich die frischen Verbände zur Hand und legte sie sorgfältig um seinen Oberkörper. Einer nach dem anderen wurde festgezogen, jedoch nicht so eng, dass sie ihm das Atmen erschwerten. Es dauerte eine Weile, bis alles wieder an seinem Platz saß.
      Erst als ich zufrieden war, ließ ich meine Hände sinken und betrachtete mein Werk ein letztes Mal. „Das sollte fürs Erste genügen“, sagte ich schließlich. Ich räumte die benutzten Dinge zusammen und stand vom Hocker auf. Meine Arme fühlten sich mittlerweile schwer an, und ich bemerkte erst jetzt, wie viel Zeit vergangen war. Leonard hatte gegessen, getrunken und frische Verbände erhalten. Mehr konnte ich für diesen Abend nicht mehr für ihn tun.
      Also ließ ich ihn wieder in Ruhe und brachte die benutzten Tücher und das übrige Geschirr zum Tisch. Meine eigene Portion wartete dort bereits auf mich. Inzwischen war die Suppe nicht mehr so warm wie zuvor, doch das störte mich nicht. Ich setzte mich an den Vorbereitungstisch, nahm meine Schüssel in die Hände und begann endlich selbst zu essen. Mein Rücken war dem Bett zugewandt. Es erschien mir noch immer seltsam, mit einem Fremden in derselben Hütte zu leben, und ich wusste nicht recht, was ich mit seiner Gegenwart anfangen sollte. Dennoch war es für diesen Abend wohl genug. Ich hatte getan, was getan werden musste. Während ich langsam meine Suppe aß, lauschte ich dem Knistern des Feuers und der tiefen Stille, die sich erneut über die Hütte gelegt hatte. Draußen lag der Wald in der Dunkelheit verborgen, während drinnen ein verletzter Jäger in meinem Bett lag und ich an meinem Tisch saß, als wäre all dies längst Teil meines gewöhnlichen Lebens.
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    • Das regelmäßige Knistern des Feuers war das einzige Geräusch, das den Raum erfüllte, während ich reglos auf dem Bett lag. Die frischen Leinenbänder lagen stramm und schützend um meinen Brustkorb. Ihre Hände waren flink gewesen, präzise und routiniert – genau so, wie man es von jemandem erwartete, der gewohnt war, Wunden ohne viel Federlesens zu versorgen.
      Ich hielt den Atem für einen Moment flach an, um das gewohnte, scharfe Brennen der frischen Kräutersalbe abzuwarten. Das brennende Gefühl auf meiner Haut ließ langsam nach und wandelte sich in ein tiefes, kühlendes Pochen. Der Druck der Verbände schenkte den gebrochenen Rippen wieder die nötige Stabilität, die mein eigener Körper ihm derzeit verweigerte. Es war eine Erleichterung, auch wenn jeder Handgriff zuvor ein stummes Ringen gegen den eigenen Schmerz gewesen war.
      Ich hatte keinen Laut von mir gegeben. Keinen Seufzer, kein Stöhnen. Ich hatte den Blick starr auf den Deckenbalken über mir gerichtet gehalten, während sie arbeitete, und ihr die Aufgabe so leicht wie möglich gemacht.
      Nun saß sie drüben am Tisch. Ihr Rücken war mir zugewandt, die Schüssel in den Händen.
      Ich beobachtete den Schatten, den das flackernde Kaminfeuer an die hölzerne Wand warf. Ihr Profil zeichnete sich scharf gegen die dunklen Balken ab. Sie aß langsam, fast mechanisch, gezeichnet von der Erschöpfung eines langen, anstrengenden Tages. Der Tag hatte für sie damit begonnen, einen sterbenden Mann aus dem Schlamm zu ziehen, und endete nun damit, dass sie ihr eigenes Mahl lau warm an einem Tisch einnahm, an dem sonst nur das Schweigen der Einsamkeit gesessen hatte.
      Ein leiser, kaum spürbarer Atemzug entwich meinen Lippen.
      Wie seltsam dieses Schicksal doch war. Ich lag im Bett einer Heilerin, einer Hexe, deren Welt ich zeitlebens aus der Perspektive eines Jägers gesehen hatte. In den Erzählungen der Zunft, in den alten Chroniken und den Warnungen der Gildenmeister waren Wesen wie sie Gestalten der Schatten – undurchschaubar, gefährlich und stets mit einer düsteren Macht im Bunde. Man lehrte uns, distanziert zu bleiben, das Unnatürliche zu misstrauen und im Zweifel zuerst das Eisen zu ziehen.
      Doch die Realität in dieser abgenutzten, nach getrocknetem Beifuß und Rauch riechenden Hütte spottete jeder Lehrschrift.
      Hier gab es keine schreckliche Magie, keine bösen Absichten. Hier gab es nur eine junge Frau, die mit schweren Armen vor ihrer Suppenschüssel saß, geplagt von der Last des Alltags und der unfreiwilligen Verantwortung für einen Fremden. Sie hatte mich nicht gerettet, weil sie sich einen Vorteil davon versprach. Sie hatte es getan, weil ihr eigener Moralkodex – geprägt von dem alten Mann, dessen Geist noch immer durch diese Räume zu wehen schien – es ihr gebot. Sie pflegte mich nicht aus Zuneigung, sondern aus einer stoischen, fast unnachgiebigen Pflichtauffassung heraus.
      Ich drehte den Kopf ein wenig zur Seite, soweit es die straffen Bandagen zuließen, und fixierte die dunklen Holzdielen.
      Das Missverhältnis zwischen uns war fast greifbar. Ich war für sie eine Bedrohung. Ein Mann des Stahls, der mit Waffen an der Satteltasche in ihre Welt eingedrungen war. Selbst jetzt, da ich hilflos auf dem Stroh lag, blieb die unsichtbare Mauer zwischen uns bestehen. Dass sie mir den Rücken zukloppte, war mehr als nur eine Sitzposition; es war ein Schild. Ein klarer, stummer Abstand, den sie wahren wollte, um mich nicht zu nah an sich heranzulassen.
      Und sie tat recht daran.
      Ich wusste, was für Welten uns trennten. Ich wusste, dass meine bloße Anwesenheit eine Gefahr für die Ruhe bildete, die sie sich hier im Wald aufgebaut hatte. Wenn Männer meiner Zunft erfahren würden, dass ich hier lag – gerettet und gepflegt von einer Hexe –, würden sie nicht nach den Umständen fragen. Sie würden nur die Bedrohung sehen. Die Welt da draußen war voll von einfachem Schwarz und Weiß, von Jägern und Beute, von Recht und Unrecht.
      Doch hier drinnen, im warmen Schein der schwindenden Glut, verwischten diese Grenzen zu einem matten Grau.
      Ich schloss für einige Augenblicke die Augen. Der Hunger war gestillt, die Wunden waren versorgt, und mein Körper forderte erneut seinen Tribut. Der Schlaf klopfte schwer an meine Schläfen, doch mein Geist weigerte sich noch für einen Moment, loszulassen.
      Ich horchte auf das feine Geräusch des Löffels, der gelegentlich an den Rand der Tonschüssel stieß. Auf das Knistern des Harzes im Kaminholz. Auf das sanfte Pfeifen des Nachtwinds, der draußen an den Ritzen der Hütte zog. Es war eine seltsame, fragile Friedlichkeit. Ein Waffenstillstand ohne Worte, geborenes Entgegenkommen aus der schlichten Notwendigkeit des Überlebens.
      „Danke...“, murmelte ich schließlich ganz leise in den dunklen Raum hinein. Meine Stimme war kaum mehr als ein raues Flüstern, gerichtet an die Wand, an die Dunkelheit, vielleicht auch nur an das Kaminfeuer selbst. Ich verlangte keine Antwort, rechnete nicht einmal damit, dass sie es in der Stille des Raumes über das Knistern des Feuers hinweg hörte. Es war kein diplomatischer Dank und keine höfliche Floskel. Es war das schlichte Zugeständnis eines Mannes, der wusste, dass er ohne ihre harten Hände und ihre kompromisslose Pflege längst im kalten Schlamm des Waldes verrottet wäre.
      Ich zog die schwere Decke ein Stück höher über meine linke Schulter und winkelte das Bein vorsichtig an, um die Belastung vom unteren Rücken zu nehmen.
      Morgen würde ein neuer Tag anbrechen. Der Eimer würde leer sein, sie würde zum Bach gehen müssen, um frisches Wasser zu holen, und der feuchte Boden des Waldes würde ihr die Schrittarbeit erschweren. Der Fuchs würde drüben auf dem Tisch liegen und auf seine Verarbeitung warten. Und ich würde noch immer hier liegen, gefangen in meiner eigenen Unfähigkeit, mich nützlich zu machen.
      Aber heute Nacht war die Arbeit getan.
      Die Schatten der Kerzenflamme tanzten ruhig an der Decke. Ich spürte, wie die Kälte der Nacht draußen blieb, ausgesperrt von den dicken Holzwänden und der steten Wärme des Herdes. Der Schmerz in meinen Rippen war zu einem stetigen, dumpfen Hintergrundgeräusch geworden, das mich nicht mehr vom Schlafen abhalten konnte.
      Ich ließ die Lider endgültig sinken. Der Atem wurde tiefer, langsamer und gleichmäßiger. Ich gab mich der Erschöpfung hin und überließ die Hütte der Stille, dem Knistern des Feuers und der wachsamen Einsamkeit der Frau am Tisch.
    • Das leise Wort erreichte mich trotz des Knisterns des Feuers. Für einen kurzen Augenblick hielt ich inne, den Löffel noch zwischen meinen Fingern, während mein Blick auf die Schüssel vor mir gerichtet blieb. Ich hatte nicht erwartet, dass er sich noch einmal zu Wort melden würde, nachdem die Müdigkeit ihn bereits so sichtbar eingeholt hatte. Doch sein Dank war kaum mehr als ein Flüstern gewesen und dennoch lag etwas darin, das sich nicht wie die leeren Höflichkeiten anhörte, die man bisweilen aussprach, ohne ihnen einen weiteren Gedanken zu schenken. Es war schlicht und ehrlich. Vielleicht gerade deshalb wusste ich zunächst nicht recht, was ich darauf erwidern sollte. Also sagte ich nichts. Ich wollte die Stille zwischen uns nicht mit unbeholfenen Worten füllen und die Lage dadurch nur noch seltsamer machen, als sie ohnehin schon war. Stattdessen nahm ich seinen Dank so hin, wie er wohl gemeint gewesen war, und setzte mein Essen schweigend fort. Meine Skepsis ihm gegenüber war dadurch freilich nicht verschwunden. Er blieb ein Jäger und damit ein Mann, dessen Aufgabe es war, Wesen wie mich zu suchen und aus der Welt zu schaffen. Daran vermochte auch ein leises Dankeschön nichts zu ändern. Dennoch musste ich mir eingestehen, dass ich ihn inzwischen in einem etwas anderen Licht sah als die Jäger, von denen ich bisher nur gehört hatte. Er war nicht grob gewesen, hatte mich nicht bedroht und auch nicht versucht, seine Stellung über mich zu erheben. Vielleicht war das keine große Leistung. Vielleicht war es auch nur der Umstand, dass er derzeit kaum dazu imstande gewesen wäre. Doch bisher hatte Leonard mir keinen wirklichen Grund gegeben, ihn als schlechteren Menschen zu betrachten als jeden anderen Fremden, der durch meine Tür hätte treten können.
      Nachdem ich den letzten Rest meiner Suppe gegessen hatte, stellte ich die Schüssel beiseite und räumte das wenige Geschirr zusammen. Meine Bewegungen waren inzwischen langsamer geworden, denn die Müdigkeit lag schwer in meinen Gliedern und erinnerte mich daran, wie lang der vergangene Tag gewesen war. Ich warf noch einen letzten Blick zu dem Bett hinüber. Leonard hatte die Augen geschlossen und sein Atem war ruhiger geworden. Die Decke lag bis über seine Schulter gezogen und zum ersten Mal, seit ich ihn im Wald gefunden hatte, wirkte sein Gesicht nicht von Schmerz oder Anspannung gezeichnet. Ich ließ das Feuer noch eine Weile brennen, damit die Wärme der Hütte nicht allzu rasch der Kälte der Nacht weichen würde, ehe ich mich in das andere Zimmer zurückzog. Der Raum des alten Mannes war noch immer derselbe wie zu seinen Lebzeiten. Ich hatte nur wenig verändert. Manche Dinge schienen sich nicht fortnehmen zu lassen, ohne dass der Raum selbst etwas von seinem vertrauten Wesen verlor. Die Dunkelheit hatte sich längst über den Wald gelegt, als ich mich auf das Bett legte. Für eine Weile lauschte ich dem Wind, der draußen durch die Bäume strich, und dem fernen Rauschen des Waldes. Dann schloss ich die Augen und überließ mich schließlich der Müdigkeit. Die Nacht verging ruhiger, als ich erwartet hatte. Kein Sturm zog über die Hütte hinweg und kein ungewöhnliches Geräusch riss mich aus dem Schlaf.
      Als ich am nächsten Morgen erwachte, lag draußen noch die kühle Frische der frühen Stunde über dem Wald. Das Licht, das durch das kleine Fenster fiel, war blass und sanft, und für einen Moment blieb ich reglos liegen, während ich mich an die Stille gewöhnte. Erst dann erinnerte ich mich daran, dass ich nicht mehr allein in der Hütte war. Im anderen Zimmer lag noch immer ein verletzter Jäger in meinem Bett. Allein dieser Gedanke genügte, um mich endgültig aus der Müdigkeit zu reißen. Ich richtete mich auf, zog mich an und band mir die Haare zusammen, bevor ich die Tür einen Spalt weit öffnete und einen kurzen Blick in den anderen Raum warf. Leonard schlief noch. Zumindest schien es so. Ich wollte ihn nicht wecken und hatte ohnehin etwas zu erledigen, das sich nicht länger aufschieben ließ. Der Wassereimer stand beinahe leer neben der Wand. Ich musste zum Bach. Als ich nach meinem Mantel griff, erinnerte ich mich plötzlich an die Worte des Jägers vom vergangenen Tag. Der Boden im Wald war nach dem Unwetter noch weich und tückisch. Ich hatte seinen Hinweis damals zwar nicht weiter kommentiert, doch ganz vergessen hatte ich ihn nicht. Mit einem leisen Atemzug nahm ich einen der alten Wanderstöcke, der neben der Tür lehnte. Der alte Mann hatte ihn oft benutzt, wenn der Regen den Boden aufgeweicht hatte. Nun lag das glatte Holz in meinen Händen und ich fragte mich für einen kurzen Moment, ob Leonard wohl zufrieden wäre, wenn er wüsste, dass ich seinen Rat tatsächlich beherzigt hatte. Der Gedanke verflüchtigte sich rasch wieder. Ich nahm den Eimer und trat hinaus in die kühle Morgenluft. Der Wald empfing mich mit jener stillen Schönheit, die ich an den frühen Stunden des Tages so sehr mochte. Ein feiner Nebel lag zwischen den Bäumen und schwebte wie ein durchsichtiger Schleier über dem feuchten Boden. An den Gräsern und Farnen hingen noch Tropfen vom Regen der vergangenen Nacht, die im ersten Licht des Morgens schimmerten. Die Luft war frisch und roch nach nasser Erde, Moos und dem harzigen Duft der hohen Kiefern. Unter meinen Stiefeln gab der Boden bei jedem Schritt leicht nach.
