Regen peitschte ungebremst gegen die zersplitterten Fensterscheiben der verlassenen Frachthalle am östlichen Hafenkai. Das Stakkato der feuchten Tropfen mischte sich mit dem dumpfen, rhythmischen Dröhnen der weit entfernten Hochstraße und dem ruhigen, kontrollierten Pulsieren in Freyas Schläfen. Sie drückte den Rücken an den kalten, rostbeschlagenen Stahlträger, während die feuchte Nachtluft den Geruch von nassem Beton, altem Schmieröl und dem süßlichen Gestank von Ozon in ihre Nase trug.
Freya strich sich eine durchnässte, dunkle Haarsträhne aus der Stirn und zog die Kapuze ihres schweren, ledernen Mantels ein Stück tiefer ins Gesicht. Ihre Finger glitten mit blinder Routine über das kalte Metall ihrer modifizierten Sig Sauer P226, die schwer an ihrer Hüfte lag. An ihrem Oberschenkel saß das wuchtige Jagdmesser, dessen Klinge sie vor dem Einsatz mit einer frischen Schicht aus Salz und Aschen-Auszügen poliert hatte. Für einen gewöhnlichen Menschen wäre die Dunkelheit in diesem weitläufigen Industriekomplex absolut undurchdringlich gewesen, eine schwarze Wand ohne Konturen. Doch Freyas Augen, tief und wachsam, passten sich mühelos an das spärliche Restlicht an, das von den fernen Straßenlaternen durch die Firstfenster fiel.
Sie hatte diese Fähigkeit schon immer besessen, genau wie den unerschütterlichen Gleichgewichtssinn und die beinahe unheimliche Schnelligkeit, mit der sie Verletzungen wegsteckte. Schon als Kind war sie in der Lage gewesen, im tiefsten Schatten feine Details zu erkennen, als würde eine unsichtbare Kerze direkt vor ihren Pupillen brennen. Ihre Mutter hatte es immer als eine Laune der Natur abgetan, als „gute Gene“ einer Familie, die angeblich schon immer aus harten, zähen Überlebenden bestanden hatte. Dass dieses Überleben in der modernen Welt bedeutete, nachts Jagd auf jene Kreaturen zu machen, die sich in den Schatten der Zivilisation nahrten, war eine Erkenntnis gewesen, die Freya vor Jahren beinahe den Verstand gekostet hätte.
Seitdem war sie eine Schattenjägerin. Eine Freiberuflerin im verdeckten Krieg gegen das, was die Menschheit für Ammenmärchen hielt. Sie kannte die Anzeichen, die Markierungen an den Wänden, die spezifischen Frequenzen, auf denen sich das Unbekannte bewegte.
Doch die Spur, der sie heute Nacht gefolgt war, tanzte völlig aus der Reihe.
Seit Tagen kursierten in den verdeckten Foren der Unterwelt Gerüchte über eine Reihe seltsamer Zwischenfälle im Hafenviertel. Mehrere Opfer waren gefunden worden, aufgetaucht in dunklen Gassen, vollkommen entkräftet und mit Wunden versehen, die wie chemische Verbrennungen aussahen. Keine der typischen Bissspuren eines Vampirs, keine zerrissene Kleidung, wie sie ein Werwolf hinterlassen würde, und nicht der faulige Schwefelgestank eines niederen Dämonen. Es war ein Rätsel, das Freyas Neugier ebenso geweckt hatte wie ihren professionellen Ehrgeiz.
Freya atmete ruhig durch die Nase ein, spannte die Bauchmuskeln an und kontrollierte ihren Herzschlag. Mit geschmeidigen, völlig geräuschlosen Schritten löste sie sich aus der Deckung des Stahlträgers und schlich tiefer in das Gebäude. Jeder Muskel in ihrem knapp zwei Meter großen Körper war angespannt wie eine Sehne kurz vor dem Abschuss. Unter ihrer Haut begann es leicht zu kribbeln—eine feine, elektrostatische Spannung, die sich bei steigender Gefahr immer in ihren Fingerspitzen und entlang ihrer Wirbelsäule sammelte. Es war ihr persönlicher Frühwarnsensor, eine unbewusste Gabe, die sie seit jeher begleitete und die sie nie vollends zu erklären vermocht hatte.
