the wolf and the lamb [rambow x yumia]

    • the wolf and the lamb [rambow x yumia]

      the wolf and the lamb

      "He should have devoured her, but instead he guarded her like the only piece of peace he’d ever known."



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      Genre: Romanze, SoL, Drama
      Rollen:
      X - @Yumia
      Y - @Rambow
      Vorstellung
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      X ist das schüchternes, liebevolles und zurückhaltendes Mädchen. Sie hat bis heute noch keinen Anschluss in der Schule gefunden und verbringt ihre Pause alleine. Aufgrund ihrer Schüchternheit traut sie sich nicht andere anzusprechen und da alle ihre Freunde und Gruppen gefunden haben, sieht sie keine Hoffnung sich integrieren zu können. So verbringt sie die meiste Zeit mit dem Zeichnen oder lesen. In der Schule schreibt sie sehr gute Noten und hat ansonsten ein unbeschwertes Schulleben.
      Y dagegen ist ihr Gegenteil. Viele Freunde, offen und doch der troublemaker der Schule. Ein gewisser Ruf verfolgt ihm, meist geprägt von Streitigkeiten, Schlägerei oder Gerüchte über Treffen in der Nacht. Y hatte versucht seinen Ruf zu retten, doch egal was er machte, man missverstand ihn und die Geschehnisse werden oft übertriebener erzählt. Plötzlich sprach man davon, dass Y eine Schlägerei angefangen hat, weil er angeblich das Essensgeld eines Mitschülers haben wollte, doch eigentlich wollte er ihn nur von seinen Mobbern retten. Mittlerweile hat Y aufgegeben etwas klar zu stellen. So folgen ihm die Gerüchte. Während er bei den einen beliebt ist, ist bei anderen gefürchtet. Jedoch ist er der Star seiner Mannschaft in der Schule. Dass er Zuhause Probleme hat, versucht er zu vertuschen. Seine Verletzungen, die plötzlich auftauchen, lassen natürlich die Gerüchteküche brodeln.
      Doch was verbindet X und Y, abgesehen von der Schule, auf die sie zusammen gehen? Weder haben sie die gleichen Freunde, noch sehen sie sich häufig. Sie kommen, unwissend, in Kontakt miteinander, durch eine App. Aus Zufall und Langeweile schrieb der eine den andere an und da man sich gut verstand, hielt der Kontakt an. Man kam sich näher, erzählte dem einen etwas, dem sie jemand anderen noch nie erzählt haben und verbringen gerne die Zeit miteinander zu schreiben. Aus Spaß, haben sie sich sogar Spitznamen gegeben.
      Doch es sollte nicht nur bei einer Verneinung durch die App stattfinden. Ihre Wege kreuzen sich immer häufiger und wie es das Schicksal will, haben sie bald auch miteinander etwas zu tun. X fällt in Sport durch und die einzige Möglichkeit ihre Note zu retten, ist der Schulmannschaft beizutreten. Nicht als eine Mitspielerin, sondern als eine Aushilfe für die Mannschaft. Und da Y auch in der Schule schlechte Noten schreibt, kommt es auch dazu, dass X ihm Nachhilfe gibt.
      Werden beide jemals erfahren, dass sie sich eigentlich schon kannten? Wenn ja, wie wird ihre Beziehung entwickeln? Wird X hinter dem Schleier, welches Y alles aufsetzt, hinterblicken und ihn so akzeptieren, wie er nun ist und nicht wie die anderen Menschen ihn durch Gerüchte und Erzählungen formen?



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      Selene
      Im warmen Dämmerlicht eines frühen Morgens wurde ich von dem leisen, aber unerbittlichen Ton meines Weckers geweckt. Meine Augen fühlten sich noch schwer an, als hätte der Schlaf in dieser Nacht kaum seinen Platz gefunden. Verschlafen richtete ich mich auf und gähnte, während meine blonden Haare mir lose über die Schultern fielen. Blinzelnd sah ich in das weiche Licht, das durch die halb geschlossenen Vorhänge in mein Zimmer fiel. Noch während ich mich reckte, kehrten meine Gedanken zu dem Gespräch der letzten Nacht zurück. Zu Kitsune. Eine digitale Bekanntschaft, die durch eine Social Media App entstanden war und sich trotzdem manchmal echter anfühlte als fast alles, was mir im echten Leben begegnete. Wir hatten lange geschrieben, vielleicht sogar viel zu lange. Kitsune hatte Humor, verstand mich, stellte Fragen und hörte mir zu. Das alles war für mich ungewohnt. Es war ein wohltuender Kontrast zu der Stille, die bei mir zu Hause oft lauter war als jedes gesprochene Wort. Auch in der Schule war die App inzwischen zu einem kleinen Zufluchtsort für mich geworden. Wenn ich einmal keinen Stift oder kein Buch zur Hand hatte, griff ich oft nach meinem Handy. Die Verbindung zu dieser fremden und gleichzeitig erstaunlich vertrauten Person war wohl das Nächste, was ich überhaupt als Freundschaft bezeichnen konnte.
      Verschlafen griff ich nach meinem Handy und ließ meinen Daumen über den Bildschirm gleiten. Einen Moment lang überlegte ich, ob ich Kitsune eine Guten Morgen Nachricht schreiben sollte. Nur ein einfaches „Hey, bist du schon wach?“. Ich starrte einige Sekunden auf den bereits geöffneten Chat, bevor ich die Nachricht wieder löschte. Vielleicht würde ich zu eifrig wirken. Vielleicht zu anhänglich. Vielleicht hatte er noch gar nicht vor, mir zu schreiben, und ich würde mich damit nur selbst in eine unangenehme Situation bringen. Also legte ich das Handy wieder zur Seite. Noch nicht. Ich erhob mich aus dem Bett und zog mich langsam an. Meine Wahl fiel auf ein gemütliches, weiches Kleid in einem sanften Farbton. Der Stoff fühlte sich angenehm auf meiner Haut an und gab mir zumindest für einen kurzen Moment das Gefühl von Geborgenheit. Danach verließ ich mein Zimmer und ging barfuß mit leisen Schritten die Treppe hinunter.
      In der Küche herrschte dieselbe morgendliche Stille wie immer. Ich nahm mir etwas zu essen und setzte mich an den Tisch. Langsam kaute ich, während meine Gedanken trotzdem immer wieder zu Kitsune zurückkehrten. Ich fragte mich, ob er schon wach war, ob er genauso müde war wie ich oder vielleicht sogar schon auf sein Handy geschaut hatte. Ob er überhaupt an mich dachte. Bei dem letzten Gedanken verzog ich leicht das Gesicht und schob ihn sofort beiseite. Ich machte mir schon wieder viel zu viele Gedanken. Ein paar Minuten später hörte ich Schritte auf der Treppe. Mein Vater kam herein. Ich sah kurz zu ihm hinüber. Er war groß und kantig, sein Haar noch zerzaust und sein Gesicht vollkommen ausdruckslos. Ohne mich eines Blickes zu würdigen, ging er direkt zur Kaffeemaschine, stellte sie an und wartete schweigend. Ich sagte nichts. Vielleicht hätte ich Guten Morgen sagen können, doch ich wusste bereits, dass keine Antwort kommen würde. Also blieb ich still. Er nahm seinen Kaffee, trank den ersten Schluck und verließ die Küche wieder. Das war alles. Kein Guten Morgen. Kein Nicken. Nicht einmal ein kurzer Blick. Kein Zeichen dafür, dass ich überhaupt dort saß.
      Ich sah ihm hinterher, bis er verschwunden war. Es war nicht neu. Nicht überraschend. Und trotzdem traf es mich jedes Mal ein wenig. Ich kannte es nicht anders, aber das bedeutete nicht, dass es dadurch leichter wurde. Manchmal fragte ich mich, wie es wohl wäre, einen Vater zu haben, der mich tatsächlich sehen wollte. Nicht nur zu wissen, dass ich existierte, sondern mich wirklich wahrzunehmen. Jemand, der mich fragte, wie mein Tag gewesen war. Jemand, der sich über meine guten Noten freute. Jemand, der sich vielleicht sogar dafür interessierte, welches Buch ich gerade las oder warum ich schon wieder mit einem Stift in der Hand über meinen Zeichnungen saß. Ich brauchte keinen perfekten Vater. Keinen Helden. Keinen Märchenvater. Ich wollte nur jemanden, der normal mit mir umging. Jemanden, der mich ansah, wenn er mit mir sprach. Jemanden, der überhaupt mit mir sprach.
      Ich atmete tief durch, nahm meinen Teller und räumte ihn leise weg. Ich wollte nicht länger in der Küche bleiben. Die Stille fühlte sich inzwischen beinahe körperlich an. Also ging ich wieder nach oben in mein Zimmer. Dort angekommen, griff ich erneut nach meinem Handy. Diesmal zögerte ich nicht lange. Ich öffnete den Chat mit Kitsune und tippte: „Na, auch so KO und unmotiviert wie ich?“ Ich betrachtete die Nachricht noch einen Moment, bevor ich auf Senden drückte. Kaum war sie verschickt, spürte ich dieses kleine, kaum merkliche Kribbeln in meinem Bauch. Ich konnte mir selbst nicht erklären, warum ich mich bei Kitsune so anders verhielt. Bei ihm konnte ich mich fallen lassen. Zumindest ein kleines bisschen. Ich konnte so sein, wie ich wirklich war. Ohne ständig darüber nachzudenken, ob meine Worte dumm klangen. Ohne mir Gedanken darüber zu machen, ob ich zu viel redete oder jemanden störte. Ohne diese ständige Angst, etwas Falsches zu sagen. Es war beinahe so, als hätte ich bei ihm die Schüchternheit abgelegt, die mich sonst wie eine zweite Haut begleitete.
      Online konnte ich mich öffnen. Online konnte ich scherzen. Online konnte ich sogar Dinge sagen, die ich im echten Leben niemals über die Lippen bringen würde. Vielleicht lag es daran, dass Kitsune mich nicht direkt ansehen konnte. Vielleicht lag es aber auch einfach daran, dass er mir bisher keinen Grund gegeben hatte, mich vor ihm zu verstecken. Ich wusste es selbst nicht. Ich schnappte mir meine Tasche und schob mein Handy in die Seitentasche. Danach setzte ich meine Kopfhörer auf. Kaum erklang die Musik, fühlte es sich an, als würde sich ein kleiner Kokon um mich schließen. Die Welt wurde leiser. Die Stimmen meiner Gedanken verloren etwas von ihrer Lautstärke und für einen Moment musste ich mich nicht mit allem auseinandersetzen.
      Dann verließ ich das Haus. Die kühle Morgenluft schlug mir entgegen und ließ mich etwas wacher werden. Ich zog meine Jacke enger um mich und machte mich auf den Weg zur Schule. Während ich den bekannten Schulweg entlangging, wanderte meine Hand immer wieder beinahe automatisch zu meiner Tasche. Ich wartete auf Kitsunes Nachricht. Obwohl ich mir vorgenommen hatte, nicht ständig nachzusehen. Er konnte schließlich noch schlafen. Oder frühstücken. Oder duschen. Vielleicht war er bereits unterwegs. Vielleicht hatte er sein Handy überhaupt nicht bei sich. Trotzdem ertappte ich mich immer wieder dabei, wie ich auf eine Antwort hoffte. Kitsune war mein einziger Freund. Vielleicht war genau das der Grund, weshalb seine Nachrichten inzwischen eine Bedeutung für mich bekommen hatten, die ich mir selbst nur ungern eingestand. Ich freute mich, wenn er schrieb. Viel zu sehr vielleicht.
      Ich biss mir leicht auf die Unterlippe und schüttelte über mich selbst den Kopf. Es war albern. Wir kannten uns nicht einmal persönlich. Und trotzdem fühlte sich unsere Verbindung manchmal vertrauter an als vieles andere in meinem Leben. Während ich weiterlief und die ersten Umrisse des Schulgebäudes vor mir auftauchten, ertappte ich mich bei einem Gedanken, den ich mir selbst eigentlich nicht eingestehen wollte. Ich freute mich bereits jetzt auf seine nächste Nachricht, obwohl der Tag gerade erst begonnen hatte.
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      ૮ ˶ᵔ ᵕ ᵔ˶ ა
    • Der muffige, vertraute Geruch von altem Rauch und abgestandenem Alkohol lag wie ein schwerer Schleier in der Luft meines Zimmers, als der stumme Vibrationsalarm meines Handys unter meinem Kissen summte. Kein schriller Ton, kein melodisches Signal – nur dieses unerbittliche, dumpfe Brummen, das mich brutal aus dem Schlaf riss. Ich schlug die Augen auf und starrte sekundenlang an die dunkle Decke, während mein Körper augenblicklich in Alarmbereitschaft versetzte. Das war der automatische Reflex, den man sich aneignete, wenn man nie genau wusste, welche Stimmung einen unter der eigenen Decke erwartete.
      Ich drehte mich langsam auf den Rücken und verzieh keine Miene, als ein stechender Schmerz durch meine linke Flanke fuhr. Die Rippen waren geprellt, das spürte ich sofort. Gestern Abend war wieder einer dieser Tage gewesen, an denen meine Mutter zu tief ins Glas geschaut hatte. Wenn der Wein das Wort übernahm, wandelte sich ihre Frustration über den Mann, der uns vor Jahren einfach im Stich gelassen hatte, in blinden Hass. Und das Ziel für diesen Hass war fast immer ich. Ich war schlichtweg zu groß, sah ihrem Ex-Mann zu ähnlich und war schlichtweg da.

      Vorsichtig setzte ich mich auf die Bettkante. Mein Blick fiel auf die abgenutzte Lederjacke, die über dem Stuhl hing, und dann auf mein Spiegelbild im matten Glas des Schrankes. Ein frischer, dunkler Schürfbrand zog sich an meiner rechten Schläfe entlang, und am Schlüsselbein zeichnete sich bereits ein hässlicher, bläulicher Fleck ab. Ich fuhr mir mit der Hand durch mein leicht verwuscheltes, dunkles Haar und seufzte leise. Ich brauchte gar nicht lange darüber nachzudenken, was die Leute in der Schule heute wieder sagen würden. Der Ruf eilte mir ohnehin weit voraus.

      Für die anderen auf den Fluren war ich der unberechenbare Rowdy. Der Hitzkopf, der sich ständig auf den Straßen prügelte. Der gefährliche Bad Boy, der sich mit den falschen Leuten anlegte und um den man besser einen Bogen machte, wenn man keinen Ärger wollte. Selbst die Gerüchte, dass ich Mitschülern ihr Geld abknöpfen würde, hielten sich hartnäckig – dabei hatte ich die letzte Tracht Prügel nur kassiert, weil ich dazwischengegangen war, als drei Typen einen Jüngeren in der Gasse hinter dem Supermarkt eingekesselt hatten. Aber Erklärungen glaubte sowieso niemand mehr. Wenn man erst einmal diesen Stempel trug, verdrehten die Menschen jede deiner Taten so lange, bis sie in ihr vorgefertigtes Bild passten. Irgendwann hatte ich aufgehört, dagegen anzukämpfen. Es war kräfteschonender, die Maske des unnahbaren Troublemakers einfach zu tragen, als täglich versuchen zu müssen, sie abzureißen.

      Ich schlich auf aufgerauten Dielen aus meinem Zimmer und steuerte das Badezimmer an. Schläuche und Klinken bewegte ich mit äußerster Vorsicht. Meine Mutter schlief ihren Rausch drüben im Schlafzimmer aus. Wenn sie nach außen hin die perfekte, feine Dame mimen wollte, durfte sie morgens nicht geweckt werden, sonst entlud sich die nächste Welle der Aggression schon vor dem Frühstück. Ich schloss die Badezimmertür leise hinter mir ab und drehte die Dusche auf.

      Das warme Wasser, das über meinen Kopf und meinen Rücken prasselte, war die einzige Erholung, die mir am Morgen vergönnt war. Ich lehnte die Stirn gegen die kühlen Fliesen und ließ die Strahlen über die schmerzenden Stellen laufen. Unter der Brause wusch ich nicht nur den Schweiß der Nacht ab, sondern versuchte auch, das Gefühl der Schande wegzuspülen, das mich jedes Mal beschlich, wenn ich in den Spiegel sah.

      Ich war kein Schläger. Ich war kein krimineller Streetfighter. Ich war schlichtweg ein ganz durchschnittlicher Typ von 1,94 Meter, der sich nichts sehnlicher wünschte als ein einfaches, unkompliziertes Leben. Ein Leben, in dem man nach der Schule nach Hause kam, ohne die Angst im Nacken zu spüren, was hinter der Haustür wartete. Ein Leben ohne den Druck, auf dem Fußballplatz jedes Mal den harten, unbesiegbaren Kapitän mimen zu müssen, nur um den Frust und die Wut irgendwie aus dem Körper zu rennen.

      Als ich aus der Dusche stieg, trocknete ich mich vorsichtig ab. Ich zog ein dunkles Sweatshirt über, dessen Ärmel lang genug waren, um die Flecken an meinen Unterarmen zu verdecken, und streifte das abgenutzte schwarze Lederarmband über mein Handgelenk. Es war mein kleiner Schutzschild gegen die neugierigen Blicke der Welt.

      Erst als ich wieder in meinem Zimmer stand und meine Schultasche packte, schnappte ich mir mein Handy vom Nachttisch. In dem Moment, in dem der Bildschirm aufleuchtete, schlug mein Herz spürbar schneller. Ein ganz kurzes, unwillkürliches Lächeln stahl sich auf meine Lippen – ein Lächeln, das auf meinem Gesicht im Alltag sonst fast nie zu sehen war.
      Eine Benachrichtigung. Nachrichtenanzeige: Moon.

      Bei dem Namen durchströmte mich augenblicklich eine Welle der Erleichterung, die den Druck auf meiner Brust ein Stück weit löste. Moony. Ich liebte es einfach, sie so zu nennen. Der Spitzname hatte sich schleichend in unsere Gespräche eingeschlichen, genau wie sie selbst schleichend zu einem der wichtigsten Teile meines Lebens geworden war.

      Ich öffnete die App und las die Zeilen, die sie mir geschickt hatte:

      „Na, auch so KO und unmotiviert wie ich?“

      Ein leises Schmunzeln entwich mir. Es war unglaublich, wie viel Wirkung diese wenigen Worte entfalten konnten. Sie hatte keine Ahnung. Sie wusste absolut nichts von dem Image, das mir an der Schule anhaftete. Sie ahnte nichts von den Gerüchten, von den Blicken auf den Fluren, von den Schlägereien, die man mir andichtete, oder von den Blutergüssen unter meinem Pullover. Für sie war ich nicht der gefährliche Schultyrann oder der isolierte Bad Boy, vor dem man sich in Acht nehmen musste. Für sie war ich einfach nur Kitsune. Ein Typ aus dem Internet, der nachts nicht schlafen konnte, der ihren Humor teilte und der ihr einfach zuhörte.
      Zwischen uns existierte eine völlig unerklärliche, tiefgründige Bindung. Wir hatten uns vor Monaten über eine Zufallsfunktion der App kennengelernt, eigentlich nur aus purer Langeweile heraus. Doch aus ein paar kurzen Nachrichten war schnell eine nächtliche Routine geworden. Bei Moony musste ich keine Rolle spielen. Ich musste nicht den Starken markieren, musste keine harten Sprüche klopfen und niemanden auf Abstand halten. Ich konnte ehrlich sein. Ich konnte zugeben, wenn ich müde war, konnte mit ihr über belanglosen Kram lachen oder stundenlang über Dinge schreiben, über die ich im echten Leben niemals ein Wort verliert hätte. Sie gab mir das Gefühl, dass meine Meinung zählte und dass da jemand war, der mich nicht nach meinem Äußeren oder nach Hörensagen beurteilte.

      Ich setzte mich auf die Stuhlkante, strich mit dem Daumen über das Display und tippte meine Antwort ein:

      „Guten Morgen, Moony. Du glaubst gar nicht, wie sehr. Mein Bett hat mich vorhin fast nicht gehen lassen und der Kaffee hat seinen Job bisher auch komplett verfehlt... Bist du schon unterwegs zur Schule?“

      Ich drückte auf Senden und schaute kurz auf die kleine Bestätigung. Allein das Wissen, dass am anderen Ende der Stadt eine Person existierte, die meine Nachrichten mit einem Lächeln las, gab mir die Kraft, den bevorstehenden Tag überhaupt anzupacken.

      Ich steckte das Handy in die Hosentasche, schnappte mir meine Tasche und schlich auf leisen Sohlen die Treppe hinunter. Die Wohnungstür schloss ich so geräuschlos wie möglich hinter mir. Als ich die frische, kühle Morgenluft einatmete, spürte ich, wie der Kopf langsam klarer wurde.

      Ich machte mich auf den Weg. Die Schritte fühlten sich schwer an, der Schmerz an meiner Seite erinnerte mich bei jedem Schritt an die Realität zu Hause, und das Wissen um die Blicke der Mitschüler lag wie ein Stein im Magen. Doch tief in mir drin gab es diesen einen Lichtblick. Während ich auf das Schulgebäude zuging und die Kapuze meines Pullovers etwas tiefer ins Gesicht zog, ging mein Handgriff wie von selbst wieder zu der Hülle in meiner Tasche. Ich wartete auf das kurze Summen. Auf das nächste Zeichen von Moony.
    • Der Weg zur Schule war mir inzwischen so vertraut, dass ich kaum noch darüber nachdenken musste, wohin ich eigentlich ging. Mein Kopf war leicht geneigt, während meine Haare im sanften Morgenwind um mein Gesicht wehten und die Sonne langsam über die Dächer kroch. Erste Lichtflecken tanzten auf dem Asphalt und ließen den sonst so grauen Schulweg beinahe freundlich wirken. Ich hatte Glück. Meine Highschool lag nur ein paar Straßen von meinem Zuhause entfernt, gerade nah genug, dass ich morgens nicht hetzen musste, und weit genug, dass ich einige Minuten für mich hatte. Minuten, in denen ich niemandem begegnen musste, der irgendetwas von mir erwartete. Nur ich, meine Musik und meine Gedanken.
      Die Stimmen in meinen Kopfhörern übertönten beinahe alles um mich herum. Ich mochte dieses Gefühl. Es war, als würde sich eine unsichtbare Grenze zwischen mir und der restlichen Welt bilden. Ich konnte die anderen Menschen auf dem Gehweg sehen, ihre Gespräche erahnen, ihre Bewegungen beobachten, ohne selbst Teil davon sein zu müssen. Genau so war es mir am liebsten.
      Gerade als ich um die nächste Ecke bog, spürte ich ein sanftes Vibrieren an meiner Hüfte. Fast automatisch griff ich nach meinem Handy und zog es aus meiner Tasche. Als ich den Namen auf dem Bildschirm sah, huschte ein kleines Lächeln über mein Gesicht.
      Kitsune.
      Ich wusste nicht einmal genau, weshalb mich allein sein Name inzwischen so zuverlässig zum Lächeln brachte. Vielleicht lag es daran, dass ich mittlerweile mit einer gewissen Selbstverständlichkeit mit seinen Nachrichten rechnete. Vielleicht auch daran, dass ich mich jedes Mal ein kleines bisschen leichter fühlte, sobald ich sah, dass er mir geschrieben hatte.
      Ich öffnete die Nachricht und musste bereits nach den ersten Zeilen leise lachen. Sie war chaotisch und charmant zugleich, genau auf diese eigenartige Art, die ich mittlerweile mit ihm verband. Während ich las, entstand in meinem Kopf unwillkürlich ein Bild von ihm. Natürlich hatte ich keine Ahnung, wie er tatsächlich aussah, weshalb mein Gehirn einfach eine gesichtslose Figur daraus machte. Ein Umriss mit struppigem Haar, der vermutlich quer durch ein unordentliches Zimmer stolperte, während er gleichzeitig nach seinen Socken suchte, versuchte, sein Shirt über den Kopf zu ziehen und dabei noch eine Zahnbürste zwischen den Zähnen hatte.
      Ich musste erneut schmunzeln. Die Vorstellung war vollkommen absurd. Und irgendwie niedlich.
      Ich tippte fast automatisch auf das Antwortfeld, doch meine Finger hielten inne. Wie so oft. Ich las meine bereits getippte Antwort noch einmal durch und löschte ein einzelnes Wort, setzte es wieder ein und löschte es erneut. Es war lächerlich, wie viel Zeit ich manchmal damit verbrachte, eine einfache Nachricht zu formulieren. Ich wollte nicht zu eifrig wirken. Nicht zu verfügbar. Nicht so, als würde ich den ganzen Morgen nur darauf warten, dass mein Handy endlich vibrierte. Auch wenn das manchmal ziemlich nah an der Wahrheit lag. Ich seufzte leise und begann schließlich zu tippen.
      „Ich fühle mich genauso, ganz schrecklich. Aber ja, zum Glück lebe ich nicht so weit weg von der Schule, daher kann ich länger ausschlafen als andere. Was für ein Glückspilz ich doch bin ;D .“
      Ich las die Nachricht noch einmal und verzog leicht das Gesicht. Es klang ein wenig albern, aber genau das war vermutlich auch der Sinn dahinter. Bei Kitsune musste ich nicht jede Nachricht hundertmal überdenken, um möglichst perfekt zu wirken. Zumindest meistens.
      Ich schickte sie ab und hielt einen Augenblick inne, bevor ich noch eine zweite Nachricht schrieb.
      „Heute was Großes geplant?“
      Diesmal schickte ich sie sofort ab. Ich mochte es, von seinem Alltag zu hören. Selbst wenn es nur um völlig banale Dinge ging. Vielleicht gerade deshalb. Es waren die kleinen Dinge, durch die ich langsam das Gefühl bekam, ihn ein wenig kennenzulernen. Nicht nur die Dinge, über die wir scherzten oder die ernsteren Gespräche, die manchmal zwischen unseren Nachrichten auftauchten. Ich wollte wissen, wie sein gewöhnlicher Alltag aussah. Was er morgens machte. Was ihn beschäftigte. Was ihn zum Lachen brachte. Sein Leben erschien mir voller, bunter und bewegter als meines. Wenn ich mein eigenes betrachtete, wirkte es dagegen beinahe wie in Graustufen. Aufstehen, Schule, lernen, nach Hause gehen, lesen, zeichnen, schlafen und am nächsten Morgen wieder von vorne anfangen. Es gab keine großen Geschichten zu erzählen. Keine aufregenden Erlebnisse. Keine Freunde, mit denen ich nach der Schule irgendwohin ging. Und die dunkleren Gedanken, die sich manchmal zwischen all diesen Routinen versteckten, behielt ich lieber für mich.
      Ich wollte Kitsune damit nicht belasten. Er hatte selbst genug Dinge, mit denen er sich auseinandersetzen musste. Außerdem hatte ich irgendwann gelernt, dass Menschen nicht unbedingt bei einem blieben, wenn man ihnen zu viel von seinen Problemen erzählte. Niemand wollte jemanden, der ständig traurig war oder sich über sein Leben beklagte. Ich wollte für ihn kein Klotz am Bein sein. Also lächelte ich lieber. Ich schrieb lieber irgendeinen Blödsinn. Und wenn ich mich schlecht fühlte, wartete ich meistens, bis es wieder vorbeiging.
      Mit einem leisen Seufzen steckte ich mein Handy zurück in die Tasche und ließ mich wieder von der Musik einhüllen. Der letzte Block meines Schulwegs lag vor mir. Schon von Weitem konnte ich das Schulgebäude sehen. Je näher ich kam, desto mehr Schüler tauchten auf. Kleine Grüppchen standen auf dem Vorplatz, lachten, redeten durcheinander oder schubsten sich gegenseitig spielerisch. Manche begrüßten sich, als hätten sie sich seit Jahren nicht gesehen, obwohl sie vermutlich erst am Vortag gemeinsam Unterricht gehabt hatten.
      Ich beobachtete sie für einen kurzen Moment. Manchmal wünschte ich mir, irgendwo dazuzugehören. Nur für einen Moment. Jemanden zu haben, dem ich morgens automatisch schreiben konnte, ob wir uns in der Pause trafen. Jemanden, der auf mich wartete. Jemanden, der mich bemerkte, wenn ich einmal nicht da war. Doch gleichzeitig wusste ich nicht, ob ich überhaupt damit zurechtkommen würde.
      Allein zu sein war manchmal traurig, aber es war einfach. Ich musste niemandem erklären, weshalb ich mich zurückzog. Niemand konnte von mir enttäuscht sein, wenn ich nichts versprach. Es war einfacher, allein zu sein, als mit den falschen Menschen verbunden zu sein.
      Also ging ich wie ein Schatten an den Grüppchen vorbei.
      Ich öffnete die schwere Eingangstür und betrat das Schulgebäude. Sofort schlug mir die vertraute Mischung aus Stimmen, Schritten und dem dumpfen Zuschlagen von Schranktüren entgegen. Ich zog einen meiner Kopfhörer heraus und steckte ihn in meine Tasche. Die Musik lief nur noch auf einem Ohr weiter, während ich mich zu meinem Spind begab. Mit einer geübten Bewegung drehte ich die Zahlenkombination. Ich öffnete ihn, holte meine Bücher heraus und verstaute meine Tasche darin. Keine Hektik. Kein Zögern. Alles war inzwischen Routine.
      Danach machte ich mich auf den Weg zum Mathe Raum. Mathematik war nicht unbedingt mein Lieblingsfach, aber zumindest gab es mir Sicherheit. Zahlen waren ehrlich. Sie erwarteten keine Reaktion von mir und stellten keine Fragen, auf die ich nicht vorbereitet war. Es gab Regeln, Formeln und meistens ein eindeutiges Ergebnis. Wenn ich etwas nicht verstand, konnte ich es lernen. Wenn ich einen Fehler machte, konnte ich herausfinden, wo er lag. Menschen waren deutlich komplizierter.
      Im Klassenraum angekommen stellte ich fest, dass noch einige Minuten bis zum Unterrichtsbeginn übrig waren. Ich ging zu meinem Platz am Fenster und setzte mich. Einen meiner Ohrstöpsel nahm ich heraus, sodass die Musik nur noch gedämpft in meinem Ohr weiterlief. Aus meiner Tasche holte ich meinen kleinen Skizzenblock. Ich schlug eine leere Seite auf und nahm meinen Bleistift zur Hand.
      Keine großen Kunstwerke. Zumindest nichts, was ich jemandem zeigen würde. Nur Linien, Kreise und kleine Formen, die sich langsam zu irgendetwas entwickelten. Manchmal wusste ich selbst nicht, was ich eigentlich zeichnete. Es half mir einfach, meine Gedanken zu sortieren. Mein Blick wanderte dabei immer wieder zu meinem Handy. Ich versuchte, es nicht zu offensichtlich zu machen. Ein kurzer Blick. Dann wieder auf die Zeichnung. Ein paar Sekunden später noch einer.
      Nichts.
      Ich presste leicht die Lippen zusammen und zwang mich, weiterzuzeichnen. Vielleicht antwortete Kitsune gerade nicht. Vielleicht war er beschäftigt.
      Ich wusste nicht einmal, warum mich das beschäftigte. Wir hatten uns nie persönlich getroffen. Ich kannte weder seine Stimme noch sein Gesicht. Ich wusste nicht, wie er ging, wie er lachte oder wie er reagierte, wenn er nervös war. Und trotzdem hatte ich inzwischen das Gefühl, auf eine Nachricht von ihm zu warten, als wäre sie ein kleiner Teil meines Tages, auf den ich mich verlassen konnte. Ich ließ die Spitze meines Bleistifts langsam über das Papier gleiten und betrachtete die entstandenen Linien. Mein eigenes Leben mochte vielleicht ruhig sein. Manchmal sogar zu ruhig. Aber seit Kitsune darin aufgetaucht war, fühlte sich diese Ruhe nicht mehr ganz so leer an. Und vielleicht war genau das der Grund, weshalb ich jedes Mal ein wenig hoffte, wenn mein Handy vibrierte.
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    • Das scharfe, metallische Klicken, als das Garagentor nach oben schnellte, schallte durch die noch schlafende Nachbarschaft. Die kühle Morgenluft traf mich wie ein kalter Schlag ins Gesicht und vertrieb auch die letzten Reste der Schläfrigkeit, die noch wie Blei in meinen Knochen gehangen hatten. Ich schob mein Mountainbike ins Freie, zog die Bremsen an und betrachtete kurz das Gefährt, das mich jeden Tag aufs Neue aus meinem eigenen, düsteren Kosmos herausbeförderte. Egal ob es regnete, stürmte oder wie heute eine blasse Frühlingssonne durch die Wolkendecke brach – meine 20 Minuten auf dem Sattel gehörten mir. Sie waren die Pufferzone zwischen dem Druck zu Hause und dem Haifischbecken der Schule.
      Ich trat in die Pedale und rollte die flache Zufahrt hinab auf die Straße. Unsere Kleinstadt war eine seltsame, fast surreale Mischung zweier Welten, die sich im Laufe der Jahrzehnte ineinander verwoben hatten. Auf der einen Seite erinnerte vieles an eine typische US-amerikanische Vorstadt: breite Alleen, freistehende Einfamilienhäuser mit gepflegten Vorgärten, hölzernen Verandas und breiten Einfahrten, an deren Rändern die typischen gelben Postkästen auf Metallstangen montiert waren. Doch je weiter man in Richtung Zentrum und Schulbezirk radelte, desto mehr schob sich das japanische Kleinstadtflair dazwischen.
      Die Straßen wurden schmaler, gesäumt von niedrigen, traditionellen Holzhäusern mit ihren dunklen Ziegeldächern, kleinen Teehäusern und eng nebeneinanderstehenden Ramen-Läden, vor denen nachts rote Papierlaternen im Wind baumelten. Über mir spannten sich dichte Kabelnetze wie spinnwebenartige Zeichnungen vor dem Morgenhimmel, und an fast jeder Straßenecke blinkte das bunte Licht eines Getränkeautomaten, der kalten Eistee oder heißen Dose-Kaffee bereitstellte. Dieser Kontrast hatte etwas Tröstliches. Zwei völlig unterschiedliche Welten, die nebeneinander existierten, ohne sich gegenseitig zu zerstören – vielleicht hoffte ein Teil von mir, dass das auch auf mein eigenes gespaltenes Leben zutraf.
      Während ich die Hauptstraße entlangfuhr und der kühle Fahrtwind mir durch das Haar blies, griff meine Hand wie von selbst in die Tasche meiner Lederjacke. Ich hielt am Straßenrand an einer roten Ampel, wo die Fußgängerüberwege das typische, leise Klacken für Sehbehinderte abgaben, und zog das Handy heraus. Das Display leuchtete auf. Eine Benachrichtigung.
      Zwei neue Nachrichten von Moony.
      In diesem Moment, mitten auf einer belebten Kreuzung, spürte ich, wie der stechende Schmerz an meiner Rippe für einen Moment völlig in den Hintergrund rückte. Ein warmes Gefühl breitete sich in meiner Brust aus – eine Resonanz, die ich mir selbst kaum erklären konnte. Moony war wie eine frische Brise in einem Raum, in dem seit Jahren das Fenster nicht mehr geöffnet worden war. Sie ahnte nicht, wie sehr ich mich nach genau diesen einfachen, fast banalen Momenten sehnte. Für die Welt draußen war ich der schlagfertige, gefährliche Kapitän der Fußballmannschaft, der Kerl, über den man sich auf den Fluren Schreckensgeschichten erzählte und den man nur aus der Ferne taxierte. Für die Mitschüler war ich ein unberechenbarer Schatten.