      Ich setzte den Wanderstock vor mir auf und ging vorsichtig weiter. Zunächst verlief der Weg ohne größere Schwierigkeiten. Die vertrauten Bäume standen dicht beieinander und die Geräusche des Waldes begleiteten mich auf meinem Weg. Hin und wieder raschelte etwas im Unterholz und über mir begann der erste Vogelgesang den Morgen zu erfüllen. Je näher ich jedoch dem Bach kam, desto weicher wurde der Grund unter meinen Füßen. Der Regen hatte sich tief in die Erde gearbeitet und manche Stellen waren zu einem dunklen, schlammigen Boden geworden, der bei jedem Schritt an meinen Stiefeln zog. Ich hielt den Wanderstock fester und setzte ihn prüfend vor mir auf, ehe ich mein Gewicht verlagerte. Vielleicht hatte der Jäger tatsächlich recht gehabt. Der Gedanke kam mir gerade in den Sinn, als mein Fuß auf einer besonders weichen Stelle wegrutschte. Ich versuchte noch, mich mit dem Stock abzustützen, doch das Holz versank selbst ein Stück im nachgiebigen Boden. Für einen kurzen Augenblick geriet ich ins Straucheln und ruderte mit dem freien Arm durch die Luft. Dann verlor ich endgültig das Gleichgewicht. Der Boden kam schneller auf mich zu, als mir lieb war. Mit einem dumpfen Laut landete ich im weichen Schlamm und spürte sofort, wie sich die kalte Nässe durch meine Kleidung drückte. Für einige Herzschläge blieb ich einfach liegen und starrte missmutig auf den Boden vor mir. Meine Hände waren voller Erde und Schlamm, mein Mantel hatte seine ursprüngliche Farbe an mehreren Stellen eingebüßt und als ich eine Strähne aus meinem Gesicht strich, blieb auch daran feuchte Erde hängen. Ich schloss für einen Moment die Augen. Natürlich. Natürlich musste ich ausgerechnet jetzt fallen. Ein leises, verärgertes Schnauben entwich mir, ehe ich mich mühselig wieder aufrappelte. Mit Hilfe des Wanderstocks gelang es mir schließlich, festen Halt zu finden. Meine Kleidung klebte unangenehm an meinem Körper und ich sah an mir hinab, als könne ich den Schlamm allein durch meinen missbilligenden Blick wieder verschwinden lassen. Es half nicht.
      Also setzte ich meinen Weg fort. Wenig später erreichte ich endlich den Bach. Das Wasser floss ruhig zwischen den Steinen hindurch und spiegelte das blasse Licht des Morgens wider. Ich stellte den Eimer ab und kniete mich vorsichtig am Ufer nieder. Zuerst wusch ich mir das Gesicht. Das kalte Wasser ließ mich leicht zusammenzucken, doch es fühlte sich zugleich angenehm an. Ich strich die Hände durch mein Haar und entfernte nach und nach die Erde, die sich darin verfangen hatte. Als ich mich schließlich wieder aufrichtete und an meiner Kleidung hinabsah, musste ich feststellen, dass sich der Schlamm nicht allein mit einem wenig Wasser entfernen ließ. Ich wollte gewiss nicht im Bach baden. Die Luft war noch viel zu kühl dafür und außerdem verspürte ich wenig Verlangen danach, halb nackt am Ufer zu stehen, nur weil ich den Boden nicht hatte lesen können. Also zog ich nach und nach die einzelnen Kleidungsstücke aus, wusch sie im kalten Wasser so gut es mir möglich war und zog sie anschließend wieder an, obwohl sie nun vollkommen durchnässt an meiner Haut klebten. Es war alles andere als angenehm. Doch zumindest war der gröbste Schlamm verschwunden.
      Nachdem ich mich wieder angezogen hatte, füllte ich endlich den Eimer mit frischem Wasser. Sobald ich ihn anhob, erinnerte mich das Gewicht daran, weshalb der alte Mann früher stets darauf bestanden hatte, niemals mehr Wasser zu tragen, als man auch wirklich benötigte. Der Eimer zog schwer an meinem Arm und der Wanderstock war nun kaum mehr als eine zusätzliche Hilfe, um nicht erneut den Halt zu verlieren. Langsam und mit deutlich weniger guter Laune als zuvor machte ich mich auf den Rückweg. Der Weg zur Hütte schien plötzlich länger zu sein als noch am Morgen. Meine Kleidung war kalt und nass, meine Ärmel klebten unangenehm an meinen Armen und der Eimer wurde mit jedem Schritt schwerer. Als die Hütte endlich zwischen den Bäumen auftauchte, verspürte ich eine Erleichterung, die ich mir kaum eingestehen wollte.
      Ich öffnete die Tür, trat über die Schwelle und stellte den Eimer mit einem schweren Atemzug auf dem Boden ab. Vollkommen durchnässt, noch immer etwas missmutig über meinen Sturz und mit kalten Fingern stand ich schließlich mitten in meiner eigenen Hütte. Für einen Augenblick sagte ich nichts. Ich stand einfach nur da und versuchte mich daran zu erinnern, wann mein Morgen zuletzt so unerquicklich begonnen hatte. Es hatte viel zu viel Zeit in Anspruch genommen.
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    • Das deutliche Ächzen der schweren Holztür und der darauf folgende, scharfe Luftzug schnitten augenblicklich durch den dichten Schleier meines Halbschlafs.
      Der kalte, feuchte Geruch von aufgeweichtem Waldboden, nassem Moos und durchtränkter Wolle drang mit einem Schlag in die Hütte und vertrieb für einen Moment den herben Duft der getrockneten Kräuter und des Kaminfeuers. Ich schlug die Augen auf. Meine Sinne, geschärft durch jahrelange Ausbildungen und das Leben auf den Pfaden, verarbeiteten die Geräusche der Rückkehr sofort.
      Das schwere, nasse Klatschen, mit dem der hölzerne Wassereimer auf den Dielen abgestellt wurde. Das mühsame, tief durchgepresste Ausatmen einer Person, deren Kräfte nach einer unnötig zehrenden Arbeit erschöpft waren. Und schließlich das leise, charakteristische Tropfen von Wasser, das von Durchnässtem auf die hölzernen Bodenplanken herunterlief.
      Ich lag noch immer auf dem Bett, den Oberkörper leicht angewinkelt. Der Schutz der strammen Bandagen gab meiner Brust Stabilität, doch als ich meinen Kopf vorsichtig hob, um den Raum zu überschauen, meldeten sich die Klauenwunden an meiner Flanke mit einem tiefen, brennenden Pochen zurück.
      Mein Blick fiel auf sie, wie sie dort mitten in der Hütte stand.
      Ihre Kleidung klebte schlammig, dunkler als zuvor und völlig durchnässt an ihren Schultern und Armen. Die Feuchtigkeit schien ihr bis auf die Knochen gekrochen zu sein, und die Kälte hatte bereits spürbar von ihren Fingern Besitz ergriffen. Man musste kein großer Beobachter sein, um zu erkennen, dass der Gang zum Bach alles andere als nach Plan verlaufen war. Der tückische, vom gestrigen Unwetter aufgeweichte Boden hatte seinen Tribut gefordert. Die dunklen Erdspuren am Saum und die durchnässte Wolle sprachen eine deutliche Sprache: Ein Ausrutscher, ein Sturz in den Matsch oder das eiskalte Bachbett.
      In ihren Augen lag dieser ganz besondere, finstere Ausdruck – eine Mischung aus grimmigem Ärger über den misslungenen Morgen und dem sturen Willen, sich von einem nassen Gewand und einem schweren Eimer nicht unterkriegen zu lassen.
      Ein leises, tiefes Atemholen entwich meiner Brust. Ich spürte das eiserne Band der Hilflosigkeit, das mich an diese Pritsche fesselte, in diesem Augenblick doppelt so schwer.
      Draußen am Zaun hörte ich das unruhige Schnauben meines Wallachs, der die Feuchtigkeit des Morgens ebenso witterte wie das Eintreffen seiner Versorgerin. In mir stieg der dringende Wunsch auf, aufzustehen, ihr den Eimer abzunehmen, das Feuer hochzuschüren und ihr einen trockenen Platz an den Kohlen zu überlassen. Es war die uralte Routine eines Mannes der Zunft, der es gewohnt war, anzupacken, Lasten zu tragen und Gefahren zu banalisieren.
      Doch mein Körper verweigerte mir diesen Impuls auf unnachgiebige Weise. Als ich nur den Versuch machte, mein Gewicht ein Stück weiter auf die linke Hüfte zu verlagern, schoss ein schneidender Schmerz durch meine Rippen, der mir sofort das Blut in den Schläfen pochen ließ. Ich presste die Kiefer zusammen und unterdrückte jedes Geräusch. Es hätte ihr nur noch mehr Ärger bereitet, wenn sie nun auch noch einen zusammengebrochenen Gast vom Boden auflesen müsste.
      Ich blieb also liegen. Stumm. Beobachtend.
      Die Hütte war erfüllt von dem gleichmäßigen, monotonen Pitter-Patter der Wassertropfen, die von ihrem klitschnassen Mantelsaum auf die Dielen fielen. Das Kaminfeuer knisterte ruhig vor sich hin, ahnungslos von den Mühen da draußen im Wald, und schickte eine zaghafte Welle von Wärme durch den Raum, die das nasse Holz an der Schwelle noch gar nicht richtig erreichen konnte.
      Ich kannte diesen Zustand nur zu gut. Wie oft war ich selbst nach tagelangen Verfolgungsjagden durch morastige Sumpfgebiete oder verschneite Gebirgspässe in eine Zuflucht gekrochen, das Gewand schwer wie Blei, die Haut taub von der bitteren Kälte, der Verstand vernebelt vor Zorn über das tückische Terrain. Wenn man in diesem Zustand war, brauchte man keine klugen Sprüche. Man brauchte keine Belehrungen darüber, wie man auf rutschigem Boden zu gehen hatte, und erst recht keine falschen Mitleidsbekundungen.
      Ich verzichtete auf jede Bemerkung. Kein „Ich habe Euch gewarnt“, kein besorgtes Nachfragen. Jegliches Wort meinerseits hätte in ihrer gegenwärtigen Stimmung wie Hohn geklungen.
      Stattdessen wandte ich meinen Blick langsam ab und fixierte die flackernde Glut im Kamin, um ihr nicht das Gefühl zu geben, angestarrt oder begutachtet zu werden. In einer so kleinen Hütte war Privatsphäre ein seltenes Gut, und der beste Dienst, den ich ihr in diesem Moment erweisen konnte, war das Angebot von vollkommener Zurückhaltung.
      Ich spürte, wie die kühle Luft des geöffneten Eingangs langsam den Raum durchzog. Die feuchte Welle verflüchtigte sich mühsam gegen die aufsteigende Hitze des Herdes.
      Die Ironie des Morgens lag greifbar in der Luft. Da lag ein ausgebildeter Jäger, ein Mann, der zeitlebens gelernt hatte, mit der Unbill der Natur umzugehen und schwerste Lasten durch die Wildnis zu tragen, vollkommen nutzlos auf einer Strohmatratze. Und die Frau, die ihn widerwillig aufgenommen hatte, musste sich nun völlig durchnässt und mit von der Kälte erstarrten Fingern durch ihren eigenen Morgen kämpfen, um diesen Fremden und sich selbst am Leben zu erhalten.
      Das Gewissen drückte wie ein schwerer Stein auf meine Brust. Jeder Wassertropfen, der von ihrer Kleidung auf den Boden fiel, war eine stumme Erinnerung daran, dass sie diesen Eimer nur so rasch hatte füllen müssen, weil mein Körper Unmengen an frischem Wasser für Verbände, Trank und Reinigung verschlang. Ohne mich hätte sie den Gang zum Bach vielleicht auf einen späteren, trockeneren Zeitpunkt verschoben. Ohne mich hätte sie sich diesen Sturz im Schlamm ersparen können.
      Ich schloss für einen kurzen Augenblick die Lider und atmete flach durch die Nase ein. Der herbe Gerch von klarem, eiskaltem Bachwasser mischte sich nun mit dem Eigengeruch der feuchten Erde, die an ihrer Kleidung haftete.
      Es war der Geruch der harten Realität da draußen. Der Wald nahm keine Rücksicht auf Heilerinnen oder Jäger, er verzieh keine Unachtsamkeit auf glatten Steinen und schenkte niemandem ein leichtes Leben.
      Ich wartete in absoluter Reglosigkeit ab. Die Holzdielen knarrten leicht unter der Last des gefüllten Wassertanks. Das Feuer im Kamin knackte laut, als ein Stück Harz platzt, und warf lange, unruhige Schatten an die Bohlenwand hinter meinem Bett. Ich hielt die Hände flach auf der Decke verschränkt und überließ ihr den Raum, ohne mich aufzudrängen, wissend, dass das Allerbeste, was ich nun tun konnte, war, stumm zu verharren und das Schicksal seinen gewohnten, rauhen Gang gehen zu lassen.
    • Mit einem schweren Atemzug zog ich die nasse Jacke von meinen Schultern. Der Stoff hatte sich mit Wasser vollgesogen und fühlte sich unangenehm schwer an, als ich ihn von mir streifte. Noch immer stand ich einen Augenblick reglos in der Mitte der Hütte, während mir einzelne Tropfen von den Haaren über den Nacken liefen und auf den Boden fielen. Die Kälte hatte sich inzwischen bis tief in meine Glieder geschlichen, und ich verspürte wenig Freude bei dem Gedanken, noch länger in diesen durchnässten Kleidern zu verweilen.
      Ohne dem Jäger einen weiteren Blick zu schenken, wandte ich mich schließlich ab und begab mich in das andere Zimmer. Hinter mir ließ ich die Tür nur angelehnt. Ich bezweifelte zwar, dass Leonard in seinem Zustand weit kommen würde, doch die Gewohnheit ließ mich dennoch darauf achten, dass er nicht mehr von meinem Zimmer sah, als unbedingt nötig war. Dort entledigte ich mich meiner feuchten Kleidung und legte sie Stück für Stück beiseite. Anschließend nahm ich ein Tuch zur Hand und begann, meinen Körper sorgfältig trocken zu reiben. Die Kälte saß noch immer in meiner Haut und ließ mich leicht frösteln. Besonders meine Haare waren ein Ärgernis. Ich rubbelte sie mit dem Tuch trocken, so gut es mir möglich war, ehe ich sie mit dem Kamm entwirrte. Noch immer fühlten sie sich feucht an, doch ich wollte nicht länger warten. Schließlich zog ich ein schlichtes, langärmeliges Kleid über, dessen Stoff wenigstens trocken und angenehm warm auf meiner Haut lag. Es war nichts Besonderes, ein einfaches Kleid in unauffälliger Farbe, wie ich es auch im Dorf hätte tragen können. Genau so sollte es sein.
      Nachdem ich mich angezogen hatte, nahm ich meine nassen Sachen zusammen und verließ das Zimmer wieder. Mein Blick fiel nicht zu dem Bett hinüber. Ich wusste, dass Leonard dort lag, und das genügte mir fürs Erste. Mit den feuchten Kleidern über dem Arm trat ich erneut hinaus in die frische Morgenluft. Der Nebel hatte sich inzwischen ein wenig gelichtet und die Sonne stand höher am Himmel. Ihre Strahlen fielen zwischen den Bäumen hindurch und tauchten den kleinen Platz vor der Hütte in ein sanftes, goldenes Licht. Ich ging zu der Leine hinüber und begann, die nassen Kleidungsstücke sorgfältig aufzuhängen. Der Stoff tropfte noch immer und ich hoffte, dass die Sonne wenigstens stark genug sein würde, um alles vor dem Abend wieder zu trocknen. Als ich mich wieder aufrichtete, hörte ich das leise Schnauben des Wallachs. Mein Blick glitt zu dem Tier hinüber und für einen kurzen Moment vergaß ich meinen missglückten Gang zum Bach. Ich trat an den Zaun und streckte vorsichtig die Hand nach ihm aus. Der Wallach kam mir entgegen und ich strich sanft über seinen Hals, ehe meine Finger durch seine Mähne glitten. „Du bist wenigstens vernünftiger gewesen als ich“, murmelte ich leise. Der Gedanke daran, wie ich im Schlamm gelandet war, gefiel mir noch immer nicht. Das Pferd schien sich wenig dafür zu interessieren und schnaubte lediglich leise. Ich blieb noch einen Moment bei ihm stehen und ließ die Sonne auf mein Gesicht fallen. Die Wärme war angenehm, auch wenn sie die Kälte noch nicht vollständig aus meinen Knochen vertrieben hatte. Mein Haar war nur halb getrocknet und eine leichte Brise ließ die feuchten Strähnen unangenehm an meinem Nacken kleben. Dennoch tat die Sonne gut. Ich schloss für einen kurzen Augenblick die Augen und atmete tief ein. Doch lange konnte ich nicht draußen bleiben. Mein Magen meldete sich inzwischen deutlich und auch Leonard würde nach der Nacht etwas zu sich nehmen müssen. Wenigstens war der Wassereimer nun endlich gefüllt.