Das Kribbeln verstärkte sich mit jedem Schritt, den sie auf das Zentrum der Halle zumachte.
Zwischen den aufgetürmten Holzpaletten und verrosteten Containern lag eine Stille, die so dicht war, dass das Tropfen des Regenwassers von den Deckenbalken wie kleine Peitschenhiebe hallte. Freya hielt inne, ging leicht in die Hocke und legte die rechte Hand an den Griff ihrer Pistole, während die Linke den Schaft ihres Messers umklammerte. Ihre Sinne schärften sich bis zur Schmerzgrenze.
Etwas war in der Halle. Es war keine Bewegung zu hören, kein Scharren von Klauen auf Beton, kein schwerer Atem. Und dennoch lag eine ungreifbare Intensität in der Luft. Der atmosphärische Druck im Raum schien schlagartig abzufallen, ganz so wie in den letzten Sekunden vor einem schweren Sommergewitter. Ein leises, hochfrequentes Summen entstand in Freyas Gehörgang—dasselbe Summen, das sie spürte, wenn die statische Aufladung eines elektrischen Sturms kurz bevorstand.
Ihre Blicke tasteten die Schatten ab. Die Halle erstreckte sich über knapp fünfzig Meter, unterbrochen von verfallenen Meisterkabinen, abgetrennten Lagerbereichen und gigantischen Kränen, die wie die Gerippe urzeitlicher Monstruositäten von der Decke hingen. Freya wanderte langsam am Rand der Halle entlang, den Blick starr auf das Dunkel gerichtet.
Auf der gegenüberliegenden Seite der Halle, schräg unter dem Gerüst einer alten Laufkatze, veränderte sich die Dichte des Schattens. Es war keine feindselige Magie, die Freya dort wahrnahm, kein modriger Geruch von Verwesung oder die schwere, süßliche Note uralter Hexerei. Es war schlichtweg eine Präsenz. Eine Gestalt stand dort, vollkommen still, eingehüllt in das tiefste Zwielicht des Gebäudes.
Freya fror in der Bewegung ein. Ihre Hand legte sich um den Griff der Sig Sauer, zog die Waffe fließend aus dem Holster und entsicherte sie mit einem kaum hörbaren *Klick*. Das Visier richtete sich starr auf die Position im Schatten.
Wer oder was dort stand, entzog sich jeglicher sofortigen Einordnung. Es gab keine schimmernden Augen in der Dunkelheit, keine monströsen Proportionen, kein Drohen, kein Schleichen. Es war eine Silhouette, eine einfache Gestalt im Mantel, die scheinbar einfach nur da war, als währe sie schon immer Teil dieses Raumes gewesen.
Freya spürte, wie die Haare an ihren Unterarmen sich vollends aufstellten. Eine kalte, elektrische Welle fuhr ihre Arme hinab und sammelte sich in ihren Knöcheln. Normalerweise identifizierte ihr Instinkt eine Bedrohung innerhalb von Sekundenbruchteilen: Das aggressive Rasen eines Gestaltwandlers, das kalte, schlau berechnende Lauern eines Vampirs oder die chaotische, brennende Aura eines Dämons. Aber hier? Nichts. Die Aura, die von dieser Position ausging, war seltsam neutral, dicht und von einer derart immensen, ruhigen Schwere durchdrungen, dass es Freya den Atem verschlug.