      Doch bei Moony gab es keine Legendenbildung. Sie hatte keine Ahnung von den blauen Flecken unter meinem Pullover, keine Ahnung von den kaputten Verhältnissen hinter meinen vier Wänden. Für sie war ich einfach nur Kitsune. Ein Typ, der ihr zuhörte, der sie zum Lachen brachte und der sich nach einem ganz normalen Leben sehnte. Wenn sie mir schrieb, fühlte ich mich nicht wie die Figur eines Gerüchts. Ich fühlte mich wie ich selbst. Ein ganz gewöhnlicher 19-Jähriger, der die Einfachheit liebte.
      Ich tippte die Antwort auf ihre Nachrichten direkt in das Eingabefeld, während die Ampel vor mir auf Grün sprang. Ich schubste mein Fahrrad ein Stück auf den Bürgersteig, schob das Display näher ans Gesicht und tippte mit dem Daumen:

      „Glückspilz trifft es ziemlich gut! Ich verlor heute Morgen fast den Kampf gegen mein eigenes Kissen, also schätze dich glücklich, dass du keine halbe Ewigkeit pendeln musst... Großes geplant? Na ja, wenn du intensives Fußballdrill-Training bei mürrischen Trainern und eine epische Niederlage gegen meine Geschichtshausaufgaben als ‚groß‘ bezeichnest, dann ja! Ansonsten steht nur das übliche Überleben auf dem Programm. Und bei dir? Lässt du wieder deine kreative Ader auf Papier los oder musst du dich auch durch den Schulalltag quälen?“

      Ich drückte auf Senden und schickte gleich noch eine kurze Zeile hinterher:

      „Lass dich bloß nicht stressen heute, Moony. Falls der Tag nervt, schreib mir einfach. Ich bin da.“

      Ein leichtes Schmunzeln stahl sich auf meine Lippen, als die kleine Nachricht als zugestellt markiert wurde. Ich steckte das Handy wieder tief in die Tasche meiner Jacke, stieg auf mein Rad und trat erneut in die Pedale.
      Der Weg führte mich weiter durch ein kleines Wohngebiet, wo die amerikanischen Holzverandas fließend in japanische Steingärten übergingen. Ältere Damen in Schürzen fegten die Gehwege vor ihren kleinen Lädchen frei, während drüben auf dem Parkplatz eines Diner-Restaurants ein paar Highschool-Schüler auf den Schulbus warteten. Wenn ich sie ansah – wie sie miteinander lachten, sich Scherze zuriefen und völlig unbeschwert zu sein schienen –, spürte ich manchmal einen stichartigen Neid. Sie lebten in einer Realität, die mir verwehrt blieb. Bei mir gab es keine unbeschwerten Morgende. Kein "Wie war dein Schlaf, Sohn?". Bei mir gab es nur das kalte Ausweichen vor den Blicken meiner Mutter und den Versuch, die Spuren der letzten Nacht vor der Außenwelt zu verbergen.
      Nach weiteren zehn Minuten intensiven Strampelns tauchten am Horizont die massiven Konturen der Highschool auf. Das Areal war riesig – ein weitläufiger, mehrstöckiger Bau mit rotbraunen Klinkerfassaden, der stark an amerikanische Highschools erinnerte, kombiniert mit den typischen, großen Schiebetüren am Haupteingang und den massiven Fahrradständern, wie man sie aus japanischen Schulen kannte. Der Vorplatz war bereits getränkt von Leben. Hunderte von Schülern tummelten sich dort in kleinen Trauben.
      Ich stellte mein Fahrrad an den überdachten Ständern ab, schob das Bügelschloss durch das Vorderrad und klickte es zu. Kaum hatte ich mich aufgerichtet und die Kapuze meines Pullovers etwas weiter in die Stirn gezogen, spürte ich die Veränderung in der Atmosphäre um mich herum.
      Es war jedes Mal dasselbe. Sobald ich den Fuß auf das Schulgelände setzte, schob sich die unnachgiebige Maske über mein Gesicht. Mein Kiefer spannte sich an, meine Haltung wurde aufrechter und mein Blick kühler. Ich konnte beobachten, wie die Gespräche in meiner unmittelbaren Nähe leiser wurden, wenn ich an den Grüppchen vorbeiging. Zwei Jungs aus der Unterstufe, die eben noch herumgeblödelt hatten, verstummten plötzlich und wichen einen Schritt zur Seite, um mir Platz zu machen. Eine Gruppe von Mädchen am Treppenaufgang tuschelte hinter vorgehaltener Hand und warf mir neugierige, aber distanzierte Blicke zu.
      Sie sahen die frische Schramme an meiner Schläfe. Sie sahen den dunklen Pullover und mein abgenutztes Lederarmband. In ihren Köpfen rechneten sie diese Puzzleteile zusammen und spuckten das altbekannte Bild aus: Alex Miller, der Prügelknabe. Der Schultyrann. Der Typ, der nachts auf den Straßen unterwegs ist und Ärger sucht.

      Niemand sah den Typen, der gestern Abend versucht hatte, ein zerbrochenes Glas aufzusammeln, bevor seine trrunkene Mutter darauf trat. Niemand sah den Jungen, der sich in sein Zimmer einschloss und dessen einziges Ventil die Nachrichten an ein Mädchen waren, das er noch nie im echten Leben gesehen hatte. Ich schüttelte innerlich den Kopf und ging durch die großen Schiebetüren in das Hauptgebäude.
      Der Flur roch nach Bohnerwachs, altem Papier und dem typischen Duft von Dutzenden Schülern auf engem Raum. Das Klappern von Metalltüren der Spinde schallte durch den langen Gang. Ich steuerte meinen eigenen Spind an, der sich am Ende des Hauptflurs befand. Mit schnellen, geübten Bewegungen drehte ich die Kombination des Schloss-Rades. 32 – 14 – 08. Das Metall klackte, und die Tür sprang auf.

      Ich warf meine Sporttasche für das spätere Fußballtraining auf den Boden des Spinds und tauschte meine schwere Jacke gegen ein leichteres Oberteil. Aus dem Fach über den Büchern zog ich mein Geschichtsbuch und ein Heft.

      Während ich den Spind wieder zuschlug, wanderte mein Blick unwillkürlich durch die lange Reihe der Korridore. Irgendwo hier im Gebäude gab es Hunderte von Menschen. Sie alle lebten in ihren eigenen Welten, hatten ihre eigenen Sorgen und Träume. Und irgendwo unter ihnen gab es jemanden, der genau dieselbe App auf dem Handy hatte wie ich. Jemanden, der mir gerade vor wenigen Minuten geschrieben hatte. Es war ein seltsamer, fast ironischer Gedanke: Wir liefen vielleicht täglich aneinander vorbei, ohne es zu wissen. Vielleicht streiften sich unsere Blicke auf den Gängen, ohne dass wir ahnten, wer der andere war.

      Moony war hier irgendwo. Sie atmete dieselbe Schulluft, hörte dieselben Pausengongs und kämpfte sich durch dieselben Schulstunden. Aber die Anonymität der digitalen Welt war unser Schutzschild. Und ehrlich gesagt hatte ich Angst vor dem Tag, an dem dieser Schutzschild brechen könnte. Was, wenn sie erfahren würde, wer ich in der Schule war? Was, wenn sie die Gerüchte hörte und glauben würde, dass der sanfte, verständnisvolle Kitsune in Wahrheit ein gewalttätiger Schläger war? Diese Angst saß wie ein kleiner, giftiger Stachel in meiner Brust.
      Deshalb schätzte ich das, was wir hatten, umso mehr. Es war unbefleckt von der Realität.
      Ich machte mich auf den Weg in den Westflügel des Gebäudes, wo meine erste Stunde stattfand. Die Gänge füllten sich immer mehr, und das Stimmengewirr wurde zu einem dröhnenden Teppich. Ich hielt den Kopf gesenkt, die Hände in den Hosentaschen. Mein Daumen berührte in der Tasche die glatte Oberfläche meines Handys. Ein einziges kurzes Summen würde reichen, um diesen tristen, anstrengenden Tag augenblicklich wieder etwas erträglicher zu machen. Ich schritt durch die Tür des Klassenraums, warf meine Sachen auf den letzten Tisch in der Ecke am Fenster und setzte mich. Der Blick aus dem Fenster zeigte die Dächer der Stadt, die sich im Frühlicht erstreckten.

      Ich holte tief Luft, lehnte mich zurück und wartete darauf, dass der Unterricht begann – und darauf, dass das Display in meiner Tasche wieder aufleuchten würde.
    • Natürlich hatte ich auf Kitsunes Nachricht gewartet. Wie hätte ich auch nicht? Mein Skizzenblock lag noch immer offen vor mir, doch die Linien darauf waren längst ziellos geworden. Kleine Kreise, geschwungene Striche und unfertige Formen verteilten sich über das Papier, ohne ein wirkliches Bild zu ergeben. Fast so wie meine Gedanken, die ebenfalls immer wieder zu derselben Person zurückkehrten.
      Das Schreiben mit Kitsune war längst mehr als nur ein Zeitvertreib geworden. Es war zu einer warmen Stimme inmitten der täglichen Stille geworden, zu einem kleinen Fluchtweg aus der blassen Routine, die meinen Alltag bestimmte. Wenn ich mit ihm schrieb, fühlte ich mich weniger allein. Nicht unbedingt lebendig oder plötzlich vollkommen unbeschwert, aber zumindest so, als wäre da jemand. Jemand, der irgendwo auf der anderen Seite des Bildschirms saß und freiwillig mit mir sprach.
      Mein Blick glitt immer wieder zu meinem Handy, bis es schließlich leise auf der Tischplatte vibrierte. Das Geräusch ging beinahe in meiner Musik unter, doch ich nahm es sofort wahr. Natürlich tat ich das. Meine Finger wanderten wie von selbst zu dem Gerät, aber ich zwang mich, nicht unmittelbar die App zu öffnen. Stattdessen zog ich lediglich die Benachrichtigungsleiste herunter und überflog die ersten Zeilen seiner Nachricht.
      Ich wollte nicht, dass er sofort sah, dass ich sie gelesen hatte.
      Du antwortest zu schnell.
      Der Gedanke war mir inzwischen beinahe zur Gewohnheit geworden. Ich wusste selbst nicht mehr genau, wann ich angefangen hatte, mir darüber Gedanken zu machen. Vielleicht hatte es sich irgendwann einfach in meinem Kopf festgesetzt. Ich wollte nicht zu verfügbar wirken. Nicht so, als würde ich den ganzen Tag nur darauf warten, dass sein Name auf meinem Bildschirm erschien.
      Dabei war die Wahrheit vermutlich genau das.
      Kitsune war der einzige Mensch, mit dem ich regelmäßig sprach. Der einzige, dessen Nachrichten ich erwartete. Der einzige, bei dem ich mich dabei ertappte, wie ich auf ein kleines Aufleuchten meines Handys hoffte. Und gerade deshalb wollte ich nichts falsch machen. Ich wollte diesen einen Lichtpunkt in meinem Alltag nicht verlieren.
      War ich zu schnell? Zu viel? Zu interessiert? Würde er irgendwann genervt davon sein, wenn ich jedes Mal sofort antwortete?
      Das Handy lag warm in meiner Hand, als würde es mich geradezu dazu auffordern, einfach die App zu öffnen. Ich sah noch einmal auf seinen Namen und legte es schließlich seufzend zurück auf den Tisch.
      Ich musste nicht sofort antworten. Ein paar Minuten würden mir nicht schaden. Also richtete ich meinen Blick aus dem Fenster. Draußen bewegten sich die Äste eines Baumes sachte im Wind. Ein dünner Zweig schaukelte hin und her, an seinen Spitzen saßen winzige, hellgrüne Blätter, die das Sonnenlicht einfingen. Ich zwang mich, jedes noch so kleine Detail wahrzunehmen. Die dunklen Linien der Rinde. Das leichte Zittern der Blätter. Die kleinen Lichtpunkte, die über die Oberfläche tanzten.
      Es funktionierte für ungefähr zwei Minuten. Danach war ich wieder bei Kitsune.
      Ich seufzte leise und strich mit der Fingerspitze über den Rand meines Skizzenblocks. Vielleicht sollte ich einfach antworten. Schließlich wollte ich nicht, dass er den falschen Eindruck bekam. Wenn ich zu lange wartete, könnte er vielleicht denken, ich würde ihn absichtlich ignorieren. Und das wollte ich erst recht nicht.
      Die Zeit, die ich ihm zum Warten zugemutet hatte, war wahrscheinlich ohnehin lang genug.
      Noch einmal nahm ich mein Handy in die Hand und öffnete schließlich den Chat.
      Während ich seine Nachricht las, fragte ich mich unwillkürlich, wie sein Trainer wohl war. Ob er streng war oder eher locker. Ob Kitsune in einem Verein spielte oder in einem Team unserer Highschool. Ich wusste es nicht einmal genau. Mein Finger schwebte kurz über dem Eingabefeld. Ich könnte ihn einfach fragen. Doch je länger ich darüber nachdachte, desto persönlicher erschien mir die Frage. Wenn ich wusste, in welchem Team er spielte und ob an unserer Schuke, wäre es wahrscheinlich nicht mehr besonders schwer, herauszufinden, wer sich hinter Kitsune verbarg. Und vielleicht wollte er genau das nicht. Schließlich hatte unsere Anonymität bisher etwas Sicheres gehabt.
      Wir kannten weder die Gesichter des anderen noch die echten Namen. Wir wussten nicht, wo der andere wohnte, mit wem er zur Schule ging oder wie sein Alltag tatsächlich aussah. Wir kannten uns nur durch Worte. Vielleicht war genau das der Grund, weshalb ich mich ihm gegenüber so leicht öffnen konnte. Ich schob den Gedanken beiseite und begann stattdessen zu tippen.
      „Ich bewundere deine Affinität zu Sport. Ich bin eine Kartoffel im Gegensatz zu dir. Schon drei Minuten Joggen sind mir zu viel. x.x
      Ich musste bei dem Satz leicht schmunzeln. Es war vermutlich die ehrlichste Beschreibung meiner sportlichen Fähigkeiten, die ich finden konnte. Doch bevor ich die Nachricht abschickte, fügte ich noch etwas hinzu.
      „Ich kritzel in der Schule nur rum, damit ich die Zeit irgendwie überbrücken kann oder mich davor drücke, mit anderen zu interagieren.“
      Mein Daumen blieb über dem Senden Button stehen. Ich las den Satz noch einmal. Und noch einmal. Vielleicht war das zu ehrlich.
      Vielleicht gab ich schon wieder mehr von mir preis, als ich eigentlich wollte. Andererseits hatte ich Kitsune gegenüber noch nie das Gefühl gehabt, jedes einzelne Wort sorgfältig abwiegen zu müssen. Genau das war es schließlich, was ich an unserem Austausch mochte. Ich konnte Dinge sagen, die ich sonst für mich behielt. Also ließ ich die Nachricht stehen.
      „Aber ja, ich habe jetzt schon keine Lust, obwohl der Unterricht noch gar nicht angefangen hat. Aber alles lieber als Sport.“
      Ich schickte es ab, bevor ich es mir anders überlegen konnte. Für einen Moment starrte ich auf den Bildschirm und wartete beinahe darauf, dass sofort eine Antwort erschien. Natürlich tat sie das nicht. Ich legte das Handy auf den Tisch und zwang mich, den Skizzenblock wieder anzusehen. Doch bevor ich mich erneut in meinen Gedanken verlieren konnte, öffnete sich die Tür. Unser Lehrer betrat den Raum. Fast augenblicklich veränderte sich die Atmosphäre. Gespräche verstummten oder wurden zumindest deutlich leiser, Stühle wurden zurechtgerückt und die letzten Schüler suchten ihre Plätze auf. Ich zog einen meiner Ohrstöpsel heraus und ließ ihn neben meinem Handy auf dem Tisch liegen. Dann schlug ich mein Heft auf und richtete meinen Blick nach vorne.
      Der Unterricht begann. Ich zwang mich, meine Aufmerksamkeit auf die Tafel zu richten, auch wenn ein kleiner Teil von mir noch immer bei meinem Handy lag. Bei Kitsune. Und bei der Frage, wann seine nächste Nachricht wohl auf meinem Bildschirm erscheinen würde.
      Digital Art Bilder Pinnwände

      ૮ ˶ᵔ ᵕ ᵔ˶ ა
    • Das dumpfe Kratzen von Kreide auf der Tafel war das erste Geräusch, das mich aus meinen Gedanken riss, als Frau Sanders den Geschichtsraum betrat. Sie war eine ältere Frau mit streng zurückgestecktem Haar, einer spitzen Brille auf der Nase und einer Ausstrahlung, die kein einziges Wort der Widerrede duldete. Sie schob ihre Mappe auf das Pult, blickte kurz über die Reihen und begrüßte die Klasse mit ihrer gewohnt monotonen, kühlen Stimme. Die meisten Schüler gaben ein mummelndes „Guten Morgen“ zurück und schlagen gehorsam ihre Geschichtsbücher auf.

      Ich saß wie gewohnt in der letzten Reihe am Fenster. Frau Sanders sah mich kurz an, doch ihr Blick glitt augenblicklich über mich hinweg, als wäre da nur eine leere Stuhllehne. Es war dieses typische, stumme Einverständnis zwischen den Lehrern und mir: Ich störte ihren Unterricht nicht, und sie ignorierten meine Existenz, solange ich nicht komplett aus der Reihe tanzte. Sie hielten mich ohnehin für einen hoffnungslosen Fall – den Sportstar mit dem schmutzigen Ruf, der schulisch irgendwo am Abgrund wandelte.
      Genau in diesem Moment spürte ich das vertraute, sanfte Vibrieren in der Innentasche meiner Lederjacke.

      Ich scherte mich im Traum nicht um Frau Sanders’ Einleitung über das 19. Jahrhundert. Meine Hand wanderte ohne Zögern unter den Tisch. Ich zog das Handy heraus, schirmte das helle Display mit dem Oberschenkel ab und öffnete die Nachrichten von Moony.
      Als ich ihre Worte las, konnte ich nicht verhindern, dass ein breites, echtes Grinsen über mein Gesicht wanderten. Ein Grinsen, das den Schmerz an meinen Rippen vollkommen vergessen ließ.

      „Ich bewundere deine Affinität zu Sport. Ich bin eine Kartoffel im Gegensatz zu dir...“

      Eine Kartoffel. Ich schüttelte leise schmunzelnd den Kopf. Es war einfach unmöglich, bei ihren Nachrichten nicht zu lächeln. Aber es war der zweite Teil ihrer Nachricht, der mich einen Moment innehalten ließ.

      „Ich kritzel in der Schule nur rum, damit ich die Zeit irgendwie überbrücken kann oder mich davor drücke, mit anderen zu interagieren.“

      Dieses kleine Eingeständnis traf mich tiefer, als sie wahrscheinlich geahnt hatte. Es war so ehrlich, so verletzlich. Während die halbe Schule mich für ein Monster hielt und Abstand hielt, zog sie sich freiwillig zurück, weil sie die Interaktion mit den anderen fürchtete. Wir waren zwei vollkommen unterschiedliche Menschen, und doch kämpften wir auf unsere eigene Weise gegen dieselbe Einsamkeit an.
      Ich starrte auf das Display, während im Hintergrund das monoton schwappende Sprechen von Frau Sanders über die Industrielle Revolution erklang, und plötzlich überkam mich eine Welle von Erkenntnis, die mich für ein paar Sekunden völlig sprachlos machte.
      Ich ging gedanklich die letzten Wochen durch. Ich erinnerte mich an die späten Abende, an denen ich im dunklen Zimmer auf meinem Bett gelegen hatte, den Körper übersät mit frischen Blutergüssen, und wie ihre Nachrichten das Einzige gewesen waren, was mich vor dem Ertrinken in meinen eigenen Gedanken bewahrt hatte. Ich dachte an die zahllosen Nachrichten, die wir ausgetauscht hatten – über Lieblingsfarben, alberne Gedankengänge, schreckliche Tage und nächtliche Geständnisse.
      Eine Kette von Emotionen zog vor meinem inneren Auge vorbei:
      • Die Erleichterung, als ihr Name das erste Mal auf meinem Bildschirm aufgetaucht war und mir klar wurde, dass mich jemand sah, ohne zu urteilen.
      • Die Neugier, die mich jeden Morgen aufs Neue antrieb, sofort nach dem Aufstehen auf mein Handy zu schauen.
      • Die Wärme, die mich jedes Mal durchströmte, wenn sie mich Kitsune nannte und mir ihr Vertrauen schenkte.
      • Der Beschützerinstinkt, der aufflammte, wenn sie andeutete, wie unsicher oder verloren sie sich manchmal fühlte.
      • Die Sehnsucht, ihre Stimme zu hören, ihr Gesicht zu sehen und zu wissen, wie ihr Lachen in der Realität klang.
      Mit einer erschreckenden Klarheit wurde mir in diesem stickigen Klassenraum bewusst: Ich hatte mich in Moony verliebt.
      Es war nicht nur eine flüchtige Sympathie oder eine kleine digitale Schwärmerei. Ich hatte mein Herz an ein Mädchen verloren, dessen echten Namen ich nicht einmal kannte. An jemanden, der mich nur als Kitsune kannte – den unkomplizierten, humorvollen Typen aus dem Chat. Das Gefühl war wunderschön und bittersüß zugleich. Denn so sehr mich dieses Gefühl auch erwärmte, so sehr wuchs die Angst vor dem Tag, an dem die Realität unsere blinde Seelenverwandtschaft einholen würde.
      Frau Sanders drehte sich zur Tafel und begann, Datumsangaben an das grüne Holz zu schreiben. Ich nutzte die Chance, wischte die Gedanken beiseite und tippte hastig eine Antwort unter dem Tisch hervor:

      „Eine Kartoffel? Das glaubst du doch wohl selbst nicht, Moony! Aber hey, Kartoffeln sind vielseitig und überlebenswichtig – genau wie deine Zeichnungen! Ich würde zu gerne mal sehen, was du da auf das Papier zauberst, während du den anderen aus dem Weg gehst. Und glaub mir, ich verstehe dich nur zu gut. Manchmal sind die eigenen Gedanken und ein Stift die deutlich besseren Begleiter als die meisten Leute da draußen. Lass dich von den ersten Stunden nicht unterkriegen. Ich bin gedanklich bei dir!“

      Ich drückte sofort auf Senden, schob das Handy zurück in meine Jackentasche und schlug mein Schulheft auf, genau in dem Moment, als Frau Sanders sich wieder umdrehte.

      Die Geschichtsstunde fühlte sich an wie eine Ewigkeit. Frau Sanders ratterte Jahreszahlen herunter, sprach über Handelswege, Verträge und soziale Umbrüche im 19. Jahrhundert. Der Raum war erfüllt von dem leisen Rascheln der Buchseiten und dem Summen der Neonröhren an der Decke. Ich starrte auf die leere Seite meines Heftes und tat so, als würde ich intensiv mitschreiben. In Wahrheit wanderte mein Blick immer wieder zum Fenster, wo die Äste der Bäume im Wind wehten.

      Ich versuchte, dem Unterricht zu folgen, doch die Begriffe verschwommen vor meinen Augen. Mein Kopf war voll von den Ereignissen der letzten Nacht zu Hause und dem stechenden Schmerz in meiner Seite, der mich bei jeder tieferen Atmung daran erinnerte, wie instabil mein Leben war. Die Schramme an meiner Schläfe brannte leicht unter dem Schild meiner Kappe. Ich hatte keine Energie für Geschichte. Ich hatte kaum Energie, um aufrecht zu sitzen.
      Schließlich schrillte der erlösende Pausengong durch das Gebäude. Ein allgemeines Aufatmen ging durch die Klasse. Stühle wurden lautstark zurückgeschoben, Hefte wurden in Rucksäcke geworfen, und die Mitschüler drängten sich in Richtung der Tür, um auf die Gänge zu entkommen.

      Ich packte meine Sachen langsam ein. Ich wollte warten, bis der Trubel auf dem Flur etwas abgeebbt war, um niemanden anstoßen zu müssen. Gerade als ich meine Schultasche über die Schulter werfen wollte, ertönte Frau Sanders’ Stimme schneidend durch den sich leerenden Raum.

      „Alexander. Bleiben Sie bitte noch einen Moment hier.“

      Ich erstarrte kurz in der Bewegung. Mein Herz machte einen schweren Satz nach unten. Ich atmete einmal tief durch, zwang meine Gesichtszüge wieder in diese neutrale, kühle Maske, die ich immer trug, und trat langsam an das Lehrerpult heran.

      Frau Sanders klappte ihr Notenbuch zu. Sie sah mich über den Rand ihrer Brille hinweg an. Es war kein bösartiger Blick, aber er war erfüllt von einer harten, kompromisslosen Sachlichkeit.
      „Wir müssen reden, Alexander“, begann sie ohne Umschweife. „Ich habe mir Ihre bisherigen Leistungen in Geschichte angesehen. Und um ehrlich zu sein: Es sieht katastrophal aus. Ihre letzten Testnoten sind weit unter dem Durchschnitt, und mündlich bringen Sie sich überhaupt nicht ein.“

      Ich schwieg. Ich starrte starr auf die Holzkante ihres Pultes.

      „Wenn das so weitergeht“, fuhr sie unerbittlich fort, „werden Sie die erforderliche Punkteanzahl für dieses Halbjahr nicht erreichen. Das bedeutet ganz konkret: Sie werden das Schuljahr nicht bestehen. Sie werden sitzen bleiben, Alexander.“
      Das Wort sitzen bleiben hallte in meinem Kopf wie ein Keulenschlag nach. Ein kalter Schauer lief mir den Rücken hinunter.

      Frau Sanders lehnte sich leicht zurück und kreuzte die Hände. „Ich kenne Ihre sportlichen Erfolge. Ich weiß, dass Sie der Kapitän des Fußballteams sind. Aber Sport allein wird Sie nicht durch diese Schule bringen. Wenn Sie Ihre Noten in den theoretischen Fächern nicht drastisch verbessern, bringt Ihnen Ihr Talent auf dem Platz gar nichts.“

      „Ich verstehe“, brachte ich mit rauer Stimme heraus.