      Mit einem letzten Streicheln verabschiedete ich mich von dem Wallach und kehrte zurück in die Hütte. Die Wärme des Feuers empfing mich sofort und ließ mich erleichtert ausatmen. Ohne lange zu zögern, machte ich mich an die Vorbereitung des Frühstücks. Es sollte nichts Schweres sein, weder für mich noch für einen Mann, dessen Körper noch immer mit der Genesung beschäftigt war. In einem kleinen Topf erwärmte ich zunächst etwas Wasser und gab Hafer hinein, den ich mit Milch verdünnte, die noch in einem Krug kühl an der Wand gestanden hatte. Dazu schnitt ich einen kleinen Apfel in feine Stücke und ließ ihn zusammen mit einigen zerdrückten Beeren weich werden. Ein wenig Honig besaß ich ebenfalls noch, den ich sparsam verwendete. Der alte Mann hatte mir stets gesagt, dass man nichts verschwenden sollte, das sich über den Winter nur schwer ersetzen ließ. Das einfache Mus verbreitete nach kurzer Zeit einen angenehmen Duft in der Hütte. Während der Hafer langsam weich wurde, nahm ich eine Scheibe des dunklen Brotes, das noch vom Vortag übrig war, und legte sie nahe an das Feuer, damit sie etwas Wärme annahm. Für Leonard würde ich das Brot jedoch in kleine Stücke reißen und bei Bedarf im warmen Brei einweichen. Seine Wunden mochten ihn nicht am Kauen hindern, doch sein Körper brauchte Kraft, und ich wollte ihm keine unnötige Mühe bereiten.
      Während ich das Frühstück vorbereitete, war ich ganz in meine Arbeit vertieft. Das leise Rühren des Löffels, das Knistern des Feuers und das gelegentliche Knarren der alten Holzwände erfüllten den Raum. Erst als ich die Schüsseln gefüllt und das Essen schließlich zum Tisch getragen hatte, drehte ich mich wieder um. Mein Blick fiel auf Leonard. Er war wach. Für einen kurzen Moment blieb ich stehen. Es war beinahe seltsam, wie still er dort gelegen hatte. Dann erinnerte ich mich an seine Worte vom vergangenen Tag. Er hatte erzählt, dass er selbst von kleinen Geräuschen wach werden konnte. Ein Jäger konnte es sich wohl kaum leisten, allzu tief und sorglos zu schlafen, besonders nicht, wenn er sein Leben fernab der sicheren Mauern einer Stadt verbrachte. Ich wusste nicht, weshalb mir dieser Gedanke gerade jetzt wieder einfiel. Vielleicht hatte ich einfach nicht damit gerechnet, dass er bereits wach sein würde.
      Kaum merklich nickte ich ihm zu. Mehr bedurfte es nicht. Ich nahm eine der Schüsseln in die Hände und ging zu dem Bett hinüber. Das Frühstück war noch warm und ein leichter Dampf stieg davon auf. Vorsichtig setzte ich mich auf den kleinen Hocker neben seinem Bett. „Ihr seid wach“, stellte ich schließlich fest, als hätte ich es nicht mit eigenen Augen gesehen. Meine Stimme klang ruhig, doch noch immer lag etwas von der morgendlichen Kälte in ihr. Vielleicht war ich auch einfach noch nicht vollkommen darüber hinweg, dass der Boden beschlossen hatte, mich zu verschlingen. Ich nahm den Löffel zur Hand und rührte den Brei noch einmal um, damit die Wärme sich gleichmäßig verteilte. „Es ist nichts Besonderes. Hafer, etwas Milch und Obst. Doch es sollte Euch Kraft geben und liegt nicht allzu schwer im Magen.“ Einen kurzen Moment wartete ich, ehe ich ihm die Schüssel etwas näher hielt. Dann hob ich wie schon am Abend zuvor vorsichtig die freie Hand, bereit, seinen Nacken zu stützen, sollte er Hilfe benötigen. „Versucht, etwas davon zu essen.“ Diesmal klang es weniger wie eine Bitte als vielmehr wie eine sachliche Anweisung. Immerhin hatte ich bereits gelernt, dass ein verletzter Jäger offenbar gelegentlich daran erinnert werden musste, dass sein Körper Grenzen besaß.
      Während ich ihm langsam einen Löffel nach dem anderen reichte, nahm ich mir Zeit und achtete darauf, dass er sich nicht verschluckte. Die Arbeit verlangte Geduld, doch daran war ich gewöhnt. Es dauerte eine Weile, bis die Schüssel merklich leerer wurde. Zwischen den einzelnen Löffeln gab ich ihm etwas Wasser zu trinken und wartete stets, bis er den Schluck geschluckt hatte. Das Feuer wärmte inzwischen den Raum und langsam begann auch die Kälte aus meinen Fingern zu weichen. Meine halb getrockneten Haare lagen noch immer etwas feucht an meinem Rücken, doch das störte mich inzwischen weniger als zuvor.
      Als ich ihm schließlich ein kleines Stück des warmen Brotes gab, betrachtete ich ihn für einen kurzen Augenblick aus dem Augenwinkel. Es war noch immer ein seltsames Bild. Ein Jäger lag in meinem Bett und wurde von mir gefüttert, als wäre dies die natürlichste Sache der Welt. Hätte mir jemand vor wenigen Tagen erzählt, dass mein Morgen einmal so aussehen würde, hätte ich ihn vermutlich angesehen, als hätte er den Verstand verloren. Doch das Leben schien bisweilen Freude daran zu haben, einem Dinge vor die Füße zu werfen, nach denen man niemals gefragt hatte. Ich wandte den Blick wieder ab und nahm den nächsten Löffel. „Wenn Ihr mit dem Frühstück fertig seid, sehe ich noch einmal nach Euren Verbänden“, sagte ich ruhig. „Danach könnt Ihr Euch weiter ausruhen. Und versucht nicht, mir einzureden, dass Ihr bereits wieder aufstehen könnt.“ Ein kaum wahrnehmbarer Anflug von trockenem Spott lag in meiner Stimme, ehe ich ihm den nächsten Löffel reichte. Vielleicht hatte der Morgen meine Stimmung doch nicht ganz so sehr verdorben, wie ich zunächst geglaubt hatte.
      Doch während ich weiter darauf achtete, dass Leonard genug zu sich nahm, wusste ich zugleich, dass dies vermutlich erst der Beginn eines weiteren langen Tages sein würde. Der Wassereimer war gefüllt, das Frühstück stand bereit und der Jäger war zumindest wach. Was der restliche Tag bringen würde, vermochte ich jedoch noch nicht zu sagen. Bei meinem bisherigen Glück würde der Wald vermutlich noch irgendeine weitere Überraschung für mich bereithalten.
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    • Die Hitze des frischen Haferbreis, die süßliche Note von kochendem Apfel, Beeren und Honig stieg mir direkt in die Nase und weckte die Lebensgeister meines geschwächten Körpers auf eine beinahe schmerzhafte Weise. Mein Magen zog sich verlangenverheißend zusammen.
      Als sie den Hocker neben die Pritsche zog und mir die dampfende Schüssel entgegenhielt, ruhte mein Blick für einen Moment auf der Schale. Ihre Worte klangen distanziert, sachlich und bestimmt – die gewohnte, kühle Führung einer Frau, die keine Widerworte duldete. Und dann sah ich ihre freie Hand, die sie vorsichtig hob, um meinen Nacken zu stützen, genau wie am Abend zuvor, bereit, mich wie einen Hilflosen zu führen.
      In mir regte sich etwas. Es war kein Zorn über sie, sondern dieser unnachgiebige, sture Rest Stolz, der in jedem Mann der Zunft brannte. Sie hatte an diesem Morgen bereits genug gelitten. Sie war im morastigen Waldboden ausgerutscht, durchnässt worden, hatte in der Kälte geschrubbt, ihre Kleider gewechselt und nun auch noch am Herd gestanden, um aus ihren spärlichen Vorräten ein Mahl zu bereiten. Ich konnte und wollte ihr nicht auch noch abverlangen, mich Löffel für Löffel zu füttern wie ein wimmerndes Kleinkind.
      Ich blickte sie an – nicht herausfordernd, sondern ruhig, stetig und von einer leisen Ehrerbietung erfüllt.
      „Ich danke Euch... von Herzen“, begann ich, meine Stimme rau vom Schlaf, aber fest in der Betonung.
      Ehe sie den Löffel vollends an meine Lippen führen konnte, hob ich mit Bedacht meine eigene rechte Hand. Meine Finger waren zittrig, die Knöchel weiß vor Anspannung, als ich vorsichtig nach der hölzernen Schale griff. Ich wollte sie ihr nicht aus der Hand reißen, sondern ihr stumm bedeuten, dass ich versuchen würde, die Last selbst zu tragen.
      Was folgte, war ein kleiner, mühsamer Kampf gegen die physikalischen Grenzen meines eigenen, zerschundenen Leibes.
      Ich spannte die Bauchmuskeln an, um den Oberkörper noch ein Stück weiter von der Pritsche aufzurichten. Sofort meldete sich die rechte Flanke mit einem stechenden, brennenden Schmerz, als würde ein glühender Stahldorn tief im Fleisch gedreht. Die Klauenwunden schrien auf, die gebrochenen Rippen ächzten unter den strammen Leinenbandagen. Ein leises, gepresstes Ächzen entkam meinen Zähnen, die ich so fest aufeinanderbiss, dass mein Kieferknochen schmerzte. Kalter Schweiß bildete sich augenblicklich auf meiner Stirn.
      Mein linker Arm zitterte spürbar, während ich mich stützte, aber ich zwang meine Beine, ruhig auf der Pritsche zu verharren. Zentimeter um Zentimeter schob ich mich nach oben, bis mein Rücken fest an der rauen Holzwand lehnte. Die Erschütterung ließ mein Sichtfeld für einen Wimpernschlag verschwimmen, doch ich hielt durch. Ich schloss kurz die Augen, holte tief und flach Luft, um den Schmerz zu parieren, und schlug die Lider dann wieder auf.
      Ich saß. Aus eigener Kraft.
      Ich nahm den Holzlöffel in die rechte Hand. Meine Finger gehorchten nur langsam, als stünden sie unter Eis, aber sie schlossen sich um das Holz. Der erste Löffel mit dem warmen Brei zitterte leicht auf dem Weg zu meinem Mund, doch ich führte ihn sicher ans Ziel. Der süße, warme Hafer schmeckte nach reinem Leben. Das feine Aroma des Waldhonigs und der leicht säuerliche Geschmack der Beeren breiteten sich auf meiner Zunge aus und schenkten meinem erschöpften Geist augenblicklich eine Welle der Besserung.
      Es ging langsam. Sehr langsam.
      Jedes Mal, wenn ich den Arm hob, spannte sich das entzündete Gewebe an meiner Schulter an. Jeder Schluck verlangte Konzentration, um nicht zu husten und damit die Rippen erneut zu erschüttern. Aber ich aß selbstständig. Ich kauerte dort an der Wand, gestützt auf das klamme Kissen, und nahm mir Schaufel für Schaufel der Nahrung, die sie mir zubereitet hatte. Zwischen den Löffeln griff ich nach dem Wasserbecher, den sie bereitgestellt hatte, und trank in kleinen, bedachten Schlücken, um den brennenden Nachgeschmack der Salben hinunterzuspülen.
      Ich ließ mir Zeit, genau wie sie es verlangt hatte, doch ich tat es aus eigener Kraft. Es war kein Akt des Trotzes gegen ihre Heilerpflichten, sondern ein Zeichen meines Respekts vor ihrer Arbeit: Ich wollte ihr zeigen, dass ihre Mühen der letzten zwei Tage nicht an einen leblosen Sack Fleisch verschwendet waren, sondern dass mein Körper kämpfte.
      Als ich schließlich das kleine Stück des erwärmten Brotes nahm, es in kleine Teile brach und im letzten Rest des warmen Breis einweichte, spürte ich, wie die Wärme des Herdes und die Energie des Essens langsam in meine Glieder zurückkehrten. Meine Hände wurden ruhiger, das Zittern in den Fingern verblag.
      Als die Schüssel leer war, legte ich den Löffel hinein und hielt das Gefäß für einen Moment mit beiden Händen fest, um die verbliebene Wärme des Tons in meinen Handflächen aufzusaugen.
      Mein Blick wanderte von der leeren Schale zu ihr. Sie saß noch immer auf dem kleinen Hocker neben meinem Bett, ihr Haar noch leicht feucht von dem missglückten Gang zum Bach, das schlichte Kleid unauffällig und doch sauber. Ihr Spott über meine Unfähigkeit aufzustehen hing noch immer leise in der Luft.
      Ich ließ ein leichtes, kaum merklich trockenes Schmunzeln auf meine Lippen treten – eine seltene, kleine Geste, die die Strenge in meinem Gesicht für einen Augenblick aufweichte.
      „Ihr müsst keine Sorge haben...“, begann ich leise, meine Stimme nun deutlich kräftiger als noch am Morgen. „Ich werde nicht versuchen, aus diesem Bett aufzuspringen und einen Dauerlauf durch den Forst zu veranstalten. Mein Körper hat mir eben sehr deutlich zu verstehen gegeben, wo meine Grenzen liegen. Ihr habt Eure Drohung also nicht nötig.“
      Ich machte eine kurze Pause, ließ meinen Kopf etwas weiter an die Wand zurücksinken und sah sie ruhig und ernst an. Der Scherz verflüchtigte sich, und was blieb, war die ehrliche Dankbarkeit eines Mannes, der wusste, wie viel er dieser Frau bereits schuldete.
      „Aber wenn wir schon von Grenzen sprechen...“, fuhr ich fort und neigte den Kopf leicht in Richtung des Fensters, durch das man den kleinen Vorplatz und den Zaun sehen konnte, „...ich habe gesehen, wie schwer Euch der Gang zum Bach gefallen ist. Und ich weiß, wie unbarmherzig der Schlamm auf den Pfaden nach einem Unwetter sein kann.“
      Ich holte einmal tief Luft, spürte das Pochen im Brustkorb und setzte meine Worte mit Bedacht.
      „Da draußen steht mein Wallach. Er ist ein Tier der Zunft, geschult auf den schweren Wegen im Gebirge und in tiefen Wäldern. Er trägt schwere Lasten, ohne auf aufgeweichtem Boden den Halt zu verlieren, und er fürchtet weder den Schlamm noch das reißende Wasser am Bachlauf.“
      Ich blickte sie direkt an, um sicherzustellen, dass sie das Gewicht meiner Worte verstand.
      „Nimmt ihn. Nutzen Sie ihn, wann immer Ihr Wasser holen müsst, wenn Ihr tiefer in den Wald reiten wollt, um Kräuter zu sammeln, oder wenn Ihr Wege ins Dorf zu erledigen habt. Er gehört für die Zeit meiner Genesung Euch.“
      Ich wusste, wie misstrauisch Tiere gegenüber Fremden sein konnten, besonders Streit- und Packpferde der Zunft, die oft nur auf die Stimme ihres Herren hörten. Doch mein Wallach war intelligent und besonnen.