War es eine andere Jägerin, die auf dieselbe Belohnung aus war? Eine Zivilistin, die sich zur falschen Zeit an den falschen Ort verirrt hatte? Oder eine unbekannte Wesenheit, die in den Archiven der Gilde schlichtweg noch nie erfasst worden war? Die Ungewissheit nagte an Freyas Fokus. In ihrem Metier war das Unbekannte das Gefährlichste, was einem begegnen konnte.
Sie machte keinen Schritt nach vorne. Sie rief nichts. Sie gab kein Signal. Ihre Ausbildung und ihr Überlebensinstinkt geboten absolute Vorsicht. Die Waffe in ihrer Hand fühlte sich plötzlich seltsam schwer an, und das metallische Knistern ihrer eigenen, verborgenen Elektro-Affinität flackerte wie kleine, unsichtbare Funken über den Schlitten der Pistole.
Ihre Augen verengten sich, während sie versuchte, durch die Finsternis hindurch Details auszumachen. Doch die Schatten an jener Stelle schienen das spärliche Licht der Straßenlaternen förmlich einzusaugen. Es war, als würde man in eine tiefe, spiegelglatte Wasseroberfläche blicken—man wusste, dass sich darunter ungeheure Tiefen verbargen, aber die Oberfläche verriet absolut nichts.
Plötzlich flackerten die alten Leuchtstoffröhren, die weit oben unter dem Hallendach hingen und seit Jahren tot gewesen sein mussten, für einen winzigen Bruchteil einer Sekunde auf. Ein greller, bläulicher Blitz fuhr durch die alten Kabelstränge der Decke, gefolgt von einem lauten, trockenen Knallen, als die Birnen nacheinander zerbarsten. Glassplitter regneten wie kleiner, glitzernder Staub durch die Dunkelheit herab.
Für die Dauer dieses einzigen Lichtblitzes war die Halle hell erleuchtet gewesen.
Freya nutzte diesen Wimpernschlag. Ihre Iris verengte sich, verarbeitete das schlagartige Licht in Lichtgeschwindigkeit. Sie sah die rostigen Kräne, die zerschlissenen Plakate an den Wänden, die tiefen Pfützen auf dem Betonboden—und sie sah die Stelle an der Stahlstütze.
Die Gestalt war weg.
Kein Geräusch von weggestrebten Schritten war zu hören gewesen. Kein Luftzug, kein Knirschen von Glas unter Sohlen, kein Hasten durch die Trümmer. Die Stelle war einfach leer. Nur der feine Staub, der durch die geplatzten Lampen von der Decke wirbelte, tanzte noch im spärlichen Restlicht der Nacht.
Freya blieb wie angewurzelt stehen, die Waffe nach wie vor im Anschlag, den Atem angehalten. Ihr Herz schlug schwer und gleichmäßig gegen ihre Rippen. Das Kribbeln auf ihrer Haut nahm nur langsam ab, hinterließ aber ein brennendes, fast schmerzhaftes Gefühl der Neugier und der Warnung zugleich.
Sie senkte die Waffe erst nach mehreren Minuten der absoluten Bewegungslosigkeit. Wäre sie eine gewöhnliche Frau gewesen, hätte sie diesen Moment vielleicht als eine optische Täuschung abgetan, als ein Verspieltheit von Schatten und Müdigkeit. Doch Freya wusste es besser. Ihre Sinne täuschten sie nie.
Wer oder was auch immer dort im Schatten gestanden hatte—es war kein gewöhnlicher Störer gewesen. Und die Tatsache, dass sie nicht die geringste Ahnung hatte, womit sie es zu tun hatte, war ein Gefühl, das Freya seit Jahren nicht mehr gespürt hatte: eine Mischung aus tiefer, vorsichtiger Skepsis und dem unruhevollen Wissen, dass die Jagd in dieser Stadt gerade eine völlig neue Wendung genommen hatte.