      „Ich hoffe es wirklich“, sagte sie streng. „Die einzige Möglichkeit, wie Sie dieses Schuljahr noch retten können, ist eine kontinuierliche Nachhilfe. Sie brauchen jemanden, der den Stoff intensiv mit Ihnen durchgeht. Und zwar ab sofort. Wenn Sie mir bis nächste Woche keinen Nachweis vorlegen können, dass Sie sich organisierte Nachhilfe gesucht haben, sehe ich schwarz für Ihre Versetzung.“
      Sie nickte kurz zum Zeichen, dass das Gespräch beendet war. „Sie können gehen.“
      Ich wandte mich um und verließ den Klassenraum. Als ich auf den Gang trat, fühlte sich meine Brust so eng an, als würde ein unsichtbarer Panzerring mein Atmen blockieren.

      Sitzen bleiben.

      Das durfte nicht passieren. Es durfte einfach nicht passieren.

      Mein Geist raste, und die Panik stieg wie eine heiße Flut in mir auf. Wenn meine Mutter erfahren würde, dass ich versetzungsgefährdet war... Der Gedanke allein ließ mir das Blut in den Adern gefrieren. Sie würde es als ihr persönliches Versagen ansehen, als eine Demütigung nach außen hin. Wenn die Fassade der perfekten Mutter, die sie so akribisch aufrechtzuerhalten versuchte, durch einen sitzengebliebenen Sohn Brüche bekam, würde ihre Frustration keine Grenzen mehr kennen. Sie würde mich grün und blau prügeln. Die Schläge der letzten Nacht wären nichts im Vergleich zu dem, was mir blühen würde, wenn ein schlechtes Zeugnis nach Hause kam.

      Ich lehnte mich im leeren Flur gegen die kalten Metallspinde und presste die Augen zu. Ich brauchte Nachhilfe. So schnell wie möglich. Aber wen sollte ich fragen?

      Aus dem normalen Schulumfeld kam niemand infrage. Jeder hielt mich für den schlagkräftigen Troublemaker. Wer würde schon freiwillig seine Freizeit opfern, um dem gefürchteten Alex Miller den Geschichtsstoff einzuprügeln? Niemand. Sie hatten alle Angst vor mir oder verachteten mich für Dinge, die ich nie getan hatte.
      Plötzlich schoss mir ein Gedanke durch den Kopf.

      Moony.

      Meine Hand griff automatisch wieder in die Hosentasche und umschloss das Handy.
      Moony war schlau. Wenn man mit ihr schrieb, spürte man sofort ihre schnelle Auffassungsgabe, ihre aufmerksame Art und ihre klugen Formulierungen. Sie war gebildet, belesen und – so schätzte ich sie jedenfalls ein – schulisch um Längen besser als ich. Sie war jemand, der die Dinge verstand.
      Ein kleiner Funke Hoffnung keimte in mir auf, dicht gefolgt von einer gewaltigen Welle der Unsicherheit.

      Könnte ich sie wirklich fragen? Wir hatten uns noch nie getroffen. Wir schützten beide unsere Anonymität wie einen Schatz. Wenn ich sie nach Nachhilfe fragen würde, müsste ich das digitale Versteckspiel aufgeben. Ich müsste mich offenbaren. Ich müsste ihr sagen, wer ich war.
      Was, wenn sie absagte? Was, wenn sie geschockt war, wenn sie erfuhr, dass hinter dem netten Kitsune aus dem Chat in Wahrheit Alex Miller steckte – der Kerl mit den Schrammen im Gesicht und dem schlechten Ruf?

      Ich blickte auf das Display meines Handys. Auf den geöffneten Chat, in dem ihre letzten Worte standen. Sie war mein einziger Ausweg. Nicht nur schulisch, sondern vor allem, um mich vor der Hölle zu Hause zu bewahren.

      Ich holte tief Luft, strich mir mit der zitternen Hand durch das dunkle Haar und tippte eine neue Nachricht in das Eingabefeld. Meine Finger schwebten über der Tastatur, während mein Herz mir bis zum Hals schlug.
    • Mathe war für viele ein anstrengendes und langweiliges Fach. Ich fand es zwar nicht sonderlich spannend, doch ich fühlte mich darin sicher, und das war für mich das Wichtigste in der Schule. Gute Noten. Wie viel von dem Stoff ich später im Leben tatsächlich brauchen würde, war natürlich fraglich, doch darüber würde ich mir Gedanken machen, wenn es soweit war. Im Moment zählte für mich nur, dass ich verstand, was vor mir lag, und am Ende eine gute Note auf dem Papier stand.
      Konzentriert und still schrieb ich mit, arbeitete die vom Lehrer gestellten Aufgaben durch und markierte mir einzelne Stellen, die ich noch nicht vollständig verinnerlicht hatte. Meine Handschrift blieb ordentlich, während ich eine Rechnung nach der anderen ausführte. Ich mochte es, wenn es für ein Problem einen nachvollziehbaren Lösungsweg gab. Etwas, an dem ich mich entlanghangeln konnte, bis am Ende ein eindeutiges Ergebnis herauskam. Vielleicht war genau das der Grund, weshalb ich mich in Mathe so wohlfühlte. Es gab Regeln, Formeln und Strukturen. Nichts davon verlangte von mir, besonders mutig oder selbstbewusst zu sein.
      Ehe ich mich versah, war die Stunde vorbei. Das Klingeln riss mich aus meiner Konzentration und ließ mich kurz blinzeln. Die Zeit verging schneller, wenn ich beschäftigt war. Ich wollte mir gar nicht vorstellen, wie quälend sich eine Unterrichtsstunde ziehen konnte, wenn ich nichts fand, worauf ich meine Aufmerksamkeit richten konnte.
      Erst jetzt bemerkte ich, dass Kitsune mir bereits geantwortet hatte.
      Da die Stunde vorbei war, musste ich zumindest keine Angst mehr haben, vom Lehrer beim Tippen erwischt zu werden. Ich schlang meinen Rucksack, der bereits auf meinem Schoß lag, mit einem Arm an mich und nahm mein Handy zur Hand. Mit einem kurzen Tippen öffnete ich den Chat. Noch während ich seine Nachricht las, schlich sich unweigerlich ein kleines Lächeln auf mein Gesicht. Meine Zeichnungen würde ich selbst niemals als besonders sehenswert bezeichnen. Manche waren hübsch geworden, andere bestanden aus kaum mehr als ein paar Linien, die irgendwann mitten im Gedankenfluss entstanden waren. Trotzdem fand ich es unglaublich nett, wie positiv Kitsune darüber sprach. Er schien mir tatsächlich zuzutrauen, dass sich unter all den Kritzeleien etwas befand, das es wert war, angesehen zu werden. Ob ich ihm jemals eine meiner Zeichnungen zeigen würde, wusste ich allerdings noch nicht. Vielleicht irgendwann. Ich war weder besonders schlecht noch besonders gut darin. Vor allem aber war ich viel zu schüchtern, um meine Zeichnungen jemandem zu zeigen. Ich wusste nicht, wie ich reagieren würde, wenn jemand sie tatsächlich betrachtete und anschließend seine ehrliche Meinung dazu abgab. Vielleicht würde ich irgendwann den Mut dazu finden. Vielleicht würde Kitsune sogar der erste Mensch sein, dem ich eines meiner Bilder zeigte.
      Noch mehr erwärmte mir jedoch ein anderer Teil seiner Nachricht das Herz. Er hatte mich wegen meines ehrlichen Satzes über mich selbst nicht verurteilt. Im Gegenteil, er hatte mich sogar aufgemuntert. Dadurch fühlte ich mich im Nachhinein nicht mehr ganz so unwohl damit, ihm erzählt zu haben, dass ich mich in der Schule manchmal vor anderen Menschen versteckte. Meine Finger begannen zu tippen.
      „Sag das lieber meinem Sportlehrer, der das anscheinend anders sieht T.T . Leider kann ich meine Note nicht mit mündlichem Einsatz verbessern.“
      Ich musste bei dem Gedanken daran leise schmunzeln. Wenn Sport doch nur genauso funktionieren würde wie Mathe. Ich hätte liebend gerne einfach eine zusätzliche Aufgabe gelöst und damit meine schlechte Leistung ausgeglichen. Doch leider war mein Sportlehrer dieser Ansicht offenbar nicht. Trotzdem war ich froh, endlich Pause zu haben.
      Ich verließ das Klassenzimmer, nachdem der Lehrer hinter mir abgeschlossen hatte, und machte mich auf den Weg zu meinem Spind. Dort legte ich meine Bücher ab und nahm stattdessen die Sachen für die nächsten Stunden heraus. So musste ich später nicht noch einmal quer durch die Schule laufen. Gerade als ich meinen Spind schließen wollte, rempelte mich jemand an der Schulter an. Ich zuckte erschrocken zusammen und drehte mich um. Zwei mir unbekannte Jungen lachten, als sie meinen Blick bemerkten, und gingen einfach weiter, als wäre nichts passiert. Nichts Neues. Trotzdem ärgerlich. Ich sah ihnen noch einen Moment hinterher, bevor ich leise ausatmete und beschloss, mich nicht weiter damit zu beschäftigen.
      Mit meinen Sachen in den Armen verließ ich das Schulgebäude und suchte mir eine der Bänke, die im Schatten standen. Die Sonne war angenehm warm, doch ich bevorzugte den Schatten. Dort fühlte ich mich weniger beobachtet und konnte mich besser zurückziehen.
      Die Bank neben mir war bereits von zwei Schülern besetzt. Das störte mich nicht. Solange niemand versuchte, ein Gespräch mit mir anzufangen, war mir die Anwesenheit anderer Menschen ziemlich egal.
      Bevor ich meine Kopfhörer in die Ohren stecken konnte, fing ich jedoch Gesprächsfetzen der beiden auf. Aus irgendeinem Grund hörte ich zu.
      „Ich hab gehört, Alex Miller hat wieder jemanden gemobbt, weil er ihm im Weg stand. Angeblich hat er ihn so heftig gegen die Wand geschubst, dass der sich was aufgerieben hat.“
      Ich hielt kurz inne. Den Namen kannte ich. Und das dazugehörige Gesicht ebenfalls. Alex Miller war einer dieser Menschen, deren Namen man kannte, ohne jemals wirklich mit ihnen gesprochen zu haben. Star der Schulmannschaft, sportlich und ständig von irgendwelchen Gerüchten umgeben. Er bewegte sich in einer Welt, die mit meiner eigenen kaum etwas gemeinsam hatte. Ich kannte ihn allerdings viel zu wenig, um beurteilen zu können, was davon stimmte. Gerüchte verbreiteten sich an meiner Schule schließlich schneller als jede tatsächliche Information. Aus einem Streit wurde innerhalb eines Tages eine Prügelei und aus einer unbedachten Bemerkung konnte schnell eine ganze Geschichte entstehen.
      Vielleicht stimmte es. Vielleicht auch nicht. Es interessierte mich eigentlich nicht sonderlich. Bis heute hatte ich nichts mit Alex Miller zu tun gehabt und ich sah keinen Grund, daran etwas zu ändern.
      Ich steckte mir die Ohrstöpsel in die Ohren und ließ die Musik langsam die Stimmen um mich herum verdrängen. Danach legte ich mein Handy neben mich und holte meinen kleinen Skizzenblock heraus. Lesen lohnte sich für die kurze Pause nicht. Bis ich richtig in der Geschichte angekommen wäre, würde ohnehin schon wieder die nächste Stunde beginnen. Also zeichnete ich. Ohne wirklich darüber nachzudenken, ließ ich meinen Bleistift über das Papier gleiten. Ein paar Linien entstanden, wurden wieder verwischt und anschließend neu angesetzt. Es war nichts Bestimmtes. Nur eine Beschäftigung, die meine Hände beschäftigte und meine Gedanken ruhig hielt.
      Kitsune würde vermutlich gerade von seinen Freunden umgeben sein. Zumindest stellte ich es mir so vor. Vielleicht saß er irgendwo mit ihnen zusammen, lachte oder redete über Dinge, von denen ich nichts wusste. Deshalb erwartete ich auch nicht, dass er sofort antworten würde.
      Mein Blick wanderte trotzdem kurz über den Schulhof. Dabei blieb er für einen Moment an den Cheerleadern hängen. Sie standen einige Meter entfernt zusammen, unterhielten sich und lachten miteinander. Ich betrachtete sie nur kurz, bis eines der Mädchen meinen Blick bemerkte und mir eine leicht genervte Grimasse zuwarf. Sofort sah ich wieder auf meinen Skizzenblock. Na toll. Ich hatte nicht einmal etwas getan.
      Die Cheerleader gehörten ebenso zu einer anderen Welt wie die Mitglieder der Schulmannschaft. Gelenkig, beliebt, attraktiv und sportlich. Eigenschaften, die ich bei mir selbst wohl kaum aufzählen würde. Ich schüttelte kaum merklich den Kopf. Lieber blieb ich in meiner eigenen kleinen Welt. Soweit ich wusste, gingen Cheerleader und Mitglieder der Schulmannschaft häufig miteinander aus. Zumindest war es das Bild, das ich aus Filmen und den Gesprächen anderer kannte. Irgendwie schien es beinahe wie eine unausgesprochene Regel zu sein. Und plötzlich schlich sich ein anderer Gedanke in meinen Kopf. Ob Kitsune wohl auch schon einmal mit einem Cheerleader zusammen gewesen war? Ich hielt mitten in meiner Zeichnung inne. Warum interessierte mich das überhaupt? Ich wusste nicht einmal, ob Kitsune überhaupt eine Freundin hatte. Ich kannte nicht seinen richtigen Namen, wusste nicht, wie er aussah. Ich wusste nur das, was er mir freiwillig erzählte. Trotzdem war die Frage plötzlich da. Vielleicht verhielten sich Cheerleader in Wirklichkeit überhaupt nicht so, wie man es aus Filmen kannte. Vielleicht war das alles nur ein Klischee. Ich begann, den Gedanken weiterzuspinnen, obwohl ich eigentlich wusste, dass ich damit vermutlich nirgendwo hinkommen würde. Irgendwann bemerkte ich, dass ich schon viel zu lange auf dieselbe Stelle auf meinem Papier starrte. Ich seufzte leise.
      „Was mache ich hier eigentlich?“, murmelte ich kaum hörbar. Ich legte den Bleistift beiseite und griff schließlich doch nach meinem Handy. Nur ein kurzer Blick. Nur um sicherzugehen. Vielleicht hatte Kitsune ja inzwischen geantwortet.
      Digital Art Bilder Pinnwände

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    • Das dumpfe Scheuern des Reißverschlusses, als ich mein Schulheft in den Rucksack stopfte, riss mich aus der Benommenheit nach der Geschichtsstunde. Der Druck auf meiner Brust war unerträglich geworden. Die Worte von Frau Sanders dröhnten wie ein ständiges Crescendo in meinen Ohren. Sie werden das Schuljahr nicht bestehen. Sie werden sitzen bleiben.
      Ich starrte sekundenlang auf meine zitternden Hände. Ein Zittern, das nicht von der kühlen Schulflurluft stammte, sondern von der puren Angst vor dem, was zu Hause passieren würde, wenn dieses Urteil besiegelt war. Ich wusste genau, was auf mich wartete: das Ausrasten meiner Mutter, die Fahne aus billigem Rotwein, das Schneiden ihrer Stimme und die Schläge, die mich am Ende wieder versuchen lassen würden, im Schatten meines eigenen Zimmers zu verschwinden.

      Mein Finger strich über das Display meines Handys. Ich hatte den Text für Moony schon halb im Kopf formuliert. Ich wollte sie fragen. Ich wollte sie so dringend um Hilfe bitten. Sie war meine einzige Hoffnung, die einzige Person, deren Verstand ich vertraute und die mich niemals wie ein Schulversager behandeln würde. Doch bevor meine Daumen auch nur den ersten Buchstaben tippen konnten, hielt ich inne.
      Nein. Noch nicht.

      Die Angst, sie mit meinen Problemen zu überfordern oder – noch schlimmer – meine Anonymität vorschnell aufzugeben und damit den letzten sicheren Hafen meines Lebens zu zerstören, schnürte mir die Kehle zu. Mit einem leisen, bitteren Ausatmen schob ich das Handy ungeschaut zurück in die Jackentasche. Ich brauchte erst einmal Abstand. Einen Moment, um meine Gedanken zu ordnen, bevor ich ihr ein echtes, ehrliches Hilfeersuchen schickte.
      Ich warf mir den Rucksack über die intakte, rechte Schulter und verließ das Klassenzimmer. Kaum trat ich auf den breiten Flur des Hauptgebäudes, schlug mir das vertraute Getöse der großen Pause entgegen. Das Dröhnen von Stimmen, das Zuschlagen von Spindtüren, das Lachen und das schleifende Geräusch hunderter Turnschuhe auf dem Linoleumboden.
      Ich setzte meine Maske auf. Die Schultern zurück, die Kappe etwas tiefer ins Gesicht gezogen, der Blick starr und unnahbar nach vorne gerichtet. Es war wie das Überstreifen eines schweren Schutzpanzers.
      „Yo, Alex! Bro!“

      Eine Hand schlug mir heftig auf die gesunde Schulter. Ich zuckte nicht einmal mit der Wimper, obwohl die Erschütterung bis in meine geprellten Rippen ausstrahlte. Es war Marcus, einer der Außenstürmer unseres Fußballteams, begleitet von zwei anderen Jungs aus der Mannschaft. Sie trugen alle ihre scharlachroten Teamjacken und grinsten mich breit an. Um sie herum scharwenzelten zwei Jungs aus der Elften, die sich offensichtlich extrem cool dabei vorkamen, im Schatten der „Fußball-Stars“ über den Flur zu stolzieren.

      „Gutes Training gestern, Man!“, rief Marcus und machte eine spielerische Boxer-Bewegung gegen meine Brust, die ich gekonnt mit einem Schritt zur Seite parierte. „Der Trainer meinte, wenn du Freitag so spielst wie letzte Woche, hauen wir die Rivalen komplett weg!“

      „Klar machen wir das“, antwortete ich. Meine Stimme klang rau, tief und absolut selbstbewusst – so, wie sie es hören wollten. Es war eine perfekt einstudierte Rolle.
      „Ey, Miller“, schaltete sich einer der jüngeren Kerle ein, während er versuchte, meine Haltung zu kopieren und die Hände lässig in den Taschen vergrub. „Stimmt das eigentlich mit dem Typen aus der Parallelklasse? Man erzählt sich auf dem Hof, du hättest ihn am Kiosk komplett fertiggemacht, weil er dir im Weg stand!“
      Die Jungs lachten auf. Marcus grinste anerkennend und schüttelte den Kopf. „Ey, Alex ist halt kein Typ, mit dem man sich anlegt. Wer im Weg steht, fliegt!“

      Ich spürte, wie sich ein bitterer Geschmack in meinem Mund ausbreitete. Wer im Weg steht, fliegt. Wenn sie nur ahnen würden. Nicht eine einzige dieser Geschichten war wahr. Ich hatte jemanden gegen die Wand geschubst? Ja, verdammt, das hatte ich – vor zwei Tagen in der Quergasse. Aber nicht, weil er mir im Weg stand, sondern weil drei Ältere ihn eingekesselt hatten und ich dazwischengegangen war. Und der Typ hatte sich nichts „aufgerieben“, weil ich ihn gemobbt hatte, sondern weil er im Getümmel gestolpert war, während ich mir an seiner Statt zwei Schläge in die Nieren abgeholt hatte.
      Ich prügelte mich nicht aus Freude an der Gewalt. Ich wurde verprügelt – zu Hause, von der Frau, die mich eigentlich lieben sollte. Und auf den Straßen landete ich in Streitigkeiten, weil ich es einfach nicht ertragen konnte, wenn Stärkere auf Schwächere eintraten. Ich stahl kein Essensgeld, ich war kein Störenfried, und ich mobbte niemanden. Doch die Schule brauchte ihren Bösewicht, ihre Legende. Und ich ließ ihnen das Theaterstück. Die Rolle des gefährlichen Bad Boys beschützte mich vor noch mehr Neugier. Sie verhinderte, dass jemand zu nah an mich herankam und die Wunden unter meiner Kleidung sah.

      „Glaubt nicht jeden Scheiß, den die Leute quatschen“, sagte ich lässig, mit einem schiefen, überheblichen Grinsen, das die Distanz sofort wieder herstellte. „Ich habe Wichtigeres zu tun, als mich mit Halbstarken abzugeben. Wir sehen uns auf dem Platz.“

      Ich nickte ihnen kurz zu, klopfte Marcus brüderlich auf den Oberarm und wandte mich ab. Sie riefen mir noch ein paar Sprüche hinterher, stolz darauf, mit dem Kapitän gesprochen zu haben. Ich beschleunigte meine Schritte. Ich musste hier raus. Das Stimmengewirr im Flur schnürte mir die Kehle zu.

      Ich ging durch die gläsernen Schiebetüren hinaus ins Freie. Die Sonne stand hoch über dem Schulgelände, doch die Frühlingsluft trug eine angenehme Kühle mit sich. Ich mied den belebten Hauptplatz und steuerte die weitläufigen Parkanlagen an, die sich hinter dem Hauptgebäude erstreckten. Hier verzweigten sich die Wege zwischen alten Kirschbäumen, japanischen Ahorngewächsen und breiten Rasenflächen, die von gepflegten Holzstegen durchzogen waren. Es war eine der wenigen Zonen der Schule, wo man für ein paar Minuten atmen konnte.

      Als ich an einer großen Rasenfläche vorbeikam, fiel mein Blick auf eine Gruppe von Mädchen. Es waren die Cheerleader der Schule, leicht zu erkennen an ihren auffälligen Teamfarben. Sie standen in einem Kreis auf dem Rasen, unterhielten sich lautstark, lachten und machten gelegentlich Dehnübungen. Sie verkörperten genau das, was an dieser Schule als das obere Ende der Nahrungskette galt: beliebt, attraktiv, immer im Mittelpunkt.

      Ich würdigte sie keines Blickes. Ich hielt den Kopf geradeaus gerichtet und ging mit gleichmäßigen, schweren Schritten auf dem Kiesweg an ihnen vorbei.

      Genau diese Ignoranz bewirkte natürlich das Gegenteil. Für Mädchen, die es gewohnt waren, dass ihnen jeder Junge auf dem Hof nachstarrte, war ein Typ, der einfach an ihnen vorbeiging, eine Provokation. Ich spürte, wie das Lachen in der Gruppe verstummte. Aus dem Augenwinkel sah ich, wie sich zwei von ihnen umdrehten, mir neugierige, leicht genervte Blicke nachwarfen und flüsternd die Köpfe zusammensteckten. Eine zog Augenbrauen hoch, verärgert darüber, dass der gefürchtete Fußballkapitän sie keines Blickes gewürdigt hatte.

      Es war mir völlig egal. Sie lebten in einer künstlichen Welt aus Glamour und Beliebtheit, die mir so fremd war wie der Mond. Sie interessierten mich nicht. Keine von ihnen.
      Ich ging weiter, bis die Bäume den Lärm des Schulhofs etwas abdämpften. Schließlich blieb ich an einer alten Steinmauer stehen, die den Übergang zu einem ruhigeren Teil der Parkanlage markierte. Ein paar Meter weiter saßen vereinzelt Schüler auf den Bänken im Schatten, doch ich achtete nicht auf sie.

      Ich lehnte mich mit dem Rücken gegen den kühlen Stein der Mauer, holte tief Luft und zog endlich mein Handy aus der Tasche. Der Druck in meiner Brust war noch immer da, aber jetzt, in der Stille des Parks, fand ich die Worte, die mir vorhin gefehlt hatten.

      Ich öffnete den Chat mit Moony. Ihre letzte Nachricht stand noch da, ehrlich und aufmunternd wie immer. Bei dem Gedanken an sie wich die Kälte aus meinen Gliedern. Ich brauchte sie. Ich brauchte ihre Hilfe. Und ich war bereit, alles dafür zu geben.

      Meine Daumen flogen über die Tastatur. Der Text formulierte sich fast wie von selbst, getrieben von einer Mischung aus Verzweiflung, Vertrauen und dieser tiefen Zuneigung, die ich längst für sie empfand:

      „Moony... ich muss dir etwas gestehen. Meine ‚epische Niederlage gegen die Geschichtshausaufgaben‘ war leider keine Übertreibung. Mein Geschichtslehrer hat mich gerade nach der Stunde abgefangen. Die Lage ist katastrophal. Ich stehe so tief im Roten Bereich, dass ich das Schuljahr nicht bestehen werde, wenn ich nicht ab sofort intensive Nachhilfe bekomme.“

      Ich hielt kurz inne, schluckte den Kloß in meinem Hals hinunter und tippte weiter. Jedes Wort kostete Mut, doch die Gewissheit, dass sie mich nicht verurteilen würde, gab mir die nötige Kraft:

      „Ich bin absolut am Ende mit meinem Latein. Wenn ich sitzen bleibe, bricht für mich zu Hause die Hölle los – und das meine ich leider wortwörtlich. Ich brauche dringend jemanden, der mir hilft, diesen Stoff in meinen Kopf zu kriegen. Und du bist die Einzige, an die ich denken kann. Du bist schlau, du drückst dich großartig aus und ich vertraue dir mehr als irgendwem sonst auf dieser Welt.“

      Ich atmete tief durch, stützte mich mit einer Hand an der Mauer ab und setzte die entscheidenden Zeilen darunter:

      „Ich weiß, dass das eine riesige Bitte ist. Ich weiß auch, dass das bedeuten würde, dass wir unsere Anonymität aufgeben müssten, wenn wir uns tatsächlich treffen. Aber ich bin verzweifelt, Moony. Wenn du mir hilfst... ich schwöre dir, ich würde alles dafür tun. Ich gebe dir alles, wonach du fragst. Egal ob ich dir bei irgendetwas helfen kann, dir Gefallen schulde oder was auch immer du dir wünschst. Bitte... sag mir einfach, ob du dir das vorstellen könntest. Du bist meine einzige Rettung.“

      Ich starrte auf den Text. Die Worte saßen da, unumstößlich und verletzlich. Es war das größte Wagnis meines Lebens. Ich bot ihr an, die Maske fallen zu lassen, vor der sich die ganze Schule fürchtete.

      Mit einem leisen Zögern, aber ohne den Versuch zu wagen, irgendetwas davon wieder zu löschen, drückte ich auf Senden.