      „Ihr müsst keine Angst haben, dass er sich Euch widersetzt“, fügte ich leise hinzu. „Er hat gerochen, dass Ihr meine Wunden gepflegt habt. Er kennt Eure Hände seit dem gestrigen Tag. Ich habe ihm vorhin durch das offene Fenster zugeschaut, als Ihr an den Zaun getreten seid. Er vertraut Euch bereits. Er wird Euch gehorchen, als wärt Ihr seine Reiterin. Legt ihm einfach die Packtaschen auf oder bindet die Eimer an seinen Sattel. Es wird Euch den Weg zum Bach und den Transport des Wassers um ein Vielfaches erleichtern. Spart Eure Kräfte für die Dinge, die kein Pferd für Euch erledigen kann.“
      Das Angebot war frei von jedem Hintergedanken. Es war das Einzige, was ich ihr in meinem gegenwärtigen Zustand von Wert anbieten konnte – ein Werkzeug, ein starkes Tier, das ihr die harte Arbeit des Alltags abnehmen konnte, solange ich wie ein gelähmter Klotz auf ihrer Pritsche lag.
      Ich reichte ihr die leere Schüssel mit dem Löffel hin. Meine Hand lag dabei vollkommen ruhig.
      „Und was die Verbände angeht...“, schloss ich mit einem leisen, fast unhörbaren Ausatmen, während ich mich langsam wieder ein Stück auf dem Stroh zurückgleiten ließ, um meine Rippen zu entlasten, „...ich bin bereit, wenn Ihr es seid. Ich werde nicht protestieren. Ihr führt das Regiment in dieser Hütte – das habe ich inzwischen begriffen.“
      Ich schloss für einen kurzen Moment die Augen und ließ den Kopf tief ins Kissen sinken. Die Anstrengung des Eigenständigen Essens hatte ihren Tribut gefordert. Ein feiner Schweißfilm lag auf meiner Stirn, und mein Puls pochte spürbar im Hals. Aber das Gefühl, nicht gänzlich nutzlos gewesen zu sein, wenigstens die Schüssel selbst gehalten zu haben und ihr eine tatsächliche Hilfe für die kommenden Tage angeboten zu haben, schenkte mir eine seltsame Art von Seelenfrieden.
      Ich wartete schweigend ab, was sie tun würde, während der Dampf des Feuers durch die Hütte zog und draußen die Sonne den Wald in ihr goldenes Licht tauchte.
    • Ich betrachtete ihn schweigend, während er sich mit sichtlicher Mühe aufrichtete und nach der Schüssel griff. Ein wenig Argwohn regte sich in mir, als ich sah, wie er seinen Körper gegen den Schmerz zwang. Ich verstand es nicht. Weshalb musste er mir beweisen, dass er allein essen konnte? Es wäre doch viel einfacher gewesen, wenn er mich hätte gewähren lassen und seine Kräfte für das gespart hätte, was sein Körper tatsächlich benötigte, nämlich Ruhe und Zeit. Doch ich unterbrach ihn nicht. Wenn er unbedingt versuchen wollte, alles selbst zu tun, dann sollte er es eben versuchen. Manche Dinge musste ein Mensch wohl selbst erfahren, ehe er begriff, dass er sich damit mehr schadete als nützte. Ich hatte ihn bereits gewarnt, und mehr vermochte ich nicht für ihn zu tun.
      Also blieb ich auf meinem Hocker sitzen und sah ihm dabei zu, wie er den Löffel langsam zum Mund führte. Seine Hand zitterte anfangs, und jede Bewegung schien ihn Kraft zu kosten. Dennoch gab ich ihm die Zeit, die er benötigte. Ich half ihm nicht, griff weder nach der Schüssel noch nach dem Löffel und sagte auch nichts dazu. Ich konnte noch immer nicht recht verstehen, weshalb er sich der Mühe unterzog, doch vielleicht würde er es selbst erkennen, wenn sein Körper ihm deutlich genug zeigte, wo seine Grenzen lagen. Es dauerte eine geraume Weile, bis er den letzten Rest des Breies gegessen hatte. Als er mir schließlich die leere Schüssel reichte, nahm ich sie entgegen und stellte sie beiseite. Mein Blick glitt noch einmal über sein Gesicht und blieb an dem feinen Schweißfilm auf seiner Stirn hängen. Er hatte sich damit mehr angestrengt, als er vermutlich zugeben wollte. „Ihr hättet es auch einfacher haben können“, sagte ich ruhig, ohne Tadel in der Stimme. „Aber wenn Ihr es unbedingt allein tun wollt, werde ich Euch wohl kaum daran hindern.“ Ich nahm die Schüssel und erhob mich.
      Erst als er von seinem Wallach zu sprechen begann, hielt ich inne. Mein Blick wanderte zum Fenster, durch welches der helle Morgen in die Hütte fiel. Draußen stand das Tier noch immer nahe des Zaunes und schnaubte hin und wieder leise. Ich sah eine Weile zu ihm hinüber, ehe ich wieder zu Leonard blickte. „Ich bin noch nie geritten“, gestand ich schließlich. „Nicht auf einem Wallach und auch auf keinem anderen Pferd.“ Die Worte kamen mir beinahe etwas widerwillig über die Lippen, denn es war mir unangenehm, eine weitere Sache nicht zu beherrschen. Ich hatte zwar oft genug mit Pferden zu tun gehabt, wenn Händler oder Dorfbewohner mit ihren Tieren durch das Dorf kamen, doch selbst auf einem solchen Tier gesessen hatte ich nie. Dennoch musste ich mir eingestehen, dass sein Vorschlag nicht schlecht war. Im Gegenteil. Ein Pferd würde mir den Weg zum Bach erleichtern und könnte die schweren Wassereimer tragen. Auch beim Sammeln von Kräutern oder beim Weg ins Dorf würde es mir manches abnehmen. Ich war nicht stolz genug, eine solche Hilfe aus bloßer Sturheit abzulehnen. Weshalb sollte ich mir das Leben schwerer machen, wenn es auch einen einfacheren Weg gab? Ich sah erneut durch das Fenster zu dem Wallach. Vielleicht war es tatsächlich eine gute Idee. „Wenn er sich von mir führen lässt, kann ich es wohl versuchen“, fügte ich schließlich hinzu. „Zum Reiten werde ich allerdings erst noch lernen müssen.“ Ich sagte es sachlich, als wäre es nur eine weitere Aufgabe, die erledigt werden musste.
      Ich nahm die Schüssel fort und stellte sie auf den Tisch, ehe ich mich wieder den Verbänden zuwandte. „Und nun seid Ihr an der Reihe, Euch still zu halten.“ Ich holte frisches Wasser und legte die benötigten Leinenstreifen bereit. Danach setzte ich mich wieder neben ihn und begann, die alten Verbände vorsichtig zu lösen. Ich arbeitete langsam und mit Bedacht, damit sich nichts unnötig an seinen Wunden rieb. Die Kräuterpaste hatte über Nacht ihre Arbeit getan, und obwohl die Verletzungen noch immer schlimm aussahen, schien sich zumindest keine neue Entzündung gebildet zu haben. Ich reinigte die Wunden sorgfältig und betrachtete jede Stelle genau, ehe ich eine neue Schicht der Salbe auftrug. Der herbe Geruch erfüllte wieder den Raum und mischte sich mit dem Duft des Feuers. Leonard blieb ruhig und widersprach mir nicht. Das erleichterte die Arbeit ungemein. Als die Salbe aufgetragen war, legte ich die frischen Leinenbinden an und wickelte sie sorgfältig um seinen Oberkörper. Ich achtete darauf, sie fest genug zu ziehen, damit alles Halt bekam, doch nicht so eng, dass er Schwierigkeiten beim Atmen bekam. Schließlich strich ich noch einmal über den letzten Verband und betrachtete mein Werk. „So“, murmelte ich. „Nun könnt Ihr wieder liegen und Eure Kräfte sparen.“ Ich räumte die Salbe und die übrigen Tücher zusammen und brachte alles an seinen Platz. Draußen wartete der Garten auf mich.
      Nach dem missglückten Gang zum Bach war mir ohnehin danach, wenigstens etwas zu tun, das ich beherrschte. Ich zog mir die Ärmel meines Kleides etwas höher und trat hinaus vor die Hütte. Die Sonne stand inzwischen höher und hatte den letzten Nebel zwischen den Bäumen beinahe vertrieben. Im Garten glitzerten noch kleine Tropfen auf den Blättern, während die Erde dunkel und feucht unter meinen Füßen lag. Ich kniete mich neben die ersten Beete und begann, die Erde vorsichtig um die Pflanzen zu lockern. Einige Kräuter hatten unter dem Regen gelitten und mussten von abgeknickten Zweigen befreit werden. Andere standen erstaunlich gut. Ich entfernte welke Blätter, richtete junge Stängel auf und überprüfte die Pflanzen, die ich für meine Vorräte benötigte. Während meine Hände wieder mit vertrauter Arbeit beschäftigt waren, kehrte allmählich die Ruhe in meine Gedanken zurück. Der Jäger lag drinnen und erholte sich. Das Wasser war geholt, die Verbände waren erneuert und das Frühstück war gegessen. Für den Augenblick gab es nichts weiter, das ich von ihm verlangen musste. Und doch wanderte mein Blick hin und wieder zu dem Wallach hinüber. Vielleicht sollte ich mich tatsächlich näher mit ihm vertraut machen. Wenn Leonard recht hatte und das Tier mir gehorchte, könnte es mir vieles erleichtern. Der Gedanke war ungewohnt, aber nicht unangenehm. Ich streichelte kurz über ein Blatt, das sich unter meinen Fingern aufrichtete, und wandte mich wieder meiner Arbeit zu. Es würde ohnehin noch einige Zeit dauern, bis Leonard wieder auf den Beinen war. Bis dahin hatte ich genug Gelegenheit, mich mit seinem Pferd vertraut zu machen. Vielleicht würde ich sogar herausfinden, wie man auf einem solchen Tier saß, ohne gleich wieder im Schlamm zu landen. Bei diesem Gedanken musste ich wider Willen kurz schmunzeln, ehe ich den Kopf schüttelte und mich wieder über das Beet beugte. „Eines nach dem anderen“, murmelte ich vor mich hin. „Erst der Garten. Dann das Pferd.“ Und so setzte ich meine Arbeit fort, während hinter mir die Hütte still zwischen den Bäumen stand und der Morgen langsam zu einem hellen, klaren Tag heranwuchs.
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    • Die Tür zur Hütte schloss sich hinter ihr, und mit dem leisen Einrasten des hölzernen Riegels kehrte eine tiefe, fast greifbare Ruhe in den Raum zurück.
      Ich lag vollkommen reglos auf dem Bett, den Kopf sanft im klammen Kissen gebettet. Die Frische der neu angelegten Verbände fühlte sich gut an – kühl, straff und schützend. Die Heilsalbe entfaltete ein brennendes, dann sanft betäubendes Pochen auf den offenen Klauenwunden an meiner Flanke, und die fest gewickelten Leinenbinden hielten meinen gebrochenen Brustkorb in einer eisernen Klammer. Sie hatte präzise gearbeitet, ohne Zögern, ohne Unachtsamkeit. Eine Heilerin durch und durch, auch wenn sie jede ihrer Handlungen hinter einer dicken Mauer aus stoischer Pflicht und kühler Distanz verbarg.
      Ein langer, flacher Atemzug entwich meiner Brust. Ich spürte, wie die gewaltige Welle der Erschöpfung, die ich während des Frühstücks niedergekämpft hatte, nun mit doppelter Macht über mir zusammenschlug.
      Das eigenständige Aufrichten, das Führen des Löffels mit zitternden Fingern – es hatte mich mehr Substanz gekostet, als ich ihr gegenüber zugeben wollte. Der feine Schweißfilm auf meiner Stirn war langsam getrocknet, hinterließ aber eine klamme Kälte auf der Haut. Sie hatte recht gehabt: Ich hätte es einfacher haben können. Ich hätte mich füttern lassen können wie ein schwaches Kind. Doch in einer Welt, in der ein Mann der Zunft seinen Wert nur über seine Handlungsfähigkeit definierte, war dieser kleine, schmerzhafte Akt der Selbstständigkeit der einzige Anker gewesen, der mich vor dem völligen Kontrollverlust bewahrte.
      Durch das kleine, viereckige Fenster an der Seitenwand drang das helle, goldene Licht des fortgeschrittenen Morgens.
      Ich konnte sie draußen im Garten sehen, zumindest in jenen Momenten, in denen sie sich nah genug an die Beete nahe der Hütte beugte. Das flackernde Zusammenspiel von Licht und Schatten, das die Baumkronen auf den Erdboden warfen, umspielte ihre Gestalt. Ich sah, wie sie sich im feuchten Boden niederkniete, die Ärmel ihres schlichten Kleides hochgekrempelt, und mit eingespielten, ruhigen Handgriffen begann, die Erde zu lockern und das Unkraut von ihren Kräutern zu trennen.
      Ein leises, fast unhörbares Lächeln stahl sich auf meine Lippen, verflüchtigte sich aber sogleich wieder in der Schwere meiner Erschöpfung.
      Ihre Beichte, dass sie noch nie auf einem Pferd gesessen hatte, schwebte noch immer wie ein leises Echo im Raum. Es war das erste Mal gewesen, dass sie eine winzige Flanke ihrer Unwissenheit offenbart hatte. Eine Frau, die den Wald wie ihre Westentasche kannte, die Heilsalben mischen, Fallen stellen und Tiere zerwirken konnte, hatte eine fast mädchenhafte Scheu vor dem Rücken eines Schimmel-Wallachs. Die Ehrlichkeit, mit der sie es eingeräumt hatte – nüchtern, fast ein wenig widerwillig, aber ohne falsche Eitelkeit –, hatte ihr in meinen Augen eine vollkommen neue, menschliche Note verliehen.
      Draußen am Zaun schnaubte mein Pferd leise.
      Ich hörte das Scharren seiner dicken Hufe im weichen Waldboden. Er hatte ihre Anwesenheit im Garten längst registriert. Ein Tier der Zunft war nicht wie das schreckhafte Reitpferd eines Händlers oder die trägen Gaul eines Bauern. Er war darauf trainiert worden, in eisiger Kälte zu verharren, das Brüllen von Bestien zu ertragen und die Befehle seines Reiters ohne Zögern zu befolgen. Aber er besaß auch eine feine Narrenfreiheit für jene, die ihm mit Ruhe und ohne Furcht begegneten.
      Ich wusste, dass er sie nicht abwerfen würde. Wenn sie erst einmal den Mut fassen würde, sich von ihm führen zu lassen – erst am Zügel, später vielleicht auf seinem breiten, unbesattelten Rücken –, würde sie begreifen, dass ein solches Tier kein Werkzeug war, vor dem man sich fürchten musste, sondern eine kraftvolle Stütze. Der Gedanke, dass mein Wallach ihr die harten Wege zum Bach und in das fernab gelegene Dorf erleichtern würde, während ich hier ans Bett gefesselt war, linderte die bittersüße Scham meiner Hilflosigkeit.
      Ich schloss die Lider und lauschte den Geräuschen der Welt außerhalb der dickwandigen Holzkonstruktion.
      Das leise Klirren der kleinen Gartenhacke, wenn sie auf einen Stein traf. Das sanfte Rascheln der getrockneten Kräuterbüschel, die über meinem Kopf an den Deckenbalken hingen und im leisen Luftzug der Ritzen wackelten. Das stetige Knistern der schwindenden Glut im Herd.