Sie sicherte die Pistole, steckte sie langsam zurück in das Holster und zog die Kapuze tiefer ins Gesicht. Das Prasseln des Regens auf dem Wellblechdach schien wieder laut zu werden, doch die Stille in Freyas Kopf blieb. Sie wandte sich ab und schritt durch die Finsternis zurück in Richtung des Ausgangs, während die feuchte Nachtluft der Großstadt sie wieder aufnahm.
Freya strich sich eine durchnässte, dunkle Haarsträhne aus der Stirn und zog die Kapuze ihres schweren, ledernen Mantels ein Stück tiefer ins Gesicht. Ihre Finger glitten mit blinder Routine über das kalte Metall ihrer modifizierten Sig Sauer P226, die schwer an ihrer Hüfte lag. An ihrem Oberschenkel saß das wuchtige Jagdmesser, dessen Klinge sie vor dem Einsatz mit einer frischen Schicht aus Salz und Aschen-Auszügen poliert hatte. Für einen gewöhnlichen Menschen wäre die Dunkelheit in diesem weitläufigen Industriekomplex absolut undurchdringlich gewesen, eine schwarze Wand ohne Konturen. Doch Freyas Augen, tief und wachsam, passten sich mühelos an das spärliche Restlicht an, das von den fernen Straßenlaternen durch die Firstfenster fiel.
Sie hatte diese Fähigkeit schon immer besessen, genau wie den unerschütterlichen Gleichgewichtssinn und die beinahe unheimliche Schnelligkeit, mit der sie Verletzungen wegsteckte. Schon als Kind war sie in der Lage gewesen, im tiefsten Schatten feine Details zu erkennen, als würde eine unsichtbare Kerze direkt vor ihren Pupillen brennen. Ihre Mutter hatte es immer als eine Laune der Natur abgetan, als „gute Gene“ einer Familie, die angeblich schon immer aus harten, zähen Überlebenden bestanden hatte. Dass dieses Überleben in der modernen Welt bedeutete, nachts Jagd auf jene Kreaturen zu machen, die sich in den Schatten der Zivilisation nahrten, war eine Erkenntnis gewesen, die Freya vor Jahren beinahe den Verstand gekostet hätte.
Seitdem war sie eine Schattenjägerin. Eine Freiberuflerin im verdeckten Krieg gegen das, was die Menschheit für Ammenmärchen hielt. Sie kannte die Anzeichen, die Markierungen an den Wänden, die spezifischen Frequenzen, auf denen sich das Unbekannte bewegte.
Doch die Spur, der sie heute Nacht gefolgt war, tanzte völlig aus der Reihe.
Seit Tagen kursierten in den verdeckten Foren der Unterwelt Gerüchte über eine Reihe seltsamer Zwischenfälle im Hafenviertel. Mehrere Opfer waren gefunden worden, aufgetaucht in dunklen Gassen, vollkommen entkräftet und mit Wunden versehen, die wie chemische Verbrennungen aussahen. Keine der typischen Bissspuren eines Vampirs, keine zerrissene Kleidung, wie sie ein Werwolf hinterlassen würde, und nicht der faulige Schwefelgestank eines niederen Dämonen. Es war ein Rätsel, das Freyas Neugier ebenso geweckt hatte wie ihren professionellen Ehrgeiz.
Freya atmete ruhig durch die Nase ein, spannte die Bauchmuskeln an und kontrollierte ihren Herzschlag. Mit geschmeidigen, völlig geräuschlosen Schritten löste sie sich aus der Deckung des Stahlträgers und schlich tiefer in das Gebäude. Jeder Muskel in ihrem knapp zwei Meter großen Körper war angespannt wie eine Sehne kurz vor dem Abschuss. Unter ihrer Haut begann es leicht zu kribbeln—eine feine, elektrostatische Spannung, die sich bei steigender Gefahr immer in ihren Fingerspitzen und entlang ihrer Wirbelsäule sammelte. Es war ihr persönlicher Frühwarnsensor, eine unbewusste Gabe, die sie seit jeher begleitete und die sie nie vollends zu erklären vermocht hatte.