      Das kleine Aufleuchten bestätigte den Versand. Ich lehnte den Kopf nach hinten gegen die Steinmauer, schloss für einen kurzen Augenblick die Augen und lauschte dem Rascheln der Blätter im Wind. Der Ball lag nun in ihrer Hälfte. Und während ich darauf wartete, dass das Handy in meiner Hand vibrierte, klopfte mein Herz so laut, dass es selbst das Rauschen der Kirschbäume übertönte.
    • Es war noch keine Nachricht angekommen. Ich lag wohl mit meiner Vermutung richtig, doch ich nahm es ihm natürlich nicht übel. Ich wusste, wie es war, keine Freunde zu haben, und deshalb war ich eher froh darüber, dass er nicht auf sich allein gestellt war wie ich. Auch wenn ich es mehr oder weniger gewohnt war, meine Pausen allein zu verbringen, bedeutete das nicht, dass ich mir nicht manchmal wünschte, jemanden zu haben, mit dem ich meine Zeit verbringen konnte. Jemanden, mit dem ich mich unterhalten, lachen oder am Wochenende etwas unternehmen konnte. Einfach jemanden, bei dem es sich selbstverständlich anfühlte, gemeinsam Zeit zu verbringen, so wie es bei den meisten anderen hier zu sein schien.
      Doch mittlerweile hatte ich aufgegeben, darauf zu hoffen. Ich kannte mich selbst. Ich wusste, wie ich mich gegenüber Menschen verhielt, mit denen ich noch nie zuvor gesprochen hatte. Es fühlte sich beinahe so an, als hätte ich verlernt, wie man auf andere zuging. In meinem Kopf rasten viel zu viele Gedanken gleichzeitig. Was, wenn ich etwas Falsches sagte? Was, wenn ich mein Gegenüber langweilte? Was, wenn ich mich blamierte und die Person danach nichts mehr mit mir zu tun haben wollte? Allein der Gedanke daran reichte meistens aus, damit ich mich noch weiter zurückzog.
      Ich seufzte leise und ließ meinen Blick über den Schulhof wandern. Im besten Fall würde irgendwann jemand auf mich zukommen, mich einfach mitnehmen und mir dabei helfen, aus meiner Schale zu kommen. Doch das war wohl nur Wunschdenken. Selbst wenn jemand das tatsächlich versuchen würde, wusste ich nicht, ob ich es zulassen könnte. Vielleicht musste ich selbst den ersten Schritt machen. Nur wusste ich noch nicht, wie.
      Also blieb mir wohl nichts anderes übrig, als meine jetzige Situation zu akzeptieren. Ein kleiner Hoffnungsschimmer war allerdings noch da. Vielleicht würde nach der Schule alles anders werden. Wenn ich an die Universität ging, würde ich neue Menschen kennenlernen. Niemand dort würde wissen, wer ich an meiner Highschool gewesen war. Vielleicht konnte ich dann noch einmal von vorne anfangen und meine Art ein wenig verändern. Vielleicht würde ich dort Freundschaften schließen können. Doch das war eine Sorge für später.
      Während ich noch in meinen Gedanken hing, bemerkte ich für einen Moment das Vibrieren meines Handys nicht. Erst beim zweiten Mal zuckte mein Blick zu meiner Tasche. Ich atmete tief durch, als könnte ich dadurch meinen Kopf von all den wirren Gedanken befreien, bevor ich die bestmögliche Antwort auf Kitsunes Nachricht formulierte.
      Als ich den Chat öffnete, war ich zunächst überrascht, wie lang seine Nachricht war. Ich hatte sie noch nicht einmal vollständig gelesen und war bereits beunruhigt. Meine letzte Nachricht hatte eigentlich keinen Grund gegeben, so viel zu schreiben. Zumindest dachte ich das. Sofort begann mein Kopf, sich das Schlimmste auszumalen.
      Beruhig dich. Lies erst einmal, ermahnte ich mich selbst. Also begann ich zu lesen. Satz für Satz, langsam und aufmerksam.
      Mein Magen zog sich zusammen, als er im ersten Absatz von seinen schlechten Noten erzählte. Ich kannte dieses unangenehme Gefühl. Auch wenn ich nicht das Problem hatte, dass mein Vater wegen einer schlechten Note wütend auf mich wurde, fühlte es sich trotzdem nicht besser an. Vielleicht sogar schlimmer. Nicht, weil er Verständnis für mich hatte, sondern weil es ihm schlichtweg egal war. Manchmal wäre es mir sogar lieber gewesen, wenn er sich über mich geärgert hätte. Wut bedeutete immerhin, dass ich ihm nicht vollkommen gleichgültig war. Doch eine schlechte Note war nichts im Vergleich dazu, eine ganze Stufe wiederholen zu müssen.
      Ich konnte nachempfinden, wie sehr Kitsune unter diesem Druck stehen musste. Mir ging es mit meiner Sportnote ähnlich, auch wenn bei mir bisher keine direkte Versetzungsgefahr bestand. Der Gedanke daran, dass meine Zukunft von etwas abhängen könnte, worin ich mich so hilflos fühlte, machte mir selbst schon genug Angst.
      Beim zweiten Absatz war ich ein wenig verwirrt. Gleichzeitig fühlte ich mich geschmeichelt, dass er eine so hohe Meinung von mir hatte. Ich wusste allerdings nicht recht, wie ich ihm wirklich helfen sollte. Ich kannte ihn nicht persönlich und hatte noch nicht einmal seine Stimme gehört. Ich konnte ihm Tipps geben, seine Fragen beantworten und ihm beim Lernen helfen, aber ob das tatsächlich ausreichen würde, um ihn durch das Fach zu bringen, wusste ich nicht.
      Meine Unsicherheit wurde jedoch durch seinen letzten Absatz beantwortet. Mit jedem weiteren Wort schlug mein Herz schneller und lauter gegen meine Brust. Ich konnte seine Verzweiflung beinahe zwischen den Zeilen spüren. Kitsune war so offen zu mir, wie er es zuvor noch nie gewesen war. Es fühlte sich beinahe so an, als würde er mir etwas von sich zeigen, das er normalerweise sorgfältig vor anderen versteckte. Und ich fühlte mich geehrt. Nicht, weil es mir gefiel, dass es ihm schlecht ging, sondern weil er mir genug vertraute, um mir davon zu erzählen. Doch seine eigentliche Bitte ließ mich erstarren. Er wollte, dass ich ihm beim Lernen half. Im echten Leben. Damit würde die Anonymität zwischen uns verschwinden. Die Anonymität, die unsere Freundschaft bisher geschützt hatte. Ich wusste nicht, wer er war, und er wusste nicht, wer hinter Moon steckte. Genau das hatte es mir ermöglicht, mich ihm gegenüber so zu öffnen. Ich hatte keine Angst davor, dass er mich in der Schule anders ansehen würde. Keine Angst davor, dass er mich für langweilig hielt oder sich fragte, warum ich kaum mit anderen sprach. Doch wenn wir uns tatsächlich trafen, konnte sich das alles verändern. Eine leichte Panik breitete sich in meiner Brust aus. Was, wenn sein Bild von mir in dem Moment zerbrach, in dem er mich sah? Was, wenn er enttäuscht war? Was, wenn er feststellte, wie schüchtern und zurückhaltend ich tatsächlich war? Wenn er sah, wie ich mich in der Schule verhielt und wie wenig ich mit anderen zu tun hatte? Was, wenn er plötzlich merkte, was für ein Loser ich eigentlich war?
      Unbewusst biss ich auf meine Unterlippe, bis sie anfing zu schmerzen. Ich wollte ihm helfen. Natürlich wollte ich das. Nach allem, was er mir anvertraut hatte, nach all den Gesprächen und nachdem er mir selbst so oft das Gefühl gegeben hatte, nicht ganz allein zu sein, war es das Mindeste, was ich für ihn tun konnte. Außerdem war Lernen für mich nie das größte Problem gewesen. Ich wusste, dass ich ihm helfen konnte. Doch gleichzeitig war mir unsere Freundschaft wichtig. Viel wichtiger, als ich mir vielleicht eingestehen wollte. Ich wollte ihn nicht verlieren. Und genau deshalb machte mir diese Bitte solche Angst.
      Gleichzeitig fragte ich mich, warum er nicht einen seiner vielen Freunde um Hilfe bat. Er hatte doch Menschen um sich. Vielleicht waren sie nicht unbedingt die besten Schüler, aber ein wenig Unterstützung hätten sie ihm doch geben können. Vielleicht reichte das schon, damit er das Schuljahr irgendwie schaffte. Warum also ich?
      Ich legte mein Handy auf meinen Schoß. Der Chat blieb geöffnet, während ich meine Hände vor mein Gesicht hielt und versuchte, meinen Herzschlag zu beruhigen. Ich war vollkommen hin und her gerissen. Auf der einen Seite war da seine verletzliche Art, dieses beinahe flehende Vertrauen, das er mir entgegenbrachte. Auf der anderen Seite war da mein Wunsch, unsere Freundschaft genau so zu bewahren, wie sie bisher gewesen war. Ich hatte Angst davor, was passieren würde, wenn er herausfand, wer Moon war. Vielleicht würde er enttäuscht sein. Vielleicht würde er danach Abstand halten. Vielleicht würde unsere Freundschaft genau in dem Moment enden, in dem sie für mich begonnen hatte, wirklich etwas zu bedeuten. Ich rieb mir mit einer Hand die Schläfe, während meine andere mit dem kleinen Mondanhänger an meinem Armband spielte. Mein ganzer Körper kribbelte vor Nervosität. Ich fühlte mich, als hätte man mich in eine Entscheidung gedrängt, bei der jede Möglichkeit Konsequenzen hatte. Doch wie konnte ich seine Bitte ablehnen?
      Wie konnte ich einfach Nein sagen, obwohl er mir so deutlich gezeigt hatte, wie wichtig es für ihn war? Wenn ich ihm helfen konnte und es trotzdem nicht tat, würde ich vielleicht später mit dem Gedanken leben müssen, dass ich etwas hätte verhindern können. Ich wollte nicht mit diesem Gewissen leben.
      Also nahm ich mein Handy wieder in die Hand und begann zu tippen, während meine Gedanken weiterhin durcheinanderliefen.
      „Oh Gott, das hört sich echt nicht gut an. Das ist so viel Druck. Das muss schrecklich für dich sein.“
      Ich hielt inne. Las den Satz noch einmal. Dann legte ich das Handy wieder zur Seite. Was sollte ich noch schreiben? In meinem Kopf hatte ich meine Antwort längst formuliert. Tief in mir wusste ich eigentlich schon, was ich tun wollte. Ich hatte nur Angst davor, es tatsächlich auszusprechen. Nach einigen Sekunden nahm ich das Handy wieder.
      „Ich weiß ehrlich gesagt nicht, womit ich dein Lob verdient habe, aber es freut mich wirklich, dass du so positiv von mir denkst.“
      Wieder hielt ich inne. Ich lehnte meinen Kopf zurück und blickte durch das Blätterdach des Baumes über mir. Zwischen den vielen grünen Blättern fielen einzelne Sonnenstrahlen hindurch und zeichneten helle Flecken auf den Boden.
      Wenn ich jetzt nicht antwortete, würde ich wahrscheinlich wieder einen Rückzieher machen. Ich kannte mich. Ich würde anfangen zu zweifeln, mir Gründe einreden, warum ich es nicht tun sollte, und am Ende würde ich die Nachricht vielleicht überhaupt nicht mehr abschicken. Also zwang ich mich, weiterzuschreiben.
      „Es muss dir echt schwer gefallen sein, das alles so offen zuzugeben, und ich sehe, wie wichtig dir die Sache ist. Ich will natürlich nicht, dass du in der Schule oder zu Hause Schwierigkeiten bekommst. Das hast du nicht verdient. Und es bedeutet mir wirklich viel, dass du mir das so offen erzählst und mich um Hilfe bittest.“
      Ich atmete tief ein. Meine Finger schwebten kurz über der Tastatur.
      „Um ehrlich zu sein, weiß ich nicht, ob ich der Sache gewachsen bin. Ich schreibe zwar gute Noten, aber ich habe noch nie jemandem Nachhilfe gegeben. Und die ganze Sache scheint ziemlich kritisch zu sein.“
      Ich las die Nachricht noch einmal. Dann setzte ich erneut an.
      „Aber ich will dir helfen. Natürlich. Wie könnte ich da Nein sagen?“
      Die Worte fühlten sich erschreckend ehrlich an. Vielleicht war das meine letzte Chance, ihm gegenüber wirklich vollkommen ehrlich zu sein. Vielleicht würde sich danach etwas zwischen uns verändern. Ich wusste es nicht. Aber wenn sich etwas verändern musste, wollte ich wenigstens nicht lügen. Nicht ihm gegenüber und auch nicht mir selbst. Ich schrieb weiter.
      „Ich habe meine Bedenken, ja. Ich habe Angst davor, dass wir uns sehen. Aber das ist zweitrangig. Viel wichtiger ist, dass wir das schaffen. Und wenn du weiterhin der Meinung bist, dass ich gut genug bin, dir helfen zu können, mache ich das natürlich gerne.“
      Ich zögerte ein letztes Mal.
      „Du musst mir dafür keinen Gefallen tun oder mir irgendetwas zurückgeben. Ich mache das, weil ich es möchte und nicht, weil ich dafür etwas bekommen will. Sag mir einfach, wann und wo.“
      Mein Herz schlug bis zu meinem Hals. Ich starrte auf die Nachricht. Ein Teil von mir wollte sie wieder löschen. Einfach alles zurücknehmen, so tun, als hätte ich sie nie geschrieben. Doch bevor mein Kopf mir eine weitere Gelegenheit gab, Zweifel zu entwickeln, drückte ich auf Senden. Die Nachricht verschwand aus dem Eingabefeld.
      Abgeschickt.
      Ich legte mein Handy sofort in meine Tasche, als könnte ich die Konsequenzen meiner eigenen Entscheidung dadurch ein wenig hinauszögern. Vielleicht würde ich es bereuen. Vielleicht würde ich mich irgendwann fragen, warum ich nicht einfach Nein gesagt hatte. Doch tief in mir wusste ich, dass es die richtige Entscheidung gewesen war. Zumindest für ihn. Und vielleicht auch für mich.
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    • Das dumpfe Vibrieren in meiner Jackentasche traf mich wie ein elektrischer Schlag. Ich starrte noch eine gefühlte Ewigkeit auf das dichte Blätterdach der Kirschbäume im Schulpark, das Display in meiner Hand krampfhaft umschlossen. Mein Herz hämmerte in einem rasenden, unbarmherzigen Rhythmus gegen meine Rippen. Jede Sekunde des Warten schien sich wie eine kleine Ewigkeit zu dehnen, in der mein Verstand die schrecklichsten Szenarien durchspielte. Sie würde Nein sagen. Sie würde denken, ich sei ein Ausnutzer. Sie würde Abstand nehmen.

      Als der Bildschirm endlich aufleuchtete und der Namensschriftzug Moon über das Glas glitt, hielt ich unwillkürlich den Atem an. Ich schob die Panik mit aller Gewalt beiseite, löste die Sperre und begann zu lesen.
      Satz für Satz.

      Mit jedem Wort, das meine Augen überflogen, fühlte es sich an, als würde eine Zentnerlast von meinen Schultern abfallen. Die Anspannung, die meine Muskeln den ganzen Morgen über verkrampft hatte, löste sich in einer einzigen, gewaltigen Welle der Erleichterung auf. Sie hatte nicht Nein gesagt. Sie verurteilte mich nicht. Trotz all ihrer eigenen Bedenken, trotz der Angst vor dem Verlust unserer Anonymität – sie war bereit, mir zu helfen.

      Ein langes, zitterndes Ausatmen entwich meiner Brust. Ich lehnte mich fester gegen die kühle Steinmauer der Parkanlage, strich mir mit einer Hand fest über das Gesicht und entgegnete der kalten Morgenluft ein leises, aber von ganzem Herzen kommendes Flüstern:

      „Moony... du rettest mir verdammt noch mal den Arsch.“

      Die Worte verhallten im Rascheln der Blätter um mich herum. Ich blickte mich kurz um. Ein paar Meter entfernt, unter dem Schatten eines großen Baumes auf einer der Parkbänke, saß ein Mädchen über ihren Skizzenblock gebeugt. Ich achtete nicht weiter auf sie, war viel zu sehr in meiner eigenen Welt gefangen, um registrieren zu können, wer dort saß oder ob sie mein leises Stoßseufzen überhaupt gehört haben könnte.
      In genau diesem Moment riss mich der schrille, unerbittliche Pausengong aus meinen Gedanken. Das Signal für die nächste Stunde dröhnte über den gesamten Schulhof und versetzte die schlendervollen Schülermassen augenblicklich wieder in Bewegung.

      Ich schob das Handy blitzschnell zurück in meine Lederjacke, warf mir die Schultasche über die Schulter und schlug den Weg zurück zum Hauptgebäude ein. Ich ging mit zügigen, weiten Schritten an der Parkbank vorbei, streifte die Umgebung nur flüchtig mit einem unnahbaren Blick und reihte mich in den Strom der Mitschüler ein, die durch die großen Glasschiebetüren ins Innere drängten. Mein Atem ging noch immer unregelmäßig, aber der Eiskloß der Panik, der mich seit dem Gespräch mit Frau Sanders gelähmt hatte, war endlich aufgetaut.

      Der Weg durch den vollen Flur fühlte sich diesmal anders an. Die neugierigen Blicke, das leise Tuscheln der Cheerleader-Gruppe an der Treppe, die respektvollen Ausweichbewegungen der Jüngeren – all das zog an mir vorbei wie ein stummer Schwarz-Weiß-Film. Sollten sie reden. Sollten sie sich Geschichten über den gefürchteten Alex Miller ausdenken. Keiner von ihnen wusste, was wirklich zählte. Keiner von ihnen hatte die leiseste Ahnung von dem Mädchen, das mir gerade eine lebensrettende Hand gereicht hatte.

      Ich betrat den Klassenraum für die nächste Unterrichtsstunde – Chemie. Der Raum roch nach Putzmitteln und künstlichen Aromen aus den Experimentierkästen. Ich steuerte zielgerichtet meinen Stammplatz in der letzten Reihe am Fenster an, zog den Stuhl zurück und ließ mich nieder. Der Lehrer, Herr Bauer, stand bereits an der Tafel und begann ohne Umschweife, die chemischen Verbindungen der organischen Chemie an die Wand zu zeichnen.
      Normalerweise wäre ich in dieser Stunde komplett ausgestiegen. Ich hätte starr aus dem Fenster geblickt, die Zähne zusammengebissen und versucht, den brennenden Schmerz an meinen Rippen zu ignorieren, während meine Gedanken im Kreis um das Schreckensszenario zu Hause gekreist wären. Doch diesmal war mein Kopf seltsam fokussiert.

      Ich holte mein Handy unter der Schulbank hervor, schirmte das Display geschickt vor den Blicken des Lehrers ab und begann zu tippen. Die Zeilen, die Moony mir geschrieben hatte, gingen mir nicht aus dem Kopf. Besonders ihre Unsicherheit und ihre Angst vor unserem Treffen stachen mir ins Auge. Sie hatte Angst, dass ich enttäuscht sein könnte. Sie hatte Angst, dass ihr Bild in meinen Augen zerbrechen würde.
      Wenn sie nur ahnen würde.

      Ich setzte den Daumen auf die Tastatur und begann, die Antwort zu formulieren. Es war mir scheißegal, ob Herr Bauer mich beim Tippen erwischte. In diesem Moment gab es absolut nichts Wichtigeres auf der Welt als dieses Gespräch.

      „Moony... ich weiß gar nicht, wie ich dir danken soll. Ehrlich nicht. Als ich deine Nachricht gelesen habe, ist mir ein Stein vom Herzen gefallen, der gefühlt so schwer war wie das gesamte Schulgebäude. Du hast absolut keinen Blassen davon, was mir das bedeutet.“

      Ich hielt kurz inne, um den Unterricht im Auge zu behalten. Herr Bauer hatte der Klasse den Rücken zugewandt und schrieb eine komplexe Reaktionsgleichung auf. Ich nutzte die Chance und tippte hastig weiter:

      „Ich verstehe deine Bedenken vollkommen. Wirklich. Und glaub mir, wir MÜSSEN das nicht tun, wenn es dir zu viel wird oder du dich damit unwohl fühlst. Ich will dich zu absolut gar nichts drängen. Das Letzte, was ich will, ist, dass du wegen mir Bauchschmerzen bekommst. Aber die Wahrheit ist einfach: Du bist mir von allen Menschen am nächsten. Du bist die Einzige, der ich vollkommen vertraue.“

      Ein schwerer Seufzer entwich mir, während ich auf die Tastatur starrte. Die Bitterkeit meiner realen Welt ergoss sich in die nächsten Zeilen, ganz ohne die harte Maske, die ich sonst vor der Schule trug:

      „Ausser dir habe ich sonst niemanden, der mich für voll nehmen würde, wenn ich um Hilfe bitte. Für alle anderen hier bin ich entweder nur der Typ auf dem Spielfeld oder jemand, um den man besser einen Bogen macht. Niemand kümmert sich darum, wie es hinter der Fassade aussieht. Niemand nimmt mich ernst, wenn ich sage, dass ich am Abgrund stehe. Du bist die Einzige, die mich wirklich SEHT – auch wenn wir uns noch nie gegenübergestanden haben.“

      Ich atmete tief durch, stützte meine Stirn kurz auf die freie Handfläche und zwang mich, ihre Sorgen direkt anzusprechen:

      „Und was deine Angst angeht, dass ich enttäuscht sein könnte... bitte mach dir darüber keinen einzigen Gedanken. Du kannst mich nicht enttäuschen, Moony. Egal wer du bist, egal wie du dich in der Schule verhältst oder wie schüchtern du glaubst zu sein: Für mich bist du der Mensch, der mir in meiner dunkelsten Stunde die Hand reicht. Das wird sich durch kein Aussehen und durch keine Schüchternheit der Welt ändern. Ich werde dich niemals verurteilen.“

      Ich blickte kurz auf den Monitor an der Wand, wo Herr Bauer gerade eine Frage an die Klasse stellte. Ein paar Streber schossen nach oben. Ich wandte mich wieder dem Handydisplay zu und beendete die Nachricht mit den organisatorischen Details, nach denen sie gefragt hatte:

      „Wenn du wirklich bereit bist, diesen Schritt zu wagen... wie wäre es mit dem kommenden Samstag? Es gibt in der Innenstadt, etwas abseits vom großen Trubel, diese kleine, alte Stadtbibliothek am Park. Das Gebäude mit den großen Holztüren und den ruhigen Lernecken im oberen Stockwerk. Dort ist es fast immer leer, und niemand wird uns stören. Wir könnten uns am frühen Nachmittag dort treffen. Sag mir einfach, ob dir das recht ist oder ob du einen anderen Ort bevorzugst. Und noch einmal: Danke, Moony. Du bist unglaublich.“

      Ich las den Text ein letztes Mal durch. Die Worte fühlten sich extrem intim an, nackt und voller verletzlicher Wahrheit. Doch es gab kein Zurück mehr. Ich wollte nicht mehr lügen, wollte mich nicht mehr hinter coolen Sprüchen verstecken. Ich drückte auf Senden.
      Das kleine Symbol zeigte an, dass die Nachricht raus war. Ich schob das Handy zurück unter meinen Oberschenkel und lehnte mich im Stuhl zurück.

      Die Chemie-Stunde zog sich zäh wie Kaugummi dahin. Herr Bauer sprach über Molekularstrukturen und Bindungsenergien, aber in meinem Kopf existierten nur zwei Dinge: Das Bild dieser ruhigen Bibliothek am Samstag und die beängstigend schöne Gewissheit, dass ich in wenigen Tagen endlich erfahren würde, wer sich hinter den Worten verbarg, die mein Leben gerettet hatten.

      Ich strich mir unbewusst über das abgenutzte Lederarmband an meinem Handgenlenk und sah aus dem Fenster. Der Frühlingswind wirbelte ein paar einzelne Blütenblätter durch die Luft. Der Samstagnachmittag schien noch meilenweit entfernt, doch zum ersten Mal seit vielen Monaten verspürte ich keine Angst vor der Zukunft – sondern eine tiefe, klopfende Erwartung.
    • Die Nervosität, die sich in meinem Körper ausgebreitet hatte, wollte einfach nicht nachlassen. Auch nachdem ich die Nachricht abgeschickt hatte, blieb diese unangenehme Unruhe in meiner Brust. Ich machte mir Sorgen darüber, wie Kitsune meine Worte aufnehmen würde. Und selbst wenn er sich trotz meiner Angst tatsächlich dafür entschied, mich treffen zu wollen, wartete noch eine weitere Herausforderung auf mich: die Nachhilfe.
      Ich hatte nicht gelogen, als ich ihm geschrieben hatte, dass ich bisher noch nie jemandem Nachhilfe gegeben hatte. Ich wusste nicht, wie man jemandem etwas richtig beibrachte. Natürlich konnte ich den Schulstoff verstehen, doch das bedeutete nicht automatisch, dass ich ihn auch verständlich erklären konnte. Dazu kannte ich Kitsunes Schwächen noch nicht. Ich wusste nicht, wie er am besten lernte, woran er besonders oft scheiterte oder welche Methoden bei ihm überhaupt funktionierten. Es war eine wichtige Aufgabe. Je nachdem, wie ich mich anstellte, konnte es tatsächlich Auswirkungen darauf haben, ob er die Klasse schaffen würde oder nicht. Damit lag nicht nur die Angst vor unserem Treffen auf meinen Schultern, sondern gleichzeitig auch die Verantwortung, seine Note irgendwie zu retten.
      Was hatte ich mir da eigentlich wieder eingebrockt?
      Ich hatte etwas getan, von dem ich vor wenigen Stunden nicht einmal geträumt hätte. Und jetzt wusste ich nicht, wie das Ganze enden würde oder welche Konsequenzen daraus entstehen könnten. Doch ich hatte seine Bitte angenommen. Ich konnte schlecht im nächsten Moment wieder einen Rückzieher machen. So sehr mich die ganze Situation bereits beschäftigte, bezweifelte ich, dass ich mich für den Rest des Schultages noch richtig konzentrieren konnte.
      Ich atmete hörbar aus und setzte mich wieder aufrecht hin, als die Schulklingel durch den Flur schrillte. Für einen Moment starrte ich ins Leere, bis jemand an mir vorbeilief und mich dadurch aus meinen Gedanken riss. Für einen kurzen Augenblick glaubte ich, ein bekanntes Gesicht gesehen zu haben, doch ich verwarf den Gedanken sofort wieder. Es spielte keine Rolle. Ich hatte hier keine Freunde.
      Ich packte meine Sachen zusammen und machte mich auf den Weg zum nächsten Unterrichtsraum. Diesmal achtete ich besonders darauf, niemandem zu nahe zu kommen. Ich hatte keine Lust, ausgerechnet jetzt vor allen anderen zur Lachnummer zu werden. Ich hatte bereits genug Sorgen auf meinem Teller. Eine peinliche Show musste wirklich nicht noch dazukommen.
      Nachdem ich mich erfolgreich an den anderen Schülern vorbeigeschlängelt hatte, ohne jemanden anzurempeln, betrat ich den Raum für den Englischunterricht. Ein Fach, das mich nicht sonderlich interessierte. Zu meinem Glück bedeutete das allerdings auch, dass ich keine Angst haben musste, etwas Wichtiges zu verpassen, wenn meine Gedanken zwischendurch abschweiften.
      Ich legte meine Tasche auf einen der Tische, holte meine Hefte und das Buch heraus und legte alles ordentlich vor mir ab. Danach setzte ich mich hin und wartete darauf, dass die Lehrerin kam. Obwohl ich bisher nur eine Doppeltunterrichtsstunde überstanden hatte, war ich schon wieder bereit, nach Hause zu gehen. Es war genug Aufregung für einen einzigen Tag.
      Zu meiner Erleichterung dauerte es nicht lange, bis die Lehrerin erschien und mit dem Unterricht begann. Diesmal lagen meine Hände auf meinem Schoß, wodurch ich jede Vibration meines Handys sofort spüren würde. Normalerweise würde ich niemals riskieren, während des Unterrichts Nachrichten zu schreiben. Dafür war mir meine Ruhe viel zu wichtig. Doch heute war es anders. Das Thema ließ mich einfach nicht los. Der Austausch mit Kitsune war mir in diesem Moment zu wichtig, als dass ich eine ganze Doppelstunde hätte verstreichen lassen können, ohne zu wissen, was er mir geschrieben hatte. Heute würde ich eine Ausnahme machen. Doch zunächst kam nichts. Also blieb mir keine andere Wahl, als der Lehrerin zuzuhören. Zumindest versuchte ich es. Die Worte gingen in ein Ohr hinein und schienen im nächsten Moment wieder aus meinem Kopf zu verschwinden. Ich nahm kaum etwas von dem auf, was sie sagte. Immer wieder wanderte mein Blick zu meinem Handy. Der Bildschirm blieb schwarz, und trotzdem sah ich bestimmt alle paar Minuten nach, als könnte ich durch das dunkle Display hindurch erkennen, ob Kitsune mir geschrieben hatte. Ich wusste selbst, wie albern das war. Und trotzdem konnte ich es nicht lassen.
      Als mein Handy schließlich vibrierte, zuckte ich so heftig zusammen, dass ich beinahe mein Buch vom Tisch gestoßen hätte. Sofort schielte ich zur Lehrerin. Sie saß an ihrem Pult und blätterte in ihrem Buch. Zum Glück hatte sie meine Reaktion nicht bemerkt.
      Erleichtert nahm ich mein Handy etwas näher zu mir und öffnete vorsichtig den Chat. Ein zierliches Lächeln legte sich auf meine Lippen, als ich den ersten Teil seiner Nachricht las. Ich konnte mir gut vorstellen, wie erleichtert er sein musste. Wenn tatsächlich so viel für ihn auf dem Spiel stand, musste meine Zusage für ihn wie ein Rettungsring wirken. Allein dieser Gedanke ließ mich meine Entscheidung nicht bereuen. Trotzdem überraschte mich, wie sehr er darauf bestand, dass ich zu nichts verpflichtet war. Er hatte mir erzählt, wie wichtig die Sache für ihn war und was passieren konnte, wenn er die Stufe nicht schaffte, und trotzdem wollte er nicht, dass ich mich unter Druck gesetzt fühlte. Er war vielleicht wirklich zu nett für sein eigenes Wohl. mDoch die letzten beiden Sätze seiner Nachricht ließen mein Herz plötzlich schneller schlagen. Nicht, weil ich seine Worte abstoßend fand. Ganz im Gegenteil. Es war vielmehr die Erkenntnis, dass ich offenbar eine solche Bedeutung für ihn hatte.
      Bis zu diesem Moment war ich davon ausgegangen, dass unsere Gespräche hauptsächlich mir halfen. Ich hatte mich durch ihn weniger allein gefühlt. Ich hatte jemanden, mit dem ich lachen und schreiben konnte, jemanden, dem ich Dinge erzählen konnte, ohne ständig Angst haben zu müssen, wie er darüber dachte. Doch offenbar ging es ihm genauso. Dieser Gedanke traf mich unerwartet. Ich fühlte mich beinahe verlegen. Vorhin war ich selbst ehrlich zu ihm gewesen, doch seine Worte waren auf eine andere Weise ehrlich. Viel direkter. Viel persönlicher. Fast schon zu intim, als dass ich gewusst hätte, wie ich darauf reagieren sollte. Und seine Ehrlichkeit schien dort noch lange keinen Halt zu machen.
      Er erzählte mir Dinge, mit denen ich nicht gerechnet hatte, und plötzlich bekam das Bild, das ich mir von ihm gemacht hatte, Risse.
      Bisher hatte ich automatisch angenommen, dass er durch den Sport ständig von Menschen umgeben war. Dass er in seinem Team Freunde hatte, die ihn bewunderten, ihn unterstützten und wahrscheinlich jederzeit bereit waren, ihm beim Lernen zu helfen. Vielleicht waren es keine besonders tiefgründigen Freundschaften, aber zumindest hatte ich angenommen, dass er genügend Menschen um sich hatte, an die er sich wenden konnte. Doch seine Worte passten nicht ganz zu diesem Bild. Es fiel mir schwer, mir vorzustellen, dass Menschen tatsächlich einen Bogen um ihn machten. Ich verstand nicht, warum.
      Kitsune versuchte anschließend, mir meine Sorge zu nehmen. Dafür war ich ihm dankbar, auch wenn ich wusste, dass seine Worte meine Angst nicht einfach verschwinden lassen würden. Sie würde wahrscheinlich bis zu dem Tag bleiben, an dem wir uns tatsächlich gegenüberstanden. Denn Meinungen konnten sich verändern. Menschen konnten sich anders verhalten, sobald sie jemanden wirklich vor sich hatten. Trotzdem beruhigten mich seine zuversichtlichen Worte ein wenig. Vielleicht machte ich mir tatsächlich mehr Gedanken, als notwendig waren.
      Sein Vorschlag für einen Ort zum Lernen schien ebenfalls gut zu sein. Eine bessere Idee hätte ich ohnehin nicht gehabt. Ich war vielleicht schon einmal daran vorbeigelaufen, doch die Fassade des Gebäudes hatte sich bei mir eingeprägt. Deshalb wusste ich sofort, welchen Ort er meinte. Ich schielte vorsichtig nach vorne. Die Lehrerin schien noch immer in ihr Buch vertieft zu sein. Also öffnete ich erneut den Chat und begann zu tippen.
      „Es ist wirklich kein Problem, mach dir keine Sorgen. Es ist nichts Weltbewegendes, schließlich gebe ich dir nur Nachhilfe. Am Ende des Tages hängt es davon ab, wie du die Sache angehst und wie viel Mühe du dir gibst. Aber ich bin mir sicher, dass du das schaffen wirst. Danke aber für deine lieben Worte.“
      Ich las es mir durch. Es klang irgendwie viel kürzer als seine Nachricht.Aber was sollte ich sonst schreiben? Wenn ich jetzt noch mehr hinzufügen würde, würde ich mich wahrscheinlich nur wiederholen. Ich wollte schließlich nicht wie eine kaputte Schallplatte klingen, die immer wieder dieselben Dinge abspielte.
      Also schrieb ich noch:
      „Aber der Ort hört sich gut an. Dort können wir uns gerne treffen. Schrieb mir dann nur ein Tag vorher um wie viel wir anfangen wollen. Ich bin da flexibel.“
      Mein Finger schwebte einen Moment über dem Senden Button. Dann drückte ich darauf. Sofort legte ich mein Handy wieder weg, bevor ich noch erwischt werden konnte. Und plötzlich war mein Kopf leer.
      All die Worte, die ich Kitsune noch hätte schreiben können, waren verschwunden. Ich hatte mich so sehr auf diese Entscheidung konzentriert, dass ich nun überhaupt nicht mehr wusste, was ich denken oder fühlen sollte. Vielleicht musste ich mich einfach erst einmal von meiner eigenen Entscheidung erholen. Ich hatte gerade zugestimmt, ihn zu treffen. Ich hatte tatsächlich zugestimmt. Der Gedanke allein ließ mein Herz wieder schneller schlagen. Am liebsten hätte ich einfach die Zeit vorgespult.
      Ich wollte diesen Tag überspringen und direkt zu dem Moment gelangen, an dem alles vorbei war. Dann müsste ich nicht mehr darüber nachdenken, wie unser erstes Treffen aussehen würde. Ich müsste nicht mehr darüber nachdenken, was er von mir halten würde oder ob unsere Freundschaft danach noch genauso sein würde wie vorher. Ich wollte einfach nur nach Hause. In mein Zimmer. In meine sichere, kleine Welt. Und gleichzeitig wusste ich, dass ich diesen Tag nicht einfach überspringen konnte. Irgendwann würde ich Kitsune gegenüberstehen. Und dann würde ich herausfinden, ob das, was zwischen uns entstanden war, auch außerhalb eines Bildschirms bestehen konnte. Ich schüttelte den Kopf und verwraf den Gedanken sofort. Der beliebtee Sportschüler und eine Looserin? Nein. ich erwartete auch nicht, dass wir dann in der Schule so tun werden als würden wir uns kennen. Viel mehr erwartete ich, dass er mir vorschlagen wird, dass wir uns in der Schule aus den Weg gehen würden, sodass keine unangenehme Aufmerksamkeit auf ihn fiel und er nicht von unendlichen Fragen überhäuft wird, wie er eine Looserin wie mich kannte. Das wollte ich Kitsune nicht antun und auch wenn er mich nicht darum bat, weil es ihm womöglich zu unangenehm war das zu tun, konnte ich genug zwischen den Zeilen lesen, um zu wissen, dass er das wollen würde. Solange wir weiterhin - angenommen wir würde uns nach dem Sehen trotzdem verstehen - miteinander schrieben und die Dynamik zwischen uns nicht veränderte, reichte es mir auch aus unsere Freundschaft nur online zu führen.
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      ૮ ˶ᵔ ᵕ ᵔ˶ ა
    • Ein leises Schnellen der Handytastatur war das Einzige, was ich wahrnahm, während Herr Bauers Stimme im Hintergrund zu einem monotonen Grundrauschen verblasste. Meine Finger zuckten leicht über das Display, als die Nachricht von Moon endlich einzog.
      Ich las ihre Worte. Und dann las ich sie noch einmal.