      Der Tag war nun vollends erwacht. Der Nebel, der am Morgen noch wie ein grauer Schleier zwischen den Stämmen der Fichten gehangen hatte, war der kühlen Klarheit eines Frühherbsttages gewichen. Die Welt da draußen ging ihren gewohnten Gang, unbeeindruckt von dem kleinen Drama, das sich in dieser abgelegenen Hütte abgespielt hatte.
      Ich lag in der Dämmerung des Raumes und dachte über die seltsame Fügung nach, die mich hierher gebracht hatte.
      Wäre die Bestie im Wald nur einen Schritt schneller gewesen, läge mein Kadaver nun irgendwo im Morast, verrottend und vergessen, eine weitere Verlustmeldung in den Büchern der Gilde. Stattdessen lag ich in einem sauberen Bett, gehüllt in frische Bandagen, genährt von warmem Mus und bewacht von einer Heilerin, die mich mit einer Mischung aus Misstrauen und kompromissloser Fürsorge vor dem Tod bewahrt hatte.
      Wer war sie wirklich? Eine Einsiedlerin? Eine Ausgestoßene? Oder einfach eine Frau, die den Frieden des tiefen Forsts der verlogenen Enge der Dörfer vorgezogen hatte? Die Art, wie sie das Erbe des alten Mannes hütete, wie sie jedes Kräuterblatt mit Bedacht behandelte und keinen Handgriff verschwendete, zeugte von einer tiefen Entschlossenheit. Sie brauchte die Welt da draußen nicht. Sie hatte sich hier ihr eigenes kleines Reich geschaffen – ein Reich, in das ich wie ein blutiger Keil eingedrungen war.
      Ich spürte, wie mein Atem immer langsamer und tiefer wurde. Die Last des Morgens forderte ihren Zoll. Das Muskelgewebe an meiner Brust fühlte sich heiß an, wo die frische Salbe die Entzündung niederrang. Die Heilung war ein langsamer, zehrender Prozess, der sich nicht erzwingen ließ. Weder durch Sturheit noch durch kluge Ratschläge.
      Ich würde warten müssen. Tag um Tag. Bis die Knochen zusammengewachsen waren und das Fleisch wieder die Festigkeit besaß, die ein Mann auf den Pfaden brauchte.
      Ich ergab mich der aufsteigenden Schwerelosigkeit des Schlafs. Draußen arbeitete sie weiter in ihren Beeten, entwirrte Zweige, richtete Halme auf und glättete die dunkle Erde. Mein Pferd wachte am Zaun, und der Raum hüllte mich in seinen vertrauten Duft aus Rauch, Beifuß und verbranntem Scheitholz.
      Für den Augenblick gab es nichts mehr zu bereden, nichts mehr zu beweisen und nichts mehr zu befürchten. Die Hütte ruhte im Licht des Vormittags, und ich gab mich der tiefen, heilsamen Dunkelheit hin, die mich langsam, aber unaufhaltsam umfing.
    • Ich blieb noch eine Weile im Garten, nachdem ich das erste Beet von Unkraut befreit und die Erde um die jungen Pflanzen gelockert hatte. Die Arbeit ging mir leichter von der Hand als vieles andere. Hier draußen wusste ich, was zu tun war. Die Pflanzen verlangten nicht nach Erklärungen, stellten keine Fragen und zweifelten auch nicht an dem, was ich tat. Entweder gediehen sie unter meinen Händen oder sie taten es nicht. Es war eine einfache Ordnung, die ich der Gesellschaft der Menschen oft vorzog. Ich kniete mich vor das nächste Beet und fuhr mit den Fingern durch die dunkle, noch feuchte Erde. Der Regen der vergangenen Nacht hatte ihr gutgetan, auch wenn einige der kleineren Kräuter unter der Schwere des Wassers eingeknickt waren. Behutsam richtete ich sie wieder auf und entfernte die welken Blätter. Zwischen den Beeten wuchs allerlei, das ich nicht angepflanzt hatte. Manche Gewächse ließ ich stehen, wenn sie sich als nützlich erwiesen. Andere zog ich mitsamt der Wurzel aus der Erde und warf sie auf den kleinen Haufen neben mir. Nach einer Weile richtete ich mich langsam auf und streckte meinen Rücken. Der Boden war noch kühl unter meinen Knien gewesen, doch die Sonne stand inzwischen hoch genug, um Wärme auf meine Haut fallen zu lassen. Ich schloss für einen kurzen Augenblick die Augen und hob das Gesicht dem Licht entgegen. Die Wärme war angenehm. Nach dem kalten Wasser des Baches und dem unfreiwilligen Bad im Schlamm war mir noch immer nicht gänzlich warm geworden.
      Mein Blick fiel auf den Wallach. Er stand nicht weit von seinem provisorischen Zaun entfernt und hatte die Arbeit im Garten offenbar ebenso aufmerksam verfolgt wie ich ihn hin und wieder beobachtet hatte. Sein Fell glänzte im Sonnenlicht, und bei jedem leichten Windzug bewegte sich seine Mähne. Er wirkte ruhig. Geduldig. Fast so, als hätte er längst begriffen, dass sein Herr für eine Weile nicht von diesem Ort fortgehen würde. Ich warf den kleinen Haufen Unkraut beiseite und trat langsam näher. „Ihr seid ein seltsamer Gast“, murmelte ich vor mich hin, wobei ich nicht wusste, ob ich damit den Wallach oder seinen Besitzer meinte. Wahrscheinlich traf beides zu. Das Pferd hob den Kopf, als ich mich näherte, und sah mich mit großen, dunklen Augen an. Ich blieb zunächst ein paar Schritte von ihm entfernt stehen. Pferde waren mir nicht gänzlich fremd, doch ich hatte nie viel mit ihnen zu tun gehabt. Der alte Mann hatte keines besessen, und für eine einzelne Person waren sie teuer im Unterhalt. Außerdem war ich stets zu Fuß zurechtgekommen. Der Wald lag direkt vor meiner Tür, der Bach war nicht allzu weit entfernt und das Dorf konnte man mit genügend Zeit ebenfalls erreichen. Bislang hatte ich keinen Grund gehabt, ein Pferd zu benötigen. Nun aber schien sich dieser Gedanke langsam zu ändern. Ich trat noch einen Schritt näher und hob vorsichtig die Hand. Der Wallach schnaubte leise, zog sich jedoch nicht zurück. Als er den Kopf ein wenig senkte, berührte ich schließlich sein Fell. Meine Finger glitten über die warme Mähne, und ich strich ihm langsam über den Hals. „Also gut“, sagte ich leise. „Vielleicht versuche ich es wirklich.“ Ich wusste nicht, ob er mich verstand oder ob ihn meine Worte überhaupt interessierten. Dennoch blieb ich noch einen Moment bei ihm stehen. Die Ruhe des Tieres war auf eine merkwürdige Weise angenehm. Kein Wunder, dass Leonard ihm vertraute. Ein Tier, das seinen Besitzer durch Wälder, Schlamm und offenbar auch Kämpfe begleitete, musste eine besondere Bindung zu ihm haben. Ich fragte mich kurz, wie lange sie wohl schon zusammen unterwegs waren. Doch ich verwarf den Gedanken wieder. Es ging mich nichts an. Leonard war mein unfreiwilliger Gast, nicht mein Freund. Daran sollte ich mich besser erinnern.
      Schließlich wandte ich mich vom Wallach ab und kehrte zu meinem Garten zurück. Es gab noch genug zu tun. Ich kontrollierte die Kräuter, die ich später trocknen wollte, und schnitt einige Blätter ab, die bereits groß genug waren. Salbei, Beifuß und ein wenig Thymian kamen in meinen Korb. Von einigen Pflanzen nahm ich nur wenige Blätter. Ich wollte sie nicht zu früh abernten und später ohne Vorräte dastehen. Während ich arbeitete, wanderte mein Blick unwillkürlich immer wieder zur Hütte. Es war seltsam zu wissen, dass sich darin jemand befand. Gewöhnlich war die Hütte still, wenn ich draußen arbeitete. Ich wusste, dass sie dort stand und auf mich wartete, doch ich erwartete keine Stimme, keine Bewegung und keinen Fremden, der plötzlich meine Aufmerksamkeit beanspruchte. Nun lag dort drinnen ein Jäger in meinem Bett. Ein Mann, der mir körperlich weit überlegen war und dessen Zunft Wesen wie mich jagte. Auch wenn er zurzeit kaum die Kraft besaß, sich selbstständig aufzurichten, war diese Tatsache nicht einfach aus meinem Kopf zu vertreiben. Meine Skepsis war nicht verschwunden. Sie hatte sich lediglich verändert. Leonard hatte mir bislang keinen Grund gegeben, ihm zu misstrauen, abgesehen von dem Umstand, dass er ein Jäger war. Doch allein das war bereits Grund genug, vorsichtig zu bleiben. Trotzdem musste ich mir eingestehen, dass er nicht so war, wie ich mir Jäger stets vorgestellt hatte. Oder vielleicht hatte ich mir auch einfach nie die Mühe gemacht, zwischen ihnen zu unterscheiden. Ich wusste von Geschichten. Von Männern, die Dörfer betraten und ihre Macht ausnutzten. Von Jägern, die jedes Wesen töten würden, das ihnen fremd erschien. Doch Leonard hatte sich bisher nicht wie einer von ihnen verhalten. Das bedeutete nicht, dass ich ihm blind vertrauen würde. Ich war nicht töricht. Aber es bedeutete vielleicht, dass ich nicht jeden Jäger in denselben Topf werfen sollte. Der Gedanke gefiel mir nicht besonders.
      Also beschäftigte ich meine Hände wieder mit der Arbeit und beschloss, vorerst nicht weiter darüber nachzudenken. Als der Korb schließlich einige Kräuter enthielt, stellte ich ihn neben die Hauswand und sah mich noch einmal im Garten um. Für den Vormittag war genug getan. Ich könnte später weitermachen. Vielleicht sollte ich mich nun tatsächlich mit dem Wallach beschäftigen. Nicht reiten. Dafür war ich noch nicht bereit. Doch wenigstens lernen, wie man ihn richtig führte und seine Ausrüstung anlegte. Ich wusste schließlich nicht, wann Leonard wieder dazu in der Lage sein würde, mir etwas zu erklären. Mein Blick glitt zum Fenster der Hütte. Hinter dem Glas war keine Bewegung zu erkennen. Vermutlich war er wieder eingeschlafen. Nach dem Frühstück und dem Wechsel der Verbände wunderte mich das nicht. Vielleicht war es sogar das Beste. Schlaf würde ihm mehr helfen als jeder weitere Versuch, seine Selbstständigkeit unter Beweis zu stellen. Mit einem leisen Atemzug nahm ich den Korb wieder auf und ging zur Hütte zurück.
      Ich öffnete die Tür so leise wie möglich und trat ein. Sofort schlug mir wieder der vertraute Geruch von Holzrauch, Kräutern und dem schwachen Duft der Salbe entgegen. Mein Blick fiel kurz auf Leonard. Er lag ruhig im Bett, die Augen geschlossen und sein Atem war langsam und gleichmäßig. Offenbar schlief er tatsächlich. Ich sagte nichts und schloss die Tür hinter mir. Dann stellte ich den Korb auf den Vorbereitungstisch und begann, die gesammelten Kräuter sorgfältig auszubreiten. Einige legte ich beiseite, um sie später frisch zu verwenden. Andere würde ich zum Trocknen aufhängen. Während meine Finger die einzelnen Blätter sortierten, fiel mein Blick erneut auf das Fenster und auf den Wallach draußen. Vielleicht, dachte ich, war es gar keine so schlechte Idee, sich mit ihm vertraut zu machen. Doch zuerst würde ich die Kräuter versorgen. Eines nach dem anderen. So hatte ich es schon immer gehalten. Und bislang war ich damit gut zurechtgekommen.
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    • Die Tage vergingen in einem gleichmäßigen, fast monotonen Rhythmus.
      Die anfängliche Unruhe und die feine Spannung, die in den ersten Stunden wie ein unbewaffneter Waffenstillstand zwischen uns gestanden hatten, schliffen sich im stetigen Rhythmus der Abläufe langsam ab. Die Dynamik in der kleinen Hütte veränderte sich kaum, sondern festigte sich zu einer stummen, gut geölten Routine.
      Ich verbrachte den Großteil dieser ersten Woche in der Dämmerung des Bettes. Ich aß die klaren Suppen und den warmen Brei, den sie mir mit unnachgiebiger Regelmäßigkeit zubereitete. Ich trank das frische, kühle Wasser, das sie dank meines Wallachs nun weit müheloser und in größeren Mengen vom Bach holen konnte. Ich ließ schweigend das Auswechseln der Verbände über mich ergehen, spürte das Brennen der frisch aufgetragenen Kräutersalben und gab mich in den Stunden dazwischen dem tiefen, traumlosen Schlaf hin, den mein geschundener Körper so dringend einforderte.
      Sie wiederum ging stoisch ihren gewohnten Aufgaben nach. Sie versorgte den Garten, schnitt Kräuter, hängte Büschel zum Trocknen an die Deckenbalken, kümmerte sich um den Vorrat an Fleisch und Wasser und verbrachte die späten Nachmittage oft schweigend am Fenster mit ihren alten Büchern. Wenn sich unsere Blicke trafen, lag darin kein offenes Misstrauen mehr, sondern jene kühle, pragmatische Duldung zweier Menschen, die sich füreinander nicht entschieden hatten, aber das Beste aus der erzwungenen Nachbarschaft machten.
      Niemals – nicht in einem einzigen Augenblick – machte ich Anstalten, meine Rolle zu überschreiten. Ich griff weder nach meinen Waffen, die sicher in den Satteltaschen lagen, noch versuchte ich, mich in ihre Angelegenheiten einzumischen oder ihr Fragen aufzudrängen, die sie nicht beantworten wollte. Für sie war ich ein wehrloser Gast; für mich war sie die Frau, die mein Leben gerettet hatte. Die ungeschriebene Grenze zwischen dem Jäger der Zunft und der Heilerin des Waldes blieb unberührt. Ich war einfach nur dankbar, in der Wärme dieser Hütte mein Fleisch zusammenwachsen zu lassen.
      Nach gut einer Woche auf der Pritsche zahlte sich die sture Disziplin der Ruhe schließlich aus.
      Es war an einem hellem Morgen, als ich vorsichtig die Augen aufschlug und spürte, dass sich das ständige, fiebrige Brennen in meiner rechten Flanke spürbar gewandelt hatte. Das fiebrige Pochen war verschwunden. Als ich die Hand auf die bandagierte Stelle legte, spürte ich nur noch einen stumpfen, festen Druck. Die tiefen Klauenwunden der Bestie waren größtenteils verkrustet, trocken und begannen sich langsam zu schließen. Die Ränder der Haut rissen bei vorsichtigen Bewegungen nicht mehr auf.
      Natürlich war die Heilung noch lange nicht abgeschlossen. Die gebrochene Rippe und die zerrissene Muskulatur an meinem Brustkorb würden noch eine ganze Weile brauchen, um ihre alte Festigkeit wiederzuerlangen. Jede unbedachte Bewegung, jedes zu tiefe Einatmen schickte nach wie vor einen scharfen, ziehenden Warnschmerz durch meinen Oberkörper.
      Doch der entscheidende Wandel war da: Ich war nun in der Lage, mich weitestgehend schmerzfrei im Bett aufzurichten, die Beine über die Kante der Strohmatratze zu schwingen und aufrecht auf der Kante zu sitzen, ohne dass mir schwarz vor den Augen wurde oder kalter Schweiß auf die Stirn trat.
      Ein tiefes, erlösendes Durchatmen entwich meiner Brust.
      Die Demütigung der absoluten Hilflosigkeit fiel langsam von mir ab. Die Tage, in denen ich wie ein regloser Klotz im Kissen gelegen hatte, wichen der Gewissheit, dass die Kontrolle über meinen eigenen Körper Schritt für Schritt zurückkehrte.