Das Kribbeln verstärkte sich mit jedem Schritt, den sie auf das Zentrum der Halle zumachte.
Zwischen den aufgetürmten Holzpaletten und verrosteten Containern lag eine Stille, die so dicht war, dass das Tropfen des Regenwassers von den Deckenbalken wie kleine Peitschenhiebe hallte. Freya hielt inne, ging leicht in die Hocke und legte die rechte Hand an den Griff ihrer Pistole, während die Linke den Schaft ihres Messers umklammerte. Ihre Sinne schärften sich bis zur Schmerzgrenze.
Etwas war in der Halle. Es war keine Bewegung zu hören, kein Scharren von Klauen auf Beton, kein schwerer Atem. Und dennoch lag eine ungreifbare Intensität in der Luft. Der atmosphärische Druck im Raum schien schlagartig abzufallen, ganz so wie in den letzten Sekunden vor einem schweren Sommergewitter. Ein leises, hochfrequentes Summen entstand in Freyas Gehörgang—dasselbe Summen, das sie spürte, wenn die statische Aufladung eines elektrischen Sturms kurz bevorstand.
Ihre Blicke tasteten die Schatten ab. Die Halle erstreckte sich über knapp fünfzig Meter, unterbrochen von verfallenen Meisterkabinen, abgetrennten Lagerbereichen und gigantischen Kränen, die wie die Gerippe urzeitlicher Monstruositäten von der Decke hingen. Freya wanderte langsam am Rand der Halle entlang, den Blick starr auf das Dunkel gerichtet.
Auf der gegenüberliegenden Seite der Halle, schräg unter dem Gerüst einer alten Laufkatze, veränderte sich die Dichte des Schattens. Es war keine feindselige Magie, die Freya dort wahrnahm, kein modriger Geruch von Verwesung oder die schwere, süßliche Note uralter Hexerei. Es war schlichtweg eine Präsenz. Eine Gestalt stand dort, vollkommen still, eingehüllt in das tiefste Zwielicht des Gebäudes.
Freya fror in der Bewegung ein. Ihre Hand legte sich um den Griff der Sig Sauer, zog die Waffe fließend aus dem Holster und entsicherte sie mit einem kaum hörbaren *Klick*. Das Visier richtete sich starr auf die Position im Schatten.
Wer oder was dort stand, entzog sich jeglicher sofortigen Einordnung. Es gab keine schimmernden Augen in der Dunkelheit, keine monströsen Proportionen, kein Drohen, kein Schleichen. Es war eine Silhouette, eine einfache Gestalt im Mantel, die scheinbar einfach nur da war, als währe sie schon immer Teil dieses Raumes gewesen.
Freya spürte, wie die Haare an ihren Unterarmen sich vollends aufstellten. Eine kalte, elektrische Welle fuhr ihre Arme hinab und sammelte sich in ihren Knöcheln. Normalerweise identifizierte ihr Instinkt eine Bedrohung innerhalb von Sekundenbruchteilen: Das aggressive Rasen eines Gestaltwandlers, das kalte, schlau berechnende Lauern eines Vampirs oder die chaotische, brennende Aura eines Dämons. Aber hier? Nichts. Die Aura, die von dieser Position ausging, war seltsam neutral, dicht und von einer derart immensen, ruhigen Schwere durchdrungen, dass es Freya den Atem verschlug.
War es eine andere Jägerin, die auf dieselbe Belohnung aus war? Eine Zivilistin, die sich zur falschen Zeit an den falschen Ort verirrt hatte? Oder eine unbekannte Wesenheit, die in den Archiven der Gilde schlichtweg noch nie erfasst worden war? Die Ungewissheit nagte an Freyas Fokus. In ihrem Metier war das Unbekannte das Gefährlichste, was einem begegnen konnte.