      Ein schlagartiger, beinahe berauschender Welle der Erleichterung durchströmte meine Brust. Mein Herz, das die ganze Stunde über wie ein gefangenes Tier gegen meine Rippen geschlagen hatte, schien für einen kurzen Augenblick stillezustehen – nur um danach in einem glücklichen, befreiten Rhythmus weiterzuschlagen. Ein breites, völlig unwillkürliches Grinsen breitete sich auf meinem Gesicht aus. Ich musste mir krampfhaft die Hand vor den Mund halten und so tun, als würde ich mich hüsteln, um nicht laut auszuatmen oder vor Erleichterung aufzulachen.
      Sie hatte zugesagt. Sie hatte tatsächlich Ja gesagt.

      „Dort können wir uns gerne treffen. Schreib mir dann nur ein Tag vorher um wie viel Uhr wir anfangen wollen. Ich bin da flexibel.“
      Diese einfachen, schnörkellosen Zeilen fühlten sich an wie ein Rettungsanker, der mir mitten in einem tobenden Sturm zugeworfen wurde. Es war nicht nur die Zusage für die Nachhilfe – es war die Gewissheit, dass sie mich nicht im Stich ließ. Sie wich nicht zurück. Sie schreckte nicht vor meiner Verzweiflung ab. Trotz all ihrer eigenen Unsicherheiten reichte sie mir die Hand.
      Mein Daumen flog über den Bildschirm. Ich konnte und wollte die absolute Freude, die mich in diesem Augenblick erfüllte, gar nicht mehr hinter der üblichen Distanz verstecken. Meine Antwort spiegelte genau das wider, was in mir vorging – eine ungefilterte, ehrliche Welle der Dankbarkeit:

      „Moony, du hast absolut keine Ahnung, was für ein gigantischer Stein mir gerade vom Herzen fällt! Ich könnte dich durch den Bildschirm hindurch umarmen, ohne Witz. Danke, danke, danke! Ich verspreche dir, ich werde mich knallhart dahinterklemmen. Ich werde alles büffeln, was du mir vorlegst, und dir nicht eine Sekunde deine Zeit stehlen. Samstag steht felsenfest. Ich schreibe dir Freitagabend direkt die genaue Uhrzeit. Du bist wirklich meine Rettung!“

      Ich drückte auf Senden und lehnte mich im Stuhl zurück. Für etwa zwei Minuten fühlte ich mich unbesiegbar. Die Welt im Chemieraum wirkte plötzlich hell, fast schon friedlich. Die Angst vor Frau Sanders’ Drohung, die Panik vor dem Versagen und vor den Konsequenzen zu Hause – all das war für einen kurzen, kostbaren Moment wie weggewischt.

      Ich schob das Handy zurück unter meinen Oberschenkel und starrte auf die grüne Wandtafel. Mein Grinsen verblasste langsam. Und genau in diesem Vakuum der Stille, als die erste Welle der puren Erleichterung abebbte, kroch die Realität zurück in meinen Kopf.
      Erst langsam. Dann immer schneller. Bis sie mich mit der vollen Wucht eines Güterzugs traf.
      Samstag.

      Das war in nicht einmal drei Tagen.
      Mein Blick verankerte sich starr an den chemischen Formeln an der Tafel, doch ich nahm nicht ein einziges Zeichen mehr wahr. Ein kalter Schauer lief mir langsam den Rücken hinab und ließ die Haare auf meinen Armen zu Berge stehen. Die Euphorie verdampfte in sekundenschnelle und machte einer Lähmung Platz, die viel tiefer saß als die Angst vor einer schlechten Geschichtsnote.

      Was hatte ich da eigentlich getan?

      Ich hatte sie überredet. Ich hatte sie so lange bequatscht und ihr mein Leid geklagt, bis sie nicht mehr Nein sagen konnte. Sie, die mir selbst gestanden hatte, wie schüchtern sie war. Sie, die ihre Anonymität wie einen Schutzschild vor sich her trug. Ich hatte diesen Schutzschild mit meiner Verzweiflung einfach eingerissen.
      Mein Magen zog sich zu einem harten, schmerzhaften Knoten zusammen. Die Anspannung, die vorhin noch von mir abgefallen war, kehrte zurück – nur verdoppelt, verdreifacht, vervielfacht.

      Tausend Gedanken schossen im Bruchteil von Sekunden durch meinen Kopf, jeder einzelne gefährlicher und düsterer als der vorherige.
      Was, wenn sie mich am Samstag sah und im selben Moment wieder umdrehte?

      Sie kannte mein Gesicht nicht. Sie wusste nicht, dass „Kitsune“ in der echten Welt Alex Miller war. Der Typ, über den an dieser verfluchten Schule die abartigsten Gerüchte kursierten. Der Typ, den alle für einen gewalttätigen Schläger hielten, für einen arroganten Sportler, der andere gegen Wände schubste und sich mit Gewalt holte, was er wollte. Was, wenn sie genau dieses Image im Kopf hatte? Was, wenn sie am Samstag die Treppe der Bibliothek hochstieg, mich dort sitzen sah und sofort realisierte, mit wem sie die letzten Wochen geschrieben hatte?
      Ich stellte mir die Szene bildlich vor, und die Vorstellung ließ mir das Blut in den Adern gefrieren: Sie würde an der Stufe stehen bleiben. Ihr Blick würde von meinem Gesicht zu meiner Lederjacke wandern. Der Schrecken würde sich in ihren Augen spiegeln. Sie würde erkennen, dass der sensible, aufrichtige „Kitsune“ aus dem Chat in Wahrheit das schreckliche Monster aus den Schulflurgerüchten war.

      Und dann würde sie fliehen.

      Sie würde sich einfach umdrehen, die Treppe hinunterrennen und nie wieder ein Wort mit mir sprechen. Sie würde den Chat löschen. Sie würde mich blockieren. Sie würde aus meinem Leben verschwinden – für immer.
      Ein bitterer, galliger Geschmack stieg in meiner Kehle auf. Ich schluckte schwer. Meine Hände unter dem Schultisch ballten sich zu Fäusten, bis die Knöchel weiß hervortraten und die Fingernägel sich schmerzhaft in meine Handflächen bohrten.

      Ich brauchte ihre Hilfe. Verdammt, ich brauchte sie so dringend. Ohne sie war meine Schullaufbahn zu Ende, ohne sie würde meine Welt zu Hause in Schutt und Asche versinken. Aber in diesem Moment wurde mir mit erschreckender Klarheit klar, dass die Nachhilfe nur ein winziger Bruchteil dessen war, was auf dem Spiel stand.

      Ich wollte ihre Hilfe. Aber noch viel mehr... ich wollte sie nicht verlieren.

      Was auch immer das war, was wir in den letzten Wochen aufgebaut hatten – diese späten Chats tief in der Nacht, diese ungeschönte Ehrlichkeit, dieses Gefühl, dass da draußen irgendwo ein Mensch existierte, der mich verstand, ohne mich zu verurteilen – es war das Einzige in meinem Leben geworden, das echt war. Das Einzige, was mir Halt gab, wenn alles andere um mich herum zusammenbrach. Es war mein einziger sicherer Zufluchtsort in einem Leben voller Gewalt, Druck und gespielter Fassaden.

      Und genau diesen Ort hatte ich gerade selbst auf das Spielbrett gelegt.

      Warum war ich nur so gierig gewesen? Warum hatte ich mein Maul nicht gehalten? Ich hätte mir einfach einen bezahlten Nachhilfelehrer suchen können. Irgendeinen Studenten, irgendeinen Fremden. Stattdessen hatte ich Moony in den Abgrund gezogen, in dem ich mich selbst befand.

      Wenn sie mich sah und mich verabscheute... wenn sie den Ekel in ihren Augen nicht verbergen konnte... wie sollte ich das überstehen? Es war eine Sache, wenn die Deppen auf dem Schulflur mich für einen Schläger hielten. Es war mir scheißegal, was die Cheerleader, die Fußballer oder die Lehrer von mir dachten. Ihre Meinungen berührten mich nicht, weil sie nicht an mich heranreichten.

      Aber Moony? Wenn sie mich mit denselben Augen ansehen würde wie der Rest der Schule – als jemanden, vor dem man Angst haben musste, als einen Fremden, den man lieber meidet – dann würde das etwas in mir zerbrechen, das ich nie wieder zusammenflicken konnte.

      Ich rieb mir mit einer Hand starr über die Stirn und presste die Lippen so fest aufeinander, dass sie schmerzten. Mein Blick hing noch immer auf dem Notizbuch vor mir, aber die Linien verschwammen vor meinen Augen.
      Was, wenn sie am Samstag kam, aber sofort Distanz aufbaute? Was, wenn die Magie unserer Gespräche in dem Moment verflog, in dem wir im selben Raum saßen? Was, wenn sie merkte, wie kaputt ich wirklich war? Wie beschädigt mein Leben außerhalb der Schule aussah?
      Ich spürte, wie die Panik langsam von meiner Brust in meinen Hals kroch und mir die Luft abschnürte. Die Anspannung stieg unaufhaltsam, wuchs zu einer unüberwindbaren Wand an. Ich war gefangen in meinem eigenen Kopf, gefangen zwischen der brennenden Sehnsucht, das Mädchen kennenzulernen, das mein Leben gerettet hatte, und der schrecklichen Angst, dass diese Begegnung der Anfang vom Ende unserer Freundschaft sein würde.
      „Herr Miller?“

      Die Stimme von Herr Bauer drang plötzlich wie durch eine dicke Schicht Wasser an mein Ohr.
      Ich schreckte auf. Mein Kopf zuckte nach oben. Der ganze Klassenraum starrte mich an. Herr Bauer stand mit verschränkten Armen vor der Tafel und sah mich prüfend über den Rand seiner Brille hinweg an.

      „Da Sie ja so aufmerksam mitarbeiten“, sagte er mit einem leicht ironischen Unterton, „könnten Sie uns sicher sagen, wie sich die funktionelle Gruppe der Alkanole zusammensetzt?“
      Ich starrte ihn an. Für zwei Sekunden war es totstill im Raum. Ein paar Jungs in den vorderen Reihen grinsten bereits verschmitzt, bereit, das übliche Scheitern des Fußballkapitäns zu belauern.

      Ich schluckte die Panik herunter. Die Maske schob sich wie von selbst wieder über mein Gesicht. Der kalte, unnahbare Blick. Das schiefe, fast schon gleichgültige Lächeln.

      „Hydroxylgruppe. -OH“, antwortete ich trocken und ohne mit der Wimper zu zucken. Ich hatte keine Ahnung, woher ich das wusste – wahrscheinlich aus irgendeiner Notiz, die ich vor Wochen mal überflogen hatte.

      Herr Bauer blinzelte überrascht, nickte dann kurz und wandte sich wieder der Tafel zu. „Richtig. Nächstes Mal passen Sie trotzdem bitte wieder mit dem Kopf im Unterricht auf.“
      Die Klasse wandte sich ab. Das Getuschel verflog.

      Ich atmete langsam und leise durch die Nase aus. Meine Hand wandte sich unter dem Tisch wieder dem Handy zu. Das Display war schwarz. Es gab keine neue Nachricht. Die Entscheidung war getroffen. Der Würfel war gefallen.
      Ich lehnte mich tief in meinen Stuhl zurück und starrte wieder aus dem Fenster. Der Wind wirbelte die Blüten auf dem Schulhof umher. Samstag. In drei Tagen würde ich wissen, ob ich mein Leben gerettet oder die einzige Sache zerstört hatte, die mir noch etwas bedeutete. Und bis dahin würde mich diese Ungewissheit von innen heraus auffressen.
    • Mein Handy lag weiterhin griffbereit bei mir, doch ich versuchte, mich auf den Unterricht zu konzentrieren. Was mäßig gut funktionierte. Die Lehrerin hatte beschlossen, mit der gesamten Klasse zu arbeiten, wodurch ihr Blick viel zu oft durch den Raum wanderte. Ich konnte es mir daher nicht leisten, nachzusehen, wer mir geschrieben hatte. Außerdem hatte ich mir über die Jahre einen guten Ruf bei den Lehrern aufgebaut. Ruhig, zuverlässig, gute Noten. Ich wollte dieses Bild nicht wegen einer einzigen Nachricht zerstören.
      Als mein Handy erneut vibrierte, ignorierte ich es deshalb. Ich wusste ohnehin, von wem die Nachricht stammen musste. Es gab niemanden sonst, der mir während des Unterrichts schreiben würde. Kitsune war der einzige Kontakt, bei dem ich überhaupt darauf wartete, dass mein Handy aufleuchtete.
      Trotzdem zog sich die Stunde quälend in die Länge. Immer wieder wanderte mein Blick kurz zur Uhr, nur um festzustellen, dass kaum Zeit vergangen war. Ich seufzte erleichtert, als die Lehrerin schließlich das Ende der Stunde ankündigte. Wie ich bereits vermutet hatte, gab es heute nicht sonderlich viel Neues zu lernen. Wir hatten hauptsächlich Übungsaufgaben gemacht, die ich problemlos lösen konnte. Fehler hatte ich kaum gemacht. Meine Gedanken waren ohnehin viel zu sehr mit anderen Dingen beschäftigt, als dass ich heute besonders viel Neues hätte aufnehmen können. Deshalb war ich fast dankbar, dass es ausgerechnet Englisch gewesen war. Bei einem Fach wie Physik oder Mathematik hätte ich mir niemals erlaubt, so unkonzentriert zu sein.
      Eine richtige Pause lag allerdings nicht zwischen den Stunden. Also blieb mir nichts anderes übrig, als direkt in den nächsten Raum zu gehen. Dort angekommen, ließ ich mich auf meinen Platz sinken, stellte meine Tasche neben den Tisch und holte endlich mein Handy hervor.
      Kitsunes Nachricht.
      Schon beim Lesen musste ich wieder lächeln. Ich konnte beinahe spüren, wie erleichtert und dankbar er über meine Zusage war. Noch wichtiger war allerdings, dass er tatsächlich vorhatte, sich beim Lernen anzustrengen. Das war schließlich die Grundlage für alles. Ich konnte ihm noch so viel erklären, wenn er selbst nicht bereit war, die Arbeit zu machen, würde meine Hilfe nicht viel bringen. Andererseits hatte ich Kitsune auch nicht so eingeschätzt, als würde er die Sache auf die leichte Schulter nehmen. Dafür hatte er viel zu verzweifelt um meine Hilfe gebeten.
      Meine Finger begannen zu tippen.
      „Es ist wirklich nicht der Rede wert. Ich werde mein Bestes geben, eine gute Nachhilfelehrerin zu sein ;D
      Ich fügte den Smiley hinzu, um die Stimmung ein wenig aufzulockern. Ob es funktionieren würde, wusste ich nicht. Aber einen Versuch war es wert. Die Nachricht war abgeschickt und für einen Moment starrte ich noch auf den Bildschirm. Eigentlich hatte sich an dem Problem nichts geändert. Ich würde Kitsune treffen. Ich würde erfahren, wer hinter all den Nachrichten steckte. Und er würde dasselbe über mich erfahren. Allein der Gedanke daran ließ mein Herz wieder ein wenig schneller schlagen.
      Ich schob das Handy schließlich zurück in meine Tasche und folgte meiner üblichen Routine, bis der Unterricht begann. Zu meiner Erleichterung zog sich diese Stunde nicht annähernd so quälend in die Länge wie die vorherige. Ich konnte mich besser konzentrieren, machte akribisch meine Notizen und arbeitete mich durch die Aufgaben. Für ein paar Minuten gelang es mir sogar, Kitsune und das bevorstehende Treffen aus meinen Gedanken zu verbannen.
      Dann ertönte die Schulklingel. Mittagspause. Zu meinem Leidwesen bedeutete das auch die Zeit des Tages, die ich am liebsten vermied.
      Die Cafeteria war schon aus dem Klassenzimmer heraus zu hören. Stimmen, Gelächter, Stühle, die über den Boden geschoben wurden. Alles vermischte sich zu einem einzigen lauten Geräusch. Für die meisten Schüler war die Mittagspause vermutlich der beste Teil des Schultages. Für mich war sie eher eine Prüfung, die ich jeden Tag aufs Neue bestehen musste. Überall saßen Schüler in Gruppen. Freunde, die sich gegenseitig von ihrem Wochenende erzählten, sich über Lehrer beschwerten oder einfach nur zusammen lachten. Ich hatte keine solche Gruppe. Und selbst wenn irgendwo ein freier Platz gewesen wäre, hätte ich mich wahrscheinlich nicht getraut, mich dort hinzusetzen. Allein an einem Tisch zu sitzen fühlte sich für mich unangenehm sichtbar an. Als würde jeder sofort erkennen, dass ich niemanden hatte. Deshalb kaufte ich mir normalerweise etwas an der Theke und aß draußen. Dort war es ruhiger. Ich fiel weniger auf und musste mich nicht mit der Frage beschäftigen, wohin ich mich setzen sollte.
      Da ich keine Lust auf langes Warten hatte, packte ich meine Sachen schnell zusammen und verließ das Klassenzimmer. Falls Kitsune mir währenddessen geschrieben hatte, würde ich die Nachricht später lesen. Erst musste ich etwas zu essen bekommen und einen Platz finden.
      Ich wich den anderen Schülern so gut es ging aus, während ich meine Tasche etwas fester an mich drückte. Ich wollte niemanden anrempeln und schon gar nicht wieder unfreiwillig die Aufmerksamkeit auf mich ziehen. Also schlängelte ich mich vorsichtig durch die Menge und stellte mich schließlich in die Schlange. Ich war etwas später dran, weil unser Lehrer tatsächlich bis zum Klingeln unterrichtet hatte. Für mich spielte das allerdings keine große Rolle. Ich hatte ohnehin niemanden, mit dem ich mich treffen wollte. Mein Blick wanderte durch die Cafeteria und blieb schließlich an einer Gruppe hängen, die gerade den Raum betrat. Die Cheerleader. Sie stellten sich selbstverständlich an die vorderste Stelle der Schlange. Niemand beschwerte sich. Einige Schüler machten ihnen sogar bereitwillig Platz. Es war offensichtlich, dass ihre Beliebtheit ihnen gewisse Privilegien verschaffte. Vermutlich hofften einige der anderen Schüler darauf, durch ihre Nähe ebenfalls ein wenig von dieser Beliebtheit abzubekommen. Ich verdrehte leicht die Augen. Ich verstand diesen Wunsch einfach nicht. Warum wollte jeder unbedingt beliebt sein? Warum waren diese Mädchen automatisch wichtiger als andere, nur weil sie hübsch, sportlich und bekannt waren? Mein Blick blieb einen Moment an ihnen hängen, bevor ich den Kopf leicht schüttelte. Es hatte nichts mit mir zu tun. Und es würde vermutlich auch nie etwas mit mir zu tun haben. Also gab es keinen Grund, darüber nachzudenken.
      Geduldig wartete ich in der Schlange. Da ich keine Nachrichten lesen wollte und auch sonst nichts hatte, womit ich mich beschäftigen konnte, blieb mir nur, auf den Rücken der Person vor mir zu starren. Eine unglaublich spannende Beschäftigung. Irgendwann war ich an der Reihe. Ich nahm mir lediglich ein Sandwich und einen Keks. Keine richtige Mahlzeit, aber ich hatte keine Lust, eine Schüssel Suppe durch die halbe Cafeteria zu balancieren und dabei womöglich noch etwas zu verschütten. Nachdem ich bezahlt hatte, wollte ich mich gerade umdrehen, als plötzlich ein lautes Klirren durch den Raum hallte. Erschrocken zuckte ich zusammen. Mein Blick wanderte sofort in Richtung des Geräusches.
      Eine Gruppe von Jungs stand dort. Einer von ihnen saß auf dem Boden und sah erschrocken zu einem anderen Jungen hinauf. Ich erkannte ihn sofort. Alex Miller. Der Name, den ich heute Morgen bereits gehört hatte. Die Jungs neben ihm lachten. Einer sagte etwas, doch ich konnte es wegen des anschwellenden Gemurmels in der Cafeteria nicht verstehen. Dafür drangen Gesprächsfetzen aus den umliegenden Gruppen zu mir durch. Alex hatte ihm ein Bein gestellt. Es war derselbe Junge, über den ich offenbar bereits am Morgen gesprochen gehört hatte. Angeblich hatte Alex ihn schon einmal gemobbt. Nun sollte er ihm erneut gezeigt haben, dass er die Sache nicht vergessen hatte. Ich zog leicht die Augenbrauen zusammen.
      Ich hatte nicht gesehen, was passiert war. Deshalb konnte ich nicht beurteilen, ob es wirklich Absicht gewesen war. Wenn ich mir Alex' Körperhaltung ansah, war ich mir nicht einmal sicher, ob er in diesem Winkel überhaupt bewusst ein Bein hätte stellen können. Der Junge saß außerdem in einer seltsamen Richtung auf dem Boden. Und selbst wenn Alex seinen Fuß tatsächlich ausgestreckt hatte, konnte es genauso gut ein Versehen gewesen sein. Die Cafeteria war nicht besonders groß. Wenn mehrere Menschen nebeneinander zwischen den Tischen hindurchgingen, war es nicht gerade ungewöhnlich, jemanden zu berühren oder ihm versehentlich im Weg zu stehen. Ich beobachtete die Situation noch einen Moment. Vielleicht stimmte das Gerücht. Vielleicht auch nicht. Am Ende des Tages war es nicht mein Problem. Ich wandte mich ab und verließ die Cafeteria. Vielleicht war diese Gruppe tatsächlich genau das, was man aus den Filmen kannte. Die typische Sportmannschaft, die glaubte, ihr würde die ganze Schule gehören. Vielleicht waren die Geschichten über Alex wahr. Vielleicht waren sie auch maßlos übertrieben. Ich wusste es nicht. Und eigentlich wollte ich es auch gar nicht wissen. Die Sportmannschaft und die Cheerleader gehörten beide zu einer Welt, die mir vollkommen fremd war. Einer Welt voller Aufmerksamkeit, Freundschaften, Beziehungen und Menschen, die scheinbar immer jemanden hatten, mit dem sie reden konnten.
      Ich hatte meine eigene kleine Welt. Bücher. Zeichnen. Musik. Und inzwischen Kitsune. Mehr brauchte ich nicht. Zumindest redete ich mir das ein.
      Draußen suchte ich mir einen ruhigen Platz im Schatten. Die Sonne war inzwischen deutlich wärmer geworden, und ich war froh, einen Ort gefunden zu haben, an dem ich nicht direkt in ihrem Licht sitzen musste. Ich stellte meine Tasche neben mich, setzte mich auf die Bank und öffnete die Verpackung meines Sandwiches. Für einen Moment war alles ruhig. Ich nahm einen Bissen und ließ meinen Blick über den Schulhof schweifen. Dann fiel mein Blick ganz automatisch auf meine Tasche. Mein Handy lag darin. Ich sollte gleich nachsehen, ob Kitsune mir schon bereits geschrieben hatte, wobei ich nciht ienmal wusste, was er auf meine eigene Nachricht hätte antworten sollen.
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    • Das grelle Neonlicht der Cafeteria brannte mir in den Augen, aber die Dunkelheit in meinem Kopf war unendlich viel schlimmer. Ich stand da, die Hände fest in den Taschen meiner Jacke vergraben, während die Welt um mich herum zu einem einzigen breiigen Masse aus Gelächter, Geschirrgeklapper und Tuscheln zu verschwimmen schien.

      Neben mir strich sich der Junge vom Boden hastig den Dreck von der Hose. Er starrte mich an – mit einer Mischung aus Wut und purer Angst. Seine Schüsselsuppe war über den Linoleumboden getropft, der Porzellanteller in zwei hölzerne Hälften Zerbrochen.

      „Pass doch auf, Miller!“, zischte er leise, kaum hörbar für die Umstehenden, ehe er panisch seine Sachen zusammenraffte.

      Ich sah ihn nur stumm an. Die Wahrheit? Ich hatte ihm kein Bein gestellt. Ich war schlichtweg ins Straucheln geraten, weil eine plötzliche, stechende Welle von Schmerzen durch meine rippenprellende Seite gefahren war. Ein stummer Nachhall der gestrigen Nacht zu Hause. Mein Fuß hatte sich im Stuhlbein verfangen, ich war abgesackt, und er war im selben Moment an mir vorbeigerauscht und über meine Ferse gestolpert.

      Aber wer würde das schon glauben?

      Um uns herum brach bereits das Getuschel aus. „Hast du das gesehen? Miller hat ihn schon wieder angegangen.“ – „Der lässt ihn einfach nicht in Ruhe.“ – „Absoluter Psycho.“

      Marcus und die anderen Jungs vom Team lachten auf, klopften mir grinsend auf die Schulter und meinten: „Guter Reflex, Alex, der Typ geht sowieso jedem auf den Sack!“ Sie feierten mich für eine Grausamkeit, die ich nie begangen hatte. Und die Cheerleader drüben am Tisch sahen mit einer Mischung aus Ekel und faszinierter Neugier zu mir herüber.

      Ich verabscheute sie alle. Ich verabscheute diese Schule, die Wände, die Luft, die ich hier atmen musste, und vor allem dieses verdammte, erfundene Monster, das sie aus mir gemacht hatten.

      Ohne ein weiteres Wort zu verlieren, drehte ich mich um und ging. Ich ignorierte Marcus, der mir etwas nachrief, ignorierte das Kichern der Mädchen und das verängstigte Weichen der jüngeren Schüler auf den Gängen. Ich schritt durch die Flügeltüren hinaus, vorbei an der lärmenden Masse, bis ich die kühle Luft des Außenbereichs auf meiner Haut spürte.
      Ich brauchte keine Cafeteria. Ich brauchte kein Essen. Ich brauchte nur einen Ort, an dem mich dieses verfluchte Theaterstück für fünf Minuten nicht einholen konnte.

      Ich steuerte einen abgelegenen Pfad hinter den Sporthallen an, wo eine alte Betontreppe zu den Materiallagern hinabführte. Hier unten war es schattig, feucht und totstill. Ich ließ mich auf die oberste Stufe fallen, stützte die Ellenbogen auf die Knie und grub die Finger krampfhaft in meine Haare.

      Mein Körper bebte. Die Panik vor Samstag, die Wut über die Gerüchte, die Angst vor meiner Mutter und der schiere Hass auf mein eigenes Leben entluden sich in einer gewaltigen Welle der Hilflosigkeit. Ich fühlte mich wie ein Ertrinkender, der kurz vor dem Untergehen noch einmal nach Luft schnappt.

      Mit zitternden Fingern zog ich mein Handy aus der Jackentasche. Das Display leuchtete auf. Da war eine Nachricht von Moon.

      „Es ist wirklich nicht der Rede wert. Ich werde mein Bestes geben, eine gute Nachhilfelehrerin zu sein ;D“

      Ein winziger Smiley. Eine leichte, aufmunternde Zeile. Ein völlig normaler, fast schon belangloser Satz für jeden anderen Menschen auf dieser Welt. Doch für mich war dieser winzige Smiley der letzte Faden, der mich vor dem Absturz bewahrte.

      Sie hatte keine Ahnung. Sie saß vermutlich irgendwo auf einer Bank, aß ihr Essen und ahnte nicht im Geringsten, dass der Junge auf der anderen Seite des Bildschirms gerade am liebsten seine eigene Existenz auslöschen würde. Sie wusste nicht, dass ich nicht nur schlecht in Geschichte war, sondern dass mein gesamtes Leben ein einziges Trümmerfeld darstellte.

      „Ich schreibe eine Antwort und schreibe mir meine Seele aus dem Leib“, schoss es mir durch den Kopf. Scheiß auf die Anonymität. Scheiß darauf, ob ich zu viel von mir preisgab. Wenn ich es jetzt nicht aufschrieb, wenn ich ihr jetzt nicht wenigstens einen Bruchteil dessen mitteilte, was wirklich in mir vorging, würde ich ersticken.
      Meine Daumen begannen über das Display zu rasen. Ich tippe so schnell, dass die Buchstaben verschwammen. Keine Coolness mehr. Keine Ausreden. Nur noch reine, ungeschminkte Wahrheit.

      „Moony... du hast keine Ahnung. Du hast wirklich absolut keine Ahnung, was dieses kleine ';D' gerade in mir ausgelöst hat.“

      Ich hielt inne, presste die Zähne fest zusammen und spürte, wie mir die Hitze in die Augen stieg. Dann machten meine Finger unbarmherzig weiter.