      An diesem Morgen, als das Kaminfeuer leise knisterte und der vertraute Duft von kochendem Wasser den Raum erfüllte, wagte ich den nächsten Schritt. Ich stützte meine flachen Hände links und rechts auf das Bettgestell, spannte die Beine an und drückte mich langsam nach oben. Meine Knie zitterten leicht unter dem ungewohnten Gewicht, und ein dumpfes Ziehen wanderte durch meine Flanke, doch die Knochen hielten.
      Ich tat die ersten Schritte.
      Es war ein staksiger, vorsichtiger Gang. Ein paar Schritte vom Bett weg, hin zum Vorbereitungstisch, die Hand stets griffbereit an der rauen Holzwand, um mich abzufangen, sollte der Gleichgewichtssinn ins Schwanken geraten. Die Dielen knarrten leise unter meinen Stiefeln. Ich spürte, wie die Muskeln in meinen Oberschenkeln vor Ungewohntheit spannten, aber das Blut zirkulierte wieder kräftig durch meine Adern. Ich war nicht mehr gefesselt. Ich konnte mich wieder aus eigener Kraft bewegen.
      Ich blieb am Tisch stehen, stützte mich mit beiden Händen auf die saubere Holzplatte und blickte hinüber zum Fenster. Draußen schien die Sonne auf den kleinen Garten, wo die Kräuterbeete gepflegt in der Morgenluft standen. Am Zaun hob mein Wallach den Kopf und schnaubte leise, als wolle er seinen Reiter für diesen kleinen Sieg begrüßen.
      In mir regte sich eine tief empfundene Erleichterung. Ich war kein stummer Ballast mehr. Ich lag ihr nicht mehr gänzlich auf der Tasche und war nicht mehr vollkommen auf ihre Pflege angewiesen. Auch wenn ich noch weit davon entfernt war, ein Schwert zu führen oder ein schwertragendes Pferd durch den Sturm zu reiten, so war ich zumindest kein Pflegefall mehr.
      Als ich die Füße langsam wieder herumdrehte und den Rückweg zum Bett antrat – Schritt für Schritt, bedacht und ohne jede Hast –, spürte ich das kühle Holz der Dielen unter den Sohlen wie ein Versprechen. Der Weg zurück ins Leben war beschwerlich, aber er hatte begonnen. Und in dieser stillen Hütte zwischen den Bäumen war der Frieden, so fragil er auch sein mochte, für weitere Tage gesichert.
    • Neu

      Die Tage vergingen in einer Ruhe, die sich beinahe unmerklich über die kleine Hütte gelegt hatte. Was anfangs fremd und ungewohnt gewesen war, hatte sich mit der Zeit in eine feste Ordnung gefügt. Mein Alltag hatte sich, wenn ich ehrlich war, kaum verändert. Ich stand am Morgen auf, kümmerte mich um das Feuer, bereitete Essen zu, holte Wasser, versorgte meinen Garten und ging den vielen kleinen Arbeiten nach, die sich niemals von selbst erledigten. Der Jäger hatte lediglich seinen Platz darin gefunden. Ich fütterte ihn nicht mehr bei jeder Mahlzeit, seit seine Hände wieder kräftig genug waren, um einen Löffel selbst zu halten, doch die Verbände wechselte ich weiterhin regelmäßig und achtete darauf, dass er sich nicht mehr zumutete, als sein Körper vertragen konnte. Ansonsten ließ ich ihn weitestgehend gewähren. Der Wallach hingegen hatte sich als weitaus größere Hilfe erwiesen, als ich zunächst erwartet hatte. Anfangs war ich noch unsicher gewesen, wenn ich ihm zu nahe kam oder die schweren Packtaschen an seinem Sattel befestigte, doch das Tier schien eine Geduld mit mir zu besitzen, die ich nicht erwartet hätte. Mit der Zeit gewöhnte ich mich an seine Größe und an das tiefe Schnauben, mit dem er mich jedes Mal begrüßte, wenn ich aus der Hütte trat. Er trug das Wasser vom Bach, wenn ich es brauchte, und ersparte mir so manchen mühseligen Weg mit einem schweren Eimer in den Händen. Dafür sorgte ich dafür, dass er genügend Wasser und Gras bekam, strich ihm gelegentlich über die Mähne und sprach leise mit ihm, auch wenn ich mir nicht sicher war, ob er überhaupt verstand, was ich sagte. Vielleicht war ich ihm dankbarer, als ich es mir selbst eingestehen wollte. Und der Jäger ... nun, über ihn ärgerte ich mich mittlerweile nicht mehr ganz so häufig wie zu Beginn. Ich hatte mich wohl oder übel an seine Anwesenheit gewöhnt. Die Hütte fühlte sich nicht mehr bei jeder Bewegung fremd an, nur weil sich ein weiterer Mensch darin befand. Dennoch blieb ich achtsam. Gewohnheit bedeutete nicht Vertrauen, zumindest nicht vollständig. Ich wusste noch immer nicht viel über ihn und hatte auch nicht das Bedürfnis, ihn mit Fragen zu überschütten. Solange er sich anständig verhielt und keine Dummheiten beging, sollte es mir genügen. An jenem Morgen war ich bereits früh hinausgegangen, um nach meinen Fallen zu sehen. Die Luft war kühl gewesen, doch die Sonne stand mittlerweile hoch genug, um zwischen den Bäumen helle Flecken auf den Waldboden zu werfen. Viel hatte ich nicht gefangen. Ein Eichhörnchen und ein Hase. Nicht gerade ein üppiger Fang, doch ausreichend für den Augenblick. Ich nahm die Tiere an mich und stellte die Fallen anschließend erneut auf, diesmal jedoch an anderen Stellen. Die Tiere waren nicht töricht genug, immer wieder denselben Pfaden zu folgen, und nach einigen Tagen musste man die Plätze ohnehin wechseln. Der Rückweg zur Hütte verlief ruhig. Unter meinen Stiefeln knirschten kleine Zweige, während sich die Geräusche des Waldes um mich herum legten. Als die Hütte schließlich zwischen den Bäumen auftauchte, beschleunigte ich meine Schritte ein wenig.
      Erst als ich die Tür öffnete und eintrat, blieb ich unvermittelt stehen. Mein Blick fiel auf den Jäger. Er stand am Vorbereitungstisch. Für einen Augenblick sagte ich nichts. Überraschung war wohl das erste Gefühl, das mich durchfuhr, doch diesmal war sie nicht unangenehm. Vielmehr verspürte ich eine stille Erleichterung darüber, dass sich sein Zustand tatsächlich besserte. Dennoch wich die Vorsicht nicht gänzlich aus meinem Gesicht. Ich schloss die Tür hinter mir und trat langsam weiter in den Raum. Meine Beute hielt ich noch immer in den Händen. Ich beobachtete ihn aufmerksam, während ich mich dem Tisch näherte, ohne ihm jedoch zu nahe zu kommen. Dann legte ich den Hasen und das Eichhörnchen auf die Holzplatte. Erst danach hob ich den Blick zu ihm. Ich musste weiter nach oben sehen, als ich erwartet hatte. Bisher hatte ich ihn fast ausschließlich liegend oder sitzend gesehen. Erst jetzt wurde mir bewusst, wie groß er tatsächlich war. Nicht nur groß, sondern auch breit gebaut. Seine Schultern waren wesentlich breiter als meine und selbst jetzt, nach einer Woche der Ruhe und der Verletzungen, wirkte sein Körper kräftig. Ich hatte im Dorf Männer gesehen, natürlich, doch keinen wie ihn.
      Für einen kurzen Moment musterte ich ihn beinahe unverhohlen, ehe ich mich wieder fing und meine Aufmerksamkeit seinen Wunden zuwandte. Mein Blick glitt über die Stellen, an denen die Bandagen unter seiner Kleidung saßen, suchte nach Blut, nach einer unnatürlichen Haltung oder irgendeinem anderen Zeichen dafür, dass sein kleiner Spaziergang durch die Hütte eine törichte Idee gewesen war. Doch ich konnte nichts erkennen. Zumindest nichts, was mich augenblicklich dazu veranlasste, ihn wieder ins Bett zu schicken. Schließlich nickte ich langsam. Zufrieden. „Das sieht besser aus“, stellte ich nüchtern fest. Meine Hände stemmte ich gegen meine Hüften, während ich ihn noch einen Augenblick lang musterte. „Ihr solltet Euch trotzdem nicht überschätzen.“ Eine kurze Pause entstand. Mein Blick wanderte zum Fenster und weiter hinaus zu dem schmalen Pfad, der sich zwischen den Bäumen verlor. Der Gedanke kam mir beinahe beiläufig, doch je länger ich darüber nachdachte, desto sinnvoller erschien er mir. Wenn er sich bereits wieder einige Schritte innerhalb der Hütte bewegen konnte und seine Wunden nicht erneut aufgegangen waren, würde ein wenig frische Luft ihm vermutlich nicht schaden. Natürlich nicht heute und gewiss nicht weit. Ich sah wieder zu ihm hoch. „Irgendwann können wir einen Spaziergang ins Dorf nehmen.“ Meine Worte waren schlicht, beinahe beiläufig ausgesprochen, als hätte ich ihm lediglich mitgeteilt, dass ich später Holz holen müsste. Dennoch war es vermutlich das erste Mal, dass ich ihn bewusst in einen meiner gewöhnlichen Wege einbezog. „Wenn Ihr bis dahin vernünftig genug seid, nicht wieder halb tot im Bett zu landen.“ Ein kaum merkliches Zucken ging über mein Gesicht, das beinahe ein Lächeln hätte sein können, ehe ich mich wieder der Beute auf dem Tisch zuwandte. „Aber zuerst“, fuhr ich fort und nahm den Hasen in die Hand, „sehen wir, wie lange Ihr überhaupt stehen könnt, bevor Eure Beine beschließen, Euch wieder im Stich zu lassen.“
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    • Neu

      Ein schiefes, leises Lächeln stahl sich auf meine Lippen, während ich mich vollends zu ihr umdrehte. Es war eine ungewohnte Bewegung für mein Gesicht, das in den letzten zwei Wochen fast ausschließlich von Schmerz, Konzentration und stummer Erschöpfung geprägt gewesen war.
      „Sie halten“, sagte ich leise, meine Stimme tiefer und fester als in allen Tagen zuvor. „Auch wenn sie sich anfühlen, als gehörten sie erst seit heute Morgen wieder mir.“
      Ich spürte die leichte Unruhe in den Oberschenkeln, das leise Zittern in den Waden, das nach Tagen der Reglosigkeit unvermeidbar war. Doch die Knochen standen fest. Die Erde unter den Dielen trug mich, und das Gefühl, nicht mehr wie ein gefällter Baumstamm auf der Pritsche zu kauern, verlieh mir eine fast berauschende Freiheit. Dass ich ihr dabei ein Stück weit mehr in die Augen blicken musste, als ich es bisher gewohnt war, blieb auch mir nicht verborgen. Ich war mir meiner Statur stets bewusst gewesen – in den engen Gassen der Städte und in den schummrigen Schenken der Grenzlande war meine Erscheinung oft das Erste gewesen, was den Menschen Furcht oder Respekt eingeflößt hatte. Hier, in dieser kleinen Hütte, wirkte meine Gestalt beinahe deplatziert, wie ein zu groß geratener Pfeiler unter einem schlichten Dach.
      Mein Blick wanderte von ihr hinab zu dem Tisch, auf dem der Hase und das Eichhörnchen lagen. Die Spuren der Fallen waren sauber, die Beute frisch.
      Ich machte einen kleinen, bedachten Schritt näher an die Holzplatte heran. Das brennende Ziehen an meiner rechten Flanke meldete sich sofort, als wolle es mich an die verkrusteten Wunden und die gebrochene Rippe erinnern, doch es war ein Schmerz, den man ertragen konnte. Ein Schmerz, der nicht mehr nach Fieber und Verfall schmeckte, sondern nach Heilung.
      Ich wies mit einer leichten Kopfbewegung auf den Hasen.
      „Wenn Ihr mir das Messer gebt“, bot ich ruhig an und sah sie fest an, „kann ich den Hasen für Euch häuten und ausnehmen. Ich verspreche Euch, dass ich dabei weder umkippen noch den Tisch mit meinem Blut besudeln werde.“
      Ein leiser Hauch von trockenem Humor lag in meinen Worten, genau wie zuvor in den ihren. Es war kein bloßes Wortgefecht, sondern ein ernst gemeintes Angebot.
      „Ich habe in diesem Bett gelegen und Eure Vorräte verbraucht, während Ihr meine Wunden gepflegt und mein Pferd versorgt habt“, fuhr ich fort, während ich mich mit der linken Hand leicht auf der Tischkante abstützte, um meine Flanke zu entlasten. „Es wird Zeit, dass ich mich nützlich mache. Selbstverständlich nur im Rahmen dessen, was mein Körper zulässt. Aber für das Häuten eines Hasen braucht man keine heilen Rippen, sondern nur eine ruhige Hand und ein scharfes Eisen. Und beides besitze ich noch.“
      Es war das Verlangen eines Mannes, der seine Würde nicht vollends an ein Lager aus Stroh verlieren wollte. Aber es war auch mehr als das. Indem ich ihr Arbeit abnahm, wollte ich ihr zeigen, dass ich kein Parasit war, der sich an ihren Vorräten labte, sondern jemand, der seinen Teil zum Alltag beisteuern konnte, sobald die Kraft zurückkehrte.
      Doch was mich im Innersten viel tiefgründiger beschäftigte, waren ihre Worte über das Dorf.
      „Irgendwann können wir einen Spaziergang ins Dorf nehmen.“
      Die Beiläufigkeit, mit der sie diesen Satz ausgesprochen hatte, stand im krassen Gegensatz zu der Wirkung, die er in mir entfaltete. Für sie mochte es nur eine pragmatische Überlegung gewesen sein – eine Möglichkeit, Besorgungen zu machen oder mir frische Luft zu verschaffen, sobald meine Beine mich wieder trugen. Doch für mich bedeutete dieses einfache Angebot weit mehr.
      Es zeigte mir, dass die tiefe Kluft aus Argwohn und kühlem Abstand, die am ersten Tag zwischen uns gelegen hatte, langsam Risse bekam. Sie hatte mich nicht aus Abscheu oder Hass versorgt. Sie hatte einen verletzten Jäger in ihr Haus geholt, obwohl ihre Ahnen und ihre Art jeden Grund gehabt hätten, Männern wie mir mit tödlicher Feindseligkeit zu begegnen. Und nun bot sie mir an, an ihrer Seite ins Dorf zu gehen. Sie wollte mich nicht länger verstecken wie ein gefährliches Geheimnis oder eine Last, die man sobald wie möglich loswerden musste. Sie bezog mich in ihr Leben ein, wenn auch nur auf die schlichteste, unaufgeregteste Weise.
      Vielleicht war es rein pragmatisch gedacht. Ein Mann meiner Statur an ihrer Seite bot Schutz auf den Wegen durch den Forst, und mein Wallach konnte noch mehr Lasten tragen, wenn wir gemeinsam reisten. Vielleicht wollte sie auch schlicht verhindern, dass ich auf eigene Faust dumm genug war, loszumarschieren und mir auf halber Strecke die Wunden wieder aufzureißen. Sie war eine Heilerin, und Heiler mochten es nicht, wenn man ihre Arbeit zunichtemachte.
      Aber selbst wenn es nur reine Vernunft war, lag darin eine Form von Vertrauen, die ich tief zu schätzen wusste. Es war kein blindes Vertrauen – das wäre töricht gewesen –, sondern das respektvolle Einvernehmen zweier Zweckgefährten, die gelernt hatten, die Gegenwart des anderen zu dulden und schätzen zu lernen.