Sie machte keinen Schritt nach vorne. Sie rief nichts. Sie gab kein Signal. Ihre Ausbildung und ihr Überlebensinstinkt geboten absolute Vorsicht. Die Waffe in ihrer Hand fühlte sich plötzlich seltsam schwer an, und das metallische Knistern ihrer eigenen, verborgenen Elektro-Affinität flackerte wie kleine, unsichtbare Funken über den Schlitten der Pistole.
Ihre Augen verengten sich, während sie versuchte, durch die Finsternis hindurch Details auszumachen. Doch die Schatten an jener Stelle schienen das spärliche Licht der Straßenlaternen förmlich einzusaugen. Es war, als würde man in eine tiefe, spiegelglatte Wasseroberfläche blicken—man wusste, dass sich darunter ungeheure Tiefen verbargen, aber die Oberfläche verriet absolut nichts.
Plötzlich flackerten die alten Leuchtstoffröhren, die weit oben unter dem Hallendach hingen und seit Jahren tot gewesen sein mussten, für einen winzigen Bruchteil einer Sekunde auf. Ein greller, bläulicher Blitz fuhr durch die alten Kabelstränge der Decke, gefolgt von einem lauten, trockenen Knallen, als die Birnen nacheinander zerbarsten. Glassplitter regneten wie kleiner, glitzernder Staub durch die Dunkelheit herab.
Für die Dauer dieses einzigen Lichtblitzes war die Halle hell erleuchtet gewesen.
Freya nutzte diesen Wimpernschlag. Ihre Iris verengte sich, verarbeitete das schlagartige Licht in Lichtgeschwindigkeit. Sie sah die rostigen Kräne, die zerschlissenen Plakate an den Wänden, die tiefen Pfützen auf dem Betonboden—und sie sah die Stelle an der Stahlstütze.
Die Gestalt war weg.
Kein Geräusch von weggestrebten Schritten war zu hören gewesen. Kein Luftzug, kein Knirschen von Glas unter Sohlen, kein Hasten durch die Trümmer. Die Stelle war einfach leer. Nur der feine Staub, der durch die geplatzten Lampen von der Decke wirbelte, tanzte noch im spärlichen Restlicht der Nacht.
Freya blieb wie angewurzelt stehen, die Waffe nach wie vor im Anschlag, den Atem angehalten. Ihr Herz schlug schwer und gleichmäßig gegen ihre Rippen. Das Kribbeln auf ihrer Haut nahm nur langsam ab, hinterließ aber ein brennendes, fast schmerzhaftes Gefühl der Neugier und der Warnung zugleich.
Sie senkte die Waffe erst nach mehreren Minuten der absoluten Bewegungslosigkeit. Wäre sie eine gewöhnliche Frau gewesen, hätte sie diesen Moment vielleicht als eine optische Täuschung abgetan, als ein Verspieltheit von Schatten und Müdigkeit. Doch Freya wusste es besser. Ihre Sinne täuschten sie nie.
Wer oder was auch immer dort im Schatten gestanden hatte—es war kein gewöhnlicher Störer gewesen. Und die Tatsache, dass sie nicht die geringste Ahnung hatte, womit sie es zu tun hatte, war ein Gefühl, das Freya seit Jahren nicht mehr gespürt hatte: eine Mischung aus tiefer, vorsichtiger Skepsis und dem unruhevollen Wissen, dass die Jagd in dieser Stadt gerade eine völlig neue Wendung genommen hatte.
Sie sicherte die Pistole, steckte sie langsam zurück in das Holster und zog die Kapuze tiefer ins Gesicht. Das Prasseln des Regens auf dem Wellblechdach schien wieder laut zu werden, doch die Stille in Freyas Kopf blieb. Sie wandte sich ab und schritt durch die Finsternis zurück in Richtung des Ausgangs, während die feuchte Nachtluft der Großstadt sie wieder aufnahm.