      „Ich muss dir irgendetwas sagen, Moony, weil ich das Gefühl habe, dass mein Kopf sonst platzt. Du sprichst davon, eine 'gute Nachhilfelehrerin' zu sein, als ginge es hier einfach nur darum, ein paar Jahreszahlen aus einem Geschichtsbuch auswendig zu lernen. Aber die Wahrheit ist: Es geht um viel mehr. Für mich geht es um alles.“

      Ich atmete tief durch, die kühle Schattenluft schnürte mir den Hals zu, während die Sätze nur so aus mir herausbrachen:

      „Ich habe dir gesagt, dass ich sonst niemanden habe. Aber das war noch untertrieben. Die Realität ist, dass ich von Menschen umgeben bin, die mich entweder für ein sportliches Werkzeug halten oder für ein asoziales Monster. In genau dieser Sekunde quatschen die Leute in der Cafeteria wieder darüber, was für ein aggressiver Prügler ich bin. Sie erzählen sich Geschichten darüber, wie ich Leute schikaniere, wie ich mir mit Gewalt Platz schaffe, wie ich der unschlagbare, kalte Kapitän bin. Sie sehen mich an und sehen nur ein Klischee. Eine Gefahr. Einen Typen, den man entweder für seine Muskeln bewundert oder aus Angst meidet.“

      Mein Herz schlug mir bis zum Hals, während die Tasten unter meinen Berührungen fast glühten:

      „Und weißt du, was das Schlimmste daran ist? Ich spiele diese Rolle. Ich ziehe mir diese Scheißmaske jeden verdammten Morgen über, wenn ich dieses Schulgebäude betrete, weil es der einzige Schutzschild ist, den ich habe. Denn wenn sie nicht denken würden, dass ich gefährlich bin... dann würden sie sehen, wie schwach und kaputt ich in Wahrheit bin. Sie würden sehen, dass ich nach Hause gehe und mich vor den Schrittgeräuschen im Flur fürchte. Sie würden sehen, dass ich mir meine Blauen Flecken nicht auf dem Spielfeld hole, sondern in meinem eigenen Wohnzimmer. Sie würden sehen, dass der 'große Alex' in Wahrheit ein absolutes Wrack ist, das nachts an der Wand sitzt und hofft, dass der nächste Tag einfach nicht mehr anfängt.“

      Ich wischte mir mit dem Handrücken über die Stirn. Es war das erste Mal in meinem ganzen Leben, dass ich diese Worte überhaupt formulierte. Nicht einmal mir selbst gegenüber hatte ich es je so klar ausgesprochen.

      „Ich habe solche beschissene Angst vor Samstag, Moony. Nicht, weil ich nicht lernen will. Ich werde mir die Seele aus dem Leib büffeln, ich schwöre es dir. Aber ich habe Angst davor, was passiert, wenn du mich siehst. Was ist, wenn du das Gesicht siehst, das zu diesen ganzen Schreckensgeschichten gehört? Was ist, wenn du mich ansiehst und in deinem Kopf sofort all die Gerüchte ablaufen, die die Leute über mich erzählen? Was ist, wenn du in mir auch nur diesen aggressiven, dämlichen Sportler siehst und dich angewidert umdrehst?“

      Meine Finger zitterten jetzt so stark, dass ich mich mehrmals vertippte und die Sätze korrigieren musste. Die Verzweiflung floss unaufhaltsam in den Text:

      „Du bist der einzige Mensch auf dieser Welt, der mich kennengelernt hat, OHNE zu wissen, wer ich bin. Du hast mit mir geschrieben, weil du meine Gedanken mochtest, nicht mein Image. Du hast mich aufgemuntert, du hast mich nicht verurteilt, du hast mir das Gefühl gegeben, dass ich vielleicht doch kein durch und durch schlechter Mensch bin. Wenn ich dich am Samstag treffe und sehe, wie in deinen Augen das Bild zerbricht, das du von 'Kitsune' hattest... ich glaube, das würde mich endgültig vernichten.“

      Ich schluckte schwer. Der Knoten in meiner Brust zog sich immer enger zusammen.

      „Ich habe mir vorhin vorgestellt, wie du an der Bibliothek stehst, mich erkennst und einfach wegläufst. Und das Schlimmste daran ist: Ich könnte es dir nicht einmal verübeln. Wer will schon was mit dem Kerl zu tun haben, vor dem die halbe Schule warnt? Wer will schon mit jemandem befreundet sein, der so viel Ballast mit sich herumschleppt?“

      Ich stützte die Stirn gegen die kalte Betonwand neben mir und verharrte einige Sekunden in dieser Position. Der Lärm des Schulhofs war weit weg, nur mein eigener, rasender Atem war zu hören. Ich richtete mich wieder auf und beendete die Nachricht mit der reinsten, nacktesten Wahrheit, die ich aufbringen konnte:

      „Wenn du am Samstag dort stehst... und wenn du merkst, wer ich bin... bitte lauf nicht sofort weg. Bitte gib mir wenigstens fünf Minuten, um dir zu zeigen, dass der Typ in den Fluren nicht der Typ ist, der dir diese Nachrichten schreibt. Gib mir eine Chance, dir zu beweisen, dass Kitsune echt ist und dass Alex Miller nur eine verfluchte Rüstung ist, die ich tragen muss, um nicht zu zerbrechen. Du bist mir so verdammt wichtig geworden, Moony. Mehr als alles andere auf dieser Scheißwelt. Danke, dass du da bist. Ehrlich.“

      Ich starrte auf den Text.

      Es war eine gigantische, gefährliche Woge aus Verzweiflung und Vertrauen. Ich hatte mich vor ihr nackt ausgezogen. Ich hatte ihr die Schlüssel zu meinen tiefsten Wunden gegeben. Wenn sie das las, gab es kein Zurück mehr. Sie würde wissen, dass hinter Kitsune kein cooler, entspannter Typ steckte, sondern jemand, der kurz vor dem Ertrinken war.

      Mein Finger schwebte über dem Senden-Button. Panik stieg wieder in mir auf. Lösch es!, schrie eine Stimme in meinem Kopf. Das ist zu viel! Du machst ihr Angst! Sie wird dich für einen Verrückten halten!

      Doch eine andere, leisere Stimme flüsterte, dass Lügen mich bisher nur tiefer in den Sumpf getrieben hatten. Wenn wir uns am Samstag gegenüberstanden, würde sowieso jede Lüge zerplatzen.

      Ich schloss die Augen. Ich holte tief Luft. Und ich drückte ab.

      Das leise Ploppen des gesendeten Chats hallte wie ein Schuss durch die Stille der Betontreppe. Die Nachricht war raus. Es gab kein Storno, kein Löschen mehr.

      Ich ließ das Handy in meinen Schoß sinken und vergrub mein Gesicht in beiden Händen. Mein Herz schlug so laut in meinen Ohren, dass es dröhnte. Ich hatte mich gerade komplett geliefert. Ich hatte der einzigen Person, deren Meinung mir noch etwas bedeutete, die tiefsten Narben meiner Seele offenbart.

      Nun saß ich da im Schatten der Sporthalle, während die Sonne langsam über das Schulgelände wanderte, und wartete auf das Urteil meines Lebens.
    • Kitsune hatte mir nicht geschrieben, doch das war in Ordnung. Wahrscheinlich war er gerade mit seinen Freunden unterwegs, stand vielleicht selbst in der Schlange der Cafeteria oder saß bereits irgendwo mit ihnen zusammen. Ich konnte warten. Schließlich hatte ich keinen Grund, ihm seine Zeit übel zu nehmen. Bis dahin konnte ich in Ruhe mein Essen aufessen, auch wenn das aufgrund der eher spärlichen Auswahl nicht sonderlich lange dauern würde. Ich zerknüllte die Plastikverpackung meines Sandwiches in meiner Hand und schob sie anschließend in meine Tasche, bevor ich einen Bissen nahm. Es war weder besonders nahrhaft noch besonders gut. Es schmeckte nach einem typischen Sandwich, das man vermutlich genauso gut an einer Tankstelle bekommen hätte. Aber es war besser als nichts und vor allem war es besser, als mich in die volle Cafeteria zu setzen und mich dort unwohl zu fühlen. Zum Glück hatte ich meine eigene Wasserflasche dabei, sodass ich mir wenigstens nicht noch etwas zu trinken kaufen musste. Ich nahm einen Schluck und biss erneut von meinem Sandwich ab. Dabei versuchte ich, nicht zu sehr an Samstag zu denken. Das funktionierte natürlich nur mäßig. Also ließ ich meinen Blick stattdessen über den Schulhof wandern und versuchte, mich von meiner Umgebung ablenken zu lassen. Die Sonne schien inzwischen heller, Schüler liefen in kleinen Gruppen über den Hof und irgendwo weiter hinten hörte ich Gelächter. Es war die ganz normale Geräuschkulisse eines Schultages. Ich beobachtete die Menschen, ohne wirklich auf sie zu achten. Zumindest funktionierte die Ablenkung.
      Bis ich plötzlich das vertraute Vibrieren meines Handys spürte. Ich musste nicht einmal nachsehen, wer geschrieben hatte. Kitsune. Ohne groß darüber nachzudenken, griff ich nach meinem Handy, entsperrte den Bildschirm und öffnete den Chat. Ein riesiger Text sprang mir entgegen. Mein Herz rutschte augenblicklich in die Hose. Meine letzte Nachricht war kurz und unkompliziert gewesen. Nichts, worauf man normalerweise einen solchen Roman antwortete. Deshalb verstand ich zunächst überhaupt nicht, woher die Länge seiner Nachricht kam.
      Hatte ich etwas Falsches geschrieben?
      Hätte ich mehr schreiben sollen?
      Hatte ich ihn irgendwie gekränkt?
      Die Fragen schossen mir so schnell durch den Kopf, dass ich mich beinahe selbst darin verlor. Ich musste mich regelrecht dazu zwingen, nicht sofort irgendwelche Katastrophen daraus zu machen.
      Beruhig dich. Lies erst einmal.
      Also atmete ich tief durch und begann, seine Nachricht Satz für Satz zu lesen. Schon der erste Abschnitt ließ meine Anspannung steigen. Als Kitsune davon schrieb, dass ich gar nicht wissen könne, was der Smiley mit ihm machte, wusste ich zunächst nicht, wie ich das einordnen sollte. War das negativ gemeint? Hatte ich mit dem Smiley etwas Unpassendes geschrieben? Ich betrachtete die kleine Nachricht noch einmal, als könnte ich nachträglich erkennen, was daran falsch gewesen sein sollte. Doch die nächsten Sätze ließen mich nicht mehr darüber nachdenken.
      Die Ernsthaftigkeit seiner Situation wurde mir mit jedem weiteren Wort deutlicher. Ich wusste, dass es um mehr als nur schlechte Noten ging. Das hatte ich inzwischen verstanden. Ich konnte es mir zumindest zusammenreimen. Wer wollte schon zu Hause Ärger bekommen und gleichzeitig riskieren, seine Zukunft im Sport aufs Spiel zu setzen? Zumindest nahm ich an, dass er davon sprach. Mehr konnte ich mir nicht zusammenreimen. Wir kannten uns schließlich nicht gut genug. Ich wusste nichts über sein Zuhause, seine Familie oder sein Leben außerhalb unserer Nachrichten.
      Dann kam der nächste Absatz. Und ich erstarrte.
      Die ersten beiden Sätze ließen mich meine Lippen aufeinanderpressen. Es war gar nicht so abwegig, dass Kitsune mit bestimmten Vorurteilen zu kämpfen hatte, wenn er tatsächlich Teil einer Sportsmannschaft war. Ich konnte mir vorstellen, wie schnell Menschen jemanden in eine Schublade steckten. Doch es war ein einziges Wort, das meinen Gedanken einen abrupten Ruck versetzte. Cafeteria. Sofort tauchte das Bild von vorhin vor meinem inneren Auge auf. Alex Miller. Ich verdrängte den Gedanken beinahe augenblicklich. Das konnte Zufall sein. Natürlich konnte es das. Vielleicht war in der Cafeteria etwas völlig anderes passiert, nachdem ich gegangen war oder in einer anderen Ecke stattgefunden hat. Vielleicht hatte er eine ganz andere Situation beschrieben, von der ich nichts wusste. Doch je weiter ich las, desto schwerer fiel es mir, das Bild von Alex wieder aus meinem Kopf zu bekommen. Sie schienen sich zu ähneln. Vielleicht sogar mehr, als mir lieb war. Ich wusste nicht, was ich davon halten sollte. Ich war viel zu wenig in das Schulgeschehen eingebunden, um alle Gerüchte zu kennen, die über einzelne Personen kursierten. Ich wusste nur, was ich zufällig mitbekam.
      Doch eines erkannte ich sofort. Kitsune war verzweifelt. Seine Verzweiflung sprang mir förmlich aus den Worten entgegen. Sie war so offensichtlich, dass ich sie nicht einfach überlesen konnte. Und ich verurteilte ihn nicht. Ganz im Gegenteil. Es tat mir weh, seine Worte zu lesen. Was er beschrieb, hörte sich alles andere als leicht an. Er trug offenbar eine Dunkelheit mit sich herum, die er vor anderen Menschen zu verstecken versuchte, während er gleichzeitig jemanden suchte, der ihn nicht nach dem beurteilte, was andere in ihm sahen. Jemanden, der ihn einfach als die Person wahrnahm, die er wirklich war. Und diese ungefilterte Seite hatte er mir gezeigt. Ich hätte niemals gedacht, dass jemand, der scheinbar so beliebt war und Teil einer Sportsmannschaft sein konnte, gleichzeitig solche Narben mit sich herumtrug. Doch am meisten schockierte mich der Abschnitt über die blauen Flecken.
      Ich las den Satz noch einmal.
      Und noch einmal.
      Mein Magen zog sich zusammen.
      Ich hatte seine Worte darüber, dass zu Hause die Hölle losbrechen würde, vollkommen anders interpretiert. Ich hatte nicht damit gerechnet, dass es tatsächlich so schlimm sein könnte. Plötzlich kam mir meine eigene Situation beinahe lächerlich vor. Mein Vater ignorierte mich. Ich war in der Schule allein. Aber ich hatte mein Zimmer. Ich hatte einen Ort, an den ich mich zurückziehen konnte. Einen Raum, in dem ich meine Ruhe hatte, lesen, zeichnen und einfach für mich sein konnte. Kitsune schien selbst das nicht zu haben. Mein Herz zog sich schmerzhaft zusammen. Ich war plötzlich unglaublich froh darüber, dass ich ihm meine Hilfe zugesagt hatte. Noch vor wenigen Minuten hatte ich darüber nachgedacht, wie viel Verantwortung damit auf mir lag. Jetzt konnte ich mir nicht mehr vorstellen, meine Zusage zurückzunehmen. Ich wollte gar nicht darüber nachdenken, was passiert wäre, wenn ich Nein gesagt hätte. Die schlimmsten Bilder entstanden trotzdem vor meinem inneren Auge. Ich sah ihn wieder vor mir, wie ich ihn mir anhand seiner Worte vorgestellt hatte. Nicht als den selbstbewussten Jungen, den ich mir ausgemalt hatte, sondern als jemanden, der völlig erschöpft war und trotzdem weitermachte. Dann tauchte wieder dieser eine Name in meinem Kopf auf. Alex. Für einen kurzen, erschreckenden Moment setzte sich ein Gedanke fest. Kitsune war Alex Miller. Nein. Das konnte nicht sein. Ich wusste nicht einmal, warum ich mich so vehement dagegen wehrte. Es gab schließlich genügend Alex an dieser Schule. Und beinahe jeder Schüler wurde von irgendwelchen Gerüchten verfolgt. Ich suchte förmlich nach Ausreden. Es musste Zufall sein. Es gab keinen Grund, warum ausgerechnet Alex Miller hinter Kitsune stecken sollte. Ich wollte nicht, dass es wahr war. Denn das Bild, das ich von Kitsune hatte, passte überhaupt nicht zu dem Bild, das ich von Alex kannte. Doch eigentlich kannte ich Alex gar nicht. Das war das Problem. Und noch vorhin hatte ich ihn gedanklich verteidigt, dass das Fallen des anderen Jungen nur ein Zufall sien konnte. Ich konnte ihn nur nach dem beurteilen, was ich selbst gesehen und erlebt hatte. Und das war nicht viel. Bei Kitsune hingegen hatte ich inzwischen so viele Seiten kennengelernt. Fürsorglich. Aufmunternd. Ehrlich. Und vor allem verletzlich. Ich konnte ihn nicht plötzlich zu einem schlechten Menschen erklären, nur weil ein paar Gerüchte existierten. Das wollte ich auch gar nicht. Ich wollte meine kleine Welt nicht plötzlich mit Skepsis füllen und anfangen, alles und jeden zu hinterfragen. Kitsune hatte mir niemals einen Grund gegeben, ihm zu misstrauen. Wie hätte ich ihn auch für einen schlechten Menschen halten können, wenn er mir gegenüber bisher immer freundlich, aufmerksam und aufrichtig gewesen war? Vor allem diese Ehrlichkeit beeindruckte mich. Es erforderte Mut, über seine eigenen Schwächen zu sprechen. Nicht jeder konnte über seinen eigenen Schatten springen und einem anderen Menschen zeigen, was sich hinter der Fassade verbarg.
      Seine Angst davor, dass ich am Samstag ein schlechtes Bild von ihm bekommen könnte, tat mir ebenfalls weh. Also hatte er genauso Angst vor unserem Treffen wie ich. Nur schien seine Angst noch viel tiefer zu gehen.
      Ich legte das Handy langsam neben mich.
      Mein Herz schlug schneller. Die kleinen Vermutungen, die ich bisher verdrängt hatte, verschwammen miteinander. Es war wirklich Alex Miller. Ich hatte die ganze Zeit mit Alex Miller geschrieben. Mit dem Jungen, über den etliche Gerüchte kursierten. Mit dem Jungen, den heute Morgen bereits alle angestarrt hatten. Die Erkenntnis war so überwältigend, dass ich für einen Moment nicht wusste, was ich damit anfangen sollte.
      Ja, ich kannte ihn nicht.
      Ja, ich hatte nur Gerüchte gehört.
      Aber das Bild, das ich von Kitsune hatte, und das, was ich über Alex wusste, passten überhaupt nicht zusammen. Es war, als würde ich versuchen, zwei völlig verschiedene Menschen übereinanderzulegen. Mein Kopf wehrte sich immer noch dagegen, aus all den Informationen einen Sinn zu machen. Doch wie konnte ich seine Worte einfach ablehnen? Er hatte mir gerade offenbart, wie wichtig ich ihm geworden war. Er hatte mir sein Leid anvertraut, von seinen Problemen erzählt und mir gezeigt, wie einsam er sich fühlte. Ganz anders, als ich mir Alex Miller vorgestellt hatte. Und diese Verletzlichkeit, die er anderen offenbar nicht zeigte, hatte ich kennenlernen dürfen. Ich konnte es nicht über mein Herz bringen, jetzt einen Rückzieher zu machen.
      Hatte ich jetzt noch mehr Angst vor unserem Treffen? Ja.
      Verunsicherte mich die ganze Sache? Definitiv.
      Wollte ich am liebsten davonlaufen, weil die Verantwortung plötzlich wie ein riesiger Berg vor mir stand? Auf jeden Fall.
      Doch meine Empathie ließ es nicht zu. Mein Herz ließ es nicht zu. Ich konnte ihn jetzt nicht einfach allein lassen. Nicht nachdem er mir so offen gezeigt hatte, was in ihm vorging. Ich atmete tief durch, nahm mein Handy wieder in die Hand und starrte auf den Chat. Für einen Moment las ich die Nachricht nicht einmal. Ich wusste einfach nicht, wie ich anfangen sollte. Schließlich begann ich zu tippen.
      „Ich... ich weiß nicht so recht, wie ich antworten soll.“
      Ich hielt kurz inne. Dann schrieb ich weiter.
      „Bitte versteh mich nicht falsch. Ich meine das nicht negativ. Eher im Gegenteil. Mir war gar nicht klar, mit was du zu kämpfen hast, und es tut mir wahnsinnig leid, was du durchmachst.“
      Ich biss mir leicht auf die Lippe. Trösten war nicht gerade meine Stärke. Ich wusste nie, welche Worte richtig waren und welche vielleicht alles nur schlimmer machten. Trotzdem wollte ich, dass er wusste, dass ich ihn verstanden hatte.
      „Es hat dich bestimmt viel Mut und Überwindung gekostet, mir das so offen zu schreiben. Das ist wirklich mutig von dir. Und es bedeutet mir viel, dass du mir soweit vertraust, mir das alles zu erzählen.“
      Ich starrte wieder auf den Bildschirm. Was sollte ich noch schreiben? Die Antwort war eigentlich offensichtlich.
      „Ich werde meine Hilfe nicht zurücknehmen. Mach dir deswegen keine Sorgen.“
      Wie hätte ich das auch tun können? Nach allem, was er mir erzählt hatte? Allein der Gedanke daran, dass er vielleicht wirklich niemanden hatte, der ihm half, ließ mich nicht mehr los. Und wenn die Situation zu Hause tatsächlich so schlimm war, konnte ich ihn erst recht nicht einfach im Stich lassen. Das hätte sich für mich falsch angefühlt. Unmenschlich. Ich tippte weiter.
      „Ich weiß nicht, ob es dir ein wenig die Angst nimmt und dich beruhigt, aber ich verspreche dir, dass ich am Samstag nicht einfach wegrennen werde oder so. Ich habe zugestimmt und daran werde ich auch nichts ändern. Außer natürlich, du änderst deine Meinung. Dann musst du mir das direkt sagen.“
      Mein Daumen schwebte über dem Senden Button. Ein letzter Moment des Zweifelns. Dann drückte ich darauf. Die Nachricht verschwand im Chat. Ich legte das Handy sofort neben mich, als hätte ich Angst, meine Entscheidung könnte sich wieder ändern, wenn ich es noch länger in der Hand hielt.
      Vielleicht würde ich es bereuen.
      Vielleicht würde Samstag völlig anders verlaufen, als ich es mir gerade ausmalte.
      Vielleicht würde ich Kitsune tatsächlich gegenüberstehen und feststellen, dass hinter all den Nachrichten jemand steckte, der so anders war, als ich erwartet hatte. Dass Kitsunes Worte nur ein Akt der Verzweiflung war jemanden als Nachhilfelehrer zu ahben. Doch ich konnte mir nicht vorstellen, dass er mir etwas vorspielte. Dafür war seine Verzweiflung zu groß.
      Aber eines wusste ich bereits.
      Ich hatte Angst. Und trotzdem wollte ich ihm helfen. Vielleicht war das im Moment alles, was ich tun konnte.
      Digital Art Bilder Pinnwände

      ૮ ˶ᵔ ᵕ ᵔ˶ ა
    • Die Minuten nach dem Absenden der Nachricht vergingen wie Stunden. Die kühle Schattenluft unter den Betontreppen hinter der Sporthalle kroch mir langsam durch die Dünne meiner Jacke, doch das Zittern, das meinen gesamten Körper erfasst hatte, kam von tief innen.
      Ich starrte auf das schwarze, leblose Display des Handys auf meinen Knien.

      Was hatte ich getan?

      Der vernebelte Zustand der purer Verzweiflung, der mich die Sätze hatte tippen lassen, wich einer eiskalten, brutal hereinbrechenden Welle der Panik. Mit jeder Sekunde, die verstrich, ohne dass eine Antwort eintraf, schoss das Adrenalin höher in meine Adern. Mein Herz stieß in einem so rasenden, unbarmherzigen Takt gegen mein Brustbein, dass es mir die Kehle zuzuschnüren drohte.

      Ich hatte mir gerade die Seele aus dem Leib geschrieben. Ich hatte meine Rüstung ausgezogen, meine tiefsten Wunden freigelegt und einer fast Fremden gestanden, dass mein gesamtes Leben ein einziges Trümmerfeld war. Ich hatte soziale Selbstentblößung auf dem höchsten Niveau betrieben.

      Und suddenly realisierte mein Verstand, wie hoch die Einsätze wirklich waren. Es war, als hätte sich ein Nebel gelichtet, und die Abgründe, die sich um mich herum auftaten, wurden in erschreckender Klarheit sichtbar.
      Wer war Moony überhaupt?

      Bis eben war sie einfach „Moony“ gewesen – ein Lichtblick im digitalen Raum, eine Anonymität, die sich sicher angefühlt hatte. Doch am Samstag würde diese Anonymität sterben. Und mit jedem Gedanken daran wuchsen die Szenarien in meinem Kopf zu gigantischen Alpträumen heran.

      Was, wenn sie eine der Cheerleader war?
      Bei dem blauen Gedanken krampfte sich mein Magen so heftig zusammen, dass mir übel wurde. Was, wenn hinter dem Pseudonym eines dieser beliebten, makellosen Mädchen steckte, die mich tagtäglich auf den Fluren musterten? Was, wenn das alles ein einziges, krankes Spiel war? Wenn sie die Chatverläufe bereits in ihren Gruppenchats teilte, sich über den „harten Alex Miller“ lustig machte, der in Wahrheit zu Hause verprügelt wurde und vor Angst flennend um Hilfe bettelte?

      Sollte das der Fall sein... dann konnte ich mir gleich die nächste Brücke suchen und abspringen. Mein Ruf an dieser Schule war das Einzige, was mich vor den Übergriffen anderer schützte. Wenn dieses Image als lächerliche Fassade entlarvt würde, wenn meine tiefsten Geheimnisse als Witz über den Schulhof getragen würden – ich würde das nicht überleben. Es wäre mein endgültiger sozialer Selbstmord.

      Mein Atem ging stoßweise. Ich presste die Handflächen gegen meine Schläfen, versuchte, die rastenden Gedanken zu stoppen, aber sie kaskadierten einfach weiter.

      Was war die zweite Option? Was, wenn sie auf eine ganz andere Schule ging?

      Ich klammerte mich für eine Sekunde an diesen Strohhalm. Das... das wäre das absolut Beste. Eine andere Schule, ein anderer Schulbezirk. Mein verfluchter Ruf beschränkte sich zwar auf unsere Highschool und die angrenzenden Sportvereine im Kreis, aber jenseits dieser Grenze war ich niemandes Klischee. Wenn sie auf einer Schule am anderen Ende der Stadt war, würde sie Alex Miller nicht kennen. Sie würde die Gerüchte nicht gehört haben. Sie würde mich einfach nur als Kitsune sehen. Das wäre die Rettung.

      Doch sofort schoss der nächste, noch grausamere Gedanke hinterher: Was, wenn sie die kleine Schwester von einem meiner Teamkameraden war?

      Ich stellte mir Marcus vor. Oder einen der anderen Jungs aus der Mannschaft. Was, wenn Moony die jüngere Schwester eines dieser Typen war, die tagtäglich mit mir in der Umkleide saßen? Jungs, die meine gespielte Härte bewunderten, die Sprüche riss und sich cool dabei vorkamen, mit mir abzuhängen. Wenn sie herausfanden, dass ich ihrer Schwester mein Herz ausgeschüttet hatte, dass ich sie um Nachhilfe flehte und mich vor ihr gedemütigt hatte... Sie würden mich vernichten. Mein Leben an dieser Schule wäre ab diesem Tag die reinste Hölle.

      Die Anspannung stieg unaufhaltsam. Ich spürte, wie mir der kalte Schweiß auf die Stirn trat. Ich hatte mein Schicksal komplett in die Hände eines Phantoms gelegt.

      Und dann... ganz leise... schob sich eine andere Vorstellung in mein Bewusstsein.
      Was, wenn sie keines dieser Klischees war? Was, wenn sie weder ein Cheerleader war, noch die Schwester eines Teamkameraden, noch ein böswilliges Spiel trieb?

      Was, wenn sie einfach jemand war, der aufrichtig war?

      Jemand, der echte Empathie besaß. Jemand, dem diese idiotische Schulhierarchie vollkommen egal war. Jemand, der nicht nach Beliebtheit, Markenklamotten oder sportlichen Erfolgen strebte, sondern die Einsamkeit bevorzugte – ein Nerd, eine Außenseiterin, ein Mädchen, das still in der Ecke saß, zeichnete, las und in ihrer eigenen, unberührten Welt lebte.
      Ich spürte eine seltsame, schmerzhafte Welle von Neid in meiner Brust aufsteigen. Ich beneidete solche Menschen. Ich beneidete sie von ganzem Herzen für ihr Leben. Sie waren vielleicht unsichtbar für die Masse, sie hatten vielleicht keine Dutzenden von "Freunden", die um sie herumscharwenzelten. Aber sie hatten etwas, das mir schon vor Jahren genommen worden war: Frieden. Sie mussten nicht jeden Morgen eine Maske aufsetzen. Sie mussten nicht fürchten, dass eine falsche Bewegung ihre Rüstung bröckeln ließ. Sie konnten einfach sie selbst sein.

      Und ich? Ich war gefangen in einem Käfig aus meinem eigenen Ruf und der Gewalt in meinen eigenen vier Wänden.

      Ein kurzes, zweifaches Vibrieren schreckte mich aus meinen Gedanken auf.

      Das Handy in meiner Hand fühlte sich plötzlich tonnenschwer an. Für eine Sekunde hatte ich Angst, hinzusehen. Ich schloss die Augen, betete stumm zu irgendjemandem da oben, dass dies nicht der Moment war, in dem mein Leben vollends in Trümmer zerfiel.
      Ich schlug die Augen auf und entsperrte den Bildschirm.

      Die Nachricht von Moon war da.
      Ich begann zu lesen. Mein Blick flog über die ersten Zeilen, schlang die Wörter in mich hinein wie ein Verdurstender in der Wüste.

      „Ich... ich weiß nicht so recht, wie ich antworten soll... Es tut mir wahnsinnig leid, was du durchmachst... Es hat dich bestimmt viel Mut gekostet... Ich werde meine Hilfe nicht zurücknehmen... ich verspreche dir, dass ich am Samstag nicht einfach wegrennen werde...“

      Als ich das Ende des Textes erreichte, ließ ich den Kopf nach hinten gegen die feuchte Betonwand knallen.

      Sie war nicht weggerannt. Sie hatte mich nicht ausgelacht. Sie hatte keine Scherze gemacht und keine kühle Distanz aufgebaut. Sie hatte mir das Kostbarste gegeben, das mir in diesem Moment irgendjemand auf dieser Welt schenken konnte: Ihr Wort. Ihr absolutes, unerschütterliches Versprechen, dass sie da sein würde.

      Eine Träne – heiß und brennend – stahl sich aus meinem Augenwinkel und verfing sich im Ansatz meiner Haare. Ich wischte sie mir wütend und hastig ab, aber die Erschütterung in meiner Brust war nicht mehr aufzuhalten. Es war keine Angst mehr. Es war eine tiefgreifende, fast schon schmerzhafte Rührung.

      Sie war tatsächlich dieser Mensch. Sie war die Person voller Empathie, die Person, die meine Dunkelheit gesehen hatte und trotzdem nicht davor zurückschreckte.

      Ich stützte die Ellenbogen auf meine Knie und begann sofort wieder zu tippen. Die Panik war verschwunden, aber die Scham über meinen eigenen Ausbruch schoss jetzt hoch. Ich fühlte mich plötzlich elend dafür, dass ich sie mit meinem ganzen Müll beladen hatte.
      Meine Finger begannen über die Tastatur zu fliegen, getrieben von dem drängenden Bedürfnis, mich zu entschuldigen und ihr gleichzeitig etwas von der Kraft zurückzugeben, die sie mir gerade geschenkt hatte:

      „Moony... als allererstes muss ich mich von ganzem Herzen bei dir entschuldigen. Es tut mir so verdammt leid.“

      Ich hielt kurz inne, rieb mir über das brennende Gesicht und schrieb dann unaufhaltsam weiter:

      „Ich wollte dich niemals so überfallen. Das, was ich dir eben geschrieben habe... das war ein absolutes 'Emotion-Dumping' der übelsten Sorten. Ich habe dir all meinen Müll vor die Füße gekippt, ohne darüber nachzudenken, wie schwer sich das für dich anhören muss. Ich hatte einfach die Kontrolle über meinen Kopf verloren. Es war absolut egoistisch von mir, dich mit all dieser Scheiße zu belasten und dir so eine riesige Verantwortung aufzuhalsen. Ich schäme mich ehrlich dafür, dass ich dir deine Zeit damit gestohlen habe.