      Ich ließ den Blick noch einmal über den Hasen gleiten und streckte vorsichtig die rechte Hand aus, ohne die Beute zu berühren, um auf ihr Messer zu warten.
      „Wir werden sehen, wer von uns beiden im Dorf die schlechtere Figur macht“, fügte ich leise hinzu, wobei mein Schmunzeln für einen kurzen Augenblick zurückkehrte. „Aber bis dahin habe ich noch ein paar Tage Zeit, um zu lernen, wie man geht, ohne wie ein angestochener Bär zu schwanken. Und der Hase wird sich nicht von selbst häuten.“
      Ich blieb ruhig am Tisch stehen, die Knie fest angespannt, den Rücken so gerade wie möglich aufgerichtet. Die kühle Morgenluft, die durch die geöffnete Tür in die Hütte drang, roch nach feuchtem Laub, Tannennadeln und der aufgehenden Sonne. Zum ersten Mal seit jener verhängnisvollen Nacht im Sumpf fühlte sich die Zukunft nicht mehr wie ein dunkler Schacht an, sondern wie ein Weg, den man Schritt für Schritt beschreiten konnte.
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      Als der Jäger von seinen Beinen sprach, ließ ich meinen Blick unwillkürlich an ihm hinabwandern. Erst jetzt bemerkte ich das feine Zittern, das durch seine Waden ging. Es war nicht stark genug, um mir ernstlich Sorgen zu bereiten, doch es verriet mir, dass sein Körper noch lange nicht wieder so kräftig war, wie er selbst es offenbar gern glauben wollte. Ich hob den Blick wieder und musste dabei deutlich nach oben sehen, um sein Gesicht zu erreichen. Im Sitzen war mir seine Größe nie derart aufgefallen wie jetzt. Nun, da er vor mir stand, wirkte er in der kleinen Hütte beinahe fehl am Platze. Er überragte mich derart, dass allein der Gedanke daran, wie mühelos er meine Kehle mit einer Hand zu fassen und mich ohne große Mühe hochzuheben vermochte, unangenehm war. Ein solcher Gedanke gefiel mir nicht. Ganz und gar nicht. Dennoch wirkte er in diesem Augenblick nicht bedrohlich auf mich. Noch nicht zumindest. Vielleicht lag es daran, dass ich ihn in den vergangenen Tagen oft genug hilflos in meinem Bett gesehen hatte. Vielleicht aber auch daran, dass ich inzwischen wusste, wie er sich mir gegenüber verhielt. Ich konnte mich nicht dazu bringen, ihm deshalb vollends zu vertrauen, doch ich konnte ebenso wenig leugnen, dass meine anfängliche Anspannung nachgelassen hatte.
      Als er mit einer leichten Bewegung auf den Hasen wies, folgte mein Blick seinem Finger und glitt anschließend wieder zu ihm zurück. Er hatte recht mit dem, was er sagte. Für das Häuten eines Hasen benötigte man weder einen gesunden Brustkorb noch die Kraft, die ein Jäger auf der Jagd brauchte. Eine ruhige Hand genügte, und die besaß er offenbar noch. Trotzdem war ich der Meinung, dass er sich noch immer nicht in einem Zustand befand, in dem er mir irgendetwas abnehmen musste. Er konnte sich Zeit lassen. Er hatte lange genug gelegen, dass ein weiterer Tag der Ruhe ihn gewiss nicht umbringen würde. Doch mittlerweile ahnte ich, dass es bei ihm nicht sonderlich gut ankommen würde, wenn ich ihm dies abermals gegen den Kopf warf. Männer waren offenbar eigensinnig, wenn es darum ging, sich ihre Schwäche nicht eingestehen zu müssen.
      Also schwieg ich zunächst. Mein Blick blieb einen Moment an seinem Gesicht hängen, als ich das Schmunzeln bemerkte, das ich noch gerade so erhaschte. Es passte nicht recht zu dem Bild, das ich mir von einem Jäger gemacht hatte. Jäger waren für mich Männer gewesen, vor denen man sich in Acht nehmen musste, Männer mit harten Gesichtern und kalten Augen, die ihre Arbeit taten, ohne viel über das Schicksal dessen nachzudenken, was ihnen vor die Klinge geriet. Ein leises Schmunzeln gehörte nicht unbedingt zu diesem Bild. Ich sah auf seine ausgestreckte Hand hinab. Für einen Moment sagte ich nichts. Meine Augen blieben an ihr hängen. Die Hand war groß. Viel größer als meine eigene, mit kräftigen Fingern und breiter Handfläche. Ich seufzte leise, ehe ich mich schließlich geschlagen gab. Mit Daumen und Zeigefinger fasste ich die Klinge meines Messers vorsichtig an und reichte sie ihm über den Tisch. „Männer“, murmelte ich nur trocken, ehe ich mich von ihm abwandte und auf einem der Stühle niederließ. Er hatte recht. Es sollte für ihn machbar sein, solange er sich nicht überschätzte. Und dennoch wäre es mir lieber gewesen, wenn er vollkommen genesen wäre, ehe er wieder begann, sich nützlich machen zu wollen. Ich hatte ihn schließlich nicht gepflegt, damit er sich nun ausgerechnet wegen eines Hasen wieder eine Wunde aufriss. Trotzdem sollte ich wohl zufrieden sein. Vor wenigen Tagen hatte er kaum selbstständig sitzen können, und nun stand er bereits vor mir und wollte mir die Arbeit abnehmen. Ich ließ meinen Blick noch einmal kurz über ihn gleiten. Meine Kräuterpaste hatte offenbar tatsächlich etwas bewirkt. Zumindest schien es so. Und vielleicht durfte ich mir darauf ein klein wenig etwas einbilden. Ich lehnte mich zurück und verschränkte die Hände locker im Schoß, während ich ihn aufmerksam beobachtete. „Wenn Ihr Euch dabei wieder verletzt, werde ich Euch eigenhändig zurück ins Bett bringen“, sagte ich ruhig. „Und dann dürft Ihr Euch den Rest des Tages anhören, dass ich es Euch gesagt habe.“ Ein kaum merkliches Lächeln zuckte über meine Lippen, ehe ich den Blick auf den Hasen richtete und ihn gewähren ließ.
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      Ein tiefes, raues Lachen entwich meiner Brust, als ihre Worte im Raum verhallten. Es war ein ehrliches Geräusch, das frei von Hohn war und die dichte Stille der Hütte für einen Moment vollends vertrieb.
      „Ich weiß Eure Sorge und Euren Rat durchaus zu schätzen“, antwortete ich ruhig, während ich ihre Warnung mit einem leichten Nicken quittierte. Meine Stimme klang fest, getragen von einer dankbaren Aufrichtigkeit, die keinen Raum für Zweifel ließ. „Und glaubt mir, ich habe nicht die geringste Absicht, mir den Rest des Tages Eure Standpauke anzuhören. Ich werde mich nicht übernehmen.“
      Ich nahm das Messer entgegen. Die Klinge lag vertraut in meiner Hand – kühl, perfekt ausbalanciert und von beachtlicher Schärfe. Für einen Moment schloss ich die Finger um den Griff und spürte, wie sich die gewohnte Sicherheit in meinen Händen einstellte. Das Zittern in meinen Waden ließ allmählich nach, während sich die Muskeln meiner Beine Stück für Stück wieder an das eigene Körpergewicht gewöhnten. Auch wenn sie spürbar an Stärke eingebüßt hatten und der Substanzverlust der letzten Woche nicht von heute auf morgen aufzuholen war, trugen sie mich stabil.
      Ich legte die linke Hand sanft auf den Rumpf des Hasen, fixierte das Tier auf der Holzplatte und setzte die Klinge an.
      Die ersten Schnitte gelangen mit routinierter Präzision. Es war ein Handwerk, das ich seit meiner Frühesten Jugend beherrschte, tausendfach ausgeführt an Lagerfeuern, in tiefen Wäldern und auf den blutigen Pfaden der Zunft. Ich schlitzte die Decke am Hinterlauf vorsichtig auf, lockerte das Gewebe mit kurzen, gezielten Stoßbewegungen des Messerrückens und zog das Fell in einem einzigen, fließenden Zug nach unten ab. Das dunkle Fleisch lag sauber und unbeschädigt frei. Es war eine beruhigende, fast meditative Arbeit, die mir bewies, dass die Feinmotorik meiner Arme und Hände nichts von ihrer Schärfe verloren hatte.
      Als es jedoch an das Filetieren ging, veränderte sich die Haltung meines Oberkörpers. Ich beugte mich ein Stück weiter über den Tisch, um das Fleisch entlang der Rippenknochen auszulösen. In genau diesem Augenblick geschah es.
      Beim Führen der Klinge blieb die scharfe Spitze unvermittelt an einer harten, unebenen Stelle hängen. Das Metall fand nicht den gewohnten, glatten Lauf an den Knochen entlang, sondern verhakte sich abrupt an einer unerwarteten Kante. Der plötzliche Widerstand ließ die Hand ganz leicht abrutschen. Die Klinge fuhr über die Kuppe meines linken Zeigefingers.
      Ein kurzes, trockenes Schaben war zu hören.
      Ich hielt inne und zog die Hand sogleich zurück. Der Schnitt war weder tief noch gefährlich, doch als ich die verletzte Stelle genauer betrachtete, schob ich mit dem Daumen vorsichtig die Haut am Rumpf des Tieres beiseite, um den Grund für das Abrutschen zu suchen.
      Da war keine gewöhnliche Form. Unter den Muskelfasern des Hasen zeichnete sich eine schiefe, knöcherne Verdickung ab – ein alter, schlecht zusammengewachsener Rippenbruch, den das Tier wohl vor langer Zeit überlebt hatte. Von außen war dieser schräge Knochenauswuchs unter dem dichten Balg nicht zu erkennen gewesen, doch er hatte gereicht, um der rasiermesserscharfen Klinge eine unvorhersehbare Bahn zu weisen.
      Ein trockenes Glucksen drängte sich aus meiner Kehle, das rasch in ein leises, belustigtes Kopfschütteln überging. Es war eine beinahe lächerliche Ironie: Da hatte ich Tage im Bett überstanden, war Klauenwunden entronnen und stand nun aufrecht am Tisch, nur um mich an einer verwachsenen Hasenrippe zu schneiden.
      Der Schnitt bildete erst nach einigen Sekunden ein paar dunkle, dicke Blutstropfen, die langsam an der Kuppe herabsickerten. Weder brannte es stark, noch floss das Blut in Mengen, die Anlass zur Sorge gegeben hätten.
      Ohne jede Hektik griff ich nach einem der sauberen Leinentücher, die am Rand des Vorbereitungstisches lagen. Ich presste den Stoff fest um den verletzten Finger, drehte die Wicklung mit dem Daumen stramm und verknotete das Ende behelfsmäßig mit den Zähnen.
      „Die Tücke liegt offenbar im Detail“, murmelte ich amüsiert durch das Tuch hindurch, während das leise Lachen auf meinen Lippen bestehen blieb. „Das Tier hat mir postum noch einen kleinen Hieb versetzt.“
      Ich stützte mich mit der rechten Hand auf die Tischkante und blickte kurz auf den verwickelten Finger hinab. Die kleine Wunde war der Rede nicht wert, ein Schrammen, den man nach wenigen Stunden vergessen haben würde. Viel wichtiger war die Erkenntnis, dass mein Geist wach genug war, um über solche Nichtigkeit zu schmunzeln, und dass der restliche Körper die kurze Erschütterung des Abrutschens mühelos aufgefangen hatte. Die Flanke schmerzte nicht mehr als zuvor, und die Beine standen nach wie vor fest auf den Dielen.
      Ich wandte den Kopf leicht zur Seite, wo das Feuer im Herd ein stetiges Knistern von sich gab. Der Geruch von Holz, dem frischen Fleisch und den getrockneten Kräutern erfüllte den Raum mit einer friedlichen Häuslichkeit, die im krassen Gegensatz zu den Gefahren stand, die draußen im tiefen Forst lauerten.
      Ich führte das Messer mit der unverletzten Hand zurück auf das Holzbrett, legte es sauber neben den ausgebeuteten Hasen und trat einen halben Schritt vom Tisch zurück. Die Arbeit war beinahe getan, das Fleisch versorgt. Der Vormittag wuchs langsam seiner Mitte entgegen, und die Hütte schien die kleine Episode mit der stummen Gelassenheit aufzunehmen, die diesen Ort seit jeher umgab.
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      Ich hatte ihn schweigend gewähren lassen und beobachtete lediglich seine Hände, während er den Hasen mit einer Sicherheit bearbeitete, die mir verriet, dass er diese Arbeit wohl unzählige Male zuvor verrichtet hatte. Ich selbst hätte vermutlich länger gebraucht, doch ich hatte keinen Grund, ihm dabei im Weg zu stehen. Wenn er schon darauf bestand, sich nützlich zu machen, konnte ich ihm diese kleine Aufgabe wohl lassen. So blieb ich auf meinem Stuhl sitzen, die Hände locker im Schoß, und wartete geduldig, während das Messer mit ruhigen, geübten Bewegungen durch das Fell und später durch das Fleisch glitt.
      Erst als er die Arbeit beinahe beendet hatte und einen kleinen Schritt vom Tisch zurücktrat, bemerkte ich das Leinentuch um seinen Finger. Mein Blick blieb daran hängen. Für einen Augenblick sagte ich nichts. Dann sah ich von dem notdürftig verbundenen Finger zu seinem Gesicht und wieder zurück. Ich hatte den Schnitt offenbar erst bemerkt, als er bereits verbunden war. Mein Gesicht blieb ruhig, doch innerlich war ich alles andere als erfreut. Natürlich war es keine schwere Verletzung. Dafür hatte ich genügend Erfahrung, um eine kleine Schnittwunde von etwas Ernstem zu unterscheiden. Dennoch war es genau das, was ich hatte vermeiden wollen. Ich hatte ihm schließlich gesagt, er solle sich nicht übernehmen. Und nun stand er dort mit einem blutigen Finger, nur weil er unbedingt einen Hasen hatte häuten wollen. Sein belustigtes Glucksen darüber konnte ich beim besten Willen nicht teilen. Ich fand es überhaupt nicht witzig. Doch ich sagte nichts. Er hatte sich nicht ernstlich verletzt, und ich war vernünftig genug, daraus keine große Sache zu machen. Wenn ich jedes kleine Missgeschick mit einer Standpauke beantwortete, würde er vermutlich irgendwann tatsächlich anfangen, mir aus dem Weg zu gehen.
      Also erhob ich mich langsam von meinem Stuhl und trat an den Tisch. Ich nahm seine Hand nicht sofort, sondern deutete lediglich mit dem Kinn auf den Finger. „Lasst mich sehen.“ Meine Stimme war ruhig, wenn auch etwas strenger, als sie vielleicht hätte sein müssen. Ich wartete, bis er mir den Finger zeigte, und betrachtete die kleine Schnittwunde genauer. Nicht tief. Die Blutung hatte bereits nachgelassen. Nichts, worüber ich mir ernstlich Sorgen machen musste. Ich atmete leise aus. „Es ist nur ein kleiner Schnitt“, stellte ich fest. „Aber Ihr habt es tatsächlich geschafft, Euch an einem Hasen zu verletzen.“ Ich sah kurz zu ihm auf. Wieder musste ich den Kopf ein gutes Stück in den Nacken legen, um sein Gesicht zu erreichen. Es war noch immer eigenartig, ihn nun aufrecht vor mir zu sehen.