      Ich atmete tief durch die Nase ein, versuchte den Knoten in meiner Kehle herunterzuschlucken und tippte weiter:

      „Es hat mich unglaublich viel Überwindung gekostet, dir das alles zu schreiben, ja... aber zu sehen, wie du darauf reagierst, schlägt mir gerade komplett den Boden unter den Füßen weg. Dass du deine Zusage nicht zurücknimmst, dass du mir versprichst, am Samstag nicht einfach wegzulaufen... du hast keine Ahnung, was für eine Last du mir damit von den Schultern nimmst. Ich weiß gar nicht, womit ich einen Menschen wie dich in meinem Leben verdient habe.“

      Ein leises Lächeln, das erste echte Lächeln seit Tagen, stahl sich auf meine Lippen, obwohl meine Hand noch immer leicht zitterte. Ich wollte nicht, dass diese Beziehung eine Einbahnstraße war. Ich wollte nicht der hilflose Typ sein, der nur nimmt und jammert.

      „Aber hör mir bitte zu, Moony: Das hier darf keine Einbahnstraße sein. Ich weiß, dass du schüchtern bist, und ich weiß, dass du deine eigenen Dinge mit dir herumträgst. Aber ich möchte, dass du weißt, dass du dich bei mir GENAUSO fallen lassen kannst. Immer. Egal was ist.“

      Ich drückte die Tasten mit Nachdruck, jedes Wort sollte mein absoluter Ernst sein:

      „Wenn du mal einen beschissenen Tag hast, wenn dir die Schule, die Menschen um dich herum oder deine eigenen Gedanken zu viel werden – du kannst mir ALLES schreiben. Ich werde dich niemals verurteilen, ich werde niemals lachen und ich werde deine Worte niemals gegen dich verwenden. Du hast mir heute in meiner dunkelsten Stunde den Arsch gerettet. Ich will dir eine genauso gute Stütze und Hilfe sein, wie du es gerade für mich bist. Egal, was du brauchst, egal, worum du mich jemals bitten wirst: Ich bin für dich da.“

      Ich blickte auf den Bildschirm, holte noch einmal tief Luft und setzte die letzten Zeilen darunter:

      „Danke, dass du mir das Gefühl gibst, nicht vollkommen wertlos zu sein. Danke, dass du mein Versprechen annimmst. Wir sehen uns am Samstag in der Bibliothek. Ich werde pünktlich sein, ich werde mein Geschichtsbuch dabei haben, und ich werde dir beweisen, dass dein Vertrauen in mich nicht unbegründet war. Pass auf dich auf, Moony.“

      Ich las den Text nicht noch einmal durch. Ich wusste, dass jedes Wort darin die reine Wahrheit war. Ich drückte auf Senden.
      Das Bild im Chat aktualisierte sich, die Nachricht war weg.

      Ich schob das Handy langsam in die Innentasche meiner Lederjacke und schloss für einen langen Moment die Augen. Der Lärm der Schule da draußen rüttelte wieder an meinen Reizen – das Schallen der Glocke, das die Mittagspause beendete, dröhnte aus der Ferne über den Hof. Schüler würden gleich wieder durch die Gänge hetzen, Lehrer würden an den Tafeln stehen, Gerüchte würden weiter wie Gift durch die Flure fließen.

      Aber hier unten, auf dieser kalten Betontreppe im Schatten der Sporthalle, hatte sich etwas verändert.

      Die Angst vor Samstag war nicht verschwunden. Die Sorge, wer sie wirklich war und was passieren würde, wenn wir uns gegenüberstanden, brannte noch immer in meinen Knochen. Aber es war keine lähmende Panik mehr. Es war die Gewissheit, dass da draußen jemand existierte, der bereit war, hinter meine Rüstung zu blicken.

      Ich stand langsam auf, strich mir die Hose glatt und zog die Kappe wieder etwas tiefer ins Gesicht. Die Maske von Alex Miller lag bereit, um wieder überstreift zu werden. Aber unter der Maske war zum ersten Mal seit sehr langer Zeit wieder ein Stück von Kitsune am Leben.
      Ich wandte mich um und stieg die Treppe hinauf, bereit, die letzten Stunden des Schultages durchzustehen. Für Samstag. Und für Moony.
    • Obwohl es so vieles gab, worüber ich nachdenken konnte, war mein Kopf überraschenderweise vollkommen leer. Ich wusste nicht, in welche Richtung ich denken sollte, was ich denken durfte und welche Gedanken überhaupt angebracht waren. Zu viele Dinge waren innerhalb weniger Minuten auf einmal passiert, zu viele Informationen, die ich noch nicht richtig miteinander verbinden konnte. Ich wollte nicht so tun, als könnte ich alles, was er mir geschrieben hatte, vollkommen verstehen. Ich wollte ihm nicht einfach sagen, dass ich ihn verstand, denn das wäre gelogen. Ich konnte nachempfinden, ja. Ich war empathisch genug, um mir zumindest vorstellen zu können, was er fühlte. Doch ich steckte nicht in seiner Haut. Ich trug keine solchen Geheimnisse mit mir herum, hatte diese Last nicht auf meinen Schultern und hatte keine Angst davor, nach Hause zu gehen.
      Ich konnte ihm im Grunde nichts anbieten außer einer neutralen Schulter, die ihm zuhörte, und meiner Hilfe beim Lernen. Es war nicht viel. Eigentlich war es erschreckend wenig, wenn ich darüber nachdachte. Ich konnte nicht einfach in sein Zuhause eindringen und seinen Eltern sagen, dass das, was sie ihm antaten, abscheulich war. Ich konnte auch nicht durch die Schule laufen und sämtliche Gerüchte über ihn zum Schweigen bringen. Ich war für ihn schließlich nur Moony. Eine fremde Person, deren Gesicht er nicht kannte und die er bisher nur durch Worte kennengelernt hatte. Jemand, dem er sein Herz ein kleines Stück geöffnet hatte, weil es offenbar leichter war, einer unbekannten Person all das zu erzählen, was er sonst niemandem sagen konnte.
      Vielleicht nahm ich die ganze Sache mehr zu Herzen, als ich sollte. Vielleicht lag es daran, dass Kitsune der erste Mensch war, der einer Freundschaft mit mir überhaupt nahekam. Der erste, mit dem ich regelmäßig sprach, dem ich freiwillig von mir erzählte und auf dessen Nachrichten ich tatsächlich wartete. Ich wollte keinen Fehler machen. Ich wollte ihm nicht das Gefühl geben, mit seiner Offenheit einen Fehler gemacht zu haben. Vor allem wollte ich ihm ein wenig von seiner Angst nehmen.
      Denn die Einsamkeit verstand ich. Vielleicht nicht auf dieselbe Weise wie er, aber ich kannte dieses Gefühl, niemanden zu haben, mit dem man reden konnte. Niemanden, dem man einfach etwas erzählen konnte, ohne vorher zehnmal darüber nachzudenken, ob es lächerlich klang. Niemanden, an dessen Schulter man sich lehnen konnte, wenn einem alles zu viel wurde. Also wollte ich für ihn zumindest ein kleines bisschen das sein, was ich selbst nie gehabt hatte.
      Dass Kitsune Alex war, musste ich trotzdem noch irgendwie verarbeiten.
      Immer wieder schob sich dieser Gedanke in meinen Kopf und jedes Mal fühlte er sich genauso absurd an wie beim ersten Mal. Alex Miller. Der Junge, über den heute Morgen noch geredet worden war. Der Junge, dessen Namen ich vorhin in der Cafeteria gehört hatte. Der Junge, den ich selbst gesehen hatte, wenn auch nur aus der Entfernung. Und gleichzeitig war er derjenige, mit dem ich seit Wochen geschrieben hatte. Derjenige, der mich zum Lachen brachte, der mir zuhörte und mir das Gefühl gab, dass meine Worte etwas bedeuteten.
      Es passte einfach nicht zusammen.
      Ich glaubte, ich würde es erst wirklich begreifen, wenn ich ihm am Samstag gegenüberstand. Vielleicht würde ich dann erst verstehen, dass die Person, die ich bisher nur als Kitsune kannte, tatsächlich dieser Alex Miller war.
      Ich nahm den letzten Bissen meines Sandwiches und stellte fest, dass ich es durch das Tippen beinahe vergessen hatte. Danach machte ich mich über den Keks her, während mein Blick immer wieder gedankenverloren über den Schulhof wanderte. Ob meine Nachricht ihm ein wenig geholfen hatte? Oder waren meine Worte zu trocken gewesen? Zu kurz? Hätte ich etwas anderes schreiben sollen?
      Langsam kehrten die Zweifel zurück.
      Es war verrückt, wie schnell mein Kopf aus einer einfachen Nachricht ein kompliziertes Gedankengeflecht machen konnte. Ich konnte meine Gedanken nicht einfach abschalten. Sie machten, was sie wollten, liefen in alle möglichen Richtungen und fanden immer wieder neue Dinge, über die ich mir Sorgen machen konnte. Ich seufzte leise. Normalerweise hätte ich jetzt meinen Skizzenblock hervorgeholt. Zeichnen half mir dabei, meinen Kopf zu leeren. Wenn meine Gedanken zu laut wurden, konnte ich sie auf Papier bringen und musste sie für einen Moment nicht mehr selbst tragen. Doch heute wollte es nicht funktionieren. Mein Kopf war viel zu voll.
      Auch nachdem ich den Keks aufgegessen hatte, merkte ich, dass ich nicht wirklich satt war. Mein Mittagessen war ohnehin kaum eine richtige Mahlzeit gewesen, doch allein der Gedanke daran, noch einmal in die Cafeteria zurückzugehen, ließ mich zögern.
      Was, wenn ich dort Alex sah?
      Was, wenn ich ihn unbewusst anstarrte?
      Was, wenn er mich ebenfalls bemerkte?
      Nein. Dafür war ich noch nicht bereit. Ich wusste jetzt, wer er war, aber ich wusste noch nicht, wie ich damit umgehen sollte. Außerdem verspürte ich gerade ohnehin kaum Hunger. Also blieb ich einfach sitzen und ließ meinen Blick über den Schulhof schweifen.
      Unbewusst fuhr ich mir mit beiden Händen über das Gesicht. Zu meinem Glück hatte ich heute Morgen keine Schminke getragen. Das tat ich ohnehin selten. Wenn überhaupt, dann nur dezent. Ich war viel zu ungeschickt, um mich so aufzubrezeln wie die Cheerleader.
      Eigentlich fand ich es sogar beeindruckend, wie hübsch sie aussahen. Ihr Augen-Make-up war immer perfekt, ihre Wimpern wirkten unglaublich lang und selbst ihre Nasen schienen durch geschicktes Contouring schmaler zu wirken. Das Einzige, was ich einigermaßen hinbekam, waren Rouge, Mascara und ein wenig Eyeliner. Alles darüber hinaus war für mich ein Buch mit sieben Siegeln. Allein schon die richtige Foundation für den eigenen Hautton zu finden, erschien mir wie eine Wissenschaft. Aber bisher hatte mich das Thema auch nie sonderlich interessiert. Ich war kein Mädchen, das jeden Morgen eine Stunde vor dem Spiegel verbrachte. Ich hatte keine Freundinnen, mit denen ich mich darüber austauschen konnte, und ehrlich gesagt wollte ich auch gar nicht unbedingt auffallen. Selbst wenn ich in der Schule eher als Außenseiterin galt, wollte ich zumindest nicht negativ auffallen. Es würde mich vermutlich viel mehr belasten, wenn andere mich ständig ansehen und anschließend hinter vorgehaltenen Händen über mich tuscheln würden.
      Meine Gedanken wanderten gerade wieder irgendwohin, als ich plötzlich das vertraute Vibrieren meines Handys spürte. Mein Herz machte einen kleinen Satz. Alex war irgendwo hier auf dieser Schule.
      Er hatte sein Handy in der Hand und hatte mir gerade sein Herz ausgeschüttet. Irgendwo zwischen diesen Gebäuden befand sich der Junge, der gleichzeitig mit Angst, Verzweiflung und Hilflosigkeit kämpfte und den ich trotzdem bisher nur als den beliebten Alex Miller kannte. Selbst wenn ich gewusst hätte, wo er war, hätte ich nicht gewusst, wie ich ihm helfen sollte. Wir hatten noch nie miteinander gesprochen. Nicht wirklich. Kein einziges Wort von Angesicht zu Angesicht. Im Grunde war er für mich im echten Leben immer noch ein Fremder. Und meine Reaktion ihm gegenüber würde wahrscheinlich nicht viel anders ausfallen als bei jedem anderen Menschen, der plötzlich auf mich zukam. Es konnte am Samstag nur peinlich werden. Das wusste ich jetzt schon. Doch mein Versprechen konnte ich nicht brechen.
      Ich nahm mein Handy in die Hand und öffnete den Chat.
      Meine Augenbrauen zogen sich irritiert zusammen, als ich seine Entschuldigung las. Ich verstand zuerst überhaupt nicht, weshalb er sich entschuldigte. Doch je weiter ich las, desto klarer wurde mir, warum. Er war reflektiert. Verständnisvoll. Aufmerksam. Und ich konnte einfach nicht verstehen, warum er ein schlechter Mensch sein sollte. Ein wirklich schlechter Mensch hätte meine Empathie ausgenutzt. Er hätte immer mehr eingefordert, hätte meine Hilfsbereitschaft als selbstverständlich angesehen. Doch Alex tat das Gegenteil. Er entschuldigte sich sogar dafür, dass er mir so viel von sich erzählt hatte. Es wirkte aufrichtig. So aufrichtig, dass ich mich unweigerlich fragte, warum er diese Seite von sich nicht auch anderen zeigte.
      War ihm die Meinung der anderen wirklich so wichtig? War die Angst davor, schwach zu wirken, so groß, dass er sich selbst zwang, eine völlig andere Person zu sein? Warum diese Maske? Er konnte doch weiterhin der Kapitän seiner Mannschaft sein, ohne den Macker spielen zu müssen. Ohne ständig stark wirken zu müssen. Ohne so zu tun, als würde ihn nichts berühren. Ich lächelte leicht, als er mir sogar seine eigene Hilfe anbot. Wie sollte ich ihn um Hilfe bitten, wenn er selbst so viele Probleme hatte? Er hatte bereits mehr als genug auf seinen Schultern. Da brauchte er meine Probleme nicht auch noch zu tragen. Zumal ich mir nicht einmal sicher war, ob er mir bei meinen Problemen überhaupt helfen konnte. Er konnte die Beziehung zu meinem Vater nicht reparieren. Er konnte mich nicht plötzlich extrovertiert machen. Und er konnte mir auch keine echten Freunde schenken. Selbst wenn man all das als Probleme bezeichnen konnte, fühlte es sich für mich im Vergleich zu dem, was er durchmachte, beinahe lächerlich an. Außerdem wollte ich niemanden mit meinen Problemen belasten. Auch Kitsune nicht, selbst wenn er vermutlich sofort behaupten würde, dass ich ihn damit niemals nerven würde. Vielleicht beneidete ich ihn sogar ein wenig um seinen Mut. Um die Fähigkeit, so offen über seine Gefühle zu sprechen. Vielleicht würde ich irgendwann ebenfalls lernen, über meine eigenen Probleme zu sprechen. Vielleicht auch nicht. Im Moment fühlten sie sich für mich einfach nicht dringend genug an, um sie jemand anderem aufzubürden. Meine Finger begannen schließlich zu tippen.
      „Du musst dich nicht entschuldigen, bitte tu das nicht. Es ist nichts Falsches daran, über seine Probleme zu sprechen und ehrlich zu sein. Mir ist es lieber, wenn du alles ausschüttest, als dass du am Ende falsche Entscheidungen triffst. Es ist das Mindeste, was ich tun kann, dir zuzuhören.“
      Ich hielt kurz inne und las den Satz noch einmal. Ich wollte nicht, dass er sich schlecht fühlte, nur weil er sich endlich jemandem geöffnet hatte. Daran war nichts Falsches. Jeder Mensch verdiente jemanden, mit dem er reden konnte.
      „Danke für dein Angebot. Ich werde es mir zu Herzen nehmen.“
      Mehr fiel mir dazu nicht ein. Ich wusste ohnehin, dass ich wahrscheinlich nicht darauf zurückkommen würde. Die kaputte Beziehung zu meinem Vater hatte ich mittlerweile akzeptiert. Ich lebte damit. Ich erwartete nicht mehr, dass sich daran plötzlich etwas ändern würde. Mein Blick wanderte wieder über den Schulhof.
      „Der Morgen und Vormittag war echt ereignisreich. Du musst bestimmt mental und emotional fertig sein. Versuch dich zu erholen, wenn möglich. Mach dir um Samstag keine Sorgen.“
      Ich wusste selbst, dass dieser letzte Satz leichter gesagt als getan war. Mich würde die Angst bis Samstag begleiten. Drei Tage. Nur noch drei Tage, dann würde ich Kitsune zum ersten Mal wirklich sehen. Oder besser gesagt Alex.
      Ich sah auf die Uhr und stellte fest, dass von der Pause nicht mehr besonders viel übrig war. Das Tippen und Warten hatte deutlich mehr Zeit verschlungen, als ich gedacht hatte. Eigentlich störte mich das nicht. Ich hatte ohnehin nichts vor. Trotzdem wusste ich, dass sich ab jetzt etwas verändern würde. Sobald die Pause vorbei war, würde mein Blick wahrscheinlich automatisch nach ihm suchen. Nicht, weil ich ihn ansprechen wollte. Ganz im Gegenteil. Ich würde ihn nicht vor Samstag ansprechen. Das wäre viel zu peinlich. Außerdem wusste ich genau, wie viele Augen ständig auf ihm lagen. Wenn ich plötzlich zu ihm gehen würde, würde wahrscheinlich sofort irgendjemand anfangen, Fragen zu stellen. Also würde ich warten. Bis Samstag. Bis zu dem Moment, in dem ich nicht mehr nur Moony für ihn sein würde und er nicht mehr nur Kitsune für mich. Bis zu dem Moment, in dem wir uns zum ersten Mal wirklich gegenüberstanden. Und allein der Gedanke daran ließ mein Herz wieder ein wenig schneller schlagen.
      Digital Art Bilder Pinnwände

      ૮ ˶ᵔ ᵕ ᵔ˶ ა
    • Das leise Plopp meiner gesendeten Nachricht lag noch spürbar in der Luft, als fast im selben Augenblick die Antwort von Moony auf meinem Display aufblinkte. Meine Finger, die eben noch von der Kälte des Betons und der Anspannung taub gewesen waren, verkrampften sich um das Gehäuse. Ich starrte auf die Wörter, als wären sie eine lebensrettende Binde, die man mir auf eine klaffende Wunde legte.


      „Du musst dich nicht entschuldigen, bitte tu das nicht... Es ist das Mindeste, was ich tun kann, dir zuzuhören... Danke für dein Angebot. Ich werde es mir zu Herzen nehmen.“

      Ein schaudernder Atemzug entwich meinen Lungen. Kein Vorwurf. Keine Abneigung. Kein Zurückweichen vor dem Abgrund, den ich ihr offenbart hatte. Sie verlangte nicht, dass ich mich rechtfertigte, und sie nahm meine Entschuldigung nicht nur an, sondern gab mir auch noch das Gefühl, dass es in Ordnung war, ein Mensch zu sein. Ein schwacher, verletzlicher Mensch.

      Ihr nächster Satz schnürte mir allerdings die Kehle ab, auch wenn er voller Mitgefühl war:

      „Der Morgen und Vormittag war echt ereignisreich. Du musst bestimmt mental und emotional fertig sein. Versuch dich zu erholen, wenn möglich. Mach dir um Samstag keine Sorgen.“

      Mental und emotional fertig... Sie hatte ja keine Ahnung, wie sehr sie ins Schwarze traf. Doch genau hier zog mein Selbstschutzreflex eine knallharte Grenze. Die Panik, die mich vorhin überrollt hatte, war durch ihre Sanftheit zwar abgeflacht, aber die Angst vor dem realen „Alex Miller“ blieb wie ein unüberwindbarer Berg stehen. Ich durfte jetzt nichts mehr schreiben, was mich im Hier und Jetzt verriet. Keinen einzigen Kommentar mehr zu den Vorfällen in der Cafeteria. Keine Silbe mehr über den Sport, über mein Aussehen, über das, was die Leute auf den Fluren quatschen. Ich musste mich sofort wieder hinter „Kitsune“ zurückziehen – zumindest für das digitale Format, das uns noch bis Samstag blieb. Ich wollte ihre Geduld nicht weiter überstrapazieren und vor allem wollte ich nicht, dass sie versuchte, mich heute Nachmittag irgendwo auf dem Schulgelände abzufangen oder zu beobachten.
      Ich tippte mit zitternden, aber bestimmten Fingern eine kurze, ehrliche, aber distanziertere Antwort zurück:

      „Danke, Moony. Ehrlich. Deine Worte bedeuten mir mehr, als ich in Textform jemals ausdrücken könnte. Ich versuche, deinen Rat zu beherzigen und für den Rest des Tages einfach nur den Kopf über Wasser zu halten. Mach dir bitte keine Gedanken um mich. Wir lesen uns – und Samstag steht felsenfest. Pass auf dich auf.“

      Ich drückte auf Senden, steckte das Handy tief in meine Jackentasche und blieb noch minutenlang reglos auf den kalten Betontreppen sitzen.
      Die Schulglocke schrillte durch die Luft und verkündete das Ende der Pause. Es war wie der Gongschlag für eine Hinrichtung. Ich zwang mich aufzustehen. Jeder Muskel in meinem Körper fühlte sich schwer an, meine Ripen brannten bei jedem tieferen Atemzug. Ich setzte die Kappe tief ins Gesicht, zog die Rüstung von Alex Miller wieder über mein Gesicht und schlich durch die hinteren Ausgänge zurück in das Schulgebäude.

      Der Rest des Schultags zog an mir vorbei wie ein stummer, verwaschener Schwarz-Weiß-Film. Ich hörte die Stimmen der Lehrer nicht. Ich nahm das Getuschel auf den Gängen nur als ein fernes Rauschen wahr. Ich wich jedem Blick aus, ging Marcus und den Jungs aus dem Team konsequent aus dem Weg und erfand die Ausrede, ich müsse wegen einer Kopfschmerzattacke sofort nach Hause. Niemand hinterfragte es groß. Für sie war ich der unnahbare, launische Alex Miller. Sollten sie doch denken, was sie wollten.

      Als um kurz nach zwei Uhr die finale Glocke ertönte, war ich der Erste, der das Schulgelände verließ. Ich ging schnellen Schrittes, die Hände fest in den Taschen, den Blick starr auf den Asphalt gerichtet. Der Wind war kühler geworden, Wolken zogen über den Himmel und verdunkelten die Straßen unserer Nachbarschaft. Je näher ich unserem Haus kam, desto schwerer wurden meine Schritte.

      Die Angst vor dem Zuhause war ein schleichendes Gift. Es kroch mir von den Fersen hoch in den Nacken. Ich hoffte inständig, dass das Haus leer war. Dass meine Mutter arbeiten war oder wenigstens schief auf dem Sofa lag und ihren Rausch ausschlief.

      Ich schlich die sechs steinernen Stufen zur Haustür hinauf, steckte den Schlüssel leise ins Schloss und drehte ihn so geräuschlos wie möglich um. Ich trat in den Flur, hielt den Atem an und lauschte.

      Es war still. Zu still.

      Ein beißender, scharfer Geruch nach billigem Fusel und abgestandenem Rauch schlug mir augenblicklich entgegen. Mein Magen krampfte sich zusammen. Das war kein gutes Zeichen. Wenn sie tagsüber trank, bedeutete das Unberechenbarkeit.

      Ich schob meine Schuhe von den Füßen und wollte mich gerade leise in Richtung der Kellergänge schleichen, als die Wohnzimmertür mit einem lauten, dröhnenden Knall aufgerissen wurde.

      Dort stand sie.

      Ihr Haar war zerzaust, die Augen blutunterlaufen und glasig. Auf ihrer Wange klebte ein roter Fleck vom Schlafen auf dem Sofa, doch ihr Blick war pures, kochendes Gift. In ihrer rechten Hand hielt sie nicht etwa ein Glas oder eine Flasche.
      Sie hielt ein abgebrochenes, schweres Tischbein unseres ehemaligen Massivholz-Esstisches.
      „Da ist er ja...“, lallte sie, ihre Stimme verzerrt vor Hass und Alkohol. „Da kommt der feine Herr... der große Sportler... der kleine, verdammte Schandfleck!“

      Mein Herz blieb stehen. „Mama... was...“, wollte ich ansetzen, doch sie ließ mich gar nicht ausreden.

      „Ein Anruf von der Schule!“, brüllte sie schrill, wobei Spucke über ihre Lippen flog. „Ein verdammter Anruf von der Schulleitung! Dass du wieder Scheiße gebaut hast! Dass sie überlegen, dich zu suspendieren! Weißt du eigentlich, was das bedeutet, du unnutzer Drecksbengel?! Weißt du, wie ich mich schämen muss?!“
      Eine Lüge. Oder ein Missverständnis der Schule wegen der Cafeteria-Sache von heute Morgen. Irgendjemand hatte petzen müssen oder der Schuldirektor hatte sich eingeschaltet. Aber es spielte keine Rolle mehr. Die Wahrheit zählte hier nicht. Hier zählte nur die Entladung ihrer aufgestauten, alkoholisierten Wut.

      Sie holte aus.

      Ich hatte keine Zeit zu reagieren. Das schwere Holz krachte mit unbarmherziger Härte gegen meinen linken Oberarm. Ein stechender, taub machender Schmerz schoss durch meinen Körper. Ich schrie auf und trat einen Schritt zurück, doch sie setzte sofort nach.
      „Du bist genau wie dein verdammter Vater!“, schrie sie lallend, während der Echolot ihrer Wut durch die Räume dröhnte. „Ein Nichts! Ein Weichei! Ein Waschlappen! Ein kleiner, mickriger Pisser, der zu nichts zu gebrauchen ist!“
      Normalerweise prügelte sie mit den Blanken Händen, trat vielleicht zu, wenn ich am Boden lag. Manchmal nahm sie einen Gürtel. Aber diesmal war die Grenze überschritten. Der Alkohol hatte ihr jegliche Hemmung raubt.
      Das Tischbein sauste erneut hernieder. Ich warf die Arme hoch, um meinen Kopf zu schützen. Klatsch. Es traf meinen Unterarm, dann meine Oberschenkel, dann krachte es voll in meine Rippen – genau auf die Stelle, die seit gestern sowieso schon blau und geschwollen war. Ein Knacken war zu hören, gefolgt von einem Schmerz, der mir schlagartig die Luft aus den Lungen presste. Ich ging in die Knie. Das Atmen war sofort unmöglich, als würde ein glühend heißes Messer in meiner Brust stecken.
      „Mama, hör auf! Bitte!“, keuchte ich rauchig, während ich versuchte, mich auf allen Vieren wegzuroppen.

      „Hör auf? HÖR AUF?! Ich habe mein ganzes Leben für dich ruiniert!“, brüllte sie vollkommen von Sinnen. Sie schlug unbarmherzig weiter zu. Nicht mehr nur auf die Arme. Das Holz traf meinen Rücken, meine Beine, meinen Torso. Jeder Treffer hinterließ das Gefühl, als würde mein Fleisch zerrissen. Ich rollte mich zusammen, verbarrikadierte meinen Schädel mit den Händen und Ellenbogen, um das Schlimmste abzuwehren.

      Ich wusste aus jahrelanger, bitterer Erfahrung: Wehre dich nicht. Schlag nicht zurück. Wenn du dich wehrst, hört es nie auf. Lass es über dich ergehen, dann ist es schneller vorbei.
      Doch diesmal hörte sie nicht auf. Die Schmähungen und Beleidigungen überschlugen sich in ihrer trunkenen Stimme, während das Holz unablässig auf mich niederkrachte.
      Irgendwann erkannte mein Überlebensinstinkt, dass sie mich diesmal wirklich totprügeln könnte, wenn ich hier liegen blieb. Der Schmerz war so überwältigend, dass mir vor Augen schwarz-rote Punkte tanzten. Mit einer letzten, Verzweiflungstat stemming ich mich hoch, ignoriere den höllischen Schmerz in meiner Seite und warf mich gegen sie. Sie geriet durch den Alkohol ins Straucheln und stolperte nach hinten gegen den Flurschrank.

      Das war meine Chance.

      Ich riss die Haustür auf und hechtete nach draußen. Die kühle Nachmittagsluft schlug mir entgegen. Ich wollte nur noch weg. Nur noch rennen.

      Ich hatte die oberste der sechs Stufen der Eingangstreppe erreicht, als von drinnen ein irrsinniger Schrei ertönte. Meine Mutter war mir nachgesetzt und hatte das schwere Holzstück mit aller Kraft hinter mir hergeworfen.
      Das Tischbein erwischte mich mit voller Wucht am Hinterkopf.

      Es gab einen dumpfen, schrecklichen Knall in meinem Schädel. Das Licht der Welt erlosch augenblicklich. Mein Bewusstsein setzte von einer Millisekunden auf die andere komplett aus.
      Mein schlaffer, bewusstloser Körper stürzte ungebremst nach vorne. Ich rollte die sechs steilen Betonschwellen hinab und knallte ungebremst mit dem Gesicht und der Schulter auf den harten Pflasterstein des Gehwegs.
      Ich bekam nicht mit, was in den folgenden Minuten passierte.

      Keiner der Nachbarn hatte gesehen, was auf der Treppe geschehen war, doch der lautstarke, exzessive Streit und das Geschrei meiner Mutter hatte schon Minuten zuvor jemanden dazu veranlasst, wegen häuslicher Ruhestörung die Polizei zu rufen. Zufall oder Schicksal – nur wenige Sekunden nach meinem Sturz bogen die Streifenwagen mit blauen Lichterketten in unsere Straße ein.

      Als der Notarzt und die Sanitäter mich auf die Trage schnallten, schreckte ich für Bruchteile von Sekunden aus der Dunkelheit hoch. Ich sah Blaulicht. Ich sah Schemen von Uniformen. Ich hörte lallende, verweinte Stimmen im Hintergrund. Meine Mutter stand an der Tür, rührte Krokodilstränen an und verkaufte den Beamten die Story vom betrunkenen, gestolperten Sohn, der schon wieder ausgetickt sei und sich selbst die Treppe runtergeworfen habe.

      Sie spielte die besorgte, überforderte Mutter. Und weil ich kaum ansprechbar war, nur Blut spuckte und keine klare Aussage machen konnte – oder vielmehr aus tiefer, verankerter Todesangst vor den Konsequenzen stumm blieb –, konnten die Polizisten vorerst nichts tun. Keine Handhabe. Keine Zeugen.