      „Wenn Ihr unbedingt etwas tun wollt, dann könnt Ihr mir später zeigen, wie Ihr Eure Ausrüstung pflegt.“ Ich deutete auf seine Sachen, die noch immer neben dem Bett lagen. „Das dürfte Eure Rippen weniger beanspruchen und ich kann vielleicht etwas dabei lernen. Und wenn Ihr dabei einen Finger verliert, werde ich Euch allerdings nicht erlauben, noch einmal selbst zu entscheiden, was Ihr für eine gute Idee haltet.“
      Ein kaum merkliches Lächeln huschte über mein Gesicht. Dann wandte ich mich dem Hasen zu und nahm ihn vom Tisch. „Für heute habt Ihr genug getan.“ Ich warf ihm einen kurzen Blick zu. „Ihr habt schließlich bereits einen Hasen besiegt. Wenn auch nicht ganz ohne Gegenwehr.“ Diesmal lag ein wenig Wärme in meiner Stimme, auch wenn ich noch immer nicht verstand, weshalb Männer ihre eigenen Grenzen erst kennenlernen mussten, indem sie dagegenstießen.
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      Ich schmunzelte leise, doch ich fügte mich ihren klaren Worten ohne jeden Widerstand. Der kleine Schnitt brannte kaum noch, doch die mütterliche Schärfe in ihrer Stimme besaß eine unumstößliche Autorität, der man sich nur schwer entziehen konnte – selbst als hochgewachsener Jäger nicht.
      Ich wandte mich vom Tisch ab und trat langsam, mit gleichmäßigen Schritten hinüber zu dem Bett, das mir in der vergangenen Woche zur Zuflucht geworden war. Die Holzdielen knarrten vertraut unter den Sohlen meiner Stiefel. Jeder Schritt fühlte sich ein wenig leichter an als der vorherige, auch wenn meine Muskeln die ungewohnte Belastung deutlich meldeten.
      Am Bett angekommen, griff ich nach dem flachen Kissen, schob es etwas umher und richtete es so an der rauen Holzwand aus, dass es mir als stützende Polsterung diente. Dann ließ ich mich langsam auf die Kante sinken, schwang die Beine vorsichtig herum und lehnte mich mit dem Rücken an die Wand. Die Position war denkbar entspannt. Mein Brustkorb wurde entlastet, der Druck von der gebrochenen Rippe genommen, und meine Flanke ruhte friedlich unter den festen Bandagen. Von diesem Platz aus hatte ich den gesamten Raum perfekt im Blick. Ich konnte sie beobachten, wie sie das Fleisch versorgte, und sie konnte ebenso deutlich sehen, dass ich mich nun tatsächlich ausruhte und keine weiteren törichten Versuche unternahm, meine Kräfte zu überfordern.
      Doch ihr Angebot, ihr später die Pflege meiner Ausrüstung zu zeigen, hallte noch immer in meinen Gedanken nach.
      Einen kurzen Augenblick lang war ich vollkommen verdutzt gewesen. Meine Ausrüstung – das waren nicht bloß Lederriemen und Schnallen. Es waren die Werkzeuge meines Handwerks. Ein Jäger hütete seine Waffen, seine Öle und seine Beschläge wie sein eigenes Leben. Dass sie von sich aus vorschlug, sich mit diesen Dingen zu beschäftigen, berührte mich mehr, als ich es mir anmerken lassen wollte.
      Es zeigte mir einmal mehr, wie sehr sich die Wahrnehmung zwischen uns gewandelt hatte. Sie schien mich weit weniger als eine latente Bedrohung zu sehen als noch zu Beginn. Immerhin hatte sie mir vor wenigen Minuten ein rasiermesserscharfes Häutemesser in die Hand gedrückt – eine Klinge, mit der ein geübter Mann einer Heilerin im Schlaf den Gar ausmachen könnte. Sie hatte es mir ohne Zögern gereicht, mir vertraut, dass ich damit nur den Hasen bearbeiten würde. Und nun wollte sie lernen, wie man die Dinge pflegte, die ein Mann der Zunft mit sich trug. Diese Einsicht milderte die verbliebene Härte in der Hütte spürbar ab.
      Mein Blick wandte sich von ihr ab und glitt durch das kleine Fenster nach draußen.
      Dort stand mein Wallach noch immer am Zaun. Die Morgensonne ließ sein Fell warm glänzen, und hin und wieder schüttelte er die Mähne, um ein paar Fliegen zu vertreiben. Er wirkte zufrieden, fast schon heimisch auf diesem kleinen Flecken Erde mitten im tiefen Forst. Ich beobachtete ihn eine Weile schweigend, ehe ich das Wort wieder an sie richtete.
      „Wenn es Euch recht ist“, sagte ich ruhig, während meine Augen auf dem Tier ruhten, „würde ich morgen gerne für eine Weile hinaus in Euren Garten kommen. Ich werde mich einfach nur ins Gras setzen. Ich habe nicht vor, Beete umzugraben oder Kräuter auszuraufen. Ich möchte lediglich etwas frische Luft, den Wind in den Bäumen und die Sonne auf der Haut spüren.“
      Es war eine Bitte, kein Verlangen. Nach all den Tagen in der Dämmerung dieser Vier Wände sehnte sich jede Faser meines Körpers nach dem freien Himmel. Die Hütte war ein sicherer Ort gewesen, ein Ort der Heilung und des Überlebens, doch für jemanden, der sein ganzes Leben unter freiem Dach verbracht hatte, zog sich die Enge des Raumes irgendwann wie ein Netz um die Brust.
      Ich wanderte mit dem Blick hinab zu meinen Sachen, die dicht neben dem Bett auf dem Boden lagen.
      Die schweren Ledertaschen, das Gehäng und die eisernen Schnallen zeigten bereits die deutlichen Spuren der Feuchtigkeit der letzten Woche. Nach sieben Tagen im klammen Wald ohne die gewohnte Pflege hatte sich auf den Metallteilen ein feiner, rötlicher Schleier gelegt. Die Ausrüstung setzte bereits Rost an. Es war nicht verwunderlich – das feuchte Wetter vor meiner Ankunft und die fehlende Eile der letzten Tage hatten dem Eisen zugesetzt. Wenn man Beschläge und Klingen nicht regelmäßig mit Fett und Stein behandelte, fraß sich die Verwitterung unbarmherzig durch das Material.
      „Mein Zeug braucht dringend Aufmerksamkeit“, fügte ich leise hinzu und wies mit einer leichten Handbewegung auf das Lederpaket. „Es wäre schade um das gute Eisen. Und wenn Ihr zusehen wollt, könnt Ihr gerne lernen, wie man Leder geschmeidig hält und Rost vertreibt, bevor er den Stahl zersetzt.“
      Ich lehnte den Kopf weiter an die Wand zurück und schloss für einen kurzen Moment die Augen. Das leise Knistern des Feuers, das Schaben des Messers auf dem Holzbrett und das friedliche Schnauben meines Pferdes draußen fügten sich zu einer Melodie der Ruhe zusammen.
      Ich war noch nicht gesund, meine Knochen waren noch lange nicht zusammengewachsen, und der Weg zurück auf den Rücken meines Wallachs würde noch manchen Schmerz fordern. Doch hier, angelehnt an das raue Holz dieser Hütte, fühlte sich die Genesung nicht mehr wie ein harter Kampf an. Es war ein Warten im Frieden. Und für den Augenblick gab es keinen besseren Ort auf dieser Welt.
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      Ich ließ den Blick noch einen Moment auf ihm ruhen, ehe ich seine Bitte überdachte. Im Grunde sprach nichts dagegen, ihn morgen für eine Weile in den Garten zu lassen. Er hatte nun lange genug in der Hütte gelegen, und ein wenig frische Luft würde ihm vermutlich eher guttun, als weiterhin zwischen vier Holzwänden zu verweilen. Solange er tatsächlich nur im Gras sitzen und sich nicht abermals einbilden würde, er müsse irgendeine Arbeit verrichten, konnte dabei wohl kaum etwas geschehen. „Wenn Ihr morgen nur im Garten sitzen wollt, könnt Ihr hinaus“, sagte ich schließlich. „Frische Luft wird Euch gewiss nicht schaden.“ Ich sah ihn noch einmal prüfend an. „Aber übernehmt Euch nicht.“ Mehr musste dazu wohl nicht gesagt werden. Mein Blick wanderte daraufhin zu seinen Sachen, die noch immer neben dem Bett lagen. Die Ledertaschen und das Gehäng hatten unter der Feuchtigkeit der vergangenen Tage sichtbar gelitten, und an einigen der eisernen Beschläge zeichnete sich bereits der erste Rost ab. Als er mir erklärte, wie man sich darum kümmerte, nickte ich langsam. „Dann zeigt es mir, wenn Ihr Euch dazu in der Lage fühlt.“ Ich hatte zwar kaum etwas mit derlei Ausrüstung zu schaffen, doch wenn er mir zeigen wollte, wie man Leder pflegte und das Eisen vor dem Rost bewahrte, konnte ich ebenso gut zusehen. Vielleicht war manches davon sogar nützlich, auch wenn mir im Augenblick noch nicht recht einfallen wollte, wofür. Andererseits hatte ich ohnehin nichts Dringendes zu tun. Die Fallen waren kontrolliert, der Garten versorgt und für den heutigen Tag genügend Vorräte vorhanden. So konnte ich die Zeit ebenso gut damit verbringen, etwas Neues zu lernen. Es war noch immer ungewohnt, ihn aufrecht sitzen zu sehen. Dennoch musste ich zugeben, dass sein Zustand sich schneller gebessert hatte, als ich zunächst erwartet hatte. Meine Kräuterpaste schien ihre Wirkung getan zu haben. Vielleicht hatte ich doch nicht alles vergessen, was der alte Mann mir einst beigebracht hatte.
      Ich machte mich auf den Stuhl gemütlich, nah genug um seine Bewegubgen in Detail beobachten zu können.
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      Ein leises, tiefes Glucksen entwich meiner Brust, als ich ihren prüfenden Blick auf mir ruhen spürte. Es war jenes unverkennbare Funkeln einer Heilerin, die ihre Arbeit nicht durch leichtsinniges Verhalten gefährdet sehen wollte.
      „Ich werde mich um Eure Erlaubnis bemühen“, antwortete ich ruhig, während die Erleichterung über die Aussicht auf frische Luft wie eine angenehme Wärme durch meinen Körper sickerte. Ein kleines, schiefes Lächeln stahl sich auf meine Lippen. „Ich verspreche Euch, mich weitestgehend an Eure Anweisungen zu halten – auch wenn ich nicht garantieren kann, dass ich mich fügsam wie ein gehorsamer Knappe betragen werde. Aber was den morgigen Tag angeht: Ich werde im Gras sitzen und dem Wind lauschen, mehr nicht.“
      Meine Augen glitten hinab zu dem Bündel meiner Ausrüstung, das stumm neben der Pritsche lag. Das bräunliche Leder hatte durch die Feuchtigkeit im Sumpf dunkle, klamme Flecken bekommen, und der feine rote Schleier auf den eisernen Schnallen und Zieten sprach eine deutliche Sprache.
      „Was die Lederpflege und das Eisen betrifft, zeige ich Euch die Handgriffe sehr gerne“, fuhr ich fort und sah sie wieder an. „Es ist kein großes Geheimnis, sondern lediglich die stete Pflicht eines jeden, der auf den Pfaden überleben will. Aber... wenn es Euch recht ist, würde ich mir dafür erst noch eine kleine Pause gönnen. Die paar Schritte durch die Hütte und das Duell mit dem Hasen verlangen von meinem Brustkorb doch mehr Tribut, als mein Sturkopf zugeben möchte.“
      Ich schloss für einige Augenblicke die Lider und lehnte den Kopf schwer gegen die rauen Holzbalken der Wand. Die Anstrengung war subtil, aber spürbar. Mein Atem ging flach, um die gebrochene Rippe nicht zu sehr zu beanspruchen, und in der rechten Flanke spürte ich das vertraute, warme Pochen, das mir verrat, dass das Fleisch unter den verkrusteten Wunden noch immer arbeitete.
      Die Hütte hüllte sich in eine tiefe, fast friedliche Stille.
      Man hörte nur das unregelmäßige Knistern des Feuers im Herd, das leise Schaben, wenn sie sich auf ihrem Stuhl zurechtsetzte, und das ferne Rauschen des Windes, der durch die wuchtigen Kronen der alten Fichten strich. Es war ein Schweigen, das nicht mehr von der bedrückenden Schwere des Misstrau erfüllt war. Es hatte sich gewandelt. Es war das ruhige Nebeneinander zweier Menschen geworden, die den Atem des anderen akzeptiert hatten.
      Ich betrachtete sie durch die leicht geöffneten Augenlider. Sie saß da, nah genug, um jede meiner Regungen zu beobachten, die Hände nun ruhiger, der Blick aufmerksam und distanziert zugleich. Sie war eine Frau, die wie eine feste Wurzel in diesem Wald verankert schien. Sie gehörte hierher, zu den Kräutern, dem Rauch, den einfachen Werkzeugen und der kühlen Klarheit des Morgens.
      Eine Frage, die mir bereits in den vergangenen Tagen immer wieder durch den Kopf gegangen war, reifte in diesem langen Schweigen vollends heran.
      Ich hatte die Narben an den Holzwänden gesehen. Die sorgsam geordneten Tiegel und Gefäße, die nicht erst seit gestern hier standen. Das fundierte Wissen um die Heilkunst, das weit über das hinausging, was eine gewöhnliche Dorfbewohnerin je lernen würde. Sie hatte den alten Mann erwähnt. Beiläufig, fast beiläufig-vorsichtig, wie man einen Stein berührt, der unter der Oberfläche noch immer scharfkantig ist.
      Ich schluckte trocken, sammelte meine Gedanken und brach das Schweigen mit einer Stimme, die leise, aber von großem Ernst getragen war.
      „Wie war er?“ fragte ich ruhigen Tones und ließ meinen Blick langsam durch den schummrigen Raum gleiten, ehe er wieder auf ihr ruhte. „Der alte Mann, von dem Ihr gesprochen habt. Wie war Euer Leben hier, ehe ich blutend vor Eurer Tür gelandet bin?“
      Es war keine bohrende Neugier. Kein Ausfragen eines Jägers, der Informationen sammelte. Es war das schlichte Bedürfnis eines Mannes, der ihr sein Leben verdankte und der verstehen wollte, wer die Frau war, die ihn aus dem Schatten des Todes zurückgeholt hatte.
      „Er muss Euch viel gelehrt haben“, fügte ich leise hinzu und spürte, wie sich ein Hauch von Wehmut in den Raum stahl. „Die Salbe auf meiner Flanke, die Art, wie Ihr Wunden reinigt und bindet... das ist kein Halbwissen. Er hat Euch nicht nur gezeigt, wie man überlebt, sondern wie man mit der Natur arbeitet. Ich habe in vielen Ländern Männer und Frauen getroffen, die sich Heiler nannten, doch nur wenige besaßen jene selbstverständliche Sicherheit, die Ihr an den Tag legt.“
      Ich hielt inne und gab ihr Zeit, meine Worte aufzunehmen. Ich wollte sie nicht drängen. Wenn sie schweigen wollte, würde ich ihr Schweigen achten, wie ich es die ganzen Tage über getan hatte. Doch die Hütte schien für einen kurzen Moment den Atem anzuhalten, als würde selbst das Holz der Wände auf die Erinnerungen lauschen, die mit dem alten Mann verbunden waren.
      Draußen schnaubte mein Wallach erneut, ein tiefes, zufriedenes Geräusch, das den Übergang vom Vormittag zum Mittag ankündigte. Der Schatten des Fensters hatte sich ein Stück weiter über die Holzdielen geschoben und erreichte nun fast die Kante meiner Strohmatratze.
      Ich wartete gelassen, den Rücken fest an das kühle Holz gepresst, die Arme locker auf den Oberschenkeln abgelegt. Die Fragen schwebten zwischen uns im Rauch des Kaminfeuers, offen, ehrlich und ohne jede Hintergedanken. Die Hütte war ruhig, und für den Augenblick gab es nichts weiter zu tun, als der Zeit ihren Lauf zu lassen.