      Die Welt versank wieder in schwarzem Samt.
      Als ich das nächste Mal die Augen aufschlug, brannte grelles, kaltes Neonlicht von der Decke. Der penetrante Geruch von Desinfektionsmittel und Medikamenten lag in der Luft.
      Ich lag in einem Krankenhausbett. An meinem Arm hing ein Tropf.

      Jede einzelne Faser meines Körpers schrie vor Schmerz. Als ich versuchte, den Kopf zu drehen, detonierte eine Bombe hinter meinen Augen. Eine Krankenschwester bemerkte meine Bewegung und rief den Arzt.
      Die Diagnose war ein einziges Trümmerfeld, genau wie mein Leben:

      Schädel-Hirn-Trauma. Fünf gebrochene Rippen auf der linken Seite. Ein tiefes, komplett zugeschwollenes blaues Auge. Eine Platzwunde am Hinterkopf, die mit mehreren Stichen genäht werden musste. Platzwunden und Abschürfungen an Armen, Beinen und Torso. Und blaue, grün-violette Flecken, soweit das Auge reichte. Ich sah aus, als wäre ich von einem LKW überrollt worden.

      Der Arzt versuchte, behutsam auf mich einzureden. Er stellte Fragen. Er wollte wissen, wer mir das angetan hatte. Ein Sozialarbeiter wurde erwähnt. Die Polizei wollte noch einmal eine Aussage.

      Ich schüttelte nur stumm den Kopf. Ich verweigerte jede Aussage. Ich sagte kein einziges Wort. Wenn das Jugendamt oder die Polizei sich einschalteten, würde die Hölle erst recht losbrechen. Sie würden mich irgendwo unterbringen, meine Mutter würde mich vernichten, mein Ruf wäre endgültig im Eimer, die ganze Schule würde es erfahren. Ich konnte das nicht. Ich schaffte das nicht.

      Gegen den ausdrücklichen Rat der Ärzte, gegen alle medizinischen Warnungen vor den Gefahren eines Schädel-Hirn-Traumas, verlangte ich meine Entlassung auf eigene Verantwortung. Sie versuchten, mich aufzuhalten, aber ich war stur. Ich unterschrieb die Papiere mit zitternder, kaum lesbarer Schrift, zog mir mit tränenüberströmtem Gesicht unter unmenschlichen Qualen meine blutbefleckte Kleidung wieder an und verließ das Krankenhaus am nächsten Morgen.

      Der Weg nach Hause war ein einziger Leidensweg. Ich humpelte durch die Straßen, gestützt auf Mülltonnen und Häuserwände, den Kopf tief gesenkt, um mein entstelltes Gesicht vor den Blicken der Passanten zu verbergen. Jeder Schritt fühlte sich an, als würde man ein glühendes Eisen in meine Rippen rammen.
      Zuhause angekommen war das Haus leer. Meine Mutter war nirgends zu sehen – wahrscheinlich wieder unterwegs, um sich irgendwo Nachschub zu besorgen oder den Frust herunterzuspülen.
      Ich schleppte mich gar nicht erst ins Obergeschoss. Ich ging direkt nach unten. In den Keller.

      Unser Keller war vor Jahren von meinem Vater ausgebaut worden. Es war ein riesiger, isolierter Raum, den meine Mutter seit Jahren nicht mehr betreten hatte, weil sie die steile Kellertreppe mied und die Waschmaschine ohnehin nie anrührte. Für mich war dieser Raum im Laufe der letzten Monate schleichend zu meinem eigentlichen Zuhause geworden.

      Hier unten hatte ich alles, was ich zum Überleben brauchte: Eine kleine Elektro-Herdplatte, eine Mikrowelle, einen Mini-Kühlschrank voll mit Wasser und Fertiggerichten, einen Fernseher, meine alte Konsole, meinen PC, ein altes, durchgelegenes Schlafsofa und die funktionierende Waschmaschine. Es war ein Bunker.

      Ein Schutzraum.

      Ich schob von innen den schweren Riegel vor die massive Kelltür. Ich schloss ab. Hier unten kam niemand rein. Hier unten war ich sicher.
      Ich brach auf dem Schlafsofa zusammen und blieb erst einmal zwei Stunden lang einfach nur liegen, während mir die Tränen der puren körperlichen und seelischen Erschöpfung stumm über die Wangen liefen.

      Als die Schmerztablette , das ich mir aus dem Krankenhaus mitgeschmuggelt hatte, endlich ein wenig zu wirken begann, setzte ich mich mühsam auf.

      Schule war ausgeschlossen. Wenn mich in diesem Zustand auch nur ein einziger Mensch sah – egal ob Schüler, Lehrer oder Marcus –, wäre meine Maske für immer zerstört. Ich sah nicht aus wie ein Sportler nach einem harten Spiel. Ich sah aus wie das Opfer einer schweren Gewalttat.

      Ich schleppte mich an den kleinen Schreibtisch, nahm einen Bogen Papier und einen Stift. Mit zitternder Hand setzte ich eine Entschuldigung auf. Ich schätzte das Fehlen auf den Rest der Woche. Dann fälschte ich mit geübter, jahrelang perfektionierter Hand die Unterschrift meiner Mutter unter das Dokument. Ich fotografierte es mit dem Handy und schickte es direkt an das Sekratariat unserer Schule.

      So war ich abgesichert. Niemand würde suchen. Niemand würde Fragen stellen. Ich hatte vier Tage Zeit, um in diesem dunklen Keller zu überleben und zu hoffen, dass die Schwellungen in meinem Gesicht bis Samstag soweit zurückgingen, dass man sie mit etwas Geschick verbergen konnte.

      Bis Samstag.

      Der Gedanken an Samstag ließ mein Herz wie wild schlagen, was sofort wieder einen stechenden Schmerz in meiner Brust auslöste.
      Ich zog mein Handy hervor. Das Display war an einer Ecke gesplittert – wahrscheinlich vom Sturz auf die Treppe –, aber es funktionierte noch. Ich öffnete den Chat mit Moony.
      Ich konnte ihr keinesfalls die Wahrheit sagen. Wenn ich ihr erzählte, dass ich mit einem Schädel-Hirn-Trauma und gebrochenen Rippen in einem Keller saß, weil meine Mutter mich mit einem Tischbein krankenhausreif geschlagen hatte, würde sie durchdrehen. Sie würde die Polizei rufen. Sie würde Hilfe holen. Und dann wäre alles vorbei. Das durfte nicht passieren. Ich musste eine Geschichte erfinden. Irgendetwas Plausibles, das mein Schweigen erklärte, aber ihren Glauben an unser Treffen nicht erschütterte.

      Ich tippte langsam, Bissen für Bissen, während das blutunterlaufene Auge das Lesen auf dem Bildschirm fast unmöglich machte:

      „Hey Moony... tut mir leid, wenn ich mich erst jetzt wieder melde und in den nächsten Tagen vielleicht nicht ganz so extrem viel schreiben kann.“

      Ich hielt inne, biss mir fest auf die Lippe und schluckte das Blut herunter, das aus einer Platzwunde an meiner Lippe sickerte:

      „Mich hat es gesundheitlich leider ziemlich übel erwischt. Ein fieser, Magen-Darm-Infekt gepaart mit extremer Migräne hat mich komplett aus den Socken gehauen. Der Arzt hat mich für den Rest der Woche knallhart krankgeschrieben und ins Bett verfrachtet. Mein Kopf dröhnt so wie Hölle, wenn ich zu lange auf das helle Display starrte, weshalb ich das Handy meiden muss, um mich richtig auszukurieren.“

      Ich atmete flach, um die gebrochenen Rippen nicht zu belasten, und setzte die wichtigsten Zeilen darunter:

      „Aber ich flehe dich an: Mach dir bitte absolut keine Sorgen wegen Samstag! Das ändert rein gar nichts an unserer Abmachung. Ich liege hier flach, schlafe viel, trinke Tee und werde bis Samstag wieder zu 100 % auf den Beinen sein. Ich MUSS einfach bis Samstag fit sein. Ich werde da sein, Moony. Versprochen. Ich wollte dir nur Bescheid geben, damit du dich nicht wunderst, wenn von mir bis dahin nur sehr spärliche oder kurze Nachrichten kommen. Ich bin einfach nur im Ausruhmodus. Danke, dass du da bist. Wir sehen uns Samstag.“

      Ich drückte auf Senden.

      Das Handy glitt aus meinen kraftlosen Fingern auf die Decke des Schlafsofas. Ich ließ mich langsam, Millimeter für Millimeter, zurück in die Kissen sinken. Das Licht der einzelnen Kellerlampe brannte in meinen Augen, also knipste ich sie aus.

      Dunkelheit hüllte mich ein. Es war die stille, kühle Dunkelheit meines Bunkers.

      Ich schloss die Augen. Der Schmerz wummerte im Takt meines Herzschlags durch meinen Schädel, durch meine Rippen, durch mein Gesicht. Aber tief in meinem Inneren, hinter den Trümmern meines Körpers und meines Lebens, brannte ein einziges, kleines Licht.
      Samstag. Nur noch drei Tage. Ich musste nur drei Tage in diesem Keller überleben.
    • Kitsune schien meinen Rat tatsächlich angenommen zu haben, worüber ich ehrlich gesagt froh war. Er konnte eine Pause von all dem gebrauchen, auch wenn ich nicht wusste, was genau er tat, um seinen Kopf freizubekommen. Vielleicht schlief er, vielleicht lag er einfach irgendwo und versuchte, für ein paar Stunden nicht über all die Dinge nachzudenken, die auf seinen Schultern lagen. Ich wusste nur, dass es einem körperlich meistens irgendwann genauso schlecht ging, wenn es einem mental nicht gut ging. Der Körper zog nach, ob man wollte oder nicht.
      Also ging ich den restlichen Schultag meinen gewohnten Weg. Ich konzentrierte mich im Unterricht, machte meine Aufgaben und versuchte, nicht mehr alle paar Minuten auf mein Handy zu schauen. Es funktionierte sogar besser als erwartet. Vielleicht lag es daran, dass ich wusste, dass Kitsune sich ausruhte und nicht darauf wartete, dass ich ihm schrieb. Trotzdem fühlte sich die ungewöhnlich lange Funkstille irgendwann seltsam an. Vielleicht übertrieb ich auch einfach wieder. Vielleicht war ich es mittlerweile nur gewohnt, dass irgendwo in meinem Alltag eine Nachricht von ihm auf mich wartete.
      Irgendwann vibrierte mein Handy schließlich doch.
      Ich griff danach, ohne groß darüber nachzudenken, und erschrak beinahe, als ich seine Nachricht las. Damit hatte ich überhaupt nicht gerechnet. Ich wusste, dass es ihm nicht gut ging, aber dass er nun auch körperliche Beschwerden hatte, hatte ich nicht erwartet. Magen Darm und Migräne. Allein die Kombination klang für mich schon nach einer brutalen Mischung. Sofort machte sich wieder dieses ungute Gefühl in meinem Bauch breit.
      „Ja natürlich, mach dir keinen Kopf. Ruh dich bloß gut aus und erhole dich. Und wenn es dir bis Samstag nicht besser geht, verschieben wir es. Deine Gesundheit geht vor.“
      Ich las die Nachricht noch einmal, bevor ich sie abschickte. Ich wollte, dass er verstand, dass ich es ernst meinte. Ich würde ihn nicht dazu bringen, sich trotz Schmerzen mit mir zu treffen, nur weil wir diesen Termin vereinbart hatten. Es gab Wichtigeres. Danach hoffte ich inständig, dass es ihm schnell besser gehen würde.
      Es war ungewohnt, plötzlich so wenig von Kitsune zu hören. Natürlich schrieb ich ihm nicht ständig, weniger als sonst, deutlich weniger, denn mir war es wichtiger, dass er sich erholte. Ab und zu fragte ich nach, wie es ihm ging, und jedes Mal versicherte ich ihm aufs Neue, dass er sich nicht wegen Samstag unter Druck setzen musste. Wir konnten das Treffen jederzeit verschieben. Es gab keinen Grund, seine Gesundheit für einen Termin aufs Spiel zu setzen.
      Trotzdem verging die Zeit quälend langsam.
      Drei Tage konnten sich plötzlich wie drei Wochen anfühlen.
      Nach unserem intensiven Austausch fühlte sich die Stille fast ungewohnt an. Trotzdem verhielt ich mich ihm gegenüber wie vorher. Warum hätte ich auch plötzlich anders mit ihm umgehen sollen? Ich wollte ihn nicht für seine Offenheit bestrafen. Ich wusste, wie schwer es ihm gefallen sein musste, mir all das zu erzählen. Wenn ich mich nun plötzlich distanziert verhalten hätte, hätte er vielleicht geglaubt, dass es ein Fehler gewesen war, sich mir anzuvertrauen. Das wollte ich auf keinen Fall.
      Und dann kam der Tag. Der Tag, vor dem wir beide Angst gehabt hatten. Ich musste mir eingestehen, dass ich mich noch immer nicht wirklich an den Gedanken gewöhnt hatte. Kitsune war Alex Miller. Dieser Satz fühlte sich nach wie vor seltsam an, wenn ich ihn in meinem Kopf wiederholte. Doch wenn ich ehrlich war, wäre ich wahrscheinlich genauso nervös gewesen, wenn er jemand völlig anderes gewesen wäre.
      Noch nie hatte ich mit Alex interagiert.
      Noch nie hatte ich mit ihm gesprochen.
      Noch nie hatte ich mich bewusst in seiner Nähe aufgehalten.
      Und nun sollte ich mich mit ihm treffen.
      Es war das erste Mal seit langer Zeit, dass ich mich überhaupt mit jemandem außerhalb der Schule verabredete. Allein das machte diesen Tag für mich zu etwas Besonderem. Vielleicht sogar zu etwas Größerem, als es eigentlich sein sollte.
      So groß, dass ich am Abend zuvor kaum einschlafen konnte. Ich hatte bereits am Abend meine Haare gewaschen, damit ich am nächsten Morgen nicht noch darüber nachdenken musste. Mein Outfit hatte ich ebenfalls schon herausgelegt. Meine Kleidung war normalerweise eher schlicht. Ich war nicht sonderlich modisch und besaß weder eine große Sammlung an Accessoires noch auffällige Handtaschen. Am Ende hatte ich mich für ein schlichtes weißes Sommerkleid entschieden, das ungefähr bis zur Mitte meiner Oberschenkel reichte. Es war leicht, ein wenig gelayert und hatte fließende kurze Ärmel. Dazu nahm ich eine schlichte braune Tasche.
      Die Tasche hatte ich ebenfalls schon am Vorabend gepackt.
      Stifte.
      Post its.
      Marker.
      Mein Geschichtsbuch.
      Ein Notizbuch.
      Und vorsichtshalber genügend Geld. Eigentlich war alles vorbereitet. Trotzdem war ich viel zu früh aufgestanden. Ich hatte mich dezent geschminkt. Ein wenig Rouge, Mascara und sonst nichts. Es gab eigentlich keinen Grund, mich besonders herauszuputzen. Ich wollte ihm schließlich nur Nachhilfe geben. Nur Nachhilfe. Ich wiederholte diesen Gedanken immer wieder. Und trotzdem wollte ich aus irgendeinem Grund zumindest halbwegs vernünftig aussehen.
      Vielleicht wollte ich nicht, dass er mich schrecklich fand.
      Vielleicht wollte ich nicht, dass sein erster Eindruck von mir enttäuschend war.
      Vielleicht war mir sein erster Eindruck einfach wichtiger, als ich mir eingestehen wollte.
      Ich saß irgendwann gedankenverloren auf meinem Bett und sah zum gefühlt hundertsten Mal auf die Uhr. Noch Zeit. Ich hatte noch Zeit. Viel zu viel Zeit. Ich wusste überhaupt nichts mit mir anzufangen. Meine Nervosität war mittlerweile so groß, dass ich ständig mit dem Stoff meines Kleides spielte. Immer wieder strich ich darüber, zupfte daran herum und ließ ihn zwischen meinen Fingern hindurchgleiten. Hunger hatte ich keinen. Nicht den kleinsten. Ich hatte versucht, etwas zu essen, aber schon nach wenigen Bissen hatte ich aufgegeben. Selbst das Trinken meines Saftes fiel mir schwer, weil mein Magen sich bei jedem Schluck irgendwie zusammenzog.
      Also lief ich stattdessen durch mein Zimmer. Hin und her. Immer wieder. Zwischendurch kämmte ich meine Haare mit den Fingern, obwohl sie längst ordentlich lagen. Dann kontrollierte ich meine Tasche. Einmal. Zweimal. Dreimal. War alles da?
      Stifte? Ja.
      Notizbuch? Ja.
      Geschichtsbuch? Ja.
      Geld? Ja.
      Handy? Natürlich.
      Ich schloss die Tasche und öffnete sie wenige Minuten später wieder, nur um alles noch einmal zu kontrollieren. Ich war lächerlich nervös. Mein Vater begegnete mir an diesem Morgen nicht. Wahrscheinlich schlief er noch lange aus. Eigentlich war es mir egal. Er hätte ohnehin nicht gefragt, wohin ich ging. Solange die Polizei nicht bei uns anklopfte, hielt er sich aus meinem Leben heraus. Der Gedanke war bitter, aber gleichzeitig war ich mittlerweile daran gewöhnt.
      Und dann war es endlich Zeit.
      Für einen kurzen Moment wollte ich einfach nicht gehen. Ich stand vor der Tür und hatte plötzlich das Bedürfnis, wieder nach oben zu laufen, mich auf mein Bett zu legen und so zu tun, als hätte ich den Termin vergessen. Doch mein Pflichtbewusstsein ließ das nicht zu. Ich hatte es versprochen. Ich hatte ihm gesagt, dass ich ihm helfen würde. Und ich würde mein Wort halten. Also atmete ich tief durch und setzte einen Fuß vor den anderen. Schließlich verließ ich das Haus.
      Draußen empfing mich die frische Luft und für einen Moment fühlte sich mein Kopf etwas klarer an. Doch kaum setzte ich mich in Bewegung, begann mein Herz wieder schneller zu schlagen.
      Ich nahm mein Handy heraus und öffnete die Navigation. Den Weg kannte ich nicht auswendig, weshalb ich mich lieber auf das GPS verließ. Meine Füße trugen mich beinahe schneller zu meinem Ziel, als mir lieb war. Je näher ich kam, desto weniger wollte ich tatsächlich dort ankommen. Es war absurd. Ich wollte es hinter mich bringen. So schnell wie möglich. Gleichzeitig wollte ich, dass die Zeit stehen blieb. Denn je länger ich unterwegs war, desto mehr Fragen tauchten in meinem Kopf auf. Immer neue Szenarien entstanden vor meinem inneren Auge.
      Was, wenn er mich sah und sofort enttäuscht war?
      Was, wenn er mich überhaupt nicht mochte?
      Was, wenn wir uns nichts zu sagen hatten?
      Was, wenn unsere Freundschaft nur funktioniert hatte, weil wir uns hinter unseren Bildschirmen verstecken konnten?
      Was, wenn ich plötzlich wieder die schüchterne Selene war, die kein Wort herausbekam?
      Meine Umgebung nahm ich kaum noch wahr. Ich starrte hauptsächlich auf mein Handy, wich dabei automatisch anderen Menschen aus und ging weiter. Ich war inzwischen so in meinen Gedanken gefangen, dass ich beinahe an jemandem vorbeilief, ohne ihn überhaupt richtig wahrzunehmen. Je näher ich meinem Ziel kam, desto stärker wurde die Panik. Mein Herz schlug so laut, dass ich beinahe glaubte, andere könnten es hören. Ich wollte umdrehen. Einfach nach Hause gehen. Doch Kitsune hatte darauf bestanden. Und ich hatte versprochen zu kommen. Also biss ich mir leicht auf die Unterlippe und verlangsamte absichtlich meine Schritte. Noch ein paar Meter. Dann war ich da.
      Ich blieb schließlich vor dem Gebäude stehen. Mein Blick wanderte über die Fassade, während ich meine Tasche etwas fester an mich drückte. Ich war tatsächlich angekommen. Jetzt gab es keinen Weg mehr, mich einzureden, dass das alles nur ein Gedankenspiel war. Ich sah auf die Uhr. Ein paar Minuten hatte ich noch. Nur ein paar Minuten. Und diese wollte ich nutzen.
      Ich blieb einfach stehen, atmete langsam ein und wieder aus und versuchte, mein rasendes Herz irgendwie zu beruhigen. Vielleicht würde es leichter werden, sobald ich erst einmal drin war. Vielleicht. Oder vielleicht würde ich innerhalb der nächsten Minuten einfach schreiend davonlaufen. Ich wusste es nicht. Aber eines wusste ich sicher. In wenigen Minuten würde ich Kitsune zum ersten Mal sehen. Und zum ersten Mal würde ich Alex Miller wirklich gegenüberstehen.
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      ૮ ˶ᵔ ᵕ ᵔ˶ ა
    • Die drei Tage im dunklen, feuchten Keller vergingen wie ein einziger, unendlicher Fiebertraum.
      Ich lag auf dem durchgelegenen Schlafsofa, umgeben von der Stille des Raumes und dem stetigen, leisen Summen des Mini-Kühlschranks. Der Schmerz war mein einziger ständiger Begleiter. Jedes Mal, wenn ich mich drehte, fuhr ein glühender Schnitt durch meine linke Körperhälfte – die gebrochenen Rippen forderten ihren Tribut. Das Schädel-Hirn-Trauma ließ meinen Kopf bei jedem Atemzug im Rhythmus meines Herzschlags dröhnen, und mein linkes Auge war so tiefblau geschwollen und verkrustet, dass ich es kaum einen Spaltbreit öffnen konnte. Die Platzwunde am Hinterkopf brannte unter dem behelfsmäßigen Verband, den ich mir selbst angelegt hatte.
      Aber das Schlimmste war nicht der körperliche Schmerz. Es war die Zeit.
      Die Zeit zieht sich wie ein zähes Band, wenn man in der Dunkelheit sitzt und nichts tun kann, als nachzudenken. Immer wieder starrte ich auf das Display meines Handys, um Moony kurze, mühsam abgetippte Nachrichten zu schicken. Jedes Mal, wenn sie antwortete – voller Sorge, voller Verständnis, mit der ständigen Erinnerung, dass wir das Treffen verschieben könnten –, zog sich mein Herz zusammen. Sie war so unglaublich gut zu mir. Und ich belog sie. Ich belog sie über die Magen-Darm-Grippe, weil die Wahrheit zu abscheulich, zu gefährlich und zu demütigend war.
      Ich verschiebe diesen Termin nicht, hammerte es in meinem Kopf. Eher krieche ich auf allen Vieren zur Bibliothek.
      Samstag kam schließlich viel schneller, als mein verletzter Körper es sich gewünscht hätte.
      Als der Morgen graute, lag ich wach im Keller und lauschte nach oben. Ich musste den perfekten Moment abpassen. Es dauerte Stunden, bis ich das vertraute, schwere Poltern im Obergeschoss hörte – meine Mutter war aufgestanden, torkelte durch die Küche und ließ sich schließlich mit der nächsten Flasche wieder auf das Sofa im Wohnzimmer fallen. Nach einer gefühlten Ewigkeit kehrte dröhnende Stille ein. Sie war tief eingepennt. Der Alkohol hatte sie wieder ins Koma befördert.
      Das war mein Fenster.
      Unter stummen Schmerzensschreien zwinge ich mich vom Sofa hoch. Mein Kreislauf sackte sofort weg, schwarze Punkte tanzten vor den Augen, und ich musste mich sekundenlang am Kühlschrank festhalten, um nicht wieder umzukippen. Ich humpelte zum kleinen Spiegelschrank über dem Waschbecken.
      Der Anblick, der mir entgegenkam, war der eines absoluten Wracks. Ich sah aus wie eine Leiche. Die linke Gesichtshälfte war ein einziges Hämatom, die Lippe geplatzt, die Haut blass und grau. Kein Make-up der Welt hätte das kaschieren können. Die Rüstung von Alex Miller war nicht nur zerbrochen – sie war pulverisiert.
      Ich zog mir mit zitternden Händen eine einfache, dunkle Jeans an. Darüber streifte ich einen übergroßen, schwarzen Kapuzenpullover, den ich tief ins Gesicht zog, um zumindest den Nacken und die Konturen meines Schädels zu verdecken.
      Dann wandte ich mich der Ecke des Kellers zu, in der eine kleine Holzkiste stand. Ich öffnete sie mit vorsichtigen Fingern.
      Darin lag sie: Die Kitsune-Maske.
      Es war eine traditionelle japanische Fuchsmaske aus feinem, leichtem Material, weiß bemalt mit geschwungenen, blutroten Verzierungen um die Augen und die Waden. Es war das einzige Relikt aus einer Zeit, die ich fast vergessen hatte. Meine Mutter hatte sie mir gebastelt, als ich noch ein kleiner Junge war – in den Jahren, bevor mein Vater uns verließ und bevor der Alkohol und der Hass ihr Gehirn zerfrassen. Damals, als sie noch eine liebevolle Mutter gewesen war. Ich hatte diese Maske wie einen Schatz gehütet. Sie war der Grund für meinen Anonymen Namen im Chat gewesen. Sie war das Einzige, was mir von einer heilbaren Vergangenheit geblieben war.
      Ich nahm die Maske vorsichtig heraus. Die kühle Oberfläche lag vertraut in meiner Hand. Das bandagierte Gesicht darunter brannte, aber die Maske bot etwas, das ich heute dringer brauchte als alles andere auf der Welt: Absolute Anonymität. Sie bedeckte das gesamte Gesicht. Niemand würde die Schwellungen sehen. Niemand würde das blaue Auge sehen. Niemand würde Alex Miller sehen.
      Ich glich den Schlüssel im Schloss ab, schlich lautlos aus dem Keller, vorbei an der geschlossenen Wohnzimmertür, aus der das laute Schnarchen meiner Mutter drang, und trat hinaus in den kühlen Samstagmorgen.
      Der Weg zur Stadtbibliothek war die reinste Hölle. Ich musste alle paar hundert Meter anhalten, mich an Laternenpfählen oder Häuserwänden abstützen und flach atmen, damit die gebrochenen Rippen mein Brustfell nicht durchstießen. Die Platzwunde am Hinterkopf pochte im Rhythmus meines rasenden Puls. Aber ich ging weiter. Schritt für Schritt.
      Die Stadtbibliothek lag extrem abgelegen am Rande eines alten Stadtparks, umgeben von dichten, hoch gewachsenen Hecken und alten Eichen. Das Gebäude selbst war ein in die Jahre gekommener Klinkerbau, der an Wochenenden kaum frequentiert wurde. Nur wenige Studenten oder ältere Leute verirrten sich je hierher. Es war der perfekte Ort.
      Ich war viel zu früh da. Fast zwei volle Stunden vor unserer vereinbarten Zeit.
      Ich schlich um das Gebäude herum, nutzte die schattigen Pfade und drückte mich schließlich hinter eine große, dichte Lorbeerbuch-Hecke direkt gegenüber des Haupteingangs. Der Boden war feucht von Tau, aber das war mir egal. Ich ließ mich vorsichtig auf die Knie sinken, unterdrückte ein Stöhnen und zog mir die Kitsune-Maske über das Gesicht.
      Das elastische Band legte sich eng um meinen Hinterkopf – genau über die Nähnaht der Platzwunde. Ein stechender Schmerz schoss durch meinen Schädel, und ich musste die Zähne so fest zusammenbeißen, dass mir das Blut im Mund schmeckte. Doch als die Maske saß, Atmete ich durch die schmalen Sehschlitze aus. Ich war verhüllt.
      Nun begann das Warten.
      Die zwei Stunden krochen dahin wie Schnecken. Jede Minute fühlte sich an wie eine Ewigkeit. Mein Körper zitterte vor Kälte und Erschöpfung, aber mein Verstand war scharf wie ein Rasiermesser. Ich beobachtete den Eingang der Bibliothek wie ein Raubtier aus dem Dickicht.
      Aufgrund der abgelegenen Lage kam kaum ein Mensch vorbei. Ein älterer Mann mit einem Hund. Eine Frau, die Bücher in den Rückgabekasten warf und sofort wieder ging. Das machte es erschreckend einfach, jede potenziell verdächtige Person zu analysieren.
      Mit jedem Schritt, den der Zeiger auf meiner Armbanduhr vorrückte, stieg meine Nervosität wieder an. Was, wenn sie doch nicht kam? Was, wenn sie es sich anders überlegt hatte? Oder noch schlimmer: Was, wenn sie mit einer Gruppe von Leuten auftauchte, um mich in eine Falle zu locken?
      Und dann... sah ich sie.
      Sie kam den schmalen Kopfsteinpflasterweg entlanggegangen.
      Mein Herz machte einen gewaltigen, schmerzhaften Satz gegen meine gebrochenen Rippen. Ich hielt den Atem an.
      Sie trug ein schlichtes, weißes Sommerkleid, das im leichten Wind wehte, und eine braune Umhängetasche. Sie sah sich immer wieder unsicher um, strich sich durch die Haare und zupfte an ihrem Kleid herum. Man konnte ihre Nervosität aus hundert Metern Entfernung spüren. Sie wirkte so zart, so verloren vor der großen Fassade der Bibliothek, dass es mir den Atem raubte. Kein Cheerleader. Keine arrogante Gruppe im Schlepptau. Sie war ganz allein.
      Sie blieb ein Stück vor dem Eingang stehen, starrte auf die Uhr, atmete tief durch und drückte die Tasche fest an sich.
      Sie war es. Es gab keinen Zweifel. Das war Moony.
      Mein gesamter Körper befeuchtete sich mit kaltem Schweiß. Die Stunde der Wahrheit war gekommen. Ich saß fest im Gebüsch gekauert, die Schatten der Blätter fielen auf den weißen Kunststoff der Fuchsmaske.
      Ich wusste, dass ich nicht einfach aus dem Busch treten und hallo sagen konnte. Die Erscheinung eines Typen in einer unheimlichen Maske hätte sie zu Tode erschreckt. Ich musste vorsichtig sein.
      Ich wartete, bis sie ihren Blick suchend über den Vorplatz wandern ließ. Dann lehnte ich mich ganz langsam nach vorne, schob die dichten Zweige des Lorbeerbuschs ein stückweit auseinander und trat aus dem tiefsten Schatten heraus – nicht komplett, sondern nur so weit, dass mein Oberkörper und mein Kopf sichtbar wurden.
      Dort, halb verborgen zwischen den dunklen blättern des Gebüschs, zeigte ich mein Gesicht. Die blutrote, weiße Kitsune-Maske schimmerte im gedämpften Morgenlicht. Die schmalen Augenhöhlen der Maske waren starr auf sie gerichtet.
      Ich rührte mich nicht. Ich sagte kein Wort. Ich hielt einfach nur den Atem an und wartete darauf, dass ihr Blick den Lorbeerbusch streifte und sie das Gesicht der Fuchses im Gebüsch entdeckte